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Überlebensmaschinen, Autonome Agenten & beseelte Körper

Die Konzeption des Lebewesens in der modernen Biologie Dawkins und Kauffmans im Vergleich zu Aristoteles’ De Anima

Hans Peter Lührs

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»Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, daß er viel größer ausschaut, als er wirklich ist.«

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Johann Nepomuk Nestroy Der Schützling (1847) IV,10

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Inhalt

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1. Einleitung……………………………………………………………………………

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2. Aristoteles’ beseelte Körper……………………………………………………………3

3. Dawkins’ Überlebensmaschinen……………………………………………………

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4. Egoistische Gene als Substanzen?

11

5. Kauffman: Molekulare Autonome Agenten………………………………………….16

6. Ist Form die Antwort auf die Frage nach der Organisation?

19

7. Diskussion & Fazit…………………………………………………………………

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8. Quellen……………………………………………………………………………… 24

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1. Einleitung

Hat der Begriff des Lebewesens, den Aristoteles in De Anima entwickelt, Relevanz für die moderne Biologie? Aristoteles kann mit Recht als derjenige gelten, der als erster Biologie als systematische und empirische Naturwissenschaft betrieben hat. 1 Obwohl er damit als Begründer der Biologie als Naturwissenschaft angesehen werden muss, spielt er eine nur geringe Rolle in der modernen Biologie. Dies geht soweit, dass teilweise behauptet wird, er sei alleine für die Geschichte der Biologie von Interesse, für die Fachwissenschaft an sich jedoch belanglos. Die aristotelische Biologie gilt insbesondere seit dem Durchbruch der darwinschen Evolutionstheorie als überholt, die den Anspruch erhebt die zentrale Theorie der Biologie zu sein, dass „Nichts in der Biologie Sinn macht, außer im Lichte der Evolution.“ 2 Aristoteles, der über keine Theorie der Evolution von Lebewesen verfügte, scheint damit nicht mehr befriedigende Antworten auf biologische Fragen liefern zu können und somit verwundert es nicht, dass ihm kein Raum in der modernen Biologie eingeräumt wird. Diese Position ist allerdings keineswegs trivial und ob es nicht doch einen Platz für Aristoteles in der modernen Biologie gibt, soll daher in diesem Aufsatz beispielhaft geklärt werden. Ein Problem für die Position, dass alle interessanten Fragen der Biologie notwendig evolutionäre Fragen sind, die ebensolche Antworten verlangen, ist, dass in der Biologie Evolution ein voraussetzungsreicher Begriff ist: Artenwandel setzt voraus, dass es Arten von Lebewesen gibt und damit ist natürlich auch vorausgesetzt, dass es Lebewesen gibt. Was denn nun aber ein Lebewesen auszeichnet, was ein Lebewesen ist, ist eine zumindest nicht uninteressante Frage, die für die Biologie von großer Wichtigkeit ist. Schließlich ist das Lebewesen der Untersuchungsgegenstand der Biologie. Leider ist es wohl der Schwierigkeit der Frage geschuldet, dass sie als den Zusammenhang der biologischen Teildisziplinen stiftende Frage aufgegeben wurde und den Antworten der Evolutionsbiologie die Stiftung eines gesamt-biologischen Zusammenhangs auferlegt wurde. Natürlich ist die Frage danach, was Lebewesen sind, eine Frage, die nicht allein von der Biologie behandelt wird. Anders jedoch als die Frage, ob es überhaupt einen Gegenstand der Biologie (also: Lebewesen) gibt, ist die Frage danach, was ein Lebewesen ist, jedoch eine, zu der die Biologie beizutragen hat. Eine rein kriteriologische Bestimmung, mit der man in der praktischen, experimentellen Forschung arbeiten kann, ist für die darüber hinausgehende Interpretation der empirischen Befunde in der theoretischen Biologie wohl ungenügend und damit Ausgangspunkt einer definitorischen Bestimmung, zu der die Biologie mit empirischen Befunden beiträgt. Dabei geht der Beitrag des Begriffs vom Lebewesen über die bloß interpretatorische Leistung hinaus, ein solcher Begriff kann und sollte darüber hinaus zur theoretischen Fundierung der Biologie beitragen, sowie neue Fragestellungen eröffnen. 3 Ob De Anima zum biologischen Projekt Aristoteles’ hinzuzählt oder nicht ist umstritten 4 , dies soll hier allerdings auch nicht behandelt werden. Allerdings soll hier die These vertreten werden, dass Aristoteles in De Anima uns eine Konzeption von Lebewesen anbietet, die es verdient neben die gegenwärtigen gestellt und zusammen mit diesen untersucht zu werden. Diese aristotelische Konzeption des Lebewesens innerhalb seines Hylemorphismus (der zufolge ein Lebewesen sich vielmehr durch „eine Substanz im Sinne der Form dieses natürlichen Körpers“ 5 – die Seele – im Zusammenspiel mit dem Körper auszeichnet, als allein durch einen materiellen Körper) soll daher mit der neo-darwinistischen Konzeption von Lebewesen als Vehikel egoistischer Gene, wie sie durch Richard Dawkins in seinem Buch

1 James Lennox. 2006 2 Theodosius Dobzhansky. 1973

3 Manfred D. Laubichler. 2005. S.109 ff.

4 James Lennox. 2006.

5 Aristoteles. De Anima II 1, 412a20-1

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„Das egoistische Gen“ popularisiert wurde verglichen werden und in Hinsicht auf ihre Bedeutung für die Biologie, die in diesem Bereich ein Theoriedefizit aufweist, evaluiert werden. Um einen weiteren Blick auf die Diskussion in der Biologie zu erhalten, soll zudem das Konzept Molekularer Autonomer Agenten von Stuart Kauffman herangezogen werden. Dieses basiert in weiten Teilen auf Kants Konzept von organisierten Wesen als Naturzwecken. Kants Naturphilosophie setzte zumindest bis zum Erscheinen der darwinschen Schriften in der Biologie des deutschen Sprachraums und darüber hinaus wichtige Impulse, die sich darin niederschlugen dass sich allgemein der Begriff des Organismus durchsetzte, der in engem Zusammenhang zu dem des Lebewesens steht und den Kauffman in seinem (selbst hypothetischen) Molekularen Autonomen Agenten instantiiert sieht. Damit sollten sowohl die mechanisch-materialistische als auch die organisch-teleologische Konzeption von Lebewesen, die derzeit in der Biologie zu finden sind, in Form dieser beiden Vertreter, abgedeckt sein und pars pro toto ein Vergleich der Konzeption von Lebewesen nach Aristoteles mit dem Angebot an Konzeptionen die in der modernen Biologie verwendet werden, möglich sein.

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2. Aristoteles: beseelte Körper

Nach eigenem Bekunden entwickelt Aristoteles in De Anima die Prinzipien und Grundsätze seiner wissenschaftlichen Erklärung der Phänomene des Lebendigen. Finden wir in De Anima auch eine Antwort auf die Frage, was ein Lebewesen ist? Für Aristoteles hängt diese Frage unmittelbar mit der Antwort auf die Frage, was die Seele sei, zusammen. Um dies zu verstehen müssen wir uns mit Aristoteles Kategorie der Substanz auseinandersetzen. Substanzen (ousia, auch: Wesen) sind invariante, unveränderliche Träger von Eigenschaften. Dabei lässt sich „Substanz“ analytisch in drei Fälle unterscheiden: 6

a. Substanz im Sinne von Materie (hylē):

Also als das, was für sich genommen kein bestimmtes „Dies“ ist. Sie ist formlos, hat aber das Vermögen (dynamis) eine Form anzunehmen.

b. Substanz im Sinne von Gestalt/Form (morphē/eidos):

Ist genau das, kraft dessen etwas als ein spezifisches „Dies“ auszuweisen ist. Sie ist Vollendung bzw. Verwirklichung (entelecheia bzw. energeia) etwas dem Vermögen nach Existierenden.

c. Substanz im Sinne von aus Materie und Form Zusammengesetztem:

Ist eben jene Materie, die durch eine Form als ein spezifisches „Dies“ ausgewiesen ist, beziehungsweise das verwirklichte Vermögen ein spezifisches „Dies“ zu sein, und damit das spezifische „Dies“.

Dabei treten uns Substanzen immer als Dinge im Sinne von Zusammengesetztem entgegen. Substanz als Form und Substanz als Materie sind nur analytisch von einander trennbar, also bloß Denkmöglichkeiten. Damit gilt dies auch für jene natürlichen Körper, die Leben haben. Wenn aber die Form dasjenige ist, was etwas als ein spezifisches „Dies“ bestimmt, dann ist auch ein lebendiger Körper durch seine Form als lebendig bestimmt. Leben haben heißt dabei, so Aristoteles Minimaldefinition, „Ernährung durch sich selbst als auch Wachstum und Schwinden“ 7 zu haben. Jene Form, kraft derer etwas als lebendig auszuweisen ist, ist aber nach Aristoteles die Seele. Wobei wir uns diese Kraft der Seele nicht als eine kausal wirksame Kraft im physikalischen Sinne vorstellen dürfen, vielmehr handelt es sich um eine explanatorisch wirksame Kraft, wie von M. Frede überzeugend dargestellt wurde. 8 Mit Aristoteles eigenen Worten heißt das:

»Es ist also notwendig, dass die Seele Substanz im Sinne der Form eines natürlichen Körpers ist, der dem Vermögen nach Leben hat. Die Substanz aber ist Vollendung; also (ist die Seele) Vollendung eines solchen Körpers.« 9

Vollendung wird aber in diesem Falle in zwei Weisen ausgesagt, so Aristoteles. Einmal im Sinne von Wissen und dann im Sinne von Betrachten. Denn die Seele kann „inaktiv“ sein, so wie es beim bloßen Wissen der Fall ist, als auch „aktiv“, so wie wenn das Wissen beim Betrachten verwendet wird, so dass wir hier eine Vollendung zweiter Ordnung vorliegen haben. Damit wir vom Vorhandensein der Seele sprechen, genügt uns allerdings schon, dass sie im Sinne einer Vollendung erster Ordnung vorliegt:

»Deswegen ist die Seele die erste Vollendung eines natürlichen Körpers, der dem Vermögen nach Leben hat.« 10

6 Aristoteles, DA II 1 412a3-10

7 Aristoteles DA II 1, 412a13

8 Michael Frede. 1995; Vergleiche auch: Aristoteles. De Anima II 1, 412b10

9 Aristoteles, DA II 1, 412a19 f. 10 Aristoteles, DA II 1, 412a27

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Wenn wir bedenken, dass Leben heißt „Ernährung durch sich selbst als auch Wachstum und Schwinden“ zu haben, dann muss der Körper, der dem Vermögen nach Leben hat so beschaffen sein, dass er das Vermögen zur Ernährung durch sich selbst, zu Wachstum und Schwinden hat. Ein solcher Körper sei der werkzeughafte Körper, denn zur Ernährung bedarf es eines Werkzeugs wie dem Mund oder ähnlichem, dem bei den Pflanzen zum Beispiel die Wurzeln entsprechen. Dies berücksichtigend, kann die Bestimmung der Seele nochmals genauer gefasst werden:

»Wenn daher etwas gemeinsames für jede Seele gesagt werden soll, so dürfte sie die erste Vollendung eines natürlichen werkzeughaften Körpers sein.« 11

Wenn die Seele nun also das ist, was erklärt, was ein Lebewesen ist, was es lebendig und damit zu einem Lebewesen macht, was genau ist dann also nun nach Aristoteles ein Lebewesen? Die Antwort auf diese Frage hängt damit zusammen, dass Form und Materie eben nur im Denken getrennt werden können:

»Es ist nicht der (Körper), der die Seele verloren hat, derjenige, der dem Vermögen nach lebendig ist, sondern der, der sie besitzt. Der Samen und die Frucht sind dem Vermögen nach solche bestimmten Körper. So nämlich wie das Schneiden und Sehen, so ist auch das Wachen Vollendung, und so wie die Sehkraft und das Vermögen des Werkzeugs, (so) ist die Seele (Vollendung), und der Körper ist das dem Vermögen nach Seiende. Aber so wie das Auge der Augapfel und die Sehkraft ist, so ist auch dort die Seele und der Körper das Lebewesen.« 12

Diese definitorische Bestimmung, der gemeinsame Begriff der Seele, so Aristoteles, zeige allerdings nur auf, dass es die Seele gibt. Von einer guten Definition verlangt Aristoteles jedoch – und das gilt auch für die hier von ihm gegebene Definition der Seele als Form des Lebendigen – über das „Dass“ hinaus die Ursachen aufzuzeigen, also warum und auf welche Weise die Seele auf den Körper wirkt und so mit ihm ein Lebewesen bildet. An dieser Stelle geht Aristoteles ganz ähnlich vor wie ein moderner Biologe: Er schöpft aus dem empirischen Wissen über Lebewesen seiner Zeit, da das Beseelte vom Unbeseelten ja grade durch das Lebendig-Sein unterschieden ist. 13 Lebendig-Sein wird nun, so Aristoteles, auf vielfache Weise ausgesagt und zwar wird etwas lebendig genannt, wenn es ein entsprechendes Vermögen aufweist, also dieses Vermögen in einer Tätigkeit verwirklicht, dass dies rechtfertigt. Gareth B. Matthews 14 hat die derartigen Vermögen, die Aristoteles in DA II gibt in folgender Liste zusammengestellt:

(i)

Denken (nous, dianoētikon);

(ii)

Wahrnehmung und Empfindung (aisthēsis);

(iii)

Örtliche (kata topon) Bewegung (kinēsis) und Ruhe (stasis);

(iv)

Bewegung (kinēsis) in Hinsicht auf Ernährung (kata trophēn) und Zerfall (phthisis) sowie Wachstum (auxēsis) oder Selbst-Ernährung (threptikon);

(v)

Tastsinn (haphē);

(vi)

Strebung (orexis) oder Begierde (epithymia) sowie Leidenschaft (thymos) und Wollen (boulēsis);

(vii)

Reproduktion (genesis).

Es zeigt sich jedoch, dass Aristoteles nicht einfach meint, dass wenn etwas lebendig ist, dass es dann ein beliebiges dieser Vermögen besitzt und kein anderes. Vielmehr stehen diese

11 Aristoteles, DA II 1, 412a29

12 Aristoteles DA II 1, 412b25 – 413a2 13 Aristoteles DA II 1, 413a11 & a20

14 Gareth B. Matthews. 1995. S.187

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Vermögen in einem komplexen hierarchischen Schachtelungsverhältnis zu einander. 15 So kann etwas Lebendiges Ernährungsvermögen haben ohne Tastsinn oder überhaupt Wahrnehmung zu haben, es gibt aber keine lebendigen Wesen, die Wahrnehmung haben ohne über Ernährungsvermögen zu verfügen. 16 Die Seele wiederum ist das Prinzip dieser Vermögen, wirkt also durch diese auf den Körper und kann nach diesen eingeteilt werden, wobei Aristoteles vier Vermögen dabei eine besondere Stellung zuweist. Diese sind Ernährung, Wahrnehmung und (Orts-)Bewegung, sowie Denken. Durch diese Schachtelung dieser Vermögen ist auch sichergestellt, dass der Seelenbegriff ein einheitlicher Begriff ist. Das basalste Vermögen, das allen lebendigen Wesen zukommt, ist das Vermögen der Ernährung. Über diese Vermögen lässt sich nun der eigentümliche Begriff der Seele oder vielmehr die eigentümlichen Begriffe der Seelen der verschiedenen Lebewesen bestimmen. Aristoteles betont die Notwendigkeit einer solchen Untersuchung für das Verständnis der Seele und gibt damit gleichsam auch ein Programm für die (seine) Biologie vor:

„Es muss also im Einzelnen untersucht werden, was die Seele jeder einzelnen (Art) ist, z.B. welches (ist die Seele) der Pflanze und welches des Menschen oder Tieres? Es muss untersucht werden, aus welchem Grund sie (die Seelen der Arten des Lebendigen) auf diese Weise eine Reihe bilden: [ ] Dass also der Begriff für jede einzelne dieser (Arten des Lebendigen) auch der eigentümlichste (Begriff) für die Seele ist, ist klar.“ 17

Um sich nun nicht in der gigantischen Fülle der Lebensformen, die wir kennen, zu verlieren, ist es angemessen zu fragen, ob es einen eigentümlichen Begriff der Seele gibt, der sich auf alles Lebendige anwenden lässt. In der Tat ist das genau das, was Aristoteles zunächst einmal tut und er identifiziert als solchen, ganz entsprechend der schon gegebenen Minimaldefinition des Lebens und der Beobachtung, dass das Ernährungsvermögen die Voraussetzung für alle anderen Vermögen ist, die ernährungsfähige Seele. Damit wendet er sich dieser zu, bevor er die den anderen Vermögen zugehörigen Seelenteile untersucht:

„Die ernährungsfähige Seele kommt nämlich auch den anderen zu und ist das erste und im höchsten Grade gemeinsame Vermögen der Seele, kraft dessen allen das Lebendig-Sein zukommt. Ihre Leistungen sind zu zeugen und Nahrung zu gebrauchen.“ 18

Hier wird auch Aristoteles Vorgehen bei der Untersuchung der Vermögen deutlich. Um zu identifizieren, worin ein Vermögen besteht, muss die dazu korrespondierende Tätigkeit untersucht werden und um die Tätigkeiten zu untersuchen, muss man die zu den Tätigkeiten korrespondierenden Gegenstände betrachten. Dem Ernährungsvermögen korrespondieren auf diese Weise die Ernährung, also der Gebrauch von Nahrung, und die Nahrung. Nahrung wird aber auf dreierlei Weise gebraucht. Einmal um Wachstum des Sich-Ernährenden zu bewirken, andererseits um etwas zu zeugen, das so ist wie das Sich-Ernährende und letztlich um das Sich-Ernährende als ein solches Dies zu erhalten. Letzteres sei für die ersteren beiden Weisen, in denen Nahrung gebraucht werden kann, die Voraussetzung. Das Sich-Ernährende sei dabei der Körper, die Nahrung ist das, wodurch er sich ernährt, das Nährende dementsprechend die primäre, also ernährende Seele. Die primäre Tätigkeit, die der ernährungsfähigen Seele entspringt, ist also der Erhalt des Körpers als einen solchen, der beseelt ist. An dieser Stelle macht Aristoteles deutlich, dass die Seele entsprechend seiner Ursachenlehre nicht allein Formursache des beseelten Körpers ist, also sie ist nicht nur die

15 Zumindest bei den sterblichen, der empirischen Wissenschaft zugänglichen Lebewesen.

16 An dieser Stelle zeigt sich, dass Aristoteles in seiner Terminologie von der heute üblichen abweicht. Während wir heute alles Lebendige auch als Lebewesen bezeichnen, so sind für Aristoteles Pflanzen, zwar belebt also Lebendiges, aber nur Tiere, denen auch Wahrnehmung zukommt, Lebewesen.

17 Aristoteles DA II 3, 414b32 ff. & 415a12

18 Aristoteles DA II 4, 415a23 f.

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Struktur, Kraft dessen dieser als ein bestimmtes „Dies“ auszuweisen ist. Sie ist auch als effiziente Ursache, also das, was diese Struktur verursacht und hervorbringt zu verstehen und darüber hinaus als finale Ursache der Lebewesen, der werkzeughafte, beseelte Körper ist nämlich Werkzeug der Seele, besteht von Natur aus um der Seele willen. Aristoteles erkennt die Notwendigkeit Lebwesen sowohl durch klassische Ursache-Wirkungs-Beziehungen als auch als Naturzwecke und darüber hinaus als besondere Strukturen zu analysieren, etwas was in der europäischen Geistesgeschichte erst wieder bei Kant auftauchen soll. Dabei vergisst Aristoteles auch nicht die materiale Ursache, die dem Körper der Lebewesen entspricht, während die vorgenannten drei Ursachen in der Seele aufgehoben sind. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Aristoteles ein sehr differenziertes und komplexes Konzept zeichnet, was Lebewesen sind. Dies resultiert nicht nur aus seinem Bemühen sowohl Gemeinsamkeiten als auch die Eigentümlichkeiten der Lebewesen in seiner Untersuchung zu berücksichtigen, sondern auch aus einem philosophischen Instrumentarium, das geeignet ist diese aufzuzeigen, das unter anderem in seiner Ursachenlehre, dem damit verknüpften Hylemorphismus und seiner aufmerksamen Trennung zwischen rein analytischen Unterteilungen und real vorliegenden Unterteilungen besteht. Lebewesen, so Aristoteles zeichnen sich also durch folgende Punkte aus:

d. Lebewesen sind analytisch Unterteilbar in Körper und Seele

e. Die Seele ist Vollendung des natürlichen Körpers, der dem Vermögen nach Leben hat. Sie ist sowohl formale, als auch effiziente, sowie finale Ursache des Lebendig-Seienden.

f. Ein solcher Körper ist der Werkzeughafte. Er ist die materiale Ursache des Lebendig-Seienden.

g. Die Seele lässt sich unterteilen und zwar entsprechend den Vermögen, die ihr zueigen sind und welche systematisch aufeinander aufbauen: Nährvermögen, Wahrnehmungsvermögen, Denkvermögen.

h. Minimal hat ein Lebewesen eine Nährseele und einen entsprechenden werkzeughaften Körper.

Soweit also der Begriff des Lebewesens in der Konzeption, die man meiner Meinung nach bei Aristoteles vorfindet und die ich ihm zumindest im weiteren Verlauf dieses Essays zuschreiben möchte.

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3. Dawkins: Überlebensmaschinen

Richard Dawkins, der mit seinem Buch „Das egoistische Gen“ berühmt geworden ist, beschreibt dieses als das Projekt, die Biologie von Egoismus und Altruismus zu untersuchen. 19 Dass dies nicht ohne eine Konzeption davon, was ein Lebewesen ist, möglich ist äußert sich in diesem Buch darin, dass er ein breit ausgearbeitetes Konzept von Lebewesen, die er bevorzugt als „Überlebensmaschinen“ (survival machines) bezeichnet, hat. Dawkins ist sich auch der breiten philosophischen Implikationen bewusst, die eine solche partielle Definition des Lebewesens mit sich trägt. Nicht umsonst schreibt er ganz am Anfang im mit „Warum gibt es den Menschen“ überschriebenen 1 Kapitel des Buchs:

»Wir brauchen nicht mehr auf Aberglauben zurückgreifen, wenn wir uns mit den großen Rätseln konfrontriert sehen: Hat das Leben einen Sinn? Wozu sind wir da? Was ist der Mensch? Der bedeutende Zoologe G. G. Simpson drückte es, nachdem er diese letzte Frage gestellt hatte, folgendermaßen aus: „Ich möchte behaupten, dass alle Versuche, diese Frage vor dem Jahre 1859 zu beantworten, wertlos sind und daß es für uns besser ist, sie völlig zu ignorieren.“« 20

In seinem Vorwort zur zweiten Auflage macht Dawkins deutlich, dass es in dem Buch „Das egoistische Gen“ um weit mehr geht, als bloß die Biologie des Egoismus und Altruismus. Dawkins nimmt Rückgriff auf die Schriften R. A. Fishers und auch W. D. Hamiltons und G. C. Williams, welche im Streit darüber, auf welcher Ebene die Selektion wirkt und mithin das Subjekt der Evolution verortet ist, den Standpunkt vertraten, dass das Gen diese Stellung einnimmt. Dawkins war durch diese Sicht der Dinge, die Erkenntnisse seiner Vorbilder inspiriert, fand aber, dass dieser nicht deutlich genug Ausdruck verliehen wurde:

»Aber ich fand, dass sie ihnen zu lakonisch, nicht lauthals genug, Ausdruck verliehen. Meiner Überzeugung nach konnte eine ausgebaute und weiterentwickelte Version dafür sorgen, dass alles, was man über das Leben wusste, richtig zusammenfügte, sowohl im Herzen als auch im Gehirn.« 21

Über die Aufgabe hinaus, eine Untersuchung über die Biologie des Egoismus und Altruismus anzustellen, ist der Anspruch des Buches also der einer integrativen Leistung für die Biologie und darüber hinaus aller Lebensphänomene, die geleistet werden soll über eine adäquat interpretierte Evolutionstheorie in der die Gene im Zentrum stehen. Dawkins will sagen, wenn er Lebewesen als Überlebensmaschinen identifiziert, dass Lebewesen nichts als teilweise hochkomplexe Maschinen sind, die durch Gene hervorgebracht werden und diesen dauerhaften Fortbestand ermöglichen. Dabei nimmt er nicht den Ausgang beim Lebwesen selbst, sondern beim Gen, um genau zu sein noch davor, nämlich bei Atomen. Was nun haben Atome mit Evolution zu tun und in wie fern folgt aus diesen der Dawkins’sche Begriff der Überlebensmaschine? Folgen wir Dawkins, ist die Evolutionstheorie, Darwins „Überleben des Bestangepassten“ nur ein Spezialfall des „allgemeineren Gesetzes vom Fortbestand des Stabilen“. Dabei definiert Dawkins ein stabiles Gebilde, als eine Ansammlung bzw. Anordnung von Atomen, die als Einzelding oder Klasse von Dingen lange genug existiert um als eben solches individuiert zu werden oder, wie Dawkins selbst sagt, „einen Namen zu verdienen“. 22, 23 Dabei müssen, die Individuen einer entsprechenden Klasse selbst nicht stabil sein, um die Stabilität der Klasse zu garantieren, die Stabilität der Individuen einer Klasse dagegen garantiert die Stabilität der Klasse. Zum Beispiel seien Regentropfen als Klasse stabil, obwohl die

19 Richard Dawkins 2008. S.36 20 Richard Dawkins 2008. S.35

21 Richard Dawkins 2008. S.24

22 Richard Dawkins 2008. S.52

23 Meiner Meinung nach führt Dawkins hier sub rosa eine reduktionistische, physikalistisch-materialistische ontologische Grundannahme ein, die eine wichtige Prämisse für sein ganzes weiteres Argument ist.

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Lebensdauer des einzelnen Regentropfens kurz ist, da in der Atmosphäre ständig neue Regentropfen gebildet werden. Diamanten dagegen sind als Klasse nicht stabil, weil sie ständig neu gebildet werden, sondern weil die Individuen der Klasse eine hohe Stabilität haben. Basierend auf dem Prinzip vom Fortbestand des Stabilen habe, durch gewöhnliche physikalische und chemische Prozesse, schon vor Entstehung des Lebens eine rudimentäre Evolution stattgefunden: Stabilere Formen nahmen mit zunehmender Zeit in ihrer Häufigkeit zu, während instabilere abnahmen, so Dawkins. Dies allein jedoch reiche nicht aus, um Darwin’sche Evolution zu erklären. Des Weiteren muss, um die Evolutionstheorie Darwins herzuleiten, eine besondere Klasse von stabilen Dingen angenommen werden. Durch physikalische und chemische Prozesse, so Dawkins, entstand in der Ursuppe eben jene Klasse von Dingen, die Replikatoren. Diese zeichnen sich durch die besondere Eigenschaft aus, Kopien ihrer selbst anfertigen zu können. Diese Kopien sind jedoch nicht perfekt, so dass verschiedene Arten von Replikatoren durch Kopierfehler entstehen. Die Stabilität von verschiedenen Arten von Replikatoren hänge damit von drei Faktoren ab: 24

Der Stabilität der Individuen

Der Geschwindigkeit, mit der Kopien angefertigt werden

Der Kopiergenauigkeit 25

Von den entstehenden Unterklassen an Replikatoren nehmen jene an Häufigkeit zu, die in der Kombination dieser drei Faktoren die höchste Stabilität haben, während jene mit geringerer Stabilität aufgrund mangelnder Ressourcen folgerichtig verdrängt werden. Die Diversität und Artzusammensetzung unterliegt damit einem zeitlichen Wandel. Dawkins behauptet, dass dies im wesentlichem dem entspricht, was Biologen im Hinblick auf Lebewesen als Evolution bezeichnen und in beiden Fällen sei der Mechanismus natürliche Selektion. Mit der Zeit tauchten Arten von Replikatoren auf, die nicht nur die Eigenschaft hatten sich selbst zu kopieren, sondern die andere Eigenschaften hatten, die ihnen erlaubten auf andere Replikatoren Einfluss zu nehmen, sich vor Einflussnahme durch andere Replikatoren zu schützen, zum Beispiel chemisch oder indem sie aus anderen Molekülen Wände um sich bauten oder ihre Umwelt anders beeinflussten und damit ihre Stabilität indirekt steigerten. Dawkins drückt es in seiner metaphorischen Sprache so aus:

»Auf diese Weise mögen die ersten lebenden Zellen entstanden sein. Die Replikatoren fingen an, nicht mehr einfach nur zu existieren, sondern für sich selbst Behälter zu konstruieren, Vehikel für ihr Fortbestehen. Es überlebten diejenigen Replikatoren, die Überlebensmaschinen bauten.« 26

Dawkins identifiziert diese Replikatoren mit den Genen. Diese Identifikation setzt allerdings eine spezifische Definition von Gen voraus, die erlaubt, Genen genau die Eigenschaften, die ein Replikator nach Dawkins aufweist, zuzusprechen. Nach dieser Definition, die auf der von G. C. Williams gegebenen basiert, ist ein Gen definiert als „jedes beliebige Stück Chromosomenmaterial (also DNA, welche sich nach Dawkins repliziert), welches potentiell so viele Generationen überdauert, dass es als eine Einheit der natürlichen

24 Richard Dawkins 2008. S.61

25 Dawkins erwähnt nicht, dass natürlich bei Replikatoren, ebenso wie bei Regentropfen, die Stabilität von der „spontanen“ Neubildung derselben abhängt. Dass Dawkins darauf nicht näher eingeht ist wohl der Überlegung geschuldet, dass dies ein Faktor ist, der nicht in den Replikatoren selbst liegt, während Langlebigkeit, Fruchtbarkeit, sowie Wiedergabegenauigkeit von der Konstituierung des Replikatorentyps selbst abhängt und damit der Selektion unterworfen ist. Dies scheint mir mit dem Argument zusammenzuhängen, dass Replikatoren insofern eine besonders hervorzuhebende Klasse von stabilen Dingen sind, als dass sie jene Klasse von Stabilem hervorbringen, die ohne Annahme von Replikatoren durch rein chemische bzw. physikalische Prozesse praktisch nicht entstehen kann: die Lebewesen oder Überlebensmaschienen.

26 Richard Dawkins 2008. S.63

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Auslese dienen kann“ und zwar ob seiner hohen „Langlebigkeit in Gestalt von Kopien.“ Damit ist der Genbegriff bewusst vage gehalten und ein Chromosomenabschnitt kann mehr oder weniger Gen sein. Genau gesprochen ist damit ein Gen nicht einfach ein Replikator, sondern vielmehr eine spezifische Art von Replikator, die durch die Basenfolge der DNA festgelegt ist. Die Gene, als Replikatoren, sind insofern egoistisch, als dass sie nur als Replikatoren bestehen, insofern sie sich im Selektionsprozess gegenüber anderen Replikatoren durchsetzen. Dennoch heißt dies nicht, dass jedes Gen mit jedem anderen Gen konkurriert, häufig sind sie füreinander nur Umweltfaktoren oder beeinflussen sich gar positiv. Entsprechend ihrer Komplexität sind Überlebensmaschinen das Produkt von einem oder mehreren Genen und die komplexesten Überlebensmaschinen (wie wir Menschen oder auch Bäume) beherbergen gigantische Genkolonien, die von Dawkins folgendermaßen charakterisiert werden:

»Welches Schicksal würde vier Milliarden Jahre später den alten Replikatoren beschieden sein? […] Heute drängen sie sich in riesigen Kolonien, sicher im Innern gigantischer, schwerfälliger Roboter, hermetisch abgeschlossen von der Außenwelt; sie verständigen sich mit ihr auf gewundenen, indirekten Wegen, manipulieren sie durch Fernsteuerung. Sie sind in dir und mir; sie schufen uns, Körper und Geist, und Fortbestehen ist der letzte Grund für unsere Existenz. Sie haben einen weiten Weg hinter sich, diese Replikatoren. Heute tragen sie den Namen Gene, und wir sind ihre Überlebensmaschinen.« 27

Ein wichtiger Punkt, um diese Sicht von Genkolonien zu rechtfertigen, ist, dass einzelne Gene bei der sexuellen Fortpflanzung durch Prozesse wie Crossing-Over unabhängig von einander an die Nachkommen weitergegeben werden können, auch wenn sie auf demselben Chromosom liegen. Wäre dies nicht der Fall müsste man von ganzen Chromosomen als Genen sprechen. Was heißt das nun für die Konzeptualisierung des Lebewesens, wie Dawkins sie mit der Überlebensmaschine vornimmt? Dawkins stellt sich mit dieser entschieden gegen eine Biologie, die Gene als Teil einer Maschinerie ansieht, derer sich der Einzelorganismus, das Lebewesen bedient. Er nimmt für sich in Anspruch die Biologie „vom Kopf wieder auf die Beine zu stellen“, indem er das Primat der Replikatoren postuliert:

»Sie waren zuerst da, und ihnen kommt die größere Bedeutung zu.« 28

Lebendig ist eine Überlebensmaschine, ein Vehikel, so Dawkins, nur insofern, als dass sie in sich „lebende Materie“ enthalte. Die kausalen Verhältnisse sehen dabei so aus, dass von Ursache-Wirkungs-Beziehungen ausgegangen wird, die so genannte Kausalitätspfeile etablieren, die ein strahlenförmiges Netz bilden, in deren Zentren sich die Gene befinden und die nicht nur Wirkungen des Gens auf den individuellen Körper, sondern darüber hinaus auch auf Objekte der Außenwelt des Organismus nachzeichnen. Die Kausalitätspfeile die von verschiedenen Genen einer Überlebensmaschine ausgehen, sind dadurch gebündelt, dass sie sich einen Körper teilen. Dies sollte uns aber nicht dazu veranlassen, so Dawkins, davon auszugehen, dass die Überlebensmaschinen, ja das Leben selbst, deswegen nicht auf die Wirkung von einzelnen Genen zu reduzieren seien:

»[…] phänotypische Wirkungen, statt gleichmäßig in der ganzen Welt verteilt zu sein, sind in vielen Fällen in eben diesen Körpern erstarrt. Aber der einzelne Körper, der uns auf unserem Planeten so vertraut ist, brauchte nicht zu existieren. Die einzige Einheit, die existieren muß, damit irgendwo im Universum Leben entsteht, ist der unsterbliche Replikator.« 29

27 Richard Dawkins 2008. S.63

28 Richard Dawkins 2008. S.430

29 Richard Dawkins 2008. S.431

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Insofern seien Überlebensmaschinen und ihr Verhalten reduzierbar auf die basalere Ebene der Gene. Um dies zu rechtfertigen setzt sich Dawkins auch damit auseinander, dass Überlebensmaschinen augenscheinlich in ihrem Verhalten eine Zielstrebigkeit besitzen, die darüber hinausgeht, darauf ausgerichtet zu sein, das Überleben der Gene zu gewährleisten, und bewusstem menschlichem Verhalten ähnelt. Und zumindest eine Überlebensmaschine – der Mensch – weist eben jenes bewusste, Ziele setzende Verhalten auf. Dawkins gibt zu, nicht angeben zu können, was dies genau ist, behauptet aber, dass dies auch gar nicht weiter von Belang ist, da man ohne weiteres auch von Maschinen so sprechen kann, als ob sie ein solches Verhalten besitzen und die Frage, ob sie sich tatsächlich bewusst verhalten, offen zu lassen. Diese „Zweckmaschinen“, Dawkins nennt als Beispiel den Watt’schen Fliehkraftregler, zeichnen sich durch eben solches Verhalten aus und wir benötigen, um ihr Verhalten zu erklären, weder der Rede von Bewusstsein, noch jener von Zielstrebigkeit. Dies gilt insbesondere auch für komplexere „Zweckmaschinen“, wie zum Beispiel ferngelenkte Flugkörper, die nicht von Menschen, sondern Computern gesteuert werden, und Schachcomputer, die sogar in gewissem Sinne lernfähig sind. Gene könnten nun genauso wie ein Programmierer solch ein Verhalten bei den von ihnen konstruierten Überlebensmaschinen bewirken. Damit steuerten sie diese nicht direkt, sondern „programmierten“ ihnen ein bestimmtes aber in gewissen Fällen sehr vielfältiges, komplexes Verhalten ein, indem sie ein Nervensystem hervorbringen. Damit ist die Kontrolle von Genen über solche Überlebensmaschinen nur mittelbar, wenn auch immer noch stark, und diese Überlebensmaschinen relativ „frei“. Allerdings sei dies kein Programmieren im strengen Sinne sondern Produkt der natürlichen Selektion. Insofern, schließt Dawkins, sei es ganz unverfänglich, von Überlebensmaschinen so zu sprechen, als ob sie Zielstrebigkeit besitzen, so lange man es in demselben Sinne wie bei „Zweckmaschinen“ tut. Ob die Replikatoren selbst lebendig sind, und damit auch die Frage, ob es sich bei ihnen in irgendeinem Sinn um Lebewesen handelt, will Dawkins bewusst offen lassen: Da die Geschichte der Replikatoren unabhängig von ihrer Benennung sich wahrscheinlich so abgespielt habe, wie geschildert und sie damit die Vorläufer des Lebens, so wie wir es kennen, sind, sei die Frage nach ihrer Benennung unerheblich. Worte, so Dawkins, sind nur Werkzeuge und die bloße Existenz eines Wortes wie „lebendig“ heiße nicht, dass es sich auf etwas in der realen Welt beziehen muss. 30 Dennoch kommt er nicht umhin so von ihnen zu sprechen, als ob sie lebendig sind und erst das Lebendig-Sein der Überlebensmaschinen verursachen, so zum Beispiel wenn er von der in Vehikel eingebetteten, „lebenden Materie“ spricht, wie wir ja schon gesehen haben. 31

30 Richard Dawkins 2008. S.61

31 Richard Dawkins 2008S.430

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4. Egoistische Gene als Substanzen?

Wenn wir die Konzeptionen des Begriffs des Lebewesens bei Dawkins und Aristoteles vergleichen sind die Unterschiede unübersehbar. Ich möchte aber an den Anfang des Vergleichs der von mir Aristoteles sowie Dawkins zugeschriebenen Begriffen von Lebewesen auf eine Gemeinsamkeit hinweisen. Gareth B. Matthews weist auf diese am Ende seines Aufsatzes „De Anima 2. 2-4 and the Meaning of Life” hin:

„Still, it distorts things only a little bit to say, mimicking Dawkins, that, in Aristotle’s view, individual plants and animals, including human beings, are survival machines for plant and animal forms.“

Wenn man davon absieht, dass das individuelle Lebewesen bei Aristoteles nicht eine Maschine ist (dies ist eher beim Körper des Lebewesens der Fall), ist hier eine grundlegende Ähnlichkeit zwischen den beiden Ansätzen gut zu erkennen. Der Unterschied zwischen den unsterblichen Genen Dawkins’ als Ursache der Überlebensmaschienen und der Seele als Form des belebten Körpers ist allerdings ein bedeutender: Während bei Aristoteles die Seele Teil des Lebewesens ist, ist bei Dawkins der Replikator Gen strikt getrennt vom Vehikel Lebewesen und grade nicht Teil desselben. Beide Ansätze werfen eigene Schwierigkeiten auf, die im Folgenden beleuchtet werden sollen. Der Anfang soll gemacht sein mit den Schwierigkeiten, die Dawkins Argument für seine Konzeption des Begriffs vom Lebewesen aufweist. Zunächst wäre dabei zu nennen, dass er eine Theorie der Evolution zur Voraussetzung macht. Hier muss natürlich zunächst die Frage erlaubt sein, ob Dawkins nicht die Frage „Was ist ein Lebewesen?“ mit der Frage „Wie sind Lebewesen entstanden?“ verwechselt. Nehmen wir zunächst einmal hin, dass die Antworten auf beide Fragen identisch sind oder zumindest weitgehend miteinander übereinstimmen und verknüpft sind, bleibt die Antwort dennoch problematisch. Sie ist in sofern problematisch, als dass der Begriff der Evolution sensu strictu die Existenz verschiedener Arten von Lebewesen – und damit auch Lebewesen – zur Voraussetzung hat, denn Evolution ist Entwicklung der Arten im Verlauf der Stammesgeschichte. Auch Darwin behandelt in „On the Origin of Species“ nicht wie Lebewesen entstanden sind, sondern nur wie neue Arten aus schon bestehenden hervorgehen und schon bestehende aussterben. Ein solcher Begriff von Evolution ist ungeeignet um einen Begriff des Lebewesens herzuleiten. Daher bedient sich Dawkins eines erweiterten Begriffs von Evolution, wie er durch das Miller-Urey-Experiment 32 gerechtfertigt zu sein scheint. Nach diesem erweiterten Begriff, gibt es neben der Evolution von Arten eine chemische Evolution durch die unter anderem die ersten Lebewesen und damit die biologische Evolution hervorgebracht werden. Dawkins bemüht sich darum dieses erweiterte Verständnis von Evolution zu rechtfertigen. Dies gelingt ihm jedoch vor allem in einem Punkt nur mangelhaft: Die Entstehung und Existenz von Replikatoren, die in seiner Argumentation die zentrale Stellung einnehmen, wird in seiner Argumentation nicht gerechtfertigt, sondern vielmehr als gegeben vorausgesetzt. Zwar macht er plausibel, dass Molekühle, die dadurch, dass sie als Vorlage von Kopien (in Form von Negativen) für sich dienen können und diese „Kopiervorgang“ energetisch begünstigen, sich selbst replizieren, sehr wahrscheinlich entstehen werden. Allerdings vernachlässigt er dabei die Anforderung an Replikatoren, dass sie unter Erhalt der Kopierfunktionalität zu Variation in der Lage sein sollen. Dieser unter dem Stichwort „Fehlerkatastrophe“ in den Fachwissenschaften behandelten Frage verschweigt Dawkins und erweckt den Eindruck, dass es an dieser Stelle gar kein Problem gibt. Dabei ist es schon seit den 70er Jahren des letzten

32 In dem Experiment simulierte Stanley Miller 1953 zusammen mit Harold Clayton Urey im Labor der University of Chicago eine hypothetische frühe Erdatmosphäre. Aus einer Mischung von Wasser (H 2 O), Methan (CH 4 ), Ammoniak (NH 3 ), Wasserstoff (H 2 ) und Kohlenstoffmonoxid (CO), die elektrischen Entladungen aus gesetzt wird, entstehen dabei nach einer gewissen Zeit einfache organische Moleküle.

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Jahrhunderts durch Forschungen von Manfred Eigen und Peter Schuster bekannt. Die Lösungsansätze zu diesem Problem, wie Eigen und Schuster sie mit ihrer Hyperzyklus- Theorie 33 bieten und die unter anderem zur Zeit durch Kauffman 34 und andere vertreten werden, bringen ein weiteres Problem für Dawkins mit sich:

Dawkins argumentiert dafür, dass die heutzutage existierenden Replikatoren identisch seien mit den einzelnen Genen und Gene kurze Abschnitte der DNA sind. Schon Eigen und Schuster zeigen allerdings, dass einzelne, kleine Moleküle nicht die Eigenschaften realisieren können, die Dawkins von Replikatoren fordert, nämlich die Fähigkeit zur Selbstreplikation und Variation in Kopien unter Erhalt der Fähigkeit zur Selbstreplikation. Die Lösung dieses Problems, so argumentieren Eigen und Schuster überzeugend, könne unter anderem darin liegen, dass mehrere Moleküle gemeinsam genau diese Eigenschaften realisieren. In Dawkins Worten gesprochen hieße das, dass grade nicht das Gen der Replikator ist. Um diese Problematik zu erhellen sollen hier an einem Beispiel, das Dawkins in seinem Buch in einer Fußnote gibt, kritisch besprochen werden. Um die Identität von Gen und Replikator zu erweisen führt Dawkins vor allem die Fragmentierungseffekte der Meiose bei der geschlechtlichen Fortpflanzung ins Feld. Dies, so fügt Dawkins selbst in der Fußnote auf Seite 438 in der deutschen Jubiläumsausgabe des Egoistischen Gens bei, sei nur die halbe Geschichte, wie man am Beispiel von Stabheuschrecken sehe. Denn weibliche Stabheuschrecken haben die Fähigkeit sich ungeschlechtlich fortzupflanzen, und daher kommt der meiotische Fragmentierungseffekt nicht zum tragen. Jeder Nachkomme eines solchen Elterntieres scheint eine exakte Kopie desselben zu sein. Derart betrachtet, so Dawkins, scheint der ganze Organismus die für einen Replikator angeführten Kriterien zu erfüllen. Dies sein aber nur scheinbar der Fall, wie ein einfaches Experiment zeigen würde: Schneidet man dem Muttertier ein Bein ab, so wird sich diese Eigenschaft in den Nachkommen dieses Tieres nicht zeigen. Eine DNA-Sequenzierung würde jedoch zeigen, dass das genetische Material identisch sei – auch wenn das Genom z.B. durch Röntgenstrahlung verändert würde, würde sich dies bei der Sequenzierung wieder finden lassen. Bei der Stabheuschrecke sei also – im Falle von ungeschlechtlicher Fortpflanzung – die Gesamtheit der DNA als ein einziges Gen zu betrachten. Dawkins wendet sich mit dieser Kritik explizit gegen jedwede Form des Lamarckismus 35 . Nun gibt es bei diesem Beispiel gleich mehrere Probleme, welche die Deutung des gesamten Genoms als ein Gen und damit ein Replikator in Frage stellt. Zunächst können wir das Experiment, bei dem wir das Individuum verändern, weiter variieren. Offensichtlich ist, dass wenn wir den Organismus soweit verändern, dass er nicht mehr überlebensfähig ist, dass sich dies deutlich auf etwaige Nachkommen niederschlägt. So trivial diese Aussage erscheinen mag, so deutlich zeigt sie, dass das Genom alleine eben nicht zur Selbst-Replikation in der Lage ist. Gene replizieren sich nicht selbst – vielmehr ist für die DNA-Replikation eine komplexe Maschinerie an Enzymen und anderen Molekülen notwendig, der nur im lebenden Organismus zur Verfügung steht. Dawkins fordert aber explizit, dass die Gene grade unabhängig vom Organismus als Replikatoren gedacht werden müssen. Letzteres scheint aber grade nicht der Fall zu sein. Darüber hinaus gibt es in der Tat Fälle, in denen eine Veränderung an einem sich ungeschlechtlich fortpflanzendem Lebewesen vererblich ist, obwohl nicht die DNA von dieser Veränderung betroffen ist. Beisson und Sonneborn veröffentlichten schon 1961 einen Artikel 36 in dem sie darlegten, dass es Vererbung von Eigenschaften gibt, die nicht vermittelt

33 Manfred Eigen, Peter Schuster. 1979. 34 Stuart Kauffman 2003; Stuart Kauffman, Phillip Clayton. 2005 35 Der die Vererbbarkeit von erworbenen Eigenschaften als Mechanismus zur Erklärung von Variation als auch der Anpassung von Organismen behauptet. 36 Beisson, J., and T. M. Sonneborn. 1965. In dem Artikel wird ein Versuch dargelegt, in dem beim einzelligen Pantoffeltieren ein Stück der Zellwand entfernt, um 180° gedreht und wieder einsetzt wird. Die Zellwand des Pantoffeltierchens ist mit dem Vortrieb dienenden Wimpern besetzt, die eine ihrer Funktion entsprechende

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über Gene stattfindet. Beim Pantoffeltierchen wird bei der ungeschlechtlichen Fortpflanzung also nicht nur das ganze Genom unverändert weitergegeben sondern auch nichtgenetische Merkmale vererbt. Bedenkt man dies, muss zumindest bei Pantoffeltierchen mehr als nur das ganze Genom einen Replikator bilden. Dies zieht die ganze Konzeption von Lebewesen als von Replikatoren hervorgebrachten und kolonisierten, sowie ihnen dienenden Überlebensmaschinen in Zweifel. Auch bei Aristoteles lassen sich einige Schwierigkeiten in der Argumentation ausmachen. Aristoteles spricht von Leben und damit auch Lebewesen, so wie es bisher in diesem Aufsatz dargelegt wurde, in einer hierarchisch gestuften Weise, wobei die höheren Stufen notwendig die niedrigeren zu Voraussetzung zu haben scheinen. Der Mensch, der mit seiner denkfähigen Seele auf der obersten Stufe steht, hat auch notwendig Wahrnehmungsfähigkeit sowie Nährfähigkeit und diese Notwendigkeit, dass die tieferen Stufen das Fundament für die höheren bildet, sichert, dass wir es trotzdem mit einem zusammenhängenden Lebensbegriff zu tun haben und nicht mehrere unabhängige Lebensbegriffe haben, die nur dem Namen nach etwas miteinander zu tun haben. Nun wird aus DA 415a7 ff. 37 sowie der Metaphysik 12.1072b29 f. deutlich, dass Aristoteles der Überzeugung war, dass es mindestens ein Wesen gibt, das lebendig ist, weil es denkt, ohne einen Körper zu haben und damit – so scheint es – ohne Nährvermögen zu besitzen oder Wahrnehmungsvermögen. Nämlich den unbewegten Beweger der als das „Denken des Denkens“ sich selber denkt. Die Existenz eines Lebewesens, das sich allein dadurch als Lebewesen auszeichnet, dass es denkt und zwar ohne die fundamentalen Vermögen, die dies ermöglichen zu besitzen, bedeutet einen Bruch im Begriff des Lebewesens. Darüber hinaus ist damit fraglich, in wieweit Lebewesen tatsächlich Seele und Körper sind 38 , wenn der unbewegte Beweger keinen Körper besitzt. Einige Philosophen, wie Gareth B. Matthews haben dies zum Anlass genommen, Aristoteles anders zu verstehen, als in diesem Aufsatz zugrunde gelegt. 39 Da aber Aristoteles in DA 415a7 ff. deutlich betont, dass bei den sterblichen Lebewesen die Vermögen immer notwendig auf den fundamentaleren Vermögen aufbauen und sich die Biologie eben mit den sterblichen, einen Körper besitzenden Lebewesen auseinandersetzt, ist für diese die etwaige Existenz von nichtkörperlichen Entitäten und ihr Status als Lebewesen von geringerer Bedeutung. Unabhängig von körperlosen Lebewesen kann man sagen, dass es für Aristoteles eindeutig bei den sterblichen, körperlichen Lebewesen einen Lebensbegriff gibt, der durch die Abhängigkeitsbeziehungen unter den das Leben charakterisierenden Vermögen ein zusammenhängender, einheitlicher Begriff ist. Es gibt noch ein weiteres Problem für Aristoteles Begriff des Lebewesens. Es wird häufig angeführt, dass Aristoteles davon ausgeht, dass Arten von Lebewesen ewig und unveränderlich sind. Sollte dies aus seinem Begriff des Lebewesens notwendig folgen, würde dies ein ernstliches Problem für den Aristotelischen Begriff des Lebewesens darstellen, da er damit nicht erklären könnte wie aus einer Art andere Arten hervorgehen können. Es mag daher angemessen sein, die relevante Stelle in De Anima genauer zu betrachten:

Ausrichtung besitzen, die bei den operierten Pantoffeltierchen an der operierten Stelle mit der Zellwand zusammen sichtbar entgegen ihrer eigentlichen Ausrichtung stehen. Teilt sich das Pantoffeltierchen weisen beide Nachkommen diesen als „Melonenstreifen“ bezeichneten Teil in der Zellwand auf, an dem die Wimpern in Gegenrichtung zu den anderen Wimpern des Tierchens stehen. Haben wir es hier auch mit einem Replikator zu tun? Mit einem Gen? Dawkins bleibt uns die Antworten schuldig. Aber es scheint hiermit zumindest einen Fall zu geben, der Dawkins Prämisse, dass nur die Gene von Generation zu Generation reisen, widerlegt.

37 Schließlich und auch in geringster Zahl Überlegung und Denken: diejenigen sterblichen (Lebewesen) nämlich, denen Überlegung zukommt, kommen auch alle übrigen (Vermögen) zu, denjenigen jedoch, die jedes von diesen haben, kommt nicht allen Überlegung zu, sondern einigen nicht einmal die Vorstellung, während andere nur mit dieser leben.

38 Aristoteles DA II 1, 412b25 – 413a2

39 Gareth B. Matthews. 1995

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„Für alles Lebendige, das vollendet und nicht verstümmelt ist oder spontan entsteht, ist es die natürlichste seiner Leistungen, ein anderes, das so ist wie es selbst, hervorzubringen – ein Lebewesen ein Lebewesen, eine Pflanze eine Pflanze – damit sie am Ewigen und am Göttlichen teilhaben, soweit es ihnen möglich ist. […] Da nun (das Lebendige) deswegen nicht in der Lage ist, mit dem Ewigen und Göttlichen in kontinuierlicher Gemeinschaft zu sein, weil nichts Vergängliches es vermag, der Zahl nach als eines und das Selbe fortzubestehen, geht es somit mit ihm eine Gemeinschaft ein, wie jedes einzelne dazu in der Lage ist, an ihm teilzuhaben; das eine mehr, das andere weniger. Und es besteht nicht selbst fort, sondern eines so wie es selbst, zwar nicht der Zahl nach eines (mit ihm), aber der Art nach.“ 40

Das Vermögen zur Fortpflanzung ist hier noch mal explizit als eine Form des Nährvermögens als Vermögen zum Selbsterhalt beschrieben. Dieses Vermögen, etwas Lebendiges zu produzieren, dass zwar nicht der Zahl, aber der Art nach eines mit dem ist, von dem es hervorgebracht wird, impliziert zunächst nur, dass Arten von Lebewesen der Möglichkeit nach ewig sind. Auf diese Ewigkeit von Arten, der Möglichkeit nach, verpflichtet uns also De Anima und der hier entwickelte Begriff des Lebewesens. Allerdings scheint die Tatsache, dass Eltern und Kind der Form nach eins sind, zudem auch auszuschließen, dass es einen kontinuierlichen Übergang von einer Art zur anderen geben kann. Folgen wir also Aristoteles in diesem Begriff, haben wir nicht das Problem, das alle Arten notwendiger Weise ewig bestehen, haben aber ein Problem dabei, zu erklären wie neue Arten aus schon existierenden entstehen. Lennox (1984) diskutiert dies im Detail und zeigt darüber hinaus auf, welche Gründe Aristoteles außerhalb De Anima anführt, aufgrund derer Aristoteles davon ausgeht, dass die Arten der Lebewesen in dem Sinne ewig sind, dass sie ein notwendiges und fundamentales Charakteristikum des Kosmos sind. Ziehen wir zum Vergleich die Konzeption Dawkins' heran, wird schnell ersichtlich, dass die mögliche Ewigkeit von Arten und die Einheit in Form von Eltern und Kind, etwas zu sein scheint, dass sich nur schwer aus biologischen Erklärungen und damit auch evolutionsbiologischen Erklärungen eliminieren lässt. In der Tat spricht einiges dafür, dass diese beiden Konzepte Voraussetzungen für das Konzept der Evolution sind. 41 Dawkins umgeht jedoch das Problem, in dass man in der Evolutionsbiologie kommt, wenn man davon ausgeht, dass Arten von Lebewesen ewig sind, sowie Eltern und Kind der Form nach Eines sind, damit, dass er diese Eigenschaften nicht von Lebewesen fordert. Diesen Job übernehmen bei ihm die Gene. Das Problem dabei ist allerdings, dass das Phänomen, das zu erklären Aufgabe der Biologie ist, damit zu einem bloßen Epiphänomen reduziert wird. Leben, Lebewesen, sind bloße Worte, die sich nicht auf einen realen Gegenstand in der Welt beziehen. Damit allerdings ist weder die Biologie als eigenständige Disziplin zu rechtfertigen, noch ein Erkenntnisgewinn über die Gegenstände unserer Lebenswelt verbunden – abgesehen vielleicht von dem, dass diese gar nicht als Gegenstände real sind bzw. nur in einem abgeleiteten Sinn. Zudem bekommt er ein Problem damit zu erklären, wie nichtsexuelle Fortpflanzung von statten geht, besonders dann, wenn extragenetische Vererbung eine Rolle spielt, wie beim Pantoffeltierchen. Aristoteles kommt hier in keinerlei Schwierigkeiten, im Gegenteil, seine Position findet sich hier in besonderem Maße bestätigt, da auch hier die Erklärung mittels Seelenvermögen greift. Dass Dawkins trotzdem zu dem Ergebnis kommt, dass die Gene ein kausales sowie ontologisches Primat innehaben, scheint daher nicht daran zu liegen, dass die Fakten nicht anders zu interpretieren seien, oder dass dies die beste Interpretation der Fakten ist. Vielmehr ist sein Begriff von Lebewesen mit einigen Fakten, wie oben gezeigt, schwerer in Einklang zu bringen als der Aristoteles. Zudem ist es grade einer der Ausgangspunkte Dawkins', dass reale Gegenstände dadurch ausgezeichnet werden, dass sie stabile Konfigurationen von Atomen sind und zwar stabil entweder als Einzelding oder Klasse von Dingen. Wenn dabei „Klasse“ einfach mit „identische Konfiguration von

40 Aristoteles DA II 4, 415a23 – 415b7 41 vergleiche: Denis Walsh, Evolutionary Essentialism in: Brit. J. Phil. Sci. 57 (2006), 425–448

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Atomen“ gleichgesetzt ist, dann verwundert es wenig, dass Gene die „realeren“ Dinge als Lebwesen sind. Dawkins unternimmt diese Gleichsetzung und damit scheint sein Konzept des Primats der Gene weniger eine naturwissenschaftliche Entdeckung zu sein, als mehr die Schlussfolgerung aus einem metaphysischen Axiom. Dies ist bei Aristoteles allerdings nicht ganz anders. Aus metaphysischen und erkenntnistheoretischen Gründen scheint er an Lebewesen und anderen Dingen unserer Erfahrungswelt als den realen Gegenständen festhalten. Was veranlasst Aristoteles, an den Gegenständen unserer Erfahrungswelt festzuhalten? Michael Frede argumentiert überzeugend dafür, dass dies für Aristoteles vor allen Dingen epistemologische Gründe hat. 42 Wir verstehen im Allgemeinen nicht Gegenstände als Konfigurationen, die durch ihre materiellen Bestandteile und deren Eigenschaften bestimmt sind, sondern es ist vielmehr anders herum. Wir verstehen die materiellen Bestandteile und deren Eigenschaften insofern sie sich innerhalb einer Form oder Organisation zeigen. Die so mit einem (epistemischen) Primat ausgestattete Form/Organisation ist das, was als Essenz zählt. Diese Essenzen sichern gleichsam den ontologischen Status der Gegenstände der Alltagswelt. Denn das (oder zumindest ein) Ziel der Wissenschaft ist es diese Gegenstände zu erklären. Wenn genau diese Gegenstände in einer Interpretation von wissenschaftlichen Theorien, die wir entwickeln um diese zu erklären, plötzlich irrelevant werden und ihre Signifikanz verlieren, dann, so Frede, mag da etwas radikal Fehlgeleitetes an dieser Sicht sein. Dawkins ist sich bewusst, dass verschiedene Sichtweisen eines Sachverhaltes nicht immer gleichwertig sind. 43 Er rechtfertigt die Überlegenheit der „Sicht des Gens“ über die „Sicht des Individuums“ in knappen Worten damit, dass sie ein neues Klima des Denkens mit sich bringe, in dem viele aufregende und überprüfbare Theorien geboren und bis dahin unvorstellbare Fakten aufgedeckt werden. Es scheint also sowohl mit Aristoteles Begriff des Lebewesens, als auch mit dem als Gegenentwurf und Antwort auf diese Probleme zu verstehenden Begriff des Lebewesens als Überlebensmaschine Probleme zu geben. Dawkins’ Begriff des Lebewesens, zumindest verstanden als Antwort auf die Probleme des aristotelischen Begriffs in Bezug auf die Evolutionsbiologie, scheint Probleme aufzuwerfen, die zumindest in Frage stellen sollten, ob wir ihn dem von Aristoteles gegebenen Begriff vorziehen wollen.

42 Michael Frede. 1995. S. 99

43 Richard Dawkins. 2008. Vorwort zur 2. Auflage

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5. Kauffman: Molekulare Autonome Agenten

In dem Artikel „Molecular Autonomous Agents“ argumentiert Sturat Kauffman und in „On emergence, agency, and organization“ zusammen mit Philip Clayton dafür, dass Lebewesen und ihre Aktivitäten nicht auf Gene und von diesen weiter auf physikalische Partikel reduzieren lassen. Lebewesen sind natürliche Systeme bei denen wir teleologische Erklärungen anbringen müssen und zwar nicht nur, weil wir sie zum Beispiel ob ihrer Komplexität nicht anders erklären können, also nicht nur aus epistemischen Gründen, sondern vielmehr, weil sie tatsächlich nicht nur Konfigurationen von Partikeln sind. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, Lebewesen sind ontologisch emergente Entitäten. Aktivitäten von Lebewesen sind solcherart, dass sie vom Lebewesen ausgehen und um des Lebewesens willen sind, Kauffman sagt, Lebewesen agieren in eigenem Interesse. In diesem Sinne sind sie autonome Agenten. Kauffman gibt ein Beispiel:

„Consider, then, a bacterium swimming up a glucose gradient. This is a case in which a biologists normally say that the bacterium is ‘going to get food.’ That is, in a sense to be explicated below, the bacterium is acting on its own behalf in an environent.” 44

Ein Bakterium, das in einem minimalen Sinne im eigenen Interesse handelt bzw. agiert, ist allerdings ein natürliches und damit physikalisches System. Die Antwort auf die aus diesen Überlegungen resultierende Frage, welche Bedingungen ein physikalisches System erfüllen muss, um einen autonomen Agenten zu konstituieren. Die Definition, die Kauffman gibt ist folgende: Ein autonomer Agent ist ein selbst-replizierendes System, dass in der Lage ist, mindestens einen thermodynamischen Arbeitszyklus durchzuführen. 45 In „On emergence, agency, and organization“ macht er deutlich welche 5 Bedingungen diese Definition seiner Meinung nach implizit enthält, die notwendig und hinreichend sind, um auf dieses System teleologische Sprache, sowie die Rede von Handlungen (in einem minimalen Sinne) anwenden zu müssen, um ihre Eigenschaften korrekt zu erfassen, das heißt, es als autonomen Agenten zu bezeichnen 46 :

autokatalytische Reproduktion

thermodynamische Arbeitszyklen

Grenzen der reproduzierenden Individuen

sich fortpflanzende (self-propagating) Arbeit & Konstruktion von Zwangsbedingungen (constraints)

Wahlmöglichkeiten und Agieren, dass evolutiv angepasst wurde auf (z.B.) Essen und Gift zu reagieren

Diese Definition von autonomen Agenten, beziehungsweise diese Bedingungen, die ein physikalisches System erfüllen muss, um es als autonomen Agenten zu identifizieren, so schlägt Kauffman vor, könnten vielleicht uns nicht nur angeben, wann man teleologische Sprache und die Rede von Handlungen bei natürlichen Systemen anbringen muss, sondern darüber hinaus eine Definition für Leben und mithin Lebewesen sein. Mit einem solchen Begriff von Lebewesen bewegt sich Kauffman in der Tradition Kants, der mit seinen Überlegungen zu der kausalen Verfasstheit von Lebewesen großen Einfluss auf die kontinentale Biologie, vor allem vor Darwin, hatte, und den Kauffman selbst mit einem Zitat aus der Kritik der Urteilskraft anbringt:

44 Stuart Kauffman, Philip Clayton. 2005. S. 505

45 Stuart Kauffman. 2003. S. 1090

46 Stuart Kauffman, Philip Clayton. 2005. S. 502, 505

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»Ein organisiertes Wesen ist also nicht bloß Maschine: denn die hat lediglich bewegende Kraft; sondern es besitzt in sich eine bildende Kraft und zwar eine solche, die es den Materien mittheilt, welche sie nicht haben (sie organisirt): also eine sich fortpflanzende bildende Kraft, welche durch das Bewegungsvermögen allein (den Mechanism) nicht erklärt werden kann.« 47

Er geht aber über Kant insofern hinaus, als dass er mittels der 5 Bedingungen klar und unabhängig von einem Rückgriff auf den Begriff des Lebewesens die Grenze zwischen solchen Systemen, die sich vollständig unter Annahme allein effektiver Kausalität beschreiben lassen, und jenen, bei denen teleologische Sprache und damit die Annahme von finaler Kausalität nötig ist, zu ziehen bemüht ist. Es ist sinnvoll diese 5 Bedingungen, die Kauffman in einem molekularen System, dass er anführt, realisierbar sieht, und ihr Zusammenspiel an dieser Stelle etwas genauer zu betrachten. 48 Autokatalytische Reproduktion deckt den Punkt ab, dass das physikalische System sich selbst repliziert. Dieses ‚sich selbst’ wird insofern von ‚autokatalytisch’ eingefangen, als dass dies bedeutet, dass die einzelnen Bestandteile des Systems aus den zur Verfügung stehenden Ausgangsstoffen die Bildung von anderen Bestandteilen energetisch begünstigen. Und dass alle Stoffe des Systems von irgendeinem anderen Stoff in ihrer Bildung begünstigt werden, sodass insgesamt das System die Bildung aller seiner Komponenten begünstigt. Dies wird als autokatalytische Schließung bezeichnet. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass alle Bestandteile aus den Ausgangsstoffen gebildet werden können. Die Fähigkeit des Systems mindestens einen thermodynamischen Arbeitszyklus auszuführen meint, dass die Komponenten des Systems derart miteinander interagieren können, dass das System Energie aus seiner Umgebung aufnehmen kann und diese in Form von Arbeit freisetzen kann. Ein System, dass keine physikalische Arbeit verrichten kann, kann Notwendigerweise nicht agieren. Die Befähigung zu einem kompletten Arbeitszyklus impliziert, dass es am Ende desselben wieder im Zustand ist, von dem aus die abermalige Initiation des Zyklus erfolgen kann. Auch hier liegt insofern eine thermodynamische Schließung des Systems vor. Diese beiden Fähigkeiten implizieren, dass das System eine ihm eigene Systemgrenze haben muss, an dem sich individuelle Systeme voneinander abgrenzen lassen. Ohne eine solche würde nämlich einerseits eine autokatalytische Schließung nicht erfolgen können, da die Komponenten verstreut werden würden und ihre katalytische Wirkung auf einander nicht mehr entfalten könnten. Aus demselben Grund könnten sie miteinander nicht mehr interagieren, um Energie aufzunehmen und diese in Arbeit umzusetzen. Zudem ist die Systemgrenze wahrscheinlich selbst ein wichtiger Bestandteil der Systemkomponenten, die die Freisetzung von Energie als Arbeit ermöglicht. Arbeit ist physikalisch betrachtet Kraft mal Weg, dass heißt eine direktional wirkende Kraft. Damit Kraft entlang eines Weges wirken kann, muss sie in ihrer Wirkung räumlich eingeschränkt werden. Es bedarf Zwangsbedingungen, die dies tun. Diese müssen hervorgebracht werden. Das Hervorbringen von Zwangsbedingungen selbst bedarf allerdings Arbeit und in diesem Sinne, dass Arbeit verrichtet werden muss, um Zwangsbedingunegen herzustellen, die es dem System erlauben Arbeit zu verrichten, muss die Arbeit die das entsprechende System vollführt sich selbst fortpflanzen. Auch wenn ein solches System sich reproduziert, müssen die entsprechenden Zwangsbedingungen durch Arbeit hergestellt werden. Arbeit ist also auch zur Selbst-Replikation notwendig. Schließlich, so Kauffman, muss ein solches physikalisches System dazu in der Lage sein, in einem minimalen Sinne zwischen zwei Alternativen zu wählen und zwar auf eine evolutionär adaptive Weise. Was dabei gemeint ist, wird klar am Beispiel des Bakteriums, das Arbeit verrichten kann um sich entlang eines Glukosegradienten in eine Richtung zu bewegen. Diese

47 Immanuel Kant. 1790. Seite 374, Zeile 21 – 26

48 Stuart Kauffman, Philip Clayton. 2005. S. 505 – 51; Stuart Kauffman. 2003. S. 1091 – 1096

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Richtung kann nicht durch einen einfachen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang wiedergegeben werden, sondern kann nur, so Kauffman, durch Rückgriff auf die evolutive Geschichte des Systems erklärt werden. All dies zusammengenommen gibt uns ein relativ exaktes Bild davon, wie ein physikalisches System beschaffen sein muss, um sich als autonomer Agent zu qualifizieren, und insofern es, so Kauffman, auf alle, auch die einfachsten Lebewesen zutrifft, einen Begriff des Lebewesens:

»The astonishing fact is that, as cells carry out this complex web of work, constraint construction, and other construction projects (such as DNA replication and enzyme synthesis), a closure is attained in which the cell finally builds a rough copy of itself. But this whole process is precisely the self-propagating organization to which Kant pointed. Note that self-propagating organization in this sense does not involve matter alone, energy alone, information alone, or entropy alone. It is a process that involves all these – and something more as well. It appears that this self- propagating organization, ‘communicate[d] to its materials though they have it not of themselves,’ is a new form of energy-matter organization in the world; it is living matter, and it is ontologically emergent.« 49

Kauffman macht hier in seinem Artikel klar, dass er Lebewesen als ontologisch emergente Gegenstände betrachtet. Er gibt drei Argumente für diese Sichtweise an. 50 Erstens haben Lebewesen Eigenschaften die kausal relevant sind, in dem Sinne, dass sie eine Wirkung auf die Welt haben. Zum Beispiel die Eigenschaft sich in einem Glucosegradienten in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Und zweitens lassen sich diese Eigenschaften nicht dadurch erklären, indem man sie auf Eigenschaften zurückführt, die den Teilen des Lebewesens zueigen sind. Vielmehr werden diese Eigenschaften von Biologen evolutionär erklärt. Drittens sind nicht alle Eigenschaften, die ein Lebewesen hat, für dieses relevant. Der Herzschlag verursacht sowohl eine Verteilung von Nährstoffen im Lebewesen als auch ein Geräusch. Die relevanten Eigenschaften können nur unter Rückgriff auf das ganze System ausgewiesen werden. Was also gebraucht wird um autonome Agenten – und damit auch Lebewesen, insofern sie autonome Agenten sind – zu verstehen ist eine Theorie der Organisation von biochemischen und anderen Prozessen auf der Ebene von Organismen. Leider, so Kauffman, existiert keine adäquate Theorie davon, wie organismische Prozesse sich selbst organisieren, weder in der Naturwissenschaftlichen, noch in der philosophischen Literatur.

49 Stuart Kauffman, Philip Clayton. 2005. S. 510

50 Stuart Kauffman, Philip Clayton. 2005. S. 510 – 516; Stuart Kauffman. 2003. S. 1096 - 1099

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6. Ist Form die Antwort auf die Frage nach der Organisation?

Sowohl bei Kauffman als auch bei Aristoteles sind Lebewesen die Gegenstände die es zu erklären gilt. Ihre Existenz als eigenständige und nicht bloß abgeleitete Gegenstände ist das ontologische Fundament für biologische Fragestellungen. Die Form ihres Daseins wird sowohl von Kauffman als auch Aristoteles als eine solche erkannt, die es nötig macht, neben einfachen Ursache-Wirkungs-Beziehungen eine finale Kausalität anzuerkennen und in der Beschreibung anzuwenden. Kauffmans Ziel in seiner Argumentation ist es, zu erweisen, dass Lebewesen ontologisch emergente Gegenstände sind, oder zumindest diese Position so stark wie möglich zu machen. 51 Für Aristoteles ist der ontologische Status von Lebewesen nicht fragwürdig. Sie sind die Gegenstände, die erklärt werden sollen. Dies wird unter anderem daran deutlich, dass das „Dass es eine Seele“ gibt, also Lebewesen sich durch eine besondere Form auszeichnen, die für sie essentiell ist, am Anfang der Untersuchung in De Anima steht. Dass es sie gibt wird davon abgeleitet, dass es eben Lebewesen gibt. Im folgenden diskutiert Aristoteles, wie diese auf den Körper einwirkt, was die bei weitem interessantere Fragestellung für Aristoteles zu sein scheint. Bei Kauffman dagegen steht das, was seiner Meinung nach genau das ist, was eigentümlich für Lebewesen ist, die ihnen innewohnende, sich fortpflanzende Organisation am Ende seiner Argumentationskette zusammen mit der These der ontologischen Emergenz von Lebewesen und dem was sie tun, die Kauffman verteidigen möchte. Lebewesen sind also sowohl bei Kauffman als auch bei Aristoteles als Komposita, als zusammengesetzte Gegenstände aufzufassen. Es bietet sich also ein Vergleich zwischen der der Materie mitgeteilten sich fortpflanzenden Organisation Kauffmans und der den Körper belebenden Seele Aristoteles' an. Leider lässt sich dies daher nicht stringent durchführen, da die „sich fortpflanzende Organisation“ zwar durch die Bedingungen, um von einem physischen Systemem als Lebewesen sprechen zu können, zwar umrissen werden, diese aber die Ausgestaltung derselben weitgehend offen lassen. Auch ist nicht klar, in wie fern diese Organisation einen Beitrag dazu liefert, Lebewesen als ontologisch emergente Gegenstände zu rechtfertigen. Kauffman nimmt jedenfalls bei seiner Rechtfertigung keinen Rückgriff auf diese, sondern argumentiert an den Stellen wo er dies machen könnte ätiologisch, indem er auf die Notwendigkeit evolutionärer Erklärungen verweist. Besonders deutlich wird dies an dem Punkt, an dem er adaptive bzw. funktionale Merkmale als nicht über physikalische Methoden ausweisbar kennzeichnet und darauf hinweist, dass der Biologe dazu eben die Evolutionstheorie in Anschlag bringt. 52 Er geht nicht weiter auf die Probleme ein, die mit einer solchen Individuation funktionaler Merkmale einhergeht, denn der erste Merkmalsträger hätte dann dasselbe Merkmal, allerdings wäre es noch nicht als funktional auszuweisen. Neuere Ansätze in der Philosophie der Biologie nehmen daher z.B. auf die Selbstreproduktion des Individuums Bezug um solche Merkmale auszuweisen. 53 Es liegt daher nicht fern hier auf die Evolutionstheorie als Stütze zu verzichten und sich auf die Notwendigkeit eines Rückgriffs auf das ganze System und insbesondere seiner Organisation zu berufen. Ein Begriff von „sich fortpflanzender Organisation“ solcher Art wäre nahe an dem Seelenbegriff Aristoteles. Aus aristotelischer Sicht wäre das Bemühen der Evolutionstheorie an dieser Stelle eine Konzession an den unausgearbeiteten Begriff der „sich fortpflanzenden Organisation“. Allerdings scheint auch eine „sich fortpflanzenden Organisation“, die selbst keine Rolle spielt bei der Rechtfertigung des ontologischen Status von Lebewesen und deren Eigenschaften, mit den Ausführungen Kauffmans kompatibel. Die „sich fortpflanzende Organisation“ scheint auch einem Wandel im Laufe der evolutionären Geschichte

51 Stuart Kauffman, Philip Clayton. 2005. S. 502

52 Stuart Kauffman, Philip Clayton. 2005. S. 513

53 Ulrich Krohs. 2008.

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unterworfen zu sein, was sie natürlich der Evolutionstheorie in einer Theorienhierachie unterordnen würde. Dies würde nach sich ziehen, dass, wie bei Dawkins' Konzeption von Lebewesen und ihren Prinzipien, entweder die Evolutionstheorie eine außerbiologische Theorie wäre oder man kein wohlgeordnetes Theoriengebäude aufstellen kann, da sich Evolution und Lebewesen wechselseitig begrifflich voraussetzen. Zudem scheint diese spezifische Organisation ein (Ordnungs-)Prinzip der Lebewesen zu sein. Prinzipien sind aber als solche unveränderlich. Dennoch gleichen sich beide Begriffe von Lebewesen insofern, als dass sowohl Kauffman als auch Aristoteles annehmen, dass das Prinzip der Lebewesen in realiter nicht von diesen isolierbar, sowie selbst nicht materiell ist. Ein weiterer Punkt ist, dass Kauffman auch bei den basalsten Lebewesen die Rede von Handlungen – wenn auch in einem minimalen Sinne – anbringt. Aristoteles lehnt es strikt ab, davon zu reden, dass zum Beispiel Pflanzen handeln, während Kauffman kein Problem haben dürfte zu sagen, dass eine Pflanze handelt, wenn sie sich durch ihr Wurzelwachstum Nahrungsquellen erschließt. Zielgerichtete Aktivität wird von Aristoteles nicht mit Handlungen gleichgesetzt, auch wenn die Fähigkeit zu zielgerichteter Aktivität Vorraussetzung für Handlungen ist. Bei Handlungen muss, so Aristoteles, noch etwas hinzukommen, nämlich mindestens die Fähigkeit zur Wahrnehmung mittels spezifischer Wahrnehmungsorgane. Ohne hier tiefer in die Details zu gehen, möchte ich anmerken, dass es mir sehr fruchtbar erscheint eine Unterscheidung zwischen zielgerichteten Aktivitäten und Handlungen beizubehalten. Mindestens jedoch müsste man den minimalen Sinn, in dem man von Handlungen spricht, genauer spezifizieren. Der Begriff von Lebewesen, so wie er von Kauffman ausbuchstabiert wird, hat also noch mehrere offene Stellen, die geschlossen werden müssten. 54

54 Stuart Kauffman, Philip Clayton. 2005. S. 518; Stuart Kauffman. 2003. S. 1090 f.

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7. Diskussion & Fazit

Im Vergleich der beiden modernen Konzeptionen eines Begriffs vom Lebewesen, wie sie von Kauffman und Dawkins vorgenommen werden, mit dem Begriff von Lebewesen wie wir ihn Aristoteles zuschreiben können, fällt auf, wie uneinheitlich dieser in der modernen Biologie ist. Während Kauffman recht nahe an einem aristotelischen Begriff von Lebewesen zu sein scheint, stellt Dawkins' Entwurf grade zu eine Gegenthese zu diesem dar. Besonders deutlich wird dabei die zentrale Rolle, die den Prinzipien zukommen, von denen ausgehend wir Lebewesen erklären und von denen wir ihren ontologischen Status abhängig machen. Grundsätzlich ist hier die Frage, ob diese Prinzipien als Teil des Lebewesens aufgefasst werden, wie dies bei der Seele als Form des belebten Körpers bei Aristoteles und als sich fortpflanzende Organistation, die an die Materie des lebenden Systems mitgeteilt wird, bei Kauffman der Fall ist, oder ob die Prinzipien etwas sind, was nicht Teil des Lebewesens ist und zwischen beidem eine strikte Trennung eingeführt wird, so wie die Replikator/Vehikel- Unterscheidung Dawkins'. Beide Ansätze scheinen ihre Probleme mit sich zu bringen. Die Prinzipien als Teil des Lebewesens zu begreifen zieht nach sich, dass man ein Problem damit bekommt, die Evolution von Lebewesen zu erklären, wie wir am Beispiel Aristoteles gesehen haben. Prinzipien sind notwendig unveränderlich und wenn die Seele, die erklärt in wiefern ein Lebewesen ein bestimmtes Dies ist ein Prinzip ist, dann muss auch die Seele unveränderlich sein. Unveränderliche Prinzipien, die solcherart Teil von Lebewesen sind, scheinen aber Evolution von Lebewesen undenkbar zu machen. Wir scheinen aber unveränderliche Prinzipien zu bedürfen um überhaupt etwas erklären zu können. Eine Lösung dieses Problems scheint daher zu sein, von Prinzipien für Lebewesen auszugehen, die nicht Teil von Lebewesen selbst sind. Das Problem dabei ist allerdings, dass damit das, was wir eigentlich erklären wollten, nämlich der Wandel von Arten von Lebewesen zu einem bloßen Epiphänomen wird. Damit wird die Eigenständigkeit der Biologie als Wissenschaft insofern hinfällig, als dass es nur per Konvention überhaupt noch Sinn macht, von etwas spezifisch Lebendigem zu reden. Biologie wird insofern reduziert auf Physik und Chemie. Das Projekt zu erklären, was Lebewesen an sich sind und was sie von Unbelebtem unterscheidet, wäre damit gescheitert. Es zeigt sich an dieser Stelle, dass man Biologie nicht rein empirisch betreiben kann. Es gibt Stellen an denen empirische Befunde vor einem metaphysischen Hintergrund interpretiert werden. Dieser metaphysische Hintergrund wird nicht durch die empirischen Daten bestimmt, die Daten können aber wohl aus dem einen oder anderen Hintergrund heraus besser oder schlechter erklärt werden. Dennoch nötigen uns die empirischen Daten, die wir zur Evolution haben nicht, davon abzurücken, dass es etwas spezifisch Lebendiges gibt. Es scheint der Fall zu sein, dass eine Metaphysik, die immaterielle Prinzipien, die Teil der zu erklärenden Gegenstände sind, anerkennt und damit Platz für das spezifisch Lebendige hat, uns den Raum für biologische Theorien gibt, die uns einen Grossteil der biologischen Phänomene erklärlich macht. Dies zu zeigen scheint mir das Verdienst von Kauffmans Argumentation für seine Definition von Autonomen Agenten und deren Realisierung in der Welt als Lebewesen zu sein. Es deutet sich aber auch schon in den Arbeiten Beissons und Sonneborns zur Vererbung nicht genetischer Merkmale an. Wir haben gute Gründe anzunehmen, Lebewesen seien nicht durch etwas nicht zu ihnen Gehörendes vollständig determiniert. Wenn wir diese Gründe akzeptieren, bedeutet das, dass wir annehmen müssen das die Prinzipien der Lebewesen teil derselben sind. Nun bringt Kauffman selbst zur Sprache, dass sein Begriff vom Lebewesen ohne eine Theorie der Organisation nicht vollständig ist. Lebewesen und einige ihrer Auswirkungen auf die Welt sind ohne ein solches Prinzip weder zu erklären noch denkbar. Physiko-chemische Erklärungsversuche scheitern an diesen Aspekten von Lebewesen. All dies und die Typen von

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Erklärungen, die wir benutzen, um Lebewesen zu erklären, implizieren das, was Kauffman „sich fortpflanzende Organisation“ nennt. Wir haben aber, so Kauffman, kein adäquates Konzept für eine solche Organisation. An dieser Stelle möchte ich Aristoteles wieder ins Spiel bringen. Ich denke, dass das, was Aristoteles über den größten Teil von De Anima macht, exakt die Entwicklung eines solchen Konzeptes ist. Die Seele ist ein dem Lebewesen zugehöriges Prinzip, dass nicht nur erklärt, in wie fern ein Lebewesen ein bestimmtes Dies ist, dass sich als Lebendiges von Nichtlebendigem unterscheidet, es ist Ursache des lebendig Seins, also dieses bestimmten Dies-Seins. Dem Umrisse nach wird aufgezeigt, was die Seele ist und wie sie operiert, welche Binnendifferenzierungen es in ihr gibt und wie sie sich von Lebewesen zu Lebewesen unterscheidet. Es wird diskutiert in welchem Verhältnis die Seele zum Körper steht und wie sie mit diesem zusammen ein Lebewesen bildet. Das einzige wirklich schwere Problem für den aristotelischen Begriff von Lebewesen sehe ich in der Schwierigkeit einen solchen Begriff von Lebewesen mit der Evolutionsbiologie zu versöhnen. Ich habe zwei Argumente um den Wert dieses Begriffs für die moderne Biologie zu verteidigen:

Erstens denke ich, dass die Funktion der modernen Evolutionsbiologie, die verschiedenen Bereiche der Biologie zusammenzuhalten, eine Überstrapazierung der Theorie ist, die daraus resultiert, dass ihr kein Begriff von Lebewesen bereit steht, um dies zu leisten. Sobald ein solcher Begriff Eingang in die Biologie findet wird eine allgemeine Theorie des Lebendigen diese Aufgabe übernehmen können. Der Vorteil dabei ist, dass eine solche Theorie ja grade dazu ausgelegt ist die Gemeinsamkeiten der biologischen Phänomene zu erklären und damit für diese Aufgabe besser geeignet sein dürfte als eine Theorie, die eigentlich zur Aufgabe hat den Artwandel zu erklären. Das zweite Argument ist, dass wir mit der Evolutionstheorie einer echten Aporie entgegenstehen, die nicht aus Aristoteles' Begrifflichkeit entspringt, sondern die durch den aristotelischen Begriff des Lebewesens in besonderer Weise bewusst gemacht wird. Evolution fordert, so will mir scheinen, sowohl Veränderung als auch Unveränderlichkeit. Reproduktion scheint mir nämlich begrifflich Fehlerfreiheit zu implizieren. Eine zeitlich unbegrenzte Reihe erfolgreicher Reproduktionen impliziert also eine Reihe von Gegenständen, die der Form nach identisch sind, also eine unveränderliche Form. Und in der Tat ist eine möglichst fehlerfreie Reproduktion ein Fitnesskriterium, etwas woraufhin Evolution wirkt. Wir haben hier also nicht nur ein begriffliches Problem, sondern ein echtes Problem für die Theorie. Denn wie ist dies mit der für Evolution notwendigen Variation vereinbar? Ich denke, dass die Auslagerung der Unveränderlichkeit auf Replikatoren, in Form von unsterblichen Genen, zwar erlaubt, die Evolution ihrer Vehikel, der Überlebensmaschinen zu erklären. Ich denke auch, dass dies ein Vorgehen ist, dass der an anderen Problemen der Evolution interessierte Biologe wählen darf. Diese Auslagerung der Problematik verschleiert aber den Blick auf ein basales Problem und, zum Dogma erhoben, kann sie biologische Forschung unnötig beschränken und behindern, ohne die Probleme wirklich zu lösen. Es stellt sich nämlich im Beispiel der unsterblichen Gene immer noch die Frage, in wie fern Gene unsterblich sind und wie sie dazu kommen, wenn sie scharf vom Vehikel zu unterscheiden sind. 55 Es gibt also drei Gründe, aus denen ich zu dem Schluss komme, dass Aristoteles Begriff vom Lebewesen und die damit implizierte Seelentheorie auch in der modernen Biologie von Bedeutung sind:

55 Auf die Probleme für den Status der Biologie als eigenständige Wissenschaft, die hier drohen, soll hier nicht noch einmal eingegangen werden.

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Die Biologie bedarf einer allgemeinen Theorie des Lebendigen, also dessen was Kauffman eine „Theorie der Organisation“ nennt, um

o

ihren Gegenstand adäquat zu beschreiben

o

die Einzeldisziplinen zusammen zu halten

Ein Begriff des Lebewesens ist dafür Voraussetzung

Aristoteles bietet einen solchen Begriff und eine solche Theorie und damit zumindest einen Ausgangspunkt für weitere Arbeit in diesem Feld

Aristoteles Begriff von Lebewesen und seine Theorie der Seele schärft den Blick für Probleme in biologischen Theorien

Zu der Ansicht, dass der Begriff des Lebewesens, so wie ihn Aristoteles konzipiert, die Beachtung durch moderne Biologen ungeachtet der Probleme, die er in der Konfrontation mit der Evolutionsbiologie aufzeigt oder in die er selbst gerät, verdient und zwar als ernstzunehmende biologische Position und nicht bloß historische Konjektur, mag uns zudem jene Meinung, die Darwin über Aristoteles gegenüber seinem Freund Oogle, äußerte bewegen. Sie stützt sich auf die Lektüre der Übersetzung von De partibus animalium, die Oogle selbst angefertigt und Darwin zugeschickt hatte und die Darwin entgegen der Erwartung seines Freundes begeistert aufnahm, und die Darwin leider bis zu seinem Tod nicht zu Ende führen konnte:

Linnaeus and Cuvier have been my two gods, though in very different ways, but they were mere school-boys to old Aristotle.” 56

Primär

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8. Quellen

DAWKINS, RICHARD. 2008. Das egoistische Gen. (Jubiläumsausgabe) KAUFFMAN, STUART und PHILLIP CLAYTON. 2005. On emergence, agency, and organization. In: Biology and Philosophy (2006) 21:501-521 KAUFFMAN, STUART. 2003. Molecular autonomous agents. In: Phil. Trans. R. Soc. Lond. A 2003 361, 1089-1099 ROSS, W. D. [Hg.]. 1956. Aristoteles: De Anima. In der Übersetzung von Klaus Corcilius und Tim Wagner (01/2007)

Sekundär

BEISSON, J. und T. M. SONNEBORN. 1965. Cytoplasmic inheritance of the organization of the cell cortex of Paramecium aurelia. In: Proc. Natl. Acad. Sci. USA 53:275-282. DOBZHANSKY, THEODOSIUS. 1973. Nothing in Biology Makes Sense Except in the Light of Evolution. In: The American Biology Teacher, 35:125-129. theoretische Biologie EIGEN, MANFRED und PETER SCHUSTER. 1979. The Hypercycle - A Principle of Natural Self Organization. FREDE, MICHAEL. 1995. On Aristotle’s Conception of the Soul. In: MARTHA CRAVEN NUSSBAUM [Hg.]. 1995. Essays on Aristotle’s de Anima. KANT, IMMANUEL. 1790. AA V, Kritik der Urteilskraft. http://korpora.org/Kant/aa05/ KROHS, ULRICH. 2008. Der Funktionsbegriff in der Biologie. In: BARTELS, STÖCKLER. Wissenschaftstheorie SCHARK, MARIANNE. 2005. Lebewesen als ontologische Kategorie. In: KROHS/TOEPFER [Hg.]. 2005. Philosophie der Biologie LAUBICHLER, MANFRED D. Systemtheoretische Organismuskonzeptionen. In: KROHS/TOEPFER [Hg.]. 2005. Philosophie der Biologie LENNOX, JAMES. 07/2006. Aristotle's Biology. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy. http://plato.stanford.edu/ MATTHEWS, GARETH B. 1995. De Anima 2. 2-4 and the Meaning of Life. In: MARTHA CRAVEN NUSSBAUM [Hg.]. 1995. Essays on Aristotle’s de Anima.