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Eberhard Karls Universität Tübingen Philosophisches Seminar HS: Willensfreiheit und moralische Verantwortung WS 2011/12 PD Dr. Doris Gerber

Determinismus, Willensfreiheit und moralische Verantwortung

Jan Schwart

Philosophie, NdL Reichenberger Straße 72 10999 Berlin jan.schwart@gmail.com

Einleitung

Wie kann eine Theoriebildung des Determinismus im Sinne einer Philosophie des Geistes aussehen? Kann eine solche Theorie für die Idee der Willensfreiheit erbracht werden? Was wären die Konsequenzen der Wahrheit solcher Theorien? Die vorliegende Seminararbeit soll versuchen, diese Fragen anhand der Determinismus-Theorie von Ted Honderich, wie sie in „Wie frei sind wir? Das Determinismus-Problem“ 1 dargelegt wird, zu explizieren und zu beantworten. Im ersten Teil der Arbeit werde ich zunächst Honderichs Konzeption und Begründung eines strengen Determinismus darstellen. Der zweite Teil der Arbeit wird sich mit im Kontext des Determinismus auftretenden Problemen der Freiheit beschäftigen. Dabei soll vor allem das Thema der Erstauslösung von Handlungen und das Spannungsfeld zwischen Inkompatibilismus und Kompatibilismus im Blickpunkt stehen. Der Dritte Teil wird sich mit Konsequenzen und Implikationen des Determinismus beschäftigen. Es handelt sich dabei zum einen um personenbezogene Konsequenzen und mögliche Reaktionen, zum anderen um Konsequenzen für gesellschaftliche Institutionen und moralische Grundsätze, wie etwa das Thema Strafe. Im Anschluss daran möchte ich kurz meine eigene Sicht auf die Sache erarbeiten.

1 Honderich, Ted: Wie frei sind wir? Das Determinismus-Problem. Stuttgart, 1995.

1. Determinismus:

Der Determinismus, wie Honderich ihn anstrebt, ist im Grunde genommen die Vorstellung, dass die gewöhnliche Kausalitätsvorstellung auf uns und unser Leben zutrifft und wir den Kausalgesetzen unterliegen. 2 Was die Theoriebildung angeht stellen sich daher zwei wesentliche Fragen: Unterliegen wir wirklich der Kausalität und wenn ja, was sind die Konsequenzen?

Kausalität

Honderichs Kausalitätsbegriff beschreibt Kausalität ganz grundlegend als eine Beziehung zwischen zwei Dingen, die sich in einer Konditionalaussage beschreiben lässt („wenn p, dann q“). Solche Beziehungen sind „Fakten dieser Welt“ 3 und da Konditionalaussagen genauso wie nicht-konditionale Aussagen auf die Realität zutreffen, existieren Kausalbeziehungen auch in der Realität (und nicht nur in der Vorstellung). 4 Treffen wir Konditionalaussagen dieser Art, so implizieren wir in der Aussage „wenn p, dann q“ allerdings mehr als nur die Aussage, dass beim Auftreten der Einzelursache p sich die Wirkung q einstellt, und zwar insofern, dass wir die eigentliche Wirkung als eine Menge von Dingen begreifen, die die Einzelursache p beinhaltet. Diese Menge von Dingen kann sozusagen als Gesamtursache der Wirkung betrachtet werden – Honderich spricht vom kausalen Bedingungskomplex 5 . Kausale Bedingungskomplexe sind derart beschaffen, dass sie in einer Konditionalaussage neben der Einzelursache alle Begleitumstände und Bedingungen berücksichtigen, die gelten müssen, damit die entsprechende Wirkung eintritt. Daher kann ebenfalls gesagt werden, dass kausale Bedingungskomplexe so beschaffen sind, dass auf gleiche Bedingungskomplexe auch immer gleiche Wirkungen folgen und sogar folgen müssen – aus kausalen Bedingungskomplexen hervorgehende Wirkungen werde also notwendig herbeigeführt:

„Da er [der kausale Bedingungskomplex] eingetreten ist, stellt sich die Wirkung auf jeden Fall selbst dann ein, wenn X vorkommt“ 6 . Diese Art von Wirkung nennt Honderich auch

2 Vgl. ebd. S. 9.

3 Ebd. S. 21.

4 Vgl. ebd.

5 Ebd. S. 17.

6 Ebd. S. 21.

Standartwirkung. Kausaler Bedingungskomplex und die auf ihn folgende Wirkung stehen also in nomischer Verbindung zu einander. Von besonderer Bedeutung für den Determinismus ist hierbei der Umstand, dass die Bestandteile eines kausalen Bedingungskomplexes in der Regel ihrerseits wiederum Wirkungen sind, d. h. der Bedingungskomplex die Wirkung eines früheren Bedingungskomplexes ist. Dieser frühere Bedingungskomplex hat also ebenfalls die letztendliche Wirkung notwendig herbeigeführt: Es entsteht eine Kausalkette. Es gibt, so Honderich, noch andere Arten von nomischen Verbindungen, und zwar die der nomischen Korrelate. Nomische Korrelate sind zur gleichen Zeit gegeben (im Gegensatz zu Kausalbeziehungen, wo die Ursache der Wirkung zeitlich voran geht). 7 Dieser Wirkungsbegriff betrifft bisweilen nur unsere Vorstellung – er lässt keine Schlussfolgerungen auf die reale Welt zu. Ob wir selbst der Kausalität unterliegen oder unsere geistigen Ereignisse Wirkungen sind, kann bis hierhin nicht geschlussfolgert werden. Honderich macht allerdings den Punkt, dass doch wohl mindestens einige Vorgänge in der realen Welt im Sinne eines solchen Kausalitätsbegriffs ablaufen würde: „Wo würden wir denn sonst diese Vorstellung hernehmen?“ 8 Ob wir als Personen, das heißt unser Denken und Handeln dem Determinismus unterliegen, führt in diesem Kontext zunächst zu folgender Frage: Sind Gehirn und Geist ein nomisches Korrelat?

Entscheidungen und Handlungen

Geistige Ereignisse sind etwas Reales, sie existieren in Raum und Zeit. Die Existenz geistiger Ereignisse hat ein erkennbares Wesen, was in ihrer interdependenten Dualität liegt. Neurale Ereignisse haben elektrochemische Eigenschaften. Das Verhältnis zwischen geistigen und neuralen Eigenschaften soll daher mit drei Vorstellungen in Einklang stehen: 9

1. Die Vorstellung der psychoneuralen Inimität

2. Die Vorstellung, dass geistige Ereignisse von sich auch Einfluss auf Handlungen haben (gegen Epiphänomenalismus)

3. Die Vorstellung, dass neurale Ereignisse ebenfalls zur Erklärung von Handlungen beitragen (Common Sense, Neurowissenschaft)

7 Vgl. ebd. S. 22: Honderich geht davon aus, dass die Vorstellung der Vorzeitigkeit bei Kausalbeziehungen mitgedacht wird.

8 Ebd. S. 23.

9 Ebd. S. 35 ff.

Honderich argumentiert folgendermaßen gegen eine Identitätstheorie als Lösungsansatz für die Erklärung geistiger Ereignisse:

Entweder sagt eine Identitätstheorie, dass geistige Ereignisse nur geistige Eigenschaften haben, also Eigenschaften, auf die durch ihre interdependente Dualität verwiesen wird. Dies würde bedeuten, dass auch neurale Ereignisse nur geistige Eigenschaften haben (und keine elektrochemischen). Da geistige und neurale Ereignisse als identisch angesehen werden, muss für beide auch das gleiche gelten: Wenn man also sagt, geistige Ereignisse haben nur geistige Eigenschaften, folgt daraus, dass auch neurale Ereignisse nur geistige Eigenschaften, was ein Widerspruch ist, wenn man ihnen elektrochemische Eigenschaften als wesentlich zuschreibt. Weiter ist eine Gleichsetzung von geistigen und neuralen Eigenschaften im Sinne einer Identitätstheorie auch dann nicht schlüssig, wenn geistigen Ereignissen sowohl die hervorstechenden Eigenschaften der interdependenten Dualität als auch elektrochemische Eigenschaften zugeschrieben werden, denn eine solche Gleichsetzung bedeutet im Grunde, dass es sich um ein einziges Ereignis handelt, dass zwei Arten von Eigenschaften besitzt. Eine Identitätstheorie verfehlt die Bedingung der psychoneuralen Intimität und ist darüber hinaus anfällig für den Vorwurf des Epiphänomenalismus. Honderich formuliert darauf folgende Bedingungen einer, wie er sie nennt, Vereinigungstheorie: 10

1. Geistige und neurale Ereignisse sind nomische Korrelate

2. Jedes dieser beiden Ereignisse gehört zu einem kausalen Bedingungskomplex für das Eintreten einer späteren Handlung, sofern sich daraus eine Handlung ergibt.

Zu 1.: Wenn N ein in bestimmter Art und Weise geartetes Korrelat von G ist, dann gilt (außer dass N immer von G begleitet wird) des weiteren, dass auch jedes Gegenstück von N von einem entsprechenden Gegenstück von G begleitet wird.

Zu 2.: Unsere Handlungen werden durch unsere Wünsche und Überzeugungen und durch die neuralen Vorgänge in unserem Gehirn erklärt (entsprechend der Annahme, dass kausale Bedingungskomplexe aus verschiedenen Teilen bestehen).

10 Ebd S. 41.

Die Vereinigungstheorie sieht gleichzeitige geistige und neurale Ereignisse weder als identisch noch als den gleichen Gegenstand darstellend an, sondern fasst sie als nomische Korrelate auf, die sogenannte psychoneurale Paare bilden. Beide Ereignisse gehören zu einem gemeinsamen kausalen Bedingungskomplex für das Eintreten einer späteren Handlung (sofern sich eine Handlung ergibt). Daher gilt auch, dass im Falle einer Wiederholung eines neuralen Ereignisses sich auch das entsprechende geistige Ereignis wiederholt. Da beide Ereignisse (als psychoneurales Paar) als Bestandteil eines kausalen Bedingungskomplexes auftreten, sind sie ihrerseits wiederum (reale) Wirkungen. Jedes psychoneurale Paar ist die Wirkung einer vorher gegebenen Menge von Elementen. Diese Menge an Elementen beinhaltet Erbanlagen und Umwelteinflüsse, durch welche die psychoneuralen Paare im deterministischen Sinne festgelegt sind. Eine Entscheidung samt ihrem neuralen Korrelat kann demnach als eine Wirkung angesehen werden, die am Ende einer Reihe von kausalen Bedingungskomplexen steht. Der Ausgangskomplex dieser Reihe enthält neurale und physische Ereignisse aus der Zeit vor der ersten Bewusstseinsbildung der betreffenden Person sowie weitere zu diesem oder späterem Zeitpunkt anwesende Umweltereignisse. An dieser Stelle kann auch festgehalten werden, dass die betreffende Person bis hierher weder für die besagten neuralen oder physischen Ereignisse noch für die Mehrheit der Umweltereignisse verantwortlich sein kann. Um die Theoriebildung des Determinismus abzuschließen, benötigt Honderich einen kausalen Handlungsbegriff, der mit der Vorstellung einer nomischen Korrelation von geistigen und neuralen Zuständen in Einklang gebracht werden kann. Dabei soll gelten, dass eine Handlung zwar mit einem geistigen Ereignis in Beziehung steht, dieses geistige Ereignis selbst aber keinen Bestandteil der Handlung bildet. 11 Diese Beziehung zum geistigen Ereignis unterscheidet Handlung dabei von bloßer Bewegung: Ist vor oder während einer Bewegung eine aktive Absicht gegeben, so ist die Bewegung eine Handlung. Schließen solche aktiven Absichten weitere Überzeugungen im Hinblick auf die kommende Bewegung ein (prognostische Überzeugungen), dann repräsentieren diese Absichten die Bewegung. 12 Darüber hinaus gilt, dass, insofern die durch Absichten repräsentierten Bewegungen Handlungen sind, die Absichten auch Ursachen dieser Bewegung bzw. Handlung sind. 13 Damit gelangt man zu einem

11 Vgl. ebd. S. 69.

12 Vgl. ebd. S. 76.

13 Vgl. ebd. S. 77.

Handlungsbegriff, der hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Bewegung bzw. Handlung und geistigem Ereignis zwei für die vorliegende Theorie des Determinismus wesentliche Verbindungen aufweist: eine Kausal- und eine Repräsentationsverbindung. Honderichs Theorie des Determinismus setzt sich also aus folgenden Hauptbestandteilen zusammen: Dem Kausalitätsbegriff und der Vorstellung von Kausalketten, der Vorstellung geistiger und neuraler Ereignisse als psychoneurale Paare die in nomische Verbindung zueinander stehen (Vereinigungstheorie) und dem kausalen Handlungsbegriff, nach dem Handlungen ebenfalls Wirkungen einer Kausalkette sind. 14

2. Freiheit

Welche Bedeutung hat nun der Determinismus für die Frage nach der Freiheit? Wie verhält sich der Determinismus zur Idee der Willensfreiheit und was kann in diesem Kontext über freies Handeln und moralische Verantwortung gesagt werden?

Willensfreiheit

Was die Problematik zwischen Determinismus und Willensfreiheit angeht, soll die Idee der Willensfreiheit hier vor allem in Bezug auf die Frage nach der Verantwortung für unsere Entscheidungen und Handlungen betrachtet werden. Gibt es Willensfreiheit im Determinismus? Diese Frage hängt zuallererst einmal daran, was unter Willensfreiheit verstanden wird. Eine grundlegende Version eines Begriffs von Willensfreiheit ist die, dass Willensfreiheit bedeutet, prinzipiell zu jedem gegebenen Zeitpunkt unter den gleichen Umständen und Bedingungen diese oder jene Handlung vollziehen zu können, d. h. dass es möglich sei, zu jedem Zeitpunkt jede mögliche Handlung auszuführen. Sie beruht auf einer indeterministischen Auffassung insbesondere im Hinblick auf Ereignisse wie Entscheidungen und Handlungen. Eine solche Auffassung von Willensfreiheit erscheint zunächst im krassen Gegensatz zum Determinismus, da es hier geistige Ereignisse (wie Entscheidungen) geben kann, die keine notwendig herbeigeführten Wirkungen, wohl aber Ursachen sind. Geht man davon aus, dass Determinismus und Indeterminismus im Hinblick auf die Beschaffenheit oder das Zustandekommen von Entscheidungen und Handlungen sich widersprechende

14 Vgl. ebd. S. 80.

Standpunkte bilden, ergeben sich für die Annahme, dass der Determinismus wahr ist, zwei Positionen: Entweder man geht davon aus, dass Willensfreiheit zwangsläufig indeterministisch ist, dann folgt aus der Annahme des Determinismus, dass es keine Willensfreiheit gibt (Inkompatibilismus). Oder man geht davon aus, dass Willensfreiheit nicht notwendigerweise indeterministisch beschaffen sein muss und Willensfreiheit und Determinismus logisch miteinander vereinbar sind (Kompatibilismus). Was den Konflikt zwischen kompatibilistischen und inkompatibilistischen Ansätzen angeht, vertritt Honderich einen ganz eigenen Standpunkt. Doch zunächst sollen noch einige Aspekte der Problematik von Determinismus und Indeterminismus im Hinblick auf Willensfreiheit erörtert werden. Betrachtet man die allgemeinen uns umgebenden Lebensumstände, so ist der Konflikt, der zwischen Determinismus und Willensfreiheit herrscht, leicht zu sehen. Wir gehen in sehr großem Umfang von der Vorstellung aus, dass die Dinge um uns herum, die Ereignisse, die wir in der Welt beobachten, kausalen Zusammenhängen folgen – alles hat eine Ursache, nichts geschieht. Gleichzeitig haben wir aber eine Vorstellung davon, dass wir unser Leben und Handeln doch selbstständig bestimmen, dass wir freie Entscheidungen nach unseren eigenen Wünschen und Überzeugungen treffen und dabei die meiste Zeit über alternative Möglichkeiten verfügen. Doch wie kann das möglich sein in einer Welt, die einem Determinismus, wie er hier beschrieben wird, unterliegt? Um dieser Frage nachzugehen, kann man auch andersherum fragen: Garantiert der Indeterminismus Willensfreiheit? Es gibt gute Gründe dafür, die kausale Gesamtstruktur der Welt, wie der Determinismus sie annimmt, in Frage zu stellen. Einer der meistdiskutierten Punkte in dieser Hinsicht dreht sich um Erkenntnisse der Quantenmechanik bzw. um deren Interpretation. Die Quantenmechanik bildet einen der größten Angriffspunkte für die Theorie des Determinismus, und auch Honderich scheint sich dessen bewusst zu sein. Was die Quantenmechanik nämlich auf experimenteller Grundlage zeigen kann, ist eben gerade Indeterminismus, d. h. es können auf Teilchen-Ebene Phänomene beobachtet werden, die keinerlei Ursache-Wirkungs-Verhalten zeigen, sondern sich nur noch in Wahrscheinlichkeiten beschreiben lassen. Damit scheint der Indeterminismus kurzerhand bewiesen zu sein: Die allumfassende Kausalitätsvorstellung des Determinismus scheint widerlegt und die Willensfreiheit gerettet. Doch Honderich argumentiert dagegen. Wenn wir von Determinismus sprechen, dann meinen wir damit keine Quantenphänomene, wir meinen Vorgänge in der Welt die uns umgibt und die unserem gewöhnlichen Selbstverständnis und unserer Erfahrung gemäß

nach kausalen Mustern einer newtonschen Physik funktioniert. Auf „Mikroebene“ feststellbare lokale Indeterminiertheiten haben nicht notwendigerweise zur Folge, dass sich ein Indeterminismus auch auf die „Makroebene“ (die Ebene, auf der sich neurale Ereignisse, Entscheidungen, Handlungen, Umwelteinflüsse etc. abspielen) ausweiten lässt. 15 Die Ergebnisse der Quantenmechanik stellen für Honderich hierbei also kein valides Argument gegen den Determinismus oder für den Indeterminismus dar. Ein solcher „Beinahedeterminismus“ beinhaltet weiterhin alle ausschlaggebenden Aspekte der hier vorgelegten Determinismustheorie. 16 Doch selbst wenn man auch den Beinahedeterminismus beiseite lässt und von der Vorstellung einer tatsächlich vollständig indeterminierten Welt ausgeht, zeigen sich hinsichtlich der Willensfreiheit Probleme. In einer solchen indeterminierten Welt würde der Indeterminismus auch für unsere neuralen oder geistigen Ereignisse gelten, so dass es bisweilen sehr fraglich erscheinen würde, überhaupt noch von Wille oder Entscheidung zu sprechen. Entscheidungen würden zu bloßem Zufall zerfallen und auf gewisse Weise vollkommen zusammenhangslos ablaufen. Was würde eine Entscheidung dann noch zu einer Entscheidung einer Person machen? Oder zu einer Entscheidung, etwas bestimmtes zu tun? Bis hierhin trifft der Indeterminismus demnach auf prinzipielle und strukturelle Probleme, die eine zufriedenstellende Erklärung von Willensfreiheit, wie sie hier verstanden werden will, nicht erlauben. Darüber hinaus lässt sich einfach erkennen, dass hier dieselbe Art von Problem auch für das Thema der moralischen Verantwortung gelten würde. Um einer solchen indeterminierten Welt zu entgehen und trotzdem sicherzustellen, dass wir eine nicht von außen kausal bedingte Willensfreiheit besitzen, kann die Vorstellung der Erstauslösung ins Spiel gebracht werden. 17 Bei dieser Vorstellung geht es um einen erstauslösendes Selbst oder Ich, welches von sich aus, also ohne notwendige Bedingtheit, Entscheidungen trifft und daher Urheber unserer Handlungen ist. Der vielleicht wichtigste Aspekt der Vorstellung der Erstauslösung ist der, dass mit Hilfe dieses Modells die Frage nach der moralischen Verantwortung für unsere Entscheidungen und Handlungen mit einem mal sehr einfach erscheinen: Als Erstauslöser sind es eben wir selbst, die als Urheber unserer Entscheidungen und damit unserer Handlungen in Erscheinung treten. Da wir uns hierbei frei von kausaler Bedingtheit befinden, haben wir als Erstauslöser auch die Möglichkeit, in jeder

15 Vgl ebd. S. 93 ff.

16 Vlg. ebd. S. 99

17 Vgl. ebd. S. 55 ff.

Entscheidungssituation auch eine alternative Entscheidung zu treffen und können daher als direkt moralisch verantwortlich für unser Entscheiden oder Handeln angesehen werden. Für Honderich ist die Idee der Erstauslösung vor allem in zweierlei Hinsicht nicht haltbar. Zum einen kann sie keine Erklärung für den Zusammenhang von geistigen und neuralen Ereignissen liefern: 18 Auf welche Art und Weise soll ein durch ein erstauslösendes Selbst hervorgebrachtes geistiges Ereignis (etwa eine Entscheidung) mit seinem neuralen Partner verknüpft sein, wenn das geistige Ereignis einzig und allein durch das Selbst ausgelöst wird? Das gleiche gilt für ein auf ein geistiges Ereignis folgendes weiteres geistiges Ereignis und dessen neuralen Partner. Die geistigen Ereignisse untereinander müssten auf irgendeine (nicht kausale) Art und Weise durch das Selbst verbunden sein. Wie die neuralen Partner beider geistiger Ereignisse in so einem Fall miteinander verbunden sein sollen, bleibt hingegen noch unklarer, schließlich kann keines der Ereignisse als Wirkung eines entsprechenden vorherigen Ereignisses angesehen werden. Dies gilt insbesondere dann, wenn wir mit Hilfe der Vorstellung des Selbst als Erstauslöser von Entscheidungen moralische Verantwortung zuschreiben wollen, denn um dies zu tun muss ja gerade ausgeschlossen werden, dass der neurale Partner eines geistigen Ereignisses die Wirkung eines vorangegangen neuralen Ereignis (bzw. psychoneuralem Paar) ist. Zum anderen stellt sich natürlich die Frage was genau ein solches Selbst eigentlich sein soll. Es reicht offensichtlich nicht aus, es im Sinne eines geistigen Ereignisses durch das Merkmal der interdependenten Dualität zu erklären – das Selbst müsste unabhängig und außerhalb von geistigen Ereignissen existieren. Wesen und Beschaffenheit des Selbst sind der Erfahrung in keinerlei befriedigender Art und Weise zugänglich, was die gesamte Vorstellung dieses Selbst und der Erstauslösung für eine empirische Theorie 19 , wie Honderich sie anstrebt, ungeeignet macht. 20 Das gleiche gilt für teleologische Erklärungsversuche der Erstauslösung. 21

Kompatibilismus und Inkompatibilismus

Die bis hierher gemachten Erklärungsversuche zur Problematik der Willensfreiheit haben gemeinsam, dass sie auf irgendeine Weise von einem Inkompatibilismus ausgehen. Die Vorstellung von Willensfreiheit, wie sie bis jetzt angenommen wurde, scheint nicht vereinbar zu

18 Vgl. ebd. S. 56 ff.

19 Vgl. ebd. S. 101.

20 Vgl. ebd. S. 60.

21 Vgl. ebd. S. 61.

sein mit der Vorstellung einer umfassenden kausalen Vernetzung, wie der Determinismus sie annimmt. Dem Inkompatibilismus zufolge verhält es sich entweder so, dass, wenn der Determinismus wahr ist, wir keine Willensfreiheit haben, oder wenn wir Willensfreiheit haben, der Determinismus nicht wahr ist (da Willensfreiheit immer Erstauslösung einschließt). Doch was diese Ansätze auch zeigen ist, dass ein von den gleichen Faktoren ausgehender Kompatibilismus nicht möglich scheint. Unser Bild von uns selbst als nicht determinierte Urheber von Entscheidungen und Handlungen im Sinne der Willensfreiheit scheint nicht logisch vereinbar zu sein mit der allgemeinen Kausalitätsvorstellung bzw. der Vorstellung der vollständigen Determiniertheit der Welt durch Kausalvorgänge. Aus der Determiniertheit der Welt folgt also, dass wir auf irgendeine Art und Weise nicht frei sind. Diese Position allerdings bestreitet der Kompatibilismus, denn kompatibilistischer Auffassung sind Determinismus und Freiheit sehr wohl logisch miteinander vereinbar. Möglich wird diese Position durch ein von Anfang an andersartiges Verständnis von Freiheit:

„One fundamental proposition of Incompatibilism is that we all share one settled idea, or anyway one that is important, of a free action for which the agent may be held morally responsible. A second fundamental to Incompatibilism is that in fact this is an idea of an action both voluntary and originated. A third fundamental proposition is that there can be no such actions if determinism or near-determinism is true. It is also fundamental to Incompatibilism that the principal philosophical problem of determinism and freedom is that of somehow proving its second and third propositions. Compatibilism shares the proposition that we have one settled idea of a free action. But it supposes that this idea is only voluntary, and hence there can be such actions if determinism is true. It has a counterpart idea of the problem of freedom and determinism.“ 22

Kompatibilismus und Inkompatibilismus gehen zwar beide von einer allgemeinen Vorstellung einer freien Handlung aus, jedoch wird der Begriff der freien Handlung in beiden Positionen unterschiedlich aufgefasst. Der Kompatibilismus fasst, so Honderich, eine freie Entscheidung oder Handlung vor allem dann als frei auf, wenn sie als selbständig 23 gilt. Sie steht dann im Einklang mit den Wünschen und Überzeugungen der handelnden Person. 24 Im Gegensatz dazu ist die Selbstständigkeit einer Entscheidung oder Handlung im Inkompatibilismus zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung dafür, dass sie als frei gilt. Eine freie

22 Honderich, Ted: „Compatibilism, Incompatibilism and the Smart Aleck“, in: Philosphy and Phenomenological Research, Vol. 56, No. 4, December 1996, S. 855.

23 Vgl. Honderich, Ted: 1995, S. 126.

24 Vgl. ebd. S. 145.

Entscheidung ist hier immer selbstständig und erstausgelöst. 25 Gemeinsam ist beiden Positionen die Ansicht, dass um einer handelnden Person Verantwortung zuzuschreiben, eine freie Handlung vorhanden sein muss, die Bedeutung dessen, was eine freie Handlung auszeichnet, variiert lediglich. Wichtig ist dabei, dass beide Positionen davon ausgehen, dass wir alle die Vorstellung der freien Handlung teilen (laut Inkompatibilismus ist es eben diese, laut Kompatibilismus jene Vorstellung). Man sieht also, dass Kompatibilismus und Inkompatibilismus nur insofern gegensätzliche Position hinsichtlich der Problematik zwischen Determinismus und Freiheit sind, dass sie von jeweils ihrer Definition einer freien Handlung ausgehen. Hier setzt Honderich an, um zu zeigen, dass weder der Kompatibilismus noch der Inkompatibilismus zur Lösung des Problems hinsichtlich Determinismus und Freiheit geeignet ist. 26

3. Falls der Determinismus wahr ist

Reaktionen und Konsequenzen

Bevor es darum geht, wie eine Lösung des Determinismus-Freiheits-Problems aussehen kann, ist es sinnvoll, einen Blick auf das zu werfen, was man als Konsequenzen oder Implikationen desjenigen Falles ansehen kann, dass der Determinismus tatsächlich wahr ist. Zunächst soll es dabei um Reaktionen auf diesen Fall gehen. 27 Honderich geht dabei auf drei Hauptkonsequenzbereiche ein 28 , auf die gerichtet Reaktionen hinsichtlich der Wahrheit des Determinismus erfolgen würden, folgende Bereiche umfassen: Lebenshoffnungen, Einstellungen gegenüber anderer Personen und Erkenntnis. Für jeden dieser Bereiche gilt, dass wir zunächst zwei mögliche Reaktionen zeigen können, sobald wir den Determinismus annehmen. Diese Reaktionen sind laut Honderich einerseits Bestürzung und andererseits Unnachgiebigkeit. Welche der beiden Reaktionen hervorgerufen wird, hängt in allen Fällen von der Konzeption des Gefühls ab, welches mit dem Fürwahrhalten des Determinismus konfrontiert wird. Ist unsere Auffassung eines Gefühls oder einer Einstellung aus seiner Konzeption heraus mit dem Determinismus vereinbar, so reagieren wir mit Unnachgiebigkeit. Unnachgiebigkeit bedeutet, dass durch die Wahrheit des Determinismus sich keine wesentlichen Veränderungen das jeweilige Gefühl betreffend ergeben würden. Dies ist dann der Fall, wenn wir bezüglich

25 Vgl. ebd. S. 146.

26 Vgl. edb. S. 147.

27 Vgl. edb. S. 116 ff.

28 Vgl. edb. S. 134.

(zukünftiger) Entscheidungen oder Handlungen, die mit diesem Gefühl einhergehen oder mit ihm verbunden sind, davon ausgehen, dass sie selbstständig ausgeführt würden und dass diese Selbstständigkeit als hinreichendes Kriterium einer freien Handlung dient (ähnlich dem im Kompatibilismus angenommenen Verständnis einer freien Handlung). Eine solche selbstständig vollzogene Handlung stünde schließlich nicht im Widerspruch zum Determinismus und daher würde in so einem Fall „alles beim alten bleiben“. Haben wir es demgegenüber mit einem Gefühl (einer Lebenshoffnung etc.) zu tun, auf das eine nach unserer Auffassung nach mit Erstauslösung verbundene Entscheidung oder Handlung folgen würde (also eine Handlung die im Sinne des Inkompatibilismus selbstständig und erstausgelöst sein muss), so reagieren wir mit Bestürzung über die Wahrheit des Determinismus, da eine solche Entscheidung oder Handlung damit nicht vereinbar wäre. Dieser ambivalente Reaktionsmechanismus kann auch für das Thema der moralischen Verantwortung geltend gemacht werden. Je nach dem ob ich bei der Zuschreibung von moralischer Verantwortung (sowohl im negativen als auch im positiven Sinne) im Hinblick auf die Entscheidung oder Handlung einer Person von einer selbstständigen oder einer selbstständigen und darüber hinaus erstausgelösten Handlung ausgehe, fällt mein Urteil gegebenenfalls unterschiedlich aus. Diese Problematik funktioniert auch in die andere Richtung, denn ich kann auch durch die Zuschreibung von Verantwortung in Konflikt zum Determinismus geraten. 29 Besonders deutlich wird das Problem im Bereich der moralischen Verantwortung, da hier auch die Vereinbarkeit von betreffenden moralisch zu bewertenden Situationen mit dem Determinismus durchaus zu Bestürzung führen kann. 30 Ingesamt kann festgehalten werden, dass die beiden Reaktionen Bestürzung und Unnachgiebigkeit auch zum großen Teil inkonsistent oder sogar widersprüchlich sind 31 . Sie spiegeln auf gewisse Weise wider, was im Konflikt der Freiheitsbegriffe von Inkompatibilismus und Kompatibilismus bereits hervorgetreten ist und werden letztlich auch von Honderich als unbefriedigend abgewiesen. 32 Zur Lösung des Problems von Determinismus und Freiheit ist demnach zweierlei nötig: Erstens eine Auffassung dessen, was eine freie Handlung ist, die sich zum einen der besagten Problematik entzieht, die entsteht, wenn man den Inkompatibilismus und Kompatibilismus als einander entgegen gesetzte Erklärungsversuche des gleichen Problems ansieht und zum anderen

29 Vgl. edb. S. 136.

30 Vgl. ebd.

31 Vgl. edb. S. 159.

32 Vgl. edb. S. 156.

die Frage nach der moralischen Verantwortung beantwortet; und zweitens „eine befriedigende Reaktion auf das wahrscheinliche Zutreffen des Determinismus zu finden oder zu erarbeiten“ 33 . Wie man bereits gesehen hat, ist es durchaus der Fall, dass wir im Angesicht des Determinismus zu verschiedenen Reaktionen im Hinblick auf unsere Gefühle und die Zuschreibung von moralischer Verantwortung kommen, und dass der Grund dafür in den verschiedenen Ansichten dessen liegt, was wir über das Zustandekommen von (zukünftigen) Entscheidungen und Handlungen glauben. Von dieser Annahme ausgehend lässt sich schließen, dass wir dann ebenfalls verschiedene Auffassungen von einer freien Handlung haben, nämlich zum einen die selbstständigen und zum anderen die selbstständigen und erstausgelösten.

„My own view in one part is that it is provable that each of us has two different and important attitudes with respect to moral responsibility, attitudes being complexes including desires and evaluations. It is provable, also, that we act differently on these two attitudes, as in the case of punishment. These propositions necessarily presuppose that each of us has two ideas of a free action. […] It is thus my view that the principal philosophical problem about determinism and freedom cannot possibly be what Incompatibilists and Compatibilists take it to be, proving that we have a single idea.“ 34

Es liegt auf der Hand, dass vor dem Hintergrund, dass wir tatsächlich zwei Auffassungen von freier Handlung haben, die Annahme des Determinismus problematisch erscheint. Der Determinismus kann einen auf diese Art und Weise abgesteckten Rahmen unserer Gefühle und Einstellungen nicht zufriedenstellen. Um diesen Rahmen neu zu stecken, schlägt Honderich daher eine dritte Reaktion vor, welche für alle drei Konsequenzbereiche zufriedenstellend sein soll. Was konkret getan werden muss, um den Determinismus für wahr zu halten, ist zu „versuchen, alles aufzugeben, was auf Vorstellungen beruht, die zum Determinismus in Widerspruch stehen“ 35 . Dazu gehören beide Seiten unserer Einstellungen gegenüber Handlungen. Es reicht nicht, sich etwa einfach auf diejenigen Einstellungen zu konzentrieren, die nur auf die Selbstständigkeit von Handlungen abheben, denn auch die Reaktion der Unnachgiebigkeit gestattet es uns eigentlich nicht „so weiterzumachen, als werde durch den Determinismus nichts verändert. Es gelingt uns nicht, uns hinter diesen Einstellungen zu

33 Ebd. S. 155.

34 Vgl. Honderich, Ted: 1996, S. 856.

35 Vgl. ebd. S. 160.

verbarrikadieren“ 36 . Diese neue Reaktionsweise nennt Honderich Bejahung 37 . Sie ist das Wertschätzen dessen, an dem wir, sowohl was unsere Einstellungen und Gefühle als auch unser Verhalten betrifft, festhalten können, falls der Determinismus wahr ist und die Aufgabe all

dessen, an dem wir nicht festhalten können. „[

sein Empfinden mit Bezug auf einen Bereich des Lebens zu ändern.“ 38 Die Reaktion der Bejahung ist in gewissem Maße eine Einbettung des Determinismus in eine Lebensphilosophie und damit die einzige Lösung des Determinismusproblems. 39 Ein möglicher Ansatz, dies zu erreichen, könnte im Hinblick auf die (außermenschliche) Natur gemacht werden. In der Philosophie- oder Geistesgeschichte gibt es eine Vielzahl von Erklärungsmodellen die auf das Verhältnis zwischen Mensch und Natur eingehen, Honderich erwähnt in diesem Zusammenhang etwa die Naturphilosophie Spinozas, aber auch die Literatur der Romantik. Honderich schlägt mit der Idee, in Einklang mit der Natur als Identifikationsgegenstand zu leben, hierbei fast versöhnliche Töne an; es wäre die Versöhnung mit dem Determinismus. 40 Auch was die konkrete, hier dargelegte Determinismustheorie angeht, so „beruht diese enge Verbindung sowohl auf der Beziehung zwischen Geist und Gehirn als auch auf der kausalen Bestimmtheit unserer ganzen geistigen Existenz“. 41 Ein anderer Ansatz, der sich durchaus auch in den Bereich des Moralischen erstreckt, kann hierbei im Zusammenhang mit unseren Einstellungen und Gefühlen gemacht werden. Für unsere Gefühle und unsere Zuschreibungen moralischer Verantwortung gilt, dass sie sich sowohl gegen andere Personen als auch gegen uns selbst richten können. Richten sich Gefühle oder moralische Ansichten gegen mich selbst, so können sich, dem Ausmaß der betreffenden Handlungen, auf die meine Gefühle abzielen, entsprechend, Gefühle des Versagens einstellen. 42 Dabei gilt, dass diese Gefühle des Versagens, wenn sie Handlungen des Typs selbstständig und erstausgelöst betreffen, durch diesen Umstand noch stärker werden uns zu starker Selbstabneigung oder Selbstmissbilligung führen können. 43 Der Determinismus bietet durch den Verzicht auf solche Arten von Gefühlen einen Ausweg, der allerdings auch in die andere Richtung gilt. Auch entsprechend gegenteilige Gefühle einer gewissen Art von Erfolg müssen

]

[W]er so zu reagieren versucht, ist bemüht,

36 Vgl. edb.

37 Vgl. edb. S. 162.

38 Vgl. edb. S. 160.

39 Vgl. edb.

40 Vgl. edb. S. 165.

41 Vgl. edb.

42 Vgl. edb. S. 166.

43 Vgl. edb. S. 167.

preisgegeben werden. Um das Thema der Bejahung abzuschließen, soll gezeigt werden, dass Bejahung auch in den drei vom Determinismus hauptsächlich betroffenen Konsequenzbereichen nicht dazu führt, dass diese ihre wesentlichen Bestandteile aufgeben müssen. Im Bereich der Lebenshoffungen beispielsweise gilt für jeden Gegenstand des Hoffens, dass er immer auch Gegenstand einer solchen Hoffnung sein kann, die mit dem Determinismus in Einklang steht. 44 Die persönlichen Gefühle bleiben auch im Falle des Determinismus persönliche Gefühle: Die Vorstellung eigener oder von anderen erbrachter persönlicher Gefühle, negativer oder positiver Art, bleibt auch ohne den Zusatz der Selbstauslösung erhalten. 45 Der Bereich der Erkenntnis verhält es sich genauso:

Im Determinismus gilt nach wie vor, dass Wissen das Ergebnis unseres Strebens nach Erkenntnis ist. 46 Ingesamt bleibt festzuhalten, dass, nimmt man den Determinismus als wahr an, in jedem Konsequenzbereich zwar sozusagen Abstriche gemacht werden müssen, „doch wir können auch auf Fakten stoßen, die beruhigend wirken“. 47

Strafe

Die Reaktion der Bejahung ist also der Schlüssel zur Auflösung des Determinismusproblems. Doch inwiefern lassen sich die gewonnenen Ergebnisse vom Bereich der Entscheidungen und Handlungen von Personen auf den Bereich einer ganzen Gesellschaft übertragen? Bei dieser Übertragung geht es dann gleichzeitig um Fragen nach moralischen Grundsätzen. Es gäbe viele Bereiche von gesellschaftlichen Institutionen oder sozialen Fakten, die im Hinblick auf diese Fragen und im Hinblick auf die sie betreffenden Konsequenzen durch den Determinismus untersucht werden könnten, im folgenden soll dafür exemplarisch das Thema der Strafe herangezogen werden. Eine jede Theorie der Strafe muss in diesem Kontext auf zwei grundlegende Faktoren hin untersucht werden: Erstens, was sagt die Theorie aus und zweitens, liefert sie gute Gründe oder Argumente für die Strafe? Darüber hinaus lässt sich dann fragen, ob und wie sich der Determinismus auf diese Theorie auswirken würde. Diese letzte Frage führt, der vorliegenden

44 Vgl. edb. S. 168.

45 Vgl. edb. S. 169.

46 Vgl. edb.

47 Vgl. edb.

Determinismustheorie zufolge, im Prinzip auf die Frage, ob die zur Diskussion stehende Strafetheorie in irgendeiner Weise Handlungen als erstausgelöst auffasst. Falls dies der Fall ist kann man sich fragen, inwiefern auch hier die Reaktion der Bejahung Anklang finden kann. 48 Honderich argumentiert gegen jegliche Form von Einwilligungstheorie, da eine solche Theorie keine tatsächlichen Argumente für Bestrafung liefert. Die wissentliche Einwilligung eines Missetäters in den Umstand, dass eine Handlung, die er begeht, etwas Bestimmtes als notwendige Konsequenz nach sich zieht, kann nicht als Argument für eine Bestrafung herhalten, weil genau genommen diese notwendige Konsequenz lediglich den (wissentlichen) Verlust seiner Strafimmunität darstellt. 49 Ein wenig interessanter wird der Fall bei der Untersuchung sogenannter Vergeltungstheorien, doch auch hier finden sich hartnäckige Probleme. Im Rahmen einer Vergeltungstheorie kann gesagt werden, dass das Verhängen einer Strafe deshalb richtig sei, weil die Strafe verdient sei. 50 Es ist einfach zu sehen, dass dem Verdientsein hierbei kein echtes Argument zukommt. Fasst man das Verdientsein in dem Sinne auf, dass die Strafe angemessen sei, weil sie gleichwertig zur Schuld des Täters erscheint, erhält man ebenfalls auf kein Argument für die Strafe. Wie können Fakten über Missetaten einen moralischen Grund dafür bieten, eine Strafe zu verhängen? 51 Aussagen nach der Art, dass eine bestimmte Handlung aus sich selbst heraus einen normative Wert aufweist, können nicht als faktische Argumente für oder gegen die Verhängung einer Strafe gelten. Sie führen darüber hinaus oftmals in zirkuläre Argumente nach dem Schema „es ist richtig, weil es richtig ist“. 52 Was der Vergeltungstheorie übrig bleibt, kann der Gedanke der Genugtuung sein: Die Bestrafung eines Missetäters würde dem Opfer, den Angehörigen des Opfers oder vielleicht sogar der ganzen Gesellschaft Genugtuung verschaffen. Vom Gedanken der Genugtuung kann nun in gewisser Weise behauptet werden, dass er tatsächlich ein Argument für die Verhängung einer Strafe bietet. 53 Es liegt die Handlung eines Missetäters vor, die Anlass zu Groll gibt, wobei Groll als Wunsch anderer Personen angesehen werden kann, dem Missetäter seinerseits Leid zuzufügen. 54 Was diese Handlung selbst angeht, stellt sich, will man nun den Determinismus in Spiel bringen, die Frage, ob es dabei um eine selbstständige oder um eine darüber hinaus auch erstausgelöste Handlung

48 Vgl. edb. S. 175.

49 Vgl. edb. S. 177.

50 Vgl. edb. S. 178.

51 Vgl. edb. S. 179.

52 Vgl. edb. S. 180.

53 Vgl. edb. S. 182.

54 Vgl. edb. S. 181, 182.

geht. Was wären, die Wahrheit des Determinismus angenommen, die Konsequenzen für diese Art von Bestrafung und die sie rechtfertigende Theorie? 55 Die Antwort auf diese Frage läuft darauf hinaus, dass eine auf dieser Grundlage stehende Vergeltungstheorie nicht möglich wäre. Denn sollte der Determinismus wahr sein, dann gilt für die hier in Frage stehenden moralischen und persönlichen Wünsche das gleiche wie für unsere persönlichen Gefühle und Zuschreibungen moralischer Verantwortung gegenüber uns selbst und anderen, die ihrerzeit die Reaktionen der Bestürzung bzw. Unnachgiebigkeit hervorgerufen haben. 56

„Alle diese Wünsche haben dem Vertrauen in Determinismus nichts entgegenzusetzen und können es nicht überdauern. Damit gelangen wir zu guter Letzt zu unserer ersten Schlussfolgerung im Hinblick auf das Thema Determinismus und Strafe. Falls der

es eine Strafeinrichtung gibt, für die nichts weiter

Determinismus zutrifft und falls [

spricht als der hier gemeinte Vergeltungscharakter, dann sollte die Einrichtung abgeschafft werden.“ 57

]

Honderich folgert weiter, dass, sollte der Determinismus wahr sein, sich ebenfalls für die sogenannten Pakettheorien ergeben würde, dass sie bzw. die sie rechtfertigenden Theorien teilweise abgeschafft oder verändert werden müssten. Dieser Umstand würde sich auf eine ganze Reihe von Institutionen ausweiten und Teil der Reaktion der Bejahung sein. 58 Honderichs abschließender Gedanke zum Thema Strafe ist die Vorstellung, dass Strafe dann richtig ist, „wenn sie mit einem bestimmten moralischen Prinzip in Einklang steht, und zwar dem Prinzip der Gleichheit.“ 59 Was damit genau gemeint ist, bleibt allerdings offen: „Danach sollten wir tatsächlich wirksame Maßnahmen ergreifen, um dafür zu sorgen, dass es denjenigen, denen es schlecht geht besser geht.“ 60 Was hier über die Strafe gesagt wurde, gilt nun in einem prinzipiellen Sinn auch für viele andere gesellschaftliche Institutionen und Praktiken. Im Falle dessen, dass der Determinismus wahr ist, müsste eine ganze Reihe an politischen, gesellschaftlichen und philosophischen Theorien modifiziert werden. 61 „Die Reaktionsweise der Bejahung wird hier zugleich eine politische Reaktion sein.“ 62

55 Vgl. edb. S. 182.

56 Vgl. edb. S. 182.

57 Ebd. S. 183.

58 Vgl. edb. S. 184.

59 Ebd.

60 Ebd. S. 184, 185.

61 Vgl. edb. S. 185.

62 Ebd.

Fazit

Abschließend möchte ich noch meine Sicht auf die hier behandelte Thematik darstellen. Aus meiner Sicht ist Honderichs Determinismus vor allem in methodologischer Hinsicht interessant. Lässt man einzelne Unklarheiten und Schwachpunkte in der Theoriebildung einmal außer Acht, kann man sich fragen, wie denn eine Alternative zum Determinismus aussehen würde. Wie man gesehen hat, kann durchaus dafür argumentiert werden, dass Willensfreiheit, wie auch immer man diese auffassen will, auch im Indeterminismus keinesfalls gerettet wäre. Honderich zeigt ebenfalls, dass sowohl Inkompatibilisten als auch Kompatibilisten dies nicht unbedingt vermögen. Nichtsdestotrotz offenbart Honderich auch mehr oder weniger große Schwachpunkte in der Theoriebildung, vor allem das Thema Quantenmechanik macht er sich für meinen Geschmack zu einfach. Wenn sein Determinismus wirklich eine empirische Theorie sein soll, dann muss ein gewissermaßen bewiesener Indeterminismus, ernster genommen werden, als dass man ihn mit dem Hinweis auf ein Ebenen-Problem abweist. Außerdem muss man sich fragen, ob im Angesicht lokaler Indeterminiertheiten bei Quantenphänomenen, sich nicht Probleme prinzipieller oder begrifflicher Natur hinsichtlich der Vorstellung der Kausalität ergeben. Was die Vorstellung des Determinismus als solchen angeht, ist auch die Transitivität der kausalen Bedingungskomplexe etwas unklar geblieben. Inwiefern muss nicht die „Gesamtheit des Universums“ in eine Kausalkette einbezogen werden? An einer Stelle spricht Honderich davon, dass für eine Wirkung immer nur der letzte hinreichende ihr vorangegangen Bedingungskomplex wichtig sei, gleichzeitig ist aber jeder Bedingungskomplex per definitionem auch Wirkung eines weiteren Bedingungskomplexes und so weiter. Könnte man nicht fast sagen, dass es im Prinzip nur eine einzige Kausalkette gibt, in der sozusagen alles Existierende enthalten ist? Was die Freiheitsdebatte und die Konsequenzen oder Implikationen des Determinismus angeht, so kann man die Sache aus meiner Sicht unproblematisch angehen. Selbst wenn der Determinismus wahr ist, so entscheiden und handeln wir ja doch unseren Wünschen und Absichten entsprechend. Ob und wie unsere geistigen Dispositionen zu Stande kommen, ob nun determiniert oder erstausgelöst, spielt für deren Inhalt vielleicht gar keine Rolle.

Literatur

Honderich, Ted: „Compatibilism, Incompatibilism and the Smart Aleck“, in: Philosphy and Phenomenological Research, Vol. 56, No. 4, December 1996, S. 855 – 862.

Honderich, Ted: Wie frei sind wir? Das Determinismus-Problem. Stuttgart, 1995.