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Meister medizinischer Improvisation

Ernst Hanisch ist Chirurg an der Asklepios- Klinik in Langen. Und


Entwicklungshelfer auf eigene Faust. Seit zwei Jahren schult er einen Arzt aus dem
afghanischen Herat. Anfang Oktober hat Hanisch seinen Hospitanten Aziz Jami
besucht. Von Salvador Atasoy

Langen. Vorsichtig dreht der Mann im grünen Kittel am Hahn der Gasflasche. Das
Operationsbett neben der Flasche ist mit grünen Tüchern zugedeckt. Nur in der
Mitte, von Scheinwerfern grell beleuchtet, wird ein Bauch sichtbar, der sich
langsam wölbt. Es ist das Gas aus der Flasche, das sich langsam in der Magengegend
verteilt. Die Bauchhaut spannt sich. Die Ärzte Ernst Hanisch und Aziz Jami greifen
nach langen Stäben, die aus dem menschlichen Körper ragen. Geschickt bedienen sie
die pistolenartigen Griffe, die Blicke starr auf einen Bildschirm am Ende des
Raumes gerichtet. Beim Operieren sind die Hände die Augen der Chirurgen. Erst auf
dem Monitor wird sichtbar, was unter der Bauchdecke geschieht.

Hanisch legt die Fotos zur Seite. Eben noch stand der Mediziner in Gedanken im
Operationssaal einer afghanischen Klinik. Jetzt sitzt der Chefarzt für Allgemein-,
Viszeral- und Endokrine Chirurgie der Asklepios-Klinik in Langen an seinem
Büroschreibtisch und zeigt die Fotos der Gallenblasen-Operation in Herat. Mitte
Oktober ist er aus Afghanistan zurückgekehrt. Mit Hilfe des Vereins für
Afghanistan-Förderung hatte er eine Anlage für minimalinvasive Chirurgie, die
aussieht wie ein riesige Stereoanlage mit Bildschirm, zu seinem Freund Jami nach
Herat gebracht.

Die minimalinvasive Technik ist in Deutschland seit Jahren etabliert. In Herat


aber, im Operationssaal von Doktor Jami, sei dieser Eingriff eine Premiere
gewesen, sagt Hanisch. Denn in Afghanistan fehlte bisher nicht nur das technische
Gerät, sondern auch das entsprechende Fachwissen. "Die Technik hat ihre Tücken. Am
Anfang haben wir da auch in Deutschland viel Lehrgeld bezahlt", sagt der
Mediziner. Das war in den neunziger Jahren. Heute ist der kleine, freundliche Mann
mit der runden Brille auf dem Gebiet der Minimalinvasion eine Kapazität. Richtig
ausgeführt, verkürzen die kleinen Schnitte die bei konventionellen
Operationsverfahren übliche Heilungszeit. Außerdem verringern sie das Risiko für
Schmerzen und Infektionen.

Dieses Wissen wollte Hanisch weitergeben. Zuerst, Ende der Neunziger, am Zentrum
für Chirurgie der Goethe-Universität in Frankfurt, später dann in Afghanistan.
Freunde vermittelten ihm erste Kontakte im Land am Hindukusch. 2004 reiste der
Mediziner zum ersten Mal nach Kabul - sehr zur Sorge seiner Angehörigen. Im
dortigen Militärhospital operierte er Patienten und musste dabei lernen, dass in
einem von Krieg gebeutelten Land vieles anders und oft gar nicht funktioniert.

Die Möglichkeiten zur Diagnose sind begrenzt. Um die Krankheitsursache zu finden,


wird deshalb relativ oft operiert. Privatsphäre gibt es dabei kaum - weder für
Ärzte noch für Patienten. In den Operationssälen stehen meist mehrere Tische, die
gleichzeitig benutzt werden. Nach der Operation werden die Patienten zwar betreut,
allerdings nicht von Stationsschwestern. Diese Rolle übernehmen in Afghanistan die
Familienmitglieder, die auch nachts im Spital bleiben und den Patienten
überwachen. Denn Stromausfälle sind häufig, Notstromaggregate längst nicht überall
vorhanden, Beatmungsmaschinen Mangelware. "Für solche Fälle gibt es Techniker. Die
pumpen dann auch mal sechs Stunden von Hand Luft in die Lungen", sagt Hanisch.

Afghanische Ärzte sind Meister im Improvisieren. Speziell ausgebildete Mediziner,


die sich um Narkosen kümmern, gibt es nicht: Die Arbeit von Anästhesisten ist zu
schlecht bezahlt. Auch Operationspersonal ist nur spärlich vorhanden. In Herat
muss Hanisch mit der Hälfte des in Deutschland üblichen Chirurgie-Teams auskommen.
Um wenigstens das Fachwissen der afghanischen Kollegen zu verbessern, initiierte
der deutsche Chirurg 2007 ein Austauschprogramm. Mehrere afghanische Fachärzte
hospitierten seither in Hessen. Darunter auch Aziz Jami, ein talentierter junger
Chirurg aus Herat.

Bei Hanisch lernte Jami, dass es nicht nötig ist, einem Patienten gleich den
ganzen Bauch zu öffnen, wenn die Gallenblase herausgenommen werden muss. Väterlich
betreute der Deutsche den 34 Jahre alten Afghanen, nahm ihn mit zu Fußballspielen,
zeigte ihm Hessen. Die beiden wurden Freunde. Jami assistierte bei Operationen in
Langen, lernte Instrumente und Medikamente kennen. Hanisch war zufrieden. Nur
anwenden konnte der Hospitant sein Fachwissen zu Hause nicht: In Herat fehlten die
Geräte.

Das trieb den Chefarzt um. Dank Beziehungen gelang es ihm, die nötige Ausrüstung
zu organisieren, Kamera und Bildschirm inklusive. Im Container - auf Schiff und
Lastwagen - gelangten die Kisten nach Herat. Wie durch ein Wunder passierte die
Fracht sämtliche Checkpoints.

Trotzdem stand das Projekt kurz vor dem Scheitern. In Herat wusste niemand, wie
man die Maschine zusammenbaut. Anfang Oktober setzte sich Hanisch in ein Flugzeug
und reiste zu seinem Freund Jami. Mit einer Bedienungsanleitung in der Hand
versuchten die beiden Ärzte, die Einzelteile zu verbinden. Sie entwirrten Kabel,
schlossen die komplizierten Apparate zusammen und brachten den Monitor und die
Kamera zum Funktionieren.

"Das hat auch gut geklappt. Bis auf den Anschluss zur Gasflasche. Da war das
deutsche System einfach nicht mit dem afghanischen kompatibel", sagt Hanisch. Doch
Jami löste das Problem auf landesübliche Weise. Auf dem Basar in Herat ließ sich
der afghanische Arzt kurzerhand ein Verbindungsstück schleifen.

Text: F.A.Z., 07.11.2009, Nr. 259 / Seite 54