Sie sind auf Seite 1von 15

V ON GROßEN & KLEINEN ÜBERRASCHUNGEN

Bellas Sicht

Nur wenige, kurze Augenblicke später riss uns eine glockenhelle


Kinderstimme prompt auseinander.
»Momma, Daddy! Ihr habt euch ja mächtig lieb!«
Vor Schreck, und von dem Gefühl der Scham, sprang ich von Edwards
Schoß herunter, und setzte mich neben Renesmee aufs Bett.
»So lieb wie wir dich haben, Engel«
»Hast du gut geschlafen?«, fragte Edward liebevoll und suchte ihr ein
blaues Kleid aus dem Kleiderschrank. Wenn sie dieses Kleid trug, strahlte
ihre Haarfarbe umso mehr. Sie erinnerte mich dann ein wenig an Ariel die
kleine Mehrjungfrau.
Einfach liebreizend.
»Ich hab sogar geträumt. Aber ich weis nicht mehr was«, murmelte sie.
»Dadi, heute ist Sonntag!«, bemerkte sie plötzlich mit aufblitzenden
Augen.
»Ich werde gleich mal deinen Onkel Emmett anrufen, schau doch wie es
draußen stürmt«, entgegnete Edward und zeigte aus dem Fenster. Draußen
fegte tatsächlich ein wilder Sturm.
Etwas enttäuscht lies Nessie den Kopf hängen, und zog sich an.
Ich schloß den Reißverschluss an ihrem Kleid, und zog sie auf meinen
Schoß.
»Renesmee, dein Daddi und ich müssen mal etwas mit dir besprechen«,
begann ich vorsichtig und bedacht.
Sie schaute mich aufmerksam an und nickte. Edward setzte sich in den
Schaukelstuhl, und war mir keine große Hilfe.
»Du hast doch Esme und Carlisle sehr gerne, nicht?«
»Aber Momma! Wir sind alle eine große Familie! Wir lieben uns alle, und
passen immer aufeinander auf!«, gab meine Kleine den Satz zum besten,
den wir ihr seit ihrer Geburt gelehrt hatten.
Ich lächelte stolz und küsste sie auf die Wange.
Auch Edward huschte ein Lächeln über die Lippen, doch er schwieg
weiterhin.
»Ganz genau! Du bist ein ganz schlaues Mädchen! Aber weist du, Esme
und Carlisle feiern bald ihren Hochzeitstag und sie wollen auf Esmes Insel
reisen. Du warst schon einmal da, als du noch meinem Bauch warst. Davon
hab ich dir erzählt. Weist du noch?«
Ich schaute lächelnd zu Edward, und auch er schenkte mir einen Blick
voller Liebe. Unsere Hochzeitsreise würde auf Ewig in unserer Erinnerung
bleiben, egal wie lange wir existieren würden.
»Wie schön«, flötete sie und nickte eifrig.
»Ja das ist wirklich schön. Und dazu möchte Carlisle ihr eine
Überraschung machen«
Das Wort Überraschung hörte Nessie sonst nur im Zusammenhang mit sich
selbst, so wurde ihr Blick umso hellhöriger. Sie liebte Überraschungen.
Ich öffnete ihren langen Zopf, und strich ihr die Haare hinter das Ohr ehe
ich fort fuhr.
»Deine Oma Esme wünscht sich schon so lange, dass du mit ihnen
zusammen dahin fährst«
Jetzt war es raus.
Edward drückte seine Lippen auf einander und wartete genauso gespannt
wie ich auf ihre Antwort.
Renesmee blickte verdutzt von mir zu Edward und schwieg. In ihrem
kleinen, hübschen Kopf schien es zu rattern.
»Und ihr und Jacob bleibt hier«, bemerkte sie, und ich hörte wie ihr kleines
Herz noch schneller zu schlagen begann als ohnehin schon.
»Dein Daddy und ich könnten einige Tage zusammen mit euch auf der
Insel bleiben«
»Kann mein Jake nicht auch mitkommen?«
Das würde Carlisle und Esme sicher wahnsinnig freuen, dachte ich
sarkastisch.
Sie schob ihre Unterlippe hervor und zupfte an dem Freundschaftsband das
Jacob ihr geschenkt hatte.
Seufzend griff ich zu ihrer Haarbürste und begann damit ihre Haare von
den Spuren der Nacht zu befreien. Eine außergewöhnliche,
handgeschnitzte Bürste die einmal Rosalie gehört hatte. Ein Geschenk zu
Nessies zweitem Geburtstag.
»Das weiß ich nicht, mein Schatz. Jacob hat auch noch viele
Verpflichtungen in La Push. Ich weiß nicht ob er einfach für eine Woche
von hier weg reisen kann«
Ich versuchte meine Stimme möglichst beruhigend klingen zu lassen um
meine Kleine nicht zu enttäuschen.
Sie zögerte etwas, und nagte an ihrer Unterlippe.
Ich sah zu Edward, der kein Wort sagte, und ich wusste er rang mit sich.
»Es wird ihr dort wunderbar gefallen. Sie wird Jake wochenlang
davon erzählen», sagte ich leise zu ihm.
»Und wir haben ein paar Tage für uns«, fügte ich noch leiser hinzu.
»Daddy, du willst nicht das ich dahin fahre, nicht?«
Edward erhob sich vom Schaukelstuhl und setzte sich neben uns.
»Nein, mein Engel. Ich wünsche mir, dass du einen wunderschönen Urlaub
hast. Ich werde dich nur sehr vermissen«
»Na gut. In einer Woche wirst du bestimmt nicht zu traurig. Du hast ja
Momma. Und Jake wird schon nichts anstellen«, beschloss sie schließlich
und lächelte.
»Du bist so erwachsen, mein kleines Mädchen«
Freudig drückte ich sie an mich und gab ihr viele Küsse auf ihre Stirn.
Plötzlich erinnerte ich mich an ein Familienvideo von meinem achten
Geburtstag. Da gab es eine Szene von mir und Renée in unserem Garten.
Sie schloss mich in die Arme, und sagte beinahe den selben Satz. Und
natürlich küsste sie mich immer wieder auf die Stirn. Es war wie ein
Déjà-vu, nur sah ich mich in Renée.
Da wurde mir bewusst, dass ich meiner Mutter ähnlicher war als ich jemals
vermutete, obwohl ich mich auf eine radikale Art und Weise verändert
hatte.
Das laute Bauchknurren meiner Tochter zeigte mir, dass ich sie loslassen
musste. Noch ein letzter, dicker Kuss, und ich löste meine Umarmung.
»Ich mach das schon«, sagte Edward und schnappte sich Renesmee, um sie
mit einem vorsichtigen Ruck auf seine Schultern zu ziehen. Lachend
sausten sie die Treppe herunter, und im nächsten Augenblick hörte ich
schon das Klappern des Geschirrs.
Ich ging langsamen Schrittes ins Schlafzimmer und nahm mein Handy
vom Nachttisch. Als Cullen hatte ich natürlich auch ein kleines, schickes
Teil.
Auswendig wählte ich Emmetts Nummer und wartete.
Tuuut, Tuu…»Einen wunderschönen guten Morgen, Misses Edward!«
»Hallo Emmett«
»Was kann ich für meine hochverehrte Schwägerin tun?«
»Jetzt hör schon auf. Ich wollte dich um etwas bitten. Heute ist Sonntag
und naja, keiner ist beim Jagen so schnell wie du«
»Kein Wort mehr. Meiner Lieblingsnichte besorge ich liebend gerne ihren
Sonntagssnack«
Seine Stimme klang euphorisch, und schon beendete er unser Gespräch.
Seufzend steckte ich das Handy in meine Tasche und begab mich ins
Wohnzimmer.
Nessie saß am Esstisch, aß genüsslich eine Schale Cornflakes und schaute
vertieft in den Fernseher.
Ich setzte mich zu Edward auf unser Sofa und er legte sanft den Arm um
mich.
»Wir werden in den nächsten Tagen auch einen größeren Ausflug in den
Wald machen müssen«, bemerkte er und küsste mich auf die Stirn.
Mir wir meinte er Emmett, Rosalie, Esme und sich. Wenn wir zum Jagen
nach Alaska fuhren, blieben wir noch einen Tag bei Tanya und ihrer
Familie. Renesmee war noch zu jung für eine solch lange Reise, so teilten
wir uns in Gruppen auf. Dieses Mal blieb ich mit Nessie, Alice, Jasper und
Carlisle zuhause.
Gemeinsam lagen wir auf dem Sofa und schauten einen Film, und auch
Nessie hatte sich zwischen uns gekuschelt.
Der Film beruhte auf einem Buch das ich einmal gelesen hatte.
Zeit im Wind.
Es war eine Geschichte von einer ungleichen Liebe, der niemand eine
Chance gegeben hatte. Ein beliebter, gutaussehender Sportler. Eine
schüchterne, unauffällige Pfarrerstochter. Als der Junge erfuhr, dass sie
bald sterben würde, half er ihr alle Lebensziele zu verwirklichen die sie
sich, in ihrem jungen Leben, einmal gesetzt hatte. Ein Jahr vor ihrem Tod
heiratete er sie schließlich in der Kapelle, in der auch ihre Eltern getraut
wurden.
Ich hatte das Buch gelesen als ich vierzehn oder fünfzehn war. Damals
hatte ich die Stärke und Liebe des Jungen belächelt. Es war für mich zwar
eine schöne Geschichte, doch meine Vorstellungskraft reichte nicht aus um
zu glauben, dass eine Liebe so stark sein kann, um all die Steine aus dem
Weg zu räumen, die das Schicksal ihnen gelegt hatte.
Doch heute wusste ich es besser.
Ich befand mich in meinem ganz persönlichem Liebesroman.
Dem unantastbar bestem Liebesroman, den das Schicksal je geschrieben
hatte.
Einem Bestseller.
Ich seufzte vor Glück und kuschelte mich näher an meine kleine Familie.
»So I lay my head back down…«, trällerte Nessie bei dem Abspann des
Filmes mit.
»And I lift my hands and prey…«, sang auch Edward mit.
Ich lachte und gab mich geschlagen, »To be only your´s I prey…«
Laut grölend riss Emmett, mit einem Reh im Arm die Türe auf, »To be
only your´s I prey!«
Wir verfielen in einen Lachanfall, und Nessie kullerten schon die Tränen
aus den Augen.
»Du bisch so doof, Onkel Emmett«
»Hey, ich bin hier der Versorger!«, sagte er belustigt und warf das Reh,
welches einem Genickbruch erlegen war, auf den Boden.
Sofort sprang Nessie, wie eine kleine Katze, auf das Tier und zog es in die
Küche.
»Danke«, sagte ich und trocknete seine Haare mit einem Handtuch.
Emmett machte eine beschwichtigende Handbewegung.
»So ein bisschen Sturm und Gewitter können doch mir nichts anhaben«
Er grinste über beide Ohren, und plumpste aufs Sofa.
»Natürlich nicht. Was gibt’s denn da zu grinsen?«, fragte ich vorsichtig und
begab mich ebenfalls zum Sofa.
So sah Emmett immer aus wenn er etwas vor hatte. Ich bekam ein flaues
Gefühl, und beobachtete ihn misstrauisch.
»Überhaupt nichts. Was macht ihr so?«
Meine Augen verengten sich und ich schaute fragend zu Edward.
»Wie unfair. Er denkt die ganze Zeit an Rosalie…unbekleidet«
»So differierst du unfair? Raus aus meinem Kopf wenn du uns nicht
zusammen sehen willst!«
Edward runzelte die Stirn und konzentrierte sich auf den Fernseher.
Nessie kam aus der Küche zu uns gerannt und kletterte auf Emmetts
Schoß.
»Neeesieee, dein Lieblingsonkel hat eine Überraschung für dich!«
»Keiner ist mein Lieblingsonkel! Aber ich möchte trotzdem eine
Überraschung«
Ich lachte auf, belustigt über die kindliche Ehrlichkeit.
Emmett streckte ihr die Zunge raus und bemerkte frech, »Dann bekommst
du sie erst heute Abend«
»Oh, neeein!«, protestierte sie.
»Und ob. Und jetzt geh ich lieber bevor hier jemand noch irgendwelche
Überraschungen verrät«
Er schenkte Edward einen gespielt grimmigen Blick und schlenderte zur
Tür.
»Würdest du das Reh mitnehmen, Überraschungsmann?«, fragte Edward
mit einem Lächeln.
Emmett drehte ungekonnt unauffällig um, und flitze in die Küche.
Grinsend, mit dem Reh über der Schulter, verließ er unser Haus und
verschwand in einem Nebel von Regen.
»Was hat er jetzt schon wieder vor?», fragte ich genervt und fuhr mir durch
die Haare.
Mir grauselte es, wenn ich an Emmetts frühere Geschenke dachte. Er
musste immer maßlos übertreiben. Alice war zwar die ungeschlagene
Geschenkekönigin, doch Emmett bewies immer Sinn für Extremes.
Wenn Man vom Teufel spricht, dachte ich als Alice bestens gelaunt, und
erstaunlicherweise völlig trocken, das Wohnzimmer durch das Fenster
betrat.
Liebevoll sah sie Renesmee an und säuselte »Was sehe ich denn da?
Emmett ist losgezogen um dir eine Überraschung zu holen? Na dann
kannst du ja gespannt sein was du dieses Mal bekommst«
Plötzlich versteifte sie sich und als sie ihre Augen nach einigen Sekunden,
in regungsloser Starre, wieder auf Renesmee richtete stellte sie fest:
»Ich glaube ich weiß auch schon was es sein wird. Das ist ja wirklich
sagenhaft!«
Sie strich ihr federleicht über das Haar und plötzlich fingen ihre Augen an
zu leuchten, wie es nur passierte, wenn sie wieder eine Möglichkeit sah
ihre Planungsfähigkeiten einzubringen.
»Dieser große Blödmann hat natürlich nicht an alles gedacht«
»Ich befürchte schon es ist wieder eine dieser verrückten Ideen, die wir von
Emmett gewohnt sind«
Ich seufzte und setzte mich zu Renesmee aufs Sofa.
Bei dem Gedanken an seine bisherigen Geschenke verdrehte ich die
Augen.
Alice schmiegte sich auch zu uns und klaute Nessie unauffällig die
Fernbedienung.
Edward begann herzlich über eine Simpsonsfolge zu lachen, in der Bart
einen Elefanten gewann. Obwohl ich den Klang seines Lachens mehr
genoss als alles andere auf der Welt, hörte ich ihn nur noch beiläufig. In
meinem Kopf schwirrte immer wieder Carlisles Gestallt. Es war
ungewohnt ihn - überhaupt jemanden aus meiner Vampirfamilie -
“erschöpft” zu sehen. Sein Blick war auf irgendeine Weise anders. Ich
konnte es nicht genau beschreiben, doch er schien mir verletzlich.
Ein solcher Carlisle brachte meine Welt durcheinander. Ich war es gewohnt
ihn immer als Inbegriff aller Stärke zu sehen.
»Worüber machst du dir Gedanken?«, fragte Edward liebevoll und küsste
mein Haar.
Ich lächelte zu ihm hinauf und schüttelte beschwichtigend den Kopf.
Sicher bildete ich mir nur wieder etwas ein. Ich wollte Edward lieber nicht
beunruhigen. Er nahm sowieso alles immer doppelt so ernst, wie es
eigentlich war.
Er strich mir eine Strähne hinters Ohr, und wand seine Aufmerksamkeit
wieder dem Fernseher zu.
Mein Blick viel auf die Wanduhr über unserem Kamin.
Schon beinahe Mittag.
Bald wurde es Zeit für Renesmees menschliche Nahrung.
Mit einer Begeisterung in den Augen saß sie auf Edwards Schoß und
starrte gebannt auf den großen Bildschirm. Der Musikkanal sendete ein
neues Musikvideo ihres absoluten Lieblingsstars. Ein typischer, junger
Mädchenschwarm mit goldenen Locken.
Edward schienen ihre schwärmenden Gedanken nicht zu gefallen, so
musterte er missmutig den blauäugigen Jungen und knirschte mit den
Zähnen.
Unbedacht begann ich zu lachen und küsste ihn auf den Hals.
Ich beschloss ihn aus dieser Lage zu befreien, denn es war nicht zu
übersehen, dass er ihre Gedanken nicht ausblenden konnte.
»Was wünschst du dir heute zum Mittagessen?«, fragte ich um die
Aufmerksamkeit meiner Tochter, auf erfreulichere Gedanken für Edward,
zu lenken.
Sie blickte zu mir auf, und antwortete ohne auch nur eine Sekunde zu
überlegen, »Spagetti!«
Ich nickte erfreut über ihre, immer mehr werdende, Bereitschaft
Menschennahrung zu essen.
»Na, dann flitz ich auch mal los«, flötete Alice und sprang von Sofa auf.
»Ich muss noch ein erstes Wort mit Emmett sprechen. Wie konnte er nur,
mich nicht in eine solche Überraschung einweihen?!«, fügte sie etwas
beleidigt hinzu und wollte schon aus dem Fenster verschwinden.
»Hier geblieben!«, sagte ich drohend und zeigte mit meinem Zeigefinger,
und einem möglichst ernstem Gesichtsausdruck, auf das Sofa.
Unbeeindruckt kicherte sie, setzte sich aber doch auf die Lehne.
»Alice, bitte sag mir, dass er nicht wieder einen Streichelzoo in den Garten
schleppt, oder, dass nicht plötzlich wieder ein Hubschrauber auf dem Dach
steht!«, maulte ich nun mit resignierter Stimme.
»Meine Lippen sind versiegelt! Aber mach dir keinen Kopf, es wird Nessie
unglaublich glücklich machen und ich bin mir sicher, dir gefällt er auch!«
Sie küsste mich blitzschnell auf die Backe und noch schneller war
sie verschwunden.
»ER?! Alice!«, zischte ich ihr noch hinterher, seufzte tief und lies mich auf
das Sofa sinken.
Verrückte, abgedrehte Vampire!
Renesmee strahlte über das ganze Gesicht, und konnte es scheinbar kaum
erwarten ihr Geschenk in Empfang zu nehmen.
Mit einem erneuten Blick auf die Uhr, erhob ich mich und begab mich in
die Küche.
Gedankenversunken setzte ich das Nudelwasser auf und begann das
Gemüse zu schneiden.
Spagetti mit Tomatensoße.
Das absolute Lieblings-Menschengericht von Nessie.
Ob es an der Farbe der Tomatensoße lag, fragte ich mich. Ich mochte
Tomatensoße noch nie. Auch als Kind nicht.
Heute sollte ich bei Charlie vorbei schauen. Wir waren schon
einige Tage nicht mehr zu Besuch. Vielleicht mochte Edward uns
ja begleiten. Aber erst mussten wir Emmetts Geschenk unter die Lupe
nehmen. Ich hoffe es ist wenigstens ansatzweise etwas Menschliches,
dachte ich und kippte die Nudeln in das kochende Wasser.
Der Duft von Tomaten und Zwiebeln erfüllte unsere kleine Küche.
Obwohl es mir mittlerweile schrecklich schmeckte, roch es immer noch
ausgezeichnet, wie ich fand.
Nachdem Nessie einmal die Würze der Soße probiert hatte, servierte ich
ihr eine Portion auf den Esstisch.
Jacob war nicht zum Mittagessen erschienen.
War ihm der gestrige Abend so peinlich gewesen, dass er sich nun nicht
traute hier zu erscheinen? Er hatte sich zwar unangemessen verhalten, doch
er wusste doch, dass er in unserem Haus immer willkommen war, egal wie
viel Geschirr er in einer hitzigen Situation zertrümmerte.
Ich beschloss ihn anzurufen, und suchte mir dazu ein ruhiges Plätzchen.
Ich musste ihm erklären, dass ich in keinster Weise wütend über sein
Verhalten war.
Ein wenig amüsiert, aber nicht wütend.
Ich zückte mein Handy und wählte auswendig seine Nummer.
Hey, hier ist Jakob. Entweder ich hab gerade keine Zeit, oder ich trage im
Moment keine Hose. Wenn du willst, dann kannst du ja eine Nachri…
Genervt beendete ich die Bandansage seiner Mailbox.
Ich war zu einer von denen geworden, die sich schrecklich über die
Unerreichbarkeit von anderen ärgerten.
Energisch schüttelte ich meinen Kopf um den Ärger zu vertreiben.
Er wird sich schon melden, dachte ich und machte mich daran, die Küche
aufzuräumen.
An Renesmees erfreutem Lachen bemerkte ich, dass wieder eines unserer
Familienmitglieder eingetreten war. Ich streckte den Kopf aus der Türe,
und blickte in Carlisles müde Augen.
Edward musste es doch auch bemerken.
Ich trocknete mir die Hände an einem Küchentuch und begrüßte meinen
Schwiegervater.
Entschuldigend und verlegen lächelte er und es sprudelte schon aus ihm
heraus, »Ich habe es einfach nicht länger ausgehalten. Ich musste einfach
zu euch kommen und mich über eure Entscheidung erkundigen«
Liebevoll streichelte er über Nessies Kopf und schenkte uns einen
bittenden Blick.
»Ganz geheuer ist es ihr nicht, doch sie möchte Esme auch eine Freude
machen«
Sie nickte etwas beschämt, kuschelte sich auf meinen Schoß und vergrub
ihr Gesicht in meinen Haaren.
»Ich bin mir bewusst, es ist eine schwere Entscheidung für euch. Wenn ihr
euch dagegen entscheidet, euren geliebten Sonnenschein fort reisen zu
lassen, so sagt es mir offen und ehrlich«
Mal wieder enthielt sich Edward einer Antwort wenn es um dieses Thema
ging und nahm seinen Laptop auf den Schoß, um uns vollkommen zu
ignorieren.
»Edward und ich vertrauen euch vollkommen. Es ist das erste Mal,
natürlich ist es schwer für uns, doch es wird sicherlich nicht das letzte Mal
sein. Wir müssen uns damit anfreunden, dass unsere Tochter so schnell
selbstständig wird«
Ich sah auf Nessie in meinem Arm und mir entging nicht, dass ihre
Muskeln sich entspannten und ihr Atem ruhiger wurde.
»Und ihre letzten Bedenken werden vergessen sein, wenn sie erst einmal
den weißen Sand und die Muscheln sieht«, wand ich mich wieder Carlisle
zu und lächelte zaghaft.
Er nickte erfreut und dankbar.
»Du magst doch kleine Muscheln, nicht meine schöne?«, fragte ich leise
und drückte mein Kind fester an mich.
Sie gab ein kleines, bestätigendes Grummeln von sich und schluckte
hörbar.
Zwar war sie erst vor einigen Stunden aufgewacht, doch sie war eben ein
halber Mensch. Die schnellen Bewegungen und das Aussaugen eines
ganzen Rehs ermüdeten ihren kleinen Körper. Meine Kleine musste ihre
Lebensbatterie öfter als normale Kinder im Schlaf aufladen. Deshalb sah
sie auch immer so strahlend aus. Erholt und voller Energie.
Als ich merkte wie tief und gleichmäßig sie atmete, legte ich sie vorsichtig
in Edwards Arme.
Ich wusste wie gerne er noch einige Momente alleine mit seiner Tochter
verbringen würde, da er jetzt wusste, dass wir sie in wenigen Tagen
vermissen würden.
Ich schaute ihm hinterher, wie er anmutig und behutsam die Treppen
hinauf schritt, dann wand ich mich wieder Carlisle zu.
»Edward plant in den nächsten Tagen eine große Jagt nach Alaska. Wenn
Esme fort ist, können wir alles nötige Planen«
Er strahlte hocherfreut und streichelte mir über den Kopf.
»Eine bessere Tochter hätte Edward mir nicht schenken können«
Beschämt konnte ich nur lächeln.
Er war wunderbar so etwas zu hören. Keiner, nicht einmal Rosalie, lies
mich jemals, auch nur einen Tag, daran zweifeln, dass ich in dieser Familie
willkommen war.
Plötzlich hörte ich ein Geräusch, dass jedes Mutterherz zum bluten brachte.
Renesmee hatte gehustet.
Meine kleine Prinzessin hatte gehustet!
Ich sprang auf und stürzte die Treppen hinauf.
Sofort wollte ich meine Tochter in die Arme schließen, doch Edward zog
mich im Flur an der Hüfte zu sich und hielt mich fest.
Ich schaute ihm fassungslos in sein, schon fast belustigtes, Gesicht.
»Schhhh, sorg dich nicht. Sie täuscht ihre Krankheit nur vor«
Ich konnte ihn wohl kaum dümmer anglotzen, als ich es im Moment tat.
»Ich vermute, sie möchte nicht allein mit Carlisle und Esme verreisen«,
flüsterte er weiter.
»Bist du dir sicher?«, flüsterte ich unsicher zurück und blickte auf die
Treppe zu Carlisle, der mir natürlich gefolgt war.
Edward lächelte sanft und nickte.
»Würde sie sich schlecht fühlen, dann wüsste ich es schon längst. Sie
versucht scheinbar ihre Gedanken zu unterdrücken, sodass ich nichts sehe«
Ich nickte zaghaft und blickte auf die Kinderzimmertüre.
Ob sie nun versuchte uns auszutricksen oder nicht, mich erfüllte nur ein
Gefühl der Erleichterung darüber, dass ihr nichts fehlte.
»Momma«, tönte Nessies Stimme herzallerliebst aus dem Zimmer.
Obwohl mich dieser weinerliche Ton fast zerriss, hielt ich inne.
»Daddy!«, rief sie nun etwas energischer.
»Unser Mädchen simuliert gut«
Es klang schon beinahe anerkennend und stolz, wie er es sagte.
Kindererziehung also, dache ich.
Renesmee simuliert.
Edward müsste es wissen. Er liest Gedanken.
Carlisle lächelte etwas enttäuscht und gab uns mit einer Handbewegung zu
verstehen, dass er später wiederkommen würde.
Ich seufzte und schließlich betraten Edward und ich das Kinderzimmer.
Mit vorgeschobener Unterlippe lag Nessie im Bett und hatte die Bettdecke
bis zum Kinn hochgezogen.
»Was fehlt dir mein Schatz?«, fragte ich seelenruhig und setzte mich zur
ihr auf das Bett.
Mit großen Augen sah sie mich an und sagte, so bemitleidenswert wie sie
nur konnte, »Mein Hals tut weh«
»Halsweh?«, fragte ich zuckersüß. »Ist es die Art von Halsweh, die ein
kleines Geschenk von Emmett lindern kann?«
Sie hustete nochmals, doch ihr Gesicht erhellte sich, als ich sie nochmals
an die Überraschung erinnerte.
»Drei, zwei, eins«, bemerkte Edward mit einem besserwisserischem
Grinsen, drei Sekunden bevor Emmett wie immer, mit einem lauten
Poltern durch das Fenster in unser Wohnzimmer sprang.
»Hier ist der Lieblingsonkel!«
»Na, dann zieh dich wieder an. Mit deinem Schläfchen wird das wohl
nichts«, wies Edward an und folgte mir nach unten.
Emmett stand mit einer Pappkarton in seinen Armen im Wohnzimmer und
grinste über das ganze Gesicht.
Mit Entsetzen starrte ich auf den Karton.
Ich roch ihn.
Und er roch mich auch.

Da stürmte auch schon Nessie dir Treppen herunter, dass ich schon beinahe
befürchtete, sie würde sich überschlagen.
»Hallo Knirps! Willst du etwa wissen was in dieser Kiste ist?«, neckte
Emmett sie und fuchtelte mit seinen Armen um den Karton herum.
Sie nickte eifrig.
»Gib schon her, Onkel Emmett«
Er schob den Karton vor sie und mahnte mit erhobenem Zeigefinger,
»Aber sei vorsichtig«
Sie setzte sich aufgeregt im Schneidersitz davor und lauschte daran.
Erschrocken wich sie zurück und schaute mich verwirrt an. Ermutigend
nickte ich ihr zu. Nessies Geruchssinn war nicht so ausgeprägt wie unserer,
doch sie schien dennoch den Herzschlag zu hören.
Mit allergrößter Vorsicht entfernte sie die rote Schleife und öffnete den
Deckel.
Ihre Augen weiteten sich und sie schaute mit offenem Mund auf den
kleinen Welpen.
»Das ist Rusty! Er ist noch ganz klein und er gehört ganz allein dir!«, sagte
Emmett stolz.
Nessie begann zu strahlen, nahm den kleinen Hund vorsichtig aus der Kiste
und murmelte beinahe unverständlich, »Oh, danke, danke!«
Sie küsste ihn auf seinen kleinen Kopf und sofort begann er, wie wild, mit
dem Schwanz zu wedeln und sie im Gesicht zu lecken.
Meine Kleine lachte und schlang ihre Arme um Rusty. Behutsam
streichelte sie ihm über sein Fell. Es war weiß mit vielen Flecken, die fast
die selbe Farbe wie ihr Haar hatten.
»Ein Spaniel«, bemerkte Edward mit einem ebenfalls erfreuten
Gesichtsausdruck
»Das ist ein wirklich schönes Geschenk«, gab ich zu und lies mich von
Emmett in den Oberarm boxen.
Stolz darauf alle zufrieden gestellt zu haben, verschränkte er die Arme und
sah Nessie zu, wie sie ihren eigenen kleinen Wolf nicht mehr loslassen
wollte.
Wie aus dem Nichts, stand Alice hinter mir und tippte mit ihrem Finger auf
meine Schulter.
»Das fällt dann in deinen Aufgabenbereich«, trällerte sie und drückte mir
eine weitere Kiste in die Hand.
Ich schaute misstrauisch hinein.
Hundefutter, Spielsachen, Halsbänder und Leinen.
»Es ist ja jetzt nicht mehr einfach noch schöne Geschenke zu machen,
nachdem Emmett einen Welpen verschenkt«, bemerkte sie etwas
schnippisch. »Aber essen sollte er auch etwas«
»Da hab ich wohl was vergessen«, sagte Emmett grinsend und kratzte sich
verlegen am Hinterkopf.
Ich fischte eine Rolle schwarzer, kleiner Sacke aus der Kiste und musterte
sie von allen Seiten.
»Was mach ich denn damit?«, fragte ich.
»Dass meine Liebe, wirst du in nächster Zeit noch oft brauchen», trällerte
Alice amüsiert und zeigte auf einen kleinen Hundehaufen, der mitten in
unserem Wohnzimmer, auf dem Boden, entstanden war.
Noch eine kleine Überraschung, dachte ich und begab mich seufzend zu
den Ausscheidungen unseres neuen Familienmitglieds.