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Kultur.Woche.

Kultur. Woche. | Donnerstag, 8. Mai 2014 | Seite 25 Agenda bis 15. 5. 2014 Der

| Donnerstag, 8. Mai 2014 | Seite 25

Agenda bis 15. 5. 2014

Der ewige Posterboy

Filmstar. Kevin Costners amerikanischer Traum geht langsam, aber sicher zu Ende. Auch sein aktueller Film «3 Days To Kill» ist in den USA grandios gefloppt. Seite 27

«Das Buch scher t sich nicht um Tabus»

Die Vorfreude ist die beste Freude

Der Basler Schriftsteller Claude Cueni über seinen autobiografischen Roman «Script Avenue»

Der künftige Theaterdirektor gab Auskunft, aber nicht zu viel

Von Rolf Hürzeler

«Ich brauchte eine Aktionspackung T as chentücher.» Claude Cueni (58) reicht

«Ich brauchte eine Aktionspackung Taschentücher.» Claude Cueni (58) reicht

ner Ehefrau gingen wir nach Hong- kong. Das war eine sehr aufwühlen- de, aber auch aufregende Zeit. Viel- leicht war das die glücklichste Zeit, ich weiss es nicht. Ich erlebe auch seit meiner erneuten Heirat eine sehr glückliche Zeit, weil meine Ehefrau die philippinische Lebensfreude ins Haus gebracht hat.

Beflügelt Sie dieses Gefühl zu weiteren Büchern?

Von Sigfried Schibli

BaZ: Claude Cueni, ist «Script Avenue» eine Autobiografie oder ein Roman?

Basel. In unregelmässigen Abständen veranstaltet der Verein Basel Durchzug Diskussionen zu (in der Regel) kulturel- len Themen. Diesmal war ein von Jenni- fer Khakshouri moderiertes Gespräch mit dem künftigen Basler Theaterdirek- tor Andreas Beck (48) im Ackermanns- hof anberaumt. Und es kamen über hundert Interessierte – so viele wie noch nie bei einem Salon dieses halb privaten und halb öffentlichen Vereins, in dem etliche Kulturschaffende, darun- ter viele pensionierte, mitwirken. Und was erfuhren wir Theaterhung- rigen nun alles an diesem kurzweiligen Abend? Zum Beispiel, dass der aus dem Ruhrgebiet stammende Beck einen Nasenmops sein Eigen nennt, über- haupt Hunde mag und ausserdem den Rhein. Dass er gerne Bach spielt auf sei- nem eigenen Flügel. Dass ihn als Kind das «Dornröschen» zum Theater ge- bracht hat. Dass er viel von Teamwork hält (wer nicht?) und dass er neue Pu- blikumsschichten erreichen will (das sagt auch jeder). Weiter war zu erfahren, dass der ab der Spielzeit 2015/2016 am Theater Basel als Direktor amt- und agierende Beck an Richard Wherlock als Ballettdi- rektor festhält, «um die Kontinuität zu wahren». Dass er im Musiktheater auf der Linie von Gerard Mortier liegt und für diese Sparte einen musikalischen Oberleiter sucht, aber damit spät dran ist, denn «zwei Jahre sind in der Oper nichts». Bei dieser Gelegenheit erlebte man, dass Beck ein unterhaltsamer Causeur ist, dem man gerne zuhört, auch wenn er nichts von Belang sagt.

Claude Cueni: Ich habe das Buch als Roman angeboten, die Verlegerin hielt es aber für eine Autobiografie. Wenn Autoren Autobiografien publi- zieren, sterben sie meistens nach dem «Gut zum Druck». Also einigten wir uns auf «autobiografischen Roman».

Ob das hilft?

Ich leide seit der erfolgreichen Kno- chenmarktransplantation an chroni- schen Organabstossungen, wie sie nach Transplantationen auftreten können. Dadurch sind meine Flügel doch erheblich gestutzt. 800-seitige Romane werde ich wohl nie mehr schreiben. Ich leide unter Krämpfen und Nervenschmerzen und bin spä- testens um drei Uhr morgens auf. Mal

In der «Script Avenue» würde das hel- fen. Das ist die fantastische Parallel- welt, die ich mir in den 60er-Jahren als kleiner Junge erschaffen habe, um einem skurrilen Umfeld zu ent- fliehen. Sie wurde im Laufe meines Leben immer dominanter und ist es bis heute geblieben. Es ist die Welt von realen und fiktiven Figuren.

Sie gehen mit Ihren Figuren unerbittlich um, besonders Ihre jurassische Ver- wandtschaft kommt schlecht weg.

«Privat bin ich eher ein Stand-up-Comedian, der sich nicht sonderlich ernst nimmt.»

sehen. Noch ist mir der Humor nicht vergangen. Ich habe zwei Romane auf dem Tisc h, die ein letztes Fine Tuning brauchen. Der eine ist «Pacific Ave- nue»; die Handlung spielt im 16. Jahr- hundert auf den Philippinen, woher meine jetzige Frau kommt, der andere ist «Giganten», ein historischer Roman über das 19. Jahrhundert, das Zeitalter der Beschleunigung.

Sie leben in Ihrer Wohnung mit Schau- fensterpuppen, die historische Figuren aus Ihren Romanen darstellen. Reden Sie mit ihnen?

Mit einer Ausnahme habe ich stets versucht, die Vielfalt eines Charakters darzustellen. Durchaus liebevoll, wie mein Sohn meint. Aber es ist sicher so, dass sich das Buch nicht um Tabus und Political Correctness schert. Ich schreibe nicht, was sein sollte, ich schreibe nicht, was man darf: Ich schreibe, was ist.

Also Wahrheit, nichts als die Wahrheit?

Die spanische Literatur nennt dieses Genre den «magischen Realismus», man erzählt eine sehr realistische Ge- schichte mit fliessenden Übergängen in den Surrealismus. Die surrealisti- sche Komponente ist ohne Zweifel von den über 20 000 Pillen beein- flusst, die ich seit meiner Leukämie- erkrankung geschluckt habe, aber sie ist in «Script Avenue» klar von der Realität trennbar

dem Leser mit «Script Avenue» den Schssel zu seinem Leben. Foto David Burkhardt

Nein, wenn man tot ist, ist man tot, und man bleibt nur in Erinnerung, wenn man Schulden hinterlassen hat. Die Erde dreht sich weiter.

War das Schreiben eine Therapie?

mein iPhone. Ich hörte die Songs tagein, tagaus und sie öffneten mir das Tor zur Er inner ung: Politische Schlagzeilen, Filme, Werbespots, Modetrends und all die gesellschaft- lichen Irrtümer der letzten 50 Jahre.

Welche Botschaft vermitteln Sie?

Meine Therapie sind aktuell 14 Pillen am Tag. Aber die Arbeit an der «Script Avenue» gab mir einen Rahmen, eine Struktur und ein Ziel. Sie half mir, mein Martyrium durchzustehen, denn es ist immer noch besser ein Buch zu schreiben, als wie eine Zim- merpflanze im Wohnzimmer zu sitzen und über das Sterben nachzudenken.

Und in dieser Zeit entstand der Wunsch, eine Art Autobiografie zu schreiben?

Ich weiss, dass viele Besucher die Stirn runzeln, wenn sie sehen, dass ein erwachsener Mann mit Schau- fensterpuppen zusammenlebt. Man ist versucht, ihm einen Termin beim Psychiater zu organisieren. Doch diese Mitbewohner sind Menschen aus der «Script Avenue». Wenn ein Roman auf den Markt kommt, ist für mich die Geschichte nicht beendet. Ich fühle mich diesen Figuren emotio- nal sehr verbunden.

Quartett der Hausregisseure Das Basler Schauspiel wird Beck, der erfahrene Dramaturg und jetzige in- novative Direktor des Wiener Schau- spielhauses, selbst leiten, sich dabei aber auf vier Hausregisseure stützen. Da wurde er dann doch ansatzweise ein klein wenig konkret – eine Eigenschaft, die nicht zu seinen stärksten gehört. Von allen vier hat er «wundervolle Aufführungen» gesehen, die ihn «be- glückten». Er scheint ganz genau zu wissen, welche Profile er da verpflichtet hat. Das Verdikt in der BaZ, es handle sich um «Niemande», hat ihn offensicht- lich getroffen. Worauf er gleich – das ist Basler Theaterdirektoren-Stil – die gan- ze Theaterkritik pauschal für inkompe- tent erklärte. In solchen Situationen gibt es immer ein paar Zuhörer, die freudig zustimmend applaudieren. Womit wird die Saison in 16 Mona- ten eröffnet? Funkstille. Stücktitel woll- te Beck noch keine nennen, obwohl sei- ne erste Spielzeit «und eigentlich auch die zweite» stehen. Über Zahlen wollte er schon gar nicht reden. Zahlen, vor al- lem Auslastungszahlen im Theater, sei- en Interpretationssache. «Befreien wir uns von den Zahlen!», rief er in die Run- de. Wahrscheinlich meinte er damit nicht, dass man das Theater von Sub- ventionen befreien solle. Sondern nur, dass man es nicht auf Einschaltquoten reduzieren solle, womit er ja recht hat. «Sie dürfen sich freuen!», meinte er am Schluss, und es klang herzlich. Wir freuen uns immer gerne, selbst dann, wenn wir nicht genau wissen worauf.

War es schmerzhaft für Sie, diese Lebensbilanz zu schreiben?

Der Roman zeigt, dass der Mensch die Fähigkeit hat, zu trauern und Trauer zu überwinden. Er vermittelt die Kraft des Handelns, den Willen, nie aufzugeben; zurück bleibt ein lebendiger Streifzug. Und trotz den erschütternden Ereignissen ist es ein Buch voller Komik und Ironie. Privat bin ich eher ein Stand-up-Comedian, der sich nicht sonderlich ernst nimmt.

Welches war Ihre glücklichste Zeit?

Es war nicht einfach, das lange Ster- ben meiner Frau zu beschreiben. Da brauchte ich eine Aktionspackung Taschentücher. Aber über weite Stre- cken ist das Buch doch sehr witzig und mit viel Selbstironie geschrieben. Ich wollte ein Buch schreiben, das al- les vereint, was das Leben ausmacht:

Komik und Desaster. In jedem Leben steckt eine Menge «Pulp Fiction».

Sie sind schwer erkrankt – ist dieser Roman eine Art Vermächtnis?

Mein Sohn animierte mich dazu, als ich sechs Monate auf der Isolations- station der Hämatologie lag. Er kopierte mir alle Hits der 60er-, 70er-Jahre bis in die Gegenwart auf

Eigentlich war jeder Tag, den ich mit meinem Sohn verbracht habe, ein glücklicher Tag. Nach dem Tod mei-

Buchtaufe und Lesung «Script Avenue» (Moderation Frank Baumann): Buchhandlung Bider & Tanner, Basel. Aeschenvorstadt 2. Freitag, 9.Mai, 19.30 Uhr (Eintritt frei).

Eine Abrechnung mit sich und der Welt

«Script Avenue» ist eine Lebensbilanz mit Exkursionen ins Fantastische

Von Rolf Hürzeler

er mit historischen Romanen hervorge- treten, darunter «Das grosse Spiel» über den Papiergelderfinder John Law oder «Cäsars Druide» über die Gallischen Kriege. Nun händigt der Autor dem Leser den Schlüssel zu seinem Leben aus. Und er schreibt in seiner kraftvol- len Sprache unerschrocken über seine lebensbedrohliche Krankheit; Cueni ist an Leukämie erkrankt. Am Anfang steht die Enge. Der Autor beschreibt eine verpfuschte Kind- heit in einer jurassischen Gemeinde mit dem metaphorischen Namen Vilain- court. Da ist nichts von separatistischer Romantik zu spüren, dafür drückt

katholische Repression allerorts. Der Vater kümmert sich kaum um die Fami- lie, die Mutter leidet unter religiösem Wahn. Elend und Witz, Euphorie und Depression liegen nahe beisammen

fummelte an seiner Hose herum …» Cueni erspart dem Leser die Details des Traumas nicht. Der Ich-Erzähler schafft sich eine eigene Welt, die dem Buch den Titel gibt: «Ich flüchtete in meine Script Ave- nue. Es war mittlerweile eine endlose Allee, die nirgends anfing und nirgends aufhört. Ich kenne heute noch jedes Haus, jedes Fenster, jeden Bewohner.» Geborgenheit findet der Protagonist in seiner grossen Liebe Andrea, die beiden sind sich jahrelang fast verfallen, haben einen Sohn miteinander. Bis seine Frau

Fortsetzung auf Seite 27

Der Mann hat Humor. Da sitzt der Ich-Erzähler in einer Werbeagentur und spielt mit seinem Bürokollegen Schach. Nach zwei Stunden stellt sich die Frage, welchem Kunden sie diese Zeit verrech- nen wollen: «SP oder Swissair? Meis- tens wählten wir die Swissair, weil die das grössere Budget hatten.» Das ist eine Episode aus dem neuen Roman von Claude Cueni. «Script Avenue» ist eine Lebensbilanz mit Exkursionen in eine fiktionale Fantasiewelt. Das Buch zeigt den Basler Schrift- steller in einem neuen Licht. Bisher ist

Die Details des Traumas Der kleine Protagonist findet nur zu wenigen Erwachsenen Zugang, in den ersten Jahren wenigstens zu seinem Onkel Arthur, einem «pied noir», einem ehemaligen Algerienkämpfer. Doch die- ser erweist sich als Kriegsverbrecher und vor allem als Kinderschänder. «Er drückte seinen Kopf gegen mein Kinn, begann zu schnaufen wie ein Ochse und

AnzEigE

Sinfonieorchester Basel Lettischer Radiochor Heinz Holliger, Leitung und Oboe Dennis Russell Davies, Leitung MITTWOCH,
Sinfonieorchester Basel
Lettischer Radiochor
Heinz Holliger, Leitung und Oboe
Dennis Russell Davies, Leitung
MITTWOCH, 14.MAI 2014
19.30
Uhr, Musiksaal Stadt-Casino Basel
18.30
Uhr : Einführung durch David Schwarb
Ha pp y B ir thday,
Felix Mendelssohn Bartholdy:
3. Sinfonie a-Moll, Schottische
Heinz Holliger:
Vorverkauf : Bider& Tanner
Ihr Kulturhaus mit Musik Wyler
Aeschenvorstadt 2, 4010 Basel, Tel. 061 206 99 96
ticket@biderundtanner.ch
Heinz Holliger!
Ardeur Noire (d’après Claude Debussy)
Heinz Holliger: Siebengesang
Claude Debussy: Trois Nocturnes
www.sinfonieorchesterbasel.ch