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Warum das Drei-Millionen-Volk »Die Schweiz

Amerikas« genannt wird, darüber sind die


Meinungen geteilt; die einen meinen, dies sei der
(früheren) politischen Stabilität und der
vorbildlichen Sozialgesetzgebung zu verdanken,
andere glauben, daß es dem Umstand zu
verdanken sei, daß die Uruguayer wie die
Eidgenossen überaus konservativ seien.
1903 gelangte der Colorado-Politiker Jose Battle y
Ordrriez an die Regierung und legte die
Grundlagen für einen modernen Staat. Ohne die
Macht der Großgrundbesitzer anzugreifen, schuf
er einen internen Markt, nationalisierte die
Eisenbahn und Versicherungen, erhöhte die
industrielle Produktion und führte Schutzzölle
zugunsten der einheimischen Betriebe ein. Die
Kirche wurde entmachtet, der Acht-Stunden-Tag,
Sozial-und Rentenversicherung sowie das Recht
auf kostenlosen Unterricht kamen sechzig Jahre
vor der»Fortschrittsallianz« vor allem den Armen
zugute. Der Staat wurde zum wichtigsten
Arbeitgeber, der Paternalismus und damit
Klientelismus wuchs, und es entstand eine riesige
Mittelschicht.
Nach dem Korea-Krieg war es mit der sozialen
Idylle vorbei. Der synthetische Ersatz für Wolle
und Leder ließ die Nachfrage für die traditionellen
Exporte auf dem Weltmarkt sinken, und die
extensive Viehwirtschaft erwies sich als
Hemmschuh für die notwendigen
Strukturreformen. Die Lohnabhängigen mußten
den Gürtel enger schnallen, und das Land geriet
unter das Diktat des IWF. Uruguay mußte sich
verpflichten, den freien Wechselkurs zuzulassen,
der Inflation und Arbeitslosigkeit nach sich zog.
Anfang der sechziger Jahre machen ein gewisser
Raul Sendic und die von ihm gegründete
Gewerkschaft der Zuckerrohrarbeiter UTAA von
sich reden; sie besetzen Fabriken und machen in
mehreren Märschen in die Hauptstadt auf die
feudalen Arbeitsbedingungen auf dem Land
aufmerksam. Im Juli 1963 stehlen sie aus dem
»Schweizer Schießclub« Gewehre, ein halbes Jahr
später beginnen sie mit ihren Robin-Hood-
Aktionen: Sie überfallen Lieferwagen und
verteilen die Lebensmittel in den Armenvierteln.
Aus dieser Gruppe um Raul Sendic, Nato
Huidobro und Julio Marenales geht 1966 offiziell
die »Bewegung der Nationalen Befreiung«, MLN-
Tupamaros hervor.
Die Tupas wurden wohl zur berühmtesten
Stadtguerilla. Auf ihrem Höhepunkt hatten sie -so
eine Schätzung der uruguayischen Polizei -rund
10.000 mehr oder weniger militante Anhänger.
Kaum eine Bank und kaum einer aus dem
Großkapital war vor ihnen sicher. Ihre
spektakulärsten Aktionen waren die Besetzung
der Stadt Pando (8. Oktober 1969), die
Entführung des britischen Botschafters (9. Januar
1971) und des Herausgebers zweier reaktionärer
Tageszeitungen (September 1969) und die
Entführung und Erschießung des US-
amerikanischen Folterspezialisten Dan Mitrione
(31. Juli bis 10. August 1970), nacherzählt in dem
Film »Der unsichtbare Aufstand«. Die größten
Sympathien erreichten sie mit dem Einbruch in
die Finanzierungsgesellschaft »Monty« am 14.
Februar 1969; sie ließen dabei nicht nur 24.000
Dollar, sondern auch die Kassenbücher mitgehen,
in denen die illegalen Transaktionen mit
Scheinfirmen festgehalten waren. Die MLN legte
Kopien der Bücher einem Richter vor die Haustür
und löste damit die Verhaftung mehrerer
angesehener Geschäftsleute und eine
Regierungskrise aus. Ein überführter Ex-Minister,
den die Justiz mit Samthandschuhen anfaßte,
wanderte ins Volksgefängnis.
Noch unter der verfassungsmäßigen Regierung
des Colorado-Politikers Jorge Pacheco Areco
waren der innere Kriegszustand erklärt, die
individuellen Rechte außer Kraft gesetzt und das
Land in einen Polizeistaat verwandelt worden. Die
Tupamaros wurden 1972 militärisch zerschlagen.
Als ein Jahr später, am 27. Juni 1973, die Militärs
putschten, hielten die Gewerkschaften einen
zweiwöchigen Generalstreik durch. Nun wurden
die gesamte Linke und die Gewerkschaften
iIIegalisiert. Insgesamt lernten 50.000 Bürger die
Gefängnisse von innen kennen, und fast alle sind
gefoltert worden. Im Hochsicherheits Gefängnis
"Libertad", zu deutsch: Freiheit, versuchte ein
speziell geschultes Psychologen-Team mit
wissenschaftlichen Methoden die Persönlichkeit
der Gefangenen zu zerstören.
Auch die Uruguayer außerhalb der Gefängnisse
waren während der 12-jährigen Diktatur einer
ausgefeilten sozialen Kontrolle unterworfen; es
herrschte eine lückenlose Pressezensur, an die
Öffentlichkeit gelangte nur die Desinformation
des Regimes. Alle drei Millionen Einwohner waren
gemäß ihres Gefährlichkeitsgrades in die
Kategorien A, Bund C eingeteilt, und das
"Zertifikat über den demokratischen Glauben"
der Diktatur entschied über Fortbildung,
Arbeitsplatz und Überwachung. Die Polizei löste
Fußballclubs auf, Lind sogar Geburtstagsfeiern
waren genehmigungspflichtig. Langhaarigen
wurde auf der Straße der Kopf geschoren und
Bärtigen der Zutritt zu Schulen verwehrt.
Zwar erlangten die Militärs nie eine soziale Basis
-bei ihrem Plebiszit 1980 für ihre geplante
Verfassungsänderung erhielten sie nur 43 %
-aber einen bewaffneten Wiederstand hat es nie
gegeben. Die großen Massendemonstrationen für
die Demokratie wurden von der traditionellen
Colorado-Partei angeführt, die mit den Militärs
den Übergang zu einer verfassungsmäßigen
Regierung aushandelte.
Als die Colorados im März 1985 die Regierung
übernahmen, öffneten sie die Gefängnistore und
amnestierten die politischen Gefangenen. Nur die
Tupamaros, die wegen Kapitalverbrechen
angeklagt waren, mußten sich erneut vor zivilen
Gerichten verantworten. Dabei wurden ihnen
jeder in der Haft verbüßte Tag dreifach
angerechnet.
Die Regierung hatte wohl damit gerechnet, daß
sich die Tupamaros in der Legalität nicht
zurechtfinden, sich gegenseitig zerfleischen und
schließlich
damit selbst zur Bedeutungslosigkeit
verdammen. Diese Rechnung ging in Argentinien,
aber nicht in Uruguay auf: Zwar haben sich die
meisten der früheren Gefangenen aus der
aktiven Militanz zurückgezogen -darunter viele
Frauen -aber die MLN hat viele junge Mitglieder,
es hapert eher im Mittelbau.
Ihr Verlag TAE ist inzwischen der größte und
angesehenste im Land, die Wochenzeitung MATE
AMARGO hat die größte Auflage, und ihre
Radiostation PANAMERICANA ist zwar wegen
ausgebliebener Anzeigen defizitär, aber viel
gehört. Verglichen mit anderen Bewegungen
macht sich die Niederlage der MLN eher
bescheiden aus. Doch, kein Zweifel, die
Niederlage wurde noch nicht verdaut, und es hat
bis heute keine organische Begründung für sie
gegeben.
Die Regierung hat die in sie gesetzten
Hoffnungen innerhalb von drei Jahren verspielt;
der Reallohn hat sich kaum verbessert, die
industrielle Produktion sinkt weiter, die
Infrastruktur ist hoffnungslos veraltet, und
wirklich funktioniert nur der Klientelismus der
Jahrhundertwende. Mit der Visitenkarte eines
Colorado-Politikers werden immer noch Berge
versetzt, auch wenn sich sonst im Lande nichts
rührt. Nur die Auslandsschuld wird mit religiöser
Ergebenheit bezahlt. Immer wieder berichtet die
Presse über Foltervorwürfe, nicht gegen Linke,
sondern gegen Diebe und Betrüger. Gegen die
Jugendlichen geht die Polizei mit regelmäßigen
gewaltsamen Razzien vor, jung sein ist
verdächtig, und früh krümmt man, was ein
Häkchen werden soll.
Proteste gegen den staatlichen Autoritarismus
sind eher rar, und der Ausweg aus der Krise heißt
nicht Revolution, sondern Carrasco, der
internationale Flughafen. Während unter der
Diktatur von drei Millionen Einwohnern jährlich
35.000 Uruguayer das Land verließen, suchen
heute -vornehmlich junge Leute -58.000 das
Weite.
Der Linken -weder der reformistischen noch der
revolutionären -gelingt es kaum, aus dem
Vertrauensverlust Kapital zu schlagen. Die Leute
verfallen in Resignation und Entpolitisierung.
Nach einer Meinungsumfrage des GallupInstituts
lesen 56% der Uruguayer nicht den politischen
Teil der Zeitungen, 77 % nehmen nicht an
politischen Veranstaltungen oder
Demonstrationen teil, und 80 % der Jugendlichen
und 83 % der Armen wollen mit der traditionellen
Politik überhaupt nichts mehr zu tun haben.
Da war das Ergebnis der Volksabstimmung im
April 1989 über das Amnestie-Gesetz für die
Folterer keine Überraschung. 53 % bestätigten in
einer geheimen und freien Wahl das »Gesetz
über die Hinfälligkeit der Strafabsicht des
Staates«. Die Ermittlungsakten bleiben
geschlossen, Folter-und Mordvorwürfe werden
nicht untersucht, und das Schicksal der immer
noch entführten Kinder der Verschwundenen
bleibt im Dunkeln.
»Die Uruguayer haben nicht den Militärs
applaudiert, sondern das Wahlergebnis sei
Ausdruck einer alten uruguayischen Sitte:
Vorsicht, bloß nichts riskieren« -so hieß es in
einem Leitartikel in »Republica«. Die linke
Tageszeitung machte vor allem die soziale
Struktur der Gesellschaft verantwortlich: Uruguay
ist ein Land der Alten, insgesamt 600.000
Personen beziehen Rente oder Pension; auf jeden
arbeitenden Menschen, darunter auch die
275.000 Beamten, kommen laut der letzten
Volkszählung 1,5 Rentner. Die Auswertung der
Wahllokale, wo hauptsächlich alte Leute ihren
Stimmzettel abgeliefert hatten, ergab, so
»Republica«, daß bis zu 85% von ihnen für die
Amnestie gestimmt haben. Die Alten seien das
konservative Potential, das sich auf keine
politischen Experimente einlassen wolle.
Eigentlich hatte an der Spitze der Befragten Raul
Sendic stehen sollen, aber der MLN-Gründer ist
am 28. April 1989 in Paris gestorben. Als sein
Sarg zehn Tage später durch die ganze Stadt zu
Grabe getragen wurde, waren 150.000 auf den
Beinen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Statt
Sendic reden die beiden Mitgründer der
Tupamaros, Eleuterio Fernandez Huidobro,
genannt Nato, und Julio Marenales. Die beiden
gehören zu den »Alten«, sie sind Mitglied im
Zentralkomitee der MLN, ebenso wie die drei
Tupas Mario de Lean, Irma Leites und Eduardo
Lean Duter, die eher die zweite Generation
repräsentieren.

Interview mit Eleuterio Fernandez


Huidobro, EI »Nato«, Mit-Gründer der MLN-
Tupamaros. Während der Militärdiktatur
war er als Geisel in Kasernen gefangen
gehalten worden. Im März 85 wurde er auf
freien Fuß gesetzt und ist seitdem im
Zentralkomitee der MLN.

Ich habe mich etwa im Jahr 1958 politisiert, als


ich 16 war. Ich war zehn Jahre lang auf einer
katholischen Privatschule. Damals fanden gerade
die Auseinandersetzungen um das neue
Hochschulgesetz statt, mit Streiks,
Demonstrationen usw. In meiner Schule waren
viele der Priester Deutsche und Spanier, von
denen ich vermute, daß sie ultrarechts waren. Sie
lehrten uns, daß die Nordamerikaner
Imperialisten seien, und sie gaben einen
kritischen Geschichtsunterricht, in dem viele
Fragen aufgeworfen wurden. Und als dann die
Studenten auf die Straße gingen, waren wir
dabei, obwohl wir damals die Sachen politisch
keineswegs klar hatten.

F: 1958 war das Jahr, in dem die Nationale Partei,


die »Blancos«, die Wahlen gewannen.

Das war nach über 90 Jahren Herrschaft der


Colorado-Partei das erste Mal, daß die Blancos
gewannen. Ich erinnere mich, daß ich den
Wahlsieg der nationalen Partei gefeiert habe. Ich
hatte sie zwar nicht gewählt, aber ich freute mich
über die Niederlage der Colorados, die für die
Studenten und Schüler das Feindbild gewesen
waren. Im selben Jahr härte ich mit dem Studium
auf und begann, in einer Bank zu arbeiten, denn
ich hatte eine feste Beziehung zu einem Mädchen
begonnen.

F: Was hattest du studiert?

Ingenieurwissenschaft, aber da kam diese


Freundin dazwischen. Meinen Entschluß, mein
Studium zu schmeißen und in einer Bank
anzufangen, teilte ich zu Hause meinen Eltern
mit. Aber schon einen Tag später begriff ich, daß
ich Mist gebaut hatte, und nahm das Studium
wieder auf. Tagsüber arbeitete ich, und nachts
büffelte ich. Ich ging zu den Demos, war ein
eifriger Leser der Zeitschrift »Marcha«, und das
Milieu, in dem ich mich bewegte, war stark von
der kubanischen Revolution beeinflußt.

F: Warst du in einer Partei?

Ende 61/Anfang 62 bin ich in die MRO


eingetreten, in die Revolutionäre Bewegung der
Uruguayer. Wir sind als Gruppe eingetreten, denn
ich war bereits zu diesem Zeitpunkt in meinem
Stadtteil mit einer festen Gruppe von Genossen
zusammen, und eines Tages beschlossen wir in
einer Kneipe, uns zu organisieren, in irgendeiner
Partei oder Organisation. Wir wollten unserer
politischen Aktivität einen organisatorischen
Rahmen geben. Wir suchten uns die MRO aus,
wie sich jemand im Supermarkt eine Ware
aussucht. Wir hatten uns vorher alle
Parteiprogramme besorgt, von der KP, der
Sozialistischen Partei, aber unsere Wahl fiel auf
die MRO.

F: Ihr habt also vor allem den Zwang zur


Organisation verspürt?

Klar. Die MRO gefiel uns, weil sie eine neue


Sache war. Ein Genosse von uns ging also in das
Büro der MRO, um uns einzuschreiben, wir waren
insgesamt um die 19, und der Typ, der unseren
Aufnahmeantrag unterschreiben sollte, meinte,
da stimme etwas nicht, wir seien Spitzel. Wir
haben die Jugendorganisation der MRO
gegründet und haben an Demonstrationen
teilgenommen, der Studenten, des
Solidaritätskomitees für Kuba und gegen die
Diktatur in Paraguay. Ich wurde zum ersten Mal
am 14. Mai 62 verhaftet, als ich Steine auf die
paraguayische Botschaft geworfen hatte. Wir
nahmen Kontakte zu den Zuckerrohrarbeitern
auf, die 62 ihren ersten Marsch nach Montevideo
starteten. Und das zog den Bruch mit der
Führung der MRO und der gesamten
traditionellen Linken nach sich, die damals
ungeheuer klein und unbedeutend war. 1962
fanden nationale Wahlen statt, und es gab -von
den Solidaritätskomitees für Kuba ausgehend
-die ersten Versuche, eine linke Front zu
gründen. Der Versuch ging in die Hose, es gab
auch eine Einheit der Gewerkschaftsbewegung,
wir hatten eine gelbe Gewerkschaft, die aber
immer mehr an Kraft verlor, die Sozialisten
hatten ihre eigenen Gewerkschaften und auch
einige autonome Gruppen. Wir von der
Jugendorganisation hatten bereits mit der MRO-
Führung gebrochen und waren während des
Wahlkampfs in der FIDEL aktiv, der Linken Front
für Befreiung, wir klebten Plakate, organisierten
Veranstaltungen usw., aber das Wahlergebnis
war eher peinlich, die Linke war um keinen Deut
gewachsen. Die Leute waren total frustriert, auch
weil die wirtschaftliche Krise immer offener zu
Tage trat.

F: Waren bereits die ersten Abkommen mit dem


IWF unterzeichnet worden?

Nach dem Wahlsieg der Blancos im Jahr 58 wurde


die erste Absichtserklärung unterschrieben und
Beziehungen zum IWF eingeläutet. Aus
Argentinien strömten die Flüchtlinge zu uns, dort
war der Plan Conintes bereits in Kraft gesetzt
worden, und das alles hatte auf Uruguay großen
Einfluß. In mein Stadtviertel zogen eine ganze
Reihe von politischen Flüchtlingen aus
Argentinien, und schon wenige Monate später,
nach dem Staatsstreich 64, kamen die
Brasilianer. Und es begannen die faschistischen
Gruppen in unserem Land gegen die
Studentenbewegung aufzutreten.

F: In welcher Form?

Mit Attentaten und Straßenschlachten. Sie


machten auch Anschläge gegen Juden, politische
Aktivisten der Linken und Gewerkschaften. Es
bildete sich das Koordinationskomitee gegen die
faschistischen Banden, die jüdische
Gemeinschaft organisierte Patrouillen ihrer
Häuser, und es entstand so etwas wie ein kleiner
Sicherheitsdienst.

Die Faschisten griffen die Universität an und


besetzten sie. Später stellte sich heraus, daß die
Tageszeitung "EI Pafs« und die Geheimdienste
von Anfang diese Aktion unterstützt hatten; es
waren dieselben Faschisten, die viele Jahre
später beim Staatsstreich eine tragende Rolle
spielen sollten.

F: Im Jahr 62 gewinnt die Nationale Partei erneut.


..

Klar, aber diesmal knapper als vier Jahre vorher.


Die Linke gewann keine Stimmen dazu. 1962 ist
das Jahr der Kubakrise und der Polemik zwischen
China und der Sowjetunion. Und das führte
innerhalb der uruguayischen KP zu Abspaltungen,
fast die gesamte Leitung der
Studentenvereinigung FEUU verläßt die KP und
gründet den prochinesischen MIR. Sie, zusammen
mit einigen Anarchisten und Genossen der
Sozialistischen Partei (PS) beginnen eine lange
Diskussion über die Frage, ob die ökonomische
Krise des Landes eine strukturelle oder eine
Konjunkturkrise sei, und über die Notwendigkeit
der Selbstverteidigung gegenüber den
faschistischen Banden. Jedes Partei-oder
Gewerkschaftsbüro mußte bewacht werden, die
Versammlungen in der Uni und im Betrieb hatten
einen Sicherheitsdienst, und eine gelbe
Gewerkschaft, die aus den USA finanziert wurde,
trieb mit den Faschisten ein gemeinsames
Unwesen. Auf dem Land war die Repression, die
nie strafrechtlich verfolgt wurde, noch viel
brutaler als in Montevideo. Damals begannen die
Diskussionen über den bewaffneten Kampf, ohne
daß man die Sachen klar hatte. Und täglich war
mit einem Putsch zu rechnen.

F: Wegen der Erfahrungen in den


Nachbarländern?

Innerhalb der Streitkräfte sympathisierten viele


mit einem Putsch, aber es gab auch
fortschrittliche Offiziere, die uns über die
Putschgefahren informierten, oft gab es auch nur
Mund-zu-Mund-Propaganda. Manchmal schlugen
wir uns die Nächte um die Ohren, weil wir
stündlich mit einem Staatsstreich rechneten,
wobei uns nicht klar war, was wir in diesem Fall
eigentlich tun sollten. 1964 rief die KP, nämlich
der KP-Chef Rodney Arismendi, im Falle eines
Putsches zum bewaffneten Kampf auf. Der
bewaffnete Kampf stand, beeinflußt von der
kubanischen Revolution und dem Sieg in
Algerien, auf der Tagesordnung. Die
Diskussionen darüber fanden aus
Sicherheitsgründen im privaten Kreis statt, unter
wenigen Leuten. Das hatte nicht mit Elite-Denken
oder ähnlichem zu tun, denn wir waren alle
politisch oder gewerkschaftlich verankert. Es war
also nicht so, wie heute manchmal dargestellt
wird, daß sich eines Tages plötzlich ein paar
Erleuchtete zusammensetzten und erklärten: Nun
wollen wir Guerilla machen.

F: Gab es eine Art Aufklärungs-oder


Geheimdienstarbeit von euch über die
faschistischen Gruppen und über die Streitkräfte?

Sehr wenig. Die Faschisten, die im studentischen,


politischen oder gewerkschaftlichen Bereich
auftraten, kannten wir. Wir veröffentlichten ihre
Photos in unserer Presse, einschließlich der
Quittung für ihr Handgeld, das ihnen die US-
Botschaft zahlte. Über die putschbereiten
Offiziere wußten wir wenig, die fortschrittlichen
Offiziere waren ja keineswegs links, sondern eher
liberal.

Vasconcellos und andere Politiker der Colorado-


Partei deckten viele Dinge auf. 62 war Wilson
Ferreira Aldunate Landwirtschaftsminister und
stand einem Putsch positiv gegenüber; es gibt
von ihm den berühmten Satz, daß in Uruguay die
Sachen mit dem allgemeinen Moratorium
geregelt werden oder mit General Moratorio.
General Moratorio war Verteidigungsminister und
ein Hardliner. Rodriguez Camuso ...

F: ... heute Senator der KP-nahen »Democracia


Avancada« ...

... er war Gesundheitsminister der Blanco-


Regierung und hatte die Notstandsgesetze mit
unterschrieben.
F: Wie gings bei euch weiter?

62 hatten wir bereits mit den


Zuckerrohrarbeitern Pläne für Landbesetzungen
geschmiedet. Mit »wir« meine ich eine Gruppe,
die sich schon von der MRO getrennt hatte, die
Genossen von der prochinesischen MIR, die
Anarchos und Unabhängige, die den Marsch der
Zuckerrohrarbeiter unterstützt hatten. Der Plan
bestand darin, kurz vor den Wahlen im
September/Oktober im Norden des Landes ein
Stück Land zu besetzen. Wir hatten uns schon
reichlich von dem ganzen Wahlspektakel
entfernt, wo aber die ganze traditionelle Linke
total drin steckte. Einige Abgeordnete und
Journalisten hatten uns versprochen, bei der
Besetzung dabei zu sein, es gab zwei linke
Tageszeitungen, EI Popular und La Epoca. Die
Landbesetzung mußte eine Wirkung in
Montevideo haben, denn auf dem Land war ja
nichts los, da wäre einfach eine Polizeitruppe
angerückt und hätte uns mit Knüppeln
vertrieben, ohne daß im Land ein Hahn gekräht
hätte. Deshalb wollten wir mit der Presse und
den Abgeordneten die Landbesetzung in
Montevideo politisch wirken lassen. Wir wollten
einen neuen Weg beschreiten. Es war geplant,
bei der Besetzung Waffen zu tragen, nicht um
sich gegen die Polizei zu wehren, sondern um sie
zu zeigen, mit einer einfachen Polizeitruppe
wären wir also nicht zu räumen gewesen, da
hätte schon ein Bataillon oder das Heer anrücken
müssen. Der Plan war gut, aber die meisten
Leute, die uns Unterstützung versprochen hatten,
nahmen wegen des angelaufenen Wahlkampfes
immer mehr Abstand von dem Plan. Und dieser
Plan vollzog schließlich unsere endgültige
Trennung von der traditionellen Linken. Schon
vor der Wahl 62 gab es harte interne
Auseinandersetzungen.

F: Der Plan wurde also nicht umgesetzt?

Nein, wegen der Führungsspitzen der Parteien.


Nachdem die Diskussionen über die Pöstchen
erledigt waren Lind sich die Union Popular und
FIDEL gegründet hatten, verlangten sie von uns,
daß wir am Wahlkampf teilnehmen und Plakate
kleben sollten. Aber wir antworteten den
Parteiführern: Wartet mal, ich hab das und das
und das auf meinem Programm, da sind Leute,
die Land besetzen wollen, das sind Familien,
Frauen und Kinder. Aber sie stellten sich stur Lind
wollten uns für den Wahlkampf gebrauchen; und
wir begannen, viele Dinge langsam klarer zu
sehen Lind mit der traditionellen Linken, ihren
Methoden und Strategien nichts mehr zu tun
haben wollen. Der Plan starb auch deshalb, weil
er veröffentlicht wurde -natürlich, um ihn damit
zu verhindern. Denn einige Parteispitzen
fürchteten, daß wir ihn dann eben alleine
realisieren würden und damit den Wahlkampf
beeinflussen könnten. Sie glaubten, daß sie an
den Urnen einen Wahnsinns-Sieg erringen
würden, und deshalb mußten die den Plan von so
ein paar Verrückten durchkreuzen. Sie
durchkreuzten ihn. Wir verschoben ihn auf das
folgende Jahr, und um ihn durchzuführen, holten
wir uns aus dem Schweizer Schießclub (Tiro
Suizo) am 31. Juli die Gewehre.

F: Verlief die Aktion glatt?

Ein Lastwagen fiel um und die ganzen Gewehre


heraus. Wir mußten deshalb andere um Hilfe
bitten, um ein paar Sachen zu verstecken. Schon
nach wenigen Tagen waren statt der beiden
ursprünglichen Gruppen, die die Aktion im Tiro
Suizo gemacht hatten, drei oder vier Gruppen
beteiligt. Die Polizei sammelte langsam
Informationen und bekommt im September
heraus, wer die Gewehre gestohlen hatte. Sendic
und andere Genossen müssen abtauchen, und
nun wird immer mehr Unterstützung von anderen
Genossen nötig, und so wird der Coordinador
geboren, aus dem später die MLN hervorgehen
wird. Darin setzen sich Vertreter verschiedener
kleiner Gruppen einmal wöchentlich zusammen,
um über konkrete Dinge zu reden: Du hast das,
bring mir das etc. und das bekommt schließlich
eine eigene Dynamik und ein eigenes politisches
Leben. Ende 63 beschließen wir, die Lastwagen
der Supermarktkette Manzanares zu enteignen,
um sie in den Elendsvierteln zu verteilen. Dies
wurde im Coordinador geplant. Nachdem die
Genossen der Tiro-Suizo-Aktion in den
Untergrund mußten, wurde die Landbesetzung
wiederum verschoben.
F: 64 wird in Brasilien geputscht.

Und Uruguay quillt von brasilianischen


Flüchtlingen über, Brizola kommt her, um von
hier aus den bewaffneten Kampf in Brasilien zu
organisieren. Sie wollten von uns Waffen,
Kontakte an der Grenze. Und wir unterstützten,
wo wir konnten, wir holten Leute aus Brasilien
raus und schleusten welche hinein. Und wieder
gehen die Putschgerüchte in Uruguay herum,
genährt von offenen Drohungen aus Brasilien. Es
wird der Generalstreik diskutiert, und die
Zuckerrohrarbeiter machen ihren zweiten Marsch
nach Montevideo. Die Gewerkschaften gründen
einen Dachverband, und über die
Zuckerrohrarbeiter spielen wir dabei eine
wichtige Rolle. 64 ist der Coordinador auf dem
Höhepunkt; am Anfang war es nur darum
gegangen, die brennenden praktischen Probleme
nach dem Diebstahl der Gewehre aus dem
Schweizer Schießclub zu lösen, danach mußte er
das Leben im Untergrund von Sendic und
anderen organisieren, und es wurden Dinge
gemeinsam verwaltet, Gewehre usw. Eines Tages
überfällt eine der Gruppen des Coordinadors an
der Straßenkreuzung RiveraiArrascaeta eine
Bank, ohne daß die restlichen Leute davon
informiert wurden, am Überfall nahmen die
Zuckerrohrarbeiter teil, die verhaftet werden.
Eine erneute Niederlage!

F: Sie werden bei der Aktion verhaftet?


Am selben Tag, wo die gesamte uruguayische
Gewerkschaftsbewegung auf den Beinen ist, um
den Marsch der Zuckerrohrarbeiter zu
unterstützen, werden die Führer ihrer
Gewerkschaft bei einem Banküberfall verhaftet.
Du kannst dir vorstellen, was für eine Aufregung
dadurch entsteht, man hätte Balkone vermieten
können. Und was das Faß zum überlaufen
brachte: Der Coordinador tagte im selben
Gebäude, wo unten die Bank überfallen wurde.
Während oben beschlossen wurde, daß vor
solchen Aktionen die übrigen Mitglieder
informiert werden müssen, damit sie wenigstens
entsprechende Sicherheitsvorkehrungen treffen
können, wurde unten eine Bank ausgeräumt. Wir
hatten auch über den Sinn diskutiert, ob wichtige
Anführer von uns an solchen Aktionen
teilnehmen sollten, denn Sendic hatte deshalb in
den Untergrund gehen müssen, was der PS und
anderen Genossen nicht geschmeckt hat. Sie
argumentierten, daß er in der Legalität wichtiger
sei. Wenn sich Sendic gestellt hätte, wäre er
billig, wahrscheinlich ohne Knast davon
gekommen, die Anklage lautete ja auf einfachen
Diebstahl. Eine ganze Reihe von Anwälten hatten
sich zu seiner Verteidigung bereit erklärt. Wir
hatten darüber diskutiert, ob sich Sendic stellen
sollte, und als entschieden wurde, daß er sich
nicht stellen würde, trafen wir damit eine
strategische Entscheidung. Es gab ernste
Meinungsverschiedenheiten über diese Frage,
und ein Teil des Kompromisses war die
Übereinkunft, daß in Zukunft kein
Gewerkschaftsfunktionär mehr an solchen
gefährlichen Aktionen teilnehmen sollte. Und es
war natürlich die Hölle, als nach diesem
Abkommen genau die Bank überfallen wurde, wo
der Coordinador eine Etage höher debattierte. In
der Wohnung wohnte Violeta, die Companera von
Sendic, der von dort aus den Überfall auf die
Bank plante.

F: Viel Phantasie hatten sie aber nicht bei der


Auswahl des Objekts?

Etliche politische Kader und angesehene


Gewerkschaftsführer verlassen daraufhin den
Coordinador für immer. Es kommt zur Spaltung,
weil sie das nicht mit sich machen lassen wollten.
Das Finanzproblem wird zu einem immer
größeren Problem, den Exilierten muß geholfen
werden, wir brauchen Gewehre, tausend Sachen.
Es geht um praktische Notwendigkeiten, keine
theoretischen Erwägungen, daß irgendjemand
mit dem bewaffneten Kampf loslegen will. Im
Gegenteil, wir hatten eine sehr defensive
Haltung. Im selben Jahr noch planten wir eine
riesige Aktion, mit der wir die gefangenen
Zuckerrohrarbeiter befreien wollten, dafür
mußten wir einen gesamten Zug besetzen. Aber
statt die Gefangenen in dem für
Gefangenentransporte vorgesehenen Zug nach
Artigas zu bringen, benutzten sie einen anderen
Zug, der über keinerlei Sicherheitsvorkehrungen
verfügte. Sie setzten sie einfach zwischen die
anderen Passagiere in einen ganz normalen
Personenzug. Und unsere ganze Mühe war
umsonst gewesen!

F: Hatte deine Gruppe zu dieser Zeit schon einen


Namen?

MAC -Bewegung für die Unterstützung der


Bauern. Der MAC war legal und arbeitete im
Stadtteil La Teja. Wir haben in La Teja eine gute
Stadtteilarbeit gemacht, haben Kinder-Zelten mit
Kanu-Fahren veranstaltet, Wochenendausflüge,
Volksküchen, Sportgruppen, Arbeitslosenzentren
und eine Werkstatt für Agit-Prop. Wir haben die
Leute politisch geschult, wir hatten über 60 feste
Mitglieder, aber natürlich einen viel größeren
Wirkungskreis. Von den Leuten hatten die
wenigsten etwas mit den Illegalen zu tun. 1964
werden wegen Finanzaktionen mehrere
Genossen verhaftet, Marenales, Manera, Sendic
und Mujica.

F: Wann entstehen die Tupamaros als


Organisation?

Im ersten Kongreß und in dessen


Vorbereitungstreffen in Parque dei Plata 1965.
Bereits Ende 64 war der Coordinador in einer
tiefen Krise, alles geht zu
Bruch, das hängt nicht mit der Repression
zusammen, sondern mit internen Widersprüchen
und dem Finanzproblem, das zur Verhaftung der
Zuckerrohrarbeiter geführt hatte; dies geschah
nach dem großen Aufschwung bis Mitte 64, einer
Konsolidierung der Gruppen, eine technische
Perfektionierung und einem Voranschreiten des
Straßenkampfes. Aber auch nach zwei
mißglückten Befreiungsaktionen der Gefangenen
und der ganzen Verhaftungen. Auch in unserer
Gruppe, dem MAC, kommt es aufgrund einer
Auseinandersetzung über das Thema Terrorismus
zu einer Krise. Ein Teil der Genossen glaubten,
mit dem Bombenlegen die Probleme zu lösen. Ich
war dagegen, ich empfand das als Entgleisung,
die mit dem Scheitern und der Skepsis
gegenüber der sozialen und politischen Arbeit an
der Basis zusammenhing. Und es war ja so
einfach, Bomben zu basteln, und welches
publizistische Echo hatte ein Sprengkörper! Auch
wir hatten einige Bomben aus Protest gelegt,
aber das hatte einen taktisch-strategischen
Hintergrund, obwohl wir in diesen Fällen auch
beim Terrorismus landeten. Wir lehnten dieses
Bombenlegen ab und wurden schließlich als feige
und rückschrittlich beschimpft. Die gesamte
Diskussion wurde eklig, sie wurde persönlich: Ihr
scheißt euch in die Hose usw. Es waren Genossen
im Knast, und der Rest stritt sich miteinander,
und jede Gruppe gegen die eigene Führung. Es
war eine totale Krise! Ich bekam eine Hepatitis,
weil ich so verbittert war. Dabei hatten wir so toll
gearbeitet, und plötzlich hatte sich die ganze
interne Scheiße über uns ergossen, ohne daß wir
das Finanzproblem hatten lösen können. Aus
lauter Frust verkaufte ich alle Bücher,
die ich hatte.
F: Was haben denn deine Eltern zu dem ganzen
Knatsch gesagt?

Sie wußten überhaupt nicht, wo der Hase lang


lief obwohl ich schon wegen des Diebstahls der
Gewehre im Schweizer Schießclub verhaftet
worden war. Sie waren immer noch davon
überzeugt, daß ich mit alledem nichts zu tun
hatte. Sie dachten sich wohl, daß ich meine
Finger in irgend einer komischen Angelegenheit
hätte, aber ich war auch immer irgendwie
komisch gewesen, als Schürzenjäger,
Glücksspieler, und auch als Boxer. Ich habe die
Boxhandschuhe zu Hause versteckt, damit sie
sich nicht unnötig aufregten, aber eines Tages
erzählte eine Nachbarin meiner Mutter, daß sie
einen Boxkampf von mir im Fernsehen gesehen
habe.

F: Du warst zu diesem Zeitpunkt noch legal?

Total. Der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen


bringt, ist, daß der Coordinador einen letzten
Versuch unternimmt, um die Einheit zu retten, es
ging um eine Enteignung in einer
Waffenhandlung, an der praktisch alle Gruppen
teilnahmen. Die Operation verlief gut, und es
fallen dabei eine Menge Waffen an, die an einem
sehr guten Ort vergraben werden. Als sie 14
Tage später wieder ausgegraben werden sollen,
sind sie weg! Alle Leute verdächtigten sich nun
gegenseitig, sie machten bewaffnet Jagd
aufeinander, es war wie in einem schlechten
Theater! Es war offensichtlich, daß nicht die
Polizei die Waffen gefunden hatte, weil auch das
Versteck wieder sehr gut getarnt worden war. Die
Krise war auf dem Höhepunkt. In dieser Zeit
kommen alle Aktivitäten zum Stillstand, und das
führt zu einer Periode der Reflexion und des
Dialogs. Das Nichts-tun, die Reflexion, der
Austausch von Ideen zeigt uns einen Weg, wo es
lang gehen muß. Das Ideale wäre, eine neue
Organisation zu gründen, denn die doppelte
Mitgliedschaft hatte zu harten Problemen mit den
Parteiführungen geführt. Die doppelte
Mitgliedschaft funktionierte nicht. Wir bekamen
die Sachen nicht unter einen Hut. Die Leute, die
sich grundsätzlich einig waren, mußten eine neue
Organisation gründen. Das lief alles im Jahr 65,
im gleichen Jahr passierte der Zusammenbruch
der Banken, die US-Invasion in der
Dominikanischen Republik, der dritte Marsch der
Zuckerrohrarbeiter, den der Coordinador
organisiert hatte. Und dann werden die
Notstandsgesetze verabschiedet.

F: Mit diesem Hintergrund wurde die MLN


geboren?

Wir hatten uns also in Parque dei Plata drei oder


vier Tage zusammengesetzt, weil wir uns für die
Diskussionen Zeit nehmen wollten. Wir holten
Bebe Sendic dazu, der gerade in Brasilien
untergetaucht war, und auch die
Zuckerrohrarbeiter der UTAA. Es kamen die
Leitungen der verschiedenen Gruppen, aber auch
einfache Gruppenmitglieder, und es kommt zu
Spaltungen, eine ganze Reihe von Leuten ziehen
sich -mit loyaler Haltung -zurück und sagen: Dem
hier kann ich nicht zustimmen. Zum Schluß
blieben nur diejenigen zurück, die für den Aufbau
einer neuen Organisation waren, eine
Organisation mit einer Disziplin, einer
einheitlichen Führung und und und. Diese neue
Organisation sollte für ihre Mitglieder zur Priorität
vor jeder anderen Gruppe, Partei oder
Gewerkschaft werden. Man vereinbart ein Statut
für den Übergang und eine provisorische Leitung
bis zum ersten Kongreß. Und man beschließt,
alles Materielle wie Waffen, Dokumente, in einen
Topf zu werfen. Das ist die Geburtsstunde der
MLN.

F: Wieviele wart ihr?

Von Anfang 66 bis Ende des Jahres waren wir


nicht mehr als 50 im ganzen Land, 25 in
Montevideo und 25 im Landesinneren. Zwischen
Juni 65 bis Januar 66 fanden zwei parallele
Prozesse statt, die Organisation perfektioniert
sich und wird stärker, und andererseits mußten
wir an theoretischen Fragen weiterarbeiten. Wir
diskutierten über die pro-chinesische Linie und
den Aufbau einer marxistisch-leninistischen
Partei der Arbeiterklasse, und ob diese Partei der
MIR sei und ob, wie der MIR dies vorschlug, wir
uns alle in den MIR eingliedern sollten. Andere
wollten mit der Mitgliedschaft in mehreren
Organisationen weitermachen, also daß man
weiterhin im MIR oder in der PS und zugleich in
der Organisation sei, die wir gründeten, und
meinten, daß wir der bewaffnete Arm der Linken
sein sollten, eine Front. Die andere Position
wollte eine ganz neue Organisation gründen, eine
Bewegung, keine Partei, zusammengesetzt aus
Militanten verschiedener Organisationen mit
unterschiedlichen ideologischen Konzeptionen.
Die Peking-treuen waren für eine einheitliche
Ideologie vom Typ Mao, aber unter den Genossen
waren auch MLer, die nicht Maoisten waren. Es
gab Anarchisten, Autonome und Trotzkisten. Wir
diskutierten alles gründlich durch, und schließlich
hieß es, daß die zentrale Aufgabe der bewaffnete
Kampf sei, der später als Achse für den Aufbau
der Partei dienen würde, obwohl wir die
Notwendigkeit einer Partei nicht ausdrücklich
bejahten. Aber wir glaubten, daß es dort lang
gehen würde. Diese Position gewann schließlich,
und die Hälfte der Genossen verläßt den Saal, die
Maoisten, die Sozialisten, und die Anarchisten
hatten sich schon vorher zurückgezogen.

F: Wie habt ihr eure ersten Aufgaben bestimmt?

Es ging uns zunächst nicht um Rekrutierung von


Mitgliedern. Wir wollten uns und unsere
Organisation gründlich auf die Zukunft
vorbereiten und danach weiterschauen. Unsere
These war der Kampf in der Stadt, denn der
Staatsstreich war für uns eine Frage der Zeit. Wir
glaubten, daß damals nicht die Stunde der
großen Mobilisierung geschlagen habe, und daß
wir Kräfte sammeln müßten. Damit verbrachten
wir das Jahr 66.

F: 1966 war ein Wahljahr?

Ein Wahljahr und das Jahr der Verfassungsreform.


Sie drohten für den Fall eines Scheiterns der
»Apfelsinen«-Reform mit einem Putsch. In Kuba
tagten die Tricontinental, und die OLAS, die
Lateinamerikanische Organisation für Solidarität,
wird vorbereitet. In Argentinien spitzt sich die
Situation unter dem Diktator Ongania immer
mehr zu, und in Brasilien konsolidiert sich das
Regime der Generäle. Und auch Uruguay strebt
immer mehr auf eine Diktatur zu. Wir sagen: Wir
müssen uns beeilen, damit wir nicht von der
Geschichte eingeholt werden. Die Wahlen von 66
haben wir nicht beachtet. Wir enteigneten in der
Wahlnacht die Waffenhandlung »EI Cazador«
(Der Jäger). Nachdem ich in der Nacht an der
Aktion teilgenommen hatte, ging ich morgens,
ohne zu schlafen, zu Bebe Sendic, seine
Companera Violeta hatte gerade den Sohn Jorgito
geboren. Die Operation in der Waffenhandlung ist
gut verlaufen, und in den frühen Morgenstunden
fuhr ich auf einer Vespa zusammen mit einem
Argentinier, der an der Aktion teilgenommen
hatte. Wir tranken zum Frühstück einen
Capuchino im Green Park am Obelisken, und im
gleichen Gebäude hatte die Liste 99 ihr
Parteibüro, wo davor ihre Autos standen. Und wir
frühstückten in aller Ruhe nach vollbrachter
Aktion. Wir sagten: Schau dir nur diese Spinner
an! Ich ließ den Argentinier dort zurück und fuhr
zum Bebe. Wir redeten über die Aktion, aßen,
und als die Stunde der Siesta geschlagen hatte,
fuhren wir in den Prado, wo Violeta mit dem Baby
war. Wir haben dann im Radio das Wahlergebnis
gehört, zugleich war die »Apfelsinen-Reform«
durchgegangen, und Gestido war gewählt
worden. Er war ein gemäßigter Colorado-Politiker
gewesen, der in sein Kabinett Michelini
aufnehmen würde, Alba Roballa, Flores Mora,
Vasconcellos. Das sollte eine Art
Sozialdemokratie werden.

Angesichts dieses Wahlergebnisses dachten wir:


Hier wird eine ganze Zeit gar nichts passieren,
die Leute werden sich Reformen erhoffen, das
System wird liberaler und progressiver werden,
was sich zwar nach einigen Monaten verbrauchen
wird, aber zunächst einmal werden die Leute auf
die neue Regierung setzen. Wir machten mit
unserer Vorbereitung in aller Ruhe weiter. Wir
waren uns über unsere Größe bewußt, das heißt,
daß wir sehr wenige waren, aber wir arbeiteten
ernsthaft und systematisch. Wir hatten
exzellente Verbindungen zu den anderen
Gruppen der Linken, zu den Anarchos, den
Maoisten, den Sozialisten. Wir diskutierten,
machten Schulungen, bildeten uns technisch
weiter, was wir dringend nötig hatten. Wir hatten
ja immer noch keine Werkstatt für Papiere, und
wir gründeten die erste Werkstatt für
Sprengkörper.
F: Aber unter Gestido als Präsidenten war dafür
doch kein Platz.

Gestido ernennt Michelini zum Minister und


erarbeitet ein Notstandsprogramm, das
wunderbar war, die Leute dachten, alles werde in
Ordnung gehen. In dieser Landschaft wirkten wir
völlig deplaziert, wie der Schnuller im Arschloch!
Aber aufgrund unserer theoretischen
Überzeugung glaubten wir, daß wir auf dem
richtigen Weg waren, und daß, wenn wir das
nicht vorbereiten würden, es niemand
vorbereiten würde, wobei es o. k. war, daß die
anderen mit ihren Sachen weitermachten. Wir
intensivieren unsere internationalen Kontakte zu
den Argentiniern und den Brasilianern, die uns
bestätigten: Macht weiter so!

Die bisherigen Guerilla-Bewegungen seien fast


alle daran gescheitert, weil sie sich nicht
rechtzeitig und nicht gut genug vorbereitet
hatten.

F: Wir sind Ende 66 ...

Nach unserem ersten Kongreß unternahmen wir


eine riesige Finanzaktion, aber schon während
der Anfahrt zum Objekt kommt es zu einer
Schießerei, und zum ersten Mal werden sich die
Sicherheitskräfte darüber bewußt, mit was für
einer großen Organisation sie es eigentlich zu tun
haben. Bis dahin hatten sie wenig klare
Vorstellungen von einigen Gruppen, die ab und
an mal eine Bombe legten oder einen kleinen
Banküberfall unternahmen. Nach dieser Sache im
Dezember 66 liegt unsere gesamte Infrastruktur
auf, sie erfahren das Ausmaß unserer
Organisation auch in technischer Hinsicht, was
zum Beispiel die Erforschung der städtischen
Kloaken angeht, und es bleibt nichts übrig. Mit
großem Glück und Verstand bringen wir unsere
Leute knapp in Sicherheit, bevor die Polizei
kommt. In der Redaktion der Tageszeitung
»Epoca« schleusen wir sie durch die Hintertür
raus, während durch die Vordertür die
Uniformierten reinkommen, wir lösen Büros auf
und tauchen ab. Unser Problem war aber: Wir
hatten keine Papiere für die Illegalen, deren
Bilder alle Zeitungen veröffentlichten, Bebe
Sendie, Beto Falero, Rivero, Manera, Marenales.
Sie schliefen am Strand Carrasco mit den
gesamten Waffen der Orga unterm Arm! Das war
wirklich vollkommen verrückt. Aber dann half uns
die politische Solidarität anderer Genossen aus
der Patsche, nun konnten wir unsere Sachen und
Leute wenigstens unterbringen. Wir waren ja
auch ein merkwürdiger Haufen, im damaligen
Uruguay völlig fehl am Platze. Die Leute, die uns
halfen, traten dann später in die Organisation
ein.

F: Wie gings weiter?

Im Januar 67 setzen wir uns erst mal ruhig hin


und strengen unsere Gehirnzellen an. Zunächst
einmal mußte ja die Infrastruktur neu aufgebaut
werden, und zum Glück waren noch einige Pesos
aus alten Aktionen übrig geblieben. Und der
nächste Punkt der Tagesordnung hieß: wachsen!
Das war der einzige Ausweg, denn wir hatten
überhaupt keine legalen Leute mehr, wir waren
alle illegal, und ohne Wachstum der Organisation
wären wir am Arsch! Viele Genossen, die uns aus
der Klemme geholfen hatten, sagten: Ich habe
dich versteckt, aber ich will auch politisch
mitmachen. 1967 ist das Jahr des langsamen,
aber stetigen Wachsens, und es gelingt uns, eine
neue Infrastruktur aufzubauen. Aber die
Repression schlägt wieder zu, und wir setzten
daher auf eine Karte: Massive Rekrutierung!

F: Habt ihr das geschafft?

Ja, wir arbeiteten natürlich aus dem Untergrund


politisch, und das war ein qualitativer
Unterschied. Am 8. Oktober 67 stirbt Che
Guevara, und mit einem Schlag klopfen viele
Leute an unsere Tür. Seine Ermordung stellte für
uns einen affektiven Schlag dar und ein
politisches Problem; es beginnen die
strategischen Diskussionen. Am 9. Oktober
werden die Notstandsgesetze verabschiedet
(Medidas Prontas de Seguridad) und der Kontakt
zum IWF wieder aufgenommen. Das war der
Zeitpunkt, auf den wir uns vorbereitet hatten!
Unsere These bestätigte sich. Einige Tage später
stirbt der liberale Gestido, und Pacheco Areco
übernimmt die Macht. Und mit ihm wird -bis auf
die KP fast die gesamte uruguayische Linke
illegalisiert. Sie müssen alle abtauchen, aber
haben keine Ahnung, wie so etwas vor sich geht.
Die MRO hielt damals die Fahne des bewaffneten
Kampfes verbal hoch und veranstaltete gerade
einen Kongreß für ihre Jugendorganisation, zu
dem auch Delegierte aus Kuba erschienen waren.
Das war im Dezember 67, als Pacheco plötzlich
auch die MRO verbietet, und der Geheimdienst
verhaftet die kubanischen Gäste. Die Schläge der
Repression trafen die gesamte legalitätshörige
Linke, die die OLAS-Erklärung
(Lateinamerikanische Solidaritäts-Organisation)
unterstützt hatten. Dies war uns total grotesk
vorgekommen, einerseits öffentlich den
bewaffneten Kampf zu propagieren und
andererseits sich nicht auf ihn vorzubereiten.
1968 kommt ein weiterer Marsch der
Zuckerrohrarbeiter, und nach der
Regierungsübernahme von Pacheco wachsen wir
massiv. Die Gesellschaft wird militarisiert, es
passiert die "Infidencia".

F: Die Infidencia?

Der Vertrauensbruch von Jorge Battle. Das war


ein Skandal, bei dem riesige illegale Gewinne mit
der vorher heimlich mitgeteilten Abwertung des
Pesos gemacht wurden. Der Minister Acosta y
Lara wird der Korruption überführt, und nicht nur
er, danach kommen die Notstandsgesetze, die
Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes
werden militarisiert. Die Angestellten wurden aus
den Ämtern rausgeholt und ihnen in den
Kasernen der Kopf geschoren. Die Studenten
gingen auf die Straße. Der Marsch der
Zuckerrohrarbeiter am 1 . Mai 68 war eine riesige
Mobilisierung, der schließlich in einer
Straßenschlacht endete; das hatten wir alles
organisiert. Wir hatten die Organisation bereits in
zwei Kolonnen geteilt, die Kolonne 1 und 2. In der
Kolonne 1 waren Bebe Sendic und ich, und in der
zweiten Manera und Marenales, die auf
technische und militärische Dinge spezialisiert
waren. Wir trafen uns mit zahlreichen
Gewerkschaftsführern, um die weitere
Mobilisierung im Gewerkschafts-und Studenten
Einzelgewerkschaftenbereich zu diskutieren und
zu planen, und so entstand 68 die »kämpferische
Tendenz« aus Gewerkschaftern, ganzen
Betriebsgruppen und EinzeIgewerkschaften, die
eine neue gewerkschaftliche Linie erarbeitet
hatten. Dann wurden die Barrikaden wegen der
Fahrpreiserhöhung gebaut, und vielleicht hatte
das alles mit dem Pariser und Mexikanischen Mai
68 zu tun. Auch hier explodierte die
Studentenrebellion. Und wir wuchsen immer
mehr, und schließlich wird Liber Arce von der
Polizei erschossen. Und wieder spielen wir bei
den Demonstrationen die Hauptrolle.

F: Habt ihr euch selbst als Avantgarde


verstanden?

Überhaupt nicht. In jeder Diskussion auf


Leitungsebene stellten wir damals fest, daß uns
die Realität bei weitem überholte, daß unsere
Organisation zur Nachhut der Volksbewegung
würde. Mich regt das auf, wenn man uns vorhält:
Ihr wart eine Avantgarde! Quatsch! Wir spürten
aber die Forderungen der Studenten-und
Gewerkschaftsbewegung; die Streiks wurden
zusammengeschlagen, sie schleppten sie in die
Kasernen, und die Genossen forderten von uns
Solidarität: Hilfe, macht was! Wir haben keine
Antworten auf die Repression, sie dreschen uns
zusammen, schleppen uns in die Kasernen, sie
zwingen uns in den Untergrund! Es herrschte
absolute Willkür, der die herkömmlichen
Antworten nichts entgegensetzen konnten. In
Realität waren wir nichts anderes als die Nachhut
der Bewegung, die auf der Straße kämpfte. Wir
dezentralisierten die Organisation und gründeten
7 Kolonnen, um mehr Genossen für die konkreten
Aktionen zur Verfügung zu haben, um zu
wachsen und die Operationskapazität
voranzutreiben.

F: 68 findet der zweite Kongreß der MLN statt?

Ja, aber zuerst war eine gründliche Selbstkritik


angesagt. Es wurde eine Führung gewählt und
die Linie der Massenarbeit diskutiert sowie die
Bildung der sieben Kolonnen.

F: In diesem Jahr entführt ihr den Colorado-


Politiker Pereyra Reverbel.

Die Aktion war ein großer politischer Erfolg, aber


unsere Organisation war, ehrlich gesagt, nicht
genügend vorbereitet; unsere Infrastruktur
konnte eine Aktion dieser Größenordnung nicht
verdauen. Die Repression schlägt wieder zu,
wieder sehr hart, und uns fehlen fast die Leute,
um die sieben Kolonnen zu bilden. Wir müssen
Kader erfinden, bis hin zu einer Führung. Es
erscheint unser Dokument Nr. 4 mit der zentralen
Aussage, daß wir den Akzent auf die
Massenarbeit legen müßten (»jugar la carta de
las masas"), daß wir uns nicht auf einen Krieg
zwischen zwei Apparaten einlassen dürften, das
wäre unser sicherer Tod, denn die Kapazität des
Feindes, uns Schläge zu versetzen, ist größer als
unsere Kraft, uns von ihnen zu erholen.
Zu diesem Zeitpunkt hatte die MLN eine gute
Strategie, später wird sie teilweise
vernachlässigt, die Kolonnen werden nicht
dieselbe Schlagkraft haben,
sondern ungleichgewichtig strukturiert sein,
einige werden mehr Gewicht auf das Politische
legen, andere auf das Militärische.
Den Akzent auf die Massenarbeit zu legen
bedeutete, sich zu verankern. Das Land
durchlebte gerade eine Periode zunehmender
Radikalisierung gro-
ßer Teile der Bevölkerung. Wir wuchsen im
studentischen und im Gewerkschaftsbereich,
ganze Gruppen sind bei uns eingetreten, wir
mußten die Leute
nicht erst von unseren Vorstellungen
überzeugen, sie kamen schon überzeugt zu uns.
1968 und 69 machten wir mit den Entführungen
weiter, die Entführung des Eigentümers der
Zeitung "Maiiana« im Januar 69 war eng mit dem
Betriebskampf verbunden, ebenso wie es die
Entführung von Pereyra Reverbel gewesen war.

F: 1969 besetzt ihr eine ganze Stadt, Pando.

Auf militärischem Gebiet ist das ein qualitativer


Sprung. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir stets
mit kleinen Kontingenten von Genossen operiert,
mit der Besetzung von Pando eröffnet sich uns
eine neue militärische Dimension. Aufgrund
taktischer Fehler scheitert der Rückzug, die
Operation hätte abgebrochen werden müssen,
nachdem sich schon am Anfang eine nicht
eingeplante Schießerei ereignet hatte, dadurch
verloren wir Zeit, und der Feind konnte uns den
Weg zurück abschneiden, so daß fast die Hälfte
der Genossen verhaftet wurden. Als wir einige
Jahre später die Stadt Soca besetzten, werteten
wir die Erfahrungen von Pando aus und gingen
mit einer erfolgreicheren Konzeption vor. Ich
wurde in Pando verhaftet, und ab diesem
Zeitpunkt beschränkt sich meine Aktivität als
MLN-Mitglied auf den Knast. Draußen war es
nicht mehr wie früher, als wir nur Schläge
ausgeteilt, aber nie eingesteckt hatten. Nun
teilten wir welche aus und steckten welche ein.
Das beste Beispiel hierfür ist die zweite
Entführung von Pereyra Reverbel, wo wir am
Morgen eine harte Niederlage mit der Verhaftung
aller Genossen in der besetzten Fabrik "Nibo
Plast« erlitten und wenige Stunden später
entführten wir -reif fürs Kino -das zweite Mal den
Chef der Elektrizitätswerke.

F: Warum habt ihr ihn das zweite Mal entführt?


Aus pädagogischen Gründen?

Auch das! Als wir ihn nach der ersten Entführung


freigelassen hatten, machte er haarsträubende
Erklärungen gegen uns und die Arbeiterklasse. Er
verdiente eine nochmalige Entführung, die bis
Mai 72 dauerte, fast anderthalb Jahre.

F: Du warst in der Zeit gefangen?

Ja, und dort wurden die groben Linien der


Organisation ausgearbeitet, die draußen zum Teil
schlechter umgesetzt wurden, als wir uns das in
der ruhigen Atmosphäre des Gefängnisses
theoretisch vorstellen konnten. Das beste
Beispiel hierfür ist der Plan »Satan«, der
schließlich zum Tode von Mitrione führte und zur
Verhaftung unserer gesamten Leitung 1970 in
der Almeria-Straße.

F: Satan war der Entführungs-Plan, dessen Teil


das Kidnapping des US-Folterspezialisten Dan
Mitrione war -nacherzählt in dem Film »Der
unsichtbare Aufstand«?

Ja, aber der ursprüngliche Plan, wie wir ihn im


Gefängnis von Punta Carretas erarbeitet hatten,
sah völlig anders aus, nicht so, wie er später
umgesetzt wurde. Es war ein langfristiger Plan.
Wir gingen davon aus, daß das Thema der
Befreiung der politischen Gefangenen von der
Organisation in einen langatmigen Kampf
umgesetzt werden müßte, der -zusammen mit
den Volkskämpfen -die Pacheco-Regierung
destabilisieren und besiegen sollte. Unserer
Meinung nach hätte zunächst im ganzen Land
eine Infrastruktur der Volksgefängnisse
entstehen müssen, danach hätten wir mit den
Entführungen von Richtern und Politikern
beginnen müssen. Wenn die Sicherheitskräfte
ihre Kraft auf den Schutz dieser Leute verwenden
würden, dann müßten wir mit Diplomaten
weitermachen. Und wenn die Diplomaten
massiven Polizeischutz bekommen würden, dann
gingen wir wieder auf die Politiker über. Alles
ohne Eile und ohne Forderungen zu stellen. Die
anderen sollten sich den Kopf darüber
zerbrechen, was wir wohl vorhätten! Natürlich
würde die Polizei und das Militär alles mögliche
versuchen, um die Entführten zu lokalisieren und
zu befreien. Und das war ein Knackpunkt unserer
Theorie, wir müßten beweisen, daß sie sie
niemals finden könnten, daß sie unauftreibbar
wären. Erst danach könnten wir die Befreiung der
politischen Gefangenen fordern, aber nicht nur
von der Regierung, sondern vom Parlament über
ein Amnestiegesetz, vom Obersten Gerichtshof
über die Begnadigung und von der Regierung
über Strafaussetzung -von allen drei Institutionen
des Staates, und ohne ein Ultimatum zu setzen!
So wollten wir vermeiden, daß sich irgendein
Politiker oder Abgeordneter oder Richter oder
Regierungsmitglied seine Hände in Unschuld
waschen und sich auf den bequemen Standpunkt
stellen könnte, dies alles sei nur ein Problem von
Pacheco. Das war der ursprüngliche Plan, aber
die damalige Leitung der MLN stellte trotzdem
eine Frist, was uns im Gefängnis irrsinnig
erstaunte, denn in unseren Augen war dies sehr
gefährlich. Unsere Konzeption hatte nicht die
Befreiung der Gefangenen, sondern die Krise der
Regierung im Auge, wir wollten beweisen, daß
diese Regierung unfähig sei, die Ordnung im
Lande aufrecht zu erhalten und nicht die
Sicherheit der Abgeordneten, der Unternehmen
und der Diplomaten garantieren konnte.
Nachdem ein Ultimatum gesetzt und die Freiheit
aller Gefangenen gefordert worden war, wurde
das ganze zu einer Schlacht der schnellen
Entscheidung. Sie endete objektiv in einer
Tragödie und einer Niederlage, als sie in der
Almeria-Straße die Führung der MLN verhafteten,
und später folgten weitere Schläge. Um Mitrione
hinzurichten, erlitten wir schreckliche Schläge.

F: Mitrione zu töten: Was das ein Irrtum oder


sinnvoll?

Es gab damals keinen anderen Ausweg. Der


Irrtum wurde nicht im Moment der Hinrichtung
begangen, sondern indem man ein Ultimatum
gestellt hatte, dadurch wurde von Pacheco eine
große Last weggenommen.

F: Ist mit Plan "Gacao« dasselbe passiert?

Auch er entstand, nach der Niederlage des Plans


»Satan«, im Knast. Wir wollten damit den
militärischen Kampf durch die Sabotage
intensivieren. Wir wollten direkte
Zusammenstöße mit der Polizei vermeiden und
boten parallel dazu einen Waffenstillstand auf der
Basis von sieben Punkten an. Das heißt: auf der
einen Seite eine harte militärische Linie und auf
der anderen Seite eine weiche Politik der
Verhandlung, um die Regierung in die Sackgasse
zu treiben. Dieser Plan wird schlecht umgesetzt
und sehr schnell gestoppt. Aus dem Gefängnis
heraus und in Hinblick auf die Massenarbeit
erarbeiteten wir daraufhin die Idee der CAT, der
Unterstützungskomitees der Tupamaros. Es
sollten sich spontane Gruppen bilden, die nicht
von der MLN kontrolliert werden sollten, sondern
uns eigenständig helfen sollten. Wir wollten auf
diese Komitees durch Flugblätter und
Kommuniqués Einfluß nehmen, aber nicht, indem
wir sie direkt über einen politischen Delegierten
oder eine Kolonne dominierten. Die CAT sollten
spontane und eigenständige Zweige der MLN
sein, in den Dörfern, im Gefängnis, in den
Stadtteilen, in den Städten -jeder, der eine CAT
gründen wollte, sollte dies tun können. Die MLN
sollte nur die Linie vorgeben und zu bestimmten
Dingen anregen, zum Beispiel bestimmte Dinge
anzugreifen und sich mit einer konkreten Sache
zu solidarisieren, Parolen auf Flugblättern oder
Wänden zu verbreiten, aber ihnen einen eigenen
Handlungsspielraum lassen. Diese Idee wurde
teilweise realisiert, aber schließlich wurden die
CAT nur zu einer Eingangsinstanz für die MLN,
und unsere ursprüngliche Idee wurde kastriert
und zu einer
Karikatur gemacht. Die CAT wurde schließlich zu
einer logistischen Unterstützung der militärischen
Kolonnen, während wir die CAT für die
Propaganda und die soziale und politische Arbeit
wollten. Gewiß, sie sollte im Untergrund arbeiten,
aber im Untergrund des Volkes.

F: Wir sind jetzt im Jahr 70/71.

Wir gründeten die politische Kolonne »70«, die


internationale Kommission und begannen mit
einer Unterstützungskampagne der Frente
Amplio, die noch im Embryo-Zustand war. Wir
gründeten in den ersten Monaten des Jahres 71
die »Bewegung 26. März«, die Mit-Gründerin der
Frente Amplio wurde. Als dann 71 der Wahlkampf
losging, war der MLN bereits die Strategie
ausgegangen, es gab den »Plan Satan«, den
»Plan Cacao«, dann den »Plan Aufschwung«
(Remonte) und den »Plan Belästigen«
(hostigamiento). Danach kam der Plan über die
beiden Ebenen der Macht (dualidad de poderes)
-aber das waren alles taktische Pläne. Eine
bestimmte Verankerung der MLN im Volk, das
heißt: die Karte der Masse spielen, erreichte die
70-Kolonne mit der Bewegung 26. März, den CAT
(den Komitees zur Unterstützung der Tupas) und
mit der Unterstützung der Frente Amplio, aber
auf militärischem Gebiet begannen wir,
ernsthafte Mängel aufzuweisen. Aber ich habe
eine sehr spezielle, private Sicht der Kritik, die in
punkto Massenarbeit immer an der MLN geleistet
wird. Ich glaube, wo die MLN wirklich ernsthafte
Mängel aufwies, war im militärischen Bereich und
nicht in der Massenarbeit. Zwei oder drei Jahre
lang hatten wir im politischen Leben Uruguays
riesigen Einfluß, wir hatten ein Radio, eine
Zeitung, eine Zeitschrift -welche andere
Organisation kann von sich behaupten, in der
gleichen Zeit eine derartige Entwicklung
durchlebt zu haben? Viele Sachen unterschrieben
wir nicht mit unserem Namen, wir hatten
Kontakte mit fast allen politischen Kräften des
Landes und spielten innerhalb der Frente Amplio
eine vorherrschende Rolle, nicht nur über die
»Bewegung 26. März«, sondern auch über
Verbündete und eine intelligente Bündnispolitik
mit Zelmar Michelini von der Liste 99, mit Alba
Roballa, dem alten Enrique Erro -unsere Ideen
standen auf der Tagesordnung.

F: Pascal Allende hat mir in einem Interview


etwas sehr ähnliches gesagt, daß es für eine
Guerilla sehr schwierig, wenn nicht gar
unmöglich sei, länger als zwei oder drei Jahre
durchzuhalten, danach sind die menschlichen
Kosten, die dir die Repression zufügt, sehr hoch
und auch militärisch hältst du nicht länger die
Stellung.

Ich würde gerne mit ihm diskutieren. Das


Problem war, daß es so schwierig war, innerhalb
der MLN ab einem bestimmten Zeitpunkt die
Mentalität zu ändern. Die »Bewegung 26. März«
war wunderbar, mit einer Spontaneität, Frische
und einer irrsinnigen politischen Qualität. Die
Dynamik der Basiskomitees der Frente Amplio,
die heute noch als Mythos besteht und von der
man immer noch träumt, war der Arbeit der
»Bewegung 26. März« zu verdanken, die ganze
politische Arbeit blühte in den Stadtteilen und in
den Betrieben. In den Gewerkschaften hatten wir
viele Leute. Die politische Arbeit lief gut, aber die
Mängel waren offensichtlich auf militärischem
Gebiet. Dies zeigt sich mit aller Brutalität im Jahr
71 , als Uruguay »guatemalisiert« wird.

F: Als die Todesschwadron ihre Arbeit aufnimmt?

Ja, der erste Verschwundene ist Castagneto. Wir


sagten: Das ist ihre Antwort, sie vergiften die
Umgebung, in der wir uns bewegen, sie schlagen
auf die »Bewegung 26. März« und auf die
entlassenen Genossen wie Castagneto.

F: Statt die Fische zu töten, vergifteten sie das


Wasser?

Genau. Die paramilitärischen Einheiten legten


Bomben und begannen, die Zivilbevölkerung, die
sich in unserer Nähe aufhielt, zu terrorisieren,
unsere Familienangehörigen, unsere Anwälte, die
entlassenen MLN-Genossen, die Leute, von denen
sie wußten, daß sie Tupas waren, aber wo sie
keine juristischen Beweise hatten. Wir entwarfen
daraufhin eine ganze Reihe neuer Pläne, den
"Plan Collar«, den »Plan Tatu« , den »Plan
Kloake«, den »Plan Nashorn« -sie alle sollten den
Charakter der Stadtguerilla grundsätzlich ändern.
Der Nashorn-Plan ...

F: ... ein Plan, der einen Massen-Aufstand


militärisch begleiten sollte ...

... war eine Arbeitshypothese, die die Köpfe der


Genossen verändern sollte, damit sie bei
militärischen Planungen auch an die Zukunft
denken sollten. Wir entwarfen eine Art
Kriegsführungen am grünen Tisch am Beispiel,
was die Besetzung von Pando von einer
Besetzung der Stadt Montevideo unterscheiden
würde. Was würde dies vom militärischen
Standpunkt aus bedeuten, was die Menschen
angeht, die du dafür brauchst, die Logistik, die
Bewaffnung und die politischen
Rahmenbedingungen? Das Problem ist: Wie
verwandelst du eine Guerilla in ein Heer, das in
der Stadt operiert? Alle Guerillas haben sich zu
einem bestimmten Zeitpunkt in reguläre Armeen
verwandelt, wenn nicht, scheiterten sie! Das ist
ein Gesetz! Das würde ich gerne mit Pascal
diskutieren. Stell dir das nur mal vor: Eines
nachts würde eine Guerilla wie die MLN den
Befehl erhalten, sich alle im Roosevelt-Park zu
versammeln, die Konspirativität würde an den
Nagel gehängt werden, es gäbe nicht mehr die
kleinen Gruppen, die im Untergrund arbeiten, wir
würden alle Tupamaros im Roosevelt-Park in
Kolonnen organisieren und von dort aus
losmarschieren, in Autos, Lastwagen, Jeeps, mit
schwerer Bewaffnung, und so würden wir zum
Angriff auf militärische Ziele im konventionellen
Krieg übergehen. Laß uns ganze Gebiete
besetzen, Stadtteile verteidigen, laß uns den
Feind und die Todesschwadron im
konventionellen Krieg bekämpfen, und dann
können sie sich die Folter in den Arsch schieben.
Nicht mehr an die Entführung eines Satans
denken, sondern an die Entführung des
gesamten diplomatischen Corps, an die
Besetzung der »Bank der Republik«. Das ändert
die Sache qualitativ!

F: Du hast gesagt, daß ihr saht oder fürchtetet,


daß der MLN die Strategie ausgehen würde.
Warum? Weil ein strategischer Plan taktisch
umgesetzt wurde?

Genau. Auch wenn es keine ausgefeilte Strategie


gegeben hatte, so hatte es doch Ideen gegeben.
Aber die Genossen draußen machten von ihnen
auf die gleiche Art Gebrauch wie von der Idee der
CAT (Komitees zur Unterstützung der
Tupamaros), sie verstümmelten sie und
beraubten sie ihres Inhaltes, der auf dem Volk
basierte. Draußen setzten sie sich nicht mit
derselben Ruhe und Ernsthaftigkeit wie wir im
Knast zusammen, um nachzudenken, draußen
dachte man kurzfristig.

F: Ihr seid dann mit dem langen Tunnel in der


Massenflucht im September 71 aus Punta
Carretas ausgebrochen; im November des
gleichen Jahres waren die Wahlen.

Es gab Angst vor einem Putsch, für den Fall, daß


die Frente Amplio gewinnen würde. In dieser
Situation entstand in Absprache mit anderen
Parteien der "Plan Chuchumeco«, ein Plan, wie
auf den Putsch zu reagieren sei. Vom
militärischen Standpunkt aus war der Plan recht
gut, er schloß die Besetzung der Luftwaffenbasis
Nr. 1 ein, wo Offiziere tätig waren, die mit der
Frente Amplio sympathisierten. Der MLN fiel die
Aufgabe zu, die Zugangswege der zur
Verstärkung nachrückenden Truppen
abzuschneiden. Ich war vorher in dem Gebiet der
Badeorte aktiv und deshalb erteilte man mir den
Befehl, alle Militärkonvois aufzuhalten, die auf
der Interbalnearia, der Küstenstraße, nach
Montevideo vorstoßen wollten. Wir hatten bereits
zahlreiche unterirdische Verstecke (tatuceros)
und Treibstofflager, um als Guerilla in dem
Gebiet zu arbeiten. Aber wir hatten weder
ausreichende Waffen noch Munition, um einer
Schießerei von mehr als fünf Minuten stand zu
halten. Wir forderten Sprengstoff an, aber wir
bekamen lediglich Material, um einen Sprengsatz
für die Brücke über den Pando-Fluß in die Luft zu
jagen. Wir forderten Krähenfüße an, aber wenn
du eine Landstraße damit bestücken willst, mußt
du sie kilometerweise bestücken. Die MLN wurde
mit der Planung dieser historischen Aufgabe von
der Geschichte und konkret von Teilen der Frente
Amplio beauftragt -als Reaktion für den Fall, daß
es zu einem Staatsstreich käme. Aber die MLN
war noch nicht einmal ansatzweise in der Lage,
dieser Aufgabe gerecht zu werden. Eine ganze
Anzahl von Illegalen betrieb in Uruguay
Selbstbefriedigung statt im Ausland zu trainieren,
wie man mit Panzern umgeht, zu lernen, wie man
Kommunikationstechniken einsetzt und der Basis
vorsichtig die militärische Thematik beibringt.

F: Warum ließ sich denn die Niederlage auf


militärischem Gebiet nicht verhindern?

Weil wir nicht rechtzeitig eine Strategie


ausgearbeitet haben, deshalb saßen wir zum
Schluß ohne Strategie da. Man weigerte sich,
dieses Thema zu diskutieren, man sagte: Schon
wieder dieser Verrückte mit seinen ewigen
Theorien, immer diese napoleonischen Pläne von
Nato! Laßt ihn ruhig reden, aber nehmt ihn nicht
ernst. Die Jungs von der Kolonne 15 machen
konkrete Aktionen, die es bringen, das ist der
Weg. Ich war mit der Besetzung der Stadt Soca
nicht einverstanden, weil ich keinen Sinn darin
sah; ich habe aus Disziplin daran teilgenommen.
Wenn wir die Kraft für die Besetzung hatten, so
wäre es besser gewesen, mit diesem Wissen zu
schweigen und nicht zu besetzen. Die Besetzung
hatte eine politisch-militärisch~ Funktion, kannst
du dir das vorstellen? Das alles mit einer
Regierung von Bordaberry! Es war so
offensichtlich, daß wir keine Strategie mehr
hatten. Du sprachst die damalige Führung darauf
an, aber sie verschlossen einfach die Augen, sie
sahen das nicht so, sondern machten weiter wie
gehabt. Dazu fällt mir ein aktuelles Beispiel ein:
Ein Genosse, Jorge Torres, hat gerade ein
internes Handbuch über die Folter verlaßt und
mir ein Exemplar zum Durchlesen gegeben. Ich
habe ihm zurückgeschrieben: Du hast eine
Handlungsanleitung für einen Kamikaze
geschrieben, wenn das ein Jugendlicher in die
Hände kriegt, glaubt er, daß seine einzige
Zukunftsperspektive darin besteht, sich schon
beizeiten abzuhärten und sich zu Hause auf die
Folter vorzubereiten, sich einen Trog aufzustellen
und sich Elektroschocks zu verpassen. Man soll
also schon heute zu einem Fakir werden, der auf
dem Feuer wandelt, weil man dich früher oder
später zu Klump hauen wird. Und das Wichtigste
sei, hart zu bleiben, nicht schwach zu werden.
Die Folter besiegt man nicht durch eine
bestimmte Atemtechnik, sondern vor allem
militärisch. Wenn in allen uruguayischen
Kasernen gefoltert wird und die Militärs dabei
ruhig Mate trinken können, dann werden wir das
mit diesem Handbuch nicht verhindern. Man muß
diese Kasernen bombardieren. Dann wollen wir
doch mal sehen, ob sie so einfach weiterfoltern
können.

F: Wie wäre denn damals die Niederlage zu


verhindern gewesen?

Man hätte die Mentalität ändern müssen, mit


diesen kleinen Gruppen aufhören müssen,
sondern die militärischen Probleme im großen
Maßstab ins Auge fassen müssen. Als Hypothese:
Um die notwendige Menge an Krähenfüßen
aufzutreiben, die du für die Besetzung von
Montevideo brauchst, mußt du mit der
Unterstützung der Arbeiterklasse rechnen
können, mit den Fabriken, den Arbeitern und der
Bevölkerung. Es war nicht mehr möglich, sie mit
unseren Methoden und Mechanismen zu
rekrutieren und zu mobilisieren, denn das wäre
ein Versuch gewesen, das Meer in einen Eimer zu
gießen. Man hätte die Mentalität ändern müssen.
Nicht mehr die Kämpfer einzeln aus den
radikalisierten Gruppen der Linken rekrutieren
und sie uns einzuverleiben, um die Ausfälle zu
stopfen, die jede Guerilla erleidet, sondern die
Kämpfer hätten die mobilisierte Bevölkerung sein
müssen. Das hätte kurzfristig durchaus einen
Rückzug der Organisation von militärischen
Aktionen bedeuten können und sogar einen
Abzug der Kämpfer aus dem Land, um sie an
einem sicheren Ort für die neue Mentalität und
die neue militärische Konzeption vorzubereiten.
Das wäre der Organisation gut bekommen, einige
Leute abzuziehen und die Infrastruktur solider zu
gestalten. Die kubanischer Guerilla hätte niemals
historische Bedeutung erlangt, wenn sie in der
Sierra Maestra geblieben wäre. Vielleicht wäre
sie heute noch in der Sierra Maestra, so wie die
kolumbianische Guerilla seit 30 Jahren in den
Bergen bleibt, ohne daß es zu einer sozialen
Explosion gekommen ist, die es in Kuba gegeben
hat, als Fidel Castro mit großem Weitblick seine
Guerilla in eine Volksarmee verwandelt hat, um
den Aufstand der Massen flankierend zu
begleiten. Dasselbe ist in Nikaragua passiert.
In China wandelte sich die Guerilla in ein Heer
mit befreiten Gebieten, und von einem Heer
zurück in eine Guerilla -je nach dem nationalen
und vor allem internationalen Kräfteverhältnis.
Als die Japaner im Rahmen der faschistischen
Generaloffensive einfielen, traten alle Leute der
Guerilla bei und machten Bündnispolitik. Als die
Japaner geschlagen waren, wird aus der Guerilla
wieder eine Armee, die schließlich den
entscheidenden Schlag versetzt. In EI Salvador
ist eine Patt-Situation mit befreiten Gebieten.
Auch der Knast, wo die FMLN Genossen gefangen
sind, ist fast befreites Gebiet, innerhalb der
Gefängnismauern regieren die Genossen, drinnen
gibt es keine Wächter.
Wie anders sah doch der Knast von Libertad aus!
Wie verschieden ist doch eine Niederlage im
Vergleich zu einem Patt! Die FMLN hat ja auch
Gefangene der anderen Seite. Bei ihr handelt es
sich wirklich um eine parallele Macht!

F: Glaubst du, daß diese parallele Macht


(dualidad de poderes) eine Alternative zu den im
Handbuch von Torres benannten Methoden sein
könnte?

Die Techniken, die das »Handbuch des Fakirs«


lehrt, sind ja an sich nicht schlecht; wir haben ja
viele derartige Handlungsanweisungen zum
Thema, wie sich die Genossen im Verhör zu
verhalten haben. Das Fakir-Handbuch beschreibt,
was du zu tun hast, wenn sie dich mit dem U-
Boot foltern, also deinen Kopf solange unter
Wasser halten, bis du keine Luft mehr bekommst.
Es erteilt dir Ratschläge, wie du dich bei
Elektroschocks zu verhalten hast. Das ist so, als
ob die Linke, statt den historischen
Materialismus, physische Überlebensstrategien
studieren soll. Und die Sache hat einen zweiten
Boden: Du prophezeist dem politisch Aktiven,
daß man ihn ungestraft foltern wird. Aber du
müßtest in einem Handbuch doch erst einmal
erklären, warum die Militärs tausende Uruguayer
auf industrielle Weise der Folter unterwerfen
konnten. Die Folter war systematisch, den
Genossen der KP wurde sie wie an einem
Fließband verpaßt. Die Kommunisten wurden in
der Tablada-Kaserne gefoltert, dabei kann einem
wirklich der Schauer über den Rücken laufen, es
ist schlimmer als das, was sie mit uns gemacht
haben. Als sie uns 72 fertig gemacht haben, war
die Folter brutal, aber ohne ausgearbeiteten Plan;
sie brachten Genossen in der Folter um, weil sie
mit persönlichem Einsatz folterten, sie hatten
Wut auf uns, sie nahmen die Kapuze hoch und
sagten: Schau her, ich bins, ich foltere dich
gerade. Dabei gings drunter und drüber. Als sie
beschlossen, die KP aufzulösen, planten sie dies
Monate im voraus, mit einem Plan, der die
massive Folter einschloß. Sie hatten die
Mitgliederliste, soundsoviele eingeschriebene KP-
Mitglieder. Um soundsoviele Personen durch die
Folterkammer zu schleusen, hatten sie eine
genaue Berechnung: Wir brauchen dafür
soundsoviele Fässer für das U-Boot, um die Köpfe
der Genossen reinzustecken, soundsoviele
Folterkammern, soundsoviel Elektrizität für die
Elektroschocks, sie legten rechtzeitig die
Hochspannungsleitungen, damit es keine
Kurzschlüsse wegen der Strombelastung gab. Sie
konnten aufgrund ihrer Erfahrungen sogar den
Prozentsatz der Gefangenen berechnen, der in
der Folter schwach werden würde, von hundert
Genossen werden zwanzig sehr viel aussagen,
soundsoviel werden ein bißchen erzählen, und
soundsoviele werden standhaft bleiben. Sie
konnten den Prozentsatz der nicht-gewollten
Tode vorausplanen. La Tablada funktionierte wie
ein Krankenhaus, mit der gleichen Sterilität, alle,
die dort waren, verhielten sich wie im
Krankenhaus, die Ärzte, die Folterer, die Soldaten
-alle trugen dieselben Schuhe und dieselben
Kleider. Sie hatten die Gefangenen auf einem
Bettrost festgebunden und ihnen eine bestimmte
Anzahl von Stunden Elektroschocks verpaßt,
dann hieß es automatisch: Runter mit ihm, er
kann sich jetzt erholen, dann stand schon der
Krankenpfleger bereit, und man legte das Opfer
in ein Bett, alles ganz ordentlich und geplant, mit
Kapuze -dabei gab es kein Durcheinander.
Soundsoviel Stunden später warst du dann
wieder mit der Folter dran, und keine Minute
später. Und die Typen waren schon so
gelangweilt, daß sie sich untereinander
unterhielten, während sie Elektroschocks
austeilten, so vielen Leuten, von denen sie zu
diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr wußten,
wer sie eigentlich waren, die Nummer 46, und
dabei unterhielten sie sich über Fußball und
fragten: »Wo gehst du heute Abend mit deiner
Frau essen?«, »Nein, heute Abend bleiben wir zu
Hause«. Und du schriest dabei, und plötzlich
fühlten sie sich durch deine Schreie bei ihrer
Unterhaltung belästigt, und sie sagten dir: »He
du, schrei nicht so laut, bitte.« Und dann setzten
sie ihre Folter fort.

F: Hatten sie denn mit dieser


»Fleischverarbeitung« Erfolg?

Sie erreichten ihr gestecktes Ziel: die


Liquidierung der KP. Aber sie konnten sich nur
wegen der totalen militärischen Niederlage so
verhalten. Der Folter wird nicht hauptsächlich
durch die Standfestigkeit der Genossen Einhalt
geboten, sondern durch einen Angriff auf La
Tablada und auf die Folterer! Du kannst die Folter
nicht besiegen, auch weil es sich dabei um ein
statistisches Problem handelt. Außerdem: Wenn
ein Genosse hart bleibt, dann foltern sie seine
Familienangehörigen, das Wasser, in dem er sich
bewegt.

F: Laß uns den historischen Teil abschließen und


zum aktuellen übergehen. Du sagtest, daß die
MLN aufgrund der geopolitischen Situation und
der alten Erfahrung, die auch anders hätte enden
können, möglicherweise zur Nachhut wird.

Was damals geschehen ist, ist nicht zu


wiederholen. Aber unter dem Strich bleibt etwas
Positives: daß die Massen zum ersten Mal in der
Linken aufgingen.
Die Linke der sechziger Jahre hat das Volk nicht
auf die Straße gebracht, sie war zahlenmäßig
sehr gering. Heute demonstrieren
Hunderttausende am 1. Mai, es gibt ein reales
anti-militaristisches Bewußtsein im Volk, das
aufgrund einer gemachten Erfahrung beruht.
Dieses Bewußtsein kannst du auch nicht durch
Schlagstock-Hiebe herausprügeln, im Gegenteil.
Wenn die Linke damit nicht arbeitet, dann liegt
das an ihrer eigenen Krise. Der Feind hat ja in
den ganzen Jahren sehr viel gelernt.

F: Nicht nur im militärischen Bereich, auch im


politischen. In den ganzen Jahren waren ja vor
allem auch die Geheimdienste nicht untätig.

Der Feind versteht es inzwischen ausgezeichnet,


wie die Landguerilla und die Stadtguerilla der
sechziger Jahre zu bekämpfen sind. Er hat auch
aus Europa ausgefeilte Techniken der
Aufstandsbekämpfung übernommen, er
beherrscht die Technik der Neutralisierung, wie
zum Beispiel in Kolumbien. Und in Nikaragua hat
er gelernt, wie man ein Land einschnürt, ohne
sich die Hände dabei schmutzig zu machen. Das
kommt ihn billiger, es gibt dabei keine Toten,
keine Leichen von jungen Nordamerikanern, die
aus Vietnam zurückkehren und die heimische
Front anheizen.
Für Uruguay bedeutet das, daß die alte Tupa-
These von der Kontinentalität des Kampfes
immer größere Bedeutung erhält. Dieses Ländle
mit seinen drei Millionen Einwohnern ist doch
eher ein Vorort von Sao Paulo, ein Außenbezirk
von Buenos Aires. Wir können eine Revolution
nicht auf die Geographie von Uruguay
beschränken. Auch der Feind hat in der Stunde
der Repression international koordiniert, da
haben sie Landesgrenzen keinen Deut mehr
interessiert. Der Norden des brasilianischen
Bundesstaates Rio Grande do Sul ist eine
konfliktreiche Gegend mit seinen Landkonflikten,
allein die Stadt Porto Alegre hat mit ihren drei
Millionen Einwohnern genauso viel wie Uruguay
insgesamt. Wie kann ich da noch in
Größenordnungen wie den Zuckerrohrarbeitern
der UTAA denken?

F: Nehmt ihr auch die Fahne der »regionalen


Integration« auf, was ja Alfonsin und Sarney
eifrig vertreten haben?

Nicht nur die beiden, auch Fidel Castro geht


davon aus, daß nach den vielen Jahren
kubanischer Revolution Kuba zur Realisierung
des Sozialismus die Integration in den
mexikanischen Markt braucht. Ein Markt wird erst
ab 200 Millionen Verbrauchern interessant. Der
Ökonomie, sagte schon der olle Marx, wohnen
eben ein paar unveränderbare Gesetze inne, die
man nicht voluntaristisch umstoßen kann. Wenn
wir das Wort der »regionalen Integration« im
Munde führen, dann geht das nur im
Zusammenhang mit der Forderung nach einer
neuen Weltwirtschaftsordnung. Denn wenn du in
deinem Land mit riesigen Anstrengungen die
sozialistische Revolution machst und mit der
Zahlung der Auslandsschulden aufhörst, dann
hast du schlechte Karten, wenn sie dich mit den
bestehenden Terms of trade niedermachen!

F: Die Integration ist auch ein Projekt der


nationalen Bourgeoisien. Was heißt das für eure
Bündnispolitik?

Die Integration ist eine undiskutierbare


Notwendigkeit. Durch den Fortschritt der
modernen Produktivkräfte wird ein größerer
Markt erforderlich. Die Idee von Fidel war, eine
große Front gegen den Imperialismus und gegen
die Zahlung der Auslandsschulden zu
organisieren. Dieser Plan bezog auch Teile der
bürgerlichen Kräfte mit ein, die mit der
Aussetzung der Zinszahlung einverstanden
waren, denn es ging in erster Linie gegen den
Imperialismus. Unter dieser Parole wurden die
Gäste für die beiden Treffen von Havanna 1985
und 86 ausgewählt, ganz verschiedene Leute, ich
war dabei, aber auch Leute der Nationalen Partei.
Auch die Colorados waren eingeladen. Diese
Auswahl hat sicher bei vielen Genossen anderer
Länder zu Kopfschmerzen geführt. Ich sehe bei
der FMLN und der FSLN aus EI Salvador und
Nikaragua ein enges Bündnis mit der
europäischen Sozialdemokratie, was sich auch in
einer direkten und lebenswichtigen Hilfe für sie
auszahlt. Das ist eine neue Tatsache: In
Frankreich, Schweden und anderen Ländern gibt
es eine Sozialdemokratie, die so schlau ist und
davon ausgeht, daß in der Dritten Welt und
besonders in Lateinamerika die Revolution
unvermeidbar ist, und daß der Fehler der USA
darin besteht, nicht zu begreifen, daß die
unausweichlich ist. Sie gehen davon aus, daß
unsere Oligarchien so überholt sind, daß sie für
einen modernen Kapitalismus nicht mehr nützen.
Die Sozialdemokratie unternimmt in
Lateinamerika eine ideologische Offensive. Sie
haben sehr elegante, subtile Vorschläge, die zum
Teil sogar revolutionären Charakter haben. Und
dann erzählen sie alles in Ländern, wo schon
sozialdemokratisches Gedankengut Gewalt nach
sich zieht. Denn wenn morgen ein Hugo BataIla
in Uruguay durch Wahlen an die Regierung
gelangt und sozialdemokratische Konzeptionen
durchsetzen will, dann schlagen sie ihn doch zu
Brei, er landet im Knast, nicht ich! Was 'für die
schwedische Sozialdemokratie lediglich eine
Konsolidierung des Kapitalismus bedeutet,
erlauben sie dir hier unter keinen Umständen!
Das würde sofort einen Putsch nach sich ziehen.
Diese Oligarchie würde das niemals erlauben.

F: Ihr habt den Eintritt in die Frente Amplio


beantragt, während Sozialdemokraten wie Hugo
BataIla noch drin waren?

Wir glauben, daß sie Verbündete sein können, für


die Sandinisten und die FMLN sind sie es bereits.
Ich glaube, daß die Sozialdemokratie in Europa
eine konterrevolutionäre oder reformistische
Rolle spielt, sie ist dazu da, um zu bremsen, zu
mäßigen und die Arbeiterklasse zu
verbürgerlichen, unter dem Motto, es soll ihr gut
gehen, damit sie ruhig bleibt. Aber das ist hier
ein gefährliches Spiel mit dem Feuer! Denn die
Sozialdemokraten versprechen den Leuten dies
und das als etwas mögliches Erreichbares, und
die Leute fangen an, dies zu glauben. Aber wenn
du in Südamerika anfängst, sozialdemokratische
Konzepte in die Praxis umzusetzen, dann gerätst
du mit dem Verteidigungsminister aneinander
und mit den 600 Familien, die davon profitieren,
daß Uruguay noch nicht einmal
sozialdemokratisch ist. Dann machen sie einen
Staatsstreich, weil sich aus dem
sozialdemokratischen Gedankengut, das in
Europa reformistisch ist, hier etwas
revolutionäres entwickelt.

F: Heißt das, daß ein Land der Dritten Welt, das


sich militärisch vom Imperialismus befreit, von
der Sozialdemokratie Hilfe verlangen und
erwarten kann? Eine Hilfe in der Größenordnung,
wie sie zu einem bestimmten Zeitpunkt einmal
Kuba von der UdSSR erhalten hat?

Die Krise ist weltweit und hat auch die


sozialistischen Länder erfaßt, und offensichtlich
ist es endgültig mit der Ära der subventionierten
Revolution vorbei. Es läuft nicht, zu sagen: Wir
ergreifen die Macht und hinterher wird uns die
Sowjetunion schon irgendwie über die Runden
retten. Die uruguayische KP sagt: Wir gelangen
über die Wahlen an die Regierung, brechen mit
dem Imperialismus und dem Internationalen
Währungsfonds und treiben Handel mit den
sozialistischen Ländern. Aber das löst dein
Problem nicht. Außerdem werden immer mehr
sozialistische Länder Mitglied im IWF, und dann
werden dir irgendwelche Abkommen
aufgedrückt, und dann können dich die
Industriestaaten doch wieder zwingen, ihnen
deine Produkte zu verkaufen. Es gibt einen
grundsätzlichen politischen Wandel im Vergleich
zu den sechziger Jahren, der uns zwingt, alles
neu zu überdenken.

F: Nikaragua erhält offensichtlich nicht die


notwendige Hilfe, die ihnen die sozialistischen
Staaten gewähren könnten?

Das ist richtig. Daß ein so kleines Land


militärische Probleme hat, das sehe ich ja ein.
Aber warum muß es auch wirtschaftliche haben?
Warum gibt es Versorgungsschwierigkeiten, die
dazu führen, daß die Leute hungern. Das geht
wirklich nicht! Im vergangenen Jahr war ich auf
der Jahresfeier der PVP (Partei für den Sieg des
Volkes), da steigt Hugo Cores auf die Bühne, der
gerade aus Nikaragua gekommen war und mit
großer Eloquenz die dramatische Situation
geschildert hat; das Panorama ist wirklich
theatralisch, nicht nur die langen Schlangen vor
den Geschäften, sondern auch der Kampf,
ständig die Leichen der Genossen, die an der
Front fallen. Er beendete seine Rede mit der
Schilderung, daß er bei seiner Abreise aus
Nikaragua von einem Kind gegrüßt wurde, das
ein Leuchten in seinen Augen hatte. Na, das war
für uns das Stichwort für tobenden Applaus. Aber
ich hab ihn danach angerufen und gesagt: Sag,
die Rede war wirklich gut und richtig platziert,
aber wenn du das an irgendeiner Ecke in
Montevideo erzählst und auf der anderen
Straßenseite BataIla (Der Sozialdemokrat) steht,
dann wirst du nicht eine einzige Hausfrau von
deinen Ideen überzeugen können, weil du ihr ja
doch nur eine fürchterliche Zukunft in Aussicht
stellst. Das einzig konkrete, das du den Leuten
anbieten kannst, ist das Leuchten in den Augen
eines Kindes. Und dann kommt BataIla, erzählt
etwas vom Frieden, von den Wahlen, von
Reformen, immer eine nach der anderen, und
daß man sich mit allen Leuten gut stellen muß,
dann erreiche man schon das Ziel, viel besser als
es in Nikaragua laufe! Er wird die Leute immer
damit überzeugen. Und wenn ich ein einfacher
Mann aus dem Volk wäre, dann würde ich auch
auf BataIla setzen. Die liberale und
sozialdemokratische Offensive in Lateinamerika
-die zwei verschiedene Paar Schuhe sind sind
hier ein zweischneidiges Schwert, ein Spiel mit
dem Feuer, die die Interessen der Oligarchie
bedrohen. Wir haben hier ja nicht die Bourgeoisie
wie in Europa, hier herrscht die Oligarchie, und
das ist etwas ganz anderes. Bürgerliches
Gedankengut aus Europa wird hier als
kommunistisch bezeichnet, und wer es vertritt,
der landet mit der Kapuze überm Kopf als
Gefangener in »Libertad", in der Zelle neben uns.

F: Ich habe allerdings meine Schwierigkeiten, mir


einen deutschen Sozialdemokraten zusammen
mit euch im Knast vorzustellen.

Nun gut, bei den Deutschen habe ich dieselben


Schwierigkeiten. Die betrieben ideologische
Offensive, während wir gleichzeitig ein riesiges
theoretisches Vakuum haben, denn es gibt ohne
Zweifel eine ideologische Krise des Sozialismus.
Wir Revolutionäre haben noch keine neue
Theorie ausgearbeitet, wir sind ohne Theorie
geblieben. Ich meine damit nicht nur die MLN,
sondern die gesamte Linke in Lateinamerika. Die
theoretischen Konzepte von vor 20/30 Jahren
bringen heute nichts mehr, und die Bourgeoisie
spielt sie heute sehr geschickt gegen uns aus.
Wir befinden uns in einem Moment des
Umschwungs, des Brodelns der Ideen, es regt
sich etwas im intellektuellen Bereich, was
revolutionäre Ideen angeht, auch wenn das zur
Zeit noch nicht mit ausgearbeiteten Dokumenten
und konkreten Dingen zu Tage tritt. Es denken
viele Leute nach, diskutieren, arbeiten
Thesenpapiere aus, formulieren Fragen. Wir
müssen Lenin und Trotzky wieder lesen. Mir
scheint, daß die Geschichte Rosa Luxemburg in
ihrem Streit mit Lenin recht gegeben hat. Klar,
der Film über sie ist Scheiße, aber nicht ihre
Schriften. Lenin ist kein Gott und konnte viele
Dinge nicht voraussagen, aber das tiefe
Mißtrauen von Rosa Luxemburg den total
zentralistischen Parteien gegenüber scheint mir
berechtigt zu sein ... Es geht nicht um einen
Apparat, aber mir scheint, daß der erste Schritt,
um die revolutionäre Theorie voranzutreiben, ein
intensiver Austausch mit den Genossen aus
anderen Ländern sein muß: aus Argentinien und
Brasilien.

F: Mit welchen Gesprächspartnern?

In Brasilien ist das die PT, in Argentinien haben


wir keinen Gesprächspartner, und das ist sehr
schlimm. Wenn ich mir die revolutionären
Prozesse anschaue, dann frage ich mich, ob wir
Tupamaros nicht nur die armselige Nachhut sind.
Weil wir in so einem kleinen Land geboren
wurden, haben wir auch einen Kopf wie ein
Millimeterpapier. Ein brasilianischer Genosse
denkt in ganz anderen Größen-und
Raumordnungen. Für ihn ist es nichts
ungewöhnliches, für eine Versammlung 3.500
Kilometer zu reisen. Wenn mir jemand sagt, ich
muß morgen 3.500 Kilometer weit reisen, dann
kommt die ganze Familie zum Flughafen, um
mich zu verabschieden, mit der Aufforderung,
auch zu schreiben. Aber in Brasilien gehört das
zum Alltag des mittleren Managers, denn das
Land ist so geschaffen. Auch ein US-Amerikaner,
ein Europäer oder ein Sowjetrusse verhalten sich
so. In der Kommission für internationale
Angelegenheiten der PT arbeiten Chilenen. Und
die PT verübelt das nicht, im Gegenteil, es
erscheint ihr völlig normal, denn die Chilenen
wissen doch am meisten von Chile, und dazu sind
sie noch PT-Mitglieder. Ein anderer Genosse war
früher im ERP, und alle treffen sich in der PT
wieder. Das ist ein Vulkan. Sie wollten mich nach
Curitiba bringen, wo viele Uruguayer studieren,
die fast alle in der PT sind, das sind »petistas«.
Aber frag du mal einen Uruguayer in Schweden,
ob er bei den Sozialdemokraten oder sonstwo
aktiv sei! Da sagen sie dir: Nein, wir sind Tupas,
und für die Schweden sind die Exilierte. Brasilien
ist eine ganz neue Erfahrung, sehr interessant. In
Argentinien ist es genau umgekehrt. Dort ist die
Linke in einem bedauernswerten Zustand, so daß
uns ganze Gruppen der linken um Aufnahme in
die MLN bitten. Denn sie wissen nicht, in welcher
argentinischen Organisation sie tätig sein sollen.
Sie sagen dir: In Argentinien gibt es keine Linke.

F: Laß uns zurück zu Uruguay. Nach 85 schrieb


die MLN zwei wichtige Dinge auf ihre Fahnen:
Das Referendum und den neuen politischen
Raum, die »Bewegung für die Beteiligung des
Volkes«, MPP.

Im Fall des Referendums war es etwas sehr


Spontanes. Ich glaube, daß alle linken Gruppen
diese Möglichkeit sehr wohl in Betracht gezogen
haben, aber daß sie sich nicht getraut haben. Wir
haben uns getraut, weil wir kein Wahlkalkül
daraus gemacht haben, wir haben nicht daran
gedacht, ob und wie es die Wahlen im November
89 beeinflussen könnte. Für viele war das
Plebiszit ein wahnsinniges Risiko, und sie wollten
das Thema Menschenrechte lieber abschließen.
Die MLN hat diese Position nicht aufgrund einer
überragenden Einsicht eingenommen, sondern
weil wir eine andere Strategie als die restlichen
Gruppen der Linken haben. Im Falle der neuen
MPP sieht die Sache ähnlich aus, sie hat drei
wesentliche Thesen: Die Basis wählt die Leitung
und bestimmt, wer die Kandidaten für die Wahlen
sind. Welche andere Gruppe der Linken kann sich
so etwas erlauben? Wir sind für das Wahlrecht ab
16 Jahren. Jede Basisgruppe hat ihren
Delegierten, der sich direkt an die Leitung
wendet. Die nationale Führung wird geheim und
direkt gewählt, und alle Mitglieder haben das
Recht, bei den Sitzungen anwesend zu sein. Das
macht sonst doch keiner! Kannst du dir
vorstellen, daß die KP ihren Mitgliedern erlaubt,
bei den Sitzungen des Zentralkomitees dabei zu
sein? Die Revolution wird durch die Beteiligung
der Massen gemacht, auch wenn im rein
militärischen Bereich dies anders aussieht. Um
die Massen zu mobilisieren, muß man sie am
Geschehen beteiligen, ein grundlegender
Gedanke des Sozialismus, der auch in der
Sowjetunion wieder aufgenommen wird.

F: Bei der Arbeit, die Massen zu organisieren,


mußt du doch schon eine Vorstellung davon
haben, wie die organisierten Massen zu führen
seien, weIche Rolle eine Avantgarde oder eine
Führung im revolutionären Prozeß spielen soll?
Die MLN stellt sich dieser Herausforderung. Falls
wir uns das nicht vornehmen, laufen wir die
Gefahr der politischen Ohnmacht. Man darf sich
nicht auf den Standpunkt stellen: es zählt nur die
Beteiligung der Massen, es zählt die Zahl und
nicht die Führung. Aber die Massen können ja
auch bei der christlichen Nächstenliebe landen, in
der Gewalt um der Gewalt willen, im Chaos, in
sozialen Explosionen ohne klare politische Ziele.
Hier setzt die politische Organisation an. Auch
nicht die 150-prozentigen Anarchisten haben
jemals auf ihre FAU (uruguayische anarchistische
Föderation) verzichtet. Das heißt, eine
Organisation oder eine Partei spielt eine ganz
klare Rolle, sie setzt sich zusammen aus den
Aktivisten und sozialen Kämpfern aus den
Stadtteilen, Gewerkschaften, sie ist die Summe
der gemachten Erfahrungen und die Summe der
Verarbeitung dieser vergangenen Erfahrungen.
Denn die Theorie, die ideologische Analyse und
all das, muß eine politische Organisation verkürzt
zusammenfassen und dann wieder an der Basis
einbringen, um zur Führung zu werden. Und da
ist noch ein Punkt: Die MLN hat in den
vergangenen vier Jahren durch ihre
Kommunikationsmittel für eine große Dynamik
gesorgt; keiner anderen Kraft der Linken ist das
in so kurzer Zeit gelungen, Ideen zu verbreiten
und zu diskutieren. Wir haben ein Radio, eine
Zeitschrift, die alle zwei Wochen erscheint und
die größte Auflage hat, einen Verlag mit den
meisten verkauften Büchern, und da wird noch
einiges hinzu kommen. Alle Leute staunen über
unsere Mobilisierungskraft, die aber mit der
Existenz des Radios zu tun hat. Es hat die Stunde
der Massen geschlagen, die Stunde der Agitation,
des Streits der Ideen. Dafür ist ein Radio
unerläßlich. Dieser Herausforderung muß sich die
Linke stellen, und wenn es die Linke und die
Frente Amplio ernst meinen würden, dann
würden sie die Gründung eines eigenen Fernseh-
Kanals in Angriff nehmen. Sonst verlieren wir
doch nur Zeit.

F: Das heißt, es geht in erster Linie um die


Schaffung von Voraussetzungen?

Klar. Um die Basis für die Diskussion und den


ideologischen Kampf. Wenn wir morgen die
uruguayische Linke fragen, was sie dem Volk
konkretes gegeben haben, welche Kampfformen,
dann kommen nur die KP-Genossen ungeschoren
davon, denn sie agitieren wenigstens unentwegt
auf der Straße, sie haben Unterschriften für das
Referendum gesammelt, und das muß man
anerkennen, sie haben einen Apparat, der in
bestimmten Momenten nützlich ist.

F: Wenn ich die MLN von außen betrachte, drängt


sich mir der Eindruck auf, daß sie eine perverse
Struktur hat, daß sie ihre eigenen Leute auffrißt.
Aus ihnen besteht die Organisation, und sie
erweist sich als unfähig, die künftigen Wechsel in
die Hand zu nehmen. Es fehlen neue, junge
Leute. Sie verändert die Realität auf Kosten eines
Selbstmordes. Sie frißt sich selbst und ihre
besten Leute auf, um Politik zu machen.

Die organisatorische, edukative und kulturelle


Entwicklung der Organisation ist unzureichend,
vor allem was die Schulung neuer Leute angeht.
Das ist richtig, aber ich habe auch keine Antwort
darauf. Das ist für mich eines der größten
Probleme. Wir haben viele Mitglieder, die keine
Erfahrungen mit Basisarbeit haben, weil sie
früher eine andere Arbeit gemacht haben. Du
kannst auch von einem Genossen nicht von
einem Tag auf den anderen verlangen, daß er
plötzlich zum populären Leitungsmenschen
werden soll -auch wenn wir alle glauben, daß im
Moment die Basisarbeit auf der Tagesordnung
steht.
In einem Land, das gerade die Diktatur hinter
sich gebracht hat, muß die Schulung der neuen
Generation von Aktivisten sehr viel bescheidener
sein als unsere damals. Du mußt praktisch bei
Null anfangen, ganz langsam, ruhig, die Leute
nicht unter Druck setzen. Wir haben ein
furchtbares Erbe übernommen. Und wir haben an
die Mitglieder zu hohe Anforderungen gestellt, zu
hoch für die derzeitige Situation. Alles zu seiner
Zeit. Das ist etwas anderes, wenn du von deinen
Mitgliedern verlangst -auf zur
Entscheidungsschlacht -oder wenn du gerade
eine Niederlage hinter dir hast, wenn das ganze
Volk gerade aus einer Diktatur kommt. Dazu
kommt die total schwierige wirtschaftliche
Situation, um etwas im Kochtopf zu haben,
müssen die Leute den ganzen Tag arbeiten. So
etwas mußt du berücksichtigen. Die Organisation
wird sich niemals aus ehe Guevaras
zusammensetzen. Es gibt ja so wenige davon.
Dann kommen die persönlichen Einschränkungen
dazu. Wegen der Vergangenheit ist es für
jemanden ein großer Schritt, in die MLN
einzutreten, er setzt dabei seine Haut aufs Spiel,
das ist kein Scherz oder eine Worthülse. Viele
Leute sind Pro-Tupa und unterstützen uns, wo sie
können, aber sie werden nie eintreten. Wir waren
bisher noch nicht in der Lage, so etwas wie die
alte »Bewegung 26. März« zu gründen, einen
Platz für die Leute, die sich nicht mit Haut und
Haar der Politik verschreiben wollen. Die MPP
versucht, in diese Richtung zu gehen. Und
schließlich gibt es noch einen allgemeinen
Rückzug aus der politischen Arbeit, die Leute
kommen zwar zu den Demos und
Veranstaltungen, die unterschreiben für das
Referendum, aber sie sind nicht aktiv. Das hängt
mit den finanziellen Problemen zusammen und
auf der anderen Seite mit der theoretischen Krise
der Linken.