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Joannes Richter

Randnotizen eines Buchflüsterers


Für Stefan, Walter & Pierre

2
Joannes Richter

Randnotizen
eines Buchflüsterers

-2009-

3
© 2009 by Joannes Richter
gepubliceerd bij LULU

Alle rechten voorbehouden


ISBN: xxx-x-xxxx-xxxx-x

4
Inhalt
1 Einführung.............................................................................9
Das Wort........................................................................10
Die Bibliothek...............................................................10
2 Die Bibliothek als Erbe........................................................13
Herbst 2001...................................................................14
3 Die Vorkriegsjahre '36-'39....................................................17
Representative Bücher der Periode '36-'39...................17
Von Neapel bis Venedig................................................18
De Rerum novarum.......................................................19
Dante, virtuti et honori..................................................24
Walters Dichtbündel......................................................25
Die europäische Dichter................................................28
Die Kraft der Gedanken................................................28
4 Die Kriegsjahre '40-'45........................................................31
Representative Bücher der Periode '40-'45...................31
Goethe...........................................................................32
Joost van den Vondel.....................................................33
Wörterbücher.................................................................35
Terra promissa ..............................................................37
Lehrbuch der Weltgeschichte........................................39
Die Studie der Philosophie............................................39
Die göttliche Komödie..................................................41
5 Die Nachkriegsjahre '46-'54.................................................43
Representative Bücher der Periode '46-'54...................43
Aus meinem Leben: Wahrheit und Dichtung................44
Schwarz und Weiß.........................................................44
Pionier der Freiheit........................................................45
Zeit des Deliriums.........................................................46
Die gefiederte Schlange................................................47

5
Tigre Juan......................................................................48
Die Abende....................................................................48
Nico van Suchtelen........................................................49
Volk ohne Raum............................................................49
Der Kern der Sache.......................................................50
Der Sohar......................................................................50
6 Literaturstudie '55-'70..........................................................55
Representative Bücher der Periode '55-'70...................55
Der Index ......................................................................56
Sodom und Gomorra.....................................................56
Jenseits von Eden..........................................................57
Die Falschmünzer..........................................................57
Vergleich der Religionen...............................................58
Eine Weltgeschichte der Sexualität...............................58
Ulysses..........................................................................58
Geschichten aus einem zerfetzten Land........................59
Kunst und Künstler.......................................................59
Literatur in der Brabander Sprache...............................60
Untergang......................................................................60
Kaltblütig.......................................................................61
1984...............................................................................61
Die Philosophie.............................................................62
Der goldene Esel...........................................................63
Der spanische Bürgerkrieg............................................64
7 Die Phase der Biografien '71-'85.........................................67
Repräsentative Bücher der Periode '71-'85...................67
Die Biografien...............................................................68
Hermann Hesse.............................................................69
Heinrich Böll.................................................................71
Moderner Fetischismus.................................................72
Woutertje Pieterse..........................................................73
Literarisches Lustrum 2 ................................................74

6
Platons Gastmahl...........................................................74
8 Die neue Literatur '86-'00....................................................75
Repräsentative Bücher der Periode '86-'00...................75
Seifenblasen in einem Netz...........................................76
Alissa und Adrienne......................................................77
Salz auf unserer Haut....................................................77
Kafka.............................................................................77
Literaturkritik................................................................78
Der Unbeirrbare ............................................................79
Die Biografien...............................................................80
Eine Geschichte von Gott .............................................80
Der Kuss des Esaus.......................................................82
Ein neues Weltbild.........................................................83
Das Foucaultsche Pendel...............................................85
Das Jahrhundert meines Vaters.....................................86
Niederländische Literatur..............................................86
9 Walters Charakterbild ..........................................................89
10 Zusammenfassung..............................................................93
Analyse .........................................................................93
Prousts verlorene Zeit...................................................94
Die virtuelle Bibliothek.................................................94
11 Statistiken ..........................................................................95
12 Walters Dichtbündel...........................................................97
13 Kurzfassung.....................................................................103

7
Abbildungen
Abb. 1: De Rerum Novarum mit Walters Notizen...................23
Abb. 2: "Krieg" von W. de Mérode..........................................26
Abb. 3: Paula Schlafend von H. Marsman...............................27
Abb. 4: Copla aus dem Jahr1942.............................................36
Abb. 5: Copla aus dem Jahr 2001............................................36
Abb. 6: Das arabische Wort "Gott"..........................................81

Übersichtstabellen
Tabel 1: Inhoud Walter's Gedichtenbundel............................102

8
1 Einführung
Wer mit den Büchern flüstert entwickelt eine besondere
Beziehung zu Büchern, zu Wörtern und zu Buchstaben. Manch
einer wird dabei zum Wort-Fetischist, Etymologe oder
Bibliofiel.
Walter liebte manches Buch so wie eine Frau. Manchmal
flüsterte er seinen Büchern wie ein Liebhaber liebevoll ins Ohr.
Dann wiederum konnte er beim lesen aber auch
Selbstgespräche halten, als spräche das Buch ihm ermahnend
zu.
Und in den Wörtern – so hat er mir versichert – sieht er
gelegentlich auch oft den dunklen Spiegel, in dem die Silben
sich aufteilen in Wahr und Unwahr, in Echt und Unecht, in Du
und Ich. Wir leben in einer bipolaren Welt, so sagt er mir dann
und so müssen wir in den Wörtern auch männlich und weiblich,
Rot und Blau, Weiß und Schwarz unterscheiden.
Die Religion, so hieß es des weiteren, spielt auch dann die
Hauptrolle, wenn sie auf falschen Tatsachen beruht, denn mehr
als die Hälfte der Menschheit benötigt zum Überleben einen
Glauben. Da kann die Regierung nicht umhin, die Religionen
Ernst zu nehmen...
Bereits für jeden individuellen Menschen sei die Frage „Wer
bin ich, wo komme ich her, wo gehe ich hin?“ existentiell. Um
wie viel wichtiger ist dann die Antwort auf diesen Fragen für
die gesamte Menschheit? Die Studie dieses Themas behalte er
sich als Lebensziel für seinen Lebensabend vor Augen. Das
aber hat er bereits zur Lebensmitte gesagt und das ist schon
lange her...

9
Das Wort
Es ist wohl die Fernkraft der Schöpfung, in dem jedes Ding
zum ersten Mal einen Namen erhält und sich verpflichtet für
alle Zeiten die Erwartungshaltung zu erfüllen. Seit der
Anbeginn aller Zeiten trägt diese Erwartung den Gottesnamen
und zur Absicherung unserem Glauben benennen wir unseren
Gott auch den Eifersüchtigen Gott.
Es war wohl ein männlicher Hoffnungsträger der dieses Prinzip
erstmalig auch als Vater bezeichnet hat. Nachdem jedoch das
Wort sich verpflichtet fühlte wahr zu werden, fand es auch
bereits einen Platz im Buch, von wo es sich ungehemmt
vermehren und verbreiten konnte.
Walter ist aufgewachsen in einer Zeit, in dem man noch nicht
unbestraft am Wort und am Buch zweifeln darf. Unter unserem
irdischen Himmel hat jedoch rein gar Nichts einen ewigen
Bestand. Wo der Mensch zweifelt, verlässt er das eine Wort
und sucht sich ein Anderes. Das eine Buch wird gefolgt vom
Anderen und zusammen bilden sie eine Bibliothek...

Die Bibliothek
Freiwillig wird kein Buchflüsterer sich von seinen Schätzen
trennen und so wächst die Bibliothek solange es irgendwo im
Wohnbereich noch einen Quadratmeter Freiraum gibt. Die
Sammlung kann gewissermassen anwachsen bis der Tod dem
Spuk ein Ende setzt. Viele solcher Büchersammlungen werden
nach dem Tod aufgelöst und als Einzelstücke verscherbelt. Nur
in den seltensten Fällen bleibt der komplette Bestand als
Einheit so lange erhalten, dass man die Zusammenhänge
untersuchen und dokumentieren kann.

10
Als Individu ist Walter nur ein Blatt am Lebensbaum, der im
Herbst seinen Laub abwirft. Wir wollen und können Walters
Biografie nicht mehr genau rekonstruieren. Dafür sich wir
jedoch in der Lage aus seiner Bibliothek ab zu lesen, welchen
Weg dieser Buchflüsterer auf seiner Expedition nach dem Wort
zurückgelegt hat. Es ist dieser Weg, den wir im nächsten
Kapitel beginnen werden...

11
12
2 Die Bibliothek als Erbe
Vor einigen Jahren ist mein Freund und Mentor Walter
unerwartet verstorben. Einige Umzüge und Auslands-
aufenthalte hatten unsere Kontakte in den vergangenen Jahren
seltener werden lassen. Und obwohl wir in der aktiven Phase
unserer Freundschaft regelmässig über Literatur und
philosophischen Themen diskutiert hatten, forderte dann doch
der Berufsstress seinen Tribut und beschränkte sich unser
Dialog auf die gelegentlichen Kurzgesprächen am Telefon.

Weil seine nächste Verwandtschaft seinen Interessen kaum


teilte, wunderte sich niemand darüber, dass Walter mir seine
Bibliothek testamentarisch hinterlassen hatte. Gebrauchte
Bücher sind heutzutage ohnehin kaum etwas wert und nicht
mal mehr als Altpapier besonders begehrt. Wer will denn schon
eine Ladung vergilbte Bücherrücken seinem eigenen Bestand
im Bücherregal hinzufügen?

Obwohl Walter mir vor Jahren regelmässig Bücher geliehen


hatte, war mir der Umfang und das Spektrum seiner Bibliothek
kaum bekannt. Rückblickend vermutete ich einen Schwerpunkt
in der niederländischen, deutschen und englischsprachigen
Literatur, in dem nebst Romanen Biografien, Literaturstudien
und Philosophie die Hauptbestandteile bildeten. Laut
notarieller Beschreibung sollte es jedoch um einigen
Kubikmetern Büchern handeln, die bei Ablehnung der
Erbmasse vermutlich zu den Gebrauchtwarenhändlern
abwandern würde. So beschloss ich zunächst die Erbschaft zu
akzeptieren, damit nicht Walters Lebenswerk ungesehen in die
Versenkung verschwinden würde.

13
Einige Wochen nach Walters Beerdigung empfing ich nun die
Nachricht, dass mir in seinem ehemaligen Arbeitszimmer
einige Tausend Bücher zur Verfügung stünden. Weil seine
Witwe für dieses Arbeitszimmer momentan ohnehin keine
andere Pläne hatte, könne ich mir bei der Räumung des
Zimmers ruhig Zeit lassen. Tatsächlich erlaubte mir meine
berufliche Arbeitsbelastung auch erst im Herbst 2001 einen
ersten Inspektionsbesuch an Walters Bibliothek.

Herbst 2001
Zunächst präsentierte sich Walters Büchersammlung mir als
der hastig und chaotisch zurückgelassene Schatzkammer eines
vergessenen Pharaos, dessen Aufnahmen ich mir an Tutanch-
amuns Grab erinnerte. Untergebracht in zwei Räumen konnte
ich verschiedenen drei Meter hohen Bücherregale mit
Doppelreihen Werke auf nachgebenden Brettern ausmachen.
Der Zugang zu den Schränken wurde durch sperrigen und
schweren Stapeln Zeitschriften und Schachteln mit allerhand
Lesematerial versperrt.

Abgesehen von einigen Reihen und Stapeln mit ähnlichen


Werke die offensichtlich zu Serien zusammengehörten war in
der Sammlung kein System erkennbar. Eine flüchtige
Inspektion bestätigte meine Erwartungen zum Schwerpunkt der
Themen, aber ich wurde dann doch überrascht vom Umfang
der Büchermenge. Nach Abzug der Zeitschriften schätzte ich
die Gesamtzahl auf etwa 4000 Exemplare.

14
Am äußeren Erscheinungsbild kann man schnell ablesen, ob
ein Buch selten oder regelmäßig hantiert worden ist und aus
welcher Zeit das Buch stammt. Walter pflegte auch
Zeitungsausschnitte einzufügen und schriftliche Notizen in
seinen Büchern zu kritzeln. In den wenigen teuren Klassikern
befinden sich wohl aus Ehrfurcht weniger Notizen. Dafür
enthalten nahezu alle Studienbücher markierte Passagen, die
namentlich in den älteren Werken noch mit Notizen
angereichert worden sind.

Bis etwa 1955 hat Walter seine neu beschaffte Bücher fast
immer mit einem Datum paraphiert, sodass man daraus leicht
eine genaue Chronologie ableiten kann. In den späteren Jahren
wurde die Anschaffungsdaten etwas ungenauer aus den
Angaben zur Auflage abgelesen, welche die Verlage
normalerweise im Buch dokumentieren.

Mit Intervallen arbeitete ich nun einige Jahre, von 2001 bis
2009 an der Inventur und Analyse der Notizen und Buchtitel.
Im Laufe der Untersuchung erschien es mir interessant aus den
Funden eine biografische Studie zusammen zu stellen zu den
Themen der von Walter kommentierten Büchern.

Zur Vermeidung der Überlagerung externer Quellen in diese


Dokumentation werde ich dazu möglichst nur die
Bibliotheksdaten heranziehen und dabei weitgehend
chronologisch vorgehen. Obwohl ich in den vergangenen acht
Jahre schätzungsweise nur 20-25% aller Buchtitel einsehen
konnte, darf man doch den jetzt dokumentierten Umfang als
eine representative Stichprobe betrachten.

15
Die Weblinks im elektronischen Manuscript verweisen auf die
Quellen, die zum Buchtitel im Internet zur Verfügung stehen.
Weil sich diese Weblinks im Laufe der Zeit auflösen oder
ändern können, ist ein garantierter Zugang zu diesen
Informationen jedoch nicht möglich. Um die Studie den
deutschsprachigen Lesern zu erleichtern, wurden auch die
niederländischen und englischen Buchtiteln auf Deutsch
übersetzt. Die zugehörige fremdsprachige Quelle wird in
diesen Fällen beim Öffnen der Weblinks sichtbar.

16
3 Die Vorkriegsjahre '36-'39

Representative Bücher der Periode '36-'39


Nachfolgende Tabelle enthält die repräsentativen Bücher aus
dem Zeitraum '36-'39. Es handelt sich dabei um die Werke,
welche die meisten Notizen enthalten.

Jahr Umschreibung Autoren Ausgabe


1936 Jahrbuch des Bisschöflichen Bisschöfliches 1936
Gymnasiums zu Roermond1 Gymnasium
1936 Rerum novarum: Hirtenbrief des Die Päbste Leo 1932
Heiligen Vaters Leo XIII ... XIII und Pius XI
1937 Dante, virtuti et honori B.H. Molkenboer 1921
1938 Von Neapel bis Venedig B.H. Molkenboer 1934
1938 Die Gesamtwerke des Alfred Lord Alfred Tennyson 1894
Tennyson.
1938 Walters Gedichtsammlung Diverse Dichter ca. '38
1939 De Kraft der Gedanken im William Walker 1910
geschäftlichen und im täglichen Atkinson
Leben
1939 Faust: Eine Tragödie J.W. von Goethe 1939
deel I & II

1
Zur Verfügung stehen die Jahrgänge 1 (35-36), 2 (36-37), 3(37-38) und
5(39-40).

17
Von Neapel bis Venedig
Eines der unbedeutenden Büchern „Von Neapel bis Venedig“ ist
insoweit interessant, dass dieses Werk auf dem Schutzblatt eine
Kalligrafie eines Ehrenpreises aufweist, den Walter für das mit
Belobigung bestandene Examen zum Abitur des Gymnasiums
A mit Ortsnamen Roermond und dem Datum 9 Juli 1938
aufweist. Diese Angaben zum Examensjahr erlauben uns
Walters Geburtsjahr ziemlich genau auf 1920 oder 1921 zu
datieren.

Der Author B.H. Molkenboer2 arbeitete bis 1948 Professor für


Vondelstudien en hat als Author an mehreren Bücher
mitgewirkt, die sich in Walters Bibliothek befinden, u.a. auch
an beiden Werken über Dante.
Von Neapel bis Venedig ist ein detaillierter Reisebericht über
die berühmte nord- und mittel-italienischen Städte. Der
Dominikaner Molkenboer interessiert sich dabei hauptsächlich
auf die religiösen Details der beschriebenen Objekte.

Im Gegensatz zu den übrigen Büchern hat Walter in diesem


Reisebericht keine Notizen hinterlassen. Das Geschenk zum
Ehrenpreis hat ihn offensichtlich weniger beeindruckt.

Zusammen mit verschiedenen Klassenfotos werden Walters


Preise auch in den Jahrbüchern dokumentiert, die mit dem
ersten Jahrgang 1935-1936 beginnen. Diese Informationen
bilden zunächst eine erste Quelle für die früheste Phase des
Besitzers dieser zu erforschenden Bibliothek.

2
Bernardus Constant Molkenboer O.P. , 1879-1948

18
De Rerum novarum
Mit dem angegebenen Anschaffungsjahr 1936 ist „De Rerum
Novarum“ eines der ältesten Bücher in Walters Sammlung. Das
stark beschädigte Exemplar deutet auf eine intensive Studie. Es
ist allerdings möglich, dass dieser Text vom 16-jährigen Walter
in Schulungsverband analysiert und kommentiert wurde.
Dagegen spricht jedoch, dass abgesehen von diesem Werk
keine andere Schulbücher gefunden wurden. Offensichtlich war
es üblich die Schulbücher an der Schule aus zu leihen und nach
Ablauf des Schuljahres dem Schulfonds zurück zu geben. Auch
bei einer Studie in Klassenverband deuten Umfang und Art der
Notizen auf ein intensives Interesse an einer Lösung der
sozialen Probleme der damaligen Zeit.
Genau genommen enthält das Buch zwei Enzykliken und zwar
die erste Version des Papstes Leo XIII aus dem Jahr 1891 und
anschließend den Kommentar des Papstes Pius XI zum
vierzigjährigen Jubiläum in 1931.
Es ist Walter sofort aufgefallen, dass die Ansprachen des ersten
und des zweiten Hirtenbriefes sich unterscheiden. Leo XIII
beginnt seine Version des Rerum Novarum mit den Worten
„Ehrwürdige Brüder, Heil und apostolischen Segen“. Pius XI
fügt dieser Ansprache eine neuen Kategorie hinzu:
„Ehrwürdige Brüder, geliebte Söhne, Heil und apostolischen
Segen“.
Leo XIII wendet sich in seinem Schreiben an alle Patriarchen,
Primaten, Erzbischöfe der Katholiken Welt, die in Frieden und
Gemeinschaft mit dem apostolischen Stuhl leben. Der Pabst hat
diesen Brief offensichtlich nur an die geistlichen Obrigkeit
adressieren wollen.

19
Pius XI richtet sein Schreiben jedoch an „an unseren
erwürdigen Brüdern, den Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe,
Bischöfe und andere lokale Ordinarii, die in Frieden und
Gemeinschaft mit dem apostolischen Stuhl leben, sowie an alle
Gläubigen der Katholischen Welt“.

Im zweiten Brief wendet sich die Kirche daher nicht nur der
höheren Geistlichkeit sondern auch den männlichen Gläubigen
zu, denn die Anrede richtet sich ja an die Brüder und Söhne,
welche die Nachricht dann vielleicht doch noch den
Schwestern und Töchtern vermitteln sollten...
Dieser Ausschluss der weiblichen Hälfte der Bevölkerung ist
dem aufmerksamen Walter aufgefallen. Er verweist im zweiten
Hirtenschreiben mit einer handschriftlichen Notiz nach „R.N.“,
das heisst „Rerum Novarum“.

Beide Enzykliken behandeln übrigens ein hochaktuelles


Thema: „Über den Zustand der Arbeitenden Bevölkerung“.
Auch in der heutigen Zeit wäre ein dritter Hirtenbrief zu
diesem Thema sicherlich nicht fehl am Platz. Andererseits ist
mittlerweile klar, dass die Kirchliche Macht in den
vergangenen Jahrzehnten im ökonomischen Bereich stark
nachgelassen hat. Die von der Kirche zurecht verurteilte
„Wucher der habsüchtigen Spekulanten3“ hat sich namentlich
in den letzten Jahren4 bekanntlich ungehemmt entfalten
können.
3
Seite 10 (in der Einführung zu Rerum Novarum)
4
Selbstverständlich hat die Spekulationsphase bereits viele Jahren vor dem
Bankrott der Lehman-Bank angefangen.

20
Pius XI beginnt seinen Kommentar mit einer kurzen
Zusammenfassung des um vierzig Jahre älteren Rerum
Novarum. Darin bedauert der Oberhirte, dass „sich ein so
große Menschenzahl unverdient in einem elenden und
jämmerlichen Zustand befindet“5, und großmütig nimmt Er6
sich persönlich die Sache der Arbeiterschaft zu Herzen, „die
den unmenschlichen Praktiken der Arbeitgeber und einer
unbändigen Konkurrenzkampf anheim gefallen sind“7.
In Kapitel 2c fasst Leo XIII nochmals die Pflichten der
Gläubigen zusammen8:
• dass es jedem freigestellt wird den Rat des Herrn Jezus
Christus zur Keuschheit zu folgen oder aber sich in der
Heirat zu binden.
• dass das Hauptziel der Ehe bestehe im „Wachsen und
sich Vermehren“.
Zum Schutz der Familien fordert der Pabst ein ausreichenden
Lohn für die Hausväter, damit die Hausfrauen sich
uneingeschränkt auf den Haushalt konzentrieren können. Der
Arbeiter soll mit seinem Lohn nicht nur seinen eigenen
Existenz, sondern auch den Unterhalt seiner Familie
finanzieren können9.

5
Seite 56, Grundlach-Nr. 10. Beide Hirtenbriefe werden nach dem Schema
der Grundlach-Nummerierung strukturiert.
6
Im Manuskript von 1936 wird „Er“ wohl als Stellvertreter Gottes mit
einem Großbuchstaben geschrieben. An anderer Stelle wird in „Unser
Pabststum“ angedeutet, dass der Pabst seine Person in Plural ausdrückt.
7
Seite 56, Grundlach Nr. 10
8
Seite 15, Rerum Novarum, Grundlach Nr. 9
9
Seite 80, Grundlach Nr. 71.

21
Zum Interessenausgleich werden Gewerkschaften benötigt.
Selbstverständlich obliegt den Bischöfen jedoch die
Entscheidung, bei welcher Gewerkschaft sich die Katholische
Arbeiter organisieren dürfen10.
Auffällig ist dass der Pabst den Streik verbietet. Falls die
Arbeiter und Arbeitgeber sich nicht einigen können, soll die
Behörde eingreifen11. Offensichtlich stört sich Walter nicht an
diesen Regeln. Als gläubiger Christ akzeptiert er
selbstverständlich die katholischen Vorschriften...
Eine bemerkenswerte, prophezeiende Aussage weist darauf hin
dass 12:
„die Diktatoren, die den Geldmarkt beherrschen auch
unbeschränkte Macht über die Kreditvergabe ausüben;
sie kontrollieren dann den Blutkreislauf der Ökonomie
en haben sozusagen die Wirtschaft so sehr in ihrer
Macht, dass niemand gegen ihren Willen auch nur
atmen könnte.“
Und zuletzt bleiben nur die übrig, „welche die
schlimmsten Gewissenlosigkeit praktizieren“.
Insgesamt kann man ruhig annehmen, dass dieser Hirtenbrief
aus dem Jahre 1931 auch 2009 noch höchst aktuell ist und auf
die fundamentale Kernprobleme des heutigen Zeitalters deutet.
In seinen Notizen bestätigt Walter die kirchlichen Diagnosen.
Bei der Entwicklung seines ethischen Wertekatalogs müssen
die beiden Hirtenbriefe eine große Rolle gespielt haben. Ein
Buch aus späterer Zeit wird diese Annahme untermauern.

10
Seite 65, Grundlach Nr. 35
11
Seite 89, Grundlach Nr. 94
12
Seite 92, Grundlach Nr. 106

22
Abb. 1: De Rerum Novarum mit Walters Notizen
23
Dante, virtuti et honori
In diesem Werk dokumentiert Molkenboer nicht nur eine
detaillierte Biografie des großen Dichters Dante13, aber auch
die „La Vita Nuova“ und „La Divina Comedia“. Zahlreiche
Zitate in der italienischen und niederländischen Sprache
illustrieren Dantes Meisterwerke.

Probleme hat Walter unter anderem mit dem irreführenden


Satz: „Jungfrau und Mutter, Tochter Ihres Sohnes“14.
Besondere Aufmerksamkeit widmet der nun 17-jährige Walter
jedoch eher der frühen Liebe, die Dante für die fast neunjährige
in Rot gekleidete Beatrice empfindet. Bei der Beschreibung des
zarten Mädchen Bice zieht Molkenboer alle verfügbaren
theatralischen Register zur Darstellung der süßen, wachsenden
Liebesschmerzen eines verliebten Jünglings, der seine Fee
regelmäßig auf der Strasse und in der Kirche beobachten darf.
Das Mädchen bleibt jedoch bei aller kindlichen Schönheit
schüchtern und zurückhaltend, sodass es Dante nicht gelingt
mit ihr ins Gespräch zu kommen. Nach der ersten Begegnung
muss er neun Jahre geduldig warten bis sie ihn endlich mit
ihren lachenden Augen begrüsst. Dieser Gruß verwirrt ihn dann
so sehr, dass er meint den Gipfel seiner Seligkeit erreicht zu
haben.

Aber auch die weitere Entwicklung ihrer Beziehung verläuft


unglücklich. Das Unglück gipfelt letztendlich im Tod der 25-
jährigen Beatrice. Offensichtlich bilden 1937 die darauf
entstandenen Sonnetten und Canzonen der Vita Nuova eine
brauchbare Inspirationsquelle für die Jugend.

13
1265-1321
14
Seite 185

24
Dante bietet Walter wohl das akzeptable Amalgam einer
Religiosität und jugendlichen Begeisterung. Die Sonnetten
erwecken das Interesse für Gedichte, die für die Pubertierenden
oftmals besonders ansprechend sind. In dieser Zeit entsteht
vielleicht deshalb auch folgendes selbst geschriebene
Dichtbündel, das wir aus diesem Grund in der Übersicht nach
Dantes Werk einfügen.

Walters Dichtbündel
Eines der auffälligsten Manuskripte ist das handgeschriebene
Dichtbündel mit mehr als 110 Gedichten aus der Periode
1870-1935 in einem gut gebundenen, hochwertigen
Schreibheft.
Walter hat diese Gedichtsammlung um 1936 nahezu fehlerfrei
in der alten Rechtschreibung met seinem Füller abgeschrieben.
Die Handschrift bleibt im übrigen bis zu seinem Lebensende
nahezu unverändert (siehe Abb. 2).
In 2009 kann man eine Vielzahl dieser Gedichten im Internet
zurückfinden, aber etwa die Hälfte ist entweder nicht
vorhanden, unvollständig übernommen oder mit Copyright
geschützt. Das Spektrum zeigt meines Erachtens keine
besondere Vorzugsthemen.
Abgesehen von zwei exemplarischen Seiten mit Walters
Handschrift wird der komplette Inhalt jedoch nicht an dieser
Stelle dokumentiert. Die Gesamtübersicht des Dichtbündels
wird im Anhang in Tabellenform präsentiert.

25
Abb. 2: "Krieg" von W. de Mérode

26
Abb. 3: Paula Schlafend von H. Marsman

27
Die europäische Dichter
Nebst der niederländischen Literatur enthält Walters Bibliothek
noch eine Vielzahl Klassiker der deutschen Autoren, wie zum
Beispiel Goethe und Schiller. Diese Werke sind nahezu
komplett in der althochdeutschen Sütterlin-Schrift gedruckt,
die wohl zur damaligen Zeit noch an den Gymnasium
unterrichtet wurde. Zu den englischen Klassikern gehört u.a.
das Werk des Alfred Lord Tennyson, das 1938 der Bibliothek
hinzugefügt wurde.

Die Kraft der Gedanken


Nach seinem Abitur investiert der 19-jährige Walter einige
Energie in die optimale Arbeitsweise des Gehirns und des
zugehörigen Gedächtnisses. Der Erfolgsautor Atkinson15 lehrt
in fünfzehn „Lektionen“, dass der Erfolg im Leben von einer
minimalen Portion an Selbstkenntnis, Selbstvertrauen und einer
positiven Lebenseinstellung abhängen, die allerdings alle auf
„Gedanken“ basieren. In der Schlusslektion 15 befinden sich
zwischen vielerlei Werbung des „Nationalen Instituts zur
Selbstbildung“ einige Ratschläge:

• Lassen Sie sich nicht verführen von „ismen“ oder


Führer. In sich selbst führen sie die wahrhafte Wahrheit
- sie wird sich ihnen offenbaren und sich stetig und
natürlich wie eine Blüte entwickeln.
• Vertrauen, Ruhiges Abwarten und Tiefe Sehnsucht
bilden eine dreifache, mächtige dynamische Kraft, die
viele Probleme lösen könnte, wenn man sie nur kennen
würde.“

15
William Walker Atkinson (1862 – 1932)

28
• Überzeugen Sie sich selbst16 : „Ich bin Teil des Ewigen
Lebensprinzip. Ich bin erschaffen worden als göttliches
Abbild. Ich bin voller Gottesatem; nichts kan mir
anhaben, denn ich bin Teil des Unendlichen.“
• Fange keinen Zwist an, lassen Sie sich aber auch nicht
unbestraft von Jemanden schlagen. Wenn jemand Ihnen
auf die Wange schlägt, dann biete ihm nicht die andere
Wange an, aber schlage auch ein wenig zurück – und
schlage heftig zu. Schlage ihn aber nicht mit Hass in
deinem Herzen und zögere nicht ihn zu vergeben wenn
er Reue zeigt.

Obwohl die Ratschläge mit der Christlichen Lehre kollidieren17


erscheint mir doch dieser Ratgeber in 1939 keine unseriöse
Ratschläge zu verbreiten. Walter hat die Lektionen dieses
Heftes wohl ernst genommen und sich damit auf die Ernst des
Lebens vorbereitet. Lektionen konnten die Abiturienten ja am
Vorabend des zweiten Weltkriegs gut brauchen, sofern diese in
die richtigen Richtung führten...

16
Dieses Zitat befindet sich auf Seite 112 des Buches.
17
Wir sollten dem Gegner die andere Wange zuwenden (siehe die Bergrede,
Mattheus 5-39)

29
30
4 Die Kriegsjahre '40-'45

Representative Bücher der Periode '40-'45


Nachfolgende Tabelle umfasst m.E. die repräsentativen Werke
der Periode '40-'45:

Jahr Titel Autor Ausgabe


1940 Die grüne Schlange Goethe 1940
1941 Das Gesamtwerk Joost van den 1929
des Joost van den Vondel Vondel
1942 Terra promissa Henri de 1941
Greeve
1942 Goethe, der Mann und das Werk Eduard Engel 1921
Teil 1 und 2
1942 Die Evolution unseres Weltbildes: John Langdon- 1932
vom Urmenschen zum Einstein Davies
1943 Enzyklopädisches Handbuch des Jordan, 1942
modernen Denkens Kramers
1943 Lehrbuch der Weltgeschichte Georg Weber 1888
1944 Ortega y Gasset und die Philosophie Norbert Loeser 1941
des Lebens
1945 Die göttliche Komedie Dante Alighieri 1932
& Molkenboer

31
Goethe
Goethes18 Märchen „Die grüne Schlange“ wurde 1940 am
Vorabend des Zweiten Weltkrieges in der Niederländischen
Sprache herausgegeben und Walter erhielt dieses Büchlein
offenbar als Mitglied der Weltbibliothek.
In der Einführung zu diesem Werk, das zu Goethes Unter-
haltungen deutscher Ausgewanderten19 gehört, wird erwähnt
dass zahlreiche Leser versucht haben dieses Märchen als
Allegorie zu interpretieren, dass aber Goethe dieses Werk als
phantastische Erzählung betrachtet hat.
Nach dem Lesen dieser Geschichte glaube ich dass Goethe Die
Grüne Schlange sehr wohl als Transportmittel für einige Ideen
angewandt hat. Zu diesen Ideen gehören folgende drei Zitaten,
die m.E. Goethes filosofische Idee zu diesem Märchen
enthalten:
• „Drei herrschen auf Erden: Weisheit Schein und
Gewalt!“20
• „Sie haben die vierte Kraft vergessen, die
allumfassender in der Welt regiert: die Kraft der Liebe.“
• „Die Liebe herrscht nicht, aber sie bildet den Menschen
und das ist mehr.“21

18
Gedruckt bei der Wereldbibliotheek N.V. für die Mitglieder des W.B.-
Vereins. Goethe hat das Märchen 1795 geschrieben.
19
Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten
20
Zitat auf Seite 58
21
Zitat auf Seite 60

32
Genau genommen ist das nur 68 Seiten umfassende Büchlein
daher ein kurzes philosophisches Traktat, das jedoch einen
weiteren Hinweis auf Walters Lebenslauf liefert: als 19-
Jähriger hat er eine Arbeitsstelle gefunden, die offensichtlich
soviel Geld abwirft, dass er sich eine Mitgliedschaft in einem
Buchklub leisten kann, die ihm regelmässig Bücher zusendet.
Mitten im Krieg bestellt Walter zudem Engels monumentale
Dokumentation über Goethe, als ob es zu diesem Zeitpunkt gar
keine andere Prioritäten gäbe...

Joost van den Vondel


Mit stiller Ehrfurcht betrachte ich die sieben monumentale
Bänder dieses gewaltige Monument der Dietschen Sprache, die
einst die Hauptsprache der gesamten Hanse gewesen sei. Die
erhabene Texte und Themen zeugen von der fast religiösen und
klangvollen Urgewalt der Sprache, die Artisten zu Höchstform
auflaufen lässt und Zuhörer zum Schweigen bringt.
Wie viele niederländische Jünglinge erfüllen sich vom schwer
verdientem Lohn den Traumbesitz eines solchen Monuments?
Wie viele Abiturienten kaufen diesen siebenfache Reihe im
zweiten Kriegsjahr? Welcher Antrieb ist in der Lage einem
solchen Wunschtraum die Kraft zu verleihen?

Alle sieben Teile wurden am 3 November 1941 gleichzeitig


ausgeliefert. Zu den ungelösten Rätseln gehört der
fehlgeschlagene Versuch den Parafen im sechsten Teil der Serie
zu entfernen. Obwohl die Spuren noch deutlich sichtbar sind
hat jemand versucht gerade in diesem Band alle
Eigentumsspuren zu löschen.

33
Hat Walter oder ein anderer versucht diesen Band oder die
komplette Serie in einem späteren Kriegsjahr auf der Flucht
vor dem Arbeitsdienst zu verkaufen?

In dieser Art Edelbücher schreibt man keine eigenen Notizen.


Es befinden sich jedoch Zeitungsausschnitte an mehreren
Stellen. In Band II hat Walter den auf 14.1.1938 datierten
Zeitungsbericht mit dem Titel „Drei Jahrhunderte Gijsbrecht“
und eine Chronik der Aufführungen hinterlegt. Weitere
Ausschnitte berichten am 28 Dezember 1937 über die 300ste
Jubileums-Aufführung mit Albert van Dalsum als „Gijsbreght
van Aemstel“ in Amsterdam. Vondels Ehrung wird jedoch erst
nach einem Blick in einem Jahrbuch der Schule genauer
umschrieben. Das Jahrbuch 1937 dokumentiert22 zum 350.
Geburtstagsfest23 des großen Dichters in der „alt“-Dietschen
Sprache:

„In het Jaer MCMXXXVII als gansch Nederlandt sich


opmaeckte tot de herdenckinghe van den dagh, waerop
voor 350 Jaeren Joost van den Vondel, Neerlandts
Puickpoeet den zeventienden van schlachtmaent tot
Keulen geboren werdt, toghen leeraeren en scholieren
van het Bisschoppelijck College tot Roermond des
Zondaghs, den veertienden van die maent, naar den
„konicklijcken schouwburgh“ om in feestelijcke
samenkomste den dichter te vieren met rede,
voordraght, sangh, toneel naer nevenstaend bewerp.“

22
Ora et Labora, Jahrbuch Nr. 3, 1937-1938,pag. 43
23
Der 350e Geburtstag wurde gefeiert am 17 November 1937

34
Die zahlreiche Berichte und Ausschnitte aus dem Jahre 1937
haben wohl den späteren Ankauf des Gesamtwerkes ausgelöst,
das vielleicht auch Monate zuvor vorbestellt werden musste.

Wörterbücher
Am 30.9.1942 kauft Walter ein Paar spanische Wörterbücher.
Zu dieser Zeit legt er offenbar die Basis für seine Kenntnisse
der spanischen Sprache. Die Wörterbücher enthalten zahlreiche
Notizen, die im Laufe der Zeit ergänzt worden sind. Eines der
Bücher enthält eine vielleicht typische Copla seines Lehrers
Ton. Der spanische Urform und die Übersetzung des Textes
lauten in etwa:

Dios mío que no me case;


Si me caso que no me engañe;
Si me engaña que no lo sepa;
si lo sé que no me importe.

Mein Gott, lass mich bitte nie heiraten;


und wenn ich heirate, dass sie mich nicht betrügt;
Und wenn sie mich betrügt, dass ich es nicht erfahre;
Und wenn ich es erfahre, dass es mir nichts ausmacht.

Von dieser Copla sind zwei Versionen erhalten geblieben. Die


erste Version stammt vermutlich aus 1942 und wurde mit
Bleistift geschrieben:

35
Abb. 4: Copla aus dem Jahr1942

Die zweite Version stammt aus 2001 und wurde im Sterbejahr


als Buchzeiger im zuletzt gelesenen Buch24 gefunden.

Abb. 5: Copla aus dem Jahr 2001

Beide Gedichte weichen in Details voneinander ab. Die zweite


Version wurde vielleicht nach fast sechs Jahrzehnten aus dem
Gedächtnis aufgeschrieben. Walters Handschrift ist in diesen
60 Jahren nahezu unverändert erhalten geblieben.

24
Das Jahrhundert meines Vaters – Geert Mak (1999)

36
Terra promissa
In 1942 liest ein 22-jähriger Walter eine Anleitung Terra
Promissa zum „Aufbau einer Familie“, wobei sich in den
Notizen erste Spuren einer weiblichen Lebenspartnerin
befinden. Offensichtlich liest Walter das Buch als Erster und
fügt seiner Verlobten „Nell“ dabei eine Vielzahl an
Kommentaren hinzu25. Es gibt leider keine weitere Notizen in
einer anderen Handschrift und es fehlt der Beweis, dass Nell
dieses Buch überhaupt gelesen hat.

Der Autor Henri de Greeve26 Pr. beschreibt das Hauptthema


seines Buches als „Aufbau in der Familie“. Das Werk wurde
von einem Priester geschrieben und dokumentiert eindeutig
den Zeitgeist der römisch-katholischen Kirche dieser Zeit:

• „Die Leitung der Familie gehört zweifellos dem Mann“


(Zitat auf Seite 42)
• „Zwischen dem Schöpfergott und dem Vater, der Leben
erschafft gibt es eine erheblich Analogie“ (Zitat auf
Seite 54)
• „Der Vater wurde klar als Gottes Ebenbild erschaffen,
der Vater ist.“ (Zitat auf Seite 54)
• „Der Vater befindet sich zwischen seiner Frau, seinen
Kindern und andererseits Gott.“ ( Zitat auf Seite 59)
• „Der Vater ist Gottes Vertreter bei seiner Frau und den
Kindern“ (Zitat auf Seite 53)
25
in den Notizen „Hörst Du“ auf Seite 42
und „Hörst Du, Nell?“ auf Seite 229
26
Gründer der Stiftung „Bund ohne Namen“

37
• „Frau und Kinder sind die Untertanen des Hausvaters.“
(Zitat auf Seite 43).
• „Das Mädchen braucht nur die erste Seite der Bibel auf
zu schlagen um zu wissen, dass sie die Hilfe ihres
Mannes sein sollte.“ (Zitat auf Seite 90).
• „Die H. Schrift verdeutlicht, dass die Frau lediglich ein
Körperteil des Mannes sei.“ ( Zitat auf Seite 111).

Noch abenteuerlicher und vielleicht auch lächerlicher ist


dagegen die These:

„Der Mann wurde erschaffen aus toter Materie, die


Frau jedoch aus dem lebenden Fleisch.“

Aus dieser Reihenfolge liest de Greeve ab:


„eine feinere Struktur der Frau und eine noble
höherwertigen Ausstattung“. „Es kommt einem so vor
als ob die Art der Frau von der Materie mindestens
eine Schicht weiter entfernt liegt wie die des Mannes“

Wer dieses in 2009 liest, ahnt vielleicht welche Überheblichkeit


bereits 1942 aus diesen Zeilen spricht. Es bleibt uns jedoch
verborgen was sich die junge Frauen bei dieser Art
Betriebsanleitung für die Verlobten wohl gedacht haben. Es
würde mich nicht wundern, wenn diese Asymmetrie der
biblischen Schöpfungslegenden bereits damals in vielen
Heiratspaaren die Basis für eine späteren Scheidung ausgelöst
hat...

38
Lehrbuch der Weltgeschichte
In 1943 beschafft Walter mehrere Enzyklopädien, darunter ein
druckfrisches Enzyclopädisches Handbuch des modernen
Denkens und zu gleicher Zeit das antiquarische Werk Lehrbuch
der Weltgeschichte aus 1888. Diese Werke sind zwar
hauptsächlich Nachschlagewerke, wurden aber während den
Kriegsjahren sicherlich auch gelesen und studiert.

Die Studie der Philosophie


Im darauf folgenden Jahr 1944 kauft Walter die ersten
philosophischen Werke wie das 1941 erschienene Ortega y
Gasset und die Philosophie des Lebens. Dieses Werk wird
intensiv analysiert und mit Notizen ausgestattet. Eine
zustimmende Randnotiz wird platziert zu 27:

„Der Wert des menschlichen Lebens bezieht sich auf


das Maß an Einsamkeit, die es zu tragen vermag.“

Im „Aufstand der Horden“ behandelt Ortega y Gasset die


Frage zur Überwindung des modernen Zynismus und er
beschreibt die Einsicht,28:

„... dass die Gesellschaft immer und zu allen Zeiten aus


Masse und Eliten besteht - wobei der Aufstand der
Horden sich aus der Pflichtverletzung der Elite bildet.“

27
auf Seite 29
28
auf Seite 58

39
Den unterstrichenen Satz29:

„In seiner Vorstellung der Erbsünde und die ständige


Bedrohung einer Bestrafung bescherte auch der
Christliche Glaube dem Menschen, der diese Religion
wirklich lebte, eine ständiges Notgefühl und eine
lebenslängliche Unsicherheit.“

ergänzt Walter mit folgender Notiz: „...aber auch Hoffnung“.


Bisher haben nihilistischen Schriften und Kriegserfahrungen
die religiöse Fundamenten wohl doch noch nicht angetastet.

Ein Fragezeichen platziert Walter nebst:

„In diesem Jahrhundert wird gewiss der Tag kommen,


in dem die Massen einsehen, dass sie ihre Berechtigung
zur Herrschaft endgültig verloren haben.“30

Dagegen begrüßt er:

• „...dass wir an der Schwelle stehen einer neuen


Gotteserfahrung.“ 31
• „Die Menschen sind nach der schönen Definition dieses
spanischen Denkers die Augen Gottes.“32

29
Seite 59
30
Seite 60
31
Seite 61
32
Seite 75

40
• „Das Leben selbst, so erklärt Ortega y Gasset, sei in
seinem Wesen altruistisch. Das Leben wendet sich
immer den Anderen zu - dieses geht bereits hervor aus
seiner Dialog-Struktur.“33
• „Das Beispiel Macbeths beweist dass man lieber seine
Zukunft nicht erahnen soll, da wir sie selbst gestalten
müssen.“34

Die göttliche Komödie


Im April 1945 paraphiert Walter dieses magistrale Werk des
Italieners Dante35. In einer kurzen Einleitung skizziert der
bereits erwähnte B. H. Molkenboer die Problematik einer
Übersetzung der italienischen Dichtkunst in die
niederländischen Sprache. Der Hauptteil des Buches steht
jedoch den 100 Gesängen des Meisters zur Verfügung.

Mit diesem Werk verfügt Walter somit zum Kriegsende über


einen kleinen Kern der großen europäischen Klassikern, über
einem in eigener Regie zusammengesetztes Dichtbündel und
einer Anzahl Enzyklopädien und Wörterbüchern.

33
Seite 95
34
Seite 102
35
das Werk wurde bereits 1932 von Betsy van Oyen-Zeeman übersetzt

41
42
5 Die Nachkriegsjahre '46-'54

Representative Bücher der Periode '46-'54


Nachfolgende Tabelle listet die representative Bücher aus der
Periode '46-'54. Um 1949 nimmt die Zahl der kritischen
Autoren zu. Die Hauptthemen sind die Kriegserfahrungen und
neue religiösen Gesichtspunkte, wie die von Graham Greene
und D.H. Lawrence beschriebenen Erfahrungen.

1946 Aus meinem Leben: J.W. von Goethe 1944


Wahrheit und Dichtung
1947 Das Buch der wereldliteratur Prof. Dr. J.L. Walch 1943
1948 Schwarz und Weiss Gerard Walschap 1948
1949 Zeit des Deliriums Hermann Rauschning 1949
1950 Die gefederte Schlange D. H. Lawrence 1950
1950 Das Beil von Wandsbek Arnold Zweig 1950
1951 Tigre Juan Ramón P. de Ayala 1941
1952 Die Abende Simon v. h. Reve 1948
(eine Wintergeschichte)
1953 Dämonen Nico v. Suchtelen 1951
1953 Der Sohar: Ernst Müller 1932
das heilige Buch der Kabbala
1954 Der Kern der Sache Graham Greene 1954

43
Aus meinem Leben: Wahrheit und Dichtung
Diese undatierte facsimile-Ausgabe dokumentiert Goethes
Biografie36 in 20 Büchern, dessen Text genau übereinstimmt
mit einem Manuscript aus 1866. Die in Sütterlin gedruckte,
aber gut lesbare Ausgabe besticht durch zahlreichen Fotos und
Gravuren.
Außerdem beschreibt eine Einleitung zu Goethes Fausttragödie
(1 und 2) eine Anzahl Details, die den Entstehungsprozess der
„Urfaust“, des „fragments 1790“, der „Faust, Teil I“ und der
„Faust als Tragödie II“ dokumentieren. Beide Werke sind
undatiert, aber das zweite Werk wurde erst 1944 in Amersfoort
gedruckt, sodass man von einer Anschaffung in den
Nachkriegsjahren ausgehen kann.

Schwarz und Weiß


Schwarz und Weiß ist die Gedenkschrift des Protagonisten Jan
Gillis, der irrtümlicherweise wegen Verrat exekutiert wurde.
Dieser Roman spielt in Flandern zur Zeit des zweiten
Weltkriegs. In diesem Werk verarbeitet Walschap das Trauma
des unschuldigen Bürgers, der für einen Kriegsverbrechen zum
Tode verurteilt wird, während der wahre Kriminelle sich seiner
Bestrafung entziehen vermag.
Schwarz und Weiß ist ein erstes Buch einer Reihe von
Kriegsromane, die Walter in den nachfolgenden Jahren
zusammensetzt. Zu den Romanen gehören auch deutsche
Werke wie zum Beispiel „Das Beil von Wandsbek“ von Arnold
Zweig und Amerikanisch Romane wie zum Beispiel Die
Nackten und die Toten37.
36
Periode ca. 1749-1776
37
Die Nackten und die Toten - Norman Mailer - 1948

44
Das Interesse in Kriegsliteratur ist verständlich. In den
Kriegsjahren hatte jeder Jahrelang seinen Mut genau dosieren
müssen oberhalb der Schwelle eines Feiglings und unterhalb
dem Todesrisiko...

Eine Vielzahl Biografien beschreiben die wichtigsten Akteure


der Kriegszeit, u.a. Hitler, Goebbels38, Himmler39, Walter
Schellenberg40, Montgomery, etc.

Pionier der Freiheit


Interessante Gesichtspunkte erwähnt Montgomery41 über den
Unterschied zwischen Politiker und Militärs42. Ein
Kommandant in einer Kriegssituation muss entscheiden unter
Bedingungen, die ihm nur wenig Zeit zum Überlegen zur
Verfügung stellen. Politiker werden eher selten unter derart
zeitkritischen Zeitbedingungen zu Entscheidungen
gezwungen. Lieber vertagt er seine Entscheidung bis ihm eine
korrekte Antwort einfällt. Deshalb verliert ein Regierender, der
in erster Linie ein Soldat ist, beim Wechsel in die Politik oft die
ursprünglich militärische Zielsetzung aus dem Auge.

38
Joseph Goebbels: eine Biographie - Curt Riess - 1948
39
Klerk und Henker: Himmler aus der Nähe, vom Leibarzt Felix Kersten -
1948
40
Hitlers Geheimdienst - Walter Schellenberg - 1958
41
Pionier der Freiheit - das Leben des Feldmarschalls Montgomery - Alan
Moorehead, M.S. Koops - 1950
42
Seite 276

45
Zeit des Deliriums
Die "Zeit des Deliriums" ist nach Aussage des römischen
Dichters Horaz die Periode des in- und ausländischen Chaos,
die seiner eigenen Zeit (die "Grosse Friedenszeit", das goldene
Zeitalter des Augustus) vorausgeht.

Es handelt sich bei diesem Werk um das dritte43 Buch des


Autors Hermann Rauschning. Wir erleben demnach eine
Niedergangphase der historischen Grundstruktur. Fortschritt
bedeutet Rückschritt 44.

Der Inhalt dieses Buches ist wie folgt strukturiert:

1. Der Paradox des Sieges


2. Die grosse Krise und der Zerfall der westlichen
Zivilisation
3. Die Krise und der Frieden

Rauschning zitiert45 Oswald Spengler im Untergang des


Abendlandes:

„Der Staat gerät in den Händen der Abenteurerbanden,


der sogenannten Caesaren, ehemaligen Generälen,
Barbaren-Könige und so weiter, in deren Augen das
Volk letztendlich ein Teil der Landschaft darstellt.“

43
Sein erstes Buch ist "Die Revolution des Nihilismus“
44
Seite 7
45
auf Seite 101

46
Auch zitiert der Autor Walther Rathenau46:

„Einrichtungen, die nicht auf eine Grundlage beruhen


verfügen nicht über einem Fundament; sie zerfallen zur
Antithese … Prinzipien ohne Einrichtungen führen zu
Ziellosigkeit und enden als spielerische Utopien.“

Leben wir etwa auch in einer solchen Phase des Deliriums?


Hat sich diese prophetische Werk bewahrheitet? Vermutlich
schon! Die heutige finanzielle Krise wurde genau genommen
von der unklaren Zielsetzung an die Bankfachleute ausgelöst.

Eine Bank soll ja auch Gewinne abwerfen. Dieser Gewinn soll


möglichst kurzfristig messbar sein, darf aber langfristig nicht
zum Zusammenbruch führen. Auch während einer laufenden
Delirium-Phase riskiert jedoch niemand eine Paradigmen-
wechsel, sodass die Banker nach dem ersten – oder sind wir
etwa schon im zweiten – Crash einfach zur Tagesordnung
überwechseln...

Die gefiederte Schlange


In diesem komplexen Roman, den der Autor in Mexico
angesiedelt hat, befindet sich am Ende des Werkes eine
Passage, in dem der Verfasse Lawrence47 seine Idealvorstellung
der Liebe und wohl auch den Schlüssel seines Lebenswerkes
definiert.

46
der deutsche Minister, der 1922 ermordet wurde, weil er Jude war. Das
nachfolgende Zitat befindet sich auf Seite 258.
47
D. H. Lawrence, 1885-1930, ist der Autor von u.a. „Söhne und
Liebhaber“

47
Lawrence schlägt vor die heutigen Religionen mit der Kraft der
alten Religionen wieder zu beleben. Er beschreibt die blutigen
Rituale der Azteken, in dem das männliche Symbol eine Säule
aus Blut und das weibliche Symbol ein Tal des Blutes
repräsentiert. In der heiligen Ehe bewahrt der Mann die Seele
seiner Frau in seinem Schoß, sowie der weibliche Schoß seinen
Samen aufbewahrt48.

Tigre Juan
Der spanische Schriftsteller Ayala skizziert Tigre Juan49 als
verbissener Frauenfeind, der jedoch aufgrund seiner Liebe für
Herminia das traditionelle Ehrgefühl verdrängt. Ayala schreibt
ein brillantes Spanisch, wodurch das Werk nach Meinung eines
Kritikers wie eine Partitur klingt. So ist es kein Zufall, dass der
Autor sein Roman einteilt mit Hilfe einer musikalischen
Nomenklatur: Adagio, Presto, Adagio und Coda. Obwohl
Walter Spanish beherrscht liest er dieses Buch in der
niederländischen Übersetzung. Deshalb dürfen wir vielleicht
annehmen, dass ihm das Buch als Geschenk zugeflossen ist.

Die Abende
In 1947 veröffentlicht Simon van het Reve die deprimierende
Geschichte seiner Lebensperiode zwischen 22 December 1946
und Neujahr 1947. Er benutzt dazu eine eigenmächtige neue
Rechtschreibung und schreibt zum Beispiel zoon anstatt zo'n,
savonds anstatt 's avonds und aanbeeld anstelle von aambeeld.

48
Seite 428, am Ende des Kapitels 25.
49
Das ursprüngliche Werk wurde gekrönt mit dem ersten nationalen
Literaturpreis („Premio Nacional de Literatura“).

48
Vielleicht kann man die Stimmung der Buches die Abende
noch am besten mit folgendem Zitat50 wiedergeben:

„Ich fühle mich heute richtig elend. Lasst uns aber mal
in unserer Umgebung umsehen. Manche der
Mitmenschen werden bereits zum Lebensanfang schwer
bestraft: sie werden als Frau geboren.“

Nico van Suchtelen


„Dämonen“ ist eine interessante Gesellschaftsskizze der
Periode 1916-1918, in dem ein Flugzeugbauer51 Modell
gestanden hat. Zu den merkwürdigen Angewohnheiten gehört
u.a. die Mitgabe eines Revolvers auf einem Abendspaziergang
an eine junge Frau52...
Zu den übrigen in der Bibliothek verfügbaren Werken des
Autors Nico van Suchtelen53 gehört das filosofische Buch
„Zum All-Einen“.

Volk ohne Raum


Zu den meist gedruckten Büchern der Kriegsjahren gehört
„Volk ohne Raum“ von Hans Grimm, das in deutschen Kreisen
die Idee eines Raummangels für ein Volk formuliert. Das Buch
wurde bereits 1926 geschrieben. Leider enthält das verfügbare
Exemplar keine Jahreszahl oder weiteren Notizen, sodass wir
die Studie nicht genau datieren können.
50
Dieses Zitat befindet sich auf Seite 148
51
womöglich hat hier der Flugzeugbauer Fokker als Vorlage Modell
gestanden...
52
Seite76
53
1878 – 1949. Das Buch „Zum All-Einen“ wurde bereits 1927
veröffentlicht.

49
Weil neben dem Buch keine vergleichbare oder zugehörige
Literatur gefunden wurde nehmen wir einen Ankauf nach dem
Krieg an.

Der Kern der Sache


Im Roman Der Kern der Sache beschreibt Graham Greene die
Lebenssituation eines Ehepaars in einer britischen, kolonialen
Umgebung, die durch religiöser Angst, Bestechung, Betrug und
Selbstmord beherrscht werden.

Der Sohar
Zum ungewöhnlichsten Fund gestaltet sich der Sohar – Das
heilige Buch der Kabbala des jüdischen Gelehrten Ernst
Müller. Walters Notizen in diesem Buch54 verweisen eindeutig
auf die Spurensuche der wahren Lebensziel. In diesem Buch,
das als mittelalterlichen Kommentar auf den Pentateuch gilt,
markiert u.a. Walter folgende Zeilen, die auf eine abweichende
Auslegung der Schöpfungslegende deuten:

Die Trennung von Mann und Frau55


Es begann Rabbi Acha mit dem Schriftsatz: Und es sprach
IHVH Elohim: „Nicht gut ist es, dass der Mensch allein sei56“.
Warum beginnt der Satz mit diesen Worten?

54
Über den Kaufbeleg eines Buchhändlers in Amsterdam wurde dieses
Buch auf 1953 datiert. Es ist allerdings möglich dass die Einsicht dieser
Thesen erst einige Jahre später stattgefunden hat...
55
Sohar III. fol. 44b.
56
Die Bibel, 1. Moses 2, 18

50
Es wurde gelehrt, dass aus dem Grunde vom zweiten Tage
nicht gesagt wird: dass es gut ist, weil der Mensch vereinsamen
sollte. War er denn aber einsam, wo doch gesagt wird:
Männlich und weiblich erschuf Er sie?

Auch haben wir gelernt, dass der Mensch doppelgesichtig


erschaffen wurde, und du sagst: Nicht gut, dass der Mensch
allein sei? Vielmehr bemühte er sich nicht um seine weibliche
Hälfte und hatte keine Stütze an ihm, da dieser nur eine Seite
bildete und sie rückwärts wie eines waren – so war doch der
Mensch allein.

Ich will ihm einen Gehilfen verschaffen ihm gegenüber57. Das


heißt: seinem Antlitz gegenüber, dass eines am andern hafte,
Angesicht zu Angesicht. Was tat der Allheilige? Er sägte an
ihm und nahm das Weibliche von ihm. Wie es heißt: Und Er
nahm eine seiner Rippen58. Was bedeutet: eine: das ist seine
weibliche Seite, in gleichem Sinne wie in den Worten: Eine ist
sie, meine Taube, meine Reine59. Und er brachte sie zu Adam
60
. Er rüstete sie wie eine Braut und ließ sie vor sein leuchtend
Angesicht kommen: Angesicht zu Angesicht.

Rückblickend waren es wohl diese Zeilen die Walter an der


Auslegung der Bibel zweifeln liessen und ihn letztendlich von
der traditionellen Legende der Vaterdominanz trennten.

57
Die Bibel, 1. Moses 2, 16
58
Die Bibel, 1. Moses 2, 21
59
Die Bibel, Hohelied 6, 9
60
Die Bibel, 1. Moses 2, 22

51
Die Bibel
Zu den merkwürdigen und ungelösten Problemen gehört das
völlige Fehlen einer Bibel in einer so umfangreichen
Bibliothek. Trotzdem wurden zumindest in Walters
Buchexemplar Sohar Notizen mit Bibelreferenzen gefunden.
Darauf befinden sich Tabellen mit allen Vorkommen der
Farben Blau, Rot und Purpur im Buch Exodus61 und im zweiten
Buch der Chronik62.

Die drei Kernfragen


Im Sohar befinden sich auch diese Farben, wobei diese hier die
Namen Purpur, Hyazinth63 und Karmesinrot64 tragen. Walter's
Notizen dokumentieren eindeutig, dass er die Farben Blau bzw.
Rot als die männlichen beziehungsweise weiblichen Symbole
in einer völlig symmetrischer Schöpfungslegende gedeutet hat.
Die Farbe Purpur dagegen symbolisiere die göttlichen
Mischfarbe, in dem Mann und Frau sich zum göttlichen Abbild
vereinen. So sah es aus, dass Walter bereits 1953 die Lösung zu
einem der existentiellen Fragen („Wo kommen wir her?“ - von
einem männlich-weiblichen Abbild) gefunden habe...
Im Bezug zur zweiten Frage „Wer bin ich?“ notierte er dagegen
zu einem anderen Sohar-Zitat, dass die Antwort dazu lautet,
dass jeder Mensch bestenfalls nur als ein halber Mensch
betrachtet werden kann. Auch diese Antwort hat Walter bereits
damals im Sohar gefunden.
61
Im Exodus (in den Kapiteln 25, 26, 27, 35, 36, 38 und 39) werden
insgesamt 25x die Farben Blau, Purpur und Scharlachrot benutzt.
62
Im 2. Chronik (in den Kapiteln 2 und 3) werden dreimal Blau, Purpur
und Karmesinrot benutzt.
63
blau
64
d.h. das Rot der Kermes-Laus

52
Vom Ur-Zusammenhang der Geschlechter65
„...Wenn sie66 sich dann verbinden, erscheinen sie als ein
Körper wahrhaftig. Daraus folgt, dass das Männliche allein nur
als ein halber Körper erscheint ... und ebenso das Weibliche.
Erst wenn sie sich verbinden, werden sie zur Einheit. Und
wenn sie sich zur Einheit verbunden, freuen sich alle Welten,
weil von einem vollkommenen Körper alle Menschen Segen
empfangen.

Was darum nicht Männlich und Weiblich enthält, wird ein


halber Körper genannt. Und es kann kein Segen walten an
einem makeligen, mangelhaften Dinge, sondern nur an einem
vollkommenen Orte und nicht an einem halben, denn halbe
Dinge können in Ewigkeit nicht bestehen und in Ewigkeit
keinen Segen aufnehmen ...”.

Die dritte Kernfrage „Wohin gehen wir?“ jedoch bleibt


zunächst weiterhin unbeantwortet. Immerhin hat Walter bei
seiner sorgfältigen Studie des Sohars zwei der drei Kernfragen
des Lebens beantwortet.

65
Sohar, III. fol. 296a
66
in diesem Fall der Ehemann und Ehefrau

53
54
6 Literaturstudie '55-'70

Representative Bücher der Periode '55-'70


Die nachfolgenden Tabelle umfasst die repräsentativen Bücher
der Periode '55-'70. In der nun bedeutend liberaleren
Umgebung entfaltet Walter sein Interesse für Ethik und
Biografien, aber insbesondere auch die Weltliteratur, deren
Verbreitung zunächst noch teilweise vom Index behindert wird.

1955 Sodom und Gomorra Marcel Proust 1955


67
1956 Jenseits von Eden John Steinbeck 1954
1957 Die Falschmünzer André Gide 1957
1958 Vergleich der Religionen Alan Coates 1958
Bouquet
1960 Eine Weltgeschichte der Sexualität Morus 1957
1961 Ulysses James Joyce 1961
1962 Geschichten aus einem zerfetzten Alan Paton 1961
Land
1963 Picasso: Leben und Werk Roland Penrose 1963
1964 Sammelband Antoon Coolen 1964
1965 Untergang Jacob Presser 1965
1966 Kaltblütig Truman Capote 1966
1967 1984 George Orwell 1967
1968 Albert Camus R. Bakker 1966
1969 Der goldene Esel Apuleius 1962
1970 Die kinderen van Gernikas Hermann Kesten 1970
67
wörtlich übersetzt jedoch: Östlich von Eden

55
Der Index
In der katholischen Kirche ist der Index der verbotenen
Büchern zur dieser Zeit immer noch sehr einflussreich. Viele
Jahren bleibt es in Ländern wie Belgien, Polen und Irland sehr
schwer Exemplare der indizierten Büchern zu beschaffen. Erst
1966 wird Pabst Paus Paulus VI den Index68 abstellen, sodass
Walter zumindest bis dahin mit einer Anzahl von Büchern die
katholische Gesetze übertreten hat69. Die Wikipedia-Seite zum
Thema Index dokumentiert die 1948 gültige Indexliste und
führt auch eine Tabelle der damals verbotenen Autoren, zu
denen z.B. auch André Gide gehört. Einige berühmte Autoren
wie zum Beispiel David Hume und Emile Zola sind sogar mit
allen Werken („Opera omnia“70) verbannt worden.

Sodom und Gomorra


Der Originaltitel dieses Werkes lautet „Sodome et
Gomorrhe“71. In diesem Roman berichtet der Erzähler in der
Ich-Form über seinen Erinnerungen. Nach vielen Jahren stellt
er fest, dass seine Vergangenheit nur noch in seiner Erinnerung
existiert und er durch so vielen täglichen Nichtigkeiten das
einst geplante Kunstwerk nie vervollständigen konnte. Seine
letzte Chance bestehe eben im Schreiben des Romans „Über
die Suche nach der verlorenen Zeit“.

68
Index librorum prohibitorum (Liste der verbotenen Büchern)
69
Auch wurde dabei festgelegt dass die moralische Autorität der Indexliste
beibehalten wurde.
70
Hugo Grotius wird in diesem Index mit „Opera omnia theologica“
geführt.
71
Teil I (1921) und Teil II (1922)

56
Jenseits von Eden
In diesem literarischen Meisterwerk, das Kains Mord auf Abel
in die moderne Zeit verlagert, untersucht der Amerikaner
Steinbeck die Hintergründe der biblischen Gesetzen „Du
sollst...“. Er zweifelt an die korrekten Übersetzung eines
einzelnen Wörter ins Englische und zwar namentlich an die
Übersetzung des Wortes timshel.
Zur Diskussion stehen zwei Bedeutungen. Der King James-
Bibel übersetzt timshel als ein Versprechen72, während dagegen
die American Standard-Übersetzer das Wort als ein Befehl73
interpretiert. Steinbeck lehnt beide Übersetzungen ab und
argumentiert dass die korrekte Bedeutung (“Thou Mayest”74)
dem Menschen einen freien Wille zuweist.

Das Buch imponiert Walter, weil der Autor im Bibel eine


gleichwertige Schwachstelle aufgespürt hat und er untersucht
das Buch auf Hinweise zur Lösung der dritten Kernfrage.
Fündig geworden ist er dabei aber nicht...

Die Falschmünzer
Das zentrale Element dieses Romans ist die problematische
Unterscheidung von Echt und Unecht, von Aufrichtigkeit und
Lüge (das heisst ethische oder intellektuelle Falschmünzerei).
Der Titel basiert auf die Falschmünzerei-Gleichung des
Thomas von Aquino, der damit die Todesstrafe für die
Andersdenkende rechtfertigt.

72
“Thou shalt rule over him” → Du wirst ihn befehligen...
73
“Do you rule over him” → Du sollst ihn befehlen..
74
„Du könntest“ –> aber du bist nicht verpflichtet ... (Zitat des Dieners Lee
auf Seite 269)

57
Vergleich der Religionen
Der Englische Autor Bouquet liefert in diesem Buch eine
Übersicht aller grossen Religionen. Das Buch dokumentiert
Walter's Interesse für den Katholizismus inmitten der übrigen
Religionen.

Eine Weltgeschichte der Sexualität


De auteur Dr. Richard Lewinsohn dieses Werkes ist nicht nur
Arzt sondern auch Dokter der politischen Wissenschaften. Er
wählt den Namen Morus als Pseudonym. Der Autor strukturiert
seine Arbeit nach der historischen Chronologie und ergänzt das
Standardwissen mit fundiertem Hintergrundwissen.

Ulysses
Walter verfügt über einer Ulysses-Edition aus dem Jahr 1961,
das jedoch übereinstimmt mit der ersten in der USA
freigegebenen Ausgabe von 1934. Die Einführung
dokumentiert auch die Erlaubnis des amerikanischen Richters,
der das zunächst verbotenen Werk zur Veröffentlichung
freigegeben hat.

Weil diese Ausgabe kein Eingangsdatum aufweist ist es auch


denkbar, dass dieser Band erst viel später zusammen mit Das
Buch als Welt - James Joyces Ulysses75 studiert wurde

75
von Marilyn French - 1976

58
Geschichten aus einem zerfetzten Land
Der Autor dokumentiert in zehn Geschichten Erfahrungen die
er offensichtlich als Direktor einer südafrikanischen
Korrekturanstalt um 1960 erlebt hat. Der Großteil dieser
Erzählungen beschreibt kurze Episoden, die sich um Dialogen
und Diskussionen mit seinen Anvertrauten handeln. Nur „Das
Ball der Debutanten“ und „Ein Glas Kognak auf dem
Korridor“ dokumentieren Situationen, die sich außerhalb der
Schulumgebung abspielen. Der Autor zeigt deutlich seine
Abneigung gegen die Apartheid und seine Sympathie für die
Opfer der Diskriminierung.

Im Buch befindet sich keine Einführung oder Begleittext und


das Buch beginnt ziemlich abrupt mit der ersten Geschichte.
Abgesehen von einigen merkwürdigen Wörtern stösst der Leser
zunächst nur auf wenig Hinweise zu Südafrika: zum Beispiel
auf "Nywerheidsversoeningswet" und "Verbeterskool". Erst in
den späteren Erzählungen wird eine ungenaue Ortsangabe für
die „Schulen“ in Südafrika erwähnt. Der Titel wurde zweifellos
korrekt gewählt, denn das „schöne“ Land gilt sicherlich auch
in 2009 noch immer als seelisch zerfetzt...

Kunst und Künstler


In Walters Bibliothek bildet Picassos Biografie76 die erste von
mehreren Biografien und Kunstbücher über eine Vielzahl von
Künstlern (Picasso, Rembrandt, van Gogh, Toulouse-Lautrec,
Monet, etc.). Der Autor Penrose war befreundet mit Picasso
und beschreibt die Periode bis 1960 in einem Buch mit 208 S/
W-Fotos.
76
Picasso: Leben und Werk – Penrose (1960)

59
Zu den übrigen Biografen gehört unter anderem Françoise
Gilot, die von Mai 1943 bis zur Scheidung 1953 mit Picasso
verheiratet war und ihr Leben mit Picasso77 in 1968
dokumentiert hat. Walter bevorzugt die Vergleichsmöglichkeit
der Beschreibungen mehrerer Autoren. Die Fotos in den
frühesten Kunstbüchern sind natürlich nicht vergleichbar mit
den Möglichkeiten der modernen Druckkunst.

Literatur in der Brabander Sprache


Im genannten Sammelband wurden vier Werke des Autors
Antoon Coolen zusammengefasst, die eine gute Übersicht der
Brabander Volksseele und der zugehörigen Sprache bieten.
Der Brabander Dialekt hatte einen großen Einfluss auf die
niederländische Standardsprache. Zur Zeit der Standardisierung
war Brabant nämlich die bedeutendste Provinz.
In 2009 habe ich dieses Band auch analysiert und mit dem
Wortschatz eine Wörterliste der Brabander Sprache erstellt.
Auffällig im Brabander Dialekt ist die Anwendung des Wortes
„Mensch“, das in der Regel in der Bedeutung „Ehegatte“ bzw.
„Ehegattin“ verwendet wird78.

Untergang
Die dunkle, umfangreiche Dokumentation von Dr. J. Presser
mit dem Titel „Untergang - Die Verfolgung und Vernichtung
des Niederländischen Judentums“ wurde im Auftrag des
Reichsinstitut für Kriegsdokumentation geschrieben und
erscheint erst 1965. Presser hat an diesem Buch 15 Jahre
gearbeitet.

77
Leben mit Picasso - Françoise Gilot, Carlton Lake - 1968
78
“Mien Mens” is mein Ehegatte.

60
Walter markiert in Pressers Einführung, dass:

„die zum ewigen Schweigen Verdammten nur den


Geschichtsschreiber hatten um ihren Nachruf weiter zu
reichen.“ 79.

Kaltblütig
In 1965 veröffentlicht Truman Capote die berühmte, aber auch
kontroverse Reportage über den Mehrfachmord an einer
erfolgreichen Bauernfamilie im US-Staat Kansas, sowie den
nachfolgenden Gerichtsverhandlungen. Capote folgt die Spur
der Mörder nach einer Meldung in der New York Times. Noch
vor der Festnahme des Täter-Duos Richard "Dick" Hickock und
Perry Smith reist er nach Kansas um über die Tat zu berichten.
Capote und sein Jugendfreund Harper Lee schreiben Tausende
Seiten voller Notizen und Capote benötigt noch vielen Jahre
um daraus sein Meisterwerk zu komponieren.

1984
George Orwell hat dieses Buch zum größten Teile in 1948
geschrieben und 1949 veröffentlicht. Es ist die anti-
utopistische Vision einer westlichen Welt im Jahre1984, in dem
der Einzelne Bürger in einem chancenlosen Kampf gegen einen
totalitären Staat unterliegt. 1984 verurteilt namentlich den
Euphemismus in der amtlichen Wortwahl:

• das Friedensministerium beschäftigt sich mit der


Kriegsführung,

79
Teil I, Seite IX

61
• das Wahrheitsministerium ist im Staatsarchiv zuständig
für die Geschichtsfälschung,
• das Wohlstands-Ministerium80 verteilt Lebensmittel und
minimiert den Lebensstandard.
• und das Liebesministerium organisiert die totalitäre
Überwachung einschließlich Bestrafung, damit alle
noch nicht überzeugte Untertanen in getreuen Anhänger
des Grossen Bruders verwandelt werden.

Die Philosophie
Nebst der Camus-Biografie des Autors R. Bakker (1966)
enthält die Bibliothek die Dokumentation „Albert Camus-
Einführung zur Lebensphilosophie"81, die Walter wohl
gemeinsam studiert haben mag.

Zu den übrigen philosophischen Werken gehören drei Bücher


des Philosophen Ludwig Marcuse: Obszön82, Der
Pessimismus83 und die Philosophie des Glücks84.

Marcuses Buch Obszön beginnt mit der Geschichte und


Definition des Index der verbotenen Büchern. Der erste Index
stammt aus dem Jahre 496 und konzentriert sich hauptsächlich
auf die Ketzer. In Einzelfällen wird auch mal ein unzüchtiges
Werk angeprangert85.

80
Englisch: "plenty"
81
von Albuinus Leenhouwers - 1967
82
Obszön: die Geschichte einer Irritation - 1966
83
Der Pessimismus: zur Entmythologisiering des Atheismus - 1966
84
Philosophie des Glücks: von Job bis Freud - 1964
85
Pius II platzierte die selbst geschriebenen Erotica auf den Index (S. 13).

62
In 1900 veröffentlicht Leo XIII die endgültige Version in dem
es heisst:
„Bücher, die übles Verhalten oder Unzüchtiges
absichtlich86 (ex professo) beschreiben, erzählen oder
lehren, sind streng verboten.“

Basierend auf diesen Definitionen dokumentiert Marcuse


einige interessante philosophischen Beobachtungen zum
Thema „obszön“. In der restriktiven Definition der Katholiken
gehört zur Obszönität alles, was reizt, ob nun gewollt oder auch
ungewollt87. Die Auswirkung der Taten wirkt schwerer als die
Absicht des Täters.
In der protestantisch-Kanter Auffassung gilt jedoch: es ist der
Sünder, der zählt, nicht die Sünde. Alles kann sittlich werden,
solange der Anstifter eine anima candida bleibt, d.h. eine
unschuldige Seele aufweist.

Der goldene Esel


Das mystische Manuskript mit dem Titel Metamorphosen, das
Augustinus als Asinus aureus88 betitelt, ist der letzte übrig
gebliebene Version eines römischen Romans.
Der Protagonist Lucius ist außerordentlich neugierig und diese
Charaktereigenschaft führt ihn auf einer langen Reise zum Isis-
Tempel, wo er zur Teilnahme an den Mysterien gezwungen
wird. Das Buch enthält vielleicht die einzige authentische
Dokumentation zu den alten Mysterien. Leider fehlen jedoch
zur Beweisführung dieser These die historischen Berichte oder
zutreffenden Artefakte.
86
man kann daher eine Malerei je nach Absicht einerseits als Obszönität
oder als Kunstwerk betrachten.
87
Seite 15
88
Der goldene Esel

63
Der spanische Bürgerkrieg
Der Autor Hermann Kesten ist auf der Flucht vor den
Nationalsozialisten von 1933 bis 1940 in Amsterdam für einen
Verlag89 tätig. „Die Kinder von Gernika“ entsteht um
1938/1939 und wird 1955 in der niederländischen Sprache
veröffentlicht. Das Buch beschreibt das Schicksal eines Jungen
aus einer baskischen Familie, der nach dem vernichtenden,
deutschen Angriff Guernica während dem spanischen
Bürgerkrieg nach Frankreich flüchtet.

Es ist der gleiche Bürgerkrieg, in dem auch Ernest Hemingway


1938 mitgekämpft hat. Dessen Roman „Für wen die Glocke
läutet90“ basiert streckenweise auf eigenen Erlebnissen. Die
Hauptperson basiert vielleicht auf Robert Hale Merriman, ein
Amerikaner der 1938 in Spanien gefallen ist. Merriman war ein
Bekannter Hemingways. Das Ende des Romans soll91
Hemingways eigenen Tod voraussagen.

Hemingway schreib das Buch 1939 in Kuba und Key West in


Florida. Auch von diesem 1940 veröffentlichten Buch ist ein
Exemplar in der Bibliothek enthalten.
Der Titel basiert auf ein Zitat von John Donne am Anfang des
Buches:
....and therefore never send to know for whom the bell
tolls; it tolls for thee.

89
Allert de Lange
90
For whom the bell tolls - Ernest Hemingway (1940)
91
Quelle: die niederländische Wikipedia

64
Hemingway reserviert für einige Obszönitäten, zum Beispiel
cojones, joder92 die spanischen Begriffe – vielleicht auch um
die amerikanischen Zensur zu umgehen.

92
jodido = Spanischer Ersatz für "fucked," vom Verb joder (to fuck).
http://en.wiktionary.org/wiki/joder

65
66
7 Die Phase der Biografien '71-'85

Repräsentative Bücher der Periode '71-'85


Nachfolgende Tabelle enthält die repräsentativen Bücher der
Periode '71-'85. Der Bibliotheksumfang wächst erheblich auf
dem Gebiet der Biografien.

1971 Brecht heute / Brecht today Brecht-Gesellschaft 1971


1972 Der Schriftsteller Heinrich Böll Werner Lengning, 1968
biogr.-bibliographischer Abriss Heinrich Böll
1972 Dokter Zjivago Boris Pasternak, 1967
1973 Der Mann mit dem gläsernen Hut Ernst Verbeek, 1973
Sigmund Freud
1974 Stijn Streuvels (ein Rückblick) André Demedts 1971
1975 Das letzte Jahr von Thomas Mann Erika Mann 1975
1976 Brecht in Augsburg Werner Frisch, 1976
1977 Der griechische Schatz Irving Stone 1976
1978 Literäres Lustrum 2 - 5 Jahre Kees Fens, u.a. 1978
niederländische Literatur '66-'71
1979 Acht über Gorter Garmt Stuiveling 1978
1980 Moderner Fetischismus Carry van Bruggen 1980
1981 Platons Gastmahl Plato, Hildebrandt 1912
1981 Woutertje Pieterse Multatuli 1979
1982 Das Buch als Welt (Einführung Marilyn French 1982
zum Ulysses von James Joyce)
1983 George Orwells "1984" Robert Plank 1983
eine psychologische Studie

67
1984 Louis Couperus Albert Vogel 1980
1985 In Gottes Namen (zum Tod des David A. Yallop 1985
Papstes Johannes Paul I)

Die Biografien
Zu den Biografien, die Walter ergiebig mit Notizen ausgestattet
hat, gehören u.a. die Lebensgeschichten von Samuel Beckett,
Heinrich Böll, Louis Paul Boon93, Bert Brecht, Louis-
Ferdinand Céline, Cervantes, Couperus, Hans Fallada,
Sigmund Freud, Gorter, Hegel94, Norman Mailer95, Thomas
Mann, André Malraux96, Karl Marx97, Sacher-Masoch98,
Heinrich en Sophia Schliemann, Stijn Streuvels, Dylan
Thomas99, Stefan Zweig en Paus Johannes Paul I. Auch die
psychologische Studie zum Thema George Orwell mag als
Biografie eingestuft werden. Zudem sind für die Autoren in der
Regel auch immer repräsentative Kollektionen deren Werken
vorhanden.

93
Ein Mann ohne Karriere - Louis Paul Boon, Gerd de Ley - 1982
94
Hegel - Franz Wiedmann - 1976
95
Mailer: eine Biografie - Hilary Mills - 1982
96
Malraux: eine Biografie - Axel Madsen - 1976
97
Karl Marx: eine politische Biografie - Fritz Joachim Raddatz - 1976
98
Märtyrer für einen Tagestraum von Alfred Kossmann - 1970
99
Dylan Thomas - Paul Ferris - 1977

68
Hermann Hesse
Basierend auf Bernhard Zellers Biografie darf man sicherlich
Hermann Hesse zu den begabtesten Buchflüsterer rechnen.
Hesse war nicht nur ein exzellenter Autor, sondern auch ein
herausragender Rezensent. Blättert man im umfangreichen, von
Hesse in den Jahren 1920-1936 eigenhändig geführten
Karteisystem der rezensierten Büchern, dann findet man darin
etwa 1000 Buchtitel, die er in mehr als 25 Zeitungen und
Zeitschriften rezensiert hat100. Für die Rezensionen wählte
Hesse bewusst die Werke, die auch langfristig einen wertvollen
Beitrag enthalten würden. Ohnehin rezensierte er nur Bücher,
die er als lesenswert betrachtete. Ein Buchtitel wie “Lauter
Verrisse101” wäre ihm überhaupt nicht in den Sinn gekommen.
Zu den Aussagen, die Walter in dieser Biographie mit einem
Doppelstrich markiert hat, gehören102:
“Mit der Flucht aus Maulbronn began eine Zeit
ernsthafter psychischen Konflikte, die sich als
Nervenzusammenbrüche äusserten, aber im Grunde
zum verzweifelten Kampf um den Selbstbehalt gehörten,
zur Verteidigung des eigenen Ichs und der bereits früh
offenbarten Autorenidentität gegen die starren,
religiösen Familientraditionen und den mächtigen
selbstsicheren Autoritäten, die ihn umgaben.”

100
pag. 135
101
Unter diesem Titel hat Marcel Reich-Ranicki 1984 ein Buch
veröffentlich
102
pag. 33

69
“Das Leben eines jeden Menschen ist ein Weg zum
eigenen Innern, der Versuch eines Weges, die
Andeutung eines Pfades..103”

Im Nebel ist der Titel eines bereits 1906 geschriebenen


Gedichts, dass die vom Dichter ausgedrückten und vom Leser
“wahr”-genommenen Gefühle bestens zum Ausdruck bringt.
Die von Walter markierten, letzte Strophe lautet104:
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein,
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Hesse legte grossen Wert auf die Briefe, die ihm seine Leser
ihm zusandten. In einem Brief schreibt er105:

“Seit zwanzig Jahre sind diese Briefe für mich der


einzige reale Beweis für den Sinn meiner Existenz und
meiner Arbeit und mir gleichzeitig eine tägliche Last
und Bürde.”

103
Pag. 95
104
pag. 80
105
pag. 174, übersetzt aus dem Niederländischen Text.

70
Heinrich Böll
In diesem streckenweise biografischen Dokument106 markiert
Walter einigen Abschnitte, zum Beispiel in Bölls "Sprache als
Hort der Freiheit":

"Wer mit Worten Umgang pflegt, auf eine leiden-


schaftliche Weise, wie ich es von mir bekennen möchte,
wird, je länger er diesen Umgang pflegt, immer
nachdenklicher, weil nichts ihn vor der Erkenntnis
rettet, welche gespaltene Wesen Worte in unserer Welt
sind.“107

“Kaum ausgesprochen oder hingeschrieben


verwandeln sie sich und laden dem, de sie aussprach
oder schrieb eine Verantwortung auf, deren volle Last
er nur selten tragen kann. Wer das Wort Brot
hinschreibt oder ausspricht, weiss nicht was er damit
anrichtet. Um dieses Wort sind Kriege geführt worden,
Morde geschehen und wer es hinschreibt oder
ausspricht sollte wissen, welche Erbschaft es trägt.
Hinter jedem Wort steht eine Welt, und wer mit Wörtern
umgeht, wie es jeder tut der Zeitungsberichte oder
Dichtzeilen zu Papier bringt, sollte wissen dass er
Welten in Bewegung setzt, gespaltene Wesen loslässt.
Denn was dem einen Leser Trost bietet, kann den
anderen zu Tode verletzen.”108

106
Der Schriftsteller Heinrich Böll - 1968
107
Seite 19
108
ebenfalls auf Seite 19

71
Walter hat selber seinen persönlichen Empfindungen in nur
wenige Zeilen festgehalten und in seiner Bibliothek weiter
vererbt. Der Grund dazu kann meines Erachtens in diesen von
ihm markierten Zeilen Bölls abgelesen werden. Womöglich
übersteigt die Ehrfurcht eines Buchflüsterers vor den Wörtern
die Hemmschwelle und verhindert dass die Gedanken, Ideen
und Regungen jemals zum Papier geführt werden können.

Das zentrale Element in Bölls werk


Wie bei Kafka der “Brief an den Vater109” den wahren Kern
Kafkas Arbeiten bildet, so benennt die Biografie110 den “Brief
an einen jungen Katholiken” das zentrale Element in Bölls
Lebenswerk.

Moderner Fetischismus
Das Buch zur Geschichte und Entwicklung der Sprache111,
wurde geschrieben im niederländischen Laren im Zeitraum
1920-1924. Kapitel 1 beginnt mit einem seltsamen,
sprachlichen "Katechismus", in dem Carry van Bruggen in
Telegrammstil eine Reihe Definitionen festlegt. Zunächst
verstand ich dieses Kapitel als Parodie. Erst später habe ich
verstanden, dass die Einführung im Grunde genommen eine
extrem verdichtete Zusammenfassung ihrer früheren Arbeiten
umfasst112.

109
Brief an den Vater: Franz Kafka (1919); Nachwort von Wilhelm Emrich
110
Seite 85
111
hauptsächlich die Niederländische Sprache
112
Prometheus

72
Carry van Bruggen erklärt uns anhand zahlreicher Beispielen
die merkwürdigen und unlogischen Konstrukte, schlechtes
Sprachgebrauch, sowie den Einfluss der Sprache auf unsere
Denkweise und Gedanken. Erst beim Lesen dieses Werkes wird
sich der Leser den Schwachstellen seiner Sprache bewusst.

Im Aufbau und Stil kann man dieses dynamische und


energische Manuskript vielleicht am ehesten vergleichen mit
dem moderneren "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod”113.

Woutertje Pieterse
Zentral in dieser Geschichte steht der psychologische Einblick
in die Kinderseele des kleinen Jungen Wouter. Als Hauptthema
wurde von Multatuli öfters genannt: der Kampf zwischen Gut
und Böse.

Ursprünglich wollte Multatuli das Werk auf den Streit


zwischen dem Edlen und dem Üblen beschränken, in dem
Wouters Seele regelmäßig malträtiert wird von den
beschränkten und scheinheiligen Auffassungen der
Kleinbürger. Wouter zieht sich in solchen Fällen zurück in
seine Märchenwelt, die von Rittern, Räubern und anderen
Märchengestalten bevölkert wird. Eine Flucht ist in solcher
Situation keine Lösung. In den beiden letzten Büchern lässt der
Autor seinen Protagonisten eine harte Lehrschule der Realität
durchlaufen, um ihn mit den weniger erhabenen
Lebensaufgaben vertraut zu machen, damit er dann zur Stufe
der wahren Poesie aufsteigen kann: zur Poesie der
Wirklichkeit.

113
Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod - Untertitel „Ein Wegweiser durch
den Irrgarten der deutschen Sprache" des Autors Bastian Sick (2008)

73
Hätte man Multatulis Wunsch erfüllt, wäre Woutertje Pieterse
niemals erschienen. Seine Witwe hat jedoch glücklicherweise
in 1890 beschlossen die Geschichte des Woutertje Pieterse
trotzdem zu veröffentlichen.

Literarisches Lustrum 2
Walter hat diese Übersicht intensiv studiert und von vielen
Notizen versehen. Eine detailliertere Übersicht der 30
Beiträgen würde jedoch den Rahmen dieses Buches sprengen.

Platons Gastmahl
An diesem Buch kann ich mich gut erinnern, denn ich habe
Walter diesen Band bei einem letzten Besuch in 1981
geschenkt. In der Mitte114 dieses Buches befindet sichder
Anfang der berühmten Rede des Aristophanes, in dem Platon
die Schöpfungslegende des androgynen Menschenpaars bereits
einige Jahrhunderte vor Christus beschrieben hat.

114
auf Seite 93

74
8 Die neue Literatur '86-'00

Repräsentative Bücher der Periode '86-'00


Nachfolgende Tabelle enthält die repräsentativen Bücher der
Periode '86-'00. Auch in dieser Phase wächst die Sammlung
namentlich auf dem Gebiet der Biografien.

1986 Seifenblasen in einem Netz Ben Haveman 1985


1987 Alissa und Adrienne Adriaan Morriën 1980
1988 Das Leben Franz Kafkas Ernst Pawel 1986
1989 Salz auf unserer Haut Benoîte Groult 1989
1989 Kafkas Liebschaften Nahum Norbert 1989
Glatzer
1990 Gesammelte Werke Franz Kafka 1987
1991 Der Unbeirrbare (Roman) Howard Fast 1991
1992 Das Leben Moravias Moravia, Alain 1991
Elkann
1993 Das Gesicht des Dritten Reiches Joachim C. Fest 1993
1993 Lauter Verrisse Marcel Reich- 1984
Ranicki
1994 Pasolini (Leben und Werk) Enzo Siciliano 1994
1995 Eine Geschichte Gottes Karen 1995
Armstrong
1996 Das verborgene Leben des Albert Roger Highfield 1996
Einsteins
1997 Extreme - Betrachtungen zum A.J. Dunning 1997
menschlichen Verhalten
1998 Der Kuss des Esaus Meir Shalev 1998

75
und Die vier Mahlzeiten
1999 Ein neues Weltbild Joachim Gartz 1998
2000 Das Foucaultsche Pendel Umberto Eco 1997
2000 Das Jahrhundert meines Vaters Geert Mak 1999
2000 Niederländische Literatur, Schenkeveld, 1998
(eine Geschichte) Anbeek, u.a.

Seifenblasen in einem Netz


Das Buch beginnt sofort mit gut getroffenen Skizzen,
Kolumnen (in der Volkskrant) und Interviews in einer sehr
blumigen, fantasiereichen Sprache. Die erste Reportage enthält
eine Fülle an Ratschlägen und Erfahrungswerten für
Binnenschiffer: so ist eine Schamläpple eine Alternativ-
Bezeichnung für das Fock-Segel. Alle entgegenkommende
Segler heissen Piet. Dann folgen Reportagen über Leben und
Jagd auf den Watten-Inseln, sowie über dem Leben der
Geldwäschern der Costa Blanca.

Ben Haveman erscheint mir ein Spezialist auf dem Gebiet der
religiösen Nischen, wie zum Beispiel die Niederländische New
Wave des Buddhismus, das Kalvinistische Glaubensbekenntnis
inmitten der Schwarzgeldregion, Brabander Wallfahrten und
Pilgerzügen nach Kevelaer. Auch die Religion rundum dem
Alkohol und das billige Wochenende im Luxushotel passt noch
zu seinem Denke.

Zum Abschluss folgt ein Abschied eines Redaktionsmitglieds


(Jeanne Roos) und eine Sportreportage. Die Seifenblasen in
einem Netz entstammen dem Munde des Dordrechter
Schnelldichters – so steht es wenigstens geschrieben in der
Abschlusskolumne.

76
Es ist und bleibt ein reizendes Dokument, speziell für
Emigranten, die bereits seit Jahren im Ausland verbleiben, weil
man in diesem Buch so vieles zurückfindet. Es ist als ob man
die Dutzende von Auslandsjahren wirklich in den Niederlanden
gelebt hat.

Alissa und Adrienne


Das Buch umfasst eine philosophische und liebevolle Studie
der Elternzeit und die Lebensgemeinschaft mit seinen zwei
Töchtern. Das Manuskript ist kompakt, verteilt auf 17 Kapiteln
in nur 111 Seiten, in dem alles offenherzig gesagt werden kann.

Salz auf unserer Haut


Der Bestseller115 von Benoîte Groult116 bildet der Kern einer
kleinen Sammlung erotischer Literatur. In ihrem Leben und
Werk bildet Groult den Beweis wie tief greifend die
Änderungen in den Beziehungen zwischen Mann und Frau im
20. Jahrhundert gewesen sein müssen.

Kafka
Um 1990 intensiviert Walter die Studie der Biografie und das
Lebenswerk des Franz Kafkas. Dazu gehören auch Kafkas
Liebesbeziehungen und die Briefe an seine Geliebte. Walters
Vorliebe für Kafkas Werk werden mittels Markierungen im
Buch klar ausgeprägt in „Kafkas Liebschaften“117:

115
Originaltitel „Les vaisseaux du coeur“ - 1988
116
geboren 1920 in Paris
117
Originaltitel „The Loves of Franz Kafka“ von Nahum N. Glatzer - 1989

77
„Ich habe kein literarischen Interessen, aber ich setze
mich zusammen aus Literatur, ich bin nichts anderes als
Literatur und ich kann nichts anderes sein.“118

Auch folgende Zeile wurde in diesem Buch markiert119:

„Das Schreiben bildet mein wahres, gute Wesen.“

Das Schreiben beflügelt Kafka. Nachdem er in einer Nacht


„Das Urteil“ geschrieben hat fühlt er erstmalig Zufriedenheit –
ja sogar Freude – über seiner schriftstellerischen Leistung.

„Nur so kann man schreiben, nur in einem solchen


Zusammenhang mit einer vollständigen Offenlegung
des Körpers und der Seele.“120

Sowie Kafka dem Schreiben eine Befriedigung abgewinnen


kann, so darf man gewiss auch dem Buchflüsterer eine ähnlich
lustvolle Lesezeit gutschreiben. Genau genommen benötigt
jeder flüsternder Leser einen flüsternder Autor. Es ist zwar
noch nicht bewiesen, aber das ist eine Frage der Zeit...

Literaturkritik
In der Literaturkritik Lauter Verrisse (Marcel Reich-Ranicki)
mit 24 Beiträgen hat Walter nur zwei mit einer Vielzahl
Notizen versehen.

118
Kafka's Liebschaften, Zitat auf Seite 41 (mit Verweis nach F. 1: 369).
119
auf Seite 35
120
Seite 29 (mit Verweis nach D. 1: 203-204).

78
In „Sentimentalität und Gewissensbisse“ von Alfred Andersch
wurde folgende Aussage markiert121:
„Was ihm das Leben verweigert hat, erhofft er sich von
der Literatur: Glück.“
Auch die nach innen gerichtete Flucht des Individus betrachtet
der Kritiker als „Antwort des Individuums auf die Epoche und
ihre Schrecken.“122
In der Kritik zur „Zimmerschlacht“ von Martin Walser
unterstreicht Walter123:
„Der penetrante Mief der deutschen Provinz, den wir
längst als ein offenbar unvermeidliches Element des
Walserschen Œvre kennen.“

Der Unbeirrbare124
Ein Amerikanischer Journalist entdeckt, dass die Engländer um
1950 fünf bis sechs Millionen Bengalen verhungern lassen. Es
gibt zwar genug Reis, aber die Eigentümer horten die
Lebensmittel als Spekulationsobjekte. Der Protagonist Bruce
Bacon berichtet über die Situation, gerät aber in der USA in
den Händen der Hexenjäger, wird als Kommunist verurteilt und
gefangen genommen. So nimmt das Unheil seinen Lauf. Bei
einem Fluchtversuch stirbt seine Frau Molly bei einer
Verkehrskontrolle...
121
Seite 89
122
Seite 90.
123
Seite 112
124
Das Buch fesselt am Anfang, wird aber m.E. irgendwann langwierig.

79
Die Biografien
Walter fügt auch in dieser Periode einige Biografien seiner
Kollektion hinzu, u.a. Alberto Moravia, Pier Paolo Pasolini,
Anna Freud125 und in „Das Gesicht des Dritten Reiches“ die
Porträts der NS-Personen dieses Zeitraums.

„Das verborgene Leben von Albert Einstein“ ist eine


ausgezeichnete Biografie, die hauptsächlich basiert auf dem
Schriftwechsel. Das Werk enthüllt eine Fülle der Details zu
z.B. Mileva, Elsa, Freunde, u.a. Michele Besso, Verwandten
und Kollegen.

Das Leben Moravias126 wurde aufgeteilt auf 3 Teile, aber auch


in 16 Kapiteln 1..16. Nirgendwo wird in dieser Autobiografie
erwähnt, dass sich der in 1907 geborene Alberto Pincherle des
Pseudonyms Alberto Moravia zur Veröffentlichung bedient.
Sein Hauptthema lautet: Sex ist für jeden Menschen der
Schlüssel zum wirklichen Leben127.

Eine Geschichte von Gott


Die Zahl der religiösen Büchern geht nach 1995 zu Null
zurück. Als letztes religiös-geschichtliches Werk beschreibt
Eine Geschichte von Gott viertausend Jahre suchen nach dem
einen göttlichen Kern. Karen Armstrong hat die Detailfülle auf
500 Seiten gebündelt.

125
Anna Freud: eine Biografie - Elisabeth Young-Bruehl- 1989
126
Das Leben von Moravia – von Alberto Moravia und Alain Elkann (1991)
127
TV-Porträt 1986 der VPRO

80
Armstrong beschreibt128, dass der Gott Allah129 des arabischen
Pantheons mit dem jüdischen und christlichen Gott
übereinstimmt. Zwischen den Seiten 158 und 159 befindet sich
einen Zettel, in dem Walter dokumentiert dass auch die Namen
mehrerer Götter etymologisch miteinander übereinstimmen.
Zur Erklärung enthält der Zettel den arabischen Text für das
Wort „Allah“, den Namen des römischen Gottesvater IU-piter
und das Tetragrammaton IHVH, das zumindest nach Walters
Aussage alle als „IU“ gelesen werden sollen.

Abb. 6: Das arabische Wort "Gott"

128
Op pagina 159
129
Das Wort Allah bedeutet „der Gott“ und wird von rechts nach links
gelesen.

81
Auf der Rückseite des Zettels notiert Walter die von ihm
definierten drei existentiellen Kernfragen erneut und ergänzt
dazu anschließend auch die neuen Antworten:
• Woher kommen wir: von einem gemeinsamen
Schöpfergott IU
• Wer sind wir: wir sind nur halbe Menschen und werden
erst als Ehepaar „Mensch“.
• Wohin gehen wir: zurück zum gemeinsamen Gott IU
Damit hat Walter offensichtlich auch die Antwort auf die dritte
Kernfrage gefunden und hat unser Ziel erreicht. Weitere
Notizen können dieses Ergebnis eigentlich nur noch bestätigen.
Am unteren Rand des Zettels schrieb er zum Abschluss in
Großbuchstaben:

A= Ω
QED!

Auf Armstrongs Werk folgen in der Bibliothekssammlung


keine aktuellere Bücher mehr. Es ist so als ob jetzt eine gewisse
Last von Walters Schultern gefallen und die Suche 1995 ein
Ende gefunden hat.

Der Kuss des Esaus


Im Kuss des Esaus kehrt der Protagonist Esau zurück in sein
Vaterland um seinen kranken Vater zu pflegen und berichtet
über die sonderbaren Erfahrungen in dieser Umgebung.

82
In der Familiensaga von Shalev dreht sich das Leben
hauptsächlich um Brot, Liebe und Schmerz. Es ist die mythisch
getönte Geschichte einer großen Bäckerfamilie.

Ein neues Weltbild


Kurze und bilanzierte filosofische Diskussion über die
Antipoden in unserem Leben. Darin befinden sich einige
bemerkenswerte Aussagen:

• Laotse sagte schon vor mehr als 2500 Jahren, dass er


ein Suchen nach einem persönliche Göttlichen für eine
Krankheit halte (Seite 20).
• Ethnologen und Mediziner befürchten, dass, durch
vielfältige Faktoren bedingt, zunehmend mehr
androgynes Verhalten sich ausbreiten wird (Seite 53).
• Eigenartig mutet es an, dass sich die meisten mit einem
ewigen Gott und einem ewigen Leben vertraut machen
können, mit der Vorstellung von einem ewig
bestehenden Universum sich jedoch äußerst schwer tun
(Seite 61).
• Cusanus, Ekkehart und Teilhard de Chardin fordern: ein
Anfang bedürfe einer Ursache (Gott), der ebenfalls
geschöpft werden müsse... (Seite 63).
• L. Feuerbach, als ausgewiesener Atheist, bemerkte
richtig, dass der Mensch sich Götter ausdenken muss,
weil er den Trieb hat, glücklich zu sein. Sogar Nietsche,
der vielgeschmähte Pessimist, baute sich und der
Nachwelt mit seinem Übermenschen eine religiöse
Gläubigkeit auf. Dem neuen Menschen gebot er, trotz

83
aller vordergründigen Sinnlosigkeiten, das Leben
dennoch zu bejahen (Seite 86).
• Darwin definierte die Evolution als ein Prinzip vom
Überleben des Stabilen (Seite 90).
• Sogar Darwin bezeichnete den Menschen als Krone der
Schöpfung, als Wunder und Ruhm des Universums
(Seite 105).
• Auch Menschen mit hoher Intelligenz verfallen in
Selbsttäuschungen, weil ihnen das relativ kurze Leben
nicht genug ist (Seite 131).
• Le Bon sagte: "Die große Triebkraft der Völker ist
niemals die Wahrheit, sondern der Irrtum. Soziale
Täuschung herrscht auf allen Ruinen, die die
Vergangenheit aufgetürmt hat, ihr gehört die Zukunft.
Nie haben die Massen nach Wahrheit gedurstet ... wer
sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie
aufzuklären versucht, stets ihr Opfer" (Seite 137).
• Im Grunde genommen hat jedes Wissen, genauso wie
die Wahrheit, einen Glaubensanteil (Seite 152).
• Augustinus betrachtete sogar die Zeugung als Sünde,
die erst durch die Taufe getilgt werden könne (Seite
161).
• Voltaire war der Ansicht, dass wir unwissend dumm in
die Welt hineingeboren werden und sie genauso wieder
verlassen....(Seite 164).
• Ich meine ebenso, dass nur mit einer gehörigen Portion
Dummheit das Leben zu ertragen ist (Seite 164).

84
• Einstein sagte zu seinem Gottesglauben: "Ich glaube an
den Gott Spinozas, der sich in der Harmonie allen Seins
erweist, nicht an einen Gott, der sich mit den
Schicksalen und Handlungen von Menschen befasst".
(Seite 173).
• Die weitaus meisten Beiträge zur Lebenserhaltung sind
in Wirklichkeit Spenden für noch mehr Hungertote
(Seite 176).
• Die meisten, auch naturwissenschaftlich gebildete
Menschen, erkennen sich heute noch als übergeistige,
nicht ganz und gar natürliche Wesen (Seite 182).

Das Foucaultsche Pendel


Der Roman Das Foucaultsche Pendel von Umberto Eco
erschien 1988 im italienischen Original. Das Werk verbindet
Motive des Abenteuer-, des historischen und des Kriminal-
romans mit zahlreichen gelehrten Anspielungen auf Physik,
Geschichte, Mystik und Esoterik, so dass der Schriftsteller
Anthony Burgess vorschlug, das Buch solle als Enzyklopädie
mit einem Register versehen werden.
Der Titel bezieht sich auf den bekannten Pendelversuch, mit
dem der französische Physiker Léon Foucault 1851 die
Erdrotation nachgewiesen hat.

85
Das Jahrhundert meines Vaters
In diesem Dokument beschreibt Geert Mak genau genommen
auch Walters Jahrhundert. Leider hat Walter in diesem Buch
keine Notizen hinterlassen. An der Stelle, wo man dieses Buch
aufgefunden hat, können wir jedoch ablesen, dass es tatsächlich
das zuletzt von Walter gelesene Buch gewesen sei.

Niederländische Literatur
Die Geschichte der niederländischen Literatur ist wohl das
zuletzt an die Bibliothek zugefügte Buch. Als ein seltsames
Spiel des Schicksals mutet es an, dass ausgerechnet dieses
Buch mit einer genauen Analyse der ältesten Dichtzeilen der
niederländischen Sprache beginnt.

Hebban olla vogala sind die ersten drei Wörter eines Satzes der
lange Zeit130 als die älteste Zeile der Altniederländischen
Sprache betrachtet wurde. Der Text wurde 1932 in Oxford vom
englischen Sprachwissenschaftler Kenneth Sisam entdeckt auf
dem Umschlag einer lateinischen Handschrift aus der Abtei
von Rochester.

quid expectamus nu(nc)


Abent omnes uolucres nidos inceptos nisi ego & tu

Hebban olla uogala nestas hagunnan hinase hi(c)


(e)nda thu uu(at) unbida(t) g(h)e nu

130
Inzwischen wurden noch ältere Manuskripte gefunden, zum Beispiel die
Wachtendonckse Psalmen (10. Jahrhundert) und die Salischen
Gesetzestexte.

86
In diesem Sinne schließt Walters Bibliothek den Kreis mit einer
Dichtzeile aus den frühesten Anfängen, sodass man eine
Bibliothek auch als einen geschlossenen Kreislauf betrachten
könne. Ein ähnliches Bild wurde bereits von Nietzsche bemüht
und zu den höchsten Weihen erhoben:

„Diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht,


und dieser Mondschein selber, und ich und du im
Torwege, zusammen flüsternd, von ewigen Dingen
flüsternd - müssen wir nicht alle schon dagewesen
sein?“131

„Von ewigen Dingen flüstern ?“. Ja, genau das ist das
Lebensziel des Buchflüsterers, eines Nietzsches, Goethes,
Vondels und den vielen anderen, die namenlos in den
Papierwolf verschwunden sind...

131
Zitat auf Seite 264 in Die philosophische Hintertreppe - Wilhelm
Weischedel - 1966

87
88
9 Walters Charakterbild
Aus Walters Aufzeichnungen, die – sofern sie als repräsentativ
gelten mögen – in seinen Büchern erhalten geblieben sind,
dürfen wir unter dem nötigen Vorbehalt eine vorsichtige
Charakterstudie ableiten, die man sich als chronologische
Entwicklungsphasen über einem 50-jährigen Zeitraum
vorstellen solle.
Wir lernen den jugendlichen Walter kennen als einen religiös
überzeugter Katholik, der sich dem strengen Regelwerk und
der kirchlichen Macht unterwirft. Seine Hoffnung basiert er auf
die soziale Entwicklung, welche die Kirche formuliert.
• Das Hauptziel der Ehe besteht im „Wachsen und sich
Vermehren“ - Rerum Novarum
• Die Diktatoren, die den Geldmarkt beherrschen auch
unbeschränkte Macht über die Kreditvergabe ausüben.
Zuletzt bleiben nur die übrig, „welche die schlimmsten
Gewissenlosigkeit praktizieren“ - Rerum Novarum
• Ich bin Teil des Ewigen Lebensprinzip. Ich bin
erschaffen worden als göttliches Abbild. Ich bin voller
Gottesatem; nichts kan mir anhaben, denn ich bin Teil
des Unendlichen. - Atkinson
• Drei herrschen auf Erden: Weisheit Schein und Gewalt!
Die Liebe herrscht nicht, aber sie bildet den Menschen
und das ist mehr. - Goethe
Seine Beziehung zum weiblichen Geschlecht wird von den
gängigen religiösen Auffassungen belastet, die dem Mann eine
Hauptrolle und der Frau in der Schöpfung lediglich eine
Nebenrolle zuschreibt.

89
Zur strengen Erziehung gehören auch das Pflichtbewusstsein
dass der Mann in der Familie und Gesellschaft ein Beispiel zu
erfüllen haben. Die Belastung einer Hautrolle isoliert den
Familienvater und führt zur Einsamkeit, den er aus der
Literatur kennen gelernt hat.

• Die Leitung der Familie gehört zweifellos dem Mann. -


Henri de Greeve
• Der Wert des menschlichen Lebens bezieht sich auf das
Maß an Einsamkeit, die es zu tragen vermag. - Ortega y
Gasset
• Auch im Christlichen Glauben bereitete die Erbsünde
und die beständige Androhung der Strafen dem
Menschen, der diese Religion wirklich lebte, eine
ständiges Notgefühl, eine lebenslängliche Unsicherheit.
- Ortega y Gasset (… aber auch Hoffnung!“ - Walter)

Die Erfahrungen der Kriegsjahren '40-'45 verdeutlichen Walter


jedoch, zu welchen Exzesse die blinde Pflichterfüllung führen
kann.

• Der Staat gerät in den Händen der Abenteurerbanden,


der sogenannten Caesaren, ehemaligen Generälen,
Barbaren-Könige und so weiter... - Oswald Spengler
• Die zum ewigen Schweigen Verdammten hatten nur den
Geschichtsschreiber um ihren Nachruf weiter zu
reichen. - Dr. J. Presser

90
Beeinflusst von der religiösen Tradition hat Walter eine
Ehrfurcht für das geschriebene Wort entwickelt, das unser
Leben in den weltlichen und religiösen Gesetzbüchern festlegt.
Das Wort imponiert ihn so sehr, dass er eine große
Bewunderung für die geschriebene Literatur entwickelt, aber
seine Gefühle nicht in einem Manuskript nieder zu schreiben
vermag.

• Hinter jedem Wort steht eine Welt, und wer mit Wörtern
umgeht, wie es jeder tut der Zeitungsberichte oder
Dichtzeilen zu Papier bringt, sollte wissen dass er
Welten in Bewegung setzt, gespaltene Wesen loslässt.
Denn was dem einen Leser Trost bietet, kann den
anderen zu Tode verletzen. - Heinrich Böll
• Ich habe kein literarischen Interessen, aber ich setze
mich zusammen aus Literatur, ich bin nichts anderes als
Literatur und ich kann nichts anderes sein. - Kafka
• Das Schreiben bildet mein wahres, gute Wesen. - Franz
Kafka

Die Aufhebung des Indexes und der offene Zugang zur


Weltliteratur lernt Walter die Schwachstellen der herrschenden
religiösen Macht und die Relativität der Pflichterfüllung
unterscheiden.

• Ich glaube an den Gott Spinozas, der sich in der


Harmonie allen Seins erweist, nicht an einen Gott, der
sich mit den Schicksalen und Handlungen von
Menschen befasst. - Albert Einstein

91
Diese Entwicklungsphasen in Walters Charakter sind nur
ablesbar aus den Notizen, die er am Rande seiner Bücher
hinterlassen hat. In einem Rückblick kann man sagen dass die
religiöse Ausbildung die Jugend der Jahren '30-'40 geprägt hat,
die Männer zwar zum verantwortlichen Familienvater, aber
auch zum einsamen Familienmitglied gemacht hat.

• Nur so kann man schreiben, nur in einem solchen


Zusammenhang mit einer vollständigen Offenlegung
des Körpers und der Seele... - Franz Kafka
• Was ihm das Leben verweigert hat, erhofft er sich von
der Literatur: Glück. - Marcel Reich-Ranicki

Seinen Zuflucht hat er deshalb in der Literatur gesucht, wo der


Einsame sein Glück nicht so sehr im Wort, aber in den übrigen
Wörter finden kann.

Die Kernfragen des Lebens „Woher kommen wir - wer sind wir
– Wohin geht die Reise?“ kann Walter 1995 erst nach einer
längeren Suche auf der ihm eigenen Art beantworten können.
Der Legende nach stamme man eben von einem männlich-
weiblichen Wesen, ist als einzelne Person nur eine
Menschenhälfte und verehrt in der Gesamtgruppe einen
gleichnamigen Gott. Die so gewonnenen Einsicht befriedigt
Walter offensichtlich und so stellt er daraufhin seine Suche ein,
damit er seine Lebensreise mit einem beruhigten Gewissen
beenden kann.

92
10 Zusammenfassung
Sicherlich ist diese Übersicht nach wissenschaftlichen
Massstäben nicht repräsentativ für Walters Bibliothek als
Ganzes. Eines der Ursachen dafür bildet die Wahl der
Stichproben, die zunächst nach der mir persönlich bekannten
Autorennamen selektiert worden sind. Auch meine eigene
Vorzüge für Biografien mögen eine Rolle gespielt haben.
Einige mir bis dato unbekannte Autoren, zum Beispiel Carry
Verbruggen, habe ich nur durch Zufall entdeckt.

Es ist mir klar, dass Romane in der Übersicht in zu geringem


Umfang vertreten sind. Es ist in der verfügbaren Zeit
schlichtweg unmöglich alle Romane zu lesen. Deshalb
befinden sich in der Übersicht Bücher, die mir der Zufall in die
Hände geschoben hat.

Analyse
Trotzdem sollten wir versuchen eine Analyse des Geschehens
zu entwickeln.

Bis etwa 1945 überwiegt die katholisch-genehme Literatur in


Walters Bibliothek. Er investiert hauptsächlich in die
Klassikern und bevorzugt die Westeuropäischen Literatur, bzw.
die Poesie.
Im Zeitraum 1945-1970 überwiegen die Romane und
Literaturstudien. In der Periode 1970-2000 liegt der
Schwerpunkt bei den Romanen und Biografien.

93
Prousts verlorene Zeit
Wie behandelt man eine Bibliothek eines
Buchflüsterers, wenn der Eigentümer eines Tages stirbt?

Im günstigsten Fall wird das herrenlose Findelkind von einem


neuen Flüsterer aufgenommen und in langwierigen Sitzungen
behutsam zum Reden gebracht, denn Büchern flüstern nur,
wenn sie in der Geborgenheit der eigenen Bibliothek vorsichtig
geöffnet werden...

Ohne den Zusammenhang eines geschlossenen Familienkreises


bildet ein loses Buch nur ein steriles archäologisches Objekt,
das für den Archäologen jede Beziehung zur Fundstelle
verloren hat. Am Sterbetag entfesselt der Buchflüsterer deshalb
den von Proust so meisterlich und detailliert beschriebenen
„Verlorene Zeit132“. Es ist diese verlorene Zeit, die man nur
durch Dokumentation des Zusammenhangs festzuhalten
vermag.

Die virtuelle Bibliothek


In einer virtuellen Bibliothek der Zukunft bilden die
zusammenhängenden Bibliotheken aller Buchflüsterer eine
eigene Sammlung, die man sich vielleicht am besten als
Hyper-Bibliothek vorstellt.

Vielleicht ist sogar eine solche Idee in der Form einer Google-
bibliotheek133 umsetzbar.

132
„À la recherche du temps perdu“ ist das Hauptwerk von Marcel Proust
133
Ein Beispiel einer derartigen Bibliothek befindet sich im Internet.

94
11 Statistiken
Nachfolgende Statistik dokumentiert die geschätzte statistische
Verteilung der Bücher nach Kategorien:

Kategorie Anzahl (ca.)


Romane und Erzählungen 3000
Weltliteratur 200
Klassiker 200
Fachliteratur (Wirtschaft) 200
Kunstbücher 100
Filosofische Werke 100
Biografien 100
Religiöse Werke 30
Dichtbündel 20
Filmrezensionen 20
Wörterbücher, Enzyklopädien 20

Zur Verteilung der Sprachen gilt in etwa:

Sprache Anteil
Niederländisch 60%
Englisch 19%
Deutsch 19%
Spanisch 2%

95
96
12 Walters Dichtbündel

Die Quellen für Walters Dichtbündel sind nur teilweise


bekannt. Folgende Dichter sind im Bündel vertreten:
• Geerten Gossaert (1884-1958) - 3 Gedichte
• Henriette Roland Holst (1869-1952) - 6 Gedichte
• Jac van Looy (1855-1930) - 28 Gedichte
• Hendrik Marsman (1899-1940) - 17 Gedichte
• Jan van Nijlen (1884-1965) - 1 Gedicht
• Tom Meijneke – 1 Gedicht
• Jo Landheer (1900-1986) – 1 Gedicht
• Willem de Mérode (1887-1939) - 26 Gedichte
• Harry Hunnekens - 1 Gedicht
• J.W.F. Weruméus Buning (1891-1958) - 11 Gedichte
• Bertus Aafjes (1914-1993) - 2 Gedichte
• Luc Van Hoek (1910-1991) - 2 Gedichte
• Maarten Vrolijk (1919-1994) - 2 Gedichte
• Luc Maas - 1 Gedichte
• Jacques Perk (1859-1881) - 10 Gedichte
• Pierre Kemp (1886-1967) - 11 kleine Gedichte

Die nachfolgende Tabelle detailliert die Reihenfolge im


Bündel und zusätzliche Informationen (wobei die Titel
absichtlich nicht ins Deutsche übersetzt worden sind):

97
1 De bader134 Geerten Gossaert
2 De grijze landman Geerten Gossaert
3 Alouette Geerten Gossaert
4 Afscheid135 J.W.F. Weruméus Buning
5 Vaarwel Wereld J.W.F. Weruméus Buning
6 Sonnet J.W.F. Weruméus Buning
7 Triomf Van Den Dood J.W.F. Weruméus Buning
8 Het Vaste Licht J.W.F. Weruméus Buning
9 Arabeske J.W.F. Weruméus Buning
10 Rijmen J.W.F. Weruméus Buning
11 Arabeske J.W.F. Weruméus Buning
12 Coplas J.W.F. Weruméus Buning
13 Twee sonetten voor J.W.F. Weruméus Buning
Calderon's „La Donna Duendi“
14 Spanje, Rots in Zee J.W.F. Weruméus Buning
15 Herfst Jac v. Looy (1884)
16 Fabrieksrook Jac v. Looy (1884)
17 Na het lezen van Zola Jac v. Looy (1884)
18 Herinnering Jac v. Looy (1884)
19 Slapeloos Jac v. Looy (1884)
20 Op het Kerkhof Jac v. Looy (1885)
21 Aan Den Tiber Jac v. Looy (1885)
22 Avond op het Forum Romanum Jac v. Looy (1885)
23 In Den Trein Jac v. Looy (1885)
24 Wandelen Jac v. Looy (Madrid,1886)
134
aus „Experimenten“ (1911)
135
aus „Et in terra“ (1933), Epilog „In Memoriam“

98
25 „Nu lachen wat gedachten in mij“... Jac v. Looy (Cadiz, 1886)
26 „Zacht valt der regen uit“ ... Jac v. Looy (1889)
27 Café Jac v. Looy (1889)
28 „In een koelen ochtendlijken dag“.. Jac v. Looy, Dec. 1892
29 De Dood Van Den Ouden Triton Jac v. Looy,
London, Sept. 1895
30 Zang Jac v. Looy (1896)
31 Bij Een Maandelijkschen Kalender Jac v. Looy, Nov. 1898
32 In Memoriam Jac v. Looy, 14 Nov. 1897
33 Bij Eene Fotografie Jac v. Looy (1900)
34 Een Stem Naast Een Stem Jac v. Looy (1899)
35 Oud Liedje Jac v. Looy (1900)
36 Maneschijn Jac v. Looy (1899)
37 Nacht Jac v. Looy (1900)
38 Wonderlijk Jac v. Looy, 25 Nov. 1900
39 La Mancha (in de trein) Jac v. Looy (1902)
40 Blinde Man Jac v. Looy (1904)
41 Gedachtenis, Mijmerij Jac v. Looy (1907)
42 Zwaard-Lelies Jac v. Looy
43 Aan Mathilde136 Jacques Perk
44 Erato Jacques Perk
45 Zij sluimert Jacques Perk
46 Kalliope Jacques Perk
47 Drie Liedjes Jacques Perk
48 Zegen Mij Jacques Perk
136
Fräulein Mathilde inspirierte Perk (1859-1881) für den grossen
Zyklus (Mathilde) mit mehr als hundert Sonnetten.

99
49 Avondgroet Jacques Perk
50 Hemelvaart Jacques Perk
51 Vrij Jacques Perk
52 Die Lach Jacques Perk
53 Verhevene Hendrik Marsman
54 Vrouw Hendrik Marsman
55 Heerscher Hendrik Marsman
56 Bloei Hendrik Marsman
57 Einde Hendrik Marsman
58 Berlijn Hendrik Marsman
59 Herfst Hendrik Marsman
60 Heimwee Hendrik Marsman
61 Vrees Hendrik Marsman
62 De Blanke Tuin Hendrik Marsman
63 De Gescheidenen Hendrik Marsman
64 Afscheid Hendrik Marsman
65 Slapende Vrouw Hendrik Marsman
66 Herman Gorter Hendrik Marsman
67 Annie Hendrik Marsman
68 Paula Slapend Hendrik Marsman
69 Jaloezie Hendrik Marsman
70 De Brug Willem de Mérode
71 De Brief Willem de Mérode
72 De Banneling Willem de Mérode
73 De Keizer Willem de Mérode
74 Oorlog Willem de Mérode

100
75 De Held Willem de Mérode
137
76 Wachten Willem de Mérode
77 Oud en Dwaas Willem de Mérode
78 Levenseinde Willem de Mérode
79 De Keuze Willem de Mérode
80 De Kinkhoorn Willem de Mérode
81 Melancholisch Willem de Mérode
82 Lente Willem de Mérode
83 De Vreemdeling Willem de Mérode
84 Li Tai Pee Willem de Mérode
85 De Droom Willem de Mérode
86 Troost Willem de Mérode
87 De Roos Willem de Mérode
88 „Het Duister heeft zijn wal“... Henr. Roland Holst
89 „De nimmer-uitgesproken“... Henr. Roland Holst
90 De Verworvenheid Henr. Roland Holst
91 Kwatrijnen Henr. Roland Holst
92 De Droom Henr. Roland Holst
93 „O, diepe baai en altijd open haven“ Henr. Roland Holst
94 „Omhuld van nev'len lagen“ ... Henr. Roland Holst
138
95 Kwan Yin Willem de Mérode
96 De Vlucht Willem de Mérode
97 Het Menschenlot Willem de Mérode
98 De Voortplanting Willem de Mérode
137
„Viel er een kleine regen in den nacht?“...
enthält einen anderen Textinhalt als: Wachten
138
die Chinesische Liebesgöttin

101
99 Voorjaar Willem de Mérode
100 Eenheid Willem de Mérode
101 Geboorte Willem de Mérode
102 Het Lied Willem de Mérode
139
103 Bezoek aan het Ouderhuis Jan van Nijlen
104 De Zwerver Slauerhoff Tom Meijneke
105 Allerzielen Jo Landheer
106 Balspelende Meisjes Bertus Aafjes
107 Het Spiegelbeeld Bertus Aafjes
108 Kleine Gedichten Pierre Kemp
• Middellaren
• Geloof
• Optimisme
• Naam
• Floers
• Duizeling
• Collegialiter
• Nacht
• Reinvarens
• Droomen
• Ovaal
109 Septuagesima Luc Van Hoek
110 Sexagesima Luc Van Hoek
111 Varieté Maarten Vrolijk
112 Praeludium Luc Maas
113 „Ik ben alleen“... Harry Hunnekens
114 Opgang Maarten Vrolijk (voor Renée)

Tabel 1: Inhoud Walter's Gedichtenbundel


139
aus: Geheimschrift (1934)

102
13 Kurzfassung

Randnotizen eines Buchflüsterers


Auf der Suche nach den Antworten auf die drei existenziellen
Lebensfragen „Wer bin ich, wo komme ich her, wo gehe ich
hin?“ umgibt sich der Buchflüsterer Walter in seinem 80-
jährigen Leben mit einer ungeheuren, 4000-bändigen
Bibliothek.
Zum Todestag vererbt er seine Büchersammlung
testamentarisch seinem Freund, der nach achtjähriger Studie in
den Randnotizen der Bücher dieser Bibliothek Walters
Antworten zu den Kernfragen auffindet.
Der Roman durchstreift die gesamte literarische Palette bis
zum Walters Todestag im Jahre 2001.

103