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RotFuchs / Januar 2013

Seite 11

Bericht vom Ort einer Verzweiflungstat

Tötung im Jobcenter Neuss und das Tödliche der Jobsuche

A m 26. September erstach ein Mann im Jobcenter von Neuss (NRW) die für ihn

zuständige Sachbearbeiterin. Tags dar- auf war „Bild“ um einen reißerischen Aufmacher reicher, wobei der Hinweis auf die marokkanische Abstammung des Täters nicht fehlen durfte. Die „Neuss- Grevenbroicher Zeitung“ (NGZ) verband vordergründiges Mitgefühl mit verächt- lichen Tiraden gegen die euphemistisch „Kunden“ genannten ALG-II-Bezieher:

„Rüpel“ aus dem „Bodensatz frustrier- ter, pöbelnder, alkohol- und drogen- süchtiger Besucher“ würden engagierte Mitarbeiter „zur Weißglut reizen“. Des weiteren wußte das Blatt zu berichten, jeder vierte Jobcenter-Mitarbeiter sei bereits Opfer eines Übergriffs geworden. Schon vor elf Jahren habe eine solche Attacke fatal geendet. Der Tod eines Menschen, das Leid sei- ner Angehörigen sollten Anlaß zu ernst- haftem Nachdenken über Ursachen und Alternativen sein. Leider war davon in der Presse wenig zu finden. Doch die angebotenen „Lösungen“ wiesen alle in dieselbe Richtung: In den Jobcen- tern bestehe ein „Sicherheitsproblem“. Also: mehr Security, Sicherheitsschleu- sen, Zugangskontrollen, Videoüberwa- chung und Trennglasscheiben! Man scheut sich, an dieser Stelle überdies ironisch nach Schlagstöcken, Gummige- schossen oder Elektroschockgeräten zu rufen. In gewissen Kreisen könnte das als ein interessanter Vorschlag aufge- griffen werden. Die heutigen Jobcenter sind der Schrö- der-Regierung aus SPD und Grünen zu verdanken. Sie gingen aus den damals als Reform titulierten Sozialabbau- programmen hervor. Die Arbeitslosen- hilfe wurde abgeschafft und durch das allgemein als „Hartz IV“ bezeichnete Arbeitslosengeld II ersetzt. Den Jobcen- tern kommt dabei die Kontrolle der Lei- stungsvergabe an die Empfänger zu. Sie sollen die „Kunden“ zur Aufnahme einer „zumutbaren Arbeit“ bewegen. Die Leistungsbescheide der Jobcenter sind für den Empfänger kaum durch- schaubar, geschweige denn nachvoll- ziehbar und zudem häufig fehlerhaft – zu Lasten des in die Rolle eines Bitt- stellers Gezwungenen. Darüber hinaus stehen den Jobcentern vielfältige Mög- lichkeiten der Leistungskürzung bei fehlender „Mitwirkung“ zu Gebote. Die Art und Weise, wie die „Kunden“ behan- delt werden, ist nicht selten von Gering- schätzung und Schikanen geprägt. Die Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit Anja Huth erklärte bemerkens- wert ehrlich: „In den Jobcentern geht es für die Leute ums tägliche Überleben.“ Es ist wohl nicht nötig, Verhaltensfor- scher zu bemühen, um sich vorzustellen,

wozu Menschen in der Lage sein können, die Existenzangst haben. Und wozu das Ganze? Erinnern wir uns daran, mit welcher Inbrunst Ger- hard Schröder den von seiner Regierung geschaffenen großen Niedriglohnsektor als beispielhaft rühmte. Dieser aber will mit Menschen gefüttert sein, die man zuvor genügend durch die Mühle von Bangen um das tägliche Brot gedreht hat, damit sie sich für einen schäbigen Lohn bei einer Zeitarbeitsfirma oder anderen Blutsaugern zu verdingen bereit sind. Nebenbei können die Kapitalisten den regulär Beschäftigten ständige Angst davor einjagen, dort zu enden, wo ihre degradierten Kollegen zweiter Klasse bereits gelandet sind. Das führt dann zu Wohlverhalten anstelle selbstbewuß- ten Forderns. Aktive Gewerkschafter in den Betrieben können ein Lied von der so erzeugten Geisteshaltung singen. Das Subsystem der Jobcenter ist Teil des Gesamtsystems kapitalistischer Profit- maximierung. Mit sozialer Ausgrenzung erzeugt man eine Atmosphäre der Ein- schüchterung und Furcht, um den Preis der Ware Arbeitskraft so weit wie mög- lich herunterzudrücken. Daß hierbei einzelne Menschen und ganze Familien psychisch wie physisch auf der Strecke bleiben, ist einkalkuliert – seien es Arbeitslose, deren Verzweiflung letzt- lich zu Suiziden oder anderen zerstöre- rischen Konsequenzen führt, sei es eine Sachbearbeiterin, die zum Angriffsziel und Opfer wird. Natürlich vergießen die Medien der Bourgeoisie dann ganze Ströme von Krokodilstränen. Kritisch zu sehen ist aber auch, daß Menschen guten Willens wie der Spre- cher des Erwerbslosenforums Martin Behrsing in einer solchen Situation danach fragen, wie die Kommunika- tion so entwickelt werden könne, daß sich Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit wie Betroffene der Hartz- IV-Gesetzgebung „besser aufgehoben“ fühlten. Dies erinnert an die Sicht- weise mancher Sozialpädagogen, die sich durch handfeste ökonomische Interessen herbeigeführte Problem- lagen lediglich als Ergebnis verun- glückter „Kommunikation“ vorstellen können. Schön wär’s ja! Wer sich die Lebenswirklichkeit eines in Zeitarbeit beschäftigten Familienvaters ansieht, der begreift, daß man die damit verbun- denen finanziellen, gesundheitlichen und familiären Konsequenzen „kom- munizieren“ kann soviel man will – aus der Plage wird dadurch niemals eine Wohltat. Es ist auch nicht so, daß sich die Ent- scheidungsträger in Wirtschaft und Politik nur einmal in einen Zeitarbeiter oder Arbeitslosen richtig „hineinfühlen“

müßten, um dadurch geläutert Abstand von ihrem ausbeuterischen Treiben zu nehmen. Sie wissen sehr genau, was sie tun, und sie tun es, weil es ihnen nützt. Wir bleiben lieber bei Brechts Erkennt- nis: „Das Wort wird nicht gefunden, das uns beide jemals vereint: Der Regen fließt von oben nach unten, und du bist mein Klassenfeind.“ Die Perspektive für Erwerbslosengrup- pen und Gewerkschaften, Sozialisten und Kommunisten kann nur im kom- promißlosen Kampf um die Schaffung existenzsichernder Arbeitsplätze, aus- kömmliche Unterstützung von Menschen ohne Job, das Verbot von Zeitarbeit und Ein-Euro-Jobs bestehen. Das Geld dafür ist, wie der Armuts- und Reichtums- bericht der Bundesregierung belegt, durchaus vorhanden. Es befindet sich „lediglich“ – noch – in den falschen Hän-

den.

Erik Höhne, Neuss

Unser Armin Am 23. November wurde Armin Neumann – unser Armin – auf dem Waldfriedhof
Unser Armin
Am 23. November wurde Armin
Neumann – unser Armin – auf dem
Waldfriedhof in Berlin-Oberschö-
neweide an der Seite seiner gelieb-
ten Ulla beigesetzt.
Genossen und Freunde erwiesen
den Angehörigen in der Stunde
des Abschieds ihre Solidarität.
Die Trauerrede hielt Dr. Ernst
Heinz, Vorsitzender der Berliner
RF-Regionalgruppe. Er würdigte
das kampferfüllte Leben des
selbstlosen und stets hilfsbereiten
Menschen, des couragierten ein-
stigen MfS-Offiziers und späteren
Mitbegründers unserer Zeitschrift
und des Fördervereins.