Sie sind auf Seite 1von 8

rls standpunkte 1/2008

Impressum rls standpunkte wird herausgegeben von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Gesellschaftsanalyse und Politische Bildung e.V. und
erscheint unregelmäßig Redaktion Marion Schütrumpf-Kunze · Franz-Mehring-Platz 1 · 10243 Berlin · Tel.: 030 44310-127
Fax: 030 44310-122 · E-Mail: m.schuetrumpf@rosalux.de · www.rosalux.de

HANNO BALZ

»Sympathisanten« als politisches


Feindbild
Während des letzten Jahres ließ sich in der medialen zwischen der, inzwischen historischen, Bedrohung
Öffentlichkeit, angesichts einer breiten linken Mobili - durch die RAF und einer erstarkten linksradikalen
sierung zum G8-Gipfel, wieder einmal eine breite Front Bewegung, die auch militante Aktionsformen nicht
der Abgrenzung von linker Politik feststellen, auch ausschließt, gezogen. So mochte es kaum verwundern,
wenn teilweise Verständnis für die Anliegen moderater dass auch alte Begrifflichkeiten in ihrer Funktion als
GipfelstürmerInnen geäußert wurden. Nun jährten sich negative Zuschreibung eine Renaissance erlebten. Am
2007 auch die Ereignisse, die unter der Chiffre „Deut - deutlichsten wird dies im Wiederaufleben des “Sympa-
scher Herbst“ gefasst werden, zum 30. Mal – die Zei - thisanten”-Begriffs, der in der bundesdeutschen Ausein-
tungen waren voll von Rückblicken auf die „Offensive andersetzung mit dem „Terrorismus“ in den 70er Jahren
1977“ der Roten Armee Fraktion. eine unrühmliche Prominenz erreichte.

Die nützliche Abrechnung mit der RAF Feindbegriff „Sympathisant“


Nicht ganz zufällig fanden sich die Rückblicke auf den Der Begriff des oder der “Sympathisanten” ist als poli-
bundesdeutschen „Terrorismus“ und die Berichte über tische Kategorie oder als Feind-Zuschreibung in den
die Anti-G8-Proteste Spalte an Spalte in der Tagespres- öffentlichen Debatten vor 1970 nur am Rande zu finden.
se wieder. Die letzte Abrechung mit der RAF verweist Die Bedeutungsverschiebung des ursprünglich positiv
dabei vor allem auf die Aktualität einer Bedrohung von besetzten Begriffes (Sympathie = griech. „Mitempfin-
links, für welche die ehemaligen Protagonisten der den“) zu einer Zuschreibung gesellschaftlichen Aus-
Stadtguerilla noch immer herhalten müssen. Dies zeigte schlusses ist hier tatsächlich auf den Beginn der 70er
beispielhaft die inszenierte moralische Empörung über Jahre zu verorten: Taucht ‘Sympathisant’, in einer eher
das solidarische Grußwort von Christian Klar, das auf neutralen Bedeutung, erstmals überhaupt 1970 im
der Rosa-Luxemburg-Konferenz im Februar 2007 ver- Duden auf, so wird er ebendort bereits 1974 umrissen
lesen wurde. BILD titelte kurz darauf aus Anlass der mit „jmd. der einer (extremen) politischen od. gesell-
Freilassung von Brigitte Mohnhaupt: “Schlimmste Ter- schaftlichen Gruppe od. Anschauung wohlwollend
roristin frei!”1, als würde die inzwischen 59-jährige gegenübersteht und sie unterstützt.“3
umgehend wieder in den Untergrund abtauchen wollen. Die abwertende Bedeutung des Begriffes, wie sie im
Darüber hinaus lassen sich jedoch auch mediale Kon- Duden zumindest vorübergehend festgelegt wurde, ist
struktionen einer Analogie der inzwischen historischen Ausdruck der Entwicklung des “Sympathisanten”-
RAF mit dem „islamistischen Terrorismus“ finden, wie Begriffes, der in den 70er Jahren eine wirkungsmächti-
beispielsweise im Falle einer im September festgenom- ge Dimension von hohem ideologischen Gehalt auf-
menen Zelle deutscher Islamisten. Nach der Festnahme wies, wie sie sich in späteren Auseinandersetzungen
titelte die Süddeutsche Zeitung: „Viel Ähnlichkeiten mit nicht mehr finden lässt – der Begriff des “Sympathisan-
den Terroristen der RAF“.2 ten”, so schien es lange Zeit, hat sich zu einem großen
Auf der ideologischen Ebene wurden in bundesdeut- Teil mit der RAF aufgelöst. Vor allem aber entstammt
schen Medienkommentaren immer wieder Analogien
3 Müller, Wolfgang u.a.: „Duden Fremdwörterbuch“, 3. Auflage.,
1 „Schlimmste Terroristin frei!“, BILD, 26.3.2007, S. 1. Mannheim/Wien/Zürich, 1974, S. 706. In der Dudenausgabe von
2 Leyendecker, Hans: „Viel Ähnlichkeit mit den Terroristen der 1986 heißt es wiederum nur noch: „jemand, der einer Gruppe oder
RAF“, Süddeutsche Zeitung, 8./9. 9. 2007, S. 5. Weltanschauung wohlwollend gegenübersteht.“
der Begriff eher einer konservativen Gedankenrichtung, ner ‘Karriere’ jede Einsicht in das Unrechtmäßige sei -
die auch im politischen Kontext von einer „Idee“ spricht, ner späteren Taten schwer gemacht wurde. Von wem?
welcher Sympathie entgegengebracht wird, was letztlich Von einer breiten Sympathiewelle der linken Schickeria
nur ein Ausdruck passiven Einverständnisses ist. Auf Sei- in der Bundesrepublik.”4
ten der Linken dagegen ist der Bezug zu einer politischen
Bewegung seit dem 19. Jahrhundert mit dem Begriff der
„Solidarität“, also mit einem Bekenntnis auch zu einem Personen statt Politik
aktiven Eingreifen, gekennzeichnet.
Im “Sympathisanten”-Diskurs der 70er Jahre haben wir Zunächst ist der “Sympathisanten”-Begriff eng verbun-
es mit einer ideologischen Frontenbildung mitten durch den mit der medialen Strategie der Personalisierung:
die Gesellschaft zu tun, deren Ausdruck schließlich „Weil der Begriff nichts über den so Bezeichneten aus-
auch die Einführung von Gesetzen war, die schon sagt, ist mit ihm alles über die Person gesagt. Die Sym-
bestimmte Äußerungen und damit ‚Gesinnungen’ krimi- pathisanten-Definition wird zum ‚übergeordneten Sta-
nalisierten. Dies verdeutlichte, dass hier das gesell- tus’, der einerseits eine negative Identität zuschreibt,
schaftliche Innen, die bundesdeutsche Gesellschaft, von andererseits den Träger dieser Identität außerhalb der
einem inneren Feind bedroht ist. Im Gegensatz zum legitimen Statushierarchie ansiedelt.“5
offen zutage tretenden „Terrorismus“ ist die Bedrohung Der ‘Sympathisant’ vereint so im Diskurs die ihm zuge-
durch die kaum greifbaren „Sympathisanten“ zwar indi- schriebenen Eigenschaften mit seiner symbolischen Iden-
rekter, dennoch, so wurde immer wieder von Medien tität. Wichtig für den Erfolg von Personalisierungen in
und Politik betont, am Ende sogar gefährlicher für Staat den Medien ist die Kopplung an prominente Personen.
und Gesellschaft. Denn in der diskursiven Zuschreibung Ihre Prominenz erst lässt sie als geeignete Träger der
lassen sich die „Sympathisanten“ im Vergleich zum zugeschriebenen gesellschaftlichen Verhältnisse und Pro-
inneren Feind des „Terroristen“ noch weiter im Inneren bleme erscheinen. Gerade die Kontakte von Ulrike Mein-
der Gesellschaft verorten: Befinden sich die „Terrori- hof zu linken Intellektuellen und ihr nach wie vor hohes
sten“ durch die Illegalität und die Grenzüberschreitung Ansehen unter ihnen ermöglichten den Illegalen, auf eine
der direkten Gewaltanwendung bereits außerhalb Reihe von Helfern, die Wohnungen, Autos und Ausweis-
gesellschaftlicher Akzeptanz, überhaupt einer Sichtbar- papiere zur Verfügung stellten, zurückgreifen zu können.
keit als Untergetauchte, so ist der ideologische Status Die Motivation für eine Unterstützung bei denen, die
des „Sympathisanten“ noch wenig geklärt. Stärker als nicht unbedingt hinter der Praxis eines bewaffneten
die Illegalen ist erst der ‘Sympathisant’ wirklich sprach- Kampfes stehen wollten, mag unterschiedlich gewesen
lich erzeugt, was sich gerade auch darin ausdrückt, dass sein: Der zwischenmenschliche Kredit alter (politischer)
sein (sprachliches) Handeln strafrechtlich, zumindest Freundschaften, ein schlechtes Gewissen, inzwischen
zunächst, nicht zu sanktionieren wäre. ‚arriviert’ zu sein und doch etwas ‚machen zu müssen’
und eine Projektion der eigenen, nicht gelebten, Radika-
lität auf eine Gruppe vermeintlich Radikalerer.
Vom „Sympathisanten“ zum Vor allem einige frühe Aussteiger aus der RAF berich-
„Helfershelfer“ teten von (angeblichen) Helfern und nannten vor
Gericht und in den Medien Namen, so dass BILD titel-
te: „Pfarrer und ein Professor halfen der Meinhof-
Sind die ‘Sympathisanten’ zwar zunächst keine eigen- Bande“6. Vor allem der linke Hannoveraner Soziologie-
ständige Bedrohung für das gesellschaftliche Kollektiv, Professor Peter Brückner geriet ins Zentrum der
so werden sie doch als ‚Helfershelfer’ der bedrohenden Verdächtigung und Verfolgung, da sich Ulrike Meinhof
Gewalt interpretiert. Darüber hinaus entwickelten sie
sich zunächst in den konservativen Medien, später dann 4 „Während Baader weinte und fluchte, strickte die Ensslin Pull-
over“, in: BILD, 7.06.1972, S. 3. Hierzu sei allerdings auch ange-
im ‚Deutschen Herbst’ auch aus liberaler Sicht, zu
merkt, dass sich im Verlauf der Eskalation bis zum „Deutschen
einem wesentlichen strukturellen Element des “Terro- Herbst“ 1977 auch die liberalen Printmedien wie Die Zeit, die
rismus”. So zielte vor allem der konservative Diskurs Frankfurter Rundschau und die Süddeutsche Zeitung an den Aus-
grenzungsbemühungen immer stärker beteiligten und auch hier
darauf ab, die “Sympathisanten” nicht nur als „Rädchen spätestens 1977 die „Sympathisanten“ als wesentliches Problem
in der Maschine“ erscheinen zu lassen, sondern mehr des „Terrorismus“ gesehen wurden.
noch als Faktor, der den “Terrorismus” erst am Leben 5 Treiber, Hubert: „Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit
dem Terrorismus: Die Inszenierung ‚symbolischer Kreuzzüge’ zur
erhält. Darüber hinaus ging beispielsweise BILD so Darstellung von Bedrohungen der normativen Ordnung von
weit, die RAF-Mitglieder als von den “Sympathisanten” Gesellschaft und Staat“, in: Sack, Fritz/Steinert, Heinz (Hg.):
angetrieben, bisweilen fast schon genötigt darzustellen: „Protest und Reaktion“ (Band 4/2 der „Analysen zum Terroris-
mus“), Opladen, 1984, S. 320-363, S. 325.
“Andreas [Baader, H.B.] wird schwarz auf weiß bewei - 6 „Pfarrer und ein Professor halfen der Meinhof-Bande“, in: BILD,
sen können, daß ihm in den entscheidenden Stunden sei - 19.1.1972, S. 1.

2
in seinem Ferienhaus aufgehalten haben soll. Schließ- und folgende Wiedereingliederung der Nationalsoziali-
lich wurde er vom niedersächsischen Bildungsminister sten für ihn die Folie seiner Kritik an der staatlichen
vom Dienst suspendiert. Verfolgung der RAF: „Ulrike Meinhof muß damit rech -
nen, sich einer totalen Gnadenlosigkeit ausgeliefert zu
sehen. Baldur von Schirach hat nicht so lange gesessen,
Die Kontaktschuld der Intellektuellen wie Ulrike Meinhof sitzen müßte.“ Einen ähnlichen
Bezug stellte 1977 auch Erich Fried in seinem berühm-
Der gesellschaftliche Aufschrei war auch deshalb so ten Gedicht „Die Anfrage“ her, wenn er aus Anlass des
schrill, da offenbar, wie es die Medien immer wieder in Stammheimer Urteils fragt: „Aber Anfrage an die Justiz
dieser Frühphase der RAF betonten, die Stadtguerilla / betreffend die Länge der Strafen: / Wie viel Tausend
„die meisten Sympathisanten und Helfer vor allem in der Juden / muss ein Nazi ermordet haben / um heute ver-
gutbürgerlichen Gesellschaft“ finden würde.7 Das kriti- urteilt zu werden / zu so langer Haft?“11 Wie weit die
sierte Verhalten der „Helfer“ ist Folge der hier implizit Ausschlussbemühungen im Falle der “Sympathisanten”
vermuteten moralischen Kontaktschuld, die sich aus der reichten, zeigt der Fall einer Bremer Lehrerin, die in
„Sympathie“ ergibt: „Ulrike Meinhof duzte Peter Brück - ihrem Unterricht Frieds Gedicht diskutieren ließ und
n e r ”, war für die WELT schon eine Titelzeile wert.8 In daraufhin vom Schuldienst suspendiert wurde. In einer
i rgendeiner Art von Kontakt gewesen zu sein, reichte anschließenden parlamentarischen Bürgerschaftsdebat-
demnach für eine moralische Verurteilung aus, was te gab der heutige Kulturstaatsminister Bernd Neumann
jedoch darüber hinaus auch strafrechtliche Relevanz (CDU) von sich, solche Bücher wie die von Fried wolle
haben konnte. In der sich verschärfenden Polarisierung er „lieber verbrannt sehen“.12
des Konfliktes konnte es daher nur zwei Möglichkeiten Heinrich Böll blieb, auch durch seine späteren Einmi-
eines Verhaltens geben, welche die “Sympathisanten”- schungen und durch seinen Roman „Die verlorene Ehre
Debatte vorgab: Wer Kontakt zu den Illegalen hat, hilft der Katharina Blum“, noch bis 1977 die zentrale Figur
ihnen, wer sie denunziert, hilft dem Staat.9 des „Sympathisanten“, der, so hieß es immer wieder,
Vor allem aber waren es in den frühen 70er Jahren die letztlich die eigentliche Gefahr für die gesellschaftliche
„Gesinnungstäter“, die die Gefährlichkeit des „Sympa- Ordnung darstellte. So titelte die Illustrierte Quick:
thisanten“ darstellten, allen voran der Schriftsteller „Die Bölls sind gefährlicher als Baader-Meinhof“.13
Heinrich Böll. Dieser hatte im Januar 1972 im Spiegel
in seinem berühmten Essay gefragt: „Will Ulrike Gnade
oder freies Geleit?“10 Böll forderte hier einerseits eine Die Begriffsgrenzen werden
nüchterne Betrachtung der RAF und sprach vom ver- ausgeweitet
zweifelten Kampf von „6 gegen 60 Millionen“. Es soll-
te doch möglich sein, dass Ulrike Meinhof die Chance
haben sollte, sich zu stellen, wenn sie es denn wolle und Schon bald waren im Falle der „Sympathisanten“ Stig-
ihr dann ein fairer Prozess gemacht werden, forderte mata und Diskursrahmen gesetzt, — der Kampfbegriff
Böll und äußerte seine Angst, dass es auch im Fall der ist Allgemeingut. Auch die kritische Stimme musste
RAF am Ende nur wieder hieße: „Auf der Flucht sich nun an dem durchgesetzten “Sympathisanten”-
erschossen“. Auf der anderen Seite wendete sich Böll, Begriff orientieren. Ihn komplett in Frage zu stellen,
als großer Moralist seiner Zeit, in diesem Zusammen- war nahezu unmöglich geworden. Eine Folge hiervon
hang gegen die Hetzkampagnen der Springer-Presse war, dass die Stimme der Kritik nicht mehr ernst
und fand hier klare Worte, wie sie heute sicherlich kaum genommen werden musste, die Antwort auf kritische
noch ein Literat auszusprechen wagen würde: „Das ist Stimmen war nun oft die Verächtlichmachung bis hin
nicht mehr kryptofaschistisch, nicht mehr faschistoid, zur Preisgabe an die Lächerlichkeit. Im Fall der Schrift-
das ist nackter Faschismus, Verhetzung, Lüge, Dreck.“ stellerin Luise Rinser, die sich nach der Verhaftung von
Immer wieder war für die sich einmischenden Intellek- Baader, Ensslin und Meinhof kritisch über die Haftbe-
tuellen wie Böll die Auseinandersetzung mit den natio- dingungen äußerte, brauchte BILD nicht viele Worte:
nalsozialistischen Wurzeln der Bundesrepublik von zen- “Die Vorstellungen einer erwachsenen Frau wie Luise
traler Bedeutung. So war gerade die geringe Bestrafung Rinser sind ein erschütterndes Beispiel für die Geistes -

7 „Ruhland nennt vor Gericht Helfer der Baader/Meinhof-Bande“, 10 Hier und im Folgenden: Böll, Heinrich: „Will Ulrike Gnade oder
Die WELT, 20.1.1972, S. 1. freies Geleit?“, Der Spiegel, 10.1.1972, S.54-57.
8 Die WELT, 20.1.1972, S. 1. 11 www.erich-fried.de (25.4. 2007)
9 Dies gilt zunächst für den massenmedialen Diskurs. In der Linken 12 Köhler, Otto: „Frau Merkels ‚Kärcher’“, in: Freitag, Nr. 48, 2. 12.
zeigten sich durchaus Parallelen, wenn zum Beispiel Stimmen laut 2005.
wurden, die sich gegen eine Unterstützung der RAF-Mitglieder bis 13 „Die Bölls sind gefährlicher als Baader-Meinhof“, Quick, 2.2.1972,
hin zur Denunziation aussprachen, um somit zwar nicht dem Staat zit. in: Grützbach, Frank (Hg.): „Heinrich Böll: Freies Geleit für
zu helfen, als vielmehr einer legalen Linken. Ulrike Meinhof. Ein Artikel und seine Folgen“, Köln, 1972, S. 147.

3
verwirrung, die viele der Baader-Meinhof-Sympathi - die ‚Besinnung auf unsere gemeinsamen Grundwerte’.
santen befallen hat.”14 Die politische Metapher des Sympathisanten übernimmt
Zunehmend zeigte sich der Versuch, die Grenzen zwi- eine wichtige Funktion bei der Stiftung gemeinsamer
schen “Sympathisanten”, „Unterstützern“ und „Terrori- Bedeutungen, Wahrnehmungen und Gewissheiten in der
sten“ immer undeutlicher werden zu lassen. So wurden Öffentlichkeit.“16
erstere beide als „Helfershelfer“ zusammengefasst, egal In dieser Logik muss der „Sympathisant“ schließlich
ob ihr Engagement strafrechtlich von Belang war. Das prominent sein bzw. als Vorzeichen für einen bekannten
stand letztlich auch im Widerspruch gegenüber der For- Sachverhalt zu verstehen sein. Brückner stand dement-
derung nach einer klaren juristischen Einordnung des sprechend exemplarisch für die linken Hochschullehrer,
Phänomens. Der „Unterstützer“ wurde nicht per Defi- die damals regelmäßige Thematisierungen in den Medi-
nition des Gesetzes geschaffen, sondern vielmehr waren en erfuhren, vor allem durch die Debatte um die Berufs-
es die vielen Stimmen von rechts, die schließlich auf verbote. Der Berliner Bischof Kurt Scharf und auch der
eine Neu-Definition der Gesetze drangen. Dass sich Theologe Helmut Gollwitzer standen beispielhaft für
diese Position immer mehr durchsetzte und letztlich kirchliche Kreise, die sich inzwischen ebenso einem
SPD/FDP-Politiker den Gesetzesänderungen zustimm- Grundverdacht ausgesetzt sahen, wie Hochschullehrer
ten, ist als Erfolg der konservativen Kampfansage zu und Schriftsteller.
werten: Im zweiten großen „Anti-Terror-Paket“, das am Durch die Prominenz der Fälle lässt sich am besten
18. August 1976 verabschiedet wurde, wurde mit dem demonstrieren, was für viele gelten sollte. Die Personen
§129a Strafgesetzbuch/StGB auch die „Werbung“ für müssen nicht mehr vorgestellt werden, so dass wenige
die neu definierte „terroristische Vereinigung“ strafbar Fälle ausreichen, um ein Gesamtphänomen zu veran-
gemacht, wie mit §130a die „Anleitung zu Straftaten“. schaulichen.
Ein ebenso reiner Gesinnungsparagraf war der §88a, der Letztlich haben wir es hier mit Elementen einer tradier-
die „verfassungsfeindliche Befürwortung von Gewaltta- ten reaktionären Intellektuellenkritik zu tun, die sich
ten“ unter Strafe stellte.15 Immerhin wurden §88a und verstärkt mit einer Kulturkritik verbindet. So wurde die
§130a im Jahr 1981 wieder abgeschafft. Kritik an den Intellektuellen „mit einer aus der Tiefe
Zunehmend geht es in dieser Auseinandersetzung um einen eines unsicheren Zeitempfindens hervorbrechenden
Kulturkampf, – der Fokus auf das strafrechtlich zu sanktio- Kulturkritik verschmolzen.“17
nierende Element des „Terrorismus“ tritt hinter einem sehr Hierin liegt auch eine Enttäuschung über die Prominen-
viel grundsätzlicheren Kampf zurück. Die „Gesinnung“/ ten begründet, die ihre ansonsten zugesprochene Rolle
Ideologie wird nun zum eigentlichen Feind erklärt und als gesellschaftliche Integrationsfigur nicht mehr aus-
damit wird deutlicher als an anderer Stelle ausgesprochen, füllen. Sie machen sich eines Vertrauensbruchs schul-
dass eben nicht nur die zwei Dutzend Untergetauchten dig, was den Vorwurf beinhaltet, die Öffentlichkeit habe
gemeint sind, sondern in der Auseinandersetzung um den sie doch erst ‚groß’ gemacht, ihnen die herausragende
“Terrorismus” die gesamte Linke unter den inquisitori- Position im Diskurs verschafft, die sie jetzt gegen die
schen Verdacht des „Sympathisantentums“ gerät. propagierten „Interessen der Allgemeinheit“ ausnutzen
würden. Der Prominente/Intellektuelle sei als „Sympa-
thisant“ konstitutiv am Entstehen des “Terrorismus”
Traditionen einer reaktionären beteiligt gewesen, dabei aber gesamtgesellschaftlich
Intellektuellenkritik immer nur eine Minderheit. Dabei sei gerade der Intel-
lektuelle, immer wieder auch verächtlich gemacht als
weltfremder „Dichter“, in umso größerer Schuld
A u ffallend war die damalige Personalisierung der gegenüber der Gesellschaft, weil diese ihm erst die Pri-
“Sympathisanten”, die in Parallele zur Personalisierung vilegien eines guten Einkommens und der körperlosen
der RAF zur sehen ist. Auch bei der Darstellung des Arbeit ermöglichte. Zudem gilt er im politischen Dis-
“Terrorismus” stehen die jeweiligen (vermuteten) Per- kurs als kompetenzlos, da er keine direkten Erfahrungen
sonen und ihre Biographien im Vordergrund, während mitbringe und letztlich auch nicht in die Verantwortung
politische Erklärungen immer mehr verschwanden. für die Folgen seiner Forderungen gezogen werden
Zunächst wurde über die Person des “Sympathisanten” kann – genau dies sollte sich mit dem “Sympathisan-
die Zugehörigkeit zum gesellschaftlichen Kollektiv ten”-Vorwurf ändern. Die den Intellektuellen gesell-
verhandelt: „Der begriffliche Kristallisationspunkt des schaftlich zugewiesene Rolle der Kritik wurde dabei
Sympathisanten ermöglicht und strukturiert vor allem zunehmend in Frage gestellt und deren diskursives
14 „Baader und Ensslin: Schöne Tage in Paris“ (Teil einer Serie mit Gewicht zu verringern gesucht, oder, wie es Treiber
dem Titel: „Andreas Baader: Verpfuscht in alle Ewigkeit“), BILD,
8.6.1972, S. 8. 16 Treiber, S. 329.
15 Vinke, Hermann/Witt, Gabriele: „Die Anti-Terror-Debatten im 17 Korte, Karl-Rudolf: „Der Standort der Deutschen“, Köln, 1990, S.
Parlament. Protokolle 1974-1978“, Reinbek, 1978, S. 14. 53.

4
zusammenfasst: „Was Intellektuelle treiben, ist ‚Kritik tischen, meist maoistisch geprägten Parteien/Organisatio-
als Beruf’, deren Erfolg auf die ‚Störung’ der ‚Norma- nen wie der „Kommunistische Bund Westdeutschland“,
lität’ ausgerichtet ist.“18 In Zeiten der Krise wurde der die KPD/Marxisten-Leninisten oder die KPD/Aufbauor-
Status der Intellektuellen schließlich grundlegend hin- ganisation, studentischen Organisationen und ‚Anti-Fol-
terfragt, es bleibt der Eindruck, die Gesellschaft ‚leiste’ ter Komitees’. Beides wurde als „Rekrutierungsbecken“
sich die Stimmen der Kritik lediglich aus Wohlwollen. einer neuen „Terroristen“-Generation angesehen, wobei
Und so beinhaltete die Auseinandersetzung über die letztlich aus den K-Gruppen, anders als behauptet, nie-
„Sympathisanten “ immer auch die Drohung, sich die- mand in die Stadtguerilla gewechselt ist.
sen Stimmen zu verschließen. An dieser Stelle wurde ein weiterer Schritt vollzogen,
die Aufweichung und Ausweitung der Grenzen zwi-
schen „Sympathisant“ und „Terrorist“ voranzutreiben.
„Anschläge mit Tinte“ Der „Sympathisant“ war nun ein Aktiver im Gesamt-
plan des “Terrorismus”, insgeheim ging sein Handeln
Bald schien die Grenze zwischen „Terroristen“ und über die Teilnahme am Diskurs hinaus.
„Unterstützern“ (bzw., wie es damals im Feuilleton auch Auch die sprachlichen Bilder kündeten von einer tra-
hieß: zwischen „Armee“ und „Reserveheer“) nicht mehr dierten Feindschaftserklärung: Vor allem in diesem
auszumachen, wobei ebenso wenig zwischen der Art einer Kontext findet sich eine Reihe von Natur-Metaphern in
angeblichen Unterstützung unterschieden wurde. Franz ihrer Funktion als Kollektivsymbole. Da ging es um den
Josef Strauß versuchte sich sogar in einer expliziten „Sympathisanten-Sumpf“, den Horst Herold „trocken-
Gleichsetzung, als er betonte: “Mit Tinte sind genauso legen“ sollte,22 den „Nährboden“ (dazu passend: die
viele Verbrechen und vom Katheder genauso viele aufgehende „Saat“), die „Nische“ (im „Dickicht“ der
Anschläge begangen worden wie später auf der Straße.”19 Großstadt), aber auch um Krankheitsbegriffe wie
In diesem Punkt unterschied sich Strauß’ Aussage wenig „Metastasen“ oder „Baader-Meinhof-Infekt“.
von der Willy Brandts, der ebenso die Verantwortung für Das Organische charakterisiert die Bedrohung durch
den „Terrorismus“ bei den “Sympathisanten” suchte: die gesichtslose Masse der linken Solidarität, es ent-
Diese seien „für die Tat ebenso verantwortlich wie für menschlicht und verlagert diese in einen vorzivilisato-
Ponto-Mord und Buback-Mord, ‘vielleicht in einem rischen Zustand. Dabei befindet sich gerade die
unvergleichlich höherem Maße’als die Täter, ‘jene Fana - „Sumpf“-Metapher in Tradition zur faschistischen Rede
tiker, die den Abzugshebel der Maschinenpistolen bedie - vom „roten Sumpf“, auch vom „Trockenlegen des bol-
nen’(...) Sie bilden die ermunternde Kulisse, vor der die schewistischen Sumpfes“.23 Der „Sumpf“ ist eine hin-
Mörder als Helden agieren können.’“20 terhältigere Gefahr als die die Masse charakterisierende
Nachdem die Einwände kritischer Intellektueller wei- „Flut“, er zieht auch den Aufrechten langsam zu sich
testgehend ins ideologische Abseits verwiesen wurden, hinab. Dabei ist oft nicht zu erkennen, wo der Sumpf
weitete sich Mitte der 70er Jahre das Bild der „Sympa- beginnt und wo er aufhört, welche Stellen betret-
thisanten“ noch aus: Auslöser war die Gründung von bar sind. Demgegenüber stehen die Bezwinger der
„Anti-Folter Komitees“21 in verschiedenen bundesdeut- Natur, die mittels der Errungenschaften der Moder-
schen Städten und eine gestiegene Aktivität von Unter- ne den Sumpf „austrocknen“ und „trockenlegen“. Ent-
stützergruppen während des Hungerstreiks der RAF- sprechend sind die Bilder für die Gegenseite der
Gefangenen im Herbst 1974. “Sympathisanten”-Metaphern: Der Polizeiapparat, die
War die Nähe zwischen „Terroristen“ und “Sympathisan- F a h n d u n g smaschine, der Fahndungscomputer, der
ten” zuvor im Zusammenspiel von gleicher bürgerlicher Betonbunker...
Herkunft und revolutionärer Ideologie begründet, so ist Auch über diese Sprachschöpfungen hat sich eine Dis-
nun auch die Bereitschaft zur Aktion ein verbindendes kurskontrolle durchgesetzt, die Sprechverbote regelte,
Glied, das die “Sympathisanten” synonym zu „Unterstüt- welche vielfach nicht mehr kritisch hinterfragt wurden.
zern“ setzt. Dabei vollzog sich die Gleichsetzung eines So machte sich jeder, der den Begriff ‚Baader/Meinhof-
großen Teils der linken Szene mit diesen „Unterstützern“, Gruppe’ statt ‚Baader/Meinhof-Bande’ verwendete, von
vor allem im Bezug auf die K-Gruppen, also die dogma- vorneherein verdächtig. Aus dem „Verharmloser“
wurde schnell ein „Sympathisant“. Der sich verselbst-
18 Treiber, S. 332.
19 Zit. in: „’Jeder fünfte denkt etwa so wie Mescalero’“, Der SPIEGEL, ändigende Vorwurf traf sogar einige Politiker der sozi-
Heft 41, 3.10.1977, S. 49-63. Verwiesen sei an dieser Stelle auf die al-liberalen Koalition und vor allem der Jungsozialisten
lange Tradition des Sprichworts „The pen is mightier than the sword“ in der SPD. Aber auch das Wort „Knast“, ausgesprochen
(Edward Bulwer-Lytton), die bis zu Euripides zurück reicht.
20 „’Mord beginnt beim bösen Wort’“ (I), Der SPIEGEL, Heft 41, 22 „Fahndung: Was gerade läuft“, Der SPIEGEL, Heft 23, 2.6.1975,
3.10.1977, S. 28-47 S. 28-30. Der „Sumpf“ wird hier zum gängigen Bild, auch Mini-
21 Die „Komitees gegen Folter an der politischen Gefangenen in der sterpräsident Filbinger spricht vom „austrocknen“ des Sumpfes.
BRD“ wurden am 7. April 1973 von den Verteidigern der RAF- 23 Theweleit, Klaus: „Männerphantasien“ (Band 1), Reinbek, 1980,
Angeklagten ins Leben gerufen. S. 405.

5
von einer Gefängnisgeistlichen, machte diese verdäch- neten Kampf und um eine Positionsbestimmung der Lin-
tig und kostete sie den Job.24 ken unter den Vorzeichen der undogmatischen Bewe-
gung: „Wir alle müssen davon runterkommen, die Unter-
drücker des Volkes stellvertretend für das Volk zu hassen,
„Klammheimliche Freude“ so wie wir allmählich schon davon runter sind, stellver-
tretend für andere zu handeln oder eine Partei aufzubau-
Der Kampfbegriff des „Sympathisanten“ löste sich en. (...) Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: A n a r-
schließlich vom eigentlich Bezeichneten und entwickelt chie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“27
sich zu einem Label für die Diffamierung des politi- Die Reaktionen in Politik und Medien überschlugen
schen Gegners (von links). In diesem Sinne prägten sich in den folgenden Wochen förmlich, die WELT for-
demonstrative Akte die Debatte, sie waren Teil einer derte nicht als einzige: “ Wer Terroristen unterstützt,
Polarisierungsstrategie und äußerten sich in Vorwürfen, gehört an keine deutsche Hochschule.”28
Denunziationen, Distanzierungen und Bekenntnissen. Im gleichen Tenor appellierte der damalige Bundesju-
Seine Zuspitzung fand der Diskurs vom gesichtslo- stizminister Hans-Jochen Vogel an die Allgemeinheit:
sen “Sympathisanten” schließlich in der berühmten “Was jetzt Not tut, ist deshalb (...) die volle moralische
„ M e s c a l e r o “ - A ffäre. Nachdem Generalbundesanwalt Solidarisierung mit allen, die auf diesem Gebiet ihre
Siegfried Buback von einem Kommando der RAF Pflicht tun (...) die moralische Isolierung aller, die mit
erschossen wurde, veröffentlichten die „Göttinger Terror und Gewalt noch immer sympathisieren, und sei
Nachrichten“, die Zeitung des AstA der Universität Göt- es auch nur durch ein unterschwelliges Werben um Mit -
tingen, am 25. April 1977 den Kommentar eines anony- leid oder Verständnis für die Gewalttat.”29 Inzwischen
men Göttinger Studenten unter dem Pseudonym „ein hat sich gar der Vergleich der linken Hochschulszene
Göttinger Mescalero“.25 Der Autor stammte aus dem und anderer Aktivisten mit dem Nationalsozialismus
Umfeld der undogmatisch-spontaneistischen „Stadt- etabliert, – so fragt beispielsweise der Spiegel im
Indianer“ und repräsentierte damit die zunehmende Zusammenhang mit dem „Mescalero“-Artikel, ob an
Abwendung der radikalen Linken sowohl von den deutschen Hochschulen Faschismus aufkeime.30
orthodoxen K-Gruppen als auch vom bewaffneten Es folgte eine Welle staatlicher Repression: In Göttingen
Kampf. Dieser Artikel mit dem Titel „Buback, ein waren fünf Wochen nach Erscheinen des Nachrufes meh-
Nachruf“ sorgte innerhalb kürzester Zeit für politische rere Hundertschaften der Polizei im Einsatz und durch-
Aufregung. Bereits am 28. April erstattete der Göttinger suchten die Räume des AStA, einen Buchladen, das Büro
RCDS Strafanzeige gegen Unbekannt, was das Interes- des KBW und 17 Privatwohnungen.31 An vielen Univer-
se der überregionalen Medien hervorrief. sitätsstandorten wurden überdies Anzeigen gegen die
Der dreiseitige Kommentar ist von einer auffälligen A m b i- ASten erstattet, welche in irgendeiner Weise an einer Ve r-
valenz und so am ehesten als Ausdruck der zunehmenden breitung des Textes beteiligt gewesen sein sollten.
Unsicherheit der Linken in der Frage zu verstehen, inwie- Zu einem weiteren Aufschrei der Empörung kam es, als
weit auf die RAF noch ein Bezug herzustellen war. Hier- eine Gruppe von 48 Hochschullehrern, unter ihnen
mit ist „Buback, ein Nachruf“ durchaus als typisches Pro- Peter Brückner, Heide Gerstenberger, Claus Offe und
dukt einer Auseinandersetzung mit der Wechselwirkung Ulrich K. Preuß, den „Mescalero“-Text als Dokumenta-
von staatlicher Repression und dem zunehmend isolierten tion mit einem Kommentar veröffentlichten. Auch hier
bewaffneten Kampf auf Seiten der Linken zu sehen. setzte die staatliche Repression ein, die verbeamteten Intel-
Am öftesten zitiert wird später die einleitende Passage lektuellen hatten gefälligst an der Seite des Staates zu ste-
der unmittelbaren Reaktion auf das Attentat: „Meine hen. Der niedersächsische Wissenschafts-Minister Pestel
unmittelbare Reaktion, meine ‚Betroffenheit’ nach dem forderte 11 der Unterzeichner auf, sich bis Ende Juli 1977
Abschuß von Buback ist schnell geschildert: ich konnte von dem „Mescalero“-Text offiziell zu distanzieren.32
und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht Kurz darauf wurden die niedersächsischen Herausgeber
verhehlen. Ich habe diesen Typ oft hetzen hören, ich des Nachrufs schließlich zum Unterzeichnen einer Treu-
weiß, daß er bei der Verfolgung, Kriminalisierung, Fol- eerklärung aufgefordert:
terung von Linken eine herausragende Roll spielte.“26
27 Ebd., S. 25f.
Diese Feststellung ist jedoch lediglich Einstieg zu einer
28 Loewenstern, Enno v.: „Die un-heimliche Freude am Mord“, Die
linken Selbstkritik, die auch vor den Emotionen des WELT, 7.5.1977, S. 6.
Autors keinen Halt macht. Im Verlauf des Textes geht es 29 Vogel, Hans-Joachim: „Ich lasse nicht zu, daß Buback verhöhnt
wird!“, BILD, 17.5.1977, S. 2.
vielmehr um eine Auseinandersetzung mit dem bewaff- 30 Hier und im Folgenden: „Gefährliche Sekten Linksextreme Stu-
24 „Pfarrer: Nur in Schwarz“, Der SPIEGEL, Heft 43, 20.10.1975, S. dentenzirkel feiern die Buback-Mörder und predigen Gewalt -
50-52. keimt an den Hochschulen Faschismus auf?“, Der SPIEGEL, Heft
25 Brückner, Peter: „Die Mescalero-Affäre. Ein Lehrstück für Auf- 22, 23.5.1977, S. 44-47.
klärung und politische Kultur“, Hannover, 1981, S. 10. 31 Brückner, S. 12.
26 Zit. nach: Ebd., S. 24. 32 Brückner, 1981, S. 15.

6
„Im Zusammenhang mit den Ermittlungen der Nieder- Ein sich der kritischen Aufklärung verschriebenes Bil-
sächsischen Landesregierung zur Herausgabe der Doku- dungsbürgertum fand sich im Laufe des „Terrorismus“-
mentation ‚Buback – ein Nachruf ’ erkläre ich: Diskurses nun zunehmend an den Rand gedrängt und mus-
Mord oder Entführung oder überhaupt den Einsatz von ste einsehen, dass in Zeiten der Krise die propagierte,
Gewalt lehne ich in unserem freiheitlich-demokratischen normative Bürgerlichkeit nur als Loyalitätserklärung an die
Rechtsstaat unter jeder Bedingung ab. Deshalb verurteile Politik der „Inneren Sicherheit“ verstanden werden sollte.
ich terroristische Handlungen und alle Versuche, diese zu Die Auseinandersetzungen während des ‚Deutschen Herb-
rechtfertigen. Ich bin mir bewußt, daß ich als Beamter stes’ zeigten wie kaum eine andere Phase in der Geschich-
eine besondere Treuepflicht gegenüber dem Staat habe. te der Bundesrepublik die Flüchtigkeit des gesellschaftli-
Dieser fordert mehr als nur eine formal korrekte, im übri- chen Stellenwertes eines aufgeklärten Bürgertums. Hat der
gen uninteressierte, kühle, innerlich distanzierte Haltung sich als Bürger begreifende Deutsche im Zweifelsfall an
gegenüber Staat und Verfassung (...) Ich werde meiner der Seite des Staates zu stehen, welcher ihm den Status des
politischen Treuepflicht nachkommen. Diese hat sich ins- liberalen Kritikers jeweils nur auf Abruf gewährt?
besondere in Krisenzeiten und in ernsthaften Konfliktsi-
tuationen zu bewähren, in denen der Staat darauf ange- Nach 1977
wiesen ist, daß der Beamte Partei für ihn ergreift. Ich
distanziere mich in aller Form von dem Verfasser und Trotz alledem ließ sich nach dem Oktober 1977 in
dem Inhalt des sog. Buback-Nachrufs.“33 Ansätzen eine gewisse Nüchternheit im Bezug auf die
Hier sollte ein Exempel gegenüber den als „Sympathisan- “Sympathisanten”-Verfolgung ausmachen. So meldete
ten“ gebrandmarkten Intellektuellen statuiert werden. sich ausgerechnet der ehemalige Verfassungsschutzprä-
Tatsächlich unterschrieben alle bis auf Peter Brückner die sident Günther Nollau zu Wort und drang auf Mäßigung
peinliche Distanzierung. Brückner wurde daraufhin wieder bei der Verwendung des Begriffes.34 Nach der Eskalati-
einmal vom Dienst suspendiert. Schließlich wurden 1981 on von Mogadishu und Stammheim, und dem Ausblei-
alle Disziplinarmaßnahmen gegen Brückner aufgehoben, ben der vielfach beschworenen weiteren Attentate, schi-
jedoch starb dieser wenig später. en auch die Frage nach den “Sympathisanten” keine
entscheidende Rolle mehr zu spielen. Dies war jedoch
Staatliche Sprechverbote nicht einer besseren Einsicht geschuldet oder gar einer
Form von Selbstkritik. Vielmehr wurde jener abwerten-
Die ideologische Mobilmachung eines Staates in der de Begriff nicht mehr gebraucht. Die Rituale der
Krise lässt sich kaum besser veranschaulichen als mit Abgrenzung und Ausgrenzung waren oft genug vollzo-
diesem Dokument. In der staatlichen Praxis des Sprech- gen worden und bedürfen, aufgrund des vorläufigen
verbots materialisieren sich die Ausgrenzungsbemühun- Endes der Angriffe der RAF, keiner weiteren Belebung
gen der „Sympathisanten“-Debatte wie folgt: mehr. So spielte auch in den späteren Jahren der Aus-
1) Der Intellektuelle scheue sich, den “Terrorismus” zu einandersetzung mit der RAF die Folie der “Sympathi-
verurteilen und schaffe durch seine Stimme in der santen” als Auseinandersetzung mit radikalen und libe-
Öffentlichkeit eine Grundvoraussetzung dafür, dass sich ralen Stimmen nur noch eine untergeordnete Rolle. Bei
auch die Justiz schwer damit tut, zu verurteilen. der „Sympathisanten“-Frage hatte man es, wie auch im
2) Als Staatsdiener ließe er Treue vermissen, – wer vom gesamten “Terrorismus”-Diskurs, mit einer Verständi-
Staat bezahlt wird, muss diesem gegenüber auch (ideolo- gung über Grundwerte zu tun „bei denen es nur ein Ent-
gische) Gegenleistungen bringen. Ähnlich wie bei den weder-Oder gibt und bei denen deshalb Vorwurf und
prominenten “Sympathisanten” gilt der Vorwurf des Ver- Ausgliederung sowie demonstratives Distanzieren
trauensbruchs. Wie bei den Schriftstellern und Künstlern ineinsfallen“.35 Vor allem ging es dabei um Positionsbe-
der Vorwurf lautet, dass die Öffentlichkeit sie doch erst stimmungen im Diskurs und damit in der Gesellschaft.
‚groß’ gemacht habe, ist es hier der Staat, der den Ange- Dabei handelte es sich auf allen Seiten um eine ritu-
griffenen erst die herausgehobene Position qua Amt elle Darstellung von Politik: „Der ‚richtige’ Sprachge-
ermöglicht habe, von der aus sie jetzt gegen die propagier- brauch macht den Sprecher zum Teilhaber an den be-
ten „Interessen der Allgemeinheit“ argumentieren würden. wegenden Entscheidungsprozessen. Der “Sympathisan-
3) In der Umkehrung findet sich hier das implizite Bild ten”-Begriff ist ein Appell an die Mitglieder der eigenen
vom verschlagenen, falschen, doch eloquenten “Sympa- Gruppen und Beziehungsnetze ebenso wie an die
thisanten” wieder. Dies zeigt sich im Kontrast zu dessen Zuschauer, die im ‚Beklatschen’ oder Verdammen
politischen Aussagen aus einer „kühlen, innerlich erfahren, daß Politik etwas ist, was uns alle angeht, und
distanzierten Haltung“ heraus. in der wir alle eine wichtige Rolle spielen.“36
33 Zit. in: Raddatz, Fritz J.: „Staatstreue und Untertanengeist“, in: Duve, 34 Nollau, Günther: „’Sympathie allein ist kein Tatbeitrag’“, Der
Freimut/Böll, Heinrich/Staeck, Klaus (Hg.): „Briefe zur Verteidigung SPIEGEL, Heft 43, 17.10.1977, S. 206.
der bürgerlichen Freiheit“, Reinbek, 1978, S. 57-71, S. 63f. 35 Treiber, S. 337.

7
Abgrenzungsbemühungen waren für die Selbstvergewis- die „intellektuellen Voraussetzungen“, die für das Ver-
serungstendenz des gesamten “Terrorismus”-Diskurses fassen der „vergleichsweise anspruchsvollen Texte“ der
prägend. Hier ging es um Grenzziehungen und damit mg nötig seien. Bestimmte „Schlagwörter und Phrasen“
auch um gesellschaftliche Ein- und Ausschlüsse. Nicht wie beispielsweise „Gentrification“ und „Prekarisie-
die drei Dutzend Mitglieder der RAF waren es, die im rung“, die in wissenschaftlichen Texten H.s auftauchen,
eigentlichen Sinne ‚gemeint’ waren – vielmehr bleibt die seien auch in den Anschlagserklärungen zu finden.
Erkenntnis, dass der “Terrorismus”-Diskurs nicht in Noch abstruser erscheint das Indiz, der Wissenschaftler
erster Linie die benennt, von denen er spricht. könne ja auch ohne Aufsehen wissenschaftliche Biblio-
Das eigentliche Kampfterrain dieses Diskurses war das, theken für seine Recherche benutzen.
was der Innenminister Maihofer als viel zitiertes Programm Nun ist es einerseits Tradition der Behörden, Ermittlun-
der „geistigen Auseinandersetzung“37 mit dem “Terroris- gen nach §129a vor allem als Einschüchterungsinstru-
mus” vorgegeben hatte – also ein Kampf um die Köpfe. ment zu nutzen. So wurde in den 90er Jahren zwar
In einer Ausgrenzung, die hier bald große Teile der gegen mehr als 1300 Personen wegen „Terrorismusver-
Linke mit einbezog und diese vor allem gegeneinander dachts“ ermittelt, es kam jedoch im gleichen Zeitraum
auszuspielen versuchte, lässt sich die Gesellschaftsfor- noch nicht einmal zu 40 Verurteilungen nach §129a.39
mierung in einem Kulturkampf zwischen emanzipatori- Andererseits fügt sich die aufwendige staatliche Repres-
schem Aufbruch und restaurativer Eindämmung beson- sion in ein Gesamtbild der Ausgrenzung einer Linken,
ders deutlich ablesen. deren wichtiger Bestandteil ebenso der denunziatori-
sche „Sympathisanten“-Diskurs darstellt. Demnach
steht wieder der Intellektuelle als treibende Kraft hinter
Und heute? den Kriminalisierten, er stellt somit das eigentliche
gesellschaftliche Problem dar. Zur Folge hat dies, dass
Man musste 2007 den Eindruck gewinnen, dass die in den 70er Jahren wie auch wieder heute mit der Ver-
Wiederbeschwörung der historischen Bedrohung durch ständigung über die Rolle der „Sympathisanten“ eine
die RAF in gewisser Weise eine Referenz gesetzt hat, aktive Loyalität dem Staat gegenüber eingefordert wird.
nach altbewährtem Muster auch heute noch eine linke Der konservative Sozialphilosoph Günter Rohrmoser
Bewegung zu spalten und Teile von ihr zu kriminalisie- war 1977 nicht der Einzige, der in diesem Zusammen-
ren. Vor allem auf konservativer Seite wurden alte hang den „Abfall der Intelligenz von der Gesellschaft“
Erklärungsmuster und Feindbilder, hier vor allem das als Schreckensgemälde zeichnete.40
der „Sympathisanten“, wieder aus der Schublade geholt. Auch 2007 wird wieder deutlich, wie mit dem Gerede
Dies scheint im Fall der konservativen Medien durchaus über „Terrorismus“ und dessen angebliche, intellektuel-
auch wörtlich zu verstehen zu sein, wenn man sich bei- le Unterstützer, nicht in erster Linie bestimmte Personen
spielsweise bei der Lektüre der WELT des Eindrucks und Strukturen gemeint sind, sondern letztlich die
nicht erwehren kann, dass hier 2007 von den eigenen gesamte bundesdeutsche Linke.
Kolumnen aus den 70er Jahren abgeschrieben wurde.
So ist von einer „Armee der Klammheimlichen“ die Hanno Balz – Jg. 1971, Historiker und Kulturwissen -
Rede, gemeint sind „jene Zehntausende, die damals als schaftler an der Universität Bremen. Mailkontakt:
Sympathisanten fasziniert waren von der Idee, sich in hno@uni-bremen.de
Tötungsabsicht für Politik zu interessieren.“38
Am Fall des im Sommer 2007 vorübergehend inhaftier-
ten Berliner Stadtsoziologen Andrej H., gegen den
Veröffentlichungen zum Thema:
wegen §129a („Mitgliedschaft in einer terroristischen Kampf um die Grenzen: ‚Terrorismus’ und die Krise öffentlichen
Vereinigung“) ermittelt wurde, zeigt sich auch die Engagements in der Bundesrepublik der 70er Jahre. In: Knoch,
Renaissance des alten Feindbildes vom Intellektuel- Habbo (Hg.), Bürgersinn mit Weltgefühl. Politische Moral und
solidarischer Protest in den sechziger und siebziger Jahren, Göt-
len als „Sympathisanten“. Andrej H. soll nach Anga- tingen, 2007, S. 294-310.
ben der Bundesanwaltschaft mit Personen, die der Mit- Militanz, Blues und Stadtguerilla. In: rotaprint 25 (Hg.): Agit 883.
gliedschaft in der „militanten gruppe“ (mg) verdächtigt Bewegung, Revolte, Untergrund in Westberlin 1969-1972, Berlin,
2006, S. 127-139.
werden, an zwei „konspirativen Treffen“ teilgenommen Der ‚Sympathisanten’-Diskurs in der Bundesrepublik Deutschland.
haben. Vor allem aber wird er beschuldigt, Autor einiger In: Weinhauer, Klaus/Requate, Jörg (Hg.): RAF und Innere Sicher-
Erklärungen zu den Brandanschlägen der „mg“ gewe- heit, Frankfurt/Main, 2006, S. 320-350.
Mythos Medien. Die ‚RAF-Ausstellung’ und ihre Ikonografie der
sen zu sein. So verfüge der promovierte Soziologe über Ablenkung, www.zeitgeschichte-online.de.

36 Ebd. 39 „Was ist Terrorismus?“, Zeit-online, Nr. 44/2007, Zugriff: 11.12.2007.


37 “’Dann könnten Terroristen nur zum Nordpol’”, Der Spiegel, Heft 40 Zit. in: Schildt, Axel: „’Die Kräfte der Gegenreform sind auf brei-
19, 5.5.1975, S. 27-30. ter Front angetreten!’“, in: Archiv für Sozialgeschichte, 2004, S.
38 „Armee der Klammheimlichen“, Die Welt, 30.3.2007. 449-478, S. 451.