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RotFuchs / Februar 2013

Seite 27

Der „Ossi“ als Problembär der Nation

Wie die Medien der BRD den Chauvinismus im eigenen Land anheizen

E ine Studie zur Darstellung der Ost- deutschen in überregionalen Zeitun-

gen ist unlängst von Wissenschaftlern der Universität Leipzig vorgelegt worden. Wie die „Leipziger Volkszeitung“ am 13. Dezember 2012 berichtete, wer- den „die Ostdeutschen“ in den Medien „dezidiert negativ dargestellt“. Die gebürtige Britin Rebecca Pates (45), die seit 2001 eine Professur für Poli-

der Höhe der Zeit und dem Wessi stets unterlegen ist. Die Ostdeutschen werden als eigene defizitäre Volksgruppe porträ- tiert – wie Ausländer. Damit weist man auf

eigenen Schopf aus dem Dreck zieht. Doch das führt zu einer eindimensionalen Sicht, die noch dazu ausschließlich für den Ost- Markt bestimmt ist. Bei den überregiona- len Medien ist er, insofern er positiv dargestellt wird, „Knecht der Avant- garde“: Der passive Mensch, der Pio- nier des Prekariats, der nur dann gelobt wird, wenn es um die Einfüh- rung neuer Sozialgesetzgebung geht, und zwar in dem Sinne von: „Sogar der Ossi hat den Umbruch überstan- den, dann werden es die Deutschen auch schaffen.“

Die beiden Spitzenpositionen der Bun- desrepublik werden momentan von Ostdeutschen – Joachim Gauck und Angela Merkel – besetzt. Ausnahmen bestätigen die Regel. Schauen Sie einmal, wie viele Ossis es in Führungspositionen geschafft haben. Das liegt auch daran, daß Spit- zenfunktionen innerhalb der eigenen Ethnie besetzt werden, in unserem Fall also unter Westdeutschen.

Wie paßt dazu, daß Sachsen und Thü- ringen in Bildungsstudien stets weit

vorn liegen? Wer sagt denn, daß die in Sachsen und Thüringen gut Ausgebildeten tatsäch- lich auch oben ankommen? Das ist wie bei Frauen: Die besten Schul- und Hochschul- abschlüsse gehen an Frauen, aber auch sie sind auf Führungsebenen unterrepräsen- tiert. Vielleicht ist es an der Zeit für eine Quote für Ostdeutsche?

Das Interview wurde vom RF redaktionell gekürzt.

Signale der Solidarität

Anläßlich meines 80. Geburtstages sind mir von Politikern linker Parteien des In- und Auslandes, Redaktionen fort- schrittlicher Blätter mehrerer Länder, RF- Regionalgruppen sowie Kampfgefährten, Freunden und fairen Andersdenkenden aus Ost und West Signale der Solidarität zugegangen. Unser „Schwesterorgan“ „junge Welt“ reihte sich dabei auf bewe- gende Weise ein.

Ich bedanke mich für alle Freundschafts- gesten und betrachte sie als Beweise voller oder teilweiser Übereinstimmung mit den Positionen unserer Zeitschrift und unseres Fördervereins, die immer mehr fortschrittliche Menschen als ihre politi- sche Heimat betrachten.

Klaus Steiniger

als ihre politi- sche Heimat betrachten. Klaus Steiniger … im 23. Jahr Deines Beigetretenwordenseins, Deiner

… im 23. Jahr Deines Beigetretenwordenseins, Deiner Duldsamkeit und Demut, Deiner Dankbarkeit, daß wir Dich aus der Gosse holten, ernennen wir Dich zum Ehren-Ossi-Jecken auf Lebenszeit …

Collage: G. L.

den Ossi als eine ausgegrenzte Gruppe im eigenen Land, die durchaus auch ange- feindet wird.

Das könnte Wasser auf die Mühlen vieler Ostalgiker sein Darum darf es in einer Forschungsar- beit nicht gehen. Wir haben vier Jahre lang überregionale Beiträge in Zeitungen untersucht und sind zu diesen Ergebnis- sen gekommen. Das Kuriose an den Darstellungen ist, wie die Realität durch den Ost-West-Fokus umgedeutet wird. Beispielsweise werden ostdeutsche Frauen als gebär- und hei- ratsunwillig bezeichnet – in Deutschland und in Europa gibt es aber in diesen Fragen ein markantes Süd-Nord-Gefälle, das aber hier als West-Ost-Gefälle dargestellt wird. Ähnliches gilt für den Rechtsextremismus. Der ostdeutsche Mann steht gemeinhin für den bösen Neonazi – dabei bleibt unbeach- tet, daß Rechtsextremismus vor allem in ländlichen und strukturschwachen Räu- men erstarkt. Davon gibt es auch im Westen einige, und in denen haben rechtsextreme Gruppierungen genauso Zulauf. Doch das paßt nicht in das mediale Bild vom „Pro- blembären“.

Sie sagen, der Ostdeutsche wird nahezu ausschließlich negativ dargestellt. Gibt es nichts Gutes über die Darstellung des Ossi zu berichten? Vor allem die „Super-Illu“ verweist häu- fig auf den Umbruch-Ossi, der sich am

tikwissenschaften an der Alma mater der Messestadt innehat, gelangte zu dem Ergebnis: „Diese Ausgrenzung im eigenen Land ist hochgefährlich.“ In einem Interview stand sie Andreas Debski von der LVZ Rede und Antwort.

Frage: Vier Jahre mediale Ossi-For- schung liegen hinter Ihnen und Ihrer Projektgruppe – was sind die markan- ten Ergebnisse? Rebecca Pates: Es gibt, grob zusammen- gefaßt, drei Tendenzen in der medialen Darstellung des Ostdeutschen. Zwei davon sind dezidiert negativ. Der „gute Ossi“ ist der Umbrucherfah- rene, welcher als Vorbild für jene gelten soll, die sich gegen strukturelle Ände-

rungen wehren. Die beiden anderen Sichten auf den Ossi stellen ihn aber als Problembä- ren der Nation dar. Wenn die Sprache auf strukturelle Probleme kommt, wird er als schlechtes Beispiel angeführt. Man muß sich nur Berichte über Hartz IV, demogra- phischen Wandel oder Rechtsextremismus anschauen. Die Funktion dieser Darstel- lung ist eine Warnung: Werdet um Himmels Willen nicht so wie dieser Ossi! In der Kon- sequenz heißt das: Der Ostdeutsche wird mit dem „normalen Deutschen“ verglichen und damit als Nicht-Deutscher angesehen.

Der Ostdeutsche ist also im eigenen Land ein Ausländer? Genau. Der Ossi wird als Mitglied einer Personengruppe dargestellt, die nicht auf

Wer treu war, ist es auch jetzt

Ja, vieles hat sich geändert, aber die Menschen sind die gleichen geblieben; nur wissen wir jetzt besser, wer wer ist.

Wer anständig ist, war immer anständig. Wer treu war, ist es auch jetzt. Wer sich im Wind dreht, der hat sich auch früher mit dem Winde gedreht.

Wer denkt, jetzt sei der Augenblick gekommen, der hat auch früher nur an sich gedacht. Niemand wird ein Überläufer, der nicht einer war.

Wer zum Glauben wechselt, der hat keinen. Eine harte Prüfung ist auch eine harte Erkenntnis.

Karel Čapek, 1938 (!)