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Howard Phillips Lovecraft: ein

Nachruf

von Dane Rahlmeyer


Prolog: Eine wahre Geschichte

Es lebe die urbane Legende! Auf einer Party vor


ein paar Jahren kam irgendwann, irgendwie,
irgendwo das Thema H. P. Lovecraft auf. Und
natürlich sprachen wir dabei auch über das
Necronomicon.
»Wusstest du«, begann ein Kumpel
verschwörerisch, in jenem Stadium der
Alkoholisierung, in dem man die falschen Dinge
ernst nimmt, »dass sich eine Hälfte der
Originalausgabe des Necrodingsbums in einem
geheimen Flügel des British Museum befindet?«
»Aha«, sagte ich. »Und wo ist die andere Hälfte?«
»Arkham, Massachusetts – in einem Safe der
Fakultät für Okkultes in der Miskatonic
University!«

Lovecraft hätte seinen Spaß dran gehabt ...

Die frühen Jahre

Howard Phillips Lovecraft wurde am 20. August


1890 in Providence, Rhode Island als einziger
Sohn von Winfield Scott Lovecraft und Sarah
Susan Phillips geboren. Als er drei Jahre alt war,
erlitt sein Vater, Handelsreisender einer
Silberschmiede, während eines Aufenthalts in
Chicago einen Nervenzusammenbruch. Er wurde
in das dortige Butler-Krankenhaus eingeliefert, wo
er am 19. Juli 1898 an einer Form der
Neurosyphilis starb.

Lovecraft zog anschließend zusammen mit seiner


Mutter in das Haus seines Großvaters, Whipple
Van Buren Phillips. Lovecrafts Tanten Lilian D.
Clark und Annie E. Gamwell hatten großen Anteil
an seiner Erziehung.
Lovecraft litt an einer Art Kälte-Allergie: Kleinste
Temperaturbewegungen abwärts lösten bei ihm
Krämpfe aus. Diese und seine zahlreichen
anderen Krankheiten waren wohlmöglich
psychosomatisch und verhinderten einen
regelmäßigen Schulbesuch.

Abdul al-Hazred der Jüngere

Zumindest konnte er sich so den Schätzen der


großväterlichen Bibliothek widmen: Lovecraft
verschlang alle Märchenbücher, die ihm in die
Finger kamen, ebenso Kinderbuchausgaben der
Ilias und Odyssee – und ganz besonders die
Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, die den
Jungen derart begeisterten, dass er sich den
Phantasienamen Abdul al-Hazred zulegte
(welcher wiederum sehr viel später von ihm als
Autor des gefürchteten Kitab al azif, bzw. des
Necronomicons genannt wurde).

Lovecraft erstaunte seine Familie mit seiner


Intelligenz und seinem Wissensdurst: Mit drei
Jahren trug er Gedichte vor, und seine erste
Geschichte – The Noble Eavesdropper – schrieb
er mit sechs Jahren. Sein Großvater nährte
seinen Hunger für übernatürliche und unheimliche
Geschichten. Der junge Howard interessierte sich
außerdem sehr für Astronomie und schrieb
mehrere Leserbriefe an Zeitschriften zu diesem
Thema.

Und dann waren da noch die Alpträume: Früh


plagten Lovecraft Nachtmahre um dämonische
Wesen, die er Night Gaunts nannte; Kreaturen,
die ihn aus seinem Bett entführten, und auf einen
fernen Planeten mitnahmen, um ihn dort zu
quälen. Auch wenn diese Wesen irgendwann
aufhörten, seinen Schlaf zu stören, finden sich
viele Einzelheiten dieser Träume, an die er sich
mit bemerkenswerter Klarheit erinnerte, später in
seinen Geschichten wieder.

Der Außenseiter
Der nächste schwere Schlag traf Lovecraft, als
sein Großvater im Jahre 1904 starb. Bald darauf
musste seine Mutter aus finanzieller Not das
viktorianische Anwesen ihres Vaters verkaufen
und mit ihrem Sohn in eine winzige Wohnung in
der Angel Street 598 ziehen.

Der Verlust seiner Geburtstätte traf Lovecraft so


hart, dass er mit dem Gedanken an Selbstmord
spielte. Vier Jahre später erlitt er einen
Nervenzusammenbruch und musste die Hope
Street High School kurz vor seinem Abschluss
verlassen. Damit starb sein lang gehegter Traum,
die Brown University in Providence zu besuchen.

Die folgenden fünf Jahre verbrachte Lovecraft


zurückgezogen, ohne seinen literarischen oder
astronomischen Neigungen nachzugehen. Er
entwickelte eine sehr enge Beziehung zu seiner
Mutter, die wiederum durch eine Hass-Liebe mit
ihrem einzigen Kind verbunden war.

Erst 1914 kehrte Lovecrafts Interesse an der


Literatur zurück: Er entdeckte die Pulps für sich,
jene auf billigem Papier gedruckten, oftmals
reißerischen Groschenhefte, die in Amerika kurz
vor dem ersten Weltkrieg in hoher Auflage
gedruckt wurden. Er schrieb zahlreiche Gedichte,
Essays und Leserbriefe, wobei er sich in letzteren
nicht mit rassistischen Äußerungen zurückhielt. In
derselben Zeit kultivierte er auch seine
Selbstdarstellung als neuenglischer Gentleman,
der dem guten, alten 19. Jahrhundert
nachtrauerte und mehr Freude in der
Vergangenheit fand als der Gegenwart – oder der
Zukunft.

So entschuldigen denn auch viele Biographen


seinen Rassismus als eine Art Spleen, der eben
zu seinem Image gehörte – und weisen darauf
hin, dass ausländerfeindliche und antisemitische
Äußerungen damals nun mal zum Zeitgeist
gehörten, und dass Lovecraft nichtsdestotrotz mit
einer Jüdin verheiratet war.
Das ändert dennoch nichts daran, dass sich
Überzeichnungen finsterer, paganistischer
Ausländer und bösartiger Kulte aus Übersee wie
ein roter Faden durch seine Geschichten ziehen,
besonders Call of Cthulhu und The Shadow over
Innsmouth.

Im Jahr 1917 erschienen Lovecrafts erste


Gehversuche als Schriftsteller: die
Kurzgeschichten The Tomb und Dagon. Die
Aufmerksamkeit, die ihm dadurch zuteil wurde,
holte ihn etwas aus seiner Einsiedelei zurück, und
er bemerkte dazu: »Zum ersten Mal wurde mir
klar, dass meine plumpen, literarischen
Gehversuche mehr waren, als nur leise Schreie in
einer lauten Welt«.

Lovecraft schrieb vornehmlich Gedichte und


Essays, doch er begann auch einen enormen
Briefwechsel mit Freunden und Organisationen in
ganz Amerika (dazu später mehr).

1919 wurde seine Mutter nach einem


Nervenzusammenbruch ins Butler-Hospital,
Chicago eingeliefert – das gleiche Krankenhaus,
in dem schon ihr Mann verstorben war. Sarah
Susan Phillips starb am 24. Mai 1921 an den
Folgen einer misslungenen Operation an der
Gallenblase.

Das Grauen in Red Hook

Lovecraft traf der Tod seiner Mutter schwer, doch


bereits am 4. Juli des gleichen Jahres war er
erholt genug, um an einem Kongress von
Amateur-Journalisten teilzunehmen. Hier lernte er
seine spätere Frau kennen: die Millionstochter
Sonia Greene, die in der Fifth Avenue in New
York ein Hutgeschäft betrieb, und ganze sieben
Jahre älter war als Lovecraft.

Das Paar heiratete im März 1924. Lovecraft zog


in Sonias Brooklyner Apartment. Zu dieser Zeit
setzte er sich als Profi-Schriftsteller allmählich
durch, und das Pulp-Magazin Weird Tales, ein
Jahr zuvor gegründet, veröffentlichte einige seiner
frühen Geschichten.

Doch die Probleme ließen nicht lange auf sich


warten: Sonias Geschäft ging pleite, und ihr
Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide.
Lovecrafts Bemühungen, eine »richtige« Arbeit zu
finden, waren derweil vergeblich: Wer wollte
schon einen kränklichen, vierunddreißigjährigen
Mann ohne Berufserfahrung und Ausbildung
einstellen? So blieb das Schreiben sein einziger
Gelderwerb – und leider ein sehr magerer.

Im Januar 1925 ging Sonia schließlich nach


Cleveland, um dort einen Job anzunehmen.
Lovecraft dagegen kam in einem Einzelapartment
in Red Hook unter, einem heruntergekommenen
Viertel Brooklyns. Es ist bekannt, dass er sein
Leben hier leidenschaftlich hasste, denn in Red
Hook, mit seinem hohen Anteil an Ausländern,
wurden all die Horrorvisionen des Gentlemans
aus Providence Wirklichkeit (siehe auch: The
Horror in Red Hook, 1925).

Die Rückkehr

Und so kehrte Lovecraft am 17. April 1926 in sein


geliebtes Providence zurück – wohlgemerkt allein;
die Ehe wurde allerdings erst 1929 geschieden.
(Die beliebte Annahme, Lovecraft sei
homosexuell und ein Frauenfeind gewesen, kann
ad acta gelegt werden: Er liebte Sonia nach
eigenem Bekunden, und die beiden trennten sich
in gegenseitigem Einvernehmen.)

Es hält sich hartnäckig das Bild von Lovecraft als


einem Stubenhocker, der den lieben langen Tag
in seinem zwielichtigen Arbeitszimmer verbrachte.
Aber das stimmt nicht: in den Jahren von 1926 bis
zu seinem Tod 1937 war Lovecraft so oft wie
möglich auf Reisen.
Auch schrieb er in dieser Zeit jene Geschichten,
die ihn schließlich berühmt machen sollten: Call
of Cthulhu (1926), The Dunwich Horror (1928), At
the Mountains of Madness (1931), Shadow over
Innsmouth (1931), The Whisperer in Darkness
(1937), The Shadow out of Time (1934-1935)
und viele mehr.

Auch seine Korrespondenz lief auf vollen Touren:


Lovecraft unterhielt Brieffreundschaften nicht nur
mit anderen Autoren, sondern ermutigte und
prägte Nachwuchsschreiber wie Robert Bloch
(Autor von Psycho), August Derleth (der später
Lovecrafts literarischen Nachlass verwaltete),
Fritz Leiber (Schöpfer von Fafhrd and the Grey
Mouser) und viele mehr. Insgesamt brachte er es
auf mehr als rekordverdächtige 100.000 Briefe,
und sein Rat wurde nicht nur von Kollegen sehr
geschätzt, sondern auch von Journalisten.

Der Mythos wird geboren

Es entstand das, was nach Lovecrafts Tod der


Cthulhu-Mythos genannt werden wird: die
Geschichten um die Großen Alten, jenen
außerirdischen Wesen von unvorstellbarer Macht,
die vor Äonen auf die Erde kamen, quasi aus
Versehen die Menschheit schufen, bis sie von
noch größeren Mächten vom Antlitz der Welt
verbannt wurden – und noch immer darauf
warten, ihren alten Einfluss zurückzugewinnen
(auf Kosten der Menschheit). Immer wieder
werden dabei die fiktive Stadt Arkham und die
Miskatonic University erwähnt, sowie das
unvermeidliche Necronomicon, jenes
abscheuliche Buch des wahnsinnigen Arabers
Abdul al-Hazred (wir erinnern uns), von dem trotz
Lovecrafts gegenteiliger Beteuerungen viele, viel
zu viele glauben, dass es tatsächlich existiert...

Der besondere Reiz des Mythos´ liegt in der


Verknüpfung von Horror und Elementen der
Science-Fiction. Lovecraft mag vielleicht ein
wenig subtiler Autor gewesen sein, den
Menschen wenig bis kaum interessierten, und der
mit aufgeblasenen Attributen wie
»unbeschreiblich«, »grauenhaft«, »unbenennbar«
nur so um sich schmeißt – und doch liegt der
wahre Horror in seiner Annahme, dass die
Menschheit nichts weiter als ein kosmisches
Häufchen Staub darstellt, dass sich als Krone der
Schöpfung wähnt, während es keine Ahnung hat,
von den Gewalten die jenseits des Äthers lauern.
Was vielleicht mehr der Wahrheit entspricht, als
er sich alpträumen ließ ...

Den Einfluss seines Lieblingsschriftstellers Edgar


Allen Poe (1809-1849) merkt man deutlich in
Geschichten wie The Outsider (1921) und
Lovecrafts Vorliebe für die Geschichten des Lord
Dunsany (1878-1957) spiegelt sich in seinen eher
märchenhaften Geschichten um die
»Traumlande« wider (The Dream-Quest for
Unkown Kadath, 1926, Through the Gates of the
Silver Key, 1932).

Das Ende

Trotz seiner treuen Fan-Gemeinde, schaffte es


Lovecraft nie, höhere literarische Weihen zu
empfangen: Seine Geschichten, die immer länger
und komplexer wurden, waren schwer zu
verkaufen. Der Gentleman alter Schule, dem es
verpönt war, allein für den schnöden Mammon zu
schreiben, lag im Clinch mit dem Mann, der als
Ghostwriter seine Brötchen verdienen musste.

Auch privat hatte er erneut schwere Schläge


einzustecken: 1932 starb seine Tante Mrs. Clark
und vier Jahre später beging einer seiner engsten
Brieffreunde, der Schriftsteller Robert E. Howard
(Schöpfer von Conan der Barbar) Selbstmord.

Howard Phillips Lovecraft starb am 15. März im


Jane-Brown-Memorial-Hospital an Magenkrebs –
nachdem er lange Zeit seine Bauchschmerzen als
Bagatelle abgetan hatte. Er wurde, weitgehend
unbemerkt von der Welt, am Familiengrab der
Phillips´ am Swan-Point-Friedhof begraben. Die
Grabinschrift lautete: »I am Providence«.

Heute gilt Lovecraft zusammen mit Edgar Allan


Poe zu den Gründern der klassischen,
amerikanischen Horror-Literatur – es hätte ihm
gefallen.

Das ist nicht tot, was ewig liegt...

Zahlreiche Geschichtenerzähler haben sich im


Laufe der Jahrzehnte des Mythos angenommen:
Schriftsteller wie Ray Bradbury, Brian Lumley,
Ramsey Campbell, Stephen King, Wolfgang
Hohlbein und viele andere, aber auch Comic-
Autoren wie Neil Gaiman und Alan Moore zählen
sich zu Lovecrafts Fans. Die traurige Ironie dabei
ist, dass sie alle einen Bekanntheitsgrad erreicht
haben, der Lovecraft zu Lebzeiten verwehrt blieb.

Es gibt Rollenspiel-Versionen (Call of Cthulhu, auf


deutsch bei Pegasus Press), sowie zahlreiche
Hörspiel- und Hörbuchumsetzungen seiner
Geschichten (von LPL Records) – sogar in
Science-Fiction-Serien wie J. Michael
Straczinskys Babylon 5 lassen sich Lovecrafts
Spuren finden.

Und natürlich in Filmen: von hirntumor-


erzeugendem Schund wie Unknown Beyond
(Italien, 2000) und B-Movies wie The Unnamable
I & II (USA, 1988) bis hin zu der brillanten
Horror/Film Noir-Parodie Cast a Deadly Spell
(USA, 1991) findet man Lovecrafts Einflüsse –
und leider oft genug Filmemacher, die mit seinem
Namen ein paar schnelle Dollar machen wollen.

Das vorliegende Hörspiel ist eine


augenzwinkernde Hommage an Lovecraft – und
regt vielleicht den einen oder anderen Hörer an,
sich selbst mit dem Mythos zu befassen.

Es lohnt sich.

Dane Rahlmeyer, Juni 2004