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© Newsnet / Tages-Anzeiger; 30.05.2014 Karriere «Das Spiel gewinnen oder untergehen» Mathias Morgenthaler

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Obwohl er 10 Jahre lang nur Absagen erhielt, erwog Claude Cueni nie Alternativen zum Schriftsteller-Beruf.

Bevor sein erstes Buch verlegt wurde, erhielt Claude Cueni über hundert Absagen. Die zehn Jahre Misserfolg änderten aber nichts an seinem Entschluss, Schriftsteller zu werden. Bis der Erfolg sich einstellte, hielt er sich als Kellner, Gerichtsassistent, Datatypist und Autor von Bedienungsanleitungen über Wasser. Im zweiten Teil des Interviews sagt Cueni, warum er nie einen Plan B hatte.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Cueni, die Leukämie, an der Sie vor fünf Jahren erkrankten, ist in Ihrem Blut zwar nicht mehr nachweisbar, aber seit der Knochenmarktransplantation leiden Sie unter chronischen Abstossungsreaktionen. Es herrscht «Krieg» in Ihrem Körper, die fremden Zellen bekämpfen Ihre Organe, zeitweise benötigten Sie 500 Milligramm Kortison pro Tag. Wie geht es Ihnen zur Zeit?

CLAUDE CUENI: Es geht mir gut, aber auf tiefem Niveau. Das Leben, das ich einst hatte, ist vorbei. Ich lag diese Woche wieder drei Tage im Spital. Die Arbeitsbedingungen werden schwieriger, aber bisher überwiegt die Leidenschaft für meinen neuen Roman. Das Lungenvolumen liegt nur noch bei 40 Prozent, es kann im besten Fall stabil bleiben. Wie lange, weiss niemand. Aber man lernt, damit zu leben. Was mich am meisten ärgert, ist der permanente Schlafmangel, weil ich ja alle paar Stunden Spasmen oder Nervenschmerzen habe. Ich habe vor fünf Jahren das letzte Mal durchgeschlafen.

«Tot ist tot, man bleibt nur in Erinnerung, wenn man Schulden hinterlassen hat», sagten Sie kürzlich in einem Interview. Haben Sie keine Angst vor dem Tod?

Ich kann mich, im Gegensatz zur grossen Mehrheit der Menschen, nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass ich vergänglich bin und sterben werde. Wir blenden ja die Zumutung des eigenen Todes aus, so gut es geht. Wenn ein Schulkollege oder ein Nachbar stirbt, lässt uns das kurz erschaudern. Wenn man aber mit dem eigenen Tod konfrontiert wird, ist das ein monumentales Ereignis. Es ist eine ganze Welt, die da untergehen wird, deine Welt, während sich die übrige Welt ungerührt weiterdreht. Das ist schwer zu akzeptieren. Deshalb denke ich lieber über meinen neuen Roman nach. Ich lebe gerne, es gibt so viele Dinge, die mich faszinieren und die ich noch lernen möchte, aber ich bin Realist und habe deshalb bereits Gespräche mit Sterbehilfeorganisationen geführt

Ihr grösstes Talent, das Geschichtenerzählen, verdanken Sie den widrigen Umständen, unter denen Sie aufgewachsen sind. Würden Sie die These unterschreiben, dass glückliche Menschen keine packenden Bücher schreiben?

Nein, aber tendenziell schreiben wohlstandsverwöhnte Autorinnen und Autoren, die das Leben nur aus akademischer Sicht kennen, eher langweilige Bücher. Je mehr Desaster ein Autor erlebt, desto mehr Gewinn haben die Leserinnen und Leser. Etliche Autoren schreiben nicht, weil sie schreiben müssen, sondern weil es staatliche Förderung gibt. Die starren dann eine Stunde lang einen weissen Monitor an und fragen sich, ob der Staubsauger in der Nachbarwohnung stört oder ob sie ein Glas Weisswein brauchen. Die Leser wollen aber im prallen Leben fischen, nicht bei Fingerübungen zusehen.

Wie war es für Sie, die 640 Seiten Ihres autobiografischen Romans am Stück zu lesen?

Ich schrieb ja während fast fünf Jahren immer nur kleine Häppchen. Bei manchen Passagen konnte ich herzhaft lachen, bei anderen war ich sehr aufgewühlt. In regelmässigen Abständen schickte ich die Texte per Mail meinem Sohn. Als ich schliesslich die Druckfahnen erhielt und erstmals die ganze Geschichte las, fühlte ich mich dann doch erschlagen. Und jetzt, wo ich jeden Tag ein Interview gebe, werde ich täglich daran erinnert, wie gravierend meine Situation ist. Das habe ich unterschätzt. Aber ich wollte dieses Buch schreiben, ich habe mich nicht zu beklagen.

Sie sind in einem Haushalt ohne Bücher aufgewachsen und hatten doch die fixe Idee, Schriftsteller zu werden.

Ich war besessen von all meinen Geschichten und wollte mein Leben partout in diesem Universum verbringen. Natürlich war ich furchtbar naiv, ich brannte für etwas und hatte gleichzeitig keine Ahnung von diesem Beruf. Für mich galt schon ganz früh: «Das Spiel gewinnen oder untergehen.» Ich hatte stets eine sehr spielerische, aber auch kämpferische Einstellung zum Leben. Deswegen hatte ich auch nie einen Plan B. Über die Jahre erhielt ich unzählige Absagen, allein das erste Buch wurde über 100-mal abgelehnt, bevor es gedruckt und ganze 540-mal verkauft wurde. Aber keine Absage erschütterte mich, jede bestärkte mich in meiner Entschlossenheit. Ich begriff und akzeptierte stets, dass ich mein Handwerk verbessern musste. Ich machte einfach weiter, wie die Bauarbeiter, die in den Alpen bohren und bohren und wissen: eines Tages kommt der Durchbruch. So begann ich jeden Tag vor Sonnenaufgang mit Schreiben, schrieb mir die Finger wund und den Nacken steif. Schreiben war ja vor Erfindung der elektronischen Schreibmaschine auch körperlich ein Krampf.

Zehn Jahre lang waren Sie chronisch erfolglos. Wovon haben Sie gelebt in dieser Zeit?

Ich habe sehr viele Jobs gemacht, um mir den Luxus des Schreibens leisten zu können – aber immer nur solche, die ergiebig waren für meine Bücher. Ich kellnerte in Bierhallen und Bars, arbeitete im Paketversand auf dem Bahnhof, als Assistent am Strafgericht, als Nachhilfelehrer, in einem Jagd- und Waffengeschäft und als Assistent eines iranischen Händlers. Das war alles sehr ergiebig, als Gerichtsassistent hatte ich mit Menschen zu tun, deren Biografien wie für Romane geschaffen waren. Und als ich für eine Versicherungsgesellschaft arbeitete, vertiefte ich mich in unzählige Dossiers aus literarischem Interesse. Frustrierender war die Arbeit als Datatypist und das Verfassen von Bedienungsanleitungen: Viertliga-Fussball und Video-Recorder gaben wenig Stoff her.

Wie schafften Sie den Durchbruch?

Als Werbetexter wurde ich erstmals für kreatives Schreiben belohnt. Dann wurde endlich ein erster Roman verlegt. Da die Auslandstherapien für meinen Sohn sehr teuer waren, begann ich, Drehbücher zu shreiben, und schliesslich erhielt ich zahlreiche Aufträge für TV-Krimis wie Eurocops, Peter Strohm oder Tatort. Es waren goldene Zeiten für Drehbuch-Autoren. Erstens mischten sich Regisseure und Dramaturgen damals noch nicht in unser Metier ein, zweitens musste nicht alles politisch korrekt sein und drittens erhielten wir bei jeder Wiederholung das volle Honorar.

Sehr erfolgreich waren Sie danach mit Computerspielen.

Das war die Folge eines Unglücks. Ich recherchierte 1,5 Jahre für einen grossen Roman über Hannibal und musste dann miterleben, wie mir Gisbert Haefs mit seinem grossartigen Roman zuvorkam. Ich suchte nach einem Weg, die Erkenntnisse aus meinen Recherchen in anderer Form zu nutzen – und kam auf die Idee, mit einem Programmierer und einem Grafiker Computerspiele zu produzieren. Damals gab es erst ein paar simple Games. So schufen wir erst das Computerspiel Hannibal und entwickelten danach MiniGame, europaweit das erste interaktive TV-Telefonie- Spiel. Es bescherte dem Schweizer Fernsehen zehn Jahre lang beste Einschaltquoten.

Später verkaufen Sie die Computerspiel-Firma und investierten Zeit und Geld in aufwendige historische Romane. Diese fanden zwar viele Leser, aber relativ wenig Echo in den Feuilletons der Zeitungen. Wurmt Sie das?

Es ist tatsächlich so, dass historische Romane in Spanien, Italien, Frankreich und Holland wesentlich mehr geschätzt werden. Ich habe wahrscheinlich im spanischsprachigen Raum mehr Leser als im deutschsprachigen Raum. Meine Freunde sind nicht die Feuilletonisten, sondern die Leserinnen und Leser, die mir ihre Leseeindrücke mitteilen. Ich beantworte seit 20 Jahren jede Mail innerhalb von 24 Stunden. Sofern ich zu Hause bin.

Welche Rückmeldung hat Sie besonders beeidruckt?

Vor einigen Monaten erhielt ich ein berührendes Mail von einem Leser aus Mexiko, der meinen Roman «Cäsars Druide» irgendwie runtergeladen und gelesen hatte. Der Mann ist Spastiker. Er schrieb mir, die Lektüre habe ihm die Energie und den Mut gegeben, trotz seines Handicaps wieder in der Arbeitswelt Fuss zu fassen. Wenn meine Bücher das Leben einiger Menschen verbessern, dann brauche ich keinen Applaus vom deutschsprachigen

Feuilleton. Die Gunst der Kritiker hängt auch stark davon ab, wie sehr man als Künstler am Kulturbetrieb teilnimmt. Da ich jahrelang vier bis fünf Stunden pro Tag ins Training mit meinem Sohn investierte, der nach der Geburt eine spastische Lähmung erlitt, hatte das bei mir nie Priorität. Menschen sind wichtiger als Bücher.

Bei Ihrem neusten Buch sorgte jene Passage für medialen Wirbel, in der Sie beschreiben, wie die Schüler des Internats Kollegium Schwyz Anfang der Siebzigerjahre vom Präfekten sexuell belästigt wurden.

Das Kollegium Schwyz nimmt etwa 9 von 640 Seiten ein und nun dreht sich die ganze Diskussion um diese wenigen Seiten. Dabei habe ich privat nicht das Geringste Interesse an diesen Ereignissen. Es ist nur eine kleine Episode im Leben meiner Hauptfigur. Ich betrachte das Internat mit den Augen eines rebellischen Jugendlichen, der voll in der Pubertät ist. Selbstverständlich ist seine Wahrnehmung extremer, als die Wahrnehmung eines Erwachsenen, aber ich schreibe einen Roman und nicht einen Reiseführer für den Kanton Schwyz. Für einen Pubertierenden ist jedes Internat ein Zuchthaus und jede Autoritätperson ein Feindbild. Das ist das Thema der Szene. Die sexuelle Belästigung, die in Schwyz tatsächlich stattgefunden hat, wird mittlerweile als Missbrauch oder gar als Vergewaltigung kolportiert. Das ist alles Boulevard.

Welches sind Ihre Ziele für die Zeit, die Ihnen bleibt?

Ich mache sehr viel Fitness, um die Lungenabstossung zu kompensieren. Dann will ich bald zwei Romane, die praktisch fertig sind, noch überarbeiten. Ich lasse Texte gerne ein paar Monate liegen, damit ich sie später mit der nötigen Distanz durchgehen kann. Und natürlich freue ich mich auf die Fussball-WM, aber auch auf das grössere iPhone6 und diverse neue DVDs. Das Wichtigste bleibt die Zeit mit meiner Frau und meinem Sohn.

Sie kennen sich aus mit Bedienungsanleitungen. Manche Menschen klagen, es sei ein Jammer, dass man erst gegen Ende des Lebens erkenne, worauf es eigentlich angekommen wäre. Gibt es eine Erkenntnis, die Sie gerne weitergeben würden – als Bedienungsanleitung für ein gutes Leben?

Es gibt keine universelle Bedienungsanleitung. Aber ich denke, dass es sich lohnt, mehr in Beziehungen zu investieren. Was ich für meinen Sohn getan habe, schenkt er mir heute tausendfach zurück.

Kontakt und Information:

www.cueni.ch

Das Buch:

Claude Cueni: Script Avenue. Roman. Wörterseh Verlag, 2014. 640 Seiten.

Teil 1 des Interviews

ist vor einer Woche an dieser Stelle erschienen.