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A171_01

Studierendenmagazin der Universitäten Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen

pflichtlektüre
112009  www.pflichtlektuere.com

Entspannt Euch!
Nicht nur Bologna ist schuld am Uni-Stress:
Wir sind zu verkrampft.

Urin-Attacken und dumme Sprüche


Homosexuelle kämpfen um Anerkennung - auch heute noch, selbst an den Unis

Ein Gott aus der Nordstadt


Zwischen Dönerbuden und Trinkhallen - Lieder aus dem Problemviertel
S02 VOR-SPIEL A367_02

Was geht

G
lühwein geht immer. Darum den umliegenden Städten Glühwein
konnten es viele auch kaum und Co. geboten: Essen rühmt sich mit
erwarten, dass die Weih- der internationalen Vielfalt seiner rund
nachtsmärkte im Pott wieder 260 Stände und einer besonders schö-
öffnen. nen Licht-Dekoration. In Bochum steht
eine zwölf Meter hohe Weihnachtspy-
Der Dortmunder Markt mit dem ramide auf dem Dr.-Ruer-Platz. Zudem
Superlativ-Baum lockt mit über 300 fliegt der Weihnachtsmann zwei Mal
Buden in die Innenstadt – Deko, täglich, jeweils um 18 und 19.30 Uhr, in
Krimskrams, Fressbuden jeder Art seinem Rentierschlitten über den Platz
und natürlich Glühwein ohne Ende. hinweg - ein Hochseilspektakel der
Ein vorweihnachtlicher Ausflug mit Artistenfamilie Falko Traber. Und auch
Freunden dorthin, ist auch gleichzeitig andere kleinere Städte im Umkreis wie
Gelegenheit um Weihnachtsgeschen- beispielsweise Hattingen mit seinen
ke zu kaufen. Ein Tipp von uns: Auch Fachwerkhäusern haben stimmungs-
am verkaufsoffenen Sonntag, den 6. volle Märkte. pflichtlektüre wünscht
Dezember, gibt es diese Chance. Doch einen guten Start in die Weihnachts-
eines ist sicher - du bist nicht allein. zeit!

Wem der Weihnachtsmarkt in Dort- ah,sal/Foto: pixelio/Didi01


mund nicht reicht, bekommt auch in

Neulich in Deutschland

E
s war einmal ein Erasmus- „Was sollte dieser Chip?" Wie es das
Neuling in Deutschland: Ich. Schicksal in meine Hand gelegt hatte,
Neugierig auf die deutsche beschloss ich, gut auf ihn aufzupas-
Kultur, ging ich sofort aus, um sen. Ich tat es die ganze Nacht. Später
mein erstes deutsches Bier zu fiel mir ein, ich könnte ihn eines Tages
trinken. In der Bar angekommen, war meinen Enkeln zeigen als Erinnerung
die erste sprachliche Herausforderung an mein erstes deutsches Bier. Doch
das Lesen der Preisliste. Ich konzen- als ich gehen wollte, platzte der Traum:
trierte mich und sah was ich erwartet „Wohin willst du mit dem Chip?“, frag-
hatte: Bier. Und es war mein Glückstag: te der Kellner: „Sie müssen ihn abge-
Nur einen Euro kostete es. Mit ein we- ben, um Ihren Euro zurück zu bekom-
nig Pantomime bestellte ich und end- men.“ Ich werde nicht viel dazu sagen,
lich hielt ich mein Getränk in den Hän- wie schwer mir der Abschied fiel. Aber
den, da hörte ich den Barkeeper sagen: dennoch, an diesem Abend begann ich
„Zwei Euro, bitte." Was war das? ein deutscher Pfand-und-Bier-Liebha-
ber zu sein. foto: nm
Nun gut, dachte ich und zahlte. Doch
zurück kriegte ich ein Geschenk, einen
kleinen gelben Chip. Ich ging zu mei- Laura Basurto Garcia kommt aus Spanien
nem Platz, schaute ihn an, roch an ihm und studiert während ihres Auslandsse-
und biss hinein. Doch nichts geschah. mesters Journalistik in Dortmund.

Wissens-Wert

S
chweinegrippealarm: Viele Professor Uwe Schauer von der Klinik
lassen sich impfen und greifen für Kinder- und Jugendmedizin der
vorher noch schnell zu Para- Ruhr-Universität Bochum schließt aber
cetamol. Mögliche Folgen des aus, dass die Tablette den Impfschutz
Pieks, wie Fieber und Entzün- ganz ausschalten könnte. „Doch auch
dungen, sollen durch die Tablette gemil- aus praktischen Gründen ist die vor-
dert oder ganz verhindert werden. Doch herige Einnahme von Paracetamol un-
das könnte ein Fehler sein. sinnig. Fieber tritt nach einer Impfung
zwölf bis 24 Stunden später auf. Parace-
Eine tschechische Studie belegt: Nimmt tamol wirkt aber nur für sechs Stunden.
ein Patient vor einer Impfung Paraceta- Es ist aber ratsam, es bei späteren Fie-
mol, hat er danach seltener Fieber. Aller- berschüben einzunehmen. Besonders
dings wird so auch die durch die Impfe bei Kindern, wenn das Fieber über 39°C
ausgelöste Antikörperreaktion deutlich liegt“, erklärt Schauer. Nimmt man das
abschwächt. Zweck des Ganzen ist je- Paracetamol erst nach der Impfung, hat
doch genau diese Reaktion, durch die der das auch laut Studie keine Auswirkung
Grippeschutz entsteht. Auf Paracetamol auf den Grippeschutz.
sollte also vor der Impfung verzichtet
werden, so die Forscher. fin/foto: pixelio/tommyS
A171_03 START-BLOCK S03

HERZ-STÜCK diesmal Zur Ausgabe

S
Lernst du noch ie mache demnächst ein Karriere-Coaching, sagte
oder lebst du mir meine Bekannte letztens. "So eine persönliche
schon? Beratung. Die erstellen dann ein Kompetenz-Profil
von mir. Außerdem zeigen sie, wie ich mich über Net-
working und Selbstmarketing besser promote. Eine
coole Sache. Kostet nur 450 Euro und bringt dich echt weiter."

S08 - "Geht's noch?", hätte ich sie gerne ge-


fragt. Aber ich habe es mir verkniffen.

Wie sind wir mittlerweile drauf? Wir


gehen zu Karriere-Coachings, nur um
fünf Zentimete Vorsprung vor unseren
Mitmenschen zu haben, unseren Kon-
kurrenten. Die entscheidenden fünf
Zentimeter selbstverständlich.
DORTMUND
So ein Schmarrn. Aber was sollen ei-
S04 … Liedermacher Boris Gott macht harten Schlager in der Nordstadt. gentlich Unternehmen? Angepasste
Streber, die nach sechs Semestern in-
S06 … Wenn der Server streikt: Eine Erklärung gibt die Mensa-Schlange. klusive Auslandsaufenthalt mit dem Studium durch sind? Oder
Individualisten mit krummen Lebensläufen, aber Erfahrung?
HERZ-STÜCK
Die pflichtlektüre hat Personaler gefragt. Die Antworten lest
S11 … Charakterköpfe statt Creditpoint-Jäger: Was Personaler wollen. ihr auf Seite 11.

RUHR-BLICK

S12 … 25 Jahre und kein Ende: Schwule kämpfen um Anerkennung.

DIENST-BAR

S14 … Freizeit ohne Uni: Atheisten, Monet und Buddy Holly.


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S04 DORTMUND: MITTEN IM LEBEN A171_04

Gott ist für alle da


Gott lebt in Dortmund, genauer gesagt in der Nordstadt. Im als Problemstadtteil verschrienen Viertel zwi-
schen Hafen und Borsigplatz hat sich der Liedermacher Boris Gott niedergelassen und fühlt sich dort so
wohl, dass er sogar seine aktuelle CD danach benannt hat.

Z
wischen Dönerbuden und Trinkhallen
kommen Boris Gott die Ideen zu Songs,
wie sie nur die Nordstadt schreiben kann.
„Und ein Junkie vertickt an der Ecke sein
Gift / frisch gespritzt leuchten Blumen
im Park / ein Penner krakeelt „Grad’ ist Gott ex-
plodiert!“ / wenn das stimmt, wird das kein gu-
ter Tag“ heißt es in dem Song „Irgendwo in Do“
und man glaubt zu wissen, über welche Ecke er
da singt.

Boris Gott ist Nordstadtbürger aus Überzeugung,


er spricht vom „Nordstadt-Feeling“, welches ihn
gepackt hat, gleich nachdem er im Jahr 2000
nach Dortmund gekommen war. Nach dem Pä-
dagogik-Studium in Münster wollte er „ein urba-
neres Flair, und Dortmund fand ich schon immer
irgendwie gut.“ Und so landete er in einem WG-
Zimmer im Brunnenstraßen-Viertel, „da wo die
Junkies sind.“

Echtes Lebensgefühl
Was fasziniert den Liedermacher an einem Ort
mit einer Arbeitslosenquote von 25 Prozent (ganz
Dortmund hat eine Arbeitslosenquote von 13,7
Prozent), an dem angeblich Deutschlands erstes
Drive-by-Shooting stattgefunden hat? Der Künst-
ler beschreibt es so: „Die Nordstadt ist das urbane
Zentrum von Dortmund. Der Migrantenanteil ist
sehr hoch, aber in dieser Fremdheit ist man sich
doch wieder gleich. Das Miteinander hier ist sehr
liberal, das Lebensgefühl sehr frei. Die Nordstadt
ist sehr bunt, direkt, offen, lebendig, sehr freund-
lich.“

Die Nordstadt sieht Boris übrigens auch als Me-


tapher für seine Songs: Licht und Schatten, düster
und hell, der eine Pol existiert nicht ohne den an-
deren. Ein universelles Thema, nicht nur in dem
vom Strukturwandel gebeutelten Ruhrgebiets-
stadtteil. „Das raue Klima der Nordstadt schult
meinen Blick für die schönen, hellen Seiten. Man
muss nur genauer darauf achten.“

Früh übt sich


Seine musikalische Laufbahn begann Boris mit 14
Jahren, als Mutti ihm die erste Klampfe schenk-
te und er sich im Alleingang die ersten Griffe
beibrachte. Prompt begann seine Karriere als
Schülerbandmusiker. „In Bands spielen ist immer
magisch“, findet er. Trotzdem macht er alleine
weiter, als seine Band „Couchgott“ (ja, genau da
kommt der Künstlername her) 2003 auseinander-
brach. Denn je größer die Spannungen innerhalb
der Band damals wurden, desto kraftvoller und
härter wurde auch die Musik. „Ich wollte einfach
Boris Gott spielt harten Schlager aus dem
wieder schöne Musik machen, ich wollte mehr
dunklen Herzen des Ruhrgebiets.
Sonne, mehr Liebe.“
A171_05 DORTMUND: MITTEN IM LEBEN S05

Das hört sich klebrig-süßlich nach verkapptem


Hippie an, spielt er mit seiner von Country- und
Folk-angehauchten Popmusik doch auch den
klassischen Hippie-Sound. Doch der erste Ein-
druck von der schönen, eingängigen Melodie
kann täuschen. Bei genauerem Hinhören bemerkt
man den Bruch durch die teilweise düsteren Tex-
te. Von Nutten, Pennern und Junkies ist die Rede.
Hier wird nichts beschönigt oder verherrlicht.

20 Städte an einem Tag


Im vergangenen März gelang es Boris übrigens,
seine Nordstadt-E.P. mit einem neuen Rekord
über die Grenzen Dortmunds hinaus bekannt zu
machen: Innerhalb eines Tages spielte er in 20
verschiedenen Imbissbuden quer über das gan-
ze Ruhrgebiet verteilt. Logistisch gesehen mit
Sicherheit ein Geniestreich, der ihm nur im Ruhr-
gebiet gelingen konnte, wo sonst auf der Welt
könnte man an einem Tag in 20 verschiedenen
Städten spielen? So landete Boris Gott bei RTL
und SAT 1, obwohl es ihm dabei natürlich nicht
um die Aktion an sich ging: „Ich möchte nicht be-
kannt sein als der Typ mit den lustigen Rekorden.
Meine Musik ist schon ernst gemeint.“ Am 12. Dezember ist Boris Gott in den
Dortmunder Westfalenhallen zu hören.
Wer Boris Gott einmal live sehen möchte, hat üb-
rigens die Wahl: Er ist nicht nur solo mit seiner
Gitarre unterwegs, sondern auch ab und zu mit
der Boris Gott Band. Zu Gast ist der Liedermacher
nicht nur auf den Bühnen der kleinen Szeneclubs.
Auch auf politischen Veranstaltungen, Vernissa- FÜNF FRAGEN AN GOTT
gen oder Privatpartys spielt er seine Lieder. Und
das begründet er mit einem einzigen Satz: „Gott
ist für alle da.“
Dein ungewöhnlichster Norstadt-Moment? Was ist für dich ein Grund, für immer dort zu woh-
text Stephanie Jungwirth „Als ich nach kurzer Diaspora-Phase zurück nen?
foto Boris Gott in der Nordstadt war und am Abend meiner „Nichts ist für die Ewigkeit, aber im Moment
Rückkehr auf dem Weg zur Bude eine augen- kann ich mir keine andere Stadt
scheinlich psychisch kranke Frau sich vor vorstellen.“
meinen Augen in die Hose machte und sagte:
„Guck nicht so, sonst hol ich die Polizei!“. Wel- Was wäre für dich ein Grund, von dort weg zu zie-
come back to reality.“ hen?
„Luftverschmutzung“
Was entgegnest du Leuten, die die Nordstadt als
Problemstadtteil betiteln? Wie wird die Nordstadt in 20 Jahren aussehen?
„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir „Aus goldenen Hähnen wird lieblicher Wein
sehen sie so, wie wir sind.“ fliessen und alle Menschen werden
(Zitat von Anais Nin) Brüder sein.“.

RUHRSTADT
momente
Gefährliche Reise Zu langsam, zu teuer Ach, du lieber Vetter!
Ich warte auf das grüne Männchen der Fußgän- Nichts ahnend fahre ich meinen Vater nach Hau- Die Rechtschreibreformen haben verwirrt. Wird
gerampel, über mir wirft ein Ahornbaum seine se. Plötzlich hält uns die Polizei an. Ein Beam- Fluß nun mit „ß“ oder doch mit „ss“ geschrieben?
Blätter ab. Eins davon findet, begünstigt durch te tritt an die Fahrertür. „Verstehen sie mich?“. Und wie war das nochmal mit dem „dass“ hinter
die herbstlichen Wind, den direkten Weg in mein Mühsam widerstehe ich dem Reflex und antwor- dem Komma? Als Kind hat mir meine Mutter im-
rechtes Auge. Autsch! Das Auge tränt und brennt, te nicht mit „ich nix verstehen“. Er wundere sich mer geraten, mich auf mein Gefühl zu verlassen.
ist den restlichen Tag nicht mehr zu gebrauchen. über meinen Fahrstil. Nach ein paar Minuten und Diesen Tipp kennt wohl auch eine Bekannte von
Erst der Gang zum Augenarzt bringt Erkenntnis: um zehn Euro ärmer können wir weiter. Auf den mir. Im sozialen Netzwerk legte sie neulich ein
Hornhauteinschnitt und Augenentzündung. Gra- nächsten fahrerischen Fauxpas lauernd, verfolgt neues Fotoalbum an. Das Titelbild zeigt einen
tis dazu gibt’s ein Matschauge á la Karl Dall. Und uns der Wagen noch eine Weile. Ich bin zu lang- kleinen Fratz, macht Lust auf mehr. Also Album
mit einem solchen ist das Gruselkostüm zum sam gefahren. Dabei wollte ich nicht wie mein öffnen. Doch dann der Schock: Das Album ist mit
Auftakt der fünften Jahreszeit erst richtig per- Vater enden. Der war zu schnell und musste den „mein kleiner Cousang“ betitelt. Es schreibt sich
fekt! se Lappen abgeben. Die Moral von der Geschicht: Zu eben nicht alles, wie es sich spricht! se
langsam geht ja auch nicht! lipe
S06 DORTMUND: MITTEN IM LEBEN A171_06

Ihr Server antwortet nicht...


„Fehler: Netzwerküberschreitung“ - warum passiert das eigentlich? Eine Erklärung für alle, die nicht
Informatik studieren. Das Problem kennt jeder Mensa-Schlangesteher.

V
ier von fünf Online-Händlern rechnen
für das Weihnachtsgeschäft trotz Wirt-
schaftskrise mit gutem Umsatz. Denn
2009 wird voraussichtlich für 21,8 Mil-
liarden Euro im Internet eingekauft
werden. Für soviel Geld wie nie zuvor. Manchmal
scheitert das Online-Shopping jedoch: „Fehler,
Netzwerküberschreitung“ steht dann auf dem
Monitor. Was ist da passiert?

Das Phänomen nennt sich Serverüberlastung


und tritt auf, wenn Hunderttausende Nutzer
gleichzeitig auf einen Server zugreifen wollen.
Prima lässt sich das am Beispiel einer Studenten-
Mensa erklären. Solange nicht viel los ist, funkti-
oniert alles reibungslos. Die einzelnen Gäste su-
chen sich ihr Menü aus, bezahlen und setzen sich
zum Essen.

Genauso ist das beim Online-Kauf auch. Der ei-


gene Browser - wie der Internet Explorer oder
Mozilla Firefox - stellt eine Netzwerkverbindung
zum Server einer Firma her. Übers Internet. Der
Server, wie in der Grafik auch Applikationsserver
Drei User (Studenten) stellen Anfragen an
genannt, ist nichts anderes als ein Computer, der
den Server (Essensausgabe).
die Anfragen der User entgegennimmt und bear-
beitet. Dazu greift er auf eine Datenbank zurück,
von der er sich die gewünschten Informationen
holt. Arne von Irmer, Projektleiter der Lernplatt-
form EWS, erklärt, dass schon das Aufrufen je- Startseiten hingegen, wie vom EWS beispiels- wie wenn man um halb eins vor geschlossenen
der Öffnungsseite eine Anfrage sei. „Das heißt: weise, liegen schon vorbereitet im Speicher. Wie Türen steht, weil die Mensa nur noch die Studen-
Eigentlich fließen da Daten hin und her. Und die das Tablett, und damit zurück in die Mensa: Dies- ten bedienen kann, die schon drinnen sind. Die
werden dann wieder vom Browser interpretiert mal ist sie voll. Überall steht man in der Schlan- Mitarbeiter schließen die Mensa-Türen, um sich
als Bilder oder Texte.“ Der Browser stehe also in ge: an der Essensausgabe, an der Kasse und sogar selbst vor weiterem Andrang zu schützen. Der
einem ständigen Dialog mit dem Server. „Je mehr an der Geschirrückgabe. Die Mitarbeiter haben Server zeigt die Fehlermeldung an, solange er da-
Dialog, je länger die Antworten sind, desto – sa- viel zu tun, wie manchmal auch ein Server. Laut mit beschäftigt ist, sich selbst zu befreien, also die
gen wir immer – teurer ist die Anfrage“, sagt von von Irmer kann dieser immer nur mit einer ge- bereits eingegangenen Anfragen abzuarbeiten.
Irmer. wissen Anzahl von Computern gleichzeitig im
Dialog stehen. Ist diese Anzahl erfüllt, kann er Ein Warnzeichen für eine bevorstehende Überlas-
Besonders „teuer“ ist zum Beispiel ein Login oder keine weiteren User annehmen. Er lehnt sie ab, tung ist es, wenn eine Internetseite nur teilweise
die Anforderung von aktuellen Preisen. Diese An- indem er eine Fehlermeldung ausgibt. „Das ist angezeigt wird. Also zum Beispiel nur Kästchen
fragen erfordern viel Serverleistung, weil die Ant- ein richtiger Klassiker“, sagt von Irmer, der die- zu sehen sind, wo eigentlich Bilder sein sollten.
worten jedesmal neu berechnet werden müssen. sen Moment nur allzu gut kennt. Das wäre so, Um ihre Serverleistung zu erhöhen, verbinden
Firmen oft mehrere Server miteinander. Sie stel-
len damit eine sogenannte Serverfarm her. Eine
eingehende Anfrage wird nach dem „Plumpsack“-
Prinzip, also zufällig, an einen der freien Compu-
ter weiter geleitet.

Leere Kästchen und Fehlermeldungen haben


auch die Studenten der TU am Anfang des Semes-
ters zur Verzweiflung gebracht. Die Lernplattfor-
men LSF und EWS waren nicht mehr aufrufbar,
weil alle gleichzeitig ihre Stundenpläne zusam-
menstellen wollten. Man sollte zu Zeiten ins Netz
gehen, zu denen nicht viele andere da sind, rät
von Irmer. Oder einfach Geduld haben und an die
Kassiererin der Mensa denken, die eine riesige
Schlange vor der Nase hat und auch nicht mehr
kann, als was zwei Hände tun.

foto/text Johanna Fritz


Server bedient zwei User gleichzeitig und bezieht Informationen von
einer Datenbank im Hintergrund (Vereinfachtes Schema). © Sami Skalli
A171_07 DORTMUND: MITTEN IM LEBEN S07

Blasse Charaktere
Jean-Paul Sartres „Nekrassow“ genügt eigenen Ansprüchen nicht.

D
as Theater Dortmund präsentiert Jean-
Paul Sartres "Nekrassow". Das vom Phi- TICKETS GEWINNEN!
losophen und Schriftsteller selbst als
„sartirische Farce“ beschriebene Stück Wenn Marianne Dissard singt, dann trifft Frankreich
wird hier selten seinem Anspruch ge-
auf die USA. Die Sängerin und Songwriterin versucht
recht. Zu blass die Charaktere, zu unübersichtlich
die Szenenwechsel, zu bedeutungsschwanger die sich in der Musik zwischen den Welten. Denn Dissard
Dialoge. Einzelne Zitate aus Star Wars oder Text- ist in Frankreich geboren, in den USA zu Hause und
passagen aus Discoklassikern tragen nicht dazu verbindet den Sound der so verschiedenen Länder
bei den Zuschauer durch das Stück zu führen. in ihren Songs. Ihre französischen Chansons haben
Ein Zuschauer brachte es auf den Punkt: „Hätte einen Touch Arizona im Klang. Folk und Country
ich das Stück nicht vor der Aufführung gelesen, aus Amerika mischen sich mit der Wehmut und
ich hätte keine Ahnung, worum es geht“. Dabei Der falsche sowjetische Innenminister dem Herzergreifenden des französischen Gesangs.
wussten die Schauspieler in ihren Rollen durch- Nekrassow (Michael Kamp)
Am 27. November möchte Marianne Dissard das
aus zu gefallen. Vor allem Michael Kamp, der Ne-
Dortmunder Publikum im Konzerthaus begeis-
krassow und Georges de Valera verkörpert, zeigt
eine erschreckend authentische Wandlungsfä- will, macht Sibilot die Bekanntschaft des Hoch- tern. Und wer danach noch mit Madame Dis-
higkeit. Gekonnt spielt er auf der Klaviatur der staplers Georges de Valera. Dieser verspricht sards Songs weiterfeiern möchte, der kann das
Emotionen – von der ausweglosen Zerrissenheit dem resignierten Journalisten eine Titelstory. im Stravinski und im Chill‘R in Dortmund. Also
beim Selbstmordversuch de Valeras am Anfang Er gibt sich als sowjetischer Innenminister Ne- ein umfassender Konzerthaus-Abend extra für
des Stücks, bis zum unheilbringenden Todesen- krassow aus. In seiner Rolle sät er Angst und die, die sonst denken, dass dort nur Klassik läuft.
gel Nekrassow gegen Ende. Schrecken, indem er eine utopische Todesliste Wir verlosen drei mal zwei Karten für das Konzert
der Bolschewisten enthüllt. Darauf finden sich mit Marianne Dissard. Also: packt eure Franzö-
Und darum geht's: Die Welt befindet sich im kal- natürlich alle Größen der französischen Presse sisch-Kenntnisse aus – unsere Gewinnfrage lautet:
ten Krieg. In Frankreich kämpft ein rechtspopulis- wieder. Immer tiefer verliert sich Georges de
tisches Kampfblatt ums Überleben. Der Wettlauf Valera in seiner Scharade, bis selbst für ihn die Was heißt „lecture obligatoire“ auf deutsch?
um die beste Story ist unerbittlich und fordert in Grenzen zu verschwimmen beginnen. Schreibt die Lösung mit Name, Telefonnr. und E-
Redakteur Sibilot (Barbara Blümel) ein erstes Op- Mail-Adresse an post@pflichtlektuere.com.
fer, sollte sich dieser nicht mit einer grandiosen text Jens Jüttner
Geschichte profilieren können. Wie es der Zufall foto Schauspielhaus Dortmund

pflichtlektüre empfiehlt
Bildungsstreik Topaktuell Es weihnachtet sehr...
Ein heißer Herbstwind
weht über unseren Unser Adventskalender nicht nur für Weihnachts-
Campus. Viele von Euch wissenschaftler: Hinter den 24 Türchen verbergen
haben mitgemacht beim sich Antworten auf Fragen wie „Welche chemischen
Kampf gegen Studienge- Prozesse stecken in unseren Plätzchen?“ und ein
bühren und den zu hohen Blick in die Zukunft: Weiße Weihnacht 2009? Jeden
Leistungsdruck an den Tag gibt es eine Gewinnspielfrage. Als Preise win-
Universitäten. Auf der ken signierte Bücher und Kinogutscheine.
pflichtlektüre-Website fin-
det ihr unsere komplette
Berichterstattung: Von der
Besetzung des Audimax
Das Gesicht hinter der Party
in Duisburg, bis hin zum Die Mensaparty vor zwei Jahren ging in die Geschichte
bundesweiten Protest- der Ruhr-Uni Bochum ein, und der ehemalige AStA-Chef
Tag. Wir halten Euch wei- musste seinen Kopf dafür hinhalten: Zum ersten Mal
terhin auf dem Laufenden überhaupt spricht Fabian Ferber über die Hintergründe
und wollen Eure Meinung der Party, die mehr als 200.000 Euro Schulden verur-
zu den Aktionen. sachte, die Zeit davor und danach und das Urteil, dass er
nun vom Amtsgericht Bochum erhielt.

Mehr auf
Mehr auf dem
dem neuen
neuen Online-Portal:
Online-Portal: www.pfl
www.pflichtlektuere.com
ichtlektuere.com
S08 HERZ-STÜCK A367_08

Sorge dich
nicht, lebe!
Wer nur mit Scheuklappen zwischen Hörsaal, Bib und
Praktikumsplatz pendelt, verliert den Blick für das We-
sentliche. Ein Plädoyer fürs Innehalten – und eine kleine
Anleitung zum Glücklichsein.

W
ir haben Angst. Vorm Versagen, her, da war sich selbst zu verkaufen gleichbedeu-
vor Arbeitslosigkeit, vor einer un- tend mit Selbstverrat. Doch heute ist jeder käuf-
sicheren Zukunft. Wir wünschen lich. Mancher biedert sich sogar an – Hauptsache,
uns Sicherheit, und mancher ist be- der Lohn ist ein kleines bisschen Sicherheit.
reit, dafür alles zu tun. Schlaf wird
zweitrangig. Kommilitionen werden Konkurren- Die Wissenschaft bestätigt dieses Bild: Die aktu-
ten – um die Gunst der Profs, das begehrte Prakti- elle Shell-Studie beschreibt uns als „pragmati-
kum oder den hoch dotierten Job. Viele begreifen sche Generation“. Man studiert, um einen siche-
das Leben als eine Art Rennstrecke. Wer bremst, ren Arbeitsplatz zu bekommen. Demnach sind
verliert. Es geht darum, möglichst vorne mitzu- wir zunehmend verunsichert: Blickten 2002 noch
fahren und schnell ans Ziel zu kommen. Die ent- 69 Prozent von uns optimistisch in ihre Zukunft,
scheidende Frage aber lautet: Was ist eigentlich waren es vier Jahre später nur noch 56 Prozent.
das Ziel? Seit 1998 ist es Studenten immer wichtiger ge-
worden, später einen festen Job zu bekommen.
Zuweilen scheint es, als gehe es nur noch darum, Eine Studie der Uni Konstanz zeigt: Vor elf Jahren
sich möglichst gut zu verkaufen. Es ist nicht lange wählten nur 23 Prozent ihr Fach nach den späte-
ren Karriereoptionen aus. 2007 waren es schon
36 Prozent. Laut Studienleiter Tino Bargel sind
„die Studenten konservativer und egoistischer
BUCHTIPP geworden“.

Die Nahrung für die Zukunftsangst kommt nicht


von uns selbst. Wir bieten nur den Nährboden
Ratgeber gibt es wie Sand am Meer. Aber „Dr. für die Panik. Geschürt wird die Angst durch Mei-
Ankowitschs Kleiner Seelenklempner“ ist ein nungsmacher in Politik, Wirtschaft und Medien.
besonderer: Zu allererst ist der Autor authentisch. Das klingt platt, trifft aber den Kern. Politiker aller Studium fundamentale: Entspannen, durchatmen – davon
Christian Ankowitsch hat 22 Semester studiert. Parteien sprechen von steigenden Herausforde- steht nichts auf der Literatur-Liste zum Bachelor-Seminar.
Wenn er ein Buch darüber schreibt , wie man rungen in einer globalisierten Welt. Laut Bun-
desbildungsministerium verstärkt der demogra-
sich „durchs Leben improvisiert“, kann der Leser
fischen Wandel diese noch. Deutschland müsse überlagert alles. Wir vernachlässigen Freunde,
sicher sein: Der Mann weiß, wovon er schreibt. aufpassen, nicht von China und Brasilien über- solange deren Väter keine Personaler sind. Wir
Auf 300 Seiten gibt Ankowitsch jede Menge Tipps. holt zu werden. Da ist es schon wieder, das Bild verabschieden uns von Hobbys, wenn diese kei-
Einer davon: Wer Playmobil-Figuren aufstellt, von der Rennstrecke: Wer zögert oder zweifelt, nen beruflichen Nutzen bringen. Alles wird auf
sieht, wie realistisch die eigenen Pläne sind. Oder: verliert den Anschluss. Sicherheit getrimmt. Was verloren geht, ist die
Man muss lernen, die eigenen Fehler als Teil sei- Freiheit, die Studieren eigentlich mit sich brin-
ner selbst schätzen zu lernen. Dabei ist der Autor Den Unternehmen soll es recht sein. Sie leben gen sollte.
immer ehrlich. Nie werden werden unangenehme von Konkurrenz. Je mehr Konkurrenz zwischen
Wahrheiten verschwiegen: „Das Leben perfekt den Bewerbern, desto besser der Gewinner – so Zwei Fragen sollte jeder Student im Auge behal-
planen – eine schöne, aber unnütze Illusion.“ So zumindest die Theorie. Die Wirklichkeit heißt ten: Was will ich wirklich? Worum geht es mir
lassen sich Karriere, Traumpartner, intelligente zuweilen Burnout (sie- im Leben? Und nicht: Was will der Personalchef?
Kinder und Sex ohne Ende in den wenigsten he Infokasten). Die Friedrich Schiller hat in
Fällen einfach kombinieren. Genauso unwahr- Medien schließlich Stromlinienförmige Streber seiner Antrittsvorlesung
verstärken die Panik in Jena 1789 zwei Typen
scheinlich ist es, im Studium genau zu wissen,
wo der Weg enden wird. „Exklusivverträge mit
mit haufenweise ne- statt Ecken und Kanten von Studenten unter-
gativen Nachrichten. schieden: den „philoso-
dem Schicksal existieren nicht.“ Witzig beschreibt Jeder Quelle-Katalog, jeder Opel erinnert an die phischen Kopf“, der mit idealistischem Enthusi-
Ankowitsch die Fallstricke des Lebens. Also: Ent- Wirtschaftskrise. Pausenlose Katastrophenmel- asmus studiert – und den „Brotgelehrten“, der
spannt euch, werft einen Blick in das Buch – und dungen aus den Unternehmen erschüttern jedes nur für „Amt, Geld und Ansehen“ zur Uni geht.
auf unser Online-Portal plichtlektuere.com. Dort Selbstbewusstsein und ersticken jeden Funken Natürlich hat sich der Querdenker Schiller über
lest ihr ein Interview mit dem Autor. lipe Zuversicht. Dabei ist die Lage längst nicht so düs- die Brotgelehrten lustig gemacht. Heute versucht
ter, wie viele denken (siehe Text auf Seite 10). jeder, der fleißigste Brotgelehrte zu werden: eine
Christian Ankowitsch: „Dr. Ankowitschs Klei- Generation stromlinienförmiger Streber, in der
ner Seelenklempner“, Rowohlt, 19,90 Euro. Doch wir Studenten ergeben uns der irrationa- es keinen Raum gibt für Ecken und Kanten. Da-
len Angst. Das Streben nach beruflichem Erfolg bei sollte das Studium gerade dazu dienen, eine
A367_09 HERZ-STÜCK S09

verlangt, sollte man sie ihm gönnen. Sonst ra-


ckert man sich zwar ab, arbeitet und lernt aber
ineffizient.

So sehr wir uns verkrampfen – wir können un-


sere Zukunft nicht planen. Die Karriere ist keine
Autobahn, auf der wir bloß die richtige Ausfahrt
nehmen müssen. Auch wenn wir vermeintlich
falsch abgebogen sind, muss das kein Drama
sein: So wenig gute Uni-Leistungen eine erfolg-
reiche Karriere bedingen, so wenig verbauen
schlechte Leistungen zwangsläufig den Weg. Der
Tipp des Psychologen Alfred Gebert: „Durchbre-
chen Sie Vorschriften, sammeln Sie fachfremde
Erfahrungen, machen Sie ruhig mal ein Semester
Pause.“ Man muss sich nur die unzähligen Vorbil-
der ansehen, die Karriere gemacht haben, obwohl
– oder vielleicht gerade weil – sie aus Strukturen
ausgebrochen und ihren eigenen Weg gegan-
gen sind. Star-Regisseur Sönke Wortmann („Das
Wunder von Bern“) spielte nach dem Abi drei
Jahre lang Fußball unter anderem bei Westfalia
Herne, studierte anschließend ein Semester So-
ziologie in Münster und ging danach sechs Jahre
lang auf die Filmhochschule in München. Seinen
Abschluss machte er mit 30. Auch Apple-Gründer
Steve Jobs, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg
und Microsoft-Gründer Bill Gates sind Studien-
abbrecher, die inzwischen Milliarden besitzen.
Geplant hatte das keiner von ihnen.

Nur eines ist sicher: Wer sein gesamtes Studen-


tenleben in der Bibliothek oder im Praktikum
verbringt, wird es am Ende bereuen. Wer in blin-
der Angst das heutige Glück gegen ein vages Si-
cherheitsversprechen für morgen tauscht, wird
womöglich am Ende ohne alles dastehen. Ohne
Sicherheit – aber vor allem: ohne Glück.

Mehr zum Thema


Das Glück geht manchmal krumme Wege: Die
Dortmunderin Sabrina Kohlpoth hat ihr Chemie-
Studium geschmissen. Ihr Arbeitsplatz ist nun
ein Schiffsdeck. Die ganze Geschichte lest ihr auf
unserem Online-Portal www.pflichtlektuere.com

text Johannes Zuber,


foto TiBiTu

eigene Persönlichkeit zu entwickeln.


Viele meinen zu wissen: Glück – das ist ein si-
cherer Job und eine erfolgreiche Karriere. Aber
HINTERGRUND Studenten an, unter psychischen Störungen zu
stimmt das? Marilyn Monroe hat gesagt: „Karri- leiden. Vergleichswerte zu früheren Jahren gibt es
ere ist etwas Herrliches, aber man kann sich in allerdings nicht.
einer kalten Nacht nicht an ihr wärmen.“ Und Einen Besorgnis erregenden Befund zeigt auch eine
schon der antike griechische Philosoph Epikur Endstation Burnout Studie der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr
wusste: Glücklich ist, wer Augenblicke auskos- Ritalin zur Referatsvorbereitung, Angstzustände 2007. Demnach sind zehn Prozent der Medika-
tet, Zukunftsängste vermeidet, Ehrgeiz zügelt. vor der Zwischenprüfung und Depressionen wegen mente, die Studenten verschrieben bekommen,
Dauerhaftes Glück bringen seiner Ansicht nach der Diplomarbeit: Offenbar leiden immer mehr Antidepressiva. Das ist doppelt so viel wie bei
nur soziale Beziehungen. Aber Freundschaften zu Studenten unter psychischen Problemen. Das Deut- gleichaltrigen Berufstätigen. Der Erhebung zufolge
pflegen, braucht Zeit – Zeit, die beim Hetzen vom sche Studentenwerk berichtet, dass Studierende leiden 16 Prozent der Studenten unter depressiven
Hörsaal zur Karrieremesse nicht bleibt. in den vergangenen Jahren vermehrt mit Burnout- Verstimmungen. Elf Prozent der 3300 Befragten
Symptomen in die Beratungsstellen kommen. Von klagten über Albträume, neun Prozent über Ängste
Klar, ein Bummelstudium mit anschließendem
einer „Besorgnis erregenden Entwicklung“ spricht und Phobien.
Vegetieren in Praktika oder Arbeitslosigkeit
macht auch nicht glücklich. Jeder will eigenes der Präsident des Deutschen Studentenwerks Die Studienautoren haben aber auch eine beruhi-
Geld verdienen und einen Job, der Spaß macht. Professor Rolf Dobischat. Er lehrt am Institut für gende Nachricht: Insgesamt geht es Studenten ge-
Verkrampftes Lebenslauf-Pimpen führt aber Berufs- und Weiterbildung der Uni Duisburg-Essen: sundheitlich offenbar besser als ihren arbeitenden
nicht ans Ziel. Der Münsteraner Psychologe Alf- „Die Studierenden stehen unter immer stärkerem Altersgenossen. Sie gehen seltener zum Arzt und
red Gebert rät, auch mal zu entspannen. „Selbst Erwartungs-, Leistungs- und vor allem Zeitdruck.“ bekommen weniger Medikamente verschrieben.
Gott hat am siebten Tag Pause gemacht. Das Ge- Bei der 18. Sozialerhebung des Deutschen Stu- Befragt nach ihrem allgemeinen Gesundheitszu-
hirn strukturiert sich, wenn man Pause macht“, dentenwerks im Jahr 2006 gaben neun Prozent stand gaben satte 87 Prozent der Studenten an, es
sagt Gebert. „Unser innerer Schweinehund meint der männlichen und zwölf Prozent der weiblichen gehe ihnen gut bis ausgezeichnet. jj
es gut mit uns.“ Wenn der Körper nach Pausen
S10 HERZ-STÜCK A367_10

Kein Grund zur Panik


Aller Zukunftsangst zum Trotz: Unter Akademikern herrscht praktisch Vollbeschäftigung. Besonders
gefragt sind Naturwissenschaftler und Techniker. Auch für Geisteswissenschaftler gibt es Hoffnung.

D
ie Lage auf dem Arbeitsmarkt ist für
Akademiker weniger dramatisch, als
viele fürchten. Fast alle Uni-Absolven-
ten haben einen Job. Die Arbeitslosen-
quote unter Akademikern lag 2008
bundesweit bei 3,3 Prozent, berichtet das Institut
der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Zum Ver-
gleich: Unter den Menschen ohne Berufsausbil-
dung waren 13,8 Prozent ohne Job.

Für Beunruhigung sorgte zuletzt eine Studie des


Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), wonach
die Zahl der Arbeitslosen mit Fachabi, Abi, Fach-
hochschul- oder Universitätsabschluss gegenüber
August 2008 um 24 Prozent gestiegen sei. Kritiker
bemängelten allerdings, dass die Zahlen dramati-
scher klängen als sie sind. Es handele sich um eine Auch wer sich mal eine Pause gönnt, verpasst damit
Steigerung auf niedrigem Niveau. Insgesamt gab noch lange nicht den Zug ins Arbeitsleben.
es laut DGB im vergangenen August bundesweit
480.000 Arbeitslose mit Fachabi, Abi, Fachhoch-
schul- oder Uniabschluss. Holger Schäfer vom IW Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsfor- durchschnittlich oft keine Festanstellung und
erklärte, die steigende Zahl an Arbeitslosen mit schung (IAB) in Nürnberg prognostiziert, dass verdienen weniger als ihre Altersgenossen in So-
Abitur, Fachhochschul- oder Uniabschluss liege bis 2020 Hochqualifizierte in allen Arbeitsfel- zial- und Wirtschaftswissenschaften.
daran, dass die Zahl der Abiturienten steige. Die dern fehlen werden. Das IAB erwartet, dass sich
Arbeitslosenquote unter Akademikern liege seit Firmen zunehmend für „Quereinsteiger aus eher Im Schnitt verdienen Akademiker hierzulande
über 20 Jahren bei drei bis fünf Prozent. untypischen Studienfächern“ öffnen müssen. zehn Jahre nach ihrem Abschluss 60.000 Euro
brutto. Aber auch hier gibt es Unterschiede: Bei
Je nach Branche sind Uni-Absolventen aber un- Auch Geisteswissenschaftler können aufatmen. Wirtschaftsingenieuren landen im Schnitt mehr
terschiedlich gefragt: Besonders gebraucht wer- Nach Angaben des Hochschul-Informations-Sys- als 100.000 Euro auf dem Konto, während Sozial-
den MINT-Akademiker (Mathematiker, Ingenieu- tems (HIS) sind sie langfristig im Durchschnitt pädagogen lediglich 30.000 Euro verdienen.
re, Naturwissenschaftler, Techniker). Laut IW Köln nicht häufiger arbeitslos als Absolventen ande-
gibt es in diesem Jahr 61.000 mehr offene Stellen rer Fachrichtungen. Allerdings sind Geisteswis- text Stephanie Kwoll
foto TiBiTu
als MINT-Akademiker auf Jobsuche. Vom Fach- senschaftler kurzfristig schlechter dran. Ein Jahr
kräftemangel angesichts des demografischen nach dem Abschluss arbeiten sie vornehmlich
Wandels profitieren aber auch andere Branchen: in Werks- und Honorarverträgen, haben über-

GASTKOMMENTAR VON PETER ZIMMERMANN


D
er Unialltag von Bachelor-Studenten ist für das politische Engagement war mehr Raum Oftmals ist der
heute vor allem von Stress geprägt, das und Zeit da. Politisches Engagement ist ein wich- Stress der Studie-
spüre ich in meinen Vorlesungen und tiger Faktor, um das Gefühl zu verstärken, dass renden aber auch
Sprechstunden. Die Studenten befin- man Einfluss nehmen kann und nicht machtlos selbst produziert
den sich vom ersten Vorlesungstag an allen gesellschaftlichen und politischen Verände- beziehungswei-
in einer Prüfungssituation, weil jede Note auch rungen gegenübersteht. se überzogen. Sie
für die Abschlussnote zählt. Entsprechend ist ihr sollten sich nicht
Ziel in den Lehrveranstaltungen oft nur noch, ei- Heute ist die Situation anders, darauf müssen von der allgemei-
ne gute Note zu erhalten. Die inhaltliche Ausein- sich die Studierenden einstellen. Wichtig ist, nen Studierhektik
andersetzung mit dem Stoff ist zweitrangig. Nur dass sie früh lernen, sich selbst zu organisieren mitreißen lassen.
noch selten gibt es Studierende, die wirklich Spaß und sich die eigene Zeit gut einzuteilen. Das ist Oder anders ausge-
an wissenschaftlicher Reflexion und kritischer schon die halbe Miete. Ich plädiere zudem dafür, drückt: Wer schnell
Auseinandersetzung haben. Das ist schade und das Bachelor-System zu korrigieren. So müsste und gut ans Ziel
problematisch, weil genau diese Entwicklung am zum Beispiel klar berechnet werden, was es für kommen will, soll-
Bildungsauftrag der Universität vorbeigeht. den Stundenplan eines Studierenden bedeutet, te langsam gehen!
wenn er 30 Creditpoints im Semester machen Das heißt natürlich nicht bewusst trödeln, son-
Besonders wichtig ist es den Studierenden heute, soll. In manchen Fällen wurden ja die alten Di- dern ab und zu innehalten.
schnell fertig zu werden. Das war anders, als ich plomstudiengänge, für die acht bis zehn Semes-
noch studierte. Damals wurde nicht so gehetzt. ter Zeit war, einfach in den sechssemestrigen BA Dr. Peter Zimmermann leitet die Bachelor- und
Außer bei der Zwischen- und der Abschlussprü- gepresst. Klar, dass die Studierenden das nicht Masterstudiengänge der Fakultät Erziehungswis-
fung gab es keine Noten, ein Wechsel des Studi- schaffen können. Wenn die Stundenberechnun- senschaft der TU Dortmund.
ums oder ein Pausieren war relativ einfach und gen noch einmal überdacht würden, könnten die
die vorlesungsfreien Zeiten waren länger. Auch Studierenden entlastet werden.
A367_11 HERZ-STÜCK S11

Jens Jüttner, Stephanie


Jungwirth und Marie Lan-
Ist ein glatter Lebenslauf alles ?
fermann haben mit Perso-
nalern gesprochen.

UMGEHÖRT

Dr. Frank Stefan Becker, Hoch- Heidi Palm, Leiterin Nachwuchsge- Dirk Pfenning, Abteilung
schulexperte bei Siemens winnung bei der Deutschen Bahn Sourcing and Hiring bei Bayer

Wie wichtig sind Ihnen Bestnoten und ein schnelles Studium?

Gute Noten – das ist zum Beispiel ei- Die Semesterzahl allein ist nicht wich- Beides sind neben vielen anderen rele-
ne Zwei – sind ein wichtiges Kriteri- tig, gute Noten natürlich schon. Aber vante Punkte bei der Einstellentschei-
um. Schließlich müssen wir aussor- der Lebenslauf kann auch Lücken ha- dung. Ein „gerader“ Lebenslauf hat den
tieren. Jemand, der sein Examen mit ben. Grundsätzlich sind Auszeiten Vorteil, dass er weniger erklärungsbe-
3,5 gemacht hat, kommt eher nicht in nicht schlecht. Ebenfalls Zeiten, in de- dürftig ist. Sofern gute Gründe für „un-
Frage. Es ist gut, wenn jemand ziel- nen der Bewerber gearbeitet hat, um übliche“ Stationen vorliegen, ist dies
strebig studiert hat. Aber mit 28 Jah- zum Beispiel das Studium zu finan- aber kein Nachteil. So kann zum Bei-
ren ist zum Beispiel kein Bewerber zu zieren. Wichtig ist, dass der Bewerber spiel ein Studienfachwechsel bei guter
alt. Einen Typen, der sich nur auf sein gut erklären kann, warum er welche inhaltlicher Begründung absolut sinn-
Studium konzentriert hat, können wir Schritte gegangen ist und was ihm das voll sein. Neben den fachlichen Qualifi-
nur in wenigen Bereichen gebrauchen gebracht hat. kationen spielen auch „Soft Skills“ wie
– zum Beispiel im juristischen. Wir zum Beispiel Kommunikations- und
brauchen Leute, die einen Blick haben Teamfähigkeit eine große Rolle.
für das, was um sie herum vorgeht.

Woran erkennen Sie einen Charakterkopf, der das Unternehmen weiterbringt?

Wir schauen: Was hat ein junger Die Mischung machts: interessante Wichtig ist, dass der Bewerber klare
Mensch außer seinem Pflichtpro- Praktika, Auslandsaufenthalte und Vorstellungen von seinem beruflichen
gramm an der Uni gemacht? Hat er natürlich auch gute Noten. Ein Aus- Einstieg hat und Ambitionen zeigt,
zum Beispiel einmal eine Gruppe ge- landsaufenthalt ist aber zum Beispiel sich fachlich und persönlich weiter-
leitet? Ziel des Bewerbungsgespräches keine Pflicht. Zunächst lernt der Per- zuentwickeln. So schaut der jewei-
ist es, Persönlichkeitsmerkmale wie sonaler den Bewerber natürlich im- lige Personalvorgesetzte zum Bei-
Eigeninitiative herauszuarbeiten. Wir mer über die reinen Zahlen in seiner spiel nicht auf die Abschlussnote, ein
fragen uns zum Beispiel: Könnte der Bewerbung und dem Lebenslauf ken- schnelles Studium oder Auslandsauf-
Bewerber das Unternehmen einmal nen. Aber im Accessment-Center und enthalte allein. Ausschlaggebend ist
bei einer Podiumsdiskussion an einer im persönlichen Gespräch zeigt sich vielmehr der persönliche Eindruck des
Uni repräsentieren? Wenn dann da ein dann zum Beispiel auch die soziale Personalvorgesetzten, inwieweit sich
Typ säße, der nur ein Zahlenmensch Kompetenz des einzelnen Bewerbers. diese Punkte auch im Verhalten und
ist und etwas von Gewinnsteigerung Wissen des Bewerbers widerspiegeln.
erzählt, ist das kontraproduktiv.

Was raten Sie einem Studenten, der bei einer Bewerbung seine Stärken jenseits der Uni zeigen will?

Ich rate ihm: Schauen Sie sich die Stel- Die Leistungen sollten in jedem Fall in Der Bewerber sollte das unbedingt
lenausschreibung ganz genau an und den Lebenslauf aufgenommen werden, tun, sofern die Qualifikationen für
arbeiten Sie im Bewerbungsschreiben wenn es passt. Dinge die jemanden ge- die Stelle relevant sind. Auch Online-
heraus, was Sie in dem Unternehmen prägt und bewegt haben, interessie- Bewerbungen bieten Raum zu Infor-
Besonderes beitragen können. Wenn ren den Personaler. Was der Bewerber mationen über Interessen jenseits der
Sie zum Beispiel Französisch sprechen rechts und links des Studiums gemacht Ausbildung. Wenn zum Beispiel ein et-
und sich ensprechend bei L‘Oreal be- hat, kann entscheidend sein. Auf die was älterer Absolvent mit einer 2,3 als
werben, einem französischen Unter- im Lebenslauf genannten Punkte kann Abschlussnote schon Führungsverant-
nehmen, dann merkt der Personaler: der Personaler dann im persönlichen wortung im Betrieb der Eltern über-
„Aha, da hat sich jemand Gedanken Gespräch auch zurückkommen. nommen hat, kann er gegenüber ei-
gemacht. Er will nicht nur eine Posi- nem jüngeren Bewerber mit besseren
tion haben, sondern zu diesem Unter- Note im Vorteil sein, wenn Führungs-
nehmen dazugehören.“ qualitäten für die Stelle gefordert sind.
S12 RUHR-BLICK: MITTEN IM LEBEN A367_12

Toleranz? - Fehlanzeige
Unsere Gesellschaft gibt sich gern toleranter als sie ist. In diesem Jahr feiert das Essener
Referat für Schwule, Bisexuelle und Lesben 25-jähriges Jubiläum. Zu tun gibt es viel.

D
ie Tür geht auf: Eine Gruppe junger
Männer zwischen 16 und 19 Jahren be-
tritt das Essener Café „Vielfalt“. Kurz
darauf nimmt einer von ihnen einen
Trinkbecher und kippt den Inhalt in die
Gesichter zweier Cafébesucher. Dann stürmt die
Gruppe davon. Im Becher war kein Kaffee oder
Tee – Es war Urin. Getan haben die zwei Cafébe-
sucher nichts. Die Tatsache, dass sie schwul sind,
war für die Gruppe Grund genug.

Das selbe Café, ein ähnlicher Fall: Ein Mann läuft


hinaus, beginnt zwei lesbische Frauen anzupö-
beln. Die Beiden haben Glück im Unglück: leich-
te Verletzungen und zerrissene Klamotten als
Erinnerungen an diesen Abend. Übergriffe auf
schwul-lesbische Einrichtungen wie das Café
„Vielfalt“ sind nichts Neues. Doch gerade in der
letzten Zeit häufen sie sich, hat Marc Claaßen
beobachtet. Er arbeitet im Café und ist Sozialpä-
dagoge. „Früher gab es derartige Fälle kaum“, er-
innert er sich.

Verschont bleibt auch das schwul-lesbische Ju-


gendzentrum „Enterpride“ in Mülheim nicht.
Der Christopher-Street-Day: Spaßveranstaltung ohne
„Auch dort wurden Besucher beschimpft und ver- politischen Tiefgang?
folgt“, weiß Claaßen. Gelegentlich kleben dort so-
gar Aufkleber mit der Aufschrift „Nicht wirklich
deutsch!“ an der Café-Tür – vermutlich von rech- Laut einer Umfrage stehe jeder Dritte Menschen Spaß nach Köln trieb: „Für mich hat der Christo-
ten Organisationen angebracht. Marc Claaßen mit einer sexuell anderen Neigung kritisch ge- pher-Street-Day keine politischen Hintergründe,
vermutet als Grund für solche Übergriffe die zu- genüber, sagt Ute Klammer, Prorektorin für Di- ich gehe nur wegen der Partystimmung hin.“
nehmende Perspektivlosigkeit vieler Menschen. versity Management an der Uni Duisburg-Essen. Aussagen wie diese findet Bach erschreckend.
„Die Finanzkrise, fehlende Arbeitsplätze und die „Eine Mischung aus Spaß und politischem Enga-
daraus resultierende Langeweile erzeugt Frustra- Intoleranz gibt es auch in den obersten Etagen gement wäre der richtige Weg.“
tion bei einigen Menschen“, meint er. „Man sucht der Hochschule, weiß Eva Siegfried, die an der
nach einem Schuldigen. Randgruppen und Min- Uni Duisburg-Essen studiert: „Ein Professor frag-
derheiten sind da als Opfer prädestiniert.“ te uns in der Vorlesung, was der Autor eines Bu- Früher mehr Engagement
ches mit seiner literarischen Figur ausdrücken Bach erinnert sich an die 80er Jahre, als Homo-
wolle. Als niemand darauf kam, sagte er, dass es sexuelle sich ihre „Grundrechte“ noch erkämpfen
Intolerante Professoren sich hier nur um einen Hinterlader handeln kön- mussten. In den Gründungsjahren des schwul-
Doch es sind nicht nur die vermeintlich „Geschei- ne – zu deutsch: um einen Schwulen.“ lesbischen Referats galt es schon als provokant,
terten“, die auch heute noch ein Problem mit als Schwuler überhaupt öffentlich aufzutreten.
Homosexuellen haben. Auch angehende Akade- Angesichts dieser Zahlen übt Axel Bach, Ehren- Demos waren damals noch an der Tagesordnung.
miker zeigen sich intoleranter als vielleicht er- mitglied des „Essener schwul-lesbischen autono- Gefesselt, mit zugepflastertem Mund, in adret-
wartet. men Referats“ (SchwuBiLe), Kritik am mangeln- ten Anzügen gekleidet und gewappnet mit der
den Engagement. „Die Referate sind zu wenig Plakat-Aufschrift „So wollt Ihr uns: als angepass-
politisch aktiv. Sie haben das Niveau von Selbst- te Schwule“ hat Ende der 80er Jahre eine kleine
hilfegruppen erlangt. Genau diese Vorfälle und Schwulen-Gruppe den Mensa-Eingang der Uni
Zahlen müssten uns doch wachrütteln.“ Duisburg belagert. „Sich politisch zu engagieren,
war selbstverständlich“, erinnert sich Bach. „Es
sollte auch heute noch eine der Hauptaufgaben
Mehr Party, weniger Politik für alle Vereine und Referate Homosexueller sein,
Bach kennt sich in der Essener Szene aus und kri- aufzuklären und politisch zu wirken.“
tisiert offen die neue Generation Homosexueller:
Ihre Online-Foren würden sich zunehmend zu text Martina Vogt
reinen Partyportalen entwickeln. Und vor allem foto Dennis Pfeiffer-Goldmann, Caroline Biallas
der Christopher-Street-Day werde immer weni-
ger als öffentliche Plattform genutzt um politi-
sche Probleme anzusprechen. In der Tat scheint
es, als würde der Demonstrationstag für Lesben,
Schwule und Bisexuelle heute weniger als poli-
Axel Bach, Referent des „SchwuBiLe“, kritisiert den tisches Sprachrohr genutzt. So war der 19-jähri-
fehlenden politischen Fokus der Referate. ge Simon Ahrens aus Bremen beim diesjährigen
Christopher-Street-Day nicht der Einzige, den der
A367_13 RUHR-BLICK: MITTEN IM LEBEN S13

„Ich wollte es mir lange nicht eingestehen“


Von Dozenten belächelt, von Freunden verraten: Melanie L. spricht über ihr Outing.

M
elanie hatte in ihrem Leben schon ei- worden zu sein. Auch wenn das eigene Outing
nige Coming Outs – vor ihrer Familie, gut verläuft, geht diesem meist eine Zeit der
vor Freunden, in der Ausbildungs- Unsicherheit voraus. „Viele verhielten sich nach
stätte, in der Berufsschule und zuletzt dem Outing mir gegenüber anders. Sie gaben
in der Uni. Wie schwer es jedes Mal das Geheimnis weiter.“ Melanie kapselte sich ab.
war, erneut in das verhaltene Gesicht des Ge- „Ich habe oft lange gewartet, bis ich jemandem
genübers zu schauen, daran erinnert sie sich nur richtig vertrauen konnte und mich dann wieder
ungern. „Aber ich wollte mich outen, um Klarheit geoutet habe.“ Von ihren Freunden an der Uni
zu schaffen, ich will mich nicht verstecken.“ Die wissen es nur zwei Personen. „Die beiden haben
22-Jährige studierte bis vor kurzem noch an der kein Problem damit.“ Anders sehe es in den Vor-
TU Dortmund Rehabilitationswissenschaften. lesungen aus. „Es wurden Modelle von Gesund-
Dass sie lesbisch ist, wusste sie bereits in der heit und Krankheit besprochen, Krankheitsbilder
Pubertät. Damals versuchte sie das Thema zu wurden erörtert.“ Beim Thema Aids sprach der
verdrängen: „Ich wollte es mir einfach nicht ein- Dozent über Homosexualität und all die über-
gestehen“, sagt sie. Später plante sie ihr Outing, holten Ansichten aus den 70er Jahren. „Meine
verlor aber immer wieder den Mut. Kommilitonen witzelten bei dieser zynischen
Betrachtungsweise des Themas.” An eine heuti-
Die Gewissheit, homosexuell zu sein, meint Me- ge grundlegende Gleichstellung glaubt Melanie Melanie glaubt nicht an eine Gleichstellung.
lanie, sei heute mit dem gleichen Ausmaß an Un- nicht: „Wie soll jemand, der homosexuell ist, den
sicherheit verbunden wie vor 30 Jahren. „Unsere Mut dazu bekommen sich zu outen, wenn das
Gesellschaft ist nicht so tolerant wie es scheint.“ Thema selbst an Universitäten belächelt wird?“ Kontakte zu den Referaten unter:
Mehr als jeder zweite homosexuelle Jugendliche Dennoch sei es vor allem für einen selbst wich- www.pflichtlektuere.com
muss mit größeren Belastungen fertig werden tig, sich zu outen. „Es endlich gesagt zu haben, er-
als gleichaltrige heterosexuelle Jugendliche. Nur leichtert sehr. Ich stehe zu dem was ich bin, auch text Martina Vogt
etwa ein Prozent aller lesbischen und schwulen wenn es immer wieder Kraft und Überwindung foto Melanie L.
Jugendlichen gibt an, noch nicht diskriminiert kostet, mich anderen gegenüber zu offenbaren.“
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Für alle Sinne


Von Atheismus über Autismus bis hin zu Aktionismus

PROMI-TIPP: Vince Eberts Lieblingsbuch DER FILM:


Makkaroni mit Käse bis hin zu
Der Bestsellerautor von „Denken seiner Angewohnheit, erst alle
sauberen Klamotten im Schrank
Sie selbst!“ empfiehlt: zu tragen, bis er die Waschma-
schine benutzt.
Richard Dawkins Adam ist hochintelligent, aber
zu keiner Empathie fähig. Dieses
„Der Gotteswahn“ Dilemma spitzt sich weiter zu, als
seine neue Nachbarin Beth (Rose
Verlag: Suhrkamp Byrne) einzieht. Zwischen den
beiden entwickelt sich eine zarte
Preis: 19,80 Euro Liebesbeziehung.

Theaterregiesseur Max Mayer


ist ein ganz großer Coup gelun-
Ebert zum Buch: viel besser: Er hangelt sich mit gen. Adam braucht den Vergleich
„... Als großer Atheist empfehle ich Halbwissen über Theologie und mit Filmen wie „Rainman“ oder
das Buch „Der Gotteswahn“. Ein Philosophie durch eine oberfläch- „Irgendwo in Idaho“ nicht zu
ganz tolles Buch, sowohl für gläu- liche, reißerische Argumentation. scheuen und ist mehr als nur ein
bige als auch ungläubige Menschen. Gäbe es keine Religion, würden Adams (brillant: Hugh Dancy) Geheimtipp für Programmkino-
Er stellt Statements in den Raum, die Menschen auch nichts Böses Trauer über den Tod seines Va- Fans. jj
mit denen man sich selbst als sehr tun, sagt Dawkins. Damit macht ters besteht nur darin, seinen Er-
gläubiger Mensch auseinander set- er einen Fehler: Er kritisiert nicht zeuger von der Hausarbeitsliste
zen sollte. Und es ist kein atheisti- die Religion an sich, sondern die der gemeinsamen Wohnung zu Adam
scher Fundamentalismus, was ihm Menschen, die in ihrem Namen streichen. Was makaber anmutet,
ja vorgeworfen wird.“ handeln. Dass er das nicht von bekommt einen traurigen Nach- Regie/Drehbuch:
seiner wissenschaftlichen Ausein geschmack, wenn dem Zuschauer Max Mayer
Meine Kritik: andersetzung mit der Gotteshy- klar wird, dass er unter dem As-
Richard Dawkins wettert gegen pothese trennen kann ist schade perger-Syndrom leidet, einer Form Kinostart: 12.12.2009
intolerante Christen, die ihm für alle Atheisten, die uch über von Autismus.
als armen Atheisten das Leben den Tellerrand schauen können. Alles in Adams Leben ist standar-
schwer machen. Leider ist er nicht lea disiert – von den allabendlichen

EXIT -
RAFF DICH AUF, GEH RAUS!
lergenie. Man lernt den Künstler von einer
ganz anderen Seite kennen. Oder wusstet
26.11.09 – „Campus Ahoi“ im FZW ihr, das einige seiner Zeichnungen aussehen
Dortmund wie Comics? Monet hat nämlich schon ganz
Wer Freitag ausschlafen kann, geht früh angefangen zu zeichnen - und da war
am Donnerstag im FZW rocken! Die von Seerosen noch nicht so viel zu sehen.
Party vom Dortmunder Campusradio
eldoradio*.
** Tipp 2!
30.11.09 – Max Herre im Gloria in Buddy Holly - Musical
Köln (Zusatzkonzert) voraussichtlich bis Sommer 2010 – Colosse-
Mit seinem neuen Album „Ein ge- um-Theater in Essen
schenkter Tag“ ist der Sänger auf Weihnachten steht vor der Tür. Habt ihr
Tour. schon alle Geschenke?
Sonst der Tipp für die Rock‘n‘Roll-Begeister-
05.12.09 – 2. Wintergrillen-Ver- ten in eurer Familie: Buddy Holly in Essen!
einsmeisterschaft am Dortmunder * Tipp 1! Für alle, die ihn nicht kennen: Es geht um den
Hauptbahnhof Claude Monet Rocker mit der Hornbrille, der viel zu jung
Hier geht‘s um die Wurst! Der Tipp noch bis 28.02.10 – Von-der-Heydt-Museum bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.
für jeden, der auch im Winter auf das Wuppertal Das Musical erzählt seine Erfolgsgeschichte
Grillen nicht verzichten will. Wann hat man schonmal die Möglichkeit, - und alle seine Klassiker von „Peggy Sue“ bis
100 Werke des berühmten Impressionisten „Oh Boy“ laden zum Klatschen und Mitsin-
jederzeit – der Winter-Depression Claude Monet zu sehen? Jeder kennt die Bil- gen ein. Die Tickets gibt‘s ab 39 Euro. Falls ihr
entgegenwirken: Raus in die Natur. der von seinem Seerosen-Teich. Wer mehr selbst nostalgisch rocken wollt - unser Tipp:
Unser Tipp: Spaziergang oder Jog- sehen wollte, musste schon nach Paris rei- Am Donnerstag gibt es für Studenten 10 Pro-
gen in den Parks und Wäldern des sen. Bis Februar gibt‘s jetzt auch mitten im zent Rabatt auf den Eintritt.
Reviers! Pott einen umfassenden Blick auf das Ma- sk&ah / fotos pixelio A.R. & Hartmut910
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WUNSCH Herausgeber Institut für Journalistik, TU Dortmund
Projektleitung: Prof. Dr. Klaus Meier
Redaktionsleitung: Vanessa Giese (vg), ViSdP
Redaktion: Uni-Center, Vogelpothsweg 74, Campus Nord, 44227
Dortmund Tel: 0231/755-7473, Fax: 0231/755-7481
Briefanschrift: pflichtlektüre, c/o Institut für Journalistik, TU
Dortmund, 44221 Dortmund
E-Mail: post@pflichtlektuere.com
Produktion: Tobias Jochheim (tjo) und Daniel Klager (tni)
Bild: Daniel Gehrmann (dg), Nadine Maaz (nm), Elvira Neu-
endank, Pascal Amos Rest, Katja Seidl
Titelbild: Tibitu und freundlicher Unterstützung von HENSEL Die kommenden Top Highlights:
Studiotechnik bei der Produktion
New Moon – Bis(s) zur Mittagsstunde
An dieser Ausgabe haben mitgewirkt: Caroline Biallas, Susann Eber-
Heißersehnte Bestsellerverfilmung des zweiten Teils
lein (se), Sandra Finster (fin), Tobias Fülbeck (tf), Johanna von Stephenie Meyers legendärer Vampirsaga um die
Fritz (jf), Lea Grote (lea), Agnes Heitmann (ah), Lisa Helberg, epische Liebesgeschichte zwischen Vampir Edward und
Florian Hückelheim (fh), Jens Jüttner (jj), Stephanie Jung- Bella. Ab dem 26.11.2009 in Ihrer UCI KINOWELT!
wirth (juwi), Sarah Keller (sk), Michael Klingemann, Jonas
Knoop (jk), Stephanie Kwoll, Mareille Landau, Marie Lanfer- Zweiohrküken
mann, Jonas Mueller-Töwe (jmt), Malina Opitz (mao), Siola Heißersehnte turbulent-romantische
Panke (sp), Linus Petrusch (lipe), Dennis Pfeiffer-Goldmann, Fortsetzung der Erfolgskomödie Keinohrhasen
von und mit Til Schweiger und Nora Tschirner,
Melanie Gralke hat die Ti- Miriam Sahli (miri), Sarah Salin (sal), Katrin Schmidt (ks), die nun mit dem Beziehungsalltag zu kämpfen
ckets für das Konzert der Fabian Schwane (fas), Kathrin Strehle (ks), Natascha Tscher- haben. Als women‘s night am 2.12.2009 um
Popmusiker „Phoenix“ aus noster (nt), Martina Vogt (mv), Barbara Wege (bw), Julian 20 Uhr in Ihrer UCI KINOWELT!
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Druck: Druckhaus WAZ GmbH & Co. Betriebs-KG, Anschrift UCI KINOWELT Duisburg UCI KINOWELT Ruhr Park
Neudorfer Straße 36-40 Am Einkaufszentrum 22
wie Verlag. Kontakt: druckhaus@waz.de Tel.: (0203) 301 91 91 Tel.: (0234) 23 90 222
Erscheinungstermine: Wintersemester 2009: 27. Oktober, 10. No-
vember, 24. November, 8. Dezember, 19. Januar, 2. Februar. www.UCI-KINOWELT.de
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