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l,Jilusa - Taruisa Sprachwissenschaftliche Nachbetrachtungen zum Beitrag von Susanne Heinhold-Krahmer

IVO HAJNAL

I.

Es läßt sich nicht bestreiten, daß die lange Zeit angezweifelten Namens- entsprechungen «horn. "IAto<; セ@ heth. Tjilusa» sowie «horn. Tpoill セ@ heth. Taruisa» im Rahmen der jüngsten Debatte um Troia neue Aner- kennung gefunden haben. In ihrem Beitrag bemerkt Susanne Hein- hold-Krahmer auf S. 149ff. zu Recht, daß die Rehabilitation dieser Entsprechungen nicht immer genügend motiviert ist. Deren Befürwor- ter berufen sich darauf, daß Namenstransfers mehrheitlich unsyste- matisch erfolgen und Namensentsprechungen daher nicht überpüfbar sind. Den Grundtenor bringt Joachim Latacz auf den Punkt: «Das Beharren auf lautgesetzlich <sauberen> Gleichungen kann in Fällen die- ser Art den wissenschaftlichen Fortschritt nicht fördern.»! Umgekehrt gilt jedoch: Gerade die exakte sprachwissenschaftliche Überprüfung verleiht diesen Namensentsprechungen das entscheidende Gewicht - und stellt den erwünschten «wissenschaftlichen Fortschritt» erst auf ein festes Fundament.

2.

Glücklicherweise ist die Sprachwissenschaft methodisch weiter voran- geschritten, als es Zitate der obigen Art vermuten lassen. Eine Namens- entsprechung gilt aus heutiger Sicht dann als gesichert, wenn sich auf zwei Ebenen eine Übereinstimmung erzielen läßt:

Zitiert nach Latacz 200I, 112.

IvoHajnal

1. Erstens auf der funktionalen Ebene: Eine Entsprechung ist plausi- bel,

a.

wenn sich sichern läßt, daß die betreffenden loponyme be-

b

züglich ihrer geographischen Lage zusammenfallen = «absolute funktionale Identität». und/oder wenn die beiden Toponyme im geographischen Sy- stem der Region dieselbe Position einnehmen. Das heißt: sich nach den Methoden der relativen Geographie im selben Kontext lokalisieren lassen = «relative funktionale Identität». 2

2. Zweitens auf der formalen Ebene: Eine Entsprechung ist plausi- bel,

wenn die betreffenden Toponyme phonologisch identisch sind und/oder der Transfer von der Geber- in die Zielsprache nach einer strengen phonologischen Systematik (nach einer «Lautge- setzlichkeit») erfolgt ist = «absolute formale Identität.» und/oder wenn sich zwischen den betreffenden Topony- men morphologische Muster nachweisen lassen, die für beide Toponyme eine gemeinsame Basis erkennen lassen = «relative formale Identität».

Um eine Namensentsprechung zu sichern, muß Übereinstimmung auf der funktionalen wie der formalen Ebene vorliegen.

a.

b

Die funktionale Ebene ist im Beitrag von Susanne Heinhold-Krahmer minutiös behandelt. Auf S. 153ff. beziehungsweise 158ff. zeigt die Au- torin, daß auf der funktionalen Ebene horn. "111,10<; mit heth. rjilusa gemäß unserer Terminologie relativ-funktional identisch sein kann - wobei diese relative funktionale Identität weiterhin nicht endgültig er- wiesen ist. Es bleibt die Abklärung auf formaler Ebene. Da eine absolute for- male Identität der beiden Toponyme angesichts der unterschiedlichen phonologischen Struktur apriori außer Diskussion steht, bleibt die Möglichkeit einer relativen formalen Identität コセ@ prüfen. Gemäß grie- chischen Lautgesetzen kann homerisch "111,10<; /Ilios/ auf eine Vorform セセO@ rjill1,ioS/ zurückgehen. Der zugrunde liegende Stamm セセO@ 1:!ilu-/ läßt

2 Zur Problematik der relativen Geographie Kleinasiens nimmt Susanne Hein- hold-Krahmer auf S. 156ff. ihres Beitrags Stellung.

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Uilusa - Taruisa

sich in diesem Fall auch in epichorem / rjilu-sa/ erkennen, zumal セセOMHゥMIウHウI。O@ häufig als Formans anatolischer Toponyme bezeugt ist. So- mit bleibt die Frage offen, wie sich eine Suffixalternation anatoL セセOMHゥMIウHウI。O@ :=::; griech. セZGOMゥ。O@ rechtfertigen läßt. Vorerst können wir fest- halten, daß eine solche Alternation direkt in anatolischen Namen fest- zustellen ist: so in erster Linie in (ka-ra-ki-sa-) /Kark-i-sa/, dessen funk- tionale Identität mit (kar-ki-ja-) /Kark-ia/ beziehungsweise griechisch Kapta zumindest zur Diskussion steht. 3 Ursprünglich ist beiden Er- weiterungen eine Namensform セZGOk。イォ。OL@ wie sie der Nebenüberliefe- rung (beispielsweise in altpersisch (k-r-k-a) oder elamisch (Kur-ka») zu entnehmen ist.

Nach dem morphologischen Muster セセO@

Kark-a/ -

Kark-ia/ -

セセO@

セセO@ Kark-i-sa/ ist nun auch eine Trias セセO@

möglich. Daß das auf keilschriftlichen Quellen nicht bezeugte Glied rjil1:!-ia-/ dabei die Grundlage vom homerischen '111,10<; bildet, hat seinerzeit bereits Ferdinand Sommer in Erwägung gezogen. Ein Hin- dernis steht dieser Annahme allerdings im \Vege: rjil1:!-ia/ führt bei Homer zu セpQaャャャL@ nicht aber zum femininen o-Stamm "111,10<;. Läßt sich dieses Hindernis beseitigen? Philologische Erkenntnisse zum Nebeneinander von "111,10<; und Tpotll weisen zumindest einen gangbaren \Veg. In der Vergangenheit wurde bereits mehrfach vermu- tet, "111,10<; bezeichne im Epos den Burgberg, Tpolll hingegen die untere, zivile \Vohnstadt. 4 Im Epos läßt sich nun ein analoger Gegensatz zwi- schen den Lexemen 1tOA1<; «Burgberg» und ä<J't'U «Unterstadt» nach- weisen. 5 Somit ist ein vorhomerisches Syntagma rjil1:!iapolis/ «rjil1:!ia, die Burg» möglich. In diesem Syntagma läßt sich die substantivische Apposition セセO@ rjil1:!ia/ als Adjektiv «die zu セセO@ rjil1:!ia/ gehörige Burg» reanalysieren. Die Umbildung zu セセO@ rjil1:!ios polis/ nach den Adjektiven zweier Endungen und die nachträgliche Isolierung von セZNO@ rjil1:!ios/ be- ziehungsweise / (rj)zlios/ sind die Folge. Nimmt man den Umweg in Kauf, wonach "111,10<; über die Umdeu- tung eines Adjektivs zustande gekommen ist, so ist neben der relativ- funktionalen auch eine relativ-formale Identität plausibeL Die zentrale Namensentsprechung «"111,10<; :=::; rjilusa» ist damit aus sprachwissen- schaftlicher Sicht möglich.

セZNO@

rjil1:!-a/ - セZNO@

rjil1:!-ia/ - セセO@

rjil1:!-sa/

3 Siehe Tabelle auf S. 167 im Beitrag von Susanne Heinhold-Krahmer.

4 Siehe die Lit. bei Mannsperger 2002.

5 So nach \Veilhartner 2000.

IvoHajnal

Gehen wir zur zweiten Namensentsprechung «hom. Tpolll セ@ heth. Taruisa» über. Daß diese Entsprechung einer Prüfung auf funktionaler Ebene nicht standhält, betont Susanne Heinhold-Krahmer auf S. 156 ihres Beitrags in wünschenswerter Deutlichkeit. Etwas anders verhält es sich auf formaler Ebene. Die vor sechs Jahren publizierte, auf einer Silberschale angebrachte hieroglyphen- luwische Inschrift «ANKARA, silver bowl» belegt das Toponym (ta-

lTartjid z al. 6 Die Identität von hluw. Tartji-

ra/i-l,1a/i-zi/a-l,1a/i(REG10)

za/i- und heth. Taruisa- vorausgesetzt, drängt sich damit für das auf hethitischen Quellen belegte (ta-ru-(u-)i-sa) eine phonematische Inter- pretation ITartjisal auf. Die Festlegung des hethitischen Toponyms als lTartjisal legt die Grundlage für eine Prüfung auf formaler Ebene. Das Nebeneinander von "1"-10<; und Tjilusa läßt die Existenz eines Ableitungsmusters «to- ponymische Basis auf セセi@ -äl - Ableitung I auf セZMi@ -iäl ・セQ@ Tjill,1iäl -7 homo

"1"-10<;) - Ableitung 2 auf セセOMHゥMIウHウI¦ャ@ (Tjilusa)>> erkennen. In Befolgung dieses Musters können wir im Falle von Taruisa folgende Namensbil-

dungen postulieren: セセOtッイエェM¦ャ@

von セセi@ Tjill,1iäl kann auch hier das Mittelglied セセi@ Tortjiäl die Grundlage

für die griechische Namensform bilden. Die einzige erforderliche Zu- satzannahme: セZMitッイエェゥ¦O@ muß im Griechischen eine - nota bene häufig bezeugte - Liquidametathese zu セセOtイッャLQゥ¦O@ erfahren haben. Besagtes セセOtイッャLQゥ¦ャ@ kann nun direkt in dreisilbigem Tpota (Pindar, Sappho) bzw. Tpolll (Homer) aufgegangen sein.

heth. Taruisa» läßt

-

セセOtッイエェMゥ¦ャ@

-

セセOtッイエェMゥMウ¦ャN@

\Vie im Falle

Bei der Namensentsprechung «hom. Tpolll

sich somit zumindest eine relative formale Identität plausibel machen.

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ergibt sich ein differenziertes Bild:

Sowohl im Falle von «hom. "1"-10<; セ@ heth. Tjilusa» wie auch von «hom. Tpolll セ@ heth. Taruisa» ist die Möglichl(eit einer relativen formalen Identität gegeben. In Kombination mit den Erkenntnissen, die Susanne Heinhold-Krahmer in ihrem Beitrag präsentiert, läßt sich zweierlei fest- stellen:

6 Siehe für die hluw. Inschrift ANKARA (silver bowl) die Edition von Hawkins

Uilusa - Taruisa

- "1"-10<; als Handlungsort der Ilias referiert auf den Schauplatz, der auf hethitischen Texten aus der Bronzezeit unter dem Namen Tjilusa auftritt. Denn auf funktionaler wie formaler Ebene ist eine relative Identität plausibel.

- Das epische Tpolll referiert sprachlich-formal auf den bronzezeitli- chen Schauplatz lTartjisal, jedoch nicht inhaltlich-funktional. Damit bedient sich das Epos eines Toponyms in Verkennung seiner eigent- lichen Funktion.

Damit ist auch ein präziseres Urteil zur Authentizität der epischen Kulisse möglich: Homer setzt den Schauplatz «Troia» offenkundig aus historischen Versatzstücken zusammen. «Troia», wie es im Epos ge- schildert wird, ist somit nicht historische Realität, sondern ein ana- chronistisches Konstrukt.

Literatur

Hawkins I996: J. D. Hawkins, A Hieroglyphic Luwian inscription of a silver bowl in the Mueseum of Anatolian Civilizations, Ankara, Anadolu Medeniyetleri Müzesi,

I99 6 yiligi, 7- 2 4-

Latacz 200I: J. Latacz, 'froia und Homer. Der \Veg zur Lösung eines alten Rätsels,

3., durchgesehene und verbesserte Auflage, MünchenlBerlin 2001. Mannsperger 2002: D. Mannsperger, Troia. I. Geschichte, in: H. Cancil\: - H. Schneider (edd.), Der Neue Pauly, Band 12/1 (Tam-Vel), Stuttgart/\Veimar 2002,

852- 8 57.

\Veilhartner 2000: J. \Veilhartner, Ober- und Unterstadt von Troia im archäologi- schen Befund und in den homerischen Epen, Studia Troica IO (2000), I99-209.

Christoph VIf (Hrsg.)

Der neue Streit um Troia

Eine Bilanz

C.H. Beck