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Glaubenssachen

Glaubenssachen

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Sonntag, 27. April 2014, 08.40 Uhr

Bauernsohn und Freiheitskämpfer Zwei Päpste werden heiliggesprochen Von Christian Feldmann

Redaktion: Florian Breitmeier Norddeutscher Rundfunk Religion und Gesellschaft Rudolf-von-Bennigsen-Ufer 22 30169 Hannover Tel.: 0511/988-2395 www.ndr.de/ndrkultur

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Sprecherin:

„Wenn er gewollt hätte“, „wäre er auch Präsident von General Motors geworden“, urteilte Jerzy Kluger über seinen Schulfreund Karol Wojtyla. Selbst skeptische Historiker, die ihn für einen rückwärtsgewandten Fundamentalisten halten, räumen längst ein, dass Johannes Paul II. die Welt verändert hat wie wenige Päpste vor ihm. Als er 1979 seine polnische Heimat besuchte, die Bischöfe an die Seite der Gewerkschaft Solidarność drängte und der „Gegengesellschaft“ zur glanzlosen Staatsmacht eine kraftvolle Stimme gab, war es um den Kommunismus im Prinzip geschehen.

Sprecher:

1962, auf dem Höhepunkt des „Kalten Kriegs“, war die Welt an den Rand des Abgrunds geraten. Die Sowjets begannen Raketenbasen auf Kuba zu errichten, in Reichweite der USA. Die Amerikaner reagierten mit einer Seeblockade für sowjetische Schiffe. In Washington wurden Politikerfamilien evakuiert. Amerikanische B-52-Bomber befanden sich schon in der Luft, um bei einer plötzlichen Eskalation die Metropolen Moskau, Leningrad und Kiew in Ruinenfelder zu verwandeln. Es war Johannes XXIII., der ein Jahr vor seinem Tod mit einem leidenschaftlichen Friedensappell die explosive Situation entschärfte. Heute kennt man den Hintergrund: Das Weiße Haus, in dem mit Präsident Kennedy zum ersten Mal ein Katholik regierte, und der Kreml hatten Mittelsmänner in den Vatikan geschickt, weil ein solcher Appell von höchster neutraler Stelle beiden Seiten am ehesten einen ehrenvollen Rückzug ohne allzu viel Gesichtsverlust ermöglichen würde.

Sprecherin:

Zwei Politiker auf dem Stuhl Petri, ein gütig mahnender Diplomat und ein zorniger Kämpfer. Aber beide dachten nicht daran, sich auf kirchliche Interna und seelsorgliche Konzepte zu beschränken. Beide verstanden sich vor allem als Anwälte der Menschen- würde und traten als glühende Pazifisten auf.

Sprecher:

Und beide Päpste suchten hartnäckig und aus Überzeugung das Gespräch mit der Welt draußen vor den Kathedralen und Bischofspalästen.

Zitator:

„Man redet immer noch viel zu sehr von ‚an sich‘ statt ‚für den Menschen‘“ –

Sprecher:

ärgerte sich der fast achtzigjährige Johannes XXIII. und erklärte:

Zitator:

„Die Welt bewegt sich. Es ist notwendig, mit jugendlichem und vertrauensvollem Herzen den richtigen Zugang zu ihr zu finden und nicht die Zeit mit Gegenüber- stellungen zu verschwenden. Ich ziehe es vor, mit dem, der geht, Schritt zu halten, statt mich abzusondern und es zuzulassen, dass man an mir vorbei geht.“

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Sprecherin:

Aber auch die Kirche des polnischen Papstes hatte weit geöffnete Fenster statt geschlossener Türen. Der säkularen Welt versuchte Johannes Paul II. Mut zu machen, die Stimme der Kirche, die Botschaft des Evangeliums zu hören. Die eigenen Leute wiederum ermunterte er, sich nicht einzuigeln im katholischen Getto. Bei der Amts- einführung auf dem Petersplatz sagte er im Oktober 1978:

Zitator:

„Habt keine Angst, Christus aufzunehmen! (…) Öffnet euch, ja reißt die Tore auf, um Christus zu empfangen, damit seine heilbringende Macht eindringen kann! Öffnet die Grenzen der wirtschaftlichen und politischen Systeme, öffnet die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisation (…). Habt keine Angst!“

Sprecherin:

Papst Wojtyłas Vision war ein Bündnis sämtlicher Religionen gegen Gottes- vergessenheit und dumpfen Materialismus, gegen Ungerechtigkeit und Gewalt- herrschaft. Beim Angelus-Gebet auf dem Petersplatz sagte er einmal den schönen Satz:

Zitator:

„Gläubige Menschen können niemals gegeneinander glücklich sein.

Sprecher:

An die Fernsehbilder von der Totenmesse für Papst Wojtyła wird man sich noch lange erinnern: Nach dem Requiem schulterten zwölf schwarz gekleidete Männer den Sarg, trugen ihn zum Petersdom. Bevor sie die Schwelle zur Basilika überschritten und den Leichnam in die Vatikanischen Grotten brachten, drehten sie den Sarg ein letztes Mal zu den vielen erschütterten Menschen, und auf dem Platz brandeten Sprechchöre auf:

„Giovanni Paolo Santo Santo! Santo subito!“ – „Johannes Paul ist ein Heiliger, sprecht ihn heilig, sofort!“

Sprecherin:

Neun Jahre ist all das nun schon her. Damals wussten wenige, dass es in früheren Jahrhunderten gar nicht so selten vorkam, prominente Christen spontan und ohne langes Hin und Her „per acclamationem“, durch Zuruf, durch öffentliche Zustimmung etwa einer Bischofssynode in die Schar der Heiligen aufzunehmen.

Sprecher:

Noch viel weniger bekannt ist freilich, dass es auch nach dem Tod des sehr beliebten Konzilspapstes Johannes XXIII. Stimmen gegeben hat, die stürmisch eine solche Heiligsprechung per acclamationemforderten, nämlich im November 1964 und im Oktober 1965, während der letzten beiden Sitzungsperioden des Zweiten Vatikanischen Konzils. Beide Vorschläge kamen von Gruppen fortschrittlicher Bischöfe. Und es waren die konservativen Machtzirkel in der römischen Kurie, die das Ansinnen jedes Mal entschieden torpedierten.

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Sprecherin:

Jahrhundertgestalten sind gleichwohl beide gewesen: Johannes XXIII., der unbekümmerte, bodenständige Bauernsohn aus der Lombardei, und Johannes Paul II., der einstige Untergrundstudent und Schauspieler im Nazi-besetzten Polen. Der eine gab der müde gewordenen Mutter Kirche ein frisches, einladendes Gesicht im Zweiten Vatikanischen Konzil, der andere kämpfte wie ein Volkstribun für Menschenwürde, Religionsfreiheit und politischen Gewaltverzicht. Landläufig gilt der eine, Johannes, als naiver Revolutionär, der andere, Karol der Große, als charismatischer Erzkonservativer. Doch die beiden Päpste, die ihr späterer Nachfolger Franziskus jetzt zur Ehre der Altäre erhebt, verbindet mehr, als man denkt. Auf den ersten Blick zwei völlig unter- schiedliche Charaktere: Roncalli, ein gemütlicher Plauderer, erdverbunden, ein begnadeter Witzeerzähler, der bei seinen Ansprachen vom Hundertsten ins Tausendste kam.

Sprecher:

Auf der anderen Seite Karol Wojtyła, der kraftstrotzende Kirchenmanager und Sportler, der jüdischen Familien im besetzten Polen gefälschte Papiere und sichere Verstecke besorgte, der dann als Ethik-Professor in überfüllten Hörsälen dozierte und als Bischof von Krakau mutige Predigten gegen das kommunistische Regime hielt. Damals unter der deutschen Besetzung hatte er als Neunzehnjähriger in einem Untergrundtheater die Schauspielerei gelernt, und als Papst, auf seinen zahllosen Reisen, hatte er sein Publikum jederzeit im Griff. Die Jugend bezauberte er mit Visionen von einer gerechteren Welt, und er nervte sie, wenn er sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe forderte und das Zusammenleben ohne Trauschein tadelte. Sie jubelten ihm trotzdem zu, die Kids, und liebten ihn abgöttisch, diesen Papst mit dem Januskopf: Rebellisch, ja revolutionär trat er auf, wenn es um die Menschenrechte in der Politik ging, und erzkonservativ, wenn die Morallehre gefragt war und der Umgang mit Minderheiten in der Kirche. Die liberaleren Katholiken träumten dann gern vom guten Papst Johannes, dem stets neugierigen, bis zur Selbstverleugnung gesprächsbereiten Johannes mit seinem kraftvollen Volksglauben!

Sprecherin:

Angelo Roncalli stammte aus dem Dörfchen Sotto il Monte, wo seine Verwandten Mais und Weizen anbauten. angebauten. Er ging als Kirchendiplomat zunächst nach Istanbul, dann als Nuntius nach Paris und später als Erzbischof nach Venedig, von wo man ihn schließlich nach Rom holte, auf den Petrusthron. Johannes XXIII. ist bis heute eine Ikone des unbekümmerten Christenglaubens, der keine Berührungsängste kennt, und des fröhlichen Starrsinns, der allein imstande ist, verkrustete Strukturen auf- zubrechen. Öffnung statt misstrauischer Abgrenzung. Aufeinander zugehen statt ängstlicher Distanz. Als Johannes XXIII. die Bischöfe und Theologen aus aller Herren Länder zum Zweiten Vatikanischen Konzil nach Rom rief, da ging es nicht um die Rettung alter kirchlicher Besitzstände und die Abwehr vermeintlicher Irrlehren. Die Anfang der 1960er Jahre alt wirkende Kirche sollte sich verjüngen und das Evangelium für die Welt neu zum Strahlen bringen.

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Sprecher:

Am 11. Oktober 1962, dem Tag der Konzilseröffnung, hält der Papst, der nur noch wenige Monate zu leben hat, eine überaus provokante Ansprache, ganz traditionell auf Latein. Jeden Tag, berichtet er beiläufig, dringen Stimmen an sein Ohr, die in den aktuellen Entwicklungen der menschlichen Gesellschaft nur Verrat und Zerstörung wittern und von früheren Zeitaltern schwärmen. Und dann ein Paukenschlag:

Zitator:

„Wir aber fühlen uns verpflichtet, diesen Propheten des Unglücks zu widersprechen, die auf ewig Unheil vorhersagen, als stünde das Ende der Welt unmittelbar bevor!“

Sprecher:

Während sich die Mienen etlicher greiser Kurienkardinäle verfinstern, sperren die Bischöfe aus 133 Nationen und die Presseleute Augen und Ohren auf: Man solle ruhig aus der Geschichte lernen, fährt der Papst fort. Er jedenfalls vermöge in den neuen Ideen und Träumen der Menschen durchaus einen verborgenen Plan der göttlichen Vorsehung und einen segensreichen Weg zu erkennen. Die Kirche müsse sich diesen Herausforderungen stellen, statt nur die Schätze der Vergangenheit zu hüten.

Sprecherin:

Natürlich war auch Angelo Roncalli ein Kind seiner Zeit. Er hatte nichts gegen den Index verbotener Bücher und ließ das hoffnungsvolle Experiment der Arbeiterpriester in Frankreich stoppen.

Sprecher:

Vordenker passen selten in eine Schublade. Papst Roncallis dritter Nachfolger Karol Wojtyła aus Polen, galt mit seinem umwerfenden Charme und seinem Kommunikationstalent lange Zeit als Hoffnungsträger einer weltoffenen, dialog- begeisterten Kirche. Denn: Sprach er nicht bereitwillig mit allen Seiten und allen Lagern, mit Fidel Castro und Ronald Reagan, mit Jasir Arafat und mit seinem Attentäter? Im Heiligen Jahr 2000 reiste der schwer kranke Johannes Paul II. nach Jerusalem. An der Klagemauer schob er mit zitternder Hand einen Zettel in eine Steinfuge, wie es fromme Pilger tun. Darauf stand eine Bitte um Vergebung, die er dann in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem wiederholte:

Zitator:

Ich versichere dem jüdischen Volk, dass die katholische Kirche zutiefst betrübt ist angesichts von Hass, Verfolgung und Vertreibung, ausgelöst durch den Antisemitismus der Christen, der zu allen Zeiten und allen Orten gegen die Juden gerichtet war.“

Sprecherin:

Nach dieser kurzen Rede stürzte eine ältere Dame auf ihn zu und brach in Tränen aus. Edith Tzirer, so hieß die Frau, war elf Jahre alt gewesen, als die SS im Januar 1945 das KZ Auschwitz räumte. Der Theologiestudent Karol Wojtyła, 24 Jahre alt, fand damals die halb verhungerte, völlig entkräftete Edith am Straßenrand, organisierte Tee und ein

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Stück Brot. Dann trug er das Mädchen kilometerweit zu einer Bahnstation, von wo aus andere Juden Edith in Sicherheit brachten.

Sprecher:

Wojtyłas bester Schulfreund war der Sohn des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde. 1964, als Polens kommunistische „Arbeiterpartei“ eine böse Kampagne gegen die kleine jüdische Minderheit im Land führte, zog der Erzbischof Wojtyła mit seinem Domkapitel in feierlicher Prozession zur Krakauer Synagoge. Jedermann verstand den Höflichkeitsbesuch als Solidaritätsdemonstration.

Sprecherin:

Johannes Paul war der erste Papst, der seinen Fuß in eine Moschee setzte, 2001 im syrischen Damaskus. Die „muslimischen Brüder“, wie sie der Papst gern nannte, waren auch bei den beiden großen Gebetstreffen der Weltreligionen in Assisi 1986 und 1993 dabei. Mit dieser Erfindung handelte sich der Wojtyła-Papst den geifernden Hass christlicher Traditionalisten ein und stieß in seiner römischen Kurie auf Distanz und Widerstand. Auch bei seinem engsten theologischen Berater Kardinal Ratzinger, der sein Nachfolger werden sollte.

Sprecher:

Der Schulterschluss mit anderen Religionen und Glaubensüberzeugungen passte freilich haargenau zum Werdegang und zur Ideenwelt des polnischen Papstes. Traditionelle Kirchenkarrieren führten damals und führen auch heute noch oft vom behüteten Seminardasein geradlinig auf den Universitätslehrstuhl oder Bischofsthron. Anders bei Wojtyła: Er hatte die Auswirkungen der Politik Hitlers und Stalins am eigenen Leib erfahren, kannte menschliche Armseligkeit, Zwangsherrschaft, Gesinnungsterror und Kriegselend aus hautnahem Erleben. Als Priester, Professor, Dichter auch das ist er gewesen, als junger Mensch und noch als Bischof kannte er nur ein zentrales Thema: die „Königswürde“ des Menschen, wie er zu sagen pflegte, seine von Gott empfangenen und unveräußerlichen Rechte, den unendlichen Wert jedes einzelnen Menschen, den Vorrang der Moral vor Macht und Profit.

Sprecherin:

Am 2. August 1990 überfiel der Irak das kleine, aber reiche Kuwait. Es ging um die kuwaitischen Ölfelder, um Macht und viel Geld. Plötzlich vergaßen die Amerikaner ihre alte Waffenbrüderschaft mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein gegen den Iran (auch da war es um Öl gegangen, um Macht und viel Geld) und führten eine Koalition aus 39 Ländern in den ersten Golfkrieg, damals gestützt auf UN-Resolutionen. 300.000 Tote forderte der Wüstenkrieg. Der Papst kämpfte wie ein Löwe gegen diesen Krieg, den er ein unverantwortliches „Abenteuer“ nannte und ein „sinnloses Gemetzel“. Ein mit den Waffen erzwungener Friede löse keine Probleme und provoziere nur neue Gewalt.

Sprecher:

Damit hatte sich Johannes Paul von der feinen Unterscheidung zwischen erlaubtem konventionellem Krieg und verbotenem Atomkrieg verabschiedet, wie sie noch vom

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Zweiten Vatikanischen Konzil benutzt worden war. Er hielt jeden Krieg für komplett unannehmbar. Erst recht den zweiten Golfkrieg 2003, diesmal ohne UN-Mandat, bei dem es wieder um Öl, um Macht und viel Geld ging und nur vordergründig darum, Saddam Hussein am Bau von Atomwaffen zu hindern. Johannes Paul II. stand nahezu allein mit seinem strikten Pazifismus gegen die Mehrzahl der westlichen Regierungen, gegen die meisten arabischen Länder, sogar gegen die Bischofs- konferenzen der am Krieg beteiligten Nationen. Es war ihm egal. Wojtyła agierte wie ein einsamer Prophet und immer auch wie ein Vollblutpolitiker.

Sprecherin:

Das brachte aber auch der scheinbar so sanfte Johannes XXIII. fertig. Auch er hatte Erfahrung mit Kriegen im Ersten Weltkrieg war er Sanitätsunteroffizier gewesen -, und im Zweiten Weltkrieg erwies sich als listenreicher Judenretter. Als Päpstlicher Gesandter auf dem Balkan rettete er Tausende slowakische Juden, die auf der Flucht vor der Gestapo in Ungarn oder Bulgarien festsaßen, mit einem Transitvisum nach Palästina vor der Vernichtung. Noch 1944 organisierte er türkische Schiffe für rumänische Juden, denen das KZ drohte. Das alles geschah in enger Zusammenarbeit mit jüdischen Hilfsorganisationen und mit dem Großrabbi Israel Herzog von Jerusalem.

Sprecher:

Johannes hatte nicht vergessen, wie er als junger Bischofssekretär in Bergamo Hilfsgelder für streikende Hüttenarbeiter organisiert hatte. Eine sensible politische Ader behielt er sein ganzes Leben lang. Als Papst appellierte er an die Industrieländer, die ungerechten globalen Handelsstrukturen zu verändern und den Armen der sogenannten Dritten Welt mehr zu geben als schöne Reden. Seine Vision war eine dienende, solidarische, auch mit Andersgläubigen und Nichtglaubenden vertrauensvoll zusammenarbeitende Kirche.

Sprecherin:

„Pacem in terris“, von Johannes am 11. April 1963 unterzeichnet, wenige Wochen vor seinem Tod, war die erste päpstliche Enzyklika, die sich nicht nur an Bischöfe, Kleriker und katholische Laien richtete, sondern ausdrücklich an „alle Menschen guten Willens“. Das päpstliche Lehrschreiben war ein leidenschaftlicher Protest gegen atomare Hochrüstung und den Krieg als Mittel der Politik.

Sprecher:

Als die Kommunisten in Italien kurz darauf bei den Parlamentswahlen mehr als eine Million Stimmen hinzu gewannen, goss die rechtsgerichtete Presse kübelweise Schmutz und Hohn über Papst Johannes aus. „Falcem in terris“ titelte eine Mailänder Zeitung bitterböse, „Sichel auf Erden“, in Anspielung auf die Friedensenzyklika „Pacem in terris“ und die marxistischen Symbole Hammer und Sichel. Der deutsche Bundes- kanzler und konservative Katholik Konrad Adenauer, so erinnert sich Roncallis Privatsekretär Capovilla heute noch, habe den Papst ohnehin für „politisch dumm“ gehalten.

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Sprecherin:

Sie haben vieles gemeinsam, die beiden Päpste, die am 27. April gemeinsam heiliggesprochen werden, auf jeden Fall erheblich mehr als Johannes XXIII. und der 1878 gestorbene Pius IX., der liberalen Katholiken anfangs als Hoffnungsträger galt und dann zum Symbol finsterer Reaktion wurde, ängstlich, demokratiefeindlich und antisemitisch. Beide, Johannes und Pius, hat der polnische Papst im Jahr 2000 seliggesprochen, ebenfalls gemeinsam in einer einzigen Zeremonie und wohl im Bestreben, das Revoluzzer-Image des Konzilspapstes durch den erzkonservativen Amtskollegen aus dem 19. Jahrhundert zu glätten.

Sprecher:

Ein Heiliger kommt selten allein. Papst Franziskus hat eine Entscheidung getroffen, die vielleicht gerade jetzt in die Zeit passt. Dabei hatte der der prominente Kardinal Giuseppe Siri von Genua prophezeit, der in den beiden Papstwahlen von 1978 eine gewichtige Rolle als Kandidat des beharrenden Lagers gespielt hatte: Die Kirche werde fünfzig Jahre brauchen, um sich von den Irrwegen dieses Papstes Roncalli zu erholen.

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Zum Autor:

Christian Feldmann, Theologe, Rundfunkautor und Schriftsteller; ca. 50 in sechzehn Sprachen übersetzte Biographien [und Porträtsammlungen], u. a. "Kämpfer - Träumer - Lebenskünstler. Große Gestalten und Heilige für jeden Tag" (Herder).