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ZEITGESCHEHEN

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TÜRKEI

Der Sultan hat es so gewollt

Kirche, dann Moschee, jetzt Museum – und bald wieder Moschee? In Istanbul kämpfen Islamisten um die berühmte Hagia Sophia. Sie sehnen sich nach dem Osmanischen Reich.

VON Lenz Jacobsen | 07. Juni 2014 - 19:28 Uhr

©Ahmet Sik/Getty Images

| 07. Juni 2014 - 19:28 Uhr ©Ahmet Sik/Getty Images Muslime beim Gebet vor der Hagia

Muslime beim Gebet vor der Hagia Sophia in Istanbul am Morgen des 31. Mai

Der Himmel war noch schwarz über Istanbul an diesem frühen Morgen des vergangenen Samstags, als sie sich niederknieten zum Morgengebet. Tausende Männer auf der breiten Straße, und ganz vorn, direkt neben dem Eingang zur Hagia Sophia, eine ganze Reihe berühmter Imame, aus Mekka und der gesamten Türkei. Sie alle beteten für ein Gebäude, für das vielleicht wichtigste der Türkei: Sie beteten dafür, dass die Hagia Sophia bald wieder eine Moschee werde.

Die Hagia Sophia war 900 Jahre die größte und wichtigste Kirche des Christentums, dann 500 Jahre lang eine der wichtigsten Moscheen des Islam. Erst Mittelpunkt des byzantinischen Reiches, dann Herz des osmanischen Reiches. 1934 dann ließ der türkische Staatsgründer Atatürk die Moschee zu einem Museum umwandeln. Nicht mehr Christentum oder Islam sollten herrschen in der Türkei, sondern die Bürger. Republik statt Imperium, Säkularismus statt Kirchenmacht.

Heute sind alle Schichten ihrer Geschichte in der Hagia Sophia nebeneinander sichtbar:

die Engelsgesichter und die islamischen Kaligraphien, die Kuppel und die Minarette. Jahrhundertelang haben sich sowohl christliche als auch islamische Baumeister an ihr orientiert, sie galt als achtes Weltwunder. Mehr als 3 Millionen Menschen besuchen das Museum jährlich, es ist Istanbuls größte Touristenattraktion und natürlich Weltkulturerbe.

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Nun wollen Islamisten sie wieder ganz für sich haben. Seit vergangenem Jahr werden die Stimmen immer lauter, die die Hagia Sophia zurückverwandeln wollen in eine Moschee. Der Hauptprediger der benachbarten Blauen Moschee forderte das, ebenso wie zwei Jugendorganisationen: die nationale türkische Studentenunion (MTTB) und die Anatolische Jugendvereinigung (AGD). Sie haben Demonstrationen veranstaltet und Unterschriften gesammelt.

Die AGD war es auch, die zum Massengebet vor der Hagia Sophia am vergangenen Samstag aufgerufen hatte: "Wir treffen uns an der Moschee!", hieß es im Aufruf. Und ihr Vorsitzender sagte, man wolle "die Ketten der Hagia Sophia sprengen". Sie sei "ein Symbol der islamischen Welt und für die Eroberung Istanbuls. Ohne sie ist die Eroberung unvollständig, und wir sind darin gescheitert, das Vertrauen von Sultan Mehmet zu ehren". Mehmet hatte Istanbul erobert und in seinem Testament festgeschrieben, dass die Hagia Sophia "bis zum letzten Tag" eine Moschee bleiben solle.

Auch im Gezi-Park geht es um das osmanische Reich

Soll sich also die Türkei nun nach einem 500 Jahre alten Sultan-Testament richten? Der Kampf um die Hagia Sophia zeigt auch, wie sich die politischen Ideale und Sehnsüchte im Land verändert haben. Die republikanische Ideologie Atatürks gerät ins Hintertreffen, neue nationale Blaupause für viele in der Türkei ist das Osmanische Reich. Darin verbinden sich strenge Gläubigkeit und imperiales Selbstbewusstsein. Eine ideale Mischung für die neuen islamischen Eliten, die mit der Partei des Premiers Recep Tayyip Erdo#an in den vergangenen 13 Jahren immer mächtiger und lauter geworden sind.

Es ist deshalb auch kein Zufall, dass es am zweiten politisch höchst umstrittenen Ort in der Türkei auch um die Präsenz des Osmanischen Reiches geht: Die Bäume des Gezi-Parks sollten der Replik einer alten osmanischen Kaserne weichen. Darin: ein Shoppingcenter. Der Widerstand gegen einen solchen osmanisch-islamischen Konsumtempel, der schließlich zu den landesweiten Gezi-Protesten führte, war auch deshalb so massiv, weil darin Erdo#ans Wille erkennbar war, die republikanische Identität der Türkei an ihren sichtbarsten Stellen islamisch zu überschreiben.

In der Frage der Hagia Sophia fährt Erdo#ans Regierungspartei eine doppelte Strategie. Offiziell dementiert sie weiter jeden Plan, sie wieder zu einer Moschee zu machen. Etliche Medienberichte raunten, Erdo#an könnte Ende Mai zusammen mit islamischen Politikern aus der ganzen Welt in der Hagia Sophia beten. Nichts dergleichen passierte.

Parallel aber stellte sich zum Beispiel Erdo#ans Stellvertreter Bülent Arinc vor die Hagia Sophia und sagte, er "bete zu Gott, dass sie bald wieder lächeln wird". Und im Mai brachte ein Abgeordneter einen Gesetzentwurf zur Umwandlung in eine Moschee ein.

In einer Art Trotzreaktion beharrt nun der Patriarch von Istanbul, Oberhaupt von 300 Millionen orthodoxen Christen weltweit, darauf, dass die Hagia Sophia, wenn

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überhaupt, in eine Kirche zurückverwandelt werden müsse. Aus den USA warnt eine Parlamentskommission für internationale religiöse Freiheit , das Gebäude wieder zur Moschee zu machen, sei "ganz klar ein entzweiender und provokativer Akt". Und türkische und internationale Akademiker haben rund 1.000 Unterschriften gegen die Pläne der Islamisten gesammelt.

Eroberungsfeier im Fußballstadion

Am 29. Mai jährte sich die Eroberung Istanbuls durch den osmanischen Sultan Mehmet II. zum 561. Mal, und überall im Land war das Bild des Herrschers zu sehen, wie er hoch zu Ross und mit ausgestrecktem Schwert in die gefallene Stadt reitet. Erdo#an hielt eine Rede, in der er die Eroberung als "das Entfernen von Ketten an Türen und in Herzen" lobt. Und weiter: "Zivilisation kommt mit Eroberung."

Einer der erfolgreichsten Filme der jüngsten türkischen Geschichte ist das Heldenepos Eroberung 1453 über den Sieg der Osmanen. Als aber eine beliebte Fernsehserie den Hof des Sultans als von Intrigen und Sünden zersetzt darstellte, drohte Erdo#an mit Zensur, schließlich sei alles ganz anders gewesen.

Als sie ihr Gebet vor der Hagia Sophia beendet hatten und die Sonne aufging über Istanbul, stiegen Tausende in Reisebusse und fuhren in ein Sportstadion. Dort traf sich der islamisch- nationalistische Nachwuchs zu einer Art Eroberungsfestival, mit gemeinsamem Gebet und Konzerten. Das Motto: "Für eine neue Welt trifft sich die Generation der Eroberer."