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Vertrauen

 und  Kenntnis  Der  Eigenen  Armseligkeit  


 

I  .  

Frage: Kann eine Seele, die ihre Armseligkeit tief empfindet, mit großem
Vertrauen zu Gott gehen?
Antwort: Die Seele, die ihre Armseligkeit erkennt, darf nicht nur ein
großes Vertrauen auf Gott haben, sondern sie kann überhaupt kein
wahres Vertrauen haben, wenn ihr diese Erkenntnis fehlt.

Gerade das Erkennen und Bekennen unserer Armseligkeit führt uns bei
Gott ein. Die großen Heiligen wie Ijob, David und alle anderen
begannen ihre Gebete mit dem Bekenntnis ihrer Armseligkeit und
Unwürdigkeit. Es ist also zu unserem Heil, wenn wir uns arm, klein,
verächtlich und der Gegenwart Gottes unwert fühlen. Das bei den Alten
so berühmte Wort „Erkenne dich selbst“ (Ausspruch des Sokrates nach
der Inschrift zu Delphi) bezieht sich wohl zunächst auf die Erkenntnis
der Größe und Vortrefflichkeit der Seele und warnt uns davor, sie durch
Handlungen, die ihres Adels unwürdig sind, zu erniedrigen und zu
entweihen. Aber es will auch auf unsere Unwürdigkeit,
Unvollkommenheit und Armseligkeit bezogen sein: je mehr wir nämlich
unsere Armut und Schwäche erkennen, desto mehr werden wir uns der
göttlichen Güte und Erbarmungen überlassen. Zwischen der
Barmherzigkeit und der Armseligkeit besteht ja eine so starke Bindung,
daß sich die eine ohne die andere nicht auswirken kann. Hätte Gott den
Menschen nicht erschaffen, so wäre er gewiß ganz und gar gut gewesen,
aber er hätte sein Erbarmen nicht durch die Tat bewiesen, da
Barmherzigkeit sich nur am Erbarmungsbedürftigen auswirken kann.

Ihr seht: je mehr wir unsere Armseligkeit anerkennen, desto mehr Grund
haben wir, unser Vertrauen auf Gott zu setzen, da wir in uns selbst
nichts haben, worauf wir bauen könnten. Das Mißtrauen gegen uns
selbst entspringt der Erkenntnis unserer Fehlerhaftigkeit. Es ist sehr gut,
sich selber nicht zu trauen, aber was würde das nützen, wenn man nicht
zugleich sein ganzes Vertrauen Gott schenkte und sich seinen
Erbarmungen überließe?
Ich setze voraus, daß von uns niemand Zweifel oder Mißtrauen an
Gottes Erbarmen hinsichtlich des ewigen Heiles hegt, sondern daß es
sich nur um eine gewisse Scheu und Scham dem Herrn gegenüber
handelt. Wir sind zuweilen untreu, haben aber gelesen, daß große
Seelen, wie die hl. Katharina von Siena und die heilige Mutter Theresia,
wenn sie in einen Fehler gefallen waren, große Beschämung darüber
empfanden, und da macht uns die Eigenliebe weis, daß wir es ebenso
machen müßten, und legt uns Worte in den Mund wie: „Ach Herr,
niemals werde ich es wagen, mich Dir zu nahen, denn ich bin überaus
erbärmlich ...“ usw. Dies aber ist nichts anderes als Befriedigung der
Eigenliebe, die uns zum Narren hält. Ich leugne nicht, daß eine maßvolle
Beschämung gut sein mag; es entspringt der Vernunft, daß wir uns nach
einer Beleidigung Gottes ein wenig aus Demut zurückziehen und
schämen, wie wir ja auch einem Freund, den wir beleidigt haben, nur
mit einer gewissen Scham gegenübertreten. Aber wir dürfen es dabei
nicht bewenden lassen, denn die Tugenden der Demut, der
Erniedrigung und Beschämung sind nur Mittel zum Zweck; wir müssen
durch sie zur Vereinigung unserer Seele mit Gott hinansteigen. Es wäre
nichts Besonderes, sich seiner selbst zu entäußern und sich zu
erniedrigen (was durch diese Akte geschieht), wenn wir uns damit nicht
ganz Gott hingeben, wie es uns der hl. Paulus im Kolosserbrief lehrt:
„Ziehet den alten Menschen aus und den neuen an“ (3,9 f). Wir dürfen
nicht entblößt bleiben, wir müssen uns mit Gott bekleiden. Wir treten
gleichsam einen Schritt zurück, um uns dann umso kräftiger durch einen
Akt der Liebe und des Vertrauens in Gott hineinzustürzen. Unsere
Beschämung darf weder trübselig noch aufgeregt sein. Die Eigenliebe
führt zu solcher Unruhe; man ärgert sich über seine Fehler aus
Eigenliebe und nicht aus Liebe zu Gott.

Ihr sagt, daß ihr ein solches Vertrauen nicht fühlt. Trotzdem dürft ihr
diese Akte nicht unterlassen, ihr sollt vielmehr zum Herrn sagen:
„Obgleich ich gar kein Vertrauen zu Dir fühle, so weiß ich doch, daß Du
mein Gott bist und daß ich Dir ganz zu eigen bin, weiß, daß ich allein auf
Deine Güte vertraue, und so überlasse ich mich gänzlich Deinen
Händen!“ Das Erwecken solcher Akte liegt stets in unserer Macht; fallen
sie auch schwer, unmöglich sind sie nicht; gerade bei solchen
Gelegenheiten, in solchen Schwierigkeiten müssen wir dem Herrn
unsere Treue beweisen. Wenn wir solche Gebete auch ohne Lust und
Befriedigung verrichten, so soll uns das nicht kümmern, sind sie doch
dem Herrn nur umso wohlgefälliger. Sagt auch nicht, daß ihr sie nur mit
den Lippen sprecht und sie also nicht wahr seien; denn wäre das Herz
nicht dabei, so würden die Lippen die Worte nicht formen. Habt ihr also
gebetet, dann bewahrt den Frieden, achtet nicht weiter auf eure Unruhe
und sprecht zum Herrn von etwas anderem.

Hiermit beschließen wir diese erste Frage. Es ist also gut, sich zu
schämen, wenn wir unsere Armseligkeiten und Unvollkommenheiten
erkennen und fühlen. Aber wir dürfen nicht dabei stehen bleiben und
noch weniger dürfen wir mutlos werden, müssen vielmehr in heiligem
Vertrauen unser Herz zu Gott erheben. Der Grund zum Vertrauen liegt
ja in ihm, nicht in uns; wenn wir uns auch ändern, er ändert sich nie und
ist immer gleich gut und barmherzig mit uns, ob wir schwach und
unvollkommen oder stark und vollkommen sind. Ich pflege zu sagen:
unsere Armseligkeit ist der Thron der göttlichen Barmherzigkeit. Je
größer also unsere Armseligkeit, desto größer unser Vertrauen. Das
Vertrauen ist das Leben der Seele, nimmst du ihr das Vertrauen, so jagst
du sie in den Tod.

FRANZ V. SALES