Berlin, 16.

Mai 2011



Offener Brief
an den Geschäftsführenden Parteivorstand der Partei DIE LINKE

Sehr geehrte Mitglieder
des Geschäftsführenden Parteivorstandes der Partei DIE LINKE

In der Sofortinformation - Sitzung am 30. April und Geschäftsführender PV am
2. Mai 2011
1
werden die Ergebnisse über zwei wichtige Beratungen von
Parteigremien zusammengefasst. In beiden Beratungen wurde zu Beginn, so die
Sofortinformation, ein hochaktuelles Problem aufgegriffen, nämlich ein
antisemitisches Flugblatt auf der Internetseite der LINKEN Duisburg, in dem
offensichtlich zum Boykott israelischer Waren aufgerufen wurde. Der
Geschäftsführende PV der LINKEN führt dazu aus:

»…Rechtsextremismus und Antisemitismus haben in unserer Partei keinen Platz.
Wir treten überall und entschieden gegen antisemitisches Gedankengut und
rechtsextreme Handlungen auf. Dazu gehört ebenso, daß wir Aufrufe zum
Boykott israelischer Waren klar verurteilen... «

Wir finden es richtig, dass Sie sich entschieden von antisemitischem
Gedankengut und rechtsextremen Handlungen abgrenzen und diesen überall
entgegentreten. Doch wenn Sie pauschal auch Aufrufe zum Boykott israelischer
Waren als antisemitisch und rechtsextrem verurteilen, machen Sie deutlich, dass
Sie nicht informiert sind.

Der Aufruf der palästinensischen Zivilgesellschaft vom 9. Juli 2005 ist eine
Reaktion auf das Versagen internationaler Politik auf das von der UN-
Generalversammlung verlangte Gutachten des Internationalen Gerichtshofes zur
Mauer in der israelisch besetzten Westbank vom 9. Juli 2004.

Die palästinensische Zivilgesellschaft ruft zu Boykott, Desinvestition und
Sanktionen gegen Israel auf, bis es [Israel] internationalem Recht und den
universellen Prinzipien der Menschenrechte nachkommt.
2

Sie fordert damit die Umsetzung des Gutachtens des Internationalen
Gerichtshofes der Vereinten Nationen ein, in dem es u.a. heißt

“ … Alle Staaten sind verpflichtet, die illegale Situation, die Ergebnis des Baus der
Mauer ist, nicht anzuerkennen und keine Hilfe dabei zu leisten, die Situation
aufrecht zu erhalten, die durch den Bau der Mauer entstanden ist; alle
Unterzeichnerstaaten der Vierten Genfer Konvention vom 12. August 1949, die
sich auf den Schutz von Zivilisten in Kriegszeiten bezieht, haben darüber
hinausgehend die Verpflichtung, in Respektierung der Charta der Vereinten
Nationen und des internationalen Rechts, sicherzustellen, dass Israel den

1
http://www.die-linke.de/index.php?id=7884
2
http://bdsmovement.net/call, auf deutsch http://www.bdsmovement.net/call#German

Prinzipien des internationalen Menschenrechts folgend agiert, denen in dieser
Konvention Ausdruck verliehen wird…’’
3


Es ist unerträglich, daß Sie die Forderung der palästinensischen Zivilgesellschaft
in die Nähe von antisemitischem Gedankengut und rechtsextremen Handlungen
stellen und dadurch diffamieren.
Es ist unerträglich, daß Sie Persönlichkeiten wie Erzbischof Desmon Tutu,
Stéphane Hessel, Nelson Mandela und viele andere in dieser Frage diffamieren.
Es ist unerträglich, daß Sie die weltweite Kampagne, die den Aufruf der
palästinensischen Zivilgesellschaft unterstützt, diffamieren.

Anstatt mitzuwirken, daß auf die israelische Politik Druck ausgeübt wird bis diese
internationalem Recht und den universellen Prinzipien der Menschenrechte
nachkommt, unterstützen Sie mit der Verurteilung der internationalen BDS-
Kampagne Israel darin, seine Politik von Besatzung, Kolonisierung und Apartheid
straflos fortzusetzen.
4


Bei der Einforderung internationalen Rechts und der universellen Prinzipien der
Menschenrechte können nicht unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden. Ihr
sonst so vehementes Engagement für die Einhaltung internationalen Rechts und
in der Parteinahme für die Unterdrückten wird mit Ihren o. g. Äußerungen
unglaubwürdig, ebenso Ihre Aussagen, daß Sie und Ihre Partei für eine
Gesellschaft eintreten, in der nicht das Recht des Stärkeren zum Maßstab
erhoben wird.

Wir haben großen Respekt vor Genossinnen und Genossen in der LINKE, unter
ihnen auch Bundestagsabgeordnete, die trotz Vorwürfen aus den eigenen Reihen
und mit hohem persönlichen Einsatz für die Durchsetzung der universellen
Prinzipien der Menschenrechte und einen gerechten Frieden im Nahen Osten
eintreten.

Wir würden uns freuen, wenn Sie Ihre Haltung noch einmal überdenken und die
Diskussion in Ihrer Partei in dieser Frage offen führen würden, so wie z. B. im
Landesverband Die Linke Bremen.
5



Gern sind wir zu einem Gespräch bereit.

Mit freundlichen Grüßen


Doris Ghannam für die BDS Gruppe Berlin

Kontakt: bdsmovement-Berlin@web.de




3
siehe dazu die entsprechende Resolution der UN GV:
http://unispal.un.org/UNISPAL.NSF/0/F3B95E613518A0AC85256EEB00683444
4
http://untreaty.un.org/cod/avl/ha/cspca/cspca.html
http://www.adalah.org/upfiles/2011/Adalah_The_Inequality_Report_March_2011.pdf
5
http://www.dielinke-bremen.de/nc/politik/aktuell/detail/zurueck/bremennews/artikel/warum-wir-
uns-der-vorgeschlagenen-parteien-stellungnahme-keine-boykottaufrufe-gegen-israel-in-uns/