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09. Juni 2014, 15:51 Uhr Kreditklemme trotz EZB-Programmen

09. Juni 2014, 15:51 Uhr

Kreditklemme trotz EZB-Programmen

So viel Geld - und alles für die Katz

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Die EZB überschwemmt die Märkte mit Geld, trotzdem reichen es die Banken kaum an Firmen und Privatleute weiter. Wer ist schuld an der Kreditklemme? Die bösen Banken sind es wahrscheinlich nicht - sondern Sie, liebe Leserinnen und Leser.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis man die Dynamik der Großen Depression in den Dreißigerjahren verstand. Über die Deflation in Japan gibt es Spekulationen, aber keine erklärende Theorie. Über die Krisen neueren Datums wissen wir noch viel weniger. Doch es gibt Grund zur Sorge, dass die derzeitige Art der Krisenbekämpfung wirkungslos ist.

Ein neues Buch, vor kurzem in den USA erschienen, liefert möglicherweise einen der ersten wichtigen Erklärungsversuche für die Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007. Atif Milan und Amir Sufi von den Universitäten Princeton und Chicago gehören zu den bekanntesten Schuldenexperten der Welt. In ihrem Werk "The House of Debt" - übersetzt: "Das Schuldenhaus" - treffen sie eine enorm wichtige Feststellung. Der Grund, warum die amerikanische Rezession so ewig lange dauerte, hatte nichts mit den Banken zu tun. Die Bankenkrise war in Amerika 2009 schon vorbei. Der Grund war die fehlende Nachfrage an Krediten. Was nach einer Kreditklemme aussah, war in Wirklichkeit nur eine Weigerung des privaten Sektors, sich neu zu verschulden.

Das hört sich alles sehr plausibel und einfach an, ist es aber nicht. Bislang sind Regierungen und Zentralbanken überall in der Welt davon ausgegangen, dass es sich genau anders herum verhält: Die bösen Banken vergeben keine Kredite an die guten kleinen und mittleren Unternehmen. Aus diesem Grund geben Politik und Notenbank den Geldinstituten Anreize, Kredite zu verleihen. Genau das tat nun wieder die Europäische Zentralbank vergangene Woche, als sie die Zinsen erneut senkte und die Banken mit noch mehr billigem Geld überschüttete, geknüpft an die Bedingung, dass sie Kredite an Firmen vergeben.

Milan und Sufi sagen uns jetzt: Die Firmen wollen gar keine Kredite - denn sie wissen nicht, wie sie das Geld investieren sollen. Die Autoren behaupten das nicht einfach, sondern sie stützen sich auf bislang nicht analysierte Daten von Städten und Gemeinden, die sie in akribischer Arbeit aufgedröselt haben. Die Analyse bezieht sich zunächst nur auf die USA. Daraus ergibt sich für uns die Frage, inwieweit sie auch für uns gelten.

Bei uns waren die Verhältnisse komplizierter, aber nicht wirklich anders. In Spanien, Irland, Großbritannien und den Niederlanden hatten wir Hauspreisblasen, ähnlich wie in den USA. In Italien und Griechenland liegen die Staatsschulden extrem hoch. In Portugal sind Staat und Privatsektor hoffnungslose überschuldet. Die Priorität in fast allen europäischen Ländern ist der Schuldenabbau. In Deutschland haben wir die Schuldenbremse sogar in die Verfassung geschrieben.

Macht Europa alles falsch?

Gleichzeitig geht die Kreditvergabe laut den Statistiken der Zentralbanken zurück. Die Politik hat ihr Augenmerk allein auf die Angebotsseite gerichtet. Alle unsere Bemühungen zielen darauf, die Banken in Ordnung zu bringen. Die EZB ist gerade dabei, die Bilanzen der Banken zu durchleuchten und sie einem Stresstest zu unterziehen. Wer durchfällt, muss sich mehr Kapital besorgen.

Die Amerikaner haben ihre Banken im Jahre 2009 wieder in Ordnung gebracht. Doch die Nachfrage hat sich damit nicht verändert. Ich sehe das bei uns ähnlich. Die Nachfrage nach Krediten wird auch nach den Stresstests mau bleiben, bis die Unternehmen wieder Möglichkeiten sehen zu investieren.

In Deutschland ist die Lage entspannter. Akut ist das Problem in Italien, Spanien, Portugal und Griechenland. Da aber letztlich alle für alle Schulden indirekt haften - trotz politischer Lippenbekenntnisse -, ist das damit auch unser Problem. Wenn Milan und Sufi recht haben, wird die Bankenbereinigung nicht viel bringen. In diesen Ländern ist die Wirtschaft derart abgestürzt, dass jeder versucht, seine Schulden so weit wie möglich abzubauen. Wer so denkt, der interessiert sich nicht für billige Kredite.

Milan und Sufi sind nicht die ersten, die auf diese Idee kamen. Richard Koo aus Japan entwickelte schon

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in den neunziger Jahre die These von einer Bilanz-Rezession. Wenn Länder, Firmen und Haushalte überschuldet sind, dann wollen sie sich einfach nur noch entschulden, egal wie günstig die Kredite sind. Koo warnte davor, dass alle gleichzeitig die Schulden abbauen. In Japan hörte man auf ihn. Dort entschuldeten sich die Firmen und die Haushalte, und es verschuldete sich der Staat. In Europa bauen alle ihre Schulden gleichzeitig ab: Staat, Unternehmen, Haushalte. Koo glaubt daher auch, dass wir in eine weit schlimmere Lage geraten werden als Japan. Wir sind auf Deflation programmiert.

Koos Thesen sind plausibel. Sie sind aber keine fundierte ökonomische Analyse. Genau das haben jetzt Milan und Sufi geliefert - zumindest für die USA.

Wenn sich diese Ergebnisse auch bei uns bestätigen sollten, dann hieße das: Wir machen in Europa so ziemlich alles falsch.

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