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Grundzüge I (WS 2007/08)

© Diaz-Bone

Grundzüge der empirischen Sozialforschung I

Dr. Rainer Diaz-Bone (Vertretung des Lehrstuhls „Empirische Sozialforschung“) FB IV – Soziologie Universität Trier 54286 Trier Tel.: 0651-201-2655 Email: diazbone@uni-trier.de www.rainer-diaz-bone.de

Grundzüge I (WS 2007/08)

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Struktur der heutigen Vorlesung

2.1 Probleme empirischer Sozialforschung

2.2 Werturteilsproblem und Forschungsethik

2.3 Stationen der Geschichte der Sozialforschung

2.4 Standardisierende und nicht-standardisierende Sozialforschung

2.5 Feld der Sozialforschung

2.6 vorbereitende Literatur

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2.1 Probleme empirischer Sozialforschung

Positionen der empirischen Sozialforschung in der „Konfrontation“ mit dem Alltagswissen

Wenn Alltagswissen mit Resultaten der Forschung übereinstimmt, kann dies als „Problem“ gelten („trivial“); keine Übereinstimmung kann aber auch als ein „Problem“ wahrgenommen werden („Elfenbeinturm“/“belanglos“/Ablehnung) -> Zitat Kromrey (2007:17)

PISA-Studie, Coleman-Report, Sozialforschung und Politik

-> Von Ihnen wird erwartet, dass Sie die Geltung der von Ihnen methodisch gewonnenen Resultate als „Botschafterinnen der Sozialwissenschaften“ auch gegenüber dem weiteren sozialen Kontext vertreten und rechtfertigen

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2.1 Probleme empirischer Sozialforschung

Probleme selektiver Wahrnehmung Pseudoregelmäßigkeiten, erwartungsabhängige Beobachtung und selektive Wahrnehmung, Deduktionsfehler (-> Diekmann)

Auch die Wissenschaft kann diesen unterliegen

-> Methoden und methodisch kontrolliertes Vorgehen können helfen diese verzerrenden Einflüsse zu entdecken und zu kontrollieren

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2.1 Probleme empirischer Sozialforschung

Drittvariablenproblem

Die Analyse bzw. Prüfung von Hypothesen hat immer das Problem, dass dritte, vierte, fünfte etc. Sachverhalte (Variablen) in den Zusammenhang zwischen je zwei Sacherhalten hineinwirken können. Die Folge: betrachtet man nur die beiden Sachverhalte im Zusammenhang, kann ein falscher Eindruck über die kausale Beziehung entstehen. Diese Sachverhalte oder Variablen nennt man Drittvariablen. Aber: mithilfe statistischer Strategien kann man den Einfluss von Drittvariablen kontrollieren (-> Grundzüge II).

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2.1 Probleme empirischer Sozialforschung

Experiment als Lösung? Diekmann: mit Hilfe der Randomisierung (zufällige Zuordnung zu den experimentellen Gruppen) kann Drittvariablenproblem beim Experiment praktisch ausgeschaltet werden.

Probleme:

(1) Kaum eine soziologische Fragestellung kann mit Hilfe eines Experimentes untersucht werden (2) Experimente erfassen zumeist nur kurzfristige Kausaleffekte (3) Übertragbarkeit experimenteller Befunde auf reale Situationen gilt als schwierig (geringe „externe Validität“)

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2.2 Werturteilsproblem / Forschungsethik

Werturteile sind „normative“ Aussagen (= Soll-Sätze, präskriptive Aussagen)

Weber: in drei Formen können Werturteile im Bereich der Sozialforschung vorkommen (1) Werturteile als Basis der Sozialforschung (-> legitim und notwendig) (2) Werturteile als Inhalt sozialwissenschaftlicher Aussagen (-> illegitim und zu vermeiden) (3) Werturteile als Objekt sozialwissenschaftlicher Forschung (-> unproblematisch)

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2.2 Werturteilsproblem / Forschungsethik

Werturteile sind notwendig involviert in der Wahl der Forschungsfragen und der Verwertung von Forschungsresultaten -> Diekmann‘s vierter Punkt: „Relevanzproblem“

Nützlich ist hier die Unterscheidung von Hans Reichenbach in:

(1) Entdeckungszusammenhang (warum diese Fragestellung? woher stammt Untersuchungsinteresse -> normativ) (2) Begründungszusammenhang (wie soll man Forschung methodisch angemessen durchführen? -> wertfrei) (3) Verwertungszusammenhang (wozu sollen die Resultate dienen? -> normativ) -> Kromrey (2007), Kap. 2.3

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2.2 Werturteilsproblem / Forschungsethik

Diese Zusammenhänge sind Rechtfertigungskontexte

Beachten: der Forschungsprozess unterliegt vorwiegend dem Begründungszusammenhang: hier sollen methodische Kriterien die Grundlage für die Rechtfertigung des angemessenen Vorgehens liefern. Dennoch müssen immer wieder die beiden anderen Kontexte explizit und expliziert aushelfen -> daher umfassende Dokumentation der Methode!

Und: auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beziehen normative Positionen, dann ist wichtig: auch diese offen legen, damit sie kritisiert werden können.

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2.2 Werturteilsproblem / Forschungsethik

Forschungsethische Probleme und ihre Auswirkungen Beispiele:

Vertrauensschwund in wissenschaftliche Befunde aufgrund von Fälschungen Korrektiv: Aufdeckung durch andere Forscher z.B. mit Replikationsstudien

Sinkende Teilnahmebereitschaft an Umfragen aufgrund von zunehmenden Umfragen mit unredlichen Absichten (Verkaufsabsicht/Werbung) Korrektiv: gesetzliche Maßnahmen, Selbstverpflichtung

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2.2 Werturteilsproblem / Forschungsethik

Menschen können durch die aktive oder passive Teilnahme an empirischer Sozialforschung in verschiedener Weise zu Schaden kommen (Beispiel:

mögliche Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls beim Milgram-Experiment). Korrektiv: Forschung, die andere Personen in Mitleidenschaft zieht, soll aus ethischen Gründen vermieden werden. Ist Unwissenheit (z.B. über Stimulus im Experiment) notwendig soll anschließend aufgeklärt werden.

Leitidee: Virtuelle Gemeinschaft der „scientific community“ dient als Kontrollinstanz und „Richterschaft“.

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2.2 Werturteilsproblem / Forschungsethik

Eine Forschungsethik ist keine „abgehobene“ philosophische Debatte!

Es geht um die Vermeidung der Schädigung und Beeinträchtigung von Menschen!

Es geht um die Erhaltung der Glaubwürdigkeit und der Reputation von wissenschaftlicher Forschung. Beides ist für alle ein Kollektivgut. Wenn dieses Kollektivgut beschädigt wird, verliert Wissenschaft seine (materielle und ideelle) Unterstützung durch die Gesellschaft und seinen Nutzen (Information, Aufklärung) für die Gesellschaft.

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2.3 Stationen der Geschichte

Was nützt die Beschäftigung mit der Geschichte der Sozialforschung?

(1) Viele innovative methodische Ansätze sind bereits schon einmal vorher entworfen / angewendet worden. (2) Viele Auseinandersetzungen ziehen sich durch die Geschichte der Sozialforschung hindurch (Beispiel:

„qualitative“ versus „quantitative“ Sozialforschung) (3) Aus Fehlern kann man lernen! Die Fehlversuche und aufgetretenen Probleme sind häufig viel lehrreicher für den Fortschritt als die „Musterbeispiele“ (4) Man erhält ein Verständnis dafür, welche Methoden unter welchen historischen Bedingungen entstanden sind und warum sie daher für welche Zwecke geeignet sein können.

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2.3 Stationen der Geschichte

Vorläufer (17./18. Jahrhundert)

Politische Arithmetik (England, Graunt/Petty) und Universitätsstatistik (Deutschland, Achenwall/Schlözer) -> erster „Methodenstreit“ -> Zitat Weischer (2007:25)

Moralische Physik (Frankreich, Quetelet) -> Normalverteilung als Prinzip der sozialen Physik (-> Diekmann)

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2.3 Stationen der Geschichte

Die „Ära der sozialen Probleme (18. bis Anfang 20. Jahrhundert)

Statistische Gesellschaften und Surveys in England

Soziale Enquêten des „Vereins für Socialpolitik“ (Weber)

Allmähliche Institutionalisierung nationaler statistischer Büros und Ämter, Erhebung regelmäßiger amtlicher Nationalstatistiken zuerst in Europa (später USA/Kanada) (-> Weischer)

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2.3 Stationen der Geschichte

Durkheim: Regeln der soziologischen Methode (1895)

Soziale Sachverhalte als überindividuelle, objektive Tatbestände betrachten („Soziale Institutionen“ sind objektive Realitäten)

„Soziales durch Soziales erklären“ (Kein Reduktionismus auf Psyche oder Biologie)

Vergleich als wichtige soziologische Analysestrategie

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2.3 Stationen der Geschichte

Chicago School (1910er bis 1940er Jahre)

Pragmatismus und frühe deutsche Soziologie als Einflüsse (Tönnies und Simmel) Vertreter: Robert Ezra Park, Ernest Burgess, William I. Thomas, Louis Wirth.

Entwicklung und Anwendung qualitativer (nicht- standardisierender) Vorgehensweisen: nicht- standardisierende Formen der Feldforschung und Einzelfallstudien. Beispiel: teilnehmende Beobachtung. Gegenstände: urbane soziale Milieus, Geographie städtischer Lebensräume, Immigration, Kriminalität und ethnische Konflikte. Starke mikrosoziologische Perspektive: Fokus auf Handlungs- und Interaktionsordnungen in urbanen Umwelten.

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2.3 Stationen der Geschichte

Zwischen den Weltkriegen

Paul F. Lazarsfeld/Marie Jahoda/Hans Zeisel:

Marienthal-Studie

= Beispiel für Methoden-Mix (Kombination

standardisierender und nicht standardisierender Methoden)

= Beispiel für Soziographie (Einzelfallbeschreibung)

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2.3 Stationen der Geschichte

Institutionalisierung nach dem II. Weltkrieg

USA: Paul F. Lazarsfeld etabliert moderne Methoden der quantitativen Sozialforschung zuerst an der Columbia University (New York) -> Zitat Diekmann (2007:112/113)

Deutschland:

Kölner Schule (Rene König, Erwin K. Scheuch) führt „amerikanische Methoden“ in Deutschland ein , Etablierung verschiedener außeruniversitärer Sozialforschungsinstitute, Verankerung der Sozialforschung an den Universitäten

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2.4 Standardisierende und nicht-standardisierende Forschung

Die empirische Sozialforschung hat sich vor allem als standardisierende Methodologie seit dem zweiten Weltkrieg etablieren können.

„Quantitative“ (standardisierende) und „qualitative“ (nicht-standardisierende) Methoden -> Zitat Kromrey (2006:34/35)

Seit 1970er Jahren Renaissance der nicht- standardisierend vorgehenden Formen der Sozialforschung, der „qualitativen Sozialforschung“

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2.4 Standardisierende und nicht-standardisierende Forschung

Kontroverse zwischen quantitativer und qualitativer Sozialforschung ist in der deutschen Soziologie daraufhin erneut als „Methodenstreit“ zu Tage getreten

Heutzutage gibt es eine eigene Sektion in der DGS und ist die qualitative Sozialforschung an vielen Universitäten verankert. Viele Forschungen verwenden beide Formen!

Ausgangspunkt der Methodenausbildung ist aber häufig die standardisierende, die „quantitative“ Sozialforschung.

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2.5 Das Feld der Sozialforschung

„Produzenten“ sozialwissenschaftlichen Wissens (1) Amtliche Statistik (2) Markt- und Meinungsforschung (3) Sozialwissenschaften und wissenschaftliche (außeruniversitäre) Sozialforschung (4) Betriebliche Sozialforschung (z.B. Beratung)

„Rezipienten“ sozialwissenschaftlichen Wissens (1) Sozialwissenschaften und angrenzende Fächer (2) Öffentliche Verwaltung (3) Parteien, Verbände, Non-Profit-Organisationen (4) Unternehmen (5) Interessierte Öffentlichkeit /Massenmedien (-> Weicher)

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2.5 Das Feld der Sozialforschung

Wichtige Service-Einrichtungen für die Sozialforschung:

Zur Gesellschaft sozialwissenschaftlicher Struktureinrichtungen (GESIS) gehören:

Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) Zentralarchiv für empirische Sozialforschung (ZA) Informationsdienst Sozialwissenschaften (IZ)

Wichtige Forschungseinrichtungen (Auswahl):

Wissenschaftszentrum zu Berlin Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung (Köln) Sozialforschungsstelle Dortmund Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (Berlin)

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2.6 Vorbereitende Literatur

Arbeiten Sie bitte folgenden Lektüre vor der nächsten Vorlesung durch:

Diekmann (2007), Kap. IV (= S. 116 bis S. 183)

Lesen Sie außerdem baldmöglichst die folgenden Lektüren nach:

Diekmann (2007), Kap. III (= S. 90 bis S. 115) Weischer (2007), Kap. I.2 + I.3 (= S. 45 bis 61)

-> Unter STUDiP aktualisierte Gliederung mit Zuordnung von Literaturangaben zu den folgenden Vorlesungen

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Fragen/Diskussion

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