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Grundzüge I (WS 2007/08)

© Diaz-Bone

Grundzüge der empirischen Sozialforschung I

Dr. Rainer Diaz-Bone (Vertretung des Lehrstuhls „Empirische Sozialforschung“) FB IV – Soziologie Universität Trier 54286 Trier Tel.: 0651-201-2655 Email: diazbone@uni-trier.de www.rainer-diaz-bone.de

Grundzüge I (WS 2007/08)

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Struktur der heutigen Vorlesung

3.1 Variablen

3.2 Hypothesen

3.3 Mikro-/Makromodell

3.4 Theorien (statement view)

3.5 Definitionen

3.6 Ökologischer Fehlschluss

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3.1 Variablen

Variablen sind „messbar gemachte Merkmale“ (-> Operationalisierung)

Variablenausprägungen: die möglichen Ausprägungen eines Merkmals werden im Rahmen der Operationalisierung vorab definiert. Nach der Datenerhebung liegt für jede Untersuchungseinheit eine empirische Ausprägung vor.

Unterscheidungskriterien für Variablen:

diskret/stetig nominal/ordinal/metrisch kategorial: dichotom/polytom attributional/relational global/struktural/analytisch unabhängig/abhängig

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3.1 Variablen

Beispiel: Netzwerk aus sechs Personen A bis F

starke Beziehung = durchgezogene Linie schwache Beziehung = gestrichelte Linie

Personenebene:

Alter, Geschlecht

Beziehungsebene:

Beziehungsstärke

Netzwerkebene analytische Merkmale:

Durchschnittsalter, Anteil Frauen strukturelles Merkmal:

Beziehungsdichte

E

D F A
D
F
A

B

C

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3.2 Hypothesen

Hypothesen über Sachverhalte (Zustände) / über Zusammenhänge

Grad der Gewissheit über Zusammenhangsaussagen unterscheidet nomologische Hypothesen von Gesetzen.

Kausalität und statistische Zusammenhänge

Arten von Hypothesen Kausalhypothesen / Trendaussagen Deterministische / probabilistische Hypothesen Wenn-dann-Aussagen („All-Aussagen“) / Je-desto- Hypothesen Existenz-Aussagen („Es-gibt-Sätze“) / singuläre Sätze

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3.3 Mikro-/Makromodell

„Badewannenmodell“ (Coleman/Esser) als einfaches Mehrebenenmodell (Makroebene, Mikroebene und Beziehungen zwischen den Ebenen)

kollektives

Phänomen

kollektives Phänomen Kollektivhypothese kollektives Phänomen Makroebene Kontexthypothese Individualhypothese Akteur

Kollektivhypothese

kollektives

Phänomen

Makroebene

Kollektivhypothese kollektives Phänomen Makroebene Kontexthypothese Individualhypothese Akteur

Kontexthypothese

Individualhypothese

Akteur

kollektives Phänomen Makroebene Kontexthypothese Individualhypothese Akteur Aggregationsregel Handlung Mikroebene
kollektives Phänomen Makroebene Kontexthypothese Individualhypothese Akteur Aggregationsregel Handlung Mikroebene

Aggregationsregel

Handlung

Mikroebene

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3.3 Mikro-/Makromodell

Hypothesen in Mehrebenenmodellen

Kontexthypothesen: geben an, wie Situationen (Makroebene) auf einzelne Handelnde (Mikroebene) einwirken

Individualhypothesen: geben an, wie Handelnde in Situationen (Mikroebene) entscheiden

Kollektivhypothesen: geben an, wie sich ein Zustand auf der Makroebene auf einen folgenden Zustand auf der Makroebene auswirkt

Zusätzlich notwendig Aggregationsregeln -> allerdings hat man hier immer wieder Probleme, kollektive Phänomene aus der Aggregation von individuellen Entscheidungen zu erklären (Emergenz)

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3.3 Mikro-/Makromodell

Beispiel: Webers Erklärung der Entstehung des modernen Kapitalismus

Protestantische Ethik

Entstehung des modernen Kapitalismus Protestantische Ethik Familiale Sozialisation Geist des Kapitalismus

Familiale

Sozialisation

Kapitalismus Protestantische Ethik Familiale Sozialisation Geist des Kapitalismus Leistungsmoti- vation (Ethos)

Geist des Kapitalismus

Ethik Familiale Sozialisation Geist des Kapitalismus Leistungsmoti- vation (Ethos) Universität Trier – FB IV
Ethik Familiale Sozialisation Geist des Kapitalismus Leistungsmoti- vation (Ethos) Universität Trier – FB IV

Leistungsmoti-

vation (Ethos)

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3.3 Mikro-/Makromodell

Vorrangiges Anliegen soziologischer Erklärungen ist nicht, das Verhalten von Einzelnen zu erklären, sondern das Entstehen kollektiver Phänomene.

Methodologischer Individualismus fordert: dafür muss man das Handeln von Individuen berücksichtigen. Kollektivhypothesen müssen ersetzt werden durch Kontexthypothese, Individualhypothesen und Aggregationsregeln

Methodologischer Holismus (“Kollektivismus“):

Individuen müssen zwar handeln, damit soziale Phänomene zustande kommen, aber die Erklärung benötigt nicht die Einbeziehung des individuellen Handelns, denn Makrophänomene „greifen“ durch Individuen „hindurch“. Kollektivhypothesen können nicht ersetzt werden.

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3.4 Theorien (statement view)

Theorien als Satzsysteme (statement view)

Theorien bestehen:

(1) aus miteinander verbundenen Hypothesen, die prinzipiell und einzeln widerlegbar sein sollen (jeweils „an der Empirie scheitern“ können sollen)

und

(2) Definitionen der verwendeten Begriffe, wobei diese einen empirischen Bezug haben müssen.

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3.4 Theorien (statement view)

Beispiel: Die Stärke schwacher Beziehungen (Granovetter)

(Definition 1) Eine starke Beziehungen zwischen zwei Personen liegt vor, wenn diese häufig interagieren. Eine schwache Beziehung liegt vor, wenn diese selten interagieren.

(Hypothese 1) Wenn A sowohl zu B als auch zu C ein starke Beziehung hat, dann entsteht zwischen B und C ebenfalls eine starke Beziehung.

(Hypothese 2) In einem Netzwerk verfügen Personen, die untereinander starke Beziehungen haben, über dieselben Informationen.

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3.4 Theorien (statement view)

Beispiel (Fortsetzung):

(Hypothese 3) Personen zu denen man schwache Beziehungen unterhält haben häufiger neue Informationen (wie die Information über freie Stellen) als Personen zu denen man starke Beziehungen hat.

-> Hypothese 3 ist Folgerung aus vorhergehenden Hypothesen.

-> jede Hypothese kann einzeln geprüft werden -> Begriffe haben empirischen Bezug

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3.5 Definitionen

Nominaldefinition

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Das zu Definierende (= Definiendum) und das Definierende (= Definiens) werden gleichgesetzt.

Nominaldefinitionen haben den Status von logischen Sätzen. Sie sind analytisch wahre Sätze, sie sind keine empirischen Aussagen und nicht falsifizierbar.

Unterscheiden: als Aussagen haben Definitionen keinen empirischen Gehalt. Dennoch müssen die definierten Begriffe in der Sozialforschung empirischen Bezug haben!

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3.5 Definitionen

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Schreibweise:

Definiendum = (def.) Definiens

wenn A durch B definiert wird, schreibt man kurz

A = (def.) B

Beispiel:

Armut = (def.) liegt vor, wenn eine Person weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens erzielt

intensionale Definition: Definiendum wird durch Angabe von Eigenschaften definiert.

extensionale Definition: Definiendum besteht aus einer Aufzählung (oder Definition der Menge von) Objekten/Sachverhalten, die mit dem Begriff bezeichnet werden sollen.

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3.5 Definitionen

Im Unterschied zu Nominaldefinitionen versucht man bei Realdefinitionen „das Wesen einer Sache“ durch eine Definition zu erfassen. Da dies zumeinst nicht vollständig gelingt oder strittig sein kann, gelten Realdefinitionen als ungeeignet. Denn Realdefinition sind Behauptungen, dass ein Sachverhalt richtig durch einen Begriff erfasst wird. -> „empirische Hypothesen“

Definitionen sollen:

für die Forschung zweckmäßig sein, präzise sein und die definierten Begriff sollen messbar gemacht werden können.

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3.5 Definitionen

-> Voraussetzung: empirischer Bezug

Ist empirischer Bezug direkt, dann können Objekte, auf die sich definierte Begriffe beziehen direkt beobachtet werden.

Ist empirischer Bezug indirekt, dann müssen Indikatoren ermittelt werden, anhand derer sich die durch einen Begriff bezeichneten Sachverhalte „feststellen“ lassen.

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3.5 Definitionen

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hierfür benötigt man Korrespondenzregeln:

Begriff (theoretisches Konzept, nicht direkt beobachtbar)

Begriff (theoretisches Konzept, nicht direkt beobachtbar) Korrespon- denzregeln Indikator 1 (direkt beobachtbar)

Korrespon-

denzregeln

Indikator 1 (direkt beobachtbar)

Indikator 2 (direkt beobachtbar)

weitere Indikatoren (direkt beobachtbar)

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3.6 Ökologischer Fehlschluss

Der ökologische Fehlschluss besteht in der unzulässigen Übertragung eines Zusammenhangs, den man auf der Ebene von Kollektiven gefunden hat, auf die Ebene von Individuen.

Zusammenhänge, die auf der Ebene von Kollektiven vorliegen, können auf der Ebene von Individuen ganz anders geartet sein.

Beispiel für ökologischen Fehlschluss bei zwei metrischen Variablen (OH-Projektor)

Verfahren der Mehrebenenanalyse als Lösung

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Fragen/Diskussion

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