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12_09_008-017_Titel 24.11.

2009 15:20 Uhr Seite 8

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Schneid !

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12_09_008-017_Titel 24.11.2009 15:21 Uhr Seite 9

Jeder zweite Schwule bleibt im Job ungeoutet.


Das kostet viel Kraft, schadet der Firma und
ist meistens unnötig. Drei Männer aus drei
Branchen beweisen: Ein Coming-out am
Arbeitsplatz macht vieles leichter. Sonst wird
der Beruf zum Kampf. Oder zum Krampf, wie
zwei andere Beispiele zeigen

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12_09_008-017_Titel 24.11.2009 14:05 Uhr Seite 10

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NEUGIERIG Jochen arbeitet auf dem Fleisch-


großmarkt. Der Umgangston ist rau,
das Interesse am schwulen Leben groß

Ab halb fünf Uhr morgens steht Jochen jeden Tag in seinen Arbeitsplatz ging: Eine gute Freundin aushorchen dürfen. „Sie fragen immer sehr fein-
einem weiß gekachelten Raum auf dem Fleisch- schlüpfte in die Rolle der „Pseudofrau“, wie Jochen fühlig: ,Wie war‘s am Wochenende?‘“
großmarkt an der Sternschanze und zerstückelt mit das nennt. Gelegentlich rief sie im Betrieb an, um Sonst geht es auf dem Großmarkt ruppiger zu.
großen Messern Rinder und Schweine. Die Schnitzel, mit ihm zu plaudern. Keiner schöpfte Verdacht. „Im Hof schreie ich manchmal ganz schön rum,“ ge-
Steaks und Filets sind für Einzelhändler und Gastro- Erst nach und nach offenbarte sich der 54-Jäh- steht Jochen. Wenn die Lieferanten nicht spuren.
nomiebetriebe in ganz Hamburg. Wenn der Fahrer rige – und stieß nie auf Ablehnung. Nicht einmal in Oder wenn das verderbliche Fleisch nicht schnell
nicht kann, liefert Jochen auch mal Bestellungen der Gemeinschaftsdusche gibt es Probleme. „Die genug in den Kühlräumen ist. Der Job ist körperlich
aus. „Das ist dein Revier“, witzeln seine Kollegen, anstrengend, besonders im Sommer. Dann pendeln
wenn eine Fuhre nach St. Georg soll. „Da kannst du die Fleisch-Profis zwischen dem 25 Grad warmen
„Alle Zigeuner und
deine Lederklamotten anziehen.“ Hof und dem Kühlhaus mit seinen Temperaturen
Sie wissen, dass Jochen ein schwuler Lederfan Schwulen raus!“ von bis zu minus 30 Grad. „Die Knochen leiden stark
ist. Spätestens seit jenem Morgen, als der gelernte in diesem Beruf.“ Schon nach acht Jahren hatte
Fleischer nach einer langen Partynacht in Erikas Eck frotzeln nur“, sagt Jochen über sein fünfköpfiges sich Jochen deshalb zum Groß- und Außenhandels-
einkehrte, in Chaps, mit nacktem Po. In der Nacht- Team. „Selten ist mal eine wirklich böse Bemerkung kaufmann weiterbilden lassen – um später doch wie-
gaststätte gleich neben dem Fleischgroßmarkt gibt dabei.“ Dass ein anderer Großmarkt-Arbeiter ihn der im Fleischgroßhandel zu arbeiten.
es auch um vier noch ein frisches Jägerschnitzel. erst kürzlich mit dem Satz „Alle Zigeuner und Dort hat Jochen einen guten Stand, denn er ist im
„Du bist die Show-Einlage heute Abend“, hat ihm Schwulen raus“ aus dem Kühlraum gescheucht hat, Betrieb, im Büro und im Führerhaus gleichermaßen
die Wirtin fröhlich zugerufen. rechnet Jochen nicht in diese Kategorie. „Der einsetzbar. Bei Konflikten schieben seine Kollegen
So lustig ging es in Jochens Arbeitsleben nicht meinte das nicht so.“ ihn gerne vor, weil er einfühlsam ist, aber zur Not
immer zu. Lange hat der großgewachsene Mann mit Im Gegenteil: Es sei eher Neugier, was seine He- auch laut werden kann – die Folge eines harten Trai-
den scharfen Falten im Gesicht ein Doppelleben ge- tero-Kollegen auszeichne. Vor allem die Frauen woll- nings. „Meine Schutzmauer ist gewachsen in den
führt. Inzwischen ist er geschieden und sein Sohn ten es genau wissen: „Was hast du am Wochenende Jahren“, meint Jochen nachdenklich. „Ich weiß, wen
erwachsen. Doch auch nach der Scheidung ging Jo- mit deinem Mann in der Sauna gemacht?“ Die Män- ich an mich ranlassen kann und wen nicht.“
chen auf Nummer sicher. Zumindest wenn es um ner sind unsicher, ob sie ihren schwulen Kollegen PHILIP EICKER

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12_09_008-017_Titel 24.11.2009 14:05 Uhr Seite 11

ANGREIFBAR
Bei Airbus ist Sex ein großes Thema.
Industrieelektroniker Marcel* ließ sich
dadurch einschüchtern

Im Heck des Flugzeugs sind die Männer unter sich. In den vorderen Sek-
tionen, die im Airbus-Werk Finkenwerder ausgestattet werden, arbeiten
gelegentlich auch Frauen, aber hinten im Elektronik-Team von Marcel* nur
Männer. „Um gröbere Arbeiten zu erledigen, braucht man auch gröbere
Menschen“, erklärt Marcel. Zusammen mit drei bis vier Kollegen verlegt der
27-Jährige Kabel in den Langstreckenmodellen A330 und A340.
Der athletische junge Mann mit den dichten Augen-
Tdinjeu!Uifbufs
brauen mochte diesen Beruf, die damit verbundenen ;@<>IFJJ<J:?D@;K$N@EK<I>8C8 
Umgangsformen haben ihn nur genervt: Funktionierte
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ein Werkzeug nicht, dann war es „schwul“. Beim Small
Talk war Sex ein großes Thema. „Am Montag ging J:?D@;KD@KK<IE8:?KJJ?FN]i\`kX^j"jXdjkX^j)+L_i
es darum, wer am Wochenende wie viele Mädels ab-
geschleppt hatte. Wie bei einer Trophäenjagd.“ Auch <;;PN@EB<CD8EELE;98E;;XjN\`_eXZ_kjbfeq\ik.%()%
Marcel sollte erzählen, wen er gerade „an der Angel“
hätte. „Dann habe ich das Gespräch immer schnell ab- M@E:<<9<IK;\eb\ecf_ekj`Z_  (+%()%
gewürgt.“ Seine Maxime in den drei Jahren, die
er in der Flugzeugproduktion gearbeitet
?@;;<EJ?8B<JG<8I<@dgifm`jXk`fejk_\Xk\i )(%"))%()%
hat: strikte Trennung von Job und Pri-
vatleben. „Sobald man sich im Priva-
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ten durchsichtig macht, bietet man J:?I@CC<E8:?K;`\?\`c`^XY\e[$J_fn`dJZ_d`[k )+%()%
eine größere Angriffsfläche.“
Umso mehr genießt Marcel nun
seine Ausbildungszeit an der Ge-
werbeschule. Dort wissen schon Tdinjeut!UJWPMJ
drei Mitschüler, dass Marcel schwul
ist. Sie gehen ganz selbstverständ-
c€l]kn\`k\i
lich damit um. Mit seiner zweiten ?XdYli^jY\jk\jDlj`ZXcÆa\kqk`dj`\Yk\eAX_i
Ausbildung hat Marcel auch die
Abteilung gewechselt, macht nun B8PI8PC8K<E@>?K)+L_i+%()%
einen Schreibtischjob im Rekla-
mationsmanagement. Mit seinen
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neuen Kolleginnen und Kollegen
kann er sich gut unterhalten. „So-
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gar über Theater und Musicals – D@:?PI<@E:B<;@<98E;;`\?€c]k\`jkild))%")*%()%
das hat die in der Produktion
überhaupt nicht interessiert.“ 98LD8EE:C8LJ<E;`\N\e[\`e0'D`elk\e)/%()%
Zur Weihnachtsfeier will er sei-
nen neuen Freund mitbringen.
Änderungen vorbehalten

PHILIP EICKER

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12_09_008-017_Titel 24.11.2009 13:53 Uhr Seite 12

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Fotos: Stephan Pflug


ERWÜNSCHT
Florian Binder (39) unterrichtet Deutsch und Französisch. Und manchmal auch Schwulsein

h Florian, „schwul“ soll angeblich das direkt vor der Klasse gefragt: „Herr Binder, sind Sie h Trauen sie sich denn zu fragen?
beliebteste Schimpfwort an deutschen eigentlich schwul?“ Das habe ich gerne bestätigt. Seltener, als ich das vermutet hätte. Hier am Mat-
Schulen sein. Stimmt das? thias-Claudius-Gymnasium habe ich zum Beispiel in
Ich höre es nur selten. Oft drücken sich die Schüler h Ist dir das leichtgefallen? einer 5. Klasse mal fallen lassen, dass ich beim Pfingst-
in Gegenwart von uns Lehrern gewählter aus. Des- In der Situation ja. Vereinfacht gesagt gibt es drei treffen der schwulen Lehrer im Waldschlösschen war.
halb bekomme ich die meisten Schimpfwörter gar Grundmuster: Manche Kollegen reden mit nieman- Zuerst haben mich alle mit großen Augen angeguckt.
nicht mit. dem über ihr Privatleben. Manche machen es von Aber nach dem Unterricht kam ein Schüler und frag-
sich aus zum Unterrichtsthema. Das ist in Hamburg te mich, ob ich denn einen Freund hätte. Eine Schü-
h Warst du immer out als Lehrer? inzwischen sogar von der Schulbehörde erwünscht. lerin meinte: „Meine Eltern haben auch zwei schwule
Im ersten Jahr meines Referendariats nicht. Im zwei- So soll die Vielfalt der Lebensweisen auch in den Nachbarn, und die finden sie total nett!“ So etwas
ten habe ich es dann gemacht. Das war fast ein zwei- Schulalltag gebracht werden. Und es gibt einen Mit- kommt schon als umittelbare Reaktion.
tes Coming-out, eine Befreiung. Vorher war ich kon- telweg, der zu mir passt: Alle wissen, dass ich schwul
trollierter. Danach konnte ich besser ich selbst sein. bin, und dürfen auch gerne nachfragen. Aber von h Dein Rat an Kollegen lautet also:
mir aus erzähle ich den Schülern nicht unbedingt Raus mit euch!
h Woher wissen deine Schüler, dass du von meiner Abendgestaltung. Ich hatte selbst mal Ich fühle mich nicht in der Rolle, anderen etwas zu ra-
schwul bist? einen Lehrer, der uns mit Privatgeschichten gelang- ten. Jeder muss für sich eine Lösung finden, die zu
In Berlin war der Anlass die Lektüre von Andreas weilt hat. In diese Falle will ich nicht tappen. Aber ihm passt und authentisch ist. INTERVIEW: P. EICKER
Steinhöfels Roman „Die Mitte der Welt“. Das Buch wenn Schüler Fragen zum Thema Homosexualität
hat eine schwule Thematik. Da hat mich ein Schüler haben: gerne! www.schwule-lehrer-hamburg.de

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12_09_008-017_Titel 24.11.2009 13:53 Uhr Seite 13

MENSCHLICH
Ein Versteckspiel am Arbeitsplatz kommt
für Personalsachbearbeiter Ben nicht in Frage.
Vielleicht auch, weil er so hetero wirkt

Ungeoutet ist Ben nie lange geblieben. An sei- Bei einer Personalmanagementfirma macht Ben
nem aktuellen Arbeitsplatz hat es zwei Tage ge- einen klassischen Bürojob: ein Großraumbüro in
dauert. Sofort war ihm aufgefallen, dass seine der City Nord, ein überladener Schreibtisch mit
Schreibtischnachbarin unglücklich war. In der Zi- Rechner, Rechenmaschine und einem hohen
garettenpause bot er ihr an, in den nächsten Ta- Turm aus weinroten Ablagefächern strahlen
gen Rücksicht zu nehmen, wenn es nötig wäre. nüchterne Korrektheit aus – nicht etwa Lust auf
„Bist du schwul?“, war die entgeisterte Reaktion. Abweichendes.
Bens Gefühl hatte nicht getrogen: Die Beziehung Trotzdem ist ein schwules Coming-out hier
seiner Kollegin war in die Brüche gegangen. Dass selbstverständlich. „Ich denke schon, dass zu-
ihr ein bis dahin unbekannter Mann seelische Un- mindest in Großstädten die Entwicklung in diese
terstützung anbot, hätte sie nicht erwartet. Richtung geht“, vermutet Ben. „Natürlich ist es
An Bens Erscheinung kann die richtige vorteilhaft, wenn die Kolleginnen schon einen
Einschätzung nicht gelegen haben: Der 26-jährige schwulen Freund oder wenigstens Friseur haben
Personalsachbearbeiter trägt zwar einen dünnen – dann gibt es keine Berührungsängste.“
Kinnbart und modische Krawatten, doch seine Ein Versteckspiel kam für Ben auch bei keinem
restliche Erscheinung ist das, was viele Gayro- seiner zwei früheren Arbeitgeber in Frage. „Man
meo-User wohl „heterolike“ nennen würden: ein ist täglich mit den Kollegen zusammen, im besten
kräftiger Körper mit einer tiefen, Vertrauen ein- Fall passt es auch menschlich. Da möchte ich
flößenden Stimme. nichts verheimlichen.“ PHILIP EICKER
12_09_008-017_Titel 24.11.2009 13:56 Uhr Seite 14

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GÖTTLICH
Ein Coming-out könnte ihn den Job kosten:
Trotzdem arbeitet Andreas* gerne für die Kirche

Ein Mönch hat einmal zu Andreas* gesagt: „Werde, Nach dem Theologiestudium will Andreas seine
was du bist. Das ist absolut göttlich.“ Andreas hat ihn Sexualität sogar für den Glauben opfern, will Mönch
beim Wort genommen. Er ist heute katholisch und werden. „Ich dachte, ich kann mein Schwulsein weg-
schwul. Ein Widerspruch? „Nein“, sagt er, „ich hatte beten. Dass das im Orden nicht geht, habe ich erst
schon immer eine Antenne für den Glauben und später rausbekommen.“
bin fest davon überzeugt, dass die christliche Beim Vorstellungsgespräch im Kloster durch-
Botschaft Homosexuelle keinesfalls aus- schaut ihn ein alter Pater sofort. Er fragt: „Fühlst
schließt.“ Seit fast 20 Jahren arbeitet And- du dich nicht wohl in deiner Haut?“ Andreas gibt
reas für die katholische Kirche – und führt sich erstmals zu erkennen. Der Pater ermutigt ihn,
ein Doppelleben. Denn von schwulen Ka- endlich zu seinem Schwulsein zu stehen. Wenig spä-
tholiken wird Absurdes erwartet. Sie dürfen ter folgt das Coming-out bei der Familie. Bis heute ist
sich outen, aber keinen Sex haben. Wer der Kontakt zu ihr unterkühlt. Andreas verlässt das
praktiziert, der sündigt. Trotzdem ist kleine Dorf mit gemischten Gefühlen und kommt
Andreas glücklich, hält an seinem Glau- Anfang der 90er Jahre nach Hamburg.
ben fest, schätzt die Verbundenheit zu Er taucht in die schwule Szene ein, lebt jahrelang
Gleichgesinnten. Privat versteckt er mit seinem Freund zusammen und arbeitet trotz-
seine Sexualität nicht. dem für die Kirche. In seinem Beruf ist er bis heute
Schon vor der Pubertät wird And- nicht geoutet. „Warum soll ich mich outen? Wer
reas klar: Ich bin anders. Aber in sei- mich sehen will, der muss nur richtig hingucken“
nem kleinen katholischen Heimatort behauptet Andreas und schlägt die Beine überein-
ist kein Platz für Sonderlinge. In der ander. Er spricht melodiöser, als die meisten Män-
Schule wird er ausgrenzt. „Den Jungs ner, überlegt vor jedem neuen Satz, sucht nach ei-
dort war mein Wesen nicht geheuer“, ner nachvollziehbaren Erklärung für seine unge-
erinnert sich wöhnliche Situation. „Ich
Andreas. Aus- arbeite gern für die Kir-
gerechnet die „Warum soll ich mich che, aber was sie mit
Dorfkirche bie- Schwulen macht, ist ein-
tet ihm Zu- outen? Wer mich sehen fach furchtbar.“ Manch-
flucht. Hier mal schneidet er das
werden keine will, der muss nur Thema in einer seiner
peinlichen Predigten an, argumen-
Fragen ge- richtig hingucken“ tiert für mehr Akzep-
stellt. „Das tanz, oder wird sogar
war ein Raum, wo Diskriminierung zornig. Ein Coming-out vor der Amtskirche kommt
nicht stattgefunden hat.“ dennoch nicht in Frage: „Man würde von mir ver-
Andreas wird ein begeisterter langen, dass ich mich für Jesus opfere. Schwule Ka-
Katholik, engagiert sich für die Ge- tholiken leben enthaltsam.“ Andernfalls droht ihm
meinde, leitet Jugendgruppen. Ir- die Entlassung. Als sogenannter Tendenzbetrieb
gendwann entschließt er sich, eine darf ihm seine Arbeitgeberin trotz Antidiskriminie-
kirchliche Berufslaufbahn einzu- rungsgesetz vorschreiben, wie er zu leben hat.
schlagen. „Die haben mich alle sehr Es gibt sie: Die Tage, an denen Andreas alles hin-
geschätzt und das auch spüren las- schmeißen will. Manchmal ist er wütend auf die „Ar-
sen.“ Seine sexuelle Neigung wird gumente aus dem Mittelalter“, mit denen die Kir-
niemals thematisiert. chenführung arbeitet. „Auch die klassische Familie
Er stürzt sich in die Arbeit, ver- kann ein Horrorszenario sein.“ Trotzdem ist sein
drängt die Lust auf andere Männer. Glaube stärker. Andreas fühlt sich wohl in der Ge-
Seine spirituelle Entwicklung ist ihm meinschaft, schätzt die spirituellen Werte der Reli-
wichtiger. Während einer mehrwöchi- gion. Es gibt sogar Mitarbeiter, mit denen er offen
gen Kur zerbricht die Fassade jedoch. umgehen kann. „Zwar fällt dabei niemals das Wort
Andreas erlebt seinen ersten Sex mit einem schwul, aber die wissen schon, was ich bin.“
älteren Mann. Es soll vorerst die einzige Erfahrung LUKAS NIMSCHECK
dieser Art bleiben. *Name geändert

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12_09_008-017_Titel 24.11.2009 13:58 Uhr Seite 16

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KLARES RANKING
Das Hamburger Online-Portal Truto.org soll Homos und Unternehmen
vernetzen. Gründer Eric Sommer erklärt warum

h Eric, bei Truto.org können Lesben und mitzumachen. Es ist uns wichtig, auch die vielen klei- h Wie reagieren die Firmen?
Schwule bewerten, wie homo-freundlich ihre nen und mittelständischen Unternehmen anzuspre- Die Rückmeldungen sind sehr schwach. Viele Unter-
Firma ist. Wozu denn das? Bei der Arbeit chen, die es in Deutschland gibt. In vielen großen Fir- nehmen habe ich direkt angeschrieben. Darunter
kommt es doch auf berufliche Fähigkeiten an men gibt es ja schon schwul-lesbische Mitarbeiter- auch ein großes Hotel, von dem ich annahm, dass es
und nicht aufs Privatleben. gruppen. wegen seiner vielen schwulen Mitarbeiter aufge-
Eric Sommer: Man arbeitet doch mindestens fünf schlossen sei. Ich bekam einen Einzeiler zurück: „Wir
Tage die Woche bis zu zehn Stunden täglich mit sei- h Interessieren sich die Firmen für bitten Sie, von weiteren Schreiben Abstand zu neh-
nen Kollegen zusammen – da kann mir niemand er- dein Angebot? men.“ Sie haben sofort die Tür zugestoßen!
zählen, dass das Privatleben nie eine Rolle spielt. Es Die Resonanz ist bisher schwach. Aber das kommt.
geht nicht darum, dass alle im rosa Tutu zur Arbeit Die Präsenz auf Truto.org bietet ihnen ja zwei Vor- h Es gibt also noch Berührungsängste.
gehen, sondern dass niemand Angst haben muss, in teile. Einerseits können sie den Verbrauchern zei- Ein Diversity-Berater hat mir erzählt: Wenn ich ein
der Mittagspause von seinem Partner zu erzählen. gen: Wir sind ein offenes Unternehmen. Andererseits Unternehmen über Monate begleite, dann reden wir
können sie sich möglichen neuen Mitarbeitern prä- zuerst über Frauen, dann über Behinderte, dann über
h Deine Geschäftsidee ist: Die User dürfen sentieren. Menschen verschiedener Nationalität, dann über Alt
kostenlos über die Homo-Freundlichkeit der und Jung – und wenn dann noch Zeit übrig ist, auch
Unternehmen diskutieren, die Unternehmen h Wieso sollten sie Schwule und Lesben über Schwule und Lesben. Es gibt da ein ganz kla-
sollen gegen Geld für sich werben. bevorzugt einstellen? res Ranking. INTERVIEW: PHILIP EICKER
Richtig. Zur Zeit haben wir nur das Problem, dass Das ist ein Vorwurf, der schnell kommt. Aber darum
Truto.org noch nicht bekannt genug ist. Deshalb pla- geht es gar nicht. Truto.org bietet Unternehmen die
nen wir für Anfang 2010 einen großen Relaunch. Wir Möglichkeit zu signalisieren: Homosexualität ist für
brauchen Early Adopter – also Firmen, die sich trauen uns kein Problem. www.truto.org

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12_09_008-017_Titel 24.11.2009 13:58 Uhr Seite 17

OPEN OFFICE
Das Coming-out auf Arbeit fällt immer leichter
■ Fakten. 52 Prozent der Lesben und Schwulen verheimlichen ihre Homo-
sexualität am Arbeitsplatz, 55 Prozent mussten schon einmal Tuscheleien
und Spott ertragen. Etwa jeder zehnte Homo wird an seinem Arbeitsplatz
stark gemobbt. Gleichzeitig erklärten 78 Prozent, dass sie heute deutlich of-
fener leben als zehn Jahre zuvor (Dominic Frohn: „Out In Office“, Univer-
sität Köln, 2007).

■ Netzwerke. In rund 30 bis 40 deutschen Unternehmen gibt es firmeninterne


Netzwerke für Lesben, Schwule und Transmenschen, darunter sind bekannte
Namen wie Daimler, Ford, IKEA, SAP und Volkswagen. Daneben gibt es zahl-
reiche schwul-lesbische Berufsverbände unter anderem für Polizisten, Jour-
nalisten und Bundeswehrangehörige. Führungskräfte gehen zum Völklin-
ALLE HITS AUF
ger Kreis oder zu den Wirtschaftsweibern. Online sticht die Business-Platt-
form Queer Xing hervor.
EINER DOPPEL-CD!
Inkl. „THAT’S THE WAY LOVE GOES“,
■ Rechtsschutz. Sexuelle Minderheiten werden gut geschützt. Das Allge- „ALL FOR YOU“, „WHOOPS NOW“ und ihrer
meine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) stellt viele Werkzeuge zur Verfü-
brandneuen Single „MAKE ME“
gung, um sich im Arbeitsleben gegen Benachteiligungen zu wehren. Kommt
es zu einer Diskriminierung kann Beschwerde beim Arbeitgeber eingelegt
werden. Wird die Belästigungen nicht unterbunden, darf der Arbeitnehmer AB 20.11. ÜBERALL ERHÄLTLICH
die Arbeitsleistung verweigern und Schadenersatz verlangen.
Sogenannten Tendenzbetrieben, wie zum Beispiel den Kirchen, erlaubt
ALS CD & DOWNLOAD!
das AGG eine unterschiedliche Behandlung. Sie dürfen ihren Beschäftigten
bestimmte weltanschaulich vorgegebene Verhaltensweisen abverlangen.
„Völlig schrankenlos ist die Befugnis zur Differenzierung aber nicht“, betont
Rechtsanwalt Sven-Uwe Blum.
Oft erfolgt Diskriminierung sehr subtil. Wer sich gegen Mobbing wehren will,
kann Klagen wegen Beleidigung, übler Nachrede, Verleumdung oder Nötigung
prüfen – zum Beispiel, wenn Fotos aus einem privaten Online-Profil im Büro
auftauchen. „Allerdings sind diese Möglichkeiten sehr theoretisch“, betont
Blum. „Das Opfer hat ja selten Beweise und wird psychisch kaum in der Lage
sein, einen Prozess durchzustehen.“

Rechtsberatung für Schwule und Lesben mit Sven-Uwe Blum, jeden 1. und 3. Mittwoch
im Monat, MHC, Anmeldung unter (040) 279 00 69, www.kanzlei-blum.de

Coming-out-Tipps von Diplom-Psychologe Harry Askitis


■ Umgangsformen berücksichtigen: „Wenn sich auch die Kollegen über per-
sönliche Dinge unterhalten, würde ich ein Coming-out wagen.“
■ Coming-out dem Selbstbewusstsein anpassen: „Wer schüchtern ist, sollte
sich schrittweise outen, z.B. erst einmal mit der netten Kollegin sprechen.“
■ Firmentratsch wird eher gefördert, wenn jeder ahnt, dass ein Kollege schwul
ist. „Da reagieren manche Kollegen grausam, weil sie spüren, dass sie ein DIE LEGENDÄRE SHOW
Machtmittel in der Hand haben.“ VON 1978
Alle HITS + umfangreiches
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Inkl. “SOS”, “WATERLOO”, “DANCING
QUEEN”, “TAKE A CHANCE ON ME” u.v.a…
…sowie einer Special Performance von
Herzlichen Dank “IF IT WASN’T FOR THE NIGHTS”
an die freundlichen Unterstützer unseres
Cover-Shootings im Dezember! JETZT
Bruno‘s, Danziger Str. 70, ERSTMALS
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