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Am Lagerfeuer

Die schwarze Leere der Nacht war hier und da nur von zitternden
Himmelslichtern beleuchtet, es war eine furchterregende Neumondnacht. Ringsum,
die zeitlose Stille, vom kühlen, feuchten Wind über die grauen Felder gejagt, dieser
Wind, dessen Echo so wehmütig stöhnte. Wer hätte den Mut gehabt zur
mitternächtlichen Stunde den stummen Wald zu betreten? Es schien als ob alle
starren Einsamkeiten hier ihr Stelldichein hätten um, über alle Geschöpfe lachend,
der Finsternis ihre langen dünnen, durchsichtigen Hände zu reichen.
In einer engen Waldwiese brannte ein schlichtes Lagerfeuer. Einige, vom
langen Weg beinahe erschöpften Menschen lagen halb eingeschlummert auf der Erde.
Das Feuer warf tanzende Schatten umher, die die Gesichter der Menschen
vermummten. Ein fast verbrannter Ast knisterte im Feuer und ein unheimlicher
Windschauer fuhr über die verhüllten Gesichter. Die Menschen regten sich, entzogen
aus dem versteckenden Schatten ihre Gesichter und betrachten sich neugierig.
Nein, die Leute da, sie kannten sich nicht, sie waren nicht denselben Weg
gefahren, jeder hatte seine eigene Reise unternommen. Die dort am Feuer lagen
waren so verschieden, doch ließ irgendetwas Unbegreifliches den Eindruck, daß
ihnen manches gemeinsam war. Wer sich zuerst jene Waldwiese zum Lagerplatz
ausgewählt hatte, ist unwichtig, und unwichtig sollte auch ihre Kleidung bleiben.
Der eine war der Händler. Dieser war schon durch unzählige Länder gereist um
reines Gold und wertvolle Edelsteine, teuere Gewebe und weiche Teppiche zu kaufen
und zu verkaufen. Eigentlich, kaufte und verkaufte der Händler alles woraus er Geld
erwerben konnte. Auch Wasser auch Wein, auch Brot auch Kuchen, auch Waffen
auch Särge. Alles, was jemand zu irgendeinem Augenblick benötigte. Auch
Gewissen, auch Seelen. In der tiefen Tasche seines breiten Mantels hielt er seinen
vollen Geldbeutel verborgen, mit dessen Inhalt er jederzeit ein halbes Erdteil in
seinen Besitz nehmen konnte. Ihm war gerade eines seiner vorteilhaftesten Geschäfte
gelungen, und diesen Reichtum wollte er in der nächsten Stadt vermehren. Zufrieden,
lächelte er sich selbst hochmutig zu. Ja, er ist immer der Gescheiteste gewesen. Diese
Leute, dachte er, was konnten sie von seiner Kunst verstehen?
Ein anderer war der Wissenschaftler. Er hatte viele Jahre in seiner riesigen
Bibliothek und in seinem Labor verbracht, es waren unzählige Nächte in denen der
Schlaf sich seinen Augen nicht genähert hatte, in denen er, ins Schreiben versunken,
Antworten gesucht hatte, um die Zusammensetzung und die Geheimnisse der Welt zu
verstehen und die mathematischen Formeln des Lebens und des Todes zu entdecken.
Mit seinen Forschungen war er schon weit gekommen. In der Nachbarstadt wollte er
die Antwort auf einige komplizierten Fragen, über das Weltall erhalten. Alle
Ergebnisse seiner mühevollen Forschungen befanden sich in jenen gelben,
kleingeschriebenen Heften, die er in der schwarzen Ledertasche mit sich trug. Eines
Tages sollte die ganze Welt ihn bewundert anblicken, sein Ruhm würde die ganze
Welt umfassen, er wird zum allerwichtigsten Mensch werden, da alle um seinen Rat
fragen werden. Und deshalb lächelte er sich selbst großmutig zu.
Gegenüber den zwei schon beschriebenen Reisenden saß ein Dritter Dieser war
der Mönch. Er hatte schon als Junge sein Leben Gott gewidmet. Sein Kloster war
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sein Obdach, sein Orden war seine Welt. Immer wieder nahm er den Bettelstab und
durchwanderte Städte und Dörfer um an jedem Ort den Namen seines Gottes zu
prädigen. Es gibt so viele Ungläubige auf der Welt und Gott, in seinem
unermäßlichen Mitleid, hatte ihn, den Mönch, ausgewählt jene verlorenen Seelen auf
den Glaubensweg zu leiten. Er klopfte sowohl an die Türen der Armen, da doch das
viele Volk zu jeder Zeit eine Macht bedeutet, die nötigenfalls zu Nutzen des Ordens
gebraucht werden könnte. Auch klopfte er an die Türen der Reichen, da der Orden
doch genug reich sein mußte, um in diesen trüben und unsicheren Zeiten überleben
zu können. Es gab Länder in denen seine Religion allmächtig war, ja, so mächtig, daß
einer, der sich nicht zum rechten Glauben bekehren ließ, als furchterregendes
Beispiel auf den öffentlichen Platz einfach hingerichtet wurde. Ja, dachte der Mönch,
Gott ist barmherzig, ihm tun Ungläubige so leid, daß er diese auch gewaltsam in sein
himmlisches Reich mitnimmt.
„Gott steht bei mir“, flüsterte der Mönch sein Gebet und lächelte, die
unbeschreibliche Macht Gottes anstaunend, sich selbst so zufrieden zu.
Gegenüber dem Mönch saß der Erzähler. Dieser mußte sich ständig auf der
Reise befinden, um aus allen begegneten Ortschaften seine Erzählungen zu sammeln.
Er lauschte an den Türen und Fenstern, auf den Märkten und bei allen Kreuzungen,
er durchzog oft dunkle, gefährliche Pfade, um irgendwo ein interessantes Ereignis zu
erfahren, er hielt bei reichen und armen Häusern an, er setzte sich an alle Lagerfeuer
die er traf. Sein Leben war oft gefährdet gewesen da doch nicht ein jeder es lieb hat
fremden Ohren seine Geheimnisse anzuvertrauen. Er wußte wer in einem Land die
Menschenmeere zum Aufstand anhetzte, er wußte was der Bettler wünschte, was der
König dachte. Ihm waren unzählige Lebensgeschichten bekannt, er grübbelte
beharrlich durch die Gedanken seiner Mitmenschen und wußte jederzeit diese mit
einer passenden Hoffnung zu trösten.Wovon er lebte? Von seinen Geschichten.
Menschen sind doch immer neugierig zu erfahren was ihre Nachbarn tun. Und sie
sind gewilligt für ihre Neugierde zu zahlen. Irgendetwas. Hängt von der Wichtigkeit
der Geschichte ab – wie vorteilhaft diese ist, was man für einen Nutzen zu mancher
Zeit daraus erringen kann. War die Erzählung für die Ohren eines Königs, so erhielt
der Erzähler einen runden Beutel Gold. Saß er im staubverhüllten Dorf an der
Kirchentür, wo haßerfüllte Weiber ihren letzten Klatsch über eine Nachbarin hielten,
so gewann der Erzähler einige Münzen als Trinkgeld. Er lehnte keinen Gewinn ab,
ihm war keine Erzählung, kein Ereignis zu langweilig. Weil doch alles seinen Sinn
hate. Ja, den Erzähler scheute jederman, nicht wahr, in der Gegenwart eines Spions
ist man nie sicher. Und für seine Sicherheit muß man zahlen Da er der
geheimnisvolle Spion war. Und er lächelte sich selbst verständnisvoll an.
An einem hohlen Baumstamm gelehnt, ganz in Finsternis verhüllt, saß noch
jemand. Dieser aber schwieg, regte sich auch nicht, bloß seine träumende Blicke
forschten vorübergehend die seltsame Gesellschaft. Auch fragte ihn niemand wer er
sei, woher er käme, wohin er ginge. Es wäre ihm auch schwer gewesen eine passende
Antwort zu finden. Sein Name? Ein jeder nannte ihn wie es ihm beliebte. Woher er
kam? „Aus der Richtung her“, konnte er nur antworten und irgendwo hinter sich
zeigen. Wohin er weiter wollte? „Dorthin“, konnte er erklären und mit
ausgestrecktem Arm auf den namenlosen Pfad von Nirgendsher nach Nirgendshin
deuten, den er immer und immer durchzog. Er wanderte weder des Geldes wegen,
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noch zu wissenschaftlichen Zwecken, auch war er nicht im Namen eines Gottes auf
der Reise, er erzählte nicht einmal seine Abenteuer anderen. Weil sich alles änderte
und doch immer alles das Gleiche war. Warum er wanderte? Weil er es immer getan
hatte. Raum und Zeit waren für ihn unwichtig, er war weder an Raum noch an Zeit
gebunden. Er wanderte stets weiter, bis er eines Tages in das rätselhafte, vorzeitliche
Nichts versinken wird und aus jenem Punkt, der allen Schöpfungen bervorstand, wird
er sich auf eine neue Reise begeben. Genauso, von Nirgendher nach Nirgendhin. Und
er lächelte jenem Nichts, daraus schon sooft ein Etwas geworden war, vertraulich zu.
Der Händler wandte sich an den Erzähler und bat diesen eine jener
Geschichten zu erzählen die er auf seinen Reisen erfahren hatte. Er meinte somit
schneller ans Ende dieser windumschlichenen Nacht zu gelangen. Der Erzähler hielt
einige Augenblicke inne, dann fragte er seine Nachbarn, mit seiner wohlbekannten,
lockernden Stimme was für eine Erzählung die gnädigen Herrschaften am liebsten
hören möchten. „Eine Geschichte über Geschäfte und Geld“ antwortete rasch der
Händler. „Eine Geschicht über hiesiges Dasein“, fiel der Wissenschaftler ein. „Am
geeignetsten für unsere Seelen wäre eine Geschichte die sich mit dem Glauben
befasst“, versetzte der Mönch.
Der Erzähler schloß langsam seine Augen, er dachte an jene Geschichte womit
er alle Zuhörer befriedigen konnte. Den Wanderer dort an dem mürben Baumstamm
brauchte er nicht zu fragen, jenem war der Inhalt der Geschichte sowieso
gleichgültig. Ein anderer dürrer Ast knisterte drohend im Feuer. Für einen flüchtigen
Augenblick zuckten die vier Reisenden zusammen, jener unbegreifliche Schauer, der
von Jenseits zu stammen schien, umschlich sie leise. „In der Nähe weht der schwarze
Mantel des Todes“, klang die gelichgültige Stimme des bisher schweigsamen
Wanderers in der schwarzen Stille. „Nein, schweig“, zischte der Händler blassen
Gesichts und zog sich den runden Geldbeutel näher. „Irrsinn“, versetzte der
Wissenschaftler und deutete mit einem zitternden Finger auf seine Ledertasche, die
all´ sein Wissen umfasste. „Gott behüte uns“, betete der Mönch und fasste seinen
Rosenkranz fest an. „Laßt uns jetzt nicht an den Quatsch denken“, fuhr der Erzähler
ein wenig zögernd fort. „Ich werde euch eine Geschichte erzählen die sich vor langen
Jahren, in einer entfernter Ortschaft zugetragen hat“. Die Geschichte lautete
folgenderweise:
„Es lebte in einem fernen Land ein ganz üblicher Mann. Nichts
Ungewöhnliches war jenem Menschen eigen. Er war weder reich noch arm, weder
schön noch häßlich, weder allzu gescheit noch viel zu dumm. Und wie ein jeder
Durchschnittsmensch, arbeitete unser Mann irgendwo irgendetwas. Wie er hieß ist
unwichtig, was und wo er arbeitete, ebenfalls. Dar er nur ein Durchschnittsmensch
war. Er war aber ein sehr gewissenhafter Mensch und über alles, war er sehr ehrlich.
So hatte er schon als kleines Kind gelernt – was alles auch im Leben geschähe, hat
sich ein Mensch in seinen Beziehungen zu anderen ehrlich zu verhalten. Kürzlich
merkte er aber daß seine Mitmenschen Ehrlichkeit gering schätzen. Er aber ließ sich
von solchen Menschen nicht beeinflussen. Sein Stück Brot wollte er ehrlich
verdienen und er dachte dies sei sehr leicht. Er hatte aber nicht mit der Habgier, mit
dem Neid und mit der Rachesucht anderer Leute gerechnet. Sein Arbeitsgeber
verlangte ihm eines Tages sich nicht mehr so gewissenhaft den Kunden gegenüber zu

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verhalten, mehr Geld für eine schlechtere Arbeit zu verlangen um somit beide zu
bereichern.“
Der Erzähler schwieg. „Ein vernünftiger Rat“, meinte der Händler.
„Satansstimme“, zischte wütend der Mönch. „Und weiter?“ fragte der
Wissenschaftler gleichgültig.
„Es kam zu immer heftigeren Auseinandersetzungen mit unserem Mann“ fuhr
der Erzähler fort. „Dieser konnte eine solche Lage, die seinen Prinzipien gänzlich
widersprach, kaum noch aushalten. Jeder Tag bedeutete für ihn eine erneute Qual. Er
zweifelte oft an die Richtigkeit seiner Ansichten, er fühlte sich ständig gehetzt,
verspottet, verachtet, ihm schien allmählig alles nutzlos, bis er endlich nervenkrank
wurde.“ „Anpassungsunfähigkeit“, bemerkte weise der Wissenschaftler. „Kein
praktischer Sinn“, ergänzte der Händler. „Jener hätte ins Kloster kommen und sich zu
Diensten Gottes stellen müssen. Nur im Kloster findet ein Mensch seine Ruhe und
die rechte Lebensweise“ versetzte der Mönch.
„Eines Tages“, folgte der Erzähler seine Geschichte, „kam es dazu daß er sich
nicht mehr fassen konnte. Er fing zu brüllen an, er warf seinen Mitmenschen die
Unehrlichkeit und Habgier vor, er tobte und schimpfte, empörte sich gegen seinen
Arbeitsgeber, gegen seine Mitmenschen, gegen den Staat und dessen faules System,
gegen alles was seine verlassene Seele so ungeheuer quälte, er schrie sein Weh allen
ins Gesicht bis er blaß, zitternd niederfiel und sein Bewußtsein verlor.
Am nächsten Tag erwachte er auf einem Bett in der Irrenanstalt. Anfangs
wußter er nichts, er konnte sich an nichts erinnern. Die Ärzte betrachteten ihn
mitleidsvoll, die Kranken grinsten irrsinnig.
„Und weiter?“fragte der Wissenschaftler, der sich um die geheimnisvolle
Krankheit des Menschen kümmerte.
„Jenem dummen Kerl konnte schon ein wenig mehr bezahlt werden, dann wäre
er zufrieden gewesen“, meinte der Händler hochmütig. „Jeder ehrliche Mensch hat
auch seinen eigenen Preis, dieses Geheimnis hat mir ein berühmter Richter
anvertraut. Jeder Halunke und jeder Würdenträger kann sowohl gekauft als auch
verkauft werden, das kenne ich aus eigener Erfahrung. Wäre ich so reich heute, wenn
ich mit so fein geschliffenen Dingen nicht umzugehen wüßte? Darin liegt doch die
ganze Kunst des Überlebens!“ behauptete voller Überzeugung der Händler.
„Viel wichtiger für den wisenschaftlichen Fortschritt unserer Welt wäre es zu
erforschen, was für ungewöhnliche Änderungen im Gehirn eines solchen Menschen
stattfinden“, äußerte der Wissenschaftler seine Meinung. Denkt wohl, könnten wir
solche Änderungen selbst beeinflussen, genauer, könnte jemand all´ die Verfahren
beherrschen wodurch die Gedanken der Menschen in irgeneiner gewünschetn
Richtung beeinflußt werden können, so wäre jener allmächtig und alle Menschen
würden für ewig einen solchen Gelehrten neben Gott stellen“.
„Ehrwürdige Herren“, unterbrach ihn der Mönch, „neben Gott kann niemand
stehen, doch ja, ein solcher Gelehrter wäre dem Orden sehr nützlich, da er die
Gedanken aller Menschen an Gott richten könnte und um so mehr Volk seine
Gedanken Gott und unserem Orden widmet, desto stärker wäre unsere Macht. Gott ist
durch den Orden vertreten, also gehört die höchste Macht dem Orden.“
„Alles geht nur um den Preis“, erwiderte der Händler. „Nein, um den
Fortschritt der Wissenschaft und um den Ruhm jener die dazu beiführen“, entgegnete
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der Wissenschaftler. “Um Gottes Allmacht überall und hier, auf Erden, um die
Allmacht meines Orden, Gottes einziger Vertreter“, versetzte der Mönch
entschlossen.
„Es gibt also mehrere Orden, das soll wohl heißen, es gibt mehrere Götter?
Welcher ist der rechte Gott?“ fragte mit gleichgültiger Stimme, aus seinem dunkeln
Platz, der Wander.
„Gotteslästerung“, zischte scharf der Mönch und sprang in die Höhe. „Du
wagst es an unseren Gott zu zweifeln? Nur Heiden und Ketzer wagen es meinen
lieben, gnadenvollen Gott zu lästern. Wehe dir, du Wanderer, Gottes Zorn ist schwer,
Gottes Strafe qualvoll. Unser Orden, Gottes Vertreter auf Erden, bestraft streng alle
Ungläubige, die nicht unseres Gottes Macht anerkennen wollen. Im Feuer, im ewigen
Feuer, dort liegt die Strafe.Wer sich einen fremden Gott aussucht, der hat das zu
büßen“. Der Mönch war feuerrot geworden, seine Augen leuchteten fürchterlich,
seine dünnen, langen Finger krümmten sich wie Krallen und schlossen sich zur Faust.
Der Händler griff in seinen Beutel und reichte, etwas erschrocken, dem Mönch
eine Handvoll Goldstücke, indem er mit bebender Stimme sprach: „Für Gott und den
Orden, nimm meine schlichte Gabe an und erwähne auch mich in deinen Gebeten.
Ich glaube, dieses Gold hier reicht deine Gebete und Gottes Gnade zu kaufen“. Der
Mönch beruhigte sich plötzlich, seine Augen leuchteten froh und geschmeidig sprach
er den Händler an:
„Deine Gabe ist wilkommen, dein in dieser Weise ausgedrückter Glauben
befriedigt Gott.“
„Was ist aus jenem Menschen geworden, mein Erzähler?“ fragte der
Wissenschaftler. „Jener verbrachte einige Zeit in der Irrenanstalt und nachdem er
diese verließ, kehrte er nimmermehr zu seinem alten Arbeitsplatz zurück, wo er so
schwer erkrankte. Er verließ für immer jene Stadt. Ich merke, meine Erzählung hat
meinen Zuhörern sehr gefallen, da jeder seine eigene Meinung dazu geäußert hat.
Und ich merke mir immer die Meinungen die hinsichtlich meiner Erzählungen
geäußert werden. Das ist sehr interessant, man kann somit vieles über viele
Menschen erfahren. Zwar hat unser Freund, der Wanderer, nicht viel geredet, ja, er
hat uns nicht einmal sein Gesicht gezeigt. Warum, mein Freund, hast du nichts
gesagt? Oder willst du deine Gedanken geheim halten? Du kennst uns jetzt alle, wir
kennen dich aber nicht.“
Der Händler wandte sich ebenfalls, ein wenig gereizt, an den Wanderer: „Nur
Diebe schweigen und schleichen sich in den entferntesten Winkel. Bist du etwa ein
Dieb und zielst auf meinen Beutel?“ fragte jetzt sichtbar aufgeregt, beinahe
schreiend, der Händler . „Ein Dieb oder gar ein Spion, der meine Forschungen
stehlen will?“ fiel der Wissenschaftler barsch ein. „Ungläubiger, Heide, du gehörst zu
jenen die Menschen irreführen, die die Leute von Gott entfernen. Du größte Gefahr
unserer Gesellschaft“, kreischte mit heiserner Stimme der Mönch.
Es folgte ein unendlich langer Augenblick Stille. Dann, endlich, hörten alle
verwundert den Wanderer sprechen:
„Ihr alle fürchtet irgendetwas, ihr fürchtet euer Geld, euren Ruhm und eure
Macht zu verlieren. Ich habe nichts zu verlieren, obwohl ich doch so viel besitze.
Mein Eigentum ist dieser unendliche Weg, der durch alle Räume und alle Zeiten
führt. Alles, was ich auf meiner Reise zu sehen, zu hören, zu fühlen bekomme, alles
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dies schenkt meiner Seele unbeschreibliche Freude. Nichts davon behalte ich in
meinen Händen, aber alles prägt sich tief in meinem Herzen ein, also führe ich ewig
alles mit mir. Ich habe jene Erzählung gehört und bin fest darüber überzeugt daß jene
ehrliche Person ein freier und stolzer Mensch gewesen war, so wie Menschen
eigentlich immer sein müssen. Irrsinnig sind jene gewesen, die ein unabhängiges
Wesen zu kaufen versucht haben. Alles was ihr als euer Eigentum betrachtet ist
nutzlos, alles zerbricht so leise in tausend Scherben. Die Angst des Verlierens jagd
durch eure gequälten Träume“.
Die vier Menschen fingen zur gleichen Zeit zu streiten an. Jeder meinte, er
habe Recht und alle lobten sich mutig zu sein. Der Lärm der heisernen Stimmen
schallte nun durch den dunkeln Wald. Nur der Wanderer schwieg, er hatte nichts
mehr hinzu zu fügen, er heftete seine gleichgültigen Blicke irgendwo vor sich hin, auf
jenes schwarze Dickicht, als ob er irgendein unbekanntes Ereignis erwartete.
Abermals knisterte ein dürrer Ast im Feuer und zur gleichen Zeit schien der
alte Wald mal schauervoll zu stöhnen, mal wehmütig zu seufzen. Die vier Reisenden
verstummten. Der jetzt viel zu kalte und genug heftige Wind ließ die Schatten der
Bäume drohend zu tanzen. Aus dem Dickicht, da vorne, auf das der Wanderer seit
einer geraumen Zeit seine Blicke gefestigt hatte, kam ein unnatürliches Knistern.
„Wer da?“ fragte einer der vier Reisenden. Keine Antwort. Die vier betrachtaten sich
betroffen. Und plötzlich wurden ihre Gesichter vor Entsetzen bleich. Sie wagten nicht
einmal zu atmen, da aus dem schwarzen Gestrüpp ein lautes krächzendes Gelächter
erschallte und im gleichen Augenblick eine finstere, hohe Gestalt, in einem breiten,
schwarzen Mantel verhüllt, hervortrat. Es schien das allerabscheulichste Gespenst zu
sein, mit den roten, feurigen Augen, das mit dem grauenvollen Lachen nicht aufhörte.
„Der Teufel!“ schrie der Mönch und ergriff hastig den Rosenkranz um die in
einem solchen Umstand geeigneten Gebete laut vorzusagen. Die anderen drei lagen
sprachlos am Boden. Mit einer donnernden Stimme, deren Schall dem Echo einer
Gruft glich, erwiderte das Gespenst:
„Narr, der Teufel ist mein Untertan, ich bin der Herrscher aller Wesen, ich bin
der Wächter des Endes, ich bin die einzige Wahrheit dieser Welt und des Jenseits.
Alle Götter, alle Wesen, alle Seelen befinden sich in meiner Macht, da ich alles mit
mir nehme. Der unbesiegte Räuber aller Welten bin ich. Und du, Wissenschaftler,
wolltest meine unbegränzte Herrschaft beschränken. Narr! Und du Händler dachtest
in deiner Unwissenheit, dein vieles Geld könnte mich befriedigen. Weißt du wohl
nicht daß ich mir alles nehme ohne um Erlaubnis zu fragen? Weil ich alles mit mir
nehmen darf. Weil mir niemand widerstehen kann. Und du armer Mönch, wenn ich
meine Fersen auf deinen Kopf setzen werde, antworte, wo bleibt dann dein Gott und
deine Macht? Und du, unermüdeter Spion, der du durch die Welt ziehst und deine
vergifteten Fäden, einer eckelhaften Spinne gleich, zum weltumfassenden Netz
spinnst, dich da hinsetzt und auf deine Opfer lauerst, indem du diese mit listigen
Erzählungen in dein Netz lockst… Ich bin der Einzige, der alles entgültig vernichten
kann, da ich der Tod bin!“ beendete der Tod mit donnerndem Lachen und blitzenden
Augen seine Rede.
Ein Entsetzensschrei stieß in die starre Finsternis. „Mein Geld!“, schrie de
Händler und fasste seinen Beutel gierig. „Meine Forschungen, mein Ruhm!“, brüllte
der Wissenschaftler und suchte mit zitternden Händen die Hefte in seiner
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Ledertasche. „Mein Gott, mein Orden, ich muß Gottes Wort und Willen den
Menschen weiter predigen!“, kreischte verzweifelt der Mönch und zerrte am
Rosenkranz. „Der König, er wartet auf meine letze Nachricht, auf meine
Erzählungen, ich werde nicht zur rechten Zeit eintreffen können!“, schluchzte
erschrocken der Erzähler.
„Zu spät, ihr habt alles verloren, alle verlieren alles wenn ich dabei bin. Auch
du!“, wandte der Tod sich an den Wanderer der noch immer gleichgültig am mürben
Baumstamm lehnte. „Ich habe nichts zu verlieren“, erwiderte dieser. „Nichts? Dein
Weg endet im Jenseits, also bin ich der letzte Schritt den du tun wirst, Wanderer!“
versetzte gereizt der Tod.
„Jenseits ist auch ein Weg, ich kann diesen zu jeder Zeit beschreiten. Für mich
gibt es keine Grenzen, weder Raum noch Zeit, ob es Dieseits oder Jenseits ist, ist
unwichtig für mich. Ich wandere bloß. Immer weiter, immer weiter, ohne Rast“,
antwortete der Wanderer, blickte irgendwo durch das schwarze Gewand des Todes
hin, stand unbetrübt auf und ging gerade auf den schrecklichen Schatten zu. Er trat
durch jenen finsteren Hauch und verschwand ins geheimnisvolle dunkle Nichts, wie
einer der eben zur Tür in den nächtlichen Garten hinaus gegangen war um die frische,
etwas feuchte Luft einzuatmen. Das war das Letzte was die vier Menschen die am
Feuer saßen, gesehen hatten. Aber darüber konnten sie nimmermehr jemandem
erzählen.
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Am nächsten Morgen wurden vier Leichen aufgefunden. Ringsumher lag ein
Geldbeutel, die Goldstücke auf dem Boden verstreut, lose Seiten einiger
kleingeschriebener Hefte, die chemische und mathematische Formeln enthielten,
sausten mit den Blättern vom sanften Wind getrieben. Ein zerissener Rosenkranz lag
im Gras und eine der Leichen hatte den Mund weit geöffnet, als ob der Mensch im
letzten Lebensmoment eine wichtige Nachricht einem unsichtbaren Zuhörer
anvertrauen wollte.
„Es mußte noch ein Fünfter hier gewesen sein“, dachte der Fährtensucher und
folgte der fast unbemerkbaren Spur, die ins üppige Gestrüpp führte. „Seltsam“,
dachte der Fährtensucher, „dieser Fünfte ist spurlos verschwunden. Als ob er
plötzlich in einen unbekannten Raum gedrungen war. Wohin mag eigentlich jemnad
wandern, der nirgends zu finden ist? Aber dieses werden wir höchstwahrscheinlich
niemals erfahren!“

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