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Pierre Derlon

Unter Hexern und Zauberern
Aus dem Französischen von
Iso Karrer und Thomas Meyer
S P H I N X
PI ERRE DERLON
DI E GEHEI MEN
TRADI TI ONEN
DER ZI GEUNER
Unter Hexern
und Zauberern
Die Originalausgabe erschien bei Editions Robert Laffont unter dem Titel
Traditions occultes des Gitanes.
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
unter http://dnb.ddb.de abrufbar.
© Editions Robert Laffont 1975
© der deutschsprachigen Ausgabe Heinrich Hugendubel Verlag,
Kreuzlingen/München 2007
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: any.way, Barbara Hanke & Cordula Schmidt
unter Verwendung eines Motivs von Collier Campbell Lifeworks / CORBIS
und E. O. Hoppé / CORBIS
Produktion: Inga Tomalla
Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering
Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck
Printed in Germany
ISBN: 978-3-7205-9001-3
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1. Der Weg zu den Zauberern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
Alles nimmt irgendwo seinen Anfang . . . . . . . . . . 17
Die gezeichneten Männer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
2. Die okkulten Kräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
Der Blick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
Das Gedankenlesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
Der Versuch im Kornfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
Der Schlaf und die Träume . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
Gesichtszüge und Handlinien . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
Die Meister des Feuers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
Der Magnetismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
Das Durchschauen der Bewegungen . . . . . . . . . . . 121
3. Das magische Universum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
Flora und Fauna bei den Zigeunern . . . . . . . . . . . . 141
Das Geheimnis der Krallen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
Schmuck und Talismane . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
Der Ikonenschrein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
Die Maske der Ausgeglichenheit . . . . . . . . . . . . . . . 179
4. Liebe und Sexualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
Frauen und Sexualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
Die Gefäße der Harmonie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
Die Mädchen der Nacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
Das okkulte Paar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
5. Zeichen und Geheimsprachen . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
Die Sprache der Hände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
Der Kalender und die Zeitbegriffe . . . . . . . . . . . . . 236
Die Wegzeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
6. Gesetze und Lebensanschauungen . . . . . . . . . . . . . 267
Die Mulos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
Chartres und die Zigeuner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
Sara la Kali . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297
Die alten Riten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306
7. Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317
8. Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323
Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332
Vorwort
Wann begann der Zigeuner zu sterben? Die Alten haben uns
darauf die Antwort gegeben:
»Als unsere Söhne das Pferd zugunsten des Autos aufga-
ben, als unsere Enkel sich in den Vorstädten eurer Städte nie-
derließen, als unsere Enkelinnen ihre traditionellen Kleider
gegen die Jeans eintauschten.«
In Frankreich, wie auch anderswo in der Welt ist der endgül-
tige Untergang der Nomadenwelt durch die Welt der Sess-
haften nur noch eine Frage der Zeit … es wird allerhöchstens
noch einige Generationen dauern. Mit dem Ende der Tra-
dition des Reisens endet auch unwiederbringlich die Lebens-
weise einer jahrhundertealten Kultur.
Die traditionellen Gewohnheiten verändern sich, die
Bräuche werden zunehmend bedeutungslos und die Über-
zeugungen verlieren ihren ursprünglichen Sinn – es bleibt
also nur noch die Geste ohne Absicht, die Gischt ohne Welle.
Ich hoffe, dass die Neuauflage von Unter Hexern und Zau-
berern einer neuen Lesergeneration – sesshaft oder gadjés – es
erlaubt, in diese vergessene, verkannte, wunderbare Welt
einzutauchen. Das vorliegende Buch, wie alle Bücher meines
verstorbenen Mannes Pierre, erzählen von einer Zeit, die
nicht mehr ist, einer Zeit, die nicht mehr sein kann.
Ich wünsche mir, dass die Leser dieses Buch wie eine seltene
und kostbare Frucht in Empfang nehmen und dabei ihren
Geschmack und ihre Geschichte gleichzeitig entdecken kön-
nen.
7
Dem Heinrich Hugendubel Verlag sei an dieser Stelle dafür
gedankt, dass er das erste Buch von Pierre wiederaufleben
lässt. Ebenso bedanke ich mich bei unserem Freund Dieter
Hagenbach .
Claude Emery Derlon
Im Juni 2007
Einführung
Die Zigeuner sterben aus. Unsere Zivilisation hat sie in ihrer
Intoleranz gegenüber allem, was von ihrer eigenen Vorstel-
lung abweicht, zum Verschwinden verurteilt. Die Reihe hin-
terlistiger oder brutaler Verfolgungen, offizieller Schikanen,
rassistischer Verleumdungen nimmt kein Ende. Die Büro-
kratie, der Polizeistaat, der patriotische Fanatismus und der
Krämergeist werden auch noch über die letzten »freien Men-
schen« triumphieren. Einst zählte für den Zigeuner einzig
seine Redlichkeit, sein Stamm, das Stückchen Erde, auf dem
er schlief, und der Sternenhimmel, der seinen Schlaf über-
wölbte. Das Erwachen war hart.
Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts verkümmerte die
mündliche Überlieferung. Das alte Erbe wurde langsam,
aber sicher unter dem Druck der »Gadschos« (allgemeine
Bezeichnung für die Nichtzigeuner) erstickt. Die Politik,
das Auto und das Fernsehen besorgten den Rest. Heute be-
schränken sich die großen Sippschaften von früher auf einige
wenige Familien, die auf Stadtwällen, in Vororten und in
ungesunden Elendsvierteln ein erbärmliches Dasein fristen.
Viele sind sesshaft geworden. Benzin und Dieselöl haben
Hafer und Heu ersetzt. Die große amerikanische Limousine
mit ultramodernem Wohnanhänger hat das Pferd und den
schaukelnden Holzwohnwagen verdrängt. Die wenigen im
Besitz einiger armer Familien verbliebenen Wagen werden
bald Museumsstücke sein. Saintes-Maries-de-la-Mer, das
Mekka der Zigeuner, ist zu einem folkloristischen Touris-
tenzentrum geworden. Die ehemaligen Bewahrer der Zi-
geunerkultur, die »Hexer« oder »Kakus«, versinken ins
Schweigen und halten ihr Wissen geheim. Unwiderruflich.
Es sind keine jungen Ohren mehr da, denen sie ihr Wissen
anvertrauen könnten. Die Welt der Gadschos hat die neue
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Generation vollständig aufgesogen; bald werden die Quel-
len der Überlieferung versiegt sein.
Im Rahmen solcher Verhältnisse machte ich mich daran,
dieses Buch zu schreiben, das sein Entstehen ganz außeror-
dentlichen Umständen zu verdanken hat.
Vor rund dreißig Jahren entdeckte ein Kaku, dem ich das
Leben gerettet hatte, paranormale, psychische Fähigkeiten in
mir, die zum größten Teil noch unentwickelt waren. Er be-
handelte mich wie einen Sohn und Vertrauten. Ich wurde
»aufgenommen« und gewöhnte mich an die Wohnwagen.
Die letzten Kakus haben mich Schritt für Schritt in die okkul-
te Welt der Zigeuner eingeführt. Sie, die keine geistigen Er-
ben mehr hatten, vertrauten mir ihr zeitloses Wissen an. Die-
se des Lesens und Schreibens meist unkundigen Patriarchen
machten mich, einen schreibkundigen Gadscho, zu ihrem
Sprachrohr, denn sie wussten, dass sie zum Untergang ver-
urteilt waren. Ich bin zu einem der letzten Glieder in ihrer
Kette geworden, und meine Aufgabe besteht darin, der Welt
zu sagen, wer die eigentlichen okkulten Anführer der Fah-
renden waren.
In meinem ersten Werk Ainsi vivait le gitan, habe ich ein
Bild der Sitten, der Gebräuche und der Ethik entworfen, und
einige Zigeunerlegenden beschrieben. Der hier folgende il-
lustrierte Text ist ein einzigartiges Dokument, insofern er
den Schleier lüftet, der bisher über Zauberei, Hexerei und
Hypnose lag und diese Praktiken vollkommen geheim hielt.
Keine einzige der etwa zehntausend Veröffentlichungen
über die Zigeuner hat diese Fragen behandelt, und zwar
ganz einfach, weil kein Gadscho direkten Zugang zu ihnen
hatte. Der Leser wird im Laufe dieser Kapitel ein irrationales,
vernunftwidriges, oft beunruhigendes, aber dennoch wah-
res Universum entdecken. Die Mehrzahl der beschriebenen
Phänomene ist übrigens nicht ausschließlich an Zigeuner-
verhältnisse gebunden, weil sich deren Grundlagen in ande-
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rer Form auch bei den Schamanen der Indianer und der
Mongolen wiederfinden. Man könnte hier einige auch eigen-
artige Vergleiche anstellen, aber diese Frage überlasse ich
den Ethnologen.
Es ist natürlich klar, dass dieses Buch nur ein sehr bruch-
stückhaftes Bild der okkulten Traditionen vermitteln kann,
denn es ist im Wesentlichen die Frucht meiner Begegnun-
gen und persönlichen Erfahrungen mit einigen »Hexern«; sie
wurde durch den Gedankenaustausch, den ich in meiner
Funktion als Heiler mit herumziehenden Familien pflegen
konnte, noch zusätzlich bereichert. Die folgenden Seiten erhe-
ben nicht den Anspruch, den Gegenstand umfassend behan-
delt zu haben. Zahlreiche Praktiken sind mir nicht enthüllt
worden. Zudem habe ich mir auf Ersuchen meiner Reisebrü-
der eine gewisse Zensur auferlegt. Der Leser möge diese frei-
willigen Lücken entschuldigen. Sie sind gerechtfertigt durch
die Achtung vor den uralten Überlieferungen sowie auch vor
denen, die sie weitergaben, zum Teil bestehen sie aber auch
aus Sicherheitsgründen. Diejenigen, welche die Belästigun-
gen und die täglichen Demütigungen kennen, unter denen
meine Zigeunerbrüder zu leiden haben, werden das verste-
hen.
Meine Auswahl beschränkt sich infolgedessen zur Haupt-
sache auf solche Praktiken, Kulte und Geheimzeichen, die
in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts noch in Gebrauch
waren, heute aber bei der Mehrzahl der Fahrenden in Verges-
senheit geraten sind. Die gesamte Summe meiner dreißigjäh-
rigen Ernte wird dem Musée de l’Homme anvertraut wer-
den. Fünfzig Jahre nach meinem Tode – wenn die letzten
Nomaden verschwunden sein werden – geht sie an den Staat
über. Dies ist der Wille meiner Väter.
Pierre Derlon
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