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Das ist ein solcher Grundtenor tätiger Christ- Einzig im Christentum funktioniert das nicht—

lichkeit, dass man sich schon fast fürchtet, alles, was wir haben, ist auf das Wort und die
drüber zu reden. Wir haben alle die antireligiöse Zuverlässigkeit dieses Einen gegründet dort.
Polemik im Sinne von George Orwells „Die Also: Wie bekommen wir heraus, wie zuverläs-
Farm der Tiere“ im Ohr, wo die Kirche lächer- sig er ist? Am sichersten sieht man das bei
lich gemacht wird als jemand, der zwar süsse, jemand immer daran, was er tut, nicht so sehr, Falkenstrasse 1 8630 Rüti
sülzige Geschichten vom Wolkenkuckucksheim was er sagt. In dem Moment, wo sich die Nägel
erzählt, aber in Wirklichkeit nichts anderes durch seine Handgelenke gebohrt haben und
vorhat, als Leute mundtot zu machen und daran sein Schrei Himmel und Erde in Trauer verein- Predigt vom 21. März 2008
zu hindern, dass sie an ihren Umständen etwas te, sollte jeder Zweifel daran geschwunden
ändern. sein, wer hier mit jeder Faser seines Seins die
Wahrheit seiner Worte bezeugt hat.
In diesen Geruch des „Nicht handeln Wollens“
oder Vertröstens zu kommen, erscheint mithin Wie lebendig ein Mensch ist, zeigt sich v.a. an
oft als das Schlimmste, was einem Christen zwei Dingen: Wie sehr er liebt, und ob er
passieren kann. Und die Furcht vor der Über- Schmerzen empfinden kann. „Sage mir, wie
treibung ist verständlich. Trotzdem müssen wir sehr Du liebst, und ich sage Dir, wie leben-
aber neu lernen, dass ein gesunder Hinweis auf dig Du bist.“ Und in beider Hinsicht zeigt sich
den Himmel durchaus seinen Platz hat! Das Gott unüberbietbar in brennender, aufopfernder
Kunststück besteht darin, sich darauf zu freuen,
was Gott für uns bereit hat—und gleichzeitig
Liebe, die selbst über den Tod hinausreicht. Joh 18,33—36
„voll da“ zu sein im Hier und Jetzt und zu über-
legen, was man dort tun und wie man es verän- Von zwei Jungen, die verbotenerweise auf den
dern kann. Sandbänken am Fluss spielten, hiess es ein-
mal, dass die Eltern in grosser Sorge herange- Warum eigentlich? es doch nicht alles nur Zufall und Willkür war.
laufen kamen, als die Kinder zu lange ausblie- Offensichtlich war das der Stein des Anstos-
Letzte Gewähr Ich erinnere mich noch an die Szene, als ob es
ben. Die Sandbänke konnten trügerische De- ses—wenn Jesus Gott war, warum um Him-
Mit anderen Worten: Es werden uns gleich zwei cken bilden, durch die man einbrechen und wie erst vor kurzem passiert wäre. Ich war bei ei-
nem Interessentenwochenende für angehende mels willen, hat er sich denn dann nicht ge-
Antworten auf unsere tiefsten Fragen präsen- in Treibsand versinken konnte, eingemauert wie wehrt, als er vor Pilatus stand? Im Nachhinein
Theologiestudenten der deutschen Landeskir-
tiert, die beide einigermassen herausfordernd in Beton. Da fanden Sie den einen Jungen, möchte man sagen, man hört die Worte „Arzt,
sind. Zum Einen: Die Wahrheit ist nicht in erste oben auf der Sandbank, stehen und als sie ihn che eingeladen. Irgendwie stellte sich recht
bald heraus, dass der Wind „aus unterschiedli- hilf Dir selbst“ (Luk 4,23) — wenn er schon
Linie eine Aussage, sondern eine Person. Zum fragten: „Wo ist denn dein Bruder?“, antwortete Wunderkräfte hat, soll er sie doch einsetzen,
chen Richtungen wehte“. Wir hatten sehr unter-
Anderen: Unsere letzten Fragen werden viel- er ihnen mit verschrockenem Gesicht: „Ich und wenn er „Gottes Sohn“ ist, dann soll er
leicht keine Antwort im Diesseits, sondern erst stehe auf seinen Schultern.“ schiedliche Zugänge zur Bibel. Irgendwie ka-
men wir in der Diskussionsrunde auf die Frage, seine Kräfte doch walten lassen! (Mat 27,40)
im Jenseits finden. Und wie erfahren wir da-
warum Jesus eigentlich ans Kreuz gehen muss-
von? Über diese Person wieder…
Wenn wir daran denken, was Jesus für uns te. Bestehender Konsens schien zu sein, dass Die Verwunderung von damals hat mich heute
getan hat, sollte es uns den Atem verschlagen. er schliesslich sowieso keine Wahl gehabt hät- wieder betroffen gemacht. Warum ist das so
Der eine Punkt, von dem alles abhängt Es kann für uns wichtiger werden, zu verste- te—quasi ein verhafteter Laienprediger, der als schwer zu verstehen, was damals geschehen
Das wirkt sehr zerbrechlich, weil es klar zeigt, hen, dass wir auf seinen Schultern stehen normaler Mensch sowieso keine Chance gegen ist?
das alles nur von einem Einzigen abhängt, von (sehen Sie einmal auf Ihre Füsse—sehen Sie die römische Militärgewalt gehabt hätte. Man
der Glaubwürdigkeit einer einzigen Person: den Leichnam Jesu unter sich? Auf ihm stehen spürte die Spannung in der Luft. Ich nahm all‘
Sie, und ohne ihn würden Sie fallen, sehr tief meinen Mut zusammen (was eine ziemliche Ist es deswegen, weil wir die Spannung der
Christus selbst.
fallen…), als dass wir alle Antworten schon in Herausforderung war) und meldete mich mit Situation fast nicht aushalten?
diesem Leben erhalten. „Aber er hat doch gesagt: Sein Vater könnte
Damit stossen wir zum Kern vor. „Das Christen- ihm jederzeit 12 Legionen Engel schicken“.
Zu Karfreitag dürfen wir uns unserem Schmerz Die kaum auszuhaltende Spannung
tum ist die einzige Religion, aus der man die Beissende Stille—die Luft war zum Schneiden.
stellen, weil wir wissen, dass wir gehalten sind Da steht der König der Juden, der Sohn Gottes,
Person ihres Gründers nicht entfernen kann“, Der eine teilnehmende Pastor grinste leicht
und wir dürfen an Seinen Schmerz denken, weil vor dem weltlichen Militärmachthaber. Gebun-
hat jemand einmal gesagt. Man kann Buddha (oder war das nur meine Erinnerung), lastendes
er das Siegel seiner Liebe ist. den, als Gefangener. Und der ist ihm noch
als Person ohne weiteres aus dem Buddhismus Schweigen. Haben Sie schonmal das Gefühl
entfernen (er wollte ohnehin keine Religion Das Gott Mensch wurde, hat sich nie deutlicher verhältnismässig wohlwollend gesonnen. Aber
gehabt, dass Sie gerade etwas gesagt haben,
gründen), die Funktion von Mohammed hätte gezeigt als daran, dass er leiden konnte. er redet nur mit ihm, kein einziges, kleines
was einen ganzen Raum voller Leute gegen Sie
im Prinzip genausogut jemand anderes über- Wunder. Vorher hat er Menschen, ja Massen
aufgebracht hat? Glücklicherweise stiess in
nehmen können (es ging ja, sagt man mindes- um sich geschart mit der Macht seiner Verkün-
Amen. dem Moment ein anderer nach und sekundier-
tens, um seine Botschaft, nicht ihn selbst), bei te, sonst hätte ich mich wahrscheinlich noch digung und seiner durchschlagenden Wunder.
ausdrücklich als Weisheitslehrern bezeichneten Wolfgang v. Ungern-Sternberg Wo ist der Mann hin, der den Sturm gestillt,
viel unangenehmer gefühlt. Am Schluss stellte
Gründern wie Laotse und Konfuzius ohnehin 055 241 16 35 Kranke geheilt, Dämonen ausgetrieben hat?
sich heraus, dass wir drei Leute in einer Gruppe
kein Problem. wolfgang.vonungern@chrischona.ch von etwa zwanzig waren—die glaubten, dass Seine Jünger hat er einst abhalten müssen,
damit sie nicht Feuer vom Himmel fallen lassen draussen im Wind—merkt man, man hat gar- Karfreitag ist der Tag, wo unsere Hoffnungslo- • Und es hat auch keiner eine patentierte
(Luk 9,54) — damit will der Text offensichtlich nichts in der Hand.“ sigkeit ein Gesicht bekommt, wo wir einmal im Strickleiter für die Abgründe der Geschich-
sagen, dass es kein Problem gewesen wäre, Das ist es tatsächlich. Wir leben in einer Gesell- Jahr darüber nachdenken müssen, wie sich te, mit der sie leichter tragbar würden
das zu tun! Und wenn es die Jünger konnten, schaft, die uns immer gerne einimpft (v.a. in der Sterben und—in den Augen der Welt—
hätte Jesus es erst recht tun können! Werbung), wie stark wir sind und was wir alles Versagen anfühlt, und wie wir mit diesen Ge- • Und es weiss, ehrlich gesagt, auch keiner
selbst können—Karfreitag ist der Moment, in fühlen umgehen. Es wäre einfach nicht ehrlich, wirklich, warum dieser geliebte Mensch nun
dem wir uns unserem Unvermögen, unserer zu behaupten, als Christen hätte man das nicht. sterben musste und jener nicht
Das ist für uns eine Spannung, die für uns sehr
schwer auszuhalten ist. Hilflosigkeit stellen müssen. Eine intellektuelle Zauberformel, die Probleme
„Ohne Furcht und Grauen soll der Christ, wo er und Lasten mit einer Patenterklärung löst: Ich
Und es ist nicht die einzige in der Bibel. habe sie nicht—und ich habe den starken Ver-
Wenn man in den Kanton Obwalden fährt, in ist, stets sich lassen schauen“, zitierte ein Pas-
Wir leiden an solchen Spannungen in mehrfa- dacht, sonst auch niemand.
den Ort, der interessanterweise eben gerade tor in Heidelberg einmal, lachte verschmitzt und
cher Hinsicht:
„Engelberg“ heisst, dann zieht sich von dort ein setzt hinzu (sinngemäss): „Von wegen!“ Den
• Wir warten auf die Wiederkunft Jesu — und Tal entlang, dass urplötzlich an einer besonders Spruch habe er sich schon lange abgewöhnt, er Die Bedürfnisse der Seele zu
müssen denen Rede und Antwort stehen, steilen, schroffen und hohen Felswand endet. stimmt einfach nicht. unterscheiden lernen
die darüber spotten, dass sie bis heute Diese Stelle nennt man „Das Ende der Welt“ — Aber es hilft uns, wenn wir einen Punkt verste-
ausgeblieben ist. (Wir können uns etwas deswegen, weil der Weg dort so plötzlich und Bevor wir aber auf dieser Schiene zu lange hen: Nicht hinter allen Fragen steht dasselbe
damit trösten, dass schon die ersten Chris- scheinbar endgültig und unüberwindbar aufhört. weitermachen, muss ich mich daran erinnern, Grundbedürfnis. Manche wollen die intellektuel-
ten dieses Problem hatten, 2. Pet 3,9) dass ich schon bei der Vorbereitung ein Mit- le, die logische Antwort, „Was sagst Du mir?“
• Wir sind schon mit Christus in den Himmel Auch die Wege unseres Denkens enden glied meiner Gemeindeleitung geschockt habe, Aber andere sehnen sich nach dem persönli-
versetzt, unser „Leben ist verborgen mit manchmal ganz plötzlich, wenn sie den Parado- als ich sagte: „Ich arbeite an einer wirklich de- chen Miteinander: „Was bist Du mir?“
Christus in Gott“ (Kol 3,3), aber trotzdem xen, den Spannungen, die wir eben genannt pressiven Predigt.“
stellen wir fest, dass wir uns oft ganz ge- haben, begegnen: Man sagt zwar, dass man das Licht erst dann Unser auf abstraktes Denken, verbriefte Lösun-
genteilig verhalten und sagen müssen: wirklich versteht, wenn man auch den Schatten
„sondern das Böse, das ich nicht will, das • Wir haben unsere Väter und Grossväter
erfahren hat—und dass die Freude vom Oster-
gen und „was man schwarz auf weiss besitzt,
und Generationen vor uns sterben sehen, kann man getrost nach Hause tragen“ gedrillter
tue ich“! sonntag vor allem dort durchbricht, wo man Verstand fühlt sich vielleicht versucht, darauf zu
und plötzlich packt uns der Gedanke: „Um gespürt hat, wie verzweifelt sich Karfreitag
• Wir wissen, „er wird den Erdkreis richten Gottes Willen, und was, wenn es alles nicht angefühlt hat—aber natürlich muss man sich
erwidern: „Aber das ist doch keine Antwort, so
mit Gerechtigkeit“ (Ps 9,9) und „Der HERR stimmt? Schon vor fast 2000 Jahren hat etwas sagt man doch nur Kindern! Kindern sagt
irgendwo zwischendrin auch wieder fangen. man: ‚Du verstehst die Antwort nicht, aber ich
schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die sich Petrus rechtfertigen müssen wegen
Unrecht leiden.“ (Ps 103,6) (Gegenwart!), der ‚Verzögerung‘ des Kommens Jesu— tröste dich.‘ Erwachsene wollen die Fakten
aber gleichzeitig müssen wir fragen und und seine Argumente sind mit der Zeit si- Wohin mit unseren Fragen? sehen!“
konstatieren: „HERR, warum stehst du so cher nicht besser geworden, oder?“ Das „Fangen“ besteht darin, dass es eine Ant- Aber das ist es ja eben, beim Stichwort „Kinder“
ferne, verbirgst dich zur Zeit der Not? Weil sind wir genau mitten beim Thema: Auch er-
der Gottlose Übermut treibt, müssen die • Wir wissen ganz genau, wie wir uns als wort gibt, die all‘ unseren Fragen volle Genüge
wachsene Menschen sind vor Gott eben tat-
Christen verhalten sollten und das wir die tut—aber sie ist grundsätzlich anderer Art, als
Elenden leiden“ (Ps 10,1) wir erwartet hätten. sächlich wie Kinder! Dort liegt der Hase im
Chance haben, ein Ebenbild Gottes in Lie- Pfeffer, das wollen wir nämlich nicht so gerne
Gott hat sich wohl nie mehr verborgen als an be und Geduld zu sein—und sind so zu- Pilatus fragt Jesus: „Was ist Wahrheit?“ (Joh
dem Tag, an dem er seine ganze Macht in zugeben.
tiefst schockiert von dem, was sich bei uns 18,38) und geht offenbar — was sehr schade
seinem Sohn Jesus Christus verbarg—und wirklich zeigt, dass wir sogar Angst haben, ist! — leider ohne auf die Antwort zu warten,
ausdrücklich und vollständig darauf verzichtete, Beispiele zu nennen, aus Angst, man könn- wieder hinaus. Hätte er einen Moment länger Eine endgültige Antwort, aber...
auch nur ein kleines bisschen davon zu seiner te uns ja darin erkennen! gewartet, hätte Jesus ihm vielleicht geantwor- Und bei den „Fakten“, die wir sehen wollen,
Verteidigung einzusetzen. tet: „ICH bin der Weg und die Wahrheit und das schlittern wir schon in die nächste ‚Peinlichkeit‘
Er hätte ja nicht einmal selbst kämpfen müssen, • Wir predigen und glauben den Gott, der Leben; niemand kommt zum Vater denn durch hinein: Den Inhalt von Jesu Antwort an Pilatus
er hätte ja nur zu rufen oder seinen Vater zu „wundervoll im Regimente sitzt“ und „alles mich.“ (Joh 14,6) kurz vorher. Was hat er dem römischen Beam-
bitten brauchen und seine Diener hätten für ihn so herrlich regieret“ — und bekommen das
Das befriedigt zwar unsere intellektuelle Kurio- ten auf die juristische Frage, ob er ein König ist,
gekämpft! (seine Diener—V. 36; „mehr als 12 grausige Zähneklappern, wenn wir die Zäh-
sität nicht, aber es „verhebt“! geantwortet? Er hat sich darauf bezogen, dass
Legionen Engel“, Mat 26,53). ne unseres Verstandes an den Abgründen
Ich weiss nicht sein Reich „nicht von dieser Welt“ ist (V. 36),
der Geschichte (speziell der jüdischen)
mit anderen Worten: Auf den Himmel!
Hierhat sich Gott selbst einmal wirklich hilflos
wetzen... • Warum Jesus mit der Wiederkunft so lange
Unsere Erklärungen sind oft nicht besonders auf sich warten lässt
gefühlt—mindestens am Kreuz. Können wir Mindestens an diesem Punkt zieht es uns die
gut, und paradoxerweise ist es oft einfacher,
diesen Gedanken aushalten, den Gedanken
grosse weltgeschichtliche Ereignisse zu erklä- • Warum es in meinem oder Ihrem Leben Kiemen zusammen, denn eins haben wir quasi
der Hilflosigkeit? einen uneroberten „Gazastreifen“ mit mit der christlichen Muttermilch aufgesogen
ren als ganz persönliche Tragödien—warum
Ein Studienkollege sagte einmal zu mir: „Weißt musste mein Mann jetzt sterben, hat uns denn „Lieblingssünden“ gibt, die sich hartnäckig (spätestens als Erwachsene): Wir dürfen auf
Du, beim Fallschirmspringen lernst Du etwas. Gott nicht gesehen? halten (Zitat Luther: „Aber das Biest kann keinen Fall Probleme damit abschieben, dass
Man meint immer, man hat‘s in der Hand—aber schwimmen“ — über den „Alten Menschen“, wir andere Leute mit der Lösung auf den Him-
wenn man aus dem Flugzeug springt, dort der eigentlich ertränkt sein sollte) mel vertrösten!