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»Holger, der Kampf geht weiter!«

Der bewaffnete Kampf gegen die RAF und »5tammheim«

Plakate scheinen im bewaffneten Kampf fast eine logische Unmöglichkeit zu sein . Denn es gibt kaum etwas Öffentlicheres als Plakate und kaum etwas Verdeckteres als den bewaffneten Kampf, zumal,

wenn er, wie Stadtguerilla, ohne ein geografisch

befreites Territorium auskommen muss. Offenkun-

dig kann es, sobald der bewaffnete Kampf eröff- net ist, für niemanden eine Selbstverständlichkeit

sein, mit dem Kleistereimer und solchen Plakaten

durch die Straßen zu ziehen . Auch kann es gefähr-

lich sein, seine eigenen vier Wände mit derartigen

Plakaten zu behängen, solange die Mündungs- feuer noch blitzen. Denno ch hat es in der BRD Pla-

kate in engerem und weiterem Zusammenhang

mit dem bewaffneten Kampf gegeben. Sie dien-

ten wie viele andere der Erinnerung, Gegeninfor- mation und Agitation, der Glorifizierung sowie

dem Zusammenhalt einer kämpfenden Gemein- schaft. In der Regel kreisten diese Plakate um Repression und Tod. Kaum verwunderlich, dass

sich die wenigsten Plakate eindeutig einem Druck- ort zuordnen lassen, geschweige denn ein presse-

rechtlich korrektes Impressum zu finden ist. Die seitens der RAF programmatisch zunächst mit der Absicht eines konsequent geführten Klas- senkampfes gestartete Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in der BRD

kulminierte 1977 im »Deutschen Herbst«. Dieser

Begriff war und ist das Synonym für den Zeitraum, der am 5. September 1977 mit der Entführung des

»Arbeitgeberpräsidenten« Hanns Martin Schleyer durch ein RAF-Kommando begann. Er endete fünf Wochen später mit der Erstürmung einer entführ- ten Lufthansamaschine in Mogadischu durch die GSG 9 und der Hinrichtung Schleyers durch die RAF. Unmittelbar zuvor waren in der Nacht zum 18. Oktober 1977 die RAF-Gefangenen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan Carl Raspe in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim tot und Irmgard Möller schwer verletzt aufgefunden

worden . Der mysteriöse Tod von Gefangenen, die

seit Wochen durch vollständige Kontaktsperre - staatliche Geiselnahme - unter totaler und exklu- siver Kontrolle waren, schloss diese Phase der Kon- frontation zwischen der BRD und der RAF auf denkbar blutige Wei se ab. Da und dort hallen die Wirkungen dieser harten Konfrontation bis auf den heutigen Tag nach. Die Nacht von Stamm heim hat eine Vorge- schichte von mindestens sieben langen Jahren, die

mit der Befreiung von Andreas Baader während

einer Knastausführung am 14. Mai 1970 in Berlin begann . In dem Kasten auf der nächsten Seite wird an hand des Plakates »Freiheit für alle politischen Gefangenen« eine zeitgenössische Geschichte von zwei nicht unbekannt gebliebenen Genossen erzählt. In der bewaffneten Auseinandersetzung BRD gegen die RAF schenkten sich beide Seiten nichts:

Jede Seite hatte ihre Toten zu beklagen . Allerdings verzichtete der bundesdeutsche Staat im Unter-

schied zur radikalen Linken darauf Bilder seiner

Toten zu plakatieren. Jenes Plakat, das mit der

Verpflichtung »Wir kämpfen weiter« an die von

der Polizei erschossenen Petra Schelm, Georg von

Rauch und Thomas Weissbecker erinnert, wurde nach einem Ton-Steine-Scherben- Konzert 1972 in

»Terroristenfahndun-

Frankfurt

geklebt 02 . Bei

gen« wurden

ni cht nur bewaffnete Linke,

son -

dern auch Unbeteiligte von der Polizei

Darauf weist ein Plakat der Roten Hilfe hin, und es stellt die drohende Frage »wer ist der nächste?« 03. Ein kleineres Plakat. vermutlich aus der glei- chen Zeit, warf an hand eines etwas korpulent geratenen herumballernden Bullen die polemisch- rhetorische Frage auf, ob die Polizei eine »Killer-

Elite« des damaligen Bundesinnenministers Gen-

sc her oder eine faschistoide SA sei 04 .

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faschistoide SA sei 04 . erschossen . W~~ ~ÄMPFEN WE.tTE.R 03 02 01: Al. o. O.

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Al.

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04 : A3,

o.

O.

o. J.

Staatsanwalt

Beweisen werden

wir,

Daß der Angeklagte Zahl gedruckt hat. Dies Plakat, hebt es hoch, das,

wie er gewußt und

wollte,

verbreitet wurde am

1. Mai .

p. P. Zahl

Fül All!: GEfANGENEM
Fül All!:
GEfANGENEM

Ein Plakat und zwei Lebenswege

Zum 1. Mai 1970 wurde aus dem Umfeld der links- radikalen Zeitschrift 883 in Westberlin das Plakat

})Freiheit für alle Gefangenen« verbreitet. »Dieses

Plakat haben viele Leute auf der 1. Mai Demonst- ration 1970 vor sich her getragen und die Leute, die bei IBM in Lichterfelde bombten, haben es am Tatort zurückgelassen.« (P. P. Zahl) Es war von

Holger Meins entworfen worden. Um eine stili-

sierte Distel mit Handgranatenblüte gruppieren sich 13 Patronenhülsen mit den Namen von 8efrei-

ungsorganisationen. Manche, wie Black Panther,

EI Fatah oder Vietcong sind bekannt, die Zengaku- ren - eine japanische Stadtguerilla - oder die FAR. - Fuerzas Armadas Rebeldes, die später in der gua- temaltekischen U.R.N.G-Guerilla aufgingen - sind fast vergessen. Gerd Conrad, der mit Starbuck eine Chronik des Lebens von Holger Meins heraus- gegeben hat, bewertet »sein Plakat >Freiheit für alle Gefangenen< [als] ein deutliches Anzeichen für seinen zukünftigen Weg. Guerilla - Illegalität,

Untergrund, bewaffneter Kampf. [

verkündet Sieg, Freiheit für alle.« Holger Meins ging 1971 zur RAF und wurde durch unterlassene medizinische Hilfeleistung im Hungerstreik 1974 getötet. Doch zurück zur Geschichte dieses Pla- kats: Als der Staatsschutz die Druckerei von Peter Paul Zahl zum wiederholten Male durchsuchte und dort dieses Plakat sah, legte einer von ihnen, so P. P. Zahl, »Druckplatte, Ausdruck und Film bei -

]

Das Plakat

seite, grinste mich an und sagte: )Das müsste ja

dann auch die Gefangenen

in

Rußland betref-

fen l«< Vierzehn

Befreiung, sei der Staatsschutz wieder erschienen.

»Jetzt hätte dieses Plakat den >Staftatbestand der Aufforderung zur Gefangenenbefreiung< erfüllt.« Dafür wurde Zahl von der Moabiter Justiz ange- klagt. In der ersten Instanz wurde er freigespro- chen, weil das Plakat nur als »allgemeine Sym- pathiekundgebung« bewertet wurde. Doch auf

Baader-

Tage

später,

nach

der

Betreiben »der Staatschutzmaschinerie des Sena- tors Neubauer{( (Stern) wird das Verfahren weiter

geführt. Am 17. April 1972 wurde der Drucker

Peter Paul Zahl in einem Revisionsverfahren von

der

2. Großen

Strafkammer

beim

Landgericht

Moabit wegen »Aufforderung zu strafbaren Hand- lungen« zu sechs Monaten Knast auf Bewährung

verurteilt. Obwohl sich dieses Plakat nicht einmal besonders auf Gefangene der Moabiter Justiz bezog, sah Landgerichtsdirektor Brandt, der schon

1931 als Funktionär des Nazi-Studenten- und Juris-

ten-Bundes hervorgetreten war, in Zahls Plakat

eine Aufforderung »zur Herbeiführung einer Explo- sionsgefahr und zur gewaltsamen Gefangenenbe- freiung«. Daran hatten auch die Verteidigungs-

künste von Zahls Rechtsanwalt Christian Ströbele

nichts ändern können. Die Verurteilung des Dru- ckers Zahl war Teil einer kontinuierlichen Kam- pagne des Berliner Staatsschutzes, bei der seine Druckerei und seine Wohnung mehrfach von

mit Maschinenpistolen bewaffneten Bullen durch- sucht wurden . Im Herbst 1971 sagte ihm ein hoher

Berliner Kripobeamter ganz offen: »Verlassen Sie sich darauf, Ihre Druckerei kriegen wir kaputt.«

Auch angesichts dieser Schikanen beschloss Peter Paul Zahl sich zu bewaffnen und im Herbst 1972

zur Bewegung 2. Juni in die

1973 wird er nach einer Schießerei verhaftet und

erst 10 Jahre später aus der Haft entlassen. Seine

Erlebnisse mit dem Strafprozess um dieses Plakat

verarbeitete er in einem Kapitel seines Schelmenro-

mans Die Glücklichen: »Angeklagter und Souffleur, etwas versetzt: Ich fordere Freispruch . Wahrhaft tapfer sein, heißt: Ni cht ohne großen Gegenstand sich regen, Ja ein Plakat noch selber groß verfech- ten, Wenn Freiheit auf dem Spiel.« Heute lebt P.P. Zahl als Schriftsteller auf Jamaika. Plakate druckt

er unseres Wi ssens nicht mehr.

Illegalität zu gehen .

Kulturdenkmäler des Imperialismus Nachdem die US-Regierung 1972 eine Seeblo- ckade gegen Nordvietnam verhängt hatte,
Kulturdenkmäler des Imperialismus Nachdem die US-Regierung 1972 eine Seeblo- ckade gegen Nordvietnam verhängt hatte,
Kulturdenkmäler des Imperialismus
Kulturdenkmäler des Imperialismus

Nachdem die US-Regierung 1972 eine Seeblo- ckade gegen Nordvietnam verhängt hatte, eröff-

nete die RAF ihre »Mai -Offensive«, Ganz in der

Tradition zentraler Themen der APO führte sie mehrere Sprengstoffanschläge u.a. gegen den US-Air -Force-Computer in Heidelberg und den Springer-Konzern in Hamburg aus. Von Heidel- berg aus waren Luftangriffe auf Vietnam koordi- niert worden. Auf einem Jahre später publizierten Plakat aus Frankreich wurde auf diesen politischen Bezug, aus dem auch die RAF entstanden war - der globale Widerspruch gegen den Vietnamkrieg

- mit einem entsprechenden Foto hingewiesen .

dieser antiimperialis -

tischen Aktion in Heidelberg und die Aussage, dass der Vietnamkrieg in der BRD sein Ende noch nicht gefunden habe 06. Der Bombenanschlag auf das Hauptgebäude des Springer-Konzerns in Ham- burg, das trotz einer telefonischen Anschlagsan-

Es zeigt die Auswirkungen

kündigung nicht geräumt worden war und bei dem mehrere Angestellte schwer verletzt wurden, rief zwiespältige Gefühle in der radikalen Linken hervor. Der in Hamburg beheimatete Kommunisti-

sche Bund berief unverzüglich eine »Informations-

veranstaltung « ein 05 . Schon kurz nach jener »Mai-Offensive« schien

die RAF im Frühsommer des Jahres 1972 durch die Verhaftung ihrerwesentlichen Mitglieder zerschla- gen. Die Gefangenen aus der RAF wurden in zum Teil supermodernen Knästen mörderischen Haft- bedingungen unterworfen. Das veranlasste 1973 die Redaktion der damals in den Diskussionspro-

zessen der radikalen Linken führenden Zeitschrift

Kursbuch in ihrer Ausgabe Nr. 32 zu dem Thema

»Folter in der BRD« einen sogenannten Kursbo-

gen beizulegen, der auch als Plakat verwendet

05:A2 , Hamburg 1972

06: A2, o. O. o. J.

wurde 07. Mit bedrohlich wirkenden Fotos werden die Knäste in Frankfurt-Preungesheim, München- 07: A2, Frank!u" 1973

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Stadel heim, Köln-Qssendorf und Stuttgart-Stamm·

heim

als

»Kulturdenkmäler

des

Imperialismus«

denunziert. Unterlegt ist dieser Kursbogen mit einem Zitat der Strafkammer beim Landgericht Karlsruhe: »Die Gefahr für die Sicherheit der

Anstalt kommt von den Menschen«, Die Isolationshaft provozierte mehrere Hunger-

streiks nebst Solidaritätsveranstaltungen 08, 10. Holger Meins starb im November 1974 im bis dahin längsten Hungerstreik. Die Linke warf Bun· desanwaltschaft und Knastärzten vor, ihn durch

unzureichende medizinische Versorgung - absicht-

lich oder billigend in Kauf nehmend - umge· bracht zu haben. An seinem Grab sprach Rudi Dutschke mit emporgereckter Faust die propheti- schen Worte: »Holger, der Kampf geht weiter!« 11 Die an den Gefangen aus der RAF exekutierten Haftbedingungen und die dadurch ausgelösten Konflikte trugen das ihre zur Gründung von Anti· folterkomitees bei, von denen sicher auch die Pla·

kate mit Aufrufen zur »Solidarität mit der Rote

Armee Fraktion« verbreitet

Ein gewiss unfreiwilliges Plakat zum bewaffne-

ten Kampf brachte die Münchener Abendzeitung heraus, als sie im Februar 1975 im ganzen Stadt-

gebiet ein

verbreitete .

Mit Hilfe eines illustrativen Fotos, das den gefan· gen genommenen Berliner CDU·Spitzenkandida-

ten hinter einem Schild zeigt, das seine Volksge-

wurden 09 .

A3

großes

»Extrablatt«

08

SOLIDARIT~T:;~ROTENARMEEfRAKTION! fÜUfN AUFBAU DEi STADTGUERILLA! -t
SOLIDARIT~T:;~ROTENARMEEfRAKTION!
fÜUfN AUFBAU DEi STADTGUERILLA!
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09

11 fängniswärterinnen ganz richtig als »Bewegung 2. Juni« bezeichnet, wurden die wissbegierigen Leserinnen über die Forderungen der »Lorenz-Ent- führer« informiert 12. Doch die Bewegung 2.Juni

wollte und konnte zunächst nur die Freilassung einiger bestimmter Gefangener, nicht jedoch die der in Stammheim inhaftierten RAF-Gründerlnnen durchsetzen. Das versuchte kurz darauf ein RAF- Kommando durch die Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm, verbunden mit der Gei· seinahme des dortigen Personals. Diese Aktion

endete in einem Desaster mit mehreren toten Gei-

seln und RAF-Mitgliedern. 50 konnte am 21. Mai 1975 in Stuttgart·Stamm- heim der Prozess gegen Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Jan Carl Raspe und Ulrike Meinhof eröff-

net werden . In einem vermutlich im Sommer 1974

publizierten, für das Medium Plakat etwas lang

geratenen »Aufruf« der Roten Hilfen au s Frank-

furt, Hamburg und Westberlin gegen den Prozess,

der von einer dynamisch von links unten nach

rechts oben hervorschnellenden Faust unterlegt ist, heißt es: »Genossen, es reicht nicht aus, immer nur davon zu reden, dass alle gegen die RAF gerich- teten Maßnahmen auf die gesamte Linke zielen.

Es reicht nicht zu wissen, dass dieser Staat keine

Legitimation hat. Uns hilft weder das romantische Liebäugeln mit der Illegalität noch das naive Ver- trauen auf die Legalität. Notwendig ist vielmehr, die bestehenden Machtverhältnisse richtig einzu- schätzen und gleichwohl die Kampfansage der

Herrschenden aufzunehmen, d.h. den gemeinsa- men Widerstand zu organisieren - unabhängig von den Aktionen einer militanten Selbstorganisa-

tion, die durch die herrschenden Verhältnisse in die Illegalität gedrängt wurde« 14. Doch zunächst einmal waren die Angeklagten

im Stammheimer Verfahren mit weiteren »Kampf- ansagen der Herrschenden« in Form vielfacher

Ausschlüsse ihrer Verteidiger konfrontiert. Dage- gen suchten sich atto Schily und Christian Ströbele

auf einer »Großveranstaltung in der Hasenheide{(

zur Wehr zu setzen. Die martialische Abbildung zeigt einen durch eine Robe kenntlich gemach-

ten Verteidiger, eingereiht in eine Unzahl von

Angeklagten, die ihre Hemdsärmel aufgekrempelt haben. Alle stehen nach vorn gebeugt an einer Art Tisch, auf dem sie ihre - allerdings nach unten gestreckten - linken Fäuste ballen. Passend zum Zeitgeist ist die Grundfarbe dieses Plakates so rot,

dass es für die damaligen Betrachterinnen nicht ganz einfach gewesen sein dürfte, die schwarze

Schrift darauf sofort lesen 13. Hintergrund dieser Ausschlüsse war die Krimina-

lisierung des Kommunikationssystems ))Info« der in unterschiedlichen Knästen sitzenden Gefange- nen. Teile des »Info« wurden im September 1987

als Buch veröffentlicht, was die Staatsschutzbehör-

den zu einer Beschlagnahme wegen ))Werbung und Unterstützung für eine terroristische Vereini-

gung« veranlasste. Ein als längeres Flugblatt auf-

tretendes Plakat protestierte nicht nur, sondern erinnerte an Worte von RAF-Gefangenen im dama-

von unseren wunden,

unserem hass, unserer freiheit. Das ist unser blues.

werden die brüder und schwestern schon hören

und verstehen. der widerspruch zwischen leben

ligen )Info<c ))reden wir

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13

08: Al, Frankfurt 1974

09: A2, 0. O. 0. J.

10:A2,o.O.1974

II:AJ,o.O.1974

12: A3, München 1975 13: A2, Berlin 1975 14: Al, Mün chen I Hamburg o. J

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wollen und nicht leben können ist explosiv, die lunte dran, marx dran: wahrheit ist dialektisch«. Der Beschlagnahmebeschluß wurde später übri- gens aufhoben 17. 1976, am Morgen des geschichtsträchtigen 8. Mai, wurde Ulrike Meinhof erhängt am Fenstergitter ihrer Zelle in der NA Stammheim aufgefunden . Für ihre Mitangeklagten gab Jan earl Raspe eine

Erklärung ab, die von »vielen genossen «auf einem

Plakat verbreitet wurde: »wir glauben, dass ulrike

hingerichtet worden ist. wir wissen nicht wie, aber

wir wissen, von wem und wir können das kalkül der methode bestimmen « 15. Stand auf diesem Plakat für die »vielen genossen« ganz offenkun- dig die Verbreitung dieser Erklärung der Stamm- heimer Gefangenen im Vordergrund, so nutzt ein

Plakat aus Italien den eindringlichen visuellen Ein- druck des Fotos, das sie bei einem Hofgang zeigt, für die »assemblea« in einer Universität. Neben dem Abdruck eines Nazi-Stempels, der Ulrike Mein- hof als eine »Verfolgte des BRD-Regimes« aus- weist, versprechen die unbekannten Verfasser:

»Ihr werdet dafür bezahlen«. Das Plakat illustriert, dass der Tod Ulrike Meinhofs auch im Ausland aufmerksam registriert wurde 01 . Auf einem Sieb - druck mit einer fast madonnenhaft porträtierten Ulrike Meinhof heißt es ohne jede verbale oder grafische Erklärung einfach und rot auf schwarz »Mord « 16. Nachdem Ulrike Meinhof, um es mit den dama- ligen Worten des Joseph Fischer zu sagen, »im Knast von der Reaktion in den Tod getrieben,

HELFEN

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UNS!

UNSEREM FREUND GERHARD STRECKER

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ja, im wahrsten Sinne des Wortes vernichtet« wurde. fanden in Frankfurt heftige Demonstratio-

nen statt,

bei denen ein Brandsatz einen Strei-

fenpolizisten

lebensgefährlich verletzte.

In

der

Folge wurde die städtische Spontiszene mit ein-

dringlichen Fahndungsmaßnahmen konfrontiert und einer ihrer Aktivisten, Gerhard »Gerard« Stre- cker, wegen Mordversuches inhaftiert. Mit einem Plakat. auf dem wohl nicht zufällig jeglicher Hin- weis auf diesen Tatvorwurf fehlt, wurde eine Unschuldskampagne initiiert. In der Aufmachung und durch die Veröffentlichung von Privatfotos dreier bärtiger Sponti-Männer sowie einer Frau und der Leitüberschrift »Bitte helfen Sie uns!« wirkt es wie ein umgekehrter Fahndungsaufruf. Dieser sollte sich immerhin durch das Auffinden

von Entlastungszeugen und die Freilassung von

Gerard als erfolgreich erweisen 18. Die Repression

gegen die Frankfurter Spontiszene rief ein weite- res Plakat hervor, auf dem die »Amtsenthebung« des »Gewalttäters« und Frankfurter Polizeipräsi- denten Müller gefordert wurde 19. Im Frühjahr 1977 erging gegen die verbliebenen Stammheimer Angeklagten das von Beginn an feststehende »Lebenslänglich«. Kurz darauf infor- mierte Olto Schily. der Verteidiger Gudrun Enss- lins. bei Veranstaltungen darüber 20. Etwas über ein Vierteljahr nach dieser Veranstaltung wurde der in seiner aktiven Zeit nicht allerorten popu- läre Hanns Martin Schleyer entführt. Jenes hier dokumentierte Plakat zeigt den hoch bezahlten Arbeitgeberpräsidenten zwischen Bundeskanzler

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WlRWOUENBN Schmidt, F. J. Strauss , Helmut Kohl und Hans-Diet - rich Genseher 21 . Diese

Schmidt, F. J. Strauss , Helmut Kohl und Hans-Diet - rich Genseher 21 . Diese Politiker sollten bald Mit - glieder des nach der Schleyer-Entführung einge- setzten Krisenstabes werden, der sofort die totale Kontaktsperre gegen die sechs Wochen später toten Gefangenen verhängte.

Diese

»Stammheimer Tode«

gaben

zu

vielen

verhängte. Diese »Stammheimer Tode« gaben zu vielen Fragen und Spekulationen Anlaß . Noch vor der ersten

Fragen und Spekulationen Anlaß . Noch vor der ersten Untersuchung gab es für die Bundesregie - rung selbstredend keinen Zweifel an der Selbst- mordthese. Demgegenüber sprachen die mit der RAF sympathisierenden Teile der Linken (nicht

nur) auf ihren Plakaten von »Mord« und visuali-

sierten das entsprechend . Ein anonymer Siebdruck

21 mit dem Titel >,Selbstmord Stammheim« stellt eine Ermordung durch das Gefängnispersonal dar 25. Auf einem anderen sicher erst 1987 erstellten Plakat soll die Annahme, dass die Gefangenen " in

18.10.17r
18.10.17r

Stammheim ermordet« wurden, zunächst durch

die Aufzählung weiterer Toter gestützt w erden. Diese Liste beginnt bei dem 1952 bei den Protes-

ten gegen die Remilitarisierung in Essen von der

Polizei erschossenen jungen Kommunisten Philipp Müller und endet mit Norbert Kubat, der sich als ein Gefangener des sehr unruhigen Kreuzberger 1. Mai 1987 in der Untersuchungshaft das Leben genommen hatte. Eine andere Methode, die Mord-

these zu untermauern, war, die von tiefem Ernst

und Verzweiflung erfüllten Gesichter dreier Per- sonen abzubilden, die den Schwerpunkt dieses Pla- kates ausmachen. Es steht zu vermuten, dass zehn Jahre nach dem ,,18.10.77« nicht mehr alle Betrach-

terinnen wussten, dass es sich bei ihnen um die Angehörige eines anderen Gefangenen sowie die

Mutter und den Vater von Gudrun Ensslin handelt, die an ihrem Grab stehen . Besonders beeindru- ckend das Bild der Mutter, die neben ihrem pro- testantisch-asketisch wirkenden Mann verzweifelt die Faust ballt. Die Plakatgestalterinnen haben

dieses

wir-

Bild

emotionaler

Familiensolidarität

kungsvoll für ihre politische Aussage genutzt 22 . Ein grafisch direkterer Zweifel an der Selbst- mordthese f indet sich auf dem Plakat »Der Stamm -

heimtod«, welches auf eine Karikatur der italieni-

schen Zeitung 11 Manife s t o zurückgeht . Da s Motiv ist schlicht genial : Es illustriert auf denkbar einfa - che Weise die Absurdität der von der Bundesregie- rung verbreiteten Selbstmordthese, aber gleich-

wohl hält doch der Gefangene selbst die Pistole

in der Hand. Wer und unter welchen Umständen

den Finger tatsächlich oder mittelbar am Abzug hatte, bleibt den Betrachterinnen herauszufinden - deutlich gemacht wird nur, dass es so wie behaup-

tet nicht gewesen sein kann. Im unteren Drittel

des Plakates stellt die zitierte Stellungnahme von Pfarrer Ensslin, »dass sie ermordet wurde{(, Gegen- öffentlichkeit zur herrschenden Meinung her 23. Das gleiche Motiv sollte übrigens Jahre später bei

einer Berliner Veranstaltung mit dem eigentümli-

chen Titel »Was war Stammheim wirklich?« wieder

verwendet werden.

Viele

radikale

Linke

wichen

einem

direkten

Mordvorwurf mit Parolen wie »Wir glauben nicht

an Selbstmord!« aus. Entsprechend titelt ein vom

maoistischen KBW verbreitetes Plakat mit dem Analogieschluss »Ob so oder so das sind KZ-Metho-

den!« und der Forderung »Weg mit dem Kontakt-

sperregesetz!«. Das Plakat zeigt den vor einer Zel-

lentür lauschenden Ex-NS-Marinerichter Filbinger, 1977 Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

Dass er irgendwie an einer Ermordung der Stamm-

heimer Gefangenen beteiligt war, wird durch das linke Bild auf dem Plakat, das einen morden- den und Filbinger außerordentlich ähnlich sehen- den Faschisten zeigt, nahe gelegt 24. Das Plakat brachte dem KBW eine polizeiliche Durchsuchung

seines Hauptquartiers in Frankfurt und weitere

Kommunisti-

Razzien

ein.

Die

Konkurrenz vom

schen Bund bemängelte am 9.1.1978 im Arbeiter- kampf, dass dieses Plakat der einzige Beitrag des

KBW >mach Stammheim« gewesen sei und »es sich um eine politisch sinnlose, also - gemessen an den

Folgen - abenteuerliche Aktion [gehandelt habe]:

Denn das Plakat wandte sich erklärtermaßen nur an die ohnehin schon Überzeugten, brachte aber

keinerlei zusätzliche Information und wurde auch

nicht durch eine Informationskampagne des KBW

unterstützt.« »Weg mit dem Kontaktsperrege- setz« wurde auch Ende Dezember 1977 auf einem

Veranstaltungsplakat gefordert, das einen grin-

senden

Rechtsanwalt des 1975 von der Stammheim-Ver-

teidigung ausgeschlossenen und zwischenzeitlich

Innenminister

Maihofer zeigt

und

den

inhaftierten Klaus Croissant ankündigt 26.

Die Forderung nach »zusätzlicher Information«

in Sachen Stammheim wird auf einem Plakat laut,

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27

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das vermutlich noch im Jahre 1977 zu einem »euro- päischen Aktionstag« aufrief. Es zeigt die von den Gefangenen selbst im Stammheimer Knast aufge- nommenen Bilder von Gudrun, Jan und Andreas sowie ein offizielles Polizei bild der im November 1977 im Münchener Knast Stadelheim erhängt auf- gefundenen Ingrid Schubert. Dazu eine Erklärung von Irmgard Möller, dass es zwischen ihr und den anderen Stammheimer Gefangenen »zu keiner zeit eine abrede gemeinsamen suizids gegeben« habe, und die Forderung nach »einer internatio- nalen Kommission zur Aufklärung der Umstände und der politischen Verantwortlichkeit der Morde und Mordversuche in Stammheim«. Diese Kommis- sion kam - aus welchen Gründen auch immer - nie zu Stande 28. Bevor wir in der Chronologie fortfahren: Auch der bundesdeutsche Staat war in Sachen »Plakate« und bewaffneter Kampf zu keinem Zeitpunkt untätig. Seine Aktivitäten beschränkten sich nicht auf die bereits erwähnte Kriminalisierung linksra- dikaler Drucke. Die Staatschutzbehörden waren

seit der Hatz auf Ulrike Meinhof nach der Baader- Befreiung ständig mit bundesweiten Fahndungs- plakaten tätig. Auffällig, dass zunächst »Anarchis- tische Gewalttäter« gesucht wurden und nicht etwa »)Terroristen«. Die ersten Fahndungsplakate transportierten also noch eine politische Dimen- sion, selbst wenn die RAF keine anarchistische Gruppe war 29. 30. In den achtziger Jahren tauchte die Erinnerung an »Stammhein« zusammen mit dem Mordvor- wurf immer mal wieder auf Plakaten der antiim-

perialistischen Szene auf. Der »18.10.77« wurde

zu einer Metapher für den wahren Charakter der BRD, die hier mit dem Bild einer Befreiungsak- tion der Black Panther und einem RAF-Emblem für die »Solidarität mit dem Kampf der politischen Gefangenen« und den »Aufbau des antiimperialis- tischen Widerstands in den Metropolen« verbun - den wurde 27. Zehn Jahre nach der Nacht von Stammheim gab es aus dem autonom -antiimperialistischen Spektrum den Versuch eine Erinnerungsdemons- tration durchzuführen. Das Mobilisierungsplakat trägt einen roten fünfzackigen Stern im Zentrum, darüber die äußerst ungewöhnliche leitparole »ZUSAMMEN KÄMPEN «. Die Frage, ob das bei

ZUSAMMEN KlJ.MPEN- FÜR DEN AUFBAU EINER REVOLUTIONÄREN GEGENMACHT - GEGEN KAPITAL UND STAAT - GEGEN
ZUSAMMEN KlJ.MPEN-
FÜR DEN AUFBAU EINER REVOLUTIONÄREN
GEGENMACHT
- GEGEN KAPITAL UND STAAT
- GEGEN IMPERIALISMUS UND
PATRIACHAT
SA 17. 10
11 UHR
STUTTGART

31

dem anvisierten

»KÄMPEN« fehlende »F« ledig-

lich vergessen wurde oder ob es sich um ein Stil-

mittel aus dem Umfeld des Punk handelt, ist heute nicht mehr zu beantworten. Die sechs Bilder auf

diesem Plakat - sie reichen von der Darstellung eines bewaffneten Fedajin über eine bei der WAA- Baustelle Wackersdorf umgestürzte Polizeiwanne

bis zum im Sommer 1986 ausgebombten Auto des von einem RAF-Kommando getöteten Sie- mens-Managers Beckurts - sprechen allerdings

ebenso für »KÄMPFEN« wie der Umstand, dass die Demonstration mit 800 Teilnehmerinnen nach w enigen Metern durch einen aggressiven Polizei- einsatz wegen »Verstoßes gegen das Vermum - mungsverbot« auseinander getrieben wurde 31.

Etwas über 20 Jahre nach der Nacht von Stamm- heim fand in Frankfurt im Rahmen allgemeiner

von Stamm- heim fand in Frankfurt im Rahmen allgemeiner Aufarbeitungsbemühungen, die auf dem Niveau eines

Aufarbeitungsbemühungen, die auf dem Niveau

eines schlechten

Comics wie der TV-Doku-Soap

»Das Todesspiel« auch Platz in den Massenmedien

fanden, eine Veranstaltung

von und für die restli -

chen radikalen Linken statt. Das Plakat zählt zwar die seinerzeit neun RAF-Gefangenen mit Bild und Namen auf, der Titel »RAF, Deutscher Herbst und die Linke nach '77«, mit Schwerpunkt auf der Jah-

reszahl, ist allerdings nur noch eine locker ver- bundene Assoziationskette. Eine Forderung oder irgendeine Aussage - ja, zu was eigentlich? - ist

auf dem Plakat nicht zu finden.

Das

illustriert,

dass

irgendwann

nach

Rudi

Dutschkes »Holger, der Kampf geht weiter!« eben dieser Kampf aufgehört hat. Nicht nur auf Plaka-

ten 32.

Dave Bowman

27:

A2 , o.

O. o. J.

28:

A2 , o.

O. o. J.

29:

A2 , Wie sbaden 1971

30:A1,Berlin1970

31: A2 , Stuttgart 1987 32:A2, Frankfurt t997