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UNIVERSITY OF TORONTO

LIBRARY

WILLIAM H. DONNER COLLECTION

purchksed from

a gift by

THE DONNER CANADIAN FOUNDATION

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IkUMMiUMT

PANINI'S

GRAMMATIK.

HERAUSGEGEBEN, ÜBERSETZT, EELÄUTEBT

UHD

MIT VERSCHIEDENEN INDICES VERSEHEN

VON

OTTO BÖHTLINGK.

LEIPZIG

VERLAG VON H. HAESSEL

1887.

PK.

u

DBUCK VON W. DRUGUIilN IN LEIPZIG.

DEN MANEN

HENRY THOMAS COLEBROOKE'S

DES TIEFEN UND VIELSEITIGEN KENNERS

INDISCHER SPRACHE UND LITERATUR

DES BEGRÜNDERS

DER SANSKRIT-PHILOLOGIE.

Erste Abtheilung.

Einleitung

Pänini's Sütra mit Uebersetzung, Beipielen und Erläuterungen Nachträge und Verbesserungen zur ersten Abtheilung

Seite 1

yil

XX

1

476

477480

Einleitung.

Unser Grammatiker erwähnt einen Namen Panin, von dem er

das Patronymicum Pänina zu bilden lehrt.

Von diesem Patro-

nymicum

dürfen

wir nach 4, 1, 95

ein neues Patronymicum

Pänini

bilden, welches

nach 4,

1,

163 fgg. einen entfernteren

Nachkommen Panin's bezeichnet, so lange ein angesehenerer

oder älterer Nachkomme desselben Mannes noch am Leben ist.

Nach 4, 1, 166 (ursprünglich ein Värttika) könnte Pänini, wenn

man ihm eine besondere Ehre erzeigen will, auch Pänina ge-

nannt werden.

Diese Form wird auch in der That bei einem

ziemlich jungen Lexicographen als gleichbedeutend mit Pänini

aufgeführt, und

in der Käcikä

zu 2, 4, 21 und 6, 2, 14 finden

wir sowohl TJTfTO^RsJH <* I '$ öR <*CT«IW^ als aucn

MI ftü«-ft-

Xf^Tf°.

Es ist nicht wahrscheinlich, dass hier Pänini und Pä-

nina zwei verschiedene Personen bezeichnen sollten. Nach seiner

Mutter Däkshi wird unser Grammatiker auch Däkshiputra und

Däksheja „Sohn der Däkshi" genannt.

Der chinesische Keisende Hiouen-thsang, der als eifriger Buddhist Indien am Anfange des 7. Jahrhunderts n. Chr. be-

reiste

und im Jahre

648 nach indischen Quellen und eigenen

Erfahrungen ein sehr schätzbares Werk bearbeitete, berichtet

uns, dass der Eshi Po-ni-ni, Verfasser einer Grammatik, in P'o-

lo-tou-lo geboren sei. Ein indischer Lexicograph kennt Qälä-

turija als Beinamen Pänini's, und dieses Wort führt unser Gram-

matiker auf Qalätura zurück in der Bedeutung „aus diesem Orte

stammend". Hiernach unterhegt es wohl keinem Zweifel, dass

VIII

Einleitung.

P'o-lo-tou-lo nur ein verschriebenes So-lo-tou-lo oder Sa-lo-tou-lo

ist.

Qalätura haben wir in der Nähe von Attock zu suchen.

Die vom chinesischen Reisenden mitgetheilten Legenden über

unseren Grammatiker können wir mit Stillschweigen übergehen. 1

In Somadeva's Märchensammlung Kathäsaritsägara, die aus

dem Anfange des 12. Jahrhunderts n. Chr. stammt, erzählt Ya-

rarulii dem Känabhüti (4, 20 fgg.), einem durch den Fluch Ku-

bera's zum Picälia gewordenen Jaksha, dass Pänini ein mit wenig

Geist begabter Schüler des Brahmanen Varsha gewesen sei. Der

Erzähler fährt folgendermaassen fort : „Da er des Dienstes über-

drüssig war, wurde er von der Frau des Yarsha fortgeschickt

und ging betrübt zum Himalaja, nach Wissenschaft sich sehnend.

Dort erlangte er von dem über seine strengen Kasteiungen er-

freuten Qiva eine neue Grammatik, alles "Wissens Quell.

Darauf

kehrte er zurück und forderte mich zum Wettstreit auf. Sieben

Tage waren hingegangen, seit unser Streit begonnen hatte. Als

er am achten Tage von mir besiegt wurde, erschien plötzlich Qiva,

in den Wolken stehend, und erhob ein furchtbares Geschrei.

So

wurde meine Aindra- Grammatik zu Nichte, und wir Alle, von

Pänini besiegt, wurden wieder so dumm wie zuvor."

An einer

anderen Stelle

desselben Werkes (2, 45 fg. 4, 116) wird gesagt,

dass Yarsha in der Stadt Pätaliputra unter der Regierung des

Königs Nanda, des Yaters von Kandragupta, gelebt habe.

Ob

eine solche Tradition wirklich bestanden,

oder ob Somadeva

Alles selbst erdichtet hat, lässt sich mit Sicherheit weder be-

jahen noch verneinen.

Dass Pänini im 4. Jahrhundert gelebt

hat, ist, wie wir später sehen werden, nicht ganz unwahrschein-

lich.

Ein Yers im Panliatantra (s. Indische Sprüche 7045) lässt

Pänini durch einen Löwen ums Leben kommen.

Das älteste grammatische Lehrbuch, welches vollständig auf

uns gekommen ist, sind die Sütra des Pänini.

Alle früheren

1 Ueber alle hier mitgetheilten chinesischen Nachrichten sieh Stanislas Julien, Meinoires sur les contrees occidentales u. s. w. I, S. 125 fgg. 151. II, S. 310 fgg. und

Einleitung.

TX

grammatischen Werke scheinen durch sein Werk allmählich ver-

drängt und in Vergessenheit gerathen zu sein.

Pänini selbst

erwähnt folgende Vorgänger: Äpicali, Käcjapa, Gärgja, Gälava, Käkravarmana, Bhäradväga, Qäkatäjana, Qäkalja, Senaka und

Sphotäjana; ausserdem noch zwei Schulen: die nördliche (s. u.

^5^) und die östliche ( s. u. Uf^ ).

Gewöhnlich sind diese

Grammatiker anderer Meinung als Pänini; bisweilen werden sie

jedoch nur aus dem Grunde genannt, weil sie die Begründer

einer Regel sind.

Im

ersten Falle

werden sie angeführt, um

anzudeuten, dass die gegebene Regel facultativ sei; im anderen

Falle werden sie

honoris causa erwähnt.

Der Name

Jäska

kommt bei Pänini vor, aber nur als Patronymicum von Jaska.

Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass ein anderer Jäska

als der uns bekannte damit gemeint sei.

Da

wir

das Zeitalter der oben erwähnten Grammatiker

nicht kennen, wissen wir nicht, wie tief wir Pänini hinabzu-

rücken haben.

Versuchen wir aus einem späteren Werke, dem

Mahäbhäshja, die Zeit zu bestimmen, in welche wir ihn hinauf-

zurücken wagen dürfen.

Wenn es

gilt,

einen Fürstennamen zu

nennen, führt Patangali (zu Pänini 1, 1, 68, Värttika 8) Pushpa- mitra (v. 1. Pushjamitra 1 ) an; die v. 1. fügt noch Kandragupta

hinzu;

also

an

erster Stelle

den

ersten Fürsten der auf die

Maurja folgenden Dynastie, an zweiter den ersten Fürsten der

Maurja.

An einer anderen Stelle (zu Pänini 5, 3, 99) berichtet

Patangali über die Maurja Etwas, das ihnen nicht gerade zur

Ehre gereicht und was nur nach ihrem kurz zuvor erfolgten

Sturze (178 v. Chr.) allgemein verständlich sein konnte. 2 Hieraus

hat man, wie ich glaube, mit einigem Rechte geschlossen, dass

Patangali ungefähr um diese Zeit sein Werk, das Mahäbhäshja,

  • 1 Dieser Fürst wird auch zu P. 3, 2, 123, Värtt. 1 von Patangali genannt.

  • 2 Dieser Umstand und die Art und Weise, wie die Maurja hier eingeführt werden,

scheint mir dafür zu sprechen , dass wir es mit einer Argumentation Patangali's selbst zu

thun haben, nicht mit einer aus einem älteren Commentar herübergenommenen Stelle.

b

X

Einleitung.

geschrieben haben müsse. 1 Aus Kalhana's Rägataramgini (1, 176.

4, 487), die im 12. Jahrhundert n. Chr. verfasst wurde, erfahren

wir, dass das Mahäbhäshja unter dem Fürsten Abhimanju, also

um die Mitte

des

1. Jahrhunderts n.

Chr. 2

in Käcmira seit

,

einiger

Zeit bekannt war.

Wir haben nicht

den geringsten

Grund anzunehmen, dass Kalhana hier nicht nach einer Ueber-

lieferung berichtet hätte, und an der Richtigkeit der Ueberlie-

ferung zu zweifeln,

wir nun erwägen,

liegt

auch keine Veranlassung vor. Wenn

dass

nach

den Untersuchungen Kielhorn's 3

zwischen Patarigali und Pänini Generationen von Gelehrten, von

denen wir aus dem Mahäbhäshja allein Kunde haben, sich mit

Pänini's Grammatik gründlich beschäftigt haben, so werden wir

wohl nicht fehl gehen, wenn wir zwischen den beiden genannten

Grammatikern einen Abstand von zwei Jahrhunderten annehmen.

Weber 4 will Pänini eine geraume Zeit nach Alexander dem

Grossen setzen, weil er annimmt, dass das Wort Javanäni, womit

bei Pänini die griechische Schrift bezeichnet wird, mit seinem

echt indischen Suffix schwerlich sogleich nach dem Einfall der

Javana in Indien

gebildet worden sei.

Diesen Einwurf, den

Weber gegen Benfey's Hypothese, dass Pänini's Werk im Jahre

320

v. Chr. zum Abschluss

gekommen sei, vorbringt,

scheint

mir nicht von Gewicht zu sein, da die Inder doch aller Wahr-

scheinlichkeit nach viel früher mit Griechen in Berührung ge-

kommen waren und auch von ihrer Schrift Nachricht haben

bekommen können.

  • E. Max Müller 5 behauptet mit der grössten Entschieden-

heit, dass die Schrift, selbst zu monumentalen Zwecken, vor dem

  • 1 Vgl. Zeitschr. d. D. M. G. 39, 528 fgg. 41, 175 fgg.

  • 2 Lassen, Indische Alterthumskunde 2, 413.

  • 3 Vgl. seinen überaus lehrreichen Artikel „Der Grammatiker Pänini" in „Nachrichten von der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften und der Georg -Augusts -Universität

zu Göttingen", 1885, S. 185 fgg.

  • 4 Akademische Vorlesungen über Indische Literaturgeschichte S. 335.

  • 5 Indien iu seiner wissenschaftlichen Bedeutung, S. 180.

Einleitung.

XI

dritten Jahrhundert v. Chr. unbekannt gewesen sei.

Diese Be-

hauptung würde nicht gegen das von uns angenommene Zeit-

alter Pänini's sprechen, da nach des oben genannten Gelehrten

Meinung auch

die Brähmana und Sütra, die er bekanntlich in

ein selqp hohes Alter hinaufrückt,

ohne Kenntniss der Schrift

verfasst worden seien!

Roth 1 hat, wie mir scheint, es beinahe

zur Evidenz erhoben, dass die Samhitä des Rgveda (die übrigen

Samhitä wird er um

so weniger ausschliessen) nicht mit dem

blossen Gedächtniss, sondern nur mit Hülfe der Schrift hätte

zu Stande kommen können.

Da die Brähmana und Sütra eine

Samhitä voraussetzen, werden auch sie zu einer Zeit abgefasst

sein, da die Schrift schon bekannt war.

Dass in der ältesten Zeit

geeignetes Material zum Niederschreiben eines Werkes nicht leicht

zu erschwingen war, würde nicht gegen den Gebrauch der Schrift,

nur gegen die Vervielfältigung eines Werkes sprechen. Eine

solche Vervielfältigung lag aber auch gar nicht in der Absicht

der Verfasser.

Ein niedergeschriebenes Werk wurde sogleich

auswendig gelernt und durch mündlichen Unterricht verbreitet.

Eine andere Art der Ueb erlieferung hätte ja den Interessen der

Brahmanen geradezu widersprochen. Das ursprüngliche Manu-

script

eines Autors blieb vielleicht für immer ein Unicum, das

mit der Zeit zu Grunde ging, und alle unsere älteren Texte werden in viel späterer Zeit von Neuem nach dem Gedächtniss

niedergeschrieben worden sein.

Dazu

schritt

man aber

erst,

wenn ein Werk der Vergessenheit anheim zu fallen drohte, wenn

man einem unbegabten Schüler zu Hülfe kommen wollte oder

wenn man ein Werk aus selbstsüchtigen Absichten einem nicht

zur Schule Gehörigen zu verrathen gedachte. Verfuhren solche

Afterautoren ungenau, aus Flüchtigkeit oder in Folge mangeln-

der Kenntnisse,

so sorgten sie dafür,

dass wir Sanskritologen

jetzt uns

den Kopf zerbrechen über ihre Versehen und diese

gar dem wahren Autor zuschreiben. Unkritische Commentatoren

i Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 26, S. 53 fgg.

XII

Einleitung.

ermangelten nicht solche Afteroriginale und sogar spätere Ab-

schriften derselben zu erklären und nischen Texten zu stempeln.

auf diese Weise zu kano-

Aus dem Umstände, dass die uns bekannten indischen Al-

phabete auf ein bestimmtes den Semiten entlehntes zurückgehen

und wahrscheinlich erst zur Zeit Kandragupta's entstanden seien, 1

darf man noch nicht schliessen, dass die Inder nicht früher eine

andere Schrift besessen hätten,

da nach meinem und anderer

Gelehrten Dafürhalten die ganze indische Literatur mit Aus-

nahme der vedischen Hymnen (selbstverständlich nicht in der

jetzigen Anordnung)

Voraussetzung haben.

eine Bekanntschaft mit

der

Schrift zur

Wir können uns wohl denken, dass ein

begabter Dichter Lieder auch ohne Kenntniss der Schrift dich-

tet, und dass man durch öfteres Anhören und beständiges Wie-

derholen Tausende von Versen und auch wohl grosse prosaische

Werke auswendig zu lernen vermag; aber dass systematischeWerke,

wie die Brähmana und Sütra, die ein Sammeln, Sortiren, Hin-

undhererwägen, Versetzen, Weglassen und Hinzufügen erfordern, ohne Anwendung der Schrift zu Stande kommen könnten, will

mir und Anderen nicht sehr wahrscheinlich erscheinen.

Also,

entweder ist die Schrift den Indern schon sehr frühe bekannt

gewesen, oder die ganze indische Literatur ist eine verhältniss-

mässig junge.

Die früheste Erwähnung der Schrift finden wir

im Dhätupätha, wo die Wurzel ftflg die Bedeutung ^repf^f-

"Zfm erhält. 2

Eine Anzahl grammatischer Kunstausdrücke, wie ITcfiäjT^

"^P^T, ^, ^WTO, ^TT,

rTf%7T,

die Pänim gebraucht,

finden wir schon bei Jäska und zum Theil im Qatapatha-Bräh-

1 Nach Halevy in Comptes rendus des Seances de l'Äcademie des Inscriptions et

Belles-Lettres, quatr. ser. XII, S. 214 fgg.

a Ich erlaube mir bei dieser Gelegenheit auf einen von mir im Jahre 1859 ver-

öffentlichten Artikel zu verweisen. Alter der Schrift in Indien" und ist

Er ist betitelt „Ein paar Worte zur Frage über das

im Bulletin de l'Äcademie des Sciences de St. Peters-

bourg, T. I, S. 347 fgg. = Melanges asiatiques, T. III, S. 715 fgg. erschienen.

Einleitung.

XIJ1

mana; mehrere bei ihm vorkommende Kunstausdrücke auch in an-

deren Sütra, die aber jünger sein könnten als Pänini's Sütra. 1 Die

bei mir im Abschnitt „Erklärung der grammatischen Elemente"

S.

147* bis 187* verzeichneten Suffixe, Augmente, Substitute

und Sigla mit ihren mannichfachen aufzulösenden und stummen

Lauten mögen aber, zum grössten Theil wenigstens, eine Erfin-

dung Pänini's sein. Auch die ganze wunderbare Anordnung des

Stoffes werden wir wohl Pänini zuschreiben dürfen.

Unser Grammatiker führt, wenn er dieses auch nicht aus-

drücklich sagt, alle Wörter, die uns als zerlegbar erscheinen,

schliesslich auf Verbalwurzeln zurück. Einen grossen Theil aber

auch für uns zerlegbarer Nominalstämme übergeht er, in dem

er

uns auf die unädajas verweist.

Die Präpositionen, die auch

in der uns vorliegenden Redaction der unädi- Sütra nicht zer- legt werden, wird er wahrscheinlich für primitive, unzerlegbare Wörter angesehen haben. Die für primär geltenden Verbal-

wurzeln finden wir im Dhätupätha verzeichnet.

Diese Samm-

lung wird Pänini zugeschrieben; jedenfalls hat er sie gekannt mit ihrer Eintheilung, ihren Accenten und stummen Lauten, da er alles dieses in seiner Grammatik als bekannt, voraussetzt und

darauf seine Regeln gründet. Aus practischen Rücksichten füh-

ren auch die abgeleiteten Verbalstämme, wie Causativa, Deside-

rativa, Intensiva und Denominativa, bei Pänini den Namen Ver-

balwurzel (\JTfT)-

Die Wurzeln erscheinen in der Sprache niemals ohne Suffix.

Nominalstämme, wie f^^ u. s. w., die wir für nackte Wurzeln

ansehen, sind mit einem Suffix versehen, das wieder abgefallen

ist.

Jedes wirkliche Wort (TJF) geht auf eine Personal- oder

Casusendung aus. Indeclinabilia und Nominalstämme in einem

Compositum haben gleichfalls ein verloren gegangenes Suffix.

Von der Wurzel wird das Verbum finitum durch Anfügung von

1 Das Wort Sütra als Bezeichnung einer Gattung von Werken kommt bei Pänini mehrere Male vor, speciell werden nur Nata- und Bhikshu- Sütra genannt.

XIV

Einleitung.

Personalendungen, und Nominalstämme durch Anfügung von

krt- Suffixen gebildet. Das Verbum finitum, mit Ausnahme des reduplicirten Perfects und des Precativs, besteht immer aus drei

Theilen:

aus der Wurzel, aus der Personalendung und einem

Suffixe, welches zwischen beiden eingefügt wird. Bei Formen, in

denen

dieses Zwischenglied fehlt, wie im Präsenssystem der

Wurzeln zweiter und dritter Klasse und in einigen Aoristbil-

dungen,

ist

das

gangbare Suffix abgefallen.

Auch Nominal-

stämme haben bisweilen zwischen Wurzel und krt -Suffix ein

eben solches Zwischenglied. Einem Nominalstamm kommen drei

Arten von Suffixen zu: die taddhita, die Femininsuffixe und die

Casusendungen.

Jeder andere Zuwachs, der bei der Bildung

eines Stammes oder bei

der Anfügung eines Suffixes zum Vor-

schein kommt, ist ein Augment, das bedeutungslos ist, während

die Suffixe stets eine bestimmte Bedeutung haben. Alle übrigen

Veränderungen, die ein Stamm, ein Suffix oder Augment erlei-

den, heissen Substitute. Auch das Verschwinden eines Lautes,

einer Silbe,

eines

Suffixes, ja

sogar

eines ganzen Wortes

(in

einem Compositum) gilt für ein Substitut.

Nur

selten besteht ein Suffix oder ein Substitut,

ein Aug-

ment aber niemals, bloss aus den Lauten, die wirklich angefügt

oder an

die Stelle

eines

anderen Elements gesetzt werden. In

der Regel sind sie noch mit anderen Lauten, die wir stumme

nennen, versehen.

Diese bezeichnen

die Art und Weise der

Anfügung, der Bildung des Femininums, der Declination, den

Accent u. s. w. und dienen sehr zur Vereinfachung der Hegeln. Ein

paar Beispiele werden die Sache klar machen.

Ein Suffix

hat

in der Regel den Acut auf der

ersten Silbe; ist es aber ton-

los, so erhält es ein stummes Tf ; hat es den Acut auf der letzten

Silbe,

so

wird dieses durch ein x[ bezeichnet;

ein stummes ff

zeigt an, dass das Suffix auf der letzten Silbe den Svarita hat ; er-

hält die erste Silbe des Stammes nach Anfügung eines Suffixes den

Acut, so wird dieses durch ^ (ohne Verstärkung des Stammes),

ST (mit Vrddhi in der ersten Silbe) und ^ (bei taddhita, welche

Einleitung:.

XV

Vrddhi erfordern) ausgedrückt. Solche stumme Laute mit ver-

schiedenen Accenten haben auch die Wurzeln im Dhätupätha;

sie bezeichnen die Art und Weise der Flexion, dass die Wurzel im Parasmaipada oder Atmanepada oder in beiden gebraucht

wird,

dass bestimmte Suffixe den Bindevocal ^ erhalten,

dass

ein Nasal infigirt wird, dass bestimmte Nominalstämme von ihr

gebildet werden können u. s. w.

Auch die Wurzel selbst trägt

einen bestimmten bedeutungsvollen Accent.

Pänini bedient sich eines sinnigen Mittels, mehrere in irgend

einer Beziehung mit einander verwandte Elemente, die in einer

bestimmten Reihenfolge aufgeführt zu werden pflegen, unter eine

Benennung zu bringen: er fügt an das erste Element den stum-

men Laut

des letzten.

Dieser neue Complex von Lauten be-

zeichnet alle dazwischenliegenden Glieder.

Um

alle

zu

einer

Consonantengruppe gehörigen Laute zusammenzufassen, fügt

unser Grammatiker an die

erste nicht - aspirirte Tenuis ein ^;

so bezeichnet cR alle fünf Gutturale, "rf alle fünf Palatale, 7 alle

^

N«J

v£

fünf Cerebrale, ff alle fünf Dentale und Tf alle fünf Labiale.

Unser Grammatiker bringt selbstverständlich wie wir be-

grifflich Zusammengehöriges unter eine gemeinsame Benennung. Auch er fasst z. B. alle Pronomina unter einem gemeinsamen

Namen zusammen, unterscheidet sich aber darin von uns, dass

er, wenn das Pronomen in einem bestimmten Falle nicht pro-

nominal declinirt wird, nicht wie wir sagt, dass in einem solchen

Falle die Regel keine Anwendung finde, sondern, dass das Pro-

nomen in diesem Falle nicht Pronomen heisse oder sei.

Ein

anderes Beispiel:

er sagt nicht, dass ein consonantisch auslau-

tender Nominalstamm vor bestimmten consonantisch anlautenden

Suffixen in Bezug auf die euphonische Behandlung des Auslauts wie ein fertiges Wort behandelt werde, sondern, dass der No-

minalstamm (lTrfrTTr"fe^fi) in diesem Falle ein fertiges Wort (if^)

heisse oder sei. Aus diesem Verfahren, das den Unterricht durch

Vermeidung von beständigen Wiederholungen auf Kosten der

Wissenschaftlichkeit vereinfacht, erklären wir uns, dass auch

XVI

Einleitung.

abgeleitete Yerbalstämme, wie Causativa, Desiderativa, Intensiva,

Denominativa u. s. w., den Namen Verbalwurzel (VTfT) erhalten.

Kürze des Ausdrucks ist das Ziel dieser Methode, bei der auch

Alles was an oder mit Etwas in einem gegebenen Falle vorzu- nehmen ist, nicht durch besondere Worte, sondern durch ver-

schiedene Casus ausgedrückt wird.

So bezeichnet der blosse

Nominativ das was, der Ablativ das wonach, der Locativ das

wovor oder in Verbindung womit, der Genetiv das wofür oder

woran Etwas treten soll.

Was und wie weit Etwas im Folgenden zu ergänzen ist,

gibt Pänini in der Regel an.

Ein solches Wort,

Suffix u. s. w.,

heisst Adhikära.

Zu 1, 3, 11 habe ich angegeben, wie ein sol-

cher Adhikära in dieser Ausgabe kenntlich gemacht wird.

Die Anordnung der Sütra kann uns hier und da befremden,

ist aber streng durchdacht und in bewunderungswürdiger Weise

durchgeführt. Erstrebt wird die möglichste Kürze und Vermei-

dung aller Wiederholungen, und dieses wird ohne allen Zweifel

erreicht. Je aufmerksamer man Pänini's Grammatik studirt, um

so mehr wird man über den Scharfsinn und die glückliche Be-

wältigung des ungeheuren Stoffes erstaunen.

Sie

ist in ihrer

Art ein Meisterstück ersten Ranges. Spätere Grammatiken, die

Pänini's Sütra aus der unverrückbaren Ordnung gebracht haben,

um alles dem Stoffe nach Zusammengehörige aneinander zu

reihen, sind ohne ausführliche Commentare, die stets auf etwas

weit Vorangegangenes oder Folgendes Rücksicht nehmen müssen,

ganz unverständlich und als Missgriffe zu betrachten. Nicht zu billigen ist es, wenn Pänini bisweilen aus der Con-

struction fällt oder Wurzeln und grammatische Elemente (in der S. 146* angegebenen Bedeutung) gegen seine sonstige Gewohn- heit nicht flectirt. Aber auch von grösserer Unachtsamkeit ist

er nicht freizusprechen.

So

erscheint z. B. 3, 3, 90 unter den

sechs Wurzeln, die ein Nomen act. auf ^ (»TS») bilden, auch

Jfä.

Das stumme 5: des Suffixes erfordert aber Schwächung

der Wurzel,

die

hier nicht eintritt,

da das Nomen act. "Ofö

Einleitung.

XVII

lautet und in dieser Form auch bei Pänini selbst auftritt.

Auf

andere kleine Versehen habe ich an der betreffenden Stelle auf-

merksam gemacht. Wenn Kätjäjana solche Versehen rügt, sucht

Patarigali sie auf irgend eine spitzfindige Art zu bemänteln. Wer

an einer solchen Kritik des grossen Grammatikers Gefallen fin- det, möge sich in das uns jetzt in musterhafter Ausgabe vor-

liegende Mahäbhäshja vertiefen. Ein jüngerer Gelehrter macht

sich vielleicht daran, alle derartigen Schwächen zusammenzustel-

len und unter bestimmte Gesichtspuncte zu bringen; ich habe

nur ausnahmsweise auf solche Versehen aufmerksam gemacht.

Ueberaus inconsequent verfährt Pänini mit den Wurzeln, die bei

ihm in ihrer wahren Gestalt, mit einem bedeutsamen stummen

Laut, mit einem bedeutungslosen ^ oder ** (wenn die Wurzel

consonantisch auslautet) oder in der 3. Sg. Praes. auf f^f (ohne

Rücksicht auf das Genus des Verbums) erscheinen. Consonan-

tisch auslautende Wurzeln treten in dieser ihrer Form in der

Regel nur vor Casusendungen auf. In dem Abschnitt „Pänini's Wortschatz" S. 193* fgg. habe ich bei den Wurzeln in Klam-

mern die verschiedenen Formen angegeben, unter denen Pänini

die in Rede stehenden Wurzeln aufführt. Von den Werken der profanen Literatur im Gegensatz zur

vedischen (zu der auch die Brähmana gehören 1 ), die Pänini er-

wähnt, und deren Sprache ohne Zweifel mit der zu seiner Zeit

von den Gebildeten geredeten und schlechtweg Bhäshä 2 „Sprache" genannten übereinstimmte, ist keines auf uns gekommen. Hier- her gehören die Nata- und Bhikshu-Sütra, Indragananija, Jama-

sabhija, Qicukrandija u. s. w.; vgl. noch 6, 2, 103.

Das Mahä-

  • 1 Alle Eigenthümlichkeiten der Sprache in den Brähmana, die in dem späteren

klassischen Sanskrit ganz verschwinden, wie die verschiedenen Infinitive, der Conjunctiv

  • u. s. w., werden von Pänini ausdrücklich für vedische erklärt.

    • 2 Dass irrem im Dhätupätha 10, 242. 257, wie Westergaard und nach ihm F. Max

Müller (The Science of Thought, S. 344 fg.) annehmen, anders als JTfira, •WTff, fWTO

  • u. s. w., d. i. die Bedeutung von habend", ebendaselbst und bei Pänini aufzufassen sei, ist mehr als unwahrscheinlich. Wir wundern uns auch über andere im Dhätup. einer

Wurzel gegebenen Bedeutungen.

XVIII

Einleitung.

bhärata wird auch genannt, kann aber, wenn es bei Pänini über-

haupt ein bestimmtes Werk bezeichnen sollte, nicht das uns jetzt vorliegende Epos sein, da auf dessen eigenthümliche ungram-

matische Formen gar keine Eücksicht genommen wird.

In der

uns bekannten Literatur nach Pänini gewahren wir einen Ver-

fall der Sprache.

Wir vermissen hier die von Pänini geforderte

genaue Unterscheidung der verschiedenen Präterita und Futura.

Die Verwendung der Participia auf ff und rfcffT als Verba finita,

die Patangali schon kennt, 1 wird von Pänini nicht erwähnt, ob-

gleich er es nicht versäumt anzugeben,

dass bisweilen die Par-

ticipia

auf

s^ffT

und

c^ als Verba finita auftreten.

Das peri-

phrastische Perfectum lehrt Pänini nur mit <K bilden, 2 obgleich

schon im Aitareja-Brähmana einmal (7, 17, 7)

^||4-|rt^|4-||f|

vorkommt. In dem von uns mitgetheilten Wortschatz Pänini's fin-

den wir eine grosse Anzahl von Wörtern, nach denen wir in der

uns bekannten Literatur vergebens suchen würden. Anzunehmen,

dass der wortkarge Pänini solche Wörter zu seinem Vergnügen

erfunden haben sollte, liegt gar keine Veranlassung vor.

Alle

diese Erscheinungen beweisen, dass unserem Grammatiker eine ältere Sprache als das uns jetzt bekannte, sogenannte klassische

Sanskrit, vorgelegen hat.

Hüten wir uns also ihn nach der uns

bekannten Sprache beurtheilen und meistern zu wollen. Auch

die ältesten indischen Grammatiker mögen in dieser Hinsicht

bisweilen ungerecht gegen ihn gewesen sein. Die vedische Sprache ist, wie es sich auch erwarten liess,

etwas stiefmütterlich behandelt; jedoch fehlt es nicht an einigen

feinen Beobachtungen.

^ol|G||t!f| im Rgveda

Dahin gehört z. B. die Angabe, dass

nur am Ende

eines Stollens angetroffen

wird, was, soweit ich weiss, kein europäischer Gelehrter bemerkt

  • 1 Mabäbh. I, 9, 11 fgg.

2

dern für

3, 1, 40.

Wenn Patangali hier gtäl nicht einfach für die Wurzel 35 hält, son- das aus ^5, 4, 50 und dem 51 von g»5f 5, 4, 58 gebildet sei und

ein Siglum,

demnach

auch die in 5, 4, 50 erwähnten Wurzeln W und HR umfasse, so ist dieses eine

Spitzfindigkeit, die alles Maass übersteigt.

Einleitung.

XIX

hat.

Für das, was uns Pänini aus uns unbekannten vedischen

Texten beibringt, sind wir ihm zu Dank verpflichtet.

Pänini's Sütra sind aller Wahrscheinlichkeit nach nicht übel

überliefert. In einigen Handschriften, insbesondere aber in der

Käcikä, finden wir zahlreiche Einschaltungen, 1

Hülfe des Mahäbhäshja leicht zu erkennen sind.

die

aber mit

Einige einge-

schobene Sütra wollte ich nicht entfernen,

um nicht die gang-

bare Numeration zu stören;

sie sind von mir eingeklammert

worden.

Aus dem Umstände, dass weder Kätjäjana noch Pa-

tarigali ein Sütra besonders besprechen, kann noch nicht ge-

folgert werden,

dass es ihnen nicht vorgelegen habe.

So

ist

z. B. 1, 3, 40 ohne 38 und 39 ganz unverständlich, also müssen

diese Sütra von ihnen gekannt worden sein, obgleich sie nicht

besprochen werden.

Ebenso verhält es

sich mit

1,

3, 48.

58.

Kielhorn wird uns wohl einmal alle die Sütra angeben, auf die