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Emanuel Todd

Weltmacht USA
Ein Nachruf
s&c by unknown
Die aggressive Außenpolitik von US-Präsident George W. Bush beunruhigt
die Welt. In diesem aufsehenerregenden Bestseller weist Emmanuel Todd
nach, daß diese Politik kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche ist:
In Wirklichkeit sind die Vereinigten Staaten wirtschaftlich und politisch vom
Rest der Welt abhängig, befindet sich die einstige „alleinige Supermacht" im
Niedergang. Von dieser Tatsache lenkt die Bush-Administration ab, indem
sie gegen die von ihr erfundene „Achse des Bösen" zu Felde zieht...
ISBN 3-492-04535-9
Original »Apres l'empire. Essai sur la décomposition du Systeme américain«
Aus dem Französischen von Ursel Schäfer und Enrico Heinemann
© Piper Verlag GmbH, München 2003

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!


Buch

Die Zeit der imperialen Herrschaft Amerikas ist vorbei! Mit
dieser These legt Emmanuel Todd ein Buch vor, das in
Frankreich eine große Diskussion auslöste und mittlerweile in
11 Sprachen übersetzt ist.
Die Welt ist zu groß, zu vielgestaltig, zu dynamisch, sie
nimmt die Vorherrschaft einer einzigen Macht nicht mehr hin.
Und die USA selber haben nicht mehr das Ziel, die Demokratie
zu verbreiten, obwohl Präsident George W. Bush nicht müde
wird, das zu behaupten. In Wirklichkeit geht es darum , die
politische Kontrolle über die weltweiten Ressourcen zu sichern.
Denn die USA sind mittlerweile vom „Rest der Welt" viel
abhängiger als umgekehrt. Amerika versucht, seinen Niedergang
zu kaschieren durch einen theatralischen militärischen
Aktionismus, der sich gegen relativ unbedeutende Staaten
richtet. Der Kampf gegen den Terrorismus, gegen den Irak und
die „Achse des Bösen" ist nur ein Vorwand.
Die wichtigsten strategischen Akteure sind heute Europa und
Rußland, Japan und China. Amerika hat nicht mehr die Kraft,
sie zu kontrollieren, und wird noch den letzten verbliebenen Teil
seiner Weltherrschaft verlieren. In Zukunft wird Amerika eine
Macht neben anderen sein.

Autor

Emmanuel Todd , geboren 1951, absolvierte das Institut
d'Etudes Politiques de Paris und promovierte dann in Cambridge
in Geschichte. Von 1977 bis 1984 war er Literaturkritiker für Le
Monde. Seitdem arbeitet er als Wissenschaftler am Institut
National d'Etudes Démographiques. Bereits 1976 sagte er in
seinem Buch La chute finale den Zusammenbruch der
Sowjetunion voraus. Die französische Originalausgabe seines
Buches Apres l'empire stand monatelang auf den Bestsellerlisten
und wurde als eines der meistdiskutierten politischen Bücher
bislang in 11 Sprachen übersetzt.


Für Magaly


Inhalt

Vorwort für die deutsche Ausgabe....................................... 6
Einführung.......................................................................... 10
KAPITEL 1 Der Mythos vom weltweiten Terrorismus..... 35
KAPITEL 2 Die große demokratische Bedrohung............ 61
KAPITEL 3 Die imperiale Dimension............................... 78
KAPITEL 4 Die Unsicherheit des Tributs ....................... 101
KAPITEL 5 Der Rückgang des Universalismus.............. 125
KAPITEL 6 Dem Starken die Stirn bieten oder den
Schwachen angreifen? ...................................................... 150
KAPITEL 7 Die Wiederkehr Rußlands ........................... 175
KAPITEL 8 Die Emanzipation Europas .......................... 202
Schluß ............................................................................... 229
Anmerkungen................................................................... 243

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Vorwort für die deutsche Ausgabe
Dieses Buch kam in Frankreich Anfang September 2002
heraus. Von der Kritik wurde es insgesamt positiv
aufgenommen, offenbar konnte man die These, daß Amerika
sich im Niedergang befindet, mit Gelassenheit in Betracht
ziehen. Der Gang der Ereignisse seither hat die hier formulierten
Interpretationen und Mutmaßungen weitestgehend bestätigt. Wir
können sogar von einer Beschleunigung des Prozesses sprechen.
Die Vereinigten Staaten, die noch bis in allerjüngste Zeit ein
internationaler Ordnungsfaktor waren, erscheinen nun immer
deutlicher als Unruhestifter.
Die amerikanische Wirtschaft gibt uns zunehmend Rätsel auf:
Wir können nicht mehr genau sagen, welche Unternehmen
tatsächlich real existieren. Wir verstehen vor allem nicht mehr,
wie die US-Wirtschaft funktioniert, und wir wissen nicht,
welche Wirkung es auf die verschiedenen Bereiche dieser
Wirtschaft haben wird, wenn die Zinsen endgültig bis auf null
gesenkt sein werden. Die Besorgnis der amerikanischen
Politiker ist beinahe mit Händen zu greifen. Sie hat bereits zur
Entlassung des amerikanischen Finanzministers O'Neill geführt.
Tag für Tag verfolgt die Presse mit gespannter Aufmerksamkeit
die Entwicklung des Dollarkurses.
Zum wirtschaftlichen Durcheinander kommt noch ein
außenpolitisches und militärisches Chaos hinzu. Die Irakpolitik
der Vereinigten Staaten zielt darauf ab, die Welt in den Krieg zu
stürzen. Aber der hektische Aktionismus der amerikanischen
Regierung, ihr Beharren darauf, unbedingt »Stärke« zu
demonstrieren, verrät nur, wie unsicher Amerika in
wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, kultureller und strategischer
Hinsicht ist. Denn die USA beherrschen längst nicht mehr die
Welt, sie sind dabei, die Kontrolle zu verlieren.
Noch vor einem möglichen Angriff auf den Irak könnte die
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Auflösung des amerikanischen Systems beginnen.
Für amerikanische Politiker und Journalisten war es bisher
selbstverständlich, in Deutschland den ergebenen Verbündeten
zu sehen. Nun widersetzt sich Deutschland dem Krieg, es hat
gewissermaßen das Signal für den Aufbruch Europas in die
strategische Autonomie gegeben. Dank der deutschen Haltung
konnte Frankreich wirksam bei der UNO tätig werden und die
amerikanischen Kriegspläne verzögern. Bei der Diskussion über
die Resolution 1441 zur Rüstungskontrolle im Irak kam man der
pragmatischen Realisierung eines am Schluß von »Weltmacht
USA - Ein Nachruf« formulierten Vorschlages sehr nahe:
Frankreich sollte seinen Sitz im Sicherheitsrat und sein
Vetorecht mit Deutschland teilen. Denn ohne den deutschen
Widerstand gegen einen Irakkrieg hätte Frankreich nichts
bewirken können. Die beiden Partner Deutschland und
Frankreich arbeiten wieder effektiv zusammen, und das beweist
die globale Orientierung der Europäer. Berlin und Paris
brauchen natürlich die stillschweigende Unterstützung der
anderen Mitglieder der Europäischen Union. Es ist jedoch
höchst beeindruckend, welches Maß an soft power - um die
Formel von Nye aufzugreifen - Deutschland und Frankreich
entfalten, wenn sie einig sind: in Europa und in der Welt.
Die amerikanischen Verantwortlichen in der Politik und in
den Medien waren in diesem Fall ganz außerordentlich
verblendet. Sie behaupteten, Deutschland sei isoliert, während
doch gerade dieser Akt der Unabhängigkeit und das Bekenntnis
zum Frieden die internationale Legitimität Deutschlands
stärkten. Wohl zum ersten Mal betrachtete man in Paris die
Fahne der Bundesrepublik mit uneingeschränktem Wohlwollen.
Die nächste Etappe bei der Auflösung des amerikanischen
Systems wird eine explizite Annäherung zwischen Europa und
Rußland sein in dem Bestreben, einen ausreichend soliden
Gegenpol zu bilden und die Amerikaner aufzuhalten. Wenn der
Krieg gegen den Irak kommt, muß dieser Schritt rasch erfolgen.
-8-
Außerdem muß sich Ostasien von den Vereinigten Staaten
emanzipieren, und dies gilt vor allem für Japan und Südkorea.
Im Verhältnis zu Rußland wird einmal mehr, ich betone es, die
Haltung Deutschlands ausschlaggebend sein, und zwar meines
Erachtens aus offensichtlichen historischen und geographischen
Gründen. Die Haltung Großbritanniens bleibt ungewiß. Tony
Blair scheint gelähmt, weil ihm offenbar jede strategische
Vision fehlt. Aber seine Politik der bedingungslosen
Gefolgschaftstreue zur amerikanischen Regierung ist
zerstörerisch für die internationale Bedeutung seines Landes,
und wir dürfen nicht übersehen, daß auch die britische
Öffentlichkeit in der Frage von Nutzen und Sinn eines Krieges
gegen den Irak gespalten ist. Die gegenwärtige Situation hat uns
zur Rolle des Vereinigten Königreichs zweierlei gelehrt: Zum
einen kann Großbritannien nur wenig Einfluß auf den Kurs
Europas nehmen, wenn Deutschland und Frankreich sich einig
sind. Umgekehrt hat auch Kontinentaleuropa wenig
Möglichkeiten, auf das Vereinigte Königreich Einfluß zu
nehmen. Aggressives Auftreten seitens der Europäer, das
Ausüben von Druck auf die Briten, in einer bestimmten Weise
gegenüber den Vereinigten Staaten aufzutreten, bewirken nur
das Gegenteil und binden den Inselstaat enger an seinen
transatlantischen Partner. Die Europäer sollten lieber abwarten,
bis die Briten durch das Verhalten der Vereinigten Staaten ihrer
Bündnistreue überdrüssig werden, zu zweifeln beginnen und
sich auf ihre europäische Identität besinnen. Die Europhobie der
amerikanischen Eliten wird auch Großbritannien nicht
verschonen, zumal Großbritannien für die Vereinigten Staaten in
gewisser Weise der eigene Ursprung ist, und folglich die
Quintessenz Europas.
Erst wenn Rußland, Japan, Deutschland - und warum nicht
auch Großbritannien? - ihre außenpolitische Handlungsfreiheit
wiedergewonnen haben, wird die Epoche des Kalten Krieges,
der ein Ergebnis des Zweiten Weltkrieges war, endgültig
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überwunden sein. Das Zeitalter der Ideologien wird vorüber
sein. Das Gleichgewicht der Mächte - Europa, Amerika,
Rußland, Japan, China - wird die internationale Politik prägen.
Keine einzelne Macht wird für sich in Anspruch nehmen
können, sie allein verkörpere »das Gute« auf der Welt. Und der
Frieden wird dann sicherer sein.

Dezember 2002
Emmanuel Todd


-10-
Einführung

Die Vereinigten Staaten sind auf dem besten Weg, zu einem
Problem für die Welt zu werden. Dabei waren wir daran
gewöhnt, daß sie die Lösung verkörperten. Ein halbes
Jahrhundert lang standen die USA für politische und
wirtschaftliche Freiheit, aber heute erscheinen sie immer mehr
als ein Faktor der internationalen Unordnung, und wo sie
können, fördern sie Instabilität und Konflikte. Sie fordern von
der ganzen Welt, sie solle anerkennen, daß bestimmte
zweitrangige Staaten eine »Achse des Bösen« darstellten, die
vernichtend geschlagen werden müsse: Saddam Husseins Irak,
der zwar großspurig auftritt, aber als Militärmacht eher
unbedeutend ist, Nordkorea unter Kim Jongil, das erste (und
letzte) kommunistische System, in dem die Macht nach dem
Erstgeburtsrecht weitergegeben wurde. Dieses Regime ist Relikt
einer vergangenen Epoche und wird ganz ohne äußeres Zutun
verschwinden. Der Iran, das andere obsessiv verfolgte Ziel, ist
von strategischer Bedeutung, aber befindet sich unverkennbar
im Übergang zu innerem und äußerem Frieden. Die
amerikanische Regierung stigmatisiert den Iran gleichwohl zum
vollwertigen Mitglied der »Achse des Bösen«. Die Vereinigten
Staaten haben China provoziert mit der Bombardierung der
chinesischen Botschaft in Belgrad im Kosovo-Krieg und indem
sie eine für die chinesische Führung bestimmte Boeing mit
leicht zu entdeckenden Abhöreinrichtungen präparierten.
Zwischen drei medienwirksamen Umarmungen und der
Unterzeichnung von zwei Abrüstungsvereinbarungen haben sie
Rußland herausgefordert durch Sendungen in tschetschenischer
Sprache auf Radio Free Europe, durch die Entsendung von
Militärberatern nach Georgien und durch die Einrichtung von
Militärbasen im ehemals sowjetischen Mittelasien, und das alles
-11-
Auge in Auge mit der russischen Armee. Und schließlich der
Gipfel dieser militaristischen Betriebsamkeit: Das Pentagon läßt
Informationen durchsickern, daß über Nuklearschläge gegen
Staaten nachgedacht werde, die gar keine Nuklearwaffen
besitzen. Die Regierung in Washington wendet damit eine
klassische strategische Denkfigur an, die aber ungeeignet ist für
ein Land von der Größe eines Kontinents: die »Strategie des
Verrückten«, nach der man potentiellen Gegnern möglichst
unberechenbar erscheinen sollte, weil sie das noch stärker
einschüchtere. Die seit langem diskutierte Einrichtung eines
Schutzschildes im Weltraum würde das nukleare Gleichgewicht
erschüttern und letzten Endes den Vereinigten Staaten erlauben,
den Rest der Welt mit Schrecken zu beherrschen. Doch heute
gehört dieses Projekt noch ins Reich der Science Fiction. Ist es
angesichts all dieser Aktivitäten verwunderlich, daß nach und
nach Furcht und Mißtrauen jene Länder ergreifen, die ihre
Außenpolitik auf ein beruhigendes Axiom gegründet haben: Daß
die einzige verbliebene Supermacht verantwortungsbewußt
agieren wird?
Die traditionellen Verbündeten und Schutzbefohlenen der
Vereinigten Staaten sind vor allem beunruhigt, weil sie nicht
weit von den Regionen entfernt liegen, die ihre Führungsmacht
als unzuverlässig bezeichnet. Südkorea wiederholt bei jeder
Gelegenheit, daß es sich von seinem in der kommunistischen
Steinzeit verbliebenen Nachbarn im Norden nicht bedroht fühlt.
Kuwait versichert, daß es sich nicht in einem Konflikt mit dem
Irak befindet.
Für Rußland, China und den Iran hat die wirtschaftliche
Entwicklung absolute Priorität, und in strategischer Hinsicht
bewegt sie nur ein Gedanke: gelassen auf die Provokationen
Amerikas zu reagieren, nichts zu tun oder, in Umkehrung der
Konstellation vor zehn Jahren, möglichst für Ordnung und
Stabilität in der Welt zu kämpfen.
Die großen Verbündeten der Vereinigten Staaten sind
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zunehmend konsterniert und vor den Kopf gestoßen. Pflegte in
Europa bislang allein Frankreich stolz seine Unabhängigkeit,
sehen wir nun mit einiger Überraschung ein verärgertes
Deutschland und ein Vereinigtes Königreich, den treuesten aller
treuen Verbündeten, das sehr beunruhigt ist. Am anderen Ende
Eurasiens drückt das Schweigen Japans eher wachsendes
Unbehagen aus als unverbrüchliche Bündnistreue.
Die Europäer verstehen nicht, warum Amerika den Konflikt
zwischen Israel und Palästina nicht regelt, obwohl es dazu in der
Lage wäre. Sie fragen sich allmählich, ob es Washington ins
Konzept passen könnte, daß dieser ständig schwelende
Krisenherd im Nahen Osten existiert und daß die arabischen
Völker wachsende Feindseligkeit gegenüber der westlichen
Welt bekunden.
Die Al Quaida, eine Bande kranker und zugleich genialer
Terroristen, ist in einer bestimmten, abgegrenzten Region des
Planeten entstanden, in Saudi-Arabien, auch wenn Bin Laden
und seine Offiziere einige Flüchtlinge in Ägypten und eine
Handvoll verirrter Seelen in westeuropäischen Vorstädten
rekrutiert haben. Die USA bemühen sich trotzdem, die Al
Quaida als eine ebenso stabile wie bösartige Organisation
hinzustellen, als Verkörperung des allgegenwärtigen - von
Bosnien bis zu den Philippinen, von Tschetschenien bis
Pakistan, vom Libanon bis zum Jemen - »Terrorismus«. Sie
rechtfertigen mit dem Verweis auf die Al Quaida jede
Strafaktion an jedem beliebigen Ort der Erde und zu jedem
beliebigen Zeitpunkt. Die Erhebung des Terrorismus in den
Status einer universellen Kraft institutionalisiert einen
permanenten Kriegszustand auf dem gesamten Planeten: Mit
einem vierten Weltkrieg hätten wir es zu tun, haben einige
amerikanische Kommentatoren geschrieben, die keine Angst
haben, sich dadurch lächerlich zu machen, daß sie den Kalten
Krieg als den Dritten Weltkrieg bewerten.
1
Es sieht ganz danach
aus, als wäre den Vereinigten Staaten, aus welchem Grund auch
-13-
immer, daran gelegen, ein bestimmtes Niveau internationaler
Spannungen zu erhalten, einen begrenzten, aber endemischen
Kriegszustand.
Nur ein Jahr nach dem 11. September 2001 ist diese
Wahrnehmung amerikanischer Politik erstaunlich. Denn in den
Stunden nach dem Anschlag auf das World Trade Center
erlebten wir die amerikanische Hegemonie von ihrer
überzeugendsten und sympathischsten Seite: eine akzeptierte
Supermacht in einer Welt, die in der großen Mehrheit
anerkannte, daß der Kapitalismus in der Wirtschaft und die
Demokratie in der Politik die einzig vernünftigen und möglichen
Organisationsformen sind. Wir sahen ganz klar, daß die größte
Stärke Amerikas die Legitimität war. Die Länder der Welt
bekundeten umgehend ihre Solidarität, alle verurteilten die
Anschläge. Von den europäischen Verbündeten kam der
Wunsch nach aktiver Solidarität im Rahmen der NATO.
Rußland ergriff die Chance zu zeigen, daß es vor allem gute
Beziehungen zum Westen wünscht. Die Russen lieferten der
afghanischen Nordallianz die Waffen, die sie brauchte, und
eröffneten den amerikanischen Streitkräften den unverzichtbaren
strategischen Raum in Mittelasien. Ohne die aktive Beteiligung
Rußlands wäre die amerikanische Offensive in Afghanistan
nicht möglich gewesen.
Die Anschläge vom 11. September haben die Psychiater
fasziniert: Die Erfahrung, daß Amerika verwundbar ist, hat
weltweit nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder
beunruhigt. Die Welt stürzte in eine seelische Krise, und sie
machte die mentale Struktur des Planeten sichtbar: Amerika, die
einzig verbliebene und legitime Supermacht, war eine Art
rational nicht erfaßter Schlußstein im Bogen dieser mentalen
Architektur. Die Anhänger Amerikas wie die Amerikagegner
verhielten sich wie Kinder, denen die Bezugsperson abhanden
gekommen war, die sie brauchten, sei es um sich zu unterwerfen
oder um gegen sie zu rebellieren. Kurzum, die Anschläge vom
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11. September haben deutlich gemacht, daß wir uns freiwillig in
das Abhängigkeitsverhältnis von Amerika begeben hatten.
Joseph Nyes Theorie der soft power wurde eindrucksvoll
bestätigt: Amerika herrschte nicht oder wenigstens nicht in
erster Linie mit Waffen, sondern weil seine Werte, seine
Institutionen und seine Kultur in hohem Ansehen standen.
Drei Monate nach den Anschlägen hatte die Welt anscheinend
ihr normales Gleichgewicht wiedergefunden. Amerika hatte
gesiegt, war dank einiger Bombardements wieder allmächtig.
Die Vasallen glaubten, sie könnten sich wieder ihren eigenen
Problemen zuwenden, hauptsächlich wirtschaftlichen und
innenpolitischen. Die Amerikagegner schickten sich an, die
ewige Litanei ihrer Vorwürfe an die Weltmacht Amerika dort
fortzusetzen, wo sie unterbrochen worden waren.
Gleichwohl rechnete man allgemein damit, daß die
Verwundung durch den 11. September - die relativiert wird,
wenn man daran denkt, welche Wunden der Krieg Europa,
Rußland, Japan, China oder auch Palästina geschlagen hat -
Amerika näher an den Rest der Welt heranbringen und die
Supermacht aufgeschlossener für die Probleme der Armen und
Schwachen machen würde. Die Welt hatte eine Vision: Alle
oder fast alle Länder würden die Legitimität der amerikanisehen
Herrschaft anerkennen, und daraus würde ein wahres Reich des
Guten entstehen. Die Beherrschten dieser Erde würden eine
zentrale Macht anerkennen, die amerikanischen Herrscher
jedoch würden sich der Idee der Gerechtigkeit unterwerfen.
Doch das Verhalten der Vereinigten Staaten auf der
internationalen Bühne erschütterte nach und nach diese Vision.
Das ganze Jahr 2002 hindurch erlebten wir eine Renaissance des
Unilateralismus, der sich bereits in der zweiten Hälfte der
neunziger Jahre gezeigt hatte, als Amerika im Dezember 1997
den Vertrag von Ottawa über das Verbot von
Antipersonenminen nicht unterzeichnet und im Juli 1998 die
Vereinbarung über die Einrichtung eines internationalen
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Strafgerichtshofes nicht akzeptiert hatte. Allem Anschein nach
ging die Geschichte in den alten Bahnen weiter, ganz im alten
Geiste verweigerten die Vereinigten Staaten die Unterzeichnung
des Kyoto-Protokolls über die Reduzierung der Treibhausgase.
Der Kampf gegen Al Quaida hätte die Legitimität der
Vereinigten Staaten institutionalisieren können, wenn sie ihn
besonnen und vernünftig geführt hätten. Statt dessen verstärkte
er den Eindruck der Verantwortungslosigkeit Amerikas. Das
Bild eines narzißtischen, unberechenbaren und aggressiven
Amerika trat an die Stelle des Bildes von der verletzten,
sympathischen und für das Gleichgewicht auf unserem Planeten
entscheidenden Nation. So ist die Lage heute. Doch was
bedeutet das für uns?
Besonders beängstigend ist in der gegenwärtigen Situation im
Grunde die Tatsache, daß es keine überzeugende Erklärung für
das amerikanische Verhalten gibt. Warum ist die »einsame
Supermacht« nicht entsprechend der Tradition, die sich nach
dem Zweiten Weltkrieg etabliert hat, die benevolente und
vernünftige Herrscherin? Warum verhält sie sich so hektisch
und destabilisierend? Weil sie allmächtig ist? Oder im
Gegenteil, weil sie merkt, daß ihr die Herrschaft über die Welt,
die allmählich entsteht, zu entgleiten droht?
Bevor wir uns daran machen, ein Erklärungsmodell für das
Verhalten der Vereinigten Staaten auf internationaler Ebene zu
entwickeln, müssen wir uns von dem Klischee befreien, daß das
einzige Problem der USA das Übermaß an Macht sei. Die
notorischen Amerikagegner werden uns dabei nicht
weiterhelfen, hingegen können uns die Denker des
Establishments den richtigen Weg weisen.

Das Problem des drohenden Niedergangs

Aus der Ecke des strukturellen Antiamerikanismus kommt die
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übliche Reaktion: Amerika ist von Natur aus schlecht, es ist die
Staat gewordene Verkörperung der Bösartigkeit des
kapitalistischen Systems. Die unverbesserlichen Amerikagegner
erleben heute eine Blütezeit, ob sie nun Bewunderer kleiner
lokaler Despoten vom Schlage eines Fidel Castro sind oder
nicht, ob sie begriffen haben oder auch nicht, daß das System
der zentralen Planwirtschaft total versagt hat. Denn sie können
nun endlich darlegen, inwiefern die Vereinigten Staaten dem
Gleichgewicht und dem Glück auf dem Planeten geschadet
haben, ohne daß sie belächelt werden. Täuschen wir uns nicht:
Diese Amerikagegner verhalten sich zur Realität und zur Zeit
wie eine Uhr, die stehen geblieben ist - zweimal am Tag zeigt
sie die richtige Stunde. Die typischsten Vertreter dieser
Denkrichtung sind im übrigen Amerikaner. Lesen Sie die
Schriften von Noam Chomsky: Sie werden ihnen nicht
entnehmen, daß die Welt sich weiterentwickelt hat. Amerika ist
nach dem Fall des Sowjetsystems nicht anders als davor, es ist
militaristisch, repressiv, spiegelt eine Liberalität vor, die es nicht
hat, das zeigt sich heute im Irak wie vor fünfundzwanzig Jahren
in Vietnam.
2
Und Chomskys Amerika ist nicht nur böse,
sondern auch allmächtig.
Aus einem eher kulturellen und moderneren Blickwinkel
argumentiert Benjamin Barber in seinem Buch Coca-Cola und
Heiliger Krieg. Er malt das Bild einer Welt, die geprägt ist von
der Konfrontation zwischen der verachtenswerten
amerikanischen Unkultur und gleichermaßen unerträglichen
Relikten einzelner Stammeskulturen.
3
Barber zufolge wird die
Amerikanisierung den Sieg davontragen, und das läßt vermuten,
daß er aller Kritik zum Trotz und ohne sich dessen voll bewußt
zu sein, ein amerikanischer Nationalist ist. Auch er überschätzt
die Macht seiner Nation.
In die Kategorie der Überschätzung fällt auch die Rede von
der amerikanischen Hypermacht. Auch wenn die Außenpolitik
des ehemaligen französischen Außenministers Hubert Védrine
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dem Beobachter durchaus Respekt abnötigt, müssen wir sagen,
daß dieser Begriff, der ihm so sehr am Herzen liegt, die Analyse
eher behindert als fördert.
Derartige Konzepte bringen uns bei dem Bemühen, die
aktuelle Situation zu verstehen, nicht weiter. Sie setzen ein
überzeichnetes Bild von Amerika voraus, überzeichnet
manchmal, was die bösen Seiten angeht, stets jedoch, wenn von
der Macht die Rede ist. Sie hindern uns daran, das Geheimnis
der amerikanischen Außenpolitik zu erkennen, denn die Lösung
liegt in der Schwäche und nicht in der Stärke. Der erratische und
aggressive strategische Kurs, kurz das trunkene Taumeln der
»einsamen Supermacht«, kann nur befriedigend erklärt werden
durch die Aufdeckung ungelöster und vielleicht unlösbarer
Probleme und durch die Gefühle von Insuffizienz und Furcht,
die aus dieser Situation resultieren.
Aufschlußreicher ist da die Lektüre von Analysen, die vom
amerikanischen Establishment produziert wurden. Jenseits aller
Unterschiede finden wir bei Paul Kennedy, Samuel Huntington,
Zbigniew Brzezinski, Henry Kissinger und Robert Gilpin das
gleiche abwägende Urteil über ein Amerika, das ganz und gar
nicht unbesiegbar ist und vor der Aufgabe steht, mit dem
unvermeidlichen Machtverlust in einer immer stärker
bevölkerten und immer mehr entwickelten Welt fertigzuwerden.
Die Analysen der amerikanischen Stärke fallen unterschiedlich
aus: Kennedy und Gilpin sehen sie vorrangig auf
wirtschaftlichem Gebiet, Huntington auf kulturellem und
religiösem, Brzezinski und Kissinger auf diplomatischem und
militärischem. Aber immer überwiegt eine gemeinsame Sorge:
Die Macht der Vereinigten Staaten über die Welt erscheint
brüchig und bedroht.
Kissinger bleibt wie eh und je den Prinzipien des
strategischen Realismus treu und ist sehr beeindruckt von seiner
eigenen Intelligenz, aber darüber hinaus fehlt es ihm heute an
einer umfassenden Vision. Sein jüngstes Werk Die
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Herausforderung Amerikas ist nicht viel mehr als eine
Aufzählung lokaler Probleme.
4
Aber in einem älteren Werk, in
Paul Kennedys Aufstieg und Fall der großen Mächte, das bereits
1988 erschienen ist, finden wir ein sehr brauchbares Konzept:
Kennedy schreibt, Amerika sei von imperial overstretch,
imperialer Überdehnung, bedroht, einer diplomatischen und
militärischen Überbelastung, die sich klassischerweise einstellt,
wenn die relative ökonomische Stärke abnimmt.
5
Samuel
Huntington hat 1996 in seinem Buch Der Kampf der Kulturen
die Langfassung von Gedanken vorgelegt, die er bereits 1993 in
einem Beitrag für die Zeitschrift Foreign Affairs formuliert hat.
Seine Sicht ist eindeutig pessimistisch.
6
Viele Passagen erinnern
sehr an Spenglers Untergang des Abendlandes. Huntington geht
sogar so weit, daß er den weltweiten Vormarsch der englischen
Sprache kritisiert. Er empfiehlt einen bescheidenen Rückzug der
Vereinigten Staaten auf die westeuropäische Allianz, den
katholisch-protestantischen Block unter Ausschluß der
»Orthodoxen« in Osteuropa. Die beiden anderen Pfeiler des
amerikanischen strategischen Systems, Japan und Israel, tragen
das Stigma der »fremden« Kulturen und sollen deshalb ihrem
Schicksal überlassen werden.
Robert Gilpin verbindet in Global Political Economy (Globale
politische Ökonomie) ökonomische und kulturelle
Überlegungen, seine Analyse ist sehr akademisch, sehr
vorsichtig und sehr intelligent. Gilpin glaubt an den Fortbestand
des Nationalstaates und registriert darum mit scharfem Blick die
potentiellen Schwächen des amerikanischen Wirtschafts- und
Finanzsystems, die angesichts einer »Regionalisierung« des
Planeten dramatische Wirkungen entfalten könnten: Wenn
Europa und Japan ihre jeweiligen Einflußsphären organisieren,
würde Amerika als Zentrum der Welt überflüssig, und die
Neudefinition der wirtschaftlichen Rolle der Vereinigten Staaten
in einer solchen Konstellation dürfte einige Schwierigkeiten
bereiten.
7

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Zbigniew Brzezinski hat 1997 seine Analyse Die einzige
Weltmacht vorgelegt und erweist sich darin als der
scharfsinnigste der genannten Autoren, trotz seines erkennbaren
Desinteresses für wirtschaftliche Fragen.
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Wer seine Sicht der
Dinge verstehen will, sollte am besten einen Globus betrachten
und sich die außerordentliche geographische Isolation der
Vereinigten Staaten vor Augen halten. Das politische Zentrum
der Welt liegt weit ab vom Schuß. Man hat Brzezinski oft
vorgeworfen, er sei ganz einfach ein arroganter und brutaler
Imperialist. Seine strategischen Empfehlungen entlocken dem
Leser tatsächlich zuweilen ein Lächeln, insbesondere wenn er
schreibt, daß sich das Augenmerk Amerikas ganz besonders auf
die Ukraine und Usbekistan richten müsse. Aber seine Vision,
daß die Weltbevölkerung und die Weltwirtschaftskraft sich in
Eurasien konzentrieren, einem nach dem Zusammenbruch des
Kommunismus wiedervereinten Eurasien, und die Vereinigten
Staaten, isoliert in ihrer »Neuen Welt«, in Vergessenheit
geraten, ist eine großartige Eingebung, eine hellsichtige
Vorwegnahme der tatsächlichen Gefahren, die das
amerikanische System bedrohen.

Fukuyamas Paradox: Amerika triumphiert und ist überflüssig

Um zu verstehen, welche Sorgen das amerikanische
Establishment umtreiben, müssen wir uns auch ernsthaft damit
auseinandersetzen, welche strategischen Implikationen
Fukuyamas These vom Ende der Geschichte für die Vereinigten
Staaten hat. Fukuyama hat seine Gedanken in einem Aufsatz
und einem Buch aus den Jahren 1989 und 1992 formuliert. Die
Pariser Intellektuellen haben sich über seine These amüsiert und
zugleich gestaunt, wie Fukuyama Hegel vereinfachte und auf
sehr eingängige Weise zur Untermauerung seiner
Argumentation nutzte.
9
Die Geschichte habe ein Ziel, so
behauptete er, und ihr Endpunkt werde erreicht sein mit der
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universellen Verbreitung der liberalen Demokratie. Der Zerfall
der kommunistischen Systeme sei nur eine Etappe auf dem Weg
zur Freiheit aller Menschen, zuvor sei bereits eine andere
wichtige Etappe zurückgelegt worden: der Sturz der Diktaturen
in Südeuropa, in Portugal, Spanien und Griechenland. In diese
Entwicklungslinie gehörten auch der Übergang der Türkei zur
Demokratie und die Stabilisierung der demokratischen Systeme
in Lateinamerika. Fukuyama veröffentlichte sein Modell vom
Gang der menschlichen Geschichte genau zu dem Zeitpunkt, als
das Sowjetsystem zusammenbrach. In Frankreich wurde es als
typisches Beispiel für den naiven Optimismus der Amerikaner
rezipiert. Wer den wahren Hegel kannte mit seiner Loyalität
gegenüber Preußen, seiner lutherischen Achtung vor der
Autorität, seiner Staatsverehrung, der mochte seine Umwertung
zu einem individualistischen Demokraten erheiternd finden.
Was Fukuyama uns da präsentierte, war eine in
Hollywoodmanier weichgespülte Version Hegels. Der deutsche
Philosoph interessierte sich für den Gang des Geistes in der
Geschichte, bei Fukuyama hingegen geht es immer um die
ökonomischen Aspekte, auch wenn er von Bildung spricht, und
oft scheint er Marx näher, dem Propheten eines ganz anderen
Endes der Geschichte.
10
Die Entwicklung von Bildung und
Kultur spielt in Fukuyamas Modell nur eine untergeordnete
Rolle. Damit ist er ein sehr seltsamer Hegelianer, ohne Zweifel
infiziert von der unter amerikanischen Intellektuellen
grassierenden Fixierung auf das Ökonomische.
Abgesehen von diesen Einschränkungen müssen wir
Fukuyama jedoch zugestehen, daß er die Zeitgeschichte mit
einem sehr wachen und durchdringenden empirischen Blick
betrachtet. Es ist eine beachtliche Leistung, daß er bereits 1989
die universelle Ausbreitung der liberalen Demokratie als eine
ernsthaft zu prüfende Möglichkeit erkannte. Die europäischen
Intellektuellen zeigten weniger Gespür für den Gang der
Geschichte und konzentrierten ihre analytischen Fähigkeiten auf
-21-
die Abrechnung mit dem Kommunismus, das heißt auf die
Vergangenheit. Fukuyama gebührt das Verdienst, daß er über
die Zukunft spekuliert hat: Das ist zwar schwieriger, aber auch
lohnender. Nach meiner Einschätzung enthält Fukuyamas
Vision viel Wahrheit, erfaßt aber zu wenig den Anteil, den
Bildung und Demographie an der Stabilisierung des Planeten
haben.
Lassen wir für den Augenblick die Frage beiseite, inwieweit
Fukuyamas These von der Demokratisierung der Welt
zutreffend ist, und konzentrieren wir uns auf die mittelfristigen
Konsequenzen für die Vereinigten Staaten.
Fukuyama integriert in sein Modell Michael Doyles Gesetz,
daß es zwischen liberalen Demokratien keinen Krieg gibt. Doyle
hat das Gesetz Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts
mehr in Anlehnung an Kant als an Hegel aufgestellt.
11
Mit
Doyle haben wir ein zweites Beispiel angelsächsischer
Empiriegläubigkeit vor uns, die naiv daherkommt, sich in der
Praxis aber als produktiv erweist. Die Geschichte zeigt, daß
liberale Demokratien durchaus auch Kriege geführt haben,
allerdings mit anderen politischen Systemen und niemals
untereinander.
Die moderne liberale Demokratie bewies unter allen
Umständen eine Neigung zum Frieden. Der französischen und
der britischen Demokratie kann man ihr kriegerisches Gebaren
in den Jahren 1933-1945 nicht zum Vorwurf machen, man kann
nur mit Bedauern die isolationistische Haltung der
amerikanischen Demokratie bis zum Überfall auf Pearl Harbor
konstatieren. Ohne bestreiten zu wollen, daß es vor 1914 in
Frankreich und Großbritannien einen nationalistischen Schub
gegeben hat, muß man doch anerkennen, daß Österreich-Ungarn
und Deutschland, zwei Länder, in denen die Regierung dem
Parlament nicht wirklich verantwortlich war, Europa in den
Ersten Weltkrieg gestürzt haben.
Allein der gesunde Menschenverstand spricht dafür, daß es in
-22-
einem Land mit gehobenem Bildungsniveau und akzeptablem
Lebensstandard unter gewählten Parlamentariern kaum eine
Mehrheit für eine Kriegserklärung geben wird. Zwei Völker mit
ähnlichen Institutionen werden aller Wahrscheinlichkeit nach im
Konfliktfall eine friedliche Lösung finden. Aber die ohne
Kontrolle agierende Clique, die definitionsgemäß in einem nicht
demokratischen und nicht liberalen System die Macht hat,
besitzt sehr viel mehr Handlungsspielraum und kann nach
Gutdünken Feindseligkeiten eröffnen, ohne Rücksicht auf den
Wunsch nach Frieden, der im allgemeinen die Mehrheit der
Bevölkerung beherrscht.
Wenn wir zur universellen Ausbreitung der Demokratie
(Fukuyama) die Unmöglichkeit eines Krieges zwischen
Demokratien (Doyle) hinzufügen, haben wir einen Planeten, auf
dem der ewige Frieden gesichert ist.
Ein Zyniker vom alten europäischen Schlag wird lächelnd
daran erinnern, daß es schlicht in der Natur des Menschen liege,
Kriege zu führen und Böses zu tun. Doch halten wir uns mit
diesem Einwand nicht auf und setzen wir unsere Überlegungen
fort: Untersuchen wir die Implikationen eines solchen Modells
für Amerika. Im Laufe der Geschichte ist es Amerikas
weltpolitische Rolle geworden, das demokratische Prinzip zu
verteidigen, wenn es bedroht erschien: durch den deutschen
Nationalsozialismus, den japanischen Militarismus, den
russischen und chinesischen Kommunismus. Der Zweite
Weltkrieg und der Kalte Krieg haben diese historische Funktion
Amerikas gewissermaßen institutionalisiert. Doch wenn die
Demokratie weltweit triumphiert, ergibt sich die paradoxe
Situation, daß die Vereinigten Staaten als Militärmacht
überflüssig werden und sich damit abfinden müssen, eine
Demokratie wie alle anderen zu sein.
In dieser Weise überflüssig zu werden, ist eine der beiden
großen Ängste Washingtons und ein wichtiger Schlüssel zum
Verständnis der amerikanischen Außenpolitik. Die
-23-
amerikanischen Politiker drückten ihre Angst, wie das oft der
Fall ist, durch das Gegenteil aus: Im Februar 1998 hat
Madeleine Albright, die Außenministerin der Regierung
Clinton, bei ihren Bemühungen, Raketenangriffe auf den Irak zu
rechtfertigen, die Vereinigten Staaten als die unverzichtbare
Nation
12
definiert. Wie Sacha Guitry einmal treffend gesagt hat,
kommt das Gegenteil der Wahrheit der Wahrheit häufig sehr
nahe. Wenn man offiziell erklärt, daß die Vereinigten Staaten
unverzichtbar sind, heißt das, daß die Frage ihres Nutzens für
die Welt bereits aufgeworfen ist. Mitunter lassen Politiker durch
vermeintliche Versprecher die Sorgen der strategischen
Analytiker nach außen dringen. Madeleine Albright sprach
gewissermaßen die Verneinung der Brzezinski- Doktrin aus, die
Amerika in einer isolierten Position am Rande sieht, fernab von
dem so bevölkerungsreichen und geschäftigen Eurasien, wo sich
der weitere Gang der Geschichte in einer befriedeten Welt
vollziehen könnte.
Im Grunde nimmt Brzezinski die in Fukuyamas Paradox
enthaltene implizite Bedrohung ernst und zeigt einen Weg, wie
die Vereinigten Staaten doch noch diplomatisch und militärisch
die Kontrolle über die Alte Welt behalten können. Huntington
ist kein so guter Verlierer: Er stimmt dem sympathischen
Universalismus von Fukuyamas Modell nicht zu und weigert
sich, in Betracht zu ziehen, daß die liberaldemokratischen Werte
sich tatsächlich über den gesamten Planeten ausbreiten könnten.
Er verlegt sich statt dessen auf eine religiöse und ethnische
Klassifizierung der Völker mit dem Ergebnis, daß die meisten
von Natur aus für das »westliche« Modell ungeeignet sein
sollen.
An diesem Punkt der Reflexion müssen wir nicht zwischen
verschiedenen historischen Möglichkeiten wählen: Ist die
liberale Demokratie universell praktikabel? Und wenn ja, wird
sie Frieden bringen? Aber wir müssen uns klar machen, daß
Brzezinski und Huntington auf Fukuyama antworten und daß
-24-
die Aussicht auf eine mögliche Marginalisierung der
Vereinigten Staaten die amerikanischen Eliten beunruhigt, so
paradox das in einer Situation auch klingen mag, in der die Welt
besorgt ist wegen der Omnipotenz der USA. Der Isolationismus
ist keine Versuchung für Amerika, vielmehr hat Amerika Angst
davor, isoliert zu werden, allein in der Welt dazustehen und
nicht mehr gebraucht zu werden. Aber warum hat Amerika auf
einmal Angst davor, während doch von der
Unabhängigkeitserklärung 1776 bis Pearl Harbor 1941 die
Abgrenzung die Staatsraison der USA schlechthin war?

Von der Autonomie zur wirtschaftlichen Abhängigkeit

Die Angst, überflüssig zu werden und darum in die Isolation
zu geraten, ist für die Vereinigten Staaten nicht einfach eine
neue Weltsicht, es ist eine regelrechte Umkehr ihrer historischen
Position. Der Bruch mit der verderbten Alten Welt ist ein
Gründungsmythos der Vereinigten Staaten, vielleicht sogar der
wichtigste. Sie wollten sich als Land der Freiheit, der
unbegrenzten Möglichkeiten und der moralischen Überlegenheit
unabhängig von Europa entwickeln, ohne sich in die
verwerflichen Konflikte der zynischen Mächte der Alten Welt
einzumischen.
Die Isolation im 19. Jahrhundert war tatsächlich nur
diplomatischer und militärischer Natur, weil das
Wirtschaftswachstum der Vereinigten Staaten aus zwei nicht
versiegenden Quellen von Europa aus gespeist wurde: dem
Zufluß von Kapital und dem Zufluß von Arbeitskräften. Die
europäischen Investitionen und die Einwanderung von
Arbeitskräften mit einem hohen Alphabetisierungsgrad wurden
zu den beiden Triebfedern der wirtschaftlichen Entwicklung
Amerikas. Am Ende des 19. Jahrhunderts besaß Amerika nicht
nur die stärkste Volkswirtschaft der Erde, sondern auch die
-25-
unabhängigste: Sie verfügte über reichlich eigene Rohstoffe und
erwirtschaftete hohe Überschüsse im Handel mit anderen
Ländern.
Anfang des 20. Jahrhunderts brauchten die Vereinigten
Staaten die Welt nicht mehr. Vor dem Hintergrund ihrer
tatsächlichen Stärke waren die ersten Interventionen in Asien
und Lateinamerika sehr maßvoll. Aber seit Beginn des Ersten
Weltkrieges brauchte die Welt die Vereinigten Staaten. Sie
widerstanden dem Ruf nicht lange, genaugenommen bis 1917.
Danach wählten sie wieder die Isolation und verweigerten die
Ratifizierung des Vertrages von Versailles. Erst nach Pearl
Harbor und nach der deutschen Kriegserklärung nahmen die
Vereinigten Staaten gewissermaßen auf Initiative Japans und
Deutschlands wieder den Platz in der Welt ein, der ihnen nach
ihrer Wirtschaftskraft zukam.
Im Jahr 1945 entsprach das amerikanische
Bruttosozialprodukt der Hälfte des weltweit erwirtschafteten
Bruttosozialprodukts, und die Dominanz wurde unmittelbar,
gewissermaßen automatisch spürbar. Zwar beherrschte der
Kommunismus um 1950 das Herz Eurasiens von Ostdeutschland
bis Nordkorea. Aber als Macht zu Wasser und in der Luft übte
Amerika strategische Kontrolle über den Rest des Planeten aus
mit dem Segen einer Vielzahl von Verbündeten und Vasallen,
für die der Kampf gegen das Sowjetsystem höchste Priorität
hatte. Die amerikanische Hegemonie entstand mit dem
Einverständnis eines großen Teils der Welt, auch wenn etliche
Intellektuelle, Arbeiter und Bauern hie und da Sympathien für
den Kommunismus bekundeten.
Wenn wir den weiteren Gang der Ereignisse verstehen wollen,
müssen wir anerkennen, daß Amerika über viele Jahrzehnte, von
1950 bis 1990, ein gütiger Hegemon war. Ohne diese Einsicht
wird nicht verständlich, wie schwerwiegend der spätere Sturz
der Vereinigten Staaten von der Nützlichkeit in die
Überflüssigkeit war. Und es wird auch nicht klar, welche
-26-
Probleme daraus entstanden, sowohl für die Vereinigten Staaten
wie für uns.
Die amerikanische Hegemonie der Jahre 1950 bis 1990 über
den nicht kommunistischen Teil des Planeten könnte man
beinahe als amerikanisches Weltreich bezeichnen. Dank seiner
wirtschaftlichen, militärischen und ideologischen Ressourcen
besaß Amerika alle Merkmale einer Weltmacht. Die Dominanz
liberaler ökonomischer Prinzipien in dem politisch und
militärisch von Washington kontrollierten Teil der Welt
veränderte schließlich die ganze Welt - und diesen Prozeß
bezeichnen wir als Globalisierung. Sie hat im Laufe der Zeit
auch die innere Struktur der dominierenden Nation tiefgreifend
verändert, ihre Wirtschaftskraft geschwächt und ihre
Gesellschaft deformiert. Der Prozeß ging zuerst langsam und
allmählich vonstatten. Ohne daß die historischen Akteure sich
dessen bewußt wurden, gerieten die Vereinigten Staaten in ein
Verhältnis der Abhängigkeit von der Sphäre, die sie
beherrschten. Ende der siebziger Jahre wies die amerikanische
Handelsbilanz erstmals ein Defizit auf, und das prägte künftig
die Struktur der Weltwirtschaft.
Der Zusammenbruch des Kommunismus beschleunigte diesen
Prozeß sehr stark. Zwischen 1990 und 2000 erhöhte sich das
amerikanische Handelsbilanzdefizit von 100 auf 450 Milliarden
Dollar. Um die Zahlungsbilanz auszugleichen, braucht Amerika
Kapitalzuflüsse in entsprechender Höhe. Zu Beginn des dritten
Jahrtausends kann Amerika nicht mehr allein von seiner eigenen
Produktion leben. In dem Augenblick, da die Welt in Bildung,
Bevölkerungs- und Demokratieentwicklung eine Stabilisierung
erlebt und feststellt, daß sie auf Amerika verzichten kann, merkt
Amerika, daß es nicht mehr auf die Welt verzichten kann.
Die Diskussion über die »Globalisierung« ist teilweise
realitätsfremd, weil man allzu oft von der orthodoxen
Vorstellung ausgeht, daß die Handels- und die Finanzströme
symmetrisch und homogen flössen und kein Land dabei eine
-27-
Sonderstellung einnähme. Abstrakte Begriffe wie Arbeit,
Gewinn und freier Kapitalverkehr verschleiern eine
grundlegende Tatsache: die besondere Rolle der wichtigsten
Nation in der neugeordneten Weltwirtschaft. Amerika hat zwar
eine starke Einbuße seiner relativen Wirtschaftskraft hinnehmen
müssen, es schöpft aber immer mehr von der Weltwirtschaft ab:
Amerika ist objektiv gesehen ein räuberischer Staat geworden.
Muß man dies als Zeichen von Macht oder von Schwäche
deuten? Fest steht jedenfalls, daß Amerika politisch und
militärisch um die Hegemonie kämpfen muß, die unverzichtbar
ist, wenn es den Lebensstandard seiner Bürger erhalten will.
Die Umkehrung der wirtschaftlichen
Abhängigkeitsverhältnisse ist der zweite schwerwiegende
Faktor, der zusammen mit dem erstgenannten - der Zunahme
demokratischer Staaten - erklärt, warum die gegenwärtige
Situation der Welt so seltsam ist, warum sich die Vereinigten
Staaten so sonderbar verhalten und warum die weltweite
Verwirrung so groß ist. Wie steuert man eine Supermacht, die
wirtschaftlich abhängig und politisch überflüssig geworden ist?
Wir könnten hier mit der Erörterung dieses beunruhigenden
Modells aufhören und uns zur Beruhigung ins Gedächtnis rufen,
daß Amerika doch immerhin eine Demokratie ist und daß
Demokratien untereinander keine Kriege führen. Folglich kann
Amerika dem Rest der Welt nicht gefahrlich werden, es wird
niemanden angreifen und keinen Krieg beginnen. Durch
Versuch und Irrtum wird die Regierung in Washington
schließlich Wege für eine ökonomische und politische
Anpassung an die neuen Gegebenheiten in der Welt finden.
Warum sollte es anders sein? Aber wir müssen uns auch bewußt
sein, daß die Krise der fortgeschrittenen Demokratien, die
gerade in Amerika immer deutlicher und immer beunruhigender
zutage tritt, uns nicht mehr erlaubt, die Vereinigten Staaten als
von Natur aus friedfertig zu betrachten.
Die Geschichte bleibt nicht stehen: Auch angesichts der
-28-
weltweiten Ausbreitung der Demokratie dürfen wir nicht
vergessen, daß die ältesten Demokratien - insbesondere die
Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich - sich
kontinuierlich verändern. Gegenwärtig spricht alles dafür, daß
sie sich Schritt für Schritt in oligarchische Systeme verwandeln.
Das Konzept der Umkehrung der Verhältnisse, das die
wirtschaftliche Beziehung der Vereinigten Staaten zum Rest der
Welt zutreffend beschreibt, ist auch hilfreich für die Analyse,
wie sich die Demokratie weltweit entwickelt: Die Demokratie
wird dort stärker, wo sie schwach war, und sie wird schwächer,
wo sie stark war.

Der Niedergang der amerikanischen Demokratie und die
Möglichkeit eines Krieges

Fukuyama hat das Verdienst, daß er sehr früh einen Prozeß
der Stabilisierung in der nicht westlichen Welt benannt hat.
Aber seine Wahrnehmung der Gesellschaften ist, wie wir
gesehen haben, ganz von der ökonomischen Perspektive
geprägt. Bildung ist für ihn keine wichtige Triebkraft der
Geschichte, und die Demographie interessiert ihn nicht
sonderlich. Fukuyama erkennt nicht, daß die massenhafte
Alphabetisierung die unabhängige Erklärungsvariable für die
von ihm geschilderte universelle Verbreitung der
individualistischen Demokratie ist. Daher rührt sein
Hauptirrtum, daß er aus der weltweiten Verbreitung der
liberalen Demokratie das Ende der Geschichte ableiten will.
Dieser Schluß setzt voraus, daß die Demokratie eine stabile,
womöglich perfekte Staatsform ist und daß ihre Geschichte mit
ihrer Verwirklichung endet. Aber wenn die Demokratie nur der
politische Überbau einer kulturellen Etappe ist, der Expansion
der Grundbildung, dann wird die weitere Entwicklung der
Bildung mit dem Ausbau der höheren und universitären
Ausbildungssysteme die Demokratie dort, wo sie sich zuerst
-29-
etabliert hat, destabilisieren, während sie langsam Fuß faßt in
den Ländern, die sich gerade erst im Stadium der
Alphabetisierung der Massen befinden.
13

Die höheren und vor allem die universitären Bildungssysteme
führen in die geistige und ideologische Organisation der
entwickelten Gesellschaften wieder den Begriff der
Ungleichheit ein. Nach einigem Zögern und Überwindung des
schlechten Gewissens halten sich die »höher Gebildeten«
schließlich für überlegen. In den fortgeschrittenen Ländern
entsteht eine neue Klasse, auf die, grob geschätzt, 20 Prozent der
Bevölkerung und 50 Prozent der Wirtschaftskraft entfallen.
Diese neue Klasse hat zunehmend Schwierigkeiten damit, sich
dem Zwang des allgemeinen Wahlrechts zu unterwerfen.
Die Verbreitung der Grundbildung hat uns in die Welt
Tocquevilles geführt, für den der Gang der Demokratie ein
»Werk der Vorsehung« und damit »unaufhaltsam« war, beinahe
eine Folge des göttlichen Willens. Die Verbreitung der höheren
Bildung führt uns heute auf einen anderen »unaufhaltsamen«
und unglückverheißenden Weg: den der Oligarchie. Das ist ein
überraschender Rückgriff auf Aristoteles, bei dem die
Oligarchie auf die Demokratie folgt.
In dem Augenblick, da die Demokratie Eurasien erobert,
verkümmert sie an ihrer Geburtsstätte: Die amerikanische
Gesellschaft entwickelt sich immer mehr zu einem fundamental
ungleichen System, das hat Michael Lind in The Next American
Nation
14
(Die nächste amerikanische Nation) sehr überzeugend
dargelegt. Lind liefert vor allem die erste systematische
Beschreibung der neuen, postdemokratischen Herrschaftsklasse
in Amerika, der overclass.
Wir haben keine Veranlassung, Amerika zu beneiden.
Frankreich ist in dieser Hinsicht fast genauso weit
fortgeschritten. Es sind seltsame »Demokratien«, diese
politischen Systeme, in denen sich elitäres Denken und
Populismus gegenüberstehen, in denen das allgemeine
-30-
Wahlrecht gilt, aber die rechten und die linken Eliten
gemeinsam jegliche Neuorientierung der Wirtschaftspolitik
blockieren, die eine Verringerung der Ungleichheit bewirken
würde. Es ist eine verrückte Welt, in der vor der Wahl
Titanenkämpfe geführt werden und nach der Wahl alles beim
alten bleibt. Das Einvernehmen innerhalb der Eliten, so etwas
wie ein höheres Gesetz, verbietet, daß das bestehende politische
System sich auflöst, selbst wenn der Ausgang der allgemeinen
Wahlen auf eine Krise hindeutet. George W. Bush ging aus
einem undurchsichtigen Prozeß als Präsident der Vereinigten
Staaten hervor, ohne daß man sagen kann, er hätte im
arithmetischen Sinne die Wahlen gewonnen. Und die andere
große »historische« Republik, Frankreich, zeigte wenig später
genau das umgekehrte Bild und kam damit nach der Logik
Sacha Guitrys dem amerikanischen Beispiel sehr nahe: In
Frankreich wurde der Präsident mit 82 Prozent der Stimmen
gewählt. Die Beinahe- Einstimmigkeit des französischen
Wahlergebnisses rührt von einem anderen soziologischen und
politischen Blockademechanismus her: Die oberen und die
unteren 20 Prozent der Bevölkerung kontrollieren ideologisch
heute de facto die 60 Prozent in der Mitte. Das Ergebnis ist
wieder das gleiche: Die Wahl hat keinerlei praktische
Bedeutung, und die Zahl der Nichtwähler steigt immer weiter.
In Großbritannien finden die gleichen kulturellen
Umschichtungsprozesse statt. Sie wurden schon sehr früh von
Michael Young in seiner kurzen Abhandlung Es lebe die
Ungleichheit untersucht, einer geradezu prophetischen Analyse,
denn sie entstand bereits 1958.
15
Doch die demokratische Phase
in Großbritannien begann spät und verlief gemäßigt: Die feudale
Vergangenheit liegt noch nicht lange zurück und lebt in sehr
klar erkennbaren Unterschieden der Sprechweise der Menschen
immer noch fort, und das erleichtert den sanften Übergang in die
neue Welt der westlichen Oligarchie. Die neue amerikanische
Klasse ist im übrigen auf unbestimmte Weise von Neid erfüllt,
-31-
was in einer Anglophilie zum Ausdruck kommt, mit der eine
viktorianische Vergangenheit verklärt wird, die keineswegs die
eigene Vergangenheit ist.
16

Es wäre darum falsch und ungerecht, die Krise der
Demokratie nur in den Vereinigten Staaten zu konstatieren.
Großbritannien und Frankreich, die beiden liberalen Nationen
der alten Welt, die mit der Geschichte der amerikanischen
Demokratie verbunden sind, machen zur selben Zeit ähnliche
Prozesse des oligarchischen Verfalls durch. Aber
Großbritannien und Frankreich sind im globalisierten
politischen und ökonomischen System der Welt nicht
Herrschende, sondern Beherrschte. Deshalb müssen sie darauf
achten, daß ihre Handelsbilanz ausgeglichen ist. In
gesellschaftspolitischer Hinsicht werden sich ihre Wege zu
einem bestimmten Zeitpunkt vom Weg der Vereinigten Staaten
trennen. Und ich glaube nicht, daß man eines Tages von
»westlichen Oligarchien« sprechen wird, wie man einst von
»westlichen Demokratien« gesprochen hat.
Aber dies ist die zweite große Umkehrung der Verhältnisse,
die erklärt, warum die Beziehungen zwischen Amerika und dem
Rest der Welt so schwierig sind. Der weltweite Vormarsch der
Demokratie verschleiert eben die Schwächung der Demokratie
gerade dort, wo sie entstanden ist. Diese Umkehrung wird von
den Akteuren der Weltpolitik nicht richtig wahrgenommen.
Amerika reklamiert für sich immer noch sehr wirkungsvoll -
mehr aus Gewohnheit als aus Zynismus - die Begriffe von
Freiheit und Gleichheit. Und natürlich ist auch die
Demokratisierung des Planeten noch lange nicht vollendet.
Aber der Übergang in ein neues, ein oligarchisches Stadium
hat die Folge, daß Doyles Gesetz, wonach die überale
Demokratie zwangsläufig den Frieden sichert, für die
Vereinigten Staaten nicht mehr zutrifft. Wir müssen uns auf
aggressives Verhalten einer unzureichend kontrollierten
politischen Führungskaste und auf militärische Abenteuer gefaßt
-32-
machen. Einerseits erlaubt uns die These, daß Amerika
oligarchisch geworden ist, den Gültigkeitsbereich von Doyles
Gesetz einzuschränken, andererseits ermöglicht sie uns, die
empirische Realität anzuerkennen, daß die Vereinigten Staaten
aggressiv geworden sind. Wir können nicht einmal mehr von
vornherein die strategische Hypothese ausschließen, daß
Amerika auch demokratische Staaten angreifen könnte, seien es
nun alte Demokratien oder neue. Mit einem solchen Schema vor
Augen versöhnen wir - zugegeben nicht ohne eine gewisse
Schadenfreude - die angelsächsischen »Idealisten«, die von der
liberalen Demokratie das Ende aller bewaffneten Konflikte
erwarten, und die gleichfalls angelsächsischen »Realisten«, in
deren Augen die internationalen Beziehungen ein anarchisches
Feld sind, das für alle Zeiten bevölkert wird von aggressiven
Staaten. Wenn wir sagen, daß die liberale Demokratie zum
Frieden führt, sagen wir auch, daß der Niedergang der liberalen
Demokratie zum Krieg führen kann. Selbst wenn Doyles Gesetz
gültig sein sollte, wird es keinen ewigen Frieden im Sinne Kants
geben.

Ein Erklärungsmodell

Ich werde in dem vorliegenden Essay ein in seiner Form
paradoxes Erklärungsmodell entwickeln, dessen Kern sich ganz
kurz zusammenfassen läßt: In dem Augenblick, da die Welt die
Demokratie entdeckt und feststellt, daß sie politisch auf
Amerika verzichten kann, verliert Amerika nach und nach seine
demokratischen Züge und stellt fest, daß es ökonomisch nicht
auf die Welt verzichten kann.
Die Welt steht damit vor einer doppelten Umkehrung der
Verhältnisse: Die wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnisse
zwischen den Vereinigten Staaten und anderen Ländern kehren
sich um, und die Dynamik der demokratischen Entwicklung
-33-
kehrt sich um, in Eurasien erleben wir einen Zuwachs an
Demokratie, in Amerika einen Rückgang.
Vor dem Hintergrund dieser schwerwiegenden
Veränderungen ist nachzuvollziehen, warum manche
Handlungen Amerikas so unverständlich erscheinen. Den
Vereinigten Staaten ist nicht mehr daran gelegen, die
liberaldemokratische Ordnung zu verteidigen, denn in Amerika
selbst verliert sie immer mehr von ihrer Substanz. Vorrangiges
Anliegen ist nun die Versorgung mit verschiedenen Gütern und
mit Kapital: Das fundamentale strategische Ziel der Vereinigten
Staaten ist die weltweite politische Kontrolle über die
Ressourcen des Planeten.
Jedoch können die Vereinigten Staaten wegen ihres
ökonomischen, militärischen und ideologischen Machtverlustes
die Welt, die zu groß geworden ist, zu bevölkerungsreich, zu
gebildet, zu demokratisch, nicht mehr so effektiv lenken wie in
der Vergangenheit. Die wahren strategischen Akteure sind nun
Rußland, Europa und Japan, sie stehen der amerikanischen
Hegemonie im Wege, und der Anspruch, diese Hindernisse zu
beseitigen, ist überzogen und deshalb unerreichbar. Mit diesen
neuen Akteuren muß Amerika verhandeln, und oft genug muß
es ihnen nachgeben. Aber auf jeden Fall muß es eine Lösung, sei
sie real oder nur ein Phantasiegebilde, für seine beängstigende
wirtschaftliche Abhängigkeit finden. Amerika muß zumindest
symbolisch im Zentrum der Welt bleiben, und darum muß es
seine »Macht«, pardon, seine »All- Macht«, demonstrieren. Wir
werden Zeugen, wie ein theatralischer Militarismus entsteht, der
drei wesentliche Merkmale aufweist:
- Ein Problem wird nie endgültig gelöst, denn so kann die
»einzige Supermacht«, die auf der Welt verblieben ist, beliebige
militärische Aktionen rechtfertigen.
- Man konzentriert sich auf Kleinstmächte - Irak, Iran,
Nordkorea, Kuba usw. Der einzige Weg, politisch im Zentrum
der Welt zu bleiben, besteht darin, kleinen Akteuren
-34-
»entgegenzutreten«. Das stärkt die Macht Amerikas und
verhindert oder verzögert zumindest bei den großen Mächten die
Erkenntnis, daß sie aufgerufen sind, die Weltherrschaft mit den
Vereinigten Staaten zu teilen: Das gilt mittelfristig für Europa,
Japan und Rußland und längerfristig für China.
- Es werden neue Waffen entwickelt, die den Vereinigten
Staaten einen »großen Vorsprung« im Rüstungswettlauf geben,
der niemals aufhören darf.
Diese Strategie macht aus Amerika ohne Zweifel ein neues
und unerwartetes Hindernis für den Frieden in der Welt, aber sie
hat noch keine bedrohlichen Ausmaße erreicht. Wieviele und
welche Staaten ins Visier Amerikas geraten, hängt von seiner
objektiven Macht ab, allenfalls ist Amerika in der Lage, den
Irak, Iran, Nordkorea oder Kuba anzugreifen. Es gibt keinen
Grund, die Nerven zu verlieren und sorgenvoll davon zu
sprechen, daß ein amerikanisches Imperium im Entstehen
begriffen sei, denn in Wahrheit befindet es sich ein Jahrzehnt
nach dem Zerfall des sowjetischen Imperiums im Niedergang.
Eine solche Sicht auf die Kräfteverhältnisse weltweit führt
natürlich zu einigen strategischen Folgerungen, nicht mit dem
Ziel, die Gewinne dieses oder jenes Landes zu vergrößern,
sondern mit dem Ziel, den Niedergang Amerikas im Interesse
aller so gut wie möglich zu meistern.

-35-
KAPITEL 1
Der Mythos vom weltweiten Terrorismus

Das in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren im Westen
vorherrschende Bild vom Zustand der Welt war von
Katastrophen geprägt. Tag für Tag führten uns die Medien einen
Planeten vor, auf dem es nichts als Haß und Gewalt gab, wo in
immer rascherer Folge Morde an einzelnen Menschen und
Massaker an ganzen Völkern begangen wurden: der Genozid in
Ruanda, die religiös motivierten Zusammenstöße in Nigeria und
an der Elfenbeinküste, die Kämpfe zwischen somalischen Clans,
der grauenvolle Bürgerkrieg in Sierra Leone, Kriminalität und
Gewalt in Südafrika nach dem Ende der Apartheid, die Morde
an weißen Farmern in Simbabwe, der Terror in Algerien. Oder
wechseln wir den Kontinent: die islamische Revolution im Iran,
die mittlerweile allerdings in friedliche Bahnen gelenkt wurde,
der Konflikt in Tschetschenien, die Anarchie in Georgien, der
Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Herrschaft
über Bergkarabach, die Autonomieansprüche der Kurden
gegenüber der Türkei und dem Irak, der Bürgerkrieg in
Tadschikistan, die Anschläge von Bewohnern Kaschmirs in
Indien, die Revolte der Tamilen auf Sri Lanka, die
Zusammenstöße zwischen Hindus und Muslimen in Gudjarat,
die muslimische Guerilla im Süden der Philippinen, der radikale
Islamismus in der Provinz Aceh im Norden von Sumatra, die in
Osttimor von indonesischen Spezialkräften verübten Massaker
an Christen, das bizarre Taliban-Regime in Afghanistan.
Lateinamerika erscheint mit den Entführungen durch
linksorientierte Guerillas in Kolumbien und die Revolte des
Subcommandante Marcos beinahe als ein friedlicher Kontinent,
und das gilt auch für Europa, wo die Auflösung Jugoslawiens,
die Morde an Kroaten und muslimischen Bosniern, an Serben
-36-
und Kosovaren den Eindruck vermitteln konnten, daß die
Gewalt, der steigenden Flut gleich, auch auf unsere so
friedliche, reiche Alte Welt überschwappen könnte. Um der
Gerechtigkeit willen muß in diesem Zusammenhang auch das
Vorgehen des chinesischen Regimes gegen die protestierenden
Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989
erwähnt werden. Und schließen wir diese Liste ab mit dem
Anschlag auf das World Trade Center, begangen im Namen
Allahs von Selbstmordattentätern, die aus dem Teil der Welt
stammten, den wir gemeinhin als die Dritte Welt bezeichnen.
Ebenso wie die Medien an einem beliebigen Tag erhebe auch
ich hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dennoch kann
man aus dieser Liste mörderischer Ereignisse nur den Schluß
ziehen, daß die Welt verrückt geworden ist und wir auf einer
halbwegs geschützten Insel der Seligen leben - sofern wir die
Tatsache, daß in unseren Vorstädten Autos in Flammen
aufgehen, daß im Frühjahr 2002 in Frankreich Anschläge auf
Synagogen verübt wurden und daß Jean-Marie Le Pen im ersten
Wahlgang der Präsidentschaftswahlen im selben Jahr so viele
Stimmen erhielt, daß er am zweiten Wahlgang teilnehmen
konnte, nicht als Vorboten einer Verrohung des Westens werten
wollen.
Die vorherrschende Vorstellung von einer Welt, die von
Gewalt zerrissen ist, fördert eine ganz bestimmte Sicht der
geschichtlichen Entwicklung: Rückschritt statt Fortschritt. All
diese Metzeleien bedeuten demnach nur eines: Die Erde ist im
Verfall begriffen, die Entwicklung ist mißlungen, die Idee des
Fortschritts muß als gescheitert zu den Akten gelegt werden, sie
ist nur eine alte Illusion aus dem Europa des 18. Jahrhunderts.
Tatsächlich können in der gegenwärtigen Situation einige
Fakten ausgemacht werden, die objektiv einen Rückschritt
anzeigen. Jenseits der erschütternden Fernsehbilder erleben wir,
wie weltweit die wirtschaftlichen Wachstumsraten einbrechen
und die Ungleichheit sowohl in den armen wie in den reichen
-37-
Ländern zunimmt, beides Begleiterscheinungen der
wirtschaftlichen und finanziellen Globalisierung. Sie ergeben
sich ganz einfach logisch aus dem Freihandel
1
, der die aktiven
Bevölkerungsteile aller Länder der Welt zueinander in
Konkurrenz bringt mit der Folge, daß die Löhne sinken und die
Nachfrage weltweit stagniert. Überdies führt der Freihandel
dazu, daß sich innerhalb einer jeden Gesellschaft ein Grad an
Ungleichheit einstellt, der den Einkommensunterschieden
zwischen den Reichen in den reichen Ländern und den Armen in
den armen Ländern entspricht. Doch wer sich weigert, einer
simplifizierenden ökonomischen Darstellung zu folgen, ob sie
nun von links oder von rechts kommt, marxistisch oder
neoliberal inspiriert ist, kann aus einer überwältigenden Fülle an
statistischen Daten ablesen, was für einen großartigen
kulturellen Fortschritt die moderne Welt gemacht hat. Dafür gibt
es zwei Indikatoren: die Alphabetisierung der Massen und die
Verbreitung der Geburtenkontrolle.

Die Kulturrevolution

Von 1980 bis 2000 ist die Alphabetisierungsquote bei
Personen über fünfzehn, das heißt der Anteil der erwachsenen
Bevölkerung, der lesen und schreiben kann, in Ruanda von 40
auf 67 Prozent gestiegen, in Nigeria von 33 auf 64 Prozent, an
der Elfenbeinküste von 27 auf 47 Prozent, in Algerien von 40
auf 63 Prozent, in Südafrika von 77 auf 85 Prozent, in
Simbabwe von 80 auf 93 Prozent und in Kolumbien von 85 auf
92 Prozent. Selbst in Afghanistan hat sich die
Alphabetisierungsquote in diesem Zeitraum von 18 auf 47
Prozent erhöht. In Indien ist sie von 41 auf 56 Prozent gestiegen,
in Pakistan von 28 auf 43 Prozent, in Indonesien von 69 auf 87
Prozent, auf den Philippinen von 89 auf 95 Prozent, in Sri Lanka
von 85 auf 92 Prozent, in Tadschikistan von 94 auf 99 Prozent.
Im Iran konnten 1980, kurz nach der islamischen Revolution, 51
-38-
Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben, im Jahr 2000
waren es 77 Prozent. In China lag die Alphabetisierungsquote
1980 bei 66 Prozent, heute liegt sie bei 85 Prozent.
Solche Statistiken könnten wir für alle armen Länder
aufstellen. Offensichtlich befinden sie sich alle in einem Prozeß
der kulturellen Entwicklung, auch besonders weit
zurückgebliebene Länder wie Mali, wo die
Alphabetisierungsquote immerhin von 14 Prozent 1980 auf 40
Prozent im Jahr 2000 angestiegen ist, und Niger mit einem
geringeren Anstieg von 8 auf 16 Prozent. Dieser Wert ist noch
niedrig, aber wenn man nur die jungen Leute im Alter zwischen
15 und 24 Jahren betrachtet, erreicht Niger eine
Alphabetisierungsquote von 22 Prozent und Mali von 65
Prozent.
Der Prozeß ist nicht abgeschlossen, und die kulturellen
Entwicklungsniveaus sind sehr unterschiedlich. Aber es zeichnet
sich ab, daß in einer nicht allzu fernen Zukunft alle Menschen
auf der Erde lesen und schreiben können werden. Wenn wir eine
leichte Beschleunigung der Entwicklung annehmen, können wir
die Vermutung formulieren, daß bei den jungen Generationen
die universelle Alphabetisierung im Jahr 2030 erreicht sein wird.
Um 3000 v.Chr. wurde die Schrift erfunden, es hat dann also gut
5000 Jahre gedauert, bis die ganze Menschheit die Revolution
hin zur Alphabetisierung vollzogen hat.

Alphabetisierung und Globalisierung

Lesen und schreiben lernen - nicht zu vergessen elementares
Rechnen, was auch dazugehört - ist nur ein Aspekt, eine Etappe
der geistigen Revolution, die schließlich den gesamten Planeten
erfaßt hat. Sobald die Menschen lesen, schreiben und rechnen
können, übernehmen sie quasi natürlich die Herrschaft über ihre
physische Umwelt. In Asien und in Lateinamerika ist heute der
-39-
wirtschaftliche Aufschwung eine automatische Folge der
Verbreitung von Bildung, genau wie es in Europa vom 17. bis
zum 20. Jahrhundert der Fall war. Durch den Freihandel und die
Globalisierung der Finanzmärkte wird das Wirtschaftswachstum
gebremst und verzerrt, aber es ist da. Amerikaner, Europäer und
Japaner müssen sich der Tatsache bewußt sein, daß
Produktionsstätten nur deshalb in Niedriglohnländer verlagert
werden konnten, weil die Bildung in Brasilien, Mexiko, China,
Thailand und Indonesien so große Fortschritte gemacht hat.
Die Arbeiter in diesen ehemaligen Drittweltländern, deren
Niedriglöhne die Arbeitsmärkte und Löhne in Amerika, Europa
und Japan belasten, können lesen, schreiben und rechnen, und
deshalb können sie ausgebeutet werden. Niemand verlagert
Produktionsstätten in Regionen, wo die Bildung noch nicht so
weit vorangeschritten ist, zum Beispiel nach Afrika. Die
wirtschaftliche Globalisierung ist kein zeitloses Prinzip, sondern
ein Instrument zur Gewinnmaximierung unter historisch
spezifischen Bedingungen weltweit: Außerhalb der Zentren, in
denen der Aufschwung begonnen hat, sind heute überreichlich
Arbeitskräfte mit elementarer Bildung vorhanden.
Die Bildung spielt auch eine Rolle bei den gegenwärtigen
Zuwanderungsströmen nach Europa und Amerika. Die
Menschen, die sich vor den Toren der reichen Welt drängen,
fliehen natürlich vor materiellem Elend in ihren bitterarmen
Ländern. Aber ihr Wunsch, dem Elend zu entkommen, zeugt
von wachsenden Ansprüchen an das Leben, und dies hängt
wiederum mit der Bildungsexpansion in ihren Heimatländern
zusammen. Bildung hat eine Vielzahl von Folgen, eine davon ist
die geistige Entwurzelung der Menschen.

Die demographische Revolution

Sobald auch die Frauen lesen und schreiben können, beginnt
-40-
die Geburtenkontrolle. Unsere Welt, die um das Jahr 2030
vollständig alphabetisiert sein dürfte, vollendet derzeit ihren
demographischen Übergang. Im Jahr 1981 lag weltweit die
durchschnittliche Geburtenzahl pro Frau bei 3,7 Kindern. Dies
bedeutete einen raschen Anstieg der Weltbevölkerung und
sprach für die These einer anhaltenden Unterentwicklung. Im
Jahr 2001 ist die Geburtenzahl auf 2,8 Kinder pro Frau
gesunken, und in absehbarer Zeit wird sie bei 2,1 liegen, das
heißt die gegenwärtige Bevölkerung wird nur noch eins zu eins
ersetzt. Diese wenigen Zahlen lassen erwarten, daß in nicht allzu
ferner Zukunft, vielleicht im Jahr 2050, die
Bevölkerungsentwicklung stagniert und wir eine Welt im
Gleichgewicht haben werden.
Bei der Betrachtung der Geburtenzahlen für die einzelnen
Länder verblüfft vor allem, daß die arithmetische Schranke
zwischen der entwickelten Welt und der unterentwickelten Welt
gefallen ist.

Tabelle l Geburtenzahlen weltweit

1981 2001 1981 2001
Vereinigte
Staaten
1,8 2,1 Indien 5,3 3,2
Kanada 1,8 1,4 Sri
Lanka
3,4 2,1
Großbritanni
en
1,9 1,7 Argentin
ien
2,9 2,6
Frankreich 1,9 1,9 Mexiko 4,8 2,8
BRD 1,3 1,3 Bolivien 6,8 4,2
Italien 1,7 1,3 Peru 5,3 2,9
Spanien 2,5 1,2 Brasilien 4,4 2,4
-41-
DDR 1,9 Kolumbi
en
3,9 2,6
Rumänien 2,5 1,3 Venezue
la
4,9 2,9
Polen 2,3 1,4 Südafrik
a
5,1 2,9
Rußland 2,0 1,2 Ruanda 6,9 5,8
Ukraine 1,9 1,1 Sambia 6,9 6,1
Japan 1,8 1,3 Simbab
we
6,6 4,0
China 2,3 1,8 Kenia 8,1 4,4
Taiwan 2,7 1,7 Tansania 6,5 5,6
Südkorea 3,2 1,5 Äthiopie
n
6,7 5,9
Nordkorea 4,5 2,3 Zaire 6,1 7,0
Vietnam 5,8 2,3 Elfenbei
nküste
6,7 5,2
Thailand 3,7 1,8 Sierra
Leone
6,4 6,3
Philippinen 5,0 3,5 Liberia 6,7 6,6
Entwicklung der Geburtenzahlen, Kinder pro Frau
Quelle: Population et sociétés, Sept. 1981 und Juli- Aug.
2001, Nr. 151 und Nr. 370, INED.

Tabelle l zeigt die Entwicklung der Geburtenzahlen von 1981
bis 2001 für eine Auswahl besonders bevölkerungsreicher oder
besonders typischer Länder der gesamten Welt. Bei sehr vielen
liegt die Geburtenzahl zwischen zwei und drei Kindern pro
Frau. Einige Länder, die bis vor kurzem der unterentwickelten
Welt zugerechnet wurden, haben die gleichen Geburtenzahlen
wie die westlichen Industrieländer. China und Thailand stehen
-42-
mit 1,8 Kindern pro Frau zwischen Frankreich und
Großbritannien mit 1,9 und 1,7 Kindern. Der Iran, vollwertiges
Mitglied der »Achse des Bösen«, hatte 2002 mit 2,1 Kindern pro
Frau (2001 noch 2,6) die gleiche Geburtenzahl wie die
Vereinigten Staaten, die selbsternannte Führungsmacht - und
wie ich hoffe, bald auch das einzige Mitglied der »Achse des
Guten«.
2

Der demographische Übergang ist noch nicht überall
vollzogen. Nehmen wir zum Beispiel Bolivien mit 4,2 Kindern
pro Frau, in manchen islamischen Ländern und im größten Teil
Afrikas sind die Geburtenzahlen noch höher. Aber selbst in
Afrika sehen wir, daß mit Ausnahme einiger besonders
unterentwickelter Länder wie Niger und Somalia die
Geburtenzahlen sinken. In den meisten muslimischen Ländern
sind sie bereits sehr tief gesunken.
Die Analyse der Fruchtbarkeitsquoten zeigt vor allem, daß die
muslimische Welt unter demographischen Gesichtspunkten
keine Einheit darstellt. Die Unterschiede sind zu groß, die
Zahlen reichen von 2 Kindern pro Frau in Aserbaidschan bis zu
7,5 Kindern in Niger. Die Gesamtheit der islamischen Länder ist
wie ein verkleinertes Abbild der Dritten Welt im Übergang. Die
ehemaligen Sowjetrepubliken im Kaukasus und in Mittelasien,
wo die Alphabetisierung durch das kommunistische Regime
forciert wurde, stehen mit Geburtenzahlen von 2
(Aserbaidschan) und 2,7 (Usbekistan) an der Spitze. Recht weit
fortgeschritten ist auch Tunesien, mit einer Geburtenzahl von
2,3 schneidet es deutlich besser ab als Algerien mit 3,1 und
Marokko mit 3,4. Insgesamt schreiten die ehemaligen
französischen Kolonien in Nordafrika schneller voran als der
Nahe Osten, das Herz der arabischen Welt, der dem direkten
Zugriff Europas weitgehend nicht ausgesetzt war.
Wer das Sinken der Geburtenzahlen als ein notwendiges
Element des Fortschritts betrachtet, muß anerkennen, daß
Frankreich in Nordafrika einen positiven Einfluß ausgeübt hat
-43-
und noch deutlicher Rußland in Mittelasien. Der französische
Einfluß war diffus, wie Youssef Courbage nachgewiesen hat
3
,
eine vielschichtige Wirkung der Wanderungsbewegungen
zwischen Kolonien und Mutterland und des Kontakts mit der
Lebensweise im Mutterland. Der russische Einfluß war direkter
und massiver: Die Sowjetunion setzte in ihrer gesamten
Einflußsphäre die vollständige Alphabetisierung durch, eine
Leistung, die keiner anderen Kolonialmacht gelang. Insofern hat
die Kolonialherrschaft kommunistischer Prägung auch positive
Spuren hinterlassen.

Tabelle 2 Geburtenzahlen in muslimischen Ländern
1981 2001 1981 2001
Aserbaidscha
n
3,1 2,0 Libyen 7,4 3,9
Turkmenistan 4,8 2,2 Qatar 7,2 3,9
Tunesien 5,0 2,3 Syrien 7,2 4,1
Kirgisistan 4,1 2,4 Kuwai
t
7,0 4,2
Tadschikistan 5,6 2,4 Sudan 6,6 4,9
Libanon 4,7 2,5 Irak 7,0 5,3
Türkei 4,3 2,5 Pakist
an
6,3 5,6
Iran 5,3 2,6 Saudi-
Arabien
7,2 5,7
Indonesien 4,1 2,7 Seneg
al
6,5 5,7
Usbekistan 4,8 2,7 Nigeri
a
6,9 5,8
Bahrain 7,4 2,8 Palästi
na
6,9 5,9
-44-
Algerien 7,3 3,1 Afgha
nistan
6,9 6,0
Malaysia 4,4 3,2 Maure
tanien
6,9 6,0
Bangladesh 6,3 3,3 Oman 7,2 6,1
Marokko 6,9 3,4 Mali 6,7 7,0
Ägypten 5,3 3,5 Jemen 7,0 7,2
Vereinigte
Arabische
Emirate
7,2
3,5 Somali
a
6,1 7,3
Jordanien 4,3 3,6 Niger 7,1 7,5
Entwicklung der Geburtenzahlen, Kinder pro Frau
Quelle: Population et sociétés, Sept. 1981 und Juli-Aug. 2001, Nr. 151
und Nr. 370, INED.

Die muslimischen Länder außerhalb der arabischen Welt, die
niemals kolonisiert wurden, haben wie die Türkei mit einer
Geburtenzahl von 2,5 im Jahr 2001 und der Iran mit 2,1 im Jahr
2002 den demographischen Übergang beinahe vollendet. Noch
weiter von Arabien entfernte und spät islamisierte Länder wie
Indonesien und Malaysia
4
nähern sich mit Geburtenzahlen von
2,7 und 3,2 ebenfalls dem Ende des Übergangs.
Die nicht - oder spät oder unvollständig - kolonisierten
arabischen Länder sind noch nicht so weit, schreiten aber rasch
voran. Im Jahr 2001 betrug die Geburtenzahl in Syrien noch 4,1
Kinder pro Frau, in Ägypten hingegen waren es 3,5 Kinder,
kaum mehr als in Marokko.
In einigen muslimischen Ländern steht die Geburtenkontrolle
erst am Anfang, und die Geburtenzahlen liegen
dementsprechend über 5 Kindern pro Frau: 5,3 im Irak, 5,6 in
Pakistan, 5,7 in Saudi-Arabien, 5,8 in Nigeria
5
. Der hohe
palästinensische Wert von 5,9 ist eine soziologische und
historische Anomalie: Die Palästinenser führen einen »Dschihad
-45-
der Wiegen« gegen die Besatzungsmacht, die palästinensische
Geburtenrate hat im übrigen ihr Gegenstück in der Geburtenzahl
der Juden in Israel, die für eine westlich orientierte Gesellschaft
mit gehobenem Bildungsniveau untypisch hoch ist. Schaut man
sich die Zahlen für die Juden in Israel genau an, ergibt sich das
Bild einer regelrechten kulturellen Spaltung der Gesellschaft:
Bei den »laizistischen« Juden und den »gemäßigt religiösen«
beträgt die Geburtenzahl 2,4, bei den »orthodoxen« und den
»ultraorthodoxen« hingegen 5, bei ihnen ist ein Anstieg der
Geburtenzahlen zu verzeichnen.
6

Es bleibt eine Gruppe muslimischer Länder übrig, in denen
der demographische Übergang noch nicht richtig begonnen hat
und die Fruchtbarkeitsquote bei 6 oder mehr Kindern pro Frau
liegt: 6 in Afghanistan und Mauretanien, 7 in Mali, 7,3 in
Somalia, 7,5 in Niger. Der Anstieg der Alphabetisierungsquoten
in diesen Ländern garantiert jedoch, daß auch sie den gleichen
Weg gehen werden wie die übrige Menschheit: Die
Geburtenzahlen werden sinken.

Die Übergangskrise

Der weltweite Anstieg der Alphabetisierungsquote und die
Verbreitung der Geburtenkontrolle geben Anlaß zu der
Hoffnung, daß die Zukunft der Welt nicht so düster aussieht,
wie die Fernsehnachrichten sie darstellen. Diese Parameter
sprechen dafür, daß die Menschheit dabei ist, sich aus dem
Zustand der Unterentwicklung zu befreien. Wenn uns diese
Zahlen besser präsent wären, wären wir nicht nur optimistischer,
sondern wir würden auch die Tatsache preisen, daß der Mensch
in ein entscheidendes Stadium seiner Entwicklung eingetreten
ist.
Doch wir dürfen nicht den Massenmedien die Schuld für
unser verzerrtes Bild vom Gang der Geschichte geben. Der
-46-
Fortschritt ist nicht, wie die Denker der Aufklärung meinten,
eine lineare und stets leichte Bewegung hin zum immer
Besseren. Wenn die Menschen herausgerissen werden aus ihren
Traditionen, aus dem eingespielten Gleichgewicht von
Analphabetentum, hohen Geburtenzahlen und hoher
Sterblichkeit, erzeugt das zunächst paradoxerweise fast genauso
viel Orientierungslosigkeit und Leiden wie Hoffnung und
Bereicherung. Sehr oft, vielleicht sogar in den meisten Fällen,
geht der kulturelle und geistige Aufbruch mit einer
Übergangskrise einher. Die Menschen haben den Halt verloren,
die Folge ist Gewalt in Gesellschaft und Politik. Der Eintritt in
die geistige Moderne wird oft von einer Eruption ideologischer
Gewalt begleitet.
Dieses Phänomen war zum ersten Mal nicht in der Dritten
Welt zu beobachten, sondern in Europa. Die meisten heute so
friedlichen europäischen Länder haben eine Phase des
gewaltsamen, blutigen ideologischen Kampfes durchgemacht.
Die Werte, für die gekämpft wurde, waren sehr unterschiedlich.
In der Französischen Revolution ging es um liberale und
egalitäre Werte, in der russischen Revolution um egalitäre und
autoritäre, im deutschen Nationalsozialismus um autoritäre und
inegalitäre. Wir dürfen auch das vernünftige England nicht
vergessen, das immerhin das erste revolutionäre Land in Europa
war; das moderne politische Zeitalter in England begann mit der
Enthauptung von König Karl I. im Jahr 1649. Die so weit
zurückliegende englische Revolution illustriert sehr gut das
Paradox der Modernisierung. Niemand wird bestreiten, daß
England eine ganz entscheidende Rolle für den politischen und
wirtschaftlichen Aufbruch Europas gespielt hat. Die
Alphabetisierung setzte in England bereits früh ein. Doch eine
der ersten Auswirkungen des englischen Übergangs in die
Moderne war eine ideologische, politische und religiöse Krise.
Sie führte zu einem Bürgerkrieg, dessen Frontlinien die
Europäer heute kaum noch verstehen würden. Wir lehnen zwar
-47-
den Gebrauch von Gewalt bei Auseinandersetzungen ab,
glauben aber, wir könnten den Sinn dahinter erkennen, soweit es
um die Französische und russische Revolution und den
deutschen Nationalsozialismus geht. Die von diesen
Bewegungen vertretenen Wertvorstellungen, seien sie positiv
oder negativ, erscheinen uns immer noch modern, weil sie nicht
religiöser Natur sind. Doch wie viele Europäer könnten heute im
metaphysischen Streit zwischen Cromwells Puritanern und den
kryptokatholischen Parteigängern der Stuart-Könige eine Seite
wählen? Im Namen Gottes haben sie sich im 17. Jahrhundert in
England gegenseitig - halbwegs maßvoll - die Köpfe
eingeschlagen. Ich habe meine Zweifel, ob die Engländer selbst
in der Militärdiktatur Cromwells heute noch eine notwendige
Etappe sehen, die zur Glorious Revolution von 1688 führte.
Pierre Manent hat zu Recht an den Anfang seiner Anthologie
des Liberalismus das Manifest des Dichters und Revolutionärs
Milton über »die Freiheit, ohne Genehmigung und Zensur
drucken zu können«, aus dem Jahr 1644 gestellt.
7
Aus diesem
Text spricht freilich ebenso sehr religiöser Eifer wie die
Verteidigung der Freiheit, und fünf Jahre später rechtfertigte der
Verfasser in einer anderen Schrift die Hinrichtung Karls I.
Der heilige Krieg im Namen Allahs, den wir in den letzten
Jahren erleben, ist in allen seinen Dimensionen nicht wesentlich
anders. Natürlich geht es dabei nicht um liberale Werte, aber der
Dschihad bedeutet nicht so sehr Rückschritt, sondern ist
Ausdruck einer Übergangskrise. Die Gewalt, der religiöse
Zelotismus, sind nur vorübergehende Erscheinungen.
Der Iran ist in dieser Hinsicht ein exemplarischer Fall. 1979
wurde der Schah in der Islamischen Revolution vertrieben. Es
folgten zwei Jahrzehnte ideologischer Exzesse und blutiger
Konflikte. Die Alphabetisierungsquote war zum Zeitpunkt der
Revolution bereits hoch. Dies erklärt, warum die iranischen
Massen überhaupt in Bewegung kamen, und später führte es zu
einer allgemeinen geistigen Modernisierung. Der Rückgang der
-48-
Geburtenzahlen setzte bald nach der Machtübernahme von
Ayatollah Khomeini ein. Die ideologischen Debatten,
ausgedrückt in der Sprache des schiitischen Islam, sind für
Europäer mit christlichem Hintergrund nicht nachvollziehbar,
sie ergeben ebensowenig »Sinn« wie die Auseinandersetzungen
der protestantischen Sekten zur Zeit Cromwells. Die schiitische
Theologie prangert die Ungerechtigkeit in der Welt an und
enthält insofern ein revolutionäres Potential, genau wie die
ursprüngliche protestantische Metaphysik, die den Menschen
und die Gesellschaft als verderbt ansah. Luther und mehr noch
Calvin, die beiden Ayatollahs des 16. Jahrhunderts, trugen zur
Erneuerung und Reinigung der Gesellschaft bei: Amerika ist
ebensosehr wie der moderne Iran ein Kind des religiösen
Überschwangs.
Die iranische Revolution mündet heute zur allgemeinen
Überraschung und obwohl die amerikanische Regierung sich
beharrlich weigert, dies zur Kenntnis zu nehmen, in eine
demokratische Stabilisierung mit Wahlen, die zwar noch nicht
frei, aber doch pluralistisch sind, weil sich Reformer und
Konservative, linke und rechte Kräfte gegenüberstehen.
Die Abfolge Alphabetisierung - Revolution - Rückgang der
Geburtenzahlen ist zwar nicht universell zu beobachten, aber
doch ein klassisches Muster. Die Alphabetisierung der Männer
schreitet überall schneller voran als die der Frauen, eine
Ausnahme bilden allein die Antillen. Die politische
Destabilisierung ist ein Werk der Männer und geht im
allgemeinen der Geburtenkontrolle voraus, die hauptsächlich
von den Frauen abhängt. In Frankreich breitete sich die
Geburtenkontrolle nach der Revolution von 1789 aus, in
Rußland begann der massive Rückgang der
Fruchtbarkeitsquoten nach der Machtübernahme der
Bolschewiken und setzte sich die gesamte Stalinzeit hindurch
fort.
8


-49-
Demographie und Politik

Alphabetisierung und sinkende Geburtenzahlen, zwei
universell zu beobachtende Phänomene, ermöglichen die
universelle Verbreitung der Demokratie, die Fukuyama mehr
beschreibt und voraussagt, als daß er sie erklärt. Er schenkt der
geistigen Transformation zu wenig Aufmerksamkeit, die den
Gang der politischen Geschichte bestimmt. Ich weiß aus
Erfahrung, daß Politologen ohne demographische Kenntnisse
und Demographen ohne politologische Kenntnisse ungläubig
reagieren, wenn man die These formuliert, daß zwischen dem
Rückgang der Geburtenrate und der politischen Modernisierung
eine Korrelation besteht. Es ist eben sehr bequem, die
verschiedenen Ebenen der menschlichen Geschichte getrennt zu
betrachten und so zu tun, als existierten das politische Leben
und das Familienleben völlig unabhängig voneinander, als
könnte man Männer und Frauen in Scheiben schneiden, und jede
Scheibe lebte für sich allein entweder im Bereich der Politik
oder im Bereich der Reproduktion.
Zur Untermauerung dieser These erlaube ich mir, auf die
Argumentation zurückzugreifen, die ich 1976 in meinem Buch
Vor dem Sturz verwendet habe. Darin habe ich aus dem
Rückgang der Geburtenzahlen in Kombination mit anderen
Indikatoren auf das Ende des Kommunismus in der Sowjetunion
geschlossen.
9
Die damals geläufigen Theorien und die Mehrzahl
der berufsmäßigen Erforscher der Sowjetunion folgten der vor
allem von dem russischen Dissidenten Alexander Sinowjew
formulierten These, sechzig Jahre Diktatur und Terror hätten
einen neuen Menschentypus hervorgebracht, den Homo
sovieticus. Die geistige Struktur dieses Homo sovieticus sei
dauerhaft verändert worden, und das garantiere den
unbegrenzten Fortbestand des Totalitarismus. Ich bin von
meiner Ausbildung her nun einmal Historiker und Demograph,
und so leitete ich aus dem Rückgang der Geburtenzahlen in der
-50-
Sowjetunion - 42,7 Geburten auf 1000 Einwohner in den Jahren
1923-1927, 26,7 in den Jahren 1950-1952, 18,1 im Jahr 1975 -
ab, daß dort immer mehr ganz normale Menschen lebten, die
zweifellos in der Lage wären, den Kommunismus
abzuschütteln.
10
Für Rußland gilt wie für Frankreich und
Deutschland, daß der Übergang eine besonders turbulente Phase
war, in der die Veränderung der sexuellen Verhaltensweisen den
durch die Alphabetisierung verursachten Orientierungsverlust
noch verschlimmert hat. In Rußland war dies die Stalinzeit.
Auch wenn es schwierig ist und auf den ersten Blick nicht
einsichtig erscheint, müssen wir uns mit dem Gedanken
anfreunden, daß die Krisen und Gewaltausbrüche, die uns die
Medien unermüdlich vorführen, in den meisten Fällen keinen
Rückschritt anzeigen, sondern Ausdruck von Regelverlusten in
Übergangszeiten sind und folglich zum Prozeß der
Modernisierung gehören. Auf den Umbruch folgt automatisch
eine Stabilisierung, ganz ohne Intervention von außen.

Der Übergang in den islamischen Staaten

Wenn wir uns die Liste der Regionen der Welt ansehen, in
denen zu Beginn des 3.Jahrtausends die Gewalt regiert, dann
finden wir darunter auffallend viele muslimische Länder. In den
letzten Jahren hat sich darum ein Bild des Islam verbreitet,
wonach er ganz besonders aggressiv, bösartig und seinem
Wesen nach problematisch ist. Huntington beschreibt zwar
China als den wichtigsten Gegenspieler der Vereinigten Staaten,
doch die Aggressivität des Islam und seine angebliche
Gegnerschaft zum christlichen Abendland durchziehen die
Argumentationen in seinem Buch Der Kampf der Kulturen. Das
Gerüst dieses grob geschnitzten Werkes ist eine Klassifikation
der Staaten nach ihrer Religion. Die Einordnung Rußlands als
orthodox und Chinas als konfuzianisch kann für jeden, der die
-51-
fundamentale Areligiosität der russischen und chinesischen
Bauern kennt, nur grotesk klingen. Die ursprüngliche Schwäche
der Religion in den beiden Ländern hat im übrigen wesentlichen
Anteil daran, daß die kommunistischen Revolutionen in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dort Erfolg hatten.
Huntingtons »Theorie« ist im Kern ein Abkömmling des
modernen Dschihad, eine konzeptionelle Rückkehr zur Vision
des Ayatollah Khomeini, der genau wie der scharfsinnige
amerikanische Stratege fest an den Kampf der Kulturen glaubte.
Es ist jedoch nicht nötig, auf das Wesen des Islam zu
verweisen, seine angebliche Neigung zum Krieg - die in der
militärischen Rolle Mohammeds zum Ausdruck kommen soll zu
stigmatisieren oder die Unterjochung der Frauen in der
arabischen Welt anzuprangern, wenn man das Aufbrechen
ideologischer Leidenschaften und die Gewalt in der islamisch
geprägten Region erklären möchte. Die muslimische Welt ist,
was das Bildungsniveau betrifft, zwar sehr heterogen, insgesamt
ist es jedoch viel niedriger als in Europa, Rußland, China und
Japan. Deshalb vollziehen gerade heute, in der historischen
Phase, in der wir uns befinden, viele muslimische Länder den
großen Übergang. Sie wenden sich von den friedlichen
Denkstrukturen einer Welt ab, in der nur wenige lesen und
schreiben können, und bewegen sich auf den anderen stabilen
Zustand zu, der durch universelle Alphabetisierung
gekennzeichnet ist. Dazwischen liegt der Abgrund der Leiden
und Verwirrungen der geistigen Entwurzelung.
Einige muslimische Staaten haben den Übergang bereits
geschafft nach Überwindung einer fundamentalistischen Krise,
die logischerweise hauptsächlich die erst vor kurzem
alphabetisierten jungen Leute erfaßt hat und darunter
insbesondere die Studenten der Naturwissenschaften. Im Iran
kommt die Revolution langsam zur Ruhe. In Algerien erschöpft
sich der islamistische Eifer der Heilsfront, die zu einer
terroristischen, mörderischen Organisation verkommen ist. In
-52-
der Türkei gewinnen religiöse Parteien zwar an Stärke, aber sie
stellen keine Bedrohung für den laizistischen Staat des
Staatengründers Kemal Atatürk dar. Wir können Gilles Kepel
nur zustimmen, der in seinem Schwarzbuch des Dschihad den
weltweiten Niedergang des Islamismus schildert.
11
Mit großer
historischer und soziologischer Überzeugungskraft lokalisiert
Kepel den Anfang vom Ende der politischreligiösen Krise in
Malaysia, einem Land mit einer besonders hohen
Alphabetisierungsquote (88 Prozent im Jahr 2000).
Kepel analysiert den Niedergang des Islamismus nahezu
erschöpfend, doch einen Aspekt sollten wir hinzufügen, und das
ist das Scheitern des religiösen Militantismus in Mittelasien. In
Tadschikistan hat es zwar einen Bürgerkrieg zwischen
verschiedenen Clans gegeben, von denen sich einige auf einen
gereinigten Islam beriefen, und Usbekistan lebt in der Angst vor
einem Angriff fundamentalistischer Kräfte. Doch insgesamt
spielt der religiöse Faktor in den ehemaligen Sowjetrepubliken
in Mittelasien nur eine untergeordnete Rolle. Zahlreiche
Beobachter erwarteten, daß der Zerfall des Kommunismus eine
wahre Explosion muslimischer Gefühle auslösen würde. Doch
die Sowjetunion hatte für die vollständige Alphabetisierung
ihrer ehemaligen Sowjetrepubliken gesorgt, und im Zeitraum
von 1975 bis 1995 gelang ihnen ein rascher demographischer
Wandel.
12
Die politischen Systeme jener Staaten tragen noch
den Stempel der Sowjetherrschaft, und von wahrer Demokratie
sind sie denkbar weit entfernt. Aber sie werden auf keinen Fall
von religiösen Denkmodellen beherrscht.

Die nächsten Krisenherde: Pakistan und Saudi-Arabien

Einige muslimische Länder haben jedoch erst vor kurzem den
Weg zu Alphabetisierung und geistiger Modernisierung
eingeschlagen. Die beiden wichtigsten in dieser Kategorie sind
-53-
Saudi-Arabien mit 35 Millionen Einwohnern im Jahr 2001 und
Pakistan mit 145 Millionen, zwei Hauptakteure im
Zusammenhang mit den Ereignissen, die in den Anschlägen auf
das World Trade Center und das Pentagon kulminierten. Die
Armee und der Geheimdienst von Pakistan haben das Taliban-
Regime in Afghanistan installiert, Pakistan diente der
Terrororganisation Al Quaida als Hinterland. Aus Saudi-Arabien
stammten die meisten der Selbstmordattentäter, die die
Anschläge in den Vereinigten Staaten verübten. Offensichtlich
besteht ein Zusammenhang zwischen der wachsenden
Amerikafeindlichkeit in diesen beiden Ländern und dem
kulturellen Aufbruch, der dort stattfindet. Im Iran gewann der
Antiamerikanismus in ähnlicher Weise an Stärke, als in der
zweiten Hälfte der siebziger Jahre die Alphabetisierung massiv
voranschritt. Mit dem Iran haben die amerikanischen Politiker
ein Beispiel dafür vor Augen, daß ein ehemaliger Verbündeter
zu einem erbitterten Feind geworden ist. Sie haben darum allen
Grund, sich wegen ihrer strategischen Position diesseits und
jenseits des Persischen Golfes Sorgen zu machen. Saudi-
Arabien und Pakistan werden mindestens für die nächsten
zwanzig Jahre gefährliche Regionen bleiben, die politische
Instabilität dort dürfte ein erhebliches Ausmaß erreichen. Jedes
Engagement in dieser Region birgt Risiken, das hat Frankreich
im Mai 2002 schmerzlich erfahren, als auf eine Gruppe
französischer U-Boot-Techniker ein Selbstmordanschlag verübt
wurde.
Aber man kann von der Feindseligkeit dieser beiden
muslimischen Bevölkerungen in Ländern, die direkt in die
amerikanische Einflußsphäre einbezogen sind, nicht darauf
schließen, daß der Terrorismus ein weltweites Phänomen ist. Ein
großer Teil der muslimischen Welt hat bereits einen friedlichen
Weg eingeschlagen.
Es wäre zu einfach, wenn man aus der aktuellen
Krisenstatistik ableiten wollte, daß der Islam eine diabolische
-54-
Macht darstellt. Global betrachtet, durchläuft die islamische
Welt gerade ihre Modernisierungskrise und ist folglich gewiß
keine Oase des Friedens. Die entwickelten und friedlichen
Länder ihrerseits können ihren derzeitigen Zustand nicht als ihr
Verdienst verbuchen, ein nachdenklicher Blick auf ihre eigene
Vergangenheit sollte für sie Anlaß zur Bescheidenheit sein. Die
Französische und die englische Revolution waren gewaltsame
Ereignisse, genauso wie der russische und der chinesische
Kommunismus, genauso wie der japanische Militarismus und
Imperialismus. Die Werte, die explizit mit dem amerikanischen
Unabhängigkeitskrieg und dem Sezessionskrieg verbunden
werden, sind für uns wegen der historischen und kulturellen
Nähe auf Anhieb nachvollziehbar. Aber auch den Vereinigten
Staaten ist die Übergangskrise nicht erspart geblieben.
13

Bestimmte ideologische Debatten, die zur amerikanischen Krise
dazugehören, sind für uns trotz allem schwer einsichtig, so etwa
die zentrale Diskussion über die Hautfarbe. Diese amerikanische
Idiosynkrasie ist für einen Europäer genauso fremd wie die
hysterischen Debatten über den Status der Frau, die für die
islamischen Revolutionen typisch sind.

Der Fall Jugoslawien: Mehrere Krisen gleichzeitig

Das Ende des Kommunismus in Jugoslawien und der Zerfall
des jugoslawischen Bundesstaates entsprechen zwar auch dem
allgemeinen Gesetz, daß Fortschritt mit geistigem
Orientierungsverlust einhergeht, aber der Fall Jugoslawien weist
doch einige Besonderheiten auf, die daher rühren, daß die
verschiedenen Bevölkerungsgruppen des ehemaligen
Bundesstaates sich auf unterschiedlichen Niveaus der
bildungsmäßigen und demographischen Entwicklung
befanden.
14
Der demographische Übergang bei den Serben, den
Kroaten und den Slowenen erfolgte zwar nicht so früh wie in
Westeuropa, war aber im wesentlichen 1955 abgeschlossen. Die
-55-
Geburtenziffer lag 1955 bei 2,5 in Kroatien und Slowenien und
in ganz Serbien bei 2,8. In diesen drei Teilrepubliken hatte die
fortschreitende Alphabetisierung einen Geburtenrückgang
ausgelöst und gleichzeitig der kommunistischen Ideologie
Auftrieb verschafft. Weiter im Süden, in Bosnien, im Kosovo, in
Mazedonien und in Albanien, wurde der Kommunismus
seinerzeit Gesellschaften übergestülpt, die im Bildungsniveau
und hinsichtlich der geistigen Modernisierung noch nicht so
weit waren. Die Geburtenziffer lag 1955 in Bosnien bei 4,3, in
Mazedonien bei 4,7, in Albanien und im Kosovo bei 6,7. Die
mittleren Werte für Bosnien und Mazedonien spiegeln die
religiöse Heterogenität der dortigen Bevölkerung wider:
Katholiken, Orthodoxe und Muslime in Bosnien, Orthodoxe und
Muslime im Kosovo und in Mazedonien. Wir wollen hier der
religiösen Klassifizierung gar keine übermäßige Bedeutung
zumessen und betrachten sie nur als eine Etikettierung
unterschiedlicher kultureller Systeme. Aber auch mit dieser
Einschränkung müssen wir sagen, daß die muslimischen
Bevölkerungsgruppen der Region hinsichtlich ihrer Fortschritte
auf dem Weg in die Moderne eindeutig den christlichen
Bevölkerungsgruppen hinterherhinkten. Dem allgemeinen
Gesetz des Übergangs waren sie jedoch ebenfalls unterworfen.
Die Fruchtbarkeitsziffer sank auf 2,3, in Bosnien war dies 1975
erreicht, in Mazedonien 1984, im Kosovo 1998. Albanien folgte
knapp dahinter, dort lag die Geburtenzahl 1998 bei 2,5 Kindern
pro Frau.
Mit Hilfe der demographischen Analyse können wir auf dem
Staatsgebiet des ehemaligen Jugoslawien somit zwei
gegeneinander verschobene Übergangskrisen identifizieren. Die
erste Krise entfaltete sich in den Jahren 1930 bis 1955 in diese
Zeit fällt auch der Übergang zum Kommunismus und brachte
die »christlichen« Bevölkerungsgruppen, vor allem Kroaten und
Serben, demographisch und geistig in die Moderne. Die zweite
Krise dauerte von 1965 bis 2000 und betraf die zum Islam
-56-
konvertierten Bevölkerungsteile. Aber ein Unglücksfall der
Geschichte - die verspätete geistige Revolution im muslimischen
Teil traf mit der Auflösung des Kommunismus zusammen, die
für Serben und Kroaten so etwas wie eine zweite Phase hätte
sein sollen, die Bewältigung der Modernisierungskrise. Die
verschiedenen Bevölkerungsgruppen sind miteinander
verwoben, und die Überwindung des Kommunismus, die allein
schon ein erhebliches Problem darstellte, wurde von der
Übergangskrise des muslimischen Bevölkerungsteils überlagert.
Der mörderische Alptraum war die Folge.
Die Tatsache, daß die ersten Auseinandersetzungen zwischen
Serben und Kroaten stattfanden, bedeutet nicht, daß der
»muslimische« Faktor zu Beginn der Krise nicht existiert hätte.
Wir müssen uns vor Augen halten, daß der ungleiche Stand
beim demographischen Übergang zur Folge hatte, daß sich das
relative Gewicht der einzelnen Bevölkerungsgruppen innerhalb
der jugoslawischen Föderation dauernd veränderte, was Ängste
vor Überfremdung schürte. Serben und Kroaten hatten die
Geburtenzahlen bereits früh gesenkt. Sie erlebten nun, wie ihr
Bevölkerungswachstum sich verlangsamte, während die
»muslimische« Bevölkerung immer zahlreicher wurde; aus ihrer
Sicht drohte damit die Gefahr, daß sie demographisch überrollt
werden könnten. Die ethnische Obsession nach dem Ende des
Kommunismus spitzte sich durch die unterschiedlichen
Dynamiken der Bevölkerungsentwicklung noch zu und
vermischte sich mit dem Problem, daß die Kroaten sich von den
Serben trennen wollten.
Hier bewegen wir uns auf einem ideologischen und mentalen
Feld, auf dem eine Verifikation im wissenschaftlichen Sinn des
Wortes nicht möglich ist. Aber die ethnischen Säuberungen bei
Serben und Kroaten hätten wohl kaum das bekannte Ausmaß
angenommen, hätte es den Katalysator der muslimischen
Bevölkerungsentwicklung nicht gegeben, das heißt eine rasch
wachsende Bevölkerungsgruppe, die gleichzeitig mitten in der
-57-
Übergangskrise steckte. Die Loslösung der Slowenen vom
Staatenverbund, einer Bevölkerungsgruppe weit im Norden
ohne Kontakt zu den Muslimen, hat nicht zu heftigeren
Reaktionen geführt als die Aufspaltung der Tschechoslowakei in
eine tschechische und eine slowakische Republik.
Meine Absicht ist es nicht, mit dieser Analyse nachzuweisen,
daß jegliche humanitäre Intervention nutzlos ist. Wenn die
betroffenen Länder klein sind, ist anzunehmen, daß Eingreifen
von außen die inneren Spannungen vermindern kann. Das
Bemühen, historisches und soziologisches Verständnis zu
entwickeln, sollte gleichwohl begleitet sein von Interventionen
solcher bewaffneter Mächte, die die Schrecken der
Modernisierung längst hinter sich haben. Als Reaktion auf die
Krise in Jugoslawien gab es reichlich moralische Erklärungen
und wenig echte Analysen. Das ist um so bedauerlicher, als
schon ein Blick auf die Weltkarte zeigt, daß nicht nur das
Christentum und der Islam viele geographische
Berührungspunkte haben, wie Huntington betont, sondern auch
der Kommunismus und der Islam von Jugoslawien bis nach
Mittelasien aneinander grenzten. Daß der Niedergang des
Kommunismus und die Übergangskrise der islamischen Welt
zeitlich zusammenfielen - der Abschluß der geistigen
Modernisierung im einen Fall, ihr Beginn im anderen Fall -, war
in den neunziger Jahren häufig zu beobachten und verdient eine
umfassende soziologische Analyse. Die Auseinandersetzungen
im Kaukasus und die weniger langwierigen Konflikte in
Mittelasien haben einige Gemeinsamkeiten mit der Situation in
Jugoslawien. Es bleibt festzuhalten, daß die Überlagerung
zweier Übergangskrisen die Krisenerscheinungen nur
verschärfen kann, was aber nicht bedeutet, daß zwischen
verschiedenen Bevölkerungsgruppen ein struktureller und
permanenter Konfliktzustand entsteht.

Geduld und Zeit
-58-

Für die Feststellung, daß mit der geistigen Modernisierung
beziehungsweise mit ihren beiden Hauptkomponenten, der
Alphabetisierung und dem Rückgang der Geburtenrate,
ideologischer und politischer Aufruhr einhergeht, der Klassen,
Religionen und Völker in Konflikt bringt, finden wir vielfache
Bestätigung. Manche Völker haben zwar die mit dem Übergang
verbundenen Ängste verspürt, haben aber keine Phase
wiederholter Eruptionen von Gewalt erlebt. Doch ich scheue
mich, entsprechende Beispiele zu nennen, weil ich fürchte, daß
ich die eine oder andere Krise, das eine oder andere Massaker
vergessen haben könnte. Am besten steht vielleicht
Skandinavien da, wenn wir einmal Dänemark, Schweden und
Norwegen herausgreifen. Finnland mit einer nicht zur
indogermanischen Sprachfamilie gehörenden Sprache hat sich
nach dem Ersten Weltkrieg, im Gefolge der russischen
Revolution, einen durchaus erwähnenswerten Bürgerkrieg
zwischen roten und weißen Truppen geleistet.
Wenn wir noch einmal zur protestantischen Reformation
zurückkehren, dem Ausgangspunkt auf dem Weg zur
allgemeinen Alphabetisierung, sehen wir eifernde Schweizer,
die, von der religiösen Leidenschaft ergriffen, ohne weiteres
imstande waren, im Namen hehrer Prinzipien sich gegenseitig
umzubringen und Häretiker und Hexen zu verbrennen. Doch
nach Überwindung dieser Übergangskrise entwickelte dasselbe
Land seine legendäre Sauberkeit und Pünktlichkeit, begründete
es das Rote Kreuz und erteilte es der ganzen Welt Lektionen in
staatsbürgerlichem Konsens. Wir sollten deshalb allein aus
Gründen des Anstands darauf verzichten, den Islam als von
Natur aus anders zu betrachten und über sein »Wesen« zu
urteilen.
Die Ereignisse vom 11. September 2001 haben
bedauerlicherweise auch die Folge gehabt, daß das Konzept vom
»Kampf der Kulturen« allgemeine Verbreitung fand. Weil wir
-59-
aber so »tolerant« sind, erfolgte die Verbreitung meist in Form
einer Verneinung: Zahllose Intellektuelle und Politiker
bekräftigten in den Tagen, Wochen und Monaten nach den
Anschlägen, von einem »Kampf der Kulturen« zwischen Islam
und Christentum könne keine Rede sein. Die Inflation dieser
Beteuerung zeigt, daß diese schlichte Vorstellung in den Köpfen
allgegenwärtig war. Die politisch korrekte Rücksicht auf die
religiösen Gefühle - die Ideologie der oberen 20 Prozent - verbat
es, den Islam direkt zu beschuldigen. Aber der islamische
Fundamentalismus ging als »Terrorismus« in die
Umgangssprache ein, und viele sehen darin ein weltweites
Phänomen.
Tatsächlich erfolgten die Anschläge vom 11. September zu
einem Zeitpunkt, als das Feuer des Islamismus schwächer
loderte. Die Fortschritte bei Alphabetisierung und
Geburtenkontrolle geben uns den Schlüssel zur Beschreibung
und Erklärung dieser ideologischen Entwicklung an die Hand.
Eine derartige Analyse ermöglicht es uns zu sagen, daß die
Vereinigten Staaten und diejenigen ihrer Verbündeten, die ihnen
folgen werden, erst ganz am Anfang ihrer Konflikte mit Saudi-
Arabien und Pakistan stehen, weil diese beiden Länder gerade
erst zum Sprung in die Moderne ansetzen und die unvermeidlich
damit verbundenen Erschütterungen noch vor sich haben. Die
Rede vom weltweiten Terrorismus erlaubt den Vereinigten
Staaten, sich als führende Nation in einem universellen
»Kreuzzug« neu zu definieren, nach Belieben überall punktuell
und oberflächlich einzugreifen, wie auf den Philippinen und im
Jemen geschehen, oder Stützpunkte in Usbekistan und
Afghanistan zu errichten und Vorstöße nach Georgien und an
die Grenze von Tschetschenien zu unternehmen. Doch wenn
man sich den tatsächlichen Zustand der Welt anschaut, gibt es
keinerlei soziologische und historische Rechtfertigung für die
Rede vom weltweiten Terrorismus. Aus der Sicht der
islamischen Welt ist diese Vorstellung absurd. Sie wird ihre
-60-
Übergangskrise ohne Eingriff von außen überwinden und
automatisch wieder zur Ruhe kommen. Die Rede vom
weltweiten Terrorismus nützt nur den Vereinigten Staaten, weil
sie eine durch den permanenten Kriegszustand in Atem
gehaltene Alte Welt brauchen.

-61-
KAPITEL 2
Die große demokratische Bedrohung

Die Betrachtung der beiden Parameter Bildung und
Demographie weltweit bringt Fleisch auf das Skelett von
Fukuyamas These vom Sinn in der Geschichte.
Alphabetisierung und Geburtenkontrolle erscheinen uns heute
als Universalien der Menschheit. Daher ist es leicht, diese
beiden Aspekte des Fortschritts mit dem Aufstieg eines wie auch
immer gearteten »Individualismus« zu verbinden, dessen
Vollendung nur die Behauptung des Individuums in der
politischen Sphäre sein kann. Eine der frühesten Definitionen
von Demokratie stammt von Aristoteles, der - durch und durch
modern - Freiheit (eleutheria) und Gleichheit (isonomia) als die
beiden wesentlichen Elemente der Demokratie bezeichnet hat,
weil sie dem Menschen erlaubten, »sein Leben zu führen, wie er
es möchte«.
Wer lesen und schreiben kann, erreicht eine höhere Ebene des
Bewußtseins. Der Rückgang der Geburtenzahlen zeigt an, wie
weit diese psychische Veränderung reicht, nämlich bis in den
Bereich der Sexualität. Dementsprechend ist die Beobachtung
durchaus logisch, daß in einer durch Alphabetisierung und
demographisches Gleichgewicht geeinten Welt immer mehr
politische Systeme der liberalen Demokratie zuneigen. Wir
können die These aufstellen, daß Individuen, die durch die
Alphabetisierung zu Bewußtheit und Gleichheit gelangt sind,
nicht mehr auf unbestimmte Zeit autoritär regiert werden
können, oder anders formuliert: Die Kosten, die es verursacht,
wenn Menschen mit einem bestimmten Grad von Bewußtheit
autoritär regiert werden sollen, sind so hoch, daß die betreffende
Gesellschaft ökonomisch nicht mehr konkurrenzfähig ist. Wir
könnten unendlich über die Wechselwirkungen zwischen
-62-
Bildung und Demokratie spekulieren. Männern wie Condorcet
war der Zusammenhang vollkommen klar, nicht umsonst stellte
er die Förderung der Bildung in den Mittelpunkt seines Entwurfs
einer historischen Darstellung der Fortschritte des
menschlichen Geistes
1
. Es ist nicht allzu schwierig, mit diesem
gewichtigen Faktor Tocquevilles Vision einer »unaufhaltsamen«
Entwicklung hin zur Demokratie zu erklären.
Diese Sichtweise ist in meinen Augen sehr viel eher
authentisch »hegelianisch« als die Sichtweise Fukuyamas, der
sich in eine ökonomistische, auf den materiellen Fortschritt
fixierte Perspektive verrennt. Sie erscheint mir auch realistischer
und überzeugender als Erklärung für die Ausbreitung
demokratischer Entwicklungen: in Osteuropa, der ehemals
sowjetischen Einflußsphäre, in Lateinamerika, in der Türkei, im
Iran, in Indonesien, Taiwan und Südkorea. Daß auf einmal in so
vielen Teilen der Welt pluralistische Wahlen stattfinden, kann
man nicht mit wachsendem Wohlstand erklären. Im Zeitalter der
Globalisierung erleben wir einen Rückgang der wirtschaftlichen
Wachstumsraten, der Lebensstandard vieler Menschen erhöht
sich nur noch langsam, manchmal sinkt er sogar, und nahezu
überall nehmen die Ungleichheiten zu. »Ökonomistische«
Erklärungen sind nicht überzeugend: Wie könnte wachsende
materielle Unsicherheit als Erklärung dafür dienen, daß
diktatorische Regime stürzen und Wahlen an Bedeutung
gewinnen? Der Verweis auf die Entwicklung der Bildung
hingegen erlaubt, die Verbreitung der Gleichheit auszumachen,
die von der wirtschaftlichen Ungleichheit verdeckt wird.
Welche Einwände man auch immer gegen Fukuyama
vorgebracht hat, seine These ist durchaus einleuchtend, daß die
Welt eines Tages durch die liberale Demokratie geeint sein wird
und daß in Anbetracht von Doyles Gesetz, wonach Demokratien
keine Kriege gegeneinander führen, die Aussicht auf
allgemeinen Frieden besteht. Wir müssen aber zugeben, daß die
verschiedenen Nationen und Regionen der Welt sehr
-63-
unterschiedliche Wege beschreiten.
Allein der gesunde Menschenverstand läßt uns daran
zweifeln, daß Länder mit so unterschiedlichen historischen
Erfahrungen wie der englischen und der Französischen
Revolution, dem Kommunismus, Nationalsozialismus,
Faschismus, der islamischen Revolution Khomeinis, dem
vietnamesischen Nationalkommunismus und der Herrschaft der
Roten Khmer eines Tages Abbilder ein und desselben Modells
des ökonomischen und politischen Liberalismus sein werden.
Fukuyama reagiert auf eigene Zweifel an dieser Konvergenz,
wenn er auf das Beispiel der gegenwärtigen japanischen
Demokratie verweist. Japan ist formell eine tadellose
Demokratie, allerdings mit der Besonderheit, daß seit dem
Zweiten Weltkrieg, mit Ausnahme einer etwa einjährigen Phase
der Unsicherheit 1993-1994, die liberaldemokratische Partei an
der Macht ist. In Japan findet die Auswahl der Regierenden
nicht zwischen Parteien statt, sondern in Machtkämpfen
zwischen Gruppierungen innerhalb der herrschenden Partei.
Fukuyama zufolge spricht die Tatsache, daß Japan keinen
Parteienwettbewerb kennt, nicht gegen den demokratischen
Charakter des japanischen Regierungssystems, weil die Wähler
auch so zwischen Alternativen wählen können.
Das schwedische Modell, geprägt von der langen Dominanz
der sozialdemokratischen Partei, erinnert in mancher Hinsicht an
Japan. Da das schwedische System endogen entstanden ist, nicht
als Folge der Besetzung des Landes durch eine ausländische
Macht wie das japanische, können wir Fukuyama wohl
zustimmen, wenn er sagt, daß der Wechsel der Regierungspartei
kein Definitionsmerkmal einer liberalen Demokratie ist.
Allerdings spricht das Nebeneinander von Regierungswechsel
nach angelsächsischem Vorbild und japanischer oder
schwedischer Kontinuität dafür, daß es sehr verschiedene
Unterformen der liberalen Demokratie gibt, die Konvergenz
mithin nie vollständig sein kann.
-64-

Ursprüngliche anthropologische Vielfalt

Das fundamentale Problem der orthodoxen politischen
Wissenschaft besteht darin, daß sie bis heute keine
überzeugende Erklärung für die dramatischen ideologischen
Unterschiede der Gesellschaften in der Phase der
Modernisierung zu geben vermag. Wir haben im vorangehenden
Kapitel gesehen, daß zum kulturellen Aufbruch, so verschieden
er von Fall zu Fall sein mag, stets bestimmte Elemente gehören:
Alphabetisierung, Rückgang der Geburtenzahlen, politische
Aktivierung der Masse, nicht zu vergessen
Orientierungslosigkeit und Gewalt in der Übergangsphase, die
auf die geistige Entwurzelung folgt. Wir müssen aber
einräumen, daß die Militärdiktatur Cromwells, die den Zerfall
der Kirchen in rivalisierende protestantische Sekten zuließ, und
die Diktatur der Bolschewiken, die ein ganzes Land in ein
Konzentrationslager verwandelte, sehr verschiedene
Wertvorstellungen vertraten. Und wir müssen zugeben, daß der
kommunistische Totalitarismus, der ganz dem Grundsatz der
Gleichheit der Menschen verpflichtet war, nichts mit den
Wertvorstellungen der Nationalsozialisten gemein hatte, für die
oberster Glaubenssatz die Ungleichheit der Völker war.
Ich habe 1983 in meinem Buch La troisième planète.
Structures familiales et systèmes idéologiques (Der dritte Planet.
Familienstrukturen und ideologische Systeme) eine
anthropologische Erklärung für die politischen Unterschiede
zwischen Gesellschaften in der Phase der Modernisierung
vorgeschlagen.
2
Der Verweis auf die Familienstrukturen erlaubt
heute zu erklären, warum die im Entstehen begriffene
demokratische Welt so vielgestaltig bleiben wird.
Die Familienstrukturen der durch die Modernisierung
entwurzelten ländlichen Bevölkerungen waren von sehr
-65-
unterschiedlichen Werten geprägt: liberale und autoritäre,
egalitäre und inegalitäre. Sie gaben in der Phase der
Modernisierung die Bausteine für die Ideologien ab.
- Der Liberalismus angelsächsischer Prägung projizierte das
für englische Familien typische Ideal der wechselseitigen
Unabhängigkeit von Eltern und Kindern in die Sphäre der
Politik und dazu auch die Ungleichheit in der Beziehung
zwischen den Geschwistern.
- Die Französische Revolution verwandelte den liberalen
Austausch zwischen Eltern und Kindern und die Gleichheit
zwischen den Geschwistern, wie sie im 18. Jahrhundert für die
bäuerlichen Familien im Pariser Becken typisch waren, in die
Doktrin von Freiheit und Gleichheit aller Menschen.
- Die russischen Bauern, die Muschiken, behandelten ihre
Söhne zwar egalitär, aber ein Sohn, ob verheiratet oder nicht,
blieb bis zum Tod seines Vaters unter dessen Gewalt. Die
russische Ideologie der Übergangsphase, der Kommunismus,
war darum nicht nur egalitär wie die französische, sondern auch
autoritär. Dieses Muster wurde überall übernommen, wo
Familienstrukturen ähnlich den russischen bestanden: in China,
in Jugoslawien, in Vietnam, nicht zu vergessen einige
Landstriche in Europa, wo bevorzugt kommunistisch gewählt
wurde, wie in der Toskana, im Limousin und in Finnland.
- In Deutschland trugen die autoritären und inegalitären Werte
der traditionellen Familie, die in jeder Generation nur einen
Abkömmling zum Erben bestimmte, zum Aufstieg des
Nationalsozialismus bei, einer autoritären und inegalitären
Ideologie. Japan und Schweden sind stark abgeschwächte
Varianten dieses anthropologischen Typs.
Die arabisch- muslimische Familienstruktur liefert eine
Erklärung für bestimmte Aspekte des radikalen Islamismus,
einer Übergangsideologie neben anderen, für die eine besondere
Kombination von Egalitarismus und gemeinschaftlichem
-66-
Anspruch typisch ist, ohne daß dies zu einer Überbewertung des
Staates führt. Diesen ganz speziellen anthropologischen Typus
finden wir auch in vielen Ländern außerhalb der arabischen
Welt, so im Iran, in Pakistan, in Afghanistan, Usbekistan,
Tadschikistan, Kirgisistan und Aserbaidschan sowie in Teilen
der Türkei. Auffallendstes Merkmal ist die sehr untergeordnete
Stellung der Frau in Familien dieses Typs. Mit der Ausrichtung
auf die Gemeinschaft und der großen Nähe zwischen Vätern und
verheirateten Söhnen ähnelt er dem russischen Modell, aber er
unterscheidet sich wesentlich davon durch die starke Präferenz
für Eheschließungen zwischen Geschwisterkindern. Die Heirat
zwischen Cousins und Cousinen ersten Grades, insbesondere
zwischen den Kindern zweier Brüder, bringt in die familiären
wie die ideologischen Strukturen ein spezifisches Verhältnis
gegenüber Autoritäten ein. Die Beziehung zwischen Vater und
Sohn ist nicht wirklich autoritär. Die Sitte zählt mehr als der
väterliche Wille, und die horizontale Verbindung zwischen
Brüdern ist die grundlegende Familienbeziehung. Das System
ist sehr egalitär, sehr gemeinschaftsorientiert, aber es fördert
nicht den Respekt vor Autoritäten im allgemeinen und vor
staatlichen im besonderen.
3
In den einzelnen Ländern ist die
Endogamie unterschiedlich stark ausgeprägt: In der Türkei liegt
die Quote der Eheschließungen unter Verwandten bei 15
Prozent, in der arabischen Welt zwischen 25 und 35 Prozent, in
Pakistan jedoch bei 50 Prozent. Ich gebe zu, daß ich mit der
Neugier des Anthropologen darauf warte, wie der Prozeß der
geistigen und ideologischen Modernisierung in Pakistan
ablaufen wird, einem Land, das durch seine maximale
Endogamie in anthropologischer Hinsicht eine Sonderstellung
einnimmt. Man kann schon jetzt sagen, daß der Umbruch in
Pakistan anders aussehen wird als im Iran, wo die Quote der
familiären Endogamie nur bei 25 Prozent liegt.

-67-
Tabelle 3 Prozentsatz der Eheschließungen zwischen
Verwandten ersten Grades in der ersten Hälfte der neunziger
Jahre
Sudan 57
Pakistan 50
Mauretanien 40
Tunesien 36
Jordanien 36
Saudi-Arabien 36
Syrien 35
Oman 33
Jemen 31
Qatar 30
Kuwait 30
Algerien 29
Ägypten 25
Marokko 25
Vereinigte Arabische
Emirate
25
Iran 25
Bahrain 23
Türkei 15
Quelle: Demographic and Health Survey.

Pakistan, dieser nicht sehr zuverlässige Verbündete der
Vereinigten Staaten, hat seine ideologische Botschaft noch nicht
vollständig vorgebracht und wird uns noch erstaunen. Man
könnte die Liste der Beispiele und Entwicklungswege noch
verlängern. Wichtig dabei ist zu erkennen, daß es vor dem
Beginn der Modernisierung eine ursprüngliche anthropologische
-68-
Dimension gibt, die in den Sitten und Gebräuchen des
ländlichen Raumes verwurzelt ist. Regionen und Völker mit
unterschiedlichen Familienwerten sind zu unterschiedlichen
Zeitpunkten und mehr oder weniger heftig vom gleichen Prozeß
der Entwurzelung betroffen. Wenn wir uns die ursprüngliche
Verschiedenheit der ländlichen Welt hinsichtlich der
Familienstrukturen, die anthropologische Variable, klarmachen
und zugleich die Universalität der Alphabetisierung, die
historische Variable, dann können wir gleichzeitig den Sinn der
Geschichte erfassen und die Unterschiede zwischen Völkern und
Regionen.

Ein mögliches Muster: Von der Hysterie des Umbruchs zur
demokratischen Konvergenz

Die Krise des Übergangs erschüttert in der ersten Phase die
Wertvorstellungen der Menschen. Die Entwurzelung durch die
Moderne führt als Reaktion zu einer ideologischen
Neubestätigung der traditionellen Familienwerte. Deshalb sind
alle Übergangsideologien in gewisser Weise fundamentalistisch:
Alle bekräftigen bewußt oder unbewußt die Verbindung mit der
Vergangenheit, selbst wenn sie sich durch und durch modern
geben wie etwa der Kommunismus. Die Einheitspartei, die
Zentralverwaltungswirtschaft und vor allem der KGB
übernahmen in Rußland die traditionell totalitäre Funktion der
ländlichen Familie.
4

Alle traditionellen Gesellschaften durchlaufen den gleichen
historischen Prozeß: die Alphabetisierung. Aber der Übergang
verschärft die Gegensätze zwischen Ländern und Völkern. Die
Antagonismen zwischen Franzosen und Deutschen, zwischen
Angelsachsen und Russen scheinen unüberwindlich, weil jeder
gewissermaßen in ideologischer Verbrämung seine
ursprüngliche anthropologische Besonderheit hinausschreit.
-69-
Heute dramatisiert die arabisch- muslimische Welt ein letztes
Mal ihre Verschiedenheit vom Westen, vor allem bezüglich der
Rolle der Frau, während doch im Iran und in arabischen Ländern
die Frauen auf dem Weg sind, sich mittels Geburtenkontrolle zu
emanzipieren.
Nach dieser ersten Phase ebbt die Krise ab. Es scheint, als
würden alle anthropologischen Systeme gleichermaßen, wenn
auch zeitlich versetzt, die Aufwallung des Individualismus
durchmachen, die mit der Alphabetisierung einhergeht. Und
schließlich zeichnet sich die demokratische Konvergenz ab.
Wohlgemerkt: Nicht alle anthropologischen Systeme erleben
den Anstieg des demokratischen Individualismus in der gleichen
Weise. Wie sollten sie auch? Die Freiheit ist für manche
Systeme, vor allem für das angelsächsische und das
französische, ein ursprünglicher Wert, verankert in der
Familienstruktur; der Gang der Geschichte bringt dann nur eine
Formalisierung und Radikalisierung der Forderung nach
Freiheit. In anderen Systemen wie dem deutschen, dem
japanischen, dem russischen, chinesischen und arabischen
werden durch den wachsenden Individualismus bestimmte
ursprüngliche anthropologische Werte in Frage gestellt, und
deshalb vollzieht sich der Übergang gewaltsamer, und das
Ergebnis sieht von Fall zu Fall ganz unterschiedlich aus. Die
Werte, die ursprünglich hinsichtlich Autoritäten und
Gemeinschaftlichkeit galten, verlieren an Gewicht,
verschwinden aber nicht ganz. Damit können wir die
Unterschiede zwischen den Ausprägungen der Demokratie in
den Ländern erklären, die den demographischen Übergang
hinter sich haben und in eine Phase der Beruhigung eingetreten
sind. Japan mit seiner unerschütterlichen liberaldemokratischen
Regierungspartei, seiner sozialen Kohäsion und seinem auf
industrielle Produktion und Export ausgerichteten Kapitalismus
ist anders als Amerika. Rußland nach dem Ende des
Kommunismus und der Iran nach Khomeini werden nicht eine
-70-
so hyperindividualistische Gesellschaftsform entwickeln, wie sie
in den Vereinigten Staaten besteht.
Es ist wohl nicht zu erwarten, daß alle nach solchen
Übergangsprozessen entstandenen »Demokratien« im
wesentlichen stabil sind oder sein werden und ähnlich
funktionieren werden wie die liberalen Demokratien
angelsächsischer und französischer Prägung. Die Möglichkeit
einer friedlichen Welt ins Auge zu fassen, eine allgemeine
Tendenz zu mehr Individualismus anzuerkennen und an den
universellen Triumph der liberalen Demokratie zu glauben, sind
sehr verschiedene Dinge. Für den Augenblick besteht jedenfalls
kein Grund, daß wir Fukuyamas These geringschätzig vom
Tisch wischen.
Selbst die Tatsache, daß der erste postkommunistische
Demokratisierungsversuch in China gescheitert ist und mit der
Etablierung eines gemischten Systems endete, in dem
wirtschaftlicher Liberalismus und politischer Autoritarismus
nebeneinander bestehen, ist kein Gegenargument. Dies könnte
durchaus nur ein vorläufiger Zustand sein. Das Beispiels
Taiwans, wo seit einigen Jahren die Entwicklung einer echten
Demokratie zu beobachten ist, spricht dafür, daß China und die
Demokratie nicht grundsätzlich unvereinbar sind, wie
Huntington es behauptet.
Paradoxerweise haben wir viel mehr Mühe damit, uns die
langfristige demokratische Stabilisierung Lateinamerikas
vorzustellen, einer Region mit atomisierten Familienstrukturen,
einem Höchstmaß an wirtschaftlicher Ungleichheit, in der sich
seit dem 19. Jahrhundert demokratische Phasen und
Militärregime abwechseln. Selbst eine langfristige autoritäre
Stabilisierung ist vor dem Hintergrund der lateinamerikanischen
Geschichte unwahrscheinlich. Doch die argentinische
Demokratie hat sich behauptet, allen enormen wirtschaftlichen
Schwierigkeiten und allen politischen Krisen zum Trotz. In
Venezuela haben Unternehmerkreise, die Kirche, mehrere
-71-
private Fernsehsender und ein Teil der Armee im April 2002
einen Staatsstreich gegen den Präsidenten Hugo Chavez
versucht, und in dieser Situation hat das Land eine
überraschende demokratische Stabilität gezeigt. Die
Alphabetisierungsquote der erwachsenen Bevölkerung liegt dort
heute bei 93 Prozent und die der jungen Leute zwischen 15 und
24 Jahren bei 98 Prozent. Ein paar Fernsehsender schaffen es
nicht, eine Bevölkerung zu manipulieren, die lesen kann und
nicht nur schauen. Der Wandel der Einstellungen reicht tief: Die
Frauen in Venezuela betreiben Geburtenkontrolle, die Zahl der
Kinder pro Frau ist auf 2,9 im Jahr 2002 gesunken.
Die Widerstandsfähigkeit der venezolanischen Demokratie
hat vor allem die amerikanische Regierung sehr überrascht, die
sich beeilt hatte, den Staatsstreich zu billigen - ein interessantes
Indiz für eine neue Gleichgültigkeit gegenüber den Prinzipien
der liberalen Demokratie. Fukuyama dürfte begeistert gewesen
sein über die demokratische Widerstandskraft Venezuelas, weil
sie seine These bestätigt, aber womöglich hat er mit einiger
Verwirrung registriert, daß die Vereinigten Staaten sich
öffentlich über die Prinzipien von Freiheit und Gleichheit
hinwegsetzten, und dies ausgerechnet in einer Phase, in der
diese Prinzipien in der ehemaligen Dritten Welt triumphieren.
Das vorliegende Buch verfolgt das begrenzte Anliegen, die
Neuordnung des Verhältnisses von Amerika zur übrigen Welt zu
untersuchen. In diesem Rahmen ist es nicht unbedingt
erforderlich, eine endgültige Antwort auf die Frage zu geben,
wie es mit der generellen Demokratisierung des Planeten steht.
Wir beschränken uns auf die Feststellung, daß die
Gesellschaften nach einer mehr oder weniger turbulenten Phase
der Modernisierung wieder zur Ruhe kommen und eine nicht
totalitäre Regierungsform finden, die von der Mehrheit der
Bevölkerung akzeptiert wird. Wir können einer Minimalversion
von Fukuyamas These über die universelle Ausbreitung der
liberalen Demokratie zustimmen. Entsprechendes gilt auch für
-72-
Doyles Gesetz, daß Demokratien untereinander keine Kriege
führen. Vielleicht könnten wir das Gesetz sogar »ausdehnen«
und formulieren, ohne damit ein neues Gesetz aufstellen zu
wollen, daß ein Krieg zwischen Gesellschaften, die nach dem
Übergang zur Ruhe gekommen sind, unwahrscheinlich ist. Die
Frage, ob Demokratisierung und universelle Alphabetisierung
aus den politischen Systemen genaue Entsprechungen des
angelsächsischen oder französischen liberalen Modells gemacht
haben, spielt in diesem Kontext eine ganz untergeordnete Rolle.

Die Vereinten Nationen von Europa

Westeuropa ist ohne Zweifel die bevorzugte Region, um von
Fukuyama und Doyle abgeleitete Thesen zu testen, auch wenn
die westeuropäischen Erfahrungen insofern nicht absolut
beweiskräftig sind, als die Region nicht aus eigener Kraft ihr
Gleichgewicht gefunden hat. Die Vereinigten Staaten haben
nach dem Zweiten Weltkrieg die Durchsetzung und die
Festigung der liberalen Demokratie militärisch abgesichert.
Westdeutschland war damals wie Japan einige Jahre lang ein
regelrechtes amerikanisches Protektorat. Nach zwei
Jahrhunderten ideologischer Aufgeregtheit und kriegerischer
Zusammenstöße hat Europa endlich zu einem Zustand von
Frieden und Kooperation zwischen allen Ländern gefunden, der
auf die Möglichkeit des universellen Friedens hindeutet. Im
Herzen Europas zeigt vor allem das Beispiel der
deutschfranzösischen Freundschaft, daß aus einem langwierigen
Kriegszustand etwas werden kann, das sehr nahe an den ewigen
Frieden herankommt.
Übergang zum Frieden und demokratische Stabilisierung
bedeuten keineswegs, daß alle europäischen Staaten genaue
Abbilder eines einzigen gesellschaftlichen und politischen
Modells sind. Die verschiedenen Sprachen, gesellschaftlichen
-73-
Strukturen und Traditionen der alten Nationen sind immer noch
sehr lebendig. Wir erkennen ihren Fortbestand an den
unterschiedlichen Konfliktlösungsmechanismen,
Parteiensystemen und Formen des Regierungswechsels. Aber
wir können uns auch direkter und grundsätzlicher einfach nur an
die Demographie halten.
In demographischer Hinsicht haben alle europäischen Länder
den Übergang hinter sich. Ihre Geburtenraten sind jedoch sehr
unterschiedlich, sie reichen von 1,1 bis 1,9 Kindern pro Frau.
Wenn wir uns die einstigen großen Mächte Europas anschauen,
die heute im weltweiten Kontext kleine und mittlere sind,
können wir unterschiedliche Fruchtbarkeitsquoten mit
unterschiedlichen ideologischen Traditionen korrelieren.
Großbritannien und Frankreich heben sich von den anderen
Ländern durch etwas höhere Geburtenraten ab: Sie liegen bei
1,7 und 1,9 Kindern pro Frau und damit nahe bei dem Wert, mit
dem eine Generation vollständig ersetzt wird, und nahe an den
1,8 Kindern pro Frau, die in der »weißen europäischen«
Bevölkerung der Vereinigten Staaten erreicht werden.
5
Die drei
alten liberalen Demokratien sind hinsichtlich des
Reproduktionsverhaltens nahe beieinander geblieben. In den
anderen Ländern sind die Geburtenzahlen eingebrochen: 1,3
Kinder pro Frau in Deutschland und Italien, l,2 in Spanien - drei
Länder, in denen während der Übergangsphase in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts Diktatoren die Macht ergriffen.
Diese Verteilung der Geburtenraten ist vielleicht nicht zufällig.
Im Zeitalter der modernen Verhütungsmittel befinden sich die
Paare gewissermaßen im gesellschaftlichen Normalzustand der
Unfruchtbarkeit. Früher hieß Geburtenkontrolle, daß man der
Natur Einhalt gebieten und sich gegen Kinder entscheiden
mußte. Heute muß man sich dafür entscheiden, ein oder mehrere
Kinder zu bekommen. Den Gesellschaften mit
individualistischer Tradition wie Amerika, Frankreich und
England scheint die Entscheidung für Kinder leichter zu fallen.
-74-
In Ländern mit einer eher autoritären Vergangenheit hat sich in
demographischer Hinsicht eine passivere Einstellung zum Leben
gehalten. Die Entscheidung für die Fruchtbarkeit, die aktiv
getroffen werden muß, scheint den Menschen in diesen Ländern
schwerer zu fallen.
Dies erklärt die Beobachtung, daß tiefe
Mentalitätsunterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen in
Europa fortbestehen, insbesondere zwischen Franzosen und
Deutschen. Sie haben freilich keinen negativen Einfluß auf die
Funktionsweise der beiden politischen Systeme, die die
demokratischen Spielregeln respektieren, auch wenn
Regierungswechsel in Deutschland selten sind, während es in
Frankreich einem politischen Lager nur im Ausnahmefall
gelingt, zwei Wahlen hintereinander zu gewinnen.
Die europäischen Nationalstaaten existieren somit fort, trotz
ihrer gemeinsamen Institutionen, ihrer gemeinsamen Währung
und ihrer technologischen Kooperation. Insofern wäre es wohl
realistischer, allerdings auch weniger enthusiastisch, von den
Vereinten Nationen Europas zu sprechen.
Machen wir den Schritt auf die weltweite Ebene, und bleiben
wir bei einer sehr allgemeinen historischen Betrachtung, nur
gestützt auf unseren gesunden Menschenverstand und ohne nach
Absicherung durch philosophische und politische Reflexionen
zu suchen. Ist es denn nicht unmittelbar einleuchtend, daß eine
alphabetisierte Welt, die ein demographisches Gleichgewicht
erreicht hat, eine fundamentale Neigung zum Frieden zeigt, so
daß sich die jüngere europäische Geschichte bald weltweit
wiederholen könnte? Ist es nicht naheliegend, daß zur Ruhe
gekommene Länder sich mit ihrer geistigen und materiellen
Entwicklung befassen? Ist nicht zu vermuten, daß die ganze
Welt den Weg einschlagen wird, den nach dem Zweiten
Weltkrieg bereits die Vereinigten Staaten, Westeuropa und
Japan gegangen sind? In gewisser Hinsicht bedeutete das den
Triumph der Idee der Vereinten Nationen.
-75-
Vielleicht ist eine solche Welt ein Traum. Gewiß ist aber, daß
sie, wenn es sie eines Tages geben sollte, ihre vollendete
politische Form im Triumph der Organisation der Vereinten
Nationen fände und daß die Vereinigten Staaten keine
Sonderrolle mehr spielen würden. Amerika wäre aufgefordert,
wieder ein liberaldemokratisches Land wie die anderen zu
werden, militärisch abzurüsten und strategisch in den
wohlverdienten Ruhestand zu gehen, begleitet von den guten
Wünschen eines dankbaren Planeten.
Aber so wird die Geschichte nicht aussehen. Wir wissen noch
nicht, ob die universelle Ausbreitung der liberalen Demokratie
und des Friedens ein historisch zwangsläufiger Prozeß ist. Wir
wissen jedoch, daß eine solche Welt eine Bedrohung für
Amerika wäre. Weil Amerika wirtschaftlich vom Rest der Welt
abhängig ist, braucht es ein bestimmtes Niveau an Unordnung
und Unruhe, denn nur so kann es seine politische und
militärische Präsenz in der alten Welt rechtfertigen.

Rückkehr zum strategischen Realismus: Rußland und der
Frieden

Hören wir dort auf, wo wir begonnen haben, mit dem Land,
dessen demokratische Erschütterung Fukuyamas frühe Vision
bestätigt hat: mit Rußland. Rußland war nach seiner
ideologischen Implosion durch seine geographische,
demographische und militärische Größe eine Bedrohung für alle
Staaten auf dem Planeten. Das militärische Expansionsstreben
der Sowjetunion stellte für die Demokratien eine große Gefahr
dar und rechtfertigte für sich allein schon, daß die Vereinigten
Staaten die Rolle des Beschützers der freien Welt übernahmen.
Der Zusammenbruch des Kommunismus könnte mittelfristig zur
Folge haben, daß Rußland zu einer liberalen Demokratie wird.
Wenn eine Demokratie definitionsgemäß andere Demokratien
-76-
nicht angreift, würde demnach die Transformation Rußlands
allein ausreichen, unseren Planeten zu einem friedlichen Ort zu
machen. Ist Rußland erst einmal ein gutmütiger Gigant, können
die Europäer und Japaner auf die Vereinigten Staaten
verzichten. Für Amerika ist das eine bedrohliche These, weil es
auf die beiden nach Wirtschafts- und Finanzkraft produktiven
Pole der Triade nicht verzichten kann.
Treiben wir die Spekulation noch einen Schritt weiter. In der
Alten Welt ist Frieden eingekehrt, sie braucht die Vereinigten
Staaten nicht mehr, umgekehrt sind die Vereinigten Staaten
wirtschaftlich ausbeuterisch und zu einer Bedrohung geworden,
und die Rolle Rußlands ändert sich von Grund auf. A priori
spricht nichts gegen die Vision, daß ein liberales,
demokratisches Rußland seinerseits die Welt vor einem Amerika
beschützt, das versucht, seine Weltmachtposition
zurückzuerobern.
Ich werde die wirtschaftliche Situation und die strategische
Rolle Rußlands noch im Detail analysieren. Für den Augenblick
genügt es, wenn wir uns vor Augen halten, daß Rußland auch
nach seinem militärischen Niedergang das einzige Land ist,
dessen nukleares Waffenarsenal der militärischen
Alleinherrschaft der Vereinigten Staaten Paroli bieten kann.
Auch nach der Vereinbarung über nukleare Abrüstung, die
George W. Bush und Wladimir Putin im Mai 2002 unterzeichnet
haben, bleiben noch rund 2000 nukleare Sprengköpfe übrig, das
heißt an dem alten Gleichgewicht des Schreckens ändert sich
nichts.
Wenn das Verhältnis Amerikas zum Rest der Welt in Zukunft
ein grundsätzlich anderes sein sollte und nicht mehr von Schutz,
sondern von potentieller Aggression bestimmt wird, dann wird
auch die Rolle Rußlands eine andere werden, und potentieller
Schutz wird an die Stelle von Aggression treten. In einer solchen
Welt ist das einzige stabile Element schließlich der fortdauernde
Antagonismus zwischen Rußland und Amerika.
-77-


-78-
KAPITEL 3
Die imperiale Dimension

Der Vergleich mit zwei antiken Weltreichen, Athen und Rom,
drängt sich geradezu auf, wenn man versucht, die Analyse des
amerikanischen Systems durch einen Blick in die Geschichte zu
untermauern. Die Amerikabewunderer werden besonders gern
auf das Beispiel Athen verweisen, die Amerikagegner auf das
Beispiel Rom. Bei einer positiven Einstellung gegenüber den
Vereinigten Staaten bietet sich Athen als Vergleichsobjekt an.
Man kann betonen, daß die Vereinigten Staaten die Etablierung
einer Sphäre der politischen Dominanz nicht wie Rom zu
militärischen Eroberungen genutzt haben.
Für Rom war die territoriale Ausdehnung der Sinn der
Geschichte. Das Prinzip der Expansion mit militärischen Mitteln
scheint geradezu im genetischen Code der Stadt verankert
gewesen zu sein. Alles übrige - Innenpolitik, Wirtschaft, Kunst
war zweitrangig. Athen hingegen war ursprünglich eine Stadt
der Händler und Künstler, Geburtsstätte der Tragödie, der
Philosophie und der Demokratie. Das Schicksal, auch eine
Militärmacht zu sein, wurde Athen durch die persische
Aggression aufgezwungen, in deren Verlauf Athen zusammen
mit Sparta den Widerstand der griechischen Städte anführte.
Nach der ersten Niederlage der Perser zog sich Sparta, die
Landmacht, aus dem Kampf zurück, und Athen, die Seemacht,
führte den Kampf fort mit dem Attisch-Delischen Seebund, dem
Bündnis der Insel- und Küstenstädte des Ägäischen Meeres. Die
besonders mächtigen Mitglieder stellten Schiffe zur Verfügung,
die schwächeren Geld. Auf diese Weise entstand die
Einflußsphäre der athenischen Seemacht mit einer in Ansätzen
demokratischen Führung.
-79-
Auch die Vereinigten Staaten entwickelten sich aufgrund ihrer
geographischen Gegebenheiten nach dem Sezessionskrieg zu
einer Seemacht. Bis Pearl Harbor verhielten sie sich
isolationistisch, und man konnte ihnen gewiß nicht den Vorwurf
machen, daß Militarismus und territorialer Imperialismus zu
ihrer Natur gehörten, wie es bei Rom der Fall war. Die
Gründung der NATO entsprach voll und ganz dem Wunsch der
europäischen Verbündeten der Vereinigten Staaten. Der
Vergleich zwischen der Atlantischen Allianz und dem Attisch-
Delischen Seebund ist darum sehr treffend, und der Sowjetunion
fallt dabei die Rolle der persischen Gefahr zu.
Diese optimistische, liberale Vision der atlantischen
Partnerschaft wird freilich nur jene überzeugen, die vergessen
haben, wie die Geschichte Athens weiterging. Der Seebund
zerfiel ziemlich bald. Die meisten verbündeten Städte zogen es
vor, sich ihrer militärischen Verpflichtungen dadurch zu
entledigen, daß sie Athen Tribut zahlten, den phoros, sie gaben
lieber Geld, als daß sie Schiffe und Männer zur Verfügung
stellten. Die Führungsmacht Athen riß schließlich den
gemeinsamen Schatz an sich, der auf der Insel Delos verwahrt
wurde, und finanzierte damit nicht nur die Sanktionen gegen die
widerstrebenden Bündnispartner, sondern auch den Bau der
Tempel auf der Akropolis. Das Beispiel ist nicht passend oder
vielleicht gerade allzu passend: Es könnte die Europäer warum
nicht auch die Japaner? - veranlassen, »realistisch« über ihr
eigenes militärisches Verhalten nachzudenken.
Athen unterlag schließlich Sparta und wurde durch die Macht
der Ereignisse zum Streiter für die griechischen Freiheiten.
Leider reichen die überlieferten historischen Fakten nicht aus,
daß wir im Detail analysieren können, welche wirtschaftlichen
Vorteile Athen aus seiner »Weltherrschaft« zog und wie sich das
auf die soziale Struktur des Stadtstaates auswirkte.
1


Am Anfang der wirtschaftlichen Globalisierung stehen Politik
-80-
und Militärwesen

Die sehr viel zahlreicheren Kommentatoren, die den Bezug
zum römischen Imperialismus herstellen, betonen, daß die
Geschichte des amerikanischen Weltreiches nicht erst 1948 mit
dem Umsturz in Prag und der als Reaktion darauf folgenden
Errichtung der sowjetischen Einflußsphäre begonnen hat. Das
amerikanische System existierte seit 1945, dem Ende des
Zweiten Weltkriegs, nachdem die Amerikaner im Krieg ihre
industrielle und militärische Vorherrschaft bewiesen hatten. Die
wichtigsten Eroberungen der ab 1945 amtierenden Weltmacht
Amerika waren das westdeutsche und das japanische
Protektorat, zwei wegen ihrer Wirtschaftskraft bedeutende
Zugewinne. Deutschland war vor dem Krieg der zweitstärkste
Industriestaat der Welt, Japan ist es heute. Die Vereinigten
Staaten setzten mit ihrer militärischen Stärke die Macht über
diese beiden für die Kontrolle der Weltwirtschaft wichtigen
Partner durch. Darin besteht die Verwandtschaft zum
Römischen Reich.
Über die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Entwicklungen in Rom wissen wir besser Bescheid als über die
in Athen. Wir können angeben, in welchem Ausmaß die
Tatsache, daß die Reichtümer aus dem militärisch von Rom
beherrschten Raum vom politischen Zentrum akkumuliert
wurden, die gesellschaftlichen Strukturen deformierte.
In den hundert Jahren nach dem entscheidenden Sieg über
Karthago nach dem zweiten Punischen Krieg dehnte sich Rom
rasch nach Osten aus und herrschte bald über den gesamten
Mittelmeerraum. Damit besaß Rom unerschöpfliche Ressourcen
an Land, Geld und Sklaven. In seiner gesamten Einflußsphäre
schöpfte es Geld ab, und damit konnte es in großem Umfang
Lebensmittel und sonstige Waren importieren. Die Handwerker
und Bauern in Italien selbst waren in der durch die politische
Herrschaft Roms global gewordenen Wirtschaft des
-81-
Mittelmeerraums nicht mehr wichtig. Die Gesellschaft
polarisierte sich: auf der einen Seite die ökonomisch
bedeutungslose Masse, ihr gegenüber eine räuberische
Plutokratie. Eine mit Reichtümern übersättigte Minderheit
herrschte über ein in Armut verelendetes Proletariat. Die
Mittelklasse konnte sich dazwischen nicht behaupten, und das
bedeutete das Ende der Republik und die Errichtung des
Kaiserreichs. Das Schicksal Roms entsprach genau der Analyse
des Aristoteles', der geschrieben hatte, daß das Vorhandensein
einer mittleren Gesellschaftsschicht für die Stabilität einer
Verfassungsform unerläßlich ist.
2

Da man die ungehorsame, aber geographisch zentrale Plebs
nicht loswerden konnte, verlegte man sich darauf, sie mit Brot
und Spielen zu versorgen.
Für jeden, der sich für die gegenwärtige wirtschaftliche
Globalisierung, angeführt von den Vereinigten Staaten,
interessiert, ist der Vergleich mit den antiken Weltreichen
höchst lehrreich, und zwar sowohl wegen der Gemeinsamkeiten
wie wegen der Unterschiede. Ob als Vergleichsobjekt Athen
dient oder Rom, jeder Vergleich zeigt, daß die wirtschaftliche
Dominanz ihren Ursprung in politischer und militärischer Stärke
hat. Der politische Blick auf die Wirtschaft korrigiert - unter
diesem Blickwinkel - die gegenwärtig herrschende Lehre, die
uns die Globalisierung als ein apolitisches Phänomen darstellt.
Angeblich gibt es eine liberale Weltwirtschaft ohne Nationen,
ohne Staat, ohne Militärmacht. Doch ob wir von Athen
ausgehen oder von Rom, wir können nicht ignorieren, daß die
Herausbildung einer globalisierten Weltwirtschaft das Ergebnis
eines politischmilitärischen Prozesses ist, und bestimmte
seltsame Erscheinungen der globalisierten Wirtschaft können
ohne Bezug auf die politischmilitärische Dimension des Systems
nicht erklärt werden.

Von der Produktion zum Konsum
-82-

Die liberale Wirtschaftstheorie läßt sich sehr wortreich über
die Vorzüge des Freihandels aus, der angeblich allein in der
Lage ist, Produktion und Konsum zum höchstmöglichen Nutzen
aller Menschen auf der Erde auszutarieren. Die Theorie betont
nachdrücklich, daß jedes Land sich auf die Güter und
Dienstleistungen spezialisieren müsse, für deren Erzeugung es
die besten Voraussetzungen mitbringt. Es wurde unendlich viel
darüber geschrieben, wie sich die Anpassungen durch das
Wirken der Marktkräfte automatisch vollziehen: Auf
wundersame Weise stelle sich dank der Wertschwankungen der
nationalen Währungen ein Gleichgewicht zwischen Produktion
und Konsum, zwischen Import und Export ein. Die
wirtschaftswissenschaftliche Orthodoxie erkennt, beschreibt und
erfindet eine ideale Welt mit perfekt symmetrischen
Beziehungen, in der jedes Land den ihm gemäßen Platz
einnimmt und seinen Teil zum Wohle aller beiträgt. Diese
Theorie, deren Grundlagen von Adam Smith und David Ricardo
gelegt wurden, wird bis heute hauptsächlich - man kann sagen
zu 80 Prozent - in den großen amerikanischen Hochschulen
gehegt und gepflegt. Sie ist neben der Popmusik und den
Hollywoodfilmen der dritte kulturelle Exportschlager der
Vereinigten Staaten. Ihr Realitätsgehalt ist ähnlich dem der
Hollywoodfilme sehr gering. Weniger wortreich, geradezu
stumm wird die Theorie, wenn man von ihr eine Erklärung für
das verwirrende Faktum fordert, daß die Globalisierung nicht
von Symmetrie bestimmt ist, sondern von Asymmetrie. Es ist
zunehmend so, daß die Welt produziert, damit Amerika
konsumieren kann. In den Vereinigten Staaten bildet sich kein
Gleichgewicht zwischen Importen und Exporten heraus. Die
autonome, geradezu überproduktive Volkswirtschaft der
unmittelbaren Nachkriegszeit ist zum Zentrum eines Systems
geworden, in dem ihre Berufung der Konsum ist und nicht die
Produktion.
-83-
Die Liste der Länder mit einem Handelsbilanzüberschuß
gegenüber den Vereinigten Staaten ist eindrucksvoll, denn sie
umfaßt alle wichtigen Länder der Welt. Einige Zahlen für das
Jahr 2001: 83 Milliarden Dollar amerikanisches Defizit im
Handel mit China, 68 Milliarden gegenüber Japan, 60
Milliarden gegenüber der Europäischen Union, davon 29
Milliarden gegenüber Deutschland, 13 Milliarden gegenüber
Italien und 10 Milliarden gegenüber Frankreich, 30 Milliarden
Defizit gegenüber Mexiko, 13 Milliarden gegenüber Südkorea.
Selbst Israel, Rußland und die Ukraine weisen einen
Handelsbilanzüberschuß gegenüber den Vereinigten Staaten aus,
er beträgt 4,5 Milliarden, 3,5 Milliarden beziehungsweise 0,5
Milliarden Dollar.
3

Wie aus der Liste der Länder mit einem
Handelsbilanzüberschuß zu ersehen, ist der Hauptgrund für das
amerikanische Defizit nicht der Import von Rohstoffen, was für
ein hochentwickeltes Land noch normal sein könnte. Das Erdöl,
die Obsession der amerikanischen Militärstrategie, erklärt
beispielsweise in 2001 nur 80 Milliarden des gesamten Defizits,
andere Produkte, hauptsächlich verarbeitete Güter, sind für 366
Milliarden Dollar Defizit verantwortlich.
Wenn wir das amerikanische Handelsbilanzdefizit nicht als
Prozentsatz des gesamten Bruttoinlandsproduktes (BIP)
darstellen, das heißt unter Einbeziehung von Landwirtschaft und
Dienstleistungen, sondern nur als Prozentsatz des Teils des BIP,
der in der Industrie erwirtschaftet wird, kommen wir zu dem
verblüffenden Ergebnis, daß die Vereinigten Staaten bei 10
Prozent ihres Verbrauchs an Industrieerzeugnissen von Importen
abhängen; diesen 10 Prozent stehen keine entsprechenden
Exporte gegenüber. Das Defizit bei der industriellen Produktion
war 1995 gerade halb so groß und lag bei 5 Prozent. Es wäre ein
Irrtum zu glauben, das Defizit bestünde hauptsächlich bei
Gütern von niedrigem technologischem Niveau und die
Vereinigten Staaten würden sich ganz auf Spitzentechnologie
-84-
konzentrieren. In einigen Bereichen ist die amerikanische
Industrie tatsächlich nach wie vor führend: Computer sind das
prominenteste Beispiel, aber auch Biotechnologie und Luftfahrt
sind hier zu nennen. Aber Jahr für Jahr wird der Vorsprung der
Vereinigten Staaten in allen Bereichen kleiner, auch in der
Spitzentechnologie. Im Jahr 2003 wird das Airbus-Konsortium
zahlenmäßig genauso viele Flugzeuge produzieren wie Boeing,
die wertmäßige Parität dürfte um 2005-2006 erreicht sein. Der
amerikanische Überschuß beim Handel mit technischen
Produkten ist von 35 Milliarden Dollar im Jahr 1990 auf 5
Milliarden in 2001 zusammengeschmolzen, und im Januar 2002
war dieser Bereich defizitär.
4

Das Tempo, mit dem sich das amerikanische Defizit beim
Handel mit Industrieerzeugnissen ausgeweitet hat, ist einer der
interessantesten Aspekte der gegenwärtigen Veränderungen. Am
Vorabend der Weltwirtschaftskrise 1929 entfielen 44,5 Prozent
der weltweiten Industrieproduktion auf die Vereinigten Staaten,
11,6 Prozent auf Deutschland, 9,3 Prozent auf Großbritannien, 7
Prozent auf Frankreich, 4,6 Prozent auf die UdSSR, 3,2 Prozent
auf Italien und 2,4 Prozent auf Japan.
5
Siebzig Jahre später liegt
der in der Industrieproduktion erwirtschaftete Teil des
amerikanischen BIP leicht unter dem entsprechenden Wert der
Europäischen Union und geringfügig über dem japanischen.
Dieser massive Einbruch der wirtschaftlichen Macht wird
durch die Geschäft stätigkeit amerikanischer multinationaler
Konzerne nicht kompensiert. Seit 1998 sind die Gewinne, die
aus Geschäften im Ausland in die Vereinigten Staaten
zurückfließen, geringer als die Gewinne, die ausländische
Firmen in den Vereinigten Staaten erwirtschaften und in ihre
Heimatländer mitnehmen.

Wir brauchen eine kopernikanische Wende: Schluß mit den
»Inlands-« Statistiken
-85-

Noch am Vorabend der Rezession, die 2001 begann, pries die
große Mehrheit der Wirtschaftskommentatoren die phantastische
Dynamik der amerikanischen Wirtschaft und feierte die
angebliche Geburt eines neuen Paradigmas, das hohe
Investitionen, dynamischen Konsum und geringe Inflation
verbinden sollte. Die Quadratur des Kreises, die die Volkswirte
in den siebziger Jahren bewegt hatte, schien endlich gelungen,
Amerika hatte einen Weg gefunden, wie stetiges Wachstum
ohne übermäßig hohe Preissteigerung zu erreichen war. Anfang
2002 gehörte es zu den Selbstverständlichkeiten der
Wirtschaftsberichterstattung in unserer Presse, daß man besorgt
den Produktivitätsrückstand in Europa und Japan erörterte. Zur
gleichen Zeit mußte die amerikanische Regierung ihre veraltete
Stahlproduktion mit Schutzzöllen absichern, und die japanischen
Spielkonsolen PlayStation II und Game Cube machten
Microsofts Versuch lächerlich, mit der X-Box in den
Wettbewerb auf diesem Markt einzugreifen. In Kalifornien
brach zu dem Zeitpunkt die Stromversorgung zusammen, und
New York hatte Probleme mit der Trinkwasserversorgung!
Bereits vor rund fünf Jahren hatte ich Zweifel an der
optimistischen, um nicht zu sagen überschwenglichen
Bewertung der amerikanischen Volkswirtschaft und der
Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts, das als Indikator
immer weniger zuverlässig ist. Wir müssen uns entscheiden:
Sollen wir den Zahlen der volkswirtschaftlichen
Gesamtrechnung folgen, die die Wertschöpfung aller innerhalb
der Vereinigten Staaten tätigen Unternehmen berücksichtigt,
oder müssen wir die Realität anerkennen, die die Handelsbilanz
uns vor Augen führt? Die Handelsbilanz mißt den Austausch
zwischen Ländern und enthüllt die industrielle Schwäche
Amerikas. Wenn der Import eines Produktes sich als schwierig
erweist, entstehen reale Spannungen. Das war die Situation bei
der kalifornischen Stromversorgung: Die Pannen in den eigenen
-86-
Elektrizitätswerken zeigten die Schwächen.
Ich habe seit langem Zweifel an der angeblichen
wirtschaftlichen Dynamik der Vereinigten Staaten. Die Affäre
Enron und mehr noch die Affäre Andersen, die sich daraus
entwickelte, haben bei mir den Ausschlag für eine
Meinungsänderung gegeben. Durch den Zusammenbruch des
Energiekonzerns Enron wurden 100 Milliarden Dollar Umsatz
vernichtet, eine magische, virtuelle, mythische Zahl, die in der
Presse immer wieder auftauchte. Da die
Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Andersen in die
Bilanzfälschung verstrickt war, kann man heute nicht mehr
sagen, welcher Teil dieser Summe tatsächlich »Mehrwert« war
und insofern in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung hätte
eingehen müssen. 100 Milliarden Dollar sind ungefähr l Prozent
des amerikanischen BIP. Wie viele Unternehmen haben wohl
noch mit Hilfe von Arthur Andersen und anderen Buchhaltungs-
und Wirtschaftsprüfungsfirmen ihre Bilanzen gefälscht? Die
immer neuen Skandale, die in jüngster Zeit ans Licht kamen,
lassen vermuten, daß die Mehrheit der Unternehmen betroffen
ist. Was sollen wir von einer Volkswirtschaft halten, in der der
Finanzdienstleistungssektor, die Versicherungs- und
Immobilienbranche zwischen 1994 und 2000 doppelt so schnell
gewachsen sind wie die Industrieproduktion bis auf einen
»Wert«, der 123 Prozent des Wertes der Industrieproduktion
ausmacht? Ich habe den Begriff Wert in Gänsefüßchen gesetzt,
weil der Unterschied zwischen dem Wert dieser
Dienstleistungen und dem Wert von Industrieerzeugnissen darin
besteht, daß die erstgenannten größtenteils nicht auf
internationalen Märkten gehandelt werden können - mit
Ausnahme natürlich des Teils dieser Wirtschaftsaktivitäten, der
die Versorgung der amerikanischen Volkswirtschaft mit Kapital
sicherstellt, mit dem frischen Geld, das Amerika braucht, um
seine Importe zu bezahlen. Aufgebläht durch die von den
Wirtschaftsprüfern abgesegneten Fehlbuchungen der
-87-
Privatunternehmen sind die Zahlen der volkswirtschaftlichen
Gesamtrechnung in den Vereinigten Staaten mittlerweile
ungefähr so zuverlässig wie einst in der Sowjetunion.

Tabelle 4 Wirtschaftssektoren und Wachstumsraten in den Vereinigten
Staaten
Anteil am BIP
Wachstum 2000 in
%
1994 - 2000
in %
BIP 100 40
Landwirtschaft 1,4 15
Rohstoffgewinnung 1,3 41
Bauwesen 4,7 68
Fertigwarenindustrie 15,9 28
Transportwesen 8,4 35
Großhandel 6,8 41
Einzelhandel 9,1 44
Finanzdienstleistung
en, Versicherungen,
Immobilien
19,6 54
sonstige
Dienstleistungen
21,9 59
Staat 12,3 27
Quelle: Bureau of Economic Analysis
http://www.bea.gov/dn2/gpoc.htm+1994-2000

Die klassische ökonomische Theorie kann den Rückgang der
Wirtschaftstätigkeit im industriellen Sektor nicht erklären, die
Verwandlung Amerikas in eine Region, die sich auf den
Konsum spezialisiert hat und für ihre Versorgung vom Rest der
Welt abhängig ist. Ein Weltmachtkonzept nach dem Vorbild
-88-
Roms erlaubt indes, diese Entwicklung als wirtschaftliche Folge
einer bestimmten politischen und militärischen Organisation zu
verstehen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Europa und Japan in
Trümmern lagen und der Obstblock sich als neuer Machtfaktor
etablierte, organisierten die Vereinigten Staaten ihre
Einflußsphäre als globales System, in dem sie das Zentrum
bildeten. Schritt für Schritt setzten sie in dem System für Handel
und Finanzen Spielregeln durch, die ihren ideologischen
Präferenzen entsprachen mit dem einzigen Ziel, den
geographischen Raum zusammenzuschweißen, den sie
militärisch und politisch kontrollierten. Es steht außer Zweifel,
daß die Vereinigten Staaten zu Anfang vollkommen zu Recht
behaupteten, sie sorgten für Wohlstand auf dem größten Teil des
Planeten. Es wäre absurd, die Entstehung dieser Weltordnung
als zerstörerischen Vorgang zu betrachten: Die Wachstumsraten
der Jahre 1950-1975 belegen das Gegenteil. Der Marshallplan
versorgte Europa mit den notwendigen Mitteln für den
Wiederaufbau und bewahrte die Vereinigten Staaten vor einer
neuerlichen Wirtschaftskrise wie 1929. Er war ein Akt
politischer und wirtschaftlicher Intelligenz, wie es nur wenige
andere in der Geschichte gibt. Wir können diese Zeit darum als
positiven Imperialismus bezeichnen.
Die Vereinigten Staaten waren ganz auf den Kampf gegen den
Kommunismus fixiert und sich der Beständigkeit, des quasi
ontologischen Charakters ihrer wirtschaftlichen Vorherrschaft
etwas zu sicher. Sie gaben der politischen Integration der
Sphäre, über die sie militärisch herrschten, absolute Priorität. Im
Interesse dieses Ziels öffneten sie ihren Markt für europäische
und vor allem für japanische Produkte und opferten weite
Bereiche ihrer industriellen Produktion, zunächst ohne sich
dessen richtig bewußt zu sein, später mit einiger Sorge. Das
Defizit im Außenhandel tauchte erstmals Anfang der siebziger
Jahre auf. Seitdem hat es sich über die Sphäre der
-89-
ursprünglichen politischen Dominanz hinaus auf den Handel mit
der gesamten Welt ausgedehnt.
Der Zusammenbruch des kommunistischen
Herrschaftsbereichs hat es ermöglicht, daß neue wichtige
Staaten in dieses System des asymmetrischen Austausches
eindrangen: Heute weist nicht mehr Japan oder Europa den
größten Überschuß im Handel mit den Vereinigten Staaten aus,
sondern China. Der übermäßige Konsum in den Vereinigten
Staaten ist mittlerweile das Schlüsselelement einer
weltwirtschaftlichen Struktur, die von manchen als imperial
bezeichnet wird. Amerika ist jedoch nicht mehr als Produzent
wichtig für die Welt, sondern als Konsument, zumal in einer
Phase der weltweiten Nachfrageschwäche, die eine Folge des
Freihandels ist.

Der keynesianische Staat in der schwachen Weltwirtschaft

Die Liberalisierung der weltweiten Handelsbeziehungen hat
in diesem Fall einmal ganz im Einklang mit der ökonomischen
Theorie - die Ungleichheiten weltweit vergrößert. Es ist zu
beobachten, daß sich in jedem einzelnen Land die
Einkommensunterschiede abbilden, die weltweit bestehen. In
allen Ländern hat die internationale Konkurrenz dazu geführt,
daß die Einkommen der Arbeitnehmer stagnieren und die
Gewinne der Unternehmen stark ansteigen, regelrecht
explodieren. Der durch den Freihandel entstandene Druck auf
die Arbeitseinkommen reaktiviert das traditionelle Dilemma des
Kapitalismus, wir sehen es heute weltweit Wiederaufleben: Es
wird immer mehr produziert, aber den Menschen fehlt das Geld,
die Produkte zu kaufen. Diese banale Tatsache wurde von
Malthus und Keynes in England beschrieben und von den
meisten sozialistischen Ökonomen im 19. und 20. Jahrhundert.
Heute ist dieser Zusammenhang den unorthodoxen Ökonomen
-90-
in Amerika vollkommen klar.
Auch die Wirtschaftswissenschaftler des universitären
Establishments in Amerika räumen im allgemeinen ein, daß die
Ungleichheiten infolge des Freihandels zugenommen haben.
Aber die Stagnation der Nachfrage ist ein Tabu, auch für falsche
Unorthodoxe wie Paul Krugman. Wer diesen Aspekt der
Globalisierung anspricht, zeigt, daß er mit der bestehenden
Ordnung gebrochen hat, und nur echte Rebellen wie der
Asienexperte Chalmers Johnson wagen den Finger in diese
Wunde zu legen. In seinem Buch Ein Imperium verfällt. Wann
endet das Amerikanische Jahrhundert? rechnet er gnadenlos mit
dem Verhalten der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten
Weltkrieg ab.
6
Robert Gilpin, der sonst so hellsichtige
Analytiker der Globalisierung, der sich der Fortdauer der
Nationalstaaten, der strukturellen Unterschiede zwischen dem
angelsächsischen und dem japanischen oder deutschen
Kapitalismus sehr genau bewußt ist und ein feines Gespür für
die ökonomische und ideologische Anfälligkeit der
amerikanischen Hegemonie hat, wagt dieses Problem nicht
anzusprechen, wohlwissend, daß er damit gegen den
Wohlverhaltenskodex des Establishments verstoßen würde.
Mit dieser Darstellung bin ich ungerecht gegenüber Joseph
Stiglitz, dem ehemaligen Chefvolkswirt der Weltbank, der
unbestritten ein Angehöriger des wirtschaftswissenschaftlichen
Establishments ist, wie die Tatsache beweist, daß er den
Wirtschaftsnobelpreis bekommen hat. In seinem Buch Die
Schatten der Globalisierung erörtert er das Problem der
weltweiten Nachfrageschwäche und weist wiederholte Male auf
das Versagen des Internationalen Währungsfonds hin, der die
Probleme einzelner Länder oder ganzer Regionen vor allem in
Asien nicht erkannt habe.
7
Aber Stiglitz bleibt ein Anhänger des
Freihandels und kann darum eigentlich nicht beklagen, daß eine
weltweite Regelungsinstanz fehlt. Ich weiß nicht, ob er naiv ist
oder listig, wahrscheinlich ist er beides zugleich: Er geht hart
-91-
mit den Bürokraten beim IWF ins Gericht, hält aber die
Lehrsätze seiner Zunft hoch. Doch fordern wir nicht zuviel:
Wenn einer der großen Vertreter der amerikanischen
Wirtschaftswissenschaften nach Keynes schreibt, daß die Gefahr
eines weltweiten Nachfrageeinbruchs besteht und daß eine
weltweite Regelungsinstanz vonnöten ist, bezeichnet das einen
Wendepunkt, obwohl die Regierung in Washington per
definitionem sicher ungeeignet ist, die weiteren Schritte zu
»verhandeln«.
Die Stagnation bei der Nachfrage als Folge des Freihandels
und des Drucks auf die Einkommen der Arbeitnehmer ist
offensichtlich, sie erklärt den Rückgang der wirtschaftlichen
Wachstumsraten weltweit, die immer raschere Abfolge von
Rezessionen. All das ist nicht neu, aber uns geht es hier um die
strategischen Implikationen des Konsumeinbruchs für die
Vereinigten Staaten in ihrer gegenwärtigen Situation. Die
weltweite Nachfrageschwäche erlaubt den Vereinigten Staaten,
ihre Rolle als Regulator und als Ausplünderer der
»globalisierten« Wirtschaft zu rechtfertigen. Dadurch können sie
in die Rolle des Staates schlüpfen, der für die gesamte
Weltwirtschaft die nach Keynes erforderlichen
Steuerungsfunktionen übernommen hat.
In einer daniederliegenden Weltwirtschaft erscheint „die
Neigung Amerikas, mehr zu konsumieren als es produziert,
schließlich als ein Segen für den ganzen Planeten. In jeder
Rezession wird aufs neue begeistert die Kauflust der
amerikanischen Konsumenten gepriesen, sie ist der Silberstreif
am Horizont in einer Weltwirtschaft, deren Unproduktivität man
nicht sehen will. Die Sparquote in Amerika liegt nahe Null.
Aber bei jedem »Wirtschaftsaufschwung« importieren die
Vereinigten Staaten mehr Güter aus allen Teilen der Welt. Das
Handelsbilanzdefizit wird immer größer, Jahr für Jahr sind neue
Rekorde zu verzeichnen. Aber wir sind zufrieden oder vielmehr
erleichtert. Es ist die Umkehrung der bekannten Fabel von La
-92-
Fontaine: Die Ameise fleht die Grille an, sie möge doch bitte
Nahrung annehmen.
Die Weltbevölkerung befindet sich gegenüber den
Vereinigten Staaten in der Position von Untertanen in einem
keynesianischen Staat, die darauf warten, daß der Staat für eine
Wiederbelebung der Wirtschaft sorgt. Tatsächlich ist aus
keynesianischer Sicht eine Funktion des Staates der Konsum,
um die Nachfrage anzukurbeln. Am Ende seiner Allgemeinen
Theorie wirft Keynes einen kurzen Blick auf die Pharaonen, die
Erbauer der Pyramiden, die mit ihrer Verschwendung die
Wirtschaftstätigkeit gesteuert haben. Im Sinne dieses Vergleichs
wäre Amerika unsere Pyramide, an der die ganze Welt baut.
Unübersehbar gehören die beiden Einschätzungen - Amerika als
keynesianischer Regulator der Weltwirtschaft und die politische
Interpretation der Globalisierung - zusammen. Die
amerikanischen Auslandsschulden sind nach diesem Modell der
Tribut, den die amtierende Weltmacht erhebt.
Aus ökonomischer Sicht hat die amerikanische Gesellschaft
die Funktion der Globalsteuerung für den ganzen Planeten
übernommen. Die US-Gesellschaft steht indes von Natur aus
dem Staat feindselig gegenüber und ist bemüht, seinen Einfluß
auf die Wirtschaft zu reduzieren. Das war auch der Sinn der
Deregulierung in der Ära Reagan. Doch die Ablehnung des
Staates in der Gesellschaft hat dazu geführt, daß die Gesellschaft
in die Rolle des Staates geschlüpft ist. Damit hat sie teilweise
auch die negativen Merkmale übernommen, die die klassischen
und neoklassischen Ökonomen dem Staat zuschreiben:
Unproduktivität und mangelndes Verantwortungsbewußtsein im
Umgang mit Geld. Auf der anderen Seite gibt es das positive
Potential, das die Keynesianer dem Staat zusprechen: Er kann in
Zeiten der wirtschaftlichen Depression die Nachfrage
stimulieren.
Die monetären und psychologischen Mechanismen liegen im
Dunkeln, aber die so dynamischen Amerikaner, die mit den
-93-
Unsicherheiten eines deregulierten Arbeitsmarktes so gut
zurechtkommen, sind für die Weltwirtschaft samt und sonders
zu Staatsbediensteten geworden: Sie produzieren nichts und
konsumieren nur. Die massive Ausweitung der individuellen
Verantwortlichkeit hat zu kollektiver Verantwortungslosigkeit
geführt.

Die »imperiale« Deformation der amerikanischen
Gesellschaft

Die »imperiale« Entwicklung der Ökonomie, die an die
Verhältnisse in Rom zur Zeit der römischen Herrschaft über den
Mittelmeerraum erinnert, hat die einzelnen Bereiche der
amerikanischen Gesellschaft und Wirtschaft in unterschiedlicher
Weise verändert. Die Industrie und die bislang der Mittelschicht
zugerechnete Arbeiterschaft wurden mit voller Wucht davon
getroffen. Ihre teilweise Auflösung erinnert daran, wie es der
Schicht der Bauern und Handwerker in Rom erging: Sie wurde
durch den Zustrom von landwirtschaftlichen Produkten und
Waren aller Art aus Sizilien, Ägypten und Griechenland
weitgehend zerstört. Mit Blick auf die Situation der
amerikanischen Arbeiter in der Zeit von 1970 bis 1990 können
wir von Verelendung sprechen, von relativer und manchmal
auch von absoluter.
Ohne hier im Detail auf die ökonomischen Mechanismen
einzugehen, können wir mit einer gewissen Verallgemeinerung
sagen, daß die imperiale Entwicklung der Ökonomie zur Folge
hat, daß aus den obersten Schichten der amerikanischen
Gesellschaft die obersten Schichten einer imperialen
Weltgesellschaft (einer globalen Gesellschaft, wie man heute
sagt) werden, daß ihr Status über den Rahmen der Nation hinaus
wirkt. Die gesellschaftliche Globalisierung hat zunächst zur
Integration der freien Welt geführt und dann, nach dem Ende
-94-
des Kommunismus, praktisch den gesamten Planeten erfaßt.
In den Vereinigten Staaten entfielen 1980 auf die 5 Prozent
der reichsten Amerikaner 15,5 Prozent des »Volks‹‹-
Einkommens und im Jahr 2000 bereits 21,9 Prozent. Der Anteil
der reichsten 20 Prozent an diesem Einkommen stieg von 43,1
auf 49,4 Prozent. Der Anteil der restlichen 80 Prozent ging in
dem Zeitraum von 56,9 auf 50,6 Prozent zurück. Der Anteil der
vier untersten Quintile sank von 24,7 auf 22,9 Prozent, von 17,1
auf 14,9 Prozent, von 10,6 auf 9,0 Prozent und von 4,5 auf 3,7
Prozent. Dem Magazin Forbes zufolge waren die 400 reichsten
Amerikaner im Jahr 2000 zehnmal reicher als die 400 reichsten
zehn Jahre zuvor, das Bruttoinlandsprodukt hat sich im selben
Zeitraum nur verdoppelt. Der sagenhafte Einkommenszuwachs
an der Spitze der amerikanischen Gesellschaft ist ohne Bezug
auf das imperiale Modell nicht zu erklären, ebensowenig der
sehr bescheidene Anstieg bei den Einkommen der Masse der
Bevölkerung.
Wenn wir den Zeitraum 1980-2000 in zwei Phasen
unterteilen, wird deutlich, daß die Ungleichheit nicht über den
gesamten Zeitraum zugenommen hat, sondern eine Art Phase I
der imperialen Umstrukturierung darstellt.
Zwischen 1980 und 1994 war der Einkommenszuwachs um
so größer, je reicher jemand war. Bei den reichsten 5 Prozent der
Gesellschaft betrug der Zuwachs 59 Prozent, und bei jedem
nachfolgenden Quintil war der Zuwachs geringer, die ärmsten
20 Prozent hatten schließlich gar keinen Einkommenszuwachs
zu verzeichnen. Insofern müssen wir von einer dramatischen
Zuspitzung der Ungleichheit sprechen.
-95-
Tabelle 5 Einkommensentwicklung in den Vereinigten Staaten

Durchschn. Einkommen
in Dollar in 2000
1980 1994 2000 1994/
1980
2000/
1994
5% Reichste 132551 210684 250146 + 59% + 19%
20% Reichste (oberstes
Quintil)
91634 121943 141620 + 33% + 16%
folgende 20% (4. Quintil) 52169 58005 65729 + 11% + 13%
folgende 20% (3. Quintil) 35431 37275 42361 + 5% + 14%
folgende 20% (2. Quintil) 21527 22127 b25334 + 3% + 14%
folgende 20 %(1. Quintil) 8920 8934 10190 + 0% + 14%
Quelle: http://www.census.gov/hhes/income/histinc/h03.html

Von 1994 bis 2000 haben sich Inhalt und Richtung der
Bewegung verändert: Der Einkommensvorsprung an der Spitze
ist zusammengeschmolzen, für die obersten 20 Prozent liegt er
nur noch bei 19 Prozent, und alle anderen Gruppen, auch die
Gruppe der Ärmsten, haben einen nahezu gleichen Zuwachs von
13 bis 16 Prozent zu verzeichnen. Die Botschafter der »New
Economy« sehen darin die egalitäre Phase eines Prozesses der
Modernisierung, die zu Anfang angeblich unvermeidlich zu
wachsender Ungleichheit führt. In der kleinen Welt der Harvard-
Ökonomen ist das eine bevorzugte Theorie.
Aber wenn wir bei unserem Vergleich mit dem alten Rom
bleiben, ist die Parallele mit der Phase II der gegenwärtigen
Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft verblüffend. Der
Einkommenszuwachs ist gleichmäßiger über die
gesellschaftlichen Gruppen verteilt, gleichzeitig ist das
Handelsbilanzdefizit enorm gewachsen, von 100 Milliarden
Dollar im Jahr 1993 auf 450 Milliarden in 2000. Das System der
imperialen Abschöpfung von Gütern hat seinen Höhepunkt
erreicht, und nun profitiert die gesamte Bevölkerung davon.
Im Zeitraum von 1970 bis 2000 durchliefen die Vereinigten
-96-
Staaten einen Prozeß der gesellschaftlichen Polarisierung
ähnlich dem in Rom. Auf der einen Seite bildete sich eine
Plutokratie heraus, auf der anderen Seite wuchs die Plebs, eine
Plebs in dem Sinne, wie sie im römischen Kaiserreich bestand.
Die Begriffe Plutokratie und Plebs bezeichnen hier nicht nur
Unterschiede im Besitz, sondern die Tatsache, daß der Besitz,
egal ob groß oder klein, nicht die Frucht produktiver Tätigkeit
ist, sondern sich unmittelbar der politischen Herrschaft über die
Welt außerhalb der eigenen Grenzen verdankt.
8

Im nächsten Kapitel werde ich den ziemlich geheimnisvollen
Mechanismus untersuchen, wie dieser Reichtum im Kontext
einer liberalen Wirtschaft abgeschöpft und umverteilt wird, aber
an dieser Stelle ist mir wichtig, die Stichhaltigkeit des
Vergleichs mit der römischen Weltherrschaft zu betonen.
Demnach ist Amerika im Zeitraum 1994-2000 eher in die Phase
von panem et circenses eingetreten als in die Wunderwelt von
»New Economy« und »Datenautobahnen«.
Zugegebenermaßen spitze ich zu, um die Überzeugungskraft
des Arguments deutlich zu machen. Die Ökonomen, die so gern
an die Effizienz und Produktivität der amerikanischen
Volkswirtschaft glauben möchten, haben sich durchaus einen
Rest von Vernunft bewahrt. Im gegenwärtigen Stadium ist das
einzig Unvernünftige das Fehlen oder vielmehr das Verstummen
der Diskussionen, die in den Jahren 1990-1995 geführt wurden.
Ein Thema war damals die Skepsis hinsichtlich der realen
Effizienz der amerikanischen Volkswirtschaft.
Wenn wir vom Modell zur historischen Realität übergehen,
könnten wir sagen, daß Amerika in den letzten zwanzig Jahren
zwischen zwei Wirtschafts- und Gesellschaftsformen
geschwankt hat: Nation auf der einen Seite und Weltreich auf
der anderen Seite. Amerika hat keineswegs alle
nationalstaatlichen Merkmale verloren, und als Weltreich wird
es scheitern. Aber es ist offensichtlich, daß sich zwischen 1990
und 2000 die Entwicklung in der imperialen Richtung
-97-
beschleunigt hat, vor allem zwischen 1994 und 2000.

Das amerikanische Außenhandelsdefizit in Milliarden Dollar

Quelle: http://www.census.gov/foreigntrade

Die Diskussion der Jahre 1990-1995: Nation contra
Weltreich

Die Entscheidung, wirtschaftlich in die Rolle einer Weltmacht
zu schlüpfen, ging mit Diskussionen und Auseinandersetzungen
einher. Viele Ökonomen, hauptsächlich in Amerika und weniger
in Europa, blickten kritisch auf den Freihandel und seine Folgen
für die amerikanischen Arbeitnehmer - zugegebenermaßen
gehörten sie meist nicht den renommiertesten Hochschulen des
Establishments an. In den Vereinigten Staaten entdeckte man
Friedrich List neu, den deutschen Theoretiker des
Protektionismus, einer Wirtschaftsform, in der ein nationaler
Raum von der Außenwelt abgeschottet wird, im Inneren aber
nach liberalen Prinzipien funktioniert.
9
Die Strategie traders in
den Vereinigten Staaten, die eine Abschottung der
-98-
amerikanischen Industrie gegenüber Asien im allgemeinen und
Japan im besonderen befürworten, haben zahlreiche Schriften
veröffentlicht und erlangten zu Beginn der ersten Amtszeit von
Präsident Clinton eine gewisse politische Bedeutung.
Die Strategie traders betrachteten die Probleme aus der
Perspektive von Binnenwirtschaft und Handel. Michael Lind hat
1995 als erster ein Modell vorgestellt, wie die amerikanische
Gesellschaft sich bei konsequenter Bejahung des Freihandels
entwickeln könnte. Er ließ es nicht dabei bewenden, die
negativen Auswirkungen für die Arbeiterschaft und die breite
Masse anzuprangern. Sein wichtigstes Verdienst besteht darin,
daß er die neue amerikanische Führungsklasse beschrieben hat,
die white overclass, die sich nicht nur durch ihr Einkommen
definiert, sondern durch ihre Lebensweise und ihre Einstellung.
Lind zufolge ist charakteristisch für die white overclass die
Bevorzugung juristischer Studiengänge gegenüber technischen,
eine oberflächliche Anglophilie, in ethnischer Hinsicht eine
Vorliebe für affirmative action (oder »positive Diskriminierung«
von Minderheiten) und ihr großes Geschick, wenn es darum
geht, die eigenen Kinder im höheren Bildungswesen vor
intellektueller Konkurrenz zu schützen. Lind zeichnet das Bild
einer Schichtgesellschaft, in der die Gewerkschaften keinen
Einfluß mehr auf die demokratische Partei haben und deren
demokratischer Charakter immer mehr verblaßt.
10
Er hat, wie
mir scheint als erster, die Umkehrung des Verhältnisses
zwischen Europa und den Vereinigten Staaten registriert: Die
Alte Welt ist mittlerweile demokratischer als die Neue Welt.
11

Lind, ein Intellektueller und politischer Aktivist, forderte eine
nationale Neudefinition Amerikas als für sich selbst sorgender
und demokratischer anstatt abhängiger und oligarchischer Staat.
Das war 1995. Der Anstieg des Außenhandelsdefizits
zwischen 1994 und 2000 sowie die Einkommensentwicklung
sprechen dafür, daß der Kampf um Demokratie und
wirtschaftliche Unabhängigkeit in den Jahren 1995 bis 2000
-99-
verloren wurde. Die zeitliche Abfolge und die erkennbare
Beschleunigung der imperialen Dynamik stehen ohne Zweifel in
einem Zusammenhang mit dem unübersehbaren Hervortreten
des Rivalen Rußland, des Gegenpols. Darauf werden wir in
Kapitel 6 im Zusammenhang mit der Logik der amerikanischen
Außenpolitik eingehen. Die Entwicklung der Vereinigten
Staaten hin zu einem voll ausgebildeten imperialen System
hängt in der Tat nicht nur und nicht einmal vorrangig von den
Kräfteverhältnissen im Innern der amerikanischen Gesellschaft
ab. Die imperiale Position bezeichnet ein bestimmtes Verhältnis
zur Welt: Die Welt muß beherrscht, absorbiert und zu einem
Teil der eigenen amerikanischen Innenpolitik gemacht werden.
Werden wir in Zukunft noch von der Weltmacht Amerika und
vom amerikanischen Weltreich sprechen?
Die gesamte Geschichte hindurch wiesen echte Weltreiche
immer zwei Merkmale auf, die durch funktionale Beziehungen
miteinander verbunden waren:
- Das Weltreich entstand aus einer militärischen
Notwendigkeit heraus, und diese Zwangslage erlaubte die
Erhebung von Tributzahlungen an das Zentrum.
- Das Zentrum behandelte schließlich die unterworfenen
Völker wie normale Bürger und die normalen Bürger wie
unterworfene Völker. Die Dynamik der Machtausübung führte
zu einem universalistischen Egalitarismus, der nicht in der
Freiheit aller gründete, sondern in der Unterdrückung aller. Im
Laufe der Zeit beinhaltete diese aus der Despotie
hervorgegangene Form der Gleichbehandlung ein Gefühl der
Verantwortung gegenüber allen Untertanen, die in einem
gemeinsamen politischen Raum lebten, in dem es keine
nennenswerten Unterschiede mehr gab zwischen den eroberten
Völkern und dem Eroberer.
Wenn wir diese beiden Kriterien anlegen, erkennen wir sofort,
daß Rom, zu Anfang räuberisch und auf Eroberung aus, dann
universalistisch und der Wohltäter, der Straßen baute,
-100-
Aquädukte, der für Frieden und für Recht sorgte, sehr wohl den
Titel Weltmacht verdient, Athen hingegen nur unzureichend
diesem Typus entsprach. Zur Not könnten wir die Zweifel in
militärischer Hinsicht noch zugunsten Athens beiseite wischen
und als Beweis für seine militärische Macht die Tatsache
werten, daß die Mitglieder des Attisch-Delischen Seebundes
Athen Tribut zahlten, den phoros. Aber Athen hat nie den
Schritt in Richtung Universalismus getan. Athen hat allenfalls
versucht, auf der Grundlage seines eigenen Rechts juristische
Streitigkeiten zwischen Bürgern der verbündeten Stadtstaaten zu
regeln. Es hat aber nie wie Rom sein Bürgerrecht auf die
anderen Städte ausgedehnt, sondern sich vielmehr von ihnen
abgeschottet.
Die Vereinigten Staaten weisen hinsichtlich der beiden
Kriterien signifikante Defizite auf. Ihre Analyse erlaubt uns die
sichere Voraussage, daß es im Jahr 2050 die Weltmacht
Amerika nicht mehr geben wird.
Den Vereinigten Staaten fehlen vor allem zwei »imperiale«
Ressourcen: Ihre militärischen und ökonomischen Zwangsmittel
reichen nicht aus, um das gegenwärtige Niveau der Ausbeutung
des Planeten aufrechtzuerhalten. Und ihr weltanschaulicher
Universalismus ist im Niedergang begriffen. Menschen und
Völker werden nicht mehr egalitär behandelt in dem Bestreben,
ihnen einerseits Frieden und Wohlstand zu schenken und sie
andererseits auszubeuten.
In den beiden folgenden Kapiteln werden wir diese
grundlegenden Defizite untersuchen.

-101-
KAPITEL 4
Die Unsicherheit des Tributs

Die amerikanischen Streitkräfte werden häufig als übermäßig
groß kritisiert, und dies wird als Indiz überzogener
Weltmachtansprüche gewertet. Man verweist darauf, daß die
Militärausgaben der »einzig verbliebenen Supermacht« ein
Drittel der Militärausgaben weltweit ausmachen. Nun dürfen wir
von amerikanischen Politikern nicht erwarten, daß sie ihre
eigenen Streitkräfte schwächen! Die genaue Betrachtung der
Militärausgaben zeigt, daß Präsident Bush von ernsthafter Sorge
um die militärische Schlagkraft Amerikas getrieben war, denn er
forderte bereits vor den Anschlägen vom 11. September eine
Erhöhung der Verteidigungsausgaben. Wir bewegen uns in
einem Zwischenbereich: Der amerikanische Militärapparat ist
für die Verteidigung des Landes zu groß, aber zu klein für die
Kontrolle über ein Weltreich und vor allem für die Verteidigung
der Hegemonie in Eurasien, das so weit von Amerika entfernt
liegt.
Die Schwäche Amerikas in militärischer Hinsicht hat in
gewisser Hinsicht strukturelle Ursachen. Sie ist begründet in der
Geschichte eines Landes, das sich nie mit einem gleichwertigen
Gegner messen mußte. Man denkt sofort an die prägende Rolle
der Kriege gegen die Indianer, wo sich in radikal
asymmetrischer Weise ungebildete, schlecht bewaffnete
Kämpfer und eine moderne, europäische Armee
gegenüberstanden.

Das traditionelle militärische Unvermögen

Es gibt so etwas wie einen Urzweifel an der militärischen
-102-
Berufung der Vereinigten Staaten. Das spektakuläre Aufgebot
Ökonomischer Ressourcen im Zweiten Weltkrieg kann über die
mäßigen Leistungen der US-Armee auf den Schlachtfeldern
nicht hinwegtäuschen. Lassen wir die Frage nach dem Sinn der
massiven Bombardierungen der Zivilbevölkerung durch die
Briten einmal beiseite: Ihr strategischer Wert ist umstritten, und
sie hatten wohl hauptsächlich den Effekt, daß sie die deutsche
Bevölkerung im Widerstand gegen die alliierte Offensive
zusammenschweißten.
Die strategische Wahrheit zum Zweiten Weltkrieg ist einfach:
Er wurde an der Ostfront von Rußland gewonnen. Die
russischen Opfer an Menschenleben vor, während und nach
Stalingrad machten es möglich, den Militärapparat der Nazis zu
zerschlagen. Die Landung in der Normandie im Juni 1944 kam
spät, die deutsche Verteidigung der Ostfront stand vor dem
Zusammenbruch. Die ideologische Verwirrung nach dem
Zweiten Weltkrieg ist nur zu verstehen, wenn man sich vor
Augen hält, daß für viele damals der russische Kommunismus
den deutschen Nationalsozialismus besiegt und damit den
größten Beitrag für die Befreiung Europas geleistet hatte.
In allen Phasen des Krieges agierten, das hat der britische
Militärhistoriker Liddell Hart überzeugend dargelegt, die
amerikanischen Truppen langsam, bürokratisch und ineffektiv,
und zwar besonders gemessen an ihrer Übermacht bei
materiellen und menschlichen Ressourcen.
1
Wo immer möglich,
übertrugen sie Operationen, die eine gewisse Opferbereitschaft
verlangten, alliierten Kontingenten: Polen und Franzosen
verteidigten Dorf und Kloster Cassino, und Polen schlossen den
Kessel von Falaise in der Normandie. In Afghanistan
praktizierten die Amerikaner wieder die »Methode«, für jede
Operation Stammesführer anzuheuern und zu bezahlen. Es ist
das alte, in Abständen immer wieder praktizierte Verfahren. Mit
dieser Methode ähnelt Amerika weder Rom noch Athen,
sondern gleicht eher Karthago, das Söldner aus Gallien und von
-103-
den Balearen anwarb. Die amerikanischen B-52-Bomber wären
demnach das Äquivalent zu den karthagischen Elefanten, aber
die Rolle des großen Feldherrn Hannibal ist nicht besetzt.
Unbestreitbar ist hingegen die Überlegenheit Amerikas in der
Luft und zur See. Sie wurde bereits im Pazifikkrieg
offensichtlich, auch wenn manchmal die ungeheure Diskrepanz
zwischen Amerikanern und Japanern beim Materialeinsatz
vergessen wird. Nach einigen ersten heroischen
Auseinandersetzungen wie der Schlacht von Midway, in der das
Kräfteverhältnis fast ausgeglichen war, entwickelte sich der
Pazifikkrieg bald in eine ähnliche Richtung wie der
»Indienkrieg«: Die eklatante Ungleichheit bei der technischen
Ausrüstung hatte eklatante Unterschiede bei den Verlusten zur
Folge.
2

Nach dem Zweiten Weltkrieg enthüllte jeder Schritt, der die
amerikanische Armee in die Nähe einer Konfrontation mit dem
wahren Sieger zu Lande brachte, mit der Sowjetunion, wie
schwach Amerika als Militärmacht tatsächlich war. In Korea
überzeugte es nur halb, in Vietnam überhaupt nicht, ein direktes
Kräftemessen mit der Roten Armee fand zum Glück nicht statt.
Der Golfkrieg wurde gegen einen Mythos gewonnen: die
irakische Armee, militärischer Arm eines unterentwickelten
Landes mit 20 Millionen Einwohnern.
In letzter Zeit hat sich das Konzept des Krieges ohne Tote,
zumindest ohne amerikanische Opfer, in den Vordergrund
geschoben, und damit wird die Asymmetrie auf die Spitze
getrieben. Mit diesem Konzept wird die traditionelle
amerikanische Schwäche bei der Bodenkriegführung
festgeschrieben und verstärkt.
Ich will es hier den Vereinigten Staaten nicht zum Vorwurf
machen, daß sie nicht in der Lage sind, Krieg zu führen wie
andere, das heißt sinnlos ihre Gegner und ihre eigene
Bevölkerung abzuschlachten und abschlachten zu lassen. Es
kann einer klugen, utilitaristischen Logik entsprechen, Krieg so
-104-
zu führen, daß die Kosten für einen selbst möglichst gering sind
und für den Feind möglichst hoch. Trotzdem bleibt die Tatsache,
daß die amerikanische Erfahrung mit Bodenoperationen die
Besetzung eines Territoriums verbietet und damit auch die
Errichtung eines Weltreiches im herkömmlichen Sinne.
Die russische Armee ist heute nur noch ein Schatten ihrer
selbst. Man spottet über ihre Schwierigkeiten in Tschetschenien.
Doch im Kaukasus ist Rußland auf dem besten Weg zu zeigen,
daß es von seiner Bevölkerung nach wie vor einen Blutzoll
fordern kann, und das mit Billigung der Wähler. Das ist eine
militärische Ressource, ein gesellschaftlicher und
psychologischer Pluspunkt, und Amerika droht mit dem
Konzept vom Krieg ohne Tote genau diese Ressource zu
verlieren.

Die Geographie des » Weltreiches«

Acht Jahre nach dem Zerfall des Sowjetsystems, 1998, kurz
bevor der »Kampf gegen den Terrorismus« ausgerufen wurde,
war die Stationierung der amerikanischen Truppen weltweit
noch ganz von den großen Auseinandersetzungen der
Vergangenheit, vom Kalten Krieg, bestimmt. Außerhalb der
Vereinigten Staaten standen 60053 Mann in Deutschland, 41257
in Japan, 35 663 in Südkorea, 11677 in Italien, 11 379 im
Vereinigten Königreich, 3575 in Spanien, 2864 in der Türkei,
1679 in Belgien, 1066 in Portugal, 703 in den Niederlanden und
498 in Griechenland.
3
Die Verteilung der amerikanischen
Streitkräfte und ihrer Stützpunkte vermittelt einen einigermaßen
objektiven Eindruck, wie das amerikanische »Weltreich«
aussieht, soweit man von einem Weltreich sprechen kann. Die
beiden wichtigsten Besitzstände der Vereinigten Staaten, ihre
Bastionen in der alten Welt, sind, wie es Brzezinski ganz klar
ausgesprochen hat, das Protektorat Europa und das Protektorat
-105-
im fernen Osten, ohne die es keine amerikanische Weltmacht
gäbe. Die beiden Protektorate beherbergen und ernähren - das
gilt vor allem für Japan und Deutschland - 85 Prozent des im
Ausland stationierten amerikanischen Militärpersonals.
Gegenüber diesen beiden Bastionen sind an den neuen Polen
in Südosteuropa, in Ungarn, Kroatien, Bosnien und Mazedonien
1998 nur 13774 Soldaten stationiert. In Ägypten, Saudi-Arabien,
Kuwait und Bahrain standen 9956 Mann beziehungsweise
12820, wenn man die Türkei noch dazuzählt, die eine
Drehscheibe zwischen Rußland und dem Nahen Osten ist. Die
meisten amerikanischen Soldaten wachten nach wie vor an den
Grenzen des ehemaligen kommunistischen
Herrschaftsbereiches, sie umzingelten regelrecht Rußland und
China. Die Stationierung von 12000 Mann in Afghanistan und
von 1500 Mann in Usbekistan hat die grundlegende
geographische Verteilung eher komplettiert als verändert.

Tabelle 6 Im Ausland stationiertes amerikanisches Militärpersonal 1998
Land mit
Stationierung von
mehr als 200 Mann
Deutschland 60053
Japan 41257
Südkorea 35663
Italien 11677
Großbritannien 11379
Bosnien-
Herzegowina
8170
Ägypten 5846
Panama 5400
Ungarn 4220
Spanien 3575
-106-
Türkei 2864
Island 1960
Saudi-Arabien 1722
Belgien 1679
Kuwait 1640
Kuba
(Guantanamo)
1527
Portugal 1066
Kroatien 866
Bahrain 748
Diego Garcia 705
Niederlande 703
Mazedonien 518
Griechenland 498
Honduras 427
Australien 333
Haiti 239
Insgesamt 259871
Zu Land 218957
Auf Schiffen 40914
Quelle: Statistical Abstract of the United States: 2000, S. 368.

Ein unterbrochener Rückzug

Diese Feststellungen bedeuten nicht, daß man Amerika eine
feste und beständige Absicht zur Aggression unterstellen kann.
Es ist vielmehr sogar möglich, gegenteilige Argumente
vorzubringen: In den zehn Jahren nach dem Zerfall des
Sowjetreiches spielten die Amerikaner loyal das Spiel der
Deeskalation, des Rückzugs. 1990 belief sich der amerikanische
-107-
Militärhaushalt auf 385 Milliarden Dollar, 1998 waren es nur
noch 280 Milliarden, das heißt 28 Prozent weniger. Zwischen
1990 und 2000 wurde die Zahl des aktiven amerikanischen
Militärpersonals weltweit von 2 auf 1,4 Millionen reduziert, das
ist ein Rückgang um 32 Prozent in zehn Jahren.
4
Wie auch
immer es insgesamt um das amerikanische BIP bestellt sein
mag, der Teil, der auf Verteidigungsausgaben entfallt, ging von
5,2 Prozent in 1990 auf 3 Prozent in 1999 zurück. Eine
Reduzierung in diesem Umfang kann man eigentlich nicht als
Indiz für Weltmachtstreben werten. Es ist absurd, den
Vereinigten Staaten permanent vorzuwerfen, ihr Ziel sei der
Griff nach der Weltherrschaft. Der Rückgang der
amerikanischen Militärausgaben kam erst in den Jahren 1996-
1998 zum Stillstand, erst 1998 begann ein neuerlicher Anstieg.
Wir können somit zwei Phasen unterscheiden, die eine Wende
in der amerikanischen Militärstrategie kurz nach der Mitte der
neunziger Jahre bezeichnen. Wieder einmal erscheint der
Zeitabschnitt von 1990-2000 nicht homogen. - Von 1990 bis
1995 ist in militärischer Hinsicht ganz klar ein Rückzug aus der
Weltmachtrolle zu beobachten. In der Zeit wurde verstärkt die
Diskussion über den Protektionismus und über die nationale
Konzentration in Wirtschaft und Gesellschaft geführt. Nach dem
Zusammenbruch des Kommunismus hat man die Neudefinition
der Vereinigten Staaten als große Nation, Anführerin der freien
und demokratischen Welt, die jedoch den anderen gleichgestellt
sein sollte, ernsthaft ins Auge gefaßt. Die Entscheidung dafür
hätte die Rückkehr zu »relativer« wirtschaftlicher
Unabhängigkeit beinhaltet: nicht Autarkie und nicht einmal eine
Verminderung des Außenhandels, sondern eine ausgeglichene
Außenhandelsbilanz, das maßgebliche wirtschaftliche Zeichen
für die Gleichheit von Staaten.
- Dieser Kurs wurde schr ittweise verlassen. Oder wir sollten
besser sagen, er scheiterte Zug um Zug. Zwischen 1997 und
1999 explodierte das Defizit im Außenhandel. Zwischen 1999
-108-
und 2001 leitete Amerika eine Remilitarisierung ein. Es besteht
ein klarer Zusammenhang zwischen der Zunahme der
wirtschaftlichen Abhängigkeit und der Ausweitung des
Militärapparates. Die Verstärkung der Streitkräfte spiegelt
wider, daß Amerika sich seiner wachsenden wirtschaftlichen
Verwundbarkeit bewußt wurde. Die Entscheidung für die von
Präsident George W. Bush angekündigte Steigerung der
Militärausgaben um 15 Prozent war schon vor dem 11.
September 2001 gefallen. Um 1999 erkannte das politische
Establishment Amerikas die Unzulänglichkeit seines
militärischen Drohpotentials vor dem Hintergrund einer
imperialen, das heißt abhängigen Wirtschaft. Eine Großmacht,
die davon lebt, daß sie ohne Gegenleistung den Reichtum
anderer Länder abschöpft, hat andere Sicherheitsprobleme, als
sie Länder mit einer ausgeglichenen Handelsbilanz haben.
Im Falle der Vereinigten Staaten ist es jedoch schwierig, diese
Form der Bereicherung als Eintreiben von Tributzahlungen im
herkömmlichen, nationalstaatlichen oder imperialen, Sinn zu
interpretieren, die durch unmittelbare Gewalt, durch
militärischen Zwang beschafft wurden. Nur die Kosten für
Unterkunft und Verpflegung der amerikanischen Truppen, die
Japan und Deutschland aufbringen, kommen als
Tributzahlungen im klassischen Sinn in Betracht. Insgesamt ist
es merkwürdig, um nicht zu sagen rätselhaft und zudem
gefährlich, wie es Amerika gelingt, ohne Gegenleistung zu
konsumieren.

Ein eigenartiger und spontaner Tribut

Amerika importiert und konsumiert. Um seine Importe zu
bezahlen, schöpft es überall in der Welt Geld ab, aber auf eine
originelle Weise, wie es sie nie zuvor in der Geschichte von
Weltreichen gegeben hat. Athen bekam den phoros, den
-109-
jährlichen Tribut der Städte des Seebundes, zuerst freiwillig,
später wurde er gewaltsam eingetrieben. Rom plünderte in der
Anfangszeit seiner Herrschaft über den Mittelmeerraum die
Schätze der unterworfenen Völker und leerte dann, durch
Naturalabgaben oder in Form von Steuern, die Kornspeicher in
Sizilien und Ägypten. Die gewaltsame Abschöpfung gehörte so
sehr zum Wesen der römischen Herrschaft, daß Cäsar
einräumte, er könne Germanien nicht erobern, weil die dort
lebende Bevölkerung mit ihrer Wanderwirtschaft nicht in der
Lage sei, die römischen Legionen zu ernähren.
Die Vereinigten Staaten nehmen gewaltsam nur einen Teil des
Geldes und der Waren, die sie benötigen. Es gibt, wie wir
gesehen haben, die Unterbringung und Versorgung
amerikanischer Truppen in Japan und Deutschland. Es gab im
Golfkrieg Zahlungen der amerikanischen Verbündeten, die sich
nicht wie Großbritannien und Frankreich an den
Militäroperationen beteiligten. Das kam dem phoros der
Verbündeten Athens sehr nahe. Und schließlich gibt es noch die
Waffenexporte. Der Verkauf dieser Waren bringt Geld ein, aber
ihr Wert wird nicht, wie in der liberalen Wirtschaftstheorie
angenommen, durch die individuellen Präferenzen der
Verbraucher bestimmt. Die Kräfteverhältnisse zwischen Staaten
erlauben derartige Geschäfte, und manchmal üben die
Amerikaner ganz unverhohlen Druck aus, wie kürzlich die
gutgläubigen Repräsentanten von Dassault in Südkorea erfahren
mußten.
Das Geld, das aus Waffenverkäufen nach Amerika fließt, ist
ein Äquivalent für Tributzahlungen, die auf politischem oder
militärischem Weg eingefordert werden. Aber ihr Volumen
würde den Amerikanern absolut nicht erlauben, ihr
gegenwärtiges Konsumniveau zu halten. Der klassische
Antiamerikanismus verweist zu Recht auf die überwältigende
Bedeutung der Amerikaner bei den Waffenexporten: Ihr Wert
belief sich 1997 auf 32 Milliarden Dollar, das waren 58 Prozent
-110-
des Wertes aller Waffenexporte weltweit. In militärischer
Hinsicht ist dieser Anteil außerordentlich. In wirtschaftlicher
Hinsicht war das Volumen damals noch halbwegs vernünftig,
weil das Außenhandelsdefizit erst bei 180 Milliarden Dollar lag,
ein vergleichsweise bescheidener Betrag gegenüber den 450
Milliarden im Jahr 2000.
Die Kontrolle über bestimmte Regionen, in denen Öl
gefördert wird, ist ein wichtiges Element des traditionellen
Tributs. Die wirtschaftlich wie politisch dominierende Position
der amerikanischen Ölkonzerne erlaubt den Vereinigten Staaten,
weltweit eine Rente einzufordern, aber ihre Höhe würde heute
nicht mehr ausreichen, um die Einfuhr von Gütern der
unterschiedlichsten Art zu bezahlen. Die dominierende Rolle
des Erdöls in dem geographischen Bereich, der einen politischen
Tribut an Amerika entrichtet, erklärt aber die geradezu obsessive
Fixierung der amerikanischen Außenpolitik auf dieses
bestimmte Gut.
Es bleibt noch zu sagen, daß der größte Teil der
Tributzahlungen an die Amerikaner ohne politischen und
militärischen Druck entrichtet wird, auf liberalem Weg, spontan.
Amerika bezahlt für seine Einkäufe weltweit. Die Vertreter der
amerikanischen Wirtschaft beschaffen sich die Devisen, die sie
für ihre Einkäufe brauchen, auf dem internationalen
Finanzmarkt, der so frei ist wie nie zuvor in der Geschichte. Sie
tauschen Dollar gegen ausländische Währungen, und der Dollar,
dieses magische Geld, hat in der Zeit, als das Defizit immer
größer wurde, mindestens jedoch bis April 2002, nicht an Wert
verloren. Der Dollar ist so magisch, daß manche Ökonomen
schon die Schlußfolgerung gezogen haben, die Rolle der
Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft sei es nicht mehr, wie
andere Staaten Waren zu produzieren, sondern Dollars.

Die O'Neill-Doktrin
-111-

Nach der reinen Lehre der Wirtschaftstheorie müßte die
Nachfrage nach Devisen zur Finanzierung von Importen einen
Wertverlust des Dollars zur Folge haben, einer wenig
nachgefragten Währung, weil amerikanische Produkte weltweit
immer weniger konkurrenzfähig sind. Derartige
Kursbewegungen waren noch in nicht allzu ferner
Vergangenheit zu beobachten, vor allem in den siebziger Jahren,
als die USA erstmals ein Außenhandelsdefizit hatten. Auch
wenn manche unbelehrbare Gaullisten in Frankreich anderer
Meinung sind: Der Dollar ist zwar weltweit eine
Reservewährung, aber für die Vereinigten Staaten bedeutet das
ganz und gar nicht, daß ihre Kaufkraft unabhängig von der
Leistungsfähigkeit ihrer Wirtschaft bei den Exporten gesichert
ist.
Ein Vierteljahrhundert später, zu Anfang des dritten
Jahrtausends, ist der Dollar immer noch hart, trotz eines
beispiellosen Handelsbilanzdefizits, trotz niedriger Zinsen, trotz
einer im Vergleich zu Europa und Japan hohen Inflationsrate.
Denn das Geld der Welt fließt in die Vereinigten Staaten.
Überall auf der Welt kaufen Unternehmen, Banken,
institutionelle Anleger und Privatanleger Dollars und sorgen so
dafür, daß der Wechselkurs des Dollars gegenüber anderen
Währungen hoch bleibt. Mit den Dollars kaufen sie keine
Waren, sondern damit werden Direktinvestitionen in den
Vereinigten Staaten getätigt und Wertpapiere erworben:
Staatsanleihen, Unternehmensanleihen und Aktien.
Die Bewegung des internationalen Kapitals sichert den
Ausgleich der amerikanischen Zahlungsbilanz: Jahr für Jahr,
wenn wir den Mechanismus hier einmal stark vereinfachend
darstellen, erlaubt der Kapitalstrom in die Vereinigten Staaten
ihnen, weltweit Güter zu kaufen. Wenn wir bedenken, daß die
meisten importierten Waren für den Konsum bestimmt sind,
weil die kurzfristige Nachfrage unerschöpflich ist, daß aber das
-112-
in die Vereinigten Staaten geflossene Kapital überwiegend für
mittel- und langfristige Investitionen gedacht ist, müssen wir
zugeben, daß dieser Mechanismus einigermaßen paradox ist, um
nicht zu sagen strukturell höchst instabil.
Der in London erscheinende Economist hat die wiederholten
Äußerungen des amerikanischen Finanzministers O'Neill griffig,
aber auch ein wenig besorgt als »O'Neill- Doktrin« bezeichnet:
die Behauptung, daß in unserer Welt ohne Grenzen
Auslandsschulden kein Problem darstellen.
5
Felix Rohatyn, der
ehemalige amerikanische Botschafter in Paris, hat die Angst der
politisch Verantwortlichen in den Vereinigten Staaten auf den
Punkt gebracht, als er im Zusammenhang mit Überlegungen,
wie sich die Enron-Affare wohl auf die ausländischen
Investitionen in Amerika auswirken dürfte, daran erinnerte, daß
Amerika Zuflüsse in Höhe von l Milliarde Dollar pro Tag
benötigt, um sein Außenhandelsdefizit auszugleichen.
6

Das Bureau of Economic Analysis in Amerika beobachtet mit
einiger Besorgnis, wie alljährlich die Importe durch die
Finanzströme gedeckt werden. Solange es nationale Währungen
gibt, muß irgendwie ein Ausgleich geschaffen werden. Die
beruhigenden Beteuerungen von O'Neill - er war immer in
seinem Element, wenn er zur Beruhigung der Finanzmärkte
etwas erzählen konnte - wären sinnvoll nur in einem
einheitlichen monetären Weltreich, wenn der Dollar einen
Zwangskurs hätte und Amerika weltweit von seinen Schulden
befreien könnte. Die Mindestvoraussetzung dafür wäre
allerdings, daß Amerika ein absolutes militärisches und
staatliches Zwangspotential hätte. Den amerikanischen
Streitkräften ist es bislang weder gelungen, Mullah Omar noch
Bin Laden zu fassen, sie scheinen für die beschriebene Mission -
die weltweite Durchsetzung des Monopols der legitimen
Gewaltanwendung im Sinne Max Webers, aus geübt von den
Vereinigten Staaten ungeeignet. Die traditionellen Regeln sind
nach wie vor gültig: Wenn die Amerikaner zuviel konsumieren
-113-
und der Geldfluß nach Amerika versiegt, wird der Dollar an
Wert verlieren. Aber vielleicht erliege ich hier einer
vollkommen veralteten Auffassung von Weltreich und Macht
und messe der politischen und militärischen Seite des Zwangs
deshalb zuviel Gewicht bei. Der gegenwärtige Kapitalfluß
könnte auf dem heutigen Entwicklungsniveau des globalisierten
Kapitalismus eine unverzichtbare Notwendigkeit geworden sein,
das stabile Element einer imperialen Wirtschaftsordnung neuen
Typs. Diese These müssen wir zumindest prüfen.

Eine Supermacht ohne Perspektive

Die geläufige Interpretation, die von
Wirtschaftswissenschaftlern vorgebracht wird, die keinen Ärger
wollen (sei es, weil sie einer Universität des amerikanischen
Establishments angehören, sei es, weil sie in Institutionen
arbeiten, die finanzielle Unterstützung brauchen), besagt, daß
Geld nach Amerika fließt, weil die amerikanische Wirtschaft
dynamischer ist, risikofreudiger und profitabler. Warum sollte es
auch nicht so sein? Die »physische« - technologische und
industrielle - Unproduktivität einer Volkswirtschaft wie der
amerikanischen bedeutet nicht automatisch, daß ihre finanzielle
Rentabilität gering ist. Es ist anzunehmen, daß über einen
erheblichen, aber begrenzten Zeitraum hinweg in einer
Volkswirtschaft zahlreiche unproduktive Sektoren und einige
besonders profitable Sektoren nebeneinander bestehen können,
ohne daß es Probleme gibt. Die Transaktionen im finanziellen
Sektor können eine Zeitlang ohne Bezug zur Warenwelt
ablaufen und Gewinne abwerfen, ohne daß real etwas produziert
wird. Wie wir gesehen haben, ist der Anteil der
Finanztransaktionen an der amerikanischen Volkswirtschaft
mittlerweile größer als der Anteil der Warenproduktion. Wir
können sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Wenn
in Sektoren mit einem geringen technologischen und
-114-
industriellen Potential hohe Gewinne erwirtschaftet werden,
führt das eine Volkswirtschaft über kurz oder lang in die
Unproduktivität. Die Maklergeschäfte von Enron waren in
dieser Hinsicht geradezu klassische Beispiele, weil sie dazu
dienten, aus Vermittlungsoperationen, die nicht selbst produktiv
waren, Gewinne zu ziehen. Die Wirtschaftstheorie versichert
uns, derartige Operationen dienten dazu, die Abstimmung von
Produktion und Konsum zu »optimieren«. In einer anderen Zeit,
als es die virtuelle Welt noch nicht gab, hätte man das wohl mit
den Worten kommentiert, daß die Qualität des Puddings dadurch
geprüft wird, daß man ihn ißt. Bei Enron ist mittlerweile klar,
daß es nichts zu essen gab, zumindest keine realen Produkte.
Doch das Phänomen Enron hat existiert und einige Jahre lang
daran mitgewirkt, die reale Wirtschaft in die Unproduktivität zu
steuern, im konkreten Fall in unzureichende Energieversorgung.
Wenn man sagt, daß das Geld in die Vereinigten Staaten
fließt, weil man sich dort eine besonders gute Rendite erhofft,
unterwirft man sich der herrschenden Lehre unserer Zeit, die
lautet, daß der Traum der Reichen hoher Gewinn um den Preis
eines erhöhten Risikos ist. Diese Motive - die Liebe zum
Gewinn und die Lust am Risiko - hätten zur Folge, daß
bevorzugt auf Aktien und Direktinvestitionen in den Vereinigten
Staaten gesetzt würde. So ist es aber nicht. Nicht alle Geldflüsse
in die Vereinigten Staaten entsprechen der dynamischen und
abenteuerlustigen Vision einer »new frontier« im weltweiten
Maßstab, nicht alle gehören zur »new economy« mit Internet
und Datenautobahnen. Wie wir sehen werden, zählt die
Sicherheit mehr als die Rentabilität.
Besonders auffällig bei der Betrachtung der amerikanischen
Zahlungsbilanz sind die Schwankungen beim relativen Anteil,
den die einzelnen Anlagearten - Staatsanleihen,
Unternehmensanleihen, Aktien und Direktinvestitionen - beim
Ausgleich des Defizits haben.
7
Die heftigen Ausschläge lassen
sich nicht durch Veränderungen bei den Zinsen erklären, die
-115-
Zinsen schwanken weder im selben Rhythmus noch im selben
Umfang. Langlaufende Staatsanleihen und
Unternehmensanleihen werden sicher deshalb gekauft, weil man
eine gute Rendite erhofft, aber auch, weil festverzinsliche
Anlagen Sicherheit versprechen, wenn ein zuverlässiges
wirtschaftliches und politisches System, Währungs- und
Bankensystem dahintersteht. Mit Anlagen in den Vereinigten
Staaten kauft man Sicherheit, und dieser Aspekt ist sehr wichtig
für die Finanzströme, die ins Land fließen.
Klammern wir in unserer Analyse einmal den wichtigen,
schwankenden und nicht ganz durchschaubaren Posten der
verschiedenen Arten von Schulden, Bankschulden und anderen
Schuldverschreibungen aus, und konzentrieren wir uns auf die
klassischen, beruhigenden Aspekte der Bewegungen des
Finanzkapitals. Konzentrieren wir uns weiter auf die neunziger
Jahre, das entscheidende Jahrzehnt, in dem die Welt mit dem
Zerfall des kommunistischen Blocks fertig werden mußte und
den Höhepunkt der finanziellen Globalisierung erlebte. Der
Anstieg des Kapitalflusses in die Vereinigten Staaten ist
beeindruckend: von 88 Milliarden Dollar in 1990 auf 865
Milliarden in 2001. In diesen Zahlen ist natürlich die
umgekehrte Bewegung nicht enthalten, der Abfluß von Kapital
aus den Vereinigten Staaten, der knapp halb so hoch war. Im
Jahr 2000 waren Zuflüsse von 485 Milliarden vonnöten, um das
Defizit im Handel mit Waren und Dienstleistungen
auszugleichen. Doch abgesehen von der schieren Menge des in
die Vereinigten Staaten strömenden Geldes ist auffallend, wie
sich im Laufe von zehn Jahren die Anlagepräferenzen verändert
haben: 1990 standen die Direktinvestitionen im Vordergrund,
die Gründung oder der Kauf von Unternehmen durch Ausländer
(55 Prozent des Geldzuflusses).
1991 entfiel der größte Teil auf Anlagen in Aktien und
festverzinslichen Papieren (45 Prozent). 1991, 1992, 1995, 1996
und 1997 spielten die langlaufenden Staatsanleihen die
-116-
maßgebliche Rolle bei der Deckung des amerikanischen
Haushaltsdefizits. Von 1997 bis 2001 gewannen Aktien und
Unternehmensanleihen an Bedeutung, ihr Anteil stieg von 28
auf 58 Prozent. Wir könnten den Eindruck bekommen, daß wir
hier die Apotheose der freien Bewegung des Kapitals vor uns
haben, die effiziente Allokation an der Börse. Doch wenn wir,
was für die Jahre 2000 und 2001 möglich ist, beim Posten
»Erwerb von Finanztiteln privater Emittenten« unterscheiden
zwischen dem Kauf von Aktien mit schwankender Rendite und
dem Kauf von Rentenpapieren mit fester Verzinsung, dann
stellen wir fest, daß das vorherrschende, gewissermaßen
heroische Bild vom Geldanleger, der maximalen Profit sucht um
den Preis des maximalen Risikos und sich deshalb auf Aktien
verlegt, der Realität nicht entspricht.

Tabelle 7 Erwerb von Wertpapieren und ausländische Direktinvestitionen
in den Vereinigten Staaten

Gesamt in
Millionen Dollar
Staats-
anleihen
in%
Aktien/
Renten in%
Direktinvesti-
tionen in%
Schulden
in%
1990 88861 -3 2 55 46
1991 78020 24 45 30 1
1992 116786 32 26 17 26
1993 191387 13 42 27 19
1994 243 006 14 23 19 43
1995 343 504 29 28 17 26
1996 441952 35 29 20 16
1997 715472 20 28 15 37
1998 507790 10 43 35 12
1999 747786 -3 46 40 16
2000 985470 -5 49 29 27
-117-
2001 865584 2 58 18 22
Quelle: http://www.bea.doc.gov/bea/international

Auf dem Höhepunkt der Transaktionen im Jahr 2000 kauften
Ausländer amerikanische Aktien im Wert von 192,7 Milliarden
Dollar, aber Rentenpapiere im Wert von 292,9 Milliarden. Wenn
wir das Volumen dieser Transaktionen als Prozentsatz des
Zuflusses von frischem Geld in die Vereinigten Staaten
ausdrücken, dann ergibt das 19 Prozent bei den Aktien und 30
Prozent bei den Rentenpapieren. In 2001, dem Jahr der
Rezession und der Terroranschläge, fiel der Anteil der Aktien
auf 15 Prozent des gesamten Kapitalzuflusses, aber der Anteil
der Rentenpapiere erreichte einen Rekordwert von 43 Prozent.
Das Ergebnis dieser Analyse ist, um das Wortspiel zu
verwenden, »kapital«. Wie es schon Keynes treffend
ausgedrückt hat: Beim Geldanlegen ist der Mensch von zwei
Ängsten getrieben: der Angst, es zu verlieren, und der Angst,
nicht genug damit zu verdienen. Er sucht Sicherheit und Profit
zugleich. Entgegen den Annahmen des modernen
Neoliberalismus zeigt die jüngste Geschichte der
Finanzbewegungen, daß bei der Entscheidung für die Anlage in
den Vereinigten Staaten die Sicherheit des investierten Kapitals
den Ausschlag gibt.
Damit entfernen wir uns vom liberalen Kapitalismus und
nähern uns einer politischen, imperialen Konzeption der
wirtschaftlichen und finanziellen Globalisierung an, denn die
Vereinigten Staaten sind das politische Herz dieses
wirtschaftlichen Systems, und bis in die jüngste Zeit hinein
erschienen sie als der sicherste Ort, an dem man sein Geld
anlegen konnte. Dies hat sich nun geändert, aber nicht durch die
Anschläge vom 11. September, sondern durch die Aufdeckung
der Bilanzfälschungen.
Ein Problem ist indes nach wie vor ungelöst: Die ganze Welt
-118-
hat offensichtlich ihr Geld am liebsten in den Vereinigten
Staaten angelegt. Aber wie kommt es, daß weltweit so viel Geld
vorhanden ist, das angelegt werden kann? Eine Analyse der
finanziellen Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung in den
einzelnen Ländern zeigt einen ganz einfachen Mechanismus.

Ein Staat für die Reichen

Selbst wenn man anerkennt, daß der Kapitalismus die einzige
vernünftige wirtschaftliche Organisationsform ist (was ich tue),
muß man einräumen, daß in dem System, bleibt es sich allein
überlassen, rasch eine Reihe grundlegender Fehlfunktionen
auftreten, die auch die Reichen treffen. Versuchen wir es mit
einer ganz unparteiischen Darstellung. Lassen wir einmal die
Masse der Arbeitnehmer beiseite, deren Löhne und Gehälter
immer mehr unter Druck geraten, lassen wir auch das
Gemeinwohl beiseite, für das sich bei der allgemeinen Neigung
zum Defizit anscheinend niemand interessiert. Versetzen wir
uns nur in die Lage der Privilegierten, versuchen wir,
kurzsichtig zu sein, und schauen wir nur auf ihre Sorgen, das
heißt auf das Schicksal ihrer Gewinne.
Der Zuwachs bei den Gewinnen steigert die Einnahmen der
oberen Schichten, aber das Einnahmeplus hat keine materielle
Substanz. Der Großteil der Gewinne existiert auf dem Papier, als
Ansammlung von Zahlen, und die Besitzenden können gar nicht
alles für ihren persönlichen Konsum ausgeben. Sie können ihre
Ausgaben für Personal steigern und durch den Einkauf von
Dienstleistungen einen Teil des Geldes nach unten umverteilen.
In den Vereinigten Staaten ist das schon in erheblichem Umfang
zu beobachten. Die Entwicklung des Dienstleistungssektors hat
dort nicht zu einem modernen tertiären Bereich geführt, sondern
bedeutete vielmehr die Rückkehr zur alten
Verschwendungssucht der aristokratischen Gesellschaften der
-119-
Vergangenheit. Damals konzentrierte sich aller Reichtum bei
den Adligen, und sie ernährten Heerscharen von Dienern, die in
Haus und Hof arbeiteten oder für ihre Herren kämpften. Die
neue Plutokratie beschäftigt heute Anwälte, Steuerberater und
Wachpersonal. Die besten Analysen dieser
Umverteilungsprozesse stammen immer noch von den
englischen Ökonomen wie Adam Smith, die damals, am Ende
des 18. Jahrhunderts, die massive Umverteilung von Geld nach
unten durch die Beschäftigung von Dienstboten vor Augen
hatten. »Ein Mann wird reich, indem er viele Arbeiter
beschäftigt. Und er wird arm, indem er viele kleine Bedienstete
unterhält.«
8

Aber heute geht es um viel größere Summen. Weiter oben
haben wir den sagenhaften Zuwachs beim Anteil der reichsten
20 Prozent oder auch 5 Prozent der Amerikaner am
Volkseinkommen erwähnt. In weniger ausgeprägtem Maße ist
dieses Phänomen für alle Länder charakteristisch, die der
globalisierten Weltwirtschaft angehören. Was soll man mit dem
überschüssigen Geld tun, wie kann man es unterbringen? Oder
wenn wir von der Sorge des reichen Mannes zu seiner Hoffnung
übergehen: Wie kann man es gewinnbringend anlegen, so daß es
sich ganz von selbst erhält und vermehrt?
Geld anzulegen ist eine Notwendigkeit, genauer gesagt: Das
Vorhandensein einer sicheren Instanz, bei der Gewinne
zusammenfließen, ist für den Kapitalismus eine ontologische
Notwendigkeit. Früher gab es den Staat als Kreditnehmer, eine
Rolle, die Marx sehr genau beschrieben hat: Die staatliche Rente
war schon sehr früh für die Angehörigen des Bürgertums eine
Möglichkeit, sich finanziell abzusichern. Doch heute fließen die
Gewinne an die Börse. Vor dem Hintergrund eines weltweiten
Kapitalismus, der innerhalb weniger Jahre in den ungezügelten
Zustand zurückgefallen ist, hatte das Land, das der Vorreiter bei
diesen Finanzentwicklungen war, der Staat im Zentrum des
neuen Wirtschaftssystems, zu Anfang gewissermaßen einen
-120-
komparativen Kostenvorteil und konnte besonders viel von den
weltweit explodierenden Gewinnen abschöpfen in der Form der
sicheren Anlage. Amerika brachte alle Voraussetzungen mit:
eine passende Weltsicht, den größten Militärapparat weltweit
und anfangs die höchste Börsenkapitalisierung. Von Japan
einmal abgesehen, erschien die Börsenkapitalisierung in den
anderen westlichen Ländern im Vergleich mit den Verhältnissen
in Amerika um 1990 geradezu verschwindend gering. Japan mit
einem ganz anderen Wirtschaftssystem, einem nationalen und
abgeschotteten, und einer Sprache, die geradezu eine Gewähr
für Undurchschaubarkeit ist, konnte kein ernsthafter Konkurrent
sein.

Tabelle 8 Börsenkapitalisierung (in Milliarden Dollar)
1990 1998 Steigerungs-
rate
Vereinigte
Staaten
3059 13451 340%
J apan 2918 2496 -15%
Großbritannien 849 2374 180%
Deutschland 355 1094 208%
Frankreich 314 992 216%
Kanada 242 543 124%
Italien 149 570 283%

Quelle: Statistical Abstract of the United States: 2000, Tabelle 1401.

Die Vereinigten Staaten, die wirtschaftliche und militärische
Führungsmacht, boten zu Anfang maximale Sicherheit. Die
Börsenindizes der Wall Street schienen der ganzen Welt den
Kurs vorzugeben (gestern nach oben, heute nach unten), die
Wall Street ist die Verkörperung dieses finanziellen
Mechanismus: 1990 lag die Börsenkapitalisierung in den
Vereinigten Staaten bei 3059 Milliarden, 1998 bei 13451
-121-
Milliarden. Aber all diese Zahlen sagen wenig über
wirtschaftliche Effizienz aus, über Produktivität im materiellen,
realen Sinn, auch wenn die »neuen Technologien« schon ein
deutlich mythisches Element in den Prozeß eingebracht haben.
Die Steigerung der Börsenkapitalisierung in den Vereinigten
Staaten, die in keinem Verhältnis zum realen Wachstum der
amerikanischen Volkswirtschaft steht, ist in Wahrheit nichts
anderes als Ausdruck der Inflation der Reichen. Die
Abschöpfung von Gewinnen bläht die Einkommen auf, und das
überschüssige Geld wird an der Börse investiert. Die relative
»Knappheit« der dort gehandelten »Güter«, der Aktien, hat zur
Folge, daß die steigende Nachfrage ihren nominellen Wert in die
Höhe treibt.

Mehr Unsicherheit

Die Ausbeutung der Arbeitskräfte in den entwickelten
Ländern und ihre noch massivere Ausbeutung in den
Entwicklungsländern wären kein unlösbares Problem für das
Gleichgewicht in der globalisierten Gesellschaft, wenn die
Führungsschichten in allen Ländern der Erde und vor allem im
europäischen und japanischen Protektorat der Vereinigten
Staaten dabei auf ihre Kosten kämen. Die zunehmende
Gefahrdung der amerikanischen Hegemonie rührt zum Teil
daher, daß der regulierende Mechanismus zu einer Bedrohung
für die privilegierten Schichten der abhängigen Peripherie wird,
ob es sich um die Vermögenden in Europa und Japan handelt
oder um die Neureichen in den Entwicklungsländern. Wir
müssen uns nun daran machen, den weltweiten Weg der
Gewinne genauer zu verfolgen, und in dem Zusammenhang
können wir es nicht dabei bewenden lassen, die Abschöpfung
von Gewinnen moralisch zu verurteilen, sondern wir müssen
auch untersuchen, auf welche Weise die Gewinne sich
-122-
verflüchtigen.
Wenn wir von einem allgemeinen, abstrakten Modell
ausgehen, die Begriffe Kapitalismus, Profit, Reiche, Börse
aufnehmen und in die reale Welt übertragen, dann müssen wir
ganz einfach sagen, daß ein wichtiger Teil der weltweit
anfallenden Profite an die amerikanischen Börsen fließt. Ich
würde nicht den Anspruch erheben, allein sämtliche Wege
nachzuzeichnen, wie dieses aus dem Ausland stammende Geld
in den Vereinigten Staaten neu verteilt wird. Zu viele finanzielle
und ideologische Fallstricke machen das System zu einem
Kabinett verzerrender Spiegel: von der Beschäftigung eines
Heeres von Anwälten und Steuerberatern durch die
Kapitalbesitzer über die Verschuldung der durchschnittlichen
Haushalte bis zu den regelmäßigen Ausverkäufen an der Wall
Street. Nicht vergessen werden sollten in diesem
Zusammenhang auch die kontinuierlich sinkenden Kosten für
das Leihen von Geld. Wie es aussieht, wird der reale Zinssatz
bald bei Null liegen, und das kommt in einer Wirtschaft, die von
Spekulation getrieben wird, der kostenlosen Verteilung von
Geld gleich. Aber wenn wir anerkennen, daß die amerikanische
Wirtschaft in ihrer materiellen Realität wenig produktiv ist,
wofür der massive und wachsende Import von Konsumgütern
spricht, dann müssen wir annehmen, daß die
Börsenkapitalisierung eine Schimäre ist und daß Geld, das in die
Vereinigen Staaten fließt, buchstäblich in einer Fata Morgana
verschwindet.
Auf geheimnisvollen Wegen dient das Geld, das die
Privilegierten der Peripherie als Investition nach Amerika
bringen, schließlich den Amerikanern dazu, den Konsum von
Gütern zu finanzieren, die sie überall in der Welt einkaufen. In
der einen oder anderen Weise verflüchtigen sich die
Investitionen damit. Die Wirtschaftswissenschaft mag
spekulieren, analysieren und vorausschauen: der Einbruch an
den Börsen, der Untergang von Enron, der Zusammenbruch der
-123-
Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Andersen, all dies sind Indizien
und Ansatzpunkte für Hypothesen. Jeder
Firmenzusammenbruch in Amerika bedeutet für die
europäischen und japanischen Banken Verluste bei den Aktiva.
Und wir in Frankreich wissen aus eigener Erfahrung - das haben
uns der Skandal um Crédit Lyonnais und der amerikanophile
Größenwahn von Jean-Marie Messier gelehrt -, daß ein massives
finanzielles Engagement in den Vereinigten Staaten
gleichbedeutend ist mit der Ankündigung einer Katastrophe.
Wir wissen noch nicht, wie und in welchem Rhythmus die
europäischen, japanischen und anderen Investoren gerupft
werden, aber sie werden gerupft werden. Das wahrscheinlichste
Szenario ist eine Panik an den Börsen von unvorstellbarem
Ausmaß, gefolgt von einem tiefen Sturz des Dollars. Damit wäre
es mit der »imperialen« Position der Vereinigten Staaten in
wirtschaftlicher Hinsicht vorbei. Wir wissen noch nicht, ob der
seit April 2002, nach der Affäre Enron-Andersen, zu
beobachtende Wertverlust des Dollars nur ein Zufall war oder
der Anfang vom Ende des Systems. Nichts von all dem war
gewollt oder vorhergesehen. Die Implosion des gesamten
Gefüges wird uns genauso überraschen wie seine Entstehung.
Da die Einkommen der Armen, der Mittelschichten und der
Privilegierten zwischen 1995 und 2000 in den Vereinigten
Staaten ungefähr im selben Rhythmus gestiegen sind, könnte ein
Moralist einen gewissen Trost in der finalen Vision finden, daß
die amerikanische Plebs einen Teil des Reichtums der gesamten
Welt, insbesondere Europas, an sich reißt. Es ist so etwas wie
die Rückkehr zu Jesse James
9
: Man nimmt von den Reichen und
gibt den Armen - den Armen im eigenen Land. Zeigt das nicht
die Vereinigten Staaten in einer Weltmachtposition, die der
Roms vergleichbar ist?
Aber Amerika hat nicht die militärische Macht des antiken
Roms. Amerika kann über die Welt nur herrschen, soweit die
tributpflichtigen herrschenden Schichten der Peripherie damit
-124-
einverstanden sind. Wenn der Tribut eine bestimmte Höhe
übersteigt und die finanzielle Unsicherheit ein bestimmtes Maß
erreicht, ist es für die herrschenden Schichten der Peripherie
keine vernünftige Option mehr, in dem amerikanisch
dominierten Weltreich zu bleiben.
Unsere freiwillige Unterwerfung besteht nur fort, wenn die
Vereinigten Staaten uns von gleich zu gleich behandeln, besser
noch, wenn sie uns zunehmend als Angehörige der dominanten
Gesellschaft im Mittelpunkt des Reiches betrachten. So
funktionieren alle Weltreiche. Sie müssen uns durch ihren
Universalismus in Worten und Taten davon überzeugen, daß der
Satz gilt: Wir sind alle Amerikaner. Aber tatsächlich ist es ganz
anders: Wir werden nicht immer mehr als Amerikaner
behandelt, sondern als Untertanen zweiter Klasse - denn zum
Unglück für die Welt ist die Abwendung vom Universalismus
gegenwärtig die weltanschauliche Haupttendenz in Amerika.

-125-
KAPITEL 5
Der Rückgang des Universalismus

Eine wesentliche und erhaltende Kraft in Weltreichen, ein
Prinzip von Dynamik und Stabilität zugleich, ist der
Universalismus, die Fähigkeit, Menschen und Völker gleich zu
behandeln. Eine universalistische Haltung erlaubt die
kontinuierliche Ausdehnung der Machtbasis, weil immer mehr
eroberte Völker und Individuen in den Kern der Macht
einbezogen werden. Die Herrschaft reicht über die ursprüngliche
ethnische Basis hinaus. Immer mehr Menschen identifizieren
sich mit dem System, weil es die Beherrschten in die Lage
versetzt, sich als Herrschende zu fühlen. In den Köpfen der
unterworfenen Völker verwandelt sich die anfängliche Gewalt
des Eroberers in die Großmut des Herrschers.
Der Erfolg Roms und das Scheitern Athens sind, wie wir
gesehen haben, weniger auf unterschiedliche militärische
Fähigkeiten zurückzuführen als darauf, daß Rom immer mehr
Menschen Zugang zu seinem Bürgerrecht gewährte und Athen
sich immer mehr abschottete. Das Volk von Athen blieb
ethnisch homogen, definiert durch die Abstammung: Ab 451
v.Chr. erhielt jemand nur das Bürgerrecht, wenn er nachweisen
konnte, daß beide Elternteile athenische Bürger waren. Die
Römer, die ursprünglich kein sonderlich ausgeprägtes ethnisches
Bewußtsein hatten, dehnten das Bürgerrecht hingegen immer
weiter aus und bezogen nach und nach die Bevölkerung
Latiums, Italiens und schließlich des gesamten
Mittelmeerraumes ein. Im Jahr 212 n. Chr. gewährte Kaiser
Caracalla in einem Gesetz allen frei geborenen Einwohnern des
Imperium Romanum das römische Bürgerrecht. Die Mehrzahl
der römischen Kaiser stammte aus den Provinzen.
-126-
Wir könnten weitere Beispiele für universalistische Systeme
anführen, die dank der egalitären Behandlung von Menschen
und Völkern eine Stärke erlangten, die weit über ihre
militärische Schlagkraft hinausging: China, heute noch das Land
mit der größten Zahl von Menschen, die einer einzigen
Staatsgewalt unterworfen sind, oder das erste arabische Reich,
dessen fulminanter Eroberungszug ebensosehr durch den
extremen Egalitarismus des Islam zu erklären ist wie durch die
militärische Stärke der Eroberer und die Auflösung des
Römischen Reiches und des Partherreiches. In moderner Zeit
fällt das Sowjetreich in diese Kategorie. Es ging schließlich an
seiner wirtschaftlichen Schwäche zugrunde, verdankte seine
Stärke aber der Fähigkeit, die Völker gleich zu behandeln, was
ursprünglich wohl mehr ein Charakterzug des russischen Volkes
war als ein Element des ideologischen Überbaus, des
Kommunismus. Frankreich war, bis sein relativer
demographischer Niedergang begann, eine echte Weltmacht
nach europäischem Maßstab, und auch hier galt ein
universalistischer Kodex. Von den in jüngerer Vergangenheit
gescheiterten Großreichen ist das nationalsozialistische Dritte
Reich zu nennen. Sein radikaler Ethnozentrismus verhinderte,
daß die Macht der eroberten Völker sich mit der ursprünglichen
Stärke Deutschlands verbinden konnte.
Die vergleichende Betrachtung legt den Schluß nahe, daß die
Fähigkeit eines Eroberervolkes, Besiegte von gleich zu gleich zu
behandeln, nicht auf äußere Faktoren zurückgeht, sondern in so
etwas wie einem ursprünglichen anthropologischen Code
verankert ist. Diese Fähigkeit ist kulturell vorgegeben. Völker
mit einer egalitären Familienstruktur, in der die Brüder als
gleichwertig betrachtet werden - wie es in Rom der Fall war, in
China, in der arabischen Welt, in Rußland und in Frankreich im
Pariser Becken - neigen dazu, generell Menschen und Völker als
gleichwertig anzusehen. Die Prädisposition zur Integration
resultiert aus dieser egalitären Betrachtungsweise. Die Völker
-127-
mit einer nicht strikt egalitären Definition der Brüder - die
Situation in Athen und noch viel deutlicher in Deutschland -
entwickeln auch keine egalitäre Einstellung gegenüber
Menschen und Völkern. Der militärische Kontakt verstärkt in
der Regel noch das »ethnische« Selbstbild des Eroberers. Es
führt zu einer eher fragmentierten als homogenen Sichtweise der
Menschheit, einer eher differenzierenden oder ausgrenzenden
als universalistischen Haltung.
Die Angelsachsen sind schwer zwischen den beiden Polen
Differenzierung und Universalismus einzuordnen. Die
Engländer bevorzugen klar die Differenzierung, so ist es ihnen
gelungen, über die Jahrhunderte hinweg die Identität der Waliser
und der Schotten zu bewahren. Das britische Weltreich, das auf
der anderen Seite des Ozeans dank einer überwältigenden
technologischen Überlegenheit aufgebaut wurde, bestand nicht
lange. Es wurde nie versucht, die unterworfenen Völker zu
integrieren. Die Engländer verlegten sich auf die indirekte
Herrschaft, die indirect rule, und ließen die lokalen Sitten und
Gebräuche unangetastet. Ihr Rückzug aus den Kolonien verlief
relativ schmerzlos, es war ein Meisterstück an Pragmatismus,
weil nie zur Debatte gestanden hatte, daß sie Inder, Afrikaner
oder Malaien zu guten Engländern machen wollten. Viele
Franzosen hingegen träumten von einer Assimilation von
Vietnamesen und Algeriern, und Frankreich hatte große
Probleme mit dem Rückzug aus seinen Kolonien. Motiviert
durch den latenten Universalismus, verteidigte es sein Weltreich
um den Preis einer Reihe militärischer und politischer
Katastrophen.
Die differenzierende Einstellung der Engländer können wir
gar nicht genug betonen. Die Tatsache, daß England ein kleines
Land ist, das britische Weltreich aber eine enorme Ausdehnung
hatte, wenn auch nicht für lange Zeit, zeugt davon, daß die
eroberten Völker relativ egalitär und anständig behandelt
wurden. Die Hauptwerke der britischen Sozialanthropologie, die
-128-
Untersuchungen von Evans-Pritchard über die Nuer im Sudan
und von Meyer Fortes über die Tallensi in Ghana,
gleichermaßen bewundernswert wegen ihres
Einfühlungsvermögens und ihrer analytischen Strenge,
entstanden beide in der Kolonialzeit. Darin verbinden sich die
traditionelle Stärke der Engländer, ethnische Besonderheiten zu
beschreiben, und ein scharfer Blick für universelle menschliche
Züge, die durch unterschiedliche Strukturen verborgen werden.
Der angelsächsische Individualismus richtet den Blick immer
direkt auf das Individuum, auf den Menschen, wie er ist, und
fragt nicht nach der Übereinstimmung mit einem
anthropologischen Grundmodell.
Das Beispiel Amerika illustriert die angelsächsische
Ambivalenz gegenüber den beiden konkurrierenden Prinzipien
Universalismus und Differenzierung. Die Vereinigten Staaten
können zunächst einmal als das nationale und staatliche
Ergebnis eines radikalen Universalismus beschrieben werden.
Die amerikanische Gesellschaft ist aus der Verschmelzung von
Immigranten aus allen Völkern Europas entstanden. Der
ursprüngliche englische Kern hat eine bemerkenswerte
Fähigkeit gezeigt, Menschen von unterschiedlicher ethnischer
Herkunft zu integrieren. Die Immigration brach in der zweiten
Hälfte der zwanziger Jahre ab und setzte in den sechziger Jahren
wieder ein, dabei dehnte sie sich auf Asien, Mittel- und
Südamerika aus. Die Fähigkeit zu integrieren, das Zentrum zu
erweitern, war der entscheidende Faktor für den amerikanischen
Erfolg, die gelungene Etablierung eines amerikanischen
Weltreiches. Allein die Bevölkerungsentwicklung - 285
Millionen in 2001, geschätzte 346 Millionen in 2025 - zeugt
davon, wie erfolgreich die Integration war.
Aber die Vereinigten Staaten können auch mit der
entgegengesetzten Begrifflichkeit der radikalen Differenzierung
und Diskriminierung beschrieben werden. In ihrer Geschichte
gab es immer auch das Andere, Verschiedene, nicht zu
-129-
Assimilierende, zur Vernichtung oder häufiger noch zur
Separation Verdammte. Der Indianer und der Schwarze spielten
lange diese Rolle, bei den Schwarzen ist es bis heute so
geblieben, von den Indianern ist die Rolle auf die Hispanos
übergegangen. In der amerikanischen Weltsicht verbinden sich
Universalismus und Differenzierung zu einem Ganzen: Die
beiden scheinbar gegensätzlichen Konzepte verhalten sich in
Wirklichkeit komplementär. Am Anfang stand die Unsicherheit
angesichts eines Gegenübers, das man nicht von vornherein als
gleich oder anders bezeichnen konnte. Manche Ausländer
erscheinen als gleichartig und gleichwertig, andere als
verschieden und minderwertig. Gleichartigkeit und
Verschiedenheit, Gleichwertigkeit und Minderwertigkeit
entstanden gemeinsam durch Polarisierung. Die Ablehnung der
Indianer und der Schwarzen hat es den irischen Immigranten
ermöglicht, Deutsche, Juden und Italiener von gleich zu gleich
zu behandeln. Umgekehrt hat die Gleichbehandlung dieser
Immigrantengruppen untereinander es ihnen erlaubt, Indianer
und Schwarze zu diskriminieren.
Die angelsächsische Unsicherheit über den Status des anderen
ist kein modernes Faktum: Sie rührt wahrscheinlich von einer
gewissen anthropologischen Primitivität her, der Zugehörigkeit
der Engländer zu einer peripheren historischkulturellen Schicht
der alten Welt, die in die nachfolgenden Reiche wenig oder gar
nicht integriert wurde und mit den Prinzipien von Gleichheit und
Ungleichheit nicht gut umgehen konnte. Diese Primitivität
betrifft nur den familiären Bereich; sie hat England und die
Vereinigten Staaten in keiner Weise daran gehindert, in der
jüngsten Phase der Geschichte als Pioniere der wirtschaftlichen
Modernisierung aufzutreten.
Typisch für die englische Kultur ist die Unbestimmtheit der
Werte Gleichheit und Ungleichheit, die im allgemeinen in
Eurasien sehr klar definiert sind.
1
Wenn wir zu dem
anthropologischen Modell zurückgehen, das anthropologische
-130-
Struktur und ideologische Wahrnehmung a priori verbindet,
können wir tatsächlich in der traditionellen englischen Familie
die gleiche Unbestimmtheit ausmachen wie in der ideologischen
Sphäre: Die Brüder sind verschieden, weder gleich noch
ungleich. Werden in Deutschland und Japan die Erben ungleich
behandelt, in Frankreich, Rußland, den arabischen Staaten und
China gleich, ist für England die Testierfreiheit der Eltern
typisch: Sie können ihren Besitz ganz nach Belieben unter ihren
Kindern aufteilen. Im allgemeinen führt diese Regelung,
vielleicht mit Ausnahme der Aristokratie, zu keinen derart
krassen Unterschieden, wie sie auftreten, wenn alle übrigen
Kinder zugunsten eines einzigen von der Erbfolge
ausgeschlossen werden.
Die Spannung zwischen Differenzierung und Universalismus
gestaltet das Verhältnis der Angelsachsen zum anderen, zum
Fremden, ganz eigentümlich und interessant: Es ist instabil.
Universalistische Völker definieren von vornherein und ein
für allemal fremde Völker als ihnen ähnlich. Allenfalls werden
sie ungeduldig, wenn bestimmte Fremde ihre ideologische
Vorannahme nicht bestätigen. Das fremdenfeindliche Potential
universalistischer Völker ist offensichtlich: Die Franzosen
erregen sich darüber, wie arabische Frauen eingesperrt werden,
die Chinesen der klassischen Epoche und die antiken Römer
verachteten die Barbarenvölker, die ihre Frauen nicht
unterdrückten, oder nehmen wir die heftige Ablehnung der
Russen gegenüber Schwarzen, eine Hautfarbe, mit der sie selten
zu tun hatten. Aber niemals wird das entgegengesetzte
anthropologische System theoretisch gefaßt und verurteilt. Die
stark differenzierenden Völker ordneten zumindest in der Phase
ihrer Eroberungen - die Deutschen bis zum Dritten Reich, die
Japaner in ihrer militaristischen Ära die Menschheit in eine feste
Hierarchie ein mit überlegenen und minderwertigen Völkern.
Das Verhältnis der Angelsachsen zur Welt ist ständig in
Bewegung. Sie haben eine anthropologische Barriere im Kopf,
-131-
die universalistische Völker nicht haben und die sie in die Nähe
der differenzierenden Völker rückt, aber diese Barriere kann
sich verschieben, und zwar sowohl nach innen wie nach außen,
in Richtung auf mehr Gemeinsamkeit oder mehr Abgrenzung.
Es gibt uns und die anderen, aber von den anderen sind einige
wie wir, und einige sind von uns verschieden. Von denen, die
verschieden sind, können einige als ähnlich klassifiziert werden
und von den Ähnlichen wiederum einige als anders. Aber immer
besteht eine Grenze, die den vollständigen Menschen vom
anderen trennt, »there is some place where you must draw the
line«. Der geistige Raum der Engländer kann auf ein Minimum
reduziert werden, auf sie selbst, aber er kann sich auch auf alle
Bewohner Großbritanniens ausdehnen, und heute dehnt er sich
offensichtlich nach und nach auf alle Europäer aus.
Die Geschichte der Vereinigten Staaten kann wie eine
Abhandlung über die Verschiebung dieser Grenze gelesen
werden: von der Unabhängigkeit bis 1965 kontinuierliche
Ausweitung der Gruppe im Mittelpunkt, von 1965 bis heute
kontinuierlicher Rückzug nach innen.
Zu Anfang waren die Amerikaner durch und durch Engländer,
und sie lernten, alle Europäer zu integrieren, nach merklicher
Skepsis, ob Iren, Italiener und Juden tatsächlich gleich wären.
Die Kategorie »weiß« erlaubte es, eine Regel für die partielle
Ausweitung aufzustellen und Indianer, Schwarze und Asiaten
auf der anderen Seite der geistigen Barriere anzusiedeln, die
Gleiche und Verschiedene trennt. Zwischen 1950 und 1965
erfolgte ein neuer Expansionsschub: Die Asiaten und die
indianischen Ureinwohner wurden nunmehr als vollwertige
Amerikaner definiert, ablesbar daran, in welchem Umfang
Frauen asiatischer und indianischer Abstammung auf dem
Heiratsmarkt auftauchten. Frauen dieser beiden
Bevölkerungsgruppen waren nicht länger tabu für die Männer
der dominanten Bevölkerungsgruppe, man konnte sie heiraten.
Hingegen wurde beim Umgang mit den Schwarzen zwischen
-132-
1950 und 1965 eine maximale Spannung zwischen
Universalismus und Differenzierung erkennbar: Auf dem
Niveau des bewußten politischen Handelns kämpfte die
Bürgerrechtsbewegung für die Einbeziehung der Schwarzen in
zentrale Bereiche der Gesellschaft. Auf dem Niveau der
unbewußten Überzeugungen veränderte sich die Situation kaum
und die Zahl der Eheschließungen von Weißen mit schwarzen
Frauen nahm nur in verschwindend geringem Umfang zu.
Aus einem optimistischen Blickwinkel könnte man die
Expansionstendenz damit erklären, daß die menschliche
Vernunft endlich doch zu der Einsicht geführt hat, daß der
andere so ist wie man selbst. Diese Interpretation unterstellt eine
autonome Dynamik in egalitärer Richtung, eine wesensmäßige
Überlegenheit des Prinzips der Gleichheit gegenüber dem
Prinzip der Ungleichheit. Aber wenn wir die letzte und leider
nur vorübergehende Blüte des Universalismus in Amerika in
den Jahren 1950-1965 betrachten, die Phase, in der die
Bezeichnung Weltmacht wirklich zutraf, können wir einen
zweiten Erklärungsfaktor nicht ausklammern: die Konkurrenz
mit dem sowjetischen Weltreich. In der Epoche des Kalten
Krieges erreichte der amerikanische Universalismus seinen
Höhepunkt.
Rußland hat die seit der Französischen Revolution wohl am
stärksten universalistische Ideologie ersonnen und versucht, sie
der Welt aufzuzwingen: den Kommunismus. Die Französische
Revolution brachte den Grundsatz der Gleichheit aller
Menschen. Die russische Revolution, nicht weniger egalitär,
brachte der Menschheit den Gulag für alle. Welche Fehler der
Kommunismus auch immer gehabt haben mag, man kann ihm
ganz gewiß nicht vorwerfen, daß die unterworfenen Völker
diskriminiert worden wären. Die Betrachtung der konkreten
Funktionsweise der Sowjetherrschaft zeigt, daß von staatlicher
Gewalt und Ausbeutung das russische Zentrum sehr viel stärker
betroffen war als die Peripherie der annektierten Völker, die
-133-
osteuropäischen Volksdemokratien genossen sogar ein
Maximum an »Freiheit«.
Der russische Universalismus ist klar und offensichtlich. Er
enthält eine starke verführerische Komponente, deren Wirkung
bei der Gründung der Kommunistischen Internationale zu
beobachten war. Wie die französischen Revolutionäre schienen
auch die Bolschewiken eine natürliche Disposition dafür zu
haben, alle Menschen und alle Völker auf die gleiche Weise zu
betrachten, eine sympathische Disposition, die darüber hinaus
auch der politischen Expansion förderlich ist.
Im Kalten Krieg mußte Amerika auf diese Bedrohung
reagieren, im Inneren wie außerhalb seiner eigenen Grenzen. In
den Außenbeziehungen drückte sich der amerikanische
Universalismus in der Weise aus, daß die verbündeten
Industrieländer in die homogene liberale Wirtschaftsordnung
einbezogen wurden und daß die Entkolonialisierung in der
ganzen westlichen Hemisphäre vorangetrieben wurde. Im
Inneren der amerikanischen Gesellschaft führte die Konkurrenz
zum kommunistischen Universalismus zum Kampf gegen die
Ausgrenzung der Schwarzen. Die Welt, vor die Wahl gestellt,
sich für eines der beiden Modelle zu entscheiden, konnte nicht
für Amerika votieren, wenn das Land einen Teil seiner Bürger
wie Untermenschen behandelte. Die Assimilierung der Japaner
und der Juden war unbestreitbar erfolgreich. Die Integration der
Schwarzen in das politische System ging nicht mit einer
wirtschaftlichen Emanzipation einher und durchdrang nicht die
ganze amerikanische Gesellschaft. Es hat sich zwar eine
schwarze Mittelschicht herausgebildet, aber sie hat ihre eigenen
Gettos neben den sehr viel zahlreicheren Gettos der armen
Schwarzen.
In allerjüngster Zeit, seit es den kommunistischen Rivalen
nicht mehr gibt, ist ein Rückgang des amerikanischen
Universalismus zu beobachten. Es scheint, als habe der Druck
des Konkurrenzreiches die Vereinigten Staaten dazu gebracht, in
-134-
ihrer universalistischen Haltung über sich selbst
hinauszuwachsen. Dieser Druck besteht nun nicht mehr, und so
kehrt Amerika zum natürlichen Gleichgewicht zurück, was
bedeutet, daß der Kreis der fremden ethnischen Gruppen, die zu
integrieren man bereit ist, enger gezogen wird.

Der Rückgang des Universalismus im Inneren: Was der
Umgang mit Schwarzen und Hispanos uns lehrt

Der »multirassische« Charakter der amerikanischen
Gesellschaft und die Statistik erlauben uns, die Abschwächung
des amerikanischen Universalismus gleichsam »von innen« zu
verfolgen. Wir können anhand von demographischen Analysen
das Scheitern bei der Integration der Schwarzen nachvollziehen.
Dies gilt auch für die Abgrenzung einer dritten Gruppe, der
»Hispanos«: der Einwanderer aus Mittel- und Lateinamerika,
die in der überwältigenden Mehrheit indianischer Abstammung
oder Mexikaner sind.
Die amerikanische Statistik zeigt auf den ersten Blick einen
leichten Anstieg bei der Zahl der Eheschließungen zwischen
männlichen schwarzen Amerikanern und weißen
Amerikanerinnen: In der Altersgruppe über fünfundfünfzig sind
2,3 Prozent der Schwarzen mit einer weißen Partnerin
verheiratet, in der Altersgruppe von fünfzehn bis
vierundzwanzig 11 Prozent. Bei den schwarzen Frauen ist
jedoch keine vergleichbare Veränderung zu beobachten, was für
den Fortbestand eines grundlegenden rassischen Tabus spricht:
Die Männer der herrschenden ethnischen Gruppe sollen keine
Frauen der beherrschten ethnischen Gruppe heiraten.
Eheschließungen zwischen schwarzen und weißen Partnern
kommen geringfügig häufiger in den Schichten mit höherer
Bildung vor. Bei den Asiaten hingegen ist der Anstieg erheblich:
von 8,7 Prozent auf 30,1 Prozent der Eheschließungen in den
-135-
entsprechenden Altersgruppen. Bei den jungen amerikanischen
Juden liegt der Anteil der ethnisch gemischten Eheschließungen
bei 50 Prozent. Der Eintritt auf den allgemeinen Heiratsmarkt,
das heißt die Ausweitung der Gruppe, ging mit einem eklatanten
Anstieg der aktiven Solidarität mit dem Staat Israel einher.
Statistiken aus allerjüngster Zeit zufolge setzt sich der
zwischen 1980 und 1995 zu beobachtende leichte Anstieg bei
den Eheschließungen zwischen Schwarzen und Weißen in den
Folgejahren nicht fort. Die statistischen Jahrbücher
dokumentieren ein minimales Aufweichen der Rassenschranken
zwischen 1980 und 1995 und eine erneute Verfestigung in den
folgenden Jahren. Bei den Frauen lag die Zahl der gemischten
Eheschließungen 1980 bei 1,3 Prozent und 1990 bei 1,6 Prozent.
1995 war sie auf 3,1 Prozent gestiegen, und 1998 stagnierte sie
bei 3 Prozent. Aber für die amerikanischen Statistiker war das
vielleicht schon zuviel. Sie spürten instinktiv, daß der Anstieg,
so gering er auch sein mochte, eigentlich gar nicht sein durfte:
»Enough is too much already.« Im Jahr 1999 schlossen sie
klugerweise die weißen und schwarzen Hispanos aus der
Statistik aus, eine bedeutungsschwere Entscheidung mit der
Folge, daß der Anteil der gemischten Eheschließungen bei
schwarzen Frauen auf 2,3 Prozent zurückging.
2
Das war falscher
Alarm, denn eine Minderheit, die Träger des spanischen
Universalismus war, hatte einen enormen Anteil an gemischten
Eheschließungen, nämlich die Puertoricaner. Gegenwärtig haben
98 Prozent der schwarzen Frauen, die mit einem Mann
zusammenleben, einen schwarzen Partner. Wenn wir zu dieser
praktisch absoluten ethnischen Endogamie die Tatsache
hinzunehmen, daß ein erheblicher Teil der schwarzen Frauen
alleinerziehende Mütter und folglich bestimmt nicht mit Weißen
verheiratet sind, kommen wir zu dem Ergebnis, daß das
Rassenproblem in einem erheblichen Ausmaß fortbesteht. Wir
sollten wohl sogar eher davon sprechen, daß die Lage sich
verschlechtert hat, denn auch andere demographische Daten
-136-
deuten auf eine Rückentwicklung hin.
Die Säuglingssterblichkeit - definiert als Anteil der Kinder,
die im Laufe des ersten Lebensjahres sterben - ist in den
Vereinigten Staaten bei der schwarzen Bevölkerung traditionell
sehr viel höher als bei der weißen: 1997 starben 6 von 1000
weißen Kindern und 14,2 von 1000 schwarzen Kindern. Auch
die weißen Amerikaner liegen damit nur im Mittelfeld, Japan
und alle westeuropäischen Länder haben eine geringere
Säuglingssterblichkeit. Aber immerhin sinkt die Zahl bei der
weißen Bevölkerung, 1999 lag sie bei 5,8 von 1000 Kindern. In
der schwarzen Bevölkerungsgruppe, und das ist ganz
außergewöhnlich, ist sie zwischen 1997 und 1999 von 14,2 auf
14,6 angestiegen.
3
Lesern, denen die soziologische
Interpretation demographischer Befunde nicht geläufig ist, mag
dieser Anstieg, wenn sie nur ihren gesunden Menschenverstand
befragen, gering erscheinen. Sie glauben vielleicht, daß die
Säuglingssterblichkeit für eine Gesellschaft nicht von allzu
großer Bedeutung ist. Tatsächlich ist dieser Indikator aber
außerordentlich bedeutsam, denn er sagt etwas aus über die reale
Lage der Schwächsten in einer Gesellschaft oder in einem
bestimmten Sektor der Gesellschaft. Der leichte Anstieg der
Säuglingssterblichkeit in Rußland im Zeitraum zwischen 1970
und 1974 zeigte mir bereits 1976 die Verschlechterung der Lage
in der Sowjetunion an und erlaubte mir, den Zusammenbruch
des Systems vorauszusagen.
4
Der leichte Anstieg der
Säuglingssterblichkeit bei den Schwarzen in Amerika ist ein
Zeichen dafür, daß die Integration dieser Bevölkerungsgruppe
nach einem halben Jahrhundert der Bemühungen gescheitert ist.
Die Mentalität in Amerika zu Beginn des 3.Jahrtausends
unterscheidet jedoch nicht zwei ethische Gruppen, sondern drei,
insofern im Alltagsleben und in der Statistik die Kategorie der
Hispanos geschaffen wurde, in der Regel Mexikaner mit
indianischen Vorfahren, eine zahlenmäßig sehr bedeutende
Gruppe.
5
Die amerikanische Gesellschaft ist insofern zu der
-137-
Dreiheit zurückgekehrt, die sie zum Zeitpunkt der
Unabhängigkeit hatte und auch als Tocqueville sie zu Anfang
des 19. Jahrhunderts analysierte: Indianer, Schwarze und Weiße.
Über die mexikanische Bevölkerungsgruppe wissen die
Soziologen nur wenig. Bestimmte Indikatoren wie die Tatsache,
daß die Kinder aus dieser Gruppe sehr gut englisch lernen,
sprechen für verstärkte Assimilation, allen leidenschaftlichen
Debatten über die kulturelle Verschiedenheit des spanischen
Sprachraums zum Trotz. Aber festzuhalten ist, daß nach einem
Anstieg bei den jüngsten Generationen ein Rückgang der
Eheschließungen mit Weißen zu beobachten ist: von 12,6
Prozent bei den über 55jährigen über 19 Prozent bei den 15- bis
24jährigen zu nur 17,2 Prozent bei den 25- bis 34jährigen und
15,5 Prozent bei den 15- bis 24jährigen.
6
Dieser Rückgang zeigt
nicht unbedingt einen Einstellungswandel bei den betreffenden
Bevölkerungsgruppen an, sondern könnte sich auch
gewissermaßen zwangsläufig daraus ergeben haben, daß in
bestimmten grenznahen Regionen von Texas und Kalifornien
die mexikanische Bevölkerung mehr oder weniger abgeschottet
lebt. Es bleibt aber die Tatsache, daß selbst dieser rein
territoriale Effekt eine Separation der weißen und, sagen wir, der
hispanistisch-indianischen Bevölkerungsgruppe anzeigt. Die
unterschiedlichen Fruchtbarkeitsquoten, wie sie die Statistiken
für 1999 ausweisen, deuten auf anhaltend tiefe
Mentalitätsunterschiede hin: 1,82 bei den nicht hispanistischen
Weißen (eine abenteuerliche linguistischrassische
Mischkategorie), 2,06 bei den nicht hispanistischen Schwarzen
und 2,9 bei den Hispanos.
7
Im Jahr 2001 lag die
Fruchtbarkeitsquote in Mexiko bei 2,8.
Ist die Beobachtung tatsächlich erstaunlich, daß in einer
Gesellschaft, die die Verherrlichung der rechtlichen Gleichheit
durch die Heiligung der »Verschiedenheit« ersetzt hat -
Verschiedenheit der Abstammung, der Kulturen, der Rassen,
genannt »Multikulturalismus« -, ausgerechnet die Integration
-138-
der Verschiedenen scheitert? Der Bedeutungsverlust des Wertes
der Gleichheit in der amerikanischen Gesellschaft ist nicht auf
den Bereich der ethnischen Beziehungen beschränkt. Die
wirtschaftliche Entwicklung der Jahre 1980-1995 kann, wie wir
gesehen haben, als ein Eilmarsch in Richtung auf mehr
Ungleichheit beschrieben werden, und das hat für bestimmte
Gruppen mit geringem Einkommen - scheinbar zufällig in der
großen Mehrzahl Schwarze - Niedergang und Zerfall bedeutet.
Einmal mehr müssen wir uns hüten, in die karikaturhafte
Zuspitzung zu verfallen, und versuchen, die angelsächsische
Mentalität umfassend zu verstehen. Sie braucht die
Ausgrenzung der einen, der Schwarzen mit Sicherheit, der
Mexikaner vielleicht, um die anderen zu assimilieren, die
Japaner und die Juden. Wir können deshalb eher von einer
differenzierenden als einer universalistischen Assimilation
sprechen.
Die Integration der Juden in den Kern der amerikanischen
Gesellschaft ist besonders bedeutsam vor dem Hintergrund eines
rückläufigen Universalismus innerhalb der Gesellschaft, weil sie
Auswirkungen auf die strategischen Entscheidungen Amerikas
hat. Gleichzeitig ist auch ein Rückgang des Universalismus in
den Außenbeziehungen zu beobachten, ablesbar am Verhältnis
Amerikas zu anderen Staaten der Welt, ganz besonders
offensichtlich im Umgang mit dem Nahostkonflikt. Israel wird
im Inneren wie in den Außenbeziehungen in das mentale System
Amerikas integriert, die Araber bleiben wie die Schwarzen und
die Mexikaner ausgeschlossen.
In den Vereinigten Staaten ist die ideologische Fixierung auf
den Staat Israel nicht auf die Juden beschränkt. Die These, daß
der amerikanische Universalismus generell im Rückgang
befindlich ist, läßt die Fixierung verständlich werden. Aber wir
müssen die historischen Hintergründe vorsichtig analysieren:
Die Festigkeit des Bandes zwischen Amerika und Israel ist neu,
das hat es in der Vergangenheit nicht gegeben. Darum geht es
-139-
hier nicht so sehr darum, sie zu »erklären«, als darum, sie als
»Indikator« für grundlegende Tendenzen in den Vereinigten
Staaten zu begreifen. Die Parteinahme für Israel ist die
sichtbarste Manifestation der Abkehr Amerikas vom
Universalismus und der Hinwendung zur ausgrenzenden
Betrachtung. Außenpolitisch kommt das in der Zurückweisung
der Araber zum Ausdruck, innenpolitisch in den
Schwierigkeiten bei der Integration der Mexikaner und der
fortbestehenden Diskriminierung der Schwarzen.

Der Rückgang des Universalismus in den Außenbeziehungen:
Die Entscheidung für Israel

Die Treue Amerikas zu Israel ist für die Spezialisten der
strategischen Analyse ein großes Rätsel. Die Lektüre der jüngst
erschienenen Werke der Klassiker bringt keine Aufklärung.
Kissinger behandelt das Nahostproblem sehr detailliert, aber mit
der Gereiztheit eines Vertreters der »realistischen« Schule, der
mit irrationalen Völkern zu tun hat, die sich um den Besitz eines
gelobten Landes streiten. Für Huntington gehört Israel nicht zu
der Sphäre der westlichen Zivilisation, die er zu einem
strategischen Block machen möchte.
8
Brzezinski und Fukuyama
erwähnen Israel überhaupt nicht. Das ist sehr verwunderlich,
wenn man bedenkt, was für einen erheblichen Anteil die
Bindung an Israel daran hatte, daß die Vereinigten Staaten eine
generell antagonistische Beziehung zur arabischen Welt und zur
muslimischen Welt insgesamt aufbauten.
Ob die Bindung an Israel nützlich und vernünftig ist, läßt sich
schwer sagen. Der Hinweis auf die Notwendigkeit einer
Kooperation zwischen Demokratien verfängt nicht. Das
Unrecht, das den Palästinensern tagtäglich angetan wird durch
die israelische Besetzung ihrer Gebiete, ist ein täglicher Verstoß
gegen das Prinzip der Gleichheit, das doch zur Basis der
-140-
Demokratie gehört. Die anderen demokratischen Staaten,
besonders die europäischen, stehen im übrigen keineswegs so
bedingungslos auf der Seite Israels wie die Vereinigten Staaten.
Mehr Gewicht hätte der Verweis auf den militärischen Wert
der israelischen Armee. Die Schwäche des amerikanischen
Heeres, das so schwerfällig ist und zunehmend unfähig, Verluste
zu ertragen, hat zur Folge, daß Amerika bei Bodenoperationen
immer mehr auf die Kontingente von Verbündeten oder gar auf
Söldner setzt. Vielleicht wagen die amerikanischen Politiker in
ihrer Fixierung auf die Einnahmen aus dem Erdölgeschäft nicht,
auf die Unterstützung der wichtigsten Armee im Nahen Osten zu
verzichten: der Streitkräfte Israels, eines kleinen Landes, das mit
seiner geographischen Form und modernster Bewaffnung
zunehmend an einen fest verankerten Flugzeugträger erinnert.
Aus der realistischen strategischen Perspektive Amerikas, sei sie
militärisch oder zivil, könnte es wichtiger sein, daß man auf
Streitkräfte zählen kann, die jede beliebige arabische Armee
innerhalb von Tagen oder Wochen vernichten können, als daß
man sich Achtung und Zuneigung in der muslimischen Welt
erwirbt. Wenn das tatsächlich das Kalkül ist, warum sprechen es
die »realistischen« Strategen dann nicht aus? Und können wir
uns ernsthaft vorstellen, daß eine israelische Armee dauerhaft
die Ölquellen in Saudi- Arabien, Kuwait und den Emiraten
kontrolliert, nachdem sie nur mit schweren Verlusten einst den
Südlibanon kontrollieren konnte und heute bereits im
Westjordanland alle Hände voll zu tun hat?
Alle Deutungen, die auf die Rolle der Juden in den
Vereinigten Staaten abheben und betonen, daß sie großen
Einfluß auf den Ausgang der Wahlen hätten, enthalten ein
Körnchen Wahrheit. Das ist die Theorie von der »jüdischen
Lobby«. Man könnte sie noch ergänzen um eine Theorie der
fehlenden arabischen Lobby. Da eine arabische
Bevölkerungsgruppe nicht vorhanden ist, die hinreichend groß
wäre, um ein Gegengewicht zur jüdischen darzustellen, dürften
-141-
die Kosten für die Unterstützung Israels jedem amerikanischen
Politiker, der seine Wiederwahl anstrebt, als nahezu null
erscheinen. Warum sollte er es riskieren, die Stimmen der
jüdischen Wähler zu verlieren, wenn nicht ebenso viele
arabische Stimmen zu gewinnen sind? Aber man darf das
Gewicht der jüdischen Bevölkerungsgruppe auch nicht
überbewerten, es sind 6,5 Millionen oder 2,2 Prozent der
Gesamtbevölkerung. Zudem hat Amerika durchaus auch
antisemitische Traditionen, und man könnte sich vorstellen, daß
ein erklecklicher Teil der 97,8 Prozent nicht-jüdischen Wähler
die israel- freundlichen Politiker abstraft. Aber die Antisemiten
sind gar nicht israel- feindlich eingestellt. Und damit sind wir
beim Kern des Rätsels.
Die Gruppen, die die amerikanischen Juden selbst als
antisemitisch betrachten, die christlichen Fundamentalisten,
stehen politisch auf der Seite der republikanischen Rechten.
9
Aber unter den republikanischen Wählern ist die Unterstützung
für Israel besonders groß, und die religiöse amerikanische
Rechte, die hinter Bush steht, hat neuerdings geradezu ihr Herz
für den Staat Israel entdeckt als positives Gegenstück zu ihrem
Haß auf den Islam und die arabische Welt. Wenn wir dann noch
bedenken, daß drei Viertel der amerikanischen Juden nach wie
vor politisch links stehen, die Demokraten wählen und die
christlichen Fundamentalisten fürchten, kommen wir zu einem
ganz zentralen Paradox: Es gibt eine implizit antagonistische
Beziehung zwischen den amerikanischen Juden und dem Teil
der amerikanischen Wählerschaft, der am nachdrücklichsten den
Staat Israel unterstützt.
Daß immer mehr Amerikaner ihre Sympathie für Israel unter
Ariel Scharon bekunden, ist darum nur vor dem Hintergrund der
These zu verstehen, daß es zwei ganz verschiedene Arten von
Sympathie für Israel gibt, die sich in der Motivation
widersprechen. Je nachdem, welche Gemengelagen
aufeinandertreffen, ergeben sich Kontinuitäten und Brüche in
-142-
der amerikanischen Politik gegenüber Israel.
Auf der einen Seite haben wir die traditionelle Unterstützung
der amerikanischen Juden für Israel. Wenn die demokratische
Partei an der Macht ist, zeigt sie politische Bestrebungen, Israel
zu schützen und gleichzeitig soweit wie möglich die Rechte der
Palästinenser zu achten. Clintons Engagement für das
Friedensabkommen von Camp David muß so interpretiert
werden.
Neuer und überraschender sind die Sympathien der
republikanischen Rechten für Israel. Sie projiziert in den Nahen
Osten ihre Vorliebe für die Art von Ungleichheit, die Amerika
gegenwärtig prägt. Denn es kann eine Vorliebe für Ungleichheit
und Ungerechtigkeit geben.
Die Anhänger der universalistischen Idee proklamieren die
Gleichwertigkeit aller Völker. Diese »gerechte« Einstellung
vermittelt uns, daß das Gleichheitsprinzip eine notwendige
Voraussetzung für ein Bündnis zwischen Völkern ist. Man kann
sich jedoch mit einem anderen identifizieren, ohne an das
Gleichheitsprinzip zu glauben. Während des Peloponnesischen
Krieges unterstützte Athen, die Wiege der Demokratie, natürlich
immer, wenn es konnte, die Demokratien im griechisch
geprägten Raum. Hingegen setzte Sparta, die Urform einer
Oligarchie, in jedem eroberten Stadtstaat eine oligarchische
Führung ein.
10
Ende des 18. Jahrhunderts gelang es den
verschiedenen Monarchen in Europa ohne große
Schwierigkeiten, sich zu einer Koalition gegen die Französische
Revolution mit ihrem Gleichheitsprinzip zusammenzuschließen.
Das spektakulärste Beispiel für eine Identifizierung auf Distanz
zwischen zwei Regimen, die nicht nur dem Gleichheitsprinzip
ablehnend gegenüberstanden, sondern auch der Idee anhingen,
daß die Völker nicht gleichwertig sind, waren indes Deutschland
und Japan im Zweiten Weltkrieg. Nach Pearl Harbor erklärte
Hitler den Vereinigten Staaten den Krieg aus Solidarität mit
Japan. In den Beziehungen zwischen Staaten wie in den
-143-
Beziehungen zwischen Menschen kann es eine Vorliebe für das
Böse oder, abgeschwächt, für die Ungerechtigkeit geben, wenn
man selbst böse oder ungerecht ist. Die fundamentale Triebkraft
bei der Identifikation mit dem anderen ist nicht, daß man das
Gute in ihm erkennt, sondern daß man sich selbst wiederkennt.
Wir könnten sogar sagen, daß das Gefühl, man selbst habe
sich zum Schlechten verändert, den Wunsch verstärkt,
Doppelgänger zu finden, die die eigene Entwicklung
rechtfertigen. Unter diesem Blickwinkel muß man, so meine ich,
die neue Nähe zwischen Amerika und Israel betrachten. Weil
Israel einen schlechten Weg eingeschlagen hat, billigt Amerika,
das sich ebenfalls auf einem schlechten Weg befindet, das
immer gewalttätigere Vorgehen Israels gegen die Palästinenser.
Amerika glaubt immer mehr an die Ungleichheit der Menschen
und immer weniger an die Einheit des Menschengeschlechts. All
dies können wir ohne Einschränkung auch über den Staat Israel
sagen. Seine Politik gegenüber den Arabern geht mit einer
inneren Spaltung einher, das Land ist gespalten durch
wirtschaftliche Ungleichheit und unterschiedliche
Glaubensüberzeugungen. Die zunehmende Unfähigkeit der
Israelis, die Araber als menschliche Wesen wahrzunehmen, ist
für jeden evident, der Nachrichten sieht und liest. Aber der
inneren Gespaltenheit des Landes sind wir uns weniger bewußt,
der Tatsache, daß die israelische Gesellschaft wie die
amerikanische von einem Fieber der Ungleichheit erfaßt ist."
Israel hat mittlerweile mit die größten Einkommensunterschiede
unter den entwickelten und »demokratischen« Ländern. Die
verschiedenen Gruppen - nicht religiöse, aschkenasische,
sephardische und ultraorthodoxe Juden - entfernen sich immer
weiter voneinander, ablesbar an den unterschiedlichen
Geburtenraten, die von 2 Kindern pro Frau bei den
Nichtreligiösen bis zu 7 Kindern pro Frau bei den
Ultraorthodoxen reichen.
Am Anfang ihrer Beziehung gehörten Israel und die
-144-
Vereinigten Staaten zur Sphäre der liberalen Demokratien.
Darüber hinaus gab es ein konkretes Band, weil in Amerika die
größte jüdische Gemeinschaft in der Diaspora lebte, nicht zu
vergessen das biblische Band zwischen Calvinismus und
Judentum. Ein Protestant mit einem einigermaßen
wortwörtlichen Verständnis der Bibel identifizierte sich mit dem
Volk Israel. Die amerikanischen Puritaner des 17. Jahrhunderts
waren als Immigranten in ein neues gelobtes Land gekommen,
und ihre Abscheu vor götzenverehrenden Völkern -
Differenzierung im Sinne der Bibel - fand ein Feindbild bei
Indianern und Schwarzen.
Die in jüngster Zeit zu beobachtende Fixierung der
Vereinigten Staaten auf Israel hat wahrscheinlich nicht mehr
sehr viel mit der ursprünglichen religiösen Wurzel zu tun, mit
der Liebe zur Bibel und einer positiven, optimistischen
Identifikation mit dem auserwählten Volk. Ich bin davon
überzeugt: Wäre Frankreich, als republikanischer oder
katholischer Staat, immer noch in einen Krieg in Algerien
verstrickt und würde es dort Araber unterdrücken, einsperren
und töten, wie Israel das in Palästina tut, dann würde sich das
heutige Amerika - auf Ausgrenzung bedacht, inegalitär und
gequält von seinem schlechten Gewissen - mit der vom
Universalismus abgefallenen Kolonialmacht Frankreich
identifizieren. Wenn man selbst das Lager der Gerechten
verlassen hat, gibt es nichts Beruhigenderes, als zu sehen, daß
auch andere Unrecht tun. Wenn Israel heute Unrecht tut, nimmt
die Führungsmacht der westlichen Welt keinen Anstoß daran.
12

Es ist zentral wichtig für die strategische Analyse der
Weltsituation, die tiefere Logik hinter dem amerikanischen
Verhalten zu erkennen: Die Unfähigkeit der Amerikaner, in den
Arabern Menschen zu sehen, gehört zu der allgemeinen
Tendenz, daß der Universalismus in der amerikanischen
Gesellschaft schwindet.

-145-
Die Sorgen der Juden in Amerika

Das hier dargelegte Modell macht die Unruhe der
amerikanischen Juden verständlich. Eigentlich könnte man
erwarten, daß die Juden sich einfach über ihre gelungene
Integration freuen würden und von der Loyalität Amerikas
gegenüber Israel begeistert wären. Tatsächlich verhält es sich
genau umgekehrt. Diese privilegierte Bevölkerungsgruppe
pflegt einen beunruhigenden, um nicht zu sagen neurotischen
Kult um den Holocaust.
13
Unermüdlich gedenken die Juden in
Amerika des Mordens, dem sie entgangen sind. Unaufhörlich
kritisieren sie den wachsenden Antisemitismus weltweit, und sie
machen sich um alle Gemeinden in der Diaspora, vor allem in
Frankreich, mehr Sorgen als die Gemeinden selbst, auch
nachdem im Frühjahr 2002 in einigen französischen Städten
Anschläge auf Synagogen verübt wurden. Die französischen
Juden aschkenasischer Abstammung, für die der Holocaust eine
viel konkretere Realität ist als für die amerikanischen Juden,
weil ihre eigenen Familien davon betroffen waren, leben allem
Anschein nach viel sorgloser und blicken viel zuversichtlicher in
die Zukunft, auch wenn man ihnen von jenseits des Atlantiks
beständig vorhält, sie seien Renegaten ohne
Gemeinschaftsgefühl und würden irgendwann schon noch Opfer
des ewigen französischen Judenhasses werden. Die
fortbestehende Angst der Juden in Amerika, dem Land mit der
angeblich »allmächtigen jüdischen Lobby«, hat etwas
Paradoxes.
14
Unsere These, daß der Universalismus sich in
Amerika auf dem Rückzug befindet, erlaubt eine Erklärung,
warum die Angst der Juden dort so groß ist.
Fassen wir unser Erklärungsmodell noch einmal zusammen.
Die angelsächsische Mentalität hat zwei Merkmale, was das
Verhältnis zum Anderen anbetrifft: Sie muß ausschließen, um
einschließen zu können, und die Grenze zwischen
Eingeschlossenen und Ausgeschlossenen ist nicht fest. In
-146-
manchen Phasen wird die Grenze erweitert, in anderen enger
gezogen.
Dem Einschluß der amerikanischen Juden entspricht der
Ausschluß der Schwarzen und vielleicht auch der Mexikaner.
Die Juden werden eingeschlossen zu einer Zeit, da der
Universalismus rückläufig ist und die Differenzierung zunimmt
in der geläufigen amerikanischen Begrifflichkeit ausgedrückt, da
das ethnische Bewußtsein einen Aufschwung erlebt. Wie kann
man mit gutem Gewissen und einem Gefühl der Sicherheit einen
derart paradoxen Prozeß der Integration mitgestalten? Muß eine
solche Form der Einbeziehung nicht fragil, gefährdet und
gefahrvoll zugleich erscheinen? Die amerikanischen Juden
projizieren eine Angst, die sie empfinden, auf die Außenwelt,
denn sie spüren diffus, daß sie eher der Spielball einer
rückwärtsgewandten, diskriminierenden Dynamik in der
amerikanischen Gesellschaft sind als daß sie von der
integrierenden Großzügigkeit universalistischen Typs
profitieren.
Dieser Standpunkt ist nicht nur das Ergebnis theoretischer
Überlegungen. Mir wurde das Anfang der achtziger Jahre in
einem Gespräch mit meinem Großvater erstmals klar, einem
amerikanischen Juden, der aus Österreich stammte. Bei einem
Besuch in Disneyland enthüllte er mir inmitten tanzender
Mickymäuse seine beständige Angst: Die leidenschaftliche
Beschäftigung der amerikanischen Gesellschaft mit
Rassenfragen erinnerte ihn unangenehm an die Verhältnisse im
Wien seiner Jugend. Von den französischen Juden in meiner
Verwandtschaft hat keiner jemals eine derartige Sorge geäußert.

Ein Weltreich kann nicht auf Differenzierung setzen

Die amerikanische Rede vom »Reich des Bösen«, von der
»Achse des Bösen« und jeder anderen Manifestation teuflischer
-147-
Mächte auf Erden bringt uns zum Lachen oder zum Schreien je
nach Zeitpunkt und je nach individuellem Temperament -, weil
dieses Gerede ganz offensichtlich Unsinn ist. Doch wir müssen
diese Formeln ernst nehmen, allerdings erst, nachdem wir sie
entschlüsselt haben. In ihnen drückt sich objektiv die
amerikanische Besessenheit vom Bösen aus, das in der
Außenwelt gesehen wird, während es doch in Wahrheit im
Inneren wirkt. Die Bedrohung durch das Böse ist in der Tat
allgegenwärtig: Abkehr von der Gleichheit, Aufstieg einer
verantwortungslosen Plutokratie, die einzelnen Konsumenten
und das ganze Land leben auf Kredit, immer häufiger wird die
Todesstrafe verhängt, Rassenfragen sind immer wichtiger. Nicht
vergessen dürfen wir in diesem Zusammenhang auch die
Aufregung um die Anthrax-Anschläge, die, wie es scheint, von
verwirrten und außer Kontrolle geratenen Angehörigen eines
Geheimdienstes verübt wurden. Gott segnet in diesen Tagen
Amerika wahrlich nicht. Überall sieht es das Böse lauern,
während es doch selbst den Weg des Bösen eingeschlagen hat.
Dieser Rückfall kann uns vielleicht daran erinnern, was wir
dabei sind zu verlieren: Das Amerika der Jahre 1950 bis 1965,
das Land der Massendemokratie, der Meinungsfreiheit, der
Ausweitung der sozialen Rechte, des Kampfes um die
Bürgerrechte - dieses Amerika war das Reich des Guten.
Was man heute als amerikanischen Unilateralismus
bezeichnet, die in der internationalen Politik geläufige
Umschreibung für Differenzierung und Diskriminierung, soll
freilich hier nicht unter einem primär moralischen Blickwinkel
betrachtet werden. Vielmehr wollen wir seine Ursachen und
seine konkreten Folgen untersuchen. Die entscheidende Ursache
ist, wie wir gesehen haben, der Rückgang der egalitären und
universalistischen Einstellung in den Vereinigten Staaten selbst.
Als wichtigste Folge haben die Vereinigten Staaten eine
ideologische Ressource verloren, die für ein Weltreich
unverzichtbar ist. Ohne die Vorstellung, daß alle Menschen und
-148-
alle Völker gleich sind, kann Amerika über eine zu groß und zu
verschieden gewordene Welt nicht herrschen. Das Wissen um
Recht und Unrecht ist ein Herrschaftsinstrument, und Amerika
besitzt es nun nicht mehr. Die unmittelbare Nachkriegszeit - der
Zeitraum 1950 bis 1965 war in gewisser Weise der Höhepunkt
des Universalismus in der amerikanischen Geschichte. Wie der
Universalismus des römischen Weltreiches war auch der des
siegreichen Amerika zurückhaltend und großzügig.
Die Römer erkannten die Überlegenheit der Griechen in
Philosophie, Mathematik, Literatur und bildender Kunst an. Die
römische Aristokratie übernahm griechische Lebensformen, der
militärische Sieger paßte sich in vielen Punkten der überlegenen
Kultur des besiegten Reiches an. Rom unterwarf sich auch
vielen Religionen, und zuletzt sogar einer einzigen Religion aus
dem Osten des Imperiums. Die Vereinigten Staaten waren in der
Zeit, als sie eine echte Weltmacht darstellten, offen für die Welt
um sie herum und respektierten sie. Wohlwollend beobachteten
und analysierten sie die verschiedenen Gesellschaften auf der
Erde mit den Mitteln der Politikwissenschaft, der
Anthropologie, der Literatur und des Kinos. Der wahre
Universalismus bewahrt das Beste aus allen Welten. Die Kraft
des Siegers ermöglicht die Verschmelzung der Kulturen. Diese
Epoche, in der sich in den Vereinigten Staaten wirtschaftliche
und militärische Macht verbanden, scheint lange vergangen.
Heute haben wir ein geschwächtes, unproduktives Amerika vor
uns, das nicht mehr tolerant ist. Dieses Amerika behauptet, es
verkörpere ein exklusives menschliches Ideal, es allein besitze
den Schlüssel zu wirtschaftlichem Erfolg, und nur seine Filme
seien wahres Kino. Der Anspruch auf die gesellschaftliche und
kulturelle Hegemonie, wie er in jüngster Zeit erhoben wird,
dieser narzißtische Expansionswunsch, ist nur ein Indiz neben
anderen für den dramatischen Verfall der tatsächlichen
wirtschaftlichen und militärischen Macht und für den
Niedergang des Universalismus in Amerika. Da Amerika nicht
-149-
mehr fähig ist, die Welt zu beherrschen, bestreitet es die
autonome Existenz der Welt und die Vielfalt der Gesellschaften
auf unserem Planeten.

-150-
KAPITEL 6
Dem Starken die Stirn bieten oder den
Schwachen angreifen?

Der Wandel der amerikanischen Gesellschaft und Wirtschaft
hin zur Ungleichheit und vor allem zur Ineffizienz hat die
Beziehungen der USA zur übrigen Welt schließlich auf den
Kopf gestellt. Amerika, das 1945 noch eine unabhängige
Supermacht war, ist für die Weltwirtschaft ein halbes
Jahrhundert später zu einer Art Schwarzem Loch geworden, das
Waren und Kapital in sich aufsaugt, ohne selbst gleichwertige
Güter liefern zu können. Um sich die Herrschaft über die Welt
zu sichern, von der es ernährt wird, muß es zu einer anderen
Rolle finden als zu der des Endabnehmers im keynesianischen
Sinn. Den USA fällt dies nicht leicht. Ihre neue
Selbstbestimmung als hegemoniale Macht kann nur politischer
und militärischer Natur sein: Sie müssen sich als Staat auf dem
gesamten Planeten durchsetzen und dabei ein weltweites
Gewaltmonopol erringen. Allerdings fehlen Amerika für diese
Neuorientierung die unabdingbaren Ressourcen, mit Blick auf
die hard power wie auf die soft power, um Joseph Nyes Begriffe
zu gebrauchen.
Wie bereits erwähnt, bringt der freie Warenaustausch auf
globaler Ebene Probleme des Wachstums mit sich und bremst
inzwischen die Entwicklung des weltweiten Wohlstands.
Kurzfristig sorgt er dafür, daß die USA nach einem seltsamen
Mechanismus leben: Der von ihnen ausgelöste Mangel an
Nachfrage verschafft ihnen zugleich die Rolle des
»unverzichtbaren Konsumenten«, während die Schere der
Ungleichheiten, die andere Konsequenz des Systems,
Gewinnsteigerungen ermöglicht und sie so mit dem frischen
-151-
Kapital versorgt, das sie für ihren Konsum benötigen.
Die Stellung der USA als zentraler Regler ist prekär, weil die
Erhebung des Herrschaftstributs, wie erwähnt, nicht auf
autoritäre Weise, sondern nach einem »liberalen«, freiwilligen,
subtilen und instabilen Mechanismus erfolgt, der in hohem
Maße vom guten Willen der dominanten Klassen an der
beherrschten Peripherie, vor allem in Europa und Japan,
abhängt. Man kann der Wall Street und den amerikanischen
Banken alle möglichen Betrügereien vorwerfen, aber nicht, daß
sie die Leute zwängen, bei ihnen ihr Geld anzulegen und es
dadurch zu verlieren.
Die kapitalistische Herrschaft der deregulierten Vielfalt, deren
Meister die USA sind, verliert zusehends ihren legitimen
Anschein: So tauchte die Kritik an der Globalisierung als
strategische Bedrohung der USA an prominenter Stelle in der
Ausgabe von Foreign Affairs vom Januar/Februar 2002 auf.
Kompliziert wird dieses ökonomische Problem durch die
Unzulänglichkeit der amerikanischen Streitkräfte. Während die
USA mit ihren Flugzeugträgern unstrittig effizient operieren
können, sind ihre Landstreitkräfte nicht in der Lage, den
geographischen Raum, aus denen die USA ihre Produkte und ihr
Kapital ziehen, unmittelbar zu kontrollieren. Hinzu kommt vor
allem, daß ihre Luftwaffe, die theoretisch nur über die Drohung
mit Bombardements eine absolute Herrschaft ausüben könnte,
nach wie vor vom guten Willen der einzigen Macht abhängt, die
sie mit ihrer Luftabwehrtechnologie teilweise oder ganz
neutralisieren könnte: von Rußland. Solange diese Macht
existiert, verfügen die USA nicht über die unumschränkte
Herrschaft, die ihr in ihrer jetzigen Situation der Abhängigkeit
von der Welt auf lange Sicht wirtschaftliche Sicherheit
garantierten könnte.
Wirtschaftliche Abhängigkeit und militärische Schwäche
diesem Bild der Vereinigten Staaten ist ein weiteres wichtiges
Element hinzuzufügen: der Verlust einer universalistischen
-152-
Betrachtungsweise, der verhindert, daß die USA die Welt vor
dem Hintergrund von Gleichheit, Gerechtigkeit und
Verantwortung wahrnehmen. Der Universalismus ist eine
grundlegende Ausgangsposition für jeden Staat, der danach
strebt, eine Nation oder ein größeres, mit verschiedenen Ethnien
besiedeltes Reich zu beherrschen und diesem seine Regeln
aufzuzwingen.
An dieser Stelle zeigt sich der Grundwiderspruch der Stellung
der USA in der Welt: Die Supermacht muß in einem
Herrschaftsbereich dauerhaft ein stabiles wirtschaftliches
Gleichgewicht aufrechterhalten, ohne dafür über die
entsprechenden militärischen und ideologischen
Voraussetzungen zu verfügen. Will man die amerikanische
Außenpolitik verstehen, muß man sich mit der Entstehung
dieses Grundwiderspruchs befassen und sich fragen, wie dieses
prekäre, halb imperiale, halb liberale Dilemma entstanden ist.
Bei der Reihe von Entscheidungen, die Amerika in dieses
Dilemma führten, deutet nämlich nichts auf eine Planung von
langer Hand hin.
Die imperiale Option ist jüngeren Datums: Sie ging nicht aus
einem starken Willen hervor, sondern offerierte sich der
amerikanischen Führung als eine einfache Lösung. Sie ist
schlicht das Ergebnis äußerer Umstände: Der Zusammenbruch
des Sowjetsystems, der einen Augenblick lang die Illusion der
Allmacht vermittelte, weckte in den USA zu zwei Zeitpunkten
den Traum von einer stabilen globalen Vorherrschaft. Das
entscheidende Jahr war dabei weniger 1990 als vielmehr 1995.

Vom Zusammenbruch des Kommunismus zum Kollaps
Rußlands

Weder Amerikas politische Führung noch seine Strategen
hatten den Zusammenbruch des Sowjetsystems vorhergesehen,
-153-
des kommunistischen Widersachers, dessen Konkurrenz der
liberalen Welt in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg eine Art
negativen Zusammenhalt gesichert hatte. Anfang der neunziger
Jahre wurden sich die USA übrigens der eigenen
wirtschaftlichen Schwächen bewußt. So beschrieb schon 1990
Michael Porter in der Originalausgabe von Nationale
Wettbewerbsvorteile: erfolgreich konkurrieren auf dem
Weltmarkt die verschiedenen Formen des Kapitalismus in Japan,
Deutschland, Schweden und Korea hinsichtlich der Produktivität
als effizienter als die angelsächsische, weil diese Staaten liberale
Regeln nur dann akzeptierten, wenn sie daraus Vorteile ziehen
konnten.
1

Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus, des
Hauptfeindes, schien zunächst die Rivalität zwischen den
einzelnen kapitalistischen Mächten in Europa und Asien in den
Vordergrund zu rücken. 1993 sagte Lester Thurow in der
Originalausgabe von Kopf an Kopf einen Wirtschaftskrieg
zwischen den Vereinigten Staaten, Europa und Japan voraus.
2

Bleibt anzumerken, daß in dieser Phase weder die amerikanische
noch die anderen Führungen, die Jahre zuvor vom
Zusammenbruch des Kommunismus völlig überrascht worden
waren, den Untergang Rußlands als Supermacht in Betracht
zogen. Hatte die entwickelte Welt zuvor die wirtschaftliche
Stärke des Kommunismus überschätzt, so unterschätzte sie nun
die Schwierigkeiten beim Umbau der kommunistischen
Wirtschaft.
Anfang der neunziger Jahre galt eine Hypothese als die
wahrscheinlichste: Rußland werde ein strategisches Gewicht in
einer Welt behalten, die ihre ideologische Polarisierung
überwunden habe, obwohl es nach wie vor zwei Supermächte
gebe. Möglich schien sogar der Traum einer auf
Gleichberechtigung und Ausgleich beruhenden Welt der
Nationen, in der alle schließlich dieselben Spielregeln
beachteten. Vor diesem Hintergrund setzten die Vereinigten
-154-
Staaten auf eine Rückkehr zum Gleichgewicht der Kräfte. Wie
erwähnt, unternahmen sie spektakuläre Anstrengungen zur
Abrüstung.
3
Nichts deutete damals auf eine imperiale Option der
USA hin. Dann aber wurde zwischen 1990 und 1995 die
politische Auflösung der ehemaligen sowjetischen
Einflußsphäre offenkundig, während zugleich die
Wirtschaftsleistung in den verschiedenen Republiken auf
dramatische Weise schrumpfte.
Die russische Produktion sank in diesem Zeitraum um 50
Prozent. Die Investitionsquote ging dramatisch zurück, und die
Geldwirtschaft verlor an Bedeutung: In bestimmten Regionen
hielt wieder der Naturaltausch Einzug. Durch die
Unabhängigkeit der Ukraine, Weißrußlands und Kasachstans,
das zur Hälfte mit Russen bevölkert ist, verlor das »slawische«
Zentrum des Gefüges 75 Millionen Staatsangehörige. Rußland
büßte seine Stellung als Staat ein, der den USA in
demographischer Hinsicht fast ebenbürtig war. Hatten 1981 die
Sowjetunion 268 und die USA 230 Millionen Einwohner, so
waren es 2001 in Rußland nur noch 144 Millionen, während die
Bevölkerung in den USA auf 285 Millionen angewachsen war.
Noch schlimmer wirkte sich aus, daß die nationalen oder
ethnischen Forderungen nicht nur in den einstigen
Sowjetrepubliken, sondern auch in den autonomen Regionen
innerhalb der russischen Föderation vom Kaukasus bis nach
Tatarstan laut wurden. Der Zentralverwaltung drohte die
Kontrolle über die fernen Regionen Sibiriens zu entgleiten.
Schon wurde über einen Bruch der Beziehungen zwischen den
rein russischen Regionen, über eine Art feudale Zersplitterung
des russischen Staates spekuliert.
4
Eine totale Auflösung der
russischen Föderation schien durchaus möglich. Um 1996 sah es
so aus, als würde der alte strategische Gegner der Amerikaner
schlicht und einfach verschwinden. Zu diesem Zeitpunkt wird in
den USA die imperiale Option sichtbar: Die Annahme einer aus
dem Gleichgewicht geratenen Welt, die militärisch vollkommen
-155-
unter der Vorherrschaft Amerikas steht, wird in gewisser Weise
wahrscheinlich. Die USA müssen nur ein wenig nachhelfen, die
Peripherie der Russischen Föderation, den Kaukasus und
Mittelasien, die beiden Schwachstellen, zur Unabhängigkeit
ermuntern und Provokationen starten, und schon kann die Partie
gewonnen werden. 1997 erscheint die Originalausgabe von
Brzezinskis Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der
Vorherrschaft, das konsequenteste Werk über die Notwendigkeit
und die Mittel, mit denen die USA eine strategische
Vorherrschaft in Eurasien zu erringen trachten.
Der Zusammenbruch Rußlands macht die USA zur einzigen
militärischen Supermacht. Gleichzeitig beschleunigt sich die
Globalisierung der Finanzmärkte: Zwischen 1990 und 1997
klettert der Finanzüberschuß bei den Kapitalzuflüssen zwischen
Amerika und der übrigen Welt von 60 auf 271 Milliarden US-
Dollar. Die Amerikaner können sich eine Konsumsteigerung
leisten, die durch die eigene Produktion nicht gedeckt ist.
Der Gedanke einer imperialen Option darf freilich nicht zu
der Vorstellung verleiten, daß sich die amerikanischen
Führungskreise mit besonderer Hellsicht und genialer
Berechnung im richtigen Augenblick für eine Strategie
entschieden und diese dann konsequent umgesetzt hätten. Ganz
im Gegenteil greifen sie zur imperialen Option, weil sie den
Dingen dadurch freien Lauf lassen und konsequent den Weg des
geringsten Widerstands gehen können. Die amerikanische
Führungsklasse läßt Willenskraft und Planungsbereitschaft noch
stärker vermissen als die der europäischen Satelliten, die wegen
ihrer Schwäche so oft kritisiert werden. Immerhin verlangt der
Aufbau des europäischen Hauses Bemühungen um
Verständigung und Entwicklung von Organisation, zu denen die
amerikanische Führungsklasse in der gegenwärtigen Phase
keineswegs in der Lage wäre.
Für die USA wäre eine langfristig sehr viel sicherere Lösung
deshalb eine nationale Option gewesen. Wegen der Ausdehnung
-156-
des Staates über einen ganzen Kontinent und wegen seines
zentralen Finanzsystems hätte sie zudem leichter realisiert
werden können als anderswo. Aber sie hätte der US-
Administration große Anstrengungen hinsichtlich Organisation
und Regulierung abverlangt: eine Energiepolitik und eine Politik
zum Schutz der Industrie, zwei wesentliche
Begleiterscheinungen einer multilateralen Außenpolitik, die
andere Nationen und Regionen zu mehr Selbständigkeit
ermuntern, die wiederum für alle förderlich ist. Die erneute
Dynamisierung der entwickelten Wirtschaften auf einer
»regionalisierten« Basis hätte es in der Tat ermöglicht, die
Entwicklungsländer durch einen Schuldenerlaß als Ausgleich
für wieder eingeführte protektionistische Maßnahmen effizient
zu unterstützen. Mit einem globalen Plan dieses Typs hätten die
USA zur unumstrittenen und endgültigen Führungsmacht auf
dem Planenten avancieren können. Aber einen solchen Plan zu
durchdenken und umzusetzen wäre sehr mühsam gewesen.
Viel einfacher, ja dankbarer war es da, auf den endgültigen
Zusammenbruch Rußlands und den Aufstieg der USA zur
einzigen Supermacht zu vertrauen, den Zustrom an Kapital zu
konstatieren und ein immer höheres Handelsbilanzdefizit in
Kauf zu nehmen. Die imperiale Option, gerechtfertigt mit der
liberalen Ideologie des freien Spiels der Kräfte, war,
psychologisch gesehen, so vor allem das Ergebnis einer Politik
des »Laissez aller«.
Diese Strategie, hinter der ehrgeizige Ziele, aber ein
schwacher Wille steckten, beinhaltete ein größeres Risiko: 1997
war noch nicht sicher davon auszugehen, daß die russische
Macht endgültig zerfallen würde. Jede Außenpolitik, die sich
auf eine so ungewisse Annahme gründete, bedeutete für die
USA eine kolossale Gefahr: Sie könnten eines Tages in massive
wirtschaftliche Abhängigkeit geraten, ohne den anderen
Mächten militärisch überlegen zu sein, kurz, sie könnten aus
einer halbimperialen in eine pseudoimperiale Position geraten.
-157-
Wenn hinter der diplomatischen und militärischen Strategie
dieser imperialen Option ein starker Wille gestanden hätte, wäre
sie durch die USA konsequent und systematisch verfolgt
worden. Dies war nicht der Fall. Daß kontinuierliche
Anstrengungen hier unterblieben, läßt sich am einfachsten
anhand der rationalsten und am offensten vorgetragenen
imperialen Ziele zeigen - anhand des Modells von Brzeszinski -,
wobei dann untersucht werden muß, inwieweit sich die
amerikanischen Führer an dieses Modell gehalten haben oder
nicht. Dabei stellt sich für die jüngere Geschichte heraus, daß sie
alle einfacheren Bestandteile tatsächlich umgesetzt und all
diejenigen außer acht gelassen haben, die ein hohes Maß an Zeit
und Energie gekostet hätten.

Vom großen diplomatischen Schachbrett...

Brzezinskis Plan ist klar und prägnant umrissen, auch er
suggeriert, daß man Rußland zum eigenen Wohl den Todesstoß
versetzen müsse. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse sich der
Westen die Ukraine einverleiben und Usbekistan dazu nutzen,
um Mittelasien der russischen Einflußsphäre zu entziehen.
Verschwiegen wird jedoch, daß eine Umzingelung Rußlands
zwangsläufig dazu führen müßte, daß sich das Kernland auflöst.
Bei aller hohen Strategie hält sich Brzezinski hier diplomatisch
zurück. Und noch bei einem weiteren Punkt hält er sich bedeckt:
Er klammert die Ineffizienz der amerikanischen Wirtschaft und
die Notwendigkeit für die USA aus, die Reichtümer dieser Welt
auf politischem und militärischem Weg unter ihre Kontrolle zu
bringen. Wegen seiner kulturellen Prägung formuliert er dieses
zentrale Ziel des Landes nur indirekt. Er hebt hervor, daß
Eurasien an der Weltbevölkerung und an wirtschaftlichen
Aktivitäten den größten Anteil stellt, und weist dann auf die
große Entfernung zwischen Amerika und Eurasien hin. Im
Klartext bedeutet dies: Aus Eurasien stammen die Ströme an
-158-
Waren und Geld, die Amerika benötigt, um seinen
Lebensstandard aufrechtzuerhalten, und dies gilt für den der
oberen Schichten wie für den des einfachem Volkes.
Trotz der genannten Vorbehalte ist das Projekt kohärent. Die
einzige auszumachende Bedrohung für das amerikanische Reich
ist Rußland, das folglich isoliert und zerstückelt werden muß.
Man kann von einer Bismarckschen Herangehensweise an die
Probleme sprechen, wobei Rußland die Stellung einnimmt, die
zwischen 1871 und 1890 das besiegte Frankreich innehatte.
Reichskanzler Bismarck war dank der vernichtenden
französischen Niederlage 1870/71 die deutsche Reichseinigung
gelungen. In den folgenden zwanzig Jahren bemühte er sich um
eine Aufrechterhaltung der guten Beziehungen zu allen anderen
europäischen Mächten, um Frankreich, von dem wegen der
Abtretung Elsaß-Lothringens revanchistische Bestrebungen zu
erwarten waren, als einzigen Gegner zu isolieren. Brzezinski
empfiehlt den Vereinigten Staaten einen kooperativen Kurs
gegenüber allen Nationen außer Rußland. In der vollkommen
richtigen Erkenntnis, daß eine echte Herrschaft der USA über
Eurasien hauptsächlich von der Zustimmung des europäischen
und des japanischen Protektorates abhängt, rät er zu einer
Konsolidierung ihrer Machtpositionen. Japan soll eine eher
globale als rein asiatische Rolle spielen, und dem Aufbau des
europäischen Hauses soll wohlwollend begegnet werden. Nur
England wird herablassend als »Nicht-Akteur« definiert. Das
deutsch- französische Tandem erwähnt Brzezinski respektvoll als
den bedeutendsten strategischen Spieler. Mit besonderer
politischer Hellsicht rät er sogar zu einer verständnisvolleren
Haltung gegenüber Frankreich. Hinter dieser Sichtweise steckt
ein scharfer Blick: Solange Europa und Japan sich mit der
amerikanischen Führungsrolle abfinden, ist das Reich
unverwundbar: In seinem engeren Umfeld ist der wichtigste Teil
der weltweiten technologischen und ökonomischen Macht
konzentriert. Von diesem Kern seiner Strategie abgesehen, rät
-159-
Brzezinski zu einer kooperativeren Haltung auch gegenüber
China, das erst auf lange Sicht zum Rivalen werden könnte, und
gegenüber dem Iran, dessen weitere Entwicklung seiner Ansicht
nach nicht zur Konfrontation führen wird. Rußland, das von
Europa und Japan umzingelt und von China und dem Iran
abgeschnitten ist, würde in Eurasien so praktisch jeden
Handlungsspielraum verlieren. Fassen wir zusammen: Als die
einzige Supermacht müssen die USA gegenüber allen
zweitrangigen Mächten einen Kurs der Kooperation fahren, um
die einzige unmittelbare militärische Bedrohung für seine
Vorherrschaft durch Rußland endgültig auszuschalten.
Welchen Teil dieses Konzepts hat die amerikanische
Diplomatie nun umgesetzt? Im Grunde nur die Aktion gegen
Rußland durch die Osterweiterung der NATO, die Avancen
gegenüber der Ukraine und die Nutzung von allen möglichen
Vorwänden, um den amerikanischen Einfluß im Kaukasus und
in Mittelasien auszuweiten. Der Krieg gegen die Al Quaida und
das Regime der Taliban ermöglichte die Stationierung von
12000 amerikanischen Soldaten in Afghanistan, 1500 in
Usbekistan und einer Hundertschaft in Georgien. Aber hier
begnügte sich die amerikanische Regierung nur mit der Nutzung
der sich bietenden Gelegenheiten: Wie im folgenden Kapitel
noch zu sehen sein wird, unternahm sie zu geringe und
halbherzige Anstrengungen, um Rußland entscheidend zu
destablisieren. Für ein solches Vorhaben besitzt Amerika jedoch
inzwischen gar nicht mehr die Mittel.
Im übrigen beging die amerikanische Diplomatie, die
keinerlei Bismarcksche Brillanz zeigte, so katastrophale Fehler
wie einst Wilhelm II. Kaum hatte der sich des eisernen Kanzlers
entledigt, brach er einen Konflikt mit den beiden Großmächten
Europas vom Zaun: mit Großbritannien und Rußland, eine
Entwicklung, die Frankreich Gelegenheit gab, sich in ein
wichtiges Bündnissystem einzubinden, was dann direkt in den
Ersten Weltkrieg und zum Ende der deutschen Vorherrschaft
-160-
führte. Dagegen vernachlässigt und demütigt Amerika seine
europäischen Bündnispartner durch unilaterale Aktionen und
läßt die NATO, das zentrale Machtinstrument der USA, einfach
außen vor. Es begegnet Japan mit Herablassung, indem es die
japanische Wirtschaft, die effizienteste der Welt und für
Amerikas Wohlstand wichtig, immer wieder als überholt
hinstellt. Es provoziert unermüdlich China und zählt den Iran
zur angeblichen Achse des Bösen. Amerika scheint es geradezu
darauf anzulegen, aus ganz verschiedenen Ländern, die es
durch sein sprunghaftes Verhalten vor den Kopf stößt, eine
eurasische Koalition zu schmieden. Von Brzezinski leicht
abweichend, können wir zudem darauf verweisen, daß die USA
durch die nahezu bedingungslose Unterstützung Israels ihren
Konflikt mit den Palästinensern beharrlich auf alle Teile der
islamischen Welt ausdehnen.
Diese amerikanische Tolpatschigkeit kommt freilich nicht von
ungefähr: Ganz wie die imperiale Option ist sie das Ergebnis der
Haltung der USA, den Dingen freien Lauf zu lassen und nur auf
unmittelbare Erfordernisse zu reagieren. Die beschränkten
wirtschaftlichen, militärischen und ideologischen Ressourcen
lassen den Vereinigten Staaten, wenn sie ihre Rolle als
Weltmacht behaupten wollen, keine andere Möglichkeit, als den
kleinen Mächten übel mitzuspielen. In dem an einen Alkoholiker
erinnernden Benehmen der amerikanischen Diplomatie steckt
durchaus eine Logik. Das wahre Amerika ist so schwach, daß es
nur mit militärischen Zwergen eine Konfrontation suchen kann.
Durch die Provokation aller zweitrangigen Akteure behauptet es
seine Rolle als Weltmacht. Seine wirtschaftliche Abhängigkeit
von der Welt macht auf die eine oder andere Art universelle
Präsenz notwendig. Der Mangel an Ressourcen veranlaßt die
USA zu einem theatralischen und hysterischen Umgang mit
zweitrangigen Konflikten. Weil Amerika der Großteil einer
universalistischen Betrachtungsweise abhanden gekommen ist,
verliert es im übrigen auch aus den Augen, daß es seine
-161-
wichtigsten Verbündeten, Europa und Japan, die gemeinsam die
Weltwirtschaft beherrschen, als gleichrangig behandeln muß,
wenn es weiterhin herrschen will.

... zum kleinen militärischen Spiel

Die unsinnigen Spannungen, welche die USA zu Nordkorea,
Kuba und zum Irak - Relikten der Vergangenheit - unbeirrbar
aufrechterhalten, zeigen alle Anzeichen der Irrationalität.
Ebenfalls zu nennen sind hier die Feindseligkeit gegenüber dem
Iran, der sich deutlich erkennbar auf dem Weg in eine
demokratische Normalisierung befindet, und die häufigen
Provokationen gegenüber China. Dagegen würde eine echt
imperiale Politik zum Streben nach einer Pax americana führen,
die dadurch gekennzeichnet wäre, daß die USA den
Regierungen dieser Länder in ihren Entwicklungsprozessen
abwartend und mit Geringschätzung begegneten: Die Regime
Nordkoreas, Kubas und des Irak würden auch ohne äußere
Einmischung stürzen. Der Iran durchläuft vor unseren Augen
eine positive Wandlung. Unübersehbar ist dagegen, daß die
aggressive amerikanische Politik den überholten
kommunistischen Regimen den Rücken stärkt, die irakische
Führung zusammenschweißt und die Position der
antiamerikanischen Konservativen im Iran festigt. In China, wo
die kommunistischen Machthaber das Land mit einem
autoritären Kurs in den Kapitalismus steuern, liefern die
Amerikaner dem Regime die Waffen zur eigenen Rechtfertigung
und Legitimation, weil es nach willkommenen Provokationen
stets nationalistische und fremdenfeindliche Stimmungen
schüren kann. Auch bietet sich dem pyromanen Feuerwehrmann
neuerdings ein weiterer möglicher Einsatzort: der Konflikt
zwischen Indien und Pakistan. Die USA, die für die
augenblickliche Destabilisierung und den lokal aufflammenden
Islamismus in Pakistan weitgehend verantwortlich sind,
-162-
präsentieren sich jedoch auch hier als unersetzlicher Vermittler.
Dieses Gebaren, das der Welt keinen Fortschritt bringt und
die Verbündeten verärgert, hat gleichwohl seinen Sinn. Die
Konflikte, die militärisch ein Null-Risiko darstellen,
ermöglichen es nämlich den Vereinigten Staaten, überall auf der
Welt »präsent« zu sein. Sie erhalten die Illusion eines instabilen
und gefährdeten Planeten aufrecht, auf dem die USA Ordnung
schaffen müssen.
Der erste Krieg gegen den Irak, den Bush I. geführt hatte,
diente in gewisser Weise als Vorbild für die in Amerika
augenblicklich vorherrschende Haltung - von einer Strategie zu
reden wäre hier verkehrt, weil die auf sehr kurze Zeiträume
ausgerichteten Maßnahmen der USA deren Stellung in der Welt
mittelfristig wohl radikal schwächen werden.
Was ist der Irak? Ein ölproduzierendes Land, das von einem
Diktator beherrscht wird, dessen Bedrohungspotential nur von
lokaler Bedeutung ist. Die Umstände der Aggression gegen
Kuwait liegen im dunkeln, wobei nicht auszuschließen ist, daß
die USA Saddam Hussein zu seinem Abenteuer bewußt
ermuntert haben, indem sie signalisierten, sie hätten gegen die
Annexion Kuwaits nichts einzuwenden. Obwohl diese Frage
zweitrangig ist, kann als gesichert gelten, daß die Befreiung
Kuwaits die USA auf eine weitere Option festgelegt hat:
vornehmlich den Konflikt mit Mächten zu suchen, die über
geradezu lächerliche Streitkräfte verfügen und mit dem Begriff
»Schurkenstaat« belegt werden können, was auf deren
Boshaftigkeit und unbedeutende Größe anspielt, um so
Amerikas Stärke zu »demonstrieren«. Der Gegner muß schwach
sein: In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß die
USA das noch immer kommunistische, aber zu Recht reale
militärische Potentiale symbolisierende Vietnam in Frieden
lassen. Die übertriebene Darstellung der irakischen Bedrohung -
angeblich der Welt viertgrößte Armee! - war wohl nur der
Auftakt zu einer ganzen Serie von Inszenierungen, bei denen der
-163-
Welt angebliche Bedrohungen vorgeführt werden.
Der Krieg in Afghanistan, eine Folge der Anschläge vom 11.
September, hat die USA in der Entscheidung zugunsten dieser
Option bestärkt. Einmal mehr stürzten sich die amerikanischen
Führer in einen Konflikt, den sie nicht vorhergesehen hatten, der
aber ihre zentrale Taktik bestätigt, die man als theatralischen
Mikromilitarismus bezeichnen könnte: zu zeigen, daß Amerika
in der Welt gebraucht wird, indem man unbedeutende Gegner
langsam stranguliert. Im Fall Afghanistans gelang diese
Demonstration allerdings nur unvollkommen. Sie führte der
Welt zwar vor Augen, daß jedes Land, das nicht über eine
funktionstüchtige Luftabwehr oder über nukleare Abschreckung
verfügt, dem Terror aus der Luft auf Gedeih und Verderb
ausgeliefert ist. Aber die Unfähigkeit der amerikanischen
Streitkräfte zum Landkrieg rief zugleich das grundlegende
militärische Manko einer Supermacht in Erinnerung, die von
lokalen Stammeschefs und vor allem vom guten Willen der
Russen abhing, die dank ihrer geographischen Nähe allein in der
Lage waren, die Nordallianz rasch zu bewaffnen. Als Ergebnis
konnten weder Mullah Omar noch Bin Laden gefaßt werden.
Die lokalen Kriegsherren überstellten ihren amerikanischen
Auftraggebern nur ein paar unbedeutende Pechvögel, die auf
dem Militärstützpunkt Guantanamo auf Kuba interniert wurden,
dessen Führer Fidel Castro mit den fundamentalistischen
Islamisten allenfalls den Enthusiasmus für Bärte teilt. So wird
eine fiktive Beziehung zwischen dem »kubanischen Problem«
und der Al Quaida hergestellt, eine für die Medien bestimmte
Konstruktion einer Achse des Bösen, die zu den amerikanischen
Zielen gehört.

Die Fixierung auf den Islam

Die Verteilung der amerikanischen Streitkräfte auf der Welt
-164-
offenbart die reale Struktur des Weltreichs oder seiner
Überbleibsel, wenn man davon ausgeht, daß sich dieses eher im
Zerfall als im Aufstieg befindet. Die meisten für den
Auslandseinsatz bestimmten Truppen sind noch immer in
Deutschland, Japan und Korea stationiert. Die Einrichtung von
Stützpunkten seit 1990 in Ungarn, Bosnien, Afghanistan und
Usbekistan bedeutet rein rechnerisch keine dramatische
Veränderung mit Blick auf die allgemeine Ausrichtung, die ein
Relikt aus dem Kampf gegen den Kommunismus darstellt. Aus
dieser Zeit sind als erklärte Gegner nur Kuba und Nordkorea
übriggeblieben. Diese völlig unbedeutenden Staaten werden
unermüdlich stigmatisiert, allerdings ohne daß auf diese
Geißelungen jemals eine Militäraktion erfolgt wäre.
Inzwischen konzentrieren die USA das Gros ihrer Aktivitäten
im Namen des »Kampfs gegen den Terror«, dieser letzten
offiziellen Form des »theatralischen Mikromilitarismus«, auf die
islamische Welt. Die Fixierung Amerikas auf diese Religion, die
sich faktisch mit einer Region deckt, läßt sich mit drei Faktoren
erklären. Jeder von ihnen verweist auf eine weitere Schwäche
der USA - die ideologische, wirtschaftliche und militärische -,
was deren imperiale Ressourcen angeht:
- Der Niedergang der universalistischen Ideologie führt in den
USA verstärkt zu Intoleranz bezüglich der Stellung der Frau im
Islam.
- Der dramatische Verlust an wirtschaftlicher Effizienz hat die
Obsession zur Folge, sich das arabische Öl sichern zu müssen.
- Angesichts der militärischen Unzulänglichkeit wird die
islamische Welt, die militärisch besonders schwach ist, zur
bevorzugten Zielscheibe.

Angelsächsischer Feminismus und Arroganz gegenüber der
arabischen Welt

-165-
Amerika begegnet der Verschiedenheit auf der Welt mit
immer größerer Intoleranz. Deshalb wurde die arabische Welt
spontan als Gegner identifiziert. Dieses Feindbild hat primitive,
subrationale und auf anthropologischen Unterschieden
basierende Ursachen, die weit über die Sphäre des Religiösen
hinausgehen, anhand dessen Huntington die islamische Welt
gegen die westliche Welt abgegrenzt hat. Für den
Anthropologen, der sich professionell mit Sitten und
Gebräuchen beschäftigt, sind das angelsächsische und das
arabische System absolute Gegenwelten.
Die amerikanische Familie ist um ihren Kern zentriert und
individualistisch ausgerichtet, wobei die Frau eine gehobene
Stellung hat. Dagegen umfaßt die arabische Familie einen
erweiterten Kreis, ihr Erbrecht ist patrilinear, und die Frau lebt
in maximaler Abhängigkeit. Eheschließungen zwischen Cousins
und Cousinen sind in der angelsächsischen Welt mit einem
besonderen Tabu belegt, in der arabischen Welt jedoch
besonders beliebt. Der Feminismus in den USA ist im Lauf der
Jahre immer stärker in Dogmen erstarrt. Er wurde aggressiver
und gegenüber der realen Vielfalt der Kulturen intoleranter.
Diese Bewegung war geradezu darauf programmiert, mit der
arabischen oder - allgemeiner - mit jenem Teil der islamischen
Welt in Konflikt zu geraten, dessen Familienstrukturen den
arabischen ähneln. Man könnte hier von einer arabisch-
muslimischen Welt sprechen, eine Definition, die Pakistan, den
Iran und bis zum gewissen Grade auch die Türkei mit
einschließt. Ausgeschlossen bleiben dagegen Indonesien,
Malaysia und die islamisierten Völker an der Küste Ostafrikas,
wo die Frau eine höhere Stellung in der Familie hat.
Die Reibereien zwischen Amerika und der arabisch-
muslimischen Welt sind so die Zuspitzung eines
anthropologischen Konfliktes, einer irrationalen Konfrontation
zwischen Werten, deren jeweilige Überlegenheit über die
jeweils anderen grundsätzlich nicht beweisbar ist. Es hat etwas
-166-
Beunruhigendes, daß solche Konstrukte zu einem wichtigen
Faktor in den internationalen Beziehungen werden können.
Nach dem 11. September hat dieser Kulturkonflikt eine
possenhafte und erneut theatralische Seite gewonnen, er wirkt
nun wie eine globalisierte Boulevardkomödie. Hier Amerika,
das Land der kastrierenden Frauen, dessen Präsident vor einem
Untersuchungsausschuß nachweisen mußte, daß er nicht mit
einer Praktikantin geschlafen hatte, dort Bin Laden, ein
polygamer Terrorist mit zahllosen Halbbrüdern und
Halbschwestern: Das Ganze ist die Karikatur einer
untergehenden Welt. Um sich auch bei den Sitten und
Gebräuchen weiterzuentwickeln, benötigt die islamische Welt
von Amerika gewiß keine Ratschläge.
Allein der dramatische Rückgang der Geburtenrate in weiten
Teilen der islamischen Welt spricht für eine Verbesserung der
Stellung der Frau. Zunächst einmal deshalb, weil dieser
Rückgang eine erhöhte Alphabetisierungsrate bei den Frauen
voraussetzt, und zum anderen, weil in einem Land, das wie der
Iran eine Geburtenrate von nur noch 2,1 Kindern pro Frau
aufweist, zwangsläufig eine große Anzahl von Familien leben,
die auf einen Sohn verzichtet und so mit der patrilinearen
Tradition gebrochen hat.
5
In Ägypten, einem der wenigen
Länder, für das kontinuierliche Untersuchungen vorliegen, sind
die Ehen zwischen Cousins und Cousinen von 25 Prozent 1992
auf 22 Prozent im Jahr 2000 zurückgegangen.
6

Während des Krieges in Afghanistan entspann sich sporadisch
auf dem europäischen Kontinent, vor allem aber in der
angelsächsischen Welt eine Diskussion über einen Kulturkampf
für die Stellung der afghanischen Frau, wobei Forderungen nach
einer Reform der traditionellen Lebensweise erhoben wurden.
Die B-52-Bomber erschienen in diesem Zusammenhang
geradezu als Waffen im Kampf gegen die islamische
Versklavung der Frau. Solche westlichen Forderungen sind
freilich lächerlich. Ein kultureller Wandel findet zwar
-167-
tatsächlich statt, aber in Form von langsamen Prozessen, auf die
ein mit modernen Mitteln geführter Krieg allenfalls verzögernd
wirken kann: Er stellt eine Verbindung zwischen der westlichen
Zivilisation mit ihrem Feminismus und den militärischen
Grausamkeiten her und beflügelt den Männlichkeitskult, indem
er die afghanischen Krieger zu Helden verklärt.
Der Konflikt zwischen der angelsächsischen und der arabisch-
muslimischen Welt liegt tief. Dabei gibt es Schlimmeres als die
feministischen Stellungnahmen der Damen Bush und Blair zur
Lage der afghanischen Frauen. Die gesellschaftliche und
kulturelle Anthropologie der angelsächsischen Welt zeigt erste
Degenerationserscheinungen. Auf das - für Evans-Pritchard oder
Meyer Fortes einst typische - Bemühen um ein Verständnis von
Individuen aus einem anderen Kulturkreis ist inzwischen - durch
ignorante Suffragetten - die Geißelung der männlichen
Vorherrschaft in Neu-Guinea oder der Lobpreis auf die
matrilinearen Strukturen an den Küsten Tansanias oder
Moòambiques gefolgt, wo die Bevölkerung im übrigen
mehrheitlich muslimisch ist. Wenn sich bereits eine
Wissenschaft daran macht, Plus- und Minuspunkte zu verteilen,
wie soll man dann von Regierungen und Armeen noch
ausgewogene Standpunkte erwarten?
Wie oben erwähnt, ist »Universalismus« nicht
gleichbedeutend mit Toleranz. So begegnen beispielsweise die
Franzosen den nordafrikanischen Einwanderern mitunter
durchaus mit Feindseligkeit, weil die Stellung der arabischen
Frau in deren Familien dem eigenen Wertesystem widerspricht.
Ihre Reaktion ist allerdings eher von Instinkten geprägt und
bleibt ohne jedwede ideologische Untermauerung, die mit einem
Pauschalurteil über das anthropologische System der arabischen
Welt einherginge. Der Universalismus verhält sich gegenüber
Unterschieden a priori blind und kann deswegen nicht zu einer
expliziten Verurteilung des einen oder anderen Systems
verleiten. Dagegen gab der »Krieg gegen den Terrorismus«
-168-
Anlaß zu endgültigen und unwiderruflichen Urteilen über das
afghanische (oder arabische) anthropologische System, er führte
zu radikalen Verdikten, die mit egalitären Ansätzen unvereinbar
sind.
Was wir hier auflisten, ist folglich keine
Anekdotensammlung, sondern die Auswirkung eines Schwunds
an Universalismus in der angelsächsischen Welt, der Amerika
die klare Sicht auf die tatsächlichen internationalen Beziehungen
nimmt und es ihm verbietet, mit der islamischen Welt
angemessen - und das heißt aus strategischer Sicht: effizient -
umzugehen.

Wirtschaftliche Abhängigkeit und Besessenheit vom Öl

Die Ölpolitik der Vereinigten Staaten, die sich naturgemäß
auf die arabische Welt konzentriert, ist faktisch eine
Auswirkung der wirtschaftlichen Beziehungen Amerikas zur
Welt. Die USA, die bei der Entdeckung, der Förderung und dem
Einsatz des Öls historisch eine führende Rolle spielten, sind in
den letzten dreißig Jahren zu einem großen Importeur dieses
Rohstoffs geworden. Verglichen mit Europa und Japan, die nur
über eine geringe oder überhaupt keine Förderung verfügen, hat
sich die Situation dabei allerdings nur normalisiert.
Noch 1973 förderten die USA täglich 9,2 Millionen und
importierten 3,2 Millionen Barrel Öl. 1999 waren es bei der
Produktion 5,9 und beim Import 8,6 Millionen Barrel.
7
Erhalten
die USA ihre gegenwärtige Förderquote aufrecht, werden ihre
Reserven bis zum Jahr 2010 erschöpft sein. Von daher ist die
amerikanische Besessenheit vom Öl und die übergroße
Repräsentanz der »Öllobby« in der Bush-Administration nur
verständlich. Gleichwohl kann die Fixierung der USA auf diese
Energiequelle aus mehreren Gründen nicht als völlig rational
und als Ausdruck einer wirkungsvollen imperialen Strategie
-169-
betrachtet werden.
Zunächst einmal, weil dem Thema Öl angesichts der
allgemeinen Abhängigkeit der US-Wirtschaft von Importen eher
ein symbolischer als ein zentraler Stellenwert zukommt. Ein
Amerika, das im Überfluß über Öl verfügte, aber nicht
ausreichend mit Waren versorgt würde, hätte in gleicher Weise
mit einem Konsumrückgang zu kämpfen wie eines ohne Öl. Der
Ölimport macht, wie erwähnt, zwar einen beträchtlichen, aber
eben nur zweitrangigen Teil des amerikanischen
Handelsbilanzdefizits aus: 80 von 450 Milliarden Dollar im Jahr
2000. Tatsächlich wäre Amerika durch jede Art Boykott
verwundbar, und die zentrale Bedeutung des Themas Öl ist mit
einer rein wirtschaftlichen Logik nicht zu erklären.
Vor allem dürfte die Angst vor der Ölknappheit nicht zu einer
Fixierung auf den Nahen Osten führen. Amerikas Lieferanten
sind über den gesamten Erdball verteilt. Obwohl die arabische
Welt bei der Produktion und vor allem bei den weltweiten
Reserven eine herausragende Stellung einnimmt, hält sie die
USA keineswegs in einem Würgegriff. Die Hälfte der
amerikanischen Ölimporte kommt aus der militärisch
abgesicherten Neuen Welt: vor allem aus Mexiko, Kanada und
Venezuela. Rechnet man deren Liefermengen zur
Eigenförderung hinzu, dann stammen 70 Prozent des US-
Verbrauchs aus der westlichen Sphäre, wie sie nach der
Monroe-Doktrin definiert ist.

Tabelle 9 Amerikanische Ölimporte 2001 (in Millionen Barrel)
Insgesamt 3475
Algerien 3 Kongo (Brazzaville) 16
Kongo (Kinshasa) 5 Ägypten 2,5
Irak 285 Malaysia 5
Iran 0 Nigeria 309
Katar 0
Kuwait 88 Ecuador 43
-170-
Oman 6 Kanada 485
Saudi-Arabien 585 Mexiko 498
Vereinigte Arabische Emirate 5 Niederländische Antillen 6
Peru 2,5
Angola 122 Trinidad und Tobago 19
Brunei 2 Venezuela 520
China 5
Indonesien 15 Übrige Welt 453
Quelle: http://www.census.gov/foreigntrade

Verglichen mit Europa und Japan, die real vom Nahen Osten
abhängen, ist die Ölversorgung der USA ziemlich gut
abgesichert. Insbesondere die Länder am Persischen Golf liefern
nur 18 Prozent des amerikanischen Ölverbrauchs. Die US-
Militärpräsenz in der Region, die Luftstreitkräfte und
Bodentruppen in Saudi- Arabien, der diplomatische Kampf
gegen den Iran und die wiederholten Angriffe auf den Irak sind
gewiß Teile einer Strategie zur Sicherung von Öl. Aber die
Energie, um deren Kontrolle es geht, wird nicht in den
Vereinigten Staaten verbraucht, sondern in der übrigen Welt und
insbesondere in den beiden industriell produktiven und
exportorientierten Polen der Triade: in Europa und Japan. Hier
kann die amerikanische Politik tatsächlich als imperial gelten,
und das ist alles andere als beruhigend.
In der augenblicklichen Lage sind die Länder Iran, Irak und
inzwischen sogar Saudi- Arabien wegen ihrer gewaltig
angewachsenen Bevölkerungen gezwungen, Öl zu verkaufen,
wenn sie soziale Spannungen vermeiden wollen. Europäer und
Japaner haben so für ihre Versorgung und Handlungsfreiheit
nichts zu befürchten. Während die USA behaupten, sie sicherten
die Ölversorgung ihrer Bündnispartner, wollen sie sich mit der
Kontrolle über die Energielieferanten in Wahrheit die Option
erhalten, auf Europa und Japan massiven Druck auszuüben.
Was ich hier schildere, ist allerdings nur das Planspiel eines
-171-
alten Militärstrategen, der allein in Zahlen und Landkarten
denkt, also des Archetyps eines Rumsfeld. In Wirklichkeit
haben die USA die Kontrolle über den Iran und den Irak
verloren. Saudi- Arabien ist dabei, ihnen ebenfalls zu entgleiten,
und die Einrichtung von festen Stützpunkten in diesem Land
nach dem ersten Krieg gegen den Irak kann nur als letzter
Versuch gewertet werden, die Kontrolle über die Region nicht
vollständig zu verlieren. Dieser Verlust an Einfluß bildet die
Grundlage für die strategische Aufstellung der USA. Keine
Armada aus Flugzeugträgern kann - über eine solche Entfernung
zu den Vereinigten Staaten hinweg - eine militärische
Vormachtstellung aufrechterhalten, wenn die Nationen vor Ort
ihnen die Unterstützung versagen. Die saudischen und
türkischen Basen sind logistisch wichtiger als die
amerikanischen Flugzeugträger.
In der Fixierung auf das Öl der islamischen Welt kommt so
sehr viel stärker die Angst vor einem Verlust an Einfluß als ein
Expansionsstreben zum Ausdruck. Sie offenbart weniger die
Macht als vielmehr die Befürchtungen der USA: zum einen die
Angst vor einer inzwischen generellen wirtschaftlichen
Abhängigkeit, in der dem Energiedefizit ein symbolischer
Stellenwert zukommt, zum anderen aber auch die Befürchtung,
die USA könnten die Kontrolle über die beiden produktiven
Protektorate der Triade, über Europa und Japan, verlieren.

Eine kurzfristige Lösung: die Schwachen angreifen

Abgesehen von allen vorgeblichen Motiven der Vereinigten
Staaten - die Empörung über die Stellung der arabischen Frau,
die Bedeutung des Öls - ergibt sich die Entscheidung, die
islamische Welt zur Zielscheibe und zur bevorzugten Bühne
einer amerikanischen Militärinszenierung zu machen, ganz
einfach aus der Schwäche der arabischen Welt. Die
-172-
Demonstration der »strategischen Allmacht« der Vereinigten
Staaten ist de facto billig. Huntington merkt an - ob bedauernd
oder mit Genugtuung, weiß man nicht -, daß die islamische
Kultur über keinen vorherrschenden Kernstaat - in seiner
Terminologie core-state - verfügt. Tatsächlich gibt es in der
arabisch- muslimischen Sphäre keinen Staat, der gemessen an
Bevölkerung, Industrien oder Streitkräften echte Stärke besäße.
Weder Ägypten noch Saudi-Arabien, Pakistan, der Irak oder der
Iran besitzen die materiellen Ressourcen und Soldaten, um den
USA echten Widerstand leisten zu können. Im übrigen hat Israel
mehrfach die gegenwärtige militärische Schwäche der
arabischen Staaten demonstriert, deren Entwicklungsstand und
Staatsaufbau mit den Erfordernissen eines effizienten
Militärapparats derzeit offenbar nicht in Einklang zu bringen
sind.
Die Region eignet sich folglich ideal als Bühne, auf der die
Vereinigten Staaten mit einer an Videospiele erinnernden
Leichtigkeit »Siege« erringen können. Die amerikanische
Militärführung, die um die Unfähigkeit ihrer Soldaten am Boden
weiß, hat die Niederlage in Vietnam vollkommen verinnerlicht:
So erinnert sie bei jeder Gelegenheit daran - ob mit dem Lapsus
eines Generals, der Afghanistan mit Vietnam verwechselt, oder
mit ängstlichen Warnungen vor einem Einsatz von
Bodentruppen -, daß die USA einen Krieg nur gegen einen
schwachen Gegner führen können, dem zudem eine wirksame
Luftabwehr fehlt. Mit der Wahl eines schwachen Kontrahenten,
mit der sie ganz auf militärische Ungleichheit setzen, knüpfen
die amerikanischen Streitkräfte übrigens an eine ganz
bestimmte, an Diskriminierung gekoppelte Militärtradition an -
an die Kriege gegen die Indianer.
Die antiarabische Option der Vereinigten Staaten ist eine sehr
bequeme Lösung. Sie ergibt sich aus vielen unterschiedlichen,
objektiven Parametern, vor allem aber aus der Notwendigkeit
für Amerika, den Anschein eines imperialen Wirkens
-173-
aufrechtzuerhalten. Dabei resultiert sie aber nicht aus einer
überlegten und an zentraler Stelle gefällten Entscheidung, die
darauf abzielt, die Chancen des amerikanischen Weltreichs auf
lange Sicht zu optimieren. Im Gegenteil. Die führenden
Persönlichkeiten der Vereinigten Staaten gehen stets den Weg
des geringsten Widerstands. Jedesmal wählen sie die
unmittelbar einfachste Aktion aus, die in wirtschaftlicher,
militärischer und sogar planerischer Hinsicht möglichst geringe
Investitionen erfordert. Man spielt den Arabern übel mit, weil
sie militärisch schwach sind, weil sie das Öl haben und weil der
»Mythos Öl« es ermöglicht, das Wesentliche zu kaschieren: die
umfassende Abhängigkeit der USA von der Versorgung mit
sämtlichen Gütern. Man spielt den Arabern auch deshalb übel
mit, weil sie in der amerikanischen Innenpolitik keine
einflußreiche Lobby haben und weil man in Amerika nicht mehr
in der Lage ist, universalistisch und egalitär zu denken.
Wenn wir die Vorgänge verstehen wollen, müssen wir uns
von der Vorstellung von einem Amerika, das nach einem
globalen, rational begründeten und systematisch umgesetzten
Plan handelt, unbedingt verabschieden. Zwar läßt die
amerikanische Außenpolitik durchaus eine Linie erkennen, aber
die folgt immer dem geringsten Widerstand, ähnlich einem
Bach, der abwärts fließt, sich mit anderen Bächen zu einem Fluß
oder Strom vereinigt und schließlich ins Meer oder in den Ozean
mündet. Der Bachlauf hat folglich eine Richtung, obwohl hinter
ihm keinerlei Überlegung und kontrollierte Aktion stecken. Auf
diese Weise legt Amerika seine Marschroute fest, ein Land, das
eine Supermacht ist, die aber nicht über ausreichende Macht
verfügt, um eine allzu große und in ihrer Vielfalt allzu starke
Welt zu beherrschen. Jede Option, auf die Amerika wegen ihrer
Einfachheit setzt, führt immer dann zu größeren
Schwierigkeiten, wenn andere Taten erforderlich wären:
handeln, zeitweise gegen den Strom schwimmen, den Weg des
geringsten Widerstands verlassen und Hindernisse überwinden.
-174-
Dazu gehörte auch, eine eigene Industrie aufzubauen, die
Interessen treuer Verbündeter zu berücksichtigen, dem
eigentlichen - russischen - strategischen Gegner kraftvoll
entgegenzutreten, statt ihn immer nur zu schikanieren, oder
Israel zu einem gerechten Frieden zu zwingen.
Das amerikanische Gebaren am Golf, die Attacken gegen den
Irak, die Drohungen gegen Korea und die Provokationen
gegenüber China sind alle Teil der amerikanischen Strategie des
theatralischen Mikromilitarismus. Diese Possen amüsieren eine
Zeitlang die Medien und verblüffen die Regierungen der
Verbündeten. Aber die Grundzüge einer realistischen
amerikanischen Strategie sucht man vergeblich: Wie sollen die
Kontrolle der USA über die beiden industriell produktiven Pole
der Triade, über Europa und Japan, erhalten und China und der
Iran durch eine wohlwollende Haltung neutralisiert werden?
Und wie soll der einzige reale militärische Gegner ausgeschaltet
werden: Rußland? In den beiden letzten Kapiteln dieses Buchs
werde ich zeigen, wie Rußlands Rückkehr ins
Kräftegleichgewicht und Europas und Japans
Unabhängigkeitsbestrebungen Amerika mittelfristig aus seiner
Führungsrolle drängen werden. Und wie Amerikas
mikromilitärische Aktionen eine Annäherung zwischen den
wichtigsten strategischen Akteuren Europa, Rußland und Japan
fördern, also genau die Konstellation herbeiführen, welche die
Vereinigten Staaten zum Erhalt ihrer Herrschaft verhindern
müßten. Der Alptraum, der sich hinter Brzezinskis Traum
verbirgt, wird gegenwärtig zur Wirklichkeit: Eurasien strebt ein
Gleichgewicht ohne die Vereinigten Staaten an.

-175-
KAPITEL 7
Die Wiederkehr Rußlands

Die Vereinigten Staaten sind mit ihrem Versuch, Rußland in
die Knie zu zwingen, oder dem bescheideneren, es zu isolieren,
im Scheitern begriffen, auch wenn sie noch immer so tun, als ob
ihr alter strategischer Gegner nicht mehr zähle: mit
Demütigungen, mit Demonstrationen eines Wohlwollens, wie
man es Sterbenden schuldet, oder zuweilen auch mit einer
Kombination aus beidem. Ende Mai 2002 reiste George W.
Bush mit der Ankündigung, er wolle mit Rußland kooperieren,
durch Europa, während er im gleichen Augenblick in Georgien,
im Kaukasus, seine Soldaten stationierte. Meist findet
Washington einen unübersehbaren Gefallen daran, der Welt zu
zeigen, daß auch ohne Moskaus Einverständnis die NATO
erweitert oder mit dem Bau eines Raketenabwehrsystems im All
begonnen werden kann. Rußlands Bedeutung zu leugnen hieße
freilich, die Realität zu verkennen, denn ohne aktive russische
Unterstützung hätten die amerikanischen Streitkräfte keinen Fuß
auf afghanischen Boden gesetzt. Aber der theatralische
Mikromilitarismus braucht solche Auftritte. Amerika muß seine
Herrschaft simulieren, insbesondere in einem Augenblick, in
dem es sich in eine taktische Abhängigkeit von Rußland begibt.
In der russischen Frage verfolgten die Amerikaner zwei
strategische Ziele: während das erste unerreichbar geworden ist,
rückt das zweite in eine immer weitere Ferne.
Das erste Ziel: die Auflösung Rußlands, die Amerika durch
eine Förderung der Unabhängigkeitsbestrebungen im Kaukasus
und durch eine amerikanische Militärpräsenz in Mittelasien
beschleunigen konnte. Diese Demonstrationen der Stärke sollten
die separatistischen Kräfte auch in den ethnisch mehrheitlich
-176-
russischen Provinzen innerhalb der Russischen Föderation
stärken. Dabei unterschätzten die USA freilich bei weitem den
nationalen Zusammenhalt der Russen.
Das zweite Ziel: Mit der Aufrechterhaltung eines gewissen
Niveaus an Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und
Rußland sollte die Annäherung zwischen Europa und Rußland -
die Wiedervereinigung des Westteils von Eurasien - verhindert
und so der Antagonismus, der aus dem Kalten Krieg
übriggeblieben war, möglichst lange am Leben gehalten werden.
Allerdings schufen das Chaos und die Unsicherheiten, die
Amerikas Nahostpolitik hervorgerufen hatte, gerade optimale
Bedingungen für eine Rückkehr Rußlands in das internationale
Kräftespiel, eine Situation, die Wladimir Putin sofort zu nutzen
wußte. In einer eindrucksvollen und hauptsächlich in Deutsch
gehaltenen Rede vor dem deutschen Bundestag versprach Putin
dem Westen am 25. September 2001 eine endgültige
Beendigung des Kalten Krieges. Aber welchem Westen? Daß
die Russen die Vereinigten Staaten bei ihren mikromilitärischen
und medienwirksamen Operationen in Afghanistan, dem Land
der strategischen Wunschprojektion, kurzfristig unterstützen,
dient nur der Wahrung des kooperativen Scheins. Wesentlich ist
dagegen die Annäherung Rußlands an Europa, an die führende
Industriemacht auf der Erde. Die Größenordnungen der
Transfers bei den Importen und Exporten verraten, was in der
subtilen Dreiecksbeziehung, die sich zwischen Rußland, den
Vereinigten Staaten und Europa entwickelt, letztlich auf dem
Spiel steht.
Im Jahr 2001 hat Rußland mit den Vereinigten Staaten Güter
im Wert von 10 Milliarden Euro ausgetauscht. Im Handel mit
der Europäischen Union betrug das Volumen dagegen 75
Milliarden Euro, also das 7,5fache. Rußland kommt folglich
ohne die Vereinigten Staaten aus, nicht jedoch ohne die EU. Auf
militärischer Ebene bietet sich Rußland für Europa als ein
Gegengewicht zum amerikanischen Einfluß an und verheißt dem
-177-
Kontinent zudem eine gesicherte Energieversorgung. Ein
solcher Handel ist verlockend.
Wie hellsichtig Brzezinskis Buch auch sein mag, das Bild des
Schachbretts, das im Originaltitel (The Grand Chessboard)
auftaucht, erscheint als eine Art Freudsche Fehlleistung, die auf
einen künftigen Mißerfolg hindeutet: Man sollte sich mit den
Russen nicht auf eine Partie Schach einlassen, weil dieses Spiel
ihr Nationalsport ist. Dank geistigen Trainings wissen sie den
Fehler, den der Gegner von ihnen erwartet, zu vermeiden: in
dem Fall auf substanzlose Provokationen in Georgien oder
Usbekistan töricht zu reagieren. Einen Schlagabtausch
vermeiden, eine Figur aus der Schußlinie nehmen oder einer
kleineren örtlichen Konfrontation ausweichen, dies ist das A und
O des Schach. Wichtig ist dies gerade in einer Zeit, in der man
sich in einer Position der Schwäche befindet. Vielleicht taucht in
den Lehrbüchern der Diplomatie dereinst eine »Putin-Abwehr«
auf, die sich ungefähr so formulieren ließe: Wie kann man vor
dem Hintergrund seiner zerfallenen Macht die Verhältnisse bei
den Bündnissen auf den Kopf stellen?
Allerdings darf man die Bedeutung von Berechnung und
bewußter Entscheidung bei Regierungen nicht überbewerten.
Das Kräftegleichgewicht in der Welt hängt grundlegend weder
von den Aktionen Bushs II. und seines Teams noch von der
politischen Intelligenz Putins ab. Ein wesentlicher und
bedeutender Faktor ist hier die Wandlungsfähigkeit oder -
unfähigkeit der russischen Gesellschaft. Allerdings scheint
Rußland im Begriff, nach dem Jahrzehnt des Chaos, das auf die
Abkehr vom Kommunismus folgte, erneut auf der Bildfläche zu
erscheinen und sich im Gleichgewicht der Kräfte zu einem
stabilen und zuverlässigen Partner zu entwickeln. Gleichwohl
darf man die Lage nicht idealisieren.

Die demographischen Parameter der russischen Krise
-178-

Die russische Gesellschaft ist vollständig alphabetisiert, wobei
weiterführende Schulen und eine höhere Bildung eine große
Rolle spielen. Trotzdem ist Rußland noch immer arm und hat
mit einer besonders hohen Gewaltkriminalität zu kämpfen. Die
russische Gesellschaft ist wohl eine der wenigen, in denen Ende
der neunziger Jahre bei den Tötungsdelikten eine Rate von 23
auf 100000 Einwohner und eine ebenso exzessive
Selbstmordrate von 35 auf 100000 Einwohner zu verzeichnen
war - Zahlen, die zu den höchsten der Welt gehören.
Dieses Ausmaß an nichtstaatlicher Gewalt in der russischen
Gesellschaft wird bei allen Ländern, für die Zahlen vorliegen,
nur von Kolumbien übertroffen, einer Gesellschaft, bei der man
angesichts der allgemeinen Anarchie von einem kollektiven
Wahn sprechen kann, auch wenn dieser zum Teil in die
pseudorevolutionären Phrasen der Farc gekleidet wird.
Selbstmord und Tötungsdelikte erklären im wesentlichen die
geringe Lebenserwartung in Rußland. Lag diese - mit 64 Jahren
1989 - schon in der Schlußphase der Sowjetunion eher niedrig,
so sackte sie bis 1994 auf einen Tiefpunkt von 57 Jahren ab.
Dann stieg sie bis 1998 auf 61 leicht an, worauf 1999 erneut ein
geringer Rückgang auf 60 Jahre erfolgte.
Die Entwicklung der Säuglingssterblichkeit verdeutlicht die
dramatische Lage in den Jahren des Postkommunismus.
Nach 17,6 auf 1000 Kinder 1990 erreichte sie 1993 eine Rate
von 20,3. 1998 sank sie wieder auf 16,5 ab, kletterte dann aber
wieder bis 1999 leicht auf 16,9. Wegen der regionalen
Unterschiede in der Föderation ist dieser neuerliche Anstieg für
das Kernland statistisch allerdings nicht bedeutsam. Die beiden
letzten Zahlen, nach den Maßstäben der entwickelten Welt
wahrlich deprimierende Zahlen, sind trotzdem die niedrigsten
registrierten in der gesamten russischen Geschichte.

-179-
Tabelle 10 Säuglingssterblichkeit und Lebenserwartung der russischen
Männer
Säuglingssterb-
lichkeit
Lebenserwar -
tung bei
Männern
Säuglingssterb-
lichkeit
Lebenserwar -
tung bei
Männern
1965 27,0 64,6 1983 19,8 62,3
1966 25,6 64,3 1984 21,1 62,0
1967 25,6 64,2 1985 20,8 62,3
1968 25,5 63,9 1986 19,1 63,8
1969 24,4 63,5 1987 19,4 65,0
1970 22,9 63,2 1988 19,1 64,8
1971 21,0 63,2 1989 18,1 64,2
1972 21,6 63,2 1990 17,6 63,8
1973 22,2 63,2 1991 18,1 63,5
1974 22,6 63,2 1992 18,4 62,0
1975 23,6 62,8 1993 20,3 58,9
1976 24,8 62,3 1994 18,6 57,3
1977 21,4 62,0 1995 18,2 58,2
1978 23,5 61,8 1996 17,5 59,7
1979 22,6 61,7 1997 17,2 60,9
1980 22,0 61,5 1998 16,5 61,3
1981 21,5 61,5 1999 16,9 59,9
1982 20,2 62,0
Quelle: Datenbank Statistiques demographiques des pays industriels,
erstellt vom Institut National d'Études Demographiques von Alain Monnier
und Catherine de Guit›ert-Lantoine.

Der beunruhigendste demographische Parameter - mit
evidenten Auswirkungen - ist der dramatische Rückgang der
Geburtenrate. Nach der Statistik lag sie in Rußland 2001 bei nur
noch 1,2 Kindern pro Frau. Ebenso niedrig lag sie in
Weißrußland und noch niedriger - bei 1,1 - in der Ukraine. Aus
diesen Geburtenraten läßt sich entgegen dem äußeren Anschein
freilich nicht auf eine kulturelle Besonderheit auf dem Gebiet
der ehemaligen Sowjetunion schließen, denn diese niedrigen
Zahlen liegen dicht an denen in Mittel- und Südeuropa. Es sei
daran erinnert, daß Spanien eine Geburtenrate von l,2 und
Italien, Deutschland und Griechenland von 1,3 aufweisen.
-180-
Angesichts der hohen Sterblichkeit müßten die schwachen
Geburtenraten in Rußland zu einem bedeutenden
Bevölkerungsschwund führen. Jedenfalls deuten darauf die
äußerst besorgniserregenden mittelfristigen Prognosen hin. Von
den 144 Millionen Einwohnern im Jahr 2001 wird die russische
Bevölkerung bis zum Jahr 2035 auf 137 Millionen schrumpfen.
Die Bevölkerung der Ukraine wird von 49 auf 45 Millionen
zurückgehen. Diese Prognosen setzen freilich voraus, daß die
besonders ungünstigen sozialen und wirtschaftlichen
Bedingungen in den Ländern bestehen bleiben. Hier ist
allerdings ein Wandel, ja eine Trendwende zu verzeichnen.

Die wirtschaftliche Erholung und die Wiederkehr des Staates

Seit 1999 kommt die russische Wirtschaft wieder in Fahrt.
Auf den Rückgang des Bruttoinlandsproduktes (1998 noch -4,9
Prozent) folgte schließlich eine Erholung: In den Jahren 1999,
2000 und 2001 war ein Wachstum von 5,4, 8,3 und 5,5 Prozent
zu verzeichnen. Diese Steigerungen sind nicht nur das Ergebnis
der Exporte von Öl und Erdgas, die in jeder Lage eine Stärke der
russischen Wirtschaft darstellen. Das Wachstum der Industrie
betrug 1999 und 2000 nach Schätzungen 11 bis 12 Prozent.
Besonders stark fiel es in den Bereichen Maschinenbau,
Chemie, Petrochemie und Papier aus. Aber auch die
Leichtindustrie verzeichnete einen substantiellen Aufschwung.
Auf wirtschaftlicher Ebene scheint Rußland aus seinem
unruhigen Fahrwasser herauszukommen. Es kann nicht mehr als
ein Land im wirtschaftlichen Notstand bewertet werden. Der
Prozeß der Demonetarisierung - der Übergang zur
Tauschwirtschaft - ist eingedämmt, und auch in diesem Bereich
ist eine Trendwende zu beobachten. Der Staat, der in Auflösung
begriffen schien, tritt wieder als selbständiger Akteur im
sozialen Leben auf, ein Phänomen, das sich am einfachsten und
grundlegendsten an seiner neuerlichen Fähigkeit ablesen läßt,
-181-
einen Teil des nationalen Reichtums abzuschöpfen. Im
Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt sind die Ressourcen des
Staates von 8,9 Prozent 1998 auf 12,6 Prozent im Jahr 2000
geklettert. Der Haushaltsüberschuß betrug im Jahr 2000 2,3
Prozent des BIP.
1

Diese erneute Präsenz des Staates, die für das innere
Gleichgewicht der russischen Gesellschaft unabdingbar ist,
wirkt sich auf internationaler Ebene auf zweierlei Art aus.
Rußland kann erneut als zuverlässiger Finanzpartner auftreten,
weil es seine ausländischen Gläubiger problemlos bedienen
kann. Zudem konnte es vor dem Hintergrund der unberechenbar
und aggressiv auftretenden Vereinigten Staaten den
Wiederaufbau einer minimalen Militärkapazität in Angriff
nehmen: Wurden 1998 für Verteidigung nur 1,7 Prozent des BIP
aufgewendet, so waren es 1999 2,4 Prozent und 2000 immerhin
2,7 Prozent. Obwohl es vollkommen abenteuerlich wäre, davon
auszugehen, daß Rußland sämtliche oder auch nur seine
wichtigsten Probleme gelöst habe, zeichnet sich die Ära Putin
bereits jetzt als eine Periode ab, in der sich das gesellschaftliche
Leben in Rußland stabilisiert und eine Lösung der
wirtschaftlichen Probleme angepackt wird.
Der konfuse und brutale Versuch, die Wirtschaft in den
Jahren 1990 bis 1997 mit Hilfe amerikanischer Berater zu
liberalisieren, hatte das Land in die Katastrophe gestürzt. In
diesem Punkt können wir uns der Diagnose Gilpins anschließen,
der den Zusammenbruch des Staates während des russischen
Umbaus weitgehend für die soziale und wirtschaftliche Anarchie
verantwortlich macht.
2
Gerade diese Art Katastrophe wußte
China in der Hochzeit der wirtschaftlichen Liberalisierung zu
vermeiden, indem es die autoritären staatlichen Strukturen
aufrechterhielt.

Die demokratische Frage in Rußland
-182-

Die Frage der wirtschaftlichen Dynamik belastet nicht als
einzige Rußlands Zukunft. Die andere grundlegende
Unbekannte ist die Fortentwicklung des politischen Systems,
das niemand als demokratisch und liberal bezeichnen kann. Die
westliche Presse und das Fernsehen führen uns täglich in Schrift
und Bild vor Augen, daß die Medien in Putins Land einer
regelrechten Gleichschaltung unterzogen wurden. Fernsehsender
und Zeitungen wurden von der Staatsmacht der Reihe nach auf
Kurs gebracht, auch wenn die westlichen Beobachter zuweilen
einräumen müssen, daß nicht die Abschaffung der Pressefreiheit
angestrebt werde, sondern eine drastische Einschränkung der
Macht der Oligarchen, die in der pseudoliberalen Anarchie der
Jahre 1990 bis 2000 hochgekommen sind. Ein staatliches
Fernsehmonopol, das umstritten war und gebrochen wurde, gab
es vor nicht allzu langer Zeit freilich auch in Frankreich -
obwohl kein vernünftiger Mensch das Land unter de Gaulle als
auf dem Weg in den Totalitarismus beschrieben hätte.
In Rußland herrschen ein starker, nach allgemeinem
Stimmrecht gewählter Präsident sowie ein weniger mächtiges,
aber ebenfalls demokratisch gewähltes Parlament. Außerdem
gibt es eine Vielzahl von politischen Parteien, die wie in
Frankreich und im Gegensatz zu den USA eher vom Staat als
von den großen Konzernen finanziert werden. Drei
grundlegende Kräfte lassen sich unterscheiden: eine
kommunistische Partei, ein Regierungszentrum und eine liberale
Rechte. Wie die japanische hat die russische Demokratie nicht
die klassische Form des angelsächsischen Typs mit wechselnden
Regierungen angenommen. Sollte sich das augenblickliche
System stabilisieren, können wir von einer Anpassung der
Demokratie an einen auf die Gemeinschaft ausgerichteten
anthropologischen Hintergrund sprechen.
Die russische Demokratie durchläuft sicherlich eine Phase, in
der die Zentralregierung die Zügel wieder stärker anzieht, eine
-183-
notwendige Entwicklung nach den Jahren der Anarchie 1990 bis
2000. Putins Regierung führt in Tschetschenien, an den
Außengrenzen der Russischen Föderation, einen schmutzigen
Krieg mit Methoden, die man zu Recht anprangern kann. Aber
angesichts der zahllosen ethnischen Minderheiten innerhalb der
Föderation muß Rußland gleichwohl das Recht zugebilligt
werden, Tschetschenien zur Ordnung zu rufen, weil sonst die
endgültige Auflösung der Föderation drohen würde. Die
Aktivitäten der CIA im Kaukasus in den letzten zehn Jahren und
die Stationierung amerikanischer Militärberater in Georgien
geben dem Konflikt in Tschetschenien eine internationale
Dimension. Was dort stattfindet, ist eine Konfrontation
zwischen Rußland und Amerika, wobei beide Mächte für das
menschliche Leid gleichermaßen die Verantwortung tragen.
Wenn wir Rußland beurteilen wollen, müssen wir die
kurzsichtigen Tageskommentare beiseite lassen und einen
weiteren Blickwinkel wählen. Es gilt zu erfassen, was Rußland
in zehn Jahren inmitten gewaltiger wirtschaftlicher Probleme
und sozialer Leiden geleistet hat.
Das Land hat das umfassendste totalitäre System, das es in der
Menschheitsgeschichte je gegeben hat, aus eigener Kraft
abgeschüttelt. Es hat seine osteuropäischen Satelliten und dann
auch die Baltenstaaten sowie die Republiken im Kaukasus und
in Mittelasien ohne Gewaltanwendung in die Unabhängigkeit
entlassen. Es hat das Auseinanderbrechen des russischen
Kernlandes, die Abspaltung Weißrußlands und der Ukraine,
akzeptiert, ohne daß die großen russischen Minderheiten in den
meisten neu entstehenden Staaten dabei als Hindernisse
angesehen worden wären. Diese Entwicklung darf zwar nicht
verklärt werden, denn es ist durchaus hervorzuheben, daß
Rußland keine andere Wahl hatte und diese jetzt im Ausland
lebenden Minderheiten eine Chance für die Zukunft darstellen.
Aber auch vor diesem Hintergrund hat die russische Führung
bewundernswerte Intelligenz und großen Sachverstand
-184-
bewiesen, weil sie nicht auf die einfache Lösung einer
sofortigen, aber sinnlosen Gewaltanwendung setzte, sondern auf
eine ferne Zukunft. Die einstige Supermacht von vor zehn
Jahren hat sämtliche Gebietsverluste, die Milosevics Serbien
ablehnte, friedlich akzeptiert und sich so als eine große Nation
gezeigt, die sich von kühlen Überlegungen und Verantwortung
leiten ließ. Trotz der Schrecken des Stalinismus wird man eines
Tages den positiven Beitrag Rußlands zur Geschichte würdigen
müssen - zusammen mit seinen Leistungen in der Literatur, die
mit Gogol, Tolstoi, Dostojewski, Tschechow, Turgenjew und
vielen anderen zu einer der universellsten überhaupt gehören.
Die rückwärtsgewandte Geißelung des Kommunismus stellt
keine erschöpfende Darstellung der russischen Geschichte dar.

Der russische Universalismus

Um richtig einschätzen zu können, welche positive Rolle
Rußland in der gegenwärtigen Welt spielen kann, müssen wir
uns zunächst den Gründen für den gewaltigen Einfluß des
Landes auf die vergangene Welt zuwenden. Der
Sowjetkommunismus, eine in Rußland entwickelte Doktrin und
Praxis der Knechtschaft, hat über die Grenzen des Reichs hinaus
auf Arbeiter, Bauern und Lehrer Anziehungskraft ausgeübt,
wodurch die kommunistischen Bestrebungen zur globalen Kraft
avancierten. Der Erfolg des Kommunismus erklärt sich
hauptsächlich dadurch, daß in einem Großteil der Welt, vor
allem im zentralen Teil von Eurasien, egalitäre und autoritäre
Familienstrukturen vorherrschten, welche die kommunistische
Ideologie als positive und ganz natürliche Anschauung
erscheinen ließen. Allerdings ist es Rußland dabei gelungen,
diese Bewegung auf einer weltweiten Ebene zu organisieren und
sich als Kern eines auf Ideologie gegründeten Weltreichs zu
etablieren. Warum war dies möglich?
-185-
Rußlands Grundhaltung zum Menschen ist universalistisch.
Im Zentrum der Familienstruktur der russischen Bauern stand
die Gleichbehandlung, denn es galt ein vollkommen
symmetrisches Erbrecht. Unter Peter dem Großen hatte sogar
der russische Adel das Recht des Erstgeborenen abgeschafft, mit
dem der älteste Sohn im Erbrecht auf Kosten aller anderen
bevorzugt worden war. Wie die frisch alphabetisierten Bauern
des revolutionären Frankreichs teilten die neuerlich
alphabetisierten Bauern im Rußland des 20. Jahrhunderts
spontan die Anschauung von der a priori vorhandenen
Gleichheit der Menschen. Der Kommunismus setzte sich als
eine universelle, der gesamten Welt offenstehende Lehre durch,
wenn auch zu deren Schaden, wie ich einräumen muß. Dieser
universalistische Ausgangspunkt hat die Umwandlung des
russisehen Reichs in die Sowjetunion erst ermöglicht. Der
Bolschewismus band die Minderheiten dieses Reichs in seine
Führungszirkel ein: Balten, Juden, Georgier oder Armenier. Wie
einst Frankreich zeigte Rußland die bestechende Fähigkeit, alle
Menschen als gleichberechtigt zu betrachten.
Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus ist die
anthropologische Basis auf dem Gebiet der einstigen
Sowjetunion in einem langsamen Wandel begriffen. Wenn sich
die junge russische Demokratie erfolgreich behaupten kann,
wird sie weiterhin so manche Besonderheiten auszeichnen, die
wir im Auge behalten müssen, wollen wir Prognosen über ihre
künftigen Auftritte auf der internationalen Bühne erstellen. Die
liberalisierte russische Wirtschaft wird sich niemals zu einem
individualistischen Kapitalismus angelsächsischer Prägung
entwickeln. Sie wird ihre auf die Gemeinschaft ausgerichteten
Züge beibehalten und dabei assoziative, horizontale Formen
ausbilden, die sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht
beschreiben lassen. Das politische System wird wahrscheinlich
nicht nach dem amerikanischen oder englischen Modell des
Wechsels zwischen zwei Parteien funktionieren. Wer über die
-186-
künftige Staatsform Rußlands spekulieren möchte, tut sehr gut
daran, Anatole Leroy-Beaulieus klassisches Werk Das Reich der
Zaren und die Russen (dt. 1898)
3
zu lesen. Es beinhaltet eine
umfassende Beschreibung der Einstellungen und Institutionen,
in denen die Sensibilität für die Interessen der Gemeinschaft
zum Ausdruck kam. Diese bestanden schon zwanzig bis vierzig
Jahre vor dem Siegeszug des Kommunismus.
Die universalistische Ausrichtung der russischen Außenpolitik
wird fortbestehen - und zu Reflexen und instinkthaften
Reaktionen ähnlich denen in Frankreich führen, das
beispielsweise mit seiner »egalitären« Betrachtungsweise des
israelisch-palästinensischen Konfliktes in den Vereinigten
Staaten für Irritationen sorgt. Im Gegensatz zu den Amerikanern
gibt es in den Köpfen der Russen keine von vornherein
vorhandene Grenzlinie, welche die vollwertigen Menschen von
den anderen, den Indianern, den Schwarzen oder Arabern,
trennt. Als Beispiel ließe sich anführen, daß die Russen während
der Eroberung Sibiriens ab dem 17. Jahrhundert ihre Indianer -
Baschkiren, Ostiaken, Mari, Samojeden, Burjaten, Tungusen,
Jakuten, Jukuten und Tschuktschen -, die zur heutigen
komplizierten Bevölkerungsstruktur Rußlands beitragen, anders
als die Amerikaner eben nicht ausgerottet haben.
Der gegenwärtigen internationalen Politik fehlt es auf
dramatische Weise an der universalistischen Grundeinstellung
Rußlands. Der Untergang der Sowjetmacht, die den
internationalen Beziehungen einen egalitären Stempel aufprägte,
erklärt zum Teil die verschärfte Neigung Amerikas, Israels und
anderer, wieder ganz auf Differenzierung zu setzen. Die kleine
universalistische Melodie Frankreichs kann sich wegen der
fehlenden russischen Macht kaum noch Gehör verschaffen. Die
Rückkehr Rußlands auf die Bühne der internationalen
Beziehungen kann für die Organisation der Vereinten Nationen
eigentlich nur eine Trumpfkarte darstellen. Wenn Rußland nicht
in Anarchie und Autoritarismus versinkt, kann es im
-187-
Gleichgewicht der Kräfte zu einem stabilisierenden Faktor
werden: als eine starke Nation, die keine Vorherrschaft ausübt
und die in die internationalen Beziehungen egalitäre
Betrachtungsweisen einbringt. Eine solche Haltung fallt
Rußland um so leichter, als es anders als die Vereinigten Staaten
wirtschaftlich nicht von einer einseitigen Abschöpfung von
Waren, Kapital und Öl aus der übrigen Welt abhängt.

Die strategische Unabhängigkeit

Angesichts der anhaltenden russischen Schwierigkeiten bei
der Bevölkerungsentwicklung und im Gesundheitswesen kann
man das wirtschaftlich wiedererstarkte Rußland noch nicht
endgültig als Akteur auf der neuen weltpolitischen Bühne
ansehen. Gleichwohl muß man die Hypothese zu Ende denken
und sich fragen, über welche Trümpfe eine russische Ökonomie
verfügen wird, die wieder ins Gleichgewicht gekommen ist und
ihre Wachstumschancen zurückgewonnen hat. Eine
Schlußfolgerung liegt nahe: Rußland würde eine herausragende
Wirtschaftsmacht werden, bei der ein relativ hoher
Bildungsstand der Bevölkerung mit einer vollständigen
Unabhängigkeit von Importen gepaart ist. Ein Vergleich mit
Großbritannien, das über Öl aus der Nordsee verfügt, wäre an
dieser Stelle oberflächlich, denn Rußland ist mit seiner Öl- und
vor allem Erdgasförderung im Energiesektor ein Exporteur von
Weltgeltung. Auch darf dabei nicht vergessen werden, daß
Rußland mit seinem riesigen Territorium über weitere schier
unerschöpfliche natürliche Ressourcen verfügt. Anders als die
abhängigen USA ist Rußland von Natur aus von der Außenwelt
unabhängig. Seine Handelsbilanz ist deswegen auch positiv.
Diese Situation ist nicht den Entscheidungen von Menschen
zu verdanken, hat aber gleichwohl Auswirkungen auf die
gesellschaftlichen Systeme: Rußlands riesige Territorien, sein
-188-
Reichtum an Bodenschätzen und Energieträgern hatten Stalins
Konzept vom Sozialismus in einem einzigen Land erst
ermöglicht. In der Zeit der Globalisierung und der allgemeinen
Verflechtungen könnte sich Rußland nach einem Szenario, das
auf den optimistischsten Hypothesen beruht, zu einer mächtigen
Demokratie entwickeln, die in einer von den USA dominierten
Welt über eine ausgeglichene Handelsbilanz und über
energiepolitische Unabhängigkeit verfügte. Damit würde es,
kurz gesagt, einen gaullistischen Traum verkörpern.
Wenn wir den fieberhaften Aktionismus Washingtons zum
Teil darauf zurückführen, daß die Versorgung der USA mit Öl,
aber im gleichen Maß auch mit Waren und Kapital mittelfristig
mit Unsicherheitsfaktoren behaftet ist, dann können wir uns im
Umkehrschluß die Gemütsruhe der künftigen russischen Führer
ausmalen: Wenn es ihnen gelingt, die staatlichen Institutionen
und Grenzen - in Tschetschenien und anderswo - zu
konsolidieren, dann sind sie von niemandem mehr abhängig. Sie
verfügen im Gegenteil schon jetzt über den seltenen Trumpf
ihrer Öl- und vor allem ihrer Erdgasexporte. Die strukturelle
Schwäche Rußlands liegt dagegen in seiner demographischen
Entwicklung, die sich aber, wie wir noch sehen werden, sogar zu
einem Trumpf entwickeln könnte. Auf eine geradezu ironische
Weise tragen diese Faktoren dazu bei, daß Rußland, das den
Kommunismus überwunden hat, sich tendenziell zu einer
friedfertigen Nation entwickelt, weil es - im Gegensatz zu den
aggressiven, da räuberisch lebenden Vereinigten Staaten - nicht
auf die Energieressourcen der übrigen Welt angewiesen ist.

Die Bestandteile Rußlands neu zentrieren

Das vordringliche Problem Rußlands ist freilich nicht sein
Bild im Ausland, sondern die Rückgewinnung eines eigenen
strategischen Aktionsgebiets, das eigentlich weder zum Inneren
-189-
noch zum Äußeren gehört. Die ehemalige Sowjetunion wies
eine ganz eigentümliche Struktur auf, die zu einem Teil ein Erbe
aus der Zarenzeit darstellte, weshalb denn auch nicht
auszuschließen ist, daß sich diese Struktur als dauerhafter
erweisen wird als der Kommunismus. Um Rußland ließen sich
zwei Einflußbereiche unterscheiden: zunächst ein »slawischer«
oder, besser gesagt, ein »im weitesten Sinn russischer« Kern,
auf den sich der traditionelle Ausdruck »alle Russen« bezieht
und der neben dem Kernland Weißrußland und die Ukraine
umfaßt. Als zweites die Regionen, die heute der übrigen
Gemeinschaft Unabhängiger Staaten im Kaukasus und
Mittelasien entsprechen. Der Aufschwung der russischen
Wirtschaft könnte diesem Gefüge neues Leben einhauchen und
gewissermaßen den einstigen russischen Einfluß auf diese
Regionen wiederherstellen, ohne daß dabei von einer
Vorherrschaft im üblichen Sinn die Rede sein könnte.
Falls sich eine solche Dynamik tatsächlich einstellt, ist sie im
übrigen nicht nur der Unfähigkeit der (von der kapitalistischen
Depression stark geschwächten) westlichen Wirtschaften zu
verdanken, die das vor einem Jahrzehnt entstandene Vakuum
nicht ausfüllen können, sondern auch der wirtschaftlichen
Erholung im russischen Kernland des Gefüges. Im europäischen
oder, genauer, im skandinavischen Raum sind dagegen nur die
drei baltischen Republiken historisch verankert. Daß eine
»sowjetische« Sphäre tatsächlich wieder in Erscheinung tritt, ist
freilich ebenso ungewiß wie die Dauerhaftigkeit von Rußlands
wirtschaftlichem Aufschwung. Gleichwohl zeichnet sich schon
jetzt ab, daß diese Erholung nicht besonders spektakulär
ausfallen muß, damit sich diese erneute Zentralisierung einstellt.
Zwischen sämtlichen aus dem Zerfall der Sowjetunion
hervorgegangenen Nationen bestehen anthropologische
Affinitäten, die aus der Zeit vor dem Kommunismus herrühren.
In allen Ländern dieser Sphäre herrschten ohne Ausnahme auf
die Gemeinschaft ausgerichtete Familienstrukturen, nach denen
-190-
der Vater und seine verheirateten Söhne traditionell einen
Verband bildeten. Dies gilt für die Balten ebenso wie für die
Völker des Kaukasus oder Mittelasiens. Der einzig feststellbare
Unterschied ist die - zuweilen schwach ausgebildete - Vorliebe
für innerfamiliäre Eheschließungen bei einigen islamisierten
Völkern wie den Aseris, Usbeken, Kirgisen, Tadschiken und
Turkmenen. Die Kasachen sind dagegen wie die Russen
exogam. Trotz dieser »anthropologischen« Verwandtschaft
handelt es sich freilich um eigenständige Völker. Die Letten,
Esten, Litauer, Georgier und Armenier führen wie die
muslimischen Völker eine eigenständige Existenz, auch wenn
die Nationen in Mittelasien, die aus dem Untergang des
Kommunismus hervorgingen, durch eine politische
»Fabrikation« seitens der Sowjetherrschaft stark geprägt
wurden, wie Olivier Roy erklärte.
4
Dennoch gibt es zwischen
den Völkern der ehemaligen Sowjetunion noch immer echte
kulturelle Ähnlichkeiten, insbesondere eine überall vorhandene
Sensibilität für die Belange der Gemeinschaft. Der Fortschritt
der Demokratie in dieser Zone vollzieht sich vor dem
Hintergrund eines Widerstands gegen jeden allzu krassen
Individualismus. Diese anthropologische Verwandtschaft liefert
die Erklärung für ein neueres Phänomen in der Entwicklung der
postkommunistischen Gesellschaft auf dem Territorium der
ehemaligen UdSSR und macht zudem ein künftiges Phänomen
absehbar.
Zu dem neueren Phänomen: Die liberale Revolution ist in
Rußland in den Führungszentren des Systems entstanden und
hat die Peripherie, die Republiken, in denen der Individualismus
noch »unnatürlicher« erscheint als in Rußland, vorerst nicht
erreicht. Die Unabhängigkeit hat die - slawischen oder
nichtslawischen - Republiken an den Rändern des ehemaligen
Reichs vor dieser zweiten liberalen russischen Revolution
bewahrt und dort Regime gefestigt, die noch autoritärer sind als
das System Rußlands.
-191-
Das für die Zukunft absehbare Phänomen: Die künftige
Entwicklung der Demokratie in den Nachbarregionen der
Russischen Föderation wird genauso stark oder noch stärker
vom Einfluß Rußlands abhängen als von dem schwach
ausgeprägten und schlecht angepaßten des Westens. Rußland
erkundet augenblicklich einen Weg, der aus dem Kommunismus
herausführt, sucht sich auf ein wirtschaftliches und politisches
System festzulegen, das zwar liberalisiert, aber dennoch in der
Lage ist, die dort herrschende starke Sensibilität für Belange der
Gemeinschaft zu berücksichtigen. In diesem beschränkten Sinn
könnte Rußland zum Modellfall für die gesamte Region werden.
Der gemeinsame anthropologische Hintergrund sämtlicher
Republiken der ehemaligen UdSSR erklärt die leicht zu
entdeckenden ähnlichen kulturellen Eigenheiten in sämtlichen
Regionen, beispielsweise bei der Bereitschaft, Gewalt zur
Konfliktlösung einzusetzen, die sich in den Raten der
Tötungsdelikte wie der Selbstmorde niederschlägt. Ähnlich
spektakulär hohe Zahlen wie Rußland weisen hier nur die
Ukraine, Weißrußland, Kasachstan und die drei
Baltenrepubliken Estland, Lettland und Litauen auf. Die
Übereinstimmung ist so ausgeprägt, daß sie sich aus dem
Vorhandensein russischer Minderheiten, auch wenn diese wie in
Estland und Lettland sehr stark sind, nicht vollständig erklären
läßt. Was die Mentalitäten angeht, so hat sich die sowjetische
Sphäre jenseits der Einzelstaaten und sogar der politischen
Systeme noch nicht vollständig aufgelöst.
Als die Baltenstaaten die Unabhängigkeit erlangten, haben sie
sich eilends Nationalgeschichten zurechtgelegt, die angeblich
durch eine dauerhafte Gegnerschaft zu Rußland geprägt
gewesen sein sollen - eine Darstellung, die einer
anthropologischen Analyse kaum standhält. Nord- und
Zentralrußland, die Zentren der Entstehung des russischen
Staates, und die baltischen Republiken gehörten ursprünglich
zur selben kulturellen Sphäre, die stark auf die Gemeinschaft
-192-
ausgerichtet war - wegen der vorherrschenden
Familienstrukturen wie der ideologischen Bestrebungen
während des Übergangs zur modernen Gesellschaft. Wie die
Verteilung der bolschewistischen Stimmen bei den Wahlen zur
Konstituierenden Versammlung von 1917 zeigt, war in Lettland
die kommunistische Wählerschaft noch stärker vertreten als in
Nord- und Zentralrußland. Letten stellten von Anfang an einen
bedeutenden Anteil in der sowjetischen Geheimpolizei. So
überrascht es denn auch nicht, wenn einige statistische
Parameter, die Raten bei den Tötungsdelikten und
Selbstmorden, die einen Teil der Mentalitäten widerspiegeln, auf
eine dauerhafte Nähe zwischen der russischen und der
baltischen Kultur hindeuten.
Dagegen ist die unbedeutende Selbstmordrate in
Aserbaidschan für ein muslimisches Land typisch: Der Islam
und die ihm eigenen engen und innigen Familienbande scheinen
das Individuum gegen selbstzerstörerische Impulse dauerhaft zu
immunisieren. Allerdings sind die Raten in den anderen
islamischen Ex-Sowjetrepubliken in Mittelasien für solche
Länder »zu« hoch, so auch in Kasachstan, wo die Russen
immerhin die Hälfte der Bevölkerung stellen. Eine solche
Abweichung deutet auf eine unerwartet starke Prägung durch
die Sowjetkultur hin - ebenso wie die vollständige
Alphabetisierung, die niedrigen Geburtenraten und die
Bedeutungslosigkeit des Islamismus im postsowjetischen
Mittelasien. Diese russische Prägung der Kultur in der Region
wird von Olivier Roy in seinen bemerkenswerten Werken wohl
unterschätzt. Als dauerhafte Spur dieses Einflusses entdeckt er
hier kaum mehr als die russische Sprache, die unter den
Führungsschichten Mittelasiens als Lingua franca dient, wobei
er dies aber als vorübergehend ansieht.
5
Auch wenn ich keinen
Augenblick an die Gegenthese glaube, wonach die sowjetische
Sphäre unter der Oberfläche fortlebt, würde ich als
amerikanischer Geostratege in dieser Region vorsichtiger
-193-
vorgehen: Die 1500 Soldaten, die Washington in Usbekistan
stationiert hat, sind eine unbedeutende Streitmacht fernab ihrer
Welt. Aus dieser Speerspitze von heute könnte schon morgen
eine Gruppe von Geiseln werden.

Tabelle 11 Tötungsdelikte und Selbstmorde in der Welt (auf 100000
Einwohner)
Tötungsdelikt Selbstmord Insgesamt
Rußland 1998 22,9 35,3 58,2
Weißrußland 1999 11,1 33,5 44,6
Ukraine 1999 12,5 28,8 41,3
Estland 1999 16,1 33,2 49,3
Lettland 1999 12,7 31,4 44,1
Litauen 1999 8,0 42,0 50,0
Aserbaidschan 1999 4,7 0,7 5,4
Kasachstan 1999 16,4 26,8 43,2
Kirgisien 1999 7,0 11,5 18,5
Usbekistan 1999 6,8 3,3 10,1
Tadschikistan 1995 6,1 3,4 9,5
Turkmenistan 1998 8,4 6,9 15,3
Deutschland 1998 0,9 14,2 15,1
Vereinigte Staaten 1998 6,6 11,3 17,9
Finnland 1998 2,4 23,8 26,2
Frankreich 1997 0,9 19,0 19,9
Ungarn 1999 2,9 33,1 36,0
Japan 1997 0,6 18,6 19,2
Großbritannien 1998 0,7 7,4 8,1
Schweden 1996 U 14,2 15,4
Argentinien 1994 4,6 6,4 11,0
Kolumbien 1994 73,0 3,2 76,2
Mexiko 1995 17,2 b3,2 20,4
Venezuela 1994 15,7 5,1 20,8
Quelle: Demographische Jahrbücher der Vereinten Nationen.

-194-
Die ukrainische Frage

Zwischen 1990 und 1998 führte die voranschreitende
Auflösung der einstigen UdSSR dazu, daß der russische Staat
die Kontrolle über ethnisch russische Bevölkerungsteile verloren
hat. Bei den baltischen Staaten, dem Kaukasus und Mittelasien,
den wichtigsten nichtrussischen Regionen, kann man diese
Tendenz als Rückzug der Imperialmacht oder als eine
Entkolonialisierung auffassen. Mit Weißrußland, der Ukraine
und der Nordhälfte Kasachstans verlor Rußland einen Teil
seines traditionellen Herrschaftsbereichs. Weißrußland und der
Norden Kasachstans hatten niemals als eigenständige staatliche
Gebilde existiert. In diesen beiden Fällen kann der Verlust des
Herrschaftsbereichs als die paradoxe Auswirkung einer
Anarchie gelten, welche die in der Sowjetzeit gezogenen
Grenzen der autonomen Republiken respektierte.
Komplizierter liegt der Fall bei der Ukraine mit ihren drei
Bevölkerungsteilen, den unierten (katholischen) Ukrainern im
Westen, den orthodoxen Ukrainern im Zentrum und den Russen
im Osten. Hier erschien der Gedanke an eine endgültige
Ablösung realistischer. Doch hat Huntington, der eine
Gegenposition zu Brzezinski vertritt, wohl eher recht mit der
Prognose, wonach es die Ukraine in die Einflußsphäre Rußlands
zurückzieht. Zurückzuweisen ist dabei freilich seine
vereinfachende, primär religiös begründete Deutung dieser
Tendenz. Die Abhängigkeit der Ukraine von Rußland resultiert
aus deutlich intensiveren, subtileren und dauerhafteren
historischen Beziehungen.
Die Ukraine empfing alle modernen Anstöße aus Rußland,
wobei wir hier von einer historischen Konstante sprechen
können. Die bolschewistische Revolution nahm ihren Ausgang
in Rußland, genauer in dem geschichtlich dominanten Teil, dem
Großraum um die Achse Moskau-Petersburg. In dieser Region
ist der russische Staat entstanden. Von hier gingen vom 16. bis
-195-
ins 20. Jahrhundert die großen Modernisierungswellen aus. Und
hier gelang auch der liberale Durchbruch der neunziger Jahre.
Der Sturz des Kommunismus und die bis heute anhaltenden
Reformwellen nahmen von Rußland aus ihren Lauf, getragen
von der russischen Sprache. So kommt die Ukraine nach der
Abspaltung von Rußland auf dem Weg der Reform denn nur
sehr langsam voran, unabhängig von der ideologischen und
verbalen Agitation, die der Internationale Währungsfonds dort
betreibt.
Historisch und soziologisch ist die Ukraine eine
strukturschwache, profillose Region, von der noch nie eine
bedeutende Modernisierungsbewegung ausging. Im Grunde
bildete sie eine Randzone des russischen Reiches, die ihre
Anstöße aus dem Zentrum empfing und sich zu jeder Zeit durch
konservatives Verhalten auszeichnete: antibolschewistisch und
antisemitisch 1917/18 und nach 1990 tiefer als Rußland im
Stalinismus verwurzelt. Westliche Kreise haben sich durch
deren geographische Lage im Westen und durch die Präsenz
einer starken Minderheit, der Gläubigen der unierten Kirche, die
dem Katholizismus nahesteht, täuschen lassen: Dabei
verkannten sie, daß die Ukraine sich mit der Unabhängigkeit
von der demokratischen Revolution Moskaus und Petersburgs
abwandte, auch wenn sie sich damit Zugang zu westlichen
Krediten verschaffte. Die provinziellen konservativen
Tendenzen der Ukraine dürfen allerdings auch nicht überschätzt
werden. Ihre Schwierigkeiten, das rein autoritäre
Präsidentialsystem zu überwinden, sind mit denen Kasachstans
oder Usbekistans nicht zu vergleichen.
Das von Brzezinski entworfene Szenario ist gleichwohl nicht
völlig aus der Luft gegriffen. Die kulturellen Unterschiede zu
Rußland sind ausreichend groß, damit sich die Ukraine als
eigenständig definieren kann. Aber mangels einer eigenen
Dynamik vermag sie sich dem russischen Einfluß nicht zu
entziehen, ohne unter den einer anderen Macht zu geraten. Die
-196-
amerikanische Sphäre ist zu weit entfernt und materiell zu wenig
präsent, um das russische Gewicht auszubalancieren. Europa mit
Deutschland als Kern ist eine reale Wirtschaftsmacht, aber in
militärischer und politischer Hinsicht nicht dominant. Falls
Europa eine einflußreiche Stellung in der Ukraine anstrebt, liegt
es nicht in seinem Interesse, sie zu einem Satelliten zu machen,
benötigt Europa doch Rußland als Gegenpol zu den USA, wenn
es sich von der amerikanischen Vormundschaft emanzipieren
will.
Hier können wir ermessen, wie wenig die Vereinigten Staaten
im Herzen Eurasiens wirtschaftlich konkret präsent sind: Ihr
verbaler Einfluß ist kein Ausgleich für eine fehlende Produktion,
schon gar nicht mit Blick auf ein Entwicklungsland wie die
Ukraine. Vom Export einiger Militärgüter und Computer
abgesehen, haben die USA ihr wenig zu bieten. Sie können
weder die Produktions- noch die Konsumgüter liefern, die das
Land benötigt. Zudem saugen sie Kapital ab und entziehen den
Entwicklungsländern allgemein so jene Ressourcen, die in
Europa und Japan frei werden. Amerika kann hier nur die
Illusion einer Finanzmacht verbreiten - und zwar über die
politische und ideologische Kontrolle des Weltwährungsfonds
und der Weltbank, der beiden Institutionen, auf die am Rande
bemerkt - Rußland dank seiner Überschüsse inzwischen
verzichten kann.
Amerika bietet sich natürlich als möglicher Abnehmer von
Gütern an, welche die Ukraine dereinst herstellen wird und die
es mit Anleihen aus Europa, Japan oder anderswo bezahlen
kann. Dagegen offenbaren die wirtschaftlichen Verflechtungen
der Ukraine deren Abhängigkeit von Rußland, Europa und
anderen Regionen außerhalb der USA. Im Jahr 2000 importierte
die Ukraine für 8,04 Milliarden Dollar Waren und
Dienstleistungen aus der Gemeinschaft der Unabhängigen
Staaten. Weitere Importe im Wert von 5,916 Milliarden Dollar
stammten aus der übrigen Welt, hauptsächlich aus Europa.
6
Die
-197-
Einfuhren aus den USA betrugen dagegen nur 190 Millionen
Dollar und stellten so gerade einmal 1,4 Prozent des
Gesamtvolumens dar.
7
Im gleichen Jahr exportierte die Ukraine
Waren und Dienstleistungen für 4,498 Milliarden in die GUS
und für 10,075 Milliarden Dollar in die übrige Welt, davon nur
für 872 Millionen, also ganze 6 Prozent des Gesamtwertes, in
die Vereinigten Staaten. Und während die Ukraine ihren
Außenhandel mit den GUS-Staaten zu nur 56 Prozent deckt,
erzielt sie im Austausch von Waren und Dienstleistungen mit
der übrigen Welt einen Überschuß mit einer Deckungsrate von
170 Prozent.
An dieser Stelle zeigt sich am deutlichsten, daß Amerikas
Weltherrschaft in materieller Hinsicht praktisch nicht existent
ist: Die USA decken ihre Importe aus der Ukraine nur zu 22
Prozent mit Exporten dorthin. Dabei darf auch der dynamische
Aspekt dieses Prozesses nicht vergessen werden: Der Handel
der USA mit der Ukraine weist erst seit 1994 ein Defizit auf,
während sie 1992 und 1993 noch ein leichtes Plus erzielten. Der
Konsum entwickelt sich immer deutlicher zum grundlegenden
Merkmal der amerikanischen Wirtschaft im internationalen
System. Die Vereinigten Staaten befinden sich, gelinde gesagt,
nicht mehr in einer Situation der Überproduktivität wie in der
unmittelbaren Nachkriegszeit, weshalb sie denn auch nicht als
Geberland eines neuen Marshall-Plans auftreten konnten, wie
ihn die im Umbau begriffenen ehemaligen kommunistischen
Länder benötigt hätten. Deshalb spielen sie vielmehr in der
ehemaligen sowjetischen Sphäre - wie auch anderswo - eine
räuberische Rolle.
Was die Entwicklung der Ukraine angeht, so ist lediglich ihre
geographische Lage sicher. Eine Annäherung an Rußland ist
wahrscheinlich, eine einfache Übernahme durch Moskau
dagegen unmöglich. Wenn Rußlands Wirtschaft wieder richtig
in Gang kommt, entwickelt sich das Land zu einem
Gravitationszentrum für die Nachbarregionen. Die
-198-
Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten könnte sich zu einem
neuen funktionierenden politischen Gebilde entwickeln, das
unter russischer Führung mehrere Einflußsphären umfaßt.
Daraus ergäbe sich folgendes Szenario: Weißrußland wird
faktisch annektiert, die Ukraine bleibt real selbständig,
entwickelt sich aber zu einem zweiten, kleinen oder neuen
Rußland. Der Begriff »alle Russen« erhält im Bewußtsein der
lokalen und internationalen Akteure wieder einen realen Gehalt.
Südlich des Kaukasus behält Armenien den Status des
Verbündeten als ein Bollwerk gegen die Türkei, die noch für
Jahre der bevorzugte Bündnispartner der Vereinigten Staaten
bleibt. Georgien reiht sich wieder in das Gebilde ein. Die
mittelasiatischen Staaten kehren in die russische Einflußsphäre
zurück, wobei das halb von Russen besiedelte Kasachstan in
diesem Szenario eine herausragende Stellung einnimmt. Durch
die neuerliche Rolle Rußlands als dynamischer wirtschaftlicher
und kultureller Akteur in der Region geraten die in Usbekistan
und Kirgisistan stationierten US-Truppen natürlich in eine
seltsame Situation, wobei der Ausdruck »corps étranger« dann
im Sinne von »Fremdkörper« ganz wörtlich zu nehmen ist. Nach
diesem Szenario entstünde unmittelbar östlich der erweiterten
Europäischen Union ein zweites multinationales politisches
Gebilde mit Rußland als der zentralen Führungsmacht.
Allerdings ist bei dem komplexen Charakter solcher politischen
Gefüge eine echt aggressive Außenpolitik eher
unwahrscheinlich: Es ist kaum davon auszugehen, daß sich der
neu entstandene Block auf einen größeren militärischen Konflikt
einlassen würde.

Die Schwäche als Trumpf

Das hier entworfene Bild eines idealen Rußlands, das die
Welt für ihr Gleichgewicht benötige, hat freilich stilisierte Züge.
Die so beschriebene Nation hat virtuellen Charakter. Im
-199-
Augenblick zeichnet sich Rußland noch immer durch ein Niveau
an Gewaltkriminalität aus, das fast nirgendwo sonst erreicht
wird. Der Staat kämpft auf fiskalischer Ebene um seine
Handlungsfähigkeit, sucht im Kaukasus seine Grenzen zu
sichern und muß sich in Georgien und Usbekistan die - eher
provozierende als strategisch effiziente - Umzingelung durch die
Amerikaner gefallen lassen. Die westliche Presse zeigt sich
selbstgerecht, wenn sie Rußland wegen seiner an die Kandare
genommenen Medien oder seiner rechtsradikalen
Jugendgruppen geißelt, kurzum wegen der Mißstände einer
Nation, die sich unter Schmerzen wieder vom Boden erhebt.
Von unserer Luxusgesellschaft verwöhnt, gefallen sich hier
viele unserer Medienvertreter darin, das Bild einer russischen
Bedrohung zu zeichnen.
Derweil verkünden die amerikanischen Strategen unablässig,
zur Gewährleistung unserer Sicherheit müsse Rußland deutlich
gemacht werden, daß die Phase seiner Weltherrschaft zu Ende
ist - womit sie wohl die Sorgen der USA um die Ausdehnung
ihres Herrschaftsbereichs offenbaren. Dabei ist unmittelbar
einsichtig, daß Rußland seine Zeit als expandierende Macht
hinter sich hat. Wie sein künftiger Führungsstil - ob
demokratisch oder autoritär - auch aussehen mag, seine
demographische Ent wicklung deutet in die andere Richtung. Die
russische Bevölkerung nimmt ab und überaltert, eine Tatsache,
die allein dafür spricht, daß diese Nation weniger als eine
Bedrohung als ein Faktor der Stabilität auftreten wird.
Diese demographische Entwicklung hat für Amerika zu einem
seltsamen Paradox geführt. Anfangs hat der Rückgang der
russischen Bevölkerung - mit dem Zusammenbruch der
Wirtschaft - den Vereinigten Staaten eine Stellung als einzige
Supermacht beschert und Träume von einer nicht realisierbaren
Weltherrschaft hervorgebracht. Amerika geriet in Versuchung,
den russischen Bären zu erlegen. Nun aber dämmert der Welt
allmählich, daß ein geschwächtes Rußland sein
-200-
Bedrohungspotential verloren hat. Und mehr noch: daß es
gegenüber einem übermächtigen Amerika, das im
internationalen Kräftespiel allzu raubgierig und unberechenbar
auftritt, zu einem ausgleichenden Partner wird. So konnte
Wladimir Putin in Berlin verkünden:
»Niemand bezweifelt den großen Wert der Beziehungen
Europas zu den Vereinigten Staaten. Aber ich bin der Meinung,
daß Europa einen Ruf als mächtiger und selbständiger
Mittelpunkt der Weltpolitik langfristig nur festigen wird, wenn
es seine eigenen Möglichkeiten mit den russischen
menschlichen, territorialen und Naturressourcen sowie mit den
Wirtschafts-, Kultur- und Verteidigungspotentialen Rußlands
vereinigen wird.« Ich kann dem nur zustimmen.
Wir können im Grund nicht absolut sicher sein, ob sich in
Rußland eine demokratische Gesellschaft durchsetzen kann, ob
sich Fukuyamas Traum einer Universalisierung der liberalen
Gesellschaft dort für immer oder wenigstens für lange Zeit mit
neuem Inhalt füllen wird. In diesem Sinne ist Rußland kein
absolut zuverlässiger Kandidat. Ein zuverlässiger Partner ist es
dagegen auf diplomatischer Ebene, und zwar aus zwei
wesentlichen Gründen. Zunächst einmal wegen seiner
Schwäche. Neben der inneren Stabilisierung des Landes ist sie
paradoxerweise Wladimir Putins wichtigster Trumpf: Rußlands
Schwäche macht es möglich, sich bei den Europäern wieder als
potentieller Verbündeter ins Spiel zu bringen. Aber Rußland ist
auch deshalb zuverlässig, weil es, ob liberal oder nicht, eine
universalistische Grundeinstellung besitzt, die das Land in die
Lage versetzt, die internationalen Beziehungen auf einer Ebene
der Gleichheit und Gerechtigkeit zu betrachten. Gekoppelt an
die Schwäche, die jeden Traum einer Vorherrschaft zunichte
macht, kann sich der russische Universalismus auf das
Gleichgewicht der Kräfte in der Welt nur positiv auswirken.
Diese sehr optimistische Sicht von Rußland als einem Pol des
Ausgleichs müßte ein »Realist« der klassischen amerikanischen
-201-
Schule, ob von Kissinger geprägt oder nicht, keineswegs teilen.
Für den realistisch denkenden Strategen muß ein militärisches
Gegengewicht nicht auch moralisch gut sein.
Als die Griechen die Macht der Athener schließlich satt
hatten, riefen sie Sparta zur Hilfe, das in Sachen Demokratie
und Freiheit zwar kein Vorbild war, dafür aber wegen seiner
Ablehnung jeder territorialen Expansion geschätzt wurde. Damit
endete die Vorherrschaft Athens - mit der Zerschlagung nicht
durch Perser, sondern durch Griechen. Es wäre eine Ironie der
Geschichte, würde man in den kommenden Jahren miterleben,
wie Rußland die Rolle Spartas übernimmt, die des
oligarchischen Stadtstaates, der zur Verteidigung der Freiheit
herbeigerufen wurde, nachdem Rußland zuvor die Rolle der
Perser übernommen hatte, dieses Vielvölkerreichs, das alle
Nationen bedrohte. Aber der Vergleich hinkt: Die heutige Welt
ist für eine Neuauflage des Peloponnesischen Krieges zu groß
und zu komplex geworden. Amerika fehlen ganz einfach die
wirtschaftlichen, militärischen und ideologischen Mittel, um
seine europäischen und japanischen Verbündeten gegen deren
Willen in Abhängigkeit zu halten.

-202-
KAPITEL 8
Die Emanzipation Europas

Die Terrorangriffe vom 11. September waren für die Europäer
anfangs eine Gelegenheit für eine gut gemeinte Demonstration
ihrer Solidarität. Ihre Regierungschefs legten Wert darauf, das
Verteidigungsbündnis der NATO in einen vage definierten
»Kampf gegen den Terrorismus« einzubinden. Aber im
folgenden Jahr erlebte die Welt eine kontinuierliche
Verschlechterung der Beziehungen zwischen Europäern und
Amerikanern, wobei die tieferen Ursachen dieser unerbittlich
fortschreitenden Entwicklung mysteriös erschienen. Hatten die
terroristischen Gewalttaten Solidarität ausgelöst, so brachte nun
der amerikanische Krieg gegen den Terrorismus, der mit
brutalen und unzulänglichen Methoden, ja mit unklaren Zielen
geführt wurde, zwischen Europa und Amerika schließlich einen
echten Antagonismus zum Vorschein. Die unermüdliche
Geißelung einer »Achse des Bösen« und die beharrliche
Unterstützung Israels bei gleichzeitiger Arroganz gegenüber den
Palästinensern veränderten Zug um Zug den Blick Europas auf
die USA. Der einstige Friedensstifter war zum Störenfried
geworden. Die Europäer, die wie gehorsame Kinder Amerikas
paternalistische Macht lange Zeit respektiert hatten,
entwickelten jetzt beängstigende Zweifel am
Verantwortungsbewußtsein der Führungsmacht. Das bislang
Undenkbare trat ein: Die Franzosen, Deutschen und Briten
entwickelten schrittweise, wenn auch noch nicht vollständig,
eine Sensibilität für ihre gemeinsame internationale
Verantwortung.
Bei den Franzosen kann das Mißtrauen gegenüber den
Vereinigten Staaten nicht als Novum gelten. Aber bei den
Deutschen ist diese Entwicklung verblüffend. Der Gehorsam der
-203-
Führung im wichtigsten Protektorat im Westen, ein
unverzichtbares Instrument für den amerikanischen Einfluß auf
dem Kontinent, wurde in Washington als selbstverständlich
vorausgesetzt. Dieses stillschweigende Vertrauen wurzelte in
zwei Tatsachen, über die nicht gerne gesprochen wird: Die USA
legten zwischen 1943 und 1945 deutsche Städte mit Bomben in
Schutt und Asche, und die Deutschen zeigen für diese
Demonstration militärischer Übermacht bis heute eine gewisse
Bewunderung. Im übrigen bringen sie den Amerikanern, die sie
vor dem Kommunismus beschützten und ihnen ein
Wirtschaftswunder ermöglichten, auch Dankbarkeit entgegen.
Durch eine Beziehung, die auf Stärke und einem Bewußtsein für
Eigeninteressen basierte, schien die Loyalität Deutschlands für
die Ewigkeit gesichert.
Nicht weniger überraschend ist nun auch die zögerliche
Haltung des britischen Bündnispartners gegenüber den USA.
Daß Großbritannien ganz auf der US-Linie lag, war für die
amerikanischen strategischen Analysten ein durch die Natur
vorgegebenes und gewissermaßen kongeniales Verhalten, das
aus der gemeinsamen Sprache und einer gemeinsamen
Grundhaltung und Kultur hervorging. Die
Selbstverständlichkeit, mit der Brzezinski die britische
Unterstützung voraussetzt, ist charakteristisch. Daß in
Großbritannien neuerdings bei Rechten wie Linken im
politischen Spektrum - ein Antiamerikanismus auftaucht,
erscheint insofern paradox, als sich die Briten unmittelbar zuvor
auf eine nie dagewesene Weise an der Seite der USA engagiert
hatten, während es ihnen doch einst gelungen war, sich aus dem
Vietnam-Krieg herauszuhalten. Tatsächlich ist dieses Paradox
einer starken Annäherung, auf die in kurzem Abstand eine
Entfremdung folgt, geradezu klassisch. Mit unterschiedlichen
Intensitäten tauchte es bei allen europäischen Nationen auf:
Wenn Dinge oder Personen allzu eng zusammenrücken, werden
unerträgliche Unterschiede deutlich.
-204-
Detaillierte Analysen der Presse in den jeweiligen Ländern
der Alten Welt (und nicht nur den Ländern Europas), den
Mitgliedern der atlantischen Allianz, würden die wachsenden
Befürchtungen und dann eine zunehmende Verärgerung
illustrieren. Allerdings kann man den Stimmungsumschwung
noch einfacher anhand seiner Auswirkungen aufzeigen: Zur
Empörung der militärischen und zivilen Führer der USA
einigten sich die Europäer auf die Fabrikation eines als
Militärtransporter geeigneten Airbus. Ebenso starteten sie das
Projekt Galileo zur Satellitenortung, welches das amerikanische
Monopol beim Satellitennavigationsystem GPS brechen soll.
Die dreißig Satelliten, die dazu in Umlaufbahnen um die Erde
geschossen werden müssen, sind eine konkrete Demonstration
der wirtschaftlichen und technologischen Stärke Europas. Wenn
Europa will - also wenn sich Deutsche, Briten und Franzosen
einigen -, dann kann es auch. Im Juni 2002 zeigten die Europäer
- mit der Zustimmung Großbritanniens und Deutschlands - sogar
Entschlossenheit, als sie den USA wegen der Erhöhung von
deren Importzöllen auf Stahl detaillierte Sanktionen androhten.
Auf internationalen Konferenzen werfen inzwischen immer
mehr amerikanische Vertreter - aus der Wissenschaft, dem
Militär oder den Medien - den Europäern säuerlich, ja verbittert
ein mangelndes Verständnis oder fehlende Loyalität vor - und
neiden ihnen sogar ihren Reichtum, ihre Stärke und ihre
wachsende Unabhängigkeit.
Diese Entwicklung ist mit den Ereignissen eines Jahres, die
nur die Oberfläche der Dinge erhellen können, allein nicht zu
erklären. In den jüngsten politischen Differenzen kommt eher
eine plötzlich bewußte Wahrnehmung der Gegensätze als deren
eigentliche Substanz zum Ausdruck. Hier wirken zwischen
Europa und Amerika tiefere Kräfte, und einige bewirken
Anziehung, andere jedoch Abstoßung. Und die Verhältnisse sind
noch komplizierter: Die Kräfte der Annäherung wie die der
Abstoßung werden beide gleichzeitig stärker. So steht in Europa
-205-
dem wachsenden Bedürfnis nach einem Aufgehen in den USA
der immer stärkerer Wunsch nach einer Abspaltung entgegen,
wobei die letztere Tendenz zusehends die Oberhand gewinnt.
Dieses Spannungsfeld ist typisch für eine näherrückende
Scheidung.

Die beiden Optionen: Integration ins Weltreich oder
Unabhängigkeit?

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist das Verhältnis der
europäischen Regierungen zu den Vereinigten Staaten
zwiespältig, wie auch die Regierung in Washington den
europäischen Aufbau mit gemischten Gefühlen beobachtet. Die
Amerikaner benötigten eine französisch-deutsche Aussöhnung,
um die Atlantische Allianz auf dem Kontinent gegen die Russen
zu sichern. Außer acht gelassen haben sie dabei die Möglichkeit,
daß diese Aussöhnung zu einem konkurrierenden strategischen
Bündnis führen könnte. Daß ihre Stimmung von Sympathie und
Ermunterung über Mißtrauen und Bitterkeit schließlich in eine
Gegnerschaft umschlug, ist eine verständliche Entwicklung.
Dagegen hatten die europäischen Regierungen nach dem
Februarumsturz 1948 in Prag und der Sowjetisierung Osteuropas
sehr zu Recht das Bedürfnis nach dem Schutz Amerikas
verspürt. Aber jetzt, da sich die Katerstimmung des Zweiten
Weltkriegs verzogen hat und der Kommunismus gestürzt ist,
stellen sich Zweifel und die Sehnsucht nach der einstigen
Unabhängigkeit ein. Denn wie es alle führenden Kreise auf dem
Alten Kontinent sehen, ist die Geschichte der einzelnen
europäischen Nationen schließlich dichter, reichhaltiger und
interessanter als die der Vereinigten Staaten, die nur drei
Jahrhunderte umfaßt. Daß die Europäer die USA beim
Lebensstandard eingeholt haben, nährt Zweifel an deren
Führungsanspruch und gibt den emanzipatorischen
-206-
Bestrebungen Substanz. Und all das gilt auch ohne Abstriche,
am anderen Ende der eurasischen Landmasse, für Japan.
Aber die gegenläufigen Kräfte, das Bestreben hin zu einer
vollständigen Eingliederung in das amerikanische System,
machten sich in den letzten zwanzig Jahren ebenfalls bemerkbar.
Die liberale Revolution (die ultraliberale Reaktion in der
Terminologie der Linken) bedeutete für die führenden Schichten
Europas so etwas wie eine nie dagewesene Versuchung. Wie
erwähnt, werden in der entwickelten Welt zusehends
oligarchische Bestrebungen erkennbar. Die neu in Erscheinung
tretenden gesellschaftlichen Kräfte benötigen eine neue
Führungsmacht. So werden die USA im gleichen Augenblick,
da ihre militärische Rolle überflüssig zu werden scheint, zur
globalen Speerspitze einer Revolution gegen die Gleichheit,
eines oligarchischen Umbaus, der auf alle Eliten eine
Anziehungskraft ausüben dürfte. Inzwischen steht Amerika
nicht mehr für den Schutz der liberalen Demokratie, sondern für
noch mehr Geld und Macht für die Reichsten und Mächtigsten.
In den Jahren 1965 bis 2000 haben es die europäischen Führer
versäumt, zwischen den beiden Optionen, der Integration und
der Emanzipation, eine klare Entscheidung zu treffen. Sie haben
in einem Zug ihre Wirtschaft liberalisiert und ihren Kontinent
vereinigt und die Amerikaner so zu Beginn des 21. Jahrhunderts
in eine seltsame Lage gebracht: Die USA wissen nicht mehr, ob
die von ihnen abhängigen Länder Verräter oder loyale
Untertanen sind. Europa hat sich ihren Wünschen entsprechend
zur Freihandelszone entwickelt, ohne einen Schutz des
gemeinsamen Marktes, wenn man das Überbleibsel der
Agrarpolitik außer acht läßt. Allerdings errichtete die
Einführung des Euro und dessen Wertverfall um 25 Prozent
gegenüber dem Dollar bis zum Februar 2002 eine Zeitlang de
facto neue Schutzmechanismen zugunsten der europäischen
gegenüber der US-Wirtschaft, weil Europas Exportgüter billiger
und Importe aus Amerika teurer geworden sind. Die laute
-207-
Empörung von Politikern und Journalisten des Alten
Kontinentes, als Präsident Bush in der ersten Jahreshälfte 2002
erneut Schutzzölle auf Stahl und Agrarsubventionen einführte,
deuten darauf hin, daß die europäischen Führungen sich der
Folgen ihrer Handlungen nicht restlos bewußt sind: Sie
übersehen, daß schon allein der Euro die Vereinigten Staaten
unter Druck setzte, anfangs durch seinen Wertverfall und in der
letzten Phase durch seine Erholung. Diese unzulängliche
Wahrnehmung zeigt, daß sie keine echte Entscheidung für die
Integration ins amerikanische System oder für die Emanzipation
getroffen haben.

Die Option der »Integration ins Weltreich« würde im Denken
der europäischen Eliten eine doppelte Revolution voraussetzen:
Sie müßten die Nation zu Grabe tragen und gewissermaßen in
ein Reich einheiraten. Damit würden sie einerseits darauf
verzichten, die Unabhängigkeit ihrer Völker zu verteidigen, und
würden dafür andererseits als vollwertige Mitglieder in die
amerikanischen Eliten eingegliedert. Dazu drängte es einen
großen Teil der französischen und europäischen Eliten nach dem
11. September, als alle »amerikanisch« fühlten die
Phantasmagorie Jean-Marie Messiers.
Da wohlhabende Europäer an der Wall Street und durch
amerikanische Unternehmen und Banken immer häufiger
ausgeplündert werden, verliert diese Option zusehends an
Attraktivität. Und weil sich im rechten Spektrum der
amerikanischen Politik inzwischen eine regelrechte Europhobie
bemerkbar macht, muß man sich sogar fragen, ob die USA eine
Entscheidung nicht selbst herbeiführen, indem sie den
Verbündeten klar machen, daß ihnen auch für die Zukunft nur
die Rolle als Bürger der zweiten Zone zusteht. Daß Amerika
neuerdings wieder verstärkt auf Differenzierung oder
Ausgrenzung setzt, trifft zunächst einmal die Schwarzen,
Latinos und Araber, in geringerem Maß aber auch die Europäer
-208-
und Japaner.
Die Option der »Emanzipation« wäre ein Ergebnis der
objektiven wirtschaftlichen Stärke des Kontinents und der
Einsicht der Europäer, daß sie sich durch gemeinsame Werte
von den Amerikanern unterscheiden. Vorausgesetzt ist dabei die
Fähigkeit, daß sie für ihre militärische Verteidigung selbst
sorgen können. Diese Option erscheint sehr kurzfristig als
realistisch. Europa ist industriell stärker als die Vereinigten
Staaten. Es wird von dem stark geschwächten Rußland
militärisch nicht mehr bedroht. Dennoch muß Europa, und das
wird nie offen ausgesprochen, zu einer echten strategischen
Unabhängigkeit gelangen, indem es seine nukleare Schlagkraft
erhöht. Das zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland
noch immer bestehende Gleichgewicht des Schreckens
verschafft Europa ausreichend Zeit, um diese Vergrößerung des
Potentials, falls es denn angestrebt werden sollte, auch zu
realisieren. Das einzige grundlegende Problem ist Europas
Defizit beim Bevölkerungswachstum, das für den Kontinent
nicht gegenüber Rußland, aber gegenüber den Vereinigten
Staaten - auf längere Sicht zu einer Schwächung führt.
Wenn man solche Optionen erörtert, suggeriert man die
Möglichkeit zur freien Entscheidung. Man kann sich
Führungsklassen vorstellen, die sich in bewußte, sozusagen
anthropomorphe Akteure verwandelt haben und je nach den
Interessen, Geschmäckern und Werten entscheiden, welche
Richtung sie einschlagen. Solche Wunder hat es in der
Geschichte durchaus gegeben: Beispiele sind der Senat der
Römischen Republik, die Führer der Athener Demokratie zur
Zeit des Perikles, der Nationalkonvent in Frankreich 1793, die
Eliten des viktorianischen Reichs zur Zeit von Gladstone und
Disraeli sowie der preußische Adel unter Bismarck. Doch wir
leben nicht in einer solchen großen Epoche. Bewußte
Entscheidungen lassen sich vielleicht gerade noch den Eliten der
heutigen USA zuschreiben, aber mit Abstrichen, weil diese,
-209-
wenn entschieden werden muß, stets den Weg des geringsten
Widerstandes gehen, was dann doch keiner echten Entscheidung
entspricht. Dagegen schließt die nationale Zersplitterung bei den
europäischen Eliten, die in gewissem Maß noch zu schwierigen
und unangenehmen Entscheidungen fähig sind, ein kollektives
Denken von vornherein als illusorisch aus.
Schwerwiegende Faktoren, die den Akteuren nicht bewußt
sind, bestimmen die jeweiligen Haltungen Europas und
Amerikas zueinander. Wie man früher sagte, werden sich
Europa und Amerika durch den »Lauf der Dinge«
auseinanderleben.

Der Zivilisationskonflikt zwischen Europa und den
Vereinigten Staaten

Die trennenden Kräfte sind allerdings nicht nur
wirtschaftlicher Art. Auch die kulturelle Dimension spielt eine
Rolle, selbst wenn Kultur und Wirtschaft nicht völlig losgelöst
voneinander betrachtet werden können. In Europa herrschen die
Werte des Agnostizismus, des Friedens und des Ausgleichs vor,
die der amerikanischen Gesellschaft dieser Tage fremd sind.
Der wohl bedeutendste Irrtum Huntingtons besteht darin, daß
er die amerikanische Herrschaftssphäre auf das reduzieren will,
was er den Okzident nennt. Er bemäntelt die amerikanische
Aggressivität mit kulturellen Besonderheiten, indem er die
islamische Welt, das konfuzianische China und das orthodoxe
Rußland aufs Korn nimmt, aber die Existenz einer »westlichen
Sphäre« annimmt, deren Natur selbst nach seinen Kriterien
völlig unklar bleibt. In diesem zusammengewürfelten Westen
werden Katholiken und Protestanten zu einem einzigen
kulturellen und religiösen System vermengt, ein schockierendes
Durcheinander für jeden, der sich mit den gegensätzlichen
theologischen Anschauungen und Riten oder einfach mit den
-210-
blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Gläubigen beider
Konfessionen im 16. und 17. Jahrhundert befaßt hat.
Abgesehen davon, daß Huntington sein Kriterium der
Religion inkonsequent verwendet, stößt man, wenn man es
korrekt und auf die Gegenwart bezogen anlegt, nur allzu rasch
auf einen latenten Gegensatz zwischen Europa und Amerika. So
bestimmen religiöse Phrasen das Leben Amerikas, in dem die
Hälfte der Bevölkerung behauptet, am Wochenende in die
Kirche zu gehen, während tatsächlich nur ein Viertel am
Gottesdienst teilnimmt. Dagegen ist Europa ein Reich des
Agnostizismus, die aktive Teilnahme am religiösen Leben der
Konfessionen strebt geradezu gegen Null. Dennoch setzt die
Europäische Union das biblische Gebot »Du sollst nicht töten«
konsequenter um: Die Todesstrafe ist abgeschafft, während die
Rate der Tötungsdelikte in der Gesellschaft mit ungefähr einem
auf 100 000 Einwohner pro Jahr sehr niedrig liegt.
Demgegenüber werden in den USA, wo nach einem geringen
Rückgang zwischen 6 und 7 von 100000 Einwohnern jährlich
durch Mord oder Totschlag sterben, zum Tod Verurteilte
routinemäßig hingerichtet. Für Amerikaner spielt die
Abgrenzung gegenüber den anderen eine mindestens ebenso
große Rolle wie universalistische Betrachtungsweisen. Und die
amerikanische Gewalt, die Zuschauer in den Kinos fesselt, wird
mitunter auf unerträgliche Weise in der Form diplomatischen
oder militärischen Handelns nach außen getragen. Zu den
zahllosen Bereichen, in denen zwischen Amerikanern und
Europäern kulturelle Unterschiede zutage treten, gehört die
Stellung der amerikanischen Frau, die Kastrationsängste weckt
und europäische Männer ebenso einschüchtert wie der
übermächtige arabische Mann die europäischen Frauen.
Zu erwähnen sind vor allem auch die tiefgreifenden
Unterschiede in den altüberlieferten amerikanischen und
europäischen Anschauungen, die sich mit dem
Entstehungsprozeß der jeweiligen Gesellschaften erklären
-211-
lassen. Auf dieser Ebene der Betrachtung lassen sich kulturelle
und wirtschaftliche Merkmale nicht auseinanderhalten, so daß
man hier besser von zivilisatorischen Unterschieden spricht.
Die europäischen Gesellschaften gingen aus der
Knochenarbeit armer Bauern hervor, die jahrhundertelang unter
der Kriegslust der herrschenden Schichten litten und denen
Frieden und Wohlstand erst sehr spät beschieden waren. Neben
den meisten Ländern der Alten Welt gilt dies auch für Japan. In
all diesen Gesellschaften herrscht deswegen, wie durch einen
genetischen Code bestimmt, noch immer ein instinktives
Verständnis für ausgewogene Wirtschaftsweisen vor. In der
praktischen Ethik knüpfen sich daran nach wie vor die Begriffe
von Arbeit und Lohn, auf der rein wirtschaftlichen dagegen die
von Produktion und Konsum.
Dagegen ist die amerikanische Gesellschaft das jüngere
Ergebnis eines kolonialen Experiments, das zwar sehr
erfolgreich verlief, aber noch keinem Nachhaltigkeitstest
unterzogen wurde: Sie bildete sich in drei Jahrhunderten durch
die Zuwanderung einer bereits alphabetisierten Bevölkerung
heraus, die ein bislang noch jungfräuliches, an Bodenschätzen
reiches und fruchtbares Land besiedelte. Amerika ist sich
offenbar noch immer nicht bewußt, daß seine Erfolgsgeschichte
auf der Ausbeutung und einseitigen Nutzung von Ressourcen
beruht, zu denen es selbst nichts beigetragen hat.
Die tiefere Einsicht der Europäer, der Japaner und aller
anderen Völker Eurasiens in die Notwendigkeit ökologischer
Rücksichten oder einer ausgeglichenen Handelsbilanz ist das
Ergebnis einer langen Geschichte bäuerlichen Wirtschaftens. So
hatten die Europäer, Japaner, Chinesen und Inder beispielsweise
schon im Mittelalter mit ausgelaugten Böden zu kämpfen, die
ihnen die Begrenztheit der natürlichen Ressourcen vor Augen
führten. Dagegen erschlossen sich in den USA einer
Bevölkerung, die ihre Vergangenheit ablegen konnte, scheinbar
unerschöpfliche natürliche Ressourcen. Die Wirtschaft verlor
-212-
ihre Bedeutung als eine Disziplin, die sich mit der optimalen
Nutzung knapper Ressourcen befaßt, und erhob sich statt dessen
zu einer Wachstumsreligion, die sich um den Begriff der
Ausgewogenheit nicht zu kümmern braucht. Die Ablehnung des
Protokolls von Kyoto durch die USA wie die O'Neill- Doktrin
von der Bedeutungslosigkeit eines Außenhandelsdefizites sind
mit ein Ergebnis dieser zivilisatorischen Tradition. Von jeher
verlief Amerikas Wirtschaftsentwicklung über die Auslaugung
seiner Böden, die Verschwendung seines Öls und die
Rekrutierung neuer Arbeitskräfte im Ausland.

Das amerikanische Gesellschaftsmodell bedroht Europa

Die Menschen in europäischen Gesellschaften sind stark
ortsgebunden. Die Bevölkerung ist nur halb so mobil wie die in
den Vereinigten Staaten. Selbst in England wechselten 1981
ähnlich wie in Frankreich (9,4 Prozent) und Japan (9,5 Prozent)
nur 9,6 Prozent der Einwohner ihren Wohnort - gegenüber 17,5
Prozent in den Vereinigten Staaten.
1
Aber während die Mobilität
der amerikanischen Bevölkerung oft als Beweis für deren
wirtschaftliche Dynamik gepriesen wird, läßt die geringe
Produktivität der US-Industrie Zweifel aufkommen, ob diese zur
wirtschaftlichen Effizienz tatsächlich beiträgt. Die Japaner, die
ihren Wohnort nur halb so oft wechseln, produzieren immerhin
doppelt soviel.
Europas Bürger unterhielten zu ihrem Staat seit jeher ein
Verhältnis des unausgesprochenen Vertrauens. Die
verschiedenen staatlichen Institutionen galten niemals als Feinde
im Gegensatz zu den USA, wo die liberale Ideologie nur den
sichtbaren und präsentablen Teil einer Einstellung gegenüber
dem Staat darstellt, die im Denken der Menschen geradezu
paranoide Züge annehmen kann. Nicht einmal in
Großbritannien, wo die liberale Revolution eine viel
-213-
bedeutendere Rolle spielte als in Frankreich, Deutschland oder
Italien, gibt es Bürgerwehren, die den angeblichen
Manipulationen des Zentral- oder - nach der amerikanischen
Terminologie - des Bundesstaates bewaffneten Widerstand
entgegensetzen wollen.
2
In allen europäischen Gesellschaften
bildet die soziale Absicherung den Kern des staatlichen
Ausgleichs. Vor diesem Hintergrund stellt der Export des US-
amerikanischen Modells vom deregulierten Kapitalismus für die
europäischen Gesellschaften, aber auch für die japanische, die
den fernen europäischen Vettern mit Blick auf all diese
Konstanten besonders nahe steht, eine Bedrohung dar.
In den Jahren 1990 bis 2000 wurde heftig über eine
Formenvielfalt des Kapitalismus nachgedacht, über einen
deutschen, rheinischen Industriekapitalismus, der nachhaltig den
sozialen Zusammenhalt, die Stabilität, die Ausbildung von
Arbeitskräften und technische Investitionen fördere und so ein
Gegenmodell zum angelsächsischen liberalen Kapitalismus
bilde, der auf kurzfristige Profite sowie auf die Mobilität von
Arbeit und Kapital setzt. Dabei steht Japan, natürlich mit
Abweichungen, hinsichtlich seines Wirtschaftsmodells wie
seines anthropologischen Hintergrundes - mit der von Frederic
Le Play immer wieder beschworenen Stammfamilie - näher an
Deutschland. Nachgedacht wurde dabei über die Vorteile und
Schattenseiten des jeweiligen Modells, wobei nach Ansicht der
meisten Kommentatoren der deutsche und japanische Typ in den
Jahren 1980 bis 1990 der erfolgreichere war, während der
angelsächsische in den Jahren 1990 bis 2000 eher auf einer
ideologischen Ebene als hinsichtlich der Leistungsfähigkeit der
Industrie - zusehends Aufwind bekam.
Die Frage der wirtschaftlichen Vorteile und Defizite rückt in
gewissem Sinn in den Hintergrund: Dem amerikanischen
System gelingt es nicht mehr, die eigene Bevölkerung zu
versorgen. Schwerwiegender aus europäischer Sicht sind
allerdings die ständigen Versuche, die Gesellschaften des alten
-214-
Kontinents, die stark in ihren Traditionen und staatlichen
Regularien verwurzelt sind, diesem liberalen Modell
anzupassen. Der sich daraus ergebende soziale Sprengstoff
schlägt sich in einem regelmäßigen Vormarsch der extremen
Rechten nieder, die in einer Wahl nach der anderen Erfolge
verbuchen kann. Betroffen sind inzwischen Dänemark, die
Niederlande, Belgien, Frankreich, die Schweiz, Italien und
Österreich, während Deutschland, das mit Rückblick auf die
dreißiger Jahre ganz unerwartet zu einem Pol des Widerstands
gegen den »Faschismus« avancierte, gegen den Aufstieg der
Rechten vorerst gefeit scheint. Die geringe Anfälligkeit
Großbritanniens erklärt sich auf den ersten Blick mit dessen
besserer Anpassungsfähigkeit an das ultraliberale Modell, auch
wenn sich hier Besorgnisse und eine neuerliche Begeisterung für
staatliche Eingriffe ins wirtschaftliche und soziale Leben zeigen,
sei es bei der Bildung, der Gesundheit oder der Verwaltung der
Eisenbahn. In Spanien und Portugal ist man sich dagegen
bewußt, daß die Immunität gegen die extreme Rechte hier nur
vorübergehend und einem relativen wirtschaftlichen Rückstand
zu verdanken ist.
Deutschland und Japan haben dem Druck folglich vorerst
widerstanden. Aber nicht deswegen, weil beide Länder flexibler
sind und mit sozialer Unsicherheit besser fertig werden könnten,
sondern weil ihre besonders starken Wirtschaften die
Volksmassen und Arbeiter bis in jüngste Zeit vor
Einkommensverlusten schützten. Man darf davon ausgehen, daß
eine Deregulierung nach amerikanischer Art in diesen Ländern,
in denen das Solidaritätsprinzip noch stark verankert ist, der
extremen Rechten verstärkt Zulauf verschaffen wird.
Genau hier ist das ideologische und strategische
Gleichgewicht bedroht: Der Typ Kapitalismus, der im
amerikanischen Modell aufgeht, bedroht zusehends die
Gesellschaften, die ihm bislang am hartnäckigsten widerstanden
haben. Deutschland und Japan, die führenden Industrienationen,
-215-
einst Nutznießer des Freihandels, werden jetzt von der
schwachen Nachfrage auf dem Weltmarkt stranguliert. Selbst
Japan kämpft mit steigenden Arbeitslosenraten. Von den
arbeitenden Schichten kann der Druck der Globalisierung nicht
mehr ferngehalten werden. Die ideologische Vorherrschaft des
Ultraliberalismus führt im Inneren dieser Gesellschaften zu einer
Kontroverse, die sich auf das geistige Klima wie auf das
politische Gleichgewicht verheerend auswirken könnte.
Die amerikanische Wirtschaftspresse fordert unablässig
Reformen dieser »unmodernen«, »geschlossenen« Systeme, die
in Wahrheit nur den Fehler haben, daß sie allzu produktiv sind:
In Zeiten der weltweiten Rezession leiden die Wirtschaften von
Industrienationen stets stärker als die rückständigen oder
weniger produktiven. So hatte die Krise von 1929 die
amerikanische Wirtschaft wegen ihrer damals starken Industrie
ins Mark getroffen. Dagegen waren die schwach produktiven
USA im Jahr 2000 besser gewappnet, um einer rückläufigen
Nachfrage zu begegnen. Auch enthalten die Artikel der
amerikanischen Wirtschaftspresse, die eine Modernisierung des
deutschen und japanischen Systems verlangen, eine
unfreiwillige Komik, könnte man sich doch ernsthaft fragen, wie
die Weltwirtschaft funktionieren würde, wenn Deutschlands und
Japans Handelsbilanzen die gleichen Defizite aufwiesen wie die
der USA. Dennoch führt der ideologische Druck durch Amerika
und die Vorherrschaft liberalistischer Anschauungen in den für
den Welthandel zuständigen Organisationen für die beiden
wichtigsten Verbündeten der USA, die am stärksten
exportorientierten Industrienationen, zu grundlegenden
Problemen.
Die Stabilität des amerikanischen Systems ruhte anfangs auf
zwei Grundpfeilern: auf Deutschland und Japan, die im Zweiten
Weltkrieg von Washington erobert und gezähmt worden waren.
Aber jetzt nehmen die USA angesichts ihres Defizits, ihres
Scheiterns und ihrer Angst neuerdings bei einer Intoleranz
-216-
Zuflucht, mit der sie sich beide Partner entfremden.
Das eigentlich bedeutsame Phänomen in Europa ist die
veränderte Haltung der dominanten Wirtschaftsmacht
Deutschland. Für den sozialen Zusammenhalt in der
Bundesrepublik stellt die amerikanische liberale Revolution eine
sehr viel größere Bedrohung dar als das republikanische Modell
Frankreichs, das durch eine Kombination aus
Eigenverantwortung und staatlicher Absicherung in der
Ausgestaltung liberaler ausfällt. In Begriffen der
»gesellschaftlichen Werte« gedacht, ist der Konflikt zwischen
Frankreich und den Vereinigten Staaten nur eine
Meinungsverschiedenheit, während die amerikanischen und
deutschen Anschauungen einen absoluten Gegensatz darstellen.
Sichtbar wurde diese deutsch-französische Verwerfungslinie
während der Reise George W. Bushs im Mai 2002 nach Europa.
Die Demonstrationen gegen seinen Besuch waren östlich des
Rheins sehr viel größer als auf der Seite der französischen
Nachbarn. Dabei glaubten sich die Franzosen, die hartnäckig an
der Erinnerung an General de Gaulle festhalten, bis in jüngste
Zeit als einzige in der Lage, gegenüber Amerika Flagge zu
zeigen. Ein Deutschland, das sich im Namen eigener Werte
auflehnt, können sie sich bislang kaum vorstellen. Dennoch wird
die Emanzipation Europas, falls sie stattfindet, den Deutschen
ebenso sehr zu verdanken sein wie den Franzosen.
Die Europäer sind sich ihrer Probleme mit Amerika, das sie
mit ihrer schieren Masse schützt und zugleich unterdrückt,
lebhaft bewußt. Spärlich ausgeprägt ist dagegen ihr Bewußtsein
dafür, welche Probleme umgekehrt sie den Vereinigten Staaten
bereiten. Oft erntet Europa Spott, weil es als wirtschaftlicher
Gigant angeblich weder über ein Bewußtsein noch über
politisches Handlungsvermögen verfüge. Diese zumeist
berechtigte Kritik läßt freilich außer acht, daß wirtschaftliche
Stärke unabhängig existiert und daß die aus ihr hervorgehenden
Mechanismen der Integration und Konzentration für die
-217-
Strategien der Länder mittel- oder langfristig unvorhergesehene
Folgen haben können. Deshalb fühlte sich Amerika schon vor
der Einführung des Euro von Europas wachsender
Wirtschaftskraft bedroht.

Die wirtschaftliche Stärke Europas

Der Freihandel schafft in der Praxis noch keine vereinigte
Welt, auch wenn er den Warenaustausch zwischen den
Kontinenten fördert. Die Globalisierung spielt hier eine
untergeordnete Rolle. Beim Wegfall von Handelsschranken
wird, statistisch gesehen, zunächst einmal der Austausch
zwischen benachbarten Ländern intensiviert, und auf den
einzelnen Kontinenten werden integrierte Wirtschaftsregionen
geschaffen: in Europa, Nord- und Mittelamerika, Südamerika
und in Fernost. Die liberalen Spielregeln, die unter der
amerikanischen Federführung festgelegt wurden, unterminieren
so die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten, indem sie fern von
Nordamerika regionale Blöcke entstehen lassen.
Europa wird so fast gegen seinen Willen zu einer
selbständigen Macht. Und es kommt für die Amerikaner noch
schlimmer: Das Spiel der wirtschaftlichen Kräfte sorgt dafür,
daß auch Europa - durch geographische Nähe und
Diffusionserscheinungen - dazu verurteilt ist, sich an seinen
Rändern neue Regionen einzuverleiben. Fast gegen seinen
Willen bringt es hier seine Stärke zur Geltung. Sein
wirtschaftliches Gewicht auf dem Kontinent führt dazu, daß es
die politische und militärische Macht der Vereinigten Staaten
fortschreitend zurückdrängt und beispielsweise amerikanische
Stützpunkte, wo diese existieren, mit seiner realen physischen
Masse umschließt.
Aus strategischer Sicht kann man die Welt auf zwei Arten
sehen: Militärisch betrachtet, erscheinen die Vereinigten Staaten
-218-
in der Alten Welt durchaus als präsent, während bei einer
wirtschaftlichen Betrachtungsweise deutlich wird, daß sie nicht
nur in Europa, sondern in ganz Eurasien immer stärker an den
Rand geraten.
Bei einer militärischen Betrachtung könnte man ein weiteres
Mal die US-Stützpunkte auf der Erde - in Europa, Japan, Korea
und anderswo - aufzählen. Leicht zu beeindruckenden Gemütern
mögen die 1500 versprengten Soldaten in Usbekistan oder die
12 000 des Stützpunkts Bagram in Afghanistan als strategisch
wichtige Präsenz erscheinen. Meiner Ansicht nach handelt es
sich dabei eher um eine Art Bankniederlassungen, die der
Verteilung von Subventionen an die lokalen Warlords dienen,
die noch immer die eigentliche Macht vor Ort ausüben - und so
beispielsweise auch die von Amerika gesuchten angeblichen
oder tatsächlichen Terroristen entkommen lassen können. Bei
aller Bescheidenheit sind diese Finanztransfers ausreichend: In
der stark unterentwickelten Region lassen sich lokale Söldner
zum Schnäppchenpreis anwerben.
Betrachten wir die strategischen Fragen unter einem
ökonomischen Gesichtspunkt hinsichtlich der Teile der Welt,
die sich tatsächlich entwickeln, in denen Industrien entstehen, in
denen die Gesellschaft erwacht und sich demokratisiert - zum
Beispiel an den Rändern Europas -, so zeigt sich sehr deutlich,
daß Amerika auf wirtschaftlicher und materieller Ebene hier
eigentlich gar nicht präsent ist.
Bedeutsam sind hier beispielsweise an der Peripherie der
Eurozone drei Länder, die für die Vereinigten Staaten in
strategischer Hinsicht eine Schlüsselposition innehaben:
- die Türkei, ein wichtiger Verbündeter, der als Brücke
zwischen Europa, Rußland und dem Nahen Osten dient;
- Polen, das es aus gutem Grund besonders eilig hat, in die
NATO einzutreten, um sich gegen die russische Vorherrschaft,
die bereits vor der kommunistischen Diktatur bestanden hatte,
-219-
endgültig abzusichern;
- Großbritannien, der natürliche Verbündete der Vereinigten
Staaten.

Tabelle 12 Der Außenhandel der Türkei, Polens und Großbritanniens
(in Millionen Dollar)
Türkei Polen Großbritannien
2000
Import Export Import Export Import Export
USA 7,2 11,3 4,4 3,1 13,4 15,8
Europa der 12 40,8 43,4 52,3 60 46,6 53,5
Rußland 7,1 2,3 9,4 2,7 0,7 0,4
Japan 3 0,4 2,2 0,2 4,7 2
China 2,5 0,3 2,8 0,3 b2,2 0,8
Quelle: OECD: Monatliche Statis tik zum internationalen Handel,
November 2001.

Nach den Planspielen der Militärstrategen könnte man sich
diese drei Länder als befestigte und stabile Stützpunkte
vorstellen, durch die sich die Amerikaner die Kontrolle über die
Welt zu sichern hoffen. So zählt im kindlichen Universum eines
Donald Rumsfeld beispielsweise allein die physische Stärke.
Treten wir aber vom militärischen Pausenhof aus hinaus in die
Welt der realen wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse, so erweisen
sich die Türkei, Polen und Großbritannien als drei Länder, die
schon jetzt im Einflußbereich der Eurozone liegen.
Großbritannien setzt im Handel mit 12 Ländern Europas 3,5mal,
die Türkei 4,5mal und Polen 15mal so viel um wie mit den
Vereinigten Staaten. In einem Wirtschaftskrieg zwischen Europa
und den Vereinigten Staaten bliebe Polen keine und der Türkei
kaum eine andere Wahl, als sich auf die Seite Europas zu
schlagen. Und Großbritannien müßte bei jeder direkten
Konfrontation mit dem europäischen Kontinent auf
wirtschaftlichem Gebiet einiges an Heldenmut aufbringen, wozu
es gegebenenfalls aber durchaus in der Lage wäre.
-220-
Diese Verhältnisse sind freilich nicht statisch: Bezieht man in
die Statistik die Daten für den Zeitraum zwischen 1995 und
2000 mit ein, so erweist sich Polen als ein Land, das
augenblicklich dabei ist, von der Eurozone aufgesogen zu
werden.
Die Türkei exportiert wie fast alle Länder der Erde etwas
mehr in die USA, als es aus ihnen einführt. Hier wie überall
bemühen sich die Vereinigten Staaten, ihrer Rolle als
allgegenwärtiger Konsument gerecht zu werden, der alle
möglichen Waren aufnimmt. Dagegen hat sich Großbritannien
trotz seiner vorrangigen Zugehörigkeit zur europäischen
Wirtschaftszone in den letzten fünf Jahren etwas stärker den
Vereinigten Staaten zugewandt. Der schlecht organisierte und
Deflationsängste schürende Weg zum Euro hat hier eher
abstoßend als anziehend gewirkt.
Diese Zahlen offenbaren vor allem, welche Bedeutung dem
Faktor geographische Nähe bei Warenaustausch zukommt. Die
Globalisierung wirkt auf zwei Ebenen, einer weltweiten und
einer regionalen, führt aber, wie die amerikanischen
strategischen Analysten befürchten, vornehmlich zu einer
Regionalisierung auf dem jeweiligen Kontinent und
Subkontinent. Wo sie sich als echt globaler Prozeß vollzieht,
treten die Vereinigten Staaten eher als Verbraucher von Waren
und Kapital auf, als daß sie zu der Entwicklung einen positiven
Beitrag leisten. Die schiere statistische Logik deutet darauf hin,
daß die Globalisierung über den intensivierten Austausch
innerhalb geographischer Nachbarschaften dazu führen wird,
daß sich der wirtschaftliche Schwerpunkt der Welt nach
Eurasien verlagern und Amerika so tendenziell isolieren wird.
Das freie Spiel der Kräfte, das anfangs von Amerika selbst
gefordert wurde, begünstigt die Entstehung eines integrierten
Europas, das in einer Region, die strategisch günstiger liegt als
der Einzugsbereich der USA, zur vorherrschenden Macht
aufsteigen wird. Wegen der Entwicklung Osteuropas, Rußlands
-221-
und islamischer Länder wie der Türkei oder des Iran und virtuell
auch der gesamten Anrainerschaft des Mittelmeeres scheint
Europa dazu bestimmt, zu einem Pol des Wachstums und der
Stärke zu werden. Seine Nähe zum Persischen Golf dürfte den
»Vordenkern« der amerikanischen Politik wohl als die
dramatischste Bedrohung der Stellung der USA in der Welt
erscheinen.
Ein mögliches Krisenszenario führt einem das
Zusammenspiel der wirtschaftlichen und militärischen Kräfte
deutlicher vor Augen: Was würde geschehen, wenn Europa als
der wichtigste Handelspartner Druck auf die Türkei ausübte,
damit sie den amerikanischen Streitkräften bei einem
eventuellen Angriff auf den Irak die Nutzung des Stützpunktes
Incirlik verweigerte? Wenn dies heute geschähe? Oder morgen?
Oder übermorgen? Begäbe sich die Türkei auf die europäische
Linie, so würde dies Amerikas militärisches Potential im Nahen
Osten dramatisch schwächen. Die Europäer ziehen solche
Szenarien gegenwärtig nicht ins Kalkül, aber die Amerikaner
rechnen mit ihnen.

Der Frieden mit Rußland und der islamischen Welt

Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten hat Europa keine
besonderen Probleme mit seiner Außenwelt. Es unterhält
Handelsbeziehungen zu den übrigen Staaten der Erde, kauft dort
notwendige Rohstoffe und Energie ein und bezahlt die Importe
mit den Gewinnen aus seinen Exporten. Sein langfristiges
strategisches Interesse ist folglich der Frieden. Dagegen wird
die Außenpolitik der Vereinigten Staaten in immer stärkerem
Maß von zwei Hauptkonflikten bestimmt, wobei die Gegner
unmittelbare Nachbarn Europas sind. Der eine, Rußland, steht
der amerikanischen Vorherrschaft als wichtigstes Hindernis
entgegen, kann von den USA aber wegen seiner Stärke nicht aus
-222-
dem Weg geräumt werden. Der andere Gegner, die islamische
Welt, ist ein Bühnenrivale, der lediglich der Inszenierung der
amerikanischen Militärmacht dient. Wegen des europäischen
Interesses am Frieden, insbesondere mit den beiden wichtigsten
Nachbarregionen, stehen die vorrangigen strategischen Ziele des
Kontinents inzwischen in einem radikalen Gegensatz zu den
amerikanischen Prioritäten.
Daß die Golfstaaten zur Versorgung ihrer wachsenden
Bevölkerungen ihr Öl verkaufen müssen, sichert Europa gegen
ein Embargo ab. Allerdings kann Europa die Unruhe, welche die
Vereinigten Staaten und Israel in der arabischen Welt stiften,
nicht auf Dauer hinnehmen. Die wirtschaftliche Realität legt
nahe, daß der arabische Raum in eine Sphäre der Kooperation
eintreten muß, die sich um Europa zentriert und die USA
weitgehend ausschließt. Die Türkei und der Iran haben
vollkommen begriffen, wo ihre wirtschaftliche Zukunft liegt.
Dabei darf eines freilich nicht übersehen werden: All diese
Entwicklungen sorgen zwischen Europa und den Vereinigten
Staaten mittelfristig für einen echten Antagonismus.
Mit Rußland, das sich allen Anzeichen nach zu einem
verläßlichen Partner entwickelt, der zwar wirtschaftlich und
militärisch geschwächt, aber ein bedeutender Exporteur von Öl
und Gas ist, kann Europa seine Wirtschaftsbeziehungen auf
zahlreichen weiteren Gebieten ausdehnen. Die strategische
Schwäche der USA gegenüber Rußland dämpft deren
Konfrontationsbereitschaft. Nach aggressiven Handlungen sind
sie immer wieder gezwungen, Rußland ihre Freundschaft zu
bekunden, wollen sie nicht riskieren, von Europäern und Russen
bei künftigen Verhandlungen ganz übergangen zu werden.
Mit Blick auf den Islam werden die USA zu einem immer
konkreteren Störfaktor. Die islamische Welt versorgt Europa zu
einem bedeutenden Anteil mit Zuwanderern: Pakistaner in
Großbritannien, Nordafrikaner in Frankreich, Türken in
Deutschland, um nur die wichtigsten Gruppen zu nennen. Die
-223-
Kinder dieser Einwanderer sind Staatsbürger ihrer Gastländer,
neuerdings auch in Deutschland, wo ein neues
Zuwanderungsgesetz die Einbürgerung erleichtern soll.
Friedliche und einvernehmliche Beziehungen sind für Europa so
nicht nur wegen der geographischen Nähe zu islamischen
Ländern, sondern auch zur Sicherung des inneren Friedens
notwendig. Die Vereinigten Staaten treten hier als innere und
internationale Unruhestifter auf. Frankreich, wo junge
Nordafrikaner aus sozial schwachen Verhältnissen in den ersten
vier Monaten des Jahres 2002 Anschläge auf Synagogen
verübten, bekam als erstes Land die destabilisierende Wirkung
der amerikanischisraelischen Politik zu spüren, auch wenn die
tieferen Ursachen des Aufstands in der wachsenden sozialen
Ungerechtigkeit innerhalb der französischen Gesellschaft liegen.
Es ist davon auszugehen, daß die amerikanische Politik in den
kommenden Jahren auch unter den Türken Deutschlands und
den Pakistanern Großbritanniens für Unruhe sorgen wird.

Das französisch-deutsche Ehepaar... und seine britische
Mätresse

Spricht man von Europa, seiner Stärke und seinen
wachsenden Gegensätzen zu den Vereinigten Staaten, so hat
man es hier mit einem völlig unzulänglich definierten Begriff zu
tun: Gemeint ist eine Wirtschaftsregion, ein Kulturkreis, ein
Konglomerat von Ländern oder, um die Sache besonders
unpräzise zu fassen, ein sich weiterentwickelndes Gebilde. Die
wirtschaftliche Integration schreitet gegenwärtig voran. Durch
seine schiere Größe und Erfolgsgeschichte zieht Europa weitere
Mitglieder im Osten an und scheint trotz aller Schwierigkeiten
dazu bestimmt zu sein, auch die Türkei aufzunehmen. Aber
dieser spontane wirtschaftliche Expansionsprozeß bewirkt auf
politischer Ebene zunächst einmal Desorganisation. Die
wirtschaftliche Erweiterung führt die europäischen Institutionen
-224-
an die Grenzen der Handlungsfähigkeit. Der Fortbestand der
Nationen, der sich in unterschiedlichen Sprachen, politischen
Systemen und Mentalitäten äußert, erschwert in besonderer
Weise eine Reform der Entscheidungsprozesse, der alle EU-
Mitglieder zustimmen müssen.
Aus einem globalen strategischen Blickwinkel betrachtet,
könnte diese Entwicklung als der Beginn eines
Auflösungsprozesses erscheinen. Tatsächlich wird sie
wahrscheinlich vor allem in eine vereinfachte dreiteilige
Führung münden, wobei Großbritannien, Deutschland und
Frankreich ein Triumvirat bilden werden. Sehr wahrscheinlich
werden sich - nach einigen Jahren der Mißhelligkeiten -
Deutschland und Frankreich stärker annähern. Obwohl die Rolle
Großbritanniens ein absolutes Novum wäre, kommt sie als
Möglichkeit durchaus in Betracht. Wir müssen Brzezinskis
grundlegenden Irrtum vermeiden, wonach Großbritannien im
Gegensatz zu Deutschland und Frankreich kein
»geostrategischer Spieler« sei und seine Politik keine intensive
Aufmerksamkeit erfordere. Angesichts der Rolle der britisch-
französischen Zusammenarbeit zur Entwicklung einer
europäischen Verteidigung kann dieses Urteil schon jetzt als
unzutreffend gelten.
Die deutsch- französischen Beziehungen waren zwischen 1990
und 2000 keineswegs gut. Die Wiedervereinigung hatte das
europäische Kräftegleichgewicht gestört, weil sich die 60
Millionen Franzosen nun einem Deutschland mit über 80
Millionen Menschen gegenüber sahen. Hinter der
Währungsunion, die eigentlich einen optimistischen Schritt in
die Zukunft darstellt, steckte in Wahrheit die Absicht, einem
möglichen deutschen Vormachtsstreben die Zügel anzulegen.
Zur Beschwichtigung der Deutschen stimmten die Europäer
allzu rigiden Konvergenzkriterien zu, die Jahre der Stagnation
zur Folge hatten. In dieser Zeit, vor allem während des Zerfalls
Jugoslawiens, trug Deutschland im Überschwang seiner
-225-
Wiedervereinigung nicht zur Beruhigung der politischen Lage
bei. Daß diese Zeit inzwischen vorüber ist, hängt zunächst
einmal damit zusammen, daß Deutschland mehr Flexibilität und
einen Hedonismus entwickelt, mit dem es sich der französischen
Mentalität annähert.
Wenden wir uns wieder der realen Politik und den
Kräfteverhältnissen zu: Die demographische Krise sorgt dafür,
daß sich Deutschland unweigerlich zu einer großen
europäischen Nation mit einer durchschnittlichen
Bevölkerungsstärke zurückentwickelt. Deutschlands
Geburtenrate liegt heute leicht unter der Frankreichs, so daß sich
das demographische Gewicht beider Länder wieder aneinander
angleichen wird. Die deutschen Eliten nehmen diese Rückkehr
zum Durchschnitt wahr. Die Euphorie der Wiedervereinigung
hat sich gelegt, und die deutsche Führung ist sich bewußt, daß
die Bundesrepublik nicht die Rolle der wichtigsten Großmacht
im Herzen Europas spielen wird. Zu dieser Rückkehr zum
Realitätsprinzip haben auch die konkreten Schwierigkeiten beim
Wiederaufbau der neuen Bundesländer beigetragen.
Frankreich, das durch die Einführung des Euro und dessen
Schwäche von seiner lähmenden Politik des starken Francs
befreit wurde, hat dank seiner günstigen
Bevölkerungsentwicklung zu einer gewissen Form der Dynamik
und des Selbstbewußtseins zurückgefunden. Alles in allem
sprechen sämtliche äußeren Umstände für eine Wiederbelebung
der deutsch- französischen Zusammenarbeit in einem Klima
echten Vertrauens.
Allerdings müssen wir einmal mehr feststellen, daß die Dinge
auch hier vornehmlich von selbst ihren Lauf nahmen. Die
ausgleichende Tendenz bei der Bevölkerungsentwicklung ist
nicht Folge einer bewußten Entscheidung. Sie spiegelt vielmehr
die Entwicklung der Gesellschaft wider und konfrontiert die
Führungen mit einem neuen Faktum. Daß sich zwischen
Frankreich und Deutschland bei der Bevölkerung erneut ein
-226-
Gleichgewicht einzustellen scheint, ist im übrigen nur ein
Aspekt der globalen demographischen Stabilisierung. Im Osten
trägt Rußlands rückläufige Bevölkerungsentwicklung mit dazu
bei, Deutschland und Europa die alte Angst zu nehmen,
gegenüber einer Nation, die einen ganzen Kontinent beherrscht
und deren Bevölkerung rasch wächst, in der
Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Der russische Bevölkerungsschwund, die deutsche Stagnation
und die relativ positive demographische Entwicklung in
Frankreich sorgen im weitesten Sinne dafür, daß sich in Europa
erneut ein Gleichgewicht einstellt - in einer Umkehrung der
Entwicklung, die den Kontinent zu Beginn des 20. Jahrhunderts
destabilisiert hatte. Damals hatte die demographische Stagnation
Frankreichs zusammen mit dem Bevölkerungswachstum in
Deutschland in der französischen Nation Befürchtungen
geweckt. Und im Osten hatte der noch rasantere
demographische Zuwachs in Rußland in Deutschland eine
regelrechte Russophobie zur Folge. Inzwischen sind die
Geburtenraten überall niedrig. Auch wenn diese Entwicklung
für die Zukunft Probleme schafft, so hat sie doch das Verdienst,
Besorgnisse in diesem Teil der Welt zu beschwichtigen. Sollten
sich die niedrigen Geburtenraten allerdings lange halten, so
kommt auf Europa eine echte, den Wohlstand des Kontinents
bedrohende Krise zu. Zunächst aber bleibt festzuhalten, daß die
stark rückläufige Bevölkerungsentwicklung ohne daß dies so
recht bewußt wurde - die Verschmelzung der europäischen
Volkswirtschaften durch den Freihandel begünstigt hat, weil sie
die Ängste vor einem politischen Übergewicht und einer
Aggression aus dem Bewußtsein der Akteure getilgt hat.
Dagegen begibt man sich mit jeder Prognose zum zukünftigen
Verhalten Großbritanniens zwangsläufig aufs Glatteis. Hier ist
die britische Zugehörigkeit zu zwei Sphären, der
angelsächsischen und der europäischen, als ein durch die Natur
der Sache vorgegebenes Faktum zu berücksichtigen.
-227-
Von der liberalen Revolution war England stärker betroffen
als jede andere europäische Nation, auch wenn die Briten heute
erneut davon träumen, ihre Eisenbahn wieder zu verstaatlichen
und ihr Gesundheitswesen durch eine solide Finanzierung zu
stärken. Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
Großbritannien gehen über diese enge sozioökonomische
Dimension weit hinaus: die Sprache, der Individualismus und
ein gewisser kongenialer Sinn für politische Freiheiten. Dies
alles ist offensichtlich, läßt aber eine andere Einsicht leicht in
den Hintergrund treten: daß die Engländer genauer als die
anderen Europäer neben Amerikas Defiziten auch dessen
Wandlungen wahrnehmen. Wenn sich Amerika zu seinen
Ungunsten verändert, erfassen dies die Briten als erste. Als der
engste Verbündete der USA sind sie dem ideologischen und
kulturellen Druck von jenseits des Atlantik auch am stärksten
ausgesetzt, weil sie im Gegensatz zu den Deutschen, Franzosen
oder anderen durch keine Sprachbarriere abgeschirmt werden.
Dies ist das Dilemma der Briten: Sie sind nicht nur zwischen
Europa und Amerika hin und her gerissen, sondern unterhalten
zu den Vereinigten Staaten zudem ein besonders
problematisches Verhältnis.
Sicher ist, daß die endgültige Entscheidung der Briten für
oder gegen den Euro von kapitaler Bedeutung sein wird nicht
nur für Europa, sondern auch für die Vereinigten Staaten. Die
Integration des Finanzplatzes London - des wichtigsten in der
Alten Welt - in die Eurozone würde für die Börse in New York
und die USA wegen ihrer Abhängigkeit von den globalen
Kapitalströmen einen schweren Schlag bedeuten. Angesichts der
defizitären amerikanischen Handelsbilanz könnte Londons
Eintritt in das zentrale europäische Finanzsystem die Welt aus
dem Gleichgewicht bringen. Es wäre eine Ironie der Geschichte,
wenn das von Brzezinski ignorierte Großbritannien durch seine
Entscheidung für Europa der amerikanischen Hegemonie den
Gnadenstoß versetzte.
-228-

-229-
Schluß

Unter Schmerzen finden weltweit Umbrüche bei Bildung und
Bevölkerungsentwicklung statt, und dabei bewegt sich die Welt
in Richtung Stabilität. Die Länder der Dritten Welt sind bei all
ihren ideologischen und religiösen Aufwallungen auf dem Weg
zu Entwicklung und mehr Demokratie. Es gibt keine globale
Bedrohung, die ein besonderes Engagement der Vereinigten
Staaten zum Schutz der Freiheit erfordert. Nur eine einzige
Bedrohung schwebt heute über dem weltweiten Gleichgewicht:
Amerika selbst ist von einer den Frieden schützenden zu einer
räuberischen Macht geworden. Während der politische und
militärische Nutzen Amerikas schwindet, merkt Amerika, daß es
auf die weltweit produzierten Güter nicht mehr verzichten kann.
Aber die Welt ist heute zu groß, zu bevölkert und zu vielfältig,
sie wird von zu vielen unkontrollierbaren Kräften bewegt. Keine
noch so intelligente Strategie erlaubt es Amerika, seine
halbimperiale Situation in ein Imperium de jure und de facto zu
verwandeln. Amerika ist dafür wirtschaftlich, militärisch und
ideologisch zu schwach. Deshalb löst jeder Schritt, der
Amerikas Zugriff auf die Welt verstärken soll, nur negative
Rückwirkungen aus, die seine strategische Position weiter
schwächen.
Was ist in den letzten zehn Jahren geschehen? Zwei sehr reale
Weltreiche standen sich gegenüber. Eines der beiden, das
sowjetische, ist inzwischen zerfallen. Das andere, das
amerikanische, stand ebenso in einem Prozeß der Auflösung.
Der Zusammenbruch des Kommunismus hat jedoch die Illusion
erzeugt, daß Amerika zur absoluten Macht gelangt wäre. Nach
dem Niedergang erst der sowjetischen, dann der russischen
Herrschaft glaubte Amerika, es könne seine Hegemonie auf den
gesamten Planeten ausdehnen, während in Wahrheit bereits
-230-
seine Macht über die eigene Einflußsphäre schwand.
Für eine stabile weltweite Hegemonie hätten bei den realen
Kräftebeziehungen zwei Bedingungen erfüllt sein müssen:
Erstens hätte Amerika uneingeschränkt die Macht über sein
europäisches und sein japanisches Protektorat behalten müssen,
die beiden Pole, wo mittlerweile reale wirtschaftliche Macht
versammelt ist. Reale Wirtschaft heißt in diesem
Zusammenhang, daß produziert wird und nicht nur konsumiert.
Zweitens müßte die strategische Macht Rußlands endgültig
zerschlagen werden: Die ehemalige sowjetische Einflußsphäre
müßte sich vollkommen auflösen, das Gleichgewicht des
nuklearen Schreckens müßte vorüber sein, so daß nur noch
Amerika allein in der Lage wäre, einen Schlag zu führen,
einseitig und ohne das Risiko auch nur der geringsten
Vergeltung von irgendeinem Land auf der Erde.
Weder das eine noch das andere Ziel wurde erreicht.
Ungehindert konnte Europa seinen Weg zu Einheit und
Autonomie gehen. Weitgehend unbemerkt hat Japan seine
Fähigkeit bewahrt, allein zu handeln, falls ihm eines Tages der
Sinn danach steht. Rußland stabilisiert sich und beginnt,
konfrontiert mit dem theatralischen Neo-Imperialisismus der
Vereinigten Staaten, seinen Militärapparat zu modernisieren.
Ideenreich und wirkungsvoll spielt es wieder mit auf dem
außenpolitischen Schachbrett.
Da Amerika die wahren Mächte der heutigen Welt nicht
kontrollieren kann - mit Japan und Europa kann es wirtschaftlich
nicht mithalten, Rußland kann es als Atommacht nicht
ausschalten -, mußte es, um wenigstens den Anschein einer
Weltmacht zu wahren, außenpolitisch und militärisch gegenüber
unbedeutenden Staaten aktiv werden: gegen die »Achse des
Bösen« und gegen die arabische Welt, zwei Sphären, deren
Schnittmenge der Irak bildet. Das militärische Handeln ist nach
Intensität und Risiko irgendwo zwischen echtem Krieg und
-231-
einem Videospiel angesiedelt. Man verhängt Embargos über
Länder, die sich nicht wehren können, man wirft Bomben auf
unbedeutende Armeen. Immer raffiniertere Waffensysteme
werden konstruiert und produziert, die genauso präzise sind wie
die Waffen in Videospielen, aber in der Praxis setzt man
unbewaffnete Zivilisten Bombardierungen aus, die dem
Bombenkrieg im Zweiten Weltkrieg nicht nachstehen. Das
Risiko für die Streitkräfte der Vereinigten Staaten ist praktisch
null. Alles andere als null ist es hingegen für die amerikanische
Zivilbevölkerung, weil die asymmetrische Herrschaft
terroristische Reaktionen aus den beherrschten Regionen
provoziert. Das aus der Sicht der Terroristen erfolgreichste
Beispiel sind die Anschläge vom l1.September 2001.
Der demonstrative Militarismus Amerikas, der dazu dienen
soll, die militärtechnische Unterlegenheit aller anderen Akteure
weltweit vorzuführen, hat schließlich die wahren Mächte der
Erde beunruhigt, und sie zur Annäherung veranlaßt: Europa,
Japan und Rußland. Hier erweist sich die amerikanische Taktik
als besonders kontraproduktiv. Die verantwortlichen Politiker in
den Vereinigen Staaten glaubten, sie würden höchstens eine
Annäherung zwischen der Großmacht Rußland und den beiden
weniger bedeutenden Mächten China und Iran riskieren,
während Japan und Europa ihnen als Protektorate erhalten
bleiben würden. Tatsächlich aber riskieren die Vereinigten
Staaten, wenn sie sich nicht besinnen, eine Annäherung
zwischen einer bedeutenden Nuklearmacht, Rußland, und zwei
dominierenden Wirtschaftsmächten, Europa und Japan.
Europa wird sich langsam der Tatsache bewußt, daß Rußland
nicht nur keine strategische Bedrohung mehr darstellt, sondern
im Gegenteil einen Beitrag zur europäischen Sicherheit leistet.
Wer kann denn wirklich sagen, ob die Vereinigten Staaten,
würde es Rußland als strategisches Gegengewicht nicht geben,
die Einführung der gemeinsamen europäischen Währung
gebilligt hätten, die mittelfristig eine große Gefahr für die
-232-
amerikanische Geldversorgung ist, und ebenso die Mission
Galileo, die das amerikanische Monopol auf ein militärisch
nutzbares Satellitennavigationssystem brechen wird? Das ist der
tiefere Grund, warum die Osterweiterung der NATO keinen
Sinn mehr ergibt oder einen anderen Sinn bekommt. Zu Anfang
konnte man die Einbeziehung der ehemaligen Volksdemokratien
in die NATO nur als aggressive Wendung gegen Rußland
interpretieren, ein verwunderlicher Schritt angesichts des
würdigen und friedlichen Endes der Sowjetunion. Damals
sprach man von einer symbolischen Assoziierung Rußlands, die
heute in den Verträgen niedergelegt ist, kosmetische
Verpackung einer enger gezogenen Einkreisung. Aber die
Einbeziehung Rußlands in die Konsultations- und warum nicht
auch in die Entscheidungsprozesse innerhalb der NATO wird
nach und nach für die Europäer zu einer wirklich reizvollen
Perspektive, weil damit ein strategisches Gegengewicht zu den
Vereinigten Staaten etabliert würde. Vor diesem Hintergrund
wird verständlich, warum die NATO die Amerikaner immer
weniger interessiert und sie immer mehr »selbst handeln«
wollen auf der Bühne des theatralischen Militarismus.
Die Kontrolle über die Ölfelder am Persischen Golf und in
Mittelasien erscheint wie ein rationales Ziel amerikanischen
Handelns gegenüber schwachen Ländern. Es scheint nur
rational, weil Amerika mittlerweile in allen Bereichen abhängig
ist und nicht nur beim Erdöl. Aber gerade hier erzeugt das
Handeln der Vereinigten Staaten die deutlichsten
Gegenreaktionen. Die Unruhe und Aufregung, die die
Amerikaner in der Golfregion schüren, ihr offenkundiger
Wunsch, die Energiereserven der Europäer und Japaner zu
kontrollieren, werden die beiden Protektorate über kurz oder
lang dazu bringen, daß sie in Rußland, dem zweitgrößten
Erdölproduzenten der Welt und dem wichtigsten Gaslieferanten,
einen unverzichtbaren Partner erkennen. Rußland wiederum
erlebt, daß es als Erdöllieferant handfeste Unterstützung findet,
-233-
von Zeit zu Zeit noch verstärkt durch hektische Aktivitäten
Amerikas im Nahen Osten - ein schönes Geschenk, zu dem es
sich nur gratulieren kann. Wenn die amerikanische Diplomatie
für Aufregung und Unruhe sorgt, fließen um so mehr Devisen
aus Erdölgeschäften nach Rußland.
Eine weitergehende Abstimmung zwischen Europäern und
Japanern, die beide vor der Situation stehen, daß Amerika ihre
Energieversorgung kontrolliert, erscheint in dieser Situation
unausweichlich. Die Ähnlichkeiten zwischen der europäischen
und der japanischen Wirtschaft, beide nach wie vor von der
industriellen Produktion geprägt, werden mit Sicherheit zur
Annäherung führen. Das zeigt sich sehr deutlich in der jüngsten
Entwicklung der japanischen Direktinvestitionen im Ausland -
Übernahmen und Neugründungen von Unternehmen. 1993 hat
Japan 17 500 Milliarden Yen in Amerika investiert und nur
9200 Milliarden in Europa. In 2000 hat sich das Verhältnis
umgekehrt: Investitionen in Höhe von 27000 Milliarden in
Europa standen nur 13 500 Milliarden in Nordamerika
gegenüber.
1

Für die Liebhaber theoretischer Modelle ist das Verhalten
Amerikas eine ausgezeichnete Gelegenheit zu studieren, wie
zuverlässig negative Gegenreaktionen erfolgen, wenn ein
strategischer Akteur ein Ziel ansteuert, das zu groß für ihn
geworden ist. Jeder Schritt Amerikas in dem Bestreben, die
Kontrolle über den Planeten zu behalten, führt zu neuen
Problemen.
Das Spiel geht langsam voran, weil alle beteiligten Mächte -
nicht nur Amerika - grundlegende Schwächen aufweisen.
Europa ist durch seine mangelnde Einigkeit und durch seine
demographische Krise behindert, Rußland durch seine
wirtschaftliche und demographische Schwäche, Japan durch
seine geographische Isolierung und ebenfalls durch seine
demographische Situation. Deshalb wird die Partie nicht mit
einem Matt enden, das heißt mit dem Sieg einer einzelnen
-234-
Macht, sondern mit einem Patt, einer Situation, in der keiner
mehr herrscht. Europa, Rußland und Japan zusammen sind
zweieinhalbmal so stark wie Amerika. Der seltsame
Aktionismus der Vereinigten Staaten in der muslimischen Welt
drängt die drei Mächte der Nordhalbkugel immer mehr zu einer
langfristigen Annäherung.
Die Welt, die dadurch entsteht, wird kein Weltreich mehr
sein, in dem eine einzige Macht das Sagen hat. Wir werden es
vielmehr mit einem komplexen System zu tun haben, in dem
sich etliche Staaten und Metastaaten ausbalancieren, die
gleichgewichtig sind, ohne gleich im eigentlichen Wortsinn zu
sein. Bei bestimmten Einheiten wie dem russischen Pol wird im
Mittelpunkt ein einziges Land stehen. Das gilt auch für Japan,
geographisch ein Zwerg, aber wirtschaftlich ein Riese mit einer
Industrieproduktion so groß wie die der Vereinigten Staaten.
Wenn Japan wollte, könnte es in fünfzehn Jahren Amerika in
militärischer und technologischer Hinsicht einholen oder gar
überholen. Auf sehr lange Sicht wird China zu dieser Gruppe
aufschließen. Europa ist eine Ansammlung von Staaten mit den
beiden Partnern Deutschland und Frankreich im Mittelpunkt,
aber seine wahre Macht hängt von der Beteiligung
Großbritanniens ab. Südamerika wird sich allem Anschein nach
unter brasilianischer Führung organisieren.

Demokratien und Oligarchien

Die Welt, die aus dem Zusammenbruch des Sowjetreichs und
der Auflösung des amerikanischen Herrschaftssystems
hervorgeht, wird nicht einheitlich demokratisch und liberal sein,
wie Fukuyama es erträumt hat. Es wird aber auch keine
Rückfälle in Formen des Totalitarismus geben, weder in einen
nationalsozialistischen noch in einen faschistischen, noch in
einen kommunistischen. Eine doppelte Bewegung bestimmt den
-235-
Fortgang der menschlichen Geschichte. Die Entwicklungsländer
bewegen sich in Richtung Demokratie, angetrieben durch die
massenweise Alphabetisierung, die kulturell homogene
Gesellschaften hervorbringt. In der entwickelten Welt mit den
drei Mächten wird in unterschiedlichem Ausmaß eine Tendenz
zur Oligarchie spürbar, ausgelöst durch eine Differenzierung der
Gesellschaften nach Bildungsniveaus, wodurch die
Gesellschaften in neue Schichten mit »oberen«, »unteren« und
verschiedenen »mittleren« Niveaus gegliedert werden.
Allerdings dürfen wir den antidemokratischen Effekt der
Ausdifferenzierung von Schichten nach unterschiedlichen
Bildungsniveaus nicht übertreiben: Die allgemeine
Alphabetisierung ist in den entwickelten Ländern gegeben, und
sie müssen irgendwie mit dem Widerspruch zurechtkommen,
daß die Alphabetisierung der Massen eine Tendenz zur
Demokratisierung entfaltet und die Differenzierung durch die
höhere Bildung eine Tendenz zur Oligarchisierung.
Die Etablierung neuer Formen des Protektionismus in den
oben erwähnten Großregionen oder Metanationen könnte die
demokratische Tendenz stärken, weil sie im wirtschaftlichen
Bereich und bei der Verteilung des Volkseinkommens (oder des
Einkommens einer Region) die Arbeiter und die technische
Intelligenz begünstigen würde.
Der unbeschränkte Freihandel fordert die Ungleichheit der
Einkommen und wird deshalb die umgekehrte Wirkung haben,
das heißt das oligarchische Prinzip unterstützen. Wenn Amerika
über eine vom Freihandel geprägte Weltwirtschaft regierte,
würden wir die Entwicklung erleben, die sich bereits zwischen
1995 und 2000 abgezeichnet hat: die Verwandlung des
amerikanischen Volkes in die Plebs eines Weltreiches, die
ernährt wird mit Waren aus den Volkswirtschaften des gesamten
Planeten. Doch wie ich zu zeigen versucht habe, ist es sehr
unwahrscheinlich, daß diese imperiale Situation Wirklichkeit
wird.
-236-

Erst verstehen, dann handeln

Was können wir tun, wir als Bürger und unsere Politiker,
wenn wir in dieser Weise wirtschaftlichen, soziologischen und
historischen Kräften ausgesetzt werden?
Zuerst einmal müssen wir lernen, die Welt so zu sehen, wie
sie ist, und uns von Ideologien und Illusionen des Augenblicks
freimachen. Wir dürfen uns von dem permanenten falschen
Alarm der Medien nicht beeindrucken lassen. Wenn wir die
realen Kräfteverhältnisse erkennen, ist schon sehr viel
gewonnen. Immerhin haben wir dann die Chance, sinnvoll zu
handeln. Amerika ist keine Supermacht mehr. Im gegenwärtigen
Zustand kann Amerika nur kleine Länder tyrannisieren. Bei den
wirklich globalen Konflikten ist Amerika dem gemeinsamen
Willen von Europäern, Russen und Japanern ausgeliefert. Diese
drei Mächte zusammen haben theoretisch die Möglichkeit,
Amerika zu überwältigen. Amerika kann von seiner
Wirtschaftstätigkeit allein nicht leben, es braucht
Kapitalzuflüsse von außen, um sein Konsumniveau zu halten:
gegenwärtig 1,2 Milliarden Dollar täglich. Heute ist es so weit,
daß Amerika ein Embargo fürchten muß, wenn es für die Welt
zu bedrohlich werden sollte.
Einige amerikanische Strategen wissen das, aber ich fürchte,
daß sich die Europäer nicht immer der strategischen
Auswirkungen bewußt sind, die manche ihrer Entscheidungen in
sich bergen. Der Euro, geboren in Konflikt und Unsicherheit,
wird in Zukunft, wenn er sich behaupten kann, eine beständige
Bedrohung für das amerikanische System sein. Durch den Euro
ist ein Wirtschaftsraum entstanden, der größer ist als der
amerikanische. Die beteiligten Staaten können in einem Ausmaß
gemeinsam handeln und mit einer Kraft, die bestehende
Gleichgewichte erschüttern oder vielmehr das Ungleichgewicht
-237-
zu Lasten der Vereinigten Staaten verstärken kann.
Vor der Einführung des Euro konnten die Vereinigten Staaten
bei allem, was sie taten, auf die Asymmetrie zählen. Die
Schwankungen des Dollarkurses wirkten sich auf die ganze
Welt aus. Die Kursschwankungen der kleinen Währungen
neutralisierten sich gegenseitig und hatten keine Auswirkung auf
die Vereinigten Staaten. Heute müssen die Vereinigten Staaten
mit dem Damoklesschwert weltweiter Bewegungen in einer
Richtung leben. Ein Beispiel ist der Absturz des Eurokurses von
seiner Einführung bis Februar 2002. Diese weder beabsichtigte
noch geahnte Entwicklung führte zwar zu einer Kapitalflucht in
die Vereinigten Staaten, hatte aber auch die Folge, daß die
Preise für europäische Waren um 25 Prozent sanken. Mit dem
Euro wurde de facto ein tarifäres Handelshemmnis errichtet.
Daß die Europäer später protestierten, als die Amerikaner
Strafzölle auf Stahlerzeugnisse erhoben, spricht für ein
einigermaßen schlechtes Gewissen. Oder schlimmer noch: Es
zeigt, daß sie sich ihrer tatsächlichen Macht gar nicht bewußt
waren. Die Herren protestierten, als wären sie Diener. Wenn der
Wechselkurs des Euro wieder steigt, kann das langfristig der
amerikanischen Industrie zugute kommen, kurzfristig wird es
aber die Kapitalversorgung der Vereinigten Staaten von einem
Tag auf den anderen austrocknen.
Der Euro wird die europäischen Länder zu größerer
wirtschaftspolitischer Abstimmung und wahrscheinlich
irgendwann zu einer gemeinsamen Haushaltspolitik veranlassen
in einem Umfang, wie es das bisher noch nicht gegeben hat.
Wenn das nicht gelingt, wird der Euro wieder verschwinden.
Aber die Europäer müssen wissen, daß eine konzertierte
Haushaltspolitik auf europäischer Ebene weltweite
makroökonomische Auswirkungen haben und das
amerikanische Monopol auf die Steuerung der Konjunktur
brechen wird. Wenn die Europäer Maßnahmen zur weltweiten
Belebung der Konjunktur einleiten, machen sie schlagartig den
-238-
einzigen realen Dienst zunichte, den die Vereinigten Staaten der
Welt noch erweisen: die Förderung der Nachfrage mit
keynesianischen Mitteln. Wird Europa ein autonomer Pol der
keynesianischen Konjunktursteuerung, was wünschenswert ist,
dann wird es damit de facto das amerikanische System
zerschlagen.
Ich wage nicht, auf wenigen Seiten die unzähligen Effekte
und Interaktionen zu skizzieren, die eine solche
Verhaltensänderung hätte, die Wirkungen auf die
Handelsströme, die Finanzströme und die
Wanderungsbewegungen weltweit. Aber das Endergebnis ist
leicht vorauszusehen: Ein regulierender Pol würde in Eurasien
entstehen, näher am ökonomischen Herzen der Welt, und es
wäre zu erwarten, daß sich die Waren-, Geld- und
Menschenströme, von denen Amerika heute lebt, neu ausrichten
würden. Amerika müßte dann so leben wie die anderen Länder
auch, es müßte sein Handelsbilanzdefizit ausgleichen, und das
würde für die amerikanische Bevölkerung eine Senkung des
Lebensstandards um 15 bis 20 Prozent bedeuten. In dieser
Schätzung ist bereits berücksichtigt, daß nur importierte und
exportierte Waren international zu Buche schlagen. Die
Mehrzahl der Waren und Dienstleistungen, die derzeit Eingang
in die Berechnung des amerikanischen BIP finden, haben auf
den internationalen Märkten keinen Wert und werden bei der
Berechnung massiv überbewertet.
Die Aussicht auf eine derartige Neuanpassung hat nichts
Beängstigendes. Ein Rückgang des Lebensstandards in dieser
Größenordnung ist nicht im entferntesten mit dem vergleichbar,
was die Russen nach dem Zerfall des Kommunismus erlebt
haben (ein Rückgang um mehr als 50 Prozent), und das von
einem Pro-Kopf-Einkommen ausgehend, das erheblich niedriger
lag als in den Vereinigten Staaten. Die amerikanische
Volkswirtschaft ist von Natur aus flexibel, und wir können
voller Zuversicht mit einer raschen Anpassung rechnen, die für
-239-
die gesamte Weltwirtschaft von Vorteil wäre. Über der
kritischen Analyse der gegenwärtigen Entwicklungen dürfen wir
die ureigensten Qualitäten Amerikas nicht vergessen, ob das nun
die wirtschaftliche Flexibilität ist oder die Treue zum Prinzip der
politischen Freiheit. Vernünftig über die Zukunft Amerikas
nachzudenken kann nicht bedeuten, daß man es loswerden oder
demütigen möchte oder sonstigen bizarren oder gewaltsamen
Visionen nachhängt. Was die Welt braucht, ist nicht, daß
Amerika untergeht, sondern daß Amerika wieder es selbst wird,
ein demokratisches, liberales, produktives Land - soweit das
möglich ist, denn in der menschlichen Geschichte wie in der
Entwicklung aller Tierarten gibt es keine vollkommene
Rückkehr in statu quo ante. Die Dinosaurier sind nicht
zurückgekommen. Die großzügige Weltmacht, die Amerika in
den fünfziger Jahren war, wird es nie mehr sein.
Was können wir sonst noch tun, außer die Realitäten der Welt
mit klarem Blick zu betrachten? Wir können bescheiden kleine
Schritte unternehmen, um den Übergang zu erleichtern, der ganz
von selbst vonstatten geht. Keine Außenpolitik kann angesichts
der weltweiten wirtschaftlichen, demographischen und
kulturellen Kräfteverhältnisse heute den Gang der Geschichte
noch beeinflussen. Wir können nur versuchen, die Entstehung
einer vernünftigen politischen Superstruktur zu erleichtern und
gewaltsame Konfrontationen möglichst zu verhindern.
In dem Zustand der Unsicherheit, in dem sich die
amerikanische Wirtschaft und Gesellschaft heute befinden, ist
das Gleichgewicht der atomaren Abschreckung nach wie vor
unverzichtbar, ob es nun durch das russische Waffenarsenal
aufrechterhalten wird oder ob die Europäer ein gemeinsames
Abschreckungspotential aufbauen.
Europa und Japan, die bezahlen können, was sie importieren,
müssen direkt mit Rußland, dem Iran und der arabischen Welt
über die Sicherung ihrer Ölversorgung verhandeln. Sie haben
keinen Grund, sich auf militärische Showinterventionen nach
-240-
amerikanischem Vorbild einzulassen.
Die Vereinten Nationen müssen als Vertretung einer
bestimmten Weltanschauung wie als politische Organisation die
Institution werden, die weltweit für Ausgleich sorgt. Insofern
haben die Vereinigten Staaten mit ihrer feindseligen Haltung
gegenüber der UNO die Gefahr korrekt vorweggenommen.
Damit die große Weltorganisation effizienter sein kann, muß sie
die realen ökonomischen Kräfteverhältnisse stärker einbeziehen
und ihnen genauer Rechnung tragen. In einer Welt, wo Krieg
mit ökonomischen Mitteln geführt wird, müssen die beiden
großen Wirtschaftsmächte Japan und Deutschland einen
ständigen Sitz im Sicherheitsrat haben. Ihre bisherige
Abwesenheit zeugt nur davon, daß sie sich dem amerikanischen
System unterwerfen.
Einen ständigen Sitz für Japan zu fordern gebietet allein der
gesunde Menschenverstand. Japan hat als einziges Land einen
Angriff mit Nuklearwaffen erlebt. Es ist durch und durch
pazifistisch und damit Träger einer authentischen Legitimität
geworden. Seine wirtschaftlichen Vorstellungen weichen von
denen der angelsächsischen Welt stark ab, und damit kann Japan
ein für die ganze Welt nützliches Gegengewicht darstellen. Bei
Deutschland liegen die Dinge komplizierter, weil die
europäischen Länder im Sicherheitsrat schon stark
überrepräsentiert sind und weil es nicht angehen kann, daß das
Ungleichgewicht durch einen zusätzlichen Sitz noch verstärkt
wird. Hier könnte Frankreich Klugheit beweisen und anbieten,
seinen Sitz mit Deutschland zu teilen. Ein gemeinsamer Sitz mit
Deutschland hätte sehr viel mehr Gewicht als der gegenwärtige
französische Sitz: Das deutsch- französische Paar könnte ein
echtes Vetorecht ausüben.
Ein Beitrag zur Anpassung der politischen Super-Struktur der
Welt an die ökonomischen Realitäten könnte auch darin
bestehen, daß die Standorte einiger Weltorganisationen von den
Vereinigten Staaten nach Eurasien verlegt würden.
-241-
Wahrscheinlich wäre es sehr viel leichter und weniger
konfliktträchtig, neue Organisationen zu schaffen, als den Sitz
von IWF oder Weltbank zu verlegen, zweier Organisationen, die
heute in der öffentlichen Meinung weltweit wenig Ansehen
genießen.
Bei diesen Vorschlägen geht es um sehr viel mehr als nur
darum, eine institutionelle Form für das zu finden, worauf es
wirklich ankommt: daß wir uns der tatsächlichen
wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse auf unserem Planeten
bewußt werden. Wenn die Welt durch das natürliche Spiel der
demographischen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen
Kräfte wirklich zu Gleichgewicht und friedlichem Ausgleich
tendiert, dann bedarf es keiner großen Strategie. Doch eines ist
sehr wichtig: Wir dürfen nicht vergessen, daß heute wie gestern
die großen bewegenden Kräfte Demographie und Bildung sind
und daß die wahre Macht wirtschaftlicher Natur ist. Es nützt
nichts, wenn wir uns in das Trugbild einer militärischen
Konkurrenz zu den Vereinigten Staaten verrennen, einer
militärischen Pseudo-Konkurrenz, mit der Folge, daß wir
dauernd irgendwo in Ländern ohne wirkliche strategische
Bedeutung intervenieren. Wir dürfen nicht nach dem Vorbild
der amerikanischen Armee das Konzept des Kriegsschauplatzes
ersetzen durch ein Konzept des Kriegsschauspieles. Sollten wir
an der Seite der Vereinigten Staaten im Irak intervenieren,
würden wir eine Komparsenrolle in einer blutigen Posse
übernehmen.
Im 20. Jahrhundert ist es keinem Land gelungen, seine Macht
durch Krieg oder auch nur durch Aufrüstung zu vergrößern.
Frankreich, Deutschland, Japan und Rußland haben durch Krieg
und Rüstungswettlauf unendlich viel verloren. Die Vereinigten
Staaten haben sich als Sieger des 20. Jahrhunderts behauptet,
weil es ihnen über einen sehr langen Zeitraum gelungen ist, sich
nicht in die militärischen Auseinandersetzungen der Alten Welt
hineinziehen zu lassen. Folgen wir dem Beispiel dieses
-242-
Amerika, des erfolgreichen Amerika. Wagen wir es, stark zu
sein, indem wir den Militarismus ablehnen und bereit sind, uns
auf die inneren wirtschaftlichen und sozialen Probleme unserer
Gesellschaften zu konzentrieren. Schauen wir zu, wie das
gegenwärtige Amerika seine verbliebenen Kräfte im »Kampf
gegen den Terrorismus« vergeudet als Ersatz für den Kampf zur
Verteidigung einer Hegemonie, die nicht mehr existiert. Wenn
Amerika weiter darauf beharrt, seine Allmacht zu
demonstrieren, wird es schließlich der Welt nur seine Ohnmacht
enthüllen.

-243-
Anmerkungen

Einführung
1 Norman Podhoretz, »How to Win World War IV«, in:
Commentary, Februar 2002, S. 19-28.
2 Vgl. zum Beispiel Noam Chomsky, Rogue States. The Rule
of Force in World Affairs, London 2000.
3 Benjamin R. Barber, Coca-Cola und Heiliger Krieg. Der
grundlegende Konflikt unserer Zeit, Bern, München, Wien 2001.
4 Henry Kissinger, Die Herausforderung Amerikas.
Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München, Berlin 2001.
5 Paul Kennedy, Aufstieg und Fall der großen Mächte.
Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 bis
2000, Frankfurt am Main 1989 (englische Ausgabe 1988).
6 Samuel P. Huntington, Der Kampf der Kulturen. Die
Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München
1996.
7 Robert Gilpin, Global Political Economy. Understanding
the International Economic Order, Princeton 2001.
8 Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht. Amerikas
Strategie der Vorherrschaft, Berlin 1997.
9 Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen
wir?, München 1992.
10 Ebenda, Kapitel 10. Bildung erscheint als eine Folge der
Entwicklung zur Industriegesellschaft.
11 Michael Doyle, »Kant, Liberal Legacies, and Foreign
Policy«, in: Philosophy and Public Affairs, I und II, 1983 (12),
S. 205-235 und S. 323-353.
12 »If we have to use force, it is because we are America. We
are the indispensable nation. We stand tall. We see further into
-244-
the future.« (»Wenn wir Gewalt anwenden müssen, dann
deshalb, weil wir Amerika sind. Wir sind die unverzichtbare
Nation. Wir sind groß. Wir blicken weiter in die Zukunft.«)
13 Zu Einzelheiten dieses Zusammenhangs vgl. mein Buch
Die neoliberale Illusion. Über die Stagnation der entwickelten
Gesellschaften, Zürich 1999, Kap. 5.
14 Michael Lind, The Next American Nation. The New
Nationalism and the Fourth American Revolution, New York
1995.
15 Michael Young, Es lebe die Ungleichheit. Auf dem Weg
zur Meritokratie, Düsseldorf 1961 (englische Ausgabe 1958).
16 Michael Lind, op. dt., S. 145.

Kapitel l
1 Für eine detaillierte Analyse vgl. mein Buch Die neoliberale
Illusion. Über die Stagnation der entwickelten Gesellschaften,
Zürich 1999, Kap. 6.
2 Den demographischen Übergang im Iran untersucht Marie
Lädier, Population, société et politique en Iran, de la monarchie
à la république islamique, Dissertation EHESS, Paris 1999.
3 Youssef Courbage, »Demographic Transition Among the
Maghreb Peoples of North Africa and in the Emigrant
Community Abroad«, in: Peter Ludlow, Europe and the
Mediterranean, London 1994.
4 In Malaysia gibt es eine starke chinesische Minderheit.
5 In Nigeria gibt es eine starke christliche Minderheit.
6 Youssef Courbage, »Israel et Palestine: combien d'hommes
demain?«, in: Population et sociétés, Nr. 362, November 2000.
Die Geburtenrate der Ultraorthodoxen allein liegt bei 7.
7 Pierre Manent, Les liberaux, Paris 2001.
8 Zur allgemeinen Analyse dieser Beziehungen vgl.
-245-
Emmanuel Todd, L'enfance du monde. Structures familiales et
développement, Paris 1984, sowie Ders., L'invention de
l'Europe, Paris 1990.
9 Ders., Vor dem Sturz. Das Ende der Sowjetherrschaft,
Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1977. Vgl. auch Kapitel 5.
10 Vgl. Jean-Claude Chesnais, La transition démographique,
Schriftenreihe des INED; Nr. 113, 1986, S. 122.
11 Gilles Kepel, Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg
und Niedergang des Islamismus, München, Zürich 2002.
12 Von 1975 bis 2000 ist die Zahl der Kinder pro Frau in
Usbekistan von 5,7 auf 2,7 zurückgegangen, in Turkmenistan
von 5,7 auf 2,2 und in Tadschikistan von 6,3 auf 2,4.
13 Ganz dem klassischen Muster folgend, ist der
Sezessionskrieg in einer Phase ausgebrochen, als die
Geburtenrate der ursprünglichen angelsächsischen Bevölkerung
sank. Im Sezessionskrieg sind mehr Menschen gestorben -
620000, davon 360000 aus den Nordstaaten - als in allen
anderen Konflikten (einschließlich Vietnam), an denen die
Vereinigten Staaten seit 1776 beteiligt waren.
14 Zur Entwicklung der Fruchtbarkeit in dieser Region siehe
J.-P. Sardon, Transition et fécondité dans les Balkans
socialistes, sowie B. Kotzamanis und A. Parant, L'Europe des
Balkans, différente et diverse?, Konferenz in Bari, Juni 2001.

Kapitel 2
1 Geschrieben 1793, deutsche Ausgabe Frankfurt am Main
1976.
2 Neuausgabe unter dem Titel La diversité du monde, Paris
1999.
3 Zu weiteren Einzelheiten vgl. La troisième planète, op. cit.,
Kap. 5. Die Muslime in Jugoslawien, Albanien und Kasachstan
sind patrilinear, gemeinschaftlich, egalitär, aber nicht endogam.
-246-
Die Muslime in Malaysia und Indochina haben ein vollkommen
anderes Familiensystem, die Stellung der Frau ist sehr viel
höher, und es gibt eine wichtige matrilokale Abweichung: Ein
Paar lebt nach der Eheschließung meist in der Nähe der Familie
der Frau.
4 1853 schrieb Tocqueville in einem Brief an Gustave de
Beaumont über die russische Landbevölkerung, sie sei wie »ein
Amerika ohne Aufklärung und Freiheit. Eine demokratische
Gesellschaft, vor der man Angst bekommen könnte.« (A. de
Tocqueville, (Euvres complètes, Bd. VIII, Correspondance
d'Alexis de Tocqueville et de Gustave de Beaumont, Paris 1967,
Bd. 3, S. 164.)
5 Aus dem Landesdurchschnitt von 2,1 werden die Hispanos
und die Schwarzen herausgerechnet.

Kapitel 3
1 Zu dem Gesamtkomplex vgl. R. Meiggs, The Athenian
Empire, Oxford 1972.
2 Siehe G. Alföldy, Histoire sociale de Rome, Paris 1991.
3 http:// www.census.gov/foreigntrade/balance
4 U.S. Trade Balance With Advanced Technology, U. S.
Census Bureau,
http://www.census.gov/foreigntrade/balance/cOOOV.html
5 Arnold Toynbee und Mitarbeiter, The World in March 1939,
London 1952.
6 Chalmers Johnson, Ein Imperium verfällt. Wann endet das
amerikanische Jahrhundert?, München 2000, über den
Nachfrageeinbruch und die Folgen S. 252ff.
7 Joseph Stiglitz, Die Schatten der Globalisierung, Berlin
2002. Originalausgabe unter dem Titel Globalization and Its
Discontents, New York 2002.
8 Es ist wohl kein Zufall, daß in einem großen
-247-
Hollywoodstreifen, Gladiator, das Römische Reich erstmals im
Prinzip sehr positiv dargestellt, nur seine Degeneration kritisiert
wird (panem et circenses). Wir sind weit entfernt von
antirömischen Spielfilmen wie Quo vadis?, Spartacus und Ben
Hur.
9 Friedrich List, Das natürliche System der politischen
Ökonomie, Berlin 1927 (Originalausgabe 1841).
10 Michael Lind, The Next American Nation, New York
1995. Im Jahr 1984 spendeten die Unternehmen der
demokratischen Partei mehr als die Gewerkschaften, ebenda S.
187.
11 Ebenda, S. 231.

Kapitel 4
1 B. H. Liddell Hart, Geschichte des Zweiten Weltkrieges,
Düsseldorf 1972.
2 Die verfügbaren Zahlen erlauben uns nicht, nach Frontlinien
und Kriegsschauplätzen zu unterscheiden, aber die
Gesamtstatistik der Gefallenen gibt schon einen Hinweis:
Vereinigte Staaten (gegen Deutschland und Japan): 300000
Vereinigtes Königreich: 260000
Frankreich: 250 000
Rußland: 13000000
Japan (gegen alle Feinde): 1750000
Deutschland: 3250000
3 U.S. Census Bureau, Statistical Abstract of the United
States: 2000, Tabelle 580.
4 Eine sehr gute Analyse der Realitäten bei den
amerikanischen Militärausgaben und der militärischen Stärke
liefert M. E. O'Hanlon, Defense Policy Choices for the Bush
Administration 2001-2005, Brookings Institution Press 2001.
-248-
5 Interview in Les Echos, 11. April 2002.
6 In einem Artikel mit dem Titel »The Betrayal of
Capitalism«, erschienen in der New York Review of Books, 31.
Januar 2002, kürzlich nachgedruckt in Le Monde. l Bureau of
Economic Analysis, U.S. International Transactions Account
Data.
8 The Wealth of Nations (deutsch: Der Wohlstand der
Nationen), London 1979, S. 430. In dem wirtschaftlichen Sinne,
wie Smith es verwendet, würde das Wort »dienen« sicher auch
für die neue Dienstleistungsgesellschaft in Amerika zutreffen.
9 In den Jahren 1860-1880 ein berühmtberüchtigter Outlaw
im Wilden Westen. Zusammen mit seinem Bruder stand er an
der Spitze einer Bande, die Banken ausraubte und Züge überfiel.

Kapitel 5
1 Diesen Punkt werde ich demnächst in einem Buch mit dem
Titel L'origine des systèmes familiaux (Der Ursprung der
Familiensysteme) näher ausführen. Darin werde ich den,
anthropologisch gesprochen, relativ archaischen Charakter der
angelsächsischen Familienstruktur darlegen. Die Diagnose, daß
die Struktur in anthropologischer Hinsicht archaisch ist, sagt
ganz und gar nichts über die kulturellen und ökonomischen
Entwicklungspotentiale der Regionen aus, für die diese
Familienstruktur typisch ist. In dem Buch werde ich gleichfalls
Gelegenheit haben zu zeigen, daß bestimmte im
anthropologischen Sinn hochentwickelte Familienstrukturen -
die arabischen und chinesischen - ein Entwicklungshemmnis
darstellen. Mit anderen Worten: Die Familienstruktur kann die
Entwicklung von Bildung und Wirtschaft behindern.
2 Statistical Abstract of the United States 2000, S. 51, Tabelle
54.
3 National Vital Statistics Report, Bd. 49, Nr. 8, September
2001.
-249-
4 Emmanuel Todd, Vor dem Sturz. Das Ende der
Sowjetherrschaft, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1977.
5 Genaugenommen unterscheidet die amerikanische Statistik
fünf ethnische Gruppen: die Weißen, die Schwarzen, die
Hispanos, die Asiaten und die Indianer. Nach dem heutigen
Stand der Dinge müssen die Indianer, eine zahlenmäßig kleine
Gruppe, die durch Eheschließungen integriert ist, genau wie die
gleichfalls durch Eheschließungen integrierten Asiaten als
»Relikte« oder ideologische »Köder« betrachtet werden.
6 American Demographics, November 1999.
7 http://www.census.gov/population/projections/nations/
summary
8 Mit typischem Opportunismus hat Commentary, die
neokonservative Zeitschrift, die vom American Jewish
Committee herausgegeben wird, in ihrer Rezension von
Huntingtons Buch (März 1997) den Punkt verschwiegen, daß er
Israel nicht zur westlichen Sphäre zählt.
9 The American Jewish Committee, 2007 Annual Survey of
American Jewish Opinion, http://www.ajc.org
10 Aristoteles, Politik, Zürich 1955, Buch V, 7 (14).
11 Vgl. den bemerkenswerten Beitrag von Ilan Greilsammer
in Le Débat, 118, Januar-Februar 2002, S. 117-131.
12 Während ich diese Zeilen schreibe, kommt mir - aber ist es
wirklich ein Zufall? - ein Bericht in der Liberation über ein
Interview in die Hände, das Jean-Marie Le Pen der israelischen
Zeitung Haaretz gegeben hat. Darin bekundet der Führer der
französischen Rechtsextremisten Verständnis für den Kampf der
israelischen Armee gegen den Terrorismus und gegen die
Araber und vergleicht ihn mit dem Kampf, den die französische
Armee vor vierzig Jahren in Algerien führte (Liberation, 22.
April 2002).
13 Peter Novick, Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem
-250-
Massenmord, Stuttgart, München 2001.
14 Siehe zum Beispiel das erstaunliche Cover des
konservativen Wochenmagazins Weekly Standard in der
Ausgabe nach dem ersten Durchgang der französischen
Präsidentschaftswahlen: im Hintergrund die Farben der
französischen Trikolore, blau, weiß, rot, darauf der Schriftzug
»Freiheit, Gleichheit, Judenphobie« (6. Mai 2002).

Kapitel 6
1 Michael Porter, Nationale Wettbewerbsvorteile: erfolgreich
konkurrieren auf dem Weltmarkt, Frankfurt a. M. 1999.
2 Lester Thurow, Kopf an Kopf: Wer siegt im
Wirtschaftskrieg zwischen Europa, Japan und den USA,
Düsseldorf 1993.
3 Siehe oben, S. 113.
4 Eine ausgezeichnete Beschreibung dieser Phase siehe
Jacques Sapir, Le chaos russe, Paris 1996.
5 Rein theoretisch wäre auch ein auf der patrilinearen Struktur
basierendes Gesellschaftsmodell mit einer Geburtenrate von
zwei Kindern pro Frau möglich: Dazu müßten alle Ehepaare
nach der Geburt des ersten Sohnes auf weitere Kinder verzichten
und alle Ehepaare so lange weiter Kinder zeugen, bis ein erster
Sohn geboren ist. Diese Hypothese ist allerdings völlig
unrealistisch, denn sie schließt die Möglichkeit aus, daß
Ehepaare zwei Söhne bekommen. Dies widerspricht aber einer
arabischen Wertvorstellung in der Familie: der Solidarität
zwischen Brüdern und der Vorliebe für Eheschließungen
zwischen deren Kindern.
6 Egypt Demographic and Health Survey, 1992 und 2000.
7 Statistical Abstract of The United States: 2000, S. 591.

Kapitel 7
-251-
1 OECD, Economic Surveys 2001-2002, Russian Federation,
Vol. 2002/5.
2 Global Political Economy, Princeton 2001, S. 333-339.
3 Die endgültige französische Originalversion L'empire des
tsars et les Russes datiert von 1897/98. Die erste Ausgabe
erschien 1881/82.
4 Olivier Roy, La nouvelle Asie centrale ou la fabrication des
Nations, Paris 1997.
5 Ebenda und Olivier Roy, L'Asie centrale contemporaine,
Paris 2001.
6 La Documentation francaise, Le Courner des Pays de l'Est,
Nr. 1020, November/Dezember 2001, S. 175.
7 U.S. Census Bureau,
http://www.census.gov/foreigntrade/balance/c4623.html.

Kapitel 8
1 L. Long, »Residential mobility differences among
developed countries«, in: International Regional Science
Review, 1991, Bd. 14, Nr. 2, S. 133-147.
2 Anthony King, »Distrust of government: explaining
American exceptionalism«, in: Susan J. Pharr und Robert D.
Putnam, Disaffected Democracies, Princeton 2000, S. 74-98.

Schluß
l http://www.jin.jac.02.jp/stat/stats/08TRA42.html