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Rafik Schami Der Mut, die Würde und das Wort Von der Verpflichtung, den Mund aufzumachen

Meine Damen und Herren, vielen herzlichen Dank für die große Ehrung. Aber auch dafür, dass Sie mir auf diese Weise Gelegenheit gaben, mir ein paar Gedanken darüber zu machen, welche Verpflichtungen uns durch das Sprechenkönnen und die damit verbundenen Möglichkeiten auferlegt sind. Erlauben Sie mir zuerst, eine kleine, aber äußerst wichtige Feststellung zu machen. Der Mund, und damit ist hier das Sprechen gemeint, hat den Menschen neben der Nutzung der Hände zum Menschen gemacht. Mit der paradiesischen Faulheit war es vorbei, seit die Hände als Werkzeug immer weiter verfeinert wurden. Das war der erste Schritt in Richtung einer menschlichen, auf Arbeit aufbauenden Zivilisation. Wir sind mit all unseren Höhen und Tiefen, Errungenschaften und Dummheiten das Ergebnis jenes Augenblicks, in dem sich der Affe aufrichtete und entdeckte, dass seine Hände frei sind. Aber die Hände waren es eben nicht allein. Der Mund trug gleichermaßen zu dieser Entwicklung bei. Leider verfügen wir nicht über eine Zeitmaschine, die uns zu jenen Augenblicken zurückführt und aus nächster Nähe miterleben lässt, wie sich die ersten Worte, Sätze und Gespräche anhörten. Wir sind auf Wissenschaftler angewiesen, die Knochenfunde untersuchen und dann in etwa sagen können, wann der Mensch aufrecht ging oder Fleisch aß oder dergleichen. Und durch den Vergleich der verschiedenen Sprachen und ähnliche indirekte Methoden konnten Vermutungen angestellt werden, wann der Mensch ein sprechendes Tier wurde. Eine kleine Zeichnung des genialen französischen Karikaturisten Sempé lässt mich immer schmunzeln. Eine Touristin schaut den kümmerlichen Rest einer griechischen Säule an, und in einer Gedankenblase, die ihre Phantasie widerspiegelt, ist ein detailreiches fröhliches Leben der Griechen samt Tempel und debattierenden Gelehrten zu sehen. Mit großer Gewissheit können wissenschaftliche Untersuchungen ihre Ergebnisse kaum liefern. Es sind Annäherungen an die Wahrheit, und das

ist gut so. Die Wahrheit ist nämlich keine gütige Göttin, sonst wäre sie längst gekreuzigt. Nein, sie ist eine sehr komplizierte Göttin. Sie versteckt und tarnt sich in tausendundeinem Antlitz. Sie schenkt allen, die sie suchen, Weisheit, wer sie aber festhält, wird nur ein paar Sekunden lang froh verkünden, er hätte die Wahrheit fest im Griff, und dann verflucht ihn die Göttin der Wahrheit mit Größenwahn, der ihn bis zu seinem Tod in Besitz nimmt. Beispiele haben wir in der Geschichte der Menschheit genug.

Wie unbestimmt die zeitliche Datierung der grundlegenden Veränderungen auch sein mag, fest steht, der Mund ist nicht nur eine Körperöffnung, durch die der Mensch sich überlebensnotwendige Nahrung zuführt, sondern neben den Händen auch die zweite tragende Säule der menschlichen Kultur. Der Mund als Sprechwerkzeug dient nicht nur der Veräußerlichung von Gedanken, sondern steht in dialektischer Verbindung mit ihnen. Durch sein zauberhaftes Instrument, die Zunge, kann er, den Händen eines Töpfers gleich, den Lehm des Erlebten und Gefühlten, Erträumten und Erdachten zu fassbaren Gedanken form(ulier)en. Ist es nicht zauberhaft, dass die Zunge in Zusammenarbeit mit dem Hirn für das Wort Wasser auf über 6.000 Begriffe in über 6.000 Sprachen, die Dialekte nicht gezählt, zurückgreifen kann? Etwa 500 davon listet das Internet unter dem Begriff Wasser auf: http://de.wiktionary.org/wiki/Wasser.

Erstaunlicherweise ist die Bibel bei der Beschreibung dieser Entwicklungsphase des Menschen so präzise, dass auch Atheisten Respekt zollen müssen. Der Rauswurf aus dem Paradies erfolgte nicht wegen einer üblen Sünde (Mord oder Unzucht), sondern wegen des Erwerbs von Erkenntnissen. Die Schuld war also die Erkenntnis, die Fähigkeit zu unterscheiden zwischen Gut und Böse. D.h. der Mensch wurde selbstständig, war nicht länger ein Stück unschuldiger Natur wie ein Baum oder ein Tier. Zur Strafe aber wurde er weder hingerichtet noch eingesperrt, ihm wurde vielmehr die Arbeit mit seinen Händen auferlegt, ein Prozess, den wir heute Menschwerdung des Affen nennen.

Die wissenschaftlich begründete Lobeshymne auf den Mund, auf das Sprechenkönnen, untermauert mein Plädoyer für den Mund als Kulturträger und für die Verpflichtung, ihm eine würdige Rolle zu geben und nicht zum bloßen Werkzeug der Nahrungsaufnahme zu degradieren.

Es hätte keine Pioniere und keine Propheten gegeben, wenn diese Menschen nicht mit den Tabus ihrer Gesellschaft gebrochen und ausgesprochen hätten, was sie dachten. Wir wissen, dass Pioniere der Wissenschaft sehr oft verlacht, verfolgt und nicht selten getötet wurden, aber ihre Ideen ließen ihre Namen später erstrahlen. Und ihre einst mächtigen Feinde fielen dem Vergessen anheim. Nicht anders erging es den Propheten. Was hätten die Propheten für eine Bedeutung gehabt, wenn sie allem zugestimmt hätten, was sie vorfanden? Wenn sie geschwiegen hätten? Die legendäre Scheherazade ist ein anschauliches Beispiel. Durch die Macht und Schönheit ihrer Worte hielt sie einen gewalttätigen Herrscher tausendundein Nächte lang gefangen. Die Zahl 1001 ist im Orient mehr als zwei Jahre, acht Monate und 27 Tage. Sie ist ein Symbol des Unendlichen. Hier gleicht Erzählen dem Leben und Schweigen dem Tod. Allein mit ihrem Wort rettete sich Scheherazade. Um aber das Wort auszusprechen, mit dem sie sich den gewalttätigen Herrscher vom Hals hielt, muss Scheherazade Hoffnung gehabt haben. Die Hoffnung ist eine uns Menschen sehr spezifische innere Einstellung. Wenn es stimmt, dass die vorrangige Aufgabe einer jeden Gattung das Überleben ist, so haben wir Menschen noch etwas, was mit uns überleben soll, damit wir Menschen bleiben. Und das ist die Hoffnung. Der Traum von einer besseren Welt. Sicher wird unsere Hoffnung, wie die von Scheherazade, von Sorge und Angst begleitet. Und die sind treue Begleiter. Aber nicht nur Scheherazade, auch die Demokratie braucht Hoffnung, unsere Hoffnung. Und sie braucht das Wort.

Solange die Bürger mündig sind, wird die Demokratie nicht sterben. Schweigen bedeutet manchmal Zustimmen aber immer: Denken und Handeln anderen überlassen. Das ist die reine Unmündigkeit. Was ist aber Mündigkeit? Der Begriff Mündigkeit leitet sich vom althochdeutschen Wort Munt ab, das sowohl Mund als auch die Stellung des germanischen Hausherrn gegenüber Frauen, Kindern und Gesinde beschreibt. Munt bedeutet nach innen Herrschaft und Fürsorge, nach außen Haftung und Schutz. Juristisch spricht man von Mündigkeit, wenn das Recht einer Person die Fähigkeit zu verantwortlichem Handeln anerkennt. Der Eintritt der Mündigkeit hängt meistens vom Alter ab. Die Grenze liegt je nach Rechtsgebiet unterschiedlich hoch. Philosophisch hat Mündigkeit die Bedeutung, die wir auch heute kennen und im Alltag gebrauchen.

Immanuel Kant hat es in seinen berühmten Text „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ bereits 1784 behandelt. Er schrieb:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes

ohne Leitung eines anderen zu bedienen

denken“]! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ 1

Adorno baut auf Kant und resümiert: „Mündig ist der, der für sich selbst spricht, weil er für sich selbst gedacht hat und nicht bloß nachredet“ 2

Genau das meine ich wenn ich vom mündigen Bürger spreche, der den Mund aufmacht und kritisch handelt. Wenn aber die Menschen schweigen führt das zur leisen Herrschaft einer Diktatur oder zu einer revolutionären Explosion.

Das Streben nach Freiheit hat nicht der Mensch erfunden. Auch Tiere hassen die Gefangenschaft. Es ist merkwürdig: Die Freiheit ist nicht zwingend notwendig, um zu überleben. Ganz im Gegenteil, manch eine Tiergattung hat nur in der Gefangenschaft überlebt. Dennoch ist die Freiheit ein sehr großes Bedürfnis. Die Menschheitsgeschichte ist, wenn man so will, nichts anderes als das Streben nach mehr Freiheit. Die Freiheit ist kein Luxus für ein paar wenige Menschen oder Länder. Sie ist eine Kollektivphantasie der Menschheit. Sie ist viel älter als die Demokratie und zugleich deren Voraussetzung. Eine Gesellschaft, die Freiheit fördert, glaubt an den Menschen und dessen Beitrag zu ebendieser Gesellschaft und gewährt ihm Immunität für die Äußerung seiner Gedanken unabhängig von seiner Herkunft, Religion und Stellung. Differenz der Meinungen ist Reichtum, ein Luxusgut, ein Kind der Demokratie und Freiheit. Man kann eine Demokratie gar nicht genug damit anreichern. Doch es bleibt schwierig, ja fast unmöglich, Menschen, die in Freiheit leben, vom Wert der Freiheit zu überzeugen. Freiheit ist die Zwillingschwester der Gesundheit. Man erkennt ihren Wert erst, wenn man sie verliert. Ich möchte auf einige historische Ereignisse und Begriffe eingehen, die unmittelbar mit Freiheit und Demokratie zu tun haben. Ich wähle dafür

‚Sapere aude [lat.: „wage es, zu

1 Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Berlinische Monatsschrift, 1784, 2, S. 481–494) 2 Gesammelte Schriften. Band 10.2, S. 785 - Hervorhebung krino im Original.

eine Gesellschaft, die im Ausnahmezustand lebt. Es ist nicht so, dass Krieg die Menschen verändert. Krieg verändert, wie der Erfolg oder ein Lottogewinn, gar nichts. Aber er zeichnet die Menschen und Dinge sehr scharf. In der Chemie würde man sagen, er lässt die Substanzen auskristallisieren. Wohl bemerkt, die Substanzen müssen in der Lösung sein, sonst kristallisiert gar nichts aus. Ich nehme mein Ursprungsland Syrien, auch deshalb, weil ich kein anderes Land besser kenne. Die jüngste Geschichte meines Landes zeigt etwas Wundersames. Vierzig Jahre Diktatur, Verfolgung durch fünfzehn Geheimdienste, Folter, Gefängnis und Vertreibung haben das Land in einen ruhigen Friedhof verwandelt. Die syrische Gesellschaft ist wie in einen Stillstand getreten. Es scheint, als hätten sich die Syrer seit langem ihrem Schicksal gefügt. Sie sind zu Leibeigenen einer diktatorischen Familie geworden, die das Land als ihren Besitz betrachtet. Die Diktatur des Assad-Clans kam aber erst sieben Jahre nach dem Putsch, der eine Phase der Demokratie beendete. Die Baath-Partei stand 1963 hinter den Putschisten, rechtfertigte deren Handeln mit leeren, aber schillernden nationalistischen Sprüchen. Erst Assad, der Vater, verwandelte die Militärdiktatur in eine Familiendiktatur und machte die Baath-Partei zu einer Farce. Es ist interessant, den Augenblick eingehender anzuschauen, in dem die Freiheit verloren ging. Es war von Folter zu hören, von Gefangenenlagern in der Wüste, von Spitzeln und einem Spezialgeheimdienst, der sich ausschließlich gegen die eigene Bevölkerung richtet. Alle Parteien und Zeitungen wurden verboten. Merkwürdigerweise, und das habe ich in vielen Ländern beobachtet, halten sich die Kräfte, die eigentlich das Rückgrat der bürgerlichen Demokratie bilden, sofort brav an das Verbot. Selten gehen sie in den Untergrund. Sie, die Träger der bürgerlichen Demokratie und Freiheit, arrangieren sich mit der Diktatur. Im besten Fall verweigern sie sich der Zusammenarbeit, halten den Mund und gehen ihren Berufen im Staat oder freien Wirtschaft nach oder flüchten aus dem Land. Mein Vater, ein Anhänger des liberalen patriotischen Blocks, wurde verhaftet und eine Woche lang gefoltert. Er kam verändert zurück. Und er wollte nie wieder mit Politik zu tun haben. Er ersann Theorien und Gedankengebäude darüber, warum wir Christen uns nicht einmischen sollten. Es waren komplizierte Sätze, die nach Angst rochen. Er arbeitete und war erfolgreich.

Obwohl sich die Menschen in Lebensgefahr begaben, blieben zwei Parteien im Untergrund: zum einen die syrischen Nationalisten, ein Ableger der deutschen Nationalsozialisten und deren Nachahmer bis hin zur Fahne, die ein stilisiertes Hackenkreuz mit gerundeten Ecken zeigte. Ich hatte damals wie heute eine große Abneigung gegen alle Nationalisten. Vielleicht, weil sie in ihrer nasseristischen Variante meinen unschuldigen Vater gefoltert haben. Vielleicht, weil ich selbst Aramäer bin und damit historisch ein Vorfahre von Juden und Arabern. Ich empfand nie Abneigung gegen andere Völker, seien es Araber, Juden, Tscherkessen, Kurden, Türken, Griechen, Spanier, Italiener, Armenier, Perser oder Jugoslawen. Sie alle lebten im alten Stadtviertel einträchtig miteinander. Vielleicht auch, weil die Personen um mich herum, die Nassers Anhänger wurden, die unglaubwürdigsten, dümmsten Männer im Viertel waren. Heute kann ich Ihnen einen weiteren Aspekt nennen, wie sich Heimatliebe für mich von Nationalismus unterscheidet. Heimatliebe eint die Menschen, erfüllt sie mit Respekt gegenüber denen, die eine andere Heimat lieben. Nationalismus dagegen baut auf Trennung, suggeriert einem Volk auf idiotische Weise, es sei das beste auf Erden und andere Völker seien minderwertig. Die Liebe zur Heimat bedarf wie die Liebe zu einem Menschen keiner Erklärung. Sie kann in Erinnerungen, Erlebnissen, Kindheit oder Schönheit begründet sein, sie kann aber genauso gut auch völlig unbegründet sein. Nationalismus braucht dagegen ellenlange, meist unglaubwürdige Erklärungen. Nicht selten bemühen Nationalisten die Geschichte und gar die Zeit vor der Geschichte, um Beweise für den Irrsinn zu erbringen, anderen Völkern überlegen zu sein. Eine solche Ideologie können nur Leute annehmen, die wie berauscht sind und ihr Hirn nicht mehr gebrauchen, um diesen gefährlichen Aberglauben zu entlarven. Wenn Glaube Berge versetzt, versetzt der Aberglaube ganze Völker. Bald hatten sich die Nationalisten, charakterlos wie sie sind, mit Assad arrangiert und sich zu Statisten seines Theaterstücks der Macht machen lassen. Die zweite Partei im Untergrund war die der Kommunisten. Sozialismus hatte von Anfang an sichtbare und unsichtbare Brücken zum Christentum. Nur der Ort der Gerechtigkeit, das Paradies, liegt woanders:

Die Kirche sagt im Jenseits, Kommunisten und Sozialisten sagen im Diesseits.

Ich habe meine Entscheidung mit 15 gefällt: Mit Jesus als Vorbild, voll romantischer Ideen und mit wenig Ahnung, ging ich als junger überzeugter Sozialist in den Untergrund und kämpfte unter Lebensgefahr für die Freiheit, nur um dann festzustellen, dass die Partei ein Ort antidemokratischer Kräfte war, die Stalin anbeteten. Das veranlasste mich auszutreten. Später zerfiel die Partei in etliche Splittergruppen. Zwei von ihnen stehen heute, zu ihrer vollkommenen Schande, an der Seite des Diktators.

Das zeigt zusammengefasst die gesellschaftliche Katastrophe, die mein Land heimsuchte, dessen Bevölkerung von allen politischen Strömungen im Stich gelassen wurde. Bedenkt man außerdem, dass Russen und Chinesen mit dem Diktator stets gute Geschäfte machten und dass sich der Westen bald arrangierte und, wie die bürgerlichen Kräften im Inland, den Mund hielt und seinen Geschäften nachging, auch wenn diese ihn seiner eigenen Freiheit unwürdig machten, so kann man sich vielleicht vorstellen, welch eine Einsamkeit die Syrer zu überstehen hatten und haben. Die Assad-Diktatur ließ sich mit den besten Methoden des Ostblocks ausrüsten, vermählte sie mit arabischen Höllenfantasien und Brutalität (wie die Sippenbestrafung, Geiselnahme und Folter der Eltern) zu einem Unterdrückungssystem von unbarmherziger Perfektion, das weder Kinder noch Verletzte noch Greise schonte. Und die Welt sah zu. Jahrelang ließ die Weltgemeinschaft das Volk am ausgestreckten Arm verhungern, sodass Syrer und Syrerinnen nur noch hinter ihrem Brot herrannten, und das Brot war ein gnadenloser Reiter. Das ist eine bewährte Methode. Allerdings darf das Elend eine bestimmte Grenze nicht überschreiten, denn sonst schütteln die Menschen, da sie nichts mehr zu verlieren haben, ihre Angst leichter ab. Die Syrer mussten trickreich und zeitraubend versuchen zu überleben, und damit vergeudeten die Assad-Verbrecher die produktiven Kräfte einer ganzen Generation. Und auf der anderen Seite wurden einige wenige, wie der Cousin des jetzigen Präsidenten, zu Milliardären, noch bevor sie dreißig waren. Und die Welt sah zu. Und dann wehte der Freiheitswind durch die Herzen der Menschen, und sie warfen ihre Angst ab und rebellierten. Und nicht selten riskierten sie ihr Leben. Wofür? Nicht für eine Handvoll Gold und nicht für ein

besseres und gerechteres Gesundheitssystem, wenngleich ihnen auch das am Herzen liegt, aber in erster Linie gehen die Leute auf die Straße, um für die Freiheit zu kämpfen. Und sie wissen, dass die Errichtung der Demokratie Jahre braucht und zunächst einmal nicht unbedingt eine Verbesserung ihrer Lebensumstände mit sich bringt. Trotzdem rebellieren sie. Auf der Flucht vor den Schüssen der Scharfschützen sagte eine Frau:

„Ich bin fünfunddreißig Jahre alt und das Regime herrscht seit vierzig Jahren. Ich weiß nicht, was Freiheit ist. Ich weiß aber genau was eine Diktatur ist, und dagegen kämpfe ich.“

Wenn man heute mit den syrischen Rebellen redet, erkennt man schnell, dass sie nicht nur gegen den Diktator, sondern auch gegen die Sippe aufbegehren, die sich vierzig Jahre lange vor einem primitiven Mörder geduckt hat. Sie rebellieren gegen ihre Eltern, die vierzig Jahre den Mund gehalten haben, in der Hoffnung, die Diktatur würde von alleine stürzen. Oder sie würde milder oder reformwilliger. Aber eine Diktatur kann nicht reformiert werden. Die einzige heilende Reform ist ihre Abschaffung. Hier erkennt man die Heuchelei von manch einem selbsternannten Nahost- Experten, der trotz der tausendfachen Morde an Assad festhält, ja die Morde vertuscht, weil sonst klar würde, wo er mit seiner Sympathie steht. Leider bestraft das deutsche Gesetz die Vertuschung von Völkermord nicht, wenn es sich um Syrer handelt. Vierzig Jahre Diktatur, und dann eine solche Revolution, die zehn Monate lang friedlich blieb. Die Regierung aber schoss erbarmungslos, Tausende fielen, um die Fünfzigtausend wurden entführt und in Fußballstadien, Kasernen und Lagern festgehalten. Und die Welt schaut zu und warnt vor einem Bürgerkrieg, der ja von der einen Seite bereits praktiziert wird. Wie soll man es denn sonst nennen, wenn Syrer auf Syrer schießen? Plötzlich geriet alles, nicht nur auf der Straße, in Bewegung.

Die syrische Revolution hat mich gezwungen über manche Begriffe nachzudenken. Wer ist die Opposition? Wie religiös ist dieser Aufstand? Wer sind die Intellektuellen? Jede dieser Fragen ist ein weites Feld. Und ich frage mich ernsthaft: Wer ist ein Intellektueller? Ist es jemand, der viele Bücher liest? Der viel redet? Der sich einmischt? Der Partei ergreift? Und wenn er Partei ergreift, ist dann jede beliebige Seite eines Konflikts ein würdiger Platz? Seit der Begriff im 19. Jahrhundert in Frankreich aufkam, gibt es zahllose Versuche, ihn zu definieren.

Für mich heute, und das ist mir erst durch die Revolte klar geworden, ist der Intellektuelle nicht an eine bestimmte Bildung, einen wissenschaftlichen Titel gebunden. Auch ist er nicht an der Zahl seiner Erfindungen, seiner Bücher, Artikel, Thesen oder Theorien festzumachen. Denn das könnten auch Akademiker, Schriftsteller, Forscher, Philosophen, Prediger oder Politiker sein. Nein, der Intellektuelle unserer Zeit ist ein Mensch, der seine Vernunft unbestechlich und fern jedweder Eitelkeit in den Dienst der Gemeinschaft stellt. Der Intellektuelle ist nicht da, um zu predigen. Das macht die Kirche viel besser. Er ist da, um zu warnen. Weniger, um Antworten zu bieten, als vielmehr, um zu fragen und zu hinterfragen, wie Friedrich Dürrenmatt 3 geschrieben hat. Er kann ein hochgelehrter oder ein einfacher Mensch sein. Das Brot des Intellektuellen aber ist die Unbestechlichkeit. Das unterscheidet ihn zum Beispiel vom Politiker. Politik ohne Bestechlichkeit ist eine Utopie. Der Intellektuelle ist das Gewissen seines Volkes oder er mutiert zum Salonunterhalter, sprich Schwätzer. Der Politiker ist der Pragmatiker seines Volkes, dessen Gewissen nicht das beste Gebiss besitzt. Aber der Pragmatiker sorgt dafür, dass die Gesellschaft überlebt. Der Intellektuelle muss ein unerschütterlicher, kompromissloser Prophet sein, mit Kassandra-Blick und dem Gedächtnis eines Kamels. Er muss gegen den Strom schwimmen und unrealistisch sein, sonst kann er gleich ein realistischer Politiker werden. Der Intellektuelle hat die Rolle, seine Gesellschaft vorwärts zu bringen, sie nicht auf der Stelle treten zu lassen. Das alles heißt, geometrisch gesprochen: Ein Intellektueller schätzt die Kanten, ein Politiker die Rundungen. Beide aber sind für eine Gesellschaft notwendig damit eine Gesellschaft überlebt und vorankommt. Hätten nur Intellektuelle das Sagen würde die Gesellschaft in einer permanenten Revolution taumeln und bald auseinanderbrechen. Intellektuelle sollen sich politisch engagieren, den Mund aufmachen und unbestechlich bleiben, aber sie dürfen nie Politiker werden. Denn sie können nur schlechte Politiker sein, und ihre wichtigen Worte richten sie damit zugrunde. Vaclav Havel hat diese Todsünde begangen. Was ergibt sich nun konkret aus dem Gesagten? Bleiben wir beim syrischen Intellektuellen, der, nehmen wir den Fall, hier lebt. Er kann es nicht dabei bewenden lassen, zu jammern, er muss helfen, aufzuklären. Er ist der Botschafter seines Volkes. Er darf nicht vertuschen, nicht übertreiben, nicht lügen. Das tut die Diktatur. Das Exil erweist sich

3 Dürrenmatt, Friedrich, Literatur und Kunst, Werkausgabe in siebenunddreißig Bände, Band 12, Diogenes, Zürich,

1998

plötzlich als Luxus im Vergleich zum Leid der im Land Ausharrenden. Hier hat er für die Freiheit zu sprechen, für die Anliegen seines Volkes zu werben, Solidarität mit den Leidenden aufzubauen und immer wieder die Untaten, die Verbrechen der Diktatur anzuprangern. Denn eines ist sicher:

Eine Diktatur tätigt Milliardengeschäfte, deren Brosamen auch viele Nutznießer auf den Plan ruft, auch Deutsche, die uns, syrische Exilautoren, hier in Deutschland bekämpfen und am helllichten Tag für die Diktatur eintreten, ohne sich schämen zu müssen. Einer der größten Feinde der Demokratie, der Freiheit ist die Gleichgültigkeit. Sie ist die treuste Helferin der Diktatur. Dagegen muss der Intellektuelle vorgehen. Er muss seine Mitmenschen vor allem auf eines hinweisen: Der Frieden, in dem sie leben, verpflichtet jeden, aufmerksam zu bleiben. Keine Gesellschaft war je immun gegen Krieg und Diktatur.

Die wichtigste Aufgabe eines syrischen Intellektuellen besteht darin, gegen den Strom zu schwimmen und entschieden gegen Rache und Lynchjustiz aufzutreten, und das kann ihn viel mehr Freunde kosten, als er je befürchtet hat. Hier ist Löwenmut gefordert, um mitten im Getöse der Kanonen die Hand zu reichen, zu verzeihen. Denn wer zu der Ehre gelangen will, ein Intellektueller seines Volkes zu sein, der muss dafür kämpfen, das Volk vor der Barbarei zu schützen. Sonst wären alle Kämpfe verloren, und alle wunderbaren Menschen, die für Freiheit und Demokratie gefallen sind, hätten ihr Leben umsonst gegeben. Nun habe ich Ihnen lange von den syrischen Intellektuellen erzählt, aber wie steht es um ihr deutsches Pendant? Meine Damen und Herren, Sie werden bestimmt nicht überrascht sein, wenn ich Ihnen verrate, dass das Gesagte Wort für Wort auch für die deutschen Intellektuellen gilt. Es gibt in dieser Hinsicht keine nationalen, ethnischen, religiösen oder politischen Grenzen. Intellektuelle hier wie dort stehen stets im Dienste der Menschheit. Erst dann lässt sich der Traum von einer freiheitlichen Demokratie realisieren. Um der Demokratie und der Freiheit würdig zu sein: dafür lohnt es sich, den Mund aufzumachen.

© Rafik Schami März 2012