You are on page 1of 40

1
1

DER WEG

Ich ging im letzten Sommer mit meinem Freund Felix auf dem Karnischen Höhenweg von Osttirol nach Kärnten. Dieser Fernwanderweg folgt dem Hauptkamm der Karnischen Alpen, der einen Teil der Staatsgrenze zwischen Österreich und Italien bildet. Während des 1. Weltkriegs verlief dort von 1915 bis 1918 die Front im Gebirgskrieg zwischen Österreich und Italien. Damals wurden im Kampfgebiet zahlreiche Versorgungswege, Geschützstellungen, Kasematten, Gänge und Unterkünfte gebaut, die heute noch überall sichtbar sind. Das im Krieg geschaffene Wegesystem bildet nunmehr einen wesentlichen Teil des Karnischen Höhenwegs.

Es war schon später Vormittag, als ich mit der Eisenbahn in Sillian, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung im Hochpustertal, ankam. Durch eine SMS wusste ich, dass Felix bereits vor mir dort eingetroffen war, aber ich konnte beim Verlassen des Zuges ihn nirgendwo sehen. Doch als ich eilig dem Bahnhofsausgang zustrebte, zog mich plötzlich jemand hinten an meiner Jacke und ich hörte eine vertraute Stimme sagen: „Servus Leo“. Ich drehte mich um und hatte einen zünftig gekleideten Felix vor mir, der meinen Gruß „Hallo Gipfelstürmer“ nahezu verdiente.

Da wir noch an diesem Tag unsere erste Etappe schaffen wollten, machten wir uns sofort auf den Weg, der zunächst zur Sillianer Hütte führte und dann entlang des Gratverlaufs Richtung Osten zum Obstanser See. In den folgenden Tagen hatten wir uns vorgenommen, am Kammverlauf ostwärts zum Filmoor und danach über die Stucken Seen, den Heretriegel, das Tilliacher Joch, den Bordaglia See, Giramondopaß und Plöckenpass zum Naßfeld zu gehen.

Während des Aufstiegs zum Hauptkamm fragte mich Felix etwas spöttisch: „Wolltest Du diese Wanderung nicht in Damenbegleitung unternehmen?“

„Ja, und ich habe der aussichtsreichsten Kandidatin auch ein Angebot gemacht.“ „Wie lautete das?“

„Biete Bergwanderung mit wenig Komfort, wenig Essen, wenig Schlaf und viel Sex.“ „Und?“

„Sie hat abgelehnt, das sei ein sehr verlockendes Angebot, aber sie hätte bereits andere Verpflichtungen. Übrigens fährt sie doch in Urlaub, jedoch mit einem Gentleman der etwas älter und erheblich wohlhabender ist als ich.“ „So wirst Du nie auf einen grünen Zweig kommen.“

„Du sprichst wie meine Mutter. Jedesmal wenn sie mich besucht, beklagt sie mein Single-Leben. Vorige Woche warf sie mir vor, dass ich im nächsten Jahr bereits 30 werde und noch nicht mal eine ständige Freundin habe.“ „Was hast Du Ihr gesagt?“

„Warum sollte ich daran etwas ändern, solange es genug Ehefrauen jenseits der 40 gibt, die für etwas Zuwendung dankbar sind?“ „Deine Mutter hat soviel Zynismus wirklich nicht verdient.“

Wir hatten nun eine Alm erreicht und ließen uns im Gras nieder, um etwas zu essen und den Blick ins Tal zu genießen. Die Luft war klar und man konnte auch weit entfernte Berge deutlich erkennen. Doch seltsamerweise erregte ein Schauspiel zu meinen Füssen mehr Interesse als das grandiose Bergpanorama. Ich beobachtete, wie eine Ameise mit viel Aufwand versuchte, einen Grashalm zu erklimmen, höher und höher, bis sie herunterfiel und von neuem begann empor zu klettern, wiederum abstürzte und erneut sich zur Spitze des Halms aufmachte, wie Sisyphos, der seinen Felsblock immer wieder vergeblich den Berghang hinauf rollt.

2
2

„Felix, sieh Dir mal diese Ameise an, die offensichtlich verrückt ist. Sie kann auf dem Grashalm keine Nahrung finden und auch zu ihrer Orientierung ist die Kletterei nicht erforderlich. Warum müht sich dieses Insekt so ab, obwohl es offenbar keinen Nutzen daraus zieht?“ „ Für die Ameise ergibt sich kein Nutzen. Ihr Gehirn wird von einem winzigen Parasiten beherrscht, Dicrocoelium dendriticum, der in den Magen von Schafen oder Rindern gelangen will, um dort seinen Reproduktionszyklus zu beenden. Der Parasit treibt die Ameise zu einem Verhalten, das ihm

nutzt, sie aber ins Verderben stürzt.“

„Als schlichter Ökonom kann ich über so viel Bildung nur staunen.“ „Während meines Studiums

habe ich mich etwas mit Entomologie beschäftigt und dabei unter anderem mit staatenbildenden Insekten. Es sind auch bei Fischen, Mäusen und anderen Arten ähnlich manipulative Parasiten beobachtet worden, die ihren Wirt veranlassen, sich in einer ganz ungewöhnlichen, sogar selbstmörderischen Weise zu verhalten, die nur im Interesse des Eindringlings, nicht aber seines Wirtes liegt. Auch beim Menschen gibt es dieses Krankheitsbild.

„Wie meinst Du das?“ „Nun, bei Homo sapiens haben perniziöse Ideen diese Wirkung. Nimm zum Beispiel unseren Wanderweg. Er ist getränkt von Blut, wir gehen hier über ein historisches Leichenfeld. Warum haben die Menschen damals ihr normales Leben verlassen, haben aufgehört

die Ziele zu verfolgen, die ihnen sonst so wichtig sind?“

„Der erste Weltkrieg hatte viele Ursachen.“ „Ja, aber keine von ihnen hätte ausgereicht, um eine so große Zahl von Menschen in eine Raserei zu versetzen, die für viele von ihnen tödlich war. Nur eine sehr starke Idee, welche die Massen befällt, vermag so etwas. Der Nationalismus ist in seiner Wirkung durchaus mit Dicrocoelium dendriticum vergleichbar.“

„Ich muss entschieden widersprechen. Es ist mir völlig unverständlich, wie Du unsere österreichischen Soldaten des 1. Weltkriegs mit verrückten Ameisen gleich setzen kannst. Die Österreicher kämpften für eine gerechte Sache.“ „Das wird auch jeder gute Serbe, Russe, Italiener, Franzose oder Engländer über die Soldaten seines Landes sagen.“

„Du siehst die Dinge zu abstrakt und allgemein. Aus Deiner Vogelperspektive erscheinen alle

Menschen wie Ameisen. Du solltest Dein Forschungslabor öfter verlassen und Dich unter reale

Menschen mischen.“ „Das mach ich doch gerade. Und was ich sehe bestärkt mich in meiner

Auffassung.“

„Werden wir konkret. Im Donauraum und auf dem Balkan lebten vor dem Krieg die unterschiedlichsten Völker bunt gemischt in einem Staat, dessen ethnographische Karte einer Patchwork-Decke glich. In Österreich-Ungarn gab es keine Mehrheitsbevölkerung. Ein Viertel der Bevölkerung sprach deutsch, ein Fünftel Ungarisch, ein Achtel Tschechisch, 10% Polnisch,

knapp 10% serbokroatisch. Dann gab es noch Millionen die Ukrainisch, Rumänisch, Slowakisch und Slowenisch sprachen und nicht zu vergessen die 800.000 Italiener. So ein Staat kann nicht auf nationaler Grundlage organisiert sein.“ „Das sage ich ja gerade. Jede Anwendung des Nationalismus führt in diesem Umfeld zu Massenvertreibungen oder zur Unterdrückung

fremdsprachiger Bevölkerungsteile.“

„Insofern war es pervers, dass unsere Kriegsgegner an die nationalistischen Instinkte appellierten. Die österreichischen Soldaten kämpften für einen Vielvölkerstaat, gegen den Nationalismus.“ „Das tat der österreichische Teil der Doppelmonarchie, nicht aber der ungarische.

Versetze Dich in den Mai des Jahres 1915, als Italien seinem bisherigen Verbündeten Österreich-Ungarn in den Rücken fiel. Die österreichische Südgrenze war nach der Kriegserklärung der italienischen Regierung völlig schutzlos, denn die Truppen der Mittelmächte kämpften auf anderen Kriegsschauplätzen. Ist es nicht bewundernswert, dass

3
3

damals Tausende Freiwillige aus der Grenzregion spontan zu den Waffen griffen, um ihre Heimat zu verteidigen?“ „Ich will Dir zugestehen, dass man bei der Beurteilung von Auseinandersetzungen darauf achten muss, wer Angreifer und wer Verteidiger ist. Mir ist auch

klar, wie nationalistische Italiener nach dem Krieg das besetzte Südtirol behandelt haben.“ „In der Kärntner Landeshymne heißt es:

‚Wo Mannesmut und Frauentreu

Die Heimat sich erstritt aufs neu,

Wo man mit Blut die Grenze schrieb

Und frei in Not und Tod verblieb.‘

Das ist auch meine Sicht der Ereignisse.“ „Gibt es überhaupt eine Grenze, die nicht mit Blut geschrieben wurde? Auch die Ordnung im Inneren eines Staates wird durch militärische Gewalt begründet. Verfassungen werden wohl von Ideologen geschrieben, aber auf Schlachtfeldern ratifiziert.

Es freut mich zu hören, dass Du kein weltfremder Träumer bist. Auch ich bin kein Pazifist. Der Soldat ist unverzichtbar. Man muss das Menschenmögliche unternehmen, um Gewalt zu vermeiden, aber es wäre unrealistisch anzunehmen, dass dies immer erreichbar ist. Wer den Frieden bewahren will, muss Stärke zeigen. Je besser man für den Krieg gerüstet ist, desto unwahrscheinlicher ist er. Eine glaubwürdige Abschreckung ist die Voraussetzung des Friedens.“ „Du unterschätzt die Macht der geistigen Waffen. Der Soldat hat zwar immer das letzte Wort, aber 90% der Arbeit erledigen die Meinungssöldner in den Massenmedien vor ihm. Die Feder ist mächtiger als das Schwert.“

Du hast recht. Ein gutes Beispiel dafür ist der Nationalismus der Deutschen. Seit den Napoleonischen Kriegen war er für 150 Jahre ihre größte politische Leidenschaft und man war bereit, für das einige Vaterland auf dem Schlachtfeld zu sterben. Nach 1945 erfolgte die politische Umerziehung des deutschen Michels durch die Siegermächte und siehe da: heute schämt man sich, ein Deutscher zu sein. Die Vertreibung von Millionen Landsleuten aus den deutschen Ostgebieten wird ignoriert, verharmlost und sogar gerechtfertigt. Das sei eben die gerechte Strafe für die Verbrechen des Nationalsozialismus.“ „Man muss sich selbst blind machen, um so etwas zu behaupten. Die tschechischen, polnischen, serbischen und sonstigen antideutschen Nationalisten haben sowohl Anhänger als auch Gegner des Nationalsozialismus aus ihrer Heimat vertrieben.“

„Wusstest Du übrigens, dass Kant sich in Kaliningrad so wohl fühlte, dass er zeit seines Lebens diese Stadt nicht verlassen hat?“ „Perfekt korrekt. Du hast Dich soeben für einen Job beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk qualifiziert.“

„Aber es bleibt für mich noch die Frage: warum tritt der Nationalismus erst im 19. Jahrhundert in Erscheinung? Er war doch vorher kein Problem.“ „Er ist eine Folge der Französischen

Revolution. In der Zeit davor war die Meinung des Volkes nicht relevant. Der Staat gehörte dem jeweiligen Herrscher, dem es völlig gleichgültig war, welchem Volk seine Untertanen angehörten. Mit der allmählichen Demokratisierung der europäischen Staaten bekamen die elementaren Gefühle des Volkes immer mehr Bedeutung. Dazu gehören die instinktive Abneigung gegenüber dem Fremd- und Andersartigen, die Behauptung des eigenen

Territoriums, die Neigung zur Eroberung fremder Gebiete.“

„Für die herrschende politische Klasse ist der Appell an diese Urinstinkte sicher nützlich. Die Schaffung eines äußeren Feindes stärkt den Zusammenhalt der eigenen Bevölkerung.“ „So ist es.

4
4

Die zunehmende Demokratisierung verlangte es geradezu, dem Volk zu geben, was es insgeheim wünscht und als natürlich ansieht. Der Nationalismus gibt dem Volk ein Identifikationsmuster,

ohne es wirklich an der Macht zu beteiligen.“ „Das wäre sowieso in keinem irgendwie praktischen Sinne möglich.“ „In einer Demokratie kann

man nur herrschen, wenn man die Psychologie der Massen versteht und für sich nutzt. Die Machthaber festigen ihre Herrschaft, wenn sie das Gemeinschaftsgefühl der von ihnen

Beherrschten stärken. Die Nation bietet ein derartiges Identifikationsmuster. Je mehr aber der Einzelne sich mit seiner Großgruppe identifiziert, desto mehr verliert er an Individualität, an Urteilsvermögen und Rationalität. Durch die Verschmelzung mit der Masse fällt der Mensch in ein entwicklungsgeschichtlich frühes Stadium zurück, er wird zum Triebwesen, zum Barbar. Man herrscht, indem man eine Regression der psychischen Tätigkeit provoziert und aufrecht erhält.

„Der Landesvater kümmert sich eben um seine Landeskinder. Man spricht auch von Vater Staat.

Die christlichen Kirchen bezeichnen ihre Priester als Hirten, die offensichtlich eine Herde von

Schafen oder Eseln zu führen haben.“ „Es gibt noch einen Aspekt von nationalistischen

Angriffskriegen, der selten erwähnt wird, der aber von großer Wichtigkeit ist. Wir müssen uns

ansehen, wer hierbei gegen wen kämpft.“

„Es ist ein gegenseitiges Töten von Menschen, die sich tatsächlich sehr ähnlich sind. Auf beiden Seiten der Front engagieren sich besonders die Heimattreuen, die Mitfühlenden, die Mutigen und Opferbereiten. Es sind die charakterlich Besten ihrer jeweiligen Nation. In Friedenszeiten sind sie die Stützen ihrer Gesellschaft, weil zu ihren Merkmalen oft auch Fleiß und Familiensinn gehören.“ „Ja, der Wahn des Nationalismus erfasst vor allem die Idealisten. Sie haben im Krieg die höchste Todesrate, weil sie bei allen Kämpfen ganz vorn zu finden sind. Die meisten dieser jungen Männer fallen auf dem Schlachtfeld, bevor sie Nachkommen zeugen können. Das führt zu einer Schwächung des genetischen Potentials der kriegsführenden Länder.

„Das könnte eine Erklärung für das Abdriften nach links sein, das wir seit dem 1. Weltkrieg in Österreich und Deutschland beobachten können. In der kulturell verwandten Schweiz, die keine

Kriegsverluste zu beklagen hat, läuft tatsächlich vieles besser.“ „Nun verweist die in Europa

herrschende politische Klasse darauf, dass sie den Nationalismus aktiv bekämpft. Die Europäische Union soll kein Staatenbund, sondern ein zentralistischer Bundesstaat sein.“

„Der Nationalismus hat seine Schuldigkeit getan. Er wurde vor dem 1. Weltkrieg vor allem von der französischen und russischen Regierung geschürt, um einen Rammbock gegen die bestehende Ordnung zu haben. Nur mit ihm konnte das Staatsgebäude von Österreich-Ungarn zum Einsturz gebracht werden. Das von unseren Kriegsgegnern geforderte ‚Selbstbestimmungsrecht der Völker‘ war eine Brandbombe in ein Holzhaus.“ „Diese Forderung war eine Kriegstaktik. Nach dem Sieg wurde das Selbstbestimmungsrecht sehr selektiv angewandt. Den Tschechen wurde es zuerkannt, den in Böhmen und Mähren lebenden Deutschen vorenthalten, den Italienern im Trentino gewährt, den Südtirolern verweigert. Die

Liste lässt sich fortsetzen.“

„Als Herrschaftsmittel wurde der Nationalismus überflüssig, weil die politische Klasse heute die Massen durch den Sozialstaat an sich bindet. Die Ausplünderung einer Minderheit durch die Mehrheit schafft bei den Nutznießern des Systems ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und ist in einer Demokratie durchaus legal, wenn auch nicht legitim.“ „Wenn man genauer hinsieht, haben auch viele nationalistische Kriege eine klassenkämpferische Komponente. Die Deutschen gehörten vom Baltikum bis in den Balkan oft zur städtischen Führungsschicht der Länder, aus denen sie später vertrieben wurden.

5
5

Die Unterschiede innerhalb der europäischen Völker sind viel größer als die Unterschiede zwischen ihnen. Das macht den nationalistischen Krieg so irrational.“ „Das sagen auch die Sozialisten. Statt des Völkerkampfes wollen sie den Klassenkampf bis hin zum Bürgerkrieg.

„Dann sollten wir uns darüber unterhalten, worum es den Sozialisten eigentlich geht.“ „Was ist für Dich das wesentliche Merkmal des Sozialismus?“

„Der Glaube an die Gleichheit der Menschen.“ „Wann handelt ein Staat gerecht?“

„Wenn er alle seine Bürger gleich behandelt. Ich sehe schon, worauf Du hinaus willst. Diese Gleichheit vor dem Gesetz ist eine juristische Selbstverpflichtung des Staates, keinen Staatsangehörigen gegenüber allen anderen Einheimischen zu bevorzugen oder zu benachteiligen. Die Gerechtigkeit des Staates besteht in der Isonomie. Bei der Gleichheit der Sozialisten geht es hingegen um etwas ganz anderes. Sie glauben an eine biologische Gleichheit der Menschen. Hier geht es nicht um eine juristische Garantie, sondern um eine Aussage über die Natur des Menschen.“ „Die empirisch überprüfbar ist. Wir sollten uns das Menschenbild der Linken genauer ansehen, denn es ist das Fundament ihrer gesamten Ideologie. Bei der Gelegenheit müssen wir auch die psychologischen Vorstellungen der politischen Rechten in unsere Betrachtung einbeziehen. Ich hoffe, dass wir dadurch zu einem klareren Verständnis dessen kommen können, was in der Politik unter links und rechts zu verstehen ist.“

„Ich will versuchen das Credo der Linken zu beschreiben. Danach gibt es keine angeborenen Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen, der bei Geburt als eine tabula rasa gesehen wird.“ „Diese mit einem Schaber abgeschabte Schiefertafel ist eine wirklich altertümliche Metapher. Gibt es kein modernere rhetorische Figur für diesen Sachverhalt?“

„Das ist nun mal seit dem Mittelalter der Sprachgebrauch. Ich glaube, dass die Verständigung leichter fällt, wenn wir uns an die kulturellen Traditionen halten. Aber Du hast meinen Gedankenfluss unterbrochen.“ „Gab es schon einen? Entschuldige, das war nur ein Scherz. Du wolltest darauf hinweisen, dass die Linken das Denken, Fühlen und Verhalten der Menschen

ausschließlich durch Umwelteinflüsse erklären wollen.“ „Einige wenige simple Lernmechanismen reichen nach dieser Weltsicht aus, um das Handeln der

Menschen zu erklären. Die Sitten, Gebräuche und sozialen Beziehungen seien das Ergebnis der Konditionierung vor allem der Kinder, aber auch der Jugendlichen und Erwachsenen, durch die

umgebende Kultur. Ein System von Worten, Bildern, Stereotypen und Rollenmodellen schreibt

nach Belieben in die leere Tafel. Alles sei sozial konstruiert, von den Emotionen bis zum

Geschlecht.“ „Nach dieser Lehre sind die Unterschiede, die wir zwischen Individuen, ethnischen

Gruppen, Rassen und den Geschlechtern sehen, nicht bedingt durch angeborene Unterschiede in der natürlichen Konstitution, sondern durch unterschiedliche Erfahrungen. Ändert man diese, zum Beispiel durch eine Reform der Erziehung, der Schule, der Medien, der Sprache, dann

ändert man auch den Menschen.“

„Daraus ergibt sich, dass alle sozialen Probleme wie Schulversagen, Armut, Drogenkonsum oder Kriminalität scheinbar durch eine Änderung der gesellschaftlichen Institutionen zu beseitigen sind. Es wäre ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, angesichts dieser Möglichkeiten untätig zu bleiben. Das linke Menschenbild ist eine maßgeschneiderte Selbstermächtigung der Sozialisten zur grenzenlosen Intervention des Staates, zur Umwälzung der Gesellschaft.“ „Was für ein glücklicher Zufall, dass das linke Standardmodell der Sozialwissenschaften so sehr den wirtschaftlichen Interessen seiner Anhänger entgegenkommt.“

„Das ist wohl der wahre Grund für die Beliebtheit dieser Ideologie beim akademischen Proletariat. In diesem Fall bestimmt tatsächlich das Sein das Bewusstsein. Es ist ein prekäres ökonomisches Sein, das nach Selbstermächtigung und moralischer Überhöhung sucht.“ „Nach

6
6

empirischen Beweisen für diese Theorie fragt kaum jemand. Wie Thomas Huxley so richtig sagte: ‚Die Wissenschaft ist organisierter gesunder Menschenverstand, wo viele schöne Theorien durch hässliche Tatsachen getötet wurden.‘ So etwas kann ein ehrgeiziger Gutmensch nicht gebrauchen.“

„Ein gutes Beispiel dafür ist Jean-Jacques Rousseau, der in seinem ‚Diskurs über die Ungleichheit unter den Menschen‘ meinte, dass nur Sklaven in Hörweite ihrer Herren darüber diskutieren würden, ob die natürliche Ungleichheit unter den Menschen sich in der sichtbaren sozialen Ungleichheit ausdrücken würde. Ich bin auf diese Stelle bei Rousseau durch Karl Popper aufmerksam gemacht worden, der sie für eine der besten Antworten hält, die je den Widersachern der Gleichheitsidee gegeben wurde.“ „Sieh an, Herr Popper, der große Wissenschaftstheoretiker, der sonst so viel Wert auf Falsifizierungsversuche legt. Was für ein Triumph der politischen Leidenschaft über den Verstand und, ja, die Redlichkeit.“

„Ich möchte eine Person, die ich sehr schätze, gegen ein Missverständnis verteidigen. Es wird oft behauptet, dass John Locke der erste gewesen sei, der das Konzept der tabula rasa vertreten habe. Das ist falsch. Locke wollte erklären, wie die Wahrheit zu finden ist. Dabei ging er davon aus, dass der menschliche Geist ein leeres Blatt Papier bleiben würde, wenn es nicht die Erfahrung gäbe, durch die der Geist sich allmählich mit Wissen und Vernunft füllt. Damit wandte er sich gegen die damals vorherrschende Vorstellung, dass es ein a priori Wissen gebe, das von Geburt an in jedem Mensch vorhanden sei. Er wies nach, dass Wissen nur a posteriori , abhängig von Erfahrung, gewonnen und begründet werden kann. Damit machte Locke eine epistemologische Aussage. Die Lehre von der leeren Tafel, mit der wir uns beschäftigen, ist aber eine psychologische Behauptung.“ „Dieses Missverständnis, wie Du es nennst, ist wirklich seltsam, da Locke klar und ausführlich sagt, dass die Menschen ihrer Natur nach weder gleich sind, noch gleich gemacht werden können. Der von ihm mitbegründete Empirismus hat nichts mit der verunglückten Psychologie der leeren Tafel zu tun.“

„Felix, Du magst doch schöner Zitate? Ich habe etwas für Dich. Ich bin bestimmt kein Kenner der englischen Literatur, aber die folgenden drei Zeilen haben mir so gut gefallen, dass ich sie mir gemerkt habe. Sie stammen von John Dryden und lauten:

‚I am as free as Nature first made man, Ere the base laws of servitude began,

When wild in woods the noble savage ran.’ “

“Nice. In einer Nußschale der den Linken heilige naiv-romantische Glaube an den edlen Wilden. Wann hat Dryden das geschrieben?“

„Ungefähr 1670, also weit vor Rousseau, der aber gewiss der wichtigste Propagandist dieser Lehre ist. Für ihn gab es keinen Zweifel: der Mensch ist im Naturzustand freundlich, friedlich, hilfreich und gut. Jede Grausamkeit ist das Ergebnis einer Zivilisation, die den edlen Wilden verdorben hat.“ „Was für ein Unterschied zu Thomas Hobbes, der erkannte, dass der Mensch seiner Natur nach gewalttätig veranlagt ist und deshalb die Menschheit im Urzustand in einem ständigen Krieg aller gegen alle sich befinden muss. Seine Erkenntnis: Homo hominis Lupus‘ führte ihn zu der Forderung nach einem militärisch und polizeilich starken Staat, der die menschlichen Wölfe vom Krieg aller gegen alle abhalten soll. Ohne staatliche Disziplinierung könnte keine Zivilisation existieren und das Leben der Menschen wäre nach seinen Worten ‚solitary, poor, nasty, brutish, and short‘. Das ist die genaue Gegenposition zu Rousseau.“

„Diese Menschenbilder haben enorme praktische Bedeutung. Wenn wir ursprünglich edle Wilde

sind, dann brauchen wir keine Erziehung der Kinder, denn diese sind von Natur aus gut und

werden sich ohne jede Einwirkung von Erwachsenen positiv entwickeln. Wenn Hobbes recht

7
7

hat, dann erfordert das Aufziehen von Kindern die Vermittlung von Disziplin, Gehorsam und die Bereitschaft, Autoritäten anzuerkennen. Die Kindererziehung ist folglich niemals frei von Konflikten und asoziales Verhalten zeigt die dunkle Seite eines Menschen, der im Sozialisierungsprozess nicht ausreichend gezähmt wurde oder gar nicht zähmbar war.“ „So viel Realismus können die Linken nicht verkraften. Sie ziehen eine sentimentale und bequeme Weltsicht vor. Wenn Menschen sich böse verhalten, dann ist das ihrer Meinung nach einfach die Schuld der Gesellschaft, welche die an sich guten Menschen korrumpiert hat. Der Missetäter ist

nur ein Opfer, die Verantwortung tragen andere.“

„Wenn der Mensch im Naturzustand edel und gut ist, und jedes Fehlverhalten nur Ausdruck von Defekten in gesellschaftlichen Institutionen, dann ist die Natur an sich gut. Dieser Glaube ist ein wesentlicher Bestandteil der linken Ideologie. Das zeigt sich in der Vorliebe für alles Natürliche, wie natürliche Nahrung oder Naturmedizin und dem Misstrauen gegenüber dem

Menschengemachten, wie Plastik oder Erzeugnisse der pharmazeutischen Industrie.“ „Rousseau wollte ‚Zurück zur Natur‘ und war damit ein Vorläufer des heutigen Ökologismus. Wenn man am

Lack der linken Doktrin etwas kratzt, kommt darunter sehr schnell eine irrational-wehleidige Sehnsucht nach dem einfachen Leben zum Vorschein. Links sein bedeutet Regression, der Sozialismus ist ein Atavismus.“

„Für einen Linken ist es das höchste Ziel, sich ganz natürlich zu verhalten. Er sieht in der Abschaffung zivilisatorischer Konventionen eine Entfesselung des edlen Wilden.“ „Für den Linken eine Hoffnung, für den Rechten eine Drohung. Wir sollten später einmal darüber sprechen, wie die Naturvölker sich wirklich verhalten.“

„Vom Menschenbild, das man sich macht, hängt auch das Staatsverständnis ab. Wenn wir alle als edle Wilde geboren werden, ist ein dominanter Leviathan, wie ihn Hobbes forderte, nicht notwendig. Ein glückliches Leben wäre unser Geburtsrecht und die Politik könnte sich darauf beschränken, institutionelle Barrieren wegzuräumen. Das ist der Urglaube des Anarchismus, sei er nun Anarchosozialismus oder Anarchokapitalismus. Die Anarchisten verorten sich damit eindeutig im linken Lager.“ „Die Anerkennung der Realität ist unbequem. Viele Menschen können die Tatsache nicht ertragen, dass das Beste, was wir im menschlichen Zusammenleben erhoffen können, ein unsicherer Waffenstillstand ist, der von Polizei und Militär erzwungen

wurde.“

Mir hat noch kein Linker erklären können, wie seine beiden Grundüberzeugungen logisch miteinander vereinbar sein sollen. Eine leere Tafel kann genau genommen weder Eintragungen für gutes noch böses Verhalten aufweisen.“ „Der edle Wilde entsteigt als Deus ex machina der leeren Tafel. Kein Linker fragt nach der Logik oder Beweisbarkeit seiner Glaubenssätze, wenn

diese politisch nützlich sind.“

„Das sind sie gewiss. Nehmen wir als Beispiel die linke Kritik am Kapitalismus, die ohne Annahme einer grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen nicht möglich wäre. Auch in dieser Hinsicht war Rousseau einer der wichtigsten Ideengeber. Er behauptete in seinem bereits erwähnten Diskurs über die Ungleichheit unter den Menschen, dass der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen, das gehört mir, der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft gewesen sei. Demnach steht am Beginn der Privatwirtschaft eine gewalttätige Inbesitznahme, die, so Rousseau, nur Bestand haben kann, wenn sich genügend Einfältige finden, die der Anmaßung der betrügerischen Landnehmer glauben. Die bürgerliche Gesellschaft beruhe auf der nachträglichen Legalisierung des anfänglichen Raubes.“ „In dieser Sicht entstand das Bürgertum durch die Erbsünde einer unrechtmäßigen Aneignung. Die Armen sind demnach nur deshalb arm, weil sie beim kriminellen Gründungsakt des Kapitalismus

ausgegrenzt wurden, sozusagen auf der falschen Seite des Zauns standen.“

8
8

„Dieser Gründungsmythos ist sehr wirkungsmächtig. Im 19. Jahrhundert war unter den Sozialisten der Slogan ‚Eigentum ist Diebstahl‘ sehr populär. Auch heute noch behaupten sie, dass Reichtum obszön sei.“ „Außer wenn der Reichtum in der Hand linker Popsänger oder Filmschauspieler ist.“

„Du willst den Gutmenschen doch nicht etwa Doppelmoral vorwerfen? Man darf sie nicht so kleinlich beurteilen, sondern man sollte sie bewundern für die Flexibilität, mit der sie ihren moralischen Rigorismus anwenden.“ „Ein schönes Beispiel moralischer Entrüstung liefert Bert Brecht, der Eigentümer stattlicher Guthaben auf Schweizer Bankkonten, mit seiner Sottise, wonach der Überfall auf eine Bank nichts bedeute im Vergleich mit der Gründung einer Bank.

„Die Wahrheit ist, dass der Überfall auf eine Bank nichts bedeutet im Vergleich mit der Enteignung einer Bank. Im ersten Fall haben wir es mit dem unbeholfenen Freibeutersozialismus einiger Desperados zu tun, die viel riskieren und relativ wenig erbeuten.

Im letzteren Fall rauben einige Politiker alles, ohne sich zu gefährden, denn die Gesetze machen

sie selbst.“ „Jedenfalls ist die Haltung zum Eigentum ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal

in der Politik. Der regressive Charakter des Sozialismus ist auch hier deutlich erkennbar, denn

die Sozialisten sehnen sich heftig nach dem Gemeineigentum, das in der Vorgeschichte der Menschheit, als unsere Vorfahren noch Jäger und Sammler waren, gegolten hatte. Das Privateigentum wird von keinem Sozialisten vorbehaltlos akzeptiert, es gibt nur Nuancen in seiner Ablehnung, die von der marxistischen ‚ Expropriation der Expropriateure’ bis zur Sozialpflichtigkeit des Eigentums im deutschen Grundgesetz reicht.

Es ist erstaunlich, wie viel Erfolg Rousseau mit seiner unsinnigen Behauptung über die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft gehabt hat. Die heutigen Unternehmer sind nicht die Nachfahren der ersten Zaunerrichter, sondern der ersten Pflanzen- und Tierzüchter. Der wirtschaftliche Erfolg ist überwiegend das Ergebnis überdurchschnittlicher Leistungen. Zwar spielt auch der Zufall eine gewisse Rolle, aber entscheidend sind Intelligenz, Fleiß, Beharrlichkeit, Sparsamkeit und ähnliche Sekundärtugenden, die von den Linken gehasst werden, weil sie nicht darüber verfügen. Jeder erfolgreiche Bourgeois zeigt ihnen, was möglich wäre, aber von ihnen nicht geschafft wurde.“ „Die Linken brauchen keine Sekundärtugenden, wie sie es nennen, denn sie haben ein Monopol auf die Primärtugend der Parteinahme für die

Schwachen.“

„Aber zurück zu Rousseau. Mit dem Einzäunen beginnt erst das Wirtschaften. Erst danach sieht man, was der Zaunzieher aus dem Eingezäunten macht. Das wird sehr unterschiedlich sein. Die erfolgreichen Einzäuner werden wirtschaftlich überleben, die weniger erfolgreichen untergehen. Das bedeutet, dass die soziale Schichtung der Gesellschaft durch die

unterschiedliche Leistungsfähigkeit der Menschen hervorgerufen wird.“ „Wobei zu

berücksichtigen ist, dass die Eigenschaften, welche die Leistungsfähigkeit ausmachen, wie Intelligenz und positive Charaktereigenschaften, zu einem erheblichen Anteil angeboren sind, also vererbt wurden. Die Klassenstruktur ist im Wesentlichen eine Widerspiegelung der

Genstruktur der Bevölkerung.“

„Rousseau bezieht seine moralische Empörung aus der Unterstellung, dass alle Menschen gleich geboren werden, dass jeder alles lernen könne, dass jeder jede Arbeit leisten und jede Position einnehmen könne, wenn die Gesellschaft das nur zuließe. Nur durch die willkürliche und schurkische Landnahme einiger Weniger seien die Vielen um ihr Geburtsrecht einer

vollwertigen Teilhabe am Leben gebracht worden.“ „Das ist die Grundformel der sozialen Demagogie. Die Bourgeoisie hat tatsächlich das Proletariat geschaffen, und zwar dadurch, dass sie den Proletariern Arbeit gegeben hat, die sie ernährt und es ihnen möglich macht, Nachkommen zu haben. Der Großteil der Arbeitnehmerschaft könnte nicht existieren, wenn ihnen nicht eine relativ kleine Minderheit von Leistungsträgern jene Verfahren und Werkzeuge zur Verfügung stellen würde, auf denen die moderne Wirtschaft beruht.

9
9

„Die Linken führen eine herzzerreißende Klage über die Ausbeutung der lohnabhängigen

Massen durch die herrschende Klasse. In Wirklichkeit lebt die schwache Mehrheit von einer starken Minderheit.“ „Und das nicht schlecht. Aber es gibt keine Anerkennung der Tatsachen und schon gar keine Dankbarkeit, sondern nur Neid und eine permanente Unzufriedenheit, die sich aus einem sozialen Vergleich speist, der den Schwachen regelmäßig ihre Schwäche vor Augen

führt.“

„Man kann von der Arbeitsteilung, die sich in der Wirtschaft herausgebildet hat, nicht ohne einen erheblichen Produktivitätsverlust abweichen. Zwar könnten die Starken ohne weiteres die Arbeit der Schwachen ausführen, aber es wäre nicht möglich, dass Letztere an die Stelle der Ersteren treten. Insofern sind die Arbeitsbeziehungen asymmetrisch.“ „Das war bereits Platon bekannt, der betonte, dass von Natur aus kein Mensch dem anderen gleicht, sondern jeder seine besondere Natur hat. Daraus zog er den Schluss, dass mehr und Besseres produziert werden kann, wenn jedermann eine seinen natürlichen Gaben entsprechende Beschäftigung ausübt. Die Arbeitsteilung ist letztlich naturgegeben und man zahlt einen hohen Preis, wenn die Arbeitsorganisation keine Rücksicht auf die vorhandene Begabungsstruktur nimmt.

„Wir müssen Rousseau zugute halten, dass zu seiner Zeit die Ökonomie noch keine Wissenschaft

war. Als er in der Mitte des 18. Jahrhunderts seine Einzäunungsanklage schrieb, kannten die Ökonomen nur den Produktionsfaktor Land und es war ihnen noch nicht bewusst, dass auch Arbeit und Kapital Produktionsfaktoren sind. Heute wissen wir, dass von diesen drei Faktoren der Mensch mit seiner Arbeitskraft das bei weitem wichtigste Element ist. Nur von ihm hängt es ab, welche Werkzeuge es gibt und ob Land überhaupt ein Produktionsfaktor ist. Ob etwas eine Ressource ist, hängt vom Leistungsstand der Menschen ab. Nach dem Beginn der Industrialisierung um etwa 1800 nahmen die Ökonomen an, dass die Grundrente, also das Einkommen aus Landeigentum, steigen werde, da die Bevölkerung und die Produktion rasch wuchs und das nutzbare Land nicht beliebig vermehrbar ist. Aber das Gegenteil trat ein. Die Grundrente fiel seitdem ständig und ist heute auf einem erheblich niedrigeren Niveau als vor der Industrialisierung.“ „Pech für Rousseau und ganze Generationen von linken Intellektuellen, die ihre Verurteilung der bürgerlichen Gesellschaft auf einen Faktor stützen, der heute kaum mehr

Bedeutung hat.“

„Der Beitrag von Land- und Forstwirtschaft zum Inlandsprodukt ist marginal. Auch wenn wir die Rohstoffe betrachten, die das Land enthält, bleibt die Bedeutung der menschlichen Leistungsfähigkeit ungeschmälert. Erdöl ist wertlos, wenn nur gelegentlich einige Beduinen über die Lagerstätte reiten. Es muss gefördert und raffiniert werden. Auch heute noch gibt es viele Länder auf der Welt, die nicht in der Lage sind mit eigenen Kräften eine Erdölraffinerie zu bauen.“ „Rousseau hat den Faktor Arbeit bewusst ausgespart, um sich nicht in die Verlegenheit zu bringen, die Unterschiede in der menschlichen Leistungsfähigkeit erwähnen zu müssen. Es ist einfacher über die ungleiche Verteilung des endlichen Gutes Land zu lamentieren, als die ungleiche Verteilung der menschlichen Begabungen zu diskutieren.

„Wie entwickelte sich das linke Menschenbild nach Rousseau?“ „Im 19. Jahrhundert war

zweifellos John Stuart Mill der wichtigste Theoretiker auf diesem Gebiet. Ein seltsamer Mann, der als Liberaler begann und als Sozialist endete. Er war einer der ersten Feministen, ein Verfechter der allgemeinen Schulpflicht und einer vom Staat betriebenen

Einkommensumverteilung von oben nach unten. In seiner Biographie bekannte er offen, dass die damals vorherrschende Tendenz, die offenkundigen Unterschiede zwischen den Menschen als angeboren und unveränderlich anzusehen, das größte Hindernis für eine Lösung der sozialen Fragen in seinem Sinne darstellt. Diese Weltsicht, die so nützlich für die konservativen Interessen sei, müsse an ihrer Wurzel angegriffen werden. Das tat Mill, indem er apodiktisch behauptete, die Unterschiede zwischen Individuen, Rassen und Geschlechtern seien das Ergebnis von unterschiedlichen sozialen Lebensumständen und nicht von Vererbung. Seine

10
10

Umwälzung der Psychologie bestand in der Formulierung einer assoziativen Theorie des Lernens, die versucht, die menschliche Intelligenz ohne eine angeborene Organisation des

Gehirns zu erklären.“

Er scheint mit seiner Leugnung der menschlichen Natur einem linken Grundbedürfnis entsprochen zu haben.“ „Die assoziative Lerntheorie von John Stuart Mill ist, mit einigen Abwandlungen, noch heute in Gebrauch. Sie bildet den Kern der meisten Lernmodelle, insbesondere im Behaviorismus, der die Psychologie von den 1920er Jahren bis in die 1960er Jahre dominierte. Eine der berühmtesten Verlautbarungen der leeren Tafel stammt von John Watson, dem Begründer des Behaviorismus. Sie lautet sinngemäß: gebt mir ein Dutzend Kinder und die Kontrolle über ihre Umwelt und ich garantiere euch, dass ich jedes beliebige von ihnen zu einem Experten meiner Wahl ausbilden kann, sei er nun Arzt, Rechtsanwalt, Künstler, Kaufmann oder auch Bettler und Dieb.“

„Herr Watson litt ganz offensichtlich nicht unter Selbstzweifeln. Zum Glück für ihn und vor allem für die angesprochenen Kinder wurde er nie beim Wort genommen.“ „Die realen Leistungen von John Watson waren etwas bescheidener als seine Versprechungen. Einer seiner größten Erfolge bestand darin, in einem Kleinkind namens Albert, das bis dahin pelztragende Tiere mochte, Angst vor diesen zu erzeugen, indem er immer dann mit einem Hammer auf eine Eisenstange schlug, wenn Albert eine der Laborratten streicheln wollte. Das Kind assoziierte bald den Anblick von Ratten nicht mehr mit angenehm-kuscheligen Spielgefährten, sondern mit dem schmerzhaften Lärm der Hammerschläge.

„Dieses Ergebnis hätte ich auch ohne Psychologiestudium vorhersagen können.“ „Eine triviale Erkenntnis, aber die assoziative Lerntheorie von Mill, die in den Gesetzen der Konditionierung überlebte, lässt nicht mehr zu. Es ist der Zweck dieser minimalistischen Psychologie alles auszublenden, was die Erreichung der politischen Ziele der Behavioristen gefährden könnte. Im Behaviorismus spielen die Talente und Fähigkeiten eines Kindes keine Rolle, weil es für diese Anhänger der leeren Tafel so etwas wie Talent oder Fähigkeit gar nicht gibt. Watson hat all das aus der Psychologie verbannt, zusammen mit anderen Inhalten des Geistes, wie Ideen, Überzeugungen, Wünschen und Gefühlen. Sie seien subjektiv und nicht messbar und deshalb für die Wissenschaft nicht geeignet, die ausschließlich objektive und messbare Ereignisse zu untersuchen habe. Nur das sichtbare Verhalten und seine Kontrolle durch die Umwelt dürften Gegenstand der Psychologie sein.“

„Übrigens, was sagt ein Behaviorist zu seiner Frau, nachdem er mit ihr Sex hatte? – ‚Nach allem was ich bei Dir beobachten konnte, waren die sexuellen Handlungen für Dich gut. Aber was waren sie für mich?‘“ „Gut getroffen! Der Behaviorismus ist ein Extremismus, der sogar leugnet, dass die Sexualität eine angeborene biologische Grundlage hat.“

Man muss schon sehr politisch motiviert sein, um einen so extremen Standpunkt einzunehmen, der jede Bezugnahme auf Genetik und Evolutionsgeschichte ausschließt.“ „Ein gutes Beispiel für diese Scheuklappenpsychologie liefert B. F. Skinner, der bekannteste Psychologe in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Er schrieb ein Buch mit dem Titel The Behavior of Organisms, in welchem nur von Ratten und Tauben die Rede war und das beobachtete Verhalten nur im Drücken von Hebeln und im Picken von Körnern bestand. Die Behavioristen standen nicht nur der Genetik feindlich gegenüber, sondern sie lehnten auch die Gehirnforschung ab. Noch 1974 schrieb Skinner, dass die wissenschaftliche Untersuchung des Gehirns nur ein weiterer fehlgeleiteter Versuch sei, die Ursachen des Verhaltens innerhalb des Organismus zu finden statt in der

äußeren Welt.“

„Wir dürfen die politische Agenda nicht übersehen, die von diesen respektheischenden Akademikern verfolgt wurde. Skinner war ein Maoist. Er hat zwar in der Öffentlichkeit niemals die rote Fahne geschwungen, aber in seinen Büchern wird seine totalitäre Gesinnung offenbar.

11
11

In Walden Two propagierte er eine Gesellschaft, die in eine große Skinnerbox umgewandelt wurde, in der jede Verhaltensäußerung durch eine selbsternannte Führung konditioniert wird.“ „Wobei sich die Menschen nicht von den Laborratten unterscheiden.“

„Das ist nur konsequent. Wenn sozialschädliches Verhalten weder instinktiv noch frei gewählt ist, sondern das Ergebnis einer fehlerhaften Konditionierung wäre, dann ruft das nach einem starken Politbüro des ZK der KP, das die Zügel in die Hand nimmt, um nun endlich richtig zu konditionieren.“ „Es ist leicht zu erraten, welche Rolle in diesem politischen Modell die rechtgläubigen Psychologen und andere progressive Intellektuelle spielen sollen.“

„Es macht einfach mehr Spaß, ein allmächtiger Weltenlenker zu sein, als ein einfacher Professor, der sich mit Studenten und Kollegen auseinander setzen muss.“ „Nun ist der strikte

Behaviorismus ziemlich tot, aber viele seiner Vorstellungen leben in der Psychologie fort. Das assoziative Lernmodell der Behavioristen liegt auch den neuronalen Netzwerken zugrunde, die das Lernen simulieren sollen. Viele Neurowissenschaftler setzen den Lernprozess mit der Bildung von Assoziationen gleich und suchen deshalb nach einer assoziativen Bindung in der Physiologie von Neuronen und Synapsen. Dieses Vorgehen ignoriert alle anderen Arten der Informationsverarbeitung, die das Gehirn ausführt, so zum Beispiel das Speichern eines Wertes in einer Variablen, wie in x = 4. Dieser Speichervorgang ist grundlegend für die Orientierung im Gelände und beim Sammeln oder Jagen. Deshalb ist die Fähigkeit dazu bei vielen Tieren und

auch beim Menschen hoch entwickelt.

Die Neurowissenschaftler und Psychologen, welche am assoziativen Lernmodell festhalten, erkaufen sich die Schlichtheit ihrer Theorie mit einem weitgehenden Verzicht auf deren explikative und prognostische Leistungsfähigkeit.“ „ Für diese Leute sind alle Organismen

austauschbar. Sie fragen sich nicht, ob die Labortiere, mit denen sie sich beschäftigen, in ihrer Psychologie den Menschen ähnlich oder unähnlich sind. Es wird behauptet, dass neuronale Netzwerke, die einem massiven Training unterzogen werden, den gesamten Wissenserwerb

erklären können.“ „Aber warum sind dann Menschen klüger als Ratten?“ „Hier kommt ein magisches Wesen ins

Spiel, mit dem man alles erklären kann, nämlich die Kultur. Nur der Mensch verfügt über kulturelle Einrichtungen, die auf wunderbare Weise sein Denken formen. Für einen linken Psychologen ist der Mensch im Prinzip eine Ratte mit einer etwas größeren leeren Tafel, d. h.

Gehirnmasse, und etwas, das man kulturelle Einrichtungen nennen könnte.“

Für mich ist der Begriff Kultur einfach eine Sammelbezeichnung für jede Art von gehobener Unterhaltung, wie Oper, Ballett, Poesie.“ „Die linken Ideologen haben seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine ganz andere Definition von Kultur. Sie sehen in ihr ein eigenständiges Wesen, das unabhängig von den Menschen existiert. Diese Vorstellung geht auf die Philosophie des Idealismus zurück, der vor allem in Deutschland sehr beliebt war. Danach sind die Ideen, das heißt der Geist, die Vernunft oder das Bewusstsein, das eigentlich Wirkliche und die Materie lediglich deren Erscheinungsform. In dieser Sicht ist die Kultur ein Ding sui generis, das nur aus sich selbst heraus erklärbar ist.“

Dann würde die Kultur den Menschen erschaffen.“ „Die Kultur wird so zu einem Superorganismus umgedeutet, der eigenen Gesetzen folgt. Das Individuum bedeutet in dieser Betrachtungsweise gar nichts. Was zählt ist der Geist der Gruppe, die angeblich in der Lage ist zu

denken, zu fühlen und zu handeln.“

„Das erklärt, warum die Linken von der ‚Gesellschaft‘ sprechen, als wäre es ein lebendes Wesen, das man für seine Sünden haftbar machen kann. Warum diese geistigen Verrenkungen?“ „Um die Erblichkeit von Intelligenz und Charakter sowie das Vorhandensein von menschlichen Instinkten zu leugnen.“

12
12

„Es gibt einen schönen Ausspruch von Gottfried Wilhelm Leibniz, der das empiristische Motto:

‚Es gibt nichts im Intellekt, das nicht zuerst in den Sinnen war‘ um die Worte ergänzte: ‚außer dem Intellekt selbst‘. Leibniz hatte erkannt, wobei er von Hobbes beeinflusst war, dass intelligentes Handeln eine Form der Informationsverarbeitung ist, welche zu ihrer Durchführung eine komplexe Maschinerie benötigt, die das Gehirn darstellt.“ „Die geistigen Prozesse, die in der informationsverarbeitenden Maschine Gehirn ablaufen, lassen sich mit den Begriffen Information, Berechnung und Rückkopplung beschreiben. Die geistige Welt ist ein Ausdruck der physischen Welt und es wäre falsch, eine Trennung vorzunehmen zwischen Materie und Geist, Materiellem und Spirituellem, Physischem und Mentalem, Biologie und Kultur, Natur und Gesellschaft sowie Naturwissenschaften und Sozial- bzw. Geisteswissenschaften.

Wenn wir das Konstruktionsprinzip unserer physiologischen Denkmaschine verstanden haben, dann verstehen wir die Gesetzmäßigkeiten, unter denen der Mensch handelt.“ „Diese Aufgabe ist

zu bewältigen. Das Gehirn verfügt über eine beschränkte Anzahl von mentalen Mechanismen, die den unterschiedlichsten kulturellen Erscheinungsformen zugrunde liegen. Weltweit werden zum Beispiel ungefähr 6.000 Sprachen benutzt, die auf den ersten Blick sehr verschieden sind. Aber eine genauere Analyse zeigt, dass ihre grammatikalischen Regeln sich viel weniger unterscheiden als die Laute, die ihre Sprecher von sich geben. Es gibt eine universelle Grammatik, die beweist, dass die Sprachen von einer Maschine generiert werden, die bei allen Menschen ähnlich funktioniert. Alle unsere Gedanken und Gefühle, Freuden und Schmerzen, Träume und Wünsche bestehen aus der physiologischen Aktivität des Gehirns. Man kann sagen, dass die informationsverarbeitende Tätigkeit des Gehirns den Geist verursacht, oder man kann sagen, dass dies der Geist ist, aber in jedem Fall ist es unabweisbar, dass jeder Aspekt unseres

geistigen Lebens gänzlich von physiologischen Ereignissen im Gehirngewebe abhängt.“

„Und wo bleibt die Seele, jenes immaterielle Zauberwesen, das angeblich sogar unsterblich ist?“ „Es gibt kein Gespenst in der Maschine. Das ist eine fromme Selbsttäuschung, ein Trost für die Ängstlichen.“

Und ein Herrschaftsmittel der Priester. Aber es bleibt eine erstaunliche Vorstellung, dass all das, was wir als unser autonomes Ich ansehen, in Wirklichkeit aus biochemischen Vorgängen des Gehirns besteht.“ „Jeder Gedanke und jede Emotion senden physische Signale, die sich so genau identifizieren lassen, dass es möglich ist Gedanken zu lesen. Ein Neurowissenschaftler kann im Labor feststellen, ob die Versuchsperson sich gerade ein Gesicht oder eine Örtlichkeit vorstellt. Man kann in einer Maus ein Gen ausschalten und damit verhindern, dass sie etwas lernt. Es ist aber auch möglich, in die Maus eine zusätzliche Kopie dieses Gens einzuschleusen

und damit ihre Lernfähigkeit zu erhöhen.“

„Gibt es dieses Gen auch bei Menschen?“ „Ja, aber hier gelten politisch begründete Forschungsverbote. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Tiefere Erkenntnisse über die genetische Grundlage der menschlichen Intelligenz werden wohl aus chinesischen Staatslabors oder aus karibischen Untergrundwerkstätten kommen.“

„Seid ihr Forscher wirklich alle so staatsfromm? Es muss doch einige wissbegierige und

unvoreingenommene Leute unter euch geben, die sich einen Teufel um politisch motivierte Denk- und Forschungsverbote kümmern.“ „Die gibt es. Ich zähle mich auch dazu. Es könnte sein, dass sozusagen als Abfallprodukt epidemiologischer Untersuchungen einige Erkenntnisse

anfallen. Aber wie die Informationen weitergeben? Wer publiziert so etwas?“

„Dafür gibt es das Internet.“ „Das Establishment würde das alles ignorieren mit der üblichen Ausrede, dass diese Arbeiten nicht wissenschaftlich begutachtet sind.“

13
13

„Dann müsst ihr eben durch reproduzierbare Experimente die herrschenden Auffassungen

widerlegen. Diese Beweise kann man auf Dauer nicht unterdrücken.“ „Dein Optimismus in Ehren, aber ich bin in dieser Hinsicht etwas skeptischer. Sehen wir uns den Mythos der leeren Tafel an, der durch nichts erschüttert werden kann. Die Neurowissenschaft hat eine Fülle von Erkenntnissen erarbeitet, welche die Vorstellung vom menschlichen Geist als einer

unbeschränkt formbaren Knetmasse widerlegen.“

„Kannst Du einige Beispiele dafür geben?“ „Ich will mich auf drei beschränken. 1. Unterschiede in der grauen Substanz der Frontallappen sind nicht nur genetisch bedingt, sondern auch signifikant korreliert mit Unterschieden in der Intelligenz. 2. Homosexuelle Männer haben einen kleineren Nucleus preopticus medialis im vorderen Hypothalamus. 3. Gewaltverbrecher besitzen einen kleineren und weniger aktiven präfrontalen Kortex, jenem Teil des Gehirns, der die

Urteilsbildung steuert und Impulse hemmt.“ „Diese Ausprägungen des Gehirns können nicht von außen über die Sinne hervorgerufen

werden. Das bedeutet, dass zum Beispiel kognitive Leistungsfähigkeit, sexuelle Orientierung und Neigung zur Gewalttätigkeit nicht über exogene Einflüsse erworben, sondern endogen durch die

Gene bestimmt werden.“ „Ein Gegenargument in diesem Zusammenhang lautet: das Gehirn mit

seinen 100 Milliarden Nervenzellen, die durch 100 Billionen Synapsen verbunden werden, ist so kompliziert , dass es nicht bis in das letzte Detail von den Genen bestimmt sein kann, denn das Genom enthalte nicht so viele Informationen, wie für den kompletten Bauplan des Organs

erforderlich wären.“

„Als Nichtfachmann vermute ich, dass nicht für jede einzelne Nervenzelle und ihre Verbindungselemente eine explizite Anweisung erforderlich ist. Ein intelligenter Konstruktionsalgorithmus würde nicht Atome aneinanderfügen, sondern größere Bausteine benutzen und außerdem massiv rekursiv sein.“ „Du hast recht. Die Evolution, dieser blinde Uhrmacherin, hat alles ausprobiert und dabei erstaunlich komplexe Maschinen zustande gebracht. Die Gene enthalten den vollständigen Bauplan des Lebewesens, zu dem sie gehören.

Welche Bedeutung hat die Umwelt für die Ausformung eines Lebewesens?“ „Sehen wir uns ein Beispiel an. Nehmen wir unseren nächsten Verwandten im Tierreich, den Schimpansen. Wenn diese Menschenaffen in einem menschlichen Haushalt aufwachsen und genauso wie Menschen behandelt werden, so denken, sprechen und handeln sie doch niemals wie Menschen. Das liegt an einem Unterschied von nur 10 Megabyte an Information im Erbgut von Mensch und Schimpanse. Sogar die beiden Arten der Gattung Schimpanse, der Gemeine Schimpanse und der Bonobo, unterscheiden sich in ihrem Verhalten deutlich voneinander, obwohl ihre Genome nur um einige Promille voneinander abweichen. Der Gemeine Schimpanse gehört zu den aggressivsten Säugetieren, Bonobos zu den friedlichsten; bei ersteren dominieren die männlichen Tiere, bei letzteren die weiblichen; die Gemeinen Schimpansen haben nur Sex, wenn er für die Fortpflanzung erforderlich ist, während die Bonobos ständig sexuell aktiv sind.“

Es gibt auch außerhalb der Genforschung viele Beweise für die Bedeutung der Gene. Bei praktisch jeder kognitiven oder emotionalen Störung findet man unter eineiigen Zwillingen, deren Erbgut bekanntlich gleich ist, mehr Übereinstimmung als unter zweieiigen Zwillingen, die nur die Hälfte ihrer Gene gemeinsam haben. Die Umwelt kann für diese Unterschiede nicht verantwortlich sein, denn sie ist für jedes Zwillingspaar weitgehend gleich.“ „Für Autismus, Legasthenie, Sprachbehinderung, Lernschwäche, Linkshändigkeit, Depression, Zwangsneurosen und vieles mehr haben die biologischen Verwandtschaftsbeziehungen einen besseren

prognostischen Wert als irgendein messbares Merkmal der Umwelt.“ „Die eineiigen Zwillinge sind ein natürliches Experiment, das starke indirekte Beweise für die

Bedeutung der Gene liefert.“ „Ja, die monozygotischen Zwillinge ähneln sich sehr stark in jeder messbaren Eigenschaft. Sie gleichen sich in ihren sprachlichen und mathematischen Fähigkeiten,

14
14

in ihrer allgemeinen Intelligenz, in ihrem Ausmaß an Lebenszufriedenheit und in ihren Persönlichkeitsmerkmalen. Sie stimmen in kontroversen Fragen wie Todesstrafe, Religion oder moderner Musik überein. Sie zeigen das gleiche Verhalten wenn es um Glücksspiele, Scheidung, Gesetzestreue, Unfallneigung und Fernsehen geht. Ihre Elektroenzephalogramme gleichen sich so wie die Elektroenzephalogramme einer einzelnen Person, die zu verschiedenen Zeitpunkten

aufgezeichnet wurden.“

„Nun gibt es eineiige Zwillinge, die bei ihrer Geburt getrennt wurden und in unterschiedlichen Familien oder Anstalten aufgezogen wurden. Hat die Erfahrung einer unterschiedlichen Umwelt

Einfluss auf ihr Verhalten?“ „Keinen messbaren. Es ist verblüffend, welches Ausmaß an

Übereinstimmung die getrennt aufgewachsenen monozygotischen Zwillinge bei ihrer Zusammenführung aufweisen. Nach ihrer eigenen Aussage fühlen sie sich dabei, als hätten sie

sich ihr gesamtes Leben gekannt.“

„Auch die Adoptionen bieten ein Experimentierfeld für die Frage was mehr zählt: Erbgut oder Umwelt.“ „Die Antwort ist hier eindeutig. Die adoptierten Kinder ähneln ihren biologischen Verwandten viel mehr als ihren Adoptionseltern und deren Kindern, obwohl sie mit ihnen die

gleiche Umwelt teilten.“

„Die stärksten Beweise in der von uns diskutierten Frage sind von der Genforschung zu erwarten.“ „Hier wurden einige Fortschritte erzielt und weitere sind zu erwarten. Wir wissen, dass die Gene die Größe und Form der verschiedenen Teile des Gehirns, deren Vernetzung und die Nanotechnologie bestimmen, mit der Hormone und Neurotransmitter gebunden, freigesetzt und wieder aufbereitet werden. Auch das Wissen zur Funktion einzelner Gene wird immer größer. Ein fehlerhaftes Nucleotid im Gen FOXP2 verursacht Störungen beim Sprechen und im Sprachverständnis. Ein Gen namens LIMkinase1 auf demselben Chromosom produziert ein Protein, das für die Bildung von Neuronen benötigt wird, welche die Fähigkeit zum räumlichen Denken schaffen. Wenn dieses Gen gelöscht wird, hat die betroffene Person weiterhin eine normale Intelligenz, kann aber nicht mehr Objekte zusammensetzen oder Blöcke anordnen. Eine Version des Gens IGF2R ist mit hoher allgemeiner Intelligenz verbunden. Eine überdurchschnittlich lange Variante des Gens D4DR, eines Dopamin Rezeptors, führt bei ihren Trägern zu einer Suche nach Nervenkitzel und Sensation.“

„Sind das die Leute, die aus Flugzeugen abspringen, gefrorene Wasserfälle hochklettern und Sex mit Fremden haben?“ „Genau die. Eine winzige Änderung im Genom kann große Wirkung haben.“

„Nach all den bisherigen Erkenntnissen kann es kaum mehr Zweifel an der Bedeutung der Gene geben.“ „Die Gene sind sicher das primäre. Man kann das am besten an einem Beispiel

verdeutlichen. Die Inhaltsstoffe im Mais, die wir beim Essen als süß empfinden, sind zu 100% genetisch bestimmt. Aber es hängt von vielen Umweltfaktoren, wie Bodenqualität, Niederschlagsmenge und Sonnenscheindauer ab, wie stark sich die gegebenen Erbanlagen

ausprägen können.“

Ich will das mal variieren. Verschiedene Maissorten auf einem Feld angepflanzt werden sich in ihrer Höhe unterscheiden, da ihre Genome sich unterscheiden, während ihre Umwelt gleich ist. Die selbe Sorte Mais auf qualitativ unterschiedlichen Feldern, das eine bewässert, das andere trocken, wird je nach Feld verschieden hoch wachsen, da die gleichen Gene auf unterschiedliche Umwelten treffen.“ „Du hast es erfasst. Die Gene beschreiben das Potential, die Umwelt entscheidet, wie viel davon verwirklicht werden kann.“

Nun kann die beste Umwelt aus den Genen nicht mehr herausholen, als an Möglichkeiten in ihnen steckt. Ich sehe es an mir selbst. Auch die beste Musikerziehung könnte aus mir keinen Konzertpianisten machen. Auch wenn ich als Baby von einem Schachgroßmeister adoptiert und

15
15

täglich von ihm trainiert worden wäre, könnte ich doch niemals zu den 100 stärksten Spielern der Welt zählen.“ „Jeder von uns hat seine Stärken und Schwächen. Ich habe zum Beispiel immer bedauert, dass es mir nie gelungen ist, auch nur einigermaßen gut Fußball zu spielen, egal wie sehr ich mich darum bemüht habe.

„Die Linken behaupten, dass jeder Mensch alles lernen kann.“ „Eine lächerliche Behauptung. Sie

sollten entweder durch nachprüfbare Experimente ihre Glaubenssätze beweisen oder den Mund halten. Aber sie können weder das eine noch das andere.“

„In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage der sozialen Gerechtigkeit. Wenn ich öffentlich als Sänger auftreten würde, wäre niemand bereit Geld auszugeben, um mich zu hören. Ein bekannter Opernsänger kann hingegen auf einer Tournee eine Million Eintrittskarten zu 100 Dollar das Stück verkaufen. Er ist damit um 100 Millionen reicher, während ich keinen Cent verdient habe. Für die Sozialisten ein krasser Einkommens- und Vermögensunterschied, der durch staatliche Umverteilungsmaßnahmen eingeebnet werden muss. Die Einkommenskluft provoziert die moralische Entrüstung der Gutmenschen, von den christlichen Theologen bis zu den gutbezahlten Funktionären der Wohlfahrtsverbände. Der Reiche wird mit Vorwürfen überschüttet und an seine soziale Verantwortung erinnert. Der Arme darf hingegen das beleidigte Opfer spielen, ohne dass jemand nach seiner Verantwortung fragen würde. Aber warum sollte der Opernsänger mein Unvermögen mit seinem ehrlich verdienten Geld kompensieren?“ „Um den nagenden Neid der Gutverdienenden auf die Besserverdienenden zu stillen. Offiziell verweist man allerdings auf die Solidaritätspflicht.

„Warum sollten die Reichen solidarisch sein? Waren es die Armen jemals ihnen gegenüber?

Solidarität ist keine Einbahnstraße. Hilfe sollte der erhalten, der sie verdient. Es ist verlogen,

wenn Normalverdiener die Besserverdienenden neidvoll angiften und dann von ihren Feinden

plötzlich Solidarität fordern, als wären die eben noch Ausgegrenzten irgendwie tributpflichtig.“ „Wie Du richtig sagtest: Solidarität wird gefordert, nicht erbeten. Wenn jemand privat Geld ohne Gegenleistung fordert, nennt man das Raub, in der Politik nennt man das Sozialstaat.“

„Was ist übrigens der wichtigste Beitrag, den jeder Mensch zur Bekämpfung der Armut leisten sollte?“ „Selbst kein Armer zu sein.“

An dieser Stelle kommen die Linken üblicherweise mit der Ausrede der mangelnden Chancengleichheit. Seit langem beherrschen die Sozialisten aller Parteien den Staat und damit auch das Schulwesen. Sie hätten genug Gelegenheit gehabt, in die angeblich leeren Tafeln das immer Gleiche hineinzuschreiben. Aber es gibt nach wie vor enorme Bildungsunterschiede,

welche die soziale Herkunft der Schüler widerspiegeln.“ „Die Schuld daran gibt man den

Lehrern, die sich angeblich von Vorurteilen leiten lassen. Ein interessanter Vorwurf, wenn man bedenkt, wie links die meisten Lehrer sind. Die Bourgeoisie muss eine besonders raffinierte

Verschwörung zusammen mit den sozialistischen Lehrergewerkschaften ausgeheckt haben.“

„Für die politische Klasse gibt es nur eine Lösung des Problems: einfach mehr Geld in das

Bildungswesen pumpen und alles wird gut. Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit die Politiker und die Meinungsmacher in den Massenmedien einen

Zusammenhang zwischen den Ausgaben für das Schulwesen und der Bildung herstellen. Sie unterstellen eine positive Korrelation zwischen Ausgaben und Bildung, also ein je mehr, desto

mehr.“ „Das ist Unsinn, denn höhere Lehrergehälter oder bessere Schulgebäude bewirken nicht

automatisch mehr Bildung. Selbst wenn die beiden Größen miteinander korreliert wären, was nicht der Fall ist, ist es falsch, von der Korrelation auf eine Kausation zu schließen, denn die Voraussetzung für Bildung ist Lernfähigkeit, und die ist biologisch festgelegt und durch kein

Geld der Welt zu ändern.“

16
16

„Man kann aus einem Ackergaul kein Rennpferd machen.“ „Richtig. Aber man kann aus einem zufriedenen Ackergaul, der seine Grenzen kennt und in Einklang damit lebt, einen unzufriedenen Ackergaul machen, der denkt, er könnte ein Rennpferd sein, ohne jemals dieses Ziel erreichen zu können.

„Gibt es hinsichtlich der kognitiven Leistungsfähigkeit einen Unterschied zwischen den

Geschlechtern?“ „Das Gehirn eines erwachsenen Mannes wiegt durchschnittlich 1375 g, das einer erwachsenen Frau 1245 g. Die Großhirnrinde enthält beim Mann etwa 23 Milliarden Somata von Nervenzellen, bei der Frau sind es etwa 19 Milliarden. Das sind globale Durchschnittszahlen, die für den konkreten Fall im praktischen Leben keine Bedeutung haben. Dort muss jeder Mensch als Individuum behandelt werden und nicht als unwesentlicher

Bestandteil eines Kollektivs.

„Nach Maßstäben, die für alle Menschen gleich sind. Das ist mir schon klar. Hat es überhaupt einen Sinn, Männer und Frauen gegeneinander auszuspielen, wie das die Feministen und Feministinnen tun?“ „Nein. Die Evolution hat die Geschlechter nicht als antagonistisch, sondern als komplementär zueinander entworfen. Die Geschlechter haben unterschiedliche Stärken und Schwächen und man erreicht deshalb die besten Ergebnisse, wenn man sich gegenseitig ergänzt.

„Wir sollten noch darüber sprechen, ob der Mythos des edlen Wilden einer empirischen Überprüfung standhält.“ „Das ist auch so ein Fall, wo hässliche Tatsachen eine schöne Theorie zerstören. Wir wissen heute, dass Hobbes recht und Rousseau unrecht hatte. Die Berichte linker Ethnologen über friedliebende Naturvölker auf Neuguinea und sexuell aufgeschlossene Eingeborene auf Samoa und anderswo verzerren die Wirklichkeit in einer geradezu perversen Weise. In diesen primitiven Gesellschaften gehört Krieg zum Alltag. Er wird auch nicht in einer rituellen Weise eher symbolhaft geführt, sondern das sind immer Feldzüge, bei denen die physische Vernichtung des Gegners angestrebt wird. Das Foltern von Gefangenen, das Abschneiden von Trophäen vom Körper der Feinde, Massenvergewaltigungen und die

Ermordung von Kinder sind keine Ausnahmeerscheinungen, sondern die Regel.“

„Kann man sagen: je primitiver, desto aggressiver?“ „Die ethnologische Feldforschung hat ergeben, dass bei den indigenen Völkern Südamerikas und Neuguineas die Todesrate der Männer infolge von Krieg extrem hoch ist. Sie reicht von 60% bis 20%. Wenn im günstigsten Fall jeder 5. Mann im Krieg umkommt, dann kann man wirklich nicht mehr von friedlichen Naturvölkern sprechen. Diese Aggressivität besteht bei allen vorstaatlichen Völkern. Bei 90% aller Gesellschaften von Jägern und Sammlern ist nachgewiesen, dass sie regelmäßig Krieg

führen. Zwei Drittel von ihnen tun dies mindestens einmal alle zwei Jahre.“

„Es ist ein beunruhigender Gedanke, den wir nicht verdrängen dürfen: unsere Vorfahren waren sehr gewalttätig und dieses Erbe ist in uns.“ „Auch die behauptete sexuelle Freizügigkeit der Eingeborenen ist in der Wirklichkeit nicht anzutreffen. Die Samoaner würden ihre Töchter schlagen oder töten, wenn sie vor ihrer Verheiratung die Jungfräulichkeit verlieren. Die Familie eines Mannes, dessen Frau außerehelichen Sex hatte, darf den sogenannten Ehebrecher

angreifen und sogar töten.“

„Die letzte Verteidigungslinie der Anhänger der leeren Tafel ist der Hinweis auf die Plastizität des Gehirns.“ „Die ist tatsächlich gegeben. Jedes mal wenn wir etwas lernen, verändert sich

unser Gehirn. Wäre es nicht so, müssten wir als Gedächtnislose durchs Leben gehen. Das Gehirn ist aber auch großartig darin, sich an unterschiedliche Anforderungen anzupassen. Zum Beispiel ist bei geübten Geigenspielern die Region in ihrem Cortex, welche die Finger ihrer linken Hand

steuert, größer als bei andere Menschen.

17
17

„Steigt dadurch die Leistungsfähigkeit des Gehirns?“ „Nicht insgesamt, sondern es ändert sich nur die Zuordnung von Hirngewebe zu bestimmten Aufgaben, das heißt, dass die Grenzen zwischen einzelnen Funktionseinheiten des Gehirns sich verschieben können. Aber dadurch steigt nicht die Gesamtkapazität, denn was eine Einheit zusätzlich bekommt, fehlt anderswo. Besonders die primären Gehirnrindenfelder, die Wahrnehmungsinformationen wie Sehen, Riechen oder Berührung verarbeiten, sind ziemlich variabel. Man kann aber nicht von der Formbarkeit des visuellen oder auditorischen Cortex auf eine ähnliche Plastizität der vielen anderen Funktionseinheiten des Gehirns schließen.

„Ist es möglich, dass Gehirnteile Aufgaben übernehmen, für die sie ursprünglich nicht

vorgesehen waren?“ „Ja, die Adaptionsfähigkeit des Gehirns ist außerordentlich. Von Geburt an Blinde nutzen ihren visuellen Cortex zum Lesen der Brailleschrift. Von Geburt an Taube nutzen

Teile ihres auditorischen Cortexes, um ihre Zeichensprache zu verarbeiten. Amputierte nutzen jenen Teil ihres Cortexes, der für den amputierten Körperteil zuständig gewesen war, zur

Steuerung der verbliebenen Glieder.“

„Aber das beweist nicht, dass das Gehirn durch irgendwelchen Input grundlegend geändert werden könnte.“ „Die Doktrin der extremen Plastizität macht den Fehler, die im primären sensorischen Cortex entdeckte Formbarkeit auf das gesamte Gehirn zu übertragen. Aber es ist ein Irrtum zu glauben, dass eine über die Sinne empfangene Eingabe ein angeblich amorphes Gehirn dazu veranlassen könnte, beliebige Leistungen zu erbringen. Nehmen wir als Beispiel die sexuelle Orientierung. Es ist schon oft versucht worden, homosexuelle Männer umzuprogrammieren. Man hat zu diesem Zweck die verschiedensten Verfahren angewandt, aber

es ist niemals gelungen, die sexuelle Orientierung dieser Männer zu ändern.“

Das gilt auch für Intelligenz und Charaktereigenschaften.“ „Wenn Menschen sich in ihren psychologischen Merkmalen unterscheiden, liegt das zum Großteil an Unterschieden in den Genen: eineiige Zwillinge sind sich ähnlicher als zweieiige Zwillinge, biologische Geschwister sind sich ähnlicher als adoptierte Geschwister. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob die Zwillinge oder andere Geschwister gemeinsam oder getrennt aufgezogen wurden. Die in derselben Familie aufgewachsenen Kinder sind sich in Persönlichkeit und Intelligenz ähnlich, weil sie die

gleichen Gene haben.“

„Wir haben nun festgestellt, dass das Denken ein rein physischer Prozess ist, dass es kein unstofflich-körperloses Gespenst in der informationsverarbeitenden Maschine Mensch gibt, dass das menschliche Gehirn genetisch bestimmt und nicht von der Evolution ausgenommen ist, dass die Menschen ungleich geboren werden und durch keine Macht der Welt gleich gemacht werden können, dass die Geschlechter nicht nur unterhalb, sondern auch oberhalb des Nackens sich voneinander unterscheiden. Was bleibt dann noch vom linken Menschenbild?“ „Gar nichts. Seine Fundamente wurden von den modernen Biowissenschaften zerstört. Ein Modell ist gescheitert, wenn seine Annahmen widerlegt wurden.

Damit verliert die linke Politik ihre Rechtfertigung. Wenn die Klassenstruktur nicht das Ergebnis einer willkürlichen Aneignung des Mehrwertes durch die Bourgeoisie ist, sondern das genetische Potential der Bevölkerung widerspiegelt, dann kann man höchstens die Natur anklagen, weil sie die menschlichen Fähigkeiten so ungleich verteilt hat, aber es ist kein moralischer Protest gegen ‚die da oben‘ mehr möglich.“ „Die Evolution des Menschen bestätigt diese Auffassung.

„Die Vergangenheit bleibt für uns weitgehend im Dunklen. Für die letzten Jahrhunderte gibt es noch eine Fülle an historischem Material, aber für die Zeit davor werden die Quellen im spärlicher. Wenn wir mehr als 5.000 Jahre zurückgehen, finden sich gar keine schriftlichen Aufzeichnungen mehr. Über die Vorgeschichte informiert uns die Archäologie, aber es gibt immer weniger auszugraben, je weiter wir in die Zeit zurück sehen. Die frühesten menschlichen

18
18

Ansiedlungen wurden vor 15.000 Jahren errichtet. Davor lebten die Menschen als Nomaden, die nichts bauten und kaum etwas von Dauer hinterließen, außer ein paar Steinwerkzeugen und den bemerkenswerten Höhlenmalereien. Die Mittel der Paläoanthropologen und Archäologen sind begrenzt.“ „Da kann die Genetik helfen, denn das Genom ist ein Lager für Erbinformationen, die in ständiger Veränderung sind. Insofern gleicht das Genom einem Dokument, das fortlaufend überarbeitet wird, wobei aber die früheren Entwürfe erhalten bleiben.

„Was bringt uns das?“ „Die im Genom stattgefundenen Veränderungen können datiert werden. So haben zum Beispiel Informationen aus dem menschlichen Genom den Paläoanthropologen dabei geholfen das Datum zu bestimmen, zu dem die Menschen ihre Körperbehaarung verloren

haben.“

Das ist sicher eine sehr nützliche Erkenntnis. Aber kann man mit den Werkzeugen der Genetik auch etwas über die Lebensumstände der vorgeschichtlichen Menschen erfahren?“ „Nehmen wir die Frage, wann die Menschen erstmals selbst geschneiderte Kleidung regelmäßig getragen haben. Die Archäologen konnten niemals eine Antwort darauf geben, weil das Kleidungsmaterial und die Knochennadeln, mit denen es genäht wurde, nicht haltbar sind. Interessiert Dich dieses

Thema?“ „Durchaus. Unsere frühen Vorfahren haben bestimmt gelegentlich lose Tierhäute getragen, zum

Beispiel als Umhang gegen die Kälte. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie man aus dem

menschlichen Erbgut auf die Nutzung geschneiderter Kleidung schließen will.“ „Du hast recht. So

direkt geht das nicht. Man muss Umwege gehen, und zwar über einen ständigen Begleiter des

Menschen.“

„Wer soll das sein? Etwa ein Parasit?“ „Ganz richtig. In der Laus steckt die Antwort. Als unsere Vorfahren noch von Kopf bis Fuß von Fell bedeckt waren, hatten die Läuse den gesamten Körper zu ihrer Verfügung. Aber dann verloren die Menschen ihre Körperbehaarung und den Läusen blieb nur der behaarte Kopf. Die darauf spezialisierte Kopflaus hielt sich tapfer für viele Jahrtausende auf diesem kleinen Territorium. Als die Menschen begannen Kleidung zu tragen, ergriffen die Läuse unverzüglich diese Chance das verlorene Terrain zurück zu gewinnen und entwickelten eine neue Unterart, nämlich die Kleiderlaus, manchmal auch Körperlaus genannt.

Das war vor ungefähr 72.000 Jahren.“

„Wenn man annimmt, dass die Kleiderlaus sich unmittelbar nach der Bildung der neuen Nische entwickelte, liegt die Abkehr von der Nacktheit erst in der jüngsten Phase der

Evolutionsgeschichte.“ „Die Herausbildung einer komplexen Sprache, die deutlich über die

wenigen Signallaute des Tierreichs hinausgeht, erfolgte noch später, vor circa 50.000 Jahren. Die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen, die ihn von allen anderen Lebewesen unterscheiden, bildeten sich erst in der letzten Phase der menschlichen Evolution, die vor 5.000.000 Jahren

begann, als sich die menschliche Entwicklungslinie von jener der Schimpansen trennte.“

„Das bedeutet, dass die Gattung Homo erst im letzten Hundertstel ihres Daseins dem modernen Menschen ähnlich wurde.“ „Zuerst entwickelte sich die physische Form des Menschen, dann erst sein Geist. Es dauerte sehr lange, bis unsere Vorfahren zum aufrechten Gang fanden. Dann verloren sie ihre Körperbehaarung und bildeten eine dunkle Hautfarbe anstelle der hellen, die ursprünglich unter dem Fell existiert hatte. Erst vor 100.000 Jahren hat die Evolution anatomisch moderne Menschen hervorgebracht, deren Skelett grundsätzlich dem unseren

gleicht, auch wenn der Mensch heute wesentlich graziler ist als damals.“

„Unsere Ahnen mögen vor 100.000 Jahren bereits anatomisch, aber bestimmt nicht verhaltensmäßig, modern gewesen sein, wenn man bedenkt, dass sie erst 50.000 Jahre später

eine wirkliche Sprache entwickelten.“ „Die Voraussetzung dafür war eine Vergrößerung des

Gehirns. Der Hauptanstoß für diese Wendung der Evolution kam nicht aus der Natur, sondern

19
19

der menschlichen Gesellschaft. Es brachte einen Vorteil im Überlebenskampf, wenn man wusste wem zu trauen war, mit wem man erfolgreich Bündnisse eingehen konnte, welche Gefälligkeiten

man empfangen und gewährt hatte. All das erforderte größere kognitive Fähigkeiten.“

„Ich nehme an, dass die gestiegene Geisteskraft der entscheidende Vorteil im Überlebenskampf war.“ „Das ist der Grund, warum Homo sapiens die einzige überlebende Art der Gattung Homo ist. Unsere Vorfahren, die als erste über die Macht einer voll entwickelten modernen Sprache verfügten, zählten nicht mehr als circa 5.000 Menschen, die im Nordosten Afrikas lebten. Obwohl sie kognitiv noch nicht so fortgeschritten waren wie die heutige Menschheit, besaßen sie doch alle charakteristischen Merkmale des modernen Menschen, wie Neigung zur permanenten Kriegsführung, Religionsausübung als Mittel des sozialen Zusammenhalts und Gegenseitigkeit in den gruppeninternen sozialen Beziehungen sowie im Handel mit Außenstehenden.

„Schwer zu glauben, dass ein so kleines Volk die Welt erobert hat.“ „Es waren noch weniger, als Du annimmst. Tatsächlich ist es nur ungefähr 200 von ihnen gelungen aus Afrika auszubrechen, indem sie das Rote Meer vor 50.000 Jahren an seinem südlichen Ende überquerten. Bis dahin hatten die Neandertaler, die in Europa und dem Nahen Osten siedelten, den Weg aus Afrika versperrt. Diese 200 und ihre Nachkommen folgten der Küste des Indischen Ozeans bis sie Indien erreichten. Dort trennten sich ihre Wege. Eine Gruppe wanderte den Küsten Südostasiens entlang bis nach Australien, wo sie vor 46.000 Jahren eintraf. Eine andere Gruppe wandte sich von Indien aus nach Nordwesten, erreichte Europa und vertrieb dort die Neandertaler aus ihrer

angestammten Heimat.“

Das widerspricht doch der Vorstellung des edlen Wilden. Danach müssten die beiden Arten friedlich nebeneinander existieren.“ „So war es keineswegs. Die Neandertaler wurden ausgerottet und nicht etwa assimiliert. Der Homo neanderthalensis ist eine eigene Art der Gattung Homo und keine Unterart von Homo sapiens. Es gibt in unserem Erbgut keinen Hinweis auf eine Kreuzung der beiden Arten, die fortpflanzungsfähige gemeinsame Nachkommen hervorgebracht hätte. Der Neandertaler ist vor 30.000 Jahren ausgestorben, obwohl er unsere Art an Körperkraft übertraf. Es stellte sich heraus, dass im Überlebenskampf die geistigen Fähigkeiten entscheidend sind.“

„Wenn wir alle von jener winzigen Gruppe abstammen, der es vor 50.000 Jahren gelungen war Afrika zu verlassen, dann muss die genetische Übereinstimmung unter den modernen Menschen

groß sein.“ „Das ist sie. Die heute lebenden Menschen sind viel näher miteinander verwandt, als

das bei vielen anderen Arten der Fall ist. Die größten Unterschiede finden sich unter den

autochthonen Völkern Afrikas, also jenen die ‚zu Hause‘ geblieben waren, während die Populationen außerhalb Afrikas genetisch weitgehend uniform sind.“

„Haben dann die Linken recht, die behaupten, dass es keine Rassen gibt und der Begriff Rasse‘ nur ein soziales Konstrukt sei, das auf Vorurteilen beruht?“ „Keineswegs. Die Angehörigen der Art Homo sapiens sind sich in ihrem Erbgut zwar strukturell gesehen sehr ähnlich, aber nicht in allen DNA-Sequenzen identisch. Es gibt eine Fülle von Unterschieden zwischen den Rassen, wobei die Hautfarbe kein gutes Unterscheidungsmerkmal ist.“

Im akademischen Bereich ist es ein Tabu an Rassenunterschiede zu denken, geschweige sie zu erforschen.“ „Ja, es gibt enorme Widerstände gegen ein vorurteilsloses Herangehen an diese Frage. Aber in der medizinischen Forschung ist es gelungen, die politischen Fesseln etwas zu lockern. Die Mediziner können nicht ignorieren, dass viele Krankheiten einen genetischen Anteil haben, der oft je nach Rasse unterschiedlich ist. So tritt zum Beispiel die Hämochromatose, eine erbliche Stoffwechselstörung, fast nur bei Europäern auf. Die Pima Indianer sind besonders

anfällig für Diabetes, Polynesier für Fettleibigkeit.“

20
20

„Dann muss es auch bei der Therapie von Vorteil sein, die Rassenunterschiede nicht zu leugnen.“ „Gewiss. Ein Beispiel dafür ist BiDil, ein Medikament gegen Herzversagen. Bei der klinischen Erprobung des Mittels an einer großen Versuchsgruppe, die rassisch gemischt zusammengesetzt war, zeigte sich keine besondere Wirksamkeit von BiDil. Eine genauere Analyse der Ergebnisse ergab jedoch, dass die Probanden afrikanischer Herkunft von dem Medikament profitieren konnten. Ein neuer Versuch, diesmal nur mit Afroamerikanern, bewies die hohe Wirksamkeit des Mittels für diese rassisch definierte Gruppe. Man weiß inzwischen auf Grund welcher genetisch regulierter Stoffwechselvorgänge dieses Medikament wohl bei Afrikanern wirkt, nicht

aber bei Angehörigen anderer Rassen.“

„Auch im Sport gibt es Hinweise, dass Rassenunterschiede eine erhebliche Rolle spielen. Circa 95% der Weltbestzeiten im Laufen über Kurzstrecken haben Westafrikaner oder aus Westafrika stammende Afroamerikaner erzielt. Die ersten drei Plätze im 100 Meter Lauf bei Olympischen Spielen nehmen seit Jahrzehnten ausschließlich Sportler westafrikanischer Abstammung ein. Nun glaube ich nicht, dass dieser Erfolg sich durch unterschiedliche Trainingsbedingungen

erklären lässt.“ „Die Westafrikaner haben keine bessere Schulung als europäische oder

asiatische Läufer. Im Spitzensport ist die Betreuung weltweit ziemlich einheitlich. Die

beobachtbaren Leistungsunterschiede sind überwiegend genetisch bedingt.“

„Auf den mittleren Distanzen von 5.000 bis 10.000 Meter dominieren Läufer aus Kenia. Es ist interessant zu sehen, wie die Ostafrikaner im 100 Meter Lauf abschneiden. Der beste Kenianer nimmt auf der Liste der Weltbestzeiten über diese Kurzstrecke ungefähr den fünftausendsten Platz ein.“ „Das härteste Training kann aus einem Läufer nicht mehr herausholen, als seine genetischen Voraussetzungen hergeben.“

„Der Sport liefert einige Indizien für genetische Unterschiede zwischen den Rassen, aber einen richtigen Beweis kann nur der Vergleich der Genome selbst erbringen.“ „Das ist schon längst

geschehen, aber von den Massenmedien nicht zur Kenntnis genommen worden. Der Vergleich von ungefähr 100 zufällig ausgewählten Stellen im Genom reicht aus, um die Rassenzugehörigkeit zu bestimmen. Wenn man diese Marker klug wählt, kommt man mit 30 Stellen im Genom aus. Die beste mir bekannte Untersuchung verglich 377 Stellen im gesamten Genom bei 1.000 Menschen aus 52 Völkern aller Kontinente. Man beauftragte dann einen

Computer, anhand der in den untersuchten 377 Stellen festgestellten Unterschiede die Individuen in Cluster einzuteilen. Dabei ergaben sich, genau wie bei den weniger aufwendigen Analysen, jene 5 Rassen, die den unterschiedlichen Siedlungsräumen entsprechen, in denen sich

menschliche Populationen isoliert voneinander entwickelt hatten.“

„Ich vermute, dass diese Studie bestätigt hat, was man intuitiv bereits seit langem annimmt.“ „So

ist es. Die Rasseneinteilung gemäß der Siedlungskontinente ergibt Afrikaner, die aus dem Raum südlich der Sahara stammen; Indoeuropäer aus Europa, Nahem Osten, Nordafrika und indischem Subkontinent; Asiaten aus dem östlichen Eurasien, das heißt aus China, Japan, Korea, Indochina, Philippinen und Sibirien; Ureinwohner von Ozeanien, also die indigenen Völker von

Neuguinea, Australien, Melanesien und Mikronesien; Ureinwohner von Nord- und Südamerika.“ „Wie groß sind die Unterschiede zwischen den Rassen nun wirklich?“ „Dass die Differenzen groß

sein müssen, zeigt schon ein Blick auf die Bevölkerung von Island. Die Insel wird erst seit 1.000

Jahren besiedelt. Während dieser Zeit waren die Isländer nicht nur vom Rest der Welt isoliert, sondern in ihren regionalen Siedlungsgebieten auch voneinander. Das reichte aus, um sie genetisch so unterschiedlich zu machen, dass der Vergleich von nur 40 Stellen in ihrem Genom es ermöglicht zu erkennen, aus welcher der 11 Regionen der Insel die untersuchte Person stammt. Seit dem Auszug aus Afrika ist nun fünfzigmal mehr Zeit vergangen. Ein dem entsprechendes größeres Ausmaß an genetischer Differenzierung innerhalb der gesamten Menschheit ist unvermeidlich. Von allen menschlichen Variationen finden sich 85% innerhalb

21
21

eines Volkes oder Stammes, die restlichen 15% liegen zwischen den Rassen oder ethnischen Gruppen innerhalb der Rassen.

„Das hört sich nicht nach viel an.“ „Zumindest nicht für Linke. Tatsächlich gilt in der Biologie eine globale Differenzierung von 10% bis 15% bereits als erheblich und man würde bei jeder anderen Spezies von Unterarten sprechen, wenn so große genetische Unterschiede vorliegen. Wir müssen hier zusätzlich noch berücksichtigen, dass derartige pauschale Vergleiche des gesamten Erbgutes nicht besonders aussagekräftig sind, denn sie beziehen Teile des Genoms ein, die auf den Organismus unter heutigen Bedingungen keinen Einfluss haben. Der Rassenbegriff ist nur sinnvoll, wenn er sich auf Unterschiede bezieht, die im täglichen Leben von Bedeutung

sind.“

Die größte Bedeutung hat in diesem Zusammenhang das Gehirn.“ „Gerade hier gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Rassen. Betrachten wir zwei Beispiele. Die Gene Microcephalin und ASPM haben großen Einfluss auf die Größe des Gehirns. Vor ungefähr 37.000 Jahren trat eine neue Version von Microcephalin auf, die sich schnell ausbreitete. Das beweist, dass die Träger des neuen Allels einen großen Wettbewerbsvorteil hatten, der offensichtlich in ihrer gestiegenen geistigen Leistungsfähigkeit bestand. Heute findet man diese Version von Microcephalin bei 70% der Europäer und Ostasiaten, aber kaum bei Afrikanern südlich der Sahara. Das Gen ASPM zeigt eine ähnliche Entwicklung. Eine neue Version tauchte vor 6.000 Jahren auf und verbreitete sich schnell aber ungleichmäßig. Heute hat die Hälfte der Menschen in Europa und dem Nahen Osten sowie ein kleinerer Teil der Ostasiaten dieses Allel im Erbgut, während es in Afrika südlich der Sahara sehr selten oder gar nicht vorkommt.“

Wenn die neue Version eines Gens für ihre Träger Vorteile bringt, gibt es mehrere Möglichkeiten ihrer Verbreitung. Die friedliche Variante wäre eine allmähliche Durchmischung der Population durch zufällige Paarbildung, die weniger freundliche Strategie bestünde in der Herausbildung einer überlegenen Gruppe, die sich nicht mit Außenstehenden paart, sondern auf Grund ihres Wettbewerbsvorteils die genetisch benachteiligten Gruppen verdrängt.“ „Letzteres war bisher der Fall. In Eurasien lässt sich das gut nachweisen, sowohl für einzelne Völker als auch die eurasischen Rassen. So entstanden zum Beispiel die Han Chinesen vor circa 12.000 Jahren aus einer sehr kleinen Population, die auf Kosten ihrer Nachbarn sehr schnell expandierte. Der Ursprung der indoeuropäischen und auch der asiatischen Rasse liegt in kleinen Gruppen, die vor 20.000 Jahren am nördlichsten Rand des menschlichen Siedlungsraumes lebten. Die nächste glaziale Kaltphase, die vor 20.000 Jahren begann und vor 15.000 Jahren endete, zerstörte ihren Lebensraum, der zur Eiswüste oder Tundra wurde. In dieser Kälteperiode wurde das Gletschermaximum des Pleistozäns erreicht. Unsere Vorfahren mussten sich an die südlichen Ränder Eurasiens zurückziehen.

Es ist anzunehmen, dass die Vertriebenen von den Alteingesessenen nicht besonders freundlich aufgenommen wurden.“ „Das war damals so wie heute. Das Überleben der Nordleute in der südlichen Diaspora beweist, dass sie die Fähigkeit hatten, sich in blutigen Verdrängungskämpfen durchzusetzen. Als vor 15.000 Jahren eine Wärmeperiode begann, zogen die Nachfahren der Flüchtlinge wieder nach Norden und kolonisierten erneut Europa und Asien. Aber diese Warmphase fand vor 12.500 Jahren ein abruptes Ende. Innerhalb nur eines Jahrzehnts fielen die Temperaturen wieder auf Eiszeitniveau und die Wälder Eurasiens verwandelten sich erneut in Tundra. Diese tödliche Kälte dauerte 1.500 Jahre.

„Es muss ungeheuer schwierig gewesen sein, unter diesen Bedingungen zu überleben.“ „Das ist nur den Fähigsten gelungen. Die letzte Eiszeit bewirkte eine unbarmherzige Auslese. Als vor 11.000 Jahren die heutige Warmzeit begann, unterschieden sich die wenigen Überlebenden deutlich von ihren Vorfahren, und das nicht nur in der Schädelform, sondern vor allem auch in ihren geistigen Fähigkeiten. Trotzdem sind die beiden eurasischen Rassen direkte Nachkömmlinge jener winzigen Gruppen, die ursprünglich im äußersten Norden Eurasiens

22
22

siedelten. Eine dritte kontinentale Rasse, nämlich die amerikanischen Indianer, stammt von wenigen sibirischen Gruppen ab. Auch in diesem Fall gelang es einer kleinen Population, sich auf kontinentale Größe auszuweiten.

„In Afrika und Ozeanien waren die Auswirkungen der globalen Kaltphasen weitaus weniger spürbar.“ „Dem entsprechend gab es dort keine Auslese der Fähigsten wie in Eurasien. Die

Afrikaner und die Ureinwohner der pazifischen Inseln konnten bequem leben, ohne besondere geistige Fähigkeiten entwickeln zu müssen. Das bedeutet, dass diese beiden Rassen sich in den letzten 50.000 Jahren weniger stark verändert haben als die relativ jungen Rassen der Europäer, Ostasiaten und Indianer. Wenn Du wissen willst, wie unsere gemeinsamen Vorfahren, die vor 50 Jahrtausenden aus Afrika ausgezogen sind, ungefähr ausgesehen haben mögen, dann brauchst

Du Dir zum Beispiel nur einige australische Aborigines anzusehen.“

„Hallo Uropa, was hast Du doch für eine nützliche schwarze Hautfarbe. Und die Unterschiede zwischen uns sind nicht nur hauttief.“ „Ja, die jungen Rassen haben seit dem Auszug aus Afrika einen weiten Weg zurückgelegt. Und die Reise geht weiter.“

Kehren wir zurück an den Beginn des Holozäns vor 11.000 Jahren. Damals erfolgte eine der größten Umwälzungen in der Geschichte der Menschheit. An den Rändern des östlichen Mittelmeers wurden immer mehr Nomaden sesshaft und aus Jägern und Sammlern wurden

Ackerbauern und Viehzüchter.“ „Dazu konnte es nur kommen, weil die gnadenlose Auslese

durch die Eiszeiten die genetischen Voraussetzungen dafür geschaffen hatte. Das ist äußerlich sichtbar durch die Verdünnung der Knochen, welche die Menschen zartgliedriger machte. Entscheidend war aber, dass die grazileren Menschen der Jungsteinzeit weniger aggressiv waren als ihre Vorgänger. Das war die wichtigste Voraussetzung, um in Siedlungen eng mit nicht

Blutsverwandten zusammen zu leben.“ „Die neolithische Revolution hatte aber auch die Erhöhung der intellektuellen Leistungsfähigkeit

zur Voraussetzung, denn die neue Lebensweise war wesentlich komplexer und geistig anspruchsvoller als die bisherige. Die Jäger-Sammler hatten fast kein persönliches Eigentum und

in Abwesenheit dessen waren alle mehr oder weniger gleich. Eine gesellschaftliche Hierarchie war in den umherziehenden Kleingruppen unbekannt. Ihre Verhaltensnormen waren streng egalitär: die Jagdbeute wurde an alle Gruppenmitglieder zu gleichen Teilen verteilt und

besondere individuelle Fähigkeiten wurden nicht anerkannt, sondern galten als störend.“ „Das alles hat sich mit der Sesshaftigkeit radikal geändert.“

„In den Siedlungen waren Häuser, Werkzeuge und Vorräte das Eigentum von Individuen. Sobald privates Eigentum zugelassen war, stellte sich schnell heraus, dass einige Menschen mehr von ihm erwarben als andere. Damit war ein höherer sozialer Status verbunden und es entwickelte sich bald eine hierarchische Gesellschaft mit Führern und Gefolgsleuten, reichen und armen Familien, Arbeitsteilung zwischen verschieden anspruchsvollen Berufen. Auch die Religionsausübung wurde formalisiert mit Priestern an der Spitze und den Gläubigen an der Basis.“ „Mit dem Eigentum kam der wirtschaftliche Wettbewerb zwischen den Individuen in die Welt. Die alte egalitäre Ethik ging unter, weil die neue Lebensweise produktiver war als die alte.“

Die Siedlungen hatten erhöhte geistige Fähigkeiten nicht nur zur Voraussetzung, sondern auch zur Folge. In Abwesenheit eines Sozialstaates hatten die wirtschaftlich Erfolgreichen mehr Kinder, die das zeugungsfähige Alter erreichten, als die weniger Erfolgreichen. Das bedeutete, dass die Gene der Fleißigen, Sparsamen, Ausdauernden und sicher auch der Intelligenten einen

von zu Generation zu Generation höheren Anteil am Genbestand ihres Volkes hatten.“ „Dieses

Überleben der Reichsten hat sicher langfristig dazu geführt, dass deren Eigenschaften in der Bevölkerung vorherrschend wurden. Der moderne Verstand, der fähig ist abstrakt zu denken, symbolische Zeichensysteme zu verwenden und komplizierte Berechnungen auszuführen, ist

damals entstanden.“

23
23

„Die Begriffe Eigentum, Wert, Zahl, Gewicht, Größe, Maßstab, Messung, Ware, Geld, Kapital und Wirtschaft, die uns heute so selbstverständlich erscheinen, wären einem nomadischen

Nahrungssammler niemals in den Sinn gekommen.“ „Immerhin hat es noch Jahrtausende

gedauert, bis vor 5.000 Jahren die ersten großen städtischen Zivilisationen in Babylonien,

Ägypten, Indien und China entstanden. Von verhaltensmäßig modernen Menschen kann man

erst ab diesem Zeitpunkt sprechen.“

„Ist es nicht so, dass man in der Archäologie und Paläoanthropologie mit dem Begriff ‚modern‘ etwas großzügiger umgeht?“ „Man nimmt dort an, dass anatomisch moderne Menschen vor 100.000 Jahren entstanden sind und verhaltensmäßig moderne Menschen vor 50.000 Jahren. Die erste Annahme ist fragwürdig, siehe die Reduktion der Robustheit des menschlichen Skeletts erst in der jüngeren Vergangenheit. Die zweite Annahme ist schlicht falsch. Wenn unsere Vorfahren bereits vor 50.000 Jahren in ihrem Verhalten modern gewesen waren, warum hat es

dann weitere 45.000 Jahre gedauert, bis dieses Verhalten sichtbar wurde?“

„Weil erst dann die genetischen Voraussetzungen für dieses Verhalten vorhanden waren. Es kann doch nicht mehr geleugnet werden, dass viele menschliche Eigenschaften, vom Paarungsverhalten bis zu den Persönlichkeitsmerkmalen, von genetisch bestimmten neuronalen Schaltkreisen geformt werden.“ „Das zuzugeben fällt vielen Menschen sehr schwer. Die meisten Historiker, Archäologen und Sozialwissenschaftler behaupten, dass die menschliche Evolution in einer fernen Vergangenheit beendet wurde, bevor irgendeine Art von Kultur entstand und dass deshalb in den letzten 50.000 Jahren kein evolutionärer Wandel stattgefunden habe. Sogar die Evolutionspsychologen, die sich der Formung des Geistes durch die Evolution widmen, nehmen an, dass diese ihr Werk in der voragrarischen Vergangenheit vor mehr als 10.000 Jahren

vollendet hat.“ „Es gibt doch viele Beweise dafür, dass das menschliche Genom niemals feststehend war,

sondern sich ständig verändert hat. Wir sprachen bereits vorhin über neue Versionen von zwei Genen, nämlich Microcephalin und ASPM, die vor 37.000 beziehungsweise 6.000 Jahren auftraten und sich schnell verbreiteten. Aber ich vermute, dass es noch viele andere Änderungen im menschlichen Erbgut während der letzten 10.000 Jahre gegeben hat.“ „Zum Beispiel die Erhöhung der Widerstandsfähigkeit gegen Malaria durch zwei neue Versionen des Gens, das für

die Produktion des Enzyms G6PD verantwortlich ist. Eine Version des Gens, die in Afrika weit verbreitet ist, tauchte vor circa 8.000 Jahren auf, die andere Version, die sich bei den Völkern des

Mittelmeerraums findet, bildete sich vor ungefähr 5.000 Jahren.“

„Das waren Anpassungen an Gegebenheiten der Natur. Aber für den Menschen ist die von ihm geschaffene Kultur im Laufe seiner Geschichte immer wichtiger geworden. Die Evolution wird geformt durch die Umgebung, in der die jeweilige Art um ihr Überleben kämpft. In dem Maße, in dem Menschen das soziale Geflecht, in dem sie leben, immer mehr ausbauen, bestimmen sie zunehmend die Bedingungen ihrer eigenen Evolution.“ „Du hast recht. Je mehr wir in die Gegenwart kommen, desto häufiger sind evolutionäre Änderungen die Reaktion auf Gegebenheiten der menschlichen Kultur. Sehen wir uns einige Beispiele an. Da ist zum einen unser Geruchssinn, der für Menschen, die sesshaft wurden und ihre Nahrungsmittel selbst anbauen, an Bedeutung verloren hat. Wir müssen nicht mehr erschnüffeln, welche Früchte reif sind und welche Wildpflanzen sich zum Verzehr eignen. Die Evolution arbeitet nach dem Grundsatz use-it-or-lose-it. Deshalb sind beim modernen Menschen nur noch 300 geruchsbezogene Gene aktiv, während Säugetiere 1.000 von ihnen haben, die auch genutzt

werden.“ „Das ist eine schlechte Nachricht für Gourmets und Weinliebhaber, aber wohl der

unvermeidbare Preis der Zivilisation. Ich nehme an, dass durch die Sesshaftwerdung noch

andere Gengruppen überflüssig wurden.“ „Ja, dazu zählen die Gene, die für die Neutralisierung

von Pflanzengiften sorgen, die mit der Nahrung aufgenommen werden. Die vom Menschen

24
24

angebauten Pflanzen sind viel bekömmlicher als die in der voragrarischen Zeit genutzten Wildpflanzen. Folglich werden die für die Entgiftung zuständigen Gene heute nicht mehr

gebraucht und sie gehen allmählich verloren.“

„Nach der Landwirtschaft entwickelte sich die Viehzucht. Hat die Haltung von Nutztieren ihre Spuren im Genom hinterlassen?“ „Die Laktose-Toleranz, das heißt die Fähigkeit von Erwachsenen Milchzucker zu verdauen, ist ein prominentes Beispiel. Die Laktose ist eine besondere Zuckerart, die den Großteil des Kaloriengehalts der Muttermilch ausmacht. Für die Verdauung der Laktose sorgt das Enzym Lactase. Normalerweise wird das Gen, das für die Herstellung von Lactase verantwortlich ist, kurz vor der Geburt aktiviert und nach der Stillzeit deaktiviert. Vor ungefähr 6.000 Jahren erfolgte aber eine Erbgutveränderung bei den Milchvieh haltenden Nordeuropäern und später bei Afrikanern und den Menschen im Nahen Osten, die das Lactase Gen bis ins frühe Erwachsenenalter oder sogar während der gesamten Lebenszeit aktiviert lässt.

„Die Fähigkeit, den Milchzucker in Kuh-, Schafs- oder Ziegenmilch zu verdauen, bringt wohl große Vorteile mit sich, wenn diese Mutationen sich so weit verbreitet haben. Aber ein Zuwachs an Intelligenz oder an positiven Charaktereigenschaften muss noch weitaus vorteilhafter sein.“ „Das hängt von der jeweils gegebenen Gesellschaftsordnung ab. Nur wenn unter den gegebenen Umständen diese Eigenschaften ihren Trägern einen Vorteil im Wettbewerb bieten, werden sie im Erbgut der Bevölkerung immer häufiger auftreten. Ganz allgemein gesagt, ist der Prozess der Evolution einfach eine Änderung der Genhäufigkeiten zwischen den Generationen, das heißt, eine Variante eines Gens wird in der Bevölkerung häufiger und andere Allele seltener.

„Wir sollten diesen Verlauf bei den wirtschaftlich relevanten Genen nachvollziehen. Hier steckt der Schlüssel zur Beantwortung folgender Fragen: Wie entstand die bürgerliche Gesellschaft? Warum sind einige Teile der Welt so reich und andere so arm? Warum begann die industrielle Revolution im England des 18. Jahrhunderts und nicht an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit?“ „Das sind eine Menge von Fragen. Womit wollen wir beginnen?“

Mit einer Kurve, welche das Pro-Kopf-Einkommen der Weltbevölkerung in den letzten 3.000 Jahren zeigt. Durch all die Jahrtausende verläuft die Kurve parallel zur Abszisse. Doch plötzlich

ab dem Jahr 1800 unserer Zeitrechnung geht die Kurve steil nach oben. Heute ist das Pro-Kopf- Einkommen in einigen entwickelten Ländern zwanzigmal höher als vor 200 Jahren, obwohl in diesem Zeitraum die Anzahl der Menschen stark zugenommen hat. Aber dieser Wohlstandszuwachs ist nicht überall zu beobachten. In einigen Staaten, besonders jenen südlich der Sahara, sind die Menschen trotz immenser Entwicklungshilfe eher ärmer geworden. Wie ist dieser Unterschied zu erklären? Warum profitieren nicht alle Volkswirtschaften in gleichem

Maße von der industriellen Revolution?“ „Ihr Ökonomen habt dafür eine Standardantwort: weil

in den gescheiterten Volkswirtschaften die Institutionen schlecht sind, Eigentumsrechte unzureichend geschützt werden, staatliche Regulierungen die Wirtschaft ersticken und zu hohe Steuern den Leistungsanreiz hemmen.“

Die Freiheit der Wirtschaft von staatlichen Fesseln ist eine notwendige, aber keine ausreichende Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg.“ „Eine großartige Bestätigung des ökonomischen Erklärungsansatzes liefert scheinbar China seit 1979. Als Deng Xiaoping mit seinen Reformen die Wirtschaft entfesselte, begann der beispiellose Aufstieg eines Landes, in dem wenige Jahre zuvor noch viele Millionen Menschen verhungert waren und dessen Infrastruktur zerstört oder veraltet war.“

„Was wäre passiert, wenn ein ehrgeiziger Diktator ab 1980 in Malawi oder Tansania die chinesische Wirtschaftspolitik bis ins letzte Detail kopiert hätte?“ „Gar nichts, es wäre alles so weiter geblieben wie bisher. Die Freiheit ist ein Angebot, das nicht alle gleichermaßen nutzen können.“

25
25

„Das können wir auch in Nordwest- und Zentraleuropa sehen, wo bereits während des Mittelalters viele der wirtschaftlichen Institutionen und Normen bestanden, die von Ökonomen als Voraussetzung wirtschaftlichen Wachstums angesehen werden, und trotzdem gab es damals in dieser Region keinen oder nur einen sehr geringen technischen Fortschritt. Der dadurch ermöglichte Produktivitätszuwachs war so gering, dass er nicht zu einer Erhöhung der Pro- Kopf-Einkommen führte, sondern schon von einer leichten Bevölkerungszunahme aufgebraucht

wurde.“ „Die progressiven Historiker haben eine völlig falsche Vorstellung von der

vorindustriellen Welt durchgesetzt. In ihrer Darstellung gibt es nur eine unterdrückte Masse von Bauern, die von einer kleinen, gewalttätigen und stupiden Oberschicht beherrscht wird, die alles bis auf das absolute Existenzminimum aus ihren Untertanen herauspresste und ihnen so jeden

Leistungsanreiz nahm.“

„Die Wirklichkeit war ganz anders. Sehen wir uns zum Beispiel das mittelalterliche England an, für das es bereits ausführliche schriftliche Quellen gibt. Im Zeitraum von 1200 bis 1500 gab es kaum technologischen Fortschritt, obwohl die englischen Institutionen sehr stabil waren, Eigentumsrechte garantiert wurden, für die allermeisten Personen die persönliche Sicherheit gewährleistet war und die Märkte für Waren, Arbeit, Kapital und sogar Land frei funktionieren konnten.“ „Mehr kann sich kein Ökonom wünschen. Wie würde das England des Jahres 1300 abschneiden, wenn man es nach den aktuellen Kriterien der Weltbank oder des Internationalen

Währungsfonds bewerten müsste?“ „Erheblich besser als das England des Jahres 2000. Nehmen wir die 12 wichtigsten Kriterien für

die Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklungsfähigkeit. Danach war England im Jahr 1300 nach 5 Kriterien besser organisiert als im Jahr 2000, in weiteren 5 Kriterien ergeben sich keine Unterschiede und nur bei 2 Kriterien gibt es die Vermutung, dass die Verhältnisse im Jahr 1300 schlechter waren als im Jahr 2000. Die Aristokraten des Mittelalter haben, trotz all ihrer Fehler,

insgesamt gut regiert.“ „Lass uns diese Kriterien der Reihe nach besprechen.“

„Da ist an erster Stelle natürlich die Besteuerung zu nennen, die in England während des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit extrem niedrig war. Das war möglich, weil die Ausgaben des Staates, ausgedrückt als Anteil am Bruttoinlandsprodukt, ebenfalls sehr niedrig waren. Die Wende in der Ausgaben- und damit auch Fiskalpolitik kam erst mit der sogenannten Glorious Revolution von 1688-89, welche die moderne konstitutionelle Demokratie in Britannien einführte. Vor dem Jahr 1500 gaben alle staatlichen Stellen, von den Kommunalverwaltungen bis zur Zentralregierung, zusammengenommen etwas weniger als 1,5% des BIP aus. Danach stiegen die staatlichen Ausgaben langsam an, um von 1600-88 durchschnittlich 2,2% des BIP zu erreichen.“ „Mit der gar nicht glorreichen Revolution von 1688 wurde das Parlament, anstelle des Königs, Träger der Staatssouveränität. Wozu haben die Demokraten ihre neu gewonnene

Macht genutzt?“

„Zu einer drastischen Erhöhung der Staatsausgaben und Steuern, die innerhalb kurzer Zeit auf mehr als 10% des BIP stiegen. Das ist aus heutiger Sicht sehr bescheiden. Wir erkennen daraus, in welche Richtung der Trend verlief. Heute nimmt der Staat mehr als die Hälfte der nationalen Nettowirtschaftsleistung für sich in Anspruch.“ „Die Politiker in einer Demokratie können niemals genug Staatseinnahmen haben, denn sie finanzieren damit die Wahlgeschenke, mit denen sie die Stimmen für ihre Wiederwahl kaufen.“

„Um die wirkliche Steuerlast zu erkennen, muss man die Grenzsteuerquote betrachten, die angibt, welcher Anteil an der zuletzt verdienten Währungseinheit an den Staat abgegeben werden muss. Im Deutschland der Gegenwart müssen zwei Drittel eines neu hinzu verdienten Euros an den Staat abgeliefert werden, der ein Drittel seiner Einnahme für Sozialausgaben einsetzt.“ „Der Weg von den Fürsten zu den Demokraten ist der Weg vom schlanken Minimalstaat zum fetten, allmächtigen Hochbesteuerungsstaat.“

26
26

Für die vorindustrielle Zeit ist noch die Steuerhoheit der damaligen Kirchen zu berücksichtigen, die berechtigt waren, den so genannten Zehnten zu erheben, der theoretisch 10% des Bruttoertrags betrug, in der Praxis aber niemals diese Höchstgrenze erreichte. Der Zehnte belief sich im vorindustriellen England auf etwas weniger als 4% des BIP. Zusammen mit den staatlichen Steuern ergibt das für die Zeit vor der Revolution von 1688 eine Steuerbelastung von nicht mehr als 6% des BIP. Im Zeitraum von 1689 bis 1800 war die Steuerlast bereits mehr als doppelt so hoch, nämlich 14% des BIP.“ „Ich nehme an, dass in anderen Ländern die Steuerquoten vor dem Jahr 1800 ähnlich niedrig waren.“

„Durchaus. Für China schätzt man den Anteil aller Steuern am BIP für die Zeit von 1550 bis 1750 auf 6-8%, im ottomanischen Reich betrug diese Quote von 1500 bis 1700 etwa 3,5% des BIP, im 18. Jahrhundert waren es 4,5%. In den anderen Großreichen sahen die staatlichen Haushalte

ähnlich aus.“ „Das sind doch ideale Rahmenbedingungen für ein schnelles wirtschaftliches Wachstum. Und trotzdem stagnierte über viele Jahrhunderte die Wirtschaft.“

„Alle ernstzunehmenden Ökonomen sind sich darüber einig, dass eine hohe Besteuerung der wirtschaftlichen Tätigkeit, in Verbindung mit der staatlichen Gewährung von Einkommen und Diensten ohne Gegenleistung, den Leistungsanreiz hemmen. Hier findet sich unser zweites Kriterium für die wirtschaftliche Entwicklungsfähigkeit: je weniger staatliche Sozialleistungen, desto besser. Die Umverteilung von oben nach unten bewirkt, dass sich Leistung nicht mehr lohnt und folglich auch nicht mehr erbracht wird.“ „Auch hier ist klar, wer besser abschneidet. Wo wenig ist, kann auch nur wenig verteilt werden.“

„Vor allem die Kirchen waren in der vorindustriellen Zeit karitativ tätig. Wenn wir annehmen,

dass sie die Hälfte ihrer Einnahmen für mildtätige Zwecke einsetzten und noch die kommunale Armenfürsorge berücksichtigen, dann entfallen höchstens 3% des BIP auf Sozialtransfers. Heute gibt der Staat mehr als zehnmal so viel dafür aus, obwohl wir alle viel wohlhabender sind als

damals.“ „Die Demokratie schafft eine eigene Dynamik des Forderns und Gebens.“

„Auch unser drittes Kriterium, nämlich die Höhe der Staatsschulden, bezieht sich auf die staatlichen Haushalte. Je mehr Schulden der Staat macht, desto schwieriger wird es für private Kreditnehmer noch Kredite zu erhalten, denn die zusätzliche staatliche Kreditnachfrage erhöht die Zinsen. Damit verdrängt der schuldenmachende Staat die Unternehmer vom Kreditmarkt, verhindert oder verteuert private Investitionen und dies vermindert den volkswirtschaftlichen Kapitalbestand und somit die Wirtschaftsleistung.“ „Wer wenig Steuern einnimmt, kann auch nur wenige Schulden aufnehmen. Dementsprechend auch hier ein klarer Vorteil der

vordemokratischen Gesellschaften.“

„So ist es. In England zum Beispiel gab es vor der Glorious Revolution kaum Staatsschulden, weil die Regierung gar nicht in der Lage gewesen wäre, Schulden von mehr als 5% des BIP zu verzinsen und zu tilgen. Nach dem Machtwechsel von 1688-89 erhöhten sich nicht nur die Steuereinnahmen sondern auch die Staatsschulden drastisch. Heute gilt es bereits als Erfolg,

wenn die staatlichen Schulden nicht mehr als 60% des BIP betragen.“ „Die Politiker sind

unersättlich. Sie maximieren alle Einnahmequellen ohne Rücksicht auf die mittel- und langfristigen Folgen.“

„Warum sollten sie Rücksicht nehmen? Die Fürsten bleiben ein Leben lang im Amt und wollen

ein möglichst wohlhabendes Land an ihre Erben weitergeben, während der Horizont eines demokratischen Politikers nur bis zur nächsten Wahl reicht.“ „Wohl war. Aber lass uns zum vierten Kriterium kommen.“

„Das ist die Preisstabilität. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist die optimale Inflationsrate immer Null oder kleiner als Null. Nur dann hat das Geld seinen maximalen Wert als Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel. Eine skrupellose Regierung kümmert sich aber nicht darum, sondern

27
27

versucht auch in diesem Bereich ihre Einnahmen zu maximieren. Das kann sie, indem sie die Geldmenge über das hinaus erhöht, was die Realwirtschaft zur Abwicklung ihrer Geschäfte benötigt. Je mehr Geld in Umlauf kommt, desto höher die Preise. Die Ausweitung der Geldmenge wird einer Regierung umso leichter gemacht, je geringer die Herstellungskosten des Geldes im Vergleich zu seinem Nominalwert sind. Durch die überproportionale Geldmengenausweitung erheben die Machthaber eine Inflationssteuer, gegen die man sich kaum wehren kann. Besonders politisch schwache Regierungen erliegen gerne der Versuchung, auf diese heimtückische Weise ihre Einnahmen zu erhöhen.“ „Dafür gibt es im 20. Jahrhundert eine Menge Anschauungsmaterial.“

„Im Gegensatz dazu zeichneten sich die meisten vorindustriellen Staaten durch große Preisstabilität aus. In England zum Beispiel betrug die durchschnittliche Preissteigerungsrate von 1200 bis 1750 weniger als 1% pro Jahr. Nur während der sogenannten Preisrevolution von 1500 bis 1550 kam es infolge des Zustroms von Silber aus der Neuen Welt zu einer stärkeren Erhöhung der Geldmenge und damit der Inflationsrate, die aber nur in wenigen Jahren die Marke von 2% pro Jahr geringfügig überschritt. Eine wirklich signifikante Inflation trat nur im England des 20. Jahrhunderts auf.“ „Also geht auch dieser Punkt an die vorindustriellen Staaten.“

„Zumindest an die meisten von ihnen. Wenden wir uns dem fünften Kriterium zu: der Sicherheit des Eigentums. Seine Bedeutung für die Entwicklungsfähigkeit einer Volkswirtschaft kann gar nicht überschätzt werden. Ohne eine glaubwürdige Eigentumsgarantie kann und will kein Leistungsträger aktiv werden.“ „Bei uns kann unter dem Vorwand der Sozialpflichtigkeit des Eigentums jede beliebige Parlamentsmehrheit die Eigentumsrechte beschränken oder ganz aufheben.“

„In den vorindustriellen Gesellschaften war die Lage keineswegs schlechter als in der

Gegenwart. Ein Indikator für die Sicherheit des Eigentums ist die Abwesenheit von starken Preisschwankungen. So ist zum Beispiel der Preis von Farmland in England von 1200 bis 1350 nahezu unverändert geblieben. Das zeigt, dass die Wirtschaft ohne Eingriffe arbeiten konnte, denn diese würden ihre Spuren in den Immobilienpreisen hinterlassen.“ „Die Monarchen und Barone waren damals jedenfalls nicht grundsätzlich gegen das private Eigentum, denn sie gehörten selbst zu den größten Eigentümern. Ganz anders hingegen die heutigen Machthaber.

Sie können nur gewinnen, wenn sie an die räuberischen Instinkte ihrer Wähler appellieren.“

„Auch beim nächsten Kriterium, der persönlichen Sicherheit, sind die Verhältnisse zurzeit nicht nennenswert besser als damals. Im 13. Jahrhundert hatte England eine Mordrate von 0,2 auf Tausend Einwohner, sie fiel im 14. Jahrhundert auf 0,12 Promille und verblieb über mehrere Jahrhunderte auf diesem Niveau. Solche Mordraten sind zwar am oberen Ende der heutigen Kriminalstatistik, aber es gibt in der Gegenwart viele Länder, die noch höhere Zahlen haben.“ „Ich kann auch in diesem Punkt kein besonderes Entwicklungshemmnis in den vorindustriellen Gesellschaften erkennen.“

„In diesem Zusammenhang wird gerne der Einwand erhoben, dass die Sicherheit des Eigentums

und der Person wohl gewährleistet gewesen sei, aber was nütze das, wenn in den

vorindustriellen Gesellschaften keine soziale Mobilität bestanden habe.“ „Das ist ein weiteres

Propagandamärchen. Im Mittelalter gab es sehr viele Möglichkeiten sozial auf- aber auch

abzusteigen.“

„Nehmen wir wieder England als Beispiel. Die Steuerakten und die Buchhaltungen der Gutsherren, die seit der Mitte des 13. Jahrhunderts in großer Zahl erhalten sind, zeigen eine sehr starke Einkommens- und Vermögensdifferenzierung gerade auch in den unteren und mittleren sozialen Schichten. Die herkömmliche Vorstellung, dass damals eine unüberwindbare Teilung zwischen der Adelsklasse an der Spitze und einer amorphen Masse von Bauern und Arbeitern an der Basis bestanden habe, ist falsch. Zwischen den sozialen Schichten gab es eine erhebliche

28
28

Fluktuation. Ein erheblicher Teil des englischen Landadels stammte von erfolgreichen Kaufleuten und Juristen ab, die ab dem 12. Jahrhundert Gutshöfe kaufen und in die Aristokratie aufsteigen konnten.“ „In der Kirche, die damals eine viel wichtigere Rolle spielte als heute, gab es kaum soziale Schranken in der Besetzung von Führungspositionen.“

Im Mittelalter kam nur ein Viertel der englischen Bischöfe aus der Aristokratie, die restlichen Oberhirten waren die Söhne von Gutsherren, Bauern, Kaufleuten und Gewerbetreibenden.“ „Soziale Mobilität besteht aber nicht nur im Erreichen von Spitzenpositionen, sondern hierbei zählen auch kleine und kleinste Schritte nach oben oder unten.“

„Auch auf der untersten Ebene, bei den Bauern und Arbeitern, gab es einen aktiven Immobilienmarkt seit dem frühen 13. Jahrhundert, auf dem auch Pachtland gehandelt wurde. Daher konnten Bauern und sogar Arbeiter, die fleißig und sparsam waren, Land ansammeln und so in der ländlichen Hierarchie aufsteigen.“ „Auch in anderen Ländern sah es in dieser Hinsicht ähnlich aus. In China wurden seit dem 14. Jahrhundert die Stellen in der kaiserlichen Bürokratie nach den Ergebnissen einer Eignungsprüfung vergeben. Man schätzt, dass ungefähr 40% der höchsten Beamten aus dem einfachen Volk kamen. Erfolgreiche Geschäftsleute hatten überdies

die Möglichkeit, sich Titel und Position zu kaufen.“

„Wir können also feststellen, dass es in den vorindustriellen Gesellschaften keinen Mangel an

sozialer Mobilität gegeben hat, der als Entwicklungshemmnis gewirkt haben könnte. Die Abwesenheit eines soziales Netzes sorgte zusätzlich dafür, dass es damals einen kräftigen Leistungsansporn gab.“ „Das soziale Netz des heutigen Wohlfahrtsstaates ist in Wirklichkeit eine soziale Hängematte, die den Absteigern jede Motivation nimmt, wieder auf eigenen Beinen zu

stehen.“

„Wir kommen nun zu den Kriterien acht bis elf, welche die Freiheit der Märkte betreffen, also

des Waren-, Arbeits-, Kapital- und Bodenmarktes. Diese Märkte waren im Mittelalter weitgehend entwickelt, gut organisiert und ziemlich gut zugänglich. So konnte man zum Beispiel im mittelalterlichen London private Getreidespeicher wochenweise mieten. Seit dem 13. Jahrhundert hatten lokale Ernteerträge keinen Einfluss auf den Getreidepreis, der für ganz England einheitlich war.“ „Aber die Zünfte und Gilden haben den Zugang zum Arbeitsmarkt begrenzt.“

Ja, das ist ein Minus für die damalige Zeit. Trotzdem war der nationale Arbeitsmarkt offen für Ausländer. Im Jahre 1292 waren 6% der ständigen Einwohner von Paris Ausländer. Eine Kopfsteuer, die 1440 auf alle männlichen Ausländer in London erhoben wurde, betraf 1.500

Steuerpflichtige. Damals hatte London circa 15.000 Einwohner.“ „Diese Ausländerquote von 10% entspricht durchaus den heutigen Verhältnissen.“

„Auch die Märkte für landwirtschaftlich genutztes Land und Häuser waren gut geregelt und sehr aktiv. Auch kleine Flächen konnten ohne großen Aufwand gekauft und verkauft werden.“ „Aber das Zinsverbot der Kirche hat dem Kapitalmarkt sehr geschadet.“

„In der Tat. Das kanonische Zinsverbot hat das verfügbare Kapital verknappt und die Kreditzinsen künstlich erhöht. Das war ein echtes Entwicklungshemmnis.“ „Insgesamt lässt sich aber sagen, dass damals die Freiheit der Märkte nicht grundsätzlich geringer war als heute.“

„Dann bleibt uns noch ein Kriterium: der Schutz des geistigen Eigentums. Dieser Bereich war in der vorindustriellen Welt lange Zeit völlig ohne Regelung. Man konnte nur Eigentum an materiellen Dingen erwerben. Ideen und Erfindungen waren frei und es gab keine Möglichkeit gegen Plagiatoren vorzugehen. Erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts wurde erstmals in Venedig ein Patentwesen eingeführt. Ab dem 16. Jahrhundert verbreitete sich das Patentrecht auch in Nordeuropa, weil hochspezialisierte ausländische Handwerker das zur Bedingung ihrer

29
29

Zuwanderung machten.“ „Es ist schwer zu sagen, ob ein besserer Patentschutz den technischen

Fortschritt beflügelt hätte. Ich nehme eher an, dass der Schutz des geistigen Eigentums gering

war, weil es in den Naturwissenschaften und der Technik nur wenig Schützenswertes gab und

deshalb kaum Nachfrage nach dieser Art von Rechtsschutz bestand.“ „Außerdem gab es damals nicht so viele unterbeschäftigte Juristen wie heute.“ „Du hast recht.

Die Zahl der Rechtsstreitigkeiten ist proportional zur Zahl der zugelassenen Rechtsanwälte. Die Juristen sind großartig in der Schaffung von Problemen, zu deren Lösung sie ein Monopol beanspruchen. Der heutige Patentschutz ist völlig übertrieben. Für jede Trivialerfindung, irgendwelche Geschäftsmodelle und simple Algorithmen in Computerprogrammen werden heutzutage Patente gewährt. Das gegenwärtige Patentrecht behindert den technologischen

Fortschritt eher, als dass es ihn fördert.“

„Ziehen wir Bilanz: in den 12 Kriterien, mit denen die Ökonomen die Entwicklungsfähigkeit einer Volkswirtschaft beurteilen, ergibt sich ein eindeutiger Vorteil der vorindustriellen Gesellschaften gegenüber der modernen Welt.“ „Trotzdem stagnierte in der Zeit vor 1800 die Wirtschaft. Der Produktivitätsfortschritt war so gering, dass über die Jahrhunderte das Pro- Kopf-Einkommen unverändert blieb. Warum konnten die damaligen Menschen die günstigen

ökonomischen Rahmenbedingungen nicht nutzen?“

„Weil die genetischen Voraussetzungen dafür fehlten. Diese entstanden erst allmählich im Laufe der Jahrtausende seit der Bildung der ersten Großzivilisationen vor 5.000 Jahren.“ „Wir sollten

uns die letzten 800 Jahre ansehen, also jenen Zeitraum, für den es in vielen europäischen Staaten

schon genaue und zuverlässige schriftliche Quellen gibt.“

„Hier zeigt sich in allen vorindustriellen Gesellschaften das gleiche Bild: je wohlhabender das Individuum, desto größer sein Reproduktionserfolg. So sehen wir zum Beispiel in England für die Jahre von 1250 bis 1800, dass die reichsten Individuen zum Zeitpunkt ihres Todes mehr als doppelt so viele lebende Kinder hatten als die ärmsten.“ „Wenn dieser Prozess über viele Jahrhunderte abläuft, dann ersetzen allmählich die Gene der erfolgreichen Persönlichkeitstypen jene ihrer weniger erfolgreichen Zeitgenossen. Wir sagten vorhin, dass die Evolution darin besteht, bestimmte Genvarianten von Generation zu Generation in ihrer Häufigkeit zu ändern. Nun, hier sehen wir die Evolution bei der Arbeit.“

„Wobei die Auslese über die Kultur erfolgt. Von allen sozioökonomischen Merkmalen sagte das Einkommen den Reproduktionserfolg am besten voraus. Der Beruf oder der Bildungsgrad erweisen sich in dieser Hinsicht als weniger aussagekräftig. Es gab innerhalb jedes Berufes sehr große Leistungs- und Einkommensunterschiede. Hinzu kam, dass bis zum 18. Jahrhundert der Großteil der Gebildeten dem Klerus angehörte, der kinderlos sein musste, sofern er katholisch

war.“ „Wie gedieh die damalige herrschende Klasse?“

„Die Aristokratie wäre geschrumpft, wenn sie nicht ständig Nachschub aus den unteren sozialen

Schichten erhalten hätte. Ihre Fortpflanzungsrate lag bis zum 18. Jahrhundert unter dem allgemeinen Durchschnitt. Das erklärt sich aus den ständigen bewaffneten Konflikten, in welche die Aristokraten verwickelt waren. Sehr viele von ihnen starben in diesen Kämpfen eines

gewaltsamen Todes. Männliche Adlige hatten eine deutlich geringere Lebenserwartung als der Rest der Bevölkerung. Aber auch die Zahl der Kinder je Frau war in ihren Kreisen geringer als im

gesellschaftlichen Durchschnitt.“ „Es scheint, als ob die Emanzipation als erste die Damen der

damaligen Oberschicht erfasst hat. Wir können also zusammenfassen: die Evolution des Menschen in der vorindustriellen Zeit bestand im survival of the richest.

„Das hatte langfristig dramatische Folgen für den Genbestand der Bevölkerung. Die vielen Kinder der Reichen konnten in ihrer großen Mehrzahl nicht auf der sozialen Ebene ihrer Eltern Arbeit finden, denn die Wirtschaft war damals stationär und demzufolge auch die Zahl der

30
30

Stellen an der Spitze. Die meisten Abkömmlinge der wirtschaftlich Erfolgreichen mussten die soziale Hierarchie hinabsteigen, um eine Erwerbstätigkeit ausüben zu können. Von den Söhnen eines erfolgreichen Handwerkers konnte nur einer in der Handwerkerzunft die Stelle seines Vaters einnehmen, die anderen Söhne blieben Gesellen oder Arbeiter. Die Nachkommen von reichen Kaufleuten oder Grundbesitzern waren oft gezwungen auch einfache Arbeiten zu

verrichten, denn das Erbe des Vaters musste auf viele Nachkommen verteilt werden. So kam es, dass in einem trickle-down-Prozess die genetischen Bedingungen für individuellen wirtschaftlichen Erfolg sich allmählich bis in die unteren sozialen Schichten ausbreiteten.” „Sobald dieses genetische Potential in der Bevölkerung eine kritische Grenze überschritten

hatte, waren die Voraussetzungen gegeben, um die seit Jahrhunderten bestehenden günstigen ökonomischen Rahmenbedingungen endlich nutzen zu können.“

„Das war in England um 1800 der Fall. Adam Smith hatte 1776 sein epochemachendes Werk The Wealth of Nations veröffentlicht, in dem er die politischen Bedingungen wirtschaftlicher Entwicklung begründete. Seine freiheitliche Wirtschaftverfassung mit niedrigen Steuern, Vertragsfreiheit und offenen Märkten war bis zum 1. Weltkrieg in Kraft. Nur deshalb konnte das stark verbesserte Humankapital auch genutzt werden. Die neuen Gegebenheiten führten zu einem qualitativen Sprung in der wirtschaftlichen Aktivität. Die Produktivität wuchs ab 1800 so stark, dass die Pro-Kopf-Einkommen dauerhaft steigen konnten, obwohl zur gleichen Zeit die Bevölkerung in großem Maße zunahm. Das war noch nie in der gesamten Menschheitsgeschichte der Fall gewesen.“ „Ich halte den Beginn der Industrialisierung für das wichtigste Datum der Weltgeschichte. Bis dahin hatten die Menschen von dem gelebt, was die Natur im jährlichen Ablauf von sich aus produziert hatte. Die Grünen nennen das einen nachhaltigen Lebensstil. Erst in der Industrialisierung wurde es möglich, diese Fesseln zu

sprengen.“ „Vor der Industrialisierung haben die Menschen im Prinzip so gelebt wie die Tiere. Alle

Lebewesen waren dem Diktat der Natur unterworfen. Das war zwar strikt nachhaltig aber eben auch ein Mangelregime, das nur wenige Menschen mehr schlecht als recht ernährte. Nur Misanthropen sehnen sich nach diesem Zustand zurück.“ „Die Grünen aller Parteien wollen genau das. Aber bleiben wir beim Thema. Es stellt sich die Frage: warum trat die Industrialisierung nicht zuerst im fernöstlichen Asien auf? Alle Intelligenztests zeigen, dass die Asiaten in Fernost im Durchschnitt eine etwas höhere Intelligenz als die Europäer haben. Außerdem sind die meisten von ihnen in einem bewundernswerten Maße fleißig und diszipliniert. Insofern hatten China und Japan die besten Voraussetzungen, um an der Spitze des

wirtschaftlichen Fortschritts zu stehen.

Diese Länder hatten zwar weltweit das beste Humankapital, das sie aber nicht nutzen konnten, weil die dafür notwendigen politischen Rahmenbedingungen nicht vorhanden waren. Die Region litt unter einer allmächtigen Bürokratie, die durch Überregulierung die Wirtschaft erstickte und ihre Staaten in einer erzwungenen Isolierung hielt. In Gegensatz zu der Abgeschlossenheit der Großreiche China und Japan steht die Vielfalt Europas mit ihrer großen Zahl von Staaten, die alle in Konkurrenz zueinander standen. Diese Zersplitterung der politischen Macht war eine wesentliche Voraussetzung für den wirtschaftlichen Vorsprung Europas. Die entscheidende Triebkraft bestand im ständigen Wettbewerb zwischen kleineren Einheiten, der zu Höchstleistungen anspornte. Erst die Begrenzung der Staatstätigkeit durch politische Fragmentierung gab der Wirtschaft genügend Freiraum und führte zu den europäischen Ideen des Individualismus und der Freiheit mit persönlicher Verantwortung. Nur in diesem Umfeld konnte sich der Kapitalismus entfalten. Der entscheidende Vorteil Europas gegenüber China und Japan war, dass hier kein den Kontinent umfassendes Großreich geschaffen werden konnte, dass Karl der Große und Napoleon scheiterten.“ „Die gegenwärtige Europäische Union geht in die entgegengesetzte Richtung, denn sie verhindert bewusst den Wettbewerb der einzelstaatlichen Regulierungs-, Steuer-, Sozial- und Rechtssysteme. Aber ich schweife schon wieder ab. Zurück zu

31
31

China. Bis zum 15. Jahrhundert waren die Chinesen den Europäern technologisch überlegen. Erstere erfanden und nutzten als erste unter anderem Porzellan, Streichhölzer, Schwarzpulver, Druck von Holzschnitten, Druck mit beweglichen Lettern, Papiergeld und Spinnräder. Das zeigt

doch ihr großes Leistungspotential.“

„Als Marco Polo um 1290 China besuchte, fand er ein Land vor, das in seinen technischen Fähigkeiten das damalige Europa weit übertraf. Er war zum Beispiel beeindruckt und überrascht von der Tiefe, die chinesische Kohlengruben erreichten. Die Chinesen bauten bereits hochseegängige Schiffe, die größer und robuster als die zeitgenössischen europäischen Schiffe waren. Doch gegen Ende des 15. Jahrhunderts unterbrach eine konservative kaiserliche

Bürokratie diese positive Entwicklung.“ „Schwache Machthaber sehen in jeder technologischen und mit ihr einhergehenden sozialen Veränderung eine Bedrohung ihrer privilegierten Stellung. Wer bereits alles hat, sucht den für ihn idealen status quo zu konservieren.“

„China ist ein Beispiel dafür, wie sehr eine schlechte Regierung ein Land zurückwerfen kann. Als die Portugiesen nach einem jahrhundertlangen Bemühen in der Hochseeschifffahrt im Jahr 1498 in Calicut an der Südspitze Indiens ankamen, verfügte ihr Befehlshaber Vasco da Gama über vier Schiffe von je 70 bis 300 Tonnen mit ungefähr 170 Mann Besatzung. Er war erstaunt zu erfahren, dass einige Jahre zuvor bereits der chinesische Admiral Zheng He den Hafen angelaufen hatte und zwar mit einer Flotte von 300 Schiffen und 28.000 Mann Besatzung. Zheng, der ursprünglich ein Eunuch am kaiserlichen Hof gewesen war, erkundete vor den Portugiesen die Küste Ostafrikas. Aber so viel Unternehmungsgeist war den veränderungsscheuen Mandarinen suspekt. Sie bekämpften die damalige Hochtechnologie Seeschifffahrt so heftig wie die Grünen heute die Gentechnik. Als die Portugiesen im Jahre 1514 China erreichten, hatten die Chinesen

bereits die Fähigkeit zum Bau von großen hochseegängigen Schiffen verloren.“ „Eine

wissenschafts- und technikfeindliche politische Klasse ist in der Lage, die gesamte

Produktionsbasis eines Landes zu verwüsten.“

„China ist ein trauriges Beispiel dafür, wie weit eine politisch induzierte Regression gehen kann. Im 11. Jahrhundert maßen die Chinesen die Zeit sehr genau mit Wasseruhren, doch als die Jesuiten um 1580 in China ankamen, fanden sie nur die primitivsten Methoden der Zeitmessung in Gebrauch und sie verblüfften die Chinesen mit ihren mechanischen Uhren. Im 19. Jahrhundert gab es keine der von Marco Polo bewunderten Kohlegruben mehr, sondern der Abbau von Kohle beschränkte sich nunmehr auf flache Schürfstellen, in denen ausschließlich einfache Handarbeit genutzt wurde.“ „Ich glaube, dass mit den schlechten ökonomisch-politischen Rahmenbedingungen nicht das gesamte Ausmaß der chinesischen Misere erklärt werden kann. Sehen wir uns die chinesische und zum Vergleich die englische Demographie an. Von 1300 bis 1750 stagnierte die Zahl der Engländer bei 6 Millionen, während in diesem Zeitraum die Bevölkerung Chinas von 70 auf 270 Millionen wuchs. Dieser Bevölkerungsaufbau war nur möglich, weil sich in diesen 450 Jahren die landwirtschaftlich nutzbare Fläche Chinas verdreifachte. Die Landgewinnung erfolgte durch einen ständigen Migrationsstrom von Han- Chinesen aus ihrem Kernland nach Süden und Westen in dünn besiedelte Gebiete. Daraus folgt, dass der Selektionsdruck in China, das seinen Bevölkerungsüberschuss in Neulandgebiete

abgeben konnte, lange nicht so groß war wie in England, wo diese Möglichkeit nicht bestand.“ „Das stimmt. Aber wie beurteilst Du Japan, wo in dem von Dir genannten Zeitraum die

Bevölkerung von 6 auf 30 Millionen wuchs? Die Japaner konnten nicht einfach die Grenzen ihres

Landes ausweiten.“ „Innerhalb von 450 Jahren die Bevölkerung zu verfünffachen war in der

vorindustriellen Zeit eine großartige Leistung, die, soviel ich weiß, kein anderes Volk zustande gebracht hat. Möglich wurde das durch eine dramatische Verbesserung der Reisanbautechniken. Der technologische Fortschritt hat auf die Evolution die gleiche Wirkung wie die Gewinnung von

Neuland: er verringert den Selektionsdruck.“

32
32

„Trotzdem muss die Qualität des Humankapitals in Japan erheblich gewesen sein und ich sehe auch in diesem Land in der antiliberalen Politik der Machthaber das größte Entwicklungshemmnis. So war zum Beispiel das Bankwesen unterentwickelt. Das erkennt man unter anderem am hohen Zinsniveau. Im 17. Jahrhundert wurde für dinglich gesicherte Kredite ein Zinssatz von 12 bis 15% gefordert. In England bekam man zur gleichen Zeit einen

gleichartigen Kredit für 5 bis 6%, in den Niederlanden für 4 bis 5%.“ „Die Entstehung einer

bürgerlichen Gesellschaft in Japan wurde verlangsamt, weil die Samurai eine ähnlich niedrige Reproduktionsrate hatten wie die Aristokraten Europas. Aus dieser Quelle kam es nicht zu einem Einsickern bürgerlicher Fähigkeiten in die unteren Schichten der Bevölkerung.“

„Dass Regierungsversagen der Hauptgrund für Japans Entwicklungsrückstand gegenüber England war, zeigt die Meiji-Restauration von 1868, welche die Wirtschaft von manchen ihrer Fesseln befreite und einen lang anhaltenden starken Aufschwung auslöste. Insofern ist diese Reform mit den wirtschaftsliberalen Maßnahmen von Deng Xiaoping in China ab 1979 vergleichbar. Das sind zwei weitere Beweise für die Wirksamkeit der von Adam Smith formulierten Politik.“ „Aber offensichtlich ist diese Politik nicht überall gleich wirksam. Nehmen wir das britische Empire vor dem 1. Weltkrieg als Beispiel. In diesem Weltreich galt überall die gleiche liberale Wirtschaftspolitik und trotzdem haben sich die einzelnen Länder innerhalb ihres

Geltungsbereichs ganz unterschiedlich entwickelt.“

„Du hast völlig recht. Es war bis 1914 in vielerlei Hinsicht unerheblich, ob eine Fabrik in Liverpool, Alexandria oder Bombay produzierte. Alle hatten den gleichen freien Zugang zum Weltmarkt und ihre Kapital- und Transportkosten waren sehr ähnlich. Nur in einem Punkt unterschieden sich die Standorte grundsätzlich, nämlich in der Qualität ihrer Arbeitskräfte. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis der ungleichen Entwicklung innerhalb eines Wirtschaftsraums.“ „Die Linken behaupten, dass der Wohlstand der entwickelten Länder auf kolonialer Ausbeutung beruhe.“

„Welche Kolonien haben die reichen Länder Schweiz oder Finnland ausgebeutet? Warum sind

Spanien und Portugal, trotz ihrer großen Kolonialreiche, weniger wohlhabend als die beiden erstgenannten Länder? Ein gegebenes Einkommensniveau ist Ausdruck der Arbeitsproduktivität

im jeweiligen Land.“ „Könntest Du ein paar Zahlen zur Verdeutlichung nennen?“

„Betrachten wir die Textilindustrie. Im Jahre 1910 verdiente ein englischer Textilarbeiter zehnmal so viel wie sein chinesischer Kollege. Unter diesen Umständen wäre zu erwarten, dass die englische Textilindustrie innerhalb kurzer Zeit von ihrer chinesischen Konkurrenz in den Bankrott getrieben wird, vor allem wenn man weiß, wie arbeitsintensiv dieser Wirtschaftszweig ist. Nahezu zwei Drittel der gesamten Kosten entfielen damals auf die Löhne.“ „Das ergibt doch einen gewaltigen Wettbewerbsvorteil für Billiglohnländer wie Indien oder China.“

„Den sie aber nicht nutzen konnten. Bis zum 1. Weltkrieg hatte die englische Textilindustrie die niedrigsten Stückkosten bei Garnen und Stoffen, woraus sich ihre führende Stellung auf dem

Weltmarkt ergab.“ „Und das trotz der hohen englischen Löhne. Die Unterschiede in der Arbeitsproduktivität zwischen den Ländern müssen gigantisch sein.“

„Das sind sie. Die Textilunternehmer in den Niedriglohnländern nutzten die gleichen Maschinen

wie ihre Konkurrenten in England oder den USA, aber sie waren gezwungen, je Maschine

weitaus mehr Arbeiter zu beschäftigen als jene, ohne dadurch die Produktionsmenge steigern zu können. Zum Beispiel betreute an einer Ringspinnmaschine ein Arbeiter in den USA 900

Spindeln, in China hingegen nur 170. In den USA und England war ein Arbeiter für 8 einfache Webstühle zuständig, in China und Indien hingegen nur für ein bis zwei. Insgesamt benötigten

die Niedriglohnländer je Maschine sechsmal mehr Arbeiter als die Hochlohnländer.“ „Das muss

nicht bedeuten, dass die Arbeitskräfte in den armen Ländern grundsätzlich weniger

33
33

leistungsfähig sind als ihre Kollegen in den reichen Ländern. Vielleicht liegt ein Versagen des

Managements vor.“

„Das kann man ausschließen, denn unfähige einheimische Manager lassen sich leicht ersetzen, indem man fähige Ausländer ins Land holt. Vor 1914 exportierte Großbritannien nicht nur Textilmaschinen, sondern auch viele Führungskräfte und Facharbeiter der Textilindustrie. In China, Indien, Brasilien, Mexiko und Russland bildeten Briten einen erheblichen Teil der Manager. So hatten zum Beispiel am Ende des 19. Jahrhunderts in Bombay die Hälfte der Textilfabriken britische Manager. Ein Drittel der chinesischen Textilindustrie war unter britischem Management. Die meisten brasilianischen Spinnereien und Webereien hatten britische Führungskräfte. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die im Ausland arbeitenden Briten weniger leistungsfähig gewesen wären als ihre Kollegen, die im Mutterland geblieben waren.“ „Aber warum haben die Unternehmensleitungen in den armen Ländern nicht einfach die überzähligen Arbeitskräfte entlassen?“

„Das ist in manchen Unternehmen durchaus geschehen, aber ohne dadurch die Stückkosten senken zu können. Den Textilmanagern in Bombay der 1920er Jahre war bekannt, dass nach den Standards der USA und Großbritanniens ihre Fabriken eine viel zu große Belegschaft hatten. Ab 1924 befand sich die lokale Industrie in einer zyklischen Krise und viele Unternehmen erlitten Verluste. Unter diesem Druck bildeten sich zwei Gruppen. Die Rationalisierer entließen ungefähr ein Drittel ihrer Arbeitskräfte, während die Bewahrer nichts veränderten.“ „Das muss doch den Gewinn der Rationalisierer erhöht haben.“

„Keineswegs. Die durchschnittliche Bruttogewinnrate der Rationalisierer betrug 1,7%, während

die Bewahrer 2,0% erreichten. Das lässt sich leicht erklären. Die Rationalisierer zahlten der

reduzierten Belegschaft höhere Löhne, ohne jedoch eine gleichwertige Produktivitätssteigerung zu erzielen.“ „Vielleicht liegt die niedrige Arbeitsproduktivität an negativen Gepflogenheiten des Ortes, zum Beispiel destruktiven örtlichen Gewerkschaften oder leistungsfeindlichen sozialen

Normen der lokalen Gemeinschaften.“

„Wenn das niedrige Leistungsniveau der Textilarbeiter seinen Grund in veralteten Arbeitsnormen des im Niedergang befindlichen Industriezentrums Bombay gehabt hätte, müsste ein Umzug der Fabrik an einen anderen Ort den Gewinn steigern. Das war aber nicht der Fall, obwohl die Löhne außerhalb Bombays niedriger waren als in der alten Metropole. Tatsächlich wuchs die Textilindustrie in Delhi, Madras, Nagpur und anderen Orten, während sie in Bombay schrumpfte. Aber die Arbeitsproduktivität blieb überall gleich.“ „Haben die Manager die Arbeiter ausreichend geschult?“

„Gewiss. Aber man wusste aus langjähriger Erfahrung, dass man einem Arbeiter nur einen Webstuhl anvertrauen konnte, denn bei zwei Webstühlen je Arbeiter verminderte sich die Produktionsmenge um drei Achtel. Da half es auch nichts, wenn man den indischen Arbeitern

vor Augen führte, dass ein Arbeiter in den USA oder Britannien acht Webstühle beaufsichtigte.“

„Das aber zu einem viel höherem Lohn.“ „Sicher, aber auch bei einem ganz anderen Lebens- und Arbeitsstil. Nach einem Bericht der

Indian Factory Labour Commission von 1909 erschien an jedem Arbeitstag ein erheblicher Teil der Arbeiter nicht am Arbeitsplatz und die anwesenden Arbeiter kamen und gingen nach ihrem Belieben um zu essen, zu rauchen, sich die Haare schneiden zu lassen oder sich und die eigene Wäsche zu waschen. Mütter brachten ihre Kleinkinder zur Arbeit, Familienangehörige waren oft anwesend und manche Arbeiter ließen sich von Betriebsfremden am Arbeitsplatz vertreten. All

das war in England schon während des 19. Jahrhunderts völlig undenkbar gewesen.“ „Wir

können also feststellen, dass der Grund für das Ausbleiben der Industrialisierung in Indien während der britischen Herrschaft von 1857 bis 1947 das niedrige Leistungsniveau der dortigen

Arbeitskräfte war.“

34
34

„Nach der Unabhängigkeit wurde die Entwicklung des Landes zusätzlich durch die sozialistische

Wirtschaftspolitik der indischen Regierung behindert. Erst in den 1990er Jahren kam es zu einer teilweisen Liberalisierung der Märkte und in ihrer Folge zu einem erfreulichen Wirtschaftsaufschwung, der sich allerdings nur auf Staaten wie Gujarat, Maharashtra und den Punjab beschränkt, während zum Beispiel Bihar und Uttar Pradesh weitgehend unentwickelt

bleiben.“ „Die indische Entwicklung ist im Grundsatz sehr ähnlich dem, was in allen anderen

Entwicklungsländern geschieht. Der Schlüssel zu ihrem Wohlstand liegt in der Qualität ihrer

Arbeitskräfte.“

„Das zeigt sogar das Erfolgsbeispiel China. Alle Welt sieht nur die wirklich eindrucksvollen Zentren Shanghai, Peking oder Shenzhen, aber kaum jemand beachtet, dass es nach wie vor in China Provinzen gibt, in denen das Pro-Kopf-Einkommen so niedrig ist wie in einem schwarzafrikanischen Land südlich der Sahara.“ „Das ist die Folge, wenn alle Leistungsfähigen eine Region verlassen, um in den Zentren besser bezahlte Arbeit zu finden.“

„Die moderne Produktionstechnik stellt höhere Anforderungen an die Qualifikation der

Arbeitnehmer als die vorindustriellen Erzeugungsverfahren, bei denen Fehler in der Bedienung,

Ungenauigkeit, Nachlässigkeit und Faulheit weniger gravierende Folgen haben als heute. Wenn

früher Landarbeiter ihre Arbeit schlampig verrichteten, dann sanken dadurch zwar die Erträge, aber es gab keinen Totalausfall. Wenn heute in einem komplizierten arbeitsteiligen

Produktionsprozess nur ein Arbeitsgang fehlerhaft ist, geht das gesamte Werkstück verloren.“

Wenn qualifizierte Arbeit so wichtig ist für die Existenz der modernen Wirtschaft, dann ist zu erwarten, dass die eigentlichen Träger der wohlstandsschaffenden Produktionsweise

entsprechend honoriert werden.“

„Das Gegenteil ist der Fall. Die Löhne der gering qualifizierten Arbeiter sind seit der industriellen Revolution stärker gestiegen als die Löhne der hoch qualifizierten Arbeitskräfte. Dadurch ist der Einkommensabstand zwischen den Qualifikationsgruppen erheblich kleiner geworden. Der Wohlfahrtsstaat verstärkt diese egalitäre Tendenz noch enorm, indem er riesige Steuermittel von oben nach unten umverteilt.“ „Wie ist es zu erklären, dass eine soziale Gruppe, deren Bedeutung im Produktionsprozess abnimmt, in der Einkommensverteilung zulegt?“

„Die Leistungsträger sind immer eine Minderheit. Mit der industriellen Revolution kam auch die

Demokratie und in ihr gewinnen immer die Politiker, welche die Interessen der Mehrheit bedienen. Die Zunahme der ökonomischen Gleichheit lässt sich in allen entwickelten Ländern beobachten. Es handelt sich um einen langfristigen Prozess, der tief liegende institutionelle Ursachen haben muss.“ „Das kann man sogar an physiologischen Merkmalen nachweisen. Nehmen wir zum Beispiel die Körpergröße. Im Jahre 1650 maß ein Reicher 174 Zentimeter, während ein Armer auf 168,5 Zentimeter kam. Das ergibt einen Unterschied von 3% zugunsten des Reichen. Heute hingegen sind Reiche durchschnittlich 178,2 Zentimeter groß und Arme kommen auf 176 Zentimeter. Die sozioökonomischen Gruppen unterscheiden sich in diesem Merkmal nur noch um 1%. Bei der Lebenserwartung ist die Nivellierung noch viel deutlicher.

Vor 350 Jahren lebten die Reichen um 20% länger als die Armen, heute sind es nur noch 10%.“

„Die bedeutendste Änderung erfolgte aber in den Geburtenraten der verschiedenen sozialen Schichten. Vor der Industrialisierung hatten die Reichen mehr Nachkommen als die Armen, heute ist es umgekehrt.“ „Vor 1800 hatte ein Reicher durchschnittlich 4 Nachkommen, die ihn überlebten, ein Armer hingegen nur deren zwei. Die Wohlhabenden waren also in der Fortpflanzung doppelt so erfolgreich wie die Angehörigen der unteren Schichten. Heute gilt hingegen: je tiefer die soziale Schicht, desto höher die Geburtenrate. Erstmals in der Weltgeschichte haben die Armen mehr überlebende Nachkommen als die Reichen.“

„Der Sozialstaat macht es möglich. Solange man mit dem Erzeugen von Kindern seinen

Lebensstandard verbessern kann, wird dieser Trend andauern. Der umverteilende

35
35

Wohlfahrtsstaat ist nicht nur ungerecht, weil er Tüchtigkeit bestraft und Misswirtschaft belohnt, sondern er ist auch destruktiv, weil er die Grundlagen dessen zerstört, worauf er beruht.“ „Der Wohlfahrtsstaat mit seinen Prämien auf die Kinderproduktion erklärt aber nur den relativen Kinderreichtum der unteren sozialen Schichten. Aber warum haben die oberen Schichten der Gesellschaft so wenige Kinder? An Geldmangel kann es nicht liegen.“

Der Gebärstreik begann schon Jahrhunderte vor der Industrialisierung in den obersten Schichten der Gesellschaft und setzte sich dann allmählich nach unten fort. Gerade die Frauen, die sich am ehesten Kinder leisten könnten, machen am wenigsten von ihren Möglichkeiten Gebrauch.“ „Ein freiwilliger Verzicht auf Nachkommenschaft, und das ist in den oberen Rängen meistens der Fall, stellt eine soziale Suizidstrategie dar, die einen pathologischen Ursprung hat.“

„Gerade deshalb sollte man niemand dazu drängen oder auch nur zu überreden versuchen, Kinder zu bekommen. Wenn die Schwachen von diesem Planeten verschwinden wollen, dann darf man sie nicht aufhalten.“ „Ein konsequenter Standpunkt, aber hast Du auch bedacht, dass wir dadurch einen erheblichen Teil der Leistungsfähigen verlieren?“

„Intelligenz ist nicht alles. Viel wichtiger als sie ist die Persönlichkeit. Eine Zivilisation verfällt, wenn die Oberschicht versagt. Wir sollten soziale Ausleseprozesse beschleunigen, anstatt vergeblich zu versuchen, sie aufzuhalten.“ „Lass uns erst mal unsere bisherige Diskussion zusammenfassen. Wir haben festgestellt, dass die Evolution des Menschen spätestens seit dem Neolithicum immer mehr von der Kultur bestimmt wird, dass bis zur Industrialisierung, in Abwesenheit des Sozialstaats, die Reichen in ihrer Fortpflanzung doppelt so erfolgreich waren wie die Armen, dass es in der stationären vorindustriellen Gesellschaft dadurch zu einem trickle- down bürgerlicher Fähigkeiten kam. Als die in dieser Hinsicht am weitesten fortgeschrittene Gesellschaft, nämlich England, in ihrem Genbestand einen kritischen Punkt überschritten hatte, waren die Voraussetzungen für die Industrialisierung gegeben und der wirtschaftliche Aufschwung begann.“

Doch bald setzte eine Umkehr in den demographisch beobachtbaren Trends ein. Es ist, als ob ein Film rückwärts laufen würde. Gibt es hier eine Gesetzmäßigkeit? Kann man sagen: in Abwesenheit des Sozialstaates verbessert sich das Humankapital, die wichtigste Voraussetzung erfolgreichen Wirtschaftens, während in Anwesenheit des Sozialstaats das Humankapital sich

verschlechtert?“ „Das ist zumindest ein Teil der Antwort. Aber noch wichtiger als die Ökonomie scheint mir die Kultur zu sein. Vor allem dort müssen wir nach destruktiven Wirkungen suchen.“

„Es fällt auf, dass die Geschichte bisher in Wellen verlief. Jede Hochkultur hatte eine

Aufschwungsphase, eine kurze Blütezeit, der immer der Niedergang folgte. Unsere Zivilisation

ist bei dieser Achterbahnfahrt keine Ausnahme.“ „Nietzsche sprach von der ewigen Wiederkehr

des Gleichen und er war überzeugt, damit eine der fundamentalen Entwicklungsgesetzmäßigkeiten entdeckt zu haben. Die darin implizierte Ausweglosigkeit des

Menschen hat ihn zu Tränen gerührt.“ „Für sensible Gemüter ist das auch zum Weinen. Etwas robusteren Menschen stellt sich die

Frage: lassen sich diese langfristigen Prozesse auf gesamtgesellschaftlicher Ebene beeinflussen oder gar gezielt steuern? Ist die Eugenik eine sinnvolle Option?“ „Sie ist der reine Horror. Niemals darf der Staat auch nur in die Nähe einer Manipulation des Erbgutes kommen. Die

Gefahr eines Missbrauchs der staatlichen Macht ist viel zu groß.“

„Ich stimme Dir zu. Aber wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass der Staat indirekt

durch sozialstaatliche, familienpolitische und viele andere Maßnahmen auf den Genbestand Einfluss nimmt. Die politische Klasse betreibt Dysgenik, zwar mittelbar und möglicherweise mehr instinktiv als bewusst geplant, aber durchaus wirkungsvoll.“ „Die Schwächung des genetischen Potentials ist in einer Demokratie unvermeidlich. Die großen Massen haben einen

36
36

guten Instinkt dafür, in welchem sozioökonomischen Milieu sie am besten gedeihen. Die gegenwärtigen Verhältnisse sind nach den Interessen der Mehrheit maßgeschneidert. Pech für die Minderheit, die das alles finanziert. Aber Demokratie bedeutet, dass die Mehrheit über die

Minderheit triumphiert.“

„Die Mehrheit zahlt dafür langfristig einen hohen Preis, denn was macht sie ohne die Leistungselite, welche die moderne Wirtschaft trägt?“ „Es ist unmöglich die ökonomischen Auswirkungen des Wandels in der Bevölkerungsstruktur vorauszusagen, denn er hat sowohl eugenische als auch dysgenische Folgen.“

„Was ist daran eugenisch, wenn die Unterschicht wächst und der Anteil der Gebildeten

zurückgeht?“ „Du sagtest vorhin doch selbst, dass Intelligenz nicht alles ist. Und wie recht Du dabei hast. Was nützt der beste Verstand, wenn der Betreffende ein notorischer Lügner,

Betrüger, Schuft oder Schurke ist?“

„Das sind die wirklich gefährlichen Leute, der Ursprung unserer echten Probleme. Marx, Lenin und Trotzki waren sehr intelligente Menschen und gleichzeitig die Vorbereiter oder Vollstrecker eines gigantischen Massenmords.“ „Das ist nur ein Beispiel. Was wäre die grüne Klimahysterie, wenn sie nicht von vielen Topmanagern unterstützt würde? Oder etwas unterhaltsamer: wäre der schlechte Scherz moderne Kunstaufrecht zu erhalten, wenn nicht viele Reiche als Sammler und Mäzene mitmachen würden? Wir müssen einen Menschen sowohl nach seiner Intelligenz als auch nach seinem Charakter beurteilen. Beides ist maßgeblich genetisch bestimmt.

„Dann will ich mal versuchen, Deine Beurteilungskriterien anzuwenden. In Deutschland bleibt

ein Drittel der Akademikerinnen kinderlos, aber nur ein Zehntel der Frauen mit niedrigerem Bildungsniveau. Das ist eindeutig ein dysgenischer Trend. Nun müssen wir uns auch fragen, welche Charaktereigenschaften Hochschulabsolventinnen dazu bringen, auf Kinder zu verzichten. Sind es die Ängstlichen, Wehleidigen, Ichverliebten, Zukunftsblinden, Karrierebesessenen? Wenn ja, ergäbe das bei den Charakteren einen eugenischen Trend. Dir ist sicher klar, welche Probleme dieses Vorgehen mit sich bringt: die Intelligenz lässt sich recht

genau messen, während die Beurteilung von Charaktermerkmalen immer sehr subjektiv ist.“ „Die Werturteile sind subjektiv aber nicht zufällig, denn sie spiegeln unsere Persönlichkeitsstruktur wider. Unsere Sympathie oder Antipathie, die oft spontan und weitgehend unbewusst entsteht, ist ein Ausdruck der Nähe oder Ferne, die wir gegenüber einem

anderen Menschen empfinden.“

„Dann kann man die menschlichen Vorlieben und Abneigungen als Maßstab für die genetische Nähe oder Ferne zwischen Urteilendem und Beurteiltem ansehen.“ „Die genetische Distanz zwischen den Akteuren ist der Schlüssel zum Verständnis der meisten Interaktionen, von der

Partnerwahl bis zur Kriegsführung.“

„Dann lässt die Sympathie, die Linke für Verbrecher empfinden, tief in die linke Genstruktur blicken.“ „Die Zuneigung für Kriminelle ist ein linkes Wesensmerkmal. Man findet sie in der Literatur, vom Wegelagerer Robin Hood, über den Seeräuber Störtebeker, bis zu den modernen Gangstern Bonnie und Clyde sowie in unzähligen Filmen und Theaterstücken. Die unverhohlene Identifikation der Autoren und ihres Publikums mit ihren Helden zeigt, dass es eine erhebliche Übereinstimmung zwischen linker und krimineller Psyche gibt. Man ist sich nahe, weil man sich

gegenseitig als wesensverwandt erkennt.“

„Das erklärt auch die linke Politik gegenüber Verbrechern, die Sühne und Abschreckung verteufelt und stattdessen Sozialtherapie betreibt, welche sich als völlig wirkungslos erwiesen

hat.“ „Schlimmer als das. Die linke Kriminalitätspolitik, die im letzten Drittel des 20.

Jahrhunderts vorherrschend wurde, hat zu einem immensen Anstieg der Kriminalitätsrate geführt. Die Linken löschen nicht das Feuer, sondern schüren es noch.“

37
37

„Ihre Affinität zu Kriminellen geht einher mit dem Verabscheuen von Disziplin und dem Hass auf alles, was Anstrengung und Selbstbeschränkung bedeutet. Da kommt der Mythos vom edlen Wilden gerade recht, denn der gibt einem das Gefühl der moralischen Überlegenheit, auch wenn man in der Erziehung der Kinder und Jugendlichen durch Nichtstun ein Chaos anrichtet.“ „Die permissive Erziehung ist für bildungsfähige Kinder eine Katastrophe, denn sie nimmt ihnen die Entwicklungschancen, die man nur unter Anleitung wahrnehmen kann.“

„Im linken Milieu ist die Strafe verpönt, unbequeme Anforderungen werden an die Kinder nicht gestellt. Auf diese Weise hat man aus ihnen kleine Tyrannen gemacht, die ihre Eltern beherrschen. Heute ohrfeigen eher die Kinder die Eltern als letztere ihre Prinzen und Prinzessinnen.“ „Solange man dieses Erziehungskonzept nur bei sich zuhause praktiziert, schadet man bloß sich selbst und seinen Nachkommen. Aber sobald es auf das staatliche Schulwesen übertragen wird, dem die Schüler notfalls auch mit Polizeigewalt zugetrieben werden, bringt man ganze Schülergenerationen um ihre Bildungschancen.“

„Ein Lehrer ohne Sanktionsmöglichkeiten kann nicht mehr unterrichten, sondern wird zu einem Animateur, der die Schüler bestenfalls zum Lernen überlisten kann. Aber der Hauptfehler der staatlichen Schulen unter linker Leitung besteht darin, die unterschiedlichsten Schüler in einer Klasse zusammenzusperren, mit der Folge, dass die Lernschwachen überfordert und die Leistungsstarken unterfordert werden. Die Introvertierten leiden unter dem Lärm und Radau der Extravertierten. Die Lernwilligen werden von den Lehrern vernachlässigt, weil diese sich vor allem um die Problemschüler kümmern müssen und alle leiden unter dem Faustrecht der Unterschicht. In diesem System fühlen sich nur die Schreihälse wohl, die kein Bildungspotential haben. Alle anderen werden durch die Zwangsintegration um ihre Chancen gebracht.“ „Es ist ein hoher Preis, der für die Ideologie der leeren Tafel zu zahlen ist.“

„Gegen diese Vernichtung von Humankapital sind die Kosten des Sozialstaats vergleichsweise

gering, auch wenn ein Drittel der staatlichen Ausgaben in dieses Fass ohne Boden geht.“ „Die

Sozialisten aller Parteien könnten zufrieden sein, denn sie haben wirklich alle weitgehend gleich gemacht.“

„In der Europäischen Union gilt als arm, wer weniger als 60% des Durchschnittseinkommens verdient. Das trifft auf jeden achten Deutschen zu, in der EU liegt der Höchstwert bei 20%. Wenn wir bedenken, dass ein Fünftel der Fünfzehnjährigen einfache Texte gerade buchstabieren kann, ohne ihren Sinn zu verstehen, dann sieht man, wie extremistisch der egalisierende Eingriff des

Staates ist.“ „Und trotzdem sind die Begünstigten des Sozialstaates niemals zufrieden.“

„Das sagte schon Tocqueville: inmitten allseitiger Gleichförmigkeit wirkt die kleinste Verschiedenheit anstößig, ihr Anblick wird umso unerträglicher, je weiter die Gleichförmigkeit fortgeschritten ist. Deshalb wächst das Gleichheitsstreben zusammen mit der Gleichheit; man facht es an, indem man es befriedigt.“ „Das Endziel ist wohl der Urkommunismus der Jäger und Sammler.“

„Wir sollten nicht jammern, sondern uns fragen, wie wir die Verhältnisse zum Besseren wenden

können. Das Nahziel muss die Isonomie sein.“ „Es ist schwer vorstellbar, dass in einer Demokratie die Mehrheit bereit wäre, alle Bürger vor dem Gesetz gleich sein zu lassen. Das würde zum Beispiel bedeuten, dass es keine Progression der Einkommensteuertarife gibt, sondern nur noch einen einheitlichen Steuersatz. Die erhöhten Steuersätze für höhere

Einkommen bezeichnet man zu Recht als Reichensteuer und das ist immer sehr populär.“

Es gibt über ein Dutzend Staaten mit einer flachen Einkommen- und Körperschaftsteuer. Aber Du hast insofern recht, als die flat tax fast ausnahmslos nur dort eingeführt wurde, wo unmittelbar vorher der Kommunismus zusammengebrochen war und ein verwüstetes Land hinterlassen hatte.“ „Dann müssen wir wohl warten, bis es bei uns soweit ist. Ein anderes

38
38

Beispiel für die demokratisch geschaffene Ungleichheit vor dem Gesetz ist der Kündigungsschutz. Kannst Du Dir vorstellen, dass die Nutznießer, nämlich die Inhaber von

Arbeitsplätzen in größeren Betrieben, auf dieses Privileg jemals verzichten?“

„Nein, auch wenn sie wissen, dass sie es damit den Jüngeren sehr schwer machen, einen regulären Arbeitsplatz zu finden. Die Mehrheit der Wähler sind Arbeitnehmer und die meisten von ihnen finden es selbstverständlich, für sich ein Recht zu beanspruchen, das sie den Arbeitgebern verweigern. Wenn ein Arbeitnehmer sein Arbeitsverhältnis nicht kündigen darf, nennt man das Sklaverei, wenn ein Arbeitgeber es nicht kündigen darf, nennt man das

Kündigungsschutz.“ „Wenn es schon so schwer ist, in diesem überschaubaren Bereich zu mehr Gerechtigkeit zu kommen, wie kann man dann auf umfassende Reformen hoffen?“

„Aber Fatalismus ist nicht akzeptabel.“ „Wenn Du etwas zum Besseren verändern willst, dann beginne da, wo Du zumindest etwas Macht hast, nämlich bei Dir selbst. Die Politik hingegen ist eine Veranstaltung, in der jedermann versucht, auf Kosten aller anderen zu leben. Politik ist nicht die Lösung, sondern das Problem.“

„Das scheint mir eine zu pessimistische Weltsicht zu sein.“ „Ich nenne das Realismus. Wir

können das Leben nur meistern, wenn wir uns keine Illusionen über den Ernst der Lage

machen.“

„Du erinnerst mich an Karl Kraus, der gesagt hat: ‚die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst‘.“ „Er schrieb das vor dem 1. Weltkrieg in Bezug auf Österreich und er hat recht behalten. Die Ergebnisse sind tragisch, aber die orientierungslos herum stolpernden Akteure wirken oft

komisch.“

„Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Was haben wir zu erwarten?“ „Ich bin kein Hellseher. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass der dysgenische Trend anhalten wird. Die Leistungsträger werden auch in Zukunft weniger Kinder haben als die Unterschicht. Ich vermute, dass die europäischen Länder am Ende des 21. Jahrhunderts wieder auf das genetische Potential zurück gefallen sein werden, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestanden hat und von dem wir wissen, dass es die kritische Menge für die Aufrechterhaltung einer modernen Wirtschaft

darstellt.“ „Kann die Intelligenzlücke nicht durch außereuropäische Zuwanderer geschlossen werden?“ „Im

Prinzip ja. In der Praxis werden aber die Falschen importiert. Es kommen nicht die zu uns, die

wir brauchen, sondern es kommen jene, die uns brauchen.“

„Es findet tatsächlich eine massenweise Zuwanderung in die hiesigen Sozialsysteme statt. Der Sozialstaat setzt perverse Anreize. Ein Migrant erzielt hier durch Nichtstun mehr Einkommen, in Form von Sozialtransfers, als er bei sich zu Hause durch harte Arbeit verdienen könnte. Diese Fehlsteuerung ist nur zu beenden, wenn man den Zuwanderungsmagnet Sozialstaat abschaltet.“ „Das wird schon deshalb nicht geschehen, weil die Einfuhr von Millionen Unqualifizierbarer

offenbar eine bewusste Politik der Linken ist, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Man will ein neues Proletariat schaffen, nachdem das alte einheimische schon etwas bequem geworden ist,

um einen Rammbock gegen die bürgerliche Gesellschaft zu haben.“

„Wenn das die Absicht der nicht-selektiven Einwanderungspolitik ist, muss das Projekt als ein riesiger Fehlschlag gewertet werden. Die Migranten bleiben kulturell in ihrer alten Heimat verwurzelt und lassen sich nicht so manipulieren, wie es sich die einheimischen Linken wünschen. Sie mögen noch so viel Gehirnwäsche im Rahmen ihrer Integrationspolitik betreiben, die meisten Zuwanderer, zumindest die aus den islamischen Ländern, bleiben sich und ihrer Kultur treu.“ „Dem Islam sei Dank. Die Deutschen werden sich bald in ihren Städten in der Situation befinden, die heute die Serben im albanisch dominierten Kosovo vorfinden.“

39
39

„Man kann den jungen Deutschen nur empfehlen, sich mit dem Islam anzufreunden, denn der wird in Zukunft immer stärker ihr Leben bestimmen.“ „Wenn in der BRD die Minderheitenschutzrechte der österreichisch-ungarischen Monarchie gelten würden, hätte man schon längst in Berlin eine türkischsprachige Universität einrichten müssen.“

„Kehren wir zum Ausgangspunkt unserer Diskussion zurück: wohin geht der Weg, auf dem wir uns befinden? Wir hatten vorhin festgestellt, dass unser genetisches Potential immer schwächer wird. Gleichzeitig haben sich aber auch die ökonomischen Rahmenbedingungen erheblich verschlechtert. Die liberale Wirtschaftsverfassung, die andere Voraussetzung einer hohen volkswirtschaftlichen Produktivität und damit des Wohlstands, wird seit dem 1. Weltkrieg zunehmend durch den interventionistischen Wohlfahrtsstaat verdrängt. Heute beansprucht der Staat bereits mehr als die Hälfte des Nettoinlandsprodukts für sich. Die politische Klasse

reguliert jedes Detail unseres Lebens.“ „Du bist einer der ganz wenigen, die das bedauern. Die

große Mehrheit sehnt sich nach einem kuscheligen Volksheim, in dem jeder seinen garantierten Platz zugewiesen bekommt, in dem keiner den anderen überragt. Die Quintessenz des Volkssozialismus besteht darin, jedermann den Beamtenstatus zu verschaffen.“

„Ja, der Kapitalismus hat wenige Freunde, obwohl er eine unabdingbare Voraussetzung des

Wohlstands ist. Das freiheitliche Wirtschaftssystem ist so unpopulär, weil es hohe Anforderungen stellt. Da jeder Tausch auf Freiwilligkeit beruht, muss man etwas bieten, wenn man etwas bekommen will. Wir appellieren nicht an das Wohlwollen unserer potentiellen Geschäftspartner, sondern an deren Interessen, wie sprechen niemals von unseren Bedürfnissen, sondern nur von unseren Leistungen. Nichts erzieht einen egoistischen Menschen,

der in der Wirtschaft seinen Vorteil sucht, so sehr wie die Gesamtheit der anderen Egoisten, die ebenfalls ihre Selbstinteressen verfolgen. Man überwacht und diszipliniert sich gegenseitig, denn langfristig wird nur der Erfolg haben, der seinen Geschäftspartnern einen realen Vorteil

bietet.“ „Die von Dir beschriebene unsichtbare Hand des Marktes war eine verblüffende Idee, als

Adam Smith sie in die Welt einführte, und sie ist es heute noch. Sie ist, evolutionsgeschichtlich betrachtet, ein so radikal anderes Organisationsprinzip als der egalitäre, wettbewerbsarme Sozialismus der Vergangenheit, dass man dem Durchschnittsmenschen einfach mehr Zeit geben

muss, sich daran anzupassen.“ „Zeit, die wir nicht haben.

Es war später Nachmittag und die Sonne hinter uns warf schon lange Schatten. In der Ferne sahen wir bereits das Ziel unserer Wanderung. Wir hatten das Naßfeld erreicht. Neun Tage im Hochgebirge lagen hinter uns. Auch wenn es manchmal beschwerlich gewesen war, so bedauerten wir doch, dass unser Ausflug in die Berge nun zu Ende ging. Das letzte Wegesstück zu der auf österreichischer Seite ganzjährig befahrbaren Fernverkehrsstraße legten wir schweigend zurück.

40
40

Impressum:

Erstveröffentlichung im November 2009 auf

Autor: Adolf Rasch

Dieses Werk steht unter der Creative Commons License 3.0 Namensnennung Keine kommerzielle Nutzung Keine Bearbeitungen siehe: