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Ethische Krise: Und die Moral von der Geschicht?


10.04.2009 | 17:57 | MARTINA SALOMON (Die Presse)

Die Rezession brachte noch keine neue Ethik, aber eine realistischere Betrachtung der Ökonomie.
Angestellten-Gewerkschaftschef Wolfgang Katzian fürchtet jetzt um Rechte der Arbeitnehmer.

Bringt die Krise die Moral zurück? „Nein“, sagt die Gewerkschaft. In der Industrie ist man optimistischer. Was
sich derzeit aber vor allem zeigt, ist, dass in härter werdenden Zeiten ideologische Gegensätze noch
deutlicher aufeinanderprallen. Von neuer Ethik ist wenig zu spüren. Jetzt geht es erst einmal ans
Eingemachte, um pure Krisenbewältigung. Während nun also die Arbeitslosenzahlen steigen und die
Wirtschaft Lohnverzicht fordert, rücken Gewerkschaft und Teile der SPÖ nach links, fordern eine höhere
Besteuerung der „Reichen“ und kritisieren, dass nur die Arbeitnehmer zum Handkuss kommen.

Wolfgang Katzian, Chef der Gewerkschaft der Privatangestellten, spricht sogar von einem „Riesenraubzug“.
Im Gespräch mit der „Presse“ meint er: „Auch wenn jetzt alle von der sozialen Marktwirtschaft reden, sehe
ich das Soziale noch nicht.“ Der Kapitalismus sei nach wie vor in Funktion, selbst wenn er jetzt die
„Schalmeientöne“ vernehme, wonach es allen um die Arbeitsplätze gehe. Aber Hauptziel eines
Unternehmens sei doch nach wie vor, Gewinne zu machen, während die Verantwortung für die Arbeitnehmer
„enden wollend“ sei. Für das Geld, das „verzockt“ worden ist, müssten nun die Steuerzahler die Zeche
zahlen. Eine moralische Besserung sehe er derzeit nicht. Eine Lösung der Probleme, so glaubt er, sei nur auf
europäischer und internationaler Ebene möglich. Katzian wünscht sich dazu Aktivitäten der Regierung, etwa
für eine Finanztransaktionssteuer.

Ethische Wende?

Aber was bräuchte es wirklich für eine „ethische Wende“? Christian Friesl, Theologieprofessor und
Bereichsleiter Gesellschaftspolitik in der Industriellenvereinigung, sieht alle Teile der Gesellschaft gefordert
– nicht nur die Manager, auch die Konsumenten. Die Wirtschaftskrise betrachtet der ehemalige Präsident der
Katholischen Aktion auch als ethische Krise: „Wir haben übers Ziel geschossen, wollten die ,fetten Jahre‘ auf
ewig prolongieren und haben – vor allem in den USA – auf allen Ebenen Schulden über Schulden angehäuft.“
Wobei das „Gewinn-Ego“ keineswegs nur auf Seiten der Unternehmen anzutreffen sei: „Hätte es die
Fehlentwicklungen im Finanz- und Wirtschaftssystem ohne die entsprechende Erwartungshaltung in der
Gesellschaft gegeben?“

In Zukunft müsse es realistischere ökonomische Erwartungen geben. „Wer geglaubt hat, der Finanzmarkt
erlöse alle mit möglichst zweistelligen Renditen, ist auf dem Boden der Realwirtschaft gelandet.“ Der
Finanzmarkt werde auf seinen Dienstleistungscharakter „zurechtgestutzt“: „Gewinne entstehen durch harte
Arbeit.“ Wobei insgesamt über wirtschaftliche Themen viel mehr geredet werden müsse. Das dürfe nicht den
Tradern, Analysten und Brokern überlassen werden. Eine Bildungsfrage. Aber wer übernimmt sie?

Friesl hat eine positive Utopie vor Augen: Er hofft auf „Frischluft für unsere Wirtschaftsfantasie“, was neue
Produkte und Dienstleistungen hervorbringen könnte – auch solche, die Geschäft und Gesellschaft
verbinden, etwa im Bildungsbereich, in Pflege und Ökologie. Bildung ist für ihn überhaupt ein
Schlüsselthema.

Eine positive Utopie

Sie dürfe nicht nur den Eliten vorbehalten bleiben. Und wie soll die Krise bewältigt werden? Am besten mit
Lösungen auf Unternehmensebene statt mit staatlichen Vorgaben, meint Friesl.

Nach der Krise werde ein wichtiger Prüfstein sein, wie Europa und die USA damit umgehen werden, dass
größeres Wachstum eher in China, Indien und Afrika stattfinden werde. „Bringen wir so viel gelassene
internationale Solidarität auf?“ [iStockphoto]

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