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Artikel drucken Eine nie gehaltene Budgetrede 21.04.2009 |

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Eine nie gehaltene Budgetrede

21.04.2009 | 18:18 | FRANZ SCHELLHORN (Die Presse)

Finanzminister Josef Pröll hielt gestern seine erste Budgetrede. In der er leider mehr verschwieg als sagte.

Finanzminister haben es dieser Tage wirklich nicht leicht. Wer will schon mit zerrütteten Staatsfinanzen vor die Öffentlichkeit treten? Weshalb sich Neofinanzminister Josef Pröll (ÖVP) bei seiner ersten Budgetrede auch mächtig ins Zeug legte, die aus dem Ruder laufenden Zahlen der tobenden Wirtschaftskrise in die Schuhe zu schieben. Das ist auch nicht ganz falsch, aber eben nur ein Teil der Wahrheit. Den zweiten hat Josef Pröll verschwiegen – das ist gleichermaßen nachvollziehbar wie schade. Die Bürger dieses Landes hätten sich nämlich längst eine offene, ehrliche und mutige Budgetrede verdient, die in etwa so aussehen würde:

„Sehr geehrte Österreicherinnen und Österreicher! Wir stehen vor sehr harten Zeiten, auch wenn das noch nicht alle erkannt haben. Nicht böse sein, aber es ist nicht wirklich meine Schuld, dass die Weltwirtschaft von verantwortungslosen US-Bankern und Politikern in eine schwere Krise gestürzt wurde. Eine Krise, von der auch wir nicht verschont bleiben. Weshalb sich die österreichische Bundesregierung dazu entschlossen hat, die Staatsausgaben massiv auszuweiten.

Nicht, weil wir glauben, damit die Krise abwenden oder gar meistern zu können – sondern, weil wir schlicht und ergreifend nicht wissen, was wir sonst tun sollten. Mit höheren Ausgaben erkaufen wir uns wenigstens ein paar Monate des sozialen Friedens. Das wird sehr teuer, und wir haben auch noch überhaupt keinen Plan, wie wir die sich auftürmenden Schuldenberge wieder abbauen wollen.

Fest steht, dass das Budgetdefizit schon heuer auf vier Prozent der Wirtschaftsleistung anschwillt und die Schulden der Republik bis 2013 auf 247 Milliarden Euro explodieren werden. Eine ganz schöne Summe, zumal das längst noch nicht alles ist. Wenn wir noch jene 22 Milliarden Euro an versteckten Verbindlichkeiten hinzurechnen, die wir in die Staatsbetriebe ÖBB und Asfinag ausgelagert haben, lässt sich das wahre Ausmaß der österreichischen Schuldenpolitik erahnen.

Eine Politik, deren Folgen bereits heute zu spüren sind: Wir geben längst mehr Geld für die Zinsen von Altschulden aus als für den Bereich Schule. Und das, obwohl die Kosten für den Unterricht allein in den vergangenen fünf Jahren um 25 Prozent (!) auf 7,25 Milliarden Euro gestiegen sind. Während die Republik auf dem Papier noch immer zu den erstklassigen Schuldnern zählt, hat das Vertrauen internationaler Geldgeber in das Schuldnerland Österreich schwer gelitten. Das lässt sich schon daran ablesen, dass der Bund ähnlich hohe Zinsen zu zahlen hat wie der drittklassige Schuldner Italien. Auf den Geldmärkten wird befürchtet, dass der Staat möglicherweise für heimische Banken einspringen muss, die sich in Osteuropa übernommen haben. Nicht ganz zu Unrecht – andernfalls hätten wir nicht die EU-Partner aufgerufen, einen Schutzschirm über Osteuropas Banken zu spannen.

Allerdings sind nicht so sehr die Schulden von heute unser Problem. Sondern jene von gestern und vorgestern. Seit vielen Jahren geben wir das Geld mit beiden Händen aus, obwohl es jüngeren Generationen gegenüber nicht zu verantworten ist, selbst in Zeiten der Hochkonjunktur neue Schulden anzuhäufen. Warum wir es trotzdem tun? Weil keiner auf der Regierungsbank die Courage hat, für unpopuläre Reformen zu stimmen und damit seine politische Zukunft aufs Spiel zu setzen. Das ist verheerend für das Land, aber nicht ganz unbequem für uns Politiker.

Zudem werden die Möglichkeiten einer Bundesregierung auch schwer überschätzt. Dieses Land wird ja nicht von freien Abgeordneten im Nationalrat geführt. Sondern von einflussreichen Landeshauptleuten, Gewerkschaftern und Interessenvertretungen, bei denen Mitgliedschaft auch zu Beginn des dritten Jahrtausends noch auf Zwang beruht. Diesen mächtigen Institutionen haben es die Abgeordneten mehrheitlich zu verdanken, überhaupt einen aussichtsreichen Platz auf den Wahllisten ergattert zu haben.

Abhängigkeiten wie diese fordern ihren Tribut. Während etwa in unserem Nachbarland Ungarn karge Beamtengehälter gekürzt werden, finanzieren wir einen heillos aufgeblähten Staatsapparat und plaudern in TV-Diskussionen über soziale Gerechtigkeit und das enorme Einsparungspotenzial im Verwaltungsbereich. Obwohl wir ganz genau wissen, keinen Cent davon je realisieren zu können. Wir sind gewohnt, über unsere Verhältnisse zu leben, und nicht mehr in der Lage, etwas daran zu ändern. Das ist vermutlich schlimmer als jede von außen hereinbrechende Wirtschaftskrise.“

franz.schellhorn@diepresse.com

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