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Am 15.05.2009 gesehen auf http://info.kopp-verlag.de/news/nachhaltige-regierung-finanzierung-eines-neuen-new-deal.html

Nachhaltige Regierung: Finanzierung eines »neuen« New Deal

Ellen Brown

Jetzt, da sich der 44. US-Präsident auf seinen Einzug ins Weiße Haus vorbereitet, gibt es eine Klemme im Bankgeschäft, hängen einige der größten Banken des Landes am Tropf, und sind die drei größten Autoproduzenten pleite. Die Immobilienmärkte brechen ein, und genau das Gleiche passiert auch mit der Wirtschaft.

»Jetzt geht es nicht um ›big government‹ oder ›small government‹. Mir geht es jetzt darum, eine klügere Regierung zu bilden, die sich auf das konzentriert, was funktioniert.«

Barack Obama, 26. November 2008

Es ist also kaum ein Wunder, dass Barack Obama jetzt mit Franklin D. Roosevelt verglichen wird, der Ende 1932 in ähnlich finanziell schwierigen Zeiten das Rennen um das Weiße Haus gewann. Noch bevor Obama am 20. Januar tatsächlich ins Weiße Haus einzieht, hat er mit seiner Version der »Kamingespräche« begonnen – nicht per Radio, sondern in moderner Form per Online-Video –, mit denen Franklin Roosevelt seinerzeit fast wöchentlich Amerikas Öffentlichkeit beruhigte. Am 22. November erklärte Obama, er wolle bis 2011 insgesamt 2,5 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen und die amerikanische Ökonomie ankurbeln: durch den Bau von Straßen und Brücken, die Modernisierung von Schulen sowie durch erneuerbare Energien, für die er die nötige Technologie und Infrastruktur bereitstellen wolle. Das alles sind zwar großartige Ideen, doch womit soll deren Realisierung bezahlt werden – etwa mit noch mehr Schulden der Regierung?

Obama hat versprochen, die Maßnahmen der abtretenden Regierung zur Rettung der Finanzmärkte zu honorieren, gewissermaßen nach dem Motto: Wenn wir das nicht machen, dann könnte unser Kreditsystem völlig klamm werden. Barry Ritholz hat aber in einem Artikel vom 2. Dezember darauf hingewiesen, dass dieses finanzielle Rettungspaket namens bailout schon jetzt mehr gekostet hat, als der New Deal, der Marshall Plan, der Kauf von Louisiana, das Apollo-Programm zur bemannten Mondlandung, die Rettung der US- Sparkassen, die Kriege in Korea, im Irak und in Vietnam sowie das Gesamtbudget der NASA zusammengenommen. 1 Wenn die Regierung jetzt noch weiter die Schuldenlast erhöhte, dann könnte das Amerikas Steuerzahlern das Rückgrat brechen und die gesamte Nation in den Bankrott treiben.

Wie kann der neue Präsident diese enorme Herausforderung in punkto Finanzierung meistern? Sein Vorgänger Thomas Jefferson begriff schon vor 200 Jahren, dass es tatsächlich einen Weg gibt, die Regierungsgeschäfte ohne Steuern oder Schuldenmachen zu finanzieren. Unglücklicherweise hat Jefferson das erst begriffen, nachdem er nicht mehr im Weißen Haus war, und deshalb konnte er diese Erkenntnis nicht in die Tat umsetzen. Mit etwas Glück wird Obama diese Finanzierungslösung schon zu Beginn seiner in Kürze beginnenden Amtszeit entdecken, also noch bevor unser Land von seinen Gläubigern für bankrott erklärt und aufgegeben wird.

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Der Schlüssel für die Lösung: Das Verständnis von Geld und Kredit

Jefferson begriff zu spät, dass die Gründerväter Amerikas irregeführt worden waren. 1815 schrieb er an seinen ehemaligen Finanzminister Gallatin:

»Das Finanzministerium, dem der Glaube an unser Land fehlt, hat sich selbst an Händen und Füßen gefesselt verwegenen und bankrotten Abenteurern und Bankiers ausgeliefert, die vorgeben, Geld zu haben, und die es hätte jederzeit vernichten können

zu haben, und die es hätte jederzeit vernichten können .« 1813 hatte Jefferson an John Eppes

1813 hatte Jefferson an John Eppes geschrieben:

»Obwohl wir dummerweise zugelassen haben, dass Privatpersonen uns das Gebiet der Zirkulationsmittel entrissen haben, glaube ich doch, dass wir es zurückerobern können … Die Bundesstaaten sollten aufgefordert werden, das Recht, Papiergeld in Umlauf zu bringen, für immer an den Kongress zu übertragen.«

Die Schöpfung der nationalen Geldmenge war lange Zeit das alleinige, souveräne Recht von Regierungen gewesen, und auch die amerikanischen Kolonien hatten vor der Revolution gut 100 Jahre lang ihre eigenen Zahlungsmittel in Umlauf gebracht. Warum hatte dann nach der Revolution Amerikas neue Regierung die Macht zur Geldschöpfung an private Bankiers abgetreten, die sogar nur »vorgaben, Geld zu haben«? Warum katzbuckeln wir immer noch, 200 Jahre später, vor Privatbanken, die nach eigenem Bekunden selbst bankrott sind? Vielleicht besteht die Antwort darin, dass, damals wie heute, die Kongressabgeordneten genauso wie fast alle anderen US-Bürger nicht verstanden haben, wie der Prozess der Geldschöpfung abläuft. Nur etwa drei Prozent der US-Geldmenge besteht heute aus »harter« Währung – Münzen (die von der Regierung herausgegeben werden) und Dollar-Noten (die von der privaten Federal Reserve in Umlauf gebracht und an die Regierung verliehen werden). Der ganze Rest der Geldmenge existiert nur auf dem Computer-Bildschirm oder auf Papier-Bankauszügen, und dieses ganze Geld wird von Banken erzeugt, wenn sie Kredite gewähren. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung verleihen die Banken nicht ihr eigenes Geld oder das ihrer Einleger bzw. Kunden. Sie »monetarisieren« lediglich das Versprechen des Kreditnehmers, den Kredit zurückzuzahlen. Diese Tatsache haben viele glaubwürdige Experten beschrieben. Hier sind einige dieser Stimmen:

»[W]enn eine Bank einen Kredit gewährt, dann belastet sie das Bankkonto des Kreditnehmers einfach zusätzlich um diesen Kreditbetrag. Das Geld wird nicht von den Einlagen eines anderen Kunden genommen; es wurde auch nicht vorher bei dieser Bank von einem anderen Kunden eingezahlt. Es ist neues Geld, erzeugt von der Bank zum Gebrauch des Kreditnehmers.«

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Robert A. Anderson, Finanzminister unter Präsident Eisenhower

»Banken erzeugen Geld. Das ist ihr Daseinszweck … Der Geldschöpfungsprozess besteht aus einem Buchungseintrag. Das ist alles … Jedes Mal wenn eine Bank ein Darlehen vergibt …, wird ein neuer Bankkredit erzeugt – funkelnagelneues Geld.«

Graham Towers, Gouverneur der Bank of Canada von 1935 bis 1955

»Natürlich zahlen [Banken] in Wirklichkeit ihre Kredite nicht von dem Geld aus, das sie als Einlagen erhalten. Täten sie das, würde kein zusätzliches Geld geschöpft. Was die Banken bei der Kreditvergabe tun: Sie akzeptieren Schuldscheine im Austausch für Kredite, die sie den Konten der Kreditnehmer gutschreiben. Kredite (Aktiva) und Einlagen (Passiva) steigen beide [um denselben Betrag].«

The Chicago Federal Reserve, Modern Money Mechanics (1992 zuletzt aktualisiert)

Es ist aber nicht nur so, dass die Banken vorgeben, das Geld zu besitzen, das sie an uns ausleihen – heute verlangen sie sogar auch noch schamlos, dass wir ihnen angesichts ihrer unvorsichtigen Spielschulden aus der Patsche helfen, damit sie uns weiterhin Geld leihen können, das sie überhaupt nicht haben. Laut dem US-Bankenaufsichtsamt (Comptroller of the Currency) stehen in den Büchern derzeit über 180 Billionen Dollar in Form eines spekulativen Wetteinsatzes namens Kreditderivate. Ganz besonders problematisch sind die Wetten mit den sogenannten Credit Default Swaps (CDS), die Banken als Versicherungen gegen Kreditausfälle verkauft haben. Das Problem besteht darin, dass diese CDS eben nur private Wetten sind, und bei diesen Wetten gibt es keinen Versicherungsbevollmächtigten, der garantiert, dass die »Versicherungsgeber« bei einem Verlust ihrer Wette auch das nötige Geld haben, um den »Versicherungsnehmer« zu bezahlen. Zu dem Grade, wie es Kreditausfälle gegeben hat, ist das auf den CDS errichtete komplexe Spekulationsschema an den Rand des Zusammenbruchs gerückt und droht nun, das gesamte Bankensystem mit sich in den Abgrund zu reißen. Jetzt verlangen die Spieler, die Regierung solle für die Einlösung ihrer Wetten mit Steuergeldern bürgen, und zwar mit der Begründung, dass die Öffentlichkeit dann, wenn das Bankensystem kollabiert, keinen Zugang zu Krediten und kein Geld mehr habe. So lautet die Theorie, doch diese Argumentation missdeutet die Natur des Geldes und Kredits. Wenn eine Privatbank Geld ganz einfach dadurch erzeugen kann, dass sie einem Einlagenkonto einen Kreditbetrag gutschreibt, dann kann das unsere Bundesregierung schließlich auch tun. In der US-Verfassung heißt es: »Der Kongress hat die Macht, Münzen zu prägen«, und das ist alles, was die US-Verfassung über denjenigen sagt, der die Macht hat, Geld zu schöpfen. In der Verfassung steht nicht, dass der Kongress das Recht, 97 Prozent der nationalen Geldmenge in Form von Krediten zu schöpfen, an private Banken delegieren kann. Unser Geld stützt sich ausschließlich auf »die volle Würdigung und Anerkennung (credit) der Vereinigten Staaten«. Die US-Regierung könnte und sollte ein eigenes System von öffentlich-rechtlichen Banken unterhalten, die befugt sind, den Kredit der Nation auf direktem Wege zu vergeben.

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Buyouts (Aufkäufe), keine Bailouts (Rettungspakete)

Es wäre heute wirklich einfach, ein Netzwerk von Banken im öffentlichen Besitz aufzubauen. Wenn Banken insolvent werden, würde ihnen die Regierung nicht etwa mit einem Rettungspaket (»bailout«) unter die Arme greifen, sondern sie würde diese Banken stattdessen einem ordentlichen Bankrottverfahren unterwerfen und sie als Eigentum übernehmen. Laut Gesetz ist in den USA für insolvente Banken die Bundeseinlagenversicherung FDIC zuständig, die befugt ist, eines der drei folgenden Verfahren anzuwenden: Die FDIC kann eine Auszahlung (payout) verfügen, so dass die Bank vollständig liquidiert wird und ihre Existenz aufgibt. Die FDIC kann einen Kauf und Übernahme (purchase and assumption) arrangieren, so dass eine andere Bank die bankrotte Bank aufkauft und deren Verpflichtungen übernimmt. Oder sie kann die Option der Überbrückungsbank (bridge bank) ziehen, wobei die FDIC den Vorstand ersetzt und gegen ein entsprechendes Aktienpaket dieser Bank das nötige Kapital bereitstellt, damit diese Bank ihre Geschäftstätigkeit wieder aufnehmen kann. »Aktienpaket« bedeutet natürlich Eigentumsanteile: Die Aktien der Bank gehen in das Eigentum der Regierung über. 2 Verstaatlichung ist eine Option, die routinemäßig in Europa bei bankrotten Banken vorgenommen wird. William Engdahl schrieb dazu in einem Artikel vom 30. September unter Berufung auf den Wirtschaftswissenschaftler Nouriel Roubini:

»[B]ei fast jeder kürzlichen Bankenkrise, in der zur Rettung des Finanzsystems Notmaßnahmen erforderlich waren, war die (für den Steuerzahler) kostengünstigste Variante die, dass die jeweilige Regierung – wie in Schweden und Finnland Anfang der 1990er-Jahre – die in Schwierigkeiten steckenden Banken verstaatlichte [und] ihre Leitungsfunktionen und Vermögenswerte übernahm … Im Falle Schwedens hat die Regierung damals die Vermögenswerte, zumeist Immobilienpapiere, mehrere Jahre lang verwaltet, bis sich die wirtschaftliche Lage wieder verbesserte; zu diesem Zeitpunkt hat die Regierung diese Papiere auf dem Markt wieder verkauft … Im Falle Schwedens stellte sich heraus, dass am Ende die Kosten für die Steuerzahler fast bei Null lagen. Der Staat hat damals auf gar keinen Fall das getan, was Paulson jetzt vorgeschlagen hat, nämlich den giftigen Müll der Banken aufzukaufen und sie damit trotz ihrer Missetaten, den verrückten Verbriefungs- und Spekulationsorgien, straflos davonkommen zu lassen.« 3

Wie bei jeder Firmenübernahme könnte die Geschäftstätigkeit in den von der Regierung verstaatlichten Banken weitergehen. Dabei müsste sich tatsächlich außer dem Namen auf den Aktienpapieren kaum etwas ändern. Die Banken stünden eben nur unter neuer Leitung. Sie könnten Kredite in Form von Buchungseinträgen erzeugen und gewähren, genauso wie sie es jetzt tun. Der einzige Unterschied bestünde darin, dass die Zinsen auf gewährte Kredite nicht mehr als private Gewinne in private Tresore fließen, sondern in die Tresore der Regierung wandern würden. Die »volle Würdigung und Anerkennung (credit) der Vereinigten Staaten« würde dann zu einem Vermögen der Vereinigten Staaten. Anstatt jedes Jahr eine halbe Billion an Zinsen zu bezahlen, würden die USA auf ihre Kredite Zinsen bekommen; das würde die Notwendigkeit, ihre Bürger zu besteuern, ersetzen bzw. diese würde ganz entfallen.

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Drei Wege, den »neuen« New Deal zu finanzieren

Es gibt drei Wege, wie die Regierung sich selbst finanzieren kann, ohne Schulden gegenüber privaten Geldgebern machen oder Steuern von der Bevölkerung erheben zu müssen: 1) die Bundesregierung könnte ein eigenes Kreditinstitut in Bundesbesitz errichten; 2) die US- Bundesstaaten könnten eigene Kreditinstitute im Besitz der Bundesstaaten gründen; oder 3) die Bundesregierung könnte den Kredit direkt gewähren, d.h. sie könnte Kredite für die Realisierung öffentlicher Projekte direkt in die Wirtschaft fließen lassen. Für jede dieser drei Alternativen gibt es bewährte Präzedenzfälle:

1. Die Option einer bundeseigenen Bank (Federal Bank)

Die US-Regierung könnte Kredite durch ihre eigene Krediteinrichtung vergeben, wobei sie, genauso wie die Banken heute, den Wert ihrer »Reserven« per Hebelwirkung um ein Vielfaches erhöhen und diese Summe dann in Form von Krediten ausleihen könnte. Franklin Roosevelt hat seinen New Deal mithilfe der Reconstruction Finance Corporation (RFC, Bank für Wiederaufbau) finanziert, d.h. eines regierungseigenen Kreditinstituts. Allerdings lieh sich die RFC das Geld, bevor sie es weiterverlieh. 4 Eine schuldenfreie Alternative bestünde darin, dass eine Bank im Besitz der Regierung das Geld einfach als »Kredit« verleiht, ohne es sich vorher selbst leihen zu müssen. Das haben in den 1930er-Jahren die staatlichen Zentralbanken von Australien und Neuseeland getan und auf diese Weise gelang es beiden Ländern, die weltweite Depression der damaligen Zeit zu vermeiden. 5 In der informativen Broschüre Modern Money Mechanics (zu deutsch: Moderne Funktionsweise des Geldes) unterstreicht die Chicagoer Federal Reserve, dass die Privatbanken bei der heute üblichen Praktik von Mindestreserven routinemäßig aus einem Dollar ihrer Reserven zehn Dollar an neuen Krediten machen. 6 Gemäß diesem allgemein akzeptierten Vorgehen könnte die US-Regierung aus den bereits bewilligten 700 Milliarden Dollar zur Behebung der Kreditklemme problemlos zinsgünstige Kredite in Höhe von sieben Billionen Dollar generieren.

Kredite in Höhe von sieben Billionen Dollar generieren. Auf diese Weise wollen offenbar Finanzminister Henry Paulson

Auf diese Weise wollen offenbar Finanzminister Henry Paulson und der Chef der Federal Reserve, Ben Bernanke, die sieben Billionen Dollar erzeugen, die sie nach ihren eigenen Worten zur Rettung des Finanzsystems ausgeben wollen: sie wollen einfach die 700 Milliarden aus dem Rettungspaket so durch das Bankensystem »hebeln«, dass daraus dann neue Kredite in Höhe von sieben Billionen Dollar werden. 7 Aber die Federal Reserve ist ein Finanzinstitut in Privatbesitz und die Empfänger ihrer Großzügigkeit sind bisher noch nicht bekannt gegeben worden. 8 Die 700 Milliarden Dollar an Startkapital gehören den Steuerzahlern. Daher sollten die Steuerzahler in den Genuss der Vorteile dieses Vorgehens kommen, nicht ein finanziell gestütztes System von Privatbanken, das die Gelder der Steuerzahler benutzt, um aus seinen »Reserven« die zehnfache Summe an »Krediten« zu machen, die es anschließend gegen Zinsen an die Steuerzahler wieder verleiht.

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Mit sieben Billionen Dollar an direkten Regierungskrediten könnte all das Geld bereitgestellt werden, das Obama zur Finanzierung seines New Deal braucht, und es blieben sogar noch ein paar Billionen übrig. Neben anderen würdigen Empfängern dieser zinsgünstigen Kredite kämen auch die Regierungen der Bundesstaaten und Gemeinden zum Zuge. Viele Länderregierungen und Kommunen der USA gehen derzeit bankrott, und zwar nicht aus eigenem Verschulden, sondern vor allem deshalb, weil die Zinsen in die Höhe geschossen sind, als die »Monoline-Versicherer« auf dem Derivatmarkt ihre Spekulationswetten mit erstklassigen Bewertungen (»AAA ratings«) verloren haben. 9

2. Die Option einer Landesbank (State Bank)

Während die US-Bundesstaaten auf eine Intervention der Bundesregierung warten, könnten sie ihre eigenen Landesbanken gründen, die ebenfalls nach dem Modell der Mindestreserven zinsgünstige Kredite vergeben könnten. In Artikel 1, Paragraf 10 der US-Verfassung heißt es, dass Bundesstaaten nicht befugt sind, »Kreditbriefe in Umlauf zu bringen«, wobei diese Klausel gemeinhin so ausgelegt wird, dass die Bundesstaaten nicht befugt sind, eine eigene Papierwährung in Umlauf zu bringen. Allerdings gibt es keine Bestimmung, die es einem Bundesstaat untersagt, eine Bank zu besitzen oder zu gründen, die unter Zuhilfenahme des üblichen Mindestreserve-Prinzips das Zehnfache ihrer Kapitaleinlagen in Form von Krediten verleiht.

Es gibt einen Präzedenzfall für diesen Ansatz: die Bank von North Dakota (BND), die einzige Bank in den ganzen USA, die sich im Besitz eines Bundesstaates befindet. Diese BND wurde 1919 gegründet, um in North Dakota die Entwicklung von Landwirtschaft, Handel und Industrie zu fördern. Den Hauptteil ihrer Einlagen stellt der Bundesstaat North Dakota und laut den Gesetzen dieses Bundesstaates müssen alle staatlichen Gelder sowie die Gelder der staatlichen Institutionen dieses Bundesstaates bei dieser Bank hinterlegt werden. Die Gewinne dieser Bank fließen dem Bundesstaat zu und werden nach dem Ermessen des Landtages eingesetzt. Als Behörde dieses Bundesstaates kann die BND subventionierte, d.h. besonders zinsgünstige Kredite zur Belebung der wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Entwicklung vergeben; außerdem kann sie bei Zwangsversteigerungen viel milder vorgehen als andere Banken. Im Zuge des Programms Ag PACE (Agriculture Partnership in Assisting Community Expansion – Landwirtschaftliche Partnerschaft zur Unterstützung der Entwicklung von Gemeinden) können die BND und lokale Kreditinstitute ihre Kreditzinsen sogar bis auf ein Prozent reduzieren. 10 In steuerlicher Hinsicht steht North Dakota immer noch solide da, und das in einer Zeit, in der andere Länderregierungen tief in den roten Zahlen stecken; außerdem präsentiert sich in diesem US-Bundesstaat insbesondere das Erziehungs- und Bildungssystem in einem hervorragenden Zustand. Während die Turbulenzen auf den Kapitalmärkten in anderen Teilen der USA die Vergabe von Studentenkrediten stark beeinträchtigt haben, zeigt sich die BND gerade beim Geschäft mit Studentenkrediten besonders robust und gehört bei der Anzahl von gewährten Studentenkrediten zu den führenden Banken der ganzen USA. 11 Wie erwähnt ist insbesondere die Steuerstatistik von North Dakota beeindruckend, vor allem wenn man berücksichtigt, dass die Wirtschaft dieses Bundesstaates (mit einem nicht gerade gastfreundlichen Klima) zum großen Teil aus weit verstreut liegenden Farmen besteht. Dass zinsgünstige Kredite von der eigenen Landesbank ständig abrufbar sind, mag bei der Erklärung dieses ungewöhnlichen Erfolges helfen.

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3. Von der Regierung in Umlauf gebrachte Zahlungsmittel (Government issued Currency)

Eine dritte Option zur Errichtung einer selbstversorgenden Regierung bestünde darin, dass der Kongress einfach das benötigte Geld mithilfe der Druckerpresse oder durch Buchhaltungseinträge erzeugt und anschließend mit diesem Geld direkt wirtschaftliche Projekte finanziert. Der gewöhnliche Vorbehalt gegen diese Alternative ist der, dass ein solches Vorgehen höchst inflationär sei. Doch wenn das Geld für produktive Zwecke ausgegeben wird, die das Angebot an Gütern und Dienstleistungen erhöhen – öffentlicher Nah- und Fernverkehr, preisgünstige Wohnungen bzw. Häuser, Entwicklung alternativer Energiequellen und ähnliche Projekte –, dann würden Angebot und Nachfrage gemeinsam steigen und es käme nicht zu einer Preisinflation. Die Regierungen in den amerikanischen Kolonien haben im Verlaufe des ganzen 18. Jahrhunderts ihre eigenen Zahlungsmittel in Umlauf gebracht. Laut Benjamin Franklin war dieses originelle Zahlungssystem für den bemerkenswerten Überfluss in den Kolonien verantwortlich, und das zu einer Zeit, als England unter den Depressionsbedingungen seiner industriellen Revolution zu leiden hatte. Nach der Amerikanischen Revolution haben Privatbankiers in den USA die Kontrolle der Geldmenge an sich gerissen, aber Abraham Lincoln griff das Modell aus der Kolonialzeit wieder auf und verfügte, dass seine Regierung im Bürgerkrieg eigene Dollar-Noten (»Greenbacks«) in Umlauf brachte. Mit dieser Maßnahme konnten die Nordstaaten nicht nur den Krieg gewinnen, ohne sich gegenüber den Bankiers heillos verschulden zu müssen, sondern damit wurde auch eine Periode beispielloser Entwicklung und Produktivität des ganzen Landes finanziert.

Entwicklung und Produktivität des ganzen Landes finanziert. Obama täte gut daran, diese Finanzierungslösungen bei der

Obama täte gut daran, diese Finanzierungslösungen bei der Bildung seiner »klügeren« Regierung zu erwägen. Außerordentlich schnell hat er seine Berater ausgewählt und die Grundzüge seiner Politik vorgestellt, aber ein schneller Start in die falsche Richtung könnte mehr Unheil anrichten als Gutes tun. Das Rettungspaket der jetzigen Administration dient lediglich dazu, ein bankrottes Bankensystem am Leben zu erhalten, indem Kapital von der produktiven Wirtschaft abgezogen wird. Die herkömmliche Weisheit sagt uns, dass wir auf dem einmal eingeschlagenen Weg weitergehen müssen, weil die Alternative einen furchterregenden, radikalen Wandel bedeute. Einen neuen New Deal zu finanzieren, ohne unser Land weiter in den Bankrott zu treiben, wäre jedoch keine radikale Abkehr von unserer Tradition, sondern vielmehr eine Rückkehr zu unseren Wurzeln – zu der einmaligen amerikanischen Finanzpolitik, die unsere ehrwürdigen Vorfahren Benjamin Franklin, Thomas Jefferson und Abraham Lincoln verfochten haben.

Ellen Brown schrieb diesen Artikel im Dezember 2008 für die Online-Artikelserie Path to a New Economy des YES! Magazine, die sich mit den wirtschaftlichen und finanziellen Lösungen der Krise beschäftigt. Ellen Brown entwickelte ihr Forschertalent als praktizierende Anwältin für Zivilrecht in Los Angeles. In ihrem neuesten Buch Der Dollar-Crash hat sie ihre Fähigkeiten und Erfahrung auf die Untersuchung der US-Zentralbank Federal Reserve und des »Geldkartells« angewandt. Sie zeigt, wie dieses private Kartell dem amerikanischen Volk die Macht der Geldschöpfung aus der Hand gerissen hat und wie »Wir, das Volk« sie wieder zurückerobern können. Ellen Brown ist erfolgreiche Autorin von insgesamt elf Büchern, darunter der Bestseller Nature’s Pharmacy, das sie zusammen mit Dr. Lynne Walker verfasst hat, und Forbidden Medicine. Siehe auch ihre Internetseiten unter www.webofdebt.com und www.ellenbrown.com.

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Fußnoten:

1. Barry Ritholtz, »Bailout Costs More than Marshall Plan, Louisiana Purchase, Moonshot, S & L Bailout,

Korean War, New Deal, Iraq War, Vietnam War«, Global Research (2. Dezember 2008).

2. G. Edward Griffin, The Creature from Jekyll Island (Westlake Village, California: American Media, 1998), S.

63 und 65.

3. William Engdahl, »Financial Tsunami: The End of the World as We Knew It«, Global Research (30.

September 2008); Siehe auch die deutsche Version dieses Artikels: »Finanz-Tsunami aktuell: Das Ende unserer

bekannten Welt« Online-Informationdienst des Kopp Verlages (1. Oktober 2008).

4. Siehe Ellen Brown, »The Collapse of a 300 Year Ponzi Scheme«, webofdebt.com/articles, 16. Oktober 2008.

5. Siehe »Sustainable Energy Development: How Costs Can Be Cut in Half«, ebenda, (5. November 2007).

6. Chicago Federal Reserve, »Modern Money Mechanics« (1963, aktualisiert 1992), ursprünglich produziert und

kostenlos verteilt durch das Public Information Center der Federal Reserve Bank of Chicago, Chicago (Illinois);

jetzt im Internet verfügbar.

7. Mark Pittman, Bob Ivry, »U.S. Pledges $7.7 Trillion to Ease Frozen Credit«, Bloomberg.com (25. November

2008).

8. Ellen Brown, »The Fed Now Owns the World’s Largest Insurance Company – But Who Owns the Fed?«,

www.webofdebt.com (7. Oktober 2008); Mark Pittman, et al., »Fed Denies Transparency Aim in Refusal to

Disclose«, Bloomberg.com (10. November 2008).

9. Tami Luhby, »Credit Crisis Hits Main Street« CNNMoney.com (21. Februar 2008); »Bond Failures May

Bankrupt Cities« Marketplace (28. Februar 2008).

10. »The Bank of North Dakota«, New Rules Project, newrules.org; »Ag PACE«, banknd.com (2007).

11. Richard Sisson, et al., The American Midwest: An Interpretive Encyclopedia (2007), S. 41; Liz Wheeler,

»Bank of North Dakota Keeps Student Loan Funds Flowing«, Northwestern Financial Review, BNET.com (15. September 2008).

Mittwoch, 17.12.2008 Kategorie: Gastbeiträge, Wirtschaft & Finanzen, Politik © Das Copyright dieser Seite liegt, wenn nicht anders vermerkt, beim Kopp Verlag, Rottenburg

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