Das Projekt Kulturdialog: Kulturperspektiven Schleswig-Holstein

1. Warum brauchen wir eine Kulturentwicklung?
1989 gab es im Land Baden-Württemberg den ersten Kulturentwicklungsplan. In der
Folge wurden hauptsächlich in den Kommunen derartige Planungen erarbeitet.
Leitender Grundgedanke der Kulturentwicklungsplanung war es auf der einen Seite,
einen Überblick über vorhandene kulturelle Aktivitäten zu bekommen (sogenannte
„Kulturkataster“) und auf der anderen Seite einen Plan zu erstellen, wie sich
insbesondere die Kulturförderung entwickeln sollte.
Inwieweit eine dezidierte Kultur“entwicklungs“planung notwendig ist, mag dahin
gestellt sein. Kultur lässt sich konkret gar nicht planen. Kunst und Wissenschaft sind in
ihrem Wirken dem Grundgesetz zufolge vollkommen frei und auch unsere Zivilisation
entwickelt sich nicht nach vorgegebenen Regeln. Wichtig aber ist es, diese
gesellschaftlichen Entwicklungen zu identifizieren, aufzugreifen und zu bewerten. Wenn
wir in Schleswig-Holstein über eine Art von Kulturentwicklungsplanung reden dann nur
im Zusammenhang mit einem Konzept, dass sich mit der Gestaltung des
Zusammenlebens einer Gesellschaft, eben ihrer Kultur und Zivilisation befasst. Ein
durchdachtes Kulturkonzept ist ein Beitrag einer dringend gebotenen „Rückkehr zur
Langfristigkeit“ in der Politik, wie es Martin Schulz jüngst formulierte.
An diesem Gedanken orientierte sich die Entwicklung einer Kulturkonzeption für das
Land Schleswig-Holstein. Das Ziel war es, Schwerpunkte und Strategien
herauszuarbeiten, die für die Gestaltung des Zusammenlebens in Schleswig-Holstein
wichtig sein könnten. In Zeiten er Globalisierung bekommen Regionen eine immer
höhere Bedeutung. Eine Kulturkonzeption sollte also dazu geeignet sein, Identitäten
unseres Landes zu beschreiben und eventuell durch Schwerpunktsetzung, zu stärken.
Kultur ist ein Querschnittsthema. Es umfasst die Künste, die Wissenschaft, unser Rechts
System, ja sogar, wie wir Handel treiben, also die Ökonomie. Dabei ist die Kultur
ständigem Wandel unterworfen. Dies galt es, zu berücksichtigen. Natürlich soll auch die
Kunstförderung nicht zu kurz gekommen. Finanzielle Ressourcen sind ein zentraler
Ausdruck des kulturellen Engagements eines Landes Auch dieses wurde im Prozess
ausreichend berücksichtigt und muss sich in der Praxis bewähren.


2. Der Prozess
Die 2012 in Schleswig-Holstein gebildete Landesregierung hat sich in ihrem
Koalitionsvertrag klar zur Entwicklung kulturpolitischer Leitlinien bekannt. Dort heißt
es: „Kulturpolitik in Zeiten von schrumpfenden Gesellschaften und Sparhaushalten heißt,
neue Strategien für eine reiche, vielfältige und qualitativ hochwertige Kulturlandschaft
zu entwickeln. […] Auch in der Kulturpolitik werden wir den Umgang mit den knappen
Ressourcen im Austausch mit den Beteiligten erörtern. Wir brauchen endlich eine
kulturpolitische Debatte, in deren Verlauf wir Leitlinien im Dialog mit den
Kulturschaffenden und den Kommunen erarbeiten.“ Im Mai 2013 begann vor diesem
Hintergrund der Kulturdialog „Kulturperspektiven Schleswig-Holstein“. Wir waren für
alle Ergebnisse offen und haben das auch kommuniziert. Nichts war präjudiziert, es gab
keine Denkverbote. Dass nicht mehr Geld für den Kulturbereich vorhanden ist, wurde
von Anfang an transparent gemacht und konnte deswegen keine falschen Erwartungen
wecken. Unsere Werkzeuge waren das Internet, Workshops und Konferenzen sowie
Expertise aus dem Kulturbereich.
Strukturiert wurde der Prozess mithilfe der Projektmethode. Eine Leitungsgruppe aus
unabhängigen Mitgliedern verschiedener Bereichen der Gesellschaft begleitete den
Prozess und wird nach Abschluss der Projektphase als Kulturbeirat der Kulturministerin
weiter zur Verfügung stehen. Die operative Arbeit wurde von einer Steuerungsgruppe
geleistet, die aus Experten der Kulturabteilung und vier externen
Arbeitsgruppenleiterinnen und -leitern bestand. Leitungs- und Steuerungsgruppe
wurden zuvor formulierte Leitlinien als Arbeitspapier vorgelegt. Vier Arbeitsgruppen
bekamen den Auftrag, ausgehend von den Leitlinien, Strategien und Prozesse zu
formulieren. So sollten die abstrakten Vorgaben konkretisiert werden (Strategien) und
Umsetzungsideen entwickelt werden (Prozesse). Angestrebt wurde eine
Kulturkonzeption des Landes, die aus drei Teilen besteht, nämlich den allgemeinen
Leitlinien, strategischen Überlegungen und konkreten Umsetzungsvorschlägen.
Die Arbeitsgruppen wurden anhand von vier Schwerpunkten gebildet, die in den
Leitlinien zugrunde gelegt waren. Die Landesregierung möchte das Kulturelle Erbe des
Landes bewahren und vermitteln, die ästhetische Bildung und kulturelle Teilhabe
fördern, den Kulturstandort stärken und die Kulturförderung sichern.

Bei der Formulierung von Strategien und Umsetzungsmöglichkeiten wurden die
Arbeitsgruppen gebeten, drei Aspekte besonders zu beachten. Zuerst die
demografischen Entwicklungen, besonders im ländlichen Raum. Außerdem sollten
Minderheiten und Migranten noch stärker in das kulturelle Leben eingebunden werden.
Der zweite Punkt: Das Verhalten und die Milieuzugehörigkeit der Nutzer von kulturellen
Angeboten ändern sich – es wird differenzierter, kleinteiliger und damit schwerer
einschätzbar. Der dritte Punkt ist die Digitalisierung. Sie wird fundamentale
Veränderungen sowohl auf die Kulturpräsentation als auch auf die Kulturrezeption
haben, sei es, weil sie neue Produkte generiert oder bestehende Angebote verändert, sei
es, weil sich Perspektiven auf Privatsphäre und Urheberrecht ändern.
Sämtliche Schritte wurden im Internet dokumentiert, Protokolle und Ergebnisse des
Dialogverfahrens waren und sind jederzeit transparent und abrufbar. Zusätzlich gab es
die Möglichkeit, sich mit Blogbeiträgen auf der Homepage des Ministeriums am Dialog
zu beteiligen. Diese Eingaben wurden von den Arbeitsgruppen berücksichtigt. Die
Ergebnispapiere der Arbeitsgruppen wurden gemeinsam mit den Leitlinien redaktionell
zu einer Entwurfsfassung zusammengefügt, die am 28. Februar einem sogenannten
Kulturplenum vorgelegt wurde. Die Einladung wurde offen ausgesprochen, es konnte
teilnehmen, wer wollte, sprechen wer wollte.
3. Die Schwerpunkte
 Kulturelles Erbe erhalten und vermitteln:

Schleswig-Holstein hat ein reiches kulturelles Erbe, das erhalten, bewahrt und
gepflegt werden muss. Dies ist auch Voraussetzung für die ansprechende und
umfassende Vermittlung des kulturellen Erbes. Zum kulturellen Erbe gehören
beispielsweise die Landesmuseen und -stiftungen, Gedenkstätten und
zeitgeschichtliche Erinnerungs- und Vermittlungsorte, herausragende
Kulturbauten, historische Kulturlandschaften sowie die Sicherung und
Bewahrung des immateriellen Kulturgutes. Das Kulturmanagement und die
Vermittlungsarbeit für das Kulturerbe sollen professionalisiert werden.
 Ästhetische Bildung fördern und kulturelle Teilhabe ermöglichen:

Wir möchten Schule und Kultur vernetzen, die Arbeit der kulturellen
Bildungsträger im Land sichern und eine Breitenbildung und Talentförderung
ermöglichen. Wir wollen Angebote gestalten, die prinzipiell für alle Milieus und
Generationen erreichbar sind. Teilhabe wird hier verstanden als die Möglichkeit,
sich kulturell aktiv zu betätigen. Wir wollen Menschen, die kreativ werden wollen,
den Raum geben, Kultur zu gestalten.
 Kulturstandort Schleswig-Holstein stärken, Kulturtourismus und
Kreativwirtschaft fördern:
Der Kulturstandort Schleswig-Holstein hat eine immense Bedeutung für
Schleswig-Holstein, substanzieller und ökonomischer Art. Wir möchten den
Kulturtourismus stärken, das SHMF und weitere kulturell herausragende
Angebote als Imageträger weiter entwickeln, die Kulturkooperationen im
Ostseeraum ausbauen (Ars Baltica) und innovative künstlerische Aktivitäten
fördern.
 Kulturförderung und kulturelle Infrastruktur zukunftsfähig gestalten:
Durch die bisherige Kulturförderpraxis des Landes und der Kommunen ist eine
vielseitige und hochwertige kulturelle Infrastruktur entstanden. Der
Grundgedanke hierbei war und ist, dass der öffentliche Sektor eine
kulturpolitisch breit angelegte, vor allem institutionelle Grundstruktur
verlässlich fördern soll. Dies hat zu einem hohen und stetig steigenden
Bindungsgrad bei den Fördermitteln des Landes geführt. Mit der Entwicklung der
Kulturperspektiven Schleswig-Holstein möchte das Land Gestaltungsspielraum
erlangen, um ergänzend zu einer verlässlichen Förderung der kulturellen
Infrastruktur innovative Kulturprojekte fördern zu können.
4. Das Ergebnis - zentrale Punkte
Das Ergebnis lässt sich sehen lassen. Wir haben erstens - von der Leitungsgruppe und
den Arbeitsgruppen etwas modifiziert - grundliegende Leitlinien für die Kultur in
Schleswig-Holstein definiert. sie sind zugegeben etwas abstrakt und umfasst formuliert
und bieten so auf der einen Seite genügend Spielraum, sie mit dem Leben zu füllen. Zum
anderen aber greifen sie die wesentlichen Herausforderungen auf und bieten eine gute
Grundlage, um über die Gestaltung unseres Landes zu sprechen. Desweiteren haben wir

umfassend zu den von der Landesregierung vorgegebenen Schwerpunkten Strategien
formuliert, die uns helfen, politisch konkrete Prozesse zu steuern und auch zu operativ
zu priorisieren. Die Schwerpunkte sind so formuliert, dass sie sich der ideologischen
Auseinandersetzung entziehen. Das heißt, wir haben Maßstäbe über die Legislatur
hinaus. Nicht zuletzt haben wir eine Reihe konkret terminierter Ziele, die wir kurz-,
mittel- oder langfristig umsetzen können. Einige Beispiele können hier genannt werden:
Die Bedeutung ästhetischer Bildung und sozialer Teilhabe wird zukünftig durch
Bildungsangebote und Vernetzung befördert werden. Der Erhalt und die Förderung
einer flächendeckenden Präsenz von Kultureinrichtungen im Land werden zur
Errichtung von sogenannten Kulturknotenpunkten führen, die den Support im
ländlichen Raum übernehmen sollen. Im Förderbereich projektweise die Idee einer
Kontraktförderung umgesetzt werden, die den Empfängern mehr Planungssicherheit
und dem Land mehr politische Steuerungsmöglichkeiten geben. Ein neu einzurichtendes
„Kulturlabor“ soll als regelmäßig tagende Arbeitsgruppe über Trends und
Entwicklungen beraten und dadurch für einen zusätzlichen inhaltlichen Impuls für die
Kultur im Land sorgen.
5. Politische Bewertung
Wie sieht nun eine kurzgefasste politische Bewertung aus, sowohl des gesamten
Prozesses „Kulturdialog“ als auch des vorliegenden Papieres, das sich in der Praxis noch
bewähren muss.
a) Singulär
Der Prozess war singulär. Zwar gab es innerhalb der Landesverwaltung in den
vergangenen zehn Jahren mehrere Anläufe, zu einem Kulturkonzept zu kommen, auf die
wir dankenswerter Weise aufbauen konnten. Keiner dieser Prozesse ist aber je zum
Abschluss gekommen. Auch ist uns kein umfassender Prozess bundesweit bekannt, der
so strukturiert und offen ein Kulturkonzept erarbeitet hat. Der Ansatz Sachsen-Anhaltes,
über den sogenannten Kulturkonvent zu arbeiten, war sehr ambitioniert, fand aber auch
auf einer sehr akademischen Ebene statt. Die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit war,
auch deutschlandweit, groß, das Ergebnis wurde aber starker Kritik unterzogen, da die
Forderungen des Konventes inkompatibel waren mit der Haushaltsplanung des Landes.


b) Transparent
Der Prozess war transparent. Das Kulturministerium ist, mit Ausnahme der vier
Schwerpunkte und en abstrakt formulierten Leitlinien, offen in den Dialog gegangen. Die
klare Projektstruktur sorgte für Transparenz. Indem wir alle unsere Schritte öffentlich
gemacht haben und von vorneherein gezeigt haben, welche Schritte wann und von wem
erfolgen, wurde für alle Beteiligten und Interessierten deutlich, dass der Prozess keinen
Masterplan im Hintergrund hatte, der letztlich Ergebnisse entweder vorgegeben hatte
oder politisch steuern wollte. Das hieß im Prozess auch, Friktionen auszuhalten, Ideen
zu kolportieren, von denen wir wussten, dass sie politisch entweder schwer oder gar
nicht durchsetzbar sein würden. Die Prozessstruktur aber bot uns einen Maßstab, mit
dem wir auf Kritik reagieren konnten, in dem wir auf einen für alle einsehbare Referenz
weisen konnten. Für uns selber war das eine Art Verpflichtung, die manchmal einengte.
Aber wir haben uns immer an die Prozessstruktur gehalten. Es gab keine
Nebenabsprachen, Nebenarbeitsgruppen oder Nebenentscheidungen.
c)Hohes inhaltliches Niveau
Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Zwar wird die Kritik formuliert, das Konzept sei
bisweilen etwas akademisch geschrieben, das sollte aber eher als Lob angesehen
werden. Es war nicht das Ziel, eine PR-Broschüre zur Kulturpolitik zu schreiben. Es ist ja
mehr ein Handlungsleitfaden für die Politik und für diejenigen, die sich in der Kultur
engagieren.
d) Nachhaltig
Nicht zuletzt ist das Papier nachhaltig formuliert. Von Anfang an wurde deutlich
gemacht, dass es nicht um eine Konzeption für eine Legislatur gehen sollte. Der
Anspruch bestand, für die nächsten zehn Jahre zu denken. Strategien können meist nicht
kurzfristig geändert werden. Um gute Ergebnisse durch Steuerung zu erzielen, braucht
es Zeit. Die „Kulturperspektiven Schleswig-Holstein“ sind dazu angetan, über 2017
hinaus wichtige Impulse für die Kultur im Land und für die Kunstförderung zu setzen.

Dr. Martin Lätzel
Ministerium für Justiz, Kultur und Europa
Kulturabteilung
Reventlouallee 2-4
24105 Kiel