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84. GlobalEurope Antizipations- Bulletin

Anticiper, c’est prévoir pour agir

Übersicht

15. April 2014

1.

Perspektive

Weltweit öffnet sich ein Graben zwischen Schuldnern und Gläubigern – und die USA wollen Europa mit in den Abgrund reißen

Die aktuelle Konfrontation zwischen Russland und dem Westen über das Schicksal der Ukraine erinnert sehr stark an den Kalten Krieg; jedenfalls gefällt es den Medien, diesen Vergleich heranzuziehen. Aber im Gegensatz zu dem, was sie schreiben, ist es nicht Russland, das wieder einen Eisernen Vorhang herabsenken möchte, sondern sehr wohl die USA – ein Eiserner Vorhang, der die bisher dominierenden Staaten von den Schwellenländern trennen würde, ein Schutzschild gegen die neue Weltordnung, eine Möglichkeit für die Schuldner, sich ihren Gläubigern zu entziehen… (Seite 2)

2.

Teleskop

Warnung - die EU am Abgrund : Die Kluft zwischen den Politikern der EU und den Menschen in Europa droht unüberbrückbar zu werden

Die Ukrainekrise hat die EU so aus der Bahn geworfen, dass nunmehr das Risiko, dass Europa sich alle zukunftsfähigen Wege des Friedens, der Souveränität und der Demokratie verbaut, sich so erhöht hat, dass wir nunmehr befürchten, dass sich dieses furchterregende Szenario mit einer Wahrscheinlichkeit von 85% erfüllt… (Seite 15)

3.

Fokus

Investitionen, Trends und Empfehlungen

Amerikanische Aktienmärkte Europäische Staatsanleihen Start-ups… (Seite 30)

4.

GlobalEurometer

Ergebnisse und Auswertung

Wie wir schon angeführt haben, sind die Ergebnisse der letzten drei Umfragen weitgehend stabil, also seit Beginn der Ukrainekrise (bzw. vielleicht besser gesagt, der EU- Russlandkrise), was wohl die Sorgen der Befragten von den alten Themen wie Wirtschaft, Finanzen und Währung auf die neuen, geopolitischen umgelenkt hat… (Seite 33)

Lernen Sie antizipieren ! Denken Sie an die Ausbildungsangebote‚ Politische Antizipation‘ der Stiftung FEFAP.

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GEAB n°84 – 15 avril 2014

©Copyright GEFIRA/LEAP, 2013 – ISSN 1951-6177 – Tous droits réservés La diffusion, reproduction, modification du contenu du GEAB sans l'autorisation écrite de LEAP est strictement interdite.

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1. Perspektive

Weltweit öffnet sich ein Graben zwischen Schuldnern und Gläubigern – und die USA wollen Europa mit in den Abgrund reißen

Die aktuelle Konfrontation zwischen Russland und dem Westen über das Schicksal der Ukraine erinnert sehr stark an den Kalten Krieg; jedenfalls gefällt es den Medien, diesen Vergleich heranzuziehen. Aber im Gegensatz zu dem, was sie schreiben, ist es nicht Russland, das wieder einen Eisernen Vorhang herabsenken möchte, sondern sehr wohl die USA – ein Eiserner Vorhang, der die bisher dominierenden Staaten von den Schwellenländern trennen würde, ein Schutzschild gegen die neue Weltordnung, eine Möglichkeit für die Schuldner, sich ihren Gläubigern zu entziehen; das ganze in der illusorischen Hoffnung, sich den American way of life und die Dominanz der USA zumindest im westlichen Lager noch aufrecht erhalten zu können, wenn sie sie weltweit auch aufgeben müssen. Mit anderen Worten, die USA wollen mit möglichst vielen Leidensgenossen untergehen, um sich der Illusion hingeben zu können, der geeinte Westen haben immer noch die Zukunft auf seiner Seite. Geteiltes Leid ist eben halbes Leid.

Nur noch darum geht es den USA: Möglichst das westliche Lager zusammen und an ihrer Seite zu halten, damit sie ein möglichst großes Einflussgebiet und damit auch Absatzmärkte behalten. Die öffentlichen Meinungen werden entsprechend manipuliert und die amerikahörigen Regierungen Europas leisten keinen Widerstand. Die TTIP sichert das Ganze anschließend handelsrechtlich ab. Auf diese Art wollen die USA Europa von den BRICS abschotten, obwohl dort Europas Zukunft liegt: Die BRICS, ihre Märkte, ihre besten Zukunftsaussichten, ihre Verbindungen zu den Entwicklungsländern usw. All diese Themen werden wir in dieser Ausgabe des GEAB analysieren, wie auch die Angst vor der Deflation, die geschürt wird, um die Europäer dazu zu bringen, dem amerikanischen Weg zu folgen.

Angesichts der Risiken und der Niederträchtigkeit der von den USA angewandten Methoden wäre es kein Verrat Europas gegen die USA, die Leinen zu ihnen nun zu kappen 1 , sondern vielmehr ein wichtiger Schritt auf dem Weg in die neue Weltordnung, wie wir schon in vorhergehenden Ausgaben des GEAB analysiert haben. Leider sind die wenigen verbleibenden vernünftigen europäischen Politiker vollkommen gelähmt, und das einzige, was ihnen gegenwärtig noch gelingt, ist, die Entwicklung noch etwas hinauszuzögern 2 , was sicherlich nützlich, aber nicht ausreichend ist.

DIE MASKEN NIEDER

In den Zeiten des Internets und der « leaks », die es ermöglicht, wird es für Geheimdienste und Staaten, die im Trüben agieren, immer schwieriger, ihre Machenschaften geheim zu halten. Als ob die Enthüllungen von Snowden und

1 Worauf auch insbesondere China drängt und z.B. mit den Eurozone- Mitgliedstaaten z.B. Swap- Abkommen abschließen möchte.

2 Insbesondere indem sie die Europawahl abwarten.

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Wikileaks nicht genügten, wurde nun auch noch bekannt, dass die USA in Kuba ein soziales Netzwerk betreiben, mit dessen Hilfe das kubanische Regime destabilisiert werden soll 3 . Oder man kann auf YouTube 4 dieses dankenswerterweise „geleakte“ Video bewundern, auf dem zu sehen ist, wie die Amerikaner den Staatsstreich in der Ukraine befördern. Und auch an Erdogans Schwierigkeiten in der Türkei sind sie alles andere als unbeteiligt; über die Türkei 5 werden wir in der folgenden Ausgabe des GEAB einen längeren Beitrag bringen 6 . Heute sind die Masken gefallen; was sich dahinter verbarg, konnte jeder, der es wissen wollte, eigentlich schon seit Jahren wissen. Trotzdem ist es gut, dass es nun für alle offen liegt, die sich nicht die Augen verschließen wollen.

Aber die USA begnügen sich nicht mehr damit, sich in die inneren Angelegenheiten von Entwicklungsländern und Bananenrepubliken einzumischen. Auch in Europa sorgen sie dafür, dass unterwürfige Regierungen sich amerikanischen Interessen unterordnen. Die USA verkaufen ihnen, dass das, was gut für die USA ist, auch gut für Europa wäre. Das stimmte schon 1953 nicht für General Motors und die USA.

Die USA konnten schon lange auf die Unterstützung von Cameron, Rajoy, Barroso, Ashton usw. zählen. Heute haben sich auch Polen und Donald Tusk an ihre Seite gestellt, der doch zu Beginn seiner Amtszeit mehr Europäer als Transatlantiker sein wollte 7 . Und auch auf Italien können sie dank des Staatsstreich von Renzi 8 zählen, während in Frankreich Hollande gerade einen Premierminister ernannt hat, dem nicht gerade nachgesagt wird, amerikakritisch zu sein. Hollande versuchte zu Beginn seiner Präsidentschaft noch eine unabhängige Politik wie in Mali und auch bei anderen Themen zu vertreten; inzwischen ist er bereit, für die Amerikaner den Wasserträger zu spielen. Welche Mittel haben die Amerikaner angewandt, um ihn dahin zu bekommen? Deutschland versucht sich noch ein wenig in Widerstand, aber wie lange kann ihm dies noch gelingen? 9 Dazu schreiben wir mehr im Teleskop.

Europa hat sich vor den amerikanischen Wagen spannen lassen und arbeitet gegen seine eigenen politischen, geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen, wie wir noch im Einzelnen darlegen werden. Während die BRICS genau das Gegenteil tun und alles daran setzen, sich von dem nunmehr gefährlichen und schädlichen Einfluss der USA zu lösen, wandelt sich Europa zum geopolitischen Harlekin.

3 Quelle : The Guardian, 03/04/2014.

4 Quelle : Reuters, 06/02/2014.

5 Wenn man weiß, dass die USA in Kuba soziale Netzwerke gegen die Regierung genutzt haben, ist es nicht verwunderlich, dass Erdogan Twitter hat abstellen lassen. Auch sitzt der große Widersacher Erdogans, Fethulla Gülen, Kopf hinter der Gülen – Bewegung, sicherlich nicht ganz zufällig in den USA. Quellen :

Aljazeera (13/03/2014), Wikipédia.

6 Kleine Randbemerkung : Wir können uns vorstellen, dass, wenn der in Frankreich so bewunderte De Gaule heute regieren würde, er sicherlich auch als Autokrat gelten würde, der von der Macht vertrieben werden muss, wie Erdogan oder Putin. Ein Land im nationalen Interesse und für das Gemeinwohl zu regieren, ist offensichtlich heute nach den Vorstellungen derer, die es geschafft haben, ihre Vorlieben und Interessen als alternativlos zu verkaufen, mit der Demokratie, wie sie sie verstehen, unvereinbar, die sie nur als wahre Demokratie akzeptieren, wenn sie schwach und unfähig ist, die Dinge zu beeinflussen.

7 Quelle : Wikipédia. Donald Tusk ist nun ein engagierter Verfechter des Frackings in Polen und beteiligt sich an der Schürung des Konflikts mit Russland. Quellen : Wall Street Journal (11/03/2014), DnaIndia

(05/04/2014).

8 Siehe auch RT, 01/04/2014.

9 Quelle : EUObserver, 10/04/2014.

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Politisch wird Europa von den USA übernommen, was mangels politischer Führung auch leicht fällt. Handelsrechtlich und juristisch wird diese Unterwerfung Europas mit der Unterzeichnung der TTIP besiegelt.

SCHNELL – EIN TTIP !

Wir haben es bereits mit vielen Nachweisen dokumentiert : Im Gegensatz zu den verbreiteten Erfolgsnachrichten über den angeblichen Aufschwung, wie man den an den steigenden Immobilienpreise und den auf Rekordständen verharrenden Aktienmärkten erkennen können soll, ist die US- Wirtschaft am Ende. Mehr Menschen leiden in den USA an Hunger und Unterernährung als in Griechenland.

Anteil der Unterernährten Rechts Anteil der Bevölkerung, die sich nicht ausreichend ernähren kann, nach Ländern
Anteil der Unterernährten
Rechts Anteil der Bevölkerung, die sich nicht ausreichend ernähren kann,
nach Ländern (Links Entwicklung 2007-2012).
Quelle : Bloomberg / OCDE.

Selbst die billigen Einzelhandelsgeschäfte, die Massenware anbieten, müssen schließen, weil die Kunden wegbleiben 10 . Die Anträge für Immobilienkredite sind auf Rekordtief, was einen baldigen Preisverfall am Immobilienmarkt vorhersehen lässt, wie wir ihn schon in der 81. Ausgabe des GEAB antizipiert haben.

10 Siehe zum Beispiel ABCNews, 10/04/2014.

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Neue Immobilienkredite Zahl der neuen Immobilienkredite in den USA. Quelle : Black Knight.
Neue Immobilienkredite
Zahl der neuen Immobilienkredite in den USA.
Quelle : Black Knight.

Der Markt für kommunale Anleihen, die sogenannten Munis (insbesondere Puerto Rico 11 , Chicago 12 usw.) ist in weiterhin sehr schlechter Verfassung. Die Sozialhilfe für die Ärmsten der Armen wird weiter zusammengestrichen 13 . Bei ihnen wird gespart, während die Politik der quantitativen Lockerung die Reichen noch reicher gemacht hat. Und am Arbeitsmarkt ist eine ernsthafte Besserung nicht in Sicht.

Beschäftigungsrate US Beschäftigungsrate in den USA , 1960-2014. Quelle : Fed Saint Louis.
Beschäftigungsrate US
Beschäftigungsrate in den USA , 1960-2014. Quelle : Fed Saint Louis.

11 Wo es Hinweise gibt, dass seine Anleihen nur unter falschen Angaben plaziert werden konnten. Wenigstes wird diesem amerikanischem Territorium dadurch das finanzielle Überleben bis zur Jahreshälft 2015 ermöglicht. Quelle : Bloomberg, 21/03/2014.

12 Quelle : « Chicago Cut to 3 Levels Above Junk by Moody’s on Pensions », Bloomberg, 05/03/2014.

13 Quelle : USA Today, 26/03/2014.

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Weltweit ist der Handel auf einem Rekordtief, wie sich aus dem Absturz des Baltic Dry - Indizes ablesen lässt, der einen Überblick über die Frachtraten für Rohstoffe gibt 14 .

Wenn man auch noch berücksichtigt,

- dass der amerikanische Einfluss weltweit schwindet und andere Optionen der Weltordnung sich ergeben, wie z.B. die G20, die die Chuzpe besitzen, ihrem „Chef“ vorzuschreiben, bis Ende 2017 die Reform des IWFs, die den Amerikanern ihre Kontrolle über diese Organisation nehmen wird, abzuschließen 15 ;

- dass China Obama davor warnt, bei seiner Asienrundreise gewisse Themen anzusprechen 16 ;

- dass die Amerikaner in Asien das transpazifische Freihandelsabkommen (TTP) nicht durchsetzen können 17 ,

- dass

China

mit

zurückdrängt 18 ,

seinen

Swap-

Abkommen

die

Dollarzone

immer

weiter

wird deutlich, unter welchem enormen Druck die Amerikaner stehen, was sie dazu treibt zu versuchen, sich mit hochriskanten Manövern aus der Schlinge zu ziehen.

Obwohl die Risiken auf den immer nervöser werdenden Finanzmärkten 19 enorm sind (die das einzige Argument für den angeblichen Aufschwung der US- Wirtschaft sind), setzt die Fed ihr tapering (also das graduelle Zurückfahren des QE) fort. Angesichts des oben beschriebenen Drucks, dem die USA ausgesetzt sind, ist davon auszugehen, dass diese nicht gerade US-Interessen dienende Fed- Politik auch zumindest teilweise den „Wünschen“ anderer Staaten geschuldet ist 20 . Vor diesem Hintergrund kam die Ukrainekrise gerade zur richtigen Zeit: Aus Frucht vor der weiteren Verschärfung des Konflikts fließen die Kapitalströme wieder nach Westen und das tapering fällt kaum auf. Das könnte auch erklären, warum USA und ganz allgemein die westliche Staatengemeinschaft alle Versuche Russlands zur Besänftigung des Konflikts zurückweisen. Je gefährlicher die Lage erscheint, desto weniger Auswirkungen zeitigen die Maßnahmen, die die Fed ergreifen muss. Diese Vermutung wird bestätigt, wenn man sich vor Augen hält, dass die Fed schon im September den Beginn des tapering angekündigt hatte, davon aber wieder Abstand nahm, was ihrer Glaubwürdigkeit einige Kratzer versetzte. Und was war darüber hinaus noch im September vorgesehen? Das amerikanische Eingreifen in Syrien, das ebenso abgesagt wurde! Ein Schelm, wer hier an Kausalität denkt.

14 Quelle : ZeroHedge, 11/04/2014.

15 Quelle : « G20 gives US ultimatum over IMF reform », Financial Times, 11/04/2014.

16 Quelle : Yahoo News, 09/04/2014.

17 Quelle : Japan Times, 10/04/2014.

18 Neueste Entwicklungen : « Bundesbank, PBOC in Pact to Turn Frankfurt Into Renminbi Hub »:

Bloomberg (28/03/2014) ; Russland und China unterzeichnen einen Gasliefervertrag, der nicht in Dollar abgerechnet wird (Quelle : ITAR-TASS, 09/04/2013), etc.

19 Der Ton der angel-sächsischen Wirtschafts- und Finanzzeitungen wechselte in letzter Zeit geradezu von euphorisch zu panisch.

20 Wir hatten auch schon vorher auf die destabilisierenden Folgen für die Schwellenmärkte hingewiesen, was den USA sicherlich sehr gelegen kam, obwohl es nur auf kurze Sicht von Vorteil ist.

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Die Ukrainekrise dient einem anderen Ziel: Europa sollte klar gemacht werden, dass es die USA lebensnotwendig braucht. Die Europäer sollten sich vor dem russischen Bären hinter den breiten Rücken der Amerikaner flüchten. Und mit welcher Maßnahme wäre dies erreicht? Mit der Unterzeichnung des TTIP und der Schaffung der großen transatlantischen Freihandelszone. Die Möglichkeit, dass die Russen jederzeit ihre Gas- und Ölexporte nach Europa einstellen, ist in der Tat für die Amerikaner ein erstklassiger Vorwand 21 , ihr Schiefergas als Alternative anzubieten und Fracking auch in Europa anzupreisen. Denn es dürfte den amerikanischen Ölfirmen wohl recht schnell möglich sein, eine Ausfuhrerlaubnis für ihr Öl und Gas zu erhalten 22 und seinen Preis zu erhöhen, der zurzeit im Keller ist, da es nur auf dem Gebiet der USA verkauft werden darf. Aber um zu überleben, brauchen die Ölkonzerne einen Fasspreis von mehr als 100$ (vgl. folgendes Schaubild), um ihre Förderkosten für Schieferöl und- Gas zu decken, das in den USA für ein Viertel bis ein Drittel des Preises in Europa verkauft wird 23 .

Ölpreise, die die Konzerne erzielen müssen Mindestölpreise, um Kosten deckend produzieren zu können, nach einzelnen
Ölpreise, die die Konzerne erzielen müssen
Mindestölpreise, um Kosten deckend produzieren zu können, nach
einzelnen Ölkonzernen aufgeschlüsselt
Quelle : Douglas Westwood / Goldman Sachs.

Da sich die Schiefergasreserven in den USA in Rekordgeschwindigkeit erschöpfen, würde die TTIP längerfristig die fossilen Energieströme in die umgekehrte Richtung lenken; dann würde europäisches Schiefergas in die USA exportiert. Denn es werden dann die Europäer sein, die die notwendigen teuren Investitionen vornehmen, die wahrscheinlich für die Amerikaner zu kostspielig geworden sind, wie man an dem Eifer sehen kann, den Chevron an den Tag legt, um in Rumänien und Polen mit dem

21 Wir sagen « Vorwand », denn die Gasmengen, die Europa braucht, sind zu groß, als dass allein die USA den russischen Lieferausfall ausgleichen könnten, und dass es auch andere Alternativen gibt. Quelle :

Aljazeera, 24/03/2014.

22 Noch ist es in den USA nach einem in Zeiten der Ölkrise der siebziger Jahre erlassenen Gesetz verboten, Rohöl zu exportieren. Quelle : La Presse, 13/01/2014.

23 Quelle : BP.

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Fracking beginnen zu können 24 (was den US- Firmen, die die Technik beherrschen wie niemand anderes, ganz nebenbei auch Verträge mit saftigen Profitaussichten verschaffen würde). TTIP und das US- Schiefergas werden uns als für beide Seiten hervorragendes Geschäft verkauft und die (vage) Hoffnung verbreitet, der Westen könnte sich von Energieeinfuhren aus anderen Regionen unabhängig machen.

Wo liegt sonst der tiefere Sinn der TTIP? Die Zölle für Warenaustausch zwischen den USA und der EU sind schon sehr niedrig, wenn es überhaupt welche gibt, so dass überhaupt nicht erwiesen ist, dass durch TTIP die Preise sinken und schon gar nicht, dass dadurch der Konsum steigen wird. Im Übrigen räumen ihre Befürworter implizit ein, dass die positiven Folgen sehr mäßig ausfallen würden, trompeten aber gleichzeitig beeindruckende Zahlen hinaus 25 . Wirtschaftswachstum und damit Arbeitsplätze sind also nicht der eigentliche Grund für den Eifer, mit dem TTIP den Europäern übergestülpt werden soll.

Viel wichtiger für die USA ist es, ihren Waren in Europa Märkte zu erschließen, weil ihre eigenen überschuldeten Verbraucher sie sich nicht mehr leisten können; das gleiche gilt natürlich auch für die TPP mit Asien. Natürlich können sie es so nicht sagen, weil sie damit zugeben würden, in welch schlechtem Zustand sich die US- Wirtschaft befindet.

Was allerdings erwiesen ist, sind die Nachteile dieses Abkommens für die einfachen Menschen, sowohl hüben wie drüben des Atlantiks. Die USA sind der größte Lebensmittelexporteur weltweit 26 , noch vor der EU. Eine wichtige Produktgruppe dabei sind die Lebensmittel aus genveränderten Pflanzen. Deshalb ist es für die USA herausragend wichtig, dass die europäischen GMO- Verbote fallen, genauso wie die Regulierungen für die Viehzucht, die keine Wachstumshormone erlauben und Chlor zum Desinfizieren von Geflügelfleisch verbieten. Die USA wollen nicht länger von den Europäern hinnehmen, dass sie ihnen Standards im Agrarsektor wie auch im Umweltschutz vorschreiben, die sie für überzogen halten; also sollen diese Standards auf amerikanisches Niveau abgesenkt werden 27 . Weiterhin soll TTIP den Unternehmen die Möglichkeit einräumen, die Staaten auf Schadensersatz zu verklagen, wenn ihnen durch deren Gesetzgebung Profitmöglichkeiten geschmälert werden. Da wird doch plötzlich verständlich, warum die Verhandlungen im Geheimen geführt werden 28 und der Wortlaut des Vertrags erst nach der Unterzeichnung bekannt gegeben wird 29 . Wir analysieren und kommentieren die Verhandlungen zum TTIP noch ausführlicher im Kapitel Teleskop.

Aber wie gesagt, der vermehrte Warenaustausch ist nicht das Hauptanliegen der Amerikaner bei der TTIP. Worum es eigentlich geht, ist die Verteidigung des Dollars als wichtigste globale Handelswährung und das Verbleiben Europas in der amerikanischen Einflusszone, damit sich nicht ein Euro-BRICS-Block bilde, der ein Gegengewicht zu den USA darstellen würde.

24 Quellen : USNews (31/03/2014), Le Monde (08/04/2014).

des

europäischen BIP von ungefähr 100 Milliarden Euro in 13 Jahren, als durchschnittlich ungefähr 0,05

Prozent zusätzliches Wachstum/Jahr

26 Quelle : Wikipédia.

27 Quelle : EUObserver, 04/04/2014.

28 Quelle : Wikipédia.

29 Quelle : Prawokultury, 26/03/2014.

25

Nach

sehen

die

sicherlich

optimistischen

Prognosen

ein

zusätzliches

Wachstum

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Die Ukrainekrise ist also, unter dem Vorwand der russischen Gefährlichkeit und der prekären Energieversorgungssituation ein Mittel, in der dadurch ausgelösten Panik die Interessen der USA und ihrer großen Konzerne gegenüber schwachen Politikern in Europa durchzusetzen

Aber wäre es nicht möglich, dass sich die großen Konzerne irren in der Einschätzung, was in ihrem Interesse liegt?

EIN WIRTSCHAFTLICHER WAHNSINN

Denn der gegenwärtige Versuch der USA, die Welt in zwei große Blöcke zu teilen und sich hinter einer Art Eiserner Vorhang zurück zu ziehen, wäre absoluter Wahnsinn für die Volkswirtschaften der westlichen Staaten. Die Schwellenländer, allen voran die BRICS, stellen einen riesigen, im Aufstreben befindlichen Markt dar, in dem sich eine gigantische Mittelklasse bildet, die eine enorme Nachfrage gerade nach westlichen Produkten entwickelt. Das sind Wachstumsperspektiven, von denen der Westen nur träumen kann. Welches Unternehmen könnte Interesse daran haben, sich von diesen Märkten auszuschließen, wo sie doch enormen technischen Vorsprung besitzen und auch umweltfreundlicher produzieren können? Diese Länder sind z.B. die wichtigsten Kunden für Airbus 30 und für europäische Autokonzerne 31 .

Der Westen leidet unter den Sanktionen gegen Russland Kurse der russischen Aktienmärkte (grün) und amerikanischen
Der Westen leidet unter den Sanktionen gegen Russland
Kurse der russischen Aktienmärkte (grün) und amerikanischen (rot) nach
Verkündung der Sanktionen gegen Russland. Quelle : ZeroHedge.

Deshalb kann sich Deutschland auch nicht so recht entschließen, in den Chor der Russlandwarner mit einzustimmen; die Chefs der deutschen Unternehmen warnen eindringlich gegen Sanktionen gegen Russland. Aber sie stehen gegen eine europäische Propaganda 32 , die aus rein ideologischen Gründen, die wir oben dargelegt haben, die

30 Die Rekordbestellung aus den Vereinigten Emiraten herausgerechnet, kommen ein Drittel der Aufträge für den Airbus A380 aus diesen Ländern (einschließlich Singapur und Hong Kong). Quelle : Wikipédia.

31 China ist inzwischen der wichtigste Markt für BMW (Quelle : Reuters, 10/01/2014) ; auch Peugeot a connu une croissance de près konnte dort ein Wachstum von beinahe 20% im 1. Quartal 2014 verzeichnen (Quelle : Boursier, 10/04/2014)…

32 Eine Lektüre des Blogs les-crises.fr von Olivier Berruyer, der eine lange Serie zur Ukraine veröffentlicht hat, ermöglicht eine etwas ausgewogenere Sicht auf die Dinge. Auch RT, eine russische Qualitätszeitung

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Trommeln gegen Russland rührt. Sollte wieder einmal das politische Vakuum in Europa den Wirtschaftsinteressen ermöglichen, sich durchzusetzen 33 , wäre dies ausnahmsweise auch im Sinne der einfachen Menschen in Europa.

Da Russland in der Ukrainekrise recht geschickt vermeidet, Anlass zu berechtigten Vorwürfen zu bieten 34 , China Europa bestärkt, den Dollar aufzugeben und sich ein breiter Widerstand gegen die von den westlichen Regierungen propagierten/aufgedrängten Lösungen regt, bleibt trotzt der politischen Lähmung der EU und des enormen Drucks der USA die Hoffnung, dass Europa wieder auf den rechten Weg zu einer multipolaren Welt von Morgen zurückfindet.

Jedoch wurde gegen Europa gerade eine zweite Front eröffnet, um seine Kapitulation zu erzwingen:

DIE ZWEITE US-WAFFE : DEFLATIONSPANIKMACHE

Seit einigen Monaten schreiben alle Wirtschaftszeitungen im Zusammenhang mit der Euro- Zone nur noch über ein Thema: Deflationsrisiko. Vor einiger Zeit waren es die „Staatsschulden“, nun ist das neue Schreckgespenst „Deflation“. Es wird solange mit diesem roten Tuch gewedelt, bis der europäische Stier losstürmt und kopflos eine quantitative Lockerung à l’américaine auflegt, also eine Geldpolitik, die sehr in der Kritik der BRICS steht, die Eurozonenmitgliedstaaten gegeneinander aufbringt, das Vertrauen in den Euro untergräbt und Europa noch stärker an die Dollarzone bindet und damit von den BRICS entfernt. QE ist die gefährliche Versuchung, eine kurzfristige Lösung mit langfristigen Folgen zu bezahlen; die EZB unter Trichet weigerte sich

Inflation in der Euro-Zone Inflationsrate in der Euro- Zone. Quelle : BCE.
Inflation in der Euro-Zone
Inflationsrate in der Euro- Zone. Quelle : BCE.

auf Englisch ermöglicht, eine russische Perspektive einzunehmen.

33 Man muss sehr genau unterscheiden zwischen den Geschäften der mega- multinationalen Konzernen, mächtiger als viele Staaten (z.B. Monsanto), und den „normalen“ Unternehmen, die mit den schwierigen Bedingungen der Realwirtschaft zurecht kommen müssen.

34 Und damit Sanktionen auch schwieriger begründbar werden; vor allen Dingen jetzt, wo die Ukraine als Konfliktverschärfer auftritt. Quelle : The Guardian, 14/04/2014.

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immer, dieser Versuchung nachzugeben – unter Draghi scheint sie wankelmütig zu werden 35 .

Wir wollen keinen Zweifel aufkommen lassen: Ja, das Deflationsrisiko existiert (wie auch die Staatsschulden ein echtes Problem waren) und Ja, eine Deflation könnte schreckliche Auswirkungen zeitigen, insbesondere weil das Tilgen von Schulden erschwert würde 36 . Aber immer wird verschwiegen, dass es das Deflationsrisiko aus den richtigen Gründen gibt. Denn es ist überwiegend die Folge der in Europa gemachten Anstrengungen, die Staatsverschuldung unter Kontrolle zu bringen (ganz im Gegensatz zu den USA), ist damit nur ein vorübergehendes Phänomen (ganz im Gegensatz zu Japan), und muss sich nicht zwingend realisieren, da gute Lösungen existieren. Schauen wir uns aber zuerst die Gründe an, bevor wir uns über die Lösungen Gedanken machen.

Zuerst einmal gibt es den starken Euro, den einige Länder wie insbesondere Frankreich und Italien so sehr fürchten 37 . Ein starker Euro verbilligt natürlich den Preis für Importe und wirkt sich damit deflationär aus. Es gibt verschiedene Gründe, warum der Euro gegenwärtig so stark ist, von denen einige unabhängig von der EZB- Politik sind 38 :

Die Euro- Zone weist einen (leichten) Außenhandelsüberschuss aus und ein Teil seiner Exporte werden mit Euro bezahlt, was bedeutet, dass mehr Euro in die Euro- Zone zurückfließen und damit auch weniger Euro international im Umlauf sind. Das führt zwangsläufig zu einer Verteuerung des Euro an den Devisenmärkten. Auch verringert die EZB seit Jahresmitte 2012 beträchtlich ihre Bilanzsumme (ungefähr 1000 Milliarden Euro weniger seit diesem Datum 39 ), was grob gesagt bedeutet, dass sie dem Geldkreislauf Euro entzieht. Und vermindertes Angebot bedeutet so gut wie immer steigende Preise. Damit legt der Euro im Verhältnis zum Dollar allmählich an Wert zu (für den ja gerade eine gegenteilige Geldpolitik gefahren worden war), obwohl die Zinsraten auf Tiefststand sind und die europäische Gemeinschaftswährung immer noch als grundsätzlich bestandsgefährdet gilt.

Weiterhin gibt es in allen Mitgliedsländern der Euro- Zone, insbesondere in denen, die besonders hart von der Krise getroffen wurden (Griechenland, Spanien, Portugal insbesondere), enorme, wenn auch schmerzhafte Reformanstrengungen. Da Abwertung innerhalb einer Währungszone unmöglich ist, verbessern diese Länder ihre Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der Euro- Zone durch die sogenannte interne Abwertung, also eine Absenkung der Löhne und Gehälter. Das klingt erst einmal brutal, aber man muss beachten, dass die Auswirkungen die selben sind wie bei einer (externen) Abwertung: Die Importe werden teurer für den Verbraucher, da sein Lohn gesunken ist; dafür werden die im Inland produzierten Dinge für das Ausland billiger (da die Arbeitskosten gesunken sind). Damit sind interne Abwertungen politisch schwerer durchzusetzen, von den Auswirkungen auf die einfachen Leute aber absolut

35 Ohne hier Verschwörungstheorien speisen zu wollen, halten wir es dennoch für hilfreich, daran zu erinnern, dass Mario Draghi ein ehemaliges Goldman Sachs Vorstandsmitglied ist.

36 Aber angesichts der aktuellen niedrigen Zinsraten auch nicht unmöglich.

37 Der Euro steigt im Verhältnis zum Dollar nur sehr gemächlich an; von1,30EUR/USD auf 1,38 benötigte er 18 Monate. Ob er damit schon stark ist, lässt sich diskutieren, schließlich lag er früher lange über 1,40. Vgl. hierzu auch unsere Analyse in der 73. Ausgabe des GEAB vom März 2013.

38 « Valls irrt sich in einem Punkt in seiner Kritik an der EZB », sagte Christian Noyer, Präsident der französischen Zentralbank und Mitglied des EZB- Rats. „Der Euro ist stark, weil die Euro-Zone weltweit an Vertrauen gewinnt.“ Quelle : Reuters, 08/04/2014

39 Quelle : BCE.

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mit einer Währungsabwertung zu vergleichen 40 . Deflationäre Auswirkungen hat auch der Preisverfall auf dem Immobilienmarkt, wie er insbesondere in Spanien zu verzeichnen ist.

Auch sind die Energiepreise momentan leicht rückläufig und verstärken dadurch statistisch den Eindruck von Deflation.

Darüber hinaus gibt es noch einen tieferen, nachhaltigeren Grund, gewissermaßen ein Paradigmenwechsel, nämlich die Internet- Revolution und die « alternative Wirtschaft ». Heute ist es häufig und wird üblicher, dass Nutzer ein Gut oder einen Dienst unter mehreren teilen. Dadurch wird das Produkt für den einzelnen billiger. Das betrifft Wohnungen (Zeitmietverträge und Untervermietungen nehmen zu), Autos (car sharing als neuer Trend), second- hand- Handel oder Tauschbörsen, auch für Dienstleistungen, Recycling usw. All das, was durch das Internet ermöglicht oder zumindest erleichtert wird, ist quer durch Europa im Aufschwung 41 und lässt die Preise sinken (bzw. entfernt diese Aktivitäten aus dem statistisch erfassten Wirtschaftskreislauf). Wir kommen darauf noch zurück.

Ein Paradigmenwechsel hat sich auch durch die modernen Produktionsmethoden ergeben, die aus den Schwellenländern zu uns gekommen sind und die Zwischenstationen eliminieren und damit die Profite reduzieren. Diese Methoden sind viel wichtiger für die Preise als allein die Arbeitskosten (die in den Schwellenländern steigen und sich denen im Westen angleichen, bzw. im Westen sinken) und führen ebenfalls zu sinkenden Preisen.

Abgesehen von den beiden letzten Punkten sind all diese Gründe konjunkturbedingt und eine Folge der Krise und ihre negativen Folgen auf die Volkswirtschaften, bzw. Auswirkungen der Reformanstrengungen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit 42 . Daher gehen wir davon aus, dass Euroland 2014 eine schwache Inflation zu verzeichnen haben wird, bis sich 2015 die Dinge wieder normalisieren.

Nichtsdestoweniger kann Deflation in den meisten europäischen Ländern, in denen die Gehälter ja nicht sinken, auch als etwas Positives gesehen werden, da damit die Kaufkraft der Verbraucher steigt.

Schauen wir uns jetzt die wichtigste Lösungsmöglichkeit an, die in der gegenwärtigen Situation einer sich verändernden Welt viel mehr Vorteile bietet als ein gefährliches QE (auch wenn ein QE ‚à l’européenne‘ 43 wohl besser geplant und durchgeführt würde als es durch die Fed wurde). Warum eigentlich ist der Euro stark? Weil er immer im

40 Die alte Methode dieser Länder, ihre Bevölkerung über eine Abwertung mit einer Sondersteuer zu belegen, muss nun durch die deutsche Methode ersetzt werden, in der diese Art von Steuer verpönt ist.

41 Siehe z.B. Le Figaro, 12/02/2014.

42 Jens Weidmann, der Präsident der deutschen Bundesbank, sagt auch nichts anderes, wenn er ausführt, dass das Risiko gering sei und sowieso nicht ausschließlich durch die Geldpolitik ausgelöst werde: Quelle CNBC, 09/04/2014. Oder auch Jeroen Dijsselbloem (Vorsitzender der Eurogroupe) : Quelle Le Temps,

29/01/2014.

43 Obwohl die EZB sich auf den Weg der quantitativen Lockerung begeben zu wollen scheint, macht sie dies auf eine Art und Weise, die uns doch relativ vernünftig vorkommt. Zum Beispiel sollen Banken nur Geld der EZB erhalten, wenn sie sich verpflichten, Kredite an die KMU weiterzuleiten. Oder, aus der gleichen Logik heraus, könnte die EZB Negativzinsen einführen, um den Banken einen starken Anreiz zu geben, ihr Geld nicht bei der EZB zu parken, sondern zu verleihen. Oder noch besser wäre die Emission von euroweiten Anleihen, was die Solidarität unter den Mitgliedstaaten stärken und allen ermöglichen würde, Kredite zu geringen Zinsen aufzunehmen. Dies alles wären deflationsbekämpfende Maßnahmen, ohne die Geldpresse anzuwerfen. Vgl. hierzu auch unsere Analyse der verschiedenen Strategien der betroffenen Zentralbanken in der 75. Ausgabe des GEAB vom Mai 2013.

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Vergleich zum Dollar bewertet wird. Warum bezahlt Europa seine Importe billig? Weil die Preise in Dollar festgelegt werden oder die europäischen Handelspartner über eine Währung verfügen, die an den Dollar gekoppelt ist. Die ganze Weltwirtschaft und das globale Finanzsystem leiden inzwischen unter diesem irreführenden und wenig zuverlässigen Standard (z.B. ist der Euro im Verhältnis zu Gold überhaupt nicht „stark“). Deshalb fordern die BRICS schon seit Langem eine Reform des internationalen Währungssystems. Die Lösung besteht also darin, dass Euroland und die BRICS (Euro-BRICS) gemeinsam beschließen, aus dem Dollar dominierten Weltwährungssystem auszusteigen. Mit einem neuen Standard, z.B. einer Korbwährung aus den wichtigsten Währungen plus Gold, würden die wichtigsten Gründe für die europäische Deflation verschwinden. Die BRICS wären reif für einen solchen Schritt und wollen die Ära des Dollars als globale Leitwährung beenden; jedenfalls lässt sich dies aus ihren neuesten Verlautbarungen herauslesen.

SCHULDNER GEGEN GLÄUBIGER ALS NEUE GLOBALE TRENNUNGSLINIE

Es ist ja tatsächlich so, dass die USA mit ihren wahnsinnigen Bemühungen, den Kalten Krieg auferstehen zu lassen und die Welt wieder in zwei Blöcke zu teilen, die BRICS dazu treiben, ihren ausschließlich eigenen Weg zu gehen. Es ist doch auch wohl nicht einem reinen Zufall geschuldet, dass die neue Teilungslinie genau zwischen Schuldner- und Gläubigerländern verläuft. Ein Ziel der US- Politik ist damit sicherlich auch, sich mit dem Eisernen Vorhang gegen Forderungen der Gläubigerländer zu schützen; denn ein „Feind“ verliert jeden moralischen Anspruch auf Begleichung der Schulden. Europa brauchen die USA, weil sie allein gegen den Rest der Welt nicht in der Lage sind, einen Block zu bilden. Aber dieser neue Kalte Krieg, wird er wirklich auf Dauer kalt bleiben? Es ist natürlich offensichtlich, dass die Schwellenländer sich vor solchen Methoden möglichst schnell in Sicherheit bringen wollen. Insbesondere Russland nutzt die Ukrainekrise, um seine Dollar abzustoßen, verkauft von nun an sein Gas an China ohne auf den Dollar zurückzugreifen, und verbessert seine Beziehungen zu seinen östlichen Nachbarn 44 . Pakistan weigert sich, die Empfehlungen des IWF umzusetzen und behält lieber sein Gold, statt Dollar zu kaufen 45 . Das Nato- Mitglied Türkei kauft seine neuesten Raketen bei den Chinesen 46 . Die G20 setzt den USA, wie wir bereits erwähnten, eine Frist für die Reform des IWF und drohen bei Nichteinhaltung mit der Errichtung einer alternativen zwischenstaatlichen Einrichtung 47 . China möchte Frankfurt zu einer Hauptdrehscheibe des Handels mit Renmimbi ausbauen 48 und den Euro zu einer globalen Währung ersten Ranges zu machen und damit zum natürlichen Konkurrenten des Dollar. China geht sogar soweit, Obama unmittelbar zu drohen 49 usw. 50

Den USA und ihrer Politik zu folgen, wäre wirtschaftlich, sozial und politisch für Europa ein absoluter Wahnsinn. Eine kleine Hoffnung besteht eigentlich nur darin, dass die Wirklichkeit die USA einholt, bevor ihre Politik vollendet ist, also ein neuer Fieberschub der umfassenden weltweiten Krise diesen Plan vereitelt. Denn es fehlt

44 Quellen : « Sanctioning Russia into multi-polar world ? », RT (02/04/2014) ; « Putin looks to Asia as West threatens to isolate Russia », Reuters (21/03/2014).

45 Quelle : Express Tribune, 29/03/2014.

46 Quelle : « Is Turkey ‘Gravitating’ Toward China ? », Eurasia Review (06/04/2014). 47 Vgl. Fußnote 17.

48 Quelle : Bloomberg, 28/03/2014.

49 Vgl. Fußnote 18.

50 Quelle : ITAR-TASS, 09/04/2014.

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nicht viel bis zur Implosion Amerikas 51 . Ihre Realwirtschaft liegt am Boden, ihre Finanzwirtschaft steht auf tönernen Füßen, ihre Einfluss weltweit verfliegt (nur nicht in Europa). Trotz der Ohnmacht und Lähmung der europäischen Politik könnte ein kurzer Aufschub ausreichend zu sein, um Europa aus der selbstmörderischen Logik der unbedingten Loyalität zu Amerika zu befreien. Denn auch wenn die USA alles daran setzen, die großen historischen Tendenzen des Übergangs von der alten zur neuen Weltordnung zu blockieren oder zu vermeiden, so ändert dies nichts daran, dass sie existieren und schon bald die neue Realität darstellen.

51 Der ehemaligen Präsident der BIS (von dem man erwarten kann, dass er weiß, wovon er spricht) warnt in höchsten Tönen vor den aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen in Amerika in einem Interview in Finanz und Wirtschaft (11/04/2014). Wenn die USA nicht vor solchen massiven wirtschaftlichen Problemen stünden, würden sie wahrscheinlich nicht solch extreme und damit gefährliche Methoden anwenden.

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2. Teleskop

Warnung - die EU am Abgrund :

Die Kluft zwischen den Politikern der EU und den Menschen in Europa droht unüberbrückbar zu werden

Wir präsentieren hier ein Szenario, das uns selber Angst macht, aber dessen Verwirklichung angesichts der gegenwärtigen Entwicklung immer wahrscheinlicher wird. Die Möglichkeit dazu bestand schon seit langem, aber dieses Szenario war nicht das wahrscheinlichste. Bisher war zu hoffen, dass es Europa gelingen könne, sich vom amerikanischen Einfluss zu befreien und dazu beizutragen, dass eine neue multipolare Welt entsteht, in der Europa eine nützliche Rolle einnehmen würde. Die Ukrainekrise hat die EU so aus der Bahn geworfen, dass nunmehr das Risiko, dass Europa sich alle zukunftsfähigen Wege des Friedens, der Souveränität und der Demokratie verbaut, sich so erhöht hat, dass wir nunmehr befürchten, dass dieses furchterregende Szenario sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 85% erfüllt. Deshalb halten wir es für notwendig, es im Detail vorzustellen.

In der ersten Ausgabe des GEAB vom Januar 2006 beschrieb Franck Biancheri (der die Redaktion des GEAB bis zu seinem Tod im Oktober 2012 koordinierte) die Abfolge der Krise in den folgenden Etappen:

1. Vertrauenskrise in den Dollar

2. Amerikanische Defizite außer Kontrolle

3. Ölkrise

4. Niedergang des US- Einflusses in der Welt

5. Krise in der arabisch- islamischen Welt

6. Krise der globalen Governance

7. Krise der europäischen Governance

Wir befinden uns jetzt also genau in der letzten Etappe der Krisenabfolge, die Franck Biancheri schon im Januar 2006 antizipiert hatte. Und seit nunmehr mehreren Monaten präsentiert der GEAB seine Analysen zur politischen Krise, die nunmehr Europe in ihrem Griff hat, und beschreibt den Zusammenbruch des institutionellen europäischen Systems, das von Maastricht und den europäischen Folgeverträgen geschaffen worden war. Immer wieder weisen wir darauf hin, dass es eine Möglichkeit gibt, diese Krise zu meistern, wenn endlich die EU für Euroland Platz macht.

Wer sich fragt, warum die Krisenabfolge mit der aktuellen Etappe der politischen Krise in Europa zu Ende ging, dem gibt die heutige Lage die entsprechende Antwort:

Während die vorhergehenden Etappen zwingend aufeinander aufbauten, öffnen sich bei dieser letzten Etappe, abhängig von ihrem konkreten Verlauf, ein ganzer Strauß von möglichen weiteren Entwicklungen. Wird die EU untergehen und Euroland mit in den

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Abgrund reißen oder wird es Euroland gelingen, sich als die neue Kraft in Europa zu erweisen?

EUROPA STAND AM SCHEIDEWEG UND HAT DEN FALSCHEN GENOMMEN

Schon seit mehreren Monaten weisen wir weiterhin darauf hin, dass Europa am Scheideweg steht. Im Übrigen setzt sich LEAP/E2020 schon seit vielen Jahren für eine Annäherung Eurolands an die BRICS als Grundlage für eine friedliche Zusammenarbeit zwischen den entstehenden, global bedeutsamen Polen ein. Aber heute hat Europa den Weg seiner Bestimmung verlassen, seine Verantwortung vergessen und seine Werte verraten - nicht zu reden von seinem einstigen Streben nach Unabhängigkeit und seinen Friedensverheißungen.

Wir haben in der vorhergehenden Ausgabe ausführlich die schrecklichen Folgen für die Unabhängigkeit Europas beschrieben, sollte sich an seiner Ostgrenze ein neuer Eiserner Vorhang herabsenken. Einen Monat später schwingen die politische Klasse in Europa, die europäischen Institutionen und die Medien immer noch mit gleicher Wucht die rhetorischen Keulen des Kalten Kriegs.

Wir fassen für unsere nun zahlreichen neuen Leser unsere Analyse der letzten Ausgabe kurz zusammen 52 : Im Rahmen der Verhandlungen über den Abschluss eines europäisch- ukrainischen Freihandelsabkommens hat der Westen, allen voran die USA, die Ukraine gezwungen, sich zwischen Russland und dem Westen zu entscheiden und den konstruktiven russischen Vorschlag eines Übereinkommens unter Beteiligung Russlands und Berücksichtigung seiner Interessen brüsk zurückgewiesen. An dieser Wahl ist die Ukraine zerbrochen, hat ihrer Unabhängigkeit und ihren Status als Pufferstaat, über den russische und europäische Interessen zum Ausgleich hätten gebracht werden können, eingebüßt. Entsprechend spannungsgeladen ist nun das Verhältnis zwischen der EU und Russland und wird noch verschärft durch die arroganten und kriegstreiberischen Positionen der USA, die sich ständig einmischen, eine europäische Außenpolitik damit unmöglich machen und die EU in die Arme der USA und der Nato treiben.

Plötzlich gestalten sich bilaterale Beziehungen nach den überwunden geglaubten Schemata des Kalten Krieges und den alten Reflexen einer Nato, die mit dem Fall der Sowjetunion doch eigentlich überflüssig geworden war. Und die Unterzeichnung der TTIP, die vor Ausbruch der Ukrainekrise doch eigentlich illusorisch war, rückt mit einmal unter dem Vorwand der notwendigen Stärkung der US- europäischen Beziehungen (einschließlich Frackinggaslieferungen nach Europa) wieder in den Bereich des Möglichen. Die Welt war auf dem Weg, multipolar zu werden und ist nun dabei, sich wieder in zwei große Blöcke zu teilen 53 . Mit Aufdeckung des NSA- Skandals hatte Europa seine Absetzbewegung von den USA verstärkt, flüchtet aber nun wieder in die Arme Amerikas. Solange der Westen die Bedingungen der Globalisierung bestimmte, verbreitete er ihre Prinzipien missionarisch über die ganze Welt; heute, wo seine Dominanz gefährdet ist, rettet er sich hinter einen neuen Eisernen Vorhang; und alle europäischen Regierungen machen dabei mit.

52 Quelle : Pressemitteilung 83. Ausgabe des GEAB , LEAP/E2020, 15/03/2014.

53 Hierzu empfehlen wir die Lektüre des Artikels « Ukrainekrise : Ein verheerender Schlag gegen die Annäherung Euro-BRICS und die Herausbildung einer multipolaren Welt“, veröffentlicht vom Netzwerk Euro-BRICS von LEAP. Quelle : LEAP/Euro-BRICS, 04/04/2014

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DIE « DE-AMERIKANISIERUNG » EUROPAS HAT NICHT STATTGEFUNDEN

Denn im Gegensatz zu dem, was uns die Medien als die große Frage der Ukrainekrise präsentieren, ob Putin zu Recht oder Unrecht die Krim Russland zugeschlagen habe, liegt der Knackpunkt wo ganz anders: Wie können die Europäer akzeptieren, dass die Amerikaner sich dermaßen in ihre Außenpolitik einmischen 54 ?

Es war frappierend, wie ohrenbetäubend leise die Regierungen der Mitliedstaaten das Schlagen der Kriegstrommeln durch die Brüsseler Institutionen und unsere Medien kommentiert haben. Heute hat sich die Situation noch verschlimmert. Unsere Regierungen begnügten sich nicht mehr damit, Brüssel das Heft des Handelns zu überlassen, sie beteiligen sich an der Konflikteskalation mit Russland. Frankreich fordert die Annullierung des EU- Russland- Gipfels 55 , die baltischen Staaten fordern die Stationierung von Nato- Truppen auf ihrem Gebiet 56 , Polen schränkt seine Gasimporte aus Russland ein 57 , Finnland und Schweden gerieren sich, als stünde eine russische Invasion unmittelbar bevor 58 … Die Desinformationsmaschine läuft auf Hochtouren, heute unter aktiver Beteiligung vieler nationaler Regierungen, und wenn eine sich nicht beteiligt, so verharrt sie zumindest weiterhin still.

Da kommt uns der chinesische Aufruf zur « De-Amerikanisierung der Welt » in Erinnerung. In einigen Ländern wurde er zumindest teilweise beherzigt: Das diplomatische Zerwürfnis zwischen Indien und den USA 59 oder der CELAC- Gipfel in Latein- Amerika 60 zeigen, dass der US- Einfluss in strategisch wichtigen Regionen der Welt massiv kompromittiert ist. Der Skandal der NSA- Abhörmaßnahmen hätte Anlass sein sollen, den amerikanischen Einfluss in den europäischen Staatsapparaten zurückzudrängen; bis zur Ukrainekrise war dies bis zu einem gewissen Umfang ja auch der Fall 61 .

POLEN UND ITALIEN : BEISPIELE WIEDERERSTARKEN DES US- EINFLUSSES

FÜR

EIN

In anderen europäischen Ländern hingegen wuchs der amerikanische Einfluss.

54 Die USA haben alle europäischen Reaktionen auf die Ukrainekrise antizipiert und geleitet : Sie waren die ersten, die sich über die Entscheidung Janukowitschs für ein Freihandelsabkommen mit Russland echauffiert haben, haben die EU dazu gedrängt, Sanktionen zu verhängen(Financial Times, 30/03/2014),haben sich unflätig über eine EU ausgelassen, die nicht sofort über die Stöckchen springt, die die Amerikaner ihr hinhalten(The Guardian, 07/02/2014), legten den Termin für die Unterzeichnung des EU- Ukraine- Abkommens fest (EU Business, 13/03/2014), stationieren anstelle der Nato ihre Truppen an den Ostgrenzen der EU (ABC, 09/04/2014) usw. Die USA schüren die Kriegsgefahr in Europa und keine einzige europäische Regierung sagt oder macht etwas dagegen.

55 Quelle : Deutsche Welle, 20/03/2014

56 Quelle : Financial Times, 09/04/2014

57 Quelle : The Economist, 04/04/2014

58 Erst eine amerikanische Zeitung schafft es, sie wieder zur Vernunft zu bringen. Quelle: Washington Post,

09/04/2014

59 Quelle : Reuters, 13/03/2014

60 Quelle : MercoPress, 28/01/2014

61 Quelle : Deutsche Welle, 20/03/2014

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Polen ist insoweit ein perfektes Beispiel. Nachdem die sehr transatlantischen Kaczyniski- Brüder 2007 mit der Wahl von Donald Tusk zum Premierminister von der Macht in Polen verdrängt waren, schien Polen die Ära der unmittelbaren Nachostblockzeit hinter sich lassen zu wollen. Der neue polnische Regierungschef verfolgte eine eindeutig pro- europäische Linie, wollte keine amerikanischen Raketen und setzte sich für verbesserte russisch- polnische Beziehungen ein. Das ganze dauerte bis Juli 2008. Damals verweigerte er den Amerikanern zum letzten Mal die Genehmigung, ihr Raketenabwehrsystem auf polnischem Boden aufzustellen, an dem die Amerikaner so hartnäckig interessiert waren. Im folgenden August schon gab er dem Drängen der Amerikaner nach und erklärte, dass „dank des Raketenabwehrsystems sich die Sicherheit für Amerika und Polen erhöhen werde.“ Welche Argumente hatten seinen Meinungsumschwung bewirkt? Davon ist nichts bekannt. Auf jeden Fall trägt heut das Polen von Donald Tusk ganz besonders zur Verschärfung der russisch-europäischen Spannungen bei 62 .

Und noch ein Beispiel aus neuester Zeit: Mit dem Staatsstreich von Matteo Renzi in Italien, das für die Amerikaner ein wichtiger Flugzeugträger im Mittelmeer ist, können die USA wieder sicher sein, dass sich die amerikanisch- italienische Zusammenarbeit reibungslos gestalten wird. Renzi ist so links wie Clinton, Blair, Schröder, Obama, Strauss-Kahn usw., also links mit Aszendent neo- liberal angelsächsischer Schule, was diesen „Staatsmännern“ schon immer ermöglicht hat, einen Sozialabbau zu betreiben, den die Rechten nie ohne Aufstände durchbekommen hätte. Die London School of Economics beschreibt Renzi als „Freund Amerikas und überzeugten Europäer“, was heute eine Kombination von Begriffen ist, die einen schaudern lassen 63 .

MERKWÜRDIGE NEUAUSRICHTUNG DER FRANZÖSISCHEN REGIERUNG

Ein weiterer Anlass zu Sorge ist die Kehrtwende, die Francois Hollande in seiner Politik vollzogen hat 64 . Die Schwere der Niederlage für die regierende Sozialistische Partei (PS) wurde von den Medien deutlich überzeichnet dargestellt; aber dies geschah offensichtlich mit Zustimmung der Regierung, denn niemand aus dem linken Lager hat sich auch nur die Mühe gemacht zu versuchen darzulegen, dass in einer schweren Krise und angesichts der niedrigen Popularitätswerte des Präsidenten die Abstrafung durch die Wähler sich in der Amplitude der üblichen politischen Konjunkturwellen vollzog. So wurde aus der möglichen Regierungsneubildung eine unabweisbare Notwendigkeit. Man muss sich also fragen, wem diese Regierungsneubildung nutzt und sich anschauen, wer die neuen Kabinettsmitglieder und insbesondere der Premierminister sind.

62 Wer sich selbst ein Bild machen mächte, sollte « Tusk + Ukraine » in Google eingeben.

63 Quelle : LSE, 29/11/2013

64 Wir zweifeln in keinem Fall die Ehrlichkeit und die Unabhängigkeit der von Hollande in seinen ersten beiden Präsidentschaftsjahren geführten Politik an. In Wirtschaftsfragen war Frankreich sehr wohl ein echtes und ausgewogenes Gegenmodell zu den Austeritäts – bzw. Verschuldungspolitiken anderer Regierungen (vgl. hierzu den Artikel The Plot against France » von Paul Krugman vom 10/11/2013 in der New York Times), das sich auf eine gerechtere Steuerpolitik der höheren Belastung der großen Einkommen stützte. In der Außenpolitik, also insbesondere in Afrika, die die regionalen Mächte auf Augenhöhe respektierte, keimte die Hoffnung auf, dass endlich Frankreich (und der Westen) Abstand nehme von seiner neokolonialen Politik. Aber gerade dieser neue Ansatz war Anlass für Medien und Umfrageinstitute, ein „Hollande- Bashing“ loszutreten, dem der französische Präsident, politisch angeschlagen, letztendlich im Februar keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen vermochte.

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Wir haben Anlass zu Sorgen, wenn wir uns das sehr pseudolinke Clinton- Schröder- Blair- Obama- Renzi- Profil von Manuel Valls 65 anschauen, der sich bereits für Steuersenkungen 66 und Staatsverschuldung als Mittel der Wirtschaftsförderung ausspricht und von der EZB eine expansive Geldpolitik fordert 67 . Er liegt also ganz auf Linie des IWF und Washington und repräsentiert das Gegenteil der von Deutschland und der EZB vertretenen Überzeugung, dass die Staatsverschuldung zurückgeführt werden muss (wir werden diese Analyse weiter unten noch im Einzelnen ausführen).

Ebenfalls überraschend ist die Kompetenzübertragung für Außenhandel vom Wirtschaftsministerium aufs Außenministerium, womit Handelsfragen – wie z.B. das TTIP – plötzlich nicht mehr eine innenpolitische Angelegenheit sind. Damit ist nicht sicher, dass die Nationalversammlung noch in der Lage sein wird, ihre verfassungsmäßige Kontrolle auszuüben. Erschwerend kommt noch hinzu, dass das Außenministerium in den Händen von Laurent Fabius verbleibt, dessen Amerikaverbundenheit kein Geheimnis ist.

Der dritte Punkt, der uns zu denken gibt, ist die hierarchische Unterordnung der Koordinationsstelle Europapolitik (Secrétariat général des affaires européennes, SGAE) unter das Präsidentschaftsamt 68 . Vorher war sie beim Premierminister angesiedelt und damit der parlamentarischen Kontrolle unterworfen. Nun ist dies nicht mehr der Fall; das Parlament kontrolliert die Regierung, nicht den Präsidenten. Soll damit geplant werden, das TTIP am Parlament vorbei zu ratifizieren? Möglich wäre dies bei dieser neuen Kompetenz- und Verantwortungsverteilung. Zurzeit können wir noch nicht sagen, ob mit dieser Umstrukturierung die französische Politik widerstandsfähiger gegen äußere Beeinflussungen gemacht werden soll, oder ob es sich dabei schon um eine antizipierte Kapitulation vor solchen Bestrebungen handelt.

DEUTSCHLAND VON WIDERSPRÜCHLICHEN INTERESSEN ZERRISSEN

Auf deutscher Seite ist die Lage besonders undurchsichtig, wahrscheinlich aber auch wegen der fehlenden Objektivität der Medien bei der Interpretation der Ereignisse. Der Präsident der Bundesbank Jens Weidmann wurde sich auf einen Schlag der Deflationsrisiken in der Eurozone bewusst und schien am 25. März plötzlich einverstanden mit einer EZB- Politik der quantitativen Lockerung 69 , um dann einige Tage später auf die wichtigen Unterschiede zwischen dem QE der Bank of England, der Bank of Japan und anderer Zentralbanken hinzuweisen 70 , und erklärte schließlich am 10. April, dass die Deflationsrisiken in der Eurozone letztendlich doch sehr gering wären 71 ; dass aber, sollte der Euro zu stark werden, man jedoch über eine Lockerung nicht herum käme 72 . Man kann sich vorstellen, welchem Druck ein – auch noch deutscher – Zentralbanker ausgesetzt sein muss, um einen solchen Schlingerkurs zu fahren. Der deutsche Finanzminister Schäuble leistet Widerstand und setzt sich weiterhin für eine Stärkung der politischen und demokratischen Kontrolle von

65 Z.B. : « Manuel Valls: ein kluger Taktiker nach dem Modell Blair », The Guardian, 01/04/2014

66 Z.B. Manul Valls verspricht weiter Steuersenkungen mit einem Volumen von 11 Milliarden Euro. Quelle:

Financial Times, 08/04/2014

67 Quelle : MNI, Deutsche Börse Group, 08/04/2014

68 Quelle : Libération, 08/04/2014

69 Quelle : Reuters, 25/03/2014

70 Quelle : La Tribune, 26/03/2014

71 Quelle : Bloomberg, 11/04/2014

72 Quelle : ForexMinute, 14/04/2014

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Euroland ein, für das er die Errichtung eines eigenständigen Parlaments vorschlägt 73 . Merkel, die zuerst versuchte, die Sanktionen gegen Russland zu verhindern, ist nun fast vollständig von der europäischen und internationalen Bühne verschwunden. Ihr Außenminister Steinmeier hingegen überraschte in einer Rede vor einem Publikum aus Wirtschaftsführern mit der Aussage, man könne nun nicht mehr mit Russland Handel betreiben wie vorher, davor wären die Ereignisse zu schwerwiegend 74 . Wie lange kann Deutschland sich noch so widersprüchliche Aussagen leisten?

ZUKUNFTSANGST UND ZUSAMMENRÜCKEN DES WESTLICHEN LAGERS

Heute müssen wir versuchen zu verstehen, wie es möglich ist, dass die europäischen Eliten (Beamte, Politiker und Journalisten) mit einem Mal in einer Krise die europäischen Ideen und Werten so vollständig vergessen konnten. Es ist doch wohl nicht möglich, dass die gesamte politisch– journalistische Klasse urplötzlich Verrat am Prozess der europäischen Integration begeht, den sie solange befördert hat. Sie muss also für sich Rechtfertigungsgründe für einen solchen radikalen Strategiewechsel in Anspruch nehmen. Aber was für Gründe könnten das sein?

Mögliche Beweggründe sind zahlreich, aber wir interessieren uns nur für die, die ausreichend gewesen sein können, die Spitze der europäischen Systempyramide zu überzeugen. Wir haben zwei Entwicklungen identifizieren können, die kombiniert die in Europa herrschenden Politiker in Panik versetzt haben könnten.

Auf der amerikanischen Seite gibt es das berühmte Fed- Tapering, von dem wir im Februar schrieben, dass es den Beweis für das Scheitern der vorhergegangen Politik der Überschuldung biete und es damit nur noch eine Frage der Zeit sei, bis der Dollar zusammen breche 75 . Auf europäischer Seite gibt es eine unbeschreibliche Angst vor Deflation 76 , die alle europäischen Bemühungen der letzten Jahre um gutes Wirtschaften zunichte machen würde.

Vor diesem doppelten Hintergrund ist es den Transatlantikern in Brüssel und Washington gelungen, ausreichend Argumente vorzubringen, mit denen sie die unabweisbare Notwendigkeit eines unverbrüchlichen Bündnisses zwischen den USA und Europa nachzuweisen vermochten; ein Bündnis, von dem wir leider feststellen müssen, dass es immer die anderen ausgrenzt, also ein Bündnis gegen den Rest der Welt – was allein hätte ausreichen müssen, um es als Lösungsmöglichkeit zu verwerfen. Wir können uns ziemlich genau vorstellen, wie die Transatlantiker argumentierten: „Europa steht wegen der Austeritätspolitik, die zu Rezession und Deflation führt, kurz vor der wirtschaftlichen Implosion; sollte jetzt auch noch der Dollar zusammenbrechen, kann euch nichts mehr vor dem Untergang retten. Wir sollten uns also zusammen tun, um uns gemeinsam aus dieser Falle zu retten. Wir sollten eine riesige Euro- Dollar- Freihandelszone errichten (wobei die Amerikaner sicherlich darauf spekulieren würden, dass der Euro sich nicht lange als eigenständige Währung behaupten kann und die Eurozone in der Dollarzone aufgehen würde 77 ),

73 Quelle : Financial Times, 27/03/2014

74 Quelle : EUObserver, 10/04/2014

75 Quelle : GEAB N°82, LEAP/E2020, 15/02/2014

76 Wir haben bereits in dieser Ausgabe des GEAB das Thema der Deflationsrisiken ausführlicher behandelt.

77 Es ist auffällig,

Artikel „ Den Euro töten, um Europa zu retten“, erschienen im Vif-L’Express vom 01/04/2014, zeigt sehr

schön diese erstarkende Tendenz. Wobei ein Ende des Euros nicht eine Rückkehr zu den alten nationalen

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wie in letzter Zeit wieder verstärkt einem Ende des Euro das Wort geredet wird. Dieser

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innerhalb der wir weiterhin die gigantischen Massen an Geld im Kreislauf halten könnten. Wir sollten den Westen von Energieimporten unabhängig machen (indem wir überall, auch in Europa, das Fracking erlauben). Wir sollten uns in einem politischen und wirtschaftlichen Block von den anderen Ländern abschirmen. Damit könnten wir vermeiden, in das Entstehen einer neuen, multipolaren und damit komplexeren Weltordnung hineingezogen zu werden, die wir nicht mehr in altgewohnter Weise kontrollieren könnten (was für die USA sicherlich stimmt, nicht aber für Europa) und die unseren Führungsanspruch in Zweifel ziehen würde. Weiterhin gäbe uns dies die Möglichkeit, uns von unseren Schulden zu befreien.“

Denn der Konflikt zwischen dem Westen und den Schwellenländern ist auch der zwischen Schuldner und Gläubiger, wie jeder weiß. Und wer seinen Hund ersäufen möchte, beschuldigt ihn der Tollwut, und wer seine Schulden beim Nachbarn nicht mehr bezahlen möchte, behandelt ihn als Feind.

VON DER VERWESTLICHUNG DER INTERNATIONALEN ORGANISATIONEN ODER VON IHRER EXPLOSION

Eine solche Entwicklung ist natürlich nur möglich, wenn man in die Konfliktschemata des Kalten Krieges zurückfällt. Das ist eine sehr gute Nachricht für die Nato, die seit Ende des Kalten Krieges vergeblich auf der Suche nach einer neuen Aufgabe und Rolle war. Es ist schon interessant, dass die Nato und die EU, die beide aus 28 Ländern bestehen, überwiegend die selben, die beide Organisationen ihren Sitz in Brüssel haben, die beide sich mit angeblichen Volksvertretungen ausgestattet haben 78 , von denen sich niemand vertreten fühlt, nun offensichtlich ihre Aktionspläne aufeinander abgestimmt haben. Der bekannte französische Schriftsteller Francois Ruffin hat ein Buch geschrieben, in dessen Titel er die Frage stellt, ob man Brüssel in die Luft jagen müsse 79 . Im Fazit verneint er diese Frage. Aber da hat er sich geirrt. Europas Problem ist wirklich dieses Getto der undemokratischen, technokratischen, monolingualen, autozentrierten und abgeschotteten Institutionen, die ohne Kontakt zur europäischen Realität sind, und die es geschafft haben, den Mitgliedstaaten weiß zu machen, dass ohne sie Europa am Ende wäre. Dieses Ghetto muss mit der Demokratisierung gesprengt werden, damit Europa wieder in Kontakt mit den Menschen kommt. LEAP/E2020 hat schon in einer Reihe von Seminaren von 2002 bis 2006 das Projekt der Euro- Ringe 80 vorgestellt, mit dem die europäischen Institutionen auf die großen europäischen Städte verteilt werden sollen. Das würde Europa näher an die Menschen bringen und ihnen die Möglichkeit geben, Europa zu ihrer Lebenswirklichkeit zu machen.

Auch für das amerikanische Militär kommt die Ukrainekrise sehr gelegen, denn damit besteht die Hoffnung, dass die Kürzungen im Militärhaushalt wieder zurückgenommen werden. Bisher gibt es noch keine Hinweise, dass diese Hoffnungen des Pentagon sich

Währungen bedeuten würde, die so schnell nicht wieder einsatzfähig wären, sondern eine zumindest vorübergehende Verwendung des Dollars als europäisches Zahlungsmittel. Die Souveränisten aller Länder, die für ein Ende des Euros eintreten, sollten wenigsten die intellektuelle Ehrlichkeit besitzen, die Folgen bis zu Ende zu denken. Aber man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass heute in Europa das Eintreten für souveräne Mitgliedstaaten und die de facto amerikanische Gestaltung europäischer Politik sehr gut unter einen Hut passen.

78 Wer weiß das schon, wir bisher auch nicht, aber die Nato hat tatsächlich so etwas wie ein demokratisches Feigenblatt, die Nato Parliamentary Assembly! Quelle : Wikipédia

79 Quelle : Faut-il faire sauter Bruxelles ?, Amazon

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erfüllen könnten. Wir fanden jedoch Hinweise darauf, dass die Amerikaner erwägen, ihre Beiträge zu den internationalen Organisationen wie die VN wieder anzuheben 81 . Als wir uns damit eingehender beschäftigt haben, konnten wir feststellen, dass interessante Debatten hinter den Kulissen stattfinden, die man überspitzt so zusammenfassen könnte: Anhand der Ukrainekrise hat man gesehen, dass die USA die von ihr gewollte Politik mangels finanzieller Mittel nicht mehr durchsetzen können. Natürlich wollen sie Russland hindern, sich die Ukraine wieder in ihr Einflussgebiet einzuverleiben; ob die Ukraine Pleite geht, ist ihnen jedoch egal. Dafür soll jemand anderes die Taschen aufmachen. Europa? Oder der IWF ? Jedenfalls nicht die USA, die gerade einmal 1 Milliarde von den 35 angeboten haben, die notwendig sind, damit die Ukraine ihre laufenden Verpflichtungen (an Russland!) erfüllen kann 82 . Auch das Militär ist wegen der Mittelkürzungen nicht mehr so umfassend einsetzbar wie früher.

Es könnte daher für die USA die billigere Strategie sein, die Kontrolle über gewisse internationale Organisationen erneut zu übernehmen, wie den IWF, um die Ukraine zu finanzieren, oder die VN, um über den Einsatz von Friedenstruppen zu entscheiden. Dafür sind die USA bereit, ihre Beiträge, die über die letzten Jahre sowohl absolut (wegen Finanzproblemen) wie auch relativ (wegen des Beitritts weiterer Mitglieder) gesunken waren, wieder aufzustocken. Doch auch das geht nicht reibungslos. Ein erstes Problem stellt sich schon einmal mit dem US- Kongress, der sich dagegen wehrt 83 . Ein zweites Problem liegt darin, dass diese Organisationen nur effizient Politik machen können, wenn man ihnen Macht abtritt. Aber Länder wie Russland und China werden nicht zulassen, diese Organisationen mit Macht auszustatten, von der sie sich ausrechnen können, dass sie sich gegen sie selbst wenden soll. Zu glauben, man könne heute internationale Organisationen, nur weil sie auf Initiative des Westens gegründet wurden, der über Jahrzehnte in ihnen die Vorherrschaft bewahren konnte, noch ausschließlich für westliche Interessen einsetzen, ist von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Denn die nicht-westlichen Mitglieder würden sich absetzen und die Organisation verlöre ihren Anspruch auf globale Geltung und weltweiten Einfluss.

DIE MITGLIEDSCHAFT IN DER WESTLICHEN STAATENGEMEINSCHAFT WIRD ZUR IDEOLOGIE

Es ist die grundlegende Erkenntnis der Politischen Antizipation, dass Systeme, die nicht vermögen, sich an grundlegende historische Tendenzen anzupassen, diesen nur eine gewisse Zeit zu widerstehen vermögen, egal wie intensiv ihr Widerstand mit Geld, Waffen und Blut auch sein mag; letztendlich setzen sich die Tendenzen durch und lassen die Systeme als Ruinen zurück.

Als der Kommunismus Ende der achtziger Jahre zusammenbrach, war dies der Zusammenbruch einer Ideologie, was den betroffenen Ländern ermöglichte, wieder Anschluss an die Entwicklung der realen Welt zu finden. Der Zusammenbruch der amerikanischen Welt in den zehner Jahren des 21. Jahrhunderts ist genau das Gegenteil davon: Die amerikanische Welt war lediglich ein Herrschaftssystem, das die Gegebenheiten und die Dynamik seiner Zeit (zunehmende Handelsströme und Wirtschaftswachstum in einer bipolaren Welt) zu seinen Gunsten zu nutzen

80 Quelle : Europe2020, 15/04/2002

81 Quelle : CNSNews, 02/04/2014

82 Quelle : Bloomberg, 06/04/2014

83 Quelle : Xinhuanet, 15/01/2014

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vermochte 84 . Aber es war auch abhängig von der Existenz des antagonistischen Blocks, zu dem es als besseres Gegenmodell diente. Mit dem Verschwinden des Ostblocks ließ sich der natürliche Herrschaftsanspruch der USA im Westen nicht mehr aufrechterhalten. Seit 20 Jahren schlingert das System in einer Abfolge von größeren und kleineren Krisen. Die 2008 einsetzende umfassende weltweite Krise war die Folge der zu großen Abweichung zwischen dem US- System und den neuen Realitäten der sich verändernden Welt, deren neue Tendenzen sich immer mehr durchsetzten, bis der Abstand so groß wurde, dass alle politischen Bemühungen ihn nicht mehr zu überbrücken vermochten. Europa hingegen konnte sich ohne besondere Schwierigkeiten den neuen Gegebenheiten anpassen ; es hätte, wenn dies von den USA gewollt gewesen wäre, ihnen helfen können, sich in der neuen Welt einen Platz zu schaffen. Aber die Amerikaner sahen nur, was sie verloren und versuchten, das Unvermeidbare hinauszuschieben, statt sich mit weniger zufrieden zu geben. Aber die gegenwärtige Entwicklung entfernt uns von diesem Szenario. Stattdessen wird mit aller Macht versucht, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und wieder eine Epoche der Blockbildung und Konfrontation einzuläuten. Nur dass diesmal der Westen sich auf der falschen Seite des Eisernen Vorhangs wiederfindet und Schwierigkeiten hat, eine Rechtfertigung dafür zu finden, warum er sich nun in einem eigenen Block vom Rest der Welt abschotten muss.

VON DER DEMOKRATIE ZUM DEMOKRATISMUS

Mit « Demokratie » wird alles begründet und alles gerechtfertigt, aber was die politischen und Machteliten darunter verstehen ist etwas vollkommen anderes als das, was die Menschen damit verbinden. Für die Eliten ist das Volk nicht der Souverän, sondern die Störenfriede.

- Die Menschen in Europa haben schon seit beträchtlicher Zeit sehr wohl verstanden, dass mit dem Vertrag von Maastricht die hoheitlichen Zuständigkeiten vermehrt nach Brüssel übertragen wurden, ohne dass dieser Machttransfer von demokratischen Maßnahmen flankiert gewesen wäre. Sie haben sehr wohl verstanden, dass die Eliten, wenn sie von Demokratie reden, in keiner Weise die Volksherrschaft meinen.

– Mit der Krise seit 2008 hat sich das Ohnmachts- und Frustrationsgefühl der Menschen in Europa noch verstärkt, da sie den Sparmaßnahmen der Büro- und Technokraten ohne Gegenwehrmöglichkeiten ausgeliefert sind, da sie in Brüssel über keine Volksvertreter verfügen, die sich ihnen und ihren Interessen gegenüber tatsächlich verpflichtet fühlen.

Mit der Ukrainekrise hat die Frustration nun die Toleranzgrenze erreicht:

– Da werden Kriegstrommeln gerührt und Truppen an die europäischen Ostgrenzen verlegt, begründet mit geostrategischen Überlegungen, die ein einfacher und friedliebender Bürger nicht als Leitlinien für das Handeln seiner Regierungen akzeptieren kann;

– jeder informierte Bürger in Europa konnte seit Beginn der Ukrainekrise unschwer erkennen, wie maßgeblich die USA die europäische Außenpolitik für ihre Interessen einspannen und fragt sich, ob Europa sich nicht zu einer

84 Im Gegensatz zu dem, was viele behaupten, ist der Kapitalismus keine Ideologie, sondern eine durch alle Zeiten hindurch geltende Wirklichkeit, die in der Lage ist, gutes (wenn der geschaffene Reichtum im Interesse aller und des Gemeinwohls eingesetzt wird) wie auch böses zu schaffen (wenn der Reichtum überwiegend von einer kleinen Minderheit gekapert wird).

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amerikanischen Kolonie entwickelt und wem gegenüber seine Politiker eigentlich loyal sind;

– die EZB ist dabei, eine Politik der quantitativen Lockerung à l’américaine einzuläuten, die die Europäer doch sechs Jahre lang als fehlgeleitet kritisiert hatten und von deren Wirkungslosigkeit man sich heute gut ein Bild machen kann; da sollte es niemanden verwundern, wenn die Bürger misstrauisch werden;

– die Tricks und Manipulationen, die eingesetzt werden, um die Unterzeichnung des berühmt-berüchtigten TTIP zu beschleunigen (wir werden darauf noch im Einzelnen zurückkommen), obwohl die große Mehrheit der Betroffenen (Verbraucher, Menschenrechtler, Unternehmer usw.) sich wohl begründet dagegen ausspricht, können die Menschen nur als Verrat des Systems an den offensichtlichsten europäischen Interessen und dem Gemeinwohl ansehen.

DIE UNTERZEICHNUNG DER TTIP IST IN KEINER WEISE IM INTERESSE DER MENSCHEN IN EUROPA

Die Europäische Kommission behauptet, die TTIP würde ein Wirtschaftswachstum von 120 Milliarden generieren. Da muss man sich doch fragen, inwiefern ein Zugang zu einem Markt von 250 überwiegend überschuldeten Amerikanern mit rückläufigem Konsumverhalten für Europa ein gutes Geschäft sein soll, wenn im Gegenzug dafür der Zugang zu den um ein vielfach größeren Märkten der Schwellenländer erschwert wird. Denn da liegt doch ein ganz wichtiges Problem: Die TTIP beschneidet uns schon jetzt den freien Zugang zum russischen Markt; die Märkte der BRICS 85 werden folgen, da diese Staatengruppe angesichts der westlichen Aggressionsanfällen und Drohgebärden logischerweise noch enger den Schulterschluss suchen wird 86 .

Im Übrigen sind die Handelsströme zwischen den USA und Europa schon seit langem nur noch mit sehr geringen Zöllen belegt (selten mehr als 3%). Ziel der TTIP ist damit nicht die Abschaffung von Zöllen, sondern von gesetzlichen Schutzstandards, die Europa sich gegeben hat, um sich insbesondere vor giftigen und gesundheitsgefährdenden Produkten zu schützen. In Jahrzehnten haben sich die Europäer insbesondere einen Lebensmittelmarkt geschaffen, der strenge Vorschriften für Hygiene und Gesundheit erlassen hat und nach Möglichkeit den Einsatz von GMO, Hormonen, Chemikalien und Antibiotika einzudämmen versucht. Wir wenden diese Vorschriften auf die in Europa produzierten Güter an und wollen selbstverständlich auch nur vergleichbare importieren und konsumieren. Dank dieser Gesetzgebung ist die Ernährung der Europäer die strengst kontrollierte und die wohl gesündeste weltweit. Die europäischen Normen gelten inzwischen weltweit als Maßstab und tragen zur Verbesserung der internationalen Standards bei. Europäische Lebensmittel genießen einen hervorragenden Ruf und können daher ohne Schwierigkeiten exportiert werden. Damit ist das Ziel des TTIP recht einfach: Die europäischen Standards sollen auf das Niveau der amerikanischen gesenkt werden. Damit könnten die amerikanischen Produkte auch in Europa verkauft werden, wo sie preislich – da von geringerer Qualität – die heimischen Produkte verdrängen könnten, bis auch die

85 Quelle : Deutsche Welle, 06/04/2014

86 Es ist wichtig, dass wir uns die Mühe machen, einmal die Perspektive der BRICS auf die europäische Außenpolitik einzunehmen. Aus dieser Sicht ist offensichtlich, dass man dem Westen nicht mehr vertrauen kann, dass die USA ultragefährlich sind und dass es damit äußerst dringend ist, sich von jeglichen Resten amerikanischen Einflusses zu emanzipieren. 24

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europäischen Produzenten sich den amerikanischen Standards anpassen, wodurch sie aber wieder ihre Exportchancen ruinieren würden. Da lässt sich verstehen, warum die gerade die deutschen Mittelständler sich von Anfang an gegen die TTIP positioniert haben.

Ein

Settlement, mit dem Unternehmen Staaten vor ein privates Schiedsgericht ziehen können, wenn sie vorbringen, staatliche Maßnahmen hätten den Wert ihrer Investitionen oder ihre Erwerbschancen gemindert 87 . Die Europäer wollten dieses Verfahren von dem Vertrag ausnehmen. Aber das haben die Amerikaner nicht zugelassen. Die europäischen Verhandlungsführer haben nachgegeben und versuchen nun, die Zivilgesellschaft in einem sehr transparenten Beteiligungs- und Erklärungsverfahren zu „überzeugen“, dass das ISDS eine ganz wunderbare Einrichtung wäre 88 .

Knackpunkt

des

TTIP

ist

das

sogenannte

Viele weitere Gründe mobilisieren Bürgerinitiativen, Verbraucher und Unternehmer gegen die TTIP 89 . Aber wir glauben, dass das stärkste Argument gegen den Vertrag, das ihn auch scheitern lässt, darin besteht, dass er vor allen Dingen ein Türöffner, ein Rammbock gar, für amerikanische Produkte auf dem europäischen Markt ist. Dass Obama mittels des « fast-track » - Verfahrens versucht, den TTIP am Kongress vorbei zu verabschieden, zeigt, wie wichtig dieses Vorhaben für die Amerikaner ist. Eines muss allen klar sein: Das TTIP ist ein amerikanisches Projekt und im Interesse der Amerikaner. Man braucht kein Insider der amerikanischen Lobbyarbeit zu sein, um zu wissen, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht, beschränken uns aber darauf, hier nur den Biotech- Riesen Monsanto zu erwähnen 90 .

MASSIVE SPANNUNGEN ZWISCHEN DEN MENSCHEN IN EUROPA UND DEN EU-INSTITUTIONEN SIND UNVERMEIDLICH

Das wachsende Gefühl der Menschen in Europa, dass die Eliten die europäischen und Gemeinwohlinteressen zu Gunsten ausländischer Mächte und multi-nationaler Konzerne verraten, schürt ihren Zorn. In Athen explodierte eine Bombe vor dem Gebäude, in dem die Troika untergebracht ist 91 ; in Brüssel gingen Tausende gegen die Austeritätspolitik und die TTIP auf die Straße, mit Bannern, die nicht eindeutiger sein können: „Europa: In den Fängen von Wölfen, regiert von Hunden“; Demonstrationen werden zahlreicher und viele werden brutal auseinander getrieben; in Spanien wurde schon das Demonstrationsrecht eingeschränkt 92 . All das zeigt die Frustration der Menschen in Europa, die nicht mehr wissen, wem sie überhaupt noch vertrauen können. Und genau da liegt das Problem: Was die Medien als anti- europäische Strömungen interpretieren und verunglimpfen, ist in Wirklichkeit das wachsende Bewusstsein bei den einfachen Bürgerinnen und Bürger, dass von den nationalen

87 Quelle : Euractiv, 22/01/2014

88 Quelle : Europäische Kommission , 27/03/2014

89 Auch das pazifische Gegenstück zur TTIP, das US- asiatische Freihandelsabkommen TTP (Trans- Pacific Trade Partnership) stößt bei den Betroffenen in Asien auf wenig Gegenliebe … Quelle : The Japan Times,

10/04/201

90 Wie sehr Monsanto an der TTIP interessiert ist, hat sich gezeigt, als es auf Washingtoner Bitten seine intensive Lobbyarbeit in Brüssel reduzierte, da Washington fürchtete, dies könne die Verhandlungen

behindern. Quelle : CBCNews, 03/06/2013

91 Quelle : Reuters, 10/04/2014

92 Quelle : The Guardian, 21/11/2013

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Regierung nichts zu erwarten ist, dass das Problem die EU ist und nicht die nationale Politik, die kaum Einfluss auf die europäischen Institutionen zu nehmen vermag. Aber wie sagte schon Henry Kissinger? : « Wenn ich mit Europa sprechen möchte, welche Nummer muss ich da wählen? » 93 !

An der Seite der Amerikaner erfüllen sich viele Politiker der EU und der Mitgliedstaaten nun den Traum von Macht. Dank Washington hat europäische Politik nun ein Ziel und die Macht, sie umzusetzen: Die Macht, eine große Freihandelszone zu errichten, die Macht, sich Feinde machen zu dürfen, die Macht, Truppen aufmarschieren zu lassen. Man fürchtete, die Extreme Rechte würde das europäische Machtvakuum füllen. Aber nein, zumindest in einer ersten Zeit 94 hat sich ein Kollaborationsregime installiert, bei dem europäische Politiker dem übermächtigen Amerika eifrigst zu Diensten sind. Vielleicht ermöglicht uns diese Erfahrung, besser zu verstehen, was die europäischen Eliten zur Kollaboration mit Nazi- Deutschland trieb:

Wenn die herrschenden Klassen den Kontakt zu ihrer Bevölkerung verloren haben, können sie sich nur dank Kollaboration wieder in eine gewisse Machtposition erheben – offensichtlich eine Versuchung, der kein mittelmäßiger Politiker zu widerstehen vermag 95 .

Die nationalen Regierungen in Partnerschaft mit den Brüsseler Eurokraten bauen also heute Männchen vor den Amerikanern. Und jetzt wollen wir uns einmal anschauen, wie diese schöne Sippschaft es sich gedacht hat, ihr schönes Kollaborationsprojekt TTIP den Europäern (und den Amerikanern) unterzujubeln.

WIE MAN DEN EUROPÄERN EINE GROSSE TRANSATLANTISCHE FREIHANDELSZONE UNTERJUBELT

Mit der TTIP ist der Bruch zwischen der EU und den Menschen in Europa quasi vollzogen. Schon mit der im Lissaboner Vertrag festgeschriebenen Handelspolitik und den Verhandlungsvorgaben für die TTIP selbst konnten sich die Europäer nur noch wenig Illusionen machten, die Politiker und Beamte in Brüssel würden ihre Interessen verteidigen 96 . Im Übrigen hat das Europäische Parlament auf die Frage, ob vor dem Beginn der Verhandlungen eine Studie über die Auswirkungen des Abkommens in Auftrag gegeben werden und die Zivilgesellschaft angehört werden solle, lakonisch und ohne Aussprache mit „Nein“ geantwortet 97 .

Auf der einen Seite haben wir nicht gewählte politische Entscheidungsträger, die Europäische Kommission und ihre Horde von Verhandlungsführern, die für das Aushandeln von Handelsabkommen weitgehend freie Hand haben 98 (sogar in

93 Berühmtes Zitat von Henry Kissinger (nicht authentifiziert). Quelle : Wikiquote

94 Angesichts eines solchen Verrats der Eliten werden die Populisten aller politischen Lager die Frustration der Menschen ausnutzen können, um ihre eigenen Interessen voranzutreiben, während die Technokraten, auf der Suche nach Legitimation durch das Volk und im Bewusstsein, dass Chaos Gift für Fortschritte in der weiteren Machtverlagerung nach Brüssel ist, sich mit einiger Verzögerung diesen neuen Kräften in Europa anbiedern werden.

95 Ein weiteres nettes kleines Kissingerzitat : « Power is the ultimate aphrodisiac ». Quelle : Wikiquote

97 Quelle : no-transat.be

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Bereichen, die in die Zuständigkeiten der Staaten fallen 99 ), vor keiner Kontrollinstanz Rechenschaft ablegen müssen (Europäisches Parlament wie auch Ministerrat 100 werden den Vertrag erst nach der Unterzeichnung durch die Kommission zur Ratifizierung zu sehen bekommen 101 ), nicht frei von Interessenkonflikten sind, unter dem Druck von Industrie- und Finanzlobby stehen und auch noch, falls wir daran erinnern müssen, für ihre Verfehlungen im Rahmen ihrer Amtsausübung strafrechtlich lebenslang nicht belangt werden können 102 .

Auf der anderen Seite haben wir pseudo- demokratische Institutionen, die in Wirklichkeit zu keinem Zeitpunkt in der Lage sind, den Entscheidungsprozess zu kontrollieren ; die von der Kommission geführten Verhandlungen sind geheim, der Text wird erst nach Unterschrift veröffentlicht, die Zustimmung des Parlaments dürfte angesichts der herrschenden Mehrheitsverhältnisse gesichert sein 103 , während der Rat das Abkommen nur annehmen oder ablehnen kann, ohne über eigenen Verhandlungsspielraum zu verfügen 104 .

Angesichts der sehr großen Mehrheit, mit der das EP dem Verhandlungsmandat der Kommission zugestimmt hat 105 , und der weitgehenden Unterstützung für die TTIP in den großen Fraktionen können wir davon ausgehen, dass wir es nur der Blockade des Fast track- Verfahrens in den USA (was Obamas Absicht vereitelt, den Kongress zu umgehen 106 ) zu verdanken haben dass das Abkommen noch nicht den Ministerrat für die Ratifizierung erreicht hat.

Wie immer auch die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments sein mag, sie wird angesichts des immer noch übergroßen Gewichts der großen politischen Parteien nicht so sein, dass das neue EP die Zustimmung zur TTIP verweigern wird. Es bleibt damit der Rat, der letztendlich über die Ratifizierung entscheidet, und auch dort tummeln sich noch dieselben, die schon im Juli 2013 der Kommission einstimmig das Verhandlungsmandat erteilt hatten. Renzi 107 ist natürlich ein unbedingter Unterstützer

99 « Der Rat gibt grünes Licht für den Beginn der Verhandlungen mit den USA zum Abschluss eines Freihandelsabkommens.“ Quelle : Conseil de l’UE

100 Nicht einmal die Mitgliedstaaten können wissen, was genau im TTIP stehen wird, bevor der Text nicht von der Kommission unterschrieben wurde. Quelle : Deutsche Wirtschafts Nachrichten, 08/03/2014

101 Quelle : Prawokulturi.pl, 26/03/2014

102 Quelle : Newropeans Magazine, 23/03/2004

103 Artikel 218 (6) Abs. a und v des Lisabon-Vertrags fügt ein weiteres Merkmal ein, nämlich dass das

Parlament seine Zustimmung erteilen muss, wenn ein Abkommen Bereiche betrifft, für die das übliche Gesetzgebungsverfahren Anwendung findet. Da der Handel nun zu diesen Bereichen zählt, bestätigt sich damit wohl die Auffassung, dass das Parlament zukünftig bei allen Handelsverträgen „zustimmen“ muss. Quelle : ICTSD, décembre 2009

104 Quellen : Commission européenne; und TTIP : Une négociation à la Pirandello, EPC, 23/01/2014

105 Abstimmungsergebnis im EP für das TTIP- Verhandlungsmandat für die Europäische Kommission (April 2013) :

.

Ja : 78 % ; Nein : 18 % ; Enthaltungen : 5 %

 

.

Nach Fraktionen :

-

Europäische Volkspartei (Mitte-Rechts) :

Ja

(204/217)

-

Sozialdemokaten :

Ja (125/43)

-

Liberale :

Ja (59/66)

-

Grüne :

Nein (43/47)

 

-

Quelle : Les enjeux du TTIP

106 Quellen : Wikipedia ; What’s the deal with fast-track authority?, UNC, 07/02/2014

107 Quelle : IlSole24Ore, 09/04/2014

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der TTIP und in Frankreich 108 hat der sehr transatlantische Laurent Fabius für sein Außenministerium die Zuständigkeit an Land gezogen 109 . Seine Staatsministerin Fleur Pellerin hat übrigens unmittelbar nach ihrer Ernennung ihre Unterstützung für die TTIP erklärt.

Bei der TTIP sind die Regierung Frankreichs und Deutschlands einmal wieder auf der gleichen Wellenlänge. Daher dürfte es für die für die Ratifizierung erforderliche qualifizierte Mehrheit reichen.

Das ganze europäische System scheut keine Anstrengungen, die TTIP so schnell wie möglich durchzusetzen und kümmert sich keinen Deut darum, dass der Widerstand dagegen bei den Menschen in Europa allgemein, nicht nur bei den Globalisierungsgegner und ihren Organisationen, wächst.

UND WENN ALL DAS NOCH NICHT GENÜGT, BESTEHT IMMER NOCH DIE MÖGLICHKEIT, DIE TTIP-GEGNER ALS QUASI-TERRORISTEN ZU DIFFAMIEREN

Wenn all das nicht genügt sollte, um die TTIP gegen die öffentlichen Meinungen durchzudrücken, bleibt weiterhin vorstellbar, dass der Rat einen anti-demokratischen Trumpf auf den Tisch haut. Sollte das EP sich einfallen lassen, gegen die TTIP zu stimmen, weil viele der Abgeordneten während des Wahlkampfs in Kontakt mit Kritik an der TTIP gekommen sein werden, könnte der Rat sich zu dem Schritt entschließen, das Mitbestimmungsrecht des EPs in dieser Angelegenheit anzuzweifeln und das Abkommen auch ohne seine Zustimmung zu ratifizieren.

Dafür könnten der Aufschwung der rechten Bewegungen und auch die Zunahme von Unruhen einen willkommen Anlass geben. Ein so gewähltes Parlament, insbesondere vor dem Hintergrund der wachsenden Kriegsgefahr mit Russland, kann doch nicht als wahrhaft demokratisch anerkannt werden. Wieder einmal würde die Demokratie unter dem Vorwand, sie zu schützen, ausgehebelt. Schließlich werden schon heute die kürzesten intellektuellen Abkürzungen genommen: Rassisten = Anti- Demokraten = Populisten = Anti – Europäer = Anti- Sparmaßnahmen = Euro- Kritiker= Russenversteher = TTIP- Kritiker = alles Terroristen. Der Feind steht auch im Innern und muss bekämpft werden.

ES WIRD ZEIT FÜR EINEN GESUNDEN VERFOLGUNGSWAHN … WENN MAN SICH NICHT DER NAIVITÄT SCHULDIG MACHEN MÖCHTE

Unsere Leser wissen, dass wir bisher der europäischen Entwicklung mit viel Optimismus gegenüber standen. Und es war ja auch sehr wohl so, dass Europa bis Februar auf einem richtigen Weg zu einer ausgeglichenen Position zwischen dem alten Verbündeten Amerika und den neuen Machtpolen BRICS war und sich so seine

108 Seit Francois Hollande am Tag der Eröffnung der Olympischen Spiele von Sotchi die USA besuchen durfte, ist er zum Fan der TTIP bekehrt. Quelle : Euractiv, 12/02/2014

109 Quelle : Challenges, 12/04/2014

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Unabhängigkeit und Zukunft in der neuen Weltordnung gesichert hätte. Dank einer starken Währung, einer starken Wirtschaft, einer ausgeglichenen Handelsbilanz, mit einem Projekt zur Errichtung einer Euroland- Wirtschaftsregierung und mit engen Wirtschaftsverbindungen zu den Schwellenländern hatte es Europa in der Hand, gestärkt aus der umfassenden weltweiten Krise zu kommen.

Nach der Ukrainekrise und angesichts des Verhaltens wichtiger europäischer Entscheider fragen wir uns nun aber, wie die EU wieder auf den richtigen Weg kommen möchte. Das wird nur gelingen, wenn die Zivilgesellschaft, wenn die „normalen“ Wirtschaftsunternehmen (die gerade befürchten müssen, dass ihre Bemühungen um Ausbau von Geschäftsbeziehungen in die Schwellenländer zunichte gemacht werden), wenn kleine progressive Parteien und vielleicht noch andere europäische Institutionen wie der EuGH (der gerade die Vorratsdatenspeicherungsrichtlinie des Rates für rechtswidrig erklärt hat 110 ) dafür ihre Kräfte bündeln. Aber Zivilgesellschaft und Parteien sind nicht auf europäischer Ebene miteinander verknüpft und wissen nicht, wie sie dort agieren sollen. Da die Mitgliedstaaten, die schon immer zwar schlechte, aber alleinige Garanten des Gemeinwohls in Europa waren, die Menschen im Stich lassen, ist nun wirklich Feuer unterm Dach.

GIBT ES NOCH GRUND FÜR HOFFNUNG?

Noch gibt es aber die Möglichkeit, Europa wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Wir haben dafür in der letzten Ausgabe Empfehlungen vorgelegt 111 . Auch bleibt möglich, dass die USA, die uns in diesen Schlamassel gebracht haben, uns auch wieder die Möglichkeit geben, uns daraus zu befreien, wenn nämlich der Kongress sich weigert, die TTIP zu ratifizieren. Vielleicht schaffen es ja auch die BRICS, in der Weltgemeinschaft wieder der Stimme der Vernunft Gehör zu verschaffen.

Es gibt wenig Hoffnung, dass die Europawahlen eine fundierte Debatte dieser Fragen ermöglichen. Die großen Parteien haben schon ausreichend Schwierigkeiten, ihre mageren gemeinsamen Programme zu vertreten, die sie zu 28 zusammengezimmert haben 112 . Die europaskeptischen Parteien werden sich mit ihrer Agitation gegen Europa und für nationale Souveränität begnügen. Und den kleinen progressiven Parteien werden die Mittel fehlen, sich auf europäischer Ebene zu einem gemeinsamen Vorgehen zusammenzufinden.

Dabei würde sich Europa ergeben.

doch genau aus dieser letzten Möglichkeit die beste Chance für

110 Quelle : EUObserver, 08/04/2014

111 « Ukrainian crisis : Eight strategic recommendations ». Quelle : Newropeans Magazine, 31/03/2014

112 Sie sind sehr stolz auf ihren Fortschritt in der Verwirklichung der europäischen Demokratie – was allerdings schon mindestens 20 Jahre auf sich warten ließ. Jetzt haben sie sich also einen Spitzenkandidaten ausgesucht (obwohl die Demokratie in Europa wegen der europäischen Vielfalt immer von einem Team repräsentiert werden muss, und nicht von einer Einzelperson, sei sie auch noch so kompetent) und ein gemeinsames Programm geschrieben, indem sie alle um einen Tisch versammelt haben. Aber was dabei herausgekommen ist, ist nur der kleinste gemeinsame Nenner, der keinen Wähler in keinem Land ansprechen wird. Aber da es nun einmal so beschlossen ist, werden EVP, SPE und die europäischen Grünen als gute Parteisoldaten damit losziehen und die europäischen Marktplätze beschallen; zu den wahren Problemen, an vorderster Front natürlich jetzt die europäisch- russische Krise, werden sie allerdings sprachlos bleiben.

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3. Fokus

Investitionen,

Empfehlungen

Trends

und

Wie immer erinnern wir auch diesmal daran, dass unsere Empfehlungen kein Spekulationsziel oder sonstiges kurzfristiges Ziel verfolgen, dass sie nicht helfen sollen, mehr zu verdienen, sondern lediglich weniger (oder gar keine) Verluste zu erleiden. Denn in einer umfassenden weltweiten Krise wie die, die wir zurzeit durchstehen müssen, kann nur dies ein vernünftiges Ziel jeder Investitionsentscheidung sein. Nur langfristige Investitionen werden hier analysiert und hektische Ausschläge an den Finanzmärkten bewusst ignoriert.

US- AKTIENMÄRKTE : DER UMKEHRPUNKT WIRD ERREICHT

Seit Anfang des Jahres verharren die US- Aktienkurse auf historischen Rekordständen. Der Dow Jones stieg im Januar auf beinahe 16500 Punkte, fiel um mehr als 5%, erholte sich wieder, um dann wieder nachzugeben. Im letzten Jahr konnten die US- Aktien eine erstaunliche Hausse verzeichnen, aber die Chancen, dass es so weitergeht, sind winzig. Öffentlich zugängliche Informationen vom New Yorker Aktienmarkt zeigen, dass margin debt nun Rekordwerte erreicht hat; Investoren haben für Aktienkäufe Kredite in Höhe von beinahe einer halben Billion Dollar aufgenommen 113 .

Sollten die zu zahlenden Zinsen höher werden als die Profite aus dem Aktienhandel, sollten die Renditen schlechter werden und die Märkte einen Minsky moment, also einen umfassenden Werteverfall erleiden, werden Investoren ihre Anlagen umgehend abzustoßen versuchen. Niedrige Rendite pro Aktien und fallende Preise werden eine Abwärtsspirale einleiten und die Märkte sehr schnell ins Bodenlose fallen. Extrem überbewertete Aktien, die zu einem hohen Anteil auf Pump gekauft wurden, machen aus US- Aktien äußerst riskante Investitionen. Inzwischen ist die Möglichkeit einer Trendwende auch in den großen Medien als Schlagzeile angekommen. Wenn das kein klares Signal ist, nun seine Aktien abzustoßen… Das Risiko, in US- Aktien investiert zu bleiben, ist nicht mehr durch die eventuell zu erwartenden Profite gerechtfertigt.

EUROPÄISCHE ANLEIHEN SIND SO VERTRAUENSWÜRDIG WIE DIE EZB

Für spanische Anleihen werden nun geringere Zinsen bezahlt als für amerikanische. Dabei gibt es keinen Grund, wegen der spanischen Wirtschaft oder der spanischen Regierung in irgendeiner Weise optimistisch zu sein. Wie wir bereits in vorherigen Ausgaben schrieben, sind die spanischen Staatsanleihen nur teuer, weil es die EZB und ihre Politik der Stützung der EU-Mitgliedstaaten gibt. Die ganze Ideologie von unabhängigen Zentralbanken und einem privatisierten Staatsanleihenmarkt war ohne Grundlage in der Realität. Die ganze Theorie von einer unabhängigen Zentralbank ist

113 Quelle: Nyse (March 2014).

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eine Schimäre. Die Zentralbanken von z.B. China oder Japan nehmen für sich noch nicht einmal in Anspruch, unabhängig zu sein. Aber die EZB, die Fed und Politiker in ganz Europa und den USA stricken an diesem Märchen von der Unabhängigkeit der europäischen und amerikanischen Zentralbank. In Wirklichkeit sind Zentralbanken die Wächter über die Zinsen für Staatsanleihen. Eine der wichtigsten Geldpolitikzielvorgaben der Fed sind die Zinsraten, und alles sieht danach aus, dass die EZB ihr nacheifert.

Solange die Fiskal- und Geldpolitik in der Eurozone nicht gemeinsam gestaltet wird, können die Zinsen für Staatsanleihen der einzelnen Mitgliedstaaten der Eurozone voneinander abweichen. Wir denken jedoch, dass es keinen berechtigten Grund für unterschiedliche Kreditkosten innerhalb der Eurozone gibt. Eurozone- Mitglieder sind nicht in der Lage, die Eurozone zu verlassen, ohne dass Finanzchaos ausbricht. Daher glauben wir nicht, dass die EZB und die europäischen Politiker wieder eine Situation wie 2011 zulassen werden, als der Euro am Rande des Abgrunds stand.

Es wäre heute besser, sein Geld in portugiesischen Anleihen zu investieren, da sie höhere Zinsen erbringen als spanische, deren Zinsen wohl schwerlich noch weiter fallen und ihre Preise damit noch weiter ansteigen werden. Es wäre also vernünftig, die spanischen Anleihen nun mit Profit zu verkaufen.

UNTERNEHMERISCHES EIGENKAPITAL WIRD ZU PRIVATEM PROFIT

2013 kaufte Yahoo Tumblr für 1,1 Milliarden Dollar; Facebook kaufte Instagram für 1 Milliarde Dollar und Whatsapp für 19 Milliarden Dollar. Diese Unternehmen gelten als start- ups, gegründet und geleitet von jungen Genies, die ausreichend Ehrgeiz und Intelligenz besitzen, Unternehmen aufzubauen, die schon nach einigen Jahren mehr als eine Milliarde Dollar Wert sind. Die Wahrheit ist nicht ganz so romantisch. All diese Unternehmen wurden finanziert von Sequoia Capital Invest, ein Unternehmen für Risikokapital, das bereits in Google, Yahoo, YouTube und viele andere wohlbekannte Silicon Valley- Unternehmen investiert hatte. Es ist nicht zufällig, dass diese Unternehmen so erfolgreich sind. Was ihnen gemeinsam ist, ist, dass sie gar nicht innovativ sind. Tumblr ist ein Blogging- Internetauftritt, der seit ungefähr 15 Jahren existiert. Instagramm ist ein Programm, mit dem man Fotos für andere zugänglich machen kann; das ist weder revolutionär, noch innovativ und eigentlich auch nicht spannend. Und Whatsapp ist eines von vielen Programmen, über das man Nachrichten austauschen kann. Gemeinsam ist diesen Unternehmen ebenfalls, dass sie hervorragend vermarktet werden und ihre Dienste zu Preisen anbieten, mit denen sie nicht ihre Betriebskosten decken; damit drängen sie ihre Wettbewerber vom Markt. In anderen Wirtschaftszweigen ist dies als Dumping bekannt und wettbewerbsrechtlich verboten.

Sequoia Capital Invest verdient sein Geld nicht mit Unternehmen, die Produkte verkaufen, sondern mit der Suche (und dem Finden) von Investoren, die mehr für diese Unternehmen bezahlen, als sie selber hineingesteckt haben.

Gut informierte Investoren sind sich darüber bewusst, dass die Gründungsinvestoren richtig Kasse machen, wenn das Unternehmen an die Börse geht, wobei es dabei in den meisten Fällen nicht darum geht, Geld für die weitere Unternehmensentwicklung aufzunehmen, sondern die Geschäftsleitung und die vorherigen Investoren massiv zu

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bereichern. Bei erster Betrachtung müsste man eigentlich davon ausgehen, dass ein Unternehmen wie Facebook im Laufe seiner Existenz nur einmal überhaupt Geld für seine Investoren generieren kann; aber wenn es dann andere Unternehmen aufkauft, geht es nur darum, das Geld, das das Unternehmen mit dem Börsengang eingenommen hat, in die Taschen der Privatinvestoren des aufgekauften Unternehmens zu leiten. Investoren in Yahoo und Facebook sollten sich darüber im Klaren sein, dass mit diesen Aktivitäten der Vorstand lediglich das Geld aus diesen Unternehmen abzieht.

Wir können nicht erkennen, worin der Wert in den meisten dieser Aktien liegen soll, die so gut wie keine Dividende erbringen, wie wir bereits in vorherigen Ausgaben des GEAB dargelegt haben. Nun glauben wir aber behaupten zu können, dass einige von diesen Unternehmen nur die Funktion haben, das Geld der Aktionäre zu den Privatinvestoren zu leiten. Unternehmen wie Yahoo und Facebook sind heute äußerst riskante Investitionen.

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4. GlobalEurometer 114

Ergebnisse – April 2014

GlobalEurometer vom März 2014

 

Ja

Nein

Keine

%

%

Angaben %

1.

Glauben Sie, dass gerade eine Art Wirtschaftsregierung

48

 

8

für Euroland errichtet wird?

(48,

63) 115

44

(48, 37)

(4, 0)

2.

Denken

Sie,

dass

in

den

nächsten

sechs

Monaten

20

72

8

Lösungen für die Euroland- Probleme gefunden werden?

(26, 33)

(63,63)

(11, 4)

3.

Glauben Sie, dass anti-demokratische Kräfte in der EU

100

0

0

auf dem Vormarsch sind?

 

(93, 90)

(7, 7)

(0, 3)

4.

Würden Sie in den folgenden sechs Monaten Euro gegen

0

96

4

US-Dollar, japanischen Yen oder britisches Pfund eintauschen?

(0, 0)

(96, 97)

(4, 3)

5.

Würden Sie in den folgenden sechs Monaten für Euro

24

64

12

Gold kaufen?

 

(26, 33)

(67, 60)

(7, 7)

6.

Gehen Sie davon aus, dass die Weltwirtschaft wieder in

72

24

4

eine weitere Rezession gerät?

 

(70, 63)

(26, 30)

(4, 7)

7.

Glauben

Sie,

dass

in

Ihrem

Land

wieder

Infation

16

76

8

herrscht?

 

(15, 23)

(74, 67)

(11, 10)

8.

Fürchten Sie, wegen der weltweiten Krise in den nächsten

20

60

20

sechs Monaten Ihren Arbeitsplatz zu verlieren?

(19, 17)

(67, 60)

(14, 23)

9.

Fürchten Sie, wegen der weltweiten Krise in den nächsten

60

36

4

sechs Monaten Geld zu verlieren?

(63, 50)

(33, 47)

(4, 3)

10.

Gehen Sie davon aus, dass der Dollar in den nächsten

60

24

16

sechs Monaten im Verhältnis zu den anderen großen Währungen und zu Gold massiv an Wert verlieren wird?

(52, 57)

(37, 27)

(11, 16)

11.

Fürchten Sie in den nächsten sechs Monaten in ihrem

72

20

8

Land politische und soziale Unruhen?

 

(70, 67)

(30, 27)

(0, 6)

12.

Können Sie sich vorstellen, dass große Banken in Ihrem

56

32

12

Land in den nächsten sechs Monaten Konkurs anmelden müssen?

(52, 63)

(44, 33)

(4, 4)

13.

Bemerken

Sie

in

ihrem

Land

Anzeichen

für

eine

16

84

0

wirtschaftliche Erholung?

 

(15, 10)

(85, 87)

(0, 3)

114 Jeden Monat befragt das GEAB- Team für Sie 200 europäische Meinungsführer.

115 In Klammern die Ergebnisse der Vormonate (m-1, m-2).

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14. Befürchten Sie eine Stationierung von Nato- Truppen in allen östlichen EU- Staaten ?

64

32

4

15. Glauben Sie, dass zwischen dem Westen und Russland ein neuer Kalter Krieg ausbricht ?

56

40

4

GlobalEurometer vom April 2014 – Auswertung

EINSCHÄTZUNG DER LAGE IN DER EU

1. Errichtung einer Wirtschaftsregierung für die Eurozone: Zum zweiten Mal

in Folge und nach einigen Monaten, in denen das Lager der Optimisten deutlich gewachsen war, sind nun die Lager zwischen Optimisten und Pessimisten relativ ausgewogen, was die Frage nach der Errichtung einer Wirtschaftsregierung für die Eurozone angeht: 48% der Befragen glauben immer noch, dass wir erleben, wie ein solches Projekt Form annimmt, während 44% nichts dergleichen wahrnehmen. Die Umfrageergebnisse waren insoweit schon deutlich günstiger für die Eurozone.

2. Lösungsperspektiven für die Eurokrise: Das Vertrauen in Lösungsperspektiven für die Eurokrise geht weiterhin stark zurück. In diesem Monat gehen 72% unserer Befragten (im Vergleich zu 63% im Vormonat) nicht davon aus, dass in den nächsten sechs Monaten damit zu rechnen ist. Die wieder zahlreicheren Stimmen für den notwendigen Ausstieg aus dem Euro übt sicherlich keinen guten Einfluss auf diese Umfrageergebnisse aus.

3. Anstieg extremistischer Strömungen in Europa: Zu dieser Frage produzierte

die Umfrage diesen Monat die beindruckendsten Ergebnisse. Auch wenn der Anstieg lediglich 7 Prozentpunkte im Vergleich zum Vormonat betrug, ist doch entscheidend, dass diesen Monat zu dieser Frage 100% der Befragten die Auffassung vertraten, dass die extremistischen Strömungen in Europa auf dem Vormarsch seien.

4. Gefühlter Wert vonEuro/ Dollar, Yen und Pfund : Trotz aller schlechten

Nachrichten und Stimmungsmache gegen den Euro behalten unsere Befragten ihr Vertrauen in die Gemeinschaftswährung- oder jedenfalls ihr Misstrauen gegen Dollar, Pfund und Yen. Seit nun schon einigen Monaten will keiner der Befragten (0%) seine Euros gegen die anderen Papierwährungen eintauschen.

5. Gefühlter Wert von Euro/ Gold : Auch hier sind die Ergebnisse weitgehend

identisch mit denen des Vormonats, auch wenn die Unsicherheit mit fünf Punkten etwas von 7 auf 12% zunimmt, die gleichmäßig aus den beiden anderen Lagern herüber gewandert sind. Das Vertrauen in den Euro bleibt stabil, auch wenn in den Medien wieder mehr über die Auflösung der Eurozone geschrieben wird: 64% der Befragten wollen dennoch ihre Euro auch nicht gegen Gold eintauschen.

7. Gefühlte Rückkehr der Inflation nach Europa : Auch hier wenig Veränderung

zwischen den Ergebnissen des Vormonats und dieses Monats: 2 kleine Prozentpunkte Anstieg im Lager derjenigen, die keine Inflation ausmachen können- was dazu passt, dass in den Medien gerade Deflationspanik geschürt wird. In absoluten Werten können

drei Viertel der Befragten keine Inflation in ihrem Heimatland ausmachen.

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8. Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes : Das Lager der Befragten, die nicht Angst

um ihren Arbeitsplatz haben, geht um 7 Punkte von 67 auf 60% zurück. Aber diese Zunahme kam überwiegend aus dem Lager der Unentschiedenen. Also kann man nicht sagen, dass die Unsicherheit deutlich zugenommen hätte: Diejenigen, die sich Sorgen machen, stellen nur ein Fünftel unserer Befragten dar.

9. Angst vor Vermögensverlusten : Die Ergebnisse der Umfrage dieses Monats

sind wirklich weitgehend identisch mit denen des Vormonats: Auch die zu dieser Frage stimmen weitgehend mit denen vom März überein. Diejenigen, die sich Sorgen machen, werden etwas weniger (-3 Punkte, die alle aus dem Lager der Optimisten kommen). Aber es wäre wohl kaum berechtigt, aus einer so geringen Abweichung übermäßig viel heraus zu interpretieren. Nur zur Erinnerung: 60% der Befragten haben wegen der Krise Angst vor Vermögensverlusten.

11. Gefahr von Unruhen und sozialen Protesten in Europa: Nur noch 20% der Befragten, also 10 Punkte weniger als im Vormonat, machen sich keine Sorgen wegen der Gefahr von zunehmenden sozialen Unruhen in Europa. Die Angst vor der politischen Krise in Europa befindet sich auf ihrem Höhepunkt.

12. Antizipation von Bankeninsolvenzen : Das Lager der Befragten, die nicht davon ausgehen, dass in den nächsten Monaten in ihrem Heimatland Banken Insolvenz anmelden müssen, schwindet diesen Monat um 12 Punkte von 44 auf 32%. Die Differenz zum Vormonat verteilt sich relativ gleichmäßig auf die Lager der Unentschiedenen und der Pessimisten, die diesen Monat auf 56% kommen. Die Sorgen wegen möglicher Bankeninsolvenzen nehmen also wieder zu.

13. Gefühlter Aufschwung : Bei dieser Frage bleiben nunmehr seit drei Monaten die Ergebnisse beinahe unverändert: Diesen Monat können 84% der Befragten (im Vergleich zu 85% im Vormonat und 87% im Februar) keine Anzeichen für einen Aufschwung in ihrem Heimatland ausmachen.

EINSCHÄTZUNG DER INTERNATIONALEN LAGE

6. Beginn einer globalen Rezession : Auch bei dieser Frage weitgehend identische

Antworten : 72% unserer Befragten (+2 Punkte) glauben, dass sich die Weltwirtschaft in Rezession befinde, also beinahe drei Viertel. Ihrer Ansicht nach steht die Weltwirtschaft alles andere als gut da.

10. Antizipation eines Wertverlusts des US- Dollar : Hier endlich einmal Ergebnisse, die etwas von denen des Vormonats abweichen: Das Lager derjenigen, die nicht von einem baldigen Wertverlust des Dollars ausgehen, verliert 13 Punkte, beträgt somit nur noch 24% der Befragten. Nicht einmal ein Viertel der Befragten glaubt, dass der Dollar nicht in Gefahr sei! Dieser Pessimismus gegenüber dem Dollar ist insbesondere ins Verhältnis zu setzen mit dem in den Antworten zu Frage 4 ersichtlichen Vertrauen in den Euro. Und Experten raten dann tatsächlich dazu, den Euro abzuwickeln?

14. Stationierung von Nato- Truppen an der EU- Ostgrenze : Wie immer bei Antworten auf Fragen, die wir zum ersten Mal stellen, begnügen wir uns mit einer

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Information über die Ergebnisse in ihren absoluten Werten : 64% der Befragten befürchten eine Stationierung von Nato- Truppen in den östlichen EU- Staaten, im Vergleich zu 32%, die glauben, dass es nicht dazu kommen wird.

15. Neuauflage des Kalten Kriegs zwischen dem Westen und Russland :

56% der Befragten glauben, dass ein Risiko besteht, dass der Westen und Russland sich erneut wieder in einem Kalten Krieg gegenüber stehen könnten, während 40% diese Sorgen nicht teilen. Anhand der Ergebnisse zu den beiden letzten Fragen lässt sich also herauslesen, dass die Ereignisse der letzten Wochen bei unseren Befragten doch einigen Anlass zu Sorge bereiten, wobei doch auch eine recht große Minderheit die Lage mit viel Gottvertrauen zu nehmen scheint.

THEMENÜBERGREIFENDE BEMERKUNGEN

Wie wir schon angeführt haben, sind die Ergebnisse der letzten drei Umfragen weitgehend stabil, also seit Beginn der Ukrainekrise (bzw. vielleicht besser gesagt, der EU- Russlandkrise), was wohl die Sorgen der Befragten von den alten Themen wie Wirtschaft, Finanzen und Währung auf die neuen, geopolitischen umgelenkt hat.

Dennoch lassen sich folgende Veränderungen feststellen:

– bei den politischen und sozialen Themen : Ein auffälliger Anstieg der Unsicherheit betreffend der zunehmenden anti-demokratischen Strömungen und der Gefahr von sozialen Unruhen, bei der sicherlich ein Rolle spielt, dass die Menschen die Lösungsperspektiven für die Eurokrise zunehmend geringer einschätzen; die Menschen fühlen sich immer mehr von der Politik im Stich gelassen.

– Im finanziellen Bereich: Ein auffälliger Rückgang im Vertrauen in die Stabilität des Dollars ist sicherlich die Reaktion auf die zunehmende Sorge über die Möglichkeit von Bankeninsolvenzen. Auch scheint die Sorge um den Arbeitsplatz leicht zuzulegen.

Was die Lage an den EU- Grenzen anbelangt, so ist die Stimmung, auch wenn die Sorgen bei der Mehrzahl der Befragten überwiegen, doch recht gleichmäßig ausgewogen zwischen Sorge und Zuversicht. Dabei waren doch im letzten Monat die Ergebnisse eindeutig: Die Politik von Ms. Ashton wurde weitgehend als sehr schlecht abgekanzelt.

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