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2 0 J a h r e

Ausgezeichnet!
P r o f. D r . D r . h . c . I n a R ö s i n g

I n a R ö s i n g , geboren am 4. Februar 1942, ist Experimentalpsychologin, Wissenschaftssoziologin, Kultur­


anthropologin und Psychotherapeutin. Sie habilitierte sich 1975 in Konstanz und betreibt seit 25 Jahren
Feldforschung in den Anden sowie im tibetischen Kulturraum des Himalaja. Sie leitet als Direktorin das
Institut für Kulturanthropologie am Universitätsklinikum Ulm.
Q’owa-Ritual aus dem Dorf Amarete mit den zehn Zwillings-Ritual von Isidro Paye aus Upinhuaya. Die Kallawaya-Heilerin Santusa Quispe aus Chajaya.
symbolischen Geschlechtern. (Anden, Kallawaya-Region, Bolivien) (Anden, Kallawaya-Region, Bolivien)
(Anden, Kallawaya-Region, Bolivien)

Heilung und Werteverständnis A n a ly s e u n d t r a n s k u lt u r e ll e r N at u r g e w a lt e n s o r g e n f ü r s o z i a l e

Vergleich S ta b i l i t ä t

in fremden Kulturen Vor rund 15 Jahren begann Ina Rösing mit ihren Ihr Werk „Rituale zur Rufung des Regens“ aus dem
Forschungen in Zentral-Ladakh und in der Hoch­ Bereich Kulturanthropologie, Ethnomedizin und
Mit ihren Forschungsarbeiten ist Ina Rösing auf zwei Kontinenten aktiv: Die Schwerpunkte ihrer ebene der Changthang-Region, einer tibetischen Psychotherapie, Ritualforschung und Religions­
bereits über 25 Jahre laufenden Feldforschungen liegen in den Hochanden Boliviens, am Titicacasee und Provinz, die etwa 5.000 m über dem Meeresspiegel wissenschaft galt als Meilenstein: Der Forscherin
in Peru sowie seit 1993 in der Changthang-Region von Ladakh an der Grenze zu China. Im Mittelpunkt liegt. Dort untersuchte sie die individuellen Hei­ war es gelungen, die Vorstellungskraft des Indianer­
ihrer Forschungsarbeiten stehen Medizinmänner, Schamanen und Ritualisten. lungsrituale der Schamanen und Schamaninnen, stammes der Kallawayas in den Hochanden von
vor allem unter den Changpa-Nomaden. Bolivien zu erschließen und zu dokumentieren,
Ihr Hauptaugenmerk richtet Ina Rösing auf die rituale untersucht, die jeweils über viele Stunden Sieben Jahre war die Wissenschaftlerin für die Feld­ wie die Naturgewalten des Hochgebirges als Göt­
Rituale von Heilern, die Beziehung zwischen tradi­ andauerten. Dabei begnügte sich die Wissen­ forschungen von ihrer Professur an der Universität ter und Dämonen in die menschliche Sphäre mit
tioneller Anden-Religion und Christentum sowie schaftlerin nicht mit dem Beobachten, sondern Ulm beurlaubt. Sie hat viele Monate in den Anden einbezogen werden.
Schamanismus-Religion und Buddhismus. Ziel der dokumen­tierte alle Ritualabläufe in Bild, Ton und und im Himalaja verbracht und die Sprachen Que­ Auf diese Weise konnte sie zeigen, wie sorgfältig
Direktorin des Instituts für Kulturanthropologie Text – in der Sprache Quechua. chua, Ladakhi und Aymara, Tibetisch und Hindi eingehaltene Traditionen das psychisch-moralische
des Universitätsklinikums Ulm ist es, die fremden Alle Heilungsrituale sind eingebunden in die andine gelernt. Daraus sind mehr als 30 wissenschaftliche Gleichgewicht der Anden-Bewohner über Jahrhun­
Kulturen und ihre Heilungs- und Werte-Praxis mit Religion, die Opfergabenbereitungen, die An­ru­ Monografien entstanden. Sie vergleichen die derte stabilisiert und damit ihr Überleben unter
denen der westlichen Kultur zu vergleichen. fung der Mutter Erde, der heiligen Orte, Seen und dokumentierten Heilungsrituale mit den westlichen härtesten Lebensbedingungen gesichert hat. Neben
Quellen und des sakralen Windes, des Ankari. Psychotherapien und der Theorie der Symboli­ den Pionierleistungen, die sie mit ihrer intensiven
R i t u a l e a l s Q u e ll e f ü r H e i l u n g Dazu gehören auch die vielfältigen, über mehrere schen Heilung. Es gelang der Kulturanthropologin, Feldforschung erbrachte, zeigte die Arbeit, welche
Einfache Hütten aus Erdbacksteinen, Wellblech Tage und Nächte andauernden Kollektivrituale der westliche Werte und psychosomatische Belastun­ Vorstudien betrieben werden müssen, um sicher­
und Stroh sind zum zweiten Zuhause geworden einzelnen Dörfer der Kallawaya-Region. Die hier gen im Vergleich zu denen fremder Kulturen zu zustellen, dass sich zum Beispiel wohlgemeinte

1993
für Ina Rösing. Die Forscherin ist daran gewöhnt, ansässigen Menschen schicken rituelle Boten zu betrachten. Entwicklungsprojekte nicht zum Schaden der Emp­
mit Medizinmännern und Ritualisten auf heilige den heiligen Bergen und Quellen, die dort Opfer­ fänger auswirken.
Andengipfel zu ziehen. Sie weiß, wie man dem gaben vorbereiten und Wasser für die Weihung Unterschiedliche Forschungsfinanzierungen haben
Blitz, den Quellen und den anderen Gottheiten schöpfen. Ina Rösing bei ihren mehr als 50 Forschungsreisen
der Anden Opfergaben bringt und sie in langen in die Anden und in den Himalaja unterstützt.
Anrufungen ehrt. In den Anden hat sie über 200 Ab Februar 2010 wird sie für das Institut für Trans­
sogenannte weiße, graue und schwarze Heilungs­ kulturelle Forschung e. V. (ITRAFO) tätig sein.

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P r o f. D r . D i e t m a r V e s t w e b e r

D i e t m a r V est we b e r , geboren am 16. März 1956, hat in Tübingen und München Biochemie studiert.
Er habilitierte 1990 am Biozentrum der Universität Basel. Den Landesforschungspreis erhielt er während
seiner Zeit am Hans-Spemann-Laboratorium des Max-Planck-Instituts für Immun­biologie in Freiburg.
Seit 2001 ist er Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin in Münster.
Entzündung im Muskelgewebe der Maus: Zellkon- Immunhistochemische Darstellung eines neuen endothel­ Ein neuer Mechanismus zur Regulation endothelialer
takte der Endothelzellen (grün), Leukozyten (rot) spezifischen Zelloberflächenantigens der „tight junctions“. Zellkontakte.
sind teilweise schon ins Gewebe eingedrungen. Endothel: rotbraun, umgebendes Gewebe: blau.

Wie Leukozyten Entzündungsherde finden

Die kontrollierte Wanderung von weißen Blutkörperchen, den Leukozyten, durch den Organismus halten, damit sie anschließend in den Entzündungs­ teins (mit dem Namen ESAM), das spezifisch nur an
bildet die Grundlage für die Immunüberwachung und die Regulation der Immunabwehr. Die Einwan­ herd einwandern können. ganz bestimmten Verbindungen („tight junctions“)
derung von Leukozyten aus dem Blut in das Gewebe ist der entscheidende Vorgang, der Entzündungen Weitere Untersuchungen dieses Abfangmechanis­ zwischen Endothelzellen gefunden wird und das
initiiert und in Gang hält. Das Wissen über die molekularen Mechanismen dieses Prozesses eröffnet neue mus führten zur Aufklärung eines genetischen im Organismus bei der Öffnung des Endothels für
therapeutische Möglichkeiten. Defekts: Fehlen die Bindungspartner der Selektine, Leukozyten eine wichtige Rolle spielt. Außerdem
leiden die betreffenden Patienten unter einer gelang ihm vor Kurzem die Entdeckung eines neuen
Infektionsherde finden sich normalerweise nicht Das Verständnis der molekularen Mechanismen, lebensbedrohlichen Immundefizienz. Vestweber Mechanismus zur Kontrolle der Stabilität der Zell­
im Blut, sondern im Körpergewebe außerhalb der die die Einwanderung von Leukozyten ins Gewebe konnte zeigen, dass dieser Gendefekt einen kontakte während der Leukozyten-Auswanderung.
Blutgefäße. Deshalb müssen die Abwehrzellen des kontrollieren, ist entscheidend, um in den Entzün­ zentralen Schritt im Aufbau bestimmter Kohlen­ Dieser Mechanismus hat wahrscheinlich über die
Körpers, die Leukozyten, in der Lage sein, aus dem dungsprozess heilend eingreifen zu können. hydratstrukturen betrifft. Es gelang ihm, das ent­ Auswanderung von Leukozyten hinaus generelle
strömenden Blut heraus Infektionsherde im Körper sprechende Gen zu identifizieren. Bedeutung für die Durchlässigkeit von Blutgefäßen.
zu orten und in sie einzudringen. Die eingewan­ K o n t r o ll e u r e i m K ö r p e r Dietmar Vestweber konnte weitere Membranpro­
derten Leukozyten wehren die Krankheitserreger Dietmar Vestweber und seinem Team ist es ge­lun­ N e u e n P r o t e i n e n a u f d e r Sp u r teine in Endothel und Leukozyten ermitteln, die
im Entzündungsherd ab oder entsorgen geschä­ gen, eine Reihe von neuen molekularen Mecha­nis­ Seit einigen Jahren befasst sich die Arbeitsgruppe bei der Überwindung der Basalmembran als zweite
digte körpereigene Zellen, um auf diese Weise den men zu entschlüsseln, welche die Einwanderung nun mit der Frage, wie Leukozyten die Blutgefäß­ Barriere notwendig sind.
Heilungsprozess einzuleiten. Werden sie daran von Leukozyten in Gewebe kontrollieren. So wand durchdringen, ohne Schädigungen zu hinter­ Insgesamt gelang es dem Gründungsdirektor des
gehindert, diese Aufgabe wahrzunehmen, kann das konnten sie zunächst einen neuen Bindungs­ lassen. Dabei müssen die weißen Blutkörperchen Max-Planck-Instituts für Molekulare Biomedizin

1993
tödliche Folgen haben. Andererseits können aber partner für eine bestimmte Art von Molekülen zwei Barrieren überwinden: das Endothel, dessen in Münster, eine ganze Reihe neuer molekularer
auch zahlreiche Prozesse die Einwanderung von zur Zellverbindung, den Selektinen, identifizieren. Zellen die Gefäßwände auskleiden, und die darun­ Mechanismen zu identifizieren, die die Einwande­
Phagozyten, sogenannten Fresszellen, so potenzie­ Die Selektine und ihre Bindungspartner sorgen im terliegende Basalmembran. Sie besteht nicht aus rung von Leukozyten in Gewebe vermitteln. Das
ren, dass es zu Überreaktionen und zum unkon­ Entzündungsfall für die Kontaktaufnahme zwischen Zellen, sondern aus Proteinen. Vestweber konnte liefert neue Ansatzpunkte, um in die Entstehung
trollierten Angriff der Leukozyten auf gesundes weißen Blut­körperchen und Gefäßwand. Die passiv mehrere neue molekulare Schritte in dem Wande­ und den Ablauf von Entzündungen therapeutisch
Gewebe kommt – ein Vorgang, der zu Allergien im Blutstrom treibenden Leukozyten werden im rungsprozess definieren. So gelang ihm die Identifi­ einzugreifen.
und chronischen Entzündungen führen kann. Gefäß direkt beim Entzündungsgeschehen festge­ zierung eines bis dahin unbekannten Membranpro­

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P r o f. D r . D r . h . c . m u lt. W i ll i J ä g e r

W i l l i J ä g e r , geboren am 15. August 1940, studierte Mathematik und Physik an der Universität in
München. 1969 habilitierte er an der Universität Göttingen. Seit 1974 hat er einen Lehrstuhl am Institut
für angewandte Mathematik an der Universität Heidelberg inne. Bis 1998 war er Geschäftsführender
Direktor des Interdisziplinären Zentrums für wissenschaftliches Rechnen (IWR) das er 1987 gegründet hat.
Die transparente Darstellung eines Zellkerns Das Wachstum von Pflanzen lässt sich durch mathe­ Ergebnisse von Simulationen von solchen Modellsys-
(Dartu C., IWR). Der Transport von Substanzen und matisch formulierbare Gesetze und Rechenregeln temen wieder und zeigen einen Maprang-Baum und
die Ausbreitung von Signalen laufen in komplexen beschreiben, welche die Prozesse in den Pflanzen und Zweige eines Gummibaumes.
Strukturen ab, deren mathematische Modellierung ihrer Umwelt modellieren. Die Abbildungen geben die (Chuai-Aree S., IWR, 2006)
neue Methoden erfordert.

Dem Leben auf der Spur –


Mathematik für die Lebenswissenschaften
Können biologische Prozesse mit mathematischen Modellen beschrieben und berechnet werden? zwischen mehreren Phasen Muster entstehen. von Informationen. Diese kann nur mit quantitati­
Willi Jäger und sein Team zeigen, dass mathematische Methoden und leistungsfähige Rechner wichtige Daraus ergibt sich die Annahme, dass dieses Prin­ ven Konzepten bewältigt werden, die auf das
Werkzeuge sind, um Prozesse in Zellen, Geweben, Organen, Lebewesen und in biologischen Populatio­ zip für viele biologische Prozesse zutrifft, die zu Wesentliche reduzieren. Die Forschungsarbeiten
nen besser zu verstehen und zu steuern. Struktur­bildung führen. von Willi Jäger und ihre Ergebnisse beruhen auf
Darüber hinaus konnten die Wissenschaftler die einer engen, fächerübergreifenden Kooperation
M at h e m at i s c h e B e s c h r e i b u n g So gelang es dem Forscher, Modellgleichungen mathematische Modellierung und Simulation von mit Biologen und Medizinern. Der Landes­
biologischer Systeme für den Transport von Partikeln durch Membra­ Pflanzenwachstum, insbesondere von Wurzel­ forschungspreis wirkte wie ein Katalysator, der
Prozesse in biologischen Systemen sind in der Re­ nen abzuleiten, die mikroskopische Strukturen systemen, weiter entwickeln. Die so gewonnenen entscheidend half, die Arbeitsgruppe stärker auf
gel komplex, ebenso ihre mathematischen Modell­ und Prozesse einbeziehen. Außerdem modellierte Einsichten sind sowohl für landwirtschaftliche als die Biowissenschaften auszurichten.
gleichungen. Dennoch erweisen sich Modell­ er den Einfluss chemischer Substanzen auf die auch für biotechnologische Problemstellungen von
bildung und Simulation als nützlich, um biologi­ Mechanik der Zellen und bestimmte daraus den Nutzen.
sche Vorgänge zu klären: Sie helfen beispielsweise, Effekt auf die Durchlässigkeit eines Gewebes. Sol­ Mit Hilfe von Simulation und Modellbildungsver­
die Wirkungsweise von Organen und die Dynamik che Ergebnisse sind insbesondere für medizinische fahren untersuchten Jäger und sein Team außer­
ökologischer Systeme quantitativ zu beschreiben. Anwendungen von Bedeutung, zum Beispiel bei dem Prozesse in Netzwerken von Gefäßen: Hier
Entzündungen von Gefäßwänden. waren die Strömung – insbesondere in vernetzten
Sk a l e n i n B i o s y s t e m e n Auch für die Entwicklung von Organismen und Blutgefäßen –, der Transport von Partikeln und
Die Molekularbiologie liefert Informationen über die Strukturbildung in Populationen von Mikro­ deren Wechselwirkung mit flexiblen und wegen

1994
Prozesse, die für einzelne Zellen, Gewebe und organismen sind die Ergebnisse wichtig. Willi Jäger Ablagerungen zeitlich veränderlichen Wänden
Organe wichtig sind. Bislang war es schwierig, und sein Team haben die Dynamik von Rezepto­ Gegenstand der Forschungen. Dabei stand die
Aussagen auf einer höheren Skala für ganze Orga­ ren auf Zellwänden und von Signalen in Zellen Bildung von Thrombosen im Vordergrund.
nismen als Ganzes so zu beschreiben, dass wichtige erfolgreich in die Modellgleichungen für Muster­
Informationen erhalten und die resultierenden bildung einbezogen. Speziell in Bakterienkolonien Q u a n t i t at i v e B i o w i s s e n s c h a f t e n

Modelle berechenbar bleiben. Die Arbeit von konnten sie nachweisen, dass in Systemen mit Die molekularen Biowissenschaften liefern mit
Willi Jäger hat hierzu wesentliche Beiträge geleistet. Diffusion und Reaktionen durch Schalten neuester Mikro- und Nanotechnologie eine Flut

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P r o f. D r . M a r g o t Z ö ll e r
P r o f. D r . P e t e r h e r r l i c h

M a rg ot Z ö l l e r , geboren am 7. Mai 1943, studierte Medizin und Psychologie an Universitäten Würz­


burg, Berlin, Heidelberg. Sie habilitierte sich 1983 am DKFZ Heidelberg und ist seit 1994 Professorin
für angewandte Genetik an der Universität Karlsruhe, wo sie auch die Abteilung Tumorprogression und
Tumorabwehr des DKFZ leitet.
P e t e r H e r r l i c h , geboren am 10. November 1940, studierte Medizin an der LMU München und habilitierte
sich an der FU Berlin in Biochemie und Molekularbiologie. 1977 wurde er zum Universitätsprofessor für
Peter Herrlich und Margot Zöller gelang es, das neu entdeckte Oberflächenmolekül, welches den Schlüssel zur ungehinderten Bewegung der Krebszellen im
Genetik an die Universität Karlsruhe berufen und mit der Leitung des Instituts für Toxikologie und Genetik des
Körper darstellte, zu blockieren. Dafür setzten sie spezifische Antikörper und kleine Proteinfragmente ein. Aktuell suchen die Wissenschaftler nach Alternativen,
dortigen Forschungs­zentrums betraut. Seit 2003 ist er Direktor des Leibniz-Instituts für Altersforschung in Jena. die auch beim Menschen wirksam sind.

Die Tricks der Krebszellen, Absiedelungen


im Körper zu bilden
Wenn sich Tumorzellen von einer primären Krebsgeschwulst lösen, im Körper vagabundieren und So haben normale Körperzellen zum Beispiel eine Mit ihrer Arbeit an einem „einfachen“ Protein auf
an neuer Stelle Metastasen bilden, dann sinkt die Aussicht auf eine erfolgreiche Therapie der Krebs­ eingebaute Bremse, die wirkt, wenn der Platz durch der Oberfläche von Krebszellen haben Zöller und
erkrankung. Mobilität bleibt im Körper normalerweise ganz wenigen Zelltypen vorbehalten, etwa den eine andere Zelle bereits besetzt ist. Besonders gut Herrlich zur Entdeckung eines ganzen Netzwerks
weißen Blutkörperchen als zentralen Bestandteilen der Immunabwehr. Warum aber breiten sich manche lässt sich das beim Heilen einer Wunde beobachten: von krebsfördernden und krebshemmenden
Krebszellen ebenfalls im Körper aus und überwinden dabei Hindernisse und Distanzen? Eine Frage von Der Schnitt in die Haut führt zu Wachstumsmobi­ Mechanismen in Zellen beigetragen. Weil Krebs
zentraler Bedeutung für die Medizin, auf die die Arbeitsgruppen um Margot Zöller und Peter Herrlich lisierung und Vermehrung der Hautzellen. Sowie kein einfach zu lösendes Problem ist, darf die
wichtige Antworten gefunden haben. die Wunde geschlossen ist, also die Zellen sich zunehmende Komplexität, die steigende Zahl
berühren, wird das Wachstum eingestellt. CD44 von zellulären Komponenten, nicht verwundern.
Die Forscher gelangten auf die Spur eines Pro­ Menschen wirksam sind; Proteinfragmente werden ist eines der Proteine an der Zelloberfläche, die Gleichzeitig ergeben sich daraus jedoch Ideen, wie
teins, das auf der Oberfläche metastasierender im menschlichen Körper zu leicht zerstört. registrieren, wenn die Zellen aneinanderstoßen der Krebsprozess unterbrochen werden könnte.
Tumoren stark vermehrt vorkam. Sie fanden und den Wachstumsprozess stoppen. Die „Bremse“,
heraus, dass die Tumorzellen nur dann durch P r o t e i n e , d i e T u m o r e n h e mm e n selbst ein Protein, haben die Wissenschaftler eben­
den Körper wandern können, wenn das Ober­ Unsere normalen Körperzellen beherbergen falls identifiziert: Fehlt „Merlin“ oder hat es einen
flächenmolekül „CD 44v6“ vorhanden ist. Es ver­ ver­schie­denste Mittel, um die Entgleisung zur Defekt, wird Krebs­bildung ausgelöst.
anlasst die Bildung eines ganzen Komplexes von Krebs­entartung zu verhindern. Man nennt sie
Proteinen, von denen einzelne bei der Entstehung Tumor-Suppressoren. Krebs entsteht, wenn diese M e r l i n - Ak t i v i e r u n g u n d w i e T u m o r -

von Tumoren eine hervorgehobene Rolle spielen. „Verhinderer“ aus dem Weg geräumt werden. z e ll e n s i e u m g e h e n

1995
Herrlich und Zöller gelang es, das neu entdeckte Dass die tumor- und metastasenfördernde Funktion Alle Zellen tragen Merlin in sich, allerdings in
Oberflächenmolekül, welches den Schlüssel zur des CD44v6 verhindert werden muss, damit die einer inaktiven Form. Bei Zell-Zell-Kontakt wird
ungehinderten Bewegung der Krebszellen im Tumorsuppression funktioniert, hat vor kurzem es aktiviert und arbeitet dann als Bremse. Dafür
Körper darstellte, in vivo zu blockieren. Dafür eine Forschergruppe am MIT herausgefunden. Die ist ein Enzym zuständig, das die Tumoren mit
setzten sie spezifische Antikörper und kleine Arbeit des Herrlich-Labors am Oberflächenmolekül einem Trick umgehen: Sie stellen einen Hemmer
Proteinfragmente ein. Aktuell suchen die Wis­ führte zur Entdeckung neuer Tumor-Suppressoren des Enzyms her, der dann selbst wie ein Protein
senschaftler nach Alternativen, die auch beim und neuer Tricks, wie Krebszellen diese umgehen. wirkt, das Krebs auslöst.

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P r o f. D r . R e g i n e H e n g g e

A B C D

R e g i n e H e n g g e , geboren am 2. November 1956, hat an der Universität Konstanz Biologie studiert und
dort 1994 auf dem Gebiet der Mikrobiologie und Genetik habilitiert. Den Landes­forschungspreis bekam
sie 1996 während ihrer Zeit als Hochschuldozentin in Konstanz. Seit 1998 ist sie Inhaberin des Lehrstuhls
für Mikrobiologie des Fachbereichs Biologie/Chemie/Pharmazie an der Freien Universität Berlin und
Molekulare Vorgänge bei der Aktivierung des Stress­gens proP in Escherichia coli. Das proP-Gen ist beteiligt an der osmotischen Stressresistenz der Bakterien.
Leiterin des Bereichs Mikrobiologie.
Gezeigt ist seine Kontrollregion (A) mit den Bindestellen für diverse Regulatorproteine (CRP, Fis, σ S). Das Enzym RNA-Polymerase (mit den Untereinheiten in
verschiedenen Farben dargestellt, σ S in Grün) und das Protein Fis binden an die DNA in der Kontrollregion des proP-Gens (in B und C in zwei verschiedenen
Konfigurationen). Vergrößert gezeigt ist die direkte Interaktion des Fis-Proteins sowie eines Teils des σ S-Proteins (σ4) mit der DNA (D).

Stress und soziales Leben im bakteriellen


Mikrokosmos
Bakterien sind Überlebenskünstler: Sie können mit Hilfe fein abgestimmter Mechanismen zur B a k t e r i e ll e B i o f i lm e – an, dass sich die meisten Bakterien in der Umwelt
Stressanpassung selbst die feindlichsten Lebensräume besiedeln – und sie sind in der Lage, unsere d i e u n t e r s c h ä t z t e G e fa h r in Biofilmen befinden. Die Bakterien bilden dabei
Abwehrmechanismen zu unterlaufen, wenn sie uns infizieren. Regine Hengge und ihr Team erforschen, In ihren Forschungsarbeiten verwendet die Berliner Proteine in ihrer Zellhülle, mit denen sie aneinan­
welche molekularen Regulationsmechanismen diesen Prozessen zugrunde liegen. Ziel ist es, Bakterien Forschergruppe das Modellbakterium Escherichia der und an Oberflächen haften, und sie umgeben
für biotechnologische Zwecke besser nutzbar zu machen und neue Strategien zu entwickeln, um bakte­ coli. Es ist einerseits ein harmloser oder sogar sich mit schützenden Substanzen. In diesem
rielle Infektionskrankheiten besser zu kontrollieren. probiotischer menschlicher Darmbewohner, Zustand sind Bakterien resistent gegen Antibiotika
andererseits kommt dieses Bakterium aber auch und Desinfektionsmittel. Sie können, wenn sie
Stress macht Bakterien erst richtig fit mangel, Hitze, Kälte und viele andere Stressbedin­ in Krankheit erregenden Varianten vor: Es ist für einen Wirtsorganismus infiziert haben, auch die
Bakterien sind zwar winzige Einzeller, stellen aber gungen sehr viel besser als bislang angenommen. die meisten Harnweginfektionen verantwortlich, Attacken des Immunsystems unbeschadet über­
den größten Anteil der Biomasse auf der Erde. Regine Hengge gelang es mit ihrer Arbeitsgruppe, die in westlichen Ländern eine Volkskrankheit stehen. Daher spielen Biofilme bei chronischen
Sie beeinflussen die Stoffkreisläufe in der Umwelt die komplexen molekularen Mechanismen aufzu­ darstellen, sowie für Darminfektionen, die in der Infektionen eine wichtige Rolle. Biofilme sind aus
maßgeblich – und damit unser Klima. Zwar sind klären, mit denen Bakterien sich an Stress aller Art Dritten Welt zu einer hohen Kinder­sterblichkeit medizinischer und technischer Sicht hoch proble­
Bakterien in der Biotechnologie und Lebensmittel­ anpassen, um ihr Überleben und ihre Vermehrung führen. Aufgrund ihrer vielfältigen Stressanpas­ matisch und richten großen Schaden an.
herstellung unverzichtbar, können aber als Krank­ zu sichern. Bakterielle Stressantworten wurden sungsmechanismen können Escherichia coli und Die Forschungsarbeiten zur Kontrolle der bak­
heitserreger gefährlich werden. Lange Zeit wurden zu einem grundlegenden Modell für biologische andere Bakterien auch in unserer Umwelt bestens teriellen Biofilmbildung sind seit einigen Jahren
Bakterien im Labor immer unter Bedingungen Informationsverarbeitung. Diese Arbeiten führten überleben. Das weist darauf hin, dass die Umwelt Schwerpunkt der Arbeitsgruppe von Regine
untersucht, die optimales, schnelles Wachstum zu einem neuen Verständnis von Signalwahrneh­ als Reservoir für Krankheitserreger bisher deutlich Hengge: Sie eröffnen wichtige neue Perspektiven

1996
garantieren. Das entspricht jedoch keineswegs mungs- und Regulationsmechanismen, die sich auf unterschätzt wurde. zur Behandlung von bakteriellen Infektionen
ihrer natürlichen Umwelt oder ihren Lebensbe­ der Ebene der Gene und Proteine in Bakterien In den vergangenen Jahren zeigte sich, dass zu sowie zum Verständnis der Umwelt als Reservoir
dingungen im menschlichen Körper. abspielen. den bakteriellen Stressantworten auch die Bildung von Krankheitserregern. Ihre Ergebnisse sind von
Zu Beginn der 90er-Jahre konnten Regine Hengge so­genannter Biofilme gehört. Dabei handelt es sich grundlegender wissenschaftlicher Bedeutung und
und ihre Mitarbeiter beobachten, dass langsam oder um einen bei praktisch allen Bakterien vorkom­ bieten der Medizin eine hervorragende Ausgangs­
gar nicht wachsende Bakterien ganz neue Eigen­ menden „sozialen Lebensstil“, bei dem große position.
schaften entwickeln. Sie überleben Nahrungs­ Zellverbände gebildet werden. Heute nimmt man

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P r o f. D r . D r . h . c . W o lf g a n g B ü h l e r

W o l f g a n g B ü h l e r , geboren am 26. September 1943, hat in Stuttgart und München Mathematik


wirtschaftswissenschaftlicher Richtung studiert. Er promovierte an der RWTH Aachen, wo 1976 auch
seine Habilitation erfolgte. Seit 1990 ist Wolfgang Bühler Inhaber des Lehrstuhls für ABWL und
Finanzierung an der Universität Mannheim.
Zinsstrukturkurven im Segment der Bundesanleihen. Laufzeitabhängige Risikoprämien für das Zinsänderungs- Laufzeitabhängige Risikoprämien für das Kredit-
risiko. und Liquiditätsrisiko in der Ratingklasse BBB.

Risikomanagement in Kreditinstituten

Wolfgang Bühler untersucht seit vielen Jahren die Auswirkungen von Zinsänderungs-, Kredit- und schwierig ist es, das Liquiditätsrisiko zu erfassen. dass die Zerlegung der Prämien nach Kredit- und
Liquiditätsrisiken auf die Preise von Finanzinstrumenten, deren Wert sich unmittelbar auf einem Markt Das Forscherteam erfasst Liquiditäts­risiken ent­ Liquiditätsrisiko im Anleihemarkt wesentlich da­
bestimmt, wie zum Beispiel Aktien. Die Ergebnisse sind wichtig für Anlageentscheidungen und das sprechend zu den Ausfallrisiken in einem redu­ von abhängt, ob Liquiditätseffekte im CDS-Markt
Risiko­management in Kreditinstituten – gerade für Fragestellungen in Krisenzeiten. zierten Modell. berücksichtigt werden: Die Kreditrisikoprämie
reduziert sich dann um durchschnittlich 24 Basis­
Kurse von Anleihen unterliegen drei wesentlichen Anleihen und die dafür von Anlegern verlangten C D S - M a r k t: l e i c h t e r e T r e n n u n g v o n punkte zu Lasten der Liquiditätsrisikoprämie.
Risiken: dem Zinsänderungsrisiko, dem Kredit- Risikoprämien werden modellgestützt mithilfe K r e d i t- u n d L i q u i d i t ä t s r i s i k o p r ä m i e n

und dem Liquiditätsrisiko. Diese drei Risikoarten ökonometrischer Methoden geschätzt. Da die Mit Hilfe von Credit-Default-Swap (CDS) können Liquiditätsrisiken in

führen bei dem Inhaber einer Anleihe zu fallen­ Kurse lang laufender Anleihen von Zinsänderun­ sich Anleger gegen den Ausfall von Emittenten Risikomanagementsystemen

den Kursen. Beim Zinsänderungsrisiko aufgrund gen stärker betroffen sind als kurz laufende, ist zu absichern. Die Höhe der Prämien, die dafür ge­ Die Arbeit von Wolfgang Bühler zeigt, dass Liqui­
steigender Zinssätze, beim Kreditrisiko durch den erwarten, dass die Risikoprämien mit der Laufzeit zahlt werden, hängt primär vom Kreditrisiko ab. ditätsrisiken von Anleihen und Derivaten modell­
Ausfall des Emittenten und beim Liquiditätsrisiko einer Anleihe zunehmen. Die von Bühler ermit­ Aber auch Liquiditätsrisiken sind in CDS-Märkten mäßig erfasst werden können und innerhalb des
durch die Schwierigkeit, einen Käufer zu finden. telten Ergebnisse erlauben es, diesen Effekt zu von Bedeutung. Ihre Modellierung stellt eine be­ Risikomanagements berücksichtigt werden müssen.
Die aktuelle Finanzkrise zeigt, wie wichtig das quantifizieren. sondere Herausforderung dar, weil CDS Derivate
Verständnis dieser Risikokomponenten für das sind und damit keiner Angebotsbeschränkung
Risikomanagement von Zinsbüchern ist. In diesen S c h w i e r i g e T r e n n u n g v o n K r e d i t- u n d unter­liegen.
sind sämtliche Festzins- und variablen Zinspositi­ Liquiditätsrisikoprämien Die Frage, ob die Liquidität von CDS-Märkten für

1998
onen eines Kreditinstituts zusammengefasst. In analoger Weise schätzt die Forschergruppe um die Identifikation von Kredit- und Liquiditäts­
Wolfgang Bühler aus den Kursen ausfallgefährde­ risikoprämie in Anleihemärkten von Bedeutung ist,
Prämien für Zinsänderungsrisiken ter Anleihen modellgestützt zusätzliche Risikoprä­ kann nur empirisch beantwortet werden. Hierzu
leicht zu isolieren mien für das gemeinsame Kredit- und Liquiditäts­ führte die Gruppe eine aufwendige Schätzung
Bei ungewissen zukünftigen Zinssätzen sind An­ risiko. Die Trennung dieser Risikoprämie in einen eines Vier-Faktor-Modells für Anleihekurse und
leger dem Risiko einer Zinsänderung ausgesetzt. Kredit- und einen Liquiditätsrisikoteil erfolgt auf CDS-Prämien durch, für die interne Daten einer
Das Zinsänderungsrisiko für ausfallrisikofreie Basis eines ökonomischen Modells. Besonders Großbank verwendet wurden. Das Ergebnis zeigt,

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P r o f. D r . D r . h . c . I n a R ö s i n g

I n a R ö s i n g , geboren am 4. Februar 1942, ist Experimentalpsychologin, Wissenschaftssoziologin, Kultur­


anthropologin und Psychotherapeutin. Sie habilitierte sich 1975 in Konstanz und betreibt seit 25 Jahren
Feldforschung in den Anden sowie im tibetischen Kulturraum des Himalaja. Sie leitet als Direktorin das
Institut für Kulturanthropologie am Universitätsklinikum Ulm.
Q’owa-Ritual aus dem Dorf Amarete mit den zehn Zwillings-Ritual von Isidro Paye aus Upinhuaya. Die Kallawaya-Heilerin Santusa Quispe aus Chajaya.
symbolischen Geschlechtern. (Anden, Kallawaya-Region, Bolivien) (Anden, Kallawaya-Region, Bolivien)
(Anden, Kallawaya-Region, Bolivien)

Heilung und Werteverständnis A n a ly s e u n d t r a n s k u lt u r e ll e r N at u r g e w a lt e n s o r g e n f ü r s o z i a l e

Vergleich S ta b i l i t ä t

in fremden Kulturen Vor rund 15 Jahren begann Ina Rösing mit ihren Ihr Werk „Rituale zur Rufung des Regens“ aus dem
Forschungen in Zentral-Ladakh und in der Hoch­ Bereich Kulturanthropologie, Ethnomedizin und
Mit ihren Forschungsarbeiten ist Ina Rösing auf zwei Kontinenten aktiv: Die Schwerpunkte ihrer ebene der Changthang-Region, einer tibetischen Psychotherapie, Ritualforschung und Religions­
bereits über 25 Jahre laufenden Feldforschungen liegen in den Hochanden Boliviens, am Titicacasee und Provinz, die etwa 5.000 m über dem Meeresspiegel wissenschaft galt als Meilenstein: Der Forscherin
in Peru sowie seit 1993 in der Changthang-Region von Ladakh an der Grenze zu China. Im Mittelpunkt liegt. Dort untersuchte sie die individuellen Hei­ war es gelungen, die Vorstellungskraft des Indianer­
ihrer Forschungsarbeiten stehen Medizinmänner, Schamanen und Ritualisten. lungsrituale der Schamanen und Schamaninnen, stammes der Kallawayas in den Hochanden von
vor allem unter den Changpa-Nomaden. Bolivien zu erschließen und zu dokumentieren,
Ihr Hauptaugenmerk richtet Ina Rösing auf die rituale untersucht, die jeweils über viele Stunden Sieben Jahre war die Wissenschaftlerin für die Feld­ wie die Naturgewalten des Hochgebirges als Göt­
Rituale von Heilern, die Beziehung zwischen tradi­ andauerten. Dabei begnügte sich die Wissen­ forschungen von ihrer Professur an der Universität ter und Dämonen in die menschliche Sphäre mit
tioneller Anden-Religion und Christentum sowie schaftlerin nicht mit dem Beobachten, sondern Ulm beurlaubt. Sie hat viele Monate in den Anden einbezogen werden.
Schamanismus-Religion und Buddhismus. Ziel der dokumen­tierte alle Ritualabläufe in Bild, Ton und und im Himalaja verbracht und die Sprachen Que­ Auf diese Weise konnte sie zeigen, wie sorgfältig
Direktorin des Instituts für Kulturanthropologie Text – in der Sprache Quechua. chua, Ladakhi und Aymara, Tibetisch und Hindi eingehaltene Traditionen das psychisch-moralische
des Universitätsklinikums Ulm ist es, die fremden Alle Heilungsrituale sind eingebunden in die andine gelernt. Daraus sind mehr als 30 wissenschaftliche Gleichgewicht der Anden-Bewohner über Jahrhun­
Kulturen und ihre Heilungs- und Werte-Praxis mit Religion, die Opfergabenbereitungen, die An­ru­ Monografien entstanden. Sie vergleichen die derte stabilisiert und damit ihr Überleben unter
denen der westlichen Kultur zu vergleichen. fung der Mutter Erde, der heiligen Orte, Seen und dokumentierten Heilungsrituale mit den westlichen härtesten Lebensbedingungen gesichert hat. Neben
Quellen und des sakralen Windes, des Ankari. Psychotherapien und der Theorie der Symboli­ den Pionierleistungen, die sie mit ihrer intensiven
R i t u a l e a l s Q u e ll e f ü r H e i l u n g Dazu gehören auch die vielfältigen, über mehrere schen Heilung. Es gelang der Kulturanthropologin, Feldforschung erbrachte, zeigte die Arbeit, welche
Einfache Hütten aus Erdbacksteinen, Wellblech Tage und Nächte andauernden Kollektivrituale der westliche Werte und psychosomatische Belastun­ Vorstudien betrieben werden müssen, um sicher­
und Stroh sind zum zweiten Zuhause geworden einzelnen Dörfer der Kallawaya-Region. Die hier gen im Vergleich zu denen fremder Kulturen zu zustellen, dass sich zum Beispiel wohlgemeinte

1993
für Ina Rösing. Die Forscherin ist daran gewöhnt, ansässigen Menschen schicken rituelle Boten zu betrachten. Entwicklungsprojekte nicht zum Schaden der Emp­
mit Medizinmännern und Ritualisten auf heilige den heiligen Bergen und Quellen, die dort Opfer­ fänger auswirken.
Andengipfel zu ziehen. Sie weiß, wie man dem gaben vorbereiten und Wasser für die Weihung Unterschiedliche Forschungsfinanzierungen haben
Blitz, den Quellen und den anderen Gottheiten schöpfen. Ina Rösing bei ihren mehr als 50 Forschungsreisen
der Anden Opfergaben bringt und sie in langen in die Anden und in den Himalaja unterstützt.
Anrufungen ehrt. In den Anden hat sie über 200 Ab Februar 2010 wird sie für das Institut für Trans­
sogenannte weiße, graue und schwarze Heilungs­ kulturelle Forschung e. V. (ITRAFO) tätig sein.

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P r o f. D r . D i e t m a r V e s t w e b e r

D i e t m a r V est we b e r , geboren am 16. März 1956, hat in Tübingen und München Biochemie studiert.
Er habilitierte 1990 am Biozentrum der Universität Basel. Den Landesforschungspreis erhielt er während
seiner Zeit am Hans-Spemann-Laboratorium des Max-Planck-Instituts für Immun­biologie in Freiburg.
Seit 2001 ist er Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin in Münster.
Entzündung im Muskelgewebe der Maus: Zellkon- Immunhistochemische Darstellung eines neuen endothel­ Ein neuer Mechanismus zur Regulation endothelialer
takte der Endothelzellen (grün), Leukozyten (rot) spezifischen Zelloberflächenantigens der „tight junctions“. Zellkontakte.
sind teilweise schon ins Gewebe eingedrungen. Endothel: rotbraun, umgebendes Gewebe: blau.

Wie Leukozyten Entzündungsherde finden

Die kontrollierte Wanderung von weißen Blutkörperchen, den Leukozyten, durch den Organismus halten, damit sie anschließend in den Entzündungs­ teins (mit dem Namen ESAM), das spezifisch nur an
bildet die Grundlage für die Immunüberwachung und die Regulation der Immunabwehr. Die Einwan­ herd einwandern können. ganz bestimmten Verbindungen („tight junctions“)
derung von Leukozyten aus dem Blut in das Gewebe ist der entscheidende Vorgang, der Entzündungen Weitere Untersuchungen dieses Abfangmechanis­ zwischen Endothelzellen gefunden wird und das
initiiert und in Gang hält. Das Wissen über die molekularen Mechanismen dieses Prozesses eröffnet neue mus führten zur Aufklärung eines genetischen im Organismus bei der Öffnung des Endothels für
therapeutische Möglichkeiten. Defekts: Fehlen die Bindungspartner der Selektine, Leukozyten eine wichtige Rolle spielt. Außerdem
leiden die betreffenden Patienten unter einer gelang ihm vor Kurzem die Entdeckung eines neuen
Infektionsherde finden sich normalerweise nicht Das Verständnis der molekularen Mechanismen, lebensbedrohlichen Immundefizienz. Vestweber Mechanismus zur Kontrolle der Stabilität der Zell­
im Blut, sondern im Körpergewebe außerhalb der die die Einwanderung von Leukozyten ins Gewebe konnte zeigen, dass dieser Gendefekt einen kontakte während der Leukozyten-Auswanderung.
Blutgefäße. Deshalb müssen die Abwehrzellen des kontrollieren, ist entscheidend, um in den Entzün­ zentralen Schritt im Aufbau bestimmter Kohlen­ Dieser Mechanismus hat wahrscheinlich über die
Körpers, die Leukozyten, in der Lage sein, aus dem dungsprozess heilend eingreifen zu können. hydratstrukturen betrifft. Es gelang ihm, das ent­ Auswanderung von Leukozyten hinaus generelle
strömenden Blut heraus Infektionsherde im Körper sprechende Gen zu identifizieren. Bedeutung für die Durchlässigkeit von Blutgefäßen.
zu orten und in sie einzudringen. Die eingewan­ K o n t r o ll e u r e i m K ö r p e r Dietmar Vestweber konnte weitere Membranpro­
derten Leukozyten wehren die Krankheitserreger Dietmar Vestweber und seinem Team ist es ge­lun­ N e u e n P r o t e i n e n a u f d e r Sp u r teine in Endothel und Leukozyten ermitteln, die
im Entzündungsherd ab oder entsorgen geschä­ gen, eine Reihe von neuen molekularen Mecha­nis­ Seit einigen Jahren befasst sich die Arbeitsgruppe bei der Überwindung der Basalmembran als zweite
digte körpereigene Zellen, um auf diese Weise den men zu entschlüsseln, welche die Einwanderung nun mit der Frage, wie Leukozyten die Blutgefäß­ Barriere notwendig sind.
Heilungsprozess einzuleiten. Werden sie daran von Leukozyten in Gewebe kontrollieren. So wand durchdringen, ohne Schädigungen zu hinter­ Insgesamt gelang es dem Gründungsdirektor des
gehindert, diese Aufgabe wahrzunehmen, kann das konnten sie zunächst einen neuen Bindungs­ lassen. Dabei müssen die weißen Blutkörperchen Max-Planck-Instituts für Molekulare Biomedizin

1993
tödliche Folgen haben. Andererseits können aber partner für eine bestimmte Art von Molekülen zwei Barrieren überwinden: das Endothel, dessen in Münster, eine ganze Reihe neuer molekularer
auch zahlreiche Prozesse die Einwanderung von zur Zellverbindung, den Selektinen, identifizieren. Zellen die Gefäßwände auskleiden, und die darun­ Mechanismen zu identifizieren, die die Einwande­
Phagozyten, sogenannten Fresszellen, so potenzie­ Die Selektine und ihre Bindungspartner sorgen im terliegende Basalmembran. Sie besteht nicht aus rung von Leukozyten in Gewebe vermitteln. Das
ren, dass es zu Überreaktionen und zum unkon­ Entzündungsfall für die Kontaktaufnahme zwischen Zellen, sondern aus Proteinen. Vestweber konnte liefert neue Ansatzpunkte, um in die Entstehung
trollierten Angriff der Leukozyten auf gesundes weißen Blut­körperchen und Gefäßwand. Die passiv mehrere neue molekulare Schritte in dem Wande­ und den Ablauf von Entzündungen therapeutisch
Gewebe kommt – ein Vorgang, der zu Allergien im Blutstrom treibenden Leukozyten werden im rungsprozess definieren. So gelang ihm die Identifi­ einzugreifen.
und chronischen Entzündungen führen kann. Gefäß direkt beim Entzündungsgeschehen festge­ zierung eines bis dahin unbekannten Membranpro­

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P r o f. D r . D r . h . c . m u lt. W i ll i J ä g e r

W i l l i J ä g e r , geboren am 15. August 1940, studierte Mathematik und Physik an der Universität in
München. 1969 habilitierte er an der Universität Göttingen. Seit 1974 hat er einen Lehrstuhl am Institut
für angewandte Mathematik an der Universität Heidelberg inne. Bis 1998 war er Geschäftsführender
Direktor des Interdisziplinären Zentrums für wissenschaftliches Rechnen (IWR) das er 1987 gegründet hat.
Die transparente Darstellung eines Zellkerns Das Wachstum von Pflanzen lässt sich durch mathe­ Ergebnisse von Simulationen von solchen Modellsys-
(Dartu C., IWR). Der Transport von Substanzen und matisch formulierbare Gesetze und Rechenregeln temen wieder und zeigen einen Maprang-Baum und
die Ausbreitung von Signalen laufen in komplexen beschreiben, welche die Prozesse in den Pflanzen und Zweige eines Gummibaumes.
Strukturen ab, deren mathematische Modellierung ihrer Umwelt modellieren. Die Abbildungen geben die (Chuai-Aree S., IWR, 2006)
neue Methoden erfordert.

Dem Leben auf der Spur –


Mathematik für die Lebenswissenschaften
Können biologische Prozesse mit mathematischen Modellen beschrieben und berechnet werden? zwischen mehreren Phasen Muster entstehen. von Informationen. Diese kann nur mit quantitati­
Willi Jäger und sein Team zeigen, dass mathematische Methoden und leistungsfähige Rechner wichtige Daraus ergibt sich die Annahme, dass dieses Prin­ ven Konzepten bewältigt werden, die auf das
Werkzeuge sind, um Prozesse in Zellen, Geweben, Organen, Lebewesen und in biologischen Populatio­ zip für viele biologische Prozesse zutrifft, die zu Wesentliche reduzieren. Die Forschungsarbeiten
nen besser zu verstehen und zu steuern. Struktur­bildung führen. von Willi Jäger und ihre Ergebnisse beruhen auf
Darüber hinaus konnten die Wissenschaftler die einer engen, fächerübergreifenden Kooperation
M at h e m at i s c h e B e s c h r e i b u n g So gelang es dem Forscher, Modellgleichungen mathematische Modellierung und Simulation von mit Biologen und Medizinern. Der Landes­
biologischer Systeme für den Transport von Partikeln durch Membra­ Pflanzenwachstum, insbesondere von Wurzel­ forschungspreis wirkte wie ein Katalysator, der
Prozesse in biologischen Systemen sind in der Re­ nen abzuleiten, die mikroskopische Strukturen systemen, weiter entwickeln. Die so gewonnenen entscheidend half, die Arbeitsgruppe stärker auf
gel komplex, ebenso ihre mathematischen Modell­ und Prozesse einbeziehen. Außerdem modellierte Einsichten sind sowohl für landwirtschaftliche als die Biowissenschaften auszurichten.
gleichungen. Dennoch erweisen sich Modell­ er den Einfluss chemischer Substanzen auf die auch für biotechnologische Problemstellungen von
bildung und Simulation als nützlich, um biologi­ Mechanik der Zellen und bestimmte daraus den Nutzen.
sche Vorgänge zu klären: Sie helfen beispielsweise, Effekt auf die Durchlässigkeit eines Gewebes. Sol­ Mit Hilfe von Simulation und Modellbildungsver­
die Wirkungsweise von Organen und die Dynamik che Ergebnisse sind insbesondere für medizinische fahren untersuchten Jäger und sein Team außer­
ökologischer Systeme quantitativ zu beschreiben. Anwendungen von Bedeutung, zum Beispiel bei dem Prozesse in Netzwerken von Gefäßen: Hier
Entzündungen von Gefäßwänden. waren die Strömung – insbesondere in vernetzten
Sk a l e n i n B i o s y s t e m e n Auch für die Entwicklung von Organismen und Blutgefäßen –, der Transport von Partikeln und
Die Molekularbiologie liefert Informationen über die Strukturbildung in Populationen von Mikro­ deren Wechselwirkung mit flexiblen und wegen

1994
Prozesse, die für einzelne Zellen, Gewebe und organismen sind die Ergebnisse wichtig. Willi Jäger Ablagerungen zeitlich veränderlichen Wänden
Organe wichtig sind. Bislang war es schwierig, und sein Team haben die Dynamik von Rezepto­ Gegenstand der Forschungen. Dabei stand die
Aussagen auf einer höheren Skala für ganze Orga­ ren auf Zellwänden und von Signalen in Zellen Bildung von Thrombosen im Vordergrund.
nismen als Ganzes so zu beschreiben, dass wichtige erfolgreich in die Modellgleichungen für Muster­
Informationen erhalten und die resultierenden bildung einbezogen. Speziell in Bakterienkolonien Q u a n t i t at i v e B i o w i s s e n s c h a f t e n

Modelle berechenbar bleiben. Die Arbeit von konnten sie nachweisen, dass in Systemen mit Die molekularen Biowissenschaften liefern mit
Willi Jäger hat hierzu wesentliche Beiträge geleistet. Diffusion und Reaktionen durch Schalten neuester Mikro- und Nanotechnologie eine Flut

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P r o f. D r . M a r g o t Z ö ll e r
P r o f. D r . P e t e r h e r r l i c h

M a rg ot Z ö l l e r , geboren am 7. Mai 1943, studierte Medizin und Psychologie an Universitäten Würz­


burg, Berlin, Heidelberg. Sie habilitierte sich 1983 am DKFZ Heidelberg und ist seit 1994 Professorin
für angewandte Genetik an der Universität Karlsruhe, wo sie auch die Abteilung Tumorprogression und
Tumorabwehr des DKFZ leitet.
P e t e r H e r r l i c h , geboren am 10. November 1940, studierte Medizin an der LMU München und habilitierte
sich an der FU Berlin in Biochemie und Molekularbiologie. 1977 wurde er zum Universitätsprofessor für
Peter Herrlich und Margot Zöller gelang es, das neu entdeckte Oberflächenmolekül, welches den Schlüssel zur ungehinderten Bewegung der Krebszellen im
Genetik an die Universität Karlsruhe berufen und mit der Leitung des Instituts für Toxikologie und Genetik des
Körper darstellte, zu blockieren. Dafür setzten sie spezifische Antikörper und kleine Proteinfragmente ein. Aktuell suchen die Wissenschaftler nach Alternativen,
dortigen Forschungs­zentrums betraut. Seit 2003 ist er Direktor des Leibniz-Instituts für Altersforschung in Jena. die auch beim Menschen wirksam sind.

Die Tricks der Krebszellen, Absiedelungen


im Körper zu bilden
Wenn sich Tumorzellen von einer primären Krebsgeschwulst lösen, im Körper vagabundieren und So haben normale Körperzellen zum Beispiel eine Mit ihrer Arbeit an einem „einfachen“ Protein auf
an neuer Stelle Metastasen bilden, dann sinkt die Aussicht auf eine erfolgreiche Therapie der Krebs­ eingebaute Bremse, die wirkt, wenn der Platz durch der Oberfläche von Krebszellen haben Zöller und
erkrankung. Mobilität bleibt im Körper normalerweise ganz wenigen Zelltypen vorbehalten, etwa den eine andere Zelle bereits besetzt ist. Besonders gut Herrlich zur Entdeckung eines ganzen Netzwerks
weißen Blutkörperchen als zentralen Bestandteilen der Immunabwehr. Warum aber breiten sich manche lässt sich das beim Heilen einer Wunde beobachten: von krebsfördernden und krebshemmenden
Krebszellen ebenfalls im Körper aus und überwinden dabei Hindernisse und Distanzen? Eine Frage von Der Schnitt in die Haut führt zu Wachstumsmobi­ Mechanismen in Zellen beigetragen. Weil Krebs
zentraler Bedeutung für die Medizin, auf die die Arbeitsgruppen um Margot Zöller und Peter Herrlich lisierung und Vermehrung der Hautzellen. Sowie kein einfach zu lösendes Problem ist, darf die
wichtige Antworten gefunden haben. die Wunde geschlossen ist, also die Zellen sich zunehmende Komplexität, die steigende Zahl
berühren, wird das Wachstum eingestellt. CD44 von zellulären Komponenten, nicht verwundern.
Die Forscher gelangten auf die Spur eines Pro­ Menschen wirksam sind; Proteinfragmente werden ist eines der Proteine an der Zelloberfläche, die Gleichzeitig ergeben sich daraus jedoch Ideen, wie
teins, das auf der Oberfläche metastasierender im menschlichen Körper zu leicht zerstört. registrieren, wenn die Zellen aneinanderstoßen der Krebsprozess unterbrochen werden könnte.
Tumoren stark vermehrt vorkam. Sie fanden und den Wachstumsprozess stoppen. Die „Bremse“,
heraus, dass die Tumorzellen nur dann durch P r o t e i n e , d i e T u m o r e n h e mm e n selbst ein Protein, haben die Wissenschaftler eben­
den Körper wandern können, wenn das Ober­ Unsere normalen Körperzellen beherbergen falls identifiziert: Fehlt „Merlin“ oder hat es einen
flächenmolekül „CD 44v6“ vorhanden ist. Es ver­ ver­schie­denste Mittel, um die Entgleisung zur Defekt, wird Krebs­bildung ausgelöst.
anlasst die Bildung eines ganzen Komplexes von Krebs­entartung zu verhindern. Man nennt sie
Proteinen, von denen einzelne bei der Entstehung Tumor-Suppressoren. Krebs entsteht, wenn diese M e r l i n - Ak t i v i e r u n g u n d w i e T u m o r -

von Tumoren eine hervorgehobene Rolle spielen. „Verhinderer“ aus dem Weg geräumt werden. z e ll e n s i e u m g e h e n

1995
Herrlich und Zöller gelang es, das neu entdeckte Dass die tumor- und metastasenfördernde Funktion Alle Zellen tragen Merlin in sich, allerdings in
Oberflächenmolekül, welches den Schlüssel zur des CD44v6 verhindert werden muss, damit die einer inaktiven Form. Bei Zell-Zell-Kontakt wird
ungehinderten Bewegung der Krebszellen im Tumorsuppression funktioniert, hat vor kurzem es aktiviert und arbeitet dann als Bremse. Dafür
Körper darstellte, in vivo zu blockieren. Dafür eine Forschergruppe am MIT herausgefunden. Die ist ein Enzym zuständig, das die Tumoren mit
setzten sie spezifische Antikörper und kleine Arbeit des Herrlich-Labors am Oberflächenmolekül einem Trick umgehen: Sie stellen einen Hemmer
Proteinfragmente ein. Aktuell suchen die Wis­ führte zur Entdeckung neuer Tumor-Suppressoren des Enzyms her, der dann selbst wie ein Protein
senschaftler nach Alternativen, die auch beim und neuer Tricks, wie Krebszellen diese umgehen. wirkt, das Krebs auslöst.

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P r o f. D r . R e g i n e H e n g g e

A B C D

R e g i n e H e n g g e , geboren am 2. November 1956, hat an der Universität Konstanz Biologie studiert und
dort 1994 auf dem Gebiet der Mikrobiologie und Genetik habilitiert. Den Landes­forschungspreis bekam
sie 1996 während ihrer Zeit als Hochschuldozentin in Konstanz. Seit 1998 ist sie Inhaberin des Lehrstuhls
für Mikrobiologie des Fachbereichs Biologie/Chemie/Pharmazie an der Freien Universität Berlin und
Molekulare Vorgänge bei der Aktivierung des Stress­gens proP in Escherichia coli. Das proP-Gen ist beteiligt an der osmotischen Stressresistenz der Bakterien.
Leiterin des Bereichs Mikrobiologie.
Gezeigt ist seine Kontrollregion (A) mit den Bindestellen für diverse Regulatorproteine (CRP, Fis, σ S). Das Enzym RNA-Polymerase (mit den Untereinheiten in
verschiedenen Farben dargestellt, σ S in Grün) und das Protein Fis binden an die DNA in der Kontrollregion des proP-Gens (in B und C in zwei verschiedenen
Konfigurationen). Vergrößert gezeigt ist die direkte Interaktion des Fis-Proteins sowie eines Teils des σ S-Proteins (σ4) mit der DNA (D).

Stress und soziales Leben im bakteriellen


Mikrokosmos
Bakterien sind Überlebenskünstler: Sie können mit Hilfe fein abgestimmter Mechanismen zur B a k t e r i e ll e B i o f i lm e – an, dass sich die meisten Bakterien in der Umwelt
Stressanpassung selbst die feindlichsten Lebensräume besiedeln – und sie sind in der Lage, unsere d i e u n t e r s c h ä t z t e G e fa h r in Biofilmen befinden. Die Bakterien bilden dabei
Abwehrmechanismen zu unterlaufen, wenn sie uns infizieren. Regine Hengge und ihr Team erforschen, In ihren Forschungsarbeiten verwendet die Berliner Proteine in ihrer Zellhülle, mit denen sie aneinan­
welche molekularen Regulationsmechanismen diesen Prozessen zugrunde liegen. Ziel ist es, Bakterien Forschergruppe das Modellbakterium Escherichia der und an Oberflächen haften, und sie umgeben
für biotechnologische Zwecke besser nutzbar zu machen und neue Strategien zu entwickeln, um bakte­ coli. Es ist einerseits ein harmloser oder sogar sich mit schützenden Substanzen. In diesem
rielle Infektionskrankheiten besser zu kontrollieren. probiotischer menschlicher Darmbewohner, Zustand sind Bakterien resistent gegen Antibiotika
andererseits kommt dieses Bakterium aber auch und Desinfektionsmittel. Sie können, wenn sie
Stress macht Bakterien erst richtig fit mangel, Hitze, Kälte und viele andere Stressbedin­ in Krankheit erregenden Varianten vor: Es ist für einen Wirtsorganismus infiziert haben, auch die
Bakterien sind zwar winzige Einzeller, stellen aber gungen sehr viel besser als bislang angenommen. die meisten Harnweginfektionen verantwortlich, Attacken des Immunsystems unbeschadet über­
den größten Anteil der Biomasse auf der Erde. Regine Hengge gelang es mit ihrer Arbeitsgruppe, die in westlichen Ländern eine Volkskrankheit stehen. Daher spielen Biofilme bei chronischen
Sie beeinflussen die Stoffkreisläufe in der Umwelt die komplexen molekularen Mechanismen aufzu­ darstellen, sowie für Darminfektionen, die in der Infektionen eine wichtige Rolle. Biofilme sind aus
maßgeblich – und damit unser Klima. Zwar sind klären, mit denen Bakterien sich an Stress aller Art Dritten Welt zu einer hohen Kinder­sterblichkeit medizinischer und technischer Sicht hoch proble­
Bakterien in der Biotechnologie und Lebensmittel­ anpassen, um ihr Überleben und ihre Vermehrung führen. Aufgrund ihrer vielfältigen Stressanpas­ matisch und richten großen Schaden an.
herstellung unverzichtbar, können aber als Krank­ zu sichern. Bakterielle Stressantworten wurden sungsmechanismen können Escherichia coli und Die Forschungsarbeiten zur Kontrolle der bak­
heitserreger gefährlich werden. Lange Zeit wurden zu einem grundlegenden Modell für biologische andere Bakterien auch in unserer Umwelt bestens teriellen Biofilmbildung sind seit einigen Jahren
Bakterien im Labor immer unter Bedingungen Informationsverarbeitung. Diese Arbeiten führten überleben. Das weist darauf hin, dass die Umwelt Schwerpunkt der Arbeitsgruppe von Regine
untersucht, die optimales, schnelles Wachstum zu einem neuen Verständnis von Signalwahrneh­ als Reservoir für Krankheitserreger bisher deutlich Hengge: Sie eröffnen wichtige neue Perspektiven

1996
garantieren. Das entspricht jedoch keineswegs mungs- und Regulationsmechanismen, die sich auf unterschätzt wurde. zur Behandlung von bakteriellen Infektionen
ihrer natürlichen Umwelt oder ihren Lebensbe­ der Ebene der Gene und Proteine in Bakterien In den vergangenen Jahren zeigte sich, dass zu sowie zum Verständnis der Umwelt als Reservoir
dingungen im menschlichen Körper. abspielen. den bakteriellen Stressantworten auch die Bildung von Krankheitserregern. Ihre Ergebnisse sind von
Zu Beginn der 90er-Jahre konnten Regine Hengge so­genannter Biofilme gehört. Dabei handelt es sich grundlegender wissenschaftlicher Bedeutung und
und ihre Mitarbeiter beobachten, dass langsam oder um einen bei praktisch allen Bakterien vorkom­ bieten der Medizin eine hervorragende Ausgangs­
gar nicht wachsende Bakterien ganz neue Eigen­ menden „sozialen Lebensstil“, bei dem große position.
schaften entwickeln. Sie überleben Nahrungs­ Zellverbände gebildet werden. Heute nimmt man

22 23
P r o f. D r . D r . h . c . W o lf g a n g B ü h l e r

W o l f g a n g B ü h l e r , geboren am 26. September 1943, hat in Stuttgart und München Mathematik


wirtschaftswissenschaftlicher Richtung studiert. Er promovierte an der RWTH Aachen, wo 1976 auch
seine Habilitation erfolgte. Seit 1990 ist Wolfgang Bühler Inhaber des Lehrstuhls für ABWL und
Finanzierung an der Universität Mannheim.
Zinsstrukturkurven im Segment der Bundesanleihen. Laufzeitabhängige Risikoprämien für das Zinsänderungs- Laufzeitabhängige Risikoprämien für das Kredit-
risiko. und Liquiditätsrisiko in der Ratingklasse BBB.

Risikomanagement in Kreditinstituten

Wolfgang Bühler untersucht seit vielen Jahren die Auswirkungen von Zinsänderungs-, Kredit- und schwierig ist es, das Liquiditätsrisiko zu erfassen. dass die Zerlegung der Prämien nach Kredit- und
Liquiditätsrisiken auf die Preise von Finanzinstrumenten, deren Wert sich unmittelbar auf einem Markt Das Forscherteam erfasst Liquiditäts­risiken ent­ Liquiditätsrisiko im Anleihemarkt wesentlich da­
bestimmt, wie zum Beispiel Aktien. Die Ergebnisse sind wichtig für Anlageentscheidungen und das sprechend zu den Ausfallrisiken in einem redu­ von abhängt, ob Liquiditätseffekte im CDS-Markt
Risiko­management in Kreditinstituten – gerade für Fragestellungen in Krisenzeiten. zierten Modell. berücksichtigt werden: Die Kreditrisikoprämie
reduziert sich dann um durchschnittlich 24 Basis­
Kurse von Anleihen unterliegen drei wesentlichen Anleihen und die dafür von Anlegern verlangten C D S - M a r k t: l e i c h t e r e T r e n n u n g v o n punkte zu Lasten der Liquiditätsrisikoprämie.
Risiken: dem Zinsänderungsrisiko, dem Kredit- Risikoprämien werden modellgestützt mithilfe K r e d i t- u n d L i q u i d i t ä t s r i s i k o p r ä m i e n

und dem Liquiditätsrisiko. Diese drei Risikoarten ökonometrischer Methoden geschätzt. Da die Mit Hilfe von Credit-Default-Swap (CDS) können Liquiditätsrisiken in

führen bei dem Inhaber einer Anleihe zu fallen­ Kurse lang laufender Anleihen von Zinsänderun­ sich Anleger gegen den Ausfall von Emittenten Risikomanagementsystemen

den Kursen. Beim Zinsänderungsrisiko aufgrund gen stärker betroffen sind als kurz laufende, ist zu absichern. Die Höhe der Prämien, die dafür ge­ Die Arbeit von Wolfgang Bühler zeigt, dass Liqui­
steigender Zinssätze, beim Kreditrisiko durch den erwarten, dass die Risikoprämien mit der Laufzeit zahlt werden, hängt primär vom Kreditrisiko ab. ditätsrisiken von Anleihen und Derivaten modell­
Ausfall des Emittenten und beim Liquiditätsrisiko einer Anleihe zunehmen. Die von Bühler ermit­ Aber auch Liquiditätsrisiken sind in CDS-Märkten mäßig erfasst werden können und innerhalb des
durch die Schwierigkeit, einen Käufer zu finden. telten Ergebnisse erlauben es, diesen Effekt zu von Bedeutung. Ihre Modellierung stellt eine be­ Risikomanagements berücksichtigt werden müssen.
Die aktuelle Finanzkrise zeigt, wie wichtig das quantifizieren. sondere Herausforderung dar, weil CDS Derivate
Verständnis dieser Risikokomponenten für das sind und damit keiner Angebotsbeschränkung
Risikomanagement von Zinsbüchern ist. In diesen S c h w i e r i g e T r e n n u n g v o n K r e d i t- u n d unter­liegen.
sind sämtliche Festzins- und variablen Zinspositi­ Liquiditätsrisikoprämien Die Frage, ob die Liquidität von CDS-Märkten für

1998
onen eines Kreditinstituts zusammengefasst. In analoger Weise schätzt die Forschergruppe um die Identifikation von Kredit- und Liquiditäts­
Wolfgang Bühler aus den Kursen ausfallgefährde­ risikoprämie in Anleihemärkten von Bedeutung ist,
Prämien für Zinsänderungsrisiken ter Anleihen modellgestützt zusätzliche Risikoprä­ kann nur empirisch beantwortet werden. Hierzu
leicht zu isolieren mien für das gemeinsame Kredit- und Liquiditäts­ führte die Gruppe eine aufwendige Schätzung
Bei ungewissen zukünftigen Zinssätzen sind An­ risiko. Die Trennung dieser Risikoprämie in einen eines Vier-Faktor-Modells für Anleihekurse und
leger dem Risiko einer Zinsänderung ausgesetzt. Kredit- und einen Liquiditätsrisikoteil erfolgt auf CDS-Prämien durch, für die interne Daten einer
Das Zinsänderungsrisiko für ausfallrisikofreie Basis eines ökonomischen Modells. Besonders Großbank verwendet wurden. Das Ergebnis zeigt,

24 25
P r e i s f ü r g r u n dl a g e n F o r s c h u n g

p r o f. d r . R e i n h a r t a h l r i c h s

R e i n h a rt A h l r i c h s wurde am 16. Januar 1940 in Göttingen geboren. Nach dem Studium der Physik
in Göttingen und München promovierte er in physikalischer Chemie. 1973 habilitierte er an der
Universität Karlsruhe (TH), wo er seit 1975 lehrt. Reinhart Ahlrichs erhielt zahlreiche Preise, darunter
die Liebig-Denkmünze (2000) von der Gesellschaft Deutscher Chemiker und die Bunsen-Denkmünze
Cadmiumselenid, gesamte Molekülgröße ca. 200 Ausschnitt Rechnerisch erstelle Kupferselenidverbindung.
(2000) von der Deutschen Bunsen-Gesellschaft.
bis 300 Atome; erstmals berechnet durch Reinhart Die neue Generation dieser Elektronentransistoren
Ahlrichs und synthetisiert durch interdisziplinäre übertrifft die Schaltgeschwindigkeit eines Silizium-
Zusammenarbeit mit Prof. Fenske, Universität chips um ein Vielfaches.
Karlsruhe.

Molekülpuzzle mit dem Computer


C o mp u t e r a l s k o s t e n g ü n s t i g e s W i e e n t s t e h e n S t o ff e ?

A n a ly s e g e r ä t Der größte Erfolg des Karlsruher Teams ist die


Der Quantenchemie gelingt es, mit mathematischen Berechnungen chemische Reaktionen zu Bedeutende Erkenntnisse zur Berechnung von Entwicklung des Programms TURBOMOLE, mit
erfassen. Mit Hilfe von Computern und ganz ohne Chemikalien eröffnet sie neue Strategien für die Molekülstrukturen und Reaktionsgeschwindig­ dessen Hilfe Strukturen, Bindungseigenschaften
Synthese, die Analyse und die Kontrolle chemischer Substanzen. Einer der herausragenden Wissen­ keiten kamen in den vergangenen Jahren aus den oder Stabilität von Molekülen mit bis zu 1.000
schaftler auf diesem Gebiet ist Reinhart Ahlrichs. USA, Deutschland und Skandinavien. Dabei waren Atomen und 10.000 Elektronen berechnet werden
es immer wieder die Vertreter der theoretischen können. Damit konnte erstmals der Übergang vom
Er und sein Team errechneten das, was oft nur sehr N at u r g e s e t z e m i t u n l ö s b a r e n Ausrichtung der physikalischen Chemie, die den Molekül zum ausgedehnten Festkörper, also die
schwierig zu messen und dadurch mit hohen Kos­ Gl e i c h u n g e n Experimentatoren Unterstützung und Erklärungs­ Entstehung von Materie, rechnerisch nachvollzo­
ten verbunden ist. Auch neuartige Moleküle lassen Während die klassische Chemie ihr Wissen ur­ hilfen bei der Interpretation ihrer Versuchser­ gen werden. Dieses Programm wird von Wissen­
sich auf dem Rechenweg finden und charakterisie­ sprüng­lich aus Beobachtung, Hypothesenbildung gebnisse lieferten. Reinhart Ahlrichs schätzt, dass schaftlern weltweit eingesetzt und ist für die rech­
ren. Die Wissenschaftler analysierten anhand von und Experimenten holte, war es Anliegen der Phy­ mindestens zehn Prozent der Fragen, die in der nerische Lösung vieler chemischer Fragestellungen
Eckdaten aus Experimenten, was im Reagenzglas sik, die dahinter stehenden Naturgesetze zu erken­ Chemie auftreten, rechnerisch zu lösen sind. Seine derzeit konkurrenzlos. Das Problem der Wissen­
wirklich entstanden ist und welche Eigenschaften nen und quantitativ zu beschreiben. Grundlegende Beiträge zur quantenchemischen Methodenent­ schaftler bei Näherungsverfahren ist, dass der Feh­
die neuen Verbindungen haben – sofern entspre­ Erkenntnisse zu Energiegesetzen im Atom lieferte wicklung und seine mathematischen Beweise zu ler immer konstant sein sollte. Ist er das nicht, so
chende Daten nicht gemessen werden können. zu Beginn des vorigen Jahrhunderts der dänische intermolekularen Wechselwirkungen sind weltweit ist ihre Rechnung praktisch nutzlos. Fehlschlüsse
Der Schlüssel dazu ist die von Werner Heisenberg Physiker Niels Bohr. Einige seiner Postulate waren richtungsweisend für andere Wissenschaftler. Mit und Fehleinschätzungen sind die Folge. In Medi­
und Erwin Schrödinger erstmals mathematisch richtungsweisend zur Klärung von Fragen wie: seinen Rechenmethoden und -programmen hat kamenten etwa können nicht erkannte spiegel­
beschriebene molekulare Quantenmechanik. Mit Warum senden Atome bei Energiezufuhr Licht Ahlrichs eine besonders kostengünstige Lösung für bildgleiche Moleküle wie die D- und L-Formen

1999
ihr lassen sich die Eigenschaften einer chemischen aus? Welcher atomare Aufbau und damit welche physikalisch-chemische Fragestellungen entwickelt, von Aminosäuren oder sogenannte Dipeptide zu
Verbindung auf die Bewegung der Elektronen chemischen Eigenschaften verbergen sich hin­ denn seine Berechnungen am Computer ersetzen schwerwiegenden Gesundheitsstörungen führen.
und deren Wechsel­wirkung mit den Atomkernen ter den sogenannten Linienspektren einzelner sehr kostenintensive Arbeiten zur Bestimmung Derartige Abweichungen oder Nebenprodukte
zurückführen. Elemente? Viele der komplexen physikalisch- von Moleküleigenschaften. können im Labormaßstab und ohne Tierversuche
chemischen Zusammenhänge konnten mit den erkannt werden, wenn Experimentator und
bisherigen Modellsystemen nicht erklärt werden. mathematischer Analytiker zusammenarbeiten –
zum Nutzen der Patienten.

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P r e i s f ü r A n g e wa n d t e F o r s c h u n g

P r o f. D r . Eb e r h a r d P. h o f e r
D r . c h r i s t i a n r e mb e

E b e r h a r d P. H o f e r wurde am 27. April 1940 geboren. Er studierte Mathematik und habilitierte sich an
der Universität Stuttgart. Nach Aufenthalten in den USA und Ordinarien an verschiedenen Universitäten
war er 1989 Gründungsdekan der Fakultät für Ingenieurwissenschaften der Universität Ulm. 1991 wurde
er Prorektor und seit Oktober 2007 ist er Institutsdirektor i. R.
C h r i st i a n R e m b e , geboren am 1. April 1968, studierte Physik an der Universität Hannover und forschte
dann als Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Mess-, Regel- und Mikrotechnik der Universität
Miniaturisiertes Visualisierungssystem MinVis mit Stereo-Hochgeschwindigkeits-Mikrodiagnostiksystem. Funktionsmuster zur Herstellung von Biochips.
Ulm. Nach der Promotion 1999 ging er für zwei Jahre an die University of California, Berkeley. Seit 2001
Mikrobauteil.
ist er Entwicklungsleiter Optik der Polytec GmbH.

Fotosafari in winzigen Bauteilen:


Wenn Unsichtbares sichtbar wird
Ob Mikrosysteme in der Biologie oder miniaturgroße Bauteile im Auto – winzige Systeme üben sind, im Bereich der mikroskopisch kleinen Bau­ Bubble-Jet, führte zum patentierten „Mikroaktor
wichtige Funktionen aus. Unregelmäßig ablaufende Bewegungen dieser kleinen Anordnungen dauern teile nicht mehr gelten. Auch ein Entwurfspara­ auf Diamantbasis“: Seine Bedeutung für die Hand­
oft nur eine Millionstel Sekunde und ließen sich bisher nicht exakt beobachten. Ein interdisziplinäres meter, wie beispielsweise die Federkonstante in habung von Flüssigkeiten auf kleinstem Raum geht
Forschungsteam um Eberhard P. Hofer und Christian Rembe hat es durch die Kopplung einer Hoch­ einem Mikrorelais, beeinflusst dessen Schalt­ver­ weit über den Tintendruck hinaus. In feinsten
geschwindigkeitskamera, eines Mikroskops und einer sehr intensiven Lichtquelle geschafft, diese extrem halten empfindlich. Injektionsnadeln findet er seine Anwendung
schnellen Vorgänge in Mikrosystemen in Echtzeit sichtbar zu machen. ebenso wie bei der Kraftstoffeinspritzung. Durch
K o o p e r at i o n a l s E r f o l g s p r i n z i p die Miniaturisierung des Messaufbaus gelang Hofer
Ihre neuen Erkenntnisse aus den Experimenten nennt man Hochgeschwindigkeits-Mikrokinema­ Die Kooperation mit Wissenschaftlern anderer und seinen Wissenschaftlern die Entwicklung des
kombinierten die Wissenschaftler mit mathema­ tografie: Die digitalisierten Bilddaten werden im Fachrichtungen und Institute sowie mit der transportablen Visualisierungssystems MinVis,
tischen Modellen, um die Abläufe vorhersagen zu Computer ausgewertet. Industrie gehört zum Erfolgsprinzip von Hofer welches in Kombination mit der Hochgeschwin­
können. Eine Herausforderung dabei ist nicht nur Die bisher eingesetzten stroboskopischen Verfahren und seinen Mitarbeitern. So konnte die Weiter­ digkeitskamera die Stereomikrodiagnostik extrem
die Größe bzw. Winzigkeit der Systeme, sondern konnten aufgrund der zeitlichen Versetzung der entwicklung der Kamera der Firma DRS Hadland schneller Bewegungen in Echtzeit erlaubt.
dass auch die Zeit im Land der Liliputs in unvor­ fotografischen Aufnahmen nur regelmäßig wieder­ Ltd. erfolgen. Mit dem Ernst-Mach-Institut in Mikrodosierung und Hochgeschwindigkeits-Kine­
stellbar kleine Einheiten teilbar ist. Ein fliegender kehrende Ereignisse darstellen. Was also zwischen Freiburg wurde die Hochleistungslichtquelle matografie liefern in Kombination mit mathe­
Tropfen Tinte in einem Tintenstrahldrucker hat den Verschlusszeiten der Kamera passierte, entging entwickelt und angepasst. Das Institut für Mikro­ matischer Modellbildung, Modellidentifikation
beispielsweise eine Lebensdauer von nur 100 Milli­ der Messung. Die neuen Messungen in Echtzeit strukturtechnik des Forschungszentrums Karlsruhe und Regelung nicht nur im technischen Bereich,
onstel Sekunden. erlauben den Wissenschaftlern die Diagnostik von steuerte sein technologisches Wissen bei und sondern auch für die Pharmaindustrie und die

1999
Mikrosystemen. Da der Schließmechanismus der überließ dem Team in Ulm Funktionsmuster von Medizin neue richtungsweisende Erkenntnisse.
G e s c h e h e n z w i s c h e n z w e i A u g e n bl i c k e n Kamera als Zeitgeber wirkt, ist ein Vergleich der mikroelektromechanischen Systemen (MEMS).
Die Wissenschaftler fotografieren mit einer Bild­ aufgezeichneten Messdaten mit den anhand von
frequenz von bis zu 100 Millionen Aufnahmen Modellen berechneten Verläufen möglich. Dieser M i n i at i s i e r u n g f ü r n e u e P r o d u k t e u n d

pro Sekunde – mikrometerscharf. Bei einer Be­­ Vergleich lässt eine Charakterisierung des Mikro­ Anwendungen

lichtungs­zeit von 10 Nanosekunden (Milliardstel systems zu. Dabei hat sich gezeigt, dass Material­ Die Visualisierung des Blasenwachstums beim
Sekunden), werden Bilder aufgenommen. Das parameter, wie sie aus Tabellenwerken bekannt thermischen Tintendrucker, dem sogenannten

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P r e i s f ü r g r u n dl a g e n F o r s c h u n g

P r o f. D r . A n g e l o s C h a n i o t i s

A n g e l o s C h a n i ot i s , geboren am 8. November 1959, studierte Geschichte, Archäologie und Klassische


Philiologie in Athen und Alte Geschichte, Klassische Archäologie sowie Ur- und Frühgeschichte in
Heidelberg, wo er sich 1992 auch habilitierte. Seit 2006 ist er Senior Research Fellow am All Souls
College in Oxford. 2010 wird er Professor für Alte Geschichte am Institute for Advanced Study
Graffitizeichnungen mit Gladiatorenkämpfen. Grabinschrift für einen jungen Mann, den der Tod von Die Weihung eines siegreichen Gladiators an „die
in Princeton.
(Aphrodisias, ca. 3. Jh. n. Chr.) seinen Lieblingsbeschäftigungen entriss: Musik, home­ Göttin, die die Gebete erhört“ – die beiden Ohren
rischer Dichtung, Sport und militärischem Training. symbolisieren ihre Bereitschaft das Gebet zu hören.
(Aphrodisias, um 100 v. Chr.) (Aphrodisias, 3. Jh. n. Chr.)

Altertumsforschung:
Zeugen der Vergangenheit
Wie gestaltet Krieg die politische Organisation, die Gesellschaft und die Kultur? Welche Wirkung der griechischen Antike stieß Angelos Chaniotis Projekt gilt der Frage, wie das soziale Umfeld und
hat theatralisches Verhalten in der Politik? Wie bestimmen Rituale das religiöse, politische und soziale auf ein bis dahin vernachlässigtes Phänomen: Die die Kultur Emotionen beeinflussen, also wie sie
Leben? Auf welche Weise entsteht und verändert sich die Identität einer Gemeinschaft? Wann wird aus wandernden Historiker, die als beruflich spezia­ manifestiert, kontrolliert, beurteilt und manipuliert
der Interaktion zwischen religiösen Gemeinden Konkurrenz und erbitterter Konflikt? Solche Fragen lisierte Gelehrte von Stadt zu Stadt reisten und werden.
beschäftigen den Altertumsforscher Angelos Chaniotis. Bei der Beantwortung im Kontext der altgrie­ Vorträge hielten. Sie waren Lobhistoriker und
chischen Geschichte arbeitet er disziplinübergreifend und nutzt die Modelle der modernen Kultur- und scheinen die am weitesten verbreitete Form von A n t i k e f ü r e i n e b r e i t e Öff e n t l i c h k e i t

Sozialwissenschaften. Geschichtsschreibung in der hellenistischen Zeit Der Landesforschungspreis ermöglichte es Angelos


zu repräsentieren. Die Erforschung der Kriege in Chaniotis, Nachwuchswissenschaftler in seine
Puzzlestücke der Geschichte Menschen – etwa auf die religiösen Auseinander­ dieser Epoche haben die vielfältigen Auswirkun­ Forschungen einzubeziehen. Mit seinen Heidel­
Seine Forschungsarbeiten konzentriert Angelos setzungen und Dialoge zwischen Christen, Juden gen des Kriegs auf politische und soziale Struktu­ berger Vorlesungen „Alltag und Mentalität in den
Chaniotis vor allem auf Steininschriften und Graffiti. und Heiden im 4. Jahrhundert n. Chr. ren, Religion und Kultur aufgezeigt. griechischen Inschriften“ präsentierte er jahrelang
Da Archäologen jährlich bis zu 1.000 Inschriften Ein besonderer Schwerpunkt des Altertumsfor­ Inschriften, die die Antike lebendig machen. Diese
neu entdecken, ist der Fundus groß: Chaniotis H e ll e n i s t i s c h e Ep o c h e u n d r ö m i s c h e r schers ist die soziale Dimension antiker Religion. übersetzten und kommentierten Texte wird er
analysiert sowohl kurze Texte wie Grabinschriften, Osten Unter anderem hat er untersucht, wie verschie­ durch eine Internet-Datenbank der breiten Öffent­
Beichten und Weihungen als auch lange Texte wie Angelos Chaniotis interessieren vor allem die dene Faktoren (Konkurrenz von Gemeinden, lichkeit zugänglich machen.
Volksbeschlüsse. In einem jährlich erscheinenden „Randgebiete“ der griechischen Welt wie Kreta Ehrgeiz von Mitgliedern der Elite, Migrationen,
Band präsentiert der Forscher Inschriften aus und Kleinasien. Sein Forschungsschwerpunkt liegt Emotionen u. a.) die Rituale veränderten und wie

2000
Griechenland und dem Schwarzmeergebiet. Die auf der Zeit von 300 v. Chr. bis 300 n. Chr., dem alltägliche Konflikte die Vorstellung von göttlicher
Stadt Aphrodisias in der heutigen Türkei, wo der Hellenismus und der Kaiserzeit zwischen Alexander Gerechtigkeit bedingten.
Wissenschaftler seit 15 Jahren an Ausgrabungen und Konstantin dem Großen. Auch analysierte er, wie das Bedürfnis, die Präsenz
teilnimmt, versorgt ihn mit solchen Texten, die Er erforscht dabei gleichermaßen Institutionen, und den Schutz des Gottes persönlich zu erleben,
er wie Puzzleteile zusammensetzt, um die Ge­ Sozialordnung und Wirtschaft wie auch Alltags­ den antiken Polytheismus veränderte und letztlich
schichte der Stadt zu rekonstruieren. Die Graffiti leben, Mentalität, Religion und Moral. Während zum Konzept eines allmächtigen Gottes führte,
geben Hinweise auf die damalige Denkweise der seiner Beschäftigung mit dem Geschichts­bild in der die anderen Götter übertraf. Ein langfristiges

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P r e i s f ü r g r u n dl a g e n F o r s c h u n g

P r o f. D r . M i c h a e l f r o t s c h e r

M i c h a e l F rot s c h e r wurde am 3. Juli 1947 in Dresden geboren. Er studierte Humanmedizin von 1967
bis 1973 an der Humboldt-Universität Berlin und promovierte 1974 zum Dr. med. Nach der Flucht aus
der damaligen DDR 1979 erhielt er ein Forschungsstipendium am Max-Planck-Institut für Hirnforschung
in Frankfurt/Main und habilitierte sich 1982 im Fach Anatomie. Seit 1989 ist Michael Frotscher Professor
Die sogenannten Cajal-Retzius-Zellen haben zent­ Abbildung von Nervenzellen der Hirnrinde. Die aufsteigenden Fortsätze der Nervenzellen bilden
am Institut für Anatomie und Zellbiologie der Universität Freiburg.
rale Auf­gaben bei der Entwicklung der Zell- und Nervenzellen in der Hirnrinde nach Abschluss ihrer ein dichtes Netzwerk.
Faser­schichten der Hirnrinde. Die Arbeitsgruppe Wanderung. Silberimprägnation nach Golgi.
von Frotscher konnte zeigen, dass sie die Weg­
findung und Zielerkennung einer wichtigen Faser-
verbindung organisieren.

Wachstum und Wanderung der Nervenzellen

Michael Frotscher und seine Mitarbeiter befassen sich seit langem mit den molekularen Mechanis­ herauszufinden, was so interessant an der Fährte zum Beispiel am Rückenmark, ist Lähmung die
men, die das Wachstum und die Wanderung von Nervenzellen steuern. Das Wissen über den Wachs­ ist, welcher der Leitfortsatz folgt. Und warum Folge. Die Freiburger Wissenschaftler suchen jetzt
tumsprozess von Nerven ist beispielsweise wichtig, wenn man nach Heilungsansätzen für bestimmte bleibt die Zelle am Ende des Wanderungsprozesses nach Molekülen, die die Wanderung und Wegfin­
Lähmungen sucht. stehen? Auf diese Frage haben die Freiburger Wis­ dung von Nervenzellen steuern, und nach solchen,
senschaftler in diesem Jahr eine Antwort gefunden. die wichtig sind, damit die langen Verbindungen
Den Landesforschungspreis erhielt Frotscher „Lötstellen“, die Synapsen, zustande? Die Ant­ Die Zelle hält an, weil ihr sogenanntes Zytoskelett entstehen oder sich nach einer Verletzung wieder
vor allem für seine Entdeckung, dass besondere worten auf diese Fragen sind die Basis dafür, um stabilisiert wird und sie nicht mehr zu einer Än­ regenerieren können.
Nerven­zellen, sogenannte Cajal-Retzius-Zellen, zerstörte Nervenverbindungen wiederherstellen derung ihrer Gestalt fähig ist. Fehlt das Molekül,
eine wichtige Rolle bei der Ausbildung von zu können. das dieses „Einfrieren“ verursacht, dann wandern
Nerven­zellverbindungen spielen. Die Verbin­ Bevor die Nervenzellen ihre langen Fortsätze die Zellen falsch aus und außerdem zu weit. Eine
dungen ähneln Kabeln, die Signale vermitteln: aussenden, müssen sie erst ihren Zielort gefunden solche Fehlpositionierung der Nervenzellen kann
zwischen den Nervenzellen im Gehirn, aber auch haben, zu dem sie hinwandern. In letzter Zeit unter anderem zu Epilepsie führen.
zwischen dem Nervensystem und den Organen. beschäftigte sich deshalb Michael Frotscher mit
Michael Frotscher und sein Team haben sich der Fragestellung, wie den Nervenzellen die Rich­ J e t z t g e h t e s u m d i e K o n ta k t e

mit der Frage beschäftigt, wie eine durchtrennte tung vorgegeben wird und wie sie schließlich am Wenn die Nervenzellen ihre Zielorte erreicht
Nervenfaser dazu gebracht werden kann, neu Ende der Wanderung angehalten werden. Um die haben, kommt es darauf an, dass sie miteinander
auszuwachsen und dabei Kontakte mit anderen Richtung auszukundschaften, schicken die Nerven­ Kontakt aufnehmen. Hierzu schicken sie nun jene

2000
Zellen zu knüpfen. Entsprechend erforschte der zellen einen sogenannten „Leitfortsatz“ aus, der die ganz langen Fortsätze, sogenannte Axone aus, die
Neurowissenschaftler besonders die Faktoren und Umgebung untersucht. geeignete Zielzellen finden müssen, um in sinnvol­
Moleküle, die das Wachstum der Nervenfortsätze ler Weise miteinander zu kommunizieren. Diese
regulieren. Wie findet eine Nervenfaser ihren Weg D e r L e i t f o r t s at z g i b t d i e R i c h t u n g v o r langen Verbindungen braucht der Mensch zum
durch das Labyrinth des Körpers? Wie erkennt Wie ein Hund seiner Nase folgt, so folgt die Zelle Beispiel zur Planung von Bewegungen, die darauf
sie unter den Milliarden von Nervenzellen ihr ihrem Leitfortsatz bei ihrer Wanderung durch das von den Muskeln ausgeführt werden sollen. Fallen
Zielgebiet? Wie kommt der Kontakt über die Gehirn. Frotscher und seine Kollegen versuchen diese Verbindungen durch eine Verletzung aus,

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P r e i s f ü r A n g e wa n d t e F o r s c h u n g

P r o f. d r . T h o m a s s c h i mm e l

T h o m a s S c h i m m e l wurde am 27. Mai 1960 geboren. Nach dem Studium der Physik und Promotion an
der Universität Bayreuth folgte ein Forschungsaufenthalt als Research Fellow bei BASF und im Jahr 1995
die Habilitation. Seit 1996 lehrt Thomas Schimmel als Universitätsprofessor am Institut für Angewandte
Physik der Universität Karlsruhe (TH). Er leitet ferner eine Arbeitsgruppe am Institut für Nanotech­no­
Polymer-Nanostrukturen, abgebildet mit einem Raster­ Bei dem in Karlsruhe entwickelten atomaren Transistor Mit der feinen Spitze eines Rasterkraftmikroskops
logie des Forschungszentrums Karlsruhe und ist Sprecher des Kompetenznetzes „Funktionelle Nano­
kraftmikroskop. Durch gezielte Beeinflussung der wird ein elektrischer Stromkreis durch die kontrollierte hergestellte Nanodrähte aus Kupfer in Form eines
strukturen“ in Baden-Württemberg. Nanostruktur können intelligente Oberflächen- Umlagerung eines einzelnen kontaktierenden Metall- Schriftzuges. Zum Größenvergleich: Ein Bündel aus
beschichtungen mit neuartigen Eigenschaften Atoms geöffnet und geschlossen. einer Million solcher Nanodrähte wäre immer noch
hergestellt werden. dünner als ein menschliches Haar.

Innovationsschub in der Nanotechnologie

Was vor einigen Jahren noch Science-Fiction war, wird mehr und mehr Realität. Die Wissenschaftler Nanoforschung bringt neue Spitze, nicht nur zum hochpräzisen Vermessen von
sind in Dimensionen vorgestoßen, in denen ein Haar riesige Ausmaße annimmt. Es ist die Welt von Atomen M at e r i a l i e n u n d B e s c h i c h t u n g e n Oberflächen und ihren Eigenschaften eignet, son­
und Molekülen, die Welt der Nanostrukturen. Auf diesem Gebiet forscht Thomas Schimmel. Der Karls­ Die Ansätze der Karlsruher Forscher eröffnen aber dern auch deren Bearbeitung gestattet. Das Raster­
ruher Wissenschaftler beschäftigt sich mit der Herstellung, Untersuchung und Anwendung von Nano­ auch im Bereich der Material- und Oberflächen­ kraftmikroskop wird von Schimmel auch auf dem
strukturen sowie der Entwicklung neuer Messmethoden, die zu ihrer Untersuchung wichtig sind. forschung neue Perspektiven. Ihr Ziel ist, die win­ Gebiet der Nanomaterialforschung, etwa bei der
zigen Nanostrukturen gezielt und in reproduzier­ Entwicklung sogenannter intelligenter Werkstoffe
Die Herstellung kleinster Strukturen ist nicht nur Atome in einem winzigen metallischen Kontakt barer Qualität zu erzeugen. Außerdem entwickeln und Oberflächen eingesetzt. Mit ihm tastet er die
für die Grundlagenforschung von Interesse, son­ lässt sich ein elektrischer Stromkreis kontrolliert sie Messverfahren, um deren Eigenschaften und Topografie kleinster Strukturen ab und weist mit
dern auch technologisch von hoher Relevanz. Ein öffnen und schließen. Die atomaren Schalter Funktion zu erforschen. Bei seinen Untersuchun­ in der Arbeitsgruppe neu entwickelten und zum
Beispiel ist die Datentechnik, in der die fortschrei­ werden dabei durch ein elektrisches Kontroll- gen benutzt das Team um Thomas Schimmel vor Patent angemeldeten Verfahren feinste chemische
tende Miniaturisierung zu immer leistungsfähige­ Potenzial gesteuert, das an eine unabhängige dritte allem das Rasterkraftmikroskop als Multifunktions­ Veränderungen auf Oberflächen nach.
ren Chips und höheren Speicherdichten geführt Elektrode, die Gate-Elektrode angelegt wird. Beim werkzeug. Im Gegensatz zur klassischen optischen
hat. Allerdings stoßen konventionelle Methoden Einzelatom-Transistor genügt die kontrollierte Mikroskopie wird bei Rasterkraftmikroskopen die Wa c h s e n d e B e d e u t u n g d e r

der Herstellung schon bald an ihre physikalischen Umlagerung eines einzigen Silber-Atoms, um Oberfläche des zu untersuchenden Materials zeilen­ Nanotechnologie

Grenzen. In der Forschung an den Hochschulen einen elektrischen Stromkreis zu öffnen und zu weise Punkt für Punkt mit einer idealerweise ato­ Die Herstellung, die Untersuchung und das Ver­
und in der Industrie wird weltweit längst intensiv schließen. Das Bauelement, das problemlos bei mar feinen Spitze abgetastet. Die Auflösung reicht ständnis dieser winzig kleinen Nanostrukturen
an neuartigen Konzepten gearbeitet. Raumtemperatur funktioniert, stellt die erstmalige so weit, dass die Forscher mit der feinen Spitze stellen ein Gebiet von wachsender Bedeutung dar.

2000
Realisierung eines atomaren Relais oder Transistors mechanisch einzelne Atome abtasten können. Ob in der Mikroelektronik und Computertechno­
S t r ö m e s c h a lt e n m i t e i n z e l n e n At o m e n : dar. Der atomare Transistor eröffnet faszinierende Wenn man ein Atom auf die Größe einer Apfelsine logie, in der Medizintechnik oder bei der Entwick­
D e r kl e i n s t e T r a n s i s t o r d e r W e lt Perspektiven für künftige Entwicklungen im Be­ vergrößern würde, so hätte die Abtastspitze etwa lung neuartiger Werkstoffe – überall spielen solche
Mit einem neuartigen Verfahren ist es Thomas reich der Quantenelektronik und der Logik-Schal­ die Größe des Mont Blanc und die Blattfeder, mit Nanostrukturen eine entscheidende Rolle. Die
Schimmel und seiner Arbeitsgruppe erstmals tungen auf atomarer Skala – für die Wissenschaft­ der die Spitze auf die Probe gedrückt wird, hätte neuen Komponenten, Strukturierungs- und Mess­
gelungen, einen Transistor auf atomarer Skala zu ler der Beginn einer spannenden Entwicklung. eine Länge von 150 Kilometern. Der Clou dieser verfahren bilden eine wichtige Basis für künftige
entwickeln. Durch das gezielte Umlagern einzelner Methode ist, dass sich dasselbe Werkzeug, dieselbe Entwicklungen.

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P r e i s f ü r g r u n dl a g e n F o r s c h u n g

P r o f. D r . M o n i k a fl u d e r n i k

M o n i k a F l u de r n i k , geboren am 6. März 1957, studierte Indogermanistik, Anglistik und Mathematik


sowie die Fächer Geschichte und Französisch in Graz. Dort promovierte sie 1982 auch in Anglistik und
Indogermanistik. Im Jahr 1992 habilitierte sie an der Universität Wien auf dem Gebiet der Englischen
Philologie. Durch ein Humboldt-Stipendium kam sie 1993 an die Universität Freiburg, wo sie 1994 zur
Die Bedeutung der Erzähltheorie oder Narratologie ergibt sich daraus, dass sich Menschen Geschichten erzählen, sie lesen und sich darüber austauschen.
Universitätsprofessorin ernannt wurde.

Vom Erforschen des Erzählten

Was macht einen Text zur Erzählung? Gibt es einen historischen Wandel bei dieser Gattung? und Literaturwissenschaft angesiedelt ist, über­ Amerika referiert. Seither herrscht reges Interesse,
Damit setzen sich Narratologen wie Monika Fludernik auseinander. Die Literaturwissenschaftlerin analy­ windet traditionelle Gattungsgrenzen. So können und ein intensivierter, internationaler wissen­
siert Form, Funktion sowie Struktur der Erzählungen und macht sie mit erzähltheoretischen Konzepten mit ihrem Modell auch Texte aus Lyrik, Dramatik schaftlicher Dialog ist dank ihres Engagements
beschreibbar. Sie untersucht, welche Strategien in verschiedenen Epochen verwendet werden, um Figuren und Film sowie populäre und aktuelle Erzähltexte entstanden.
darzustellen, oder wie sich der Zeitengebrauch in Erzählungen verändert. Die Erkenntnisse und theoreti­ untersucht werden – im Gegensatz zur klassi­ Neben ihrem Forschungsschwerpunkt in der
schen Modelle helfen Geisteswissenschaftlern bei der Textanalyse. schen Erzähltheorie, die sich auf die Analyse des Narratologie, der ihr die meiste internationale
realistischen Romans des 18. bis 20. Jahrhunderts Anerkennung gebracht hat, betreibt Monika
Die Bedeutung der Erzähltheorie oder Narrato­ nal und historisch aus und wendet sie auch auf konzentriert. Derzeit befasst sich die Forscherin Fludernik die Anglistik der alten Schule. Ihr breit
logie ergibt sich daraus, dass sich die Menschen nichtfiktionale Texte an. Schriften des Mittelalters vorrangig mit der erzähltechnischen Untersuchung gefächertes Untersuchungsspektrum deckt die ge­
Geschichten erzählen, sie lesen und sich darüber werden von ihr genauso untersucht wie Arbeiten des Dramas und mit geschichtlichen Texten. samte Anglistik innerhalb der Literaturwissenschaft
austauschen. Erzählungen dienen nicht nur der der Postmoderne. Anhand sprachwissenschaftlicher ab: Texte vom Mittelalter bis zum Postkolonialis­
Informationsübermittlung, sondern sind auch Analysen der Erzählungen verschiedener Epochen L i t e r at u r w i s s e n s c h a f t ü b e r d i e mus – alle Epochen und alle Gattungen werden
auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet: meist zur und Gattungen weist sie bestimmte Erzählmuster Grenzen hinweg von ihr für Untersuchungen herangezogen. So be­
Unterhaltung, oft zur Selbstdarstellung oder auch, nach. Das Modell von Monika Fludernik stellt Ihren Anfang nahm die Erzähltheorie im späten arbeitet sie ganz unterschiedliche Projekte wie die
um zu überzeugen. Aus diesem Grund greift der somit Texte aller Epochen unter einen einheitli­ 19. Jahrhundert in Deutschland und in Frank­ „Literatur und Literaturästhetik des 18. Jahrhun­
Erzählende häufig zu illustrativen Stilmitteln, zur chen Zusammenhang. Damit beschreitet sie einen reich. Deshalb können Wissenschaftler heute auf derts“, die „Gefängnisliteratur und die Darstellung
Anekdote oder zum Witz, um die Spannung zu neuen Weg in der internationalen Erzählforschung. eine lange deutsche Tradition zurückgreifen und des Gefängnisses in der englischen Literatur“ oder

2001
erhalten – kurz: Er erzählt eine Geschichte. Heute greifen auch Wissenschaftler anderer Diszi­ sich der Ergebnisse – meist in deutscher Spra­ aber die „postkoloniale indische Literatur“.
plinen auf ihre Erzähltheorie zurück, um Aufbau che – bedienen. In den USA dagegen waren die
E i n F o r s c h u n g s a n s at z , d e r ü bl i c h e und Funktion verschiedener Texte zu erforschen. Forschungsresultate lange nahezu unbekannt oder
Grenzen überwindet Obwohl sie die Werkzeuge zur Untersuchung der konnten nicht genutzt werden, da keine Überset­
Monika Fludernik entwarf eine völlig neue, umfas­ Texte bereitstellt, ist für Monika Fludernik die Er­ zungen existierten. Hier schlägt Monika Fludernik
sende Narratologie, die ein radikales Umdenken zähltheorie kein Selbstzweck. Ihr Ansatz, der inter­ eine Brücke, indem sie deutsche Erkenntnisse
erfordert – sie weitet die Erzähltheorie funktio­ disziplinär zwischen Sprachwissenschaft/Linguistik in englischer Sprache reflektiert und darüber in

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P r e i s f ü r g r u n dl a g e n F o r s c h u n g

P r o f. D r . C h r i s t o f N i e h r s

C h r i sto f N i e h r s , geboren am 29. April 1962, studierte Biochemie an der Freien Uni­versität Berlin.
Er habilitierte 1997 an der Fakultät für Biologie an der Universität Heidelberg.
1994 wurde er Abteilungsleiter Molekulare Embryologie am Deutschen Krebsforschungszentrum in
Heidelberg und hat seit 2000 den dort eingerichteten Lehrstuhl inne.
Der südafrikanische Krallenfrosch Xenopus laevis. Embryonen vom Krallenfrosch im Vierzellstadium. Kaulquappen von Xenopus-Embryonen, die mit
Dickkopf1 behandelt sind und Kontrolle.

Entwicklungshelfer: Proteine steuern


die Entstehung des Körpers
Wie kann nach der Befruchtung aus einem Zellhaufen ein ganzer Organismus mit spezialisierten So zum Beispiel bei einer Leukämieart, dem multi­ auf das Wnt-Signal hin große Proteinkomplexe
Geweben und Organen wachsen? Welche Signale entscheiden darüber, wo sich Kopf, Arme und Beine plen Myelom. Dabei führen Metastasen im Kno­ nahe der Zellmembran bilden. Die Wissenschaftler
entwickeln? Und was läuft schief, wenn beispielsweise Fehlbildungen oder Tumore entstehen? Um sol­ chen zum Verlust von Knochensubstanz, weil die zeigten, dass es sich um echte Proteinkomplexe
che Fragen kümmern sich Entwicklungsbiologen wie Christof Niehrs. eingewanderten Krebszellen das Dickkopf-Protein handelt und nicht um eine zufällige Ansammlung.
ausschütten. In ähnlicher Weise sind Dickkopf und Niehrs und seine Mitarbeiter entwickelten ein
Der Forscher und sein Team interessieren sich Ausbildung des Kopfes hat Niehrs bereits vor der Wnt-Signalweg auch an der Entstehung der Erklärungs­modell für die Entstehung der Kom­
besonders für die Prozesse der Achsenbildung bei rund zehn Jahren entdeckt: Ein Protein, das den Osteo­porose beteiligt. plexe, das eine völlig neue Vorstellung der Kom­
Embryonen des afrikanischen Krallenfrosches Xeno­ Namen Dickkopf trägt – zu Recht, denn ein munikation innerhalb der Zelle vermittelt. Bisher
pus laevis, also der Entstehung von Kopf, Rumpf Zuviel davon sorgt dafür, dass Frösche einen über­ M a n n s c h a f t s s p i e l s t at t S t a ff e ll a u f wurde die Signal­weiterleitung in der Zelle als eine
und Schwanz. Eine wichtige Rolle spielt dabei der großen Schädel bekommen. Zu wenig Dickkopf Im Rahmen der durch den Landesforschungspreis Art Staffellauf verstanden, bei dem ein Protein die
sogenannte Wnt-Signalweg. Seine Aufgabe ist es, die führt bei Mäusen zu kleinen oder gar nicht erst prämierten Arbeiten untersuchte die Arbeits­ Botschaft an den nächsten Partner weiterreicht.
Expression verschiedener Gene zu regulieren, also vorhandenen Köpfen. Das Eiweißmolekül blo­ gruppe von Christof Niehrs, wie die Signalüber­ Nun war nachgewiesen, dass große Proteinkom­
zu entscheiden, welche Erbinformation abgelesen ckiert den Rezeptor des Wnt-Proteins und unter­ tragung im Wnt-Signalweg funktioniert. Dockt plexe notwendig sind, um die beteiligten Partner
wird und als Bauplan für neue Proteine dient. Da­ bricht so dessen Signalweg. eines der zahlreichen Mitglieder der Wnt-Protein­ innerhalb der Zelle auf engstem Raum zusammen­
mit derart unterschiedliche Körperabschnitte ent­ Wnt, Dickkopf und Co. sind aber nicht nur für familie an seiner speziellen Bindungsstelle auf der zubringen.
stehen können, ist eine fein austarierte Dosierung Frösche und Mäuse von Bedeutung. Die For­ Zellmembran an, so startet eine Signalkaskade. Die
des Wnt-Proteins notwendig – und der Signalweg scher fanden Dickkopf auch beim Menschen, Zelle reagiert auf die Signale, indem sie bestimmte

2001
muss zu gegebener Zeit unterbrochen werden. und die Vermutung liegt nahe, dass das Protein Gene an- oder abschaltet. Die erste Etappe dieses
hier eine vergleichbare Rolle spielt. Mehr noch: Signalwegs war noch nicht entschlüsselt: Was pas­
T r a g e n d e R o ll e f ü r d e n D i c kk o pf Als sogenanntes Entwicklungs-Kontrollgen, das siert gleich nach dem Andocken der Wnt-Proteine
Um das Rätsel der Achsenbildung zu lösen, müssen Zellwachstum und -differenzierung steuert, ist es an ihre Rezeptoren auf der Zelloberfläche?
die Gegenspieler identifiziert werden, die dafür von besonderem medizinischem Interesse. Gerät es Mit der Mikroskopie gelang es Niehrs und seinem
sorgen, dass nicht zu viel Wnt-„Kommando“ ge­ außer Kontrolle, können sich Tumore bilden und Team, diesen Vorgang „live“ mitzuverfolgen. In der
geben wird. Einen wichtigen Kandidaten für die andere Krankheiten entwickeln. Zeitschrift Science veröffentlichten sie, wie sich

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P r e i s f ü r g r u n dl a g e n F o r s c h u n g

p r o f. d r . D o r i s w e dl i c h

D o r i s W ed l i c h , geboren am 6. Februar 1953, studierte Biologie und Erziehungswissenschaften an der


Westfälischen Wilhelmsuniversität in Münster. Sie habilitierte sich 1992 an der Freien Universität Berlin
im Fach Biochemie. Im Jahr 2000 kam der Ruf auf die Professur für Zoologie II an der Universität Karls­
ruhe, wo sie seit 2001 Institutsleiterin ist.
Froschentwicklung, 4-Zellen-Stadium, Neurula- Oben: Zellen sind einheitlich orientiert und wandern in Cadherin-11, grün markiert, ist in den Zellausläufern
Stadium (Gehirn und Rückenmark sind angelegt), eine Richtung, Wanderungswege einzelner Zellen wurden zu finden.
Kaulquappe. grafisch dargestellt (rechts).
Unten: Zellen erscheinen disorientiert und wandern in
verschiedene Richtungen, verdeutlicht in der grafischen
Darstellung (rechts).

Froschdamen helfen beim Aufspüren


von Krebsmolekülen
wieder an, wie beispielsweise die Neigung zur sich völlig anders. Seine Gegenwart sorgt für die
Doris Wedlich hat die funktionelle Charakterisierung des Krebsgens -Catenin erforscht. Unter­ Wanderung, und dringen in fremde Umgebung ein. Bildung von Zellausläufern, den „Fingerspitzen“
b
sucht hat sie unter anderem die Wirkung dieses Proteins in b efruchteten Froscheiern, die sich zu Im Fachjargon wird dies als invasives Verhalten und der Zellen, die den geeigneten Wanderungsweg
Kaulquappen entwickeln. Auch heute noch stellen die südafrikanischen Krallenfrosch-Damen ihren Neigung zur Metastasierung bezeichnet. ertasten. Erstaunlicher­weise wird auch -Catenin,
b
Laich der Forschung zur Verfügung. das an Cadherin-11 bindet, für das „Weg-Ertasten“
O r i e n t i e r u n g s h e lf e r f ü r d i e Z e ll e n benötigt. Diese neu entdeckte Eigenschaft von
Die Entstehung eines Organismus – ob Wurm, viele Kontrollpunkte besitzt. Dabei gibt es eine Zwischenzeitlich haben die Forscherin und ihr Cadherin-11 macht den Zusammenhang klarer,
Fliege, Maus, Frosch oder Mensch – beginnt mit Reihe von Molekülen, die diese Abläufe steuern. Team einen neuen Signalweg entdeckt, der die warum dieses Molekül auf Prostatatumorzellen zu
einer einzigen Zelle, der befruchteten Eizelle. Ein Immer wieder greifen sie an verschiedenen Orten Orientierung der Zellen während ihrer Wanderung finden ist, die bevorzugt in das Knochengewebe
ausgewachsener Mensch besteht aus Milliarden im Embryo regulierend ein. Für die Wissenschaft­ steuert (Wnt-5a/Ror2-Signalweg). Fehlt eine Kom­ metastasieren.
von Zellen, die wiederum mehrere Hundert ver­ ler ist es interessant zu erkunden, wie die Zellen ponente, das Signal (Wnt-5a) oder der Signalemp­ Ein ähnlicher Mechanismus scheint bei Gelenk­
schiedene Aufgaben ausüben. Um die Abläufe der geordnete Verbände für die Linse oder die Retina fänger (der Ror2-Rezeptor) finden die Zellen nicht entzündungen (Arthritis) zu greifen: Cadherin-11
frühen Entwicklung eines Organismus genau zu des Auges bilden und sich nach Organen sortieren. zum Zielort; sie treten auf der Stelle oder wandern hilft Zellen, welche die Gelenkkapsel auskleiden,
beobachten, bietet sich der Frosch besonders gut Am Ende der Entwicklung, wenn die Zellen eine im Kreis. Noch ist unklar, ob dieser Mechanismus fälschlicherweise den Knochen zu besiedeln. Um
an, da sich seine Embryonalentwicklung außerhalb Form entsprechend ihrer Aufgabe angenommen auch von Tumorzellen, die in gesundes Gewebe dieses Fehlverhalten von Zellen, ausgelöst durch
des mütterlichen Organismus abspielt. Der Frosch­ haben, lässt die Teilungsaktivität nach; sie kommt einwandern, genutzt wird. Cadherin-11, zu verhindern, bietet es sich an, die
laich ist darüber hinaus relativ groß. Ein Weibchen zum Stillstand. Hinweise auf eine Beteiligung von Cadherin-11 Wirkung dieses Proteins gezielt zu blockieren.
kann zwischen 500 und 1000 Eier von je einem Die Grundzüge der Embryogenese – Zellteilung, an der Metastasenbildung und der Auslösung von Mit dem Preisgeld des Landesforschungspreises

2002
Millimeter Durchmesser ablegen. Dies ist die Zellwanderung und noch nicht erfolgte Differenzie­ Arthritis gab es bereits, aber der Mechanismus ließen sich Kapazitäten schaffen, um die Aufklä­
ideale Voraussetzung für Forscher, um sehr frühe rung der Zellen – werden von denselben Prinzipien war bislang nicht verstanden. Wiederum war es rung des Wnt-5a/Ror2-Signalweges und der neuen
Abläufe beobachten und manipulieren zu können. geleitet, die einen Tumor ausmachen. Ihn kenn­ der Froschembryo, der half, die Besonderheiten Funktion des Cadherin-11-Proteins voranzutreiben.
zeichnet sein unkontrolliertes Wachstum, das heißt dieses Moleküls aufzuspüren. Normalerweise Auch technisch haben die Karlsruher aufgerüstet,
V o n d e r K a u lq u a pp e z u m T u m o r die ungebremste Zellteilung. Seine Zellen kommen verhindern Cadherine, die wie Zellkleber wir­ sodass Zellen, mit rotem oder grünem Fluoreszenz­
Bei der Entwicklung eines Organismus spult sich ihrer ursprünglichen Aufgabe nicht mehr nach und ken, dass Zellen sich aus dem Zellverband lösen protein markiert, in der lebenden Kaulquappe auf
ein ausgefeiltes, fein reguliertes Programm ab, das verändern ihre Form. Sie nehmen alte Eigenschaften und auswandern. Cadherin-11 hingegen verhält ihrer Wanderung gefilmt werden konnten.

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P r e i s f ü r A n g e wa n d t e F o r s c h u n g

D r . M i c h a e l M i k u ll a , D r . M á r c K e l e m e n ,
D r . R u d o lf K i e f e r , D r . m a r t i n w a lt h e r

Forschergruppe am Fraunhofer-Institut für Angewandte Festkörperphysik, Freiburg

Der Diodenlaser revolutioniert die Lasertechnik eben- Kleine ganz groß: Der Trapezlaser ist besonders leistungs- Simulation der Lichtintensität in einem Trapezlaser.
so wie seinerzeit der Transistor die Elektrotechnik. fähig. Dieser winzige Lichtgeber gewährleistet, dass
Halbleiterlaser erzielen gegenüber konventionellen eine hohe optische Energie eine möglichst kleine Fläche
Gas- und Festkörperlasern einen bis zu zehnmal punktgenau trifft, was ein breites Spektrum neuer Anwen-
höheren Wirkungsgrad, sind 100-mal kleiner, erheb- dungsmöglichkeiten eröffnet.
lich kostengünstiger, sehr zuverlässig und langlebig.

Höchstbrillante Diodenlaser:
Licht auf den Punkt gebracht
Winzige, aus Halbleiterstrukturen hergestellte Diodenlaser sind aus dem täglichen Leben nicht garantiert hohe Ausgangsleistungen bei gleich­ S e r i e n r e i f e f ü r e i n e b r i ll a n t e Id e e

mehr wegzudenken. Sie sorgen dafür, dass der CD-Player die Musik in höchster Qualität abspielt, die zeitig exzellenter Fokussierbarkeit. Ausgehend Die hohe Brillanz macht die Trapezlaser für An­
Scannerkasse den Barcode erkennt oder enorme Datenmengen durch Glasfaserleitungen kostengünstig von einem schmalen Halbleiterlaser mit geringer wendungen interessant, die eine hohe Leistungs­
übertragen werden. Die Leistungsdichte des Diodenlasers noch zu erhöhen, hat sich das Team der Fraun­ Leistung, aber hoher Strahlqualität, wird das dichte im Fokus des Laserstrahls erfordern – wie
hofer Gesellschaft in Freiburg zur Aufgabe gemacht. Laserlicht in einen trapezförmigen Verstärker zum Beispiel die Laserchirurgie oder die Fertigungs­
eingekoppelt und verstärkt. Durch die passende technik. Daraus ergab sich ein großes Markt­
Neben ihrem Einsatz in der Kommunikations­ erreicht wird. Diese Leistungsdichte im Zentrum Geometrie gelang es den Wissenschaftlern, die potenzial für die höchstbrillanten Diodenlaser aus
technologie finden Halbleiterlaser zunehmend des Strahls wird als Brillanz eines Lasers bezeich­ gute Strahl­qualität des Pilotlasers im Trapezver­ Freiburg: Die von den Preisträgern Michael Mikulla
Anwendung in der direkten Materialbearbeitung net. Viele Anwendungen, für die die Lichtleistung stärker beizubehalten und im Verstärkerbereich und Marc Kelemen gegründete Firma m2k-laser
oder in der Medizintechnik. Diodenlaser sind zum der Halbleiterlaser bereits ausreichend gewesen die Lichtleistung signifikant zu erhöhen. An der GmbH übernahm die Serienfertigung der Trapez­
Schlüsselbauelement geworden und revolutionie­ wäre, scheiterten an der schlechten Fokussierbar­ Austrittsfacette des Trapezverstärkers steht dann laser für kommerzielle Anwendungen. Das Unter­
ren die Lasertechnik wie seinerzeit der Transistor keit. Für eine hohe Strahlbrillanz war man also ein intensiver Lichtstahl mit exzellenter Strahl­ nehmen war bald so erfolgreich, dass sich 2007
die Elektrotechnik. Vier Eigenschaften begründen weiterhin auf Gas- oder Festkörperlaser angewie­ qualität zur Verfügung. Im Brennpunkt des Trapez­ die Rofin Sinar AG, ein weltweit tätiger Hersteller
ihren Siegeszug: Moderne Halbleiterlaser sind sen – und das mit all ihren Nachteilen, wie Größe, lasers weist der Laserstrahl eine um den Faktor 25 von industriellen Lasersystemen, mehrheitlich an
klein, langlebig, kostengünstig und energieeffizient. Gewicht, Kosten und hohem Wartungsaufwand. höhere Leistungsdichte als herkömmliche Hoch­ dem jungen Unternehmen beteiligte. Heute ist das
Bei der Materialbearbeitung mit Lasern kommt es leistungsdiodenlaser auf. Mit dem Preisgeld aus Unternehmen Marktführer für brillante Halbleiter­
darauf an, dass eine hohe Lichtintensität eine mög­ T r a p e z l a s e r s o r g e n f ü r L i c h t bl i c k dem Landesforschungspreis konnten die bereits laser mit hoher Strahlqualität.

2002
lichst kleine Fläche punktgenau trifft. Neben der Die unbefriedigende Tatsache, dass entweder entwickelten Trapezlaser im Hinblick auf ihre
Lichtleistung ist daher die Strahlqualität des Lasers schwache Halbleiterlaser mit guter Strahlqualität Zuverlässigkeit weiter optimiert und das Konzept
ein bedeutender Parameter. Zum einen sollen oder leistungsstarke Laserdioden mit geringer erfolgreich auf Diodenlaser mit längeren Wellen­
Dioden­laser eine hohe Ausgangsleistung erzielen, Strahlqualität zur Verfügung standen, motivierte längen übertragen werden.
zum anderen entscheidet die Strahlqualität über das Freiburger Forscherteam, beide Welten intel­
die Fokussierbarkeit des Laserstrahls und somit ligent zu vereinen. Entwickelt wurde eine neu­
über die Energiedichte, die im Fokus des Lasers artige Laserstruktur: Der sogenannte Trapezlaser

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P r e i s f ü r A n g e wa n d t e F o r s c h u n g

p r o f. D r . E v a s c h l e c h t

E va S c h l e c h t , geboren am 16. Juni 1965, studierte Agrarwissenschaften an der Universität Hohen­heim,


wo sie 2003 den Landesforschungspreis erhielt und sich später habilitierte. Seit 2006 besetzt sie einen
über zwei Bundesländergrenzen hinweg besetzten Lehrstuhl am Fachbereich Ökologische Agrarwissen­
schaften der Universität Kassel und an der Fakultät für Agrarwissenschaften der Universität Göttingen:
Frau mit Kind bei der täglichen Verarbeitung von Hirse. Rinder beim Beweiden eines abgeernteten Hirsefeldes. Junger Ziegenhirte.
„Animal Husbandry in the Tropics and Subtropics“.

Neue Wege in der Sahelzone:


Innovatives Management von Nutztieren
In der Sahelzone Westafrikas kämpfen die Bauern gegen nährstoffarme Böden, Wasserknappheit ersetzt das Vieh gewissermaßen auch das Bank­ Szenarien veränderter Herdenführung für eine er­
und hohe Temperaturen. Der Ertrag der Felder reicht nicht aus, um die rund 60 Millionen Menschen der konto – ein Rind hat für die Bauern die Bedeu­ höhte Effizienz der Dungnutzung. Die Forschungs­
Region zu ernähren. Um die Abhängigkeit der Bevölkerung von Nahrungsmittelimporten zu verringern, tung einer länger­fristigen Sparanlage. Eva Schlecht arbeiten führten zu einem besseren Verständnis der
sind innovative Konzepte zur Steigerung der Bodenfruchtbarkeit gefragt. Eva Schlecht trägt mit ihren ermittelte, wie durch eine veränderte Herden­ räumlich-zeitlichen Dimension sowie quantitativer
Forschungen dazu bei, die wenigen vorhandenen Ressourcen effizienter zu nutzen. führung mehr Dung auf die Felder zurückgeführt und qualitativer Aspekte tierbedingter Nährstoff­
werden kann, ohne die anderen Funktionen der flüsse. Gemeinsam mit einem Kartografen aus
Als eine der ersten Wissenschaftlerinnen unter­ Allgemeingut sind und das Halten der Tiere im Tiere zu schwächen. Niger erarbeitete Eva Schlecht ein Modell, das
suchte die Agraringenieurin mit dem Schwerpunkt Stall täglichen Futtertransport voraussetzen würde, Die Forscherin begleitete die Tiere, um die tier­ zeigt, wie das Vieh geleitet werden muss, um mehr
Tierproduktion in den Tropen und Subtropen, wie weiden die Herden auf den nicht abgegrenzten bedingten Nährstoffflüsse genau zu analysieren. Dung für die Felder zu gewinnen. Die daraus ab­
Bauern ihre Tiere wirkungsvoller als bisher für das Dorfgemarkungen. Sie legen pro Tag bis zu 15 Sie wählte drei Dörfer im Süden der Sahelzone geleiteten Vorschläge führen dazu, dass die Bauern
Düngen der Felder einsetzen können. Zwar erhöht Kilometer zurück. Der während des Weidens (1995–1996) und die 300 Quadratkilometer große in Chikal die gedüngte Fläche von zwei auf zehn
auch Mineraldünger den Ertrag der Felder lang­ abgesetzte Kot häuft sich auf Rastplätzen um Dorfgemarkung Chikal in der nördlichen Sahel­ Prozent der Anbaufläche steigern können. So kann
fristig, doch übersteigen seine Kosten in der Regel Wasserstellen und unter Schattenbäumen an, von zone (1997–2000). Gemeinsam mit ihrem Team die jährliche Ernte von 250 auf 400 Kilogramm
das Budget der Bauern. Gleichzeitig gefährden wo er aber nur selten aufgesammelt, zum Feld bestimmte die Wissenschaftlerin Menge und Nähr­ Hirse pro Hektar gedüngter Fläche erhöht werden.
unvorhersagbare Dürreperioden den potenziellen transportiert und dort verteilt wird. Dies bedeutet stoffgehalt der als Futter dienenden Vegetation, Dies kann die Ernährung der Bevölkerung in Niger
Mehrertrag des Düngereinsatzes. einen erheblichen Verlust an organischer Substanz zeichnte die Aufenthaltsorte und Weidewege der entscheidend verbessern.
Aus ihren bisherigen Arbeiten verfügte Eva Schlecht und an Nährstoffen für den Ackerbau. Tiere per GPS auf und dokumentierte Milchleis­

2003
bereits über Daten zur Nährstoffausscheidung tung und Gewicht. In parallelen Experimenten
von Tieren, die für Nährstoffkreisläufe in der N e u e W e i d e w e g e f ü r e ff i z i e n t e D ü n g u n g ließ sich ermitteln, wie viel Futter und Nährstoffe
Sahelzone relevant sind. Nährstoffaufnahme und Die Tiere afrikanischer Kleinbauern erfüllen verschiedene Tierarten wann aufnehmen und
-ausscheidung der Tiere hängen vom jahreszeit­ verschiedene Aufgaben. Die Menschen setzen sie ausscheiden.
lich stark schwankenden Futterangebot ab und als Lastenträger ein und ergänzen durch die Milch An ihrer Heimatuniversität Hohenheim analysierte
werden zugleich von sozioökonomischen Fakto­ ihren Speiseplan. Nur selten wird Fleisch verzehrt. Eva Schlecht die Felddaten, stellte die tierbe­
ren beeinflusst. Da Ernterückstände auf Feldern Da Banken in den ländlichen Gebieten fehlen, dingten Nährstoffflüsse räumlich dar und testete

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P r e i s f ü r g r u n dl a g e n F o r s c h u n g

P r o f. D r . M a r t i n D r e s s e l

M a rt i n D r esse l , geboren am 25. Januar 1960, studierte in Erlangen und Göttingen. Nach Aufenthalten
in Vancouver (Kanada) und Los Angeles (USA) habilitierte er sich 1996 an der Technischen Universität
Darmstadt und wechselte daraufhin an das Zentrum für elektronische Korrelationen und Magnetismus
der Universität Augsburg. Seit 1998 leitet er das 1. Physikalische Institut der Universität Stuttgart.

Die Kristalle aus dem organischen Molekül TMTSF Das Molekül Mn12ac ist das bekannteste und bestunter- Die BEDT-TTF Moleküle sind in Ebenen angeordnet,
(Tetramethyltetraselenafulvalen) stellen die am besten suchte Beispiel eines molekularen Magneten. Interessant die durch Schichten der Anionen getrennt sind.
studierte Realisierung eines eindimensionalen Metalls sind die magnetischen Eigenschaften als mögliches Me- Hier sieht man den organischen Supraleiter
dar. Die Stapel sind durch die Anionen wie PF6 ge- dium zur Datenspeicherung – und die Idee, damit einen -(BEDT-TTF)2Cu[N(CN)2 ]Br, dessen physikalische
trennt. Rot: Selenatome; Orange: Kohlen­stoffatome; Quantencomputer zu bauen. Eigenschaften seit Jahren Gegenstand intensiver
Violett: Phosphoratome; Grün: Fluor­atome. Untersuchungen sind.

Kleine Bausteine für große Aufgaben

Wer ein großes Bauwerk errichten möchte, muss sich beim Fundament besondere Mühe geben – G r u n dl a g e n f o r s c h u n g i s t P i o n i e r a r b e i t Oft dauert es Jahre, bis Forscher ein solches
das weiß man auch am 1. Physikalischen Institut der Universität Stuttgart. Dort forschen Martin Dressel Phänomene zu entdecken, die bislang niemand Phänomen wahrnehmen und verstehen – sei es,
und seine Kollegen intensiv an ganz kleinen Strukturen: Durch Aneinanderreihen, Stapeln und Schich­ vorhergesagt hat und mit denen zunächst nie­ weil die technischen Voraussetzungen fehlen oder
ten von Atomen und Modifizieren von Molekülstrukturen in Kristallen lassen die Wissenschaftler neue mand etwas anzufangen weiß – auch das gehört weil es eines neuen Blickwinkels bedurfte, um die
Materialien entstehen. Sie überprüfen deren Eigenschaften und verändern sie für unterschiedlichste zum Alltag in der experimentellen Physik. Die Bedeutung zu erkennen. So wurde die Ladungs­
Bedürfnisse und Aufgaben. Stuttgarter untersuchen zum Beispiel Kristalle, ordnung im Rahmen einer Diplomarbeit in Stutt­
bei welchen die Moleküle wie die Borsten einer gart beobachtet – zehn Jahre bevor das Phänomen
M a SS s c h n e i d e r e i f ü r At o m e so angeordnet, dass sie sich beispielsweise zu Bürste in einer Ebene aufgereiht sind. Obwohl es erklärt werden konnte.
Die experimentellen Untersuchungen von Martin einem eindimensionalen atomaren Draht formen sich um organische Moleküle handelt, bilden sie Die Forschungsergebnisse von Dressel und seinem
Dressel und seinem Team sind eine wichtige oder supraleitende Schichten ausbilden, also Strom ein hervor­ragendes Metall; teilweise werden die Team liefern die Grundlagen für eine zukünftige
Grundvoraussetzung für die Verwirklichung von ohne jeden Widerstand leiten. Kristalle sogar supraleitend. molekulare Elektronik. Sie könnten dafür sorgen,
Zukunftsvisionen, wie zum Beispiel dem Einsatz Die so gewonnenen Modellsysteme dienen den In manchen dieser Kristalle bleiben die Elektronen dass Computer von übermorgen auf der Basis
von molekularer Elektronik und Magnetismus. Wissenschaftlern als Forschungsgrundlage. Mit allerdings nicht gleichmäßig verteilt: Vielmehr molekularer Strukturen funktionieren, der Strom
Sie sind aber auch ein entscheidender Schritt in Hilfe von optischen, elektronischen oder mag­ entstehen nach einer bestimmten Ladungsord­ durch eine Kette von Atomen transportiert wird,
der Annäherung von Theorie und Praxis – und netischen Messungen untersuchen sie die Eigen­ nung streifenförmige Bereiche mit mehr und mit Computerchips nur noch ein Tausendstel ihrer
nicht zuletzt sind Experimente der einzige Weg, schaften der neuen Materialien, um vorhandene weniger Elektronen. Warum sich dieses Ungleich­ heutigen Größe haben oder molekulare Magnete
um Phänomene zu entdecken, die bislang niemand Theorien zu überprüfen oder neue Phänomene zu gewicht ohne äußere Einwirkung „selbstorgani­ die Festplatten ersetzen. Wegen ihrer hohen

2003
vorhergesagt hat. erklären: Kann eine Kette von Atomen elektri­ siert“ einstellt, blieb zunächst ein Rätsel. In enger Bedeutung für die Zukunft finden die Ergeb­
Im Gegensatz zur klassischen Nanotechnologie, schen Strom leiten? Wie können organische Kris­ Zusammenarbeit mit Kollegen aus der Chemie nisse des 1. Physikalischen Instituts internationale
bei der kleine Strukturen mittels ausgefeilter Tech­ talle zu Leitern werden? Kann man Atome so an­ hat Dressel festgestellt, dass das Wechselspiel von Beachtung.
nik immer weiter reduziert werden (top down), ordnen, dass die Moleküle starke Magnete werden? unterschiedlichen Kräften zu diesen Phänomenen
funktioniert die maßgeschneiderte Herstellung Und kann man diese dann ein- und ausschalten? führt. Sie fanden heraus, dass gerade Metalle, die
von Materialien durch „molekulares Engineering“ eine solche Ordnung zeigen, nicht supraleitend,
genau umgekehrt (bottom up): Die Atome werden sondern sogar isolierend wirken.

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P r e i s f ü r g r u n dl a g e n F o r s c h u n g

P RO F. D r . H e r t a fl o r

H e rta F l o r , geboren am 23. April 1954, studierte Psychologie in Würzburg und in Tübingen, wo sie
sich 1990 auch habilitierte. Seit 2000 ist sie Ordinaria für Neuropsychologie und Klinische Psychologie
an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und seit 2005 Wissenschaftliche Direktorin am Institut für
Neuropsychologie und Klinische Psychologie, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim.
Patienten mit Fibromyalgie und gesunde Kontroll- Links: Darstellung der Abnahme der Beeinträchtigung Mitte: Die gesehene Handbewegung löst vor der
probanden bei einer schmerzhaften Stimulation im durch das Extinktionstraining, gemessen im Multidimen­ Therapie keine Aktivität in der Hirnregion aus,
MRT. Links: Schmerzeinstufungen der Gruppen sionalen Schmerzfragebogen. in der die amputierte Hand repräsentiert war.
von 0 (kein Schmerz) bis 100 (stärkster Schmerz). Rechts: Darstellung der Hirnveränderungen, die mit der Rechts: Gleichmäßige Aktivität bei schmerzfreien
Rechts: Hirnaktivierung während der schmerzhaf- Abnahme der Beeinträchtigung während der Behandlung amputierten und gesunden Personen sowie nach
ten Reizung. Die verstärkte Schmerzverarbeitung einhergehen. der Therapie.

Schmerzgedächtnis: Psychobiologische Grund- bei den Fibromyalgie-Patienten nimmt mit der


Dauer der chronischen Schmerzen zu und weist
auf ein Schmerzgedächtnis hin.

lagen und Entwicklung neuer Therapieverfahren


Das Gehirn ist das komplexeste Organ des Menschen. Alle Informationen, die unser Erleben und anhaltenden Schmerzen so zu verändern, dass Diese Wandlungsfähigkeit des Gehirns lässt sich
Verhalten beeinflussen, laufen in dieser Schalt- und Steuerzentrale zusammen. Die Psychologin Herta diese überproportional stark verarbeitet werden. auch in Trainingsverfahren umsetzen. So wurde auf
Flor hat herausgefunden, dass sich das menschliche Gehirn erfahrungsbedingt verändert und über die der Grundlage dieser Forschungen ein „Extinktions­
gesamte Lebensspanne trainierbar und plastisch ist. Am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in D i e R o ll e v o n L e r n p r o z e s s e n training“ zur Löschung des Schmerzgedächtnisses
Mannheim untersucht sie die Zusammenhänge zwischen Gehirn und Psyche. und Training entwickelt. Werden mit Schmerzerfahrungen
Das Gehirn verändert sich aber nicht nur durch verbundene Verhaltensweisen verlernt (z. B. durch
Empfinden Menschen zum Beispiel nach einer oder sich verlagern. Wird einem Patienten der Schmerzen und Verletzungen, sondern auch – und Videorückmeldung und Rollenspiele) und Wege
Amputation chronische Schmerzen in den fehlen­ Arm abgenommen, organisieren sich die reizver­ das ist für die Therapie entscheidend – durch trainiert, die dem Schmerz entgegenwirken
den Gliedmaßen, dann wird deutlich, dass Pro­ arbeitenden Areale aufgrund der Plastizität des Lernprozesse und äußere Reizung. In einer aus den (z. B. durch Problemlösetraining und Rollenspiele),
zesse im Gehirn maßgeblich am Schmerzempfin­ menschlichen Gehirns neu. Die Regionen, die im Mitteln des Forschungspreises geförderten Studie können unangemessene Veränderungen des
den beteiligt sind. Mittels moderner bildgebender Normalfall Nervenimpulse vom Arm empfangen, ließ sich z. B. zeigen, dass die Hirnaktivität auf Gehirns wieder rückgebildet werden. In einer
Verfahren konnte Herta Flor erstmals nachweisen, verschieben sich etwa in das benachbarte Areal des einen Schmerzreiz je nach bestehender Erfahrung Studie der „Klinischen Forschergruppe Schmerz“
dass sich nach einer Amputation die Repräsenta­ Mundes. Die Verbindung Arm zu Gehirn bleibt unterschiedlich ist. So erhielten Gesunde zwei wurde untersucht, wie eine Kombination von
tion von Körperteilen vor allem in der Großhirn­ auch nach der Amputation bestehen. Ist der Arm Wochen lang täglich schmerzhafte Reize am Finger, Training und Medikamenten, welche die Löschung
rinde verändert. Der Umfang dieser Modifikation weg, empfängt das dafür zuständige Gehirnareal die entweder vorhersagbar waren (ein Kreis auf des Schmerzgedächtnisses fördern, den Schmerz
ist eng verbunden mit dem Ausmaß des Phantom­ weiterhin Impulse, nun aber aus der Nachbar­ einem Computerschirm signalisierte, dass gleich noch effektiver ausschaltet. Auch für Patienten mit
schmerzes. schaft. Diese Signale werden allerdings nach wie ein Schmerzreiz kommen würde, ein Quadrat, dass Phantomschmerz werden derzeit neue Behand­

2004
Im Gehirn ist in speziellen Regionen der ganze vor anscheinend in dem Körperteil wahrgenom­ einige Sekunden kein Schmerzreiz zu erwarten lungsverfahren erprobt, wie z. B. das Training des
Körper im Miniaturformat repräsentiert. Es gibt men, welches grundlegend mit dem Gehirnareal war) oder nicht (Kreis, Quadrat und Schmerzreiz gesunden Arms in einem Spiegel. So wird die Ver­
dort eine „Landkarte“ des Körpers, die sich durch verbunden war, also dem amputierten Arm. Auch wurden zufällig dargeboten). Nach dem Training änderungsfähigkeit des Gehirns, die zu vermehrten
Verletzungen oder äußere Stimulation verändert. bei Patienten, die unter einer anderen Schmerz­ zeigten die beiden Gruppen unterschiedliche Schmerzen führt, am Ende zur Schmerzlinderung
Die Verarbeitungstätigkeit bestimmter Gehirnregi­ symptomatik leiden, wie etwa Fibromyalgie (eine Schmerzwahrnehmungen und Hirnaktivierungs­ eingesetzt.
onen kann sich unter starker und lang anhaltender Art von generalisiertem Schmerz), scheinen sich muster. Das legt nahe, dass vorhersagbarer Schmerz
Schmerzeinwirkung überdimensional ausbreiten die neuronalen Verarbeitungsregionen unter den viel besser gehemmt werden kann.

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P r e i s f ü r A n g e wa n d t e F o r s c h u n g

P r o f. D r . J o s e f W i e l a n d

J o se f W i e la n d , geboren am 14. Mai 1951, studierte Ökonomie und Philosophie an der Universität-
GHS Wuppertal. 1995 habilitierte er sich im Fach Volkswirtschaftslehre an der Privatuniversität Witten/
Herdecke. Seit 1995 ist er Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Wirtschafts-
und Unternehmensethik an der Hochschule Konstanz für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG).
Wertemanagement basiert auf der Sensibilisierung der Führungskräfte und Mitarbeiter eines Unternehmens. Trainings und Diskussionen von Zielkonflikten sind
elementare Bausteine der Umsetzung von Werteorientierung in die betriebliche Praxis.

Wertemanagement: Von der Sonntagsrede


zum Leitfaden für Manager und Politiker
Wirtschaft und Ethik, diese beiden Begriffe waren lange Zeit in unterschiedlichen Welten zu Hause Ethik im Praxistest U n t e r n e h m e n s e t h i k a l s B e s ta n d t e i l d e r

und wollten nicht so recht zusammenkommen. Die Ökonomen warfen den Philosophen und Theologen Das von Wieland entwickelte Managementsystem G o v e r n a n c e m o d e r n e r G e s e ll s c h a f t e n

vor, keine berechenbaren Ergebnisse zu liefern, und umgekehrt zogen sich die Ethiker oft zurück, da ihre verbindet die Werte eines Unternehmens – zum Das anwendungsorientierte Wertemanagement­
Appelle nicht befolgt wurden. Eine solide Brücke hat der Konstanzer Wirtschaftsethiker Josef Wieland Beispiel Fairness – mit den verschiedenen Ebenen system ist in die Theorie der Governance moderner
gebaut. Er zeigt auf, wie Ethik den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen und Organisationen beeinflusst, des Managements wie der Strategie, der Organisa­ Gesellschaften eingebettet. Sie beschreibt, über
und beschreibt, mit welchen konkreten Maßnahmen ein ethischer Wandel vollzogen werden kann. tion, der Kommunikation und dem Controlling. welche Spielregeln moderne Gesellschaften gesteu­
Im ersten Schritt müssen daher zunächst die ert werden. Dazu gehören beispielsweise Gesetze,
Mit seinen Arbeiten zur Theorie der sogenannten zeigen, dass es nicht reicht, sich auf formale Werte, welche die Identität eines Unternehmens die Kultur einer Gesellschaft und eines Unter­
„Governance moderner Gesellschaften“, die inter­ Kontrollsysteme zu verlassen. Nach Wieland prägen, festgelegt werden. Der Grundwertekatalog nehmens, aber auch die persönlichen Werte von
national hohes Renommee genießen, erbringt er müssen hier vielmehr informale Steuerungs­ ist eine Art Visitenkarte der Firma. Die hier be­ Individuen. Beim Wertemanagementsystem liegt
den Nachweis, dass wirtschaftlicher Erfolg und mechanismen wie Werte und Moral integriert schriebenen Verhaltensstandards bestimmen, wie der Fokus auf den Selbststeuerungsmechanismen
moralisches Engagement kein Widerspruch sein werden. Aber wie sollen diese Steuerungs­ in Konfliktsituationen entschieden werden sollte. in der Wirtschaft.
müssen, sondern ganz im Gegenteil: dass sich mechanismen aufgebaut sein und wer setzt Im zweiten Schritt muss die Geschäftsführung die Die Theorie der Governance moderner Gesell­
beides als Bedingung nachhaltiger Unternehmens­ sie um? Auf diese Fragen gibt Josef Wieland, Werte im Alltag mit Leben erfüllen. Von Bedeu­ schaften von Josef Wieland ist eine der führenden
entwicklung erweist. der sich mit dem anwendungsorientierten tung sind dabei etwa Fragen nach der Rolle von Theorien der wirtschaftsethischen Diskussion. Seit
Aspekt von Ethik befasst, mit seinem Werte­ Verhaltensstandards bei der Auswahl und der 2003 lädt Wieland jährlich führende Wirtschafts-
Mangelnde Ethik – ein unternehmerisches managementsystem eine Antwort. Das von ihm Beförderung von Mitarbeitern. Das Wertemanage­ ethiker aus Deutschland und anderen europäi­

2004
B e s ta n d s r i s i k o entwickelte Instrument dient der Prävention mentsystem unterstützt mit Leitlinien, Kriterien, schen Ländern ein, um in Konstanz die Ergebnisse
Dass Ethik den wirtschaftlichen Erfolg beein­ von Wirtschaftskriminalität und dem Manage­ Checklisten und Beispielen. Je nach Charakter des und Perspektiven der Governanceethik zu disku­
flusst, zeigen Fälle wie die Schmiergeldaffären ment gesellschaftlicher Verantwortung (Corpo­ Unternehmens kann das Wertemanagementsystem tieren. Die Veranstaltungen wurden bisher von der
bei Siemens oder MAN. Hier entwickeln sich rate Social Responsibility), indem es die Werte in bestimmten Teilbereichen, zum Beispiel im Deutschen Forschungsgemeinschaft und aus den
nicht vorhandene oder unerwünschte Werte bei des Unternehmens für eine moralisch sensible Risiko-, Personal- und Qualitätsmanagement oder Mitteln des Landesforschungspreises gefördert.
Führungskräften und Mitarbeitern zum Bestands­ Unternehmens- und Führungskultur mobilisiert. im Bereich Corporate Social Responsibility ein
risiko für das Unternehmen. Die Skandale Die Größe der Firmen spielt dabei keine Rolle. besonderes Gewicht bekommen.

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P r e i s f ü r g r u n dl a g e n F o r s c h u n g

P r o f. D r . R o lf s t ü r n e r

R o l f S t ü r n e r , geboren am 11. April 1943, studierte Rechtswissenschaften in Tübingen, wo er sich


1976 auch habilitierte. Von 1981 bis 2008 war er Richter an Spezialsenaten für Auslands­sachen am
OLG Stuttgart und Karlsruhe. 1992 wurde er Direktor und Lehrstuhlinhaber am Institut für deutsches
und ausländisches Zivilprozessrecht an der Universität Freiburg, seit 2001 mehrmals Visiting Professor
Erstausgabe der 2006 bei der Cambridge University Principle 1 über richterliche Neutralität und Qualifikation – Principle 16 über den Zugang zu spezifizierten
an der Harvard Law School.
Press veröffentlichten Principles. von Bedeutung vor allem für sich entwickelnde Prozess- Beweismitteln.
kulturen.

Prinzipien zur weltweiten Harmonisierung G r u n dl e g e n d e G e m e i n s a mk e i t e n a l s B a s i s I n h a lt u n d F u n k t i o n d e r P r i n z i p i e n

Um die Kluft zwischen den unterschiedlichen Die von Rolf Stürner mit entwickelten Prinzipien
des Zivilverfahrensrechts Prozesskulturen zu überbrücken, war umfangreiche begrenzen die teilweise weltweit ausgedehnte
Grundlagenforschung notwendig – nicht nur ein gerichtliche Zuständigkeit. Darüber hinaus
Der weltweite Austausch von Waren, Dienstleistungen und geistigem Eigentum nimmt stetig zu. reiner Formenvergleich. Sogar innerhalb der EU beschreiben sie Mindestanforderungen für das
Deshalb wächst auch die Bedeutung und Häufigkeit transnationaler, also länderübergreifender zivilrecht­ sind bisher nur Ansätze zu einer Harmonisierung Verhalten von Parteien und Richtern. Vorschläge
licher Streitigkeiten. Dabei stellt sich die Frage, wo und unter welchem Recht diese Verfahren stattfinden vorhanden. Diese Tatsache lässt erkennen, welche betreffen die internationale Klagezustellung, die
und inwieweit für fremde Verfahren Rechtshilfe durch deutsche Gerichte zu leisten ist. Wesentliche Leistung hinter dem Entwurf der Prinzipien steckt. Rollenverteilung zwischen Richtern und Anwälten,
Grundlagen zur Beantwortung dieser Fragen erarbeitete Rolf Stürner. Unidroit hat mehr als 60 Mitglieder, darunter die Verteilung der Prozesskosten und die Voraus­
alle Industriestaaten, einschließlich China und setzungen einer Anerkennung und Vollstreckung
Angloamerikanische Verfahren sind von deutschen schaffung. In angloamerikanischen Prozessen gilt Russland. Das ALI ist die tonangebende inner­ ausländischer Entscheidungen. Die Richtlinien
und kontinentaleuropäischen Unternehmen vor der Grundsatz, dass auf Verlangen einer Partei amerikanische Institution zur Rechtsvereinheitli­ legen das Verfahren bei der Ermittlung fremden
allem deshalb gefürchtet, weil sie oft weltweite die andere Seite alles offenlegen muss und fast chung. Dass die Prinzipien von beiden Instituti­ Rechts fest und schaffen Grundregeln für das Auf­
Zuständigkeit beanspruchen und kostspielige unbeschränkten Mitwirkungspflichten unterliegt. onen einstimmig verabschiedet worden sind, war treten fremder Anwälte vor Gericht. Sie versuchen
Beweiserhebung zulassen. Im Jahr 2004 haben die In Kontinental­europa gibt es dagegen stärkere eher überraschend: Über lange Zeit waren die USA nicht zuletzt wettbewerbsrelevante Informationen
beiden wichtigsten Institutionen für Rechtsharmo­ Schutzmechanismen für sensible Daten, wie zum Sieger nach Punkten und ihr Interesse am Kom­ besser zu schützen.
nisierung, Unidroit mit Sitz in Rom und das Ame­ Beispiel technische oder kaufmännische Geheim­ promiss nicht selbstverständlich. Entscheidend für Die Prinzipien bieten eine Orientierungshilfe für
rican Law Institute (ALI), Philadelphia, erstmals nisse. Ausländische Firmen geraten in den USA den Erfolg war, die unterschiedlichen geschichtli­ Länder, die ihr Recht neu kodifizieren oder refor­
gemeinsame Grundprinzipien für transnationale oft in Bedrängnis, weil amerikanische Konkur­ chen und kulturellen Gegebenheiten zu berück­ mieren. Eine ganze Reihe von Staaten in Ostasien
Zivilprozesse einstimmig verabschiedet. Für diese renten versuchen, an Informationen zu kommen, sichtigen. Das machte die gemeinsamen Grund­ und Entwicklungsländer kommen dafür aktuell
„Principles of Transnational Civil Procedure“ hat die sie in deutschen oder europäischen Prozessen lagen der unterschiedlichen Systeme deutlich und infrage. Auch nationale oberste Gerichte können sie

2005
Rolf Stürner durch seine Forschungsarbeiten eine nicht erhalten würden. Die Prozesse werden als diente als Ausgangspunkt für den Dialog. als Aus­legungshilfe bei Anwendung ihrer Verfahrens­
wichtige Basis geschaffen. Kampfmittel eingesetzt. Die Frage, welches Recht ordnung verwenden. Außerdem haben sie Einfluss
einen Prozess prägt, ist deshalb für Wirtschaft und auf die Schiedsgerichtsbarkeit, die insbesondere
U n t e r s c h i e dl i c h e P r o z e s s k u lt u r e n Unternehmen bedeutsam. Prozesse zwischen Großunternehmen weltweit ent­
Ein wesentlicher Unterschied zwischen den scheidet. Lehrbücher beider Rechtsräume beginnen,
Prozesskulturen Kontinentaleuropas und Anglo­ die Regeln zu berücksichtigen; sie sind Gegenstand
amerikas liegt in der Art der Informationsbe­ wissenschaftlicher Tagungen und Seminare.

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P r e i s f ü r A n g e wa n d t e F o r s c h u n g

P r o f. D r . kl a u s M a r t i n W e g e n e r

K la u s M a rt i n W e g e n e r , geboren am 17. Dezember 1961, studierte Physik an der Johann-Wolfgang-


Goethe-Universität in Frankfurt am Main. 1995 übernahm er eine C4-Professur am Institut für Angewandte
Physik an der Universität Karlsruhe (TH) und seit 2001 leitet er die Arbeitsgruppe Photonische Kristalle
am Institut für Nanotechnologie (INT) des Karlsruhe Institute of Technology (KIT).
Elektronenmikroskopische Aufnahmen eines drei- Das direkte Laserschreiben erlaubt die Herstellung nahezu Die Computersimulation eines „Wasser-Glases“
dimensionalen photonischen Kristalls aus Silizium. beliebiger dreidimensionaler Nanostrukturen mit lateralen mit einem Stab illustriert die Auswirkungen einer
Diese Holzstapel-Struktur weist eine vollständige Linienbreiten bis hinab zu zirka 100 Nanometer. negativen Brechzahl.
dreidimensionale photonische Bandlücke auf.

Maßgeschneiderte Materialien K ü n s t l i c h e At o m e : P h o t o n i s c h e als Langsamkeitsfaktor bezeichnen, weil sie angibt,


M e t a m at e r i a l i e n um welchen Faktor sich die Lichtwelle im Material
weisen dem Licht neue Wege Bei den photonischen Kristallen nutzen die For­ langsamer ausbreitet als im Vakuum. Für alle natür­
scher die Analogie zwischen Elektronenwellen und lich vorkommenden Materialien ist die Brechzahl
Die Anforderungen an die Datenübertragung nehmen stetig zu. Damit keine Engpässe entstehen, Lichtwellen aus, um neuartige optische Eigenschaf­ positiv, meistens sogar größer als 1. Ein Berg der
arbeiten Wissenschaftler und Entwickler weltweit an auf Lichtbasis funktionierenden Bauelementen. ten zu erzielen. Licht ist darüber hinaus nicht nur Lichtwelle läuft im Material also langsamer als im
Sie sind angewiesen auf Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung, die ihnen z. B. neue Materialen irgendeine Welle, sondern eine elektromagnetische Vakuum oder in Luft.
bereitstellt. Martin Wegener und seinem Team ist hier eine bahnbrechende Entwicklung gelungen: Welle. Es hat somit eine elektrische und eine Mit Metamaterialien sind jetzt auch negative
Sie stellen mithilfe der Nanotechnologie künstliche Materialien her, deren optische Eigenschaften sich magnetische Komponente. Diese beiden senkrecht Brech­zahlen, also negative Geschwindigkeiten der
qualitativ beeinflussen lassen. aufeinander stehenden Vektoren bilden sozusagen Lichtwellenberge möglich. Das entspricht sozusa­
die beiden Beine des Lichts. Die Ausbreitungs­ gen dem Rückwärtsgang des Lichts. Dieses Prinzip
Eine Weinflasche und der Halbedelstein Opal P h o t o n i s c h e K r i s t a ll e a u s d e m L a b o r richtung des Lichts ist senkrecht zu diesen Beinen. konnten Martin Wegener und seine Kollegen mit
bestehen chemisch gesehen aus dem gleichen Der Opal ist ein Beispiel für einen sogenannten Leider erlauben alle natürlichen optischen Materia­ der schematisch gezeigten Struktur im Jahr 2007
Material, nämlich Siliziumdioxid (SiO2). Optisch photonischen Kristall. Seine Struktur beeinflusst lien nur die direkte Beeinflussung der elektrischen, im sichtbaren Spektralbereich demonstrieren.
sehen sie aber völlig unterschiedlich aus. Der die Bewegung von Photonen – vereinfacht gesagt nicht aber der magnetischen Komponente des 1887 hatte Heinrich Hertz in Karlsruhe erstmals
Opal schimmert in bunten Farben, wohingegen Lichtteilchen. Er ist aus kleinen SiO2-Kügelchen Lichts. So fehlte der Optik über Jahrhunderte ihre elektromagnetische Wellen nachgewiesen (im Vor­
die Weiß­weinflasche aussieht wie gewöhnliches aufgebaut, die zu einem dichten Gitter gestapelt magnetische Hälfte. wärtsgang). 120 Jahre später legen die elektromag­
Fenster­glas. Das Erscheinungsbild hängt offen­ sind. Die Lichtausbreitung in solchen Kristallen Eine Grundidee der Metamaterialien ist, winzig netischen Lichtwellen dort mithilfe der Nanotech­
sichtlich von der Struktur der Materie auf der verhält sich in etwa so wie die Ausbreitung von kleine Elektromagneten dicht zu einem Material nologie erstmals den Rückwärtsgang ein.
Nanometer­skala ab. Umgekehrt lassen sich die Elektronenwellen in Halbleiterkristallen wie dem zu packen, mit dessen Hilfe die Forscher auch die
optischen Eigenschaften durch Strukturierung Silizium. Seine Bandlücke ist die Grundlage der magnetische Komponente der Lichtwelle steuern

2005
im Nanometerbereich beeinflussen und sogar modernen Siliziumtechnologie. Somit ist es den können. Die Zutaten hierzu sind recht gewöhnlich
maßschneidern. Das Ziel des Teams um Martin Forschern auch möglich, eine Bandlücke für das – Glas oder Gold – dennoch ergeben sich durch
Wegener ist es, optische Eigenschaften zu erzielen, Licht zu erreichen und es manipulieren zu können. die Struktur ganz andere, weit darüber hinausge­
die so in der Natur nicht vorkommen. Leider treten photonische Kristalle dieser Art in der hende Eigenschaften.
Natur aber nicht auf. Um sie künstlich herzustellen, Prominentes Beispiel für eine neue Eigenschaft
hat die Arbeitsgruppe von Martin Wegener ein von photonischen Metamaterialien ist die negative
Laser-basiertes Herstellungverfahren entwickelt. optische Brechzahl. Diese Zahl könnte man auch

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P r e i s f ü r A n g e wa n d t e F o r s c h u n g

D r . m a r t i n w a lt h e r , D r . R o b e r t R e h m ,
Dr. Johannes Schmitz, joachim Fleissner

Forschungsgruppe am Fraunhofer-Institut für Angewandte Festkörperphysik, Freiburg

Die Wärmebildkamera. Bispektraler Infrarot-Detektor. Freiburg bei Nacht, aufgenommen mit


der bispektralen Infrarot-Kamera
(Komplementärfarbenüberlagerung).

Neue Wärmebildkamera liefert Farbbilder Informationsgehalt der aufgenommenen Bilder ist dem Forschungsinstitut für Optik und Muster­
deutlich gewachsen. Erstmals ist es möglich, die erkennung, Ettlingen, wurden bispektrale Wärme­
im Infraroten Temperatur eines Objekts direkt zu bestimmen bildkameras modifiziert, mit denen der Gasaus­
und in der Nähe befindliche kühle Gegenstände tausch zwischen Luft und Wasser im Wind- und
Jeder Körper strahlt, in Abhängigkeit von seiner Eigentemperatur, Wärme ab. Bei sehr hohen Tem­ von heißen, aber weit entfernten Dingen zu Wellenkanal der Universität Heidelberg genauer
peraturen, wie beispielsweise bei rot glühendem Eisen, wird das auch für das menschliche Auge sichtbar. unterscheiden. Dank der exquisiten Aussagekraft untersucht wurde. Dabei zeigte sich, dass die
Bei niedrigeren Temperaturen liegt diese Wärmestrahlung im infraroten Spektralbereich und kann nur der „farbigen“ Wärmebilder werden die Infrarot- neuartigen Kameras den Temperaturverlauf an der
mit speziellen Wärmebildkameras nachgewiesen werden. Das Forscherteam um Martin Walther am Kameras künftig sowohl in der Mess- als auch in Wasseroberfläche mit sehr hoher Auflösung mes­
Freiburger Fraunhofer-Institut für Angewandte Festkörperphysik (IAF) hat eine hochpräzise Infrarot- der Sicherheitstechnik zum Einsatz kommen. sen können und damit einen Beitrag für künftige
Kamera entwickelt, die zweifarbige Bilder erzeugt. Klimamodelle leisten. Für die direkte Messung des
Neue Erkenntnisse für den Klimaschutz Gasaustausches muss die Empfindlichkeit noch
Bei allem technischen Fortschritt hinsichtlich der D e ta i l s c h ä r f e i n Fa r b e Außerdem könnte die Wärmebildkamera eine weiter erhöht werden. Dann sind auch quantitative
thermischen und räumlichen Auflösung hatten Die Forscher des Fraunhofer IAF setzten sich tragende Rolle im Klimaschutz spielen. Denn bei Aussagen zum Gasaustausch zwischen Ozean und
gängige Wärmebildgeräte bislang immer noch ein ehrgeiziges Ziel: Es sollte ein zweifarbiger geeigneter Wahl der Wellenlängenbereiche erken­ Atmosphäre möglich.
einen entscheidenden Nachteil: Die Bilder gaben Detektor­chip entwickelt werden, der in der Lage nen die bispektralen Wärmebildkameras auch die Die Mitarbeiter des Fraunhofer-IAF arbeiten daran,
nur die in einem bestimmten Spektralbereich ge­ ist, gleichzeitig und unabhängig voneinander Strah­ CO2-Emission aus einem Industrieschornstein oder noch mehr Farbinformationen aus den Infrarot­
messene Intensitätsverteilung der Wärme wieder. lung zweier Wellenlängen wahrzunehmen – und im Abgas von Fahrzeugen oder Triebwerken. Die bildern zu erhalten. Der vermeintlich kleine
Genau wie das sichtbare Licht jedoch unterschied­ zwar in dem für das menschliche Auge nicht sicht­ hohe Auflösung weckte bereits das Interesse der Schritt von einer zu zwei Farben im Infraroten hat
liche Wellenlängen beinhaltet, verteilt sich auch baren Infrarotbereich. Dies war die Geburtsstunde Klimaforscher, die mit dieser neuen Technologie die Tür zu einer technologischen Entwicklung auf­
die Wärmestrahlung eines Objekts über ein breites des Farbsehens im Infraroten – ein technischer den Austausch des klimarelevanten Kohlendioxids gestoßen, deren Potenzial bis heute nur zu einem
Wellenlängenspektrum. Damit ist die Wärmestrah­ Fortschritt vergleichbar mit dem Übergang von der zwischen Atmosphäre und Weltmeeren beobach­ Bruchteil genutzt wird.

2006
lung also genauso „farbig“, wie das dem menschli­ Schwarzweiß- zur Farbfotografie. Gemeinsam mit ten wollen.
chen Auge sichtbare Spektrum. Diese Information dem Industriepartner AIM Infrarot-Module GmbH Das Preisgeld haben die Freiburger daher für ein
konnten die bisherigen Infrarot-Kameras allerdings in Heilbronn konnte die erste bispektrale Wärme­ Projekt zur Entwicklung thermografischer Unter­
nicht abbilden. bildkamera gebaut werden. suchungsmethoden eingesetzt, die den Austausch
Die mit diesem Gerät erzeugten Aufnahmen von CO2 zwischen Atmosphäre und Meereswasser
zeichnen sich durch ein bislang unerreichtes bestimmen. In Kooperation mit dem Institut für
Maß an Detailschärfe aus. Auch der physikalische Umweltphysik der Universität Heidelberg und

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P r e i s f ü r g r u n dl a g e n F o r s c h u n g

P r o f. D r . D i e t e r H . W o lf

D i e t e r H. W o l f , geboren am 18. September 1941, studierte Chemie an den Technischen Universitäten


Karlsruhe und München. 1978 habilitierte er sich im Fach Biochemie an der Universität Freiburg, wo er
anschließend auch als Forschungsgruppenleiter und Professor tätig war. Seit 1989 ist er Professor und
Ordinarius für Biochemie und Direktor des Instituts für Biochemie an der Universität Stuttgart.
Das Ubiqutin-Proteasom-System. Die Erkenntnis des Rücktransports defekter Eiweiße zum Das Ubiquitin-Proteasom-System reguliert den Kohlen­
Proteasom durchbrach ein Paradigma der Zellbiologie. hydratstoffwechsel und steht damit in Zusammen-
hang mit der Volkskrankheit Diabetes.

Bäckerhefe gibt Aufschluss: Mangelnder Eiweiß- dass auch solche fehlerhaften Eiweiße eliminiert gestörten Abbauprozesses durch Eiweißablagerun­
werden, die in einem völlig anderen Teil der Zelle gen zustande kommen, in Zukunft medikamentös
abbau in Zellen verursacht schwere Krankheiten zu Hause sind als das Proteasom selbst: Diese behandeln zu können.
Proteine werden innerhalb der Zelle verschoben
Der Eiweißabbau in Zellen ist ein hochkomplexer Vorgang. Treten hier Fehler auf, führt das zu und direkt zur Wirkungsstätte des Proteasoms N e u e E n t w i c kl u n g e n

schweren Erkrankungen wie zum Beispiel Krebs, Parkinson oder Alzheimer. Untersuchungen, die Dieter transportiert. Das weitere Studium des Eiweißabbaus lässt Dieter
H. Wolf und sein Team an der Bäckerhefe vorgenommen haben, erlauben tiefe Einblicke in die Mecha­ Wolf und sein Team immer tiefere Ein­blicke in den
nismen und Funktionen des Eiweißabbaus: Sie helfen die Krankheiten zu verstehen und Strategien zu N e u e H o ff n u n g f ü r s c h w e r e Mechanismus dieses faszinierenden zellulären Pro­
ihrer Behandlung zu entwickeln. Erkrankungen zesses gewinnen. Neben weiteren „Spielern“ und
Die Bäckerhefe ähnelt in ihrem strukturellen Auf­ intrazellulären Orten des Abbaus von Eiweißmüll
In der Zellbiologie herrschte lange Zeit die Mei­ U n b e k a n n t e W e g e d e r E i w e i SS - bau Tier- und Pflanzenzellen und lässt daher Rück­ entdeckten die Forscher eine neue „Ubiqui­ti­nie­
nung, dass einmal produzierte Eiweiße (Proteine) m ü ll e n t f e r n u n g schlüsse auf Zellfunktionen höherer Lebewesen rungs­maschine“, die selektiv das Markierungsmole­
von der Zelle nicht wieder beseitigt werden. Dies Der Ausfall dieses Vorgangs, den man sich wie die zu. Entdeckungen, die für den kugeligen Einzeller kül Ubiquitin an Eiweiße des Zuckerstoffwechsels
haben Dieter H. Wolf und seine Kollegen am Arbeit eines Fleischwolfs in der Nanodimension gelten, lassen sich also weitgehend auch auf den heftet und somit reguliert. Es ist abzusehen, dass
Beispiel der Bäckerhefe widerlegt: Dem Wolf´schen vorstellen muss, ist für die Zelle tödlich. Mit dieser Menschen übertragen: Dies erlaubt ein schnelles ein fehlerhafter Eiweißabbau in diesem Stoff­
Team gelang der Nachweis, dass die Zelle schad­ Erkenntnis ließ sich beweisen, dass das Proteasom Abgleichen der an der Bäckerhefe erarbeiteten wechsel­weg zur Volkskrankheit Diabetes beiträgt:
hafte Eiweißmoleküle zerstört. Sie fanden heraus, und der Eiweißabbau lebensnotwendig sind. Die Wirkmechanismen in menschlichen Zellen und – Ein weiteres Feld für die Suche nach neuen
wie dabei das Markierungsprotein Ubiquitin Entdeckungen der Forschergruppe um Dieter H. darauf aufbauend – ein medikamentöses Eingreifen Medikamenten gegen diese Stoffwechsel­krankheit
und eine spezifische Eiweißabbaumaschine, das Wolf waren die letzten fehlenden Puzzlesteine im in fehlerhafte Prozesse. könnte sich öffnen.
sogenannte Proteasom, zusammenwirken: Die zum System des Ubiquitin-vermittelten Eiweißabbaus Wenn der Eiweißabbau und die Entsorgung von
Abbau bestimmten schadhaften zellulären Eiweiße und führten zu zahlreichen Erkenntnissen auf dem Eiweißmüll gestört sind, führt dies zu schweren Er­

2006
werden mit Ubiquitin markiert – einem kleinen, Gebiet des sogenannten Ubiquitin-Proteasom- krankungen wie Krebs, Parkinson oder Alzheimer.
aus 76 Aminosäuren bestehenden Molekül, das Systems (UPS). Gerade bei Krebs gilt die Eiweißabbaumaschine als
in allen höheren Zellen vorkommt. Anschließend Bereits zu dieser Zeit erkannte Dieter H. Wolf mit Angriffsziel für die Therapie. Vor Kurzem wurde
werden die gekennzeichneten Eiweiße in einem seinem Team, dass das Proteasom auch zellulären mit einem Proteasomenhemmer (VelcadeTM) ein
mehrstufigen Prozess zerstückelt. Die Ubiquitin- Eiweißmüll entfernen kann. Auf der Suche nach hochwirksames Molekül zur Therapie bestimmter
Einheiten selbst bleiben der Zelle als Markierungs­ den verschiedenen Wegen dieses Entsorgungs­ Krebsarten eingeführt. Ziel bleibt es, auch die
bausteine erhalten. prozesses konnten die Wissenschaftler feststellen, Krankheiten des Gehirns, die aufgrund eines

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P r e i s f ü r A n g e wa n d t e F o r s c h u n g

P r o f. D r . B r i t t a N e s t l e r

B r i t ta N est l e r , geboren am 8. Februar 1972, studierte Physik und Mathematik an der RWTH Achen,
wo sie 2000 auch promoviert wurde. Sie ist seit 2001 Professorin an der Fakultät für Informatik in Karls­
ruhe und gründete dort 2006 das Institut für Computational Engineering, das sie seither leitet. Außerdem
ist sie Gründungsdirektorin des Institute of Materials and Processes, das Ende 2008 entstand.
Mehrphasige und mehrskalige Mikrostrukturen in Simulationsergebnisse polykristalliner Kornstrukturen: Phasenfeldsimulationen der Mikrostrukturausbildung:
vielkomponentigen Werkstoffen: a) Experimentelle a) Kornvergröberung in einer austenitischen Formge- Erstarrung einer ternären eutektischen Struktur zu
Gefügeaufnahme eines dendritischen Kornge- dächtnislegierung mit kubischer Kristallsymmetrie. Für aufeinanderfolgenden Zeitschritten (obere Reihe) und
füges in einer Al-Legierung; b) Simulation eines die Simulation wurden experimentelle EBSD-Messungen partikuläre Schaumstruktur unter dem Einfluss eines
Dendritennetzwerkes in einer Ni-Legierung; verwendet; b) Kornvergröberung durch Wärmebehand- von außen aufgeprägten Drucks (untere Reihe).
c) Lichtmikroskopaufnahme von Dendritenfragmen- lung; c) Rissversiegelung durch Kornwachstum aus einer

Werkstoffsimulationen ersparen ten mit interdendritischem Eutektikum in Al-Si;


d) Simulation zur Bestimmung des charakteristi-
schen Dendritenarmabstands; e) ternäre eutekti-
übersättigten Flüssigphase; d) Korngrenzbewegung in
einem metallischen Schaum; e) Kornstrukturausbildung
mit Einbau inerter Partikel.
sche Phasenumwandlung mit anisotropen Grenz­

kostspielige Experimente flächen; f) monotektische Erstarrung.

Fahrzeuge, Brücken oder Haushaltsgeräte – sie alle sollen immer höheren Belastungen standhalten gibt Britta Nestler zunächst Informationen über werden zukünftig am Computer entworfen und
und eine möglichst lange Lebensdauer haben. Darum müssen die Materialien hohen Anforderungen das zu berechnende Material, seine Eigenschaften, optimiert, bevor sie als Prototyp hergestellt werden.
genügen. Computergestützte Simulationen sind eine zeit- und ressourcensparende Technologie, mit der den Simulationsraum und die Ausgangskonfigura­ Eine besondere Herausforderung stellt dabei die
sich die Eigenschaften von Werkstoffen vorhersagen und neue Materialien für die Industrie entwickeln tion in den Computer ein. Im Hauptprozess wer­ Modellierung gesamter Prozessketten in der
lassen. Gleichzeitig helfen die Simulationen dabei, die Wechselbeziehung zwischen dem Gefüge und den den diese Eigenschaften dann unter Berücksichti­ Fertigung dar. Auf dem Weg vom Halbzeug zum
Eigenschaften eines Materials zu untersuchen und Bauteile zu prüfen. gung unterschiedlicher Einflüsse – wie beispiels­ Werkzeug wirken aufeinanderfolgende Bearbei­
weise Temperatur oder Spannung – berechnet. tungsschritte auf das Bauteil ein. Um Material­
Während der Herstellung und Fertigung von Bau­ Mit ihnen lässt sich die Bildung von Rissen unter Im dritten Schritt, dem „Post-Processing“, werden informationen entlang der Prozesskette zu gewin­
teilen hat bei fast allen Materialien die Ausbildung stetiger oder wiederkehrender Belastung durch die Daten schließlich ausgewertet und als hoch­ nen, arbeitet Britta Nestler an einer integralen
der Mikrostruktur und deren charakteristische eine Kraft von außen gezielt berechnen. Festig­ wertige 3-D-Grafik visuell dargestellt. Sie macht Werkstoffsimulation, die es ermöglicht, die Simu­
Gefügekenngrößen einen entscheidenden Einfluss keitsanalysen geben Britta Nestler und ihrem Team erkennbar, welchen Einfluss bestimmte Kräfte auf lationsdaten über alle Prozessschritte hinweg zu
auf die späteren mechanischen Eigenschaften. Auskunft über die Ursache und den Zeitpunkt das Material haben und wie man diese Einflüsse berücksichtigen.
Dazu gehören zum Beispiel Festigkeit, Langlebig­ des Materialversagens: Dafür führen sie Versuche minimieren kann.
keit oder Belastbarkeit. Die von Britta Nestler mit unterschiedlichen Nennspannungen und
und ihrem Team entwickelten Simulations- und Belastungs­dauern durch. Mit einer gezielten Pro­ Die Zukunft der Technologie

Modellierungstechniken ermöglichen den Einblick zessführung lassen sich darüber hinaus innovative „ W e r k s t o ff s i m u l at i o n “

sowohl in das Resultat als auch in den dreidimensi­ Materialverbindungen am Computer konzipie­ Bereits heute besitzt die Werkstoffsimulation von

2007
onalen Strukturbildungsprozess eines Werkstoffs. ren und testen, sodass im besten Fall ein neuer Britta Nestler für industrielle Anwendungen ein
Werkstoff entsteht. Die Berechnungen ersetzen weitreichendes Potenzial. Intensive Forschung
D i e S i m u l at i o n s s o f t w a r e Pa c e 3 D das Experiment am Objekt selbst, das oftmals sowie der rasante Fortschritt auf dem Gebiet
Diese Software-Werkzeuge zur Mikrostruktursimu­ eine Zerstörung der Bauteile erforderlich machen des Hochleistungsrechnens erschließen ständig
lation leisten eine detaillierte Bestimmung, wie würde. neue Anwendungsfelder, in denen Computersi­
sich zum Beispiel Hitze, Kälte und Druck von Die computergestützte Simulation erfolgt in drei mulationen Einblicke in neue Materialien geben.
außen auf die Werkstoffeigenschaften auswirken. Schritten: Im ersten Schritt, dem „Pre-Processing“, Produkte, Herstellungs- und Fertigungsprozesse

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P r e i s f ü r g r u n dl a g e n F o r s c h u n g

P r o f. d r . M a r k u s o b e r t h a l e r

M a r k u s O b e rt h a l e r , geboren am 3. Mai 1968, hat an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck


Physik studiert und dort anschließend promoviert. Nach einem Forschungsaufenthalt an der University
of Oxford leitete er den Bereich Atomoptik an der Universität in Konstanz. 2003 wurde er ans Kirchhoff
Institut für Physik an der Universität Heidelberg berufen, wo er seit 2006 als Professor für Synthetische
Spiegel, Blenden und Kabel für Licht: Zur Abkühlung Farbenspiel im Labor: Atome wechselwirken resonant nur Die zeitliche Entwicklung der Dichteverteilung in
Quantensysteme lehrt.
der atomaren Gase auf millionstel Grad Kelvin wird mit Licht einer speziellen Farbe (Frequenz). Dieses wird Falsch­farbendarstellung (Rot: viele Atome; Blau: keine
Laserkühlung eingesetzt. mit verschiedensten High-Tech-Lasern erzeugt, welche Atome). Die Atome tunneln in wenigen Hundertstel­
die notwendige Grundlage für Experimente mit ultrakalten sekunden vom linken zum rechten Potenzialtopf.
Gasen darstellen. Klassische Energieerhaltung würde das nicht erlauben.

Tunneln „eiskalter“ Atome und


Messung extremster Kälte
Während wir Menschen mühsam Tunnel bohren, um einen Berg zu überwinden, geht das in der sich anfänglich mehr im linken Teil des Gefäßes hat die Analyse gezeigt, dass dieses Phänomen
Quantenphysik auch anders: Atome können aufgrund des Tunneleffekts spontan räumliche Hindernisse befindet, zeigt deutlich das Tunneln zur anderen in direkter Analogie zu einem Pendel verstanden
durchdringen, ohne dort Veränderungen oder Beschädigungen zu hinterlassen. Der Arbeitsgruppe um Seite. Nach einer bestimmten Zeit dreht sich diese werden kann. Endliche Temperatur führt – auch
Markus Oberthaler ist es erstmals gelungen, dieses Phänomen der Quantenwelt mit ultrakalten atomaren „Tunnel­richtung“ um. In unserer Alltagswelt würde bei einem klassischen Pendel – zu einer fluktuie­
Gasen zu beobachten. dagegen immer mehr Gas auf der linken Seite renden Auslenkung des Pendels. Das heißt, das
bleiben. Pendel wird immer um die Ruhelage zittern –
Die Arbeit der Heidelberger Forscher ist aus zwei sogenannten Bose-Einstein-Kondensation ein. je höher die Temperatur, desto größer die Zitter­
Gründen von fundamentalem Interesse: Zum einen Dabei schwingen die Teilchen in einer Art Thermometer für 0,00000001 °C über dem bewegung. Typischerweise ist diese Bewegung,
kann das Phänomen des Tunnelns bei extremster „Gleichtakt“ und verhalten sich wie ein großes a b s o l u t e n N u llp u n k t etwa am Pendel einer Schwarzwälder Uhr, sehr
Kälte direkt mit einem einfachen Mikroskop be­ Atom. Temperatur wird definiert über die Energie der klein und entzieht sich unserer direkten Wahr­
obachtet und so im Detail erforscht werden. Zum Unter diesen Bedingungen gelang es Oberthaler Bewegung der Teilchen in einem Gas bzw. Fest­ nehmung. Das Pendel der ultrakalten Gase aber
anderen entwickelten die Physiker dabei eine und seinem Team nicht nur zu sehen, dass die körper. Je tiefer also die Temperatur, desto schwie­ ist hochempfindlich, und bereits Temperaturen
Methode zur Messung extremster Kälte: Sie haben Teilchen tunneln, sondern auch, wie sie das tun. riger die Messung, da die zu messende Energie von 0,00000001 °C über dem absoluten Nullpunkt
es geschafft, Temperaturen knapp über dem abso­ Denn die „Ausdehnung“ des großen Atoms ge­ kleiner wird. Darüber hinaus ist das Einbringen führen zu messbaren Zitterbewegungen. Mit
luten Nullpunkt von minus 273,15 Grad Celsius zu schieht jetzt in einem Bereich, der mithilfe eines eines Thermometers eine Störung, denn mit ihm dieser neuen Methode haben es die Heidelberger
bestimmen. einfachen Mikroskops beobachtet werden kann. wird dem System auch Energie zugeführt. Es wäre Forscher geschafft, Temperaturen zu messen, die
Um das Tunneln von Atomen im einfachen Mikro­ Dabei erfolgt der Nachweis der Teilchen nach also ideal, wenn das System selbst zur Temperatur­ den bisherigen Vorgehensweisen nicht zugänglich

2007
skop beobachten zu können, müssen rund 1.000 dem einfachen Prinzip des Schattenwurfs – mehr messung herangezogen werden könnte. Diesen waren. Dadurch lassen sich fundamentale quanten­
Atome dazu gebracht werden, sich wie ein einziges Atome absorbieren mehr Licht. Zur Demonstra­ Weg wählte Markus Oberthaler. mechanische Vorhersagen jetzt noch präziser
„Quantenobjekt“ zu verhalten. Dazu wird das ato­ tion des Tunneleffekts haben die Wissenschaftler Teilt man ein System durch eine Barriere und testen.
mare Gas auf sehr tiefe Temperaturen abgekühlt. das Gas mithilfe einer sehr präzise definierten erlaubt das Tunneln zwischen den beiden Seiten,
Unterschreitet man eine kritische Temperatur, Wand in zwei Bereiche geteilt. Dies gelang dann ändert sich die Dichte – und zwar in wieder­
verändert das extrem kalte Gas seine Eigenschaften ihnen experimentell mithilfe von Laserlicht und kehrenden Zeitintervallen. Diese Dynamik erin­
dramatisch – es nimmt den Aggregatzustand der hochstabiler Präzisionsoptik. Das Gas, von dem nert an die Bewegung eines Pendels. Tatsächlich

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P r e i s f ü r A n g e wa n d t e F o r s c h u n g

P r o f. D r . J ü r g L e u t h o ld

J ü rg L e u t h o l d wurde am 11. Juli 1966 im schweizerischen Sankt Gallen geboren. Nach dem Physik­
studium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich war er wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Institut für Quantenelektronik der ETH Zürich. Hier verfasste er auch seine Doktorarbeit.
Nach Stationen in Japan und den USA leitet er seit 2004 das Institut für Photonik und Quantenelektronik
Herkömmliche Anbindung eines Computers ans Anbindung eines Computers mit organischem Siliziumchip. Nahaufnahme eines Wafers mit mehreren
an der Universität Karlsruhe.
Internet mit Netzwerkkarte. Siliziumchips. Die Licht führenden Strukturen sind
als schwach gezeichnete Linien erkennbar.

Neuer Computerchip beschleunigt Datenüber-


tragung um ein Vielfaches und spart Energie
Jürg Leuthold hat mit seiner Gruppe eine Technologie entwickelt, mit der sich Daten in einer bis­ den Nanometerbereichen zuverlässig zu arbeiten. daran, die Technologie in einen serienreifen Chip
lang unerreichten Geschwindigkeit transportieren lassen: bis zu 160 Gigabit pro Sekunde – das entspricht Doch mittlerweile gibt es Techniken, die es zu integrieren. Denn neben der Übertragungs­
zirka fünf DVD-Spielfilmen. Bisher lag die Höchstgeschwindigkeit bei 40 Gigabit pro Sekunde. Möglich erlauben, selbst in den winzigen, Licht führenden geschwindigkeit ist auch das energetische Ein­
ist dies durch einen auf Silizium basierten Halbleiterchip an der Pforte des Rechners, der die Daten Wellen­leitern einen Spalt einzuätzen. Leuthold sparpotenzial des photonischen Siliziumchips
optisch überträgt. Damit wird in Zukunft sowohl die elektrische als auch die optische Prozessierung auf und sein Team haben dieses Innere mit einem attraktiv: Leuthold vermutet, dass sich mit der
Siliziumchipbasis möglich sein. neuen Material gefüllt – einem Material, das, an­ neuen Technologie der Energieverbrauch von
ders als Silizium, schnelles Schalten ermöglicht. Kommunikationsschnittstellen zu Computern
Jahr für Jahr wächst die Zahl der Internetnutzer Damit das Licht nicht im Sand verläuft um das Hundertfache senken lässt. Im Moment
weltweit. Dabei werden insbesondere für inter­ Dass eine Lösung in neuen optisch-elektrischen E i n n e u e s M o l e k ü l m a c h t T e mp o verdoppelt sich etwa alle anderthalb Jahre die
aktive Web-2.0-Anwendungen immer höhere Chips liegen könnte, war auch den Marktführern Um die Datenübertragung in diesem sogenannten Bandbreite. Das heißt, gleichzeitig verdoppelt sich
Bandbreiten zur Verfügung gestellt. Schon in der Chipindustrie nicht verborgen geblieben. Doch Spalt-Wellenleiter auf höchste Bitraten zu treiben, auch der Energiebedarf für die Kommunikation.
wenigen Jahren wird die Datenübertragung in die im Massenmarkt eingesetzten kostengünstigen haben die Forscher den Spalt mit einem organi­ Mit dem neuen optischen Ersatz für die Netz­
Glasfaser-Hochgeschwindigkeitsnetzen Raten von Siliziumchips dazu zu bringen, Licht zu prozessie­ schen Molekül namens DDMEBT ausgekleidet. werkkarte ließe sich diese Abhängigkeit durch­
100 Gigabit pro Sekunde (Gb/s) und Lichtsignal ren, war bislang nicht ohne Weiteres möglich. Dieses Molekül ist transparent gegenüber dem in brechen.
erreicht haben. Den Karlsruher Wissenschaftlern war schnell klar der Kommunikationstechnik verwendeten Infra­ Insofern ist das Preisgeld nicht nur für den For­
Damit sich die Anbindung des Computers dann geworden, dass es wenig Sinn macht, die stark rotlicht, ist temperaturbeständig und lässt sich scher ein Glücksfall, sondern auch für die Umwelt.
nicht als Nadelöhr entpuppt, müssen die auf Sili­ absorbierenden Eigenschaften des Siliziums zu unter Lichteinwirkung sehr effizient zum Schalten Denn um den Energieerfordernissen auch in Zu­

2008
zium basierten Halbleiterchips an der Pforte des bearbeiten. Es schien ihnen erfolgversprechender, verwenden. Je stärker das Licht ist, das auf das kunft gerecht zu werden, arbeitet Leuthold schon
Rechners mit diesem Tempo mithalten können. In den Lichtwellenleiter im Inneren des Chips zu ver­ Molekül einwirkt, desto deutlicher verändern sich heute an einer noch vielfach schnelleren Techno­
ersten Rekordversuchen ließen sie immerhin schon ändern. Das klingt zwar einfach, tatsächlich ist der auch dessen Eigenschaften. logie, mit der Geschwindig­keiten im Terabit­
beachtliche 40 Gigabit pro Sekunde passieren – Licht führende Wellenleiter aber deutlich weniger bereich möglich werden könnten. Das Preisgeld
dass sich diese Übertragungsrate bald vervier­­- als ein Tausendstelmillimeter breit. Noch bis vor Serienreife für eine umweltfreundliche Idee gibt ihm die Möglichkeit, flexibel und schnell in
fachen könnte, ist dem Physiker Jürg Leuthold wenigen Jahren hätte es der Stand der Technik gar Rund fünf Jahre haben die Karlsruher für diesen Technik und Personal investieren zu können.
und seinem Team zu verdanken. nicht zugelassen, in so winzigen Dimensionen wie Erfolg geforscht – jetzt arbeiten sie fieberhaft

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P r o f. D r . N i k o l a u s P f a n n e r

N i ko la u s P fa n n e r , geboren am 10. September 1956, hat in München Humanmedizin studiert und


promoviert. Nach einer Postdoktorandenzeit an der Princeton University habilitierte er sich an der
Universität München. Seit 1992 forscht Nikolaus Pfanner an der Universität Freiburg. Derzeit ist er
Präsident der deutschen Gesellschaft für Biochemie und Molekularbiologie.
Die Kraftwerke lebender Zellen im mikroskopischen Neu hergestellte Proteine der zellulären Kraftwerke Ausschnitt
Maßstab. (mit molekularem Maßstab), dargestellt auf Röntgenfilm.

Entstehung der zellulären Kraftwerke

Mikroskopisch kleine Kraftwerke stellen den Großteil der Energie für lebende Zellen bereit. Diese E i n fa c h e B ä c k e r h e f e – ziehen die Proteine sogar regelrecht durch die
Kraftwerke enthalten etwa 1.000 verschiedene Proteine. Wie gelangen die Proteine in die Kraftwerke g r o SS e A u s s a g e k r a f t Schleusen hindurch.
und wie werden sie zu aktiven Maschinen zusammengebaut? Das Wissen über die Entstehung der Zell­ Pfanner führt seine Forschungsarbeiten an Zellen
kraftwerke liefert Grundlagen, um Störungen der Energieproduktion und daraus entstehende Krank­ der Bäckerhefe durch und konnte wichtige Lebensnotwendige Proteine

heiten zu untersuchen. Einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet ist Nikolaus Pfanner. Prinzipien des Proteinverkehrs und des dynami­ Die Forschung geht der Frage nach, welche Funk­
schen Aufbaus von Mitochondrien aufklären. Die tion ein bestimmtes Protein erfüllt und insbeson­
Erklären Biologen den Aufbau einer Zelle, ver­ die Kraftwerke können Krankheiten entstehen, Ergebnisse gelten gleichermaßen für Pilze wie für dere wie die Proteine an den richtigen Ort, den
gleichen sie diesen gern mit einer Stadt. Der insbesondere erbliche Erkrankungen des Nerven­ Pflanzen, Tiere und Menschen. Der Import von richtigen Arbeitsplatz gelangen. Pfanner und sein
Zell­kern ist dabei eine Art Rathaus, um das eine systems und der Muskulatur. Proteinen ins Mitochondrium kann auf unter­ Team konnten nachweisen, dass schon das Fehlen
Viel­zahl von Einrichtungen platziert ist. Beson­ schiedliche Weise erfolgen. So gibt es molekulare eines einzigen bestimmten Proteins dazu führen
dere Bedeutung kommt den Kraftwerken zu, den A u fb a u d e r Z e llk r a f t w e r k e Pförtner, Schleusen und Verkehrspolizisten, die kann, dass überhaupt keine Proteine mehr in das
sogenannten Mitochondrien, da sie die Energie Maßgeblich konzentriert sich Nikolaus Pfanner diese Prozesse steuern und überwachen. Pförtner Mitochondrium gelangen. Schon kleinste Abwei­
für die Zelle liefern. Belebt wird die Stadt vor auf die Erforschung der Mitochondrien und ihre erkennen an Signal-Etiketten, sogenannten Post­ chungen in Aufbau und Zusammensetzung haben
allem durch die Proteine (Eiweiße), die als die Entstehung. Die Forscher sind – zumindest in leitzahlen, ob das Protein zum Kraftwerk gehört direkte Auswirkungen auf die gesamte Zelle. Ein
„Arbeiter der Zellen“ zahlreiche verschiedene Teilen – schon in der Lage zu begreifen, welche oder nicht. Die Pförtner arbeiten damit auch falscher Transport, ein Protein am falschen Platz,
Aufgaben erfüllen. Wie gelangen die Proteine der Funktion das einzelne Protein an Ort und Stelle als eine Art Briefträger, die Postleitzahlen lesen eine falsche Faltung – solche winzigen Defekte
Kraftwerke an ihren Arbeitsplatz und was spielt erfüllt. Zudem konnten sie molekulare Maschinen und, wenn die Signale passen, das Protein an die können Krankheiten auslösen. Störungen am

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sich dabei genau ab? nachweisen, das sind Komplexe von Proteinen, die Schleusen der Mitochondrien weitergeben. Bei Mitochondrium führen oft zu Krankheiten am
Nikolaus Pfanner entdeckte mit seinem Team, bestimmte Funktionen gemeinsam erfüllen. Für die den Schleusen handelt es sich um Kanäle, die in Nervensystem. An dieser Stelle beginnen die
wo­nach weltweit zahlreiche Forschergruppen erste umfassende Betrachtung aller Proteine in den das Kraftwerk hineinführen. Die Verkehrspolizis­ Forscher gerade, ein molekulares Verständnis
suchen: die Zusammensetzung der Kraftwerke der Mitochondrien haben Nikolaus Pfanner und sein ten, auch Anstandsdamen genannt, achten darauf, von Krankheiten zu entwickeln. Der Punkt ist
Zellen und die Transportmaschinen, mit denen Team etwa 1.000 verschiedene Proteine unter­ dass der Verkehr korrekt läuft. Sie haben die erreicht, an dem die angewandte Forschung
die Pro­teine zu ihrem richtigen Arbeitsplatz schieden, über 200 davon wurden dabei erstmals Aufgabe, falsche Bindungen zu verhindern und sinnvoll auf der geleisteten Grundlagenforschung
gelangen. Bei Störungen des Proteintransports in identifiziert. richtige zu fördern. Manche Verkehrspolizisten aufbauen kann.

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P r e i s f ü r g r u n dl a g e n F o r s c h u n g

P r o f. D r . W o lf r a m P y t a

W o l f ra m P y ta wurde am 27. Oktober 1960 in Dortmund geboren. Nach seinem Studium in Bonn
und Köln war er von 1988 bis 1994 Assistent an der Universität zu Köln, wo er sich 1994 habilitierte.
Seit 1999 ist Wolfram Pyta Leiter der Abteilung Neuere Geschichte am Historischen Institut der Uni­
versität Stuttgart und seit 2001 Direktor der „Forschungsstelle Ludwigsburg“ der Universität Stuttgart
Hindenburg-Porträt, Gemälde von Max Liebermann, Wolfram Pytas Monographie „Hindenburg – Herrschaft Wolfram Pyta recherchierte acht Jahre, um seine
zur NS-Verbrechensgeschichte.
Öl auf Leinwand 1927. zwischen Hohenzollern und Hitler“, 2007, Siedler-Verlag. Thesen zu stützen.

Die Rolle Paul von Hindenburgs Hindenburgs Reputation als Verkörperung sich zum Eintritt in eine „Regierung der nationalen
nationaler Integration machte ihn als symboli­ Konzentration“ bereit erklärt, wird er für Hindenburg
in neuem Licht sche Brücke des Übergangs von der Monarchie kanzlerfähig. Hindenburg erhofft sich vom politischen
zur Republik unentbehrlich. In der Weimarer Anführer der weitaus stärksten politischen Kraft in
Paul von Hindenburg hat sich auf eine ganz eigene Art und Weise in das Buch der Geschichte Republik visierte er mit Beharrlichkeit eine zweite Deutschland eine Ausschaltung des Parlamentaris­
eingetragen: Er war es, der als Reichspräsident am 30. Januar 1933 Hitler die Regierungsgewalt übertrug politische Karriere an, kandidierte im Jahre 1925 mus, ohne dass der Reichspräsident hierzu seine
und damit eine Entscheidung mit unheilvollen Konsequenzen traf. Bis heute debattiert die Geschichts­ erstmals erfolgreich für das politische Amt, das legalen präsidialen Befugnisse überschreiten muss.
wissenschaft über die Gründe, die Hindenburg zu diesem Schritt veranlasst haben. Der Stuttgarter ihm eine Schlüsselrolle im politischen Entschei­ Von Hitler erwartet Hindenburg mithin die Herstel­
Historiker Wolfram Pyta wählt in seinem Werk „Hindenburg – Herrschaft zwischen Hohenzollern und dungsprozess garantierte: das Amt des Reichspräsi­ lung einer homogenen politischen „Volksgemein­
Hitler“ einen neuartigen Erklärungsansatz. denten. Von hier aus versuchte er die Weichen für schaft“ bei gleichzeitiger Schonung und politischer
seine spezifische Vorstellung nationaler Einheit Entlastung der Stellung des Reichspräsidenten.
Wolfram Pyta leitet das Handeln Hindenburgs aus erhöhung erfuhr. Dies brachte ihn schließlich an die zu stellen. Hierbei galten ihm alle politischen Insofern ist die Ernennung Hitlers zum Reichslanzler
dessen besonderem Verständnis von politischer Spitze der Obersten Heeresleitung. Pyta zeigte, dass Kräfte, die übernationale Bindungen kannten, als kein Akt eines gebrechlichen, von seinen Beratern in­
Herrschaft ab und betrachtet dabei sowohl lang­ Hindenburg das Bedürfnis nach nationaler Vergemein­ potenzielle Zerstörer eines vermeintlich homogenen struierten Reichspräsidenten, sondern Ausdruck einer
fristige strukturelle Faktoren als auch die historische schaftung befriedigte, in Windeseile zur Symbolfigur nationalen Willens. Aus diesem Grund suchte er ab herrschaftlichen Souveränität in Personalfragen.
Konstellation im Januar 1933. Damit wird die dieses Einheitsverlangens aufstieg und dabei auch den 1931 auszuloten, ob die durch ihre Wahlerfolge in die
Erklärung eines der verhängnisvollsten Ereignisse Kaiser in den Hintergrund drängte. Hindenburg ist erste Reihe der Politik hineinkatapultierten National‑­ Im Laufe des Jahres 1933 lässt Hindenburg seine
nicht nur der deutschen Geschichte herausgelöst aber diese symbolische Kapazität – der Kern seiner sozialisten als Kooperationspartner für eine solche präsidialen Kompetenzen immer mehr ruhen und
aus dem Dunstkreis von Intrigenspielen und einge­ Herrschaftsansprüche – nicht in den Schoß gefallen; Variante der „Volksgemeinschaft“ infrage kamen. duldet die Übertragung exekutiver Machtmittel
bettet in einen Ansatz, der herrschaftstypologische er hat gezielt die semantische und visuelle Deutungs­ auf „seinen“ Reichskanzler, weil er in den Grund­
Aspekte in den Vordergrund rückt. hoheit über seine neue Funktion angestrebt und sich Zur Verständigung mit Hitler kommt es aber erst, zügen die Politik der Hitler-Regierung gutheißt.

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dabei als überaus begabter Symbolpolitiker profiliert. nachdem sich Hitler den Vorgaben des Reichs­ Insofern kann es nicht verwundern, dass Hinden­
Dazu war es notwendig, die politische Karriere Seine symbolische Unersetzbarkeit befähigte ihn präsidenten unterordnet. Als Kanzler ist der NS- burg in seinem politischen Testament Hitler zu
Hindenburgs bereits während des Ersten Weltkriegs bereits im Kriege dazu, dem Kaiser personalpolitische Parteiführer für Hindenburg so lange inakzeptabel, seinem gewünschten Nachfolger designiert – ein
systematisch zu beleuchten. Eine Zeit, in der Hinden- Grundsatzentscheidungen abzunötigen – Hinden­ wie er im Alleingang und mithin unter Umgehung letzter Akt eines herrschaftlichen Selbstverständ­
burg kein politisches Amt innehatte und in der er burgs Handeln entsprach also ganz und gar nicht dem Hindenburgs versucht, an die Macht zu gelangen. nisses, das Hindenburgs politischen Lebensweg
nach dem ihm zugeschriebenen Sieg von Tannenberg von ihm selbst gepflegten Image eines altpreußisch- Erst als sich Hitler den Regieanweisungen des Reichs­ vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 bis an
Ende August 1914 eine beachtliche militärische Rang­ konservativen Dieners der Monarchie. präsidenten beugt, seine Ansprüche mäßigt und sein Lebensende 1934 charakterisiert.

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Degradation, Vol. 4, The Ubiquitin-Proteasome-System and Disease (R. J. Mayer,
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A. Ciechanover, M. Rechsteiner, eds.), p. 123–153, Wiley-VCH Verlag, Weinheim;
der Parteien sowie das Einlegen, Aufdrucken oder aus: O. Santt, T. Pfirrmann, B. Braun, J. Juretschke, P. Kimmig, H. Scheel,
K. Hofmann, M. Thumm und D. H. Wolf (2008) Mol. Biol. Cell 19, 3323-3333
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