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germanische Gemeinde

HKWM 5, 2001

germanische Gemeinde A: al-umma al-almäniya – E: german community. – F: communauté germanique. – R:
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A: al-umma al-almäniya – E: german community. –
F: communauté germanique. – R: germanskaja obšèina.
S: comunidad germánica. –
C: rierman gongtongti

In ihrer Beschäftigung mit Formen vorkapitalistischer Vergesellschaftung widmen sich MARX und ENGELS wiederholt germanischen Gemeinwesensstrukturen. Dabei ergeben sich in sukzessiver Abgrenzung von historiographischer Tradition und HEGELscher Ge- schichtsphilosophie drei Anliegen: Erstens erschließt die Untersuchung der germanischen Stämme in geschichts- bzw. formationstheoretischer Hinsicht konkrete Merkmale von Urgesellschaften. Deren Ver- hältnis zur antiken und feudalen Klassengesellschaft soll zweitens erklären helfen, wie es den Germanen

gelungen ist, das Erbe des weströmischen Imperi- ums anzutreten. Hier fügen sich die Überlegungen ein in die Frage nach Bruch und Kontinuität zwi- schen spätantiken und mittelalterlich-feudalen Pro- duktionsverhältnissen. Drittens bildet das Überleben

von Resten kollektiven Eigentums in Form der sog. Markgenossenschaft einen Ausgangspunkt, um die stereotype Gleichsetzung von bäuerlichem Dasein und serviler Subalternität zu relativieren, was dem

Konzept eines Klassenbündnisses von Arbeitern und Bauern Raum schafft.

Die Frage nach der Besonderheit germanischer

Lebensverhältnisse wurzelt in der ersten Hälfte des

1.1

Jh. Als Reaktion auf mediterran-urbane Selbst-

überhöhung und die damit einhergehende Abwer- tung der unzivilisierten Zustände in den Wäldern Germaniensmehren sich in Deutschland die Stim-

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men, die auf ein nationales Geschichtsbild hinwirken.

Die Wiederentdeckung (1455) der Germania des TACITUS (ca. 55-120) erleichtert eine Verklärung der Ursprünge, die bis ins 19. Jh. dem beklagenswerten Zustand des Reiches entgegengehalten werden. Taci- tusLob der unverdorbenengermanischen Sitten die dieser dem Verlust der altrömischen Werte und

Tugenden gegenüberstellt dient deutschen Huma- nisten wie Konrad PICKEL (CELTIS) und Franz FRIED-

LIEB (IRENICUS) zur Erhöhung des Selbstgefühls. Entschieden wendet man sich »gegen den Vorwurf der Rückständigkeit, der Barbarei, wie er zumal von italienischer Seite oft erklungen war« (Fuhrmann 1972, 106; vgl. Muhlack 1989; Kloft 1990). Im 17. und 18. Jh. erfährt das Germanenbild in den französischen Auseinandersetzungen zwischen König und Adelsopposition eine ideologische Aufwertung. Während sich die royalistischen Publizisten auf das Erbe des Imperium Romanum berufen, führt die

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Aristokratie ihre fränkisch-germanische Herkunft ins Feld (vgl. Foucault 1999, 133-217). In liberalen, zumal bürgerlichen Kreisen bringt man dem Skepsis oder Ablehnung entgegen (vgl. die Art. »Fief«, »État« in DIDEROTS Encyclopédie). Der politische Gehalt dieser Ablehnung wird besonders in SIEYÈSPlädoyer für den Dritten Stand (1789, 42f) deutlich. »Warum sollte er nicht alle diese Familien in die fränkischen Wälder zurückschicken, die den närrischen Anspruch erheben, sie seien dem Stamm der Eroberer ent- sprossen und hätten ihre Rechte geerbt?« 1.2 War in der deutschen Aufklärung die Germano- latrie in den Hintergrund getreten, so erfährt sie zu Beginn des 19. Jh. in Frontstellung gegen das napo- leonische Frankreich eine massive Renaissance als »Entgegenstellung von städtischer Zivilisation und traditionsgebundener ländlicher Kultur, von etatis- tischem Denken der Romanen und volkhaftem Den- ken der Germanen« (v. See 1970, 23). FICHTES Reden an die deutsche Nation (1807/08) inspirieren Pioniere der Germanenforschung wie Karl MÜLLENHOFF und Jacob GRIMM; für letzteren ist durch TACITUS ein »morgenroth in die geschichte deutschlands gestellt worden, um das uns andere völker zu beneiden haben« (1835, IX). Zugleich betonen die verfassungsgeschichtlichen Germanenforscher im Vormärz, allen voran der Pauls- kirchenabgeordnete Georg WAITZ, in einer repub- likanischen Revision des Germanenbildes die ger- manische Gemeinfreiheit. Adel und Königtum sind, so schließt man nun aus dem Vergleich der antiken Quellen mit den frühmittelalterlichen Stammesrech- ten, erst in der Völkerwanderungszeit entstanden; als vormalige Träger des öffentlichen Lebens treten nun die Gemeinfreien in den Blick, die freien Bau- ern, die der Zahl wie der politisch-wirtschaftlichen Bedeutung nach den Kern des Volkes bildeten. Sie traten im Thing (sowohl Volks- als auch Gerichts- versammlung) zusammen, um öffentliche und gericht- liche Fragen zu entscheiden, und bestimmten ihre Beamten, die der Volksversammlung verantwort- lichen Fürsten, durch Wahl (WAITZ 1844, 88ff, 91, 159ff; vertieft von BRUNNER 1887, 5ff; SCHMIDT 2 1938, 20, 148; vgl. Graus 1986). Georg Ludwig MAURER (12 Bde. von 1854-1871) bereicherte die Gemein- freien-These um die Rückführung der spätmittel- alterlich bezeugten Dorf- und Markgenossenschaf- ten auf altgermanische Dorfgemeinden mit gleichen Anteilen der Gemeindemitglieder an der gemeinen Mark (vgl. MEITZEN 1895). 1.3 HEGEL erklärt die germanischen Völker für »berufen«, den »Träger des christlichen Prinzips abzugeben« (PhilGesch, W 12, 413). Was sie einbrin- gen, ist unbändige »Freiheit« des »Individuums«,

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die sich aus einem vorpolitischen Zustand (419) erst im dialektischen Bildungsprozess zur »affirmativen Freiheit« (419) entwickelt. »Bei den Germanen war die Gemeinde nicht Herr über das Individuum, denn das Element der Freiheit ist das Erste bei ihrer Ver- einigung zu einem gesellschaftlichen Verhältnis.« (425) So erklärt sich, dass die »gesellschaftlichen Verhält- nisse nicht den Charakter allgemeiner Bestimmungen und Gesetze erhalten«, sondern »der Staat aus Privat- rechten zusammengesetzt [ist], und mühselig aus Kämpfen und Krämpfen ist erst spät ein verständiges Staatsleben zustande gekommen« (426). »Die zwei eisernen Ruten dieser Zucht waren die Kirche und die Leibeigenschaft« (486f).

2. Der Term »gG« begegnet bei MARX in zwei ver- schiedenen Kontexten, die Ausdruck unterschied- licher Entwicklungsphasen seiner Geschichtstheorie und auch seiner Materialkenntnis sind. 2.1 In den Gr erscheint bei der Klassifizierung des vorkapita- listischen »Eigentums der arbeitenden Individuen, self sustaining members of the community, an den Naturbedingungen ihrer Arbeit«, das germanische Grundeigentum neben dem asiatischen und dem anti- ken als eine dritte Form (MEW 42, 389). In dieser ist »weder wie in der spezifisch orientalischen Form das Gemeindemitglied als solches Mitbenutzer des gemeinschaftlichen Eigentums«, noch ist wie in der »klassisch antiken« der Boden aufgeteilt in Privat- eigentum und »ager publicus in seinen verschiednen Formen«, öffentliches Eigentum (ebd.). Die spezifi- sche Differenz zwischen antikem und germanischem Grundeigentum erklärt Marx mit den Germanen fehlender Staatlichkeit: Da die Trennung privat/ öffentlich nicht vollzogen ist, erscheine das germa- nische Gemeineigentum »nur als Ergänzung des individuellen Eigentums« (391, 394). Die antike Ge- meinde existiert als Stadt und ist als solche »eine Art selbständiger Organismus« (391). Während die antike Geschichte Stadtgeschichte ist, geht das germani- scheMittelalter »vom Land als Sitz der Geschichte aus, deren Fortentwicklung dann im Gegensatz von Stadt und Land vor sich geht« (390f). Die gG ist hier noch keineswegs als eine bestimmte Form der Urgemeinschaft in den Blick genommen, und auch ihre Vergesellschaftungsmodi sind nur randständig thematisiert. Als untergründige, pri- märeZellenform der mittelalterlich-europäischen Geschichte soll sie vielmehr erhellen, wieso die Ge- schichte Europas seit den großen Völkerwanderun- gen in der Staatslosigkeitbeginnt und bis zum Feudalabsolutismus in diesem Zustand verbleibt. Zudem soll sie die Entwicklungsdynamik des mittel- alterlichen Gegensatzes von Stadt und Land erklären,

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die in die Herausbildung der bürgerlichen Welt mün- det (vgl. Tökei 1966/71, 99-113). Im Gegensatz zum antiken »Verein« ist die gG bloße »Vereinigung« (Gr, 391). Problematisch wird die Bestimmung, wenn in Fortschreibung der HEGEL- schen Freiheitsthese das »individuelle Eigentum« als die »Basis« des Eigentums bestimmt wird, dergegen- über »die Gemeinde überhaupt nicht Existenz für sich hat außer in der Versammlung der Gemeinde- glieder und ihrer Vereinigung zu gemeinsamen Zwecken« (394). Damit wird die vergesellschaftende Kraft germanischer Gemeinde-Institutionen unter- schätzt. 2.2 Einen geschichtstheoretisch veränderten Platz erhält die gG in den SASSULITSCH-Briefentwürfen (1881; Erstveröff. 1926). Bei dem Versuch, eine Typo- logie der Urgemeinschaften zu skizzieren, erscheint hier die gG als eine (konkrete) Form des Gemein- wesens im Übergang von der »primitiven Gesell- schaftsformation« zur »sekundären Formation«, also im Übergang von der auf Gemeineigentum gegrün- deten zur auf Privateigentum gegründeten Gesell- schaft (MEW 19, 404; vgl. 388). Die Urgemeinschaf- ten untergliedern sich in verschiedene Typen und Entwicklungsphasen, die grundsätzlich zu »archai- scheren« und »weniger archaischen« Typen zusam- mengefasst werden können (403, 385, 387f). Letzterer Großtypus, der nicht mehr durch Blutsverwandt- schaft charakterisiert ist, auf der Verbindung von Gemeineigentum am Boden und privater Hofhaltung beruht und durch die periodische Aufteilung des Landes unter den Gemeindemitgliedern erste Ansätze des Privateigentums enthält (vgl. ENGELS, MEW 19, 318f), entspreche der Form, die »man überein ge- kommen ist, Ackerbaugemeindezu nennen« (MARX, MEW 19, 402, vgl. 387). Auch die russische Gemeinde

(Mir, Obschtschina) ist dieser Form zuzuordnen (389). Die gG ist in dieser Konzeption nicht dem alt- germanischen Gemeinwesen schlechthin gleichge- setzt, sondern bezeichnet eine historisch relativ eng eingegrenzte Übergangsform, die zu Cäsars Zeit noch nicht existierte und verschwunden war, »als die germanischen Stämme Italien, Gallien, Spanien etc. eroberten« (MEW 19, 402). CAESAR berichtet, dass die germanischen Sueven kein Privateigentum an Land kennen (De bell. gall., IV.1) und die Flur all- jährlich von den Stammesvorstehern an Stämme und Gentes verteilt wird (VI.22; vgl. Engels, Ursprung, MEW 21, 135f). Die »jährliche Aufteilung des Acker-

], aber noch nicht

lands« erfolgte »unter Gruppen [

unter die einzelnen Familien einer Gemeinde; wahr- scheinlich erfolgte die Bebauung auch in Gruppen, gemeinschaftlich. Auf germanischem Boden selbst hat sich diese Gemeinschaft von archaischerem Typus

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durch eine natürliche Entwicklung zur Ackerbau- gemeinde umgewandelt, so wie sie Tacitus beschrie- ben hat.« (MARX, MEW 19, 402; Ethnol, 354) Laut TACITUS nehmen die Germanen »Ackerland in einem Ausmaß, das der Anzahl der Bebauer entspricht, mit gesamter Hand für einander in Besitz« (agri pro numero cultorum ab universis in vicem occupantur),

welches sie »dann nach ihrem Range unter sich auf- teilen« (Germania, Kap. 26). Seit jeher ist umstritten, ob das nur die erste Landnahme bei Neugründung von Dorfgemeinden trifft oder, wie MARX und ENGELS interpretieren, die periodische Neuverteilung der gemeinschaftlich zum Feldbau bestimmten Fläche unter die Gemeindeangehörigen zu deren Sonder- anbau und Sondernutzung beschreibt (vgl. WEBER 1905, 543ff; zur philologischen Problematik vgl. Ethnol, 354, nebst der editorischen Bemerkung von KRADER, Anm. 39). »Aber am wichtigsten ist«, betont MARX, »wir finden das Gepräge dieser Ackerbau- gemeindeso gut auf die neue Gemeinde, die daraus hervorging, übertragen, dass MAURER, da er die eine erforscht hatte, die andere rekonstruieren konnte. Die neue Gemeinde, in der das Ackerland den Acker- bauern als Privateigentum gehört, während Wälder, Weiden, Ödland etc. immer noch Gemeineigentum bleiben, wurde von den Germanen in allen eroberten Ländern eingeführt.« (MEW 19, 402f) Wie ENGELS präzisiert, hat sich diese Markverfassung jedoch außerhalb Deutschlands und Skandinaviens nur in England und Nordfrankreich halten können (MEW 19, 317, 321). Der neue Stellenwert der gG besteht nun darin, 1. den allmählichen Übergang vom ursprünglichen Gemeineigentum zum Privateigentum formations- theoretisch zu vermitteln; 2. lässt der Fortbestand der gG im europäischen Mittelalter Formen horizon- taler Vergesellschaftung im Spannungsverhältnis zur feudalen Herrschaft in den Blick treten. Die »neue Gemeinde« wurde dank der »ihrem Prototyp ent-

lehnten Wesenszüge [

während des ganzen Mittel-

alters zum einzigen Hort der Volksfreiheit und des Volkslebens« (MARX, MEW 19, 402f). Die Markver- fassung, sagt ENGELS, »hat sich erhalten durch das ganze Mittelalter in schweren, unaufhörlichen Kämp- fen mit dem grundbesitzenden Adel«; selbst dort, »wo der Adel sich das Bauernland angeeignet hatte«, blieb in den nunmehr »hörigen Dörfern eine, wenn auch durch grundherrliche Eingriffe stark be- schnittne Markverfassung« (MEW 19, 324; vgl. 23, 745, Fn.). Wirkte in den Gr noch der Mythos germanischer Zersiedelung(»wo die einzelnen Familienhäupter sich in Wäldern festsetzen, getrennt durch lange Strecken«; MEW 42, 391) und die HEGELsche Sicht

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der »Beziehung der selbständigen Subjekte aufein- ander« (391f), so erscheint nun die gG ebenso wie ihre mittelalterliche Nachfolgerin als »Dorfgemein- de« (MEW 19, 403) mit entsprechenden Institutionen kommunaler Selbstorganisation. Die sozioökonomischen Voraussetzungen der »Volksfreiheit« bestanden nicht nur in der Allmende- nutzung; die Neuerschließung urbaren Landes inner- halb der Mark oblag der Dorfgemeinde, die nach meist gemeinschaftlicher Rodung und Urbarmachung die neugewonnene Ackerflur gleichmäßig unter ihre Mitglieder verteilte. Kooperative Arbeitsorganisation existierte bei der Führung des weidenden Viehs und bei der Heuernte. Mit Ausbreitung der Dreifelder- wirtschaft erstreckte sich die gegenseitige Hilfe auch auf den Feldbau, v.a. die Getreideernte; vornehmlich in England begegnet daneben das genossenschaft- liche Eigentum an Pfluggerät und Zugvieh (vgl. de Laveley 1874, Kap. 28). 2.3 ENGELS befasste sich ausgiebig mit der deut- schen Frühgeschichte (vgl. MEW 19, 425-518). In der 1882 als Anhang zur dt. Ausgabe von Utopie erschienenen Skizze Die Mark (MEW 19, 317-30) präsentiert er zusammenfassend die Ergebnisse seiner Forschungen über die »Urgeschichte der Deutschen«. Die Geschichte des Grundeigentums bildet den Aus- gangspunkt, um ein Bündnis zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft anzubahnen. 1883 erscheint Die Mark als anonyme Flugschrift unter dem Titel: Der deutsche Bauer. Was war er? Was ist er? Was könnte er sein? ENGELS stellt zudem (unter Auswertung von MARXEthnol) die gG der Vorwanderungszeit in den Rahmen der von MORGAN typologisierten Gentilverfassung. Demnach waren die einzelnen germanischen Stämme auf ihrem jeweiligen Gebiet nach Verwandtschaft niedergelassen (Ursprung, MEW 21, 131, 135ff; Mark, MEW 19, 317). Analog den homerischen Griechen und den vorrepublikanischen Römern finden wir bei den Germanen eine zur »militärischen Demokra- tie fortentwickelte Gentilgesellschaft« (Ursprung, 159, 124, 104; vgl. Ethnol, 293ff; Krüger 1988). Zur weiteren Differenzierung sah sich ENGELS in der 4. A. (1891) von Ursprung durch die These KOWALEWSKIS (1890) veranlasst, der von TACITUS ge- schilderte Zustand habe eine präpatriarchalischeHausgenossenschaft zur Voraussetzung (MEW 21, 62ff). Erst aus dieser »habe sich dann viel später, infolge des Anwachsens der Bevölkerung, die Dorf- genossenschaft entwickelt« (136). In den später eroberten Gebieten sei mit der allmählichen Ver- schmelzung von Germanen und Romanen »der verwandtschaftliche Charakter des Bandes zurück [getreten] vor dem territorialen« (146). Entsprechend

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könne die umstrittene taciteische Beschreibung der Fluraufteilung (Germania, Kap. 26) auch als Hin- weis auf gemeinschaftlichen brandrodenden Wander- feldbau vor der Sesshaftwerdung gewertet werden (Ursprung, 136f). 2.4 Die gG (im spezifischen MARXschen Sinn) geht unter, weil Wanderungen und Eroberungen die Germanen auf römisches bzw. romanisiertes Gebiet führten, »wo seit Jahrhunderten der Boden Privat- eigentum (und zwar römisches, unbeschränktes) ge- wesen war« (Mark, 320). In der Folge entwickelte sich auch das germanische Sondereigentum zu Privat- eigentum. Im Frühmittelalter wiederholen sich spätantike Prozesse sozioökonomischer Umstrukturierung auf einer neuen Stufe. Die Konzentration des Grund- besitzes vollzieht sich seit dem ausgehenden 7. Jh. als Verhufungund besteht darin, dass der eigen- wirtschaftende Gutshof freibäuerliche Hufen als Freihufeseiner Herrschaft unterwirft, während er gleichzeitig aus seinem Ackerland Bauernhöfe formt und ausgliedert, die mit Sklaven als Knechtshufebesetzt werden. Der Bauer blieb oder wurde somit Besitzer eines landwirtschaftlichen Betriebs und besaß die Möglichkeit, durch eigene Bemühungen

seine Existenz zu verbessern. So konnte »unter diesen Verhältnissen überhaupt eine selbständige Entwick- lung von Vermögen und, relativ gesprochen, Reich- tum auf seiten der Fronpflichtigen oder Leibeignen vor sich gehen« (K III, MEW 25, 801). Wenn die Germanen die gegenüber der Sklaverei

»mildere Form der Knechtschaft [

] ausbilden und

zur ausschließlichen erheben konnten; eine Form, die, wie FOURIER zuerst hervorgehoben, den Ge- knechteten die Mittel zur allmählichen Befreiung als Klasse gibt«, fragt ENGELS in einem allzu schwärme- rischen Fazit, »wem verdanken wir das, wenn nicht ihrer Barbarei, kraft deren sie es noch nicht zur ausge- bildeten Sklaverei gebracht hatten«? (Ursprung, 150)

3. Für die bürgerlichen Ambitionen im deutschen Vormärz war die Gemeinfreienlehre eine geschätzte Legitimationsgrundlage; auch nach 1848 blieb sie vorherrschend in der Geschichtswissenschaft. Mit der bismarckschen Konsolidierung des Staates wur- den jedoch die urdemokratischenReminiszenzen zunehmend unwillkommen. Nachdem die Gemein- freienlehre in Max WEBER (1905) ihren letzten großen Verteidiger gefunden hatte, holte Alfons DOPSCH (1912/13; 1933) zum entscheidenden Schlag aus:

Ebenso wie die allseitige Unterordnung der Bevöl- kerung unter adlige Herren die Lebenswelt bereits der bronzezeitlichen Germanen bestimmt hätte, so seien auch die Dorfgenossenschaften erst die Folge

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von Bodenverknappung und v.a. Herrschaftsverdich- tung seit dem 11. Jh. gewesen (vgl. KOEHNE 1928; zu frühfrz. Agrarverhältnissen BLOCH 1931, 63f). Für die nicht-marxistische Geschichtswissenschaft schien der Streit mit der wissenschaftshistorischen Studie von Ernst Wolfgang BÖCKENFÖRDE (1961) zugunsten der von DOPSCH eingeschlagenen Rich- tung erledigt zu sein (zur marxistischen Kritik siehe MÜLLER-MERTENS 1963, 31ff; DONAT 1988). Die bäuerliche Gemeindebildung vermag in dieser Per- spektive keine zwingenden Hinweise auf die Alter- tümlichkeit von Markgenossenschaften zu geben (vgl. SCHLESINGER 1961). Spätestens seit Ende der 1970er Jahre jedoch macht sich ein Trend zur Reha- bilitierung nicht nur der Gemeinfreien-, sondern ebenso der Markgenossenschaftstheorie bemerkbar (z.B. WERNLI 1979, 302ff; SCHULZE 1985-86, 79ff; Zwischenbilanz bei Nehlsen-von Stryk 1987).

4. Ferenc TÖKEI hat die MARXschen Ausführungen zur gG in den Gr auf eine konsequent materialisti- sche Grundlage zu stellen versucht. Der gG spricht er dabei für die Herausbildung und für die besondere Dynamik der feudalen Produktionsweise, die diese vor allen anderen vorkapitalistischen Produktions- weisen auszeichnet und schließlich im Kapitalismus münden lässt, entscheidende Bedeutung zu. Eric HOBSBAWM (1964, 41, 53) sieht dagegen die Vermitt-

lung zwischen dem Untergang des Altertums und dem Entstehen des Feudalismus als genuin ENGELS- sche Leistung an und bemängelt, dass MARX in den Gr die inneren Widersprüche der germanischen Form und somit deren Dynamik nicht skizziert habe. Als entscheidend hebt TÖKEI die privatindividualistischeCharakterisierung des germanischen Grundeigen- tums hervor (1966/71, 67). »Dieses bislang reinste Verhältnis des Eigentums an Grund und Boden bildet

] [

lichen Eigentumsformen« (68). Den Schlüsel zum Zusammenhang von germanischer Form und Kapi- talismus bildet laut Tökei die Emanzipation des »Instrumenteneigentums« (97, 99ff; vgl. Gr, MEW 42, 405ff). Die »welthistorische Funktion der ger- manischen Zeit‹« besteht nach dieser Auffassung v.a. darin, »dass sie aufgrund der Eigentumsform der reinenPrivateigentümer die Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land (Dorf) zu einem ersprießlichen, pro- duktiven Gegensatz vertiefte« (112f) und schließ- lich, »vom Grundeigentum als Land ausgehend, das selbständige Instrumenteneigentum als Stadt« her- vorbrachte (101f). Die DDR-Mediävistik hat sich mit der Würdigung der mittelalterlichen Dorfgemeinde als »Hort der Volksfreiheit« nicht leicht getan. Herrschaftskritik

die grundlegende Bestimmung der mittelalter-

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und solidarischer Widerstand als bäuerliche Tugenden schienen der auf ENGELS zurückgedeuteten Charak- terisierung des deutschen Bauernkrieges als »früh- bürgerlicher Revolution« zu widersprechen, die die Bauern als zwar mobilisierbare, aber der historischen Initiative unfähige Klasse einzuschätzen nahelegte (vgl. WOHLFEIL 1975). Und in der Tat ist ENGELSThese, dass »die Leibeigenen des Mittelalters« auf- grund ihrer gegenüber den antiken Sklaven besseren rechtlichen und sozialen Stellung »nach und nach ihre Befreiung als Klasse durchsetzten« (Ursprung, MEW 19, 150) nicht ohne weiteres vereinbar mit seinem am Vorabend der 1848er Revolution getrof-

fenen Urteil, dass die »Befreiung [der Bauern] aus den Ketten der Leibeigenschaft« nur »unter dem Schutz der Bourgeoisie« zustande kommt (MEW 4, 48). Erst seit den 1860er Jahren haben sich MARX und ENGELS konkreter und differenzierter der Geschichte der Bauern in Frankreich, England, Deutschland und schließlich auch Russland zugewandt. In der BRD hat v.a. Peter BLICKLE (1977; 1991) die bäuerliche Politikfähigkeit seit dem Spätmittelalter untersucht und dabei den Einfluss des kommunalen Prinzips geltend gemacht. Die Gemeindeforschung in der DDR akzentuierte in weitgehender Über- einstimmung mit dem Gros der westdeutschen His- toriker den Herrschaftsbezug der Gemeinde und ihre Funktionalisierung für die Durchsetzung feudal- staatlicher Gewalt (vgl. VOGLER 1991, 62ff; WUNDER 1986, 79). Nachdem in der französischen Historio- graphie Bauernaufstände bereits seit längerem ins Zentrum sozialgeschichtlicher Aufmerksamkeit ge- rückt waren, wurde zwar auch in der DDR seit den 1970er Jahren bäuerlicher Widerstand auf Grund- lage der Klassenkampfkategorie und unter der leitenden Frage der »Rolle der Volksmassen in der Geschichte« zunehmend als Forschungsgegenstand etabliert (HEITZ u.a. 1975; HERRMANN 1975), jedoch wurden die »genossenschaftlich geführten Ausein- andersetzungen um Marknutzungsrechte neben Leis-

tungsverweigerung und Flucht [

] nicht hinreichend

als wichtige Form des bäuerlichen Widerstandes ge-

würdigt [

die das Leben im Dorf, den Alltag auf

dem Lande, die bäuerliche Geschichte im Mittelalter wesentlich mitbestimmte« (EPPERLEIN 1988, 571).

],

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in: P.Blickle (Hg.), Landgemeinde und Stadtgemeinde in Mitteleuropa, München 1991, 39-64; G.WAITZ, Deutsche Verfassungsgeschichte, Bd. 1, Kiel 1844; M.WEBER, »Der Streit um den Charakter der altgermanischen Sozialver- fassung in der deutschen Literatur des letzten Jahrzehnts« (1905), in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, hgg. v. M.Weber, 2.A., Tübingen 1988, 508-56; F.WERNLI, »Markgenossenschaft«, in: Handwb. z. dt. Rechtsgeschichte, hgg. v. A.Erler u. E.Kaufmann, Bd. 3, Berlin/W 1979, 302-16; R.WOHLFEIL, »Positionen der Forschung. Bauernkriegund frühbürgerliche Revo- lution‹«, in: P.Blickle (Hg.), Revolte und Revolution in Europa, München 1975, 100-14; H.WUNDER, Die bäuer- liche Gemeinde in Deutschland, Göttingen 1986.

CARLOS ANTONIO AGUIRRE ROJAS; ALEXIS PETRIOLI

Agrarfrage, Anthropologie, asiatische Produktions- weise, Bauern, Bauernbewegung, Bauernkrieg, Besitz/ Eigentum, Dorfgemeinschaft, Eigentum, Ethnologie, Familie, Feudalismus, Feudalismus-Debatte, Formatio- nenfolge (vorkapitalistische Gesellschaftsformationen), Formationstheorie, Gemeineigentum, Gemeinwesen, Ge- sellschaftsformation, griechische Antike, Klassengesell- schaft, Mir, Patriarchat, Periodisierung der Geschichte, Privateigentum, Produktionsweise, Produktionsweise (antike), Staatsentstehung, Stadt/Land, Urgesellschaft, Urkommunismus, ursprüngliches Gemeinwesen, vor- kapitalistische Produktionsweisen

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