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G. I Gurdjieff

Szenario zu dem Ballett
„Der Kampf der Magier“

Privat gedruckt
von
The Stourton Press
Cape Town South Africa
1957





















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10 Exemplare
Ausschließlich zur privaten Nutzung
Unverkäuflich



























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DER KAMPF DER MAGIER

Erster Akt

Die Handlung spielt in einer großen Handelsstadt im Orient.
Der Marktplatz, wo sich verschiedene Straßen und Gassen treffen: um ihn herum Läden und Buden
mit unterschiedlichsten Geschäften – Seide, Töpferwaren, Gewürze. Zur Straße hin offene
Werkstätten von Schneidern und Schuhmachern.
Zur Rechten eine Reihe Obststände; flache Häuser mit zwei oder drei Stockwerken mit vielen
Balkonen, manche mit Teppichen behängt, andere übersät mit Wäsche.
Zur Linken auf dem Dach eine Teeschänke; weiter vorne spielen Kinder; zwei Affen klettern an den
Gesimsen.
Jenseits der Häuser kann man Straßen sehen, die sich einen Berg hinaufwinden; Häuser,
Moscheen, Minarette, Gärten. Paläste, Kirchen, Hindutempel und Pagoden.
In der Ferne, auf dem Berg, ist der Turm einer alten Zitadelle zu erkennen.
Unter der Menge, die die Gassen und den Marktplatz bevölkert, sind Angehörige fast aller
asiatischen Völker anzutreffen, gekleidet in ihre jeweiligen Trachten: ein Perser mit gefärbtem
Bart; ein weißgekleideter Afghane mit stolzer und kühner Haltung; ein Beluche mit spitzem
weißem Turban und kurzem, ärmellosem Mantel mit einem breiten Gürtel, aus dem verschiedene
Messer ragen; ein halbnackter Hindutamile mit rasiertem Vorderkopf und rotem und weißen
Dreizack (dem Zeichen Vishnus) auf die Stirn gemalt; ein Eingeborener aus Khiva, der eine riesige
schwarze Pelzkappe und einen dickwattierten Mantel trägt; ein buddhistischer Mönch in gelber
Robe, den Kopf rasiert und mit Gebetskette in der Hand; ein Armenier in schwarzer `chooka´ mit
Silbergürtel und einer schwarzen russischen Feldkappe; ein Tibeter in einem chinesisch inspirierten
Kostüm, besetzt mit wertvollen Pelzen; ebenso Bokharer, Araber, Kaukasier und Turkmenen.
Die Händler rufen ihre Waren aus und laden Kunden ein; Bettler bitten mit weinerlicher Stimme
um milde Gaben; ein Limonadenverkäufer unterhält die Menge mit einem lustigen Lied.
Ein Straßenbarbier erzählt einem Schneider, der im Restaurant nebenan speist, die Neuigkeiten
und den Klatsch aus der Stadt während er einen ehrwürdigen alten Hadji rasiert. Ein Trauerzug
bewegt sich durch eine der Gassen; ein Mullah führt ihn an und hinter ihm wird der Leichnam auf
einer mit einem Bahrtuch verhüllten Bahre getragen, gefolgt von Trauerweibern. In einer anderen
Allee findet ein Kampf statt und alle Jungen laufen dorthin um zuzusehen. Zur Rechten sitzt ein
Fakir auf einem Antilopenfell mit ausgestreckten Armen, die Augen auf einen Punkt gerichtet. Ein
reicher und wichtiger Händler geht vorbei, ohne von der Menge Notiz zu nehmen, seine Diener
folgen ihm und tragen Körbe voller Waren. Dann erscheinen einige erschöpfte Bettler, halbnackt
und mit Staub bedeckt, offenbar gerade aus irgendeinem Hungergebiet angekommen. In einem
Laden werden Kaschmirs und andere Schals und Stoffe nach draußen gebracht und Kunden
gezeigt.
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Gegenüber der Teeschenke lässt sich ein Schlangenbeschwörer nieder und ist sofort von einer
neugierigen Menge umgeben. Esel ziehen vorbei, beladen mit Körben. Frauen gehen vorüber,
manche mit Tschador, manche mit unverhülltem Gesicht. Eine bucklige Alte bleibt bei dem Fakir
stehen und wirft mit einer unterwürfigen Geste Geld in die neben ihm stehende kokosnüsserne
Almosenschale. Sie berührt das Fell, auf dem er sitzt und geht fort, die Hände auf Stirn und Augen
pressend. Ein Hochzeitszug bewegt sich vorbei; vorneweg kommen fröhlich gekleidete Kinder,
hinter ihnen Possenreißer, Musiker und Trommler. Der Stadtausrufer geht vorbei, ruft so laut er
kann. Aus einer Straße ist der Lärm von den Hämmern der Kupferschmiede zu hören. Überall gibt
es Lärm, Geräusch, Bewegung, Gelächter, Gezeter, Gebete, Bettelei – überschäumendes Leben.
Zwei Männer trennen sich von der Menge. Beide sind reich gekleidet. Einer von ihnen, Gafar, ist
ein attraktiver, gutgebauter, wohlhabender Perser von 30 oder 35 Jahren, glattrasiert bis auf einen
schmalen schwarzen Schnurrbart und kurzgeschnittenem Haar. Er trägt einen leichten, gelben
Seidenmantel mit hellem rosenfarbenem Gürtel und blauen Hosen; darüber einen Brokatumhang,
dessen Ränder, Ärmelaufschläge und Außenseite mit Silber bestickt sind; an seinen Füßen hohe
Stiefel aus gelbem Leder, die Stulpen bestickt mit Gold und kostbaren Steinen; seinen Kopf bedeckt
ein Turban aus indisch gemustertem Stoff, seine vorherrschende Farbe ist Türkis; an seinen Fingern
Ringe mit großen Smaragden und Diamanten. Der andere Mann ist sein Vertrauter, Rossoula,
gleichermaßen reich, aber nachlässig gekleidet. Er ist klein, stämmig, raffiniert und durchtrieben,
der wichtigste Diener seines Herrn in allen Liebesaffären und Intrigen. Er ist immer in
verschlagener und fröhlicher Stimmung. Auf seinem Kopf trägt er eine rote Kappe, um die ein
gelber Turban gewickelt ist; in seiner Hand befindet sich ein kurzer roter Rosenkranz.
Gafar schaut sich einige Waren an und bleibt gelegentlich stehen, um mit einem ekannten zu
sprechen, aber offensichtlich interessiert ihn nichts von all dem. Aus all seinen Bewegungen spricht
der Stolz eines von Vergnügungen gesättigten Mannes. Gleichgestellten gegenüber verhält er sich
gönnerhaft höflich, aber jeden anderen betrachtet er mit Geringschätzung oder Abneigung. Er hat
alles erlebt, alles gesehen, und die Dinge, um die sich andere Menschen bemühen und einsetzen
existieren für ihn nicht mehr.
In diesem Moment kommen zwei Frauen aus einer Seitenstraße zur Linken auf den Platz. Die eine
von ihnen, Zeinab ist jung, etwa zwanzig oder zweiundzwanzig Jahre alt, indopersischen Typs, von
überdurchschnittlicher Größe und sehr schön. Sie trägt eine weiße Tunika mit einem grünen Schal
um ihre Hüften; ihr glattgekämmtes, in der Mitte geteiltes Haar wird von einer goldenen Spange
gehalten; sie trägt einen zurückgeschlagenen Tschador, ihr Gesicht ist unverhüllt. Die andere ist
ihre Vertraute, Haila. Sie ist eine kleine, rundliche, gutmütige Frau in den mittleren Jahren. Sie trägt
einen blauen Samtmantel unter einem violetten Tschador. Ihr Mund ist von einem Halstuch
bedeckt.
Zeinab trägt eine Pergamentrolle, die in ein Seidentuch geschlagen ist. Sie geht über den Platz und
verteilt großzügig Almosen an Bettler, denen sie begegnet. Gafar bemerkt sie und folgt ihr mit den
Augen. Ihr Gesicht interessiert ihn, denn es scheint ihn auf den ersten Blick an jemanden oder
etwas zu erinnern. Er erkundigt sich bei Rossoula und anderen nach ihrem Namen, aber keiner
kennt ihn.
Gerade da geht Zeinab auf eine Bettlerin zu, bei der ein etwa achtjähriger Junge mit einer offenen
Wunde auf dem Arm steht. Als sie ihm Almosen gibt, bemerkt Zeinab die Wunde und spricht
freundlich mit der Bettlerin über ihn, während sie sich über den Knaben beugt. Schließlich sagt sie
etwas zu ihr, auf eine der Seitenstraßen und dann auf den Knaben zeigend. Es ist offensichtlich,
dass sie die Frau auffordert, den Knaben an einen Ort zu bringen, wo seine Wunde behandelt
werden kann.
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Während der ganzen Zeit hört Gafar nicht auf, Zeinab zu beobachten.
Zeinab möchte den Arm den Knaben verbinden, aber sie hat nichts, was sie darum wickeln könnte,
also faltet sie das seidene Tuch auseinander, in das die Schriftrollen gewickelt sind und bindet es
um die Wunde. Dann verlässt sie, begleitet von Haila, den Platz durch eine Seitenstraße.
Gafar berät sich eilig mit Rossoula. Offenbar gibt er ihm Anweisungen, Zeinab zu folgen und alles
über sie herauszufinden, was er kann. Nachdem Zeinab verschwunden ist, folgt ihr Rossoula durch
dieselbe Straße. Gafar sieht ihm hinterher, geht dann langsam zu der Bettlerin und beginnt mit ihr
zu sprechen. Er bemerkt das Tuch am Arm des Jungen und ohne zu wissen wieso, möchte er es
kaufen. Er bietet der Frau etwas Geld, aber sie weigert sich, das Tuch zu verkaufen. Gafar wirft ihr
daraufhin eine Handvoll Geld hin, nimmt dem Knaben fast mit Gewalt das Tuch fort und schlendert
dann langsam zur Mitte des Platzes. Die erstaunte Frau sammelt aufgeregt das Geld auf und dankt
Gafar mit erhobenen Händen. Dann nimmt sie den Knaben bei der Hand und folgt der Gasse, auf
die Zeinab gezeigt hat.
Rossoula kehrt zurück und erzählt Gafar mit ablehnenden Gesten, dass Zeinab keine Frau sei, der
man sich lässig nähern könnte. Dann gehen Gafar und Rossoula immer noch im Gespräch durch
eine der Straßen zur Linken ab.
Der Abend zieht herauf. In einer der Gassen entsteht Bewegung und aus ihr nähert sich ein
Derwisch, begleitet von einer Menge, in der viele Frauen und Kinder sind. Dieser Derwisch wurde
im Lande in jüngster Zeit hoch geehrt und er genießt großes Ansehen unter all den verschiedenen
Nationalitäten. Er rezitiert einige heilige Verse und vollführt dazu bestimmte Bewegungen, die eine
Gymnastik oder einen Tanz darstellen.
Die Bedeutung der Verse ist:
Gott ist einer für Alle,
Aber er ist dreifältig.
Der Mensch geht in die Irre weil er siebenfältig ist.
In seiner Gesamtheit ist er Einklang.
In seiner Teilung ist er Vielklang.
Und in einer anderen Teilung ist er widersprüchlich.
Er ist überall in allen Formen.
Wenn Menschen ihn sehen,
Hängt es von ihren Qualitäten ab
Welchen Teil sie berühren.
Aber wenn der Unwissende ihn berührt,
Sieht er in dem Teil, den er berührt alles von ihm,
und zweifellos predigt er über ihn.
Er sündigt bereits
Weil er gegen die in den Geboten
Des Allerhöchsten dargelegten Gesetze handelt.
Das Gebot ist dieses:
Ich bin Wahrheit.
Dein Unglaube zieht Dich
In meine Nähe
Weil der, der mich sieht…..

Das Ende der Verse verliert sich im lauten Trommeln eines Scharlatans, der Medizin verkauft.
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Die Dämmerung sinkt herab. Einer nach dem anderen räumen die Händler ihre Waren auf und
schließen ihre Läden. In dem Moment, da die Bewegung der Menge ihren Höhepunkt erreicht fällt
der Vorhang.


































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Zweiter Akt

In der Schule des Weißen Magiers.
Ein großer Saal, der wie ein Laboratorium oder ein Observatorium aussieht, hier und da Regale,
auf denen Schraubenköpfe
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,Gläser und fantastisch geformte Objekte stehen, die an moderne
Apparaturen erinnern, ebenso verschiedene Pergamentrollen und Bücher.
Im Hintergrund ein riesiges, mit einem Vorhang verhülltes Fenster. Links eine Tür, die in einen
weiteren Raum führt. Rechts eine Tür nach draußen.
In der rechten Ecke steht ein Stundenglas. Auf der linken Seite stehen niedrige Tische, auf denen
sich weitere Schrauben, Gläser und geöffnete Bücher befinden.
Vor dem Fenster steht ein Teleskop von seltsamer Form und zur Linken auf einem Tisch ein
Apparat, der einem Mikroskop ähnelt.
Zur Rechten steht ein großer thronähnlicher Stuhl mit einer hohen Rückenlehne, auf die das
Symbol des Enneagramms gemalt ist und zur Linken befindet sich ein kleiner Stuhl für den Gehilfen
des Magiers.
Als der Vorhang sich hebt, befinden sich bereits verschiedene Schüler auf der Bühne, sowohl
Männer als auch Frauen, und weitere kommen von Zeit zu Zeit herein. Es sind gutgebaute, nett
anzusehende junge Leute mit gutem und freundlichem Gesichtsausdruck. Sie tragen weiße
Tuniken; die der Frauen sind lang, die der Männer reichen bis zum Knie. Sie tragen Sandalen. Die
Mädchen tragen das Haar glatt und gehalten von goldenen Bändern, die der Männer sind silbern.
Alle tragen Schals um die Hüften; die der Frauen sind gelb, orange und rot, die der Männer sind
grün, dunkelblau und hellblau.
Sie sind alle beschäftigt. Manche richten und reinigen die Apparate, andere lesen und wieder
andere schütteln bestimmte Flüssigkeiten in Gläser. Mittlerweile ist die Zahl der Schüler
angestiegen.
Durch die äußere Tür kommt der Assistent des Magiers herein. Er ist ein alter Mann mittlerer
Größe, trägt eine Brille und einen kurzen, dünnen grauen Bart. Er trägt eine gelbe Robe über einem
kurzen weißen Unterkleid mit einem violetten Schal um die Taille. Seine Füße stecken in Sandalen;
auf dem Kopf trägt er eine Kappe, die mit einem violetten Schal umwunden ist. In seinen Händen
hält er einen langen Rosenkranz aus Perlmutt und an seiner Brust trägt er an einer silbernen Kette
das Symbol des Heptagramms – ein siebenstrahliger Stern in einem Kreis.
Die Schüler grüßen den Assistent des Magiers, der freundlich antwortet, während er vom einen
zum anderen geht und die Arbeiten begutachtet und korrigiert. Es ist offensichtlich, dass die
Beziehungen zwischen allen angenehm, gütig und freundlich sind.
Ein Diener kommt durch die innere Tür herein und sagt etwas, und aus den Bewegungen der
Anwesenden ist zu schließen, dass sie jemanden erwarten.
Der Weiße Magier kommt herein. Er ist ein großer, gutgebauter alter Mann mit gütigem und
angenehmem Gesicht und langem weißen Bart. Er ist in eine lange weiße Robe gekleidet mit
breiten Ärmeln und Aufschlägen, unter der ein cremefarbenes Unterkleid zu sehen ist. An seinen
Füßen sind Sandalen. In seiner Hand befindet sich ein langer Stab mit einem Knauf aus Elfenbein
und auf seiner Brust hängt an einer goldenen Kette das Symbols des Enneagramms, gearbeitet aus
wertvollen Steinen.
Auf die tiefen Verbeugungen seiner Schüler antwortet der Magier mit freundlichem Lächeln
während er sie segnet. Nachdem er langsam zum Thron geschritten ist und abermals seine Schüler

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Bolthead
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gesegnet hat, setzt er sich. (In diesem Moment leuchtet das Symbol auf dem Thron auf.) Die
Schüler kommen einer nach dem anderen nach vorne und küssen seine Hand, danach kehren sie
an ihre Plätze zurück und nehmen ihre unterbrochene Tätigkeit wieder auf.
In diesem Moment kommt Zeinab herein. Sie hat sich verspätet und außer Atem vor Eile. Sie geht
auf den Magier zu und küsst seine Hand. Aus der Art, wie der Magier sie begrüßt ist ersichtlich,
dass sie eine seiner Lieblingsschülerinnen ist. Sie tritt dann zu den anderen Schülern und teilt ihnen
anscheinend ihre kürzlichen Eindrücke von der Bettlerin und dem Knaben mit.
Einer der Schüler tritt zu dem Magier, der gerade mit seinem Assistenten spricht und bittet ihn
etwas zu erklären. Offenbar ist die Antwort des Magiers für jedermann von Interesse, denn nach
und nach versammeln sich alle um ihn und lauschen. Während er mit seinen Erläuterungen
fortfährt, erhebt sich der Magier (in diesem Moment erlischt das Symbol auf dem Thron) und geht
zu dem Mikroskop, wo er mit einigen Demonstrationen beginnt. Die Schüler ihrerseits begeben
sich zum Mikroskop und schauen hindurch. Danach tritt der Magier zu dem Fenster und zieht den
Vorhang zurück. Der klare, sternenbedeckte Himmel ist zu sehen. Der Magier richtet das Teleskop
auf den Himmel und die Schüler treten dazu und schauen hindurch, während sie gleichzeitig den
Erklärungen des Magiers lauschen.
Die Hauptidee der Erläuterungen besteht in Folgendem: Was oben ist, ist dem ähnlich, was unten
ist. Jede Einheit ist ein Kosmos. Die Gesetze, die den Megalokosmos regieren, regieren auch den
Makrokosmos, den Deuterokosmos, den Mesokosmos, den Tritokosmos und andere, bis hinunter
zum Mikrokosmos. Durch das Studium eines Kosmos erkennst Du alle anderen. Der für all unsere
Studien erreichbarste Kosmos ist der Tritokosmos, und das für jeden von uns nächste
Studienobjekt ist man selbst. Indem man sich selbst vollständig erkennt, erkennt man alles, selbst
Gott, da der Mensch in seinem Ebenbild geschaffen ist.
Nachdem er dies gesagt hat, kehrt der Magier langsam zu seinem Thron zurück.
Der Diener tritt ein, nähert sich dem Magier und informiert ihn, dass jemand um Erlaubnis bittet,
einzutreten zu dürfen. Mit der Zustimmung des Magiers bringt der Diener die Bettlerin und das
Kind. Sie wirft sich zu Füßen des Magiers nieder und bittet um Hilfe, indem sie auf den Knaben
zeigt. Zeinab tritt ebenfalls zum Magier und verwendet sich für das Kind.
Nachdem er sich die Wunde angeschaut hat, spricht der Magier mit zwei Schülern, die sich dann
in den inneren Raum begeben und zurückkehren. Der eine trägt ein Kissen, auf dem ein
Elfenbeinstab liegt, an dessen einen Ende sich eine große silberne Kugel befindet, der andere trägt
ein Tuch, einen Becher und einen Krug, in dem sich irgendeine Flüssigkeit befindet. Der Magier
nimmt den Krug und gießt die Flüssigkeit in den Becher, taucht das Tuch darin ein und legt es auf
die Wunde. Dann nimmt sehr behutsam den Stab und führt ihn, ohne die Wunde zu berühren,
einige Male über den Arm des Jungen. Als der Magier das Tuch wegnimmt, ist die Wunde
verschwunden.
Die Bettlerin fällt sprachlos vor Staunen auf die Knie und küsst den Saum der Robe des Magiers.
Der Magier streichelt zärtlich über den Kopf des Jungen und entlässt dann beide.
Die Schüler kehren an ihre Plätze zurück und nehmen ihre Tätigkeiten wieder auf. Der Magier geht
durch den Raum, begibt sich zu einigen der Schüler, um ihre Arbeit zu begutachten und erteilt
hilfreiche Hinweise. Nach kurzer Zeit sagt er etwas zu allen Schülern und kehrt auf seinen Thron
zurück.
Sofort unterbrechen die Schüler ihre Tätigkeiten und stellen sich in Reihen auf, und auf ein Zeichen
des Magiers beginnen sie mit verschiedenen Bewegungen, die Tänze darstellen. Der Gehilfe des
Magiers geht auf und ab und berichtigt ihre Haltungen und Bewegungen.
Diese „heiligen Tänze“ gelten sowohl seit alters her als auch heutzutage als einer der wichtigsten
Gegenstände in allen esoterischen Schulen des Ostens. Die Bewegungen, aus denen diese Tänze
bestehen, dienen einem doppelten Zweck: sie enthalten und drücken ein bestimmtes Wissen aus
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und dienen gleichzeitig als Methode zur Erlangung einen harmonischen Seinszustandes.
Kombinationen dieser Bewegungen drücken verschiedene Empfindungen aus, produzieren
variierende Grade an gedanklicher Konzentration, führen zu notwendigen Anstrengungen in
verschiedenen Funktionen und zeigen die möglichen Grenzen individueller Kraft auf.
Während einer Pause zeigt einer der Schüler auf das Stundenglas, woraufhin der Magier sie
auffordert, ihre vorherigen Tätigkeiten zu beenden und sich auf das Weitere vorzubereiten.
Inzwischen geht er selbst zum Fenster und öffnet den Vorhang.
Es ist früher Morgen und die Sonne steigt über den Horizont. Als die ersten Strahlen erscheinen,
fallen der Weiße Magier mit seinem Gehilfen und seinen Schülern dahinter auf die Knie. Sie beten.
Der Vorhang fällt langsam.




























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Dritter Akt

Im Hause von Gafar.
Ein Raum mit einem Alkoven in der rechten Ecke, in dem - hinter behauenen Säulen – ein
Springbrunnen in einem Marmorbassin sichtbar ist.
Auf der Linken führt eine Tür in die inneren Gemächer und im Hintergrund führt eine andere Tür
in den Garten.
Der Raum ist in persisch-indischem Stil ausgestattet. Zur Rechten befinden sich mit Teppichen
bedeckte Bänke und Kissen sind in verschiedenen Lagen auf einem Podest an der Wand
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aufgestapelt. In der linken Ecke befindet sich ein niedriger Diwan nebst mehreren
durchbrochenen Tischchen. Auf einem stehen eine Wasserpfeife und andere Rauchuntensilien, auf
einem anderen Erfrischungsgetränke, auf einem dritten ein kleiner Gong und auf einem vierten
Krug und Schale aus exquisiter und kostspieliger Handarbeit zum Waschen der Hände.
Gafar geht durch den Raum. Er ist ohne Umhang, aber auf dem Kopf trägt er ein Käppchen mit
kostbaren Steinen. Jede seiner Bewegungen, jeder Blick zeigt, dass er ungeduldig wartet.
Gelegentlich setzt er sich auf den Diwan und verfällt in Gedanken. Er fühlt, dass ihm neue Dinge
widerfahren. Ihn, der immer so hochmütig gelassen und indifferent gewesen war, regen nun
plötzlich Kleinigkeiten auf und beunruhigen ihn, die er vorher noch nicht einmal bemerkt hätte. In
letzter Zeit ist er irritierbar, misstrauisch und ungeduldig geworden..
Jetzt gerade erwartet er Rossoula, der ihm Neuigkeiten von Zeinab bringen soll, der Frau die sie
vor einem Monat auf dem Markt getroffen haben und die Rossoula – ungeachtet seiner
Fähigkeiten und Erfahrungen auf diesem Gebiet – bisher nicht verführen konnte, Gafars Harem
beizutreten. Gestern befahl Gafar Rossoula dies um jeden Preis zu erreichen und was ihn nun so
beunruhigt, ist die Erwartung der Ergebnisse der schlussendlichen Bemühungen Rossoulas. Aber
gleichzeitig fühlt er, dass all das einfach lächerlich ist. Viele Male zuvor fühlte er sich schon von
irgendwelchen Frauen angezogen, aber während Rossoula die Sache verfolgte, vergaß er selbst die
Frau entweder wieder oder sie hörte auf ihn zu interessieren. Doch diese Mal vergisst er nicht nur
nicht sondern denkt jeden Tag mehr und mehr an Zeinab.
Rossoula kommt durch die hintere Tür hinein. Er erscheint sehr zerfahren – und das ist bei ihm
ziemlich ungewöhnlich. Er bringt sehr entmutigende Neuigkeiten. Er erzählt Gafar dass all seine
Bemühungen, den Befehl zu erfüllen gescheitert sind und selbst er wisse nun nicht mehr weiter.
Sie versinken beide in Nachdenken. Jedes Mittel der Verführung Zeinabs wurde versucht; alles was
in einem solchen Fall getan werden kann wurde getan. Sie haben ihr die unterschiedlichsten
Geschenke geschickt: antike, mit Gold bestickte indische Stoffe; die besten Pferde – Araber,
chinesische und persische Hengste; sibirische Pelze; eine Seltenheit wie ein unbezahlbares
Smaragdhalsband – ein Geschenk des Rajahs von Kolhapur an Gafars Großvater; Gafars berühmte
blaue Perle, die „Träne von Ceylon“; und schließlich boten sie ihr an, ihr - als eigenen Harem mit
Eunuchen und Dienerinnen – das bekannte Schloss der Gafars, den Stolz der Familie, den „Atem
des Paradieses“ zur alleinigen Nutzung zu überlassen. Aber alles war umsonst. Zeinab hatte alles
zurückgewiesen und wollte davon nichts hören.
Gafar ist perplex. Mehr und mehr ist er überzeugt, dass er nicht die Kraft besitzt, sich mit Zeinabs
unverständlichem Eigensinn abzufinden und er begreift, dass in Wahrheit sie der Grund seines
ungewöhnlichen Geisteszustands in der letzten Zeit war. Es ist offensichtlich, dass irgendetwas an
dieser Frau außergewöhnlich ist. Die Art und Weise wie er, Gafar auf Rossoulas Fehlschläge
reagiert, erstaunt ihn selbst. In jedem anderen Fall wäre er einfach ungehalten gewesen, aber nun

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Im Original „against the wall Mindari“
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ist ihm im Herzen, obwohl er unfähig ist, seinen Ärger zu unterdrücken, fast froh zumute, dass all
die gewöhnlichen Methoden Rossoulas unzulänglich sind.
Die seltsamen Dinge, die er in seinem Inneren wahrnimmt, richten seine Aufmerksamkeit auf seine
Beziehungen zu Frauen im Allgemeinen.
Dank seiner Reichtümer, seiner gesellschaftlichen Stellung und seiner Herkunft wurde sein Leben
so eingerichtet, dass er bereits im Alter von 17 Jahren von Frauen umgeben war und – den
Gebräuchen seiner Heimat entsprechend – seinen eigenen Harem besaß. Inzwischen ist er 32 Jahre
alt aber noch unverheiratet, ungeachtet der Tatsache, dass er sich lange Zeit gewünscht hatte, zu
heiraten, besonders um seiner alten Mutter eine Freude zu machen, die immer von seiner Heirat
träumte. Aber bis jetzt hatte er niemals irgendeine Frau getroffen, die in seinen Augen geeignet
war, seine Gemahlin zu werden. Viele Frauen haben ihn angezogen und schienen ihm anfänglich
ergeben und vertrauenswürdig, aber am Ende zeigte sich dass ihre Liebe und Hingabe nur Masken
waren, hinter denen belanglose, egoistische Gefühle lagen. Für manche war es die Leidenschaft
für einen jungen, gutaussehenden Mann, für andere der Hang zum Luxus, den er ihnen bieten
konnte, für andere wiederum die Eitelkeit, die Geliebte eines Edelmanns zu sein usw.
Alles was er gesehen hat, hat ihn gründlich desillusioniert. Er hat niemals eine Frau gekannt, der
er das Vertrauen und die Wertschätzung entgegenbringen konnte, die in seinen Augen seiner Frau
gebühren sollte. Er hatte sich daran gewöhnt, all die schönen Worte über die Liebe und die
Verwandtschaft der Seelen als bloße Fantasie der Dichter zu betrachten und langsam wurden ihm
alle Frauen gleich, unterschieden sich voneinander lediglich in ihrem Schönheitstyp und in ihren
unterschiedlichen Ausprägungen der Leidenschaft. Sein Harem ist zum bloßen Teil seiner
Sammlung kostbarer Dinge geworden. Er könnte ohne seine Frauen nicht weniger leben als er
ohne das Rauchen leben könnte, ohne die Musik, ohne all den Luxus, der ihn immer umgeben hat.
Aber er hat lange aufgehört, in Frauen mehr zu suchen, als die momentane Freude an einem
schönen Ding.
Und nun ist in ihm diese seltsame Neugierde auf diese unnahbare Frau erwacht. Kann es möglich
sein, dass sie wirklich so vollkommen anders ist als die anderen? Zeinabs Erscheinung hat ihn auf
den ersten Blick beeindruckt, aber was weiß er sonst noch von ihr? Nach Rossoulas Informationen
ist sie die einzige Tochter eines reichen Khan aus einer weit entfernten Stadt. Sie ist 21 Jahre alt
und völlig ungebunden, niemanden versprochen, und sie lebt alleine und zurückgezogen mit
einigen Dienern und einer alten Frau namens Haila. Zuhause befasst sie sich mit den
Wissenschaften und sie kam hierher, um an der Schule eines gefeierten Magiers zu studieren.
Diese Schule besucht sie täglich und verbringt die verbleibende Zeit zuhause mit ihren Studien. An
all dem ist vieles seltsam, anders als alles, was er bisher kannte. Aber der Gedanke an Zeinab lässt
ihm keine Ruhe; er kann nicht aufhören, an sie zudenken und ist zu jedem Opfer bereit, um sie in
Besitz zu nehmen.
Immer noch tief in Gedanken steht Gafar auf und geht hin und her. Dann setzt er sich, offenbar
von einem neuen Gedanken erfasst, wieder auf den Diwan.
Es ist nun klar, dass es unmöglich ist, Zeinab mit den Mitteln zu verführen, die auf andere Frauen
anziehend wirken und ihren Widerstand überwinden. Da dies so ist, bleibt nur eines zu tun: sie zu
heiraten. Früher oder später muss er sich eine Frau nehmen und eine schönere als Zeinab wird er
niemals finden. Und falls sie sich als die Frau seiner Träume erweisen sollte, wird es ihn glücklich
machen und seine Mutter erfreuen.
Nach einigem Nachdenken spricht Gafar schließlich mit Rossoula. Dann ruft er einen Diener herbei
und gibt ihm einen Befehl. Der Diener geht durch die linke Tür ab.
Bald danach kommt durch dieselbe Tür eine ältere Frau herein. Sie ist eine von Gafars nächsten
Verwandten. Er erläutert ihr seine Entscheidung und bittet sie, die Aufgabe der Vermittlerin zu
übernehmen. Die alte Dame erklärt, sie werde die Besorgung mit Freude übernehmen und zweifle
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nicht am Erfolg. Jeder weiß, dass die berühmtesten Schönheiten des Landes angesichts seines
Reichtums und seiner Stellung sich glücklich schätzen würden, seine Frau zu werden. Sie begibt
sich zurück in die inneren Gemächer und kommt sofort wieder, begleitet von zwei anderen Frauen.
Alle drei machen sich, in Tschadors gehüllt auf zu Zeinabs Haus.
Gafar sitzt immer noch mit nachdenklichem Gesichtsausdruck auf dem Diwan. Rossoula geht auf
und ab und wendet sich ab und zu an Gafar, um ihm verschiedene Ablenkungen vorzuschlagen.
Aber Gafars Gedanken sind weit weg und nichts vermag ihn zu fesseln. Er hört Rossoula zerstreut
zu und nur um ihn endlich loszuwerden stimmt er schließlich einem der Vorschläge zu.
Auf Rossoulas Befehl kommen nun sofort Musiker hinein, die ein Orchester mit afghanischen,
indischen und türkischen Instrumenten bilden. Diese Instrumente sind: eine Zitera (eine Art
Balalaika mit langem Griffbrett und sieben Saiten, die mit einem Bogen gestrichen werden), eine
Adoutar (eine Art Balalaika mit zwei Saiten, die mit den Fingern gespielt wird, eine Rebab (mit drei
Darmsaiten und drei Kupfersaiten, gespielt mit einem kleinen Holzplektrum), eine Attarr (eine Art
Mandoline mit langem Griffbrett und sieben Saiten, die wie eine Mandoline gespielt wird), eine
Asaz (auch eine Art Mandoline mit drei Seiden- und drei Darmsaiten, gespielt als Mandoline), eine
Caloup
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(eine Art Zither mit vielen Saiten aus Stahl und Kupfer, gespielt über den Daumen mit
einem beinernen Plektrum), eine Zourna (eine Art Flöte), eine Gydjabe (eine Art Violine), eine
Dhaff (Tambourin), eine Davul (eine Art Trommel, eine Gaval (eine Art Flöte), eine Galuk (eine Art
Klarinette) und andere Instrumente. Die Musiker nehmen auf dem Podest Platz und beginnen zu
spielen.
Sobald die Musik beginnt, treten die Tänzerinnen des Harems in Paaren auf und tanzen.
Diese Tänzerinnen kommen alle aus verschiedenen Ländern. Aufgrund ihrer Schönheit und ihrer
Fähigkeiten hält man sie für die Besten des Landes. Von weither kamen Menschen, nur um sie zu
sehen. Kein Fremder, der diese Gruppe gesehen hat, konnte der Entzückung widerstehen, und
wenn jede von ihnen den Tanz ihres eigenen Landes tanzt, geraten die klügsten Richter in Ekstase.
Es gibt 12 Tänzerinnen, die alle die Trachten ihrer Heimat tragen. Heute tanzen sie, entweder weil
sie die Stimmung ihres Herrn empfinden oder weil es lange her ist, dass sie vor ihm getanzt haben,
mit außergewöhnlicher Hingabe.
Zunächst tanzt eine Tibeterin einen der Tänze ihres geheimnisvollen Vaterlandes. Als nächstes
tanzt eine Armenierin aus Mousha zur Begleitung einer langsamen Weise einen erotischen Tanz
ihrer Heimat, fast einschläfernd, aber voll verborgenen Feuers. Ihr folgt eine Osetinka aus dem
Kaukasus mit einem Tanz so leicht wie Luft. Dann eine Zigeunerin, eine Tochter des Volkes, das
vergessen hat, woher es kommt, mit einem feurigen, wirbelnden Tanz, der von der Freiheit der
Steppen und den fernen Lagerfeuern zu erzählen scheint. Nach ihr eine Araberin, die langsam
beginnt und deren Bewegungen dann schneller und schneller werden bis zu einer unglaublichen
Geschwindigkeit und die sich dann plötzlich entspannt und allmählich in eine ekstatische Ruhe
verfällt. Danach offenbaren eine Beluchin, eine Georgierin, eine Perserin, eine indische Nautch-
Tänzerin – jede durch ihre Bewegungen – die Seele, die Natur, das Temperament und den
Charakter ihres Landes.
Gafar hat sich immer, so wenig ihn alles andere interessierte, an seinen Tänzerinnen erfreut, aber
heute schaut er ihnen zu fast ohne sie zu sehen, so vollständig versunken ist er in seinen Gedanken
und Gefühlen.
Während eines der Gruppentänze kehren die Vermittlerinnen zurück. Mit zerknirschtem Blick teilt
ihm die Alte mit, dass sein Antrag nicht akzeptiert wurde. Gafar gerät außer sich vor Wut, schickt
alle fort und bleibt alleine mit Rossoula. Beide schweigen.

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Wahrschl. eine Santur
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Gafar schreitet auf und ab. Er hat alles erwartet, nur das nicht. Es ist nicht zu fassen. Niemals in
seinem Leben wurde er so gedemütigt. Rossoula ist nicht weniger vom Donner gerührt als Gafar.
Er ist tief in Gedanken versunken und zerbricht sich offensichtlich den Kopf. Plötzlich strahlt er und
geht zu Gafar, um mit ihm zu sprechen.
Gafar hört mit düsterem Gesichtsausdruck zu. Was Rossoula vorschlägt, widerstrebt seinen
tiefsten Gefühlen, aber er wurde beleidigt und ist empört und möchte seinen Willen nun um jeden
Preis durchsetzen. Sein Begehren nach Zeinab hat sich fast in Hass verwandelt und der Wunsch,
seine Demütigung zu rächen überwältigt ihn. Rossoula fährt fort, ihn zu überreden. Schließlich,
nach kurzem inneren Ringen, stimmt Gafar zu.
Sie rufen einen Diener und schicken ihn mit einer Nachricht fort.
Gafar setzt sich mit missmutigem und zornigem Gesicht wieder auf seinen Diwan. Rossoula geht
umher und freut sich an seiner Erfindungsgabe und an dem Ausweg, den er gefunden hat.
Nach kurzer Zeit tritt eine alte Zauberin ein, begleitet von einem Diener.
Sie ist klein und gebeugt, mit großer Hakennase, zerzaustem, grauen Haar, schweifendem Blick,
dunkelhäutig, mit einer großen haarigen Warze auf der linken Wange; ihre großen, dünnen,
sehnigen Hände haben lange, schmutzige Nägel. Sie trägt einen kurzen, schmutzigen Mantel
violetter Farbe und schwarze Hosen; an ihren Füßen befinden sich alte türkische Slipper; ein
schmutziger schwarzer Tschador umhüllt sie, der an vielen Stellen mit farbigen Streifen befestigt
ist; in ihrer Hand befindet sich ein glatter Stab.
Gafar fragt die Zauberin, ob sie eine Frau verhexen kann, um sich in ihn zu verlieben. Die Zauberin
bejaht mit selbstsicherer Miene, aber als sie den Namen der Frau hört, zittert sie vor Angst und
sagt, in diesem Falle sei sie machtlos. Sie bieten ihr Gold an, aber in diesem Fall hilft das nicht
weiter.
Die Zauberin selbst ist hilflos aber sie erzählt ihnen, dass es da jemanden gäbe, die Zeinab verhexen
könnte, wenn er es wolle. Es könnte möglich sein, ihn zu überzeugen, aber nur mit sehr, sehr viel
Gold.
Gafar und Rossoula beraten miteinander; sie befragen die Zauberin und beschließen dann sofort
aufzubrechen. Die Zauberin willigt ein, sie zu führen.
Der Diener tritt herein und ist beim Ankleiden behilflich. Inzwischen bringen Diener aus Gafars
Befehl aus den inneren Gemächern mit Geschenken gefüllte Taschen. Dann verlassen Gafar und
Rossoula, begleitet von den Dienern, die die Taschen tragen den Raum durch die hintere Tür.
Vorhang.











14

Vierter Akt

Die Schule des schwarzen Magiers.
Eine große Höhle. Die hintere Wand hat einen Vorsprung in der Mitte; zur Rechten führt eine
Treppe zum Eingang empor, zur linken führt ein Tunnel zu einer inneren Höhle.
Zur Linken befindet sich in einer dunklen Nische ein Ofen oder Herd, in dem ein Feuer lodert. Auf
dem Ofen steht ein Kessel, aus dem gelegentlich Wolken grünlichen Rauchs aufsteigen. Vor dem
Ofen kauert eine struppige Kreatur, die das Feuer mit einer seltsam geformten dreizackigen Gabel
schürt und ab und zu Holz in den Ofen wirft. In einer Nische über dem Ofen befindet sich ein
menschliches Skelett und weitere sonderbar geformte Gabeln ragen aus einer Seite heraus. In der
hinteren Mitte der Höhle steht ein großer Stein, der wie ein Thronsessel geformt ist. Auf einem
Pfahl darüber befindet sich das Symbol des Pentagramms.
Von der Decke hängen verschiedene ausgestopfte Tiere – eine Eule, eine Kröte, Fledermäuse und
menschliche und tierische Schädel.
Hier und da stehen niedrige Tische, darauf verteilt verschiedene Objekte und Schrauben
4
. Gläser,
Bücher und Pergamentrollen liegen unordentlich verteilt in der Höhle herum.
Eine Boa-Konstriktor gleitet frei herum und schwarze Katzen spazieren auf und ab.
Das ist die Schule des gefeierten schwarzen Magiers.
Als sich der Vorhang hebt, bewegen sich einige Schüler durch die Höhle; andere sitzen herum. Ein
paar legen Karten, wie um die Zukunft vorherzusagen; manche lesen sich gegenseitig in den
Händen, und manche mischen – in einer Ecke versammelt – Tränke zusammen.
Die Schüler sind Männer und Frauen verschiedenen Alters, manche jung, andere älter, aber alle
unerfreulichen Erscheinungsbilds. Einer oder zwei sind missgebildet, dünn mit unangenehm
verschlagenem Blick, zerzaustem Haar und Warzen. Alle Bewegungen sind scharf, abgehackt und
ruckartig. Die Haltung gegeneinander ist feindselig und höhnisch. Sie tragen schlampig aussehende
violett-gefärbte Mäntel und schwarze Hosen, an den Füßen türkische Pantoffeln. Der einzige
Unterschied in der Kleidung von Männern und Frauen besteht darin, dass die Frauen Gürtel aus
schwarzem Kord und schwarze Tücher auf dem Kopf tragen. Einige von ihnen sind auf Gesicht und
Händen tätowiert.
Einer der Schüler nahe des Throns beginnt langsam, seltsame, rhythmische Bewegungen zu
vollführen, die die anderen scheinbar erfreuen, da einer nach dem anderen seine jeweilige
Beschäftigung aufgibt und sich ihm zugesellt. Während ihre Zahl steigt, beschleunigen sich die
Bewegungen und variieren mehr und mehr und allmählich bilden sie einen Ring und beginnen, sich
wie verrückt um den Thron zu drehen. Im Moment der größten Rage sind von der linken Seite der
Höhle ein Krach und ein Klopfen zu hören.
Sofort bricht der Ring auseinander. Durcheinander und Hektik folgen. Sich voller Angst gegenseitig
rempelnd eilen die Schüler zu ihren Plätzen zurück und nehmen die frühere Beschäftigung wieder
auf, wobei sie versuchen, sich den Anschein zu geben, dass sie diese niemals unterbrochen hätten.
Aus der inneren Höhle kommt der schwarze Magier herein. Er ist ein Mann mittlerer Größe, hager,
mit kurzem, angegrautem Bart, schwarzen Augen mit langen Wimpern und dickem,
ungekämmtem Haar. Seine Bewegungen sind ruckartig, mit charakteristischer Eigenheit, sein Blick
verächtlich stechend. Er trägt einen kurzen, schwarzen Seidenmantel, unter dem ein purpurnes
Unterkleid zu sehen ist, etwas länger als der Mantel. Seine Füße stecken in türkischen Pantoffeln,

4
Bolthead
15

den Kopf bedeckt ein schwarzes Käppchen. In seiner Hand befindet sich ein langer Stab und an
seiner Brust baumelt an einer schwarzen Seidenschnur ein goldenes Pentagramm.
Beim Eintritt des Magiers werfen sich alle mit dem Gesicht zu Boden. Er geht zum Thron ohne
jemanden anzusehen; auf dem Weg dorthin tritt er sogar auf einen der Schüler. Er setzt sich. (Das
Symbol über dem Thron leuchtet auf.) Er wirft seinen Mantel zurück und entblößt Brust und Bauch.
Die Schüler gehen der Reihe nach zu ihm und küssen ihm den Bauch. Mit einem Tritt schleudert er
einen von ihnen zu Boden, über den sich die anderen mit feiger Missgunst lustig machen.
Als die Zeremonie des Bauchküssens beendet ist, stellen sich die Schüler auf den Befehl des
Magiers hin rechts und links von ihm in Reihen auf und beginnen, verschiedene Bewegungen zu
vollführen.
Während einer der Pausen dazwischen kommt die alte Zauberin durch den äußeren Eingang
herein, in der Hand eine Kerze. Sie bewegt sich langsam und ängstlich auf den Magier zu, sagt auf
duckmäuserische Weise etwas zu ihm und zeigt auf den Eingang.
Nach einem Moment der Überlegung nickt der Magier zustimmend. Die alte Frau geht rückwärts
hinaus und kehrt schnell mit Gafar, Rossoula und den zwei Dienern zurück, die die Taschen mit
Geschenken tragen. Die Diener zittern beim Eintreten vor Angst und blicken sich mit Verwundern
und Schrecken um. Als sie das Zentrum der Höhle erreichen, werfen sie die Taschen zu Boden und
machen sich kopfüber davon. Rossoula und Gafar empfinden fast ebensolche Angst wie die Diener.
Gafar tritt vor den Magier und erklärt ihm seine Wünsche. Der Magier hört zu, aber als Gafar den
Namen Zeinabs erwähnt, weigert sich, irgendetwas zu unternehmen, denn er weiß ebenso wie die
alte Zauberin, dass Zeinab die Schülerin des Weißen Magiers ist.
Gafar insistiert. Indem er auf die Säcke deutet, holt er seine Geldbörse heraus, zieht einen Ring
vom Finger, nimmt wertvollen Schmuck ab und wirft alles dem Magier zu Füßen.
Als er das Gold und das Geschmeide sieht, zögert der Magier und stimmt schließlich zu, einen
Zauber zu wirken, wenn Gafar einen Gegenstand auftreiben kann, der sich noch vor kurzem in
Kontakt mit Zeinab befunden hat. Gafar denkt nach und erinnert sich plötzlich an das Seidentuch,
das er von der Bettlerin gekauft hatte, holt es heraus und gibt es dem Magier. Der Magier deutet
auf eine Ecke der Höhle und gebietet ihm zu warten. Dann gibt er seinen Schülern mit machtvoller
Stimme einige Befehle.
Einige von ihnen rücken eine Tisch ins Zentrum der Höhle und bedecken in mit einem schwarzen
Tuch, das mit in Rot gearbeiteten Zeichen des Tierkreises und kabbalistischen Symbolen umfasst
ist. Andere gehen in die innere Höhle und bringen verschiedene Objekte heraus, darunter ein
Elfenbeinstab mit einem goldenen Ball auf der Spitze und einem Klumpen Lehm, die sie auf den
Tisch legen. Neben den Lehm legen sie ein geöffnetes, dickes Buch mit seltsamen Hieroglyphen
und dem Symbol des Hexagramms und eine Urne, aus der ein menschlicher Oberschenkelknochen
ragt.
Der Magier nimmt seinen Umhang ab, bekommt etwas Salbe von seinen Schülern,, die er auf
seinen Körper schmiert, schlüpft wieder in seinen Umhang und zieht über seine gewöhnliche
Kleidung eine Robe mit sehr weiten Ärmeln. Die Robe ist rundherum mit den Zeichen des
Tierkreises gesäumt; auf den Rücken ist das Symbol des Pentagramms gestickt, auf die Brust
Schädel und gekreuzte Knochen. Auf seinen Kopf setzt er eine hohe Mütze, die mit großen und
kleinen Sternen bestickt ist.
Dann nimmt er Zeinabs Seidentuch, knüllt es zusammen und steckt es mitten in den Lehmklumpen,
aus dem er etwas Ähnliches wie eine menschliche Figur formt. Diese stellt er auf den Tisch. Dann
zieht er rund um den Tisch einen Kreis, in dem sich alle Schüler versammeln. Der Magier stellt sich
neben den Tisch und gibt den Schülern einen bestimmten Befehl. Sofort bilden sie eine Kette,
Männer und Frauen abwechselnd. Ein Mann steht auf der rechten Seite des Magiers, eine Frau
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auf der Linken, sie ergreifen mit den freien Händen seine Ellbogen. Einige Schüler bleiben
außerhalb der Kette.
Der Magier nimmt den Stab in seine rechte Hand, mit der Linken vollführt er bestimmte
Bewegungen und flüstert Beschwörungen.
Man kann sehen, wie die Schüler in der Kette sich ineinander verdrehen und verkrampfte
Bewegungen machen; einige werden schwach und fallen sogar um. Ihr Platz wird schleunigst von
anderen Schülern außerhalb der Kette eingenommen, so dass die Kette nicht unterbrochen wird.
Die Lehmfigur auf dem Tisch fängt allmählich zu leuchten an, erst nur schwach, dann stärker und
heller.
Zwei Schüler arbeiten am Ofen; einer wirft ständig Holz hinein, ein anderer schürt das Feuer. Das
Feuer im Ofen brennt heftig, lange Flammen schießen daraus hervor.
Mit der Zeit werden die Bewegungen der Schüler immer heftiger und entsetzlicher; sie setzen ihre
äußersten Kräfte ein. Der Magier selbst strengt sich extrem an.
Die Lehmfigur leuchtet immer stärker, als der Stab sich ihr nähert und gibt von Zeit zu Zeit Blitze
von sich. Über dem Kessel ist ein Geräusch zu hören, das sich langsam steigert, und im Moment
des lautesten Lärms wird es in der Höhle dunkel und über dem Ofen erscheint der Schatten von
Zeinab und wird langsam sichtbarer. Gleichzeitig verringert sich der Dampf, der aus dem Kessel
strömt. Die Flammen im Ofen brennen noch höher. Aus der Kugel auf dem Zauberstab und der
Lehmfigur kommen starke, pulsierende Blitze. Der Magier und alle Schüler in der Kette sind
furchtbar erschüttert. Der Lärm in der Höhle nimmt zu und wird zu Donnerschlägen und bei einem
der schrecklichen Schläge wird die Höhle in Dunkelheit getaucht.
Langsam kehrt das Licht zurück. Der Schatten Zeinabs über dem Kessel ist nicht länger zu sehen.
Die Flammen im Ofen sind erloschen. Die Schüler liegen vollkommen erschöpft auf dem Boden.
Selbst der Magier liegt halb auf seinem Thron, schwach und ausgelaugt. Einer nach dem anderen
erheben sich die Schüler. Die am wenigsten erschöpften unter ihnen geben den Schwächeren
etwas zu trinken und helfen ihnen auf.
Der Magier hat sich etwas erholt, nimmt die Lehmfigur, schlägt sie in ein Tuch und übergibt sie
Gafar mit einigen Anweisungen.
Alles was geschehen ist, hat auf Gafar und Rossoula einen so überwältigenden Eindruck gemacht,
dass sie zunächst unfähig sind, sich zu bewegen. Nach einer Weile jedoch gehen sie mit
schleppenden Schritten hinaus, begleitet von der alten Zauberin.
Der Magier, der sich nun völlig erholt hat, nimmt die Säcke mit den Geschenken und verstreut sie
auf dem Boden. Die Schüler werfen sich mit wilder Freude auf sie und reißen sie an sich, dann
tanzen sie im Kreis um den Magier.
Inmitten des wildesten Tanzes fällt der Vorhang.








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Fünfter Akt

Dieselbe Szene wie im zweiten Akt.
Als der Vorhang sich hebt sind der Weiße Magier und all seine Schüler mit Ausnahme Zeinabs
anwesend. Der Magier und sein Gehilfe unterhalten sich und beobachten die Schüler, die
tanzartige Bewegungen vollführen.
Plötzlich eilt Haila herein, fällt vor dem Magier auf die Knie und berichtet mit aufgeregten Gesten,
was mit Zeinab geschehen ist.
Was sie erzählt, ist so unerwartet, dass der Magier zunächst nur schwerlich verstehen kann, was
sie ihm zu sagen versucht. Er ist verblüfft. Tief in Gedanken versunken erhebt er sich und geht im
Raum umher. Die Schüler sind ebenfalls erstaunt. Hin und wieder wendet sich der Magier an die
alte Frau um weitere Einzelheiten der Situation zu erfahren.
Schließlich kommt er zu einer Entscheidung und sich seinen Schülern zuwendend macht er ihnen
einen Vorschlag. Mehrere drücken Zustimmung aus. Der Magier wählt einen von ihnen aus, heißt
ihn auf einen Stuhl sitzen, nimmt seine beiden Hände und schaut ihm in die Augen. Man kann
sehen, dass der Schüler langsam einschläft. Als seine Augen geschlossen sind, streicht ihm der
Magier verschiedene Male vom Kopf zu den Füssen. Der Schüler befindet sich nun in tiefem,
hypnotischem Schlaf. Der Magier stellt dem Schlafenden verschiedene Fragen. An den
Bewegungen der Lippen ist zu erkennen, dass der Schüler antwortet. Der Raum wird halbdunkel.
Der Inhalt der Antworten des Schlafenden wird auf der hinteren Wand in einer Reihe von
Projektionen wiedergegeben.
Zeinabs Raum. Sie ist allein. Jede ihrer Haltungen und Bewegungen, jeder Gesichtssudruck zeugt
von einem machtvollen inneren Kampf. Manchmal springt sie auf und geht nervös durch den
Raum; in einem Moment scheint sie ihre Qualen überwunden zu haben, im nächsten sinkt sie,
überwältigt von etwas, das stärker ist als ihre Vernunft hilflos auf den Diwan. Sie leidet fürchterlich;
dies wird aus ihren Gesten deutlich, die voller Schmerz und Verzweiflung sind. Manchmal scheint
es, als würde sie sich gegen irgendetwas zur Wehr setzen, ihr Geist widersetzt sich hartnäckig
einem seltsamen Gefühl oder Begehren, das von ihr Besitz ergriffen hat.
Haila erkennt ihre Herrin beim Eintreten nicht wieder, so sehr hat sich Zeinab in ihren Augen
verändert. Sie bemerkt Haila kaum, den Worten und dem Flehen der alten Frau schenkt sie
entweder keine Beachtung oder erwidert sie mit ungeduldigen Gesten. Die alte Frau verlässt mit
niedergeschlagener Miene den Raum.
Zeinabs Qualen sind endlos; der innere Kampf wird immer heftiger. Gemischte Gefühle von Angst,
Begehren, Neugier, Scham kommen und gehen in ihr in immer schnellerer Folge. Im einen
Moment in heller Aufregung, im nächsten plötzlich ermattet eilt sie hin und her und findet keine
Rast.
Im Augenblick höchster Erregung kommt Rossoula herein und überbringt ein Tablett mit Juwelen
von Gafar. Zeinab ist nicht im Mindesten erstaunt über den ungewöhnlichen Besuch, im Gegenteil,
sie scheint ihn erwartet zu haben.
Nachdem er die Geschenke überreicht hat, spricht Rossoula mit Zeinab, die ihn voller Erregung
befragt. Sie nimmt die Juwelen und legt sie in aufgeregter und automatischer Haltung vor dem
Spiegel an. Rossoula versucht sie inzwischen von einem Vorhaben zu überzeugen, dem sie
schließlich zustimmt.
Haifa kommt wieder herein. Sie ist überrascht und versteht nichts mehr, so ungewöhnlich scheint
ihr all dies zu sein. Nachdem sie schließlich begriffen hat, was vorgeht, wirft sie sich vor Zeinab auf
die Knie und beschwört sie, nicht auf Rossoulas Vorschläge einzugehen. Aber Zeinab scheint sich
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vollkommen verändert zu haben. Ungeduldig mit den Füssen tippend befiehlt sie der alten Frau
still zu sein. Dann wirft sie sich rasch einen Umhang über und geht mit Rossoula hinaus.
Haila bleibt aufgelöst zurück, weiß nicht, was sie tun soll. Plötzlich fällt sie einen Entschluss und eilt
hinaus.
Das Bild verschwindet. Das normale Licht kehrt zurück.
Der Magier verlässt den Schläfer und geht in tiefer Ratlosigkeit im Raum umher. Sein Gehilfe weckt
den Schläfer mit verschiedenen Strichen von den Füssen zu Kopf auf und einer der Schüler gibt
ihm zu trinken.
Dem Magier wird nun klar, was geschehen ist. Er ist entrüstet und zur gleichen Zeit zutiefst
beunruhigt. Nachdem er einige Male erregt durch den Raum gegangen ist, setzt er sich in einen
Sessel und verfällt in tiefes Nachdenken. Plötzlich steht er auf und erteilt dem Gehilfen und en
Schülern Befehle.
Sie führen seine Anweisungen sofort aus. Sie rücken einen Tisch in die Mitte des Raums und
schaffen um ihn herum Platz. Aus dem inneren Raum bringen sie verschiedene Dinge herbei;
bestimmte Gewänder, verschiedenes Zubehör und den Zauberstab auf seinem Kissen. Sie
bedecken den Tisch mit einem weißen Tuch, dessen Rand mit astronomischen Zeichen und
chemischen Formeln bestickt ist.
Der Magier kleidet sich selber an. Er streift Manipel über die Hände,
5
legt einen Gürtel an und
streift eine eigenartige, gummiähnliche Fußbekleidung über. Auf seinen Kopf setzt er eine Art
Krone, ein breites Band mit drei Kegeln, deren spitze Enden nach oben zeigen. Über seinen Mantel
zieht er eine Robe, die an ein Messgewand erinnert. Mittlerweile bereiten sich die Schüler unter
Aufsicht des Gehilfen ebenfalls vor, ziehen ähnliche Fußbekleidungen an und legen Gürtel um die
Taillen. Sie waschen sich die Hände, schütteln sie einige Male nach unten und nehmen dann ein
bestimmtes Getränk zu sich.
Der Magier ist nun bereit. Er nimmt ein Gefäß wie eine große Schüssel und stellt es vor sich hin;
ein weiteres Gefäß von ähnlicher Form, aber kleiner stellt er auf die gegenüberliegende Seite des
Tisches. Die zwei Gefäße sind mit einem Kupferdraht verbunden. Die Schüler reichen ihm eine
Flüssigkeit, die er in das Gefäß schüttet. Um das erste Gefäß herum stehen 9 Kerzen, 6 sind
angezündet und drei sind es nicht. Nachdem er den Zauberstab in die linke Hand genommen hat,
vollführt der Magier mit der Rechten bestimmte Bewegungen und spricht einige unbekannte
Worte. Zur selben Zeit lassen vier Schüler, zwei Männer auf der Rechten und zwei Frauen auf der
Linken die Hände über dem kleineren Gefäß fliegen. Es fällt auf, wie schnell sie dadurch ermüden.
Umgehend werden sie durch weitere Paare ersetzt. Langsam beginnt Licht aus dem größeren
Gefäß zu strömen. In dem Moment, in dem das Licht zuerst erscheint, entzünden sich die drei
leeren Kerzen. Jedes Mal, wenn der Zauberer seinen Stab nah an das Gefäß bringt, erscheint ein
Funke, der im Laufe der Zeit stärker und stärker wird. Die Kerzen und das Symbol über dem Thron
leuchten heller. Der Zeremonie schreitet fort. Die Bewegungen des Magiers werden immer
kraftvoller und intensiver. Der Lärm innerhalb des Gefäßes nimmt zu und im Moment des größten
Aufruhrs ertönt ein furchtbares Prasseln in dem Gefäß und es ereignet sich eine schreckliche
Explosion.
Sofort herrscht vollständige Dunkelheit, in die nach und nach ein Zwielicht zurückkehrt und auf der
hinteren Wand erscheint ein Bild, das einen Ausschnitt der Höhle des schwarzen Magiers zeigt, der

5
Wiki: „Der Manipel ist streifenförmig, zwischen 5 und 10 cm breit, und wird am linken Unterarm getragen, so
dass die Enden gleich lang herunterhängen. An den Enden kann er breiter werden; dies war in Italien üblich, wo
Manipel insgesamt auch breiter waren. In der Mitte und an den Enden sind kleine Kreuze aufgestickt. Wegen
der leichteren Tragbarkeit sind die beiden Hälften des Manipels in der Mitte geheftet oder miteinander
vernäht, so dass ein Durchschlupf für den Arm entsteht. Der Manipel hat dieselbe liturgische Farbe wie das
Messgewand.“
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sich auf seinem Thron windet und krampfhafte Bewegungen macht. Der Weiße Magier setzt seine
Verrichtungen fort. Wiederum gibt es eine schreckliche Explosion, gefolgt von einem Echo hinter
der Bühne und begleitet von schrillen Pfeifgeräuschen und großem Aufruhr. Der schwarze Magier
stürzt in Krämpfen von seinem Thron. Wieder gibt es einen Moment vollkommener Dunkelheit
und tiefer Stille, nach der das Licht zurückkehrt und das Bild der Höhle verschwindet.
Der Weiße Magier ist vollkommen erschöpft; die Schüler, die ihn unterstützten, sind nicht weniger
müde als er, aber das Werk wird fortgesetzt. Eilig nehmen sie die Gefäße und Kerzen vom Tisch.
Sie bringen den Tisch fort und stellen dort einen Sessel hin, in den sich der Magier setzt. Um ihn
herum stehen die Schüler. Der Magier, der seinen Stab hält schließt die Augen und flüstert
konzentriert einige Worte. Langsam nimmt das Licht wieder ab. Ein anderes Bild erscheint. Es zeigt
einen Teil von Gafars Raum. Er liegt halb auf dem Diwan und blickt mit einem Ausdruck der Freude
und Selbstzufriedenheit zu den inneren Gemächern. Scheinbar erwartet er jemanden.
Zeinab kommt mit einer Frau herein, die, sich tief vor Gafar verbeugend, mit ihrer Hand auf Zeinab
deutet und sich sofort nach hinten zurückzieht.
Gafar erhebt sich, nimmt Zeinab an der Hand und führt sie zum Diwan, als beide plötzlich auf einen
Schlag in genau der Haltung festfrieren, in der sie gestanden hatten. Nach einer kurzen Pause
drehen sie sich wie Automaten um und verlassen den Raum.
Die Straßen und Gassen, die sie wie Schlafende durchschreiten, ziehen vorbei. Das Bild verblasst.
Das frühere Licht kehrt zurück und in diesem Moment kommen Zeinab und Gafar herein. Sie
befinden sich in einem schlafwandlerischen Zustand. Bei ihrem Erscheinen steht der Magier mit
einem Seufzer der Erleichterung auf und beginnt die magischen Kleidungsstücke abzulegen. Der
Gehilfe führt Gafar und auch Zeinab zu Stühlen und weckt Zeinab auf.
Zeinab kommt zu sich und fragt die Umstehenden, was denn passiert sei. Sie erklären ihr, was
geschehen ist und deuten auf den schlafenden Gafar. Sie erinnert sich plötzlich, bricht in Tränen
aus und wirft sich mit Gesten der Reue dem Magier zu Füßen.
Er beugt sich, nachdem er seine Roben abgelegt hat zu ihr herunter und hilft ihr vom Boden auf
während er ihr Haar streichelt. Dann geht er zu Gafar, der bereits zu sich gekommen ist. Gafar ist
zunächst wie vom Donner gerührt, aber gerät dann, nachdem er erfährt, was geschehen ist in
Aufregung und bedroht den Magier fast. Der letztere antwortet ihm mit ruhiger Stimme. Gafar
hört zu und fasst sich langsam. Der Magier fährt fort zu reden, begleitet seine Worte mit Gesten
und zeigt auf die Rückwand des Raums, wo einmal mehr ein Bild erscheint.
Eine belebte Straße ist zu sehen; dort sind Frauen, Kinder und alte Leute. Aus einer Seitenstraße
kommt Gafar; er ist alt, gebeugt und gebrechlich. Ihm folgt irgendein helles Wesen. Angesichts
seines Alters ist Gafar augenscheinlich sehr glücklich und heiter. In der Menge wird er von allen
gegrüßt, Männer und Frauen verbeugen sich tief vor ihm und die Kinder bringen ihm Blumen. Alles
ist Freude, Glück und Segen.
Der Magier fährt fort zu sprechen. Das Bild verändert sich. Dieselbe Straße voller Menschen.
Wieder erscheint Gafar, aber dieses Mal begleitet ihn ein schreckliches Wesen von dunkelroter
Färbung. Gafar ist ein alter Mann mit bösem, unzufriedenem Gesicht. Die ihm begegnen wenden
sich mit Abscheu ab und spucken auf seine Fußstapfen; die Jungen werfen Steine nach ihm; ihr
Abscheu ist ehrlich und es ist offensichtlich, dass jedermann durch seine Erscheinung aufgebracht
wird.
Das Bild verschwindet. Der Magier fährt fort zu sprechen. Gafar ist offensichtlich verstört und von
einem inneren Kampf überwältigt.
Der Kern der Rede des Magiers ist Folgender: Wie Du säest, so wirst Du ernten. Die Samen der
Gegenwart bestimmen die Zukunft; alles was gut ist und alles was schlecht ist; beides sind
Resultate der Vergangenheit. Es ist die Pflicht jedes Menschen, in jedem Moment der Gegenwart
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die Zukunft vorzubereiten, die Vergangenheit bessernd. Dies ist das Gesetz des Schicksals. Und
„Möge die Quelle aller Gesetze gesegnet sein.“
In diesem Moment verdunkelt sich das Licht wieder; einige Bewegungen sind zu sehen. Als das
Licht zurückkehrt, steht der Gehilfe zur Rechten des Magiers und Zeinab aus seiner Linken; sie küsst
die Hand des Magiers. Gafar kniet vor seinen Füßen mit einer Haltung der Huldigung.
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Rund um
den Thron und im Raum verteilt stehen die Schüler in verschiedenen Haltungen.
Der Magier erhebt seine Hand in die Höhe. Er schaut nach oben und flüstert diese Worte wie in
einem Gebet:
„Herr, der Du alles erschaffen hast und alle Ihr höheren Mächte, helft uns, fähig zu sein, uns
unserer selbst zu allen Zeiten zu erinnern, damit wir unfreiwillige Handlungen vermeiden, denn
nur durch sie kann sich das Böse manifestieren.“
Alle singen, „Kräfte, verwandelt Euch in mir.“
Der Magier segnet sie alle mit beiden Händen und sagt, „Mögen Versöhnung, Hoffnung,
Gewissenhaftigkeit und Gerechtigkeit allzeit mit Euch sein.“
Alle singen, „Amen“.
Vorhang









6
Im Original: „Gafar is at his feet in an attitude of reference“.

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