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UMWELTHINWEIS

Gedruckt auf holz-, säure- und chlorfreiem Papier

Deutsche Erstausgabe
1. Auflage

Copyright © 2008 SCRATCH Verlag Simon Czaplok, Hamburg


Printed in Germany 2009
Innenillustration: Jan Hendrik Sonnwald, Hamburg
Karte: Lydia Schuchmann, Weiterstadt
Layout und Satz: Thorsten Göde, Hamburg
Lektorat: André Krieg, Hamburg
Druck und Bindung: Hubert & Co, Göttingen

ISBN 978-3-940928-02-3

http://www.scratch-verlag.de

Das vorliegende Werk einschließlich aller seiner Bestandteile ist urheberrechtlich geschützt. Jede urheberrechtsrelevante
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Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Textteile.
Michael Thiel

Das Lichtlos-
Experiment

Ein

-Roman
Apokalyptische Fantasy

SCRATCH Verlag Simon Czaplok


Die Prophezeiung der Traumkraft

Vergraben unter Sternen


Von Totenhand
In ruhelosem Schlafe
Lauert ein Land.

Das Mal der Treiber rufe


Mit Größter Wut
Auf göttergleicher Stufe
Sterbe mit Mut!

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Zwei Segelschiffe ruhten nebeneinander auf nächtlicher See.
Keins hatte eine Flagge gesetzt. Monoton plätscherten flache Wel-
len gegen die Planken der Dreimaster. Das Stöhnen sterbender Ma-
trosen ging darin unter. Zum würzigen Geruch nassen Holzes und
Salzwassers mischte sich ein metallischer Blutgeschmack. Segeltau
knarrte. Die sternenklare Nacht hielt ihren Atem an.
Fest an die Wand der Kapitänskajüte gepresst, hielt auch Grim-
fang Beutemacher den Atem an. Schweißbäche rannen von seinem
Kahlschädel über die faltige Stirn in seine Augenschlitze und übers
kantige Gesicht. An Kinn und Nase kitzelten ihn dicke Tropfen.
Ein Schuss hallte über das Deck. Stille folgte. Beutemacher atmete
langsam ein. Seine Bauchmasse waberte schwach, weil er am ganzen
Körper zitterte. Nass klebte sein Hemd darauf, besprenkelt von
Blut und alten Brandlöchern.
Ein Stiefelabsatz pochte dumpf auf Holz. Sekunden später wie-
derholte sich das Geräusch, dann noch einmal. Der Stiefel scharrte,
wurde auf der Stelle gedreht. Ein weiterer Schuss knallte. Qual-
schreie gellten aus der leisen Geräuschkulisse der Sterbenden
und der gleichmütigen See heraus. Beutemacher knirschte wü-
tend mit den Zähnen, seine Kiefermuskeln tanzten unter seinen
breiten Wangen.
Er ballte die haarigen Fäuste. Doch er wagte nicht, aus seinem Ver-
steck hervorzukommen; er konnte seiner Mannschaft nicht helfen.
Er wusste, der Mörder seiner Matrosen besaß keine gebräuchliche
Steinschloss-Pistole mit ein oder zwei Schüssen. Der Mörder trug
ein weitaus gefährlicheres Modell mit vielen Schüssen. Klein und
schwarz, unscheinbar hatte die Waffe in der Hand des Mörders ge-
legen und nicht aufgehört zu schießen, egal wie viele Männer sich
auf ihn stürzten. Als er dennoch einmal von einem Säbel ins Kreuz
getroffen wurde, prallte die Klinge an einem grauen Panzer unter
der Kleidung ab.
Beutemacher hatte hier, in einem belanglosen Bereich des Schlan-
genmeers, auf einen anderen Schmuggler gewartet, um Fracht an
Bord zu nehmen. Das andere Schiff war längsseits gesegelt und hat-
te die Enterhaken geworfen. Eine tödliche Überraschung. Beutema-
cher wusste nicht, ob er verraten oder auf andere Weise ausgetrickst

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worden war, noch kannte er den feindlichen Kapitän. Der Überfall
war so schnell abgelaufen, dass er den Kerl kaum gesehen hatte;
bartlos, hager, Mütze, dunkle Kleidung, mehr wusste er nicht. Je-
denfalls war das kein ihm bekannter Schmuggler oder Pirat, noch
sonst jemand, dem er auf dem Schlangenmeer schon begegnet wäre.

Im Schiffsbauch quoll Dunkelheit wie schwarze Tinte in jeden Winkel.


Sie übermalte den Deckaufgang, sodass er verschwand. Auch durch
die Sichtluken drang nur Nacht. Die Petroleumlampe war soeben
von einem geworfenen Topf getroffen worden, zu Boden gescheppert
und erloschen. Zwei Männer erstarrten. Sie hatten Seekisten, Hänge-
matten und Fässer ihrer toten Feinde durchsucht. Langsam wischte
sich einer, der am Boden eine blutige Leiche herumgedreht hatte,
die Hand an der Hose ab. Der andere zog vorsichtig eine schwere
Steinschloss-Pistole aus dem Gürtel. Er fluchte stumm, als der ke-
gelförmige Lauf hängen blieb und hörbar schabte. Einen seiner zwei
Schüsse hatte er sich für Überraschungen wie diese aufgehoben.
„Getroffen!“, dachte Tarsis Grünwinkel und jubilierte innerlich.
Sein Herz jagte und hämmerte so wild gegen seine Rippen, dass er
fürchtete, die Piraten könnten nach Gehör schießen. Seine Waden
drohten, von seiner langen Hockhaltung in Flammen aufzugehen.
Er wagte nicht, sich bequemer hinzusetzen oder sich überhaupt zu
bewegen. Sein Mund schmeckte pelzig, aus seinem schütteren Haar
flossen Schweißbäche. Er hatte den ganzen Kampf über, in dem ein
Matrose nach dem anderen ermordet worden war, hinter Fässern
in Deckung gesessen und vor Todesangst gewimmert. Sie mochten
ihn Feigling genannt haben, aber er lebte noch. Grünwinkel hätte
sowieso nichts ausrichten können: Er war einen Kopf kleiner als
der kleinste Matrose und nur halb so breit, ein dürres altes Männ-
chen mit knorriger Hakennase, grauer Haut und einer Schürze,
auf der „Nicht schlagen Goblin!“ stand. Die Schürze war ein bitte-
rer Scherz; es gab jene hutzeligen Märchenwesen namens Goblins
nicht. Aber wenn – Grünwinkel wäre einer gewesen.

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Er hatte das Licht mit einem seiner Kochtöpfe gelöscht und wusste
genau, wo in der Dunkelheit die Treppe zum Deck begann. Doch
er blieb vor Angst gelähmt, konnte nicht aufspringen und fliehen
– zumal er nicht wusste, ob an Deck noch Verbündete lebten oder
ob er dort in den Tod rannte. Plötzlich aber verzog er das Gesicht
nicht länger in lautloser Angst. Es gibt noch eine andere Möglichkeit.
Jeder kennt sie. Eine verbotene Möglichkeit, eine, welche den armse-
ligen letzten Kontinent Dememnon ein bisschen weiter an den Rand
des Abgrunds bringen würde. Aber was scherte ihn jetzt die Welt, er
wollte nicht sterben!

Der Mörder mit der Teufelswaffe muss Technokrat sein. Nur die besit-
zen so etwas. Aber was macht ein Vertreter der größten und mächtigsten
Fraktion Dememnons so weit südwestlich auf dem unbedeutenden
Schlangenmeer, zudem an Bord eines für seine Begriffe sicher primi-
tiven Segelschiffes? Nicht jeder Technokrat besitzt gleich ein eigenes
Schiff; vielleicht hat er es gechartert. Normalerweise gibt es hier doch
nur Schmuggler und Piraten ...
Von der anderen Crew waren nicht viele Männer herüberkommen.
Der Mörder hatte die Hälfte von Beutemachers Leuten im Allein-
gang erledigt. Dabei transportierte Beutemacher weder wichtige
Gäste noch wertvolle Fracht, noch war er jemand so besonderes,
dass die Technokratie, welche weite Teile Dememnons beherrschte,
ihn auch nur kannte. Er war Anarchist, einer der Fraktionslosen,
die einzig durch ihre große Anzahl eine eigene Gruppierung dar-
stellten. Womöglich war der Mörder dort hinter der Kajütenecke
ein frisch geborener Anarchist, einer, der gerade erst seine Heimat
verlassen hatte und eigenen Plänen nachging. Vielleicht denkt er,
mit seiner Waffe und seinem Panzer hat er es nicht nötig, mit anderen
zusammenzuhalten. Nun, dann wird er untergehen, eher früher als
später. Doch Beutemacher half dieser schwache Trost jetzt nicht.

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Die Ahnen der Demen, der Bewohner Dememnons, hatten vor
Jahrtausenden die letzte Grenze überschritten, die Grenze von
Schöpfung, Leben und Tod. Schließlich hatten sie damit experi-
mentiert, die magische Strömung, die Dememnon so natürlich wie
Wind umspielte, mit ihrer Technologie zu verbinden. Bis zu jenen
Tagen hatte es noch andere Kontinente gegeben ... Ein Inferno, für
das es keine Worte gab, hatte die Natur in ihren Grundfesten nicht
erschüttert, sondern in blutige Fetzen gerissen. Es ist der Tag des
Jüngsten Gerichts gewesen. Kochende Ozeane und eine Welle von
Seuchen hatten die Menschen Dememnons beinahe ausgelöscht.
Seitdem starb die Natur langsam und qualvoll an ihren Wunden;
die Magie war ein Teil von ihr, ihre edelste Kraft gewesen. Doch sie
ging nicht still siechend zugrunde, sie schrie und schlug in Todes-
krämpfen um sich.
Jede der drei echten Fraktionen Dememnons – Technokraten, Ha-
danter und Schattenläufer, nicht aber Anarchisten – hatte eine an-
dere Meinung darüber, was zur Rettung der Welt zu tun war, und
glaubte, dass die anderen sich ihrer Wahrheit zu fügen hätten, not-
falls mit Gewalt. Die Menschheit wurde nicht nur von der Rache
der Natur geschlachtet, sie tötete sich auch selbst – wie in jedem
Zeitalter. Nur sehr wenige Demen waren frei genug von der stren-
gen Indoktrination, um Mitglieder der anderen Fraktionen oder die
Anarchisten als gleichwertige Wesen zu respektieren. Oder inoffizi-
ell gar gemeinsame Pläne zur Rettung Dememnons zu schmieden,
die Vorteile aller einplanend, statt nur die eigenen. Anarchisten
waren da unkomplizierter, doch sie hatten auch keinen Plan zur
Rettung; sie waren Fatalisten.
All das hatte Grünwinkel schon in der Schule gelernt, bevor er als ju-
gendlicher Versager die Technokratie, auch Rothmarische Föderation
genannt, verlassen hatte, um als Rebell zu leben. Er lachte lautlos, wäh-
rend eine einzelne Träne seine eingefallene Wange herunterlief. Gar
nichts hatte er bewegt mit seiner Rebellion gegen das System. Er war
bloß ein winziges Sandkorn in einem riesigen Getriebe gewesen.
Grünwinkel schloss die Augen. Sein Zittern hörte auf. Er brauchte
nur wenige Sekunden, so lange konnte er seine schmerzenden Wa-
den ignorieren. In fünfzig Jahren war er nicht ein einziges Mal der

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Verlockung der Schatten erlegen. Doch nun näherte sich sein Geist
jenem Tor, das jeder Mensch seit vier Jahrhunderten in sich trug.
Zwei Dinge waren über das Tor gewiss: Die Macht, die dahinter
wartete, war immens. Aber jedes aufgestoßene Tor machte die Le-
benden Schatten stärker, die Dememnon heimsuchten. Und die
Chance, direkt von einem solchen Monster attackiert zu werden,
wenn man das Tor öffnete, war groß. Die Lebenden Schatten, Tor-
wesen, Seelenfresser, Dämonen oder wissenschaftlich homo abys-
sus genannt, besaßen keine Körper, sodass sie kaum mit konven-
tionellen Waffen getötet werden konnten. Sie bezogen ihre Kraft
aus nachwachsender Lebensenergie, weshalb sie selbst nur selten je-
manden töteten. Doch sie blieben, wo sie auftauchten. Sie wuchsen
auf Dememnon wie Giftpilze und verseuchten ganze Landstriche.
Wer sie rief, wurde an sie gebunden und verwuchs mit ihrem Schat-
tenleib und der verderbten Umgebung, nicht lebend, nicht tot.
Hadanter, die Erben eines untergegangenen Priesterkönigreichs,
wollten durch pure Tugend, gleichermaßen Magie und Technologie ab-
lehnend, diesem Feind die Nahrung nehmen. Technokraten forschten
nach einer Lösung im Labor, und Schattenläufer wollten Feuer mit
Feuer bekämpfen, suchten nach dem einen Zauber, der den Feind
vernichten konnte. Bisher hatte keine Strategie zum Erfolg geführt.
Die vier Fraktionen waren dadurch immer fanatischer gegeneinander
geworden, so wie ein verwundetes Tier in blinder Panik um sich biss.
Kein Gott oder Prophet hatte einen Weg zur Rettung offenbart. Kein
guter Hirte achtete auf seine Schäfchen in diesem finsteren Tal.
Grünwinkel zögerte und riss die Augen auf. Ist das untote Schicksal
nicht schlimmer als zu sterben? Soll ich auf mein Glück setzen und hof-
fen, dass mir hier und heute – dieses eine Mal, wenn ich der Verlockung
nachgebe – kein Torwesen begegnet? Andere Menschen öffnen das Tor
schon früh in ihrem Leben und nutzen seine Macht reichlich, bevor sie
in die Hölle kommen.
Er schloss die Augen und sah das Tor jetzt klar vor sich: klein. Ge-
duckt in eine unscheinbare Mauer des Unterbewusstseins. Ohne
den dünnen Lichtschimmer unter der Schwelle wäre es unsichtbar
gewesen. Nicht das Tor selbst war die Verlockung. Die Torwesen
bemühten sich nicht um Aufmerksamkeit – das brauchten sie gar

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nicht. Die Verlockung befand sich ganz woanders im Geist des
Menschen. Diese Verlockung, nicht ein Torwesen, hatte das Tor ge-
schaffen. Sie hatte Menschen in geheimen Laboren dazu gebracht,
die Natur durch die widernatürliche Kreuzung von Magie und
Technologie zu erdolchen.
Grünwinkel verstand, dass die Verlockung der Schatten eine vorge-
schobene Ausrede dafür war, der Verlockung von großer Macht ge-
genüber schwach zu werden, so schwach, dass jede soziale Vernunft
und jeder Blick in die eigene Zukunft auf der Strecke blieb. Die
Lebenden Schatten waren ein Spiegel dieser zerstörerischen Ver-
blendung. Sie hatte so viele Menschen befallen, dass sie Teil ihrer
erkrankten Kultur geworden und von Generation zu Generation
wie selbstverständlich weitergegeben worden war. Weil die meisten
Menschen nicht genug nachdachten, und die wenigen, die es doch
taten, zu schwach waren, um gegen die Mehrheit zu agieren, war
die Krankheit zum natürlichen Bestandteil der Rasse Mensch er-
klärt worden. Kapitulation.
Das Tor besaß keinen Griff, keine Klinke und keine Glocke. Doch
nicht Grünwinkels Rütteln öffnete den unnatürlichen Pfad. Es war
sein fester Wille, grenzenlose Macht zu kosten, wenigstens einmal im
Leben, egal zu welchem Preis, sofort. Er würde schon Glück haben!

„Wo ist sie?“, bellte der feindliche Kapitän. „Gib sie mir wieder!“
Seine Worte hallten von Deck in die Nacht hinaus und verklangen
im Meeresrauschen. Er knurrte: „Dann lasse ich dich leben.“ Wie-
der verhallten seine Worte, ohne dass Beutemacher ihm antwortete.
„Gib sie mir wieder, oder ich töte jeden Überlebenden. Mann für
Mann. Ganz langsam.“
Beutemacher fletschte die Zähne und funkelte verzweifelt den
Nachthimmel an. Wovon verdammt redet der? Er fragte nicht laut, er
durfte seine Position nicht verraten. Durch den nasalen, arroganten
Dialekt des Kerls war er sich nun sicher, einen Technokraten vor
sich zu haben.

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Ein Schuss knallte und ließ Beutemacher schmerzlich zusam-
menzucken, als wäre er selbst getroffen. Der helle Todesschrei des
Schiffsjungen verhallte.
„Also gut!“, schrie Beutemacher mit brennenden Augen. „Was willst
du wiederhaben?“ Er kam nicht hervor, aber dem Feind musste jetzt
klar sein, wo Beutemacher stand.
Der Mörder schwieg. Plötzlich knallten zwei Schüsse. Jämmerliche
Schreie zerrissen die Luft.
„Ich lasse mich nicht für dumm verkaufen!“, schrie der Mörder.
„Ich weiß nicht, was du haben willst, du elendes Schwein!“, schrie
Beutemacher zurück und schlug hilflos mit den Fäusten und dem
Hinterkopf gegen die Kajütenwand. Vor einer Stunde noch hatte
er gelacht, Rum ausgeschenkt und seiner Mannschaft zu seinem
fünfzigsten Geburtstag zugeprostet.
„Jennica!“, brüllte der Mörder mit überschnappender Stimme. Ein
weiterer Schuss ließ einen der Schreienden verstummen.
Beutemacher wusste plötzlich, dass er diesen Mann zur Strecke
bringen musste, oder er würde beim Versuch sterben. Er würde die-
sen Gegner niemals freiwillig entkommen lassen. „Ich kenne keine
Jennica! Du bist auf dem falschen Schiff!“, rief er flehend.
Der Mörder kreischte wie ein Tier in einer Bärenfalle und trat auf ei-
nen Verletzten ein, der kläglich einstimmte. Beutemacher erstarrte.
Die Stimme des Mörders wurde unmenschlich. Grünwinkel, der
einst eine richtige Schule besucht hatte, erzählte oft davon, dass die
Metapher von Wölfen und Schafen – Jägern und Beute, starken und
schwachen Menschen – seit dem Zeitalter der Lebenden Schatten
manchmal physisch wahr wurde. Nämlich dann, wenn ein Mensch
mit den Torwesen im Bunde war, wenn sie erschienen und ihm als
ihrem willigen Diener seine Freiheit ließen. Nur die Kältesten und
Rücksichtslosesten waren dazu in der Lage. Angeblich bekamen sie
tierhafte Züge und fanden sich durch geisterhaftes Heulen unter-
einander, wenn sie sich für ein gemeinsames Ziel verbündeten. So
bösartig und voller Hass sie auch waren, untereinander verhielten
sich die Diener der Lebenden Schatten loyal.
Wölfe und Schafe waren auf Dememnon längst ausgerottete Tiere.
Aber bei der Frage von fressen und gefressen werden dienten Wolf

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und Schaf als mythische Symbole für Gut und Böse, Leben und
Tod, für eine zeitlose und tiefere Wahrheit der Natur.
Lebende Schatten hatte Beutemacher schon ein paar Male auftau-
chen sehen, wie ein physisches, unheimliches Phänomen, dessen
Intelligenz nicht sofort offensichtlich war. Mit genügend blanker
Gewalt konnte man ihre zuckenden schwarzen Äderchen zerha-
cken, mit genug Licht konnte man sie vertreiben und zerstreuen.
Doch noch nie hatte er, trotz all seiner Abenteuer, einem leibhafti-
gen Diener der Schatten gegenübergestanden, einer symbiotischen
Steigerung der Torwesen. Durch die Vermischung mit einem
menschlichen Körper bekamen sie ungleich mehr Macht über die
physische Ebene.
Beutemacher hielt dem Druck nicht stand. Er musste den Feind
noch einmal genau sehen, um ihn wiederfinden zu können. Er
würde ihn offenkundig nicht heute zur Strecke bringen. Außer-
dem musste er die Wahrheit über die Diener der Torwesen erfah-
ren. Sein Fuß zuckte nervös, als er sich bereit machte zur Drehung
hinaus über die Kajütenwand. Bisher hatte er sich wenig um das
aussterbende Menschenvolk geschert, hatte gedacht, es habe dieses
Schicksal selbst verschuldet und darum auch nichts besseres als den
Untergang verdient. Doch jenes Urböse, mit dem er sich nun kon-
frontiert sah, weckte sein verschüttetes Bewusstsein für ein höheres
Wohl, dafür, dass die meisten Menschen, die er bis gerade eben
für schlecht gehalten hatte, lange nicht so übel wie jener um sich
schießende Teufel waren.

Grünwinkel fühlte, wie abwegig seine Gedanken wurden – erzeugt


von Wesen, die nicht in diese Dimension gehörten. Er malte sich
aus, mit der neuen Macht, die ihn durchdrang, die beiden Geg-
ner zu erwürgen oder in der Tiefe des Ozeans zu ertränken. Seine
Fäuste pulsierten, er hätte die Gegner leicht totprügeln können.
Auch einen Pistolenschuss hätte er aushalten können, und träfe er
ihn mitten in Kopf oder Herz. Er wünschte sich, den Feind sehen

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zu können, und es geschah; plötzlich reichte ihm das Sternenlicht,
das durch die Luken glomm. Er fühlte sich seltsam. Matt, ausge-
brannt. Aber er sah besser als eine Katze. Die zwei Männer zogen
die Köpfe ein und bewegten sich langsam, um keine Geräusche zu
machen. Grünwinkel lachte kalt und lautlos und wusste im selben
Moment, dass es nicht sein Lachen war. Adrenalin schoss ihm als
Befehl in den Kopf: Flucht! Ich muss sofort an Deck! Dort würde er
zuerst das Tor in seiner Seele und dann die Deckluke schließen und
nie wieder an jene Schattenmacht rühren, die ihn und die Welt mit
sich in den Abgrund zu reißen versuchte. Er wusste nicht, ob jemals
ein Mensch das einmal geöffnete Tor in sich wieder geschlossen hat-
te. Aber es musste einfach möglich sein.
Flucht! Er wünschte sich die schnellsten Beine der Welt und
sprengte los – dreimal so schnell, wie er allein gekonnt hätte. Er fiel
jedoch über eine Leiche vor der ersten Treppenstufe und schlug mit
Stirn und Nase auf das Geländer. Er wünschte sich, keine Schmer-
zen zu spüren. Sofort konnte er die Lähmung abschütteln, aufsprin-
gen und die Stufen hochrasen. Hinter ihm brüllten die Gegner und
ein Schuss peitschte.
In einem grotesken Winkel bäumte Grünwinkel sich auf. Er knallte
mit dem Hinterkopf gegen die Deckplanke, den Sternenhimmel
über sich. Ein Loch in seiner Brust spuckte Blut in die Luft. Er
wünschte sich, nicht zu sterben – und tat es nicht. Doch damit war
seine Seele aufgezehrt. Grünwinkel blieb in seiner unnatürlichen
Haltung hängen und kreischte schrill. Er kletterte die Stufen hi-
nauf, immer mehr Stufen, und kam doch nicht von der Stelle. Seine
Glieder vibrierten und zerfaserten zu einem dunklen Wabern, seine
Schreie verklangen. Das Licht wich von der Treppe zurück, lang-
sam, unmerklich. Doch der Schatten wuchs und vertrieb die Natur
von seinem neuen Platz. Dieses Schiff war sein. Für immer, und
wenn es sank. Egal. Das Holz, verlassen von der Natur, nahm in
seinen Maserungen die tierhafte Fratze von Tarsis Grünwinkel an.
Nur seine Kochschürze blieb zurück und wehte wie ein Leichen-
tuch in die Finsternis des Schiffsbauches. Die Treppe vergoss eine
Träne und hörte nie auf zu atmen.

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Beim Anblick des geschlagenen Sternenlichts, das von der Decklu-
ke fortwich, prallte Beutemacher zurück. Er taumelte und konnte
nicht einatmen, so sehr krampfte sich sein Brustkorb zusammen.
Aus dem Schiffsbauch unter ihm drangen Entsetzensschreie, die
dumpf die physische Welt verließen.
Der Schattendiener lachte schadenfroh. Seine Stimme war immer
noch verändert; er hatte seinen Schafspelz nicht wieder angelegt,
nachdem er ihn in seiner Wut fortgeworfen hatte. „Gepriesen seien
die Lebenden Schatten!“, näselte er pflichtschuldig, weil er ihnen
seine ganze Macht verdankte und wusste, dass er sie schnell wieder
verlieren konnte. Die Lebenden Schatten waren in seiner Seele; sie
wussten, was er dachte, dass er sie nicht eben anhimmelte. Doch der
ängstliche Respekt, den der Mörder ehrlich fühlte, reichte ihnen.
Beutemacher hatte den Feind beim blitzartigen Überfall zuvor
nicht in Ruhe betrachten können. Er musste ihn jetzt sehen. Atem-
los warf er sich vorwärts, hielt sich an der Ecke der Kajüte fest und
starrte den verwandelten Schattendiener an.
In seinem Leben hatte Beutemacher schon viel gesehen und nicht
alles hatte er sich erklären können. Doch die Perfektion, mit der
sich das Böse hier auf seinem Schiff zeigte, traf ihn wie ein Mes-
serstich in den Hals. Der Anblick des Schattendieners nahm ihm
den Mut zu kämpfen. Er sah sich etwas gegenüber, das viel stärker
und schrecklicher als er sein musste. Der Schattendiener hatte kein
Fell und keine Fangzähne. Er trug einen sauberen grauen Anzug
mit einer roten Krawatte, seine Halbschuhe glänzten fahl im Ster-
nenlicht. Aber er besaß keinen eigenen Schatten mehr; der tanzte
wild um ihn herum und durch ihn hindurch. Abartige Lobgesänge
wehten nicht durch die Luft zum Ohr, sondern zerrten von innen
an den Seelen aller, die den Schattendiener sahen. Der Mensch im
Anzug stand entspannt da, eine Hand in der Hosentasche, und lä-
chelte kalt. Er zündete sich eine Zigarre an. Sein tanzender Schatten
hielt die Waffe für ihn. Der Lichtschein des Streichholzes, das die
Zigarre entzündete, wuchs plötzlich ums Vielfache. Wie ein Ge-
schoss warf der Feuerschein Beutemacher den Schatten entgegen.
Keuchend schleuderte der sich zurück an die Kajütenwand. Gleich-
zeitig knallte ein Schuss in die Wand und zersplitterte das Holz

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neben ihm. Die Splitter fielen nie zu Boden, sie verschwanden im
Schatten, der nach ihm gegriffen hatte.
„Scheiße!“, keuchte Beutemacher hysterisch. Er wusste nicht, was
er gegen solch einen Feind ausrichten sollte. Aber er hatte seinen
Schwur nicht vergessen. Ich werde diesen Schattendiener zur Strecke
bringen, der mich mein Schiff und meine Mannschaft gekostet hat.
Solange mir keine bessere Strategie einfällt, werde ich als Erstes heraus-
finden, wer Jennica ist. Ein fremder Gedanke mischte sich ein: Bald
werde ich dieses neue Gefühl genießen können, einen Sinn im Leben zu
haben. Beutemacher hatte keine Zeit, sich über diese neue Befind-
lichkeit zu wundern.
Es schmerzte ihn, die sterbenden Matrosen zurückzulassen, doch er
half ihnen auch nicht, wenn er sich sinnlos den Torwesen zum Fraß
vorwarf. Mit zwei schnellen Schritten war er an der Reling und
sprang kopfüber in den Ozean. Die Küste war nah.
Schüsse jagten ihm nach. Für eine Sekunde spürte er den Schatten
im Nacken. Zum Glück war der Lichtschein schwach gewesen, der
den Schatten ins Wasser geworfen hatte. Doch an jener Stelle im
Nacken, wo das Unleben ihn berührt hatte, würde seine Haut grau
und schmerzvoll bleiben, weder tot noch lebend.
Er hätte sich gern mit Gebeten an helfende Götter gewendet. Aber
noch war er überzeugt davon, dass die Menschen allein mit dem
Grauen waren, das sie in ihrer Maßlosigkeit geschaffen hatten. Der
Mensch ist des Menschen Wolf, hatte ein Denker seiner Ahnen
einmal gesagt, als der Wolf noch als natürliche, physische Gefahr
existiert hatte.
Die dememnischen Mythenwölfe waren schlimmer. Sie beuteten
die Schafe aus und warfen tödliche Schatten auf die ganze Her-
de, Schatten, die niemand kontrollieren konnte, die zu groß für
die Wölfe waren. Fertig. Keine höhere Gerechtigkeit, keine Lösung
durch tiefere Einsicht. Beutemacher gab sich dem Wunschdenken
nicht hin. Er grinste gequält bei dem Gedanken, dass er den Fein-
den nicht begegnen wollte, wenn sie Fackeln und Lampen dabei
hatten, um größere Schatten zu werfen.
„Beute, dein ekliger Humor wird noch zucken, wenn dein Herz
längst steht“, hatte Sibyll immer gespottet, seine verstorbene Ge-

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fährtin. Nie würde er zugeben, wie sehr er sie vermisste, und das
schon seit sieben Jahren.
Wenigstens konnte er sich damit trösten, dass die Diener der Schat-
ten nicht allmächtig waren und ihre Feinde nicht einfach so zerflei-
schen konnten. Sein Entkommen war ein wertvoller Beweis, den
niemand vor ihm erbracht hatte.
Vielleicht kam er jedoch nicht mehr zum Berichten. In seinem Ge-
nick schien eine Eisenstange festzustecken, so heiß, dass sie weiß
glühend in seinen Kopf und seine Schultern schmolz. Das Eiswas-
ser zehrte seinen Körper so schnell aus, dass sein Bewusstsein schon
nach einer Minute zu schwinden begann. Die Welt entfernte sich.
Bilder fluteten seinen Kopf. Bilder von der mythischen Ruhe des
Ozeans, von der Ewigkeit und von den Schätzen, die unerreichbar
tief unter ihm auf einen Finder warteten. Er hieß nicht umsonst
Beutemacher ... Er könnte sich einfach sinken lassen, zu all den
Schätzen vergangener Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte ... Welche
namenlosen Schrecken bewachten sie wohl?
Die Natur ging an den Lebenden Schatten zugrunde, seit die Ma-
gie, die ein Teil von ihr war, mit der Technologie gekreuzt worden
war. Rachedurst trieb sie seitdem zu bizarren Höchstleistungen. Ihr
fehlte die Kraft, die Menschen und Torwesen von ihrem Leib zu fe-
gen, aber ihr Todeskampf verlief auch nicht in stillem Elend. Einer
der Schläge, die sie in ihren letzten Fieberstunden austeilte, war das
Entsenden monströser Wächter, wo immer es etwas gab, was dem
Menschen – ihrem Mörder – etwas bedeutete.
Beutemachers Mund kam kaum noch zum Luftholen über die ei-
sigen Wellen. Er verschluckte sich am Salzwasser, das seinen Feu-
erschmerz im Nacken nicht lindern konnte – oder wollte. Seine
Glieder hoben und senkten sich immer träger. Die eisige Nässe
schnitt sich durch seine Muskeln und lähmte ihn.
Wie sein Koch Grünwinkel, sah auch er das unscheinbare Tor der
Schatten, wie es sich in eine Mauer seiner Seele duckte. Es versprach
ihm unendlich viel Ausdauer zum Schwimmen und die Linderung
seiner Schmerzen. Doch ein Erinnerungsblitz des Schattendieners
und des zurückweichenden Lichts vor dem Torwesen ließ ihn davor
zurückschrecken. Die Entschlossenheit, gegen die Torwesen anzu-

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treten und ihrer Verlockung keinesfalls nachzugeben, eröffnete ihm
stattdessen eigene Reserven.
Noch wusste er nicht, welches Gute er in seinem Leben finden
mochte, wofür sich die scheinbar aussichtslose Schlacht zu schlagen
lohnte. Seine geliebte Sibyll war tot, war während eines Raubzuges
gegen ein Handelsschiff von dessen Söldnern erschossen worden.
Aber der Traum eines höheren Lohns über Gold und Ruhm hinaus,
gewann zum ersten Mal seit Sibylls Tod wieder eine Bedeutung für
ihn, den Schatzsucher und Piratenkapitän.

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Die Spelunke „Küstengold“ wurde durch mehr guten Willen als
Baukunst zusammengehalten. Holz und Stahl vermischten sich mit
dem Zwielicht des Inneren jedoch zu einem Eindruck großer Ruhe
in Grau und Braun. Es gab keine zwei gleichen Tische und kaum
gleiche Stühle oder Hocker, obschon jedes einzelne Stück, so alt
es auch sein mochte, von Geschmack zeugte. Der Tresen hinge-
gen, der neben der Tür begann und sich in die Tiefe des länglichen
Raums streckte, bestand bloß aus einem schweren Brett auf Fässern.
Licht spendeten Petroleumlampen. Es flackerten aber auch mehrere
Gruppen dicker Wachsklumpen mit Dochten sowie ein vom Dach
aus sonnengetriebener Spielautomat. Er war ein Artefakt der Tech-
nokraten, für das hier jedoch kein Gast passende Münzen besaß.
Am Ende des Tresens klapperte eine Holztür mit den Meeresböen.
Sie verbarg den Weg nach draußen zu einer Schutthalde, die als La-
trine diente. Daneben führte eine Treppe empor zum Stolz der Spe-
lunke: zum Zimmer des Wirts und den Gästezimmern, die aus vier
rostigen Wohnwagen bestanden. Sie waren im ersten Stock, weil sie
auf den Resten einer gemauerten Anhöhe standen, die irgendwann
vor hundert oder mehr Jahren vielleicht einen Zweck gehabt hatte.
Baldrin, der Wirt und Erbauer der Spelunke, hatte das Küstengold
zu Füßen der Anhöhe errichtet und an die Wohnwagen geschweißt.
Eine stählerne Gitterempore verband die vier verhangenen Türen
mit der Holztreppe. Die vorigen Bewohner soll Baldrin Gerüchten
zufolge getötet haben, um ihren kleinen Schatz für sich zu nehmen.
Das bestritt er vehement, wenn es überhaupt jemand wagte, ihn
danach zu fragen.
In der Raummitte hing unter der Decke ein goldener Käfig, in
dem eine rotgrüne Papageiendame die Flügel streckte und kurze
Sätze plapperte, insbesondere, wenn sie mit Keksen oder Erdnüs-
sen gefüttert wurde. Ihre Lieblingssätze waren „Beutemacher liebt
Baldrin!“, „Nora will fliegen!“, „Finger weg sonst Finger ab!“ oder
„Nora weiß, wo Schatz ist!“ Mit ganzem Namen hieß sie Elenora
und außer ihr selbst wusste niemand, wie klug sie wirklich war und
was für eine Qual die Einsamkeit und der winzige Käfig für sie
waren. Elenora war so alt wie Baldrins Tochter Ireen und erinnerte
sich klar an alle Tiefen von deren Kindheit.

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Früher hatte Baldrin jede freie Minute zum Goldschürfen aufge-
wendet. Heute war seine Spelunke der abendliche Lebensmittel-
punkt all der anderen Glücksritter, die genauso wenig Glück wie
er beim Schürfen hatten. Es gab hier kein Gold, auch wenn die
Spelunke so hieß und Elenora es beteuerte. Baldrin erzählte bereit-
willig jedem, wie die Dinge lagen. Doch niemand hörte auf seine
Worte, jeder schuftete sich genauso wie er den Rücken krumm für
nichts. Und das war noch die angenehme Variante. Nicht wenige
Glücksritter starben im Schlangenmeer oder in den Untiefen – ei-
ner verfluchten Talsenke im Osten – oder im nahen Dreschwald,
der von dem Menschen feindlich gesinnter Magie pulsierte. Eini-
ge nahm auch der Ruhige Fluss für immer mit sich, der ein paar
Mal im Jahr zu einer reißenden Urgewalt wuchs; doch anders als
alle anderen Gebiete an der Goldbucht, war der Fluss noch recht
freundlich zu den Menschen und niemand wagte es, ihn durch
Verschmutzungen zu verärgern.

Beutemacher war an der Goldbucht bekannt und ein guter Freund


von Baldrin. Grimfang Beutemacher hatte dem Dreschwald etliche
Artefakte und sogar Gold abgerungen, hatte eine Ruinenstadt und
noch mehr Gold aus den Untiefen gegraben und kannte jede Welle
des Schlangenmeers und des Ruhigen Flusses. Er war der Einzige,
der in der Goldbucht reich geworden war. Man scherzte wohlwol-
lend über ihn, er könne das Gold schlichtweg riechen – drei Meilen
gegen den Wind. Doch jetzt war er mitsamt seines Schiffes „Schatz-
kiste“ nicht wiedergekehrt.
„Der hat auf dem Weg sicher Gold gerochen. Läuft schwer bela-
den später ein“, brummte Baldrin auf die Frage nach seinem alten
Freund. Der Wirt kratzte sich den schwarzgrauen Vollbart. Sei-
ne harten Falkenaugen, die von einer besseren Existenz in seiner
Vergangenheit zeugten, drangen durch seine dunkelgrauen Haar-
strähnen. Fahrig strich er eine hinter die Ohren. Tränensäcke und
scharfe Falten hatten sich in sein Gesicht gegraben, ein paar vom
Lachen, ein paar vom Saufen und ein paar vom Töten. Am frü-
hen Vormittag, wie jetzt, schienen sie tiefer als sonst zu sein. Ein
unbekannter Gast, neu in der Gegend, hatte ihn durch Schlagen

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und Treten gegen die Tür so lange zum Aufstehen gedrängt, bis er
überaus schlecht gelaunt die Tür geöffnet und sich aus Gewohnheit
hinter den Tresen gestellt hatte. In Griffweite lagen dahinter seine
geladene Pistole und ein stählerner Dolch.
Sein Gegenüber hatte sich mit filigraner Stimme nach Beutema-
cher erkundigt und das Anliegen als überaus wichtig bezeichnet.
Der Gast näselte ein wenig zu sehr, um kein Technokrat zu sein,
dem der Goldbuchtdialekt noch nicht hinreichend in Fleisch und
Blut übergegangen war. Er war offenbar eine Frau, obgleich Bal-
drin nicht sicher sein konnte. Ihre Stimme war nicht sehr hoch,
die Schultern nicht sehr schmal und ihr Gesicht wurde von einer
Kapuze und einem Schal bis auf die Nasenspitze verborgen. Sie
krümmte sich und behielt eine Hand unter ihrer braunen Lum-
penkutte aus zusammengenähten Lederfetzen. Etwas an dieser Kut-
te störte Baldrin. Dann erkannte er plötzlich, was mit der Gestalt
nicht stimmte. Die Lederfetzen waren sauber aus frischen Häuten
geschnitten, praktisch makellos. Die Nähte verliefen äußerst gleich-
mäßig und gekonnt den Proportionen angepasst, nicht wie von je-
mandem, der seine Kleidung improvisierte. Und die Lumpen waren
sauber; niemand, der eine so weite Reise zu Fuß hinter sich hatte,
wie die Fremde behauptete, konnte noch so saubere Kleidung besit-
zen. Baldrin war jetzt sicher, eine Technokratin vor sich zu haben,
auch wenn sie ihr verräterisches Näseln immer besser vermied.
„Was willst du von Beutemacher? Sag mir deinen Namen!“, ver-
langte Baldrin. Seine Fingerspitzen lagen auf dem Tresenrand, wäh-
rend er ihre Reaktion abwartete. Er müsste nur in die Knie gehen
und könnte seine Pistole greifen. Von oben krächzte Elenora: „Beu-
temacher liebt Baldrin!“
Die Fremde zuckte und bewegte ihren Arm unter der Kutte. Pfeil-
schnell packte Baldrin sie mit beiden Händen am Genick und riss
ihren Oberkörper über den Tresen. Er presste ihre Kehle auf die
Holzkante und knurrte: „Was wird das, Mädchen? Tisch mir keine
Lügen von deiner Reise auf! Wer bist du?“ Elenora kommentierte:
„Mädchen! Pfui! Böses Mädchen! Halt still!“
Die Fremde wühlte ihre Hand unter sich hervor und legte sie auf
den Tresen. Einen Moment starrte Baldrin auf das Blut an ihren

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Fingern. In dicken Tropfen fiel es auf das Holz. Baldrin erschrak,
ließ sie los und murmelte eine Entschuldigung. Im selben Moment
rutschte sie vom Tresen, ihre Glieder ergossen sich schlaff wie Was-
ser auf den Boden. Sie muss sich mit letzter Kraft in die Spelunke
geschleppt haben. Wieso hat sie nach Beutemacher gefragt und nicht
um Hilfe gebeten?
Baldrin eilte durch die Tresenklappe und kniete sich zu ihr. Er zog
ihre Kutte auf, um nach der Wunde zu sehen. Der Wirt erschrak:
In der anderen Hand hielt sie einen Dolch. Sie schrie heiser, die
Klinge zuckte wie eine schnappende Giftschlange nach Baldrin.
Doch er war schneller als die Fremde, zumal er stets auf alles gefasst
war. Mit einer Faust packte er ihr Handgelenk und mit der anderen
schlug er ihr in die Zähne. „Lass los!“, knurrte Baldrin. „Ich will
dir helfen.“ Als sie sich jedoch weiter zu befreien und mit dem viel
stärkeren Mann zu kämpfen versuchte, schlug er ihr noch zweimal
ins Gesicht, viel härter als zuvor. Sie ließ den Dolch los, weil sie
das Bewusstsein verlor. Seit Baldrin bei dem Versuch, einen Greis
zu entwaffnen, einen beinahe tödlichen Stich in die Achsel erlitten
hatte, griff er nicht mehr nach Messern und Dolchen, wenn er ei-
nen Gegner auch anders zum Aufgeben bringen konnte. Beiläufig
wischte er sich ihr Blut von seiner Faust an die Hose.
Über ihm gähnte Ireen herzhaft, als sie aus einem der Wohnwagen
trat. Baldrins Tochter blinzelte verschlafen nach unten und stockte.
Ihre schwarzen Locken hingen ihr ins Gesicht, sie strich sie eilig
zurück. „Was ist hier denn los?“ Ihr neuester Freund tappte hinter
sie und blieb mit seinen müden Augen ebenso verdutzt an der Ver-
wundeten haften.
Unter der Kutte trug die Fremde elegante Kleidung, eine weiße
Bluse und einen grauen Rock. Baldrin untersuchte ihre Bauchwun-
de, aus der eine große Blutmenge den Stoff getränkt hatte. Er sah
flüchtig hoch und rief: „Ireen, hol Verbandszeug. Junge, wie immer
du heißt, wenn du bleiben willst, zahl Miete.“
Elenora hüpfte auf ihrer Sitzstange und krächzte: „Nora weiß, wo
Schatz ist! Schatz ist! Nora will fliegen! Pfui! Böses Mädchen!“

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Baldrin hatte die Fremde verbunden und in sein Bett getragen.
Dort hatte er sie durchsucht. Die weißen Hälften ihrer Bluse, braun
beschmiert vom getrockneten Blut, flankierten ihren Brustkorb.
Ihr grauer Rock lag wie ein schlaffer Gürtel um ihren Bauch. Das
Klimpern der Technokraten-Münzen in Baldrins Hand gab ihm die
Gewissheit, woher sie kam. Und die kleine schwarze Pistole, die sie
in der Kutte eingenäht hatte, die Pistole, die leicht hundert Schuss
Munition aufnehmen konnte, hatte ihm verraten, dass er Ärger be-
kommen würde. Der Abzug lag zu tief in seiner Hand, der Griff
war ihm zu klein. Die tanzende Lichtreflexion auf dem Lauf, wenn
er die Waffe hin und her drehte, erinnerte ihn an das Erscheinen
Lebender Schatten. Selbst unter Technokraten war dies eine teure
Waffe, die nicht jeder besaß. Sicher, er konnte sie trotz der zu ge-
ringen Größe behalten und lernen, wie sie funktionierte. Aber ge-
gen eine genauso ausgerüstete Übermacht half ihm das nichts, und
gegen jede andere Gefahr war er bisher auch so gewappnet gewe-
sen. „Alles nutzlos“, brummte er und ließ die Technokratenmünzen
wieder in die Manteltasche der Frau fallen.
Bloß noch zwei Chancen sah Baldrin für sich, heil aus dieser An-
gelegenheit herauszukommen: Die Frau war eine Abtrünnige, die
keine Hilfe aus ihrer Heimat zu erwarten hatte, oder Beutemacher
kam ihm zu Hilfe, wenn die Freunde dieser Technokratin auf-
tauchten. Doch er war mit Phantasie gestraft und dachte manchmal
zu viel nach. Je mehr er grübelte, desto mehr Szenarien fielen ihm
ein, wie er und Ireen die Spelunke oder sogar ihr Leben dank dieser
Technokratin verlieren konnten.
Baldrin wurde mit jedem Schritt wütender, den er die Metallstufen
hinab in den Schankraum trabte. Die Whiskeyflasche im durch-
hängenden Holzregal schmeichelte sich unwiderstehlich in seine
Hand, versprach Beruhigung. Aus Hilflosigkeit trank er Schluck um
Schluck. Die Wut verrauchte, die Verzweiflung aber nicht. Er konnte
nicht aufhören, sich an der Flasche festzuhalten und sie immer wie-
der anzusetzen. Neue Wut loderte. Plötzlich schlug er mit der flachen
Hand auf den Tresen und rannte in sein Schlafzimmer zurück.
„Ich sollte dich töten! Jede Spur verwischen und dich im Meer ver-
senken!“, lallte Baldrin und funkelte die Schlafende zornig an. „Was

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liegst du überhaupt in meinem Bett? Arrogante ölblütige Techno-
kratensau! Der Boden ist noch zu gut für dich!“
„Vater?“, rief Ireen ebenso besorgt wie vorwurfsvoll. Sie schob
den Kopf ins Schlafzimmer und starrte seinen Rücken an. Trotz
all seiner Fehler, Schwächen und begangener Verbrechen hielt sie
zu ihm. Es gab keinen anderen Ort zum Leben für sie und sie
hatte sonst niemanden; ihre Männerbekanntschaften waren rein
oberflächliche Vergnügungen und ihre Mutter kannte sie nicht.
In Situationen wie dieser fühlte sie sich verantwortlich für Baldrin
und ersetzte die Stimme seines Gewissens. Seit Ireen eine erwach-
sene Frau war, hörte er oft sogar auf sie. Sein eigenes Alter hatte
ihn Respekt für sie gelehrt und er schämte sich, weil dies so lang
gedauert hatte.
Baldrin wirbelte herum, schwankte leicht und betrachtete seine
Tochter. Sofort milderten sich seine Züge und er lächelte traurig.
„Die Flasche ist noch nicht leer“, seufzte er mit schwerer Zunge
und sah schuldbewusst zu Boden. Baldrin unterwarf sich seinem
personifizierten Gewissen Ireen. Er war ein so miserabler Vater ge-
wesen, dass er heute glaubte, ihr das schuldig zu sein. Aus seiner
Hemdtasche fingerte er ungeschickt eine Zigarette und steckte sie
zwischen die Lippen. Summend, die Flasche immer noch in einer
Hand, zündete er die zerknautschte Zigarette mit einem Sturmfeu-
erzeug an und sog Teer, Nikotin und anderen Müll in seine Lun-
gen. Sofort beruhigte er sich. Klickend verschwand das Feuerzeug
in seiner Hosentasche.
Einen Moment sah Ireen ihm traurig zu. In der Tat war aber die
Flasche noch nicht leer und der Aschenbecher zu seinen Füßen
noch nicht überfüllt mit ausgedrückten Stummeln, und das war
wirklich besser als an anderen Tagen. Vater und Tochter spürten
in diesem Moment ein ums andere Mal, was für ein tragisches
Gespann sie waren, auf verdrehte Weise an ihren Wurzeln, ihren
Gefühlen aneinandergeschweißt, während Schmerz und Kummer
sie gleichzeitig abstießen. Früher waren sie Kampfhunde gewesen,
die sich ineinander verbissen hatten und deshalb nicht voneinander
losgekommen waren. Heute waren sie mit den Zähnen im Fleisch
des anderen festgewachsen und ruhten nebeneinander.

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Ireen hob das Kinn. „Du solltest runterkommen. Beutemacher ist
wieder da. Ich habe ihn aber noch nie so aus der Spur gesehen.“
„Grimfang!“, schrie Baldrin. Er warf die Flasche in die Ecke, wo sie
klirrend zerschellte. Baldrin stürmte an Ireen vorbei. Seine Stiefel
dröhnten metallisch auf den grob geschweißten Stufen und seine
Kippe ließ Dunstfetzen auf der Stahlempore zurück. Ireen schüt-
telte ahnungsvoll den Kopf, und tatsächlich stolperte Baldrin über
seine eigenen Füße, die ihm dank des Alkohols nicht mehr ge-
horchten. Die letzten fünf Stufen legte er im freien Fall zurück und
krachte bäuchlings vor die Latrinentür. Zuerst hustete er rasselnd,
sein Tribut ans Rauchen. Dann rümpfte er die Nase und lallte:
„Kann mal wieder geputzt werden, Ireen! Stinkt ja hier ... Hat einer
nicht schnell genug nach draußen geschafft.“
Schwankend kam Baldrin auf die Füße. Er hielt inne, damit das
Wirbeln in seinem Schädel nachließ. Dann steuerte er zielsicher,
aber zu schnell auf den Tresen zu. Baldrins Stiefelspitzen schlugen
gegen die Fässer. Er hielt die Hände als Bremsen gegen das Tresen-
brett und beugte sich wegen des Schwungs ein wenig darüber.
Beutemacher saß auf seinem Stammplatz, einem wuchtigen Bar-
hocker mit gedrehten Beinen und grünem Lederpolster. Mit der
Schläfe lag der Pirat auf einem Arm und schnarchte. Er sah grau-
enhaft aus. Sein mächtiger Oberkörper schimmerte fahl durch
die Fetzen seines Hemds. Er hatte tiefblaue Augenringe und vom
Meerwasser zerfressene Lippen. Sein kränkliches gelbes Gesicht
spiegelte Angst und Schmerz wider. Baldrins qualmender Glimm-
stängel balancierte auf seiner Unterlippe, als sein Kiefer aufklappte:
Beutemachers Nacken war der einer Wasserleiche, grau aufgedun-
sen mit blauen Adern, Fäulnisgeruch verströmend. Ireen brachte
eine Wolldecke und legte sie Beutemacher um die Schultern, weil
er vor Kälte zitterte und nicht erwachte.
„Hier, Mann!“, hauchte Baldrin mit brüchiger Stimme und stopfte
ihm seine Kippe in den Mund. Es war eine ohnmächtige Geste für
den besten Freund, den Baldrin je gehabt hatte. Elenora krächzte:
„Beutemacher liebt Baldrin! Baldrin! Chaka!“
Beutemacher regte sich. Plötzlich hustete er gequält, kam aber nicht
zu sich. Er schrie, schlug nach der Zigarette an seinem Mund und

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stürzte vom Stuhl. „Kein Schatten! Feuer aus!“, grunzte er, dann öff-
nete er die Augen und beruhigte sich. Der Schleier seines bleiernen
Schlafes verzog sich widerwillig. „Hallo“, krächzte er schließlich.
Mühselig kämpfte er sich vom Boden auf den Barhocker zurück
und wickelte sich wieder in die Decke. Baldrin hatte seinen Freund
noch nie so zerschlagen gesehen und sah sprachlos zu. Immerhin
ließ der Schock ihn zügiger nüchtern werden.
„Kennst du eine Jennica?“, fragte Beutemacher und bettete seinen
Kopf erneut auf den Armen. Er konnte noch nicht über sein Er-
lebnis reden. Racheeifer brannte dafür um so stärker in ihm, und
Jennica war seine einzige Spur.
„Jennica“, wiederholte Baldrin und zupfte eine neue Kippe aus
der Hemdtasche. Mit zittrigen Fingern ließ er sein Feuerzeug auf-
schnappen. Irritiert bemerkte er, wie Beutemacher zusammenzuck-
te. Baldrin formte die Lippen zu einem O und blies eine Dunstwol-
ke in die Luft. Er sprach den Namen Jennica abermals gedehnt und
langsam aus, als könnten die Geschmacksnerven seiner Zunge ihm
helfen, trotz seiner Kopfschmerzen mit dem Namen etwas anzufan-
gen. „Irgendwoher kenne ich den Namen.“ Er kippelte zwischen
Fußballen und Ferse hin und her, stolperte einen Schritt zurück und
legte dann die freie Hand als knochige Faust unter den Ellbogen.
Aus dem Käfig über ihnen krähte Elenora: „Jennica! Jennica! Pfui!
Böses Mädchen! Nora Hunger!“
Beutemacher richtete sich auf und blinzelte den letzten Schlaf weg.
Er drängte Baldrin schärfer als gewollt: „Woher kennst du den
Namen? Denk nach!“
Baldrin setzte sich konzentriert auf den Barhocker neben Beute-
macher. Er stützte den Ellbogen auf den Tresen und hielt die qual-
mende Kippe in die Luft. Mit seinen verhärmten Falkenaugen, in
denen noch immer Alkohol, Schreck und Mitleid glommen, be-
trachtete er seinen Freund. Bevor Baldrin antwortete, hielt er den
Mund an die Kippe und sog sich voll. Rauchschlieren tanzten beim
Sprechen aus seinem Mund. Seine Zunge war noch immer hörbar
zu schwer. „Der Name steht auf dem Griff einer Technokratenwaf-
fe. Die Frau, die sie bei sich hatte, liegt oben in meinem Bett. Sieht
nicht so schlimm zugerichtet aus wie du, ist dem Tod aber auch nur

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knapp von der Schippe gesprungen. Und sie hat nach dir gefragt.“
Beutemacher ließ sich vom Barhocker auf die Füße fallen und äch-
zte. „Scheiß Rücken“, brummte er und legte die Decke auf den Tre-
sen. Zwei Schritte machte er in Richtung Treppe, da hielt Baldrin
ihn am Arm fest. „Erzählst du mal, was eigentlich los ist? Woher
kennst du die?“
„Ich kenne sie nicht – noch nicht“, knurrte Beutemacher und
drückte die Schulter seines Freundes. „Komm, wir finden raus, wer
sie ist. Ich glaube, sie ist nicht unser Feind.“
„Ich brauch Wasser“, seufzte Baldrin und machte eine fahrige Hand-
bewegung in Ireens Richtung, als verscheuche er beiläufig eine Mü-
cke. Die Tochter gehorchte stumm, ließ dem Vater das Gefühl der
Befehlsgewalt und trug ihm einen großen Becher Wasser nach.
Auf halbem Weg erbleichte Baldrin. Ihm fiel ein, dass er die Pistole
oben vergessen hatte. Ein warnender Seitenblick, Beutemacher nickte.
Leiser und schneller schlichen die Männer weiter. Ireen verstand die
stumme Warnung ebenfalls – „Gefahr!“ – und ließ sich mit dem Was-
serbecher zurückfallen. Außer Baldrin wusste zwar niemand, was das
Problem war, aber augenscheinlich waren die drei gut aufeinander
eingespielt. Manche Gäste machten Ärger, und in einer Piratenspe-
lunke war mit Ärger weitaus mehr als eine Schlägerei gemeint.

Ireens neuer Freund Dante hielt die Technokratenwaffe in der Hand


und betrachtete sie neugierig. Er zielte auf eine vergilbte Weltkar-
te in einem Glasrahmen. Dichter Staub klebte darauf, an einem
Schmierfilm, der nach billigem Bratöl roch. Hat wohl mal in der
Küche gehangen. Dante schlich mit einem Kreuzschritt seitwärts vor
den Spiegel, der ähnlich schmierig roch wie die ölige Karte. Er fuhr
sich mit der freien Hand durch sein halblanges Haar und legte den
Kopf schräg, um eine möglichst beeindruckende Pose einzuneh-
men. Zuerst lächelte er, räusperte sich dann und funkelte betont ernst
in den Spiegel, so bedrohlich, wie ein Junge seines Alters es vermochte.
Langsam drehte er den Kopf zum Bett mit der Fremden.

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Sie atmete flach und langsam. Auf dem Verband um ihren Bauch
prangte ein tiefroter Fleck, während das Blut in ihrer Bluse getrock-
net war. Ihr rostbraunes Kurzhaar passte zu ihrem kantigen kleinen
Gesicht und ihrer drahtigen Figur. Ihre Münzen waren hier nichts
wert, aber Dante hatte sie eingesteckt; wer weiß, wo er sich in sei-
nem Leben noch überall herumtreiben würde, vielleicht konnte er
die Münzen eines Tages gebrauchen. Das Leben war eben ein Geben
und Nehmen. Dante verlor Geld – Miete an Ireens Vater, wenn er blei-
ben wollte – und die Fremde verlor Geld, weil sie so dumm gewesen
war, sich fast umbringen zu lassen und nun willenlos herumlag.
Von draußen hörte Dante leise Schritte die Treppe hocheilen. Er-
schrocken legte er die Waffe zurück auf das Nachtschränkchen ne-
ben dem Kopf der Fremden. Er wollte noch eine ganze Weile bei
Ireen bleiben und nicht gleich am zweiten Tag von ihrem unheim-
lichen Vater verprügelt, erschossen oder zumindest rausgeworfen
werden. Die Glücksritter der Goldbucht erzählten sich verstörende
Geschichten über Baldrin, Piratengeschichten, bei denen nur das
Erzählen dem unbedarften Zuhörer bereits Schmerzen zufügte.
Als Dante einen Schritt vom Bett zurücktrat, griff die Fremde mit
geschlossenen Augen nach der Waffe. Erst als sie auf ihn zielte, hob
sie die Lider und blickte den erstarrten Jungen kalt an. Dass er die
Waffe zurückgelegt hatte, war der einzige Grund, warum sie ihn
nicht sofort erschoss.
Baldrin spähte durch den Türvorhang. Ohne Schrecksekunde griff
er nach dem Emporengeländer neben sich. Gleichzeitig fielen zwei
Schüsse aus der Technokratenwaffe, stanzten Löcher in den Vor-
hang und streiften Baldrins Rücken. Er warf die Beine über das
Geländer und hing nun über dem Tresen. „Finger weg sonst Finger
ab!“, krächzte Elenora neben ihm. Baldrin ließ los und schwankte
über das polternde Tresenbrett bis zu seiner Pistole. Kraftvoll – und
trotz des Whiskeys zielsicher – warf er die geladene Waffe Beutema-
cher zu. Der hatte neben der Tür verharrt, griff die Pistole aus der
Luft und entsicherte sie. Er warf sich durch den Vorhang tief auf
ein Knie und schoss scheinbar ungezielt. Die Fremde schrie kläglich
und hielt sich ihre blutspritzende Hand, von der Mittel- und Ring-
finger abgesprengt worden waren. Die Pistole klapperte zu Boden.

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Dante klebte leichenblass an der Wand und wurde von Beutema-
cher mit einem knappen Seitenblick bedacht. „Ist ... mir eine Ehre,
Sir“, stammelte der Junge, der den legendären Piratenkapitän durch
Beschreibungen erkannt hatte. Beutemacher richtete sich auf; er
biss dabei die Zähne zusammen, um nicht zu zeigen, wie sehr das
Knie schmerzte, auf das er sich geworfen hatte.
„Bist du Jennica?“, fragte er schroff und zielte auf ihr Gesicht. „Ich
hätte da ein paar Fragen!“
Jennica wimmerte und nickte. Ihr getroffener Arm zitterte stark,
während sie dessen Blutstrom leidlich abdrückte. Ihre Füße traten
ziellos in die Decke vor Schmerz.
Unten verzerrte Baldrin das Gesicht und drehte seine Schultern vor
und zurück. „Verdammt, bin ich alt geworden!“, knurrte er. „Alles
klar da oben?“, rief er durch das Stahlgitter.
„Problem! Nora Hunger! Nora will fliegen! Fliegen! Problem!“
„Beutemacher hat wie immer alles unter Kontrolle“, lächelte Ireen
dünn und trug ihrem Vater geduldig den Wasserbecher nach.
Baldrin murmelte vor sich hin. „Noch vor fünf Jahren habe ich das
ohne Festhalten gemacht ... nein ... vor zehn Jahren ... verdammt!“
Er blickte melancholisch ins Leere und kippte das Wasser in einem
Zug runter. Ireen erwartete keinen Dank und bekam ihn auch
nicht. Der zwanzigjährige Konflikt zwischen beiden war noch an
vielen Stellen nicht verheilt, aber sie hatten gelernt, manche Siege
um des Friedens willen zu verschenken.

Beutemacher kochte über. Er schlug Jennica den Pistolengriff ins


Gesicht, packte ihren Schopf und schrie ihr ins Ohr: „Weil dir kein
besserer Name eingefallen ist, um deinen Freund mit einer falschen
Fährte abzuhängen, ist mein Schiff gesunken und meine ganze
Mannschaft tot!“ Er hob die Waffe erneut zum Schlag, beruhigte
sich aber gerade noch und senkte den Arm. Jennica war ohnehin
vom ersten Schlag bewusstlos geworden. Aus einer tiefen Kerbe auf
ihrer Nase rann ihr Blut die Wange hinab ins Kissen.

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Doch für solche Unterbrechungen seiner Befragung hatte Beute-
macher vorgesorgt. Er hielt Jennica ein Fläschchen Riechsalz an
die Nasenlöcher. Sie streckte sich ruckartig und riss die Augen auf.
Beutemacher hämmerte das Fläschchen auf den Nachtschrank und
drückte Jennica die Pistole an die Stirn. „Bist du auch ein Schatten-
diener? Rede!“ Seine Hand zitterte so heftig, dass er die Mündung
kaum auf Jennicas Stirn halten konnte. Was würde er tun, wenn sie
jetzt wölfisch zu grinsen begann und seine Frage bejahte? Konnte
man diese Wesen erschießen? War da ein Schatten an seinem Fuß?
Er riss mit panischem Keuchen das Wohnwagenfenster zu – das
Tageslicht hatte kurze Schatten von Jennica auf das Bett geworfen.
Verwirrt musterte sie ihn. „Schattendiener?“
Er wollte sie erneut schlagen und holte aus, besann sich aber. Genau-
so hätte sich der Mörder seiner Mannschaft verhalten. Jennica hatte
viele Tote auf dem Gewissen, die Beutemacher etwas bedeutet hatten,
von seinem Schiff ganz zu schweigen. Sie war allein durch ihre Frakti-
on eine Feindin, die nicht ungestraft hier sein sollte. Aber sie war auch
ein wehrloser Mensch, kein Schattenmonster – so schien es.
Beutemacher blaffte sie an: „Dein Freund Morten Sannrott – wenn
du mir keinen falschen Namen genannt hast – war mit den Schat-
ten im Bunde. Er hat ihnen seinen Körper überlassen, um sie und
sich selbst mächtiger zu machen. Bist du deswegen vor ihm geflo-
hen? Oder gehörst du auch zu dieser Brut?“
Jennicas Gesichtsmuskeln zuckten unschlüssig. Beutemacher be-
hielt ihre Schatten genau im Auge und drückte die Pistole fester auf
ihre Stirn. Sie fiel vollkommen in den nasalen, gestelzten Techno-
kratendialekt zurück und stammelte: „Es gibt sie wirklich? Ist das
nicht ... bloß eine Metapher?“
Beutemacher schüttelte schwach den Kopf und drehte sich zur Sei-
te, um Jennica das schmerzvolle Mal in seinem Nacken zu zeigen.
Er hörte sie erschrocken einatmen und erklärte: „Morten Sannrott
war ein Schattendiener. Äußerlich ein unscheinbarer Kerl in der
Lieblingskleidung von euch Technos, grau und rot. Aber sein
Schatten tanzte um ihn herum und hielt seine Waffe für ihn, als
er für Lichtschein sorgte. Um seinen Schatten wie eine Pistole auf
mich abzufeuern.“

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Für einen Moment füllten Jennicas Augen sich mit Tränen. Sie
wischte sie schniefend fort und setzte wieder einen harten Ausdruck
auf. „Ich wusste es nicht“, näselte sie kühl, „nicht wirklich. Ich hat-
te etwas geahnt. Er war ... er hatte manchmal widerwärtige Wün-
sche. Aber er hatte keine Reißzähne und verschwand nie heimlich
oder so was.“
„Sie tragen Schafspelze“, nickte Beutemacher.
Jennica schluckte. „Ich konnte doch nicht wissen, dass er zu so et-
was fähig ist! Ich verließ ihn, er wurde lästig, ich schickte ihn in
die Wüste. Ich dachte, an einen berühmten Piratenkapitän traut
sich so ein Schreibtischtäter nicht heran, auch wenn er mit Waffen
spielt! Als ich hörte, dass er in der Goldbucht, fern unseres eige-
nen Territoriums, ein Piratenschiff angeheuert hatte, um dich zu
finden ... Ich wollte dich warnen, darum kam ich her! Ich wollte
meinen Fehler wiedergutmachen! Ich hätte dich nicht unbedingt
persönlich treffen wollen, es hätte mir gereicht, dir eine Nachricht
zukommen zu lassen.“
Beutemachers Gesicht verfinsterte sich, bis Jennica Angst bekam.
Mit schwelender Wut knurrte er: „Du begibst dich ganz allein in
feindliches Territorium, nur um irgendein Mitglied einer feind-
lichen Fraktion vor der Rache deines Exfreundes zu warnen? Lä-
cherlich!“ Beutemacher wandte sich ruckartig ab und atmete
schwerer. Hätte er nicht für einen Augenblick im Wasser jene selt-
samen Empfindungen vom höheren Guten gehabt, er hätte Jennica
jetzt kaltblütig erschossen. „Sie kann nichts dafür!“, redete er sich
ein. Sie wusste nicht, dass der Kerl so ein Dämon und so gefährlich
ist. Aber warum ist sie wirklich hier? Er drehte sich ihr wieder zu.
Ein feines Lächeln schlich in seine Züge. „Wie gut kanntest du ihn?
Kannst du ihn finden?“
Entgeistert starrte Jennica ihn an. „Wenn er seinen Arbeitsplatz und
seine Wohnung in Sankt Radenwall behält ...“
„Gut. Ich töte dich nicht, dafür bringst du mich zu ihm. Ein prima
Handel, was?“
Jennica schwieg betreten und schielte den riesigen Mann furchtsam an.
Einen Hauch versöhnlicher als bisher fragte Beutemacher, wer sie
eigentlich angeschossen hatte.

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Sie schluckte ihre Angst herunter und erzählte: „So ein paar ab-
gerissene Typen meinten, sie würden mich schon zu dir bringen.
Ich wollte nicht, da zog einer seine Pistole. Ich war nicht schnell
genug, ihm mit dem Schießen zuvorzukommen. Aber ich ... hab
alle getötet.“
Beutemacher glaubte an der stockenden Art, wie sie von ihrem
Kampf berichtete, zu merken, dass sie nie zuvor Blut vergossen hatte
und nie verwundet worden war. Scheint ein wohlbehütetes Mädchen
aus stinkreichem Hause zu sein. Hält sich sicher bereits für umtriebig,
weil sie ein paar Piratengeschichten in einer schlecht geputzten Taverne
im Rotlichtviertel ihrer wohlhabenden Stadt gehört hat. Vermutlich ist
der naiven Göre gar nicht klar, in welche Gefahr sie sich begeben hat.
Aber er brauchte sie. In Sankt Radenwall, der gigantischen Haupt-
stadt der Technokraten, konnte Beutemacher allein keine fünf Mi-
nuten unentdeckt bleiben. Er benötigte Jennica als Ortskundige,
nicht nur, um sich passende Kleidung zu besorgen.
Sie starrte auf ihre dick verbundene rechte Hand. Plötzlich tat sie
Beutemacher leid. Sie hatte für ein falsches Wort beinahe mit dem
Leben bezahlt und zwei Finger verloren. Auf ihrer Nase, wo Beu-
temacher sie geschlagen hatte, würde eine Narbe zurückbleiben.
Überhaupt hatte sie immense Strapazen und Gefahren auf sich ge-
nommen, angeblich nur um ihre Notlüge wiedergutzumachen. Sie
war in Feindesland. Freiwild. Vielleicht war sie bloß zu mutig, zu
abenteuerlustig, zu neugierig. Möglicherweise war sie aber außer-
dem einer jener Menschen, für die der Kampf gegen Morten Sann-
rott sich lohnte, die zu überleben verdienten. Mit einem sanften
Druck seiner großen Hand auf ihre Schulter verabschiedete er sich
von ihrem Krankenbett und stapfte in den Schankraum.
Was der wahre Grund ihres Hierseins war, ob sie so gutherzig war,
wie Beutemacher gern glauben würde, wollte er am nächsten Tag
rauskriegen – nach einer ordentlichen Portion Schlaf und mit sor-
tierten Gedanken. Falls sie log, war sie sehr gut im Lügen und nur
durch ausgeklügelte Fragen zu überführen. Bis er sich diese Fragen
zurechtgelegt hatte, wollte er ihr so wenig Zeit wie möglich geben,
ihn einschätzen zu lernen.

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Die Frühlingssonne versank mitsamt der ersten Wärme des
Jahres. Dem Abendrot schlich ein ozeanisches Blau nach, das die
jungen Buchenblätter des Dreschwalds mit Winterkälte überzog.
Den Pfad säumten schwarze Baumskelette, aus denen dicke Trop-
fen vom zurückliegenden Regen fielen und die nasse Rinde hera-
brannen. Der einzige Pfad dieses Waldes schlängelte sich träge und
kahl dahin, Meile um Meile. In die kalte Nachtluft mischte sich der
Geruch von Moder und Moos.
Müde stapfte ein Hengst durch den schmatzenden Schlamm. Sein
Reiter hielt einen weißen Wappenschild an seiner linken Körper-
hälfte. Eine schwarze Krone mit acht Zacken prangte darauf. Der
Stahl war oft zerdellt und repariert worden. Auch jetzt zeugten Beu-
len, von denen die Farbe splitterte, davon, dass der hagere Reiter
ihn nicht zur Zierde trug. In seiner Rechten hielt er die Zügel – und
quer über den Sattel gelegt, einen Kriegshammer mit Stahldornen
am faustgroßen Kopf. Blut trocknete daran.
Auf den Stahlplättchen seiner Lederhandschuhe und den Unter-
armschienen spiegelte sich matt das letzte Abendrot. Über seinen
Reitstiefeln trug er stählerne Beinschienen. Von seinen bulligen
Schulterschutzen und seinem weißen Panzer entsprang eine Leder-
kapuze und bedeckte seinen Kopf. Auch auf seiner Brust prangte die
achtzackige Krone. Seinen Rücken floss ein schwarzer Fellumhang
bis zu den Flanken seines Hengstes herunter. Blut und Schlamm
klebten darauf.
Der Reiter war ein Hadanter, ein Fanatiker, in dessen Heimat
sowohl Magie wie Technik verteufelt wurden. Hadanter spielten
keine Rolle mehr im Kampf um Dememnon, zu schwach waren
sie im Vergleich zu Technokraten und Schattenläufern. Doch ihr
anderswo lang verschollenes Wissen um die Acht Götter sowie
ihre unbändige Überzeugung, den einzig wahren Weg wider die
Torwesen zu beschreiten, verliehen ihnen in kleinen liberalen
Kreisen großen Respekt.
Seinen Helm – ein weißer Stahlzylinder mit schmalem Sehschlitz,
trug der Knappe des Hadanters am Riemen, zusammen mit einem
schartigen Kurzschwert. An der Linken trug der Knappe einen
zerschundenen Holzschild, dessen Einzelteile nur noch mäßig

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von einem Eisenrand zusammengehalten wurden. Seine einzige
Rüstung war ein Lederwams ohne Ärmel. Er schleppte sich dem
gehenden Hengst seines Herrn hinterher. Spätestens nach jedem
zehnten seiner schwerfälligen Schritte durch den Schlamm, blickte
er furchtsam über die Schulter. „Wir schaffen es nicht mit dem letz-
ten Licht aus dem Wald, Herr Firfalgon!“, jammerte der Jüngling.
„Sei leise und halte durch. Wir werden jetzt wieder schneller gehen“,
raunte Firfalgon zur Seite. In seinen klugen Eulenaugen glommen
Entschlossenheit und Wachsamkeit. Seine schwarzen Brauen zo-
gen sich zu einem buschigen Strich zusammen. Sein Hengst wur-
de schneller, wäre am liebsten getrabt, doch Firfalgon beherrschte
das Tier und ließ es nur so schnell gehen, wie sein Knappe folgen
konnte. Der Knappe biss die Zähne zusammen und beschleunigte
seine stechenden Beine. Seine Waden zuckten bereits bei manchen
Schritten und drohten damit Krämpfe an.
Kein Tier war zu hören. Das Unterholz verschluckte jedes Ge-
räusch, das nicht Reiter, Hengst oder Knappe machten ... bis ein to-
ter Baum knarrte. Das Knarzen wuchs zu einem Bersten an. Rechts
von sich sahen sie die Buche, wie sie sich träge zur Seite neigte.
Knirschend und krachend donnerte sie ins nasse Laub; Zweige ra-
schelten hart und Äste brachen laut.
Der müde Knappe hatte zugesehen. Nicht aus Interesse, sondern
weil seine Konzentration so nachgelassen hatte, dass jede Kleinig-
keit ihn ablenkte. Das Zischen zahlreicher Pfeile hörte er zu spät.
Der Hengst wieherte schrill, bäumte sich auf und stürzte auf die
Seite. Zwei Pfeile ragten aus seinem Hals und zwei aus seiner Flan-
ke. Firfalgon zog im Stürzen sein Bein über den Hals des Tiers, um
nicht eingeklemmt zu werden. Er knallte dumpf auf den Rücken.
Ohne atmen zu können, zog er sich so klein er konnte hinter sei-
nem Schild zusammen und verfluchte die Angreifer. Sein Hengst
war nicht nur ein immens wertvoller Besitz gewesen, sondern auch
ein treuer Freund aus früheren Schlachten.
Pfeile schlugen durch den Stahlschild, einige Spitzen bohrten sich
in Firfalgons Armschiene. Ein Pfeil stach ihm wie ein Messer in die
Stirn, Blut lief in sein Auge. Neben ihm ging stöhnend sein Knappe
in die Knie, zwei Pfeile ragten aus seinem Rücken. Mit einem

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letzten Hauch kippte der Junge ins Unterholz und ließ Schwert
und Schild los.
„Runegast!“, schrie Firfalgon und bebte. Seine Augen brannten
vor Wut und Trauer. Der Pfeilhagel hatte aufgehört. Warteten
noch mehr gespannte Bögen auf ihn, würde er jetzt sowieso ster-
ben. Warteten keine, durfte er nicht zögern. Brüllend sprang er
über die Leiche seines Hengstes, eine beträchtliche Kraftleistung
in seiner Rüstung, und sprengte in die Richtung, aus der die
Pfeile gekommen waren. Der dunkle Kriegsgott Hadaggon, das
vielarmige Tier aus dem Meer, war mit ihm; die Feinde hatten
aus zu großer Nähe geschossen, um selbst sicher zu sein. „Bei
den Acht Göttern Dememnons!“, schrie Firfalgon und riss den
Kriegshammer in die Luft. Vermummte Gestalten sprangen aus
ihrer Deckung von ihm fort und warfen Bögen von sich, um
andere Waffen zu ergreifen.
Ein bärenhafter Mann, viel größer und breiter als Firfalgon, grunzte
und warf sich ihm entgegen. Mit einer Axt wollte er dem Hadanter
den ungepanzerten Schädel spalten und holte weit aus. Firfalgon
wartete bis zum letzten Moment und zeigte seine Überlegenheit
nicht. Als der Axthieb niedersauste und der Hüne triumphierend
lachte, wischte Firfalgon die gegnerische Waffe mit seinem Schild
beiseite. Gleichzeitig zerschmetterte sein dorniger Kriegshammer
das ungläubig glotzende Gesicht des Feindes.
Von der rechten Seite zuckte eine Klinge vor; Firfalgon sah das
Blitzen aus dem Augenwinkel. Er wirbelte mit dem Hammer he-
rum und zertrümmerte die Hand des Gegners, noch bevor der traf.
Die Klinge fiel zu Boden, irres Kreischen entfernte sich im Unter-
holz, der Gegner floh. Firfalgon hielt bereits dem dritten Gegner
den Schild entgegen, der ihn knurrend belauerte und ein rostiges
Zweihandschwert vor sich hielt.
Aus dem Unterholz näherten sich zwei weitere Gestalten. Die junge
Nacht lag ihnen wie ein Schutzmantel um die Schultern. Sie spa-
zierten entspannt auf die Kämpfer zu. Firfalgon warf gehetzt den
Kopf hin und her; er spürte instinktiv, dass er in größerer Gefahr
war, als er sehen konnte. Da er an der provozierenden Ruhe der
zwei Frauen nichts ändern konnte, und sonst nichts und niemanden

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mehr sah, stürzte er sich auf den Feind vor sich. Er schlug bewusst
zu früh mit dem Hammer zum Kopf, er war eine Handbreit zu weit
weg. Als der Gegner dreckig lachte und selbst zum Schlag aushol-
te, sprang Firfalgon mit aller Kraft vor und donnerte dem Gegner
den Hammer wie eine Monsterfaust ins Gesicht. Dann riss er den
Schild hoch und rammte ihm die scharf geschliffene Spitze in den
Hals. Noch bevor der Mann gurgelnd davonstolperte und tot ins
Laub stürzte, baute Firfalgon sich mit gespielter Gelassenheit vor
den seelenruhig daherspazierenden Frauen auf.
Die Gesichter und das platinblonde Haar der beiden ähnelten sich
so sehr, dass sie Schwestern sein mussten. Die schlankere trug eine
nachtblaue Robe mit zerschlissenen Ärmeln. Sie blieb zurück, wäh-
rend ihre Schwester eine langstielige Axt vor sich hielt und grim-
mig vortrat. Strähnen ihrer Löwenmähne umspielten ihr heraus-
forderndes Lächeln. Sie trug nichts als ein tief ausgeschnittenes
Lederwams mit einem kurzen Rock – Kleidung, die bei ihrer athle-
tischen Figur bestens geeignet war, männliche Gegner abzulenken,
aber kein bisschen geeignet, um sie vor Wunden zu schützen.
Ansatzlos sprang sie die letzten acht Meter in Firfalgons Kopfhöhe
durch die Luft. Kreischend wie eine Harpyie trat sie nach Firfalgons
Kopf, unmittelbar einen Axthieb nachschickend, noch bevor ihre
Sohlen das Laub berührten.
Firfalgon war weit zurückgesprungen und der beeindruckenden
Attacke haarscharf entgangen. Diese Kriegerin war mit den Schat-
ten im Bunde oder wurde von Magie gestärkt, dessen war er sich
sicher. Sie warf ihre Mähne in den Nacken und lachte laut. „Hast
du Angst, du großer starker Mann?“, höhnte sie mit tiefer Stimme.
Ihr Dialekt war seltsam. Plötzlich sprang sie wieder durch die Luft,
von unnatürlicher Kraft getragen. Ihre Axt donnerte mit solcher
Macht auf Firfalgons Schild, dass er in die Knie sackte. Sein Arm
blutete stark unter dem durchschlagenen Schild. Er holte mit dem
Hammer aus – der Fuß der Kriegerin brach ihm die Nase. Er tau-
melte rückwärts, rutschte fast im nassen Laub aus und war kaum
fähig, den Schild vor sich zu behalten. Vor Schmerz und Tränen-
fluss konnte er die Gegnerin bloß verschwommen sehen. Sie ist so
verdammt schnell!

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Sie brüllte tierhaft und sprang ihm nach. Ihre Axt schlug Firfalgons
Schild mitsamt Arm so hart nach außen, dass sein Fuß nachrutschte
und er sich halb zur Seite verdrehte. Aus weit aufgerissenen Eu-
lenaugen stierte er sie an, als das metallene Stielende ihrer Axt zu
seiner Kehle zuckte. Er lehnte sich noch weiter zurück, entging dem
tödlichen Stich. Doch wieder lachte die Kriegerin; der Stiel verfehl-
te ihn, sie trat ihm aber vor die Brust. Seine Rippen knackten, er
stürzte haltlos zu Boden. Brüllend reckte die Kriegerin sich und riss
die Axt hoch über den Kopf, um den Hadanter zu zerhacken. Ihre
Augen brannten, rot vor Blut. Schaum tropfte von ihren Lippen.
Firfalgon schrie entsetzt und riss im letzten Augenblick den Schild
über sich. Er wurde in den Boden gedroschen. Die Axt durchschlug
den Stahl von Schild und Armschiene und durchtrennte die Mus-
keln seines Unterarms bis zum Knochen. Doch gleichzeitig häm-
merten sich die Dornen seiner eigenen Waffe durchs Knie der Geg-
nerin. Firfalgon stöhnte, seine Augen quollen vor Panik aus den
Höhlen. Aber er strampelte sich auf die Füße zurück.
Die Kriegerin brüllte nicht vor Schmerz. Sie brüllte wie eine wü-
tende Löwin und hinkte dem Hadanter nach, als er totenbleich
von ihr fortwich. Er konnte den Schild nicht mehr heben; sein
Blut pulste in dicken Schüssen aus der Kerbe im Stahl. „Bei allen
Acht Göttern Dememnons!“, keuchte er. „Eine Ausgeburt Hadag-
gons oder der Madúrim!“ Madúrim war der hadantische Name
für die Torwesen.
Schaum troff die Mundwinkel der Kriegerin herab. Aus ihren Au-
gen flossen kleine Bluttröpfchen. „Imdra, heil mich!“, grunzte sie.
Ihre Augen verdrehten sich, während sie Firfalgon vor sich her
trieb. „Die Droge lässt nach!“
Ihre kleinere Schwester hob leicht das Kinn. Sie trug ihr Platinhaar als
Pferdeschwanz und wirkte geduckter, schüchterner als die Kriegerin.
Imdra breitete die Arme aus und sang mit brüchiger Stimme.
Firfalgon verstand zu spät und verpasste seine Chance, den Kampf
zu beenden. Das Knie der Kriegerin hörte auf zu bluten. Sie
sprang wie unverletzt vor und schlug Firfalgon mit Triumphge-
schrei die Waffe aus der Hand. Der unmenschlich starke Ruck
hätte ihm beinahe die Schulter verrenkt. Ohne auszuholen stieß

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sie blitzschnell den Stiel vor; da Firfalgon den Schild nicht mehr
heben konnte, traf sie seine Zähne und schickte ihn betäubt zu
Boden. Er spuckte helle Splitter aus, schloss die Augen und betete
stumm zu seinen Göttern.
„Er ist besiegt, lass ihn!“, verlangte Imdra und sang nicht weiter.
„Halt ’s Maul, dummes Stück! Sing!“, schrie die Kriegerin, als sei
ihre Schwester bloß eine Sklavin, und trat Firfalgon zwischen die
Beine. Der Hadanter krümmte sich und würgte immer noch Split-
ter seiner Zähne aus.
Imdras Gesicht verfinsterte sich, sie ließ Kopf und Arme sinken und
schwieg. Das Knie ihrer Schwester blutete wieder. Die Kriegerin
knurrte, wirbelte herum und hinkte zwei Schritte auf Imdra zu. Ihr
Gesicht war so entstellt vor Hass, als hätte ein Raubtier seine Kral-
len hineingeschlagen. „Heil mich, oder ich habe keine Verwendung
mehr für dich!“, grunzte sie.
Drei Sekunden hielt Imdra dem Blick ihrer wahnsinnigen Schwester
stand. Dann senkte sie den Kopf, hob erneut die Arme und sang.
„Wieso hilft es nicht?“, schrie die Kriegerin Imdra an und winkte dro-
hend mit der Axt. Schmerz grub sich in ihre Augen und Mundwinkel.
Imdra tat halbherzig überrascht. Sie lächelte eisig, ohne Mitleid.
„Vielleicht hast du einfach zu viel von deinen Kampfdrogen ge-
nommen, Danura?“
„Ich sollte dir mehr Respekt einprügeln!“ Danura fletschte die Zäh-
ne und hinkte auf ihre Schwester zu. Sie wischte sich den Schaum
vom Mund und das Blut von den Augenwinkeln. Imdra wich nicht
zurück, sondern sang weiter.
Ein Rascheln hinter ihr ließ Danura stocken. Sie knurrte tierhaft
und fuhr herum, sprungbereit wie eine jagende Löwin. „Hast du es
immer noch nicht begriffen, Männlein? Ich werde dir – was?“
Firfalgon schlug ihr mit dem Kriegshammer ein klaffendes Loch in
den Schädel. Rotgraue Hirnmasse bröckelte über ihre Wangen und
Nasenflügel. Das Auge unter dem Loch zerplatzte und lief mit den
Hirnbrocken um die Wette. Danura schwankte überrascht. Dann
begann sie zu schreien. Sie hob die Axt und schlug mit solcher
Wucht gegen Firfalgons Schild, dass der Hadanter zwei Schritte
rückwärts stolperte. Imdra hatte ihn vollständig geheilt, nicht seine

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Schwester. So war er auch fähig gewesen, den mächtigen Hieb beim
Parieren mit dem Schild zur Seite zu lenken, sodass die Axt sich
nicht erneut in seinen Arm hackte.
Danuras Glieder zuckten unkontrolliert. Sie verlor ihre Axt und
dann das Gleichgewicht. Mit stumm aufgerissenem Mund wälzte
sie sich in Blättern und Gestrüpp, ihr verbliebenes Auge stierte
traurig in den Himmel. „Mögen die Götter dir vergeben!“, flüsterte
Firfalgon. Im selben Moment fielen ihre Fäuste ins braune Laub
und öffneten sich, als der letzte Atemhauch ihre Lippen verließ.

Die Blicke des Hadanters und der zaubermächtigen Schwester tra-


fen sich. Ruhig standen sie da. Firfalgon ignorierte die salzige Flut,
die ihm nun bewusst wurde, da sie von Stirn, Nacken und überall
hervorquoll. „Ich danke dir“, raunte er, gerade laut genug, dass sie
ihn hörte. Zehn Schritte war er von ihr entfernt. Er betrachtete
wachsam ihre Haltung, unsicher, ob sie seine Feindin war oder
nicht. Ihren seltsamen Dialekt hatte er nie zuvor gehört. Keine ihm
bekannte Gruppierung Dememnons betonte Worte so ungleichmä-
ßig. Doch sie hatte ihm sogar die Zähne neu wachsen lassen – die
hätte er nicht gebraucht, um die Kriegerin zu töten. Andererseits
gehörte Imdra zu den Räubern, die seinen Knappen und seinen
Hengst getötet hatten.
Sie muss von den Schattenläufern stammen. Niemand sonst besitzt
solche Zaubermacht. Aber an dem Überfall hat sie womöglich nicht
freiwillig teilgenommen. Vielleicht hat Danura sie gezwungen ... und
nun hat Imdra sich von ihrer tyrannischen Schwester befreit.
Schwermütig erwiderte Imdra auf Firfalgons Dank: „Der Tod dei-
nes Begleiters und deines Pferdes tut mir leid. Ich hoffe, wir sind
jetzt quitt und du lässt mich gehen. Wir sind beide allein und weit
weg von unserer Heimat. Vergiss den Krieg. Egal mit welchen Wor-
ten unsere Anführer uns blenden – der Krieg ist ein Krieg der Poli-
tiker, der unersättlichen Machtgierigen, nicht unserer.“
Firfalgon lächelte schwach. „Du bist weise“, erwiderte er und biss sich
nervös auf die Unterlippe. „Das war ein beeindruckender Zauber. Ich
spüre keine Schmerzen mehr im Arm, und sogar meine Zähne hast
du geheilt. Andere Schattenläufer hätten viel länger für solche Magie

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gebraucht, soweit ich mich mit eurer Art auskenne, oder täusche ich
mich?“ Er schmiegte die Faust fester um seine Waffe, war sprungbe-
reit. Ihren Schatten behielt er ganz genau im Auge.
„Du denkst, ich bin mit den Lebenden Schatten im Bunde, um
größere Macht zu erlangen? Du irrst dich.“ In ihrem Gesicht regte
sich nichts.
„Dann bist du die mächtigste Schattenläuferin, mit der ich je das
Vergnügen hatte.“ Firfalgon übertrieb, um sein Gegenüber aus der
Reserve zu locken. Doch seine Waffenhand zitterte vor wachsender
Furcht. Er überspielte seine Angst mit einem dünnen Lächeln und
stellte seinen Kriegshammer auf den Boden, stützte sich darauf, um
seine Bereitschaft zum Frieden zu zeigen.
Er hatte schon viel gesehen, hatte viele Orte Dememnons bereist.
Sein Blick fiel auf Danuras verkrümmte Leiche. Firfalgon wusste,
dass es mehr Dinge gab, die er bisher nicht gesehen hatte, als Dinge,
die er kannte. Manchmal glaubte er, er lebte nur noch, weil er die
wirklich gefährlichen Dinge nicht gesehen hatte. Aber dass diese
Frau keine gewöhnliche Schattenläuferin war und es nur nicht zu-
geben wollte, daran bestanden für ihn kaum noch Zweifel. Wenn
sie wirklich nicht mit den Schatten im Bunde war – wer oder was
war dieses Mädchen dann? Und wo sprach man so seltsam? Andere
Schattenläufer redeten angenehmer für das Ohr.
Schattenläufer verweigerten sich mit fanatischem Eifer je-
der Technologie, wodurch sie die geschundene Magie milde
stimmten. Was seit dem Inferno von den Kräften der Magie
geblieben war, konnten sie daher bis zu einem gewissen Grad
nutzen. Doch die Torwesen beobachteten den magischen Fluss
über Dememnon und lauerten auf jeden kleinen Fehler, um die
Schattenläufer zu korrumpieren. Manche Schattenläufer waren
mächtiger als eine Kompanie Technokraten. Solche konnte man
kaum länger als gewöhnliche Sterbliche bezeichnen. Doch wehe,
sie gerieten in den Bann der Torwesen und wandten sich gegen
die Menschen.

Imdra schwieg und schwieg. Hätte ihr tiefer Atem nicht ihre Brust
bewegt, sie hätte eine bekleidete Statue aus weißem Marmor sein

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können. Hinter ihrer Steinfassade wirbelten die Gedanken. Sie
wollte nicht zu viel über sich preisgeben.
Als Firfalgon nach seiner Antwort heischen wollte, gleichzeitig
kampfbereit, redete sie jedoch. „Einst lebte ich weit im Osten ...
bei denen, die Mystiker von Ten’britheel genannt werden.“ Sie legte
den Kopf schräg. „Erschreckt?“
Der Hadanter schluckte und versteifte sich. Von diesen Menschen
hatte er bisher nur gehört – worüber er sich glücklich schätzte. Die
Mystiker von Ten’britheel waren eine elitäre und fanatische Sekte
innerhalb der Schattenläufer. Manche von ihnen opferten sich den
Lebenden Schatten, um den anderen zusätzliches Wissen zu brin-
gen. Angeblich gab es einen eigenen Gedenkplatz für solche Op-
fer, an dem die Seelen der Untoten umgingen und ihre entstellten
Fratzen aus den Mauern um Erlösung flehten. Kaum ein Mitglied
dieser Sekte war bei klarem Verstand, hieß es, bedingt durch die bi-
zarren Rituale, denen sie alle sich von Kindesbeinen an unterziehen
mussten. Die Torwesen hassten die Stadt Ten’britheel und betrach-
teten deren absonderliche Bewohner als ihren gefährlichsten Feind.
Firfalgon setzte zu einer Antwort an, aber Imdra kam ihm wieder
zuvor. „Anders als meine Schwester widerstand ich dem Abgrund.
Ich habe nie so viel Macht entfesselt, dass ich die Torwesen herauf-
beschworen hätte, nur um jene archaischen Zauber zu kosten, wie
unsere Ahnen sie vor Jahrhunderten noch kannten. Meine Macht
ist daher eher bescheiden, ob du es glaubst oder nicht.“
Firfalgon ließ sich seine Zweifel nicht anmerken. Will sie mich mit
ihrer plötzlichen Offenheit in Sicherheit wiegen?
Imdra versteinerte erneut zu einem Marmorblock, wurde kalt und
steif. Aber ihre blassen Lippen bewegten sich, sie berichtete aus-
führlich. „Danura war maßlos vor Gier, gleichzeitig völlig unta-
lentiert für die Wege der Schattenläufer. Sie war in die Sekte bloß
hineingeboren worden. Nicht einmal die Torwesen wollten sie als
Dienerin haben. Sie fand einen anderen Weg, ihre Machtgier zu
befriedigen, indem sie die Kräfte der Alchimie erforschte. Sie ...“
Imdra zögerte, für einen Moment gruben sich Trauerfältchen in
ihre junge Stirn. Doch sie atmete tief ein, streckte sich und redete
mit kühler Stimme weiter.

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„Danura hat einige Verbrechen im Umland von Ten’britheel be-
gangen, aber sie war meine Schwester. Ich war damals ebenso naiv
wie loyal und hielt zu ihr. Gemeinsam flohen wir aus Ten’britheel
und dem Gebiet der Schattenläufer, aus der Reichweite der
Kopfgeldjäger, bis hierher zur Goldbucht und schließlich in den
Dreschwald, um alte Schätze zu heben. Als Schattenläuferin verst-
ehe ich die Natur wie sonst niemand und kann den Wald gnädig
stimmen. Ich konnte ihn sogar davon abhalten, die Räuberbande
meiner Schwester zu verschlingen, die für sie den Boden durch-
wühlt hatte. Dass du so tief hier eindringen konntest, zeigt mir,
dass auch du der Natur gegenüber tugendhaft eingestellt sein
musst. Darum konnte ich meine Schwester auch nicht länger ge-
währen lassen. Nicht bei dir.“
Firfalgon nickte langsam, während er das Gehörte verarbeitete.
„Du solltest deinen Weg jetzt fortsetzen, Hadanter, bevor die an-
deren Männer wiederkommen. Einige sind geflohen, bevor der
Kampf losging, aber sie werden sich organisieren. Danura hat sie
sehr innig an sich gebunden, sie werden sie rächen wollen.“
„Was ist mit dir? Bist du gerne Schatzsucherin und ... Räube-
rin?“ Firfalgon hob herausfordernd das Kinn und scharrte nervös
mit dem Fuß. Imdra mochte behauptet haben, nicht sehr mäch-
tig zu sein, aber sie konnte untertreiben oder lügen. Außerdem
hieß es überall auf Dememnon, dass selbst schwache Mystiker aus
Ten’britheel eine gefährliche Kraft seien, der man gar nicht schnell
genug die Kehle durchschneiden konnte. Firfalgon wagte sich mit
seinen Worten noch weiter vor und testete die Grenzen von Imdras
Offenheit: „Was hält dich hier?“
„Der Dreschwald“, kam die überraschende Antwort. „Ich verstehe
ihn. Er ist mein Freund.“ Sprachlos starrte der Hadanter sie an.

Aus dem Unterholz, fünfzig Meter entfernt, drang eine dümmliche


Stimme. „Ich hab alles gesehen und gehört! Imdra hat Danura ver-
raten! Töten wir sie!“
Ein unentdeckter Späher hatte den zurückgekehrten Räubern Be-
richt erstattet. Gebrüll erhob sich. Das Unterholz bewegte sich rup-
pig, Regentropfen stoben in alle Richtungen davon.

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„Weg!“, zischte Firfalgon und winkte Imdra, ihm zu folgen. Sie zö-
gerte, obgleich etwas in den Eulenaugen des Hadanters ihr Vertrau-
en einflößte. Sie wusste nicht viel über seine Fraktion, nur dass sie
so klein und schwach geworden war, dass sie ihr oberirdisches Ter-
ritorium weitestgehend an Technokraten und Schattenläufer verlo-
ren hatte. In einem weit verzweigten Höhlenlabyrinth in der Tiefe
Dememnons versuchte sie zu überleben. Der Hengst dieses Mannes
war daher vermutlich eine äußerst seltene Kostbarkeit gewesen.
Firfalgon brüllte Imdra an: „Verdammt! Beweg dich!“ Er lief und
blickte hinter sich, wo die junge Frau unschlüssig dastand. Fünf
Männer rannten auf sie zu, mit Klingen und Bögen bewaffnet. Bis
auf einen, der eine Schusswaffe zog.
Imdra erschrak, sie hob die Arme und sang. Zwei Schüsse peitschten
an Stämmen und Sträuchern vorbei. Das Zauberlied brach jäh ab.
Imdra griff sich an die Brust und sank wie ein Herbstblatt zu Bo-
den. Der Schütze stopfte die Steinschloss-Pistole im Laufen in den
Gürtel und zog einen Dolch.
Vielleicht befahl es der magische Wald, oder die Götter verlangten
es. Aber Firfalgon wusste plötzlich, dass eine Flucht vor den Bögen
der Männer falsch war. Er musste Imdra tragen. Ohne Eile ging
er zurück und baute sich vor der röchelnden Imdra auf, die beide
Hände auf ihre Robe presste.

Ruhe vor dem Sturm. Firfalgon taxiert seine Gegner. Zwanzig Me-
ter vor ihm halten sie an und lachen höhnisch, spannen ihre Bögen.
Er muss die Schüsse heil überstehen und dann stürmen. Sein Schild
kann ihn wieder retten. Er darf nicht zu früh in Deckung gehen,
darf sich nicht verraten, und nicht zu spät, dann ist er tot. Auch
ohne Volltreffer kann er verwundet nicht gut genug kämpfen, um
es mit fünf Männern aufzunehmen.
Die meisten Hadanter hätten sich nicht einmal gegen drei sol-
cher Räuber Chancen ausgerechnet. Doch Firfalgon war einer der
bestausgebildeten Tempelkrieger seiner Heimat. Sein Hammer
hatte schon über tausend Männer das Leben gekostet. Aber sein
größter Vorteil war: Firfalgon, „Die Bluteule von Dememnon“, sah
überhaupt nicht danach aus.

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Sein Herz ist seine Kriegstrommel. Trommelwirbel. Der nahe Tod
berauscht ihn, jagt sein Blut rasend voran. Die Pfeile durchschlagen
seinen Schild. Nutzlos! Er brüllt, stürmt vor und verflucht die Räu-
ber. Die Gegner bilden einen Halbkreis. Er läuft furchtlos hinein und
durch den ersten Gegner hindurch, reißt ihm mit der Schildspitze
die Kehle auf. Firfalgon springt über den Sterbenden, dreht sich im
Sprung und schlägt dem zweiten den Schädel ein. Dem dritten tritt
er das Knie weg, sodass der seinen Schlag verreißt. Er greift seinen
Hammer weiter oben und zerschmettert mit zwei blitzenden Schwün-
gen Waffenarm und Schädel. Der vierte Gegner rennt mit gezücktem
Dolch um Firfalgon herum und versucht, ihn rücklings zu erstechen.
Gleichzeitig springt der letzte Gegner mit einer großen Keule vor.
Firfalgon sackt rückwärts in die Hocke und zertrümmert das Knie
des kreischenden Dolchkämpfers. Der Kerl mit der Keule weicht
dem Stürzenden ungeschickt aus, wankt, droht auf Firfalgon zu fal-
len. Nah am Boden bleibend, federt der Hadanter mit dem Schild
vor gegen die ungeschützten Schienbeine. Der Gegner brüllt vor
Schmerz, Firfalgon richtet sich unter ihm gelassen auf – der schwere
Mann dreht sich über Firfalgons Schulter in der Luft und kracht auf
den Rücken. Sofort folgt ihm der Kriegshammer und durchschlägt
seine Schädeldecke. Firfalgon zieht ohne hinzusehen den Fuß ein, in
den der verwundet daliegende Dolchträger seine Waffe rammen will.
Blickkontakt, beide wissen: Der Kampf ist aus.
Die Wahrnehmungskraft des Hadanters grenzte dank seiner en-
ormen Kampferfahrung ans Übersinnliche. Jämmerlich um Gnade
winselnd, sah der letzte Räuber zu Firfalgon auf – sah in den he-
ranfliegenden Kriegshammer, der ihn mitleidlos hinrichtete. „Im
Namen von Anruth, Göttin von Nacht und Tod!“, verkündete der
Tempelkrieger mit erhobener Faust.
Firfalgon atmete schwer und sah sich um. Nachdem er sicher war,
dass alle Gegner tot waren, spurtete er zu Imdra. Die Schattenläu-
ferin atmete noch. Ihr trüber Blick wanderte zwischen den Ster-
nen. Ein Tropfen Blut war ihren Mundwinkel herabgelaufen. Sie
erkannte den Hadanter nicht, als er sich neben sie kniete. „Der
Wald passt auf mich auf“, hauchte sie. „Wenn du mir etwas antust,
werden Wurzeln dich packen und Tiere dich fressen.“

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„Ich will dir helfen“, entgegnete Firfalgon ruhig.
„Ich brauche keine Hilfe“, lächelte Imdra gequält. „Der Wald ...“
Sie verdrehte die Augen, ihre Lider sanken herab.

„Dieser Verrückte hat es schon wieder getan!“, lachte Baldrin und


zeigte auf eine Gestalt, die sich am nächtlichen Horizont abzeich-
nete. Beutemacher und er hatten einen Augenblick Ruhe von der
vollen Spelunke gesucht. Sie tranken Whiskey und Rum, saßen am
Strand und lauschten den schwindenden Wellen der Ebbe. „Sicher
kommt die Bluteule wieder, um bei dir eine Handelspassage nach
Ortabach zu buchen!“ Baldrins Lachen erstarb, als er Beutemachers
gequälten Blick sah. „Entschuldige, ich kann das mit deinem Schiff
immer noch nicht glauben“, murmelte der Wirt. Beutemacher trug
einen alten Ledermantel von Baldrin; sein geliebter Kapitänsmantel
war mitsamt der „Schatzkiste“ untergegangen.
„Wen trägt er denn da in seinem Umhang?“, wunderte sich Beute-
macher und kniff die Augen zusammen. „Und er hat seinen Helm
und seinen Knappen nicht dabei.“

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Sie gingen ihrem Freund entgegen. Anders als die meisten Ha-
danter war Firfalgon kein politischer Fanatiker und versuchte
nicht, jeden Zweibeiner zu erschlagen, der nicht seiner Fraktion
angehörte. Er ließ es zumeist sogar zu, einen nützlichen Zauber
anzunehmen oder einen Gefährten ein technisches Gerät einset-
zen zu lassen; viele Hadanter glaubten fest daran, dass dies un-
mittelbar die Lebenden Schatten stärkte und reagierten auf Ma-
gie und Technologie daher äußerst ungehalten. Auch Firfalgon
glaubte, dass einzig das Aushungern der Torwesen durch Nicht-
verwendung von Magie und Technik die Rettung der Welt brin-
gen würde. Doch schien ihm dies nur in einem größeren Maßstab
als der persönlichen Ebene relevant.
Baldrin und Beutemacher hielten die religiösen Überzeugungen des
Hadanters insgeheim für Unsinn. Doch Firfalgon war, wie Beute-
macher, einer jener wenigen, die den Dreschwald ohne magischen
Schutz betraten und lebend wiederkehrten, und dafür gebührte
ihm größter Respekt:
Der Dreschwald war eine kaum zu umgehende Grenze auf dem
Weg zur Goldküste, außerdem war er voller Schätze und lockte
zahlreiche Abenteuer an. Doch seine Insekten vervielfachten für
einige schreckliche Sekunden ihre Größe zum Angriff. Sie stürzten
sich in Schwärmen auf Schlafende und Verwundete, die nicht vom
atmenden Waldboden ins Grab gezogen wurden. Bienen und Stech-
mücken erdolchten Ahnungslose im Sturzflug. Allein das Dröhnen
der Riesenhummeln jagte manchen Eindringling davon. Riesen-
spinnen, behaart wie sengender Bärenklau, jagten ihre Opfer im
Rudel. Sie hängten die Toten am Hals in die Bäume wie an Galgen,
gut sichtbar zur Abschreckung.
Schwarze Eiben schlichen wie die mythenhaften Trolle durchs Un-
terholz des Dreschwalds, streuten ihre giftigen Früchte in die Töpfe
von Reisenden und erwürgten die Unachtsamen mit Dornenwur-
zeln. Ihre Sprache lag im zischelnden Rascheln, für Menschen un-
hörbar bei Windstille.
Manchen toten Menschen behielt der Dreschwald bei sich, an-
statt seiner Seele die Flucht ins Totenreich zu gestatten. Vom Wald
durchdrungene Untote, kaum mehr menschenähnliche Krieger,

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hatten schon ganze Karawanen abgeschlachtet. Die Waldkrieger
besaßen modrige Rindenhaut, auf der Pilze wucherten, wo ihre
Knochen nicht durchschienen. Sie bluteten Harz, Giftsporen und
Fleischmaden, wenn jemand es schaffte, sie zu verwunden.
Die Vögel waren zu gespenstisch zirpenden Irrlichtern geworden,
die des Nachts willensschwache Eindringlinge vom Weg fort-
lockten, geradewegs in die Fänge der zahllosen Monster dieses Men-
schen hassenden Ortes. Manche nannten den Dreschwald auch das
Racheschwert der Natur. Lebende Säugetiere, wie Wölfe, Rehe oder
Füchse, gab es hier nicht mehr. Wohl aber ihre ruhelosen Geister,
angeführt durch das flammende Skelett eines geflügelten Einhorns:
dem Herrn des Dreschwalds. Seinen Namen konnten die Sprachen
der Menschen und der Lebenden Schatten nicht erfassen.

Firfalgon, Beutemacher und Baldrin begrüßten sich mit gedrückter


Freude und erzählten sich ihre jüngsten Erlebnisse. Dass Imdra
aus Ten’britheel stammte, verschwieg Firfalgon, um seine Freunde
nicht unnötig zu beunruhigen. Während der Hadanter noch vom
Kampf im Dreschwald berichtete und wie er die Wunden der Frau
versorgte, zogen sie sich zu Baldrins Spelunke zurück. Dort würde
Firfalgon mit der Frau im Arm einiges Aufsehen auf sich ziehen.
Sie quetschten sich ins braungraue Zwielicht, an fettigen Lumpen-
gestalten und hageren Mördern vorbei, die nach Alkohol, saurem
Schweiß und Zigaretten stanken. Rauchschwaden hingen schwer
über den Köpfen. Lachen und Grölen überfüllte den wenigen Platz
zwischen den gedrängten Gästen. Von allen Seiten blitzten Blicke
in alle Richtungen. Jeder passte auf den Rücken seines Nachbarn
auf. Gelegentlich krähte Elenora etwas dazwischen.
Firfalgon nahm seinen Umhang zurück und legte Imdra zu Jennica
ins Bett; die anderen Betten waren alle ausgebucht, wie Ireen im
Vorbeigehen berichtete, ein Tablett mit Bierkrügen balancierend.
Firfalgon stellte sich an den Tresen, weil kein Hocker mehr frei war,
und erklärte, was er hier wollte. Jedenfalls hob er dazu an.
Draußen peitschte ein Schuss. Beutemacher war als Erster von
den dreien am Fenster und drückte seinen grauen Schädel an zwei
anderen Piraten vorbei an die speckige Scheibe. Er wurde starr

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und erbleichte. „Sannrott ist hier“, hauchte er und wich von der
Scheibe zurück.
Die meisten Spelunkengäste drückten sich die Nasen am schmie-
rigen Glas platt oder rannten hinaus. Einige zückten Pistolen. Bal-
drin warf seine Kippe weg und griff nach der Technokratenwaffe,
die im Gürtel hinter seinem Rücken verborgen war. „Soll er doch
kommen“, knurrte der Wirt. Beutemacher warf ihm einen war-
nenden Blick zu. Ein Blick, der Baldrin tatsächlich bremste – weil
auch Furcht darin glomm.
„Platz da!“, schnauzte Firfalgon. Mit einer Kraft, nach der seine
hagere Statur nicht aussah, packte er einen Piraten am Kragen und
warf ihn zwei Meter weiter auf den Boden. Auf Firfalgons zweifache,
höfliche Aufforderung, ihn an seine Waffe und seinen Schild hinter
dem Piraten zu lassen, hatte dieser nur mit einem geringschätzigen
Seitenblick reagiert und seinem besoffenen Kumpan Hadanterwitze
erzählt, den rumpelnden Dialekt von Firfalgons Heimat imitierend.
„Willst du hier auch noch Ärger machen, Mann?“, schrie der lis-
pelnde Pirat, sprang auf die Füße und zog ein Messer. Firfalgon
ignorierte ihn und packte seinen Wappenschild und seinen Kriegs-
hammer. „Ey, ich rede mit dir, du Spinner mit deinem ganzen Stahl
und deinem toten Schwarzbär auf ’m Rücken!“, frotzelte er weiter.
Er trippelte nervös auf den Füßen und leckte sich hektisch über die
Lippen. „Chrrote Chrritter chrrollen chrrostend chrrauf und chr-
runter!“, verhöhnte er Firfalgons Sprechweise. Seine kleinen Augen
und die dünnen schwarzen Härchen auf seiner Oberlippe verliehen
ihm die Ausstrahlung einer Ratte.
Firfalgon stieß ihm den Kriegshammer mit der Längskante vor die
Brust, sodass eine Rippe knackte und die jammernde, fiepende
Menschenratte erneut zu Boden geschleudert wurde. Die kleinen
Kopf- und Seitendornen des Hammers hatten Kratzer an Kinn und
Brust hinterlassen.
Elenora flatterte und schlug die Flügel gegen die klappernde Käfigwand.
„Und wer wischt Blut weg! Wischt Blut weg! Und wer! Rrrrrote!“
„Lass meinen Kumpel in Ruhe, du Spinner!“, schnauzte ein jün-
gerer und kräftigerer Pirat, schlug der Flasche in seiner Hand am
Tisch den Boden aus und wollte sich damit auf Firfalgon stürzen.

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Ein bierbäuchiger Grauhaariger mit Kopftuch hielt ihn zurück und
flüsterte ihm ins Ohr: „Das ist die Bluteule von Dememnon. Setz
dich hin.“ Firfalgon stand längst mit Baldrin und Beutemacher vor
der Tür. „Rrrrrote! Rrrrrote! Chaka!“, plärrte Elenora.
Ireen hatte von der Empore aus dem Streit zugesehen und schob
ihre beiden Steinschloss-Pistolen in den Gürtel zurück. Sie hob ihr
Tablett vom Boden auf und servierte weiter schäumende Bierkrüge
und andere, stechend riechende Getränke an diejenigen, die von
ein paar Schüssen am Strand oder einem waffenschwingenden Ha-
danter nicht mehr aus der Ruhe gebracht wurden.

Sannrotts Schiff war mit der Flut und dem letzten Sonnenlicht
eingelaufen und ankerte nun im Buchthafen, der in einen felsigen
Abhang geduckt lag, nur einen Steinwurf vom Küstengold entfernt.
Nirgends warnte ein Leuchtturm vor der Felsenbucht; wer den See-
weg nicht kannte, fand sie nicht oder zerschellte. Zwar gab es keine
richtige Stadt, doch genug Eigenbrötler, die gemeinsam den Ha-
fen erbaut hatten, sich um seine Erhaltung kümmerten und ihre
Hütten und Häuser in seiner Nähe errichtet hatten. Jeder, der die
Hafengebühr entrichtete, durfte von Bord, das war die einzige Re-
gel. Und vor Sannrott hatte das Hafenpersonal niemand gewarnt.
Beutemacher hatte es vergessen.
So stand Sannrott nun mit seiner halben Mannschaft vor Baldrins
Spelunke, hinter sich vierzig Mann mit Pistolen, Säbeln und ...
Schatten werfenden Fackeln. Sannrott zu Füßen lag verkrümmt
die nächste Leiche, seit Beutemachers Schatzkiste gesunken war.
Ein Betrunkener hatte zu seiner Hütte zurückkehren wollen und
das Pech gehabt, Sannrott über den Weg zu torkeln. Die meisten
Männer, die aus der Spelunke gestürmt waren, prallten vom An-
blick der feindlichen Truppe zurück. So unweigerlich die Ebbe
die Flut ablöste, zogen sie sich wieder ins Haus oder gar bis in die
Dünen zurück.
Sannrott schrie hasserfüllt: „Gib sie mir! Oder ich töte jeden Mann
und jede Frau in der ganzen Goldbucht! Nur dich nicht, damit du
zusehen kannst! Du weißt, wer ich bin! Du hast keine Chance!“
Zu seinen Freunden wisperte Beutemacher: „Wenn er will, wirft

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er seinen Schatten auf uns und wir sterben. Ich hole die Frau, wir
haben keine Wahl!“
Firfalgon stellte sich ihm entschlossen in den Weg. „Ich kann
das nicht zulassen! Solange ich atme, wird kein Unschuldiger
der Hölle geopfert!“
„Was willst du denn machen?“, zischte Beutemacher.
Der Hadanter wusste keine Antwort. Doch sein Blick loderte und
sagte unumstößlich: „Ich kann nicht anders!“
„Scheiß Fanatiker!“, knurrte Baldrin von der Seite zu Firfalgon. „Wir
werden alle draufgehen, wenn wir diese Jennica nicht ausliefern! Und
noch schlimmer: Die Torwesen werden sich hier vielleicht zeigen und
festsetzen! Das willst du doch so wenig wie wir!“
Die Stimme des Hadanters vibrierte vor Anspannung. „Es muss einen
anderen Weg geben!“, beharrte er und reckte trotzig das Kinn. „Die
Traumkraft wird uns die Macht verleihen, diesen Schattendiener zu
überwältigen! Und holt Licht, wenn ihr Angst vor Schatten habt.“
Beutemacher lachte leise. „Die Traumkraft! Hört, hört!“
„Wunschdenken!“, zischte Baldrin.
„Es gibt sie!“, beharrte Firfalgon und fuhr herum. „Sie ist die Wahr-
heit unserer Seelen! Die andere Seite derselben Medaille! Wir dür-
fen nicht nur das Dunkle sehen, wenn wir die Lebenden Schatten
aus unseren Seelen und unserer Welt verbannen wollen!“
Beutemacher schüttelte langsam den Kopf und sah beinahe traurig
in Firfalgons grimmiges Eulengesicht. Baldrin zischte verächtlich
und ließ den Blick über die feindliche Mannschaft schweifen. „Die
werden ungeduldig“, knurrte er.
Firfalgon entspannte sich und seufzte. Er wusste jetzt, dass er sei-
ne Freunde nicht mit Worten erreichen konnte. Er musste handeln.
Noch nie hatte der Tempelkrieger seinen Glauben so endgültig auf
die Probe gestellt. Doch er hatte gelernt, dass nur die größte Not die
Menschen zu größter Kraft trieb. Wenn es die Traumkraft gab, würde
er sie jetzt oder nie finden. Gab es sie nicht, wollte er in dieser zum
Untergang verdammten Welt sowieso nicht länger leben.
„Ich beweise es. Jetzt und hier!“, hauchte Firfalgon. Seine Stimme
bebte vor Angst – und auch vor Ehrfurcht. Ehrfurcht vor dem mög-
licherweise weltumspannenden Einfluss jener Geschichte, die er

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heute schreiben würde. Jener Legende von einem, der bewies, dass
es die Traumkraft wahrhaftig gab. Wenn er, dessen Tugend so groß
war, dass selbst der Dreschwald ihn in Frieden ziehen ließ, nicht gut
genug für die Traumkraft war, war es niemand. Sicher, er hatte Blut
vergossen. Doch in einer Welt wie Dememnon überlebte niemand,
der sich nicht nachhaltig wehrte. Sollte das Schicksal mehr als ihn
fordern, forderte es den bedingungslosen Untergang und alle Hoff-
nung war vergebens.
Mit grimmigem Lächeln marschierte Firfalgon auf Sannrott zu.
„Idiot!“, blaffte Baldrin, doch seine Miene verzog sich traurig.
Beutemacher flüsterte dem Hadanter viel Glück nach. Er wollte
den Anblick des sterbenden Freundes nicht ertragen, aber er konnte
auch nicht wegsehen. Er war gefesselt von der Bedeutung dieser Tat,
obwohl er Firfalgon nur geringe Chancen zugestand. Selbst wenn er
die Traumkraft durch seine kompromisslose Tugend fand und den
Schattendiener ausschaltete – er war doch nur einer gegen vierzig,
von denen die Hälfte Pistolen trug. Vielleicht war es das Opfer, dass
Firfalgon gleichzeitig mit dem Beweis für die Traumkraft bringen
wollte, was seiner entstehenden Legende Gewicht verlieh. Er wollte
sich offenbar zum Märtyrer machen.

Imdra sah den Mann vor sich, der ihr Leben gerettet hatte, obwohl
er leicht hätte fliehen können. Einen der wenigen, den der Wald
nicht hatte ermorden wollen. In ihrem Traum war er der Prinz,
auf den sie Jahr auf Jahr gehofft und gewartet hatte, der sie aus
Ten’britheel hätte retten sollen, als sie noch klein gewesen war. Be-
vor unmenschliche Kreaturen mit schwarzen Kapuzen ihr fremde
Runen in den Rücken gebrannt und sie gezwungen hatten, tagelang
ohne Licht, Nahrung, Wasser und Gesellschaft zu leben. Bevor all
die anderen Qualen des Erwachsenwerdens in Ten’britheel über sie
gekommen waren.
Sie gehörte zu den statistischen sechzig Prozent der Kinder, die in
Ten’britheel erwachsen wurden und das zwanzigste Lebensjahr er-
reichten, ohne an Krankheiten, Wunden oder Wahnsinn zu veren-
den. Ihr Märchenprinz war zu spät gekommen, um sie zu erlösen.
Im Gegenteil, jetzt brauchte er selbst ein Wunder.

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Immer noch träumend, sah sie dank ihrer Magie den todesveracht-
enden Firfalgon vor sich, wie er allein auf den lachenden Schatten-
diener zustapfte. Sie sollte Firfalgon seine späte Ankunft in ihrem
Leben heimzahlen. Ihn einfach sterben lassen. Aber vielleicht ver-
diente er noch eine Chance. Zumal er jener eine werden konnte,
der wahrlich die Traumkraft erlangte und die Lebenden Schatten
zurückschlug. In Ten’britheel waren die Hohepriester überzeugt,
dass einer der ihren als erster Mensch die Traumkraft zu nutzen
lernte. Sie waren schließlich die mächtigsten aller Sterblichen, die
sich mehr als jede andere Fraktion mit der Seele auskannten. Aber
was sie nicht wahrhaben wollten war, dass ihre Kenntnisse nur der
Zerstörung dienten. Die Traumkraft war jedoch eine schöpferische
Kraft, geboren aus Tugend und unerschütterlichem Glauben, nicht
aus Machtgier – egal zu welchem Zweck. Imdra hatte die Traum-
kraft für einen kurzen Moment gespürt, aber nicht gewagt, sie zu
berühren. Sie fühlte sich unwürdig und wollte die Reinheit der
Traumkraft nicht mit ihren Abgründen beschmutzen.
Imdra spürte, dass Firfalgon und seine Freunde noch nicht stark
genug glaubten. Sie musste ihnen helfen zu sehen, was sie gesehen
hatte. Firfalgon würde nicht zögern so wie Imdra, nicht den kurzen
Moment verpassen, da die Weltseele ihr wahres Antlitz darbot.

Morten Sannrott lachte irrsinnig, um sich in einen Kampfrausch


hineinzusteigern. Er fand keine Angriffsfläche an jenem Mann,
der mit primitiven Stahlgeräten auf ihn zumarschierte, außer, dass
er wohl sehr naiv sein musste. Doch jede Beleidigung, die er über
die Persönlichkeit jenes Mannes suchte, entzog sich sofort wieder
seinem Geist, war nicht gut genug, ihn zu treffen. Sannrotts
Lachen wurde so verkrampft und künstlich, dass es ihm schließlich
im Halse stecken blieb. Der Hadanter war fast da. Sannrott knurrte
tierhaft und warf seinen Schafspelz ab. Gierige Schatten, geworfen
von den Fackeln und Laternen seiner Mannschaft, bildeten einen
albtraumhaften Schutzwall. Sein eigener Schatten tanzte durch ihn
hindurch, doch etwas war anders. Sannrott spürte Nervosität an
dem Torwesen, und das machte ihn selbst rasend vor ungreifbarer
Angst. Er streckte brüllend die Waffe aus und zog den Abzug durch.

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Zahllose Kugeln schossen auf Firfalgon los. Sannrotts Männer feu-
erten ebenfalls ihre Pistolen ab.
„Lasst mich nicht im Stich, Ihr Götter Dememnons!“, schrie Fir-
falgon inbrünstig. Er stampfte durch den Kugelhagel wie durch
harschen Wind, den Schild wie einen Schirm voran. Das Schuss-
gewitter dröhnte blechern auf seiner Rüstung und seinem Wap-
penschild. Doch keine Kugel durchdrang seinen Panzer oder seine
Haut. Firfalgon brüllte im Triumphrausch und reckte den Hammer
gen Himmel.
Gleißendes Licht wuchs um ihn herum und begleitete ihn. Die
Schattenbarriere vor Sannrott zerriss mit einem Kreischen.
Fassungslos stierte Sannrott auf den erhobenen Kriegshammer, mit
dem Firfalgon einen plötzlichen Satz vorwärts machte. Sannrotts
Schatten verschwand in der Nacht, als der Hammer dumpf in sei-
nen Schädel krachte wie ein Blitz.
Sannrott kam nicht mehr dazu, das Tor in sich weit genug aufzurei-
ßen, um das Torwesen zu entfesseln oder gar weitere zu beschwö-
ren. Sein Gefolge hatte alles fallengelassen und rannte davon, so
schnell es konnte.
Firfalgons Augen quollen aus den Höhlen. Noch fassungsloser als
Sannrott stand er am Strand der Goldbucht, dem Ort, an dem
die Legende der Traumkraft und vom unverwundbaren Firfalgon
Bluteule ihren Anfang nahm. Er fiel auf die Knie, ließ den Ham-
mer in den Sand rutschen und starrte zu den Sternen, weinend
vor Glück. Nie zuvor hatte ein Mensch solch einen Sieg gegen die
Torwesen errungen.

In Baldrins Wohnwagen brach Imdra vor dem Fenster zusammen.


Sie glänzte nass vor Schweiß, glühte fiebrig und blutete aus der
Nase. Ireen kam hereingerannt und kniete sich zu der Schatten-
läuferin. „Was ist denn passiert?“, fragte Baldrins Tochter verstört.
„Wieso hast du dich aus dem Bett geschleppt?“
Jennica, die im selben Raum lag, versuchte die Situation zu erklä-
ren: „Sie hat etwas gezaubert, glaube ich. Sie sang und erwähnte
einen Namen ... Firfalgon? Aber was sie plötzlich so umgehauen
hat, keine Ahnung.“

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„Große Magie hat immer ihren Preis“, erwiderte Ireen. Furcht, Re-
spekt, Dank und Sorge mischten sich in ihrer Miene zu einem auf-
gewühlten Ausdruck. Sie ergriff Imdras Gesicht und sprach lang-
sam und deutlich. „Das Licht und die Unverwundbarkeit ... warst
du das etwa?“
Unterbrochen von leisen Schmerzlauten flüsterte Imdra: „Er darf es
nicht wissen. Lass ihm seinen Glauben. Die Kraft seines Traumes.“

Beutemacher und Baldrin starrten auf Sannrotts Leiche, die kei-


nerlei Schatten besaß. Der Inhalt seines zerschmetterten Schädels
war bis in den hintersten Winkel gut zu sehen, weil es in seinem
Inneren ohne Schattenwurf nicht dunkler wurde.
Hochmütig stellte Baldrin einen Fuß auf Sannrotts toten Hintern,
stützte sich Ellbogen auf Knie ab und blies Zigarettenrauch in den
Himmel. Seine freie Hand hielt die Kippe nah beim Gesicht. „Ey,
Mann ... ich nehme alles zurück, was ich über deinen Glauben und
die Traumkraft gesagt habe. Du hast dem Schattendiener in den
Arsch getreten! Das muss gefeiert werden!“
Firfalgon nickte ernst. „Ja, ich werde einen Götterdienst organi-
sieren, um ihnen zu danken. Ich war und bin schließlich nur der
Mittelsmann ihres Willens.“
Baldrin verzog missbilligend die Mundwinkel. Schweigend wan-
derte sein Blick den Meereshorizont entlang. Auch Beutemacher
wollte bei der Erwähnung von Göttern verächtlich ausspucken,
hatte jedoch auf einmal einen Kloß im Hals. Als er gestern fast
ertrunken wäre, hatte er – mehr oder weniger – zu den Göttern
gebetet. Er hatte ohne viel Glauben, doch mit fanatischer In-
brunst Sannrotts Tod und etwas Höheres, für das es zu kämpfen
lohnte, herbeigewünscht.
Niemals hätte er diesen Gegner mit seinen Mitteln besiegen kön-
nen. Und hätte man ihn in eine Rüstung gesteckt und ihm Schild
und Hammer gegeben, er hätte noch schlechter als ohne abge-
schnitten. Firfalgon sah nicht so aus, aber er war stark wie ein Bär

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und zäh wie zwei. Doch egal wie viele Bären er ausmachte, er wäre
nicht kugelsicher gewesen und konnte auch nicht leuchten. Selbst
wenn die Schattenläuferin oben in der Spelunke eingegriffen hätte,
kein gewöhnlicher Schattenläufer konnte einen Menschen gegen
mehr als drei oder vier Schüsse schützen. Es gab nur eine Erklärung
für Sannrotts Tod: Firfalgon hatte die Traumkraft entdeckt, es gab
sie wirklich. Und jeder wusste: Die Traumkraft war eine Gabe ar-
chaischer Götter, die für den Auserwählten bereitlag, der die Welt
zum Sieg gegen die Lebenden Schatten führen würde.
Beutemacher legte Firfalgon ehrfürchtig eine Hand auf den Schul-
terpanzer. „Ich helfe dir, wenn du willst. Beim Götterdienst. Wenn
wir den Torwesen weiter in den Hintern treten. Ganz egal.“
Baldrin schüttelte verbittert den Kopf und blies den beiden Rauch
um die Köpfe. „Ich weiß auch nicht, was das war. Aber gäbe es
irgendeinen barmherzigen Gott da oben, wieso sollten wir hier so
lange leiden und zappeln? Das haben unsere Ahnen vor dem In-
ferno doch alles schon durchgekaut. Religion ist Wunschdenken
für unmündige Schwächlinge, die nicht selbst denken können oder
wollen. Götter und alles Höhere sind nur eine perfektionierte Pro-
jektion all unserer Unzulänglichkeiten oder ungeklärter Mysterien
– sie stehen für alles, was wir gerne wären, aber nicht sind, wie
beispielsweise unsterblich und allmächtig. Feuerfluss, Quietsche,
Weißkopp und wie die alle hießen. Die Technos lernen das immer
noch in der Schule. Es gab damals viele Kriege, weil jemand lieber
Blut vergoss, als sich von seinen Göttermärchen zu trennen. War
das nicht auch so eine Form von Maßlosigkeit, die uns die Scheiße
heute eingebrockt hat?“
Firfalgon fuhr wutentbrannt auf. Er packte Baldrin mit der Rech-
ten an der Kehle, hob ihn zwei Fußbreit in die Luft und klatschte
ihn in den Sand. Mit dem beschwörenden Ton gerechten Zorns
schrie er ihn an: „Verspotte die Götter nicht im Angesicht ihrer
Offenbarung! Du wolltest ein Zeichen, du hast ein Zeichen! Und
was für ein Zeichen! Wie viel mehr erwartest du noch? Ich weiß
nicht, wieso es heute geschah. Vielleicht war ich erst seit heute reif
genug für diese Kraft. Vielleicht haben die Götter es wirklich darauf
ankommen lassen, dass wir untergehen, wenn niemand mehr genug

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bedingungslosen Glauben empfinden kann. Aber ich bin hier! Un-
verletzt gegen vierzig Mann! Und der Schattendiener ist tot! Er war
tot, bevor er seine Herren auf den Plan rufen konnte!“ Firfalgon
zeigte anklagend auf Sannrotts Leiche. Die Augen des Hadanters
loderten Baldrin fanatisch entgegen.
„Ach, mach doch watte wills’!“, brummte Baldrin im tiefsten Gold-
bucht-Dialekt, winkte ab und stapfte zur Spelunke zurück.

Imdra lachte leise im Fieberschlaf und hustete. Ihre Lippen be-


wegten sich kaum. Unhörbar flüsterte sie ihre Sorge: „Jeder Schat-
ten, der die physische Welt verlässt, reißt ein Stück aus der Natur
und stärkt damit seine lebenden Brüder. Ein Teufelskreis. Tötet alle
Torwesen bis auf eines und dieses letzte wird so stark sein, dass es
Dememnon mit einem flüchtigen Gedanken unterwirft. Solange
du das für die Traumkraft hältst, wirst du Dememnon nur um so
schneller in den Untergang treiben! Ich muss aufwachen ... muss
die Wahrheit sagen ... Du hast die Traumkraft nicht gefunden!“
Aber sie war zu geschwächt, um aufzuwachen. „Bringt mich zum Wald!“,
hauchte sie mit aller Kraft. Der Dreschwald konnte und würde sie
heilen. Jennica schlief jedoch neben ihr und hörte sie nicht.
Mit ihrem letzten bisschen Bewusstsein sandte sie Firfalgon darum
einen Tagtraum, noch während er mit Beutemacher am Strand saß.
Sie hatte sich nun entschieden, den Glauben des Hadanters an seine
Traumkraft doch nicht zu zerstören, um die zaghaft aufkeimende
Kraft der Legende nicht leichtfertig zu ersticken.
Sie zeigte sich Firfalgon als Ishmaréi, Göttin des Windes und der
zeitlosen Weisheit: Morgenrot schillerte auf schneeweißen Locken.
Milder Wind und vielstimmiger Vogelgesang erhoben sich zu ihren
nackten Füßen. Helle Schleier fingen das majestätische Licht blass-
rot ein und wehten damit um ihre gebrechliche Gestalt. Das tiefe
Faltennetz ihres Gesichtes tanzte, als ihre spitzbübischen Lippen
Worte formten.
Imdra hatte nur Kraft für einen kurzen Satz, also konnte sie Fir-
falgon nichts erklären, schon gar nicht die Wahrheit. Daher war
der eine Satz, den die Göttin Ishmaréi dem Auserwählten in einer
Vision zurief: „Krieg wird nie mit Krieg beendet!“ Danach fiel Im-

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dra ins Koma. Ireen spürte ihren Herzschlag fast nicht mehr. Die
Schattenläuferin schien binnen Stunden um Jahre zu altern.

Mitternacht war lang vorbei. Firfalgon saß noch immer am Strand


und starrte auf die Pfützen im Schlick, folgte mit den Augen klei-
nen Krebsen, welche die Ebbe zurückgelassen hatte. „Was soll ich
tun, Ishmaréi?“, fragte er beharrlich die Sterne. Jeder Windhauch
ließ ihn aufhorchen. Derselbe Gedanke kreiste wieder und wieder
in seinem Schädel, der jeden Moment zu bersten drohte. „Krieg
wird nie mit Krieg beendet – aber wie sollen wir die Torwesen dann
besiegen? Sag es mir!“
Er sprang auf die Füße und fletschte die Zähne, hielt sich verzwei-
felnd den Kopf und schrie zu den Sternen: „Sag es mir doch! Wieso
schweigst du nun so eisig?“ Er stürzte auf die Knie und schlug die
Fäuste in den feuchten Sand.

68
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Etliche Schnapsleichen lagen in der Spelunke verstreut. Sie hat-
ten auf den toten Schattendiener und auf Firfalgon angestoßen und
schliefen nun ihren Rausch aus. Der Morgen war nicht mehr fern;
am Horizont verwandelte sich zaghaft das tiefe Nachtblau zu fröh-
lichem Türkis. Für die Feiernden hatte Firfalgons Abwesenheit in
der Spelunke keine Rolle gespielt: Die ersten Mutigen waren auf-
gebrochen, die Legende des Schattenschlächters in der Welt zu ver-
breiten, oder wenigstens in den Gebieten der Anarchisten.
„Vielleicht hast du recht, Baldrin. Die Götter sind keine Hilfe“, knurrte
Beutemacher und beobachtete Firfalgon durch eins der Fenster.
Baldrin nickte selbstgefällig und schwenkte sein Whiskeyglas mit
der Hand, die auch seine obligatorische Kippe hielt. „Der Glaube
hat große Macht über uns, denn wo unsere Stärke einmal nicht das
Wissen ist, nutzt der Glaube unser Unwissen gegen uns. Und wir
wissen vieles nicht, seit es die Torwesen in uns gibt.“
Beutemacher starrte seinen Freund entgeistert an. „Wer hat dir
denn ins Hirn geschissen? Ich versteh kein Wort! Wie viel Whiskey
hast du getrunken?“
Baldrins Kiefer knirschten. Beinahe dachte Beutemacher, sein
Freund würde nicht mehr antworten, da erzählte er leise: „Glaubst
du, ich bin in dieser Spelunke geboren worden? Meine Eltern wollten
mich bei den Technokraten einschmuggeln. Aber die haben all ihre
Geburten streng nummeriert. Also bekam ich als Kind Privatunter-
richt von einem Prediger, den die Technokraten rausgeworfen hatten.
Meine Eltern sagten immer: Wissen ist Macht. Hat ihnen aber auch
nicht geholfen, als sie im Schlaf in ihrem Haus abgeknallt wurden.
Als Anarchist ist man mit und ohne Wissen am Arsch.“
Beutemacher schwieg nachdenklich und zog Kreise mit seinem
Rumglas in die Luft. Schließlich fragte er leise nach: „Und was hast
du da eben über Glaube und Unwissen gequatscht?“
Missmutig dozierte Baldrin: „Wir glauben, was wir nicht wissen
können. Großes Wissen lässt dem Glauben also keinen Platz. Unse-
re Ahnen dachten irgendwann außerdem, dass alles, was kein Wis-
sen und keine Wissenschaft ist, was sich nicht beweisen ließ, keinen
Wert besäße. Sie verkümmerten emotional und sagten darum, sie
hätten ihre Götter getötet – eine Metapher dafür, wie kalte Wis-

72
senschaft den Glauben mit seinen emotionalen, nicht beweisbaren
Wahrheiten verdrängte. Doch je mehr wir nicht wissen – und wir
wissen wie gesagt fast nichts über die Torwesen – desto größer wird
der Einfluss des Glaubens wieder. Bis hierhin klar? All der Aber-
glaube in der Welt kam wegen der Torwesen.“
Der alte Seebär nickte und ließ sich nicht anmerken, wie beein-
druckt er war.
Baldrin kratzte sich mit der freien Hand am Bart und redete wei-
ter. „Das Problem ist jetzt, dass der Glaube nichts als Ärger stiftet,
wie du siehst. Weil seine Zielgruppe gerade die Schwachen sind,
die sich an etwas festhalten müssen und die sich leicht blenden
und manipulieren lassen. Die echten Wahrheiten der Götter sind
zudem lange verloren, sowohl die über Wärme und Nächstenliebe
wie auch die über große Krieger und Stärke. Vielleicht war es der
naive Glaube Firfalgons an seine Traumkraft, der diese Schlacht
gewonnen hat ... aber den ganzen Krieg? Sannrott war ein Feig-
ling, kein ernstzunehmender Gegner und kein vollwertiger Schat-
tendiener. Auch er hat auf naive Weise geglaubt – geglaubt, den
personifizierten Zorn der Götter vor sich zu sehen, nicht einen
verzweifelten Mann mit ein paar guten Zaubertricks. Doch bei
Sannrott war die Metamorphose zwischen Torwesen und Mensch
noch nicht abgeschlossen, er war schwach, schwächer als manches
Torwesen allein. Sein Schatten hat sich verpisst, war sich wohl
auch nicht sicher, was da vorging. Aber sieh dir Firfalgon jetzt
an. Er ist am Boden zerstört und würde in jedem Möwenschiss
ein Zeichen seiner Göttin sehen. Das hat die große Macht des
Glaubens ihm genauso gebracht wie den – zugegeben beeindru-
ckenden – Sieg über Sannrott und seine feigen Söldner.“
„Ich wusste gar nicht, dass du so clever bist, du alter Säufer! Wieso
packst du das alles jetzt erst aus? Wir kennen uns schon so viele Jahre!“
„Ich hatte gehofft, mit diesem Mist nichts mehr zu tun zu bekom-
men. Der Tod meiner Eltern hat mir bewiesen, dass Wissen auch
nichts wert ist. Der Kopf ist nur ein Hutständer, bestenfalls ein
Werkzeug, wenn ich hier die Treppe schweißen oder ein Fenster
reparieren muss. Zu mehr taugen Köpfe nicht. Wäre es anders, wä-
ren den Laboren der Technokraten nicht die Torwesen entstiegen!

73
Wir sind überfordert mit den Mächten von Wissen und Glaube
gleichermaßen. Darum kratzt die Natur ab und Dememnon wird
von unseren personifizierten Urängsten erobert.“
Beutemacher sah wieder aus dem Fenster zu Firfalgon und nickte
grimmig. Inzwischen hatte er es sich abgewöhnt, an seinem faulen-
den Nacken zu kratzen, da die Schmerzen davon schlimmer wur-
den. Plötzlich stockte er, schürzte die Lippen, dachte nach. Baldrin
musterte ihn fragend und drückte seine Kippe wie so viele vor ihr
auf der schwarz verkohlten Fensterkante aus, den letzten Rauch
durch die Nase ausstoßend. Den Stummel schnippte er über den
Tresen, wo bereits zahllose andere Kippenreste sich mit Alkohol-
pfützen, Scherben, Schlafenden und einem Toten mischten. Der
Tote war im Laufe der Nacht an einer Messerwunde verblutet. Mit
halboffenen Augen lag er an die Seite seines schnarchenden Kum-
pels gelehnt.
Nachdem Beutemacher eine Weile schwer grübelnd die Stirn in Fal-
ten gelegt hatte, fragte er: „Was, wenn Firfalgon doch die Traum-
kraft gefunden hat? Wenn er immer besser darin wird, sie zu ver-
wenden? Wenn er nicht nur Zaubertricks benutzt hat – wie auch
immer er das als Hadanter gelernt haben soll. Ist das nur Wunsch-
denken? Oder könnte es nicht wirklich sein? Es heißt doch, die
Traumkraft wird aus reinem Glauben geboren oder irgendwie so.“
„Es könnte wirklich sein“, bestätigte Baldrin und kippte seinen
Whiskey runter. „Aber willst du dich darauf verlassen? Vertrauen ist
nur was für Schwächlinge.“
„Wir sollten ihm die Chance geben, die er verdient“, widersprach
Beutemacher und verschränkte die Arme über dem mächtigen
Bauch. „Wir müssen Gewissheit haben.“
„Und wie?“ Baldrin zündete mit einem Klicken des Sturmfeuer-
zeugs die nächste Kippe an.
Beutemacher wandte sich ihm zu und grinste verschmitzt, wenn
auch seine Augen vor Anspannung glühten. Er roch an seinem
Rumglas, trank aber nichts mehr. „Wir suchen uns ein richtiges
Torwesen, am besten einen Schattendiener, und versuchen ihm
mit Firfalgons Glauben in den Arsch zu treten. Ich jedenfalls habe
nichts mehr zu verlieren.“

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„Ich schon!“, blaffte Baldrin und starrte seinen Freund erschrocken an.
„Das verstehe ich. Wirklich. Du hast die Kneipe und deine Tochter.
Ich hätte dir sowieso nicht erlaubt, mitzukommen.“ Damit ging er
zum Strand, wo Firfalgon noch immer Kreise in den Sand lief.

Jennica hob die Lider. Still lag sie auf dem Bett. Neben ihr schlief
die Schattenläuferin Imdra. Auf deren weißer Stirn glitzerte Fie-
berschweiß. Unter der Decke kroch Krankheitsgeruch hervor. Jen-
nica rümpfte die Nase und wandte sich ab. Die Traumbilder ihrer
Heimat verblassten nicht sofort, zu tief waren sie in ihr Unterbe-
wusstsein eingebrannt. Jennica stand im Labor, ihre erste Stelle mit
Verantwortung. In reinweißen Regalen reihten sich rote und graue
Reagenzgläser. Die grauen zuckten gelegentlich. Durch streifen-
freies Glas blickte Jennica in den Nebenraum auf einen jener armen
Teufel, die mit dem nahenden Ende der Welt, mit dem unumkehr-
baren Erstarken der Torwesen nicht leben konnten. Sein Stammeln
verschwand mitsamt der Farbe seiner Haut, bis nur eine weiße
Leiche zurückblieb, unnatürlich verkrümmt mitten im Raum.
Das Neonlicht flackerte, die weißen Kittel warfen tiefe Schatten in
dunkle Winkel. Jemand lachte, wer? Jennica blickte sich verärgert
um, doch sie war plötzlich allein. Auch die Leiche des Irrsinnigen,
den Ordnungskräfte von einer Schwebebahntrasse aufgegriffen und
hierher zur wissenschaftlichen Verwertung gebracht hatten, fehlte.
In Sankt Radenwall kosteten die Schwachen kein Geld und nah-
men keinen Platz weg, im Gegenteil, selbst sie erbrachten einen
wertvollen Beitrag – außer natürlich, sie wandten sich gegen das
System, das ihnen keine Chance und keinen Platz gab. Oder sie
verschwanden plötzlich, einfach so.
Jennica weinte. Nirgendwo war sie vor den Geistern Sankt Raden-
walls sicher. Oft waren es die Geister der Schwachen, die nach dem
Tod Rache übten und Menschen wie Jennica heimsuchten. Die gi-
gantische Metropole mit ihren Glaskuppeln und Schwebebahnen
war innerlich von jeglichem Leben entzweit, tot, ein Feind der Na-

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tur. Und die Natur bekämpfte den Moloch, die klaffende Wunde in
ihrem Leib. Sie stellte den Wert der Zivilisation infrage, indem sie
die Menschen mit ihren Urängsten konfrontierte – auf eine Weise,
gegen die es keine Erklärung und keine Technologie gab. Nachdem
die Torwesen das Gefüge der Wirklichkeit ohnehin ins Wanken ge-
bracht hatten, stürzte die Barriere zwischen den Lebenden und dem
Reich der Toten allmählich ein. Kein höheres Wesen sorgte mehr
dafür, dass Risse sich schlossen und bösartige Albträume sie nicht
mit ihren Krallen durchstießen. In Sankt Radenwall gab es keine
Sicherheit mehr vor der Rache der Toten, nicht in einem Bunker,
nicht im Tageslicht, nicht unter Menschen, nicht unter der Bettde-
cke. Der Vorgang wäre für ihre Ahnen unvorstellbar und lächerlich
gewesen, so wie es deren Ahnen unvorstellbar vorgekommen wäre,
ein Atom zu spalten. Und doch hat all das sich wider die bis dato
gültigen Gesetze der Physik vollzogen. Ständig kam Hochmut vor
einem Fall, Zivilisation für Zivilisation.
Die Toten waren unfreiwillige Verbündete der Lebenden Schatten
geworden, obgleich sie nur ihren eigenen Zielen nachhingen. Der
Geist, der Jennica damals im Labor heimsuchte, hatte sie in die
Arme der Torwesen getrieben. Sie hatte den nahen Tod gefühlt, ein-
fach die Augen geschlossen und das Tor aufgestoßen. Nichts spielte
seitdem mehr eine Rolle. Die Menschheit war am Ende, diesmal
wohl endgültig.
Jennica drehte sich weg von der fiebrigen Nachbarin. Für einen
Augenblick spürte sie ihre Bauchwunde stechen und ihre Hand
pochen, der Ring- und Mittelfinger fehlten. Doch schnell entglitt
sie wieder in ihren Traum. Nun erinnerte sie sich an Morten Sann-
rott. Er war der Geldgeber ihres Labors gewesen. Nachdem sie den
Torwesen verfallen war, hatte sie plötzlich sein Heulen gehört. Das
Heulen der Schattendiener, des Homo abyssus, der neuen Herren
Dememnons, gegen die Homo sapiens und Mutter Natur chancen-
los blieben. Als Dienerin der Schatten war Jennica umgegangen und
hatte ihre lichtlose Saat verbreitet. Bis in die Goldbucht hatten ihre
Herren sie nun getrieben und ihr eine wichtige Aufgabe gestellt.
Ihr gewagter Plan war letztlich aufgegangen. Die Ereignisse waren
zwar anders als gedacht verlaufen; ihre Ablenkungsmanöver – wie

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die Bauchwunde – hatten eine unterhaltsame Eigendynamik entwi-
ckelt. Körperliche Wunden machten dem Homo abyssus nicht allzu
viel aus. Und das Endergebnis stimmte. Jennica nahm ihr Kissen
und drückte es der fast toten Schattenläuferin aufs Gesicht. Beu-
temacher war auf Sannrotts und ihre Schauspielerei hereingefallen.
Dass Sannrott nun tot war und Beutemacher noch nicht, spielte für
Jennica keine große Rolle. Sannrott war bloß ein unbedeutender
Wurm gewesen. Auch Beutemacher war nicht weiter wichtig. Er
war aber die Verbindung zu Firfalgon – ihrem Missionsziel. Jen-
nicas Herren hatten vorausgesehen, dass vor allem Firfalgon ihnen
eines Tages gefährlich werden konnte, ebenso wie Imdra. Die Tor-
wesen mussten beide rechtzeitig ausschalten. Für einen Moment
hatte Jennica befürchtet, sie sei schon zu spät gekommen und der
Hadanter hätte die Traumkraft entdeckt. Doch durch den glück-
lichen Zufall, im selben Raum mit der Schattenläuferin zu sein,
kannte sie die Wahrheit und würde sich von der fanatischen Über-
zeugung Firfalgons nicht verwirren lassen.
Imdra begann schwach zu zucken. „Gleich ist es vorbei“, wisperte
Jennica mit tröstender Stimme. Das Blitzen in ihren Augen spie-
gelte jedoch wider, wie sehr sie das Morden genoss. „Geselle dich
zu den Geistern der Toten! Tanze auf den Gräbern der Zivilisation,
wenn der Homo sapiens längst verschwunden ist!“ Jennicas Augen
füllten sich mit der seelenlosen Kälte des Alls, kein tröstender Stern
blieb zurück.

Imdra erstickte in feuchtkalter Erde, nasse Steine und vielbeiniges


Gewimmel in sich. Jedenfalls fühlte sich für sie das nahende Toten-
reich so an. Knochentiefe Kälte lähmte sie, ihre Haut moderte, sie
dämmerte fort und kehrte nie wieder.
Sie ahnte nicht, was außerhalb ihres sterbenden Körpers geschah.
Vermutlich habe ich mich zu sehr geschwächt mit der Vision für Firfal-
gon. Sie wusste ganz genau, welches Unheil sie anrichtete, wenn die
Torwesen jemanden wie sie korrumpierten. Doch sie wusste auch,
dass Firfalgon jetzt nicht alleingelassen werden durfte. Nicht jetzt,
wo sie ihn gerade erst gefunden hatte, ihren Prinzen und Retter.
Früher hatte sie gedacht, dass manche Menschen überhaupt keine

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Schwachstelle hätten und immun gegen die Verlockung der Schat-
ten seien. Menschen, denen die Traumkraft offenstand. Menschen
wie sie. Damit war sie nichts als naiv gewesen. Sie starrte das Tor
der Schatten an und wollte es unbedingt aufstoßen. Ihre Kraft riss
das Tor förmlich aus den Angeln. Sie brüllte hinein, wollte vor dem
Tod gerettet werden, um Firfalgons Willen. Sie forderte überaus
anmaßend, was ihr angeblich zustand. Und die Schatten kamen.
Lachend gesellte sich ein zweites Torwesen zu dem ersten in Jenni-
ca. Das erste hatte das zweite in gewisser Weise selbst gerufen, in-
dem es Imdras Not und Verzweiflung durch das erstickende Kissen
so groß hatte werden lassen, dass diese der Verlockung erlegen war.
Noch konnte der Feind nicht beliebig kommen und gehen. Noch
stand ihm die Physik im Weg und er musste den Umweg über die
Seele nehmen.
„Was ... was heißt das, ihr habt keine Verwendung mehr für mich?“,
stammelte Jennica und ließ das Kissen los. Für die Schattendiener
zählte der Einzelne nichts, nur das Endergebnis. Jennicas Kälte fiel
auf sie zurück. Sie wollte schreien, doch Imdras Schatten stürzte
über sie, von einer Lichtkugel geworfen, welche die plötzlich er-
wachte Schattenläuferin herbeigesungen hatte.

Imdra löschte die Lichtkugel mit einem spielerischen Pusten und


spazierte zum Vorhang des Wohnwagens. Nun, da sie Jennicas Le-
benskraft geraubt und ihrer einverleibt hatte, war ihr Körper wieder
bei bester Gesundheit. Und sie war eine allemal mächtigere Diene-
rin für die Torwesen als die schwächliche Technokratin.
Jennicas Haut zerfloss mit den Schatten im Raum, ihre Fetzen ver-
teilten sich wie Spinnweben in den Ecken und hinter dem Bett.
Ihre Augen fielen in die Ritzen des Fensters. Sie beobachteten auf
ewig den Strand und die Bucht, ohne je zu schlafen.
Imdras innerer Kampf gegen die beiden Lebenden Schatten war nur
ein Wimpernschlag gewesen. Sie hätte wie Jennica als Untote bis
zum Ende der Zeit in heulendem Wahnsinn dahinvegetieren und
die Schatten nähren können, oder sie konnte ihre Freiheit behalten
und tun, was die Torwesen verlangten. So oder so, sie hatte schlag-
artig begriffen, dass sie niemals mit Firfalgon zusammensein würde.

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Gegen die erschlagende Macht der Lebenden Schatten schien ihr
die vage Hoffnung auf eine Traumkraft plötzlich lächerlich.
Sie wischte die lästigen Tränen aus den Augen und konzentrierte
ihre Gedanken auf das, was sie noch haben konnte: entsetzliche
Macht und größten Reichtum. Ihre Seele verdorrte wie eine ver-
trocknete Rose; vielleicht fielen ihr die Blütenblätter aus, aber aus
ihren Stacheln wurden Dolchklingen. So wie alles in der Natur sich
verändert hatte. So wie nichts perfekt war und alles irgendwann
als Würmerfraß verrotten musste. Ihre erste Aufgabe, die sie von
Jennica übernahm, war Firfalgon. Die Gewissheit, dass sie ihn töten
würde, stach ihr wie eine Feuerklinge durchs Herz. Doch sie besaß
nicht länger die Freiheit, sich zu weigern, so wenig die Rosen von
ihren Dornen vor dem Wintertod beschützt wurden.
Imdra lauschte am Vorhang, hörte aber nur das laute Schnarchen
der Schnapsleichen. Hinter ihr waberte der Lebende Schatten, den
Jennica einst beschworen und der sich nun der Technokratin ent-
ledigt hatte. Ein Hochgefühl überflutete die Dienerin, ein großer
Triumph stand bevor.
Imdra trat durch den Vorhang in den dunklen Schankraum.
Elenora in ihrem Käfig begann schlagartig zu flattern, mit den
Flügeln wild gegen den Käfig zu schlagen und willkürliche Satz-
fetzen zu krächzen.
Ein flüchtiger Gedanke von Imdra, und die Papageiendame fiel tot
von der Stange. Je kleiner ein Lebewesen war, desto leichter konn-
ten Schattenläufer es auslöschen.

Lautlos schob Baldrin sich vom Fenster und vom Tresen weg in die
Ecke. Schatten gab es hier sowieso überall. Noch waren es Men-
schenaugen, die ihn nicht sehen sollten. Er wusste, wann er in Ge-
fahr war, auch wenn er selten erklären konnte, wie er das schaff-
te. Und diesmal war es leicht: Elenora fiel nicht einfach von ihrer
Stange, und so viele Worte hatte sie noch nie am Stück geplappert.
Der Vogel wurde sonst höchstens mal nervös, wenn in der Spelun-
ke Schüsse fielen. Seine Kippe drückte Baldrin ohne zu Zucken in
seiner hohlen Hand aus, damit Glimmen und Qualmgeruch ihn
nicht verrieten. Über ihm schlichen Schritte auf der Stahlempore.

79
Er sah nur vage Umrisse durch das Gitter, vor dem dunklen Dach.
Aber der Umriss war aus seinem Zimmer gekommen. Ohne ein Ge-
räusch griff er hinter sich, wo die Technokraten-Pistole im Gürtel
steckte. Dabei berührte sein Ellbogen jedoch sein Whiskeyglas und
schob es ein Stückchen scharrend die Fensterbank entlang. Er ver-
steinerte, sein Herz jagte noch schneller. Auch der Umriss über ihm
verharrte. Baldrin blinzelte angestrengt. Seine Augen mussten ihm
einen Streich spielen – oder schlich dem Umriss eine noch tiefere
Finsternis aus seinem Wohnwagen nach?
Neben dem nächsten Vorhang saß schnarchend eine derbe Frau mit
goldenen Ohrringen und einem bunten Kleid. Der Umriss beugte
sich über sie. Sie zuckte wie in einem Albtraum. Die Schatten aus
Baldrins Wohnwagen krochen auf sie, und jetzt war er sicher, sich
nicht zu täuschen. Seine Hand zitterte – und schob das scharren-
de Whiskeyglas noch einmal an. Das Rauschen in seinen Ohren
wurde zu panischer Angst. Die schnarchende Frau warf sich in ih-
rem Albtraum stöhnend herum und verwob sich mit dem Stahl der
Empore zu einem weichen Übergang, aus dem bunte Kleiderfetzen
herausragten. Die Empore würde nie aufhören zu keuchen und zu
schnarchen, und immer würde Blut auf den Tresen tropfen.
Der Umriss drehte sich zum Fenster, vor dem Baldrins Ellbogen das
Glas berührte. Das schattenhafte Wabern auf der Empore senkte
sich zäh durch das fettige, blutende Stahlgitter. Der Umriss folgte
dem Wabern, sank wie durch Wasser herab zu Baldrin. Zwischen
den Gläsern im Regal krochen und flossen die Schatten des Inven-
tars vorwärts. Baldrin ließ die Waffe stecken und schlug die Scheibe
ein. Er brüllte in seiner Panik sinnlose Wortfetzen und warf sich
durch die Scheibe, riss sich Bauch und Arme an den Scherben auf
und strampelte wild, um nach draußen zu entkommen. Der Schat-
ten des Tresens, der auf seine Füße fiel, wurde fester, schloss ihn
ein, zog ihn zurück und in bodenlose Tiefe. Scherben fraßen sich
immer tiefer in sein Fleisch, schlitzten ihn auf. Über ihm waberten
Schattenwellen und schlugen zusammen.
In der Spelunke regten sich einige Schnapsleichen, die von Baldrins
Gebrüll geweckt worden waren. Doch überall streckte sich der Le-
bende Schatten aus, schwarze Äderchen zuckten umher und ver-

80
wuchsen mit der Umgebung. Mit jedem Opfer, das sie verschlan-
gen, wurde die Finsternis größer.

Firfalgon und Beutemacher schreckten aus ihrem Gespräch hoch


und sahen zur Spelunke. Baldrins irrem Schrei folgte weiteres Ge-
schrei, das bald umschlug zu unnatürlichem Wehklagen. In den
Fenstern war nicht das geringste Licht zu sehen, nicht mal ein
nächtlicher Schein auf Tische und Tresen. In den Wänden wuchsen
ausgestreckte Hände und offene Münder, vor Angst verrückte Au-
genpaare und verdrehte Glieder. Das natürliche blaue Glühen der
Nacht wich unterwürfig von den Wänden zurück und machte einer
schwarzen Barriere Platz. Der riesige Schatten, der die Spelunke
verschlang, besaß keine klaren Konturen, weil kein Licht mehr nah
genug an ihn heranreichte.
Der Strand sackte weg, wo sich die Bastion der Schatten erhob.
Sand rieselte in den lichtlosen Abgrund nach, in dem ein mensch-
liches Auge nichts von dem wahrnehmen konnte, was sich dort
verbarg und lauerte. Der Abgrund wuchs zum Schlick hin. Immer
mehr Licht trotzten die Lebenden Schatten der Natur ab, fraßen
sich in ihren Leib wie Löwen in die Beute. Sobald das Meer zurück-
kehrte, würde es geradewegs in den Höllenschlund fließen.
Ein einzelner Umriss wuchs aus der Bastion heraus, entfernt an
menschliche Formen erinnernd. Das Licht wich vor ihm zurück
und schlich ihm nur zögerlich nach; das Torwesen hinterließ
eine Schattenspur.
„Weg!“, schrie Beutemacher und rannte. Firfalgon war weiß im Ge-
sicht. Doch er hob Schild und Kriegshammer und stellte sich dem
diffusen Wesen entgegen.
„Bist du irre?!“ Beutemachers Stimme schnappte über, er sprang zurück
und riss an Firfalgons Umhang. „Falscher Ort und falscher Zeitpunkt!“
Der Hadanter antwortete nichts, ließ sich aber auch nicht mitzie-
hen. Während er das Torwesen mit Blicken durchbohrte, knurrte er
zu Beutemacher: „Die Traumkraft wird siegen. Die Götter sind auf
meiner Seite. Hilf mir, indem auch du daran glaubst!“
Der Piratenkapitän schrie: „Krieg wird nie durch Krieg beendet, hat
deine Göttin gesagt! Und jetzt komm, verdammter Idiot!“

81
„Das ist kein Krieg“, hauchte Firfalgon und drehte sich damit
seinen Glauben so hin, wie er ihn in seinem Stolz und Größen-
wahn besser verkraften konnte. Wie Firfalgon und sein Glaube
über jeden Zweifel erhaben blieben. Er blieb der Makellose im
Dienste der Götter – nur so fühlte er sich in der Lage, dem Feind
gegenüberzutreten.
Beutemacher maßte sich nicht an, größere Weisheit als die Göt-
tin des Windes oder als Firfalgon zu besitzen. Er fühlte nichts als
Trauer über den herannahenden Tod des Freundes, und ein wenig
Wut über jene schweigenden Götter, deren Existenz er inzwischen
jedoch in Erwägung zog. Dann fühlte er sich einen Augenblick lang
vollkommen leer. Er war doch dem Wunschdenken erlegen gewe-
sen: Er hatte sich etwas Höheres gewünscht ... aber das gab es nicht.
Nur den Tod. Gar nichts hatte einen Sinn bekommen. Sie waren
bloß wie Kleinkinder im Kreis gerannt und hatten sich dabei an der
Geschwindigkeit ihrer Beine erfreut.
Das Gefühl von Sinnlosigkeit war genau jene Art von Manipula-
tion, mit dem die Lebenden Schatten gerne gegen die Menschen
kämpften, wenn sie nicht körperlich erscheinen konnten. Beute-
macher verbannte jeden Gedanken aus seinem Kopf. Wo kein Ge-
danke war, konnte nichts korrumpiert werden. Große Ruhe erhob
sich über seinen Geist.
Das Torwesen ergoss sich wie eine Meereswoge über Beutemacher
und Firfalgon. Es zog sie in sein lichtloses Universum. Der Strand,
die Spelunke, alles weg. Ein wütendes Kreischen hob an. Beutema-
cher hatte nicht mal gezuckt, nur die Augen geschlossen und den
Tod erwartet. Firfalgon hatte seinen Glauben vom kleinsten Zweifel
an seiner heiligen Mission befreit und wäre für seine Götter bedin-
gungslos gestorben. Sie waren schwarz und weiß: Beutemacher war
unsichtbar, er besaß keinen Körper in diesem Universum. Firfalgon
hingegen war ein gleißendes Licht, das die Lebenden Schatten ver-
sengte und sie zurücktrieb.
„Ruhe und Glaube. Das ist die Traumkraft!“, raunte Firfalgon.
Die Worte gingen durch Beutemacher hindurch, ohne dass er da-
rüber nachdenken musste. Er wusste es. Hätte er etwas denken
müssen, hätte er sich manifestiert, weil die innere Ruhe zerstört

82
worden wäre, und dann hätte das Universum der Torwesen ihn
sich einverleibt.
Baldrin. Der Kopf war nur ein Hutständer. Beutemacher lächel-
te nicht, doch er lernte die Traumkraft zu nutzen. Mit ihr konnte
er sich in dieser Parallelwelt bewegen. Er dachte genau einen Ge-
danken: Baldrin. Weil er den Gedanken nicht auf sich bezog, und
weil er kein Chaos in seinen Kopf brachte, stand er unbehelligt vor
Baldrin. Firfalgon war fort. In der Dimension der Lebenden Schat-
ten war Baldrins Körper unverändert, doch von durcheinander tan-
zenden Schatten an eine Mauer im Nichts gefesselt. Beutemachers
Talent für die Traumkraft wuchs mit jedem Gedanken, den er nicht
dachte. Firfalgon. Der gleißende Hadanter stand neben ihm. Es gab
nichts zu sagen. Firfalgons Glaube zersprengte die Schattenfesseln
und hüllte Baldrin unweigerlich mit ein. Die Bastion der Schatten
würgte ihn unter Schmerzen hervor und spuckte ihn in die Dünen.
In Beutemacher hatten die Torwesen sich geirrt. Da keiner seiner
Gedanken eine Gefahr für sie war, sondern nur, was er nicht dachte,
hatten ihre Propheten ihn nicht wahrnehmen und keinen Kopf-
geldjäger auf ihn hetzen können.
Ireen. Jennica. Imdra. Raus. Mit jedem Befreiten waren Beutemacher
und Firfalgon schwächer geworden, dünner, wie die Strahlen einer
untergehenden Sonne, deren blendendes Gleißen bald nur noch ein
rotes Glimmen war und zu erlöschen drohte. Den Namen von Ireens
Freund und die Namen der anderen Gäste hätte Beutemacher sowie-
so nicht gewusst. Hätte er auch nur eine Sekunde darüber nachge-
dacht, wäre seine perfekte Leere und Ruhe – sein Schutzschild gegen
die Lebenden Schatten – zerplatzt wie eine Seifenblase.
Firfalgon lag schweißnass in den Dünen und reckte müde eine Faust
in den Himmel. „Für die Acht Götter!“, schrie er mit brechender
Stimme und ließ den Arm wieder fallen. Beutemacher schlief vor
Erschöpfung. Aus jeder Pore seines Körpers brach kalter Schweiß
aus. Auch alle anderen schliefen, weil sie eines großen Teils ihrer
Lebenskraft beraubt waren. Sie alle waren um Jahre gealtert und
hatten ein paar graue Haare mehr bekommen. Baldrins tiefe Wun-
den bluteten nun wieder, da er das zeitlose Schattenuniversum ver-
lassen hatte. Doch der Einzige, der noch mühsam bei Bewusstsein

83
war, Firfalgon, weinte vor Glück und Ehrfurcht. Er betete zu den
Göttern in den Sternen und sah Baldrins strömendes Blut nicht, bis
auch der Hadanter entkräftet einschlief.

Beutemachers Nacken schmerzte höllischer als je zuvor und weckte


ihn für einen Augenblick. Er war unfähig, den Kopf zu bewegen
und blieb ausgestreckt im Dünensand liegen. Ihm war klar, dass
er nun eine lebende Waffe gegen die Torwesen darstellte und an
Firfalgons Seite in den Krieg gegen sie ziehen würde. Er dämmerte
wieder davon, obwohl er noch einen zweiten Gedanken spürte,
der sich in sein gelähmtes Bewusstsein zu drängen versuchte. Ir-
gendetwas Wichtiges konnte nicht warten. Doch Beutemachers
zerschlagener Körper setzte sich durch, überwältigte seinen Willen
und schloss seine Augen. Er sah sich durch den Ozean schwimmen,
auf der Flucht vor Sannrott, aber diesmal hing ein tonnenschweres
Gewicht an seinem Bein und zog ihn binnen Sekunden auf den
Meeresgrund, wo er einschlief.

Ireen kam zu spät wieder zu sich. Sie hatte als Einzige an Baldrins
Wunden gedacht. Pflichtschuldig wie immer. Jetzt faltete sie die
Hände ihres toten Vaters auf dessen Brust und vergoss eine Trä-
ne. Er war in den Dünen verblutet, auch wenn Beutemacher und
Firfalgon ihn aus der Gefangenschaft der Torwesen befreit hatten.
Ireen blickte zornig hinter sich auf die diffuse Bastion, wo noch vor
zwei Stunden die Spelunke Küstengold gestanden hatte. Nach wie
vor wich das Licht ängstlich vor dem albtraumhaften Bau zurück,
sodass seine Konturen unscharf verschwammen. „Wir sind nicht
fertig miteinander!“, zischte Ireen giftig der Bastion entgegen. An
ihren toten Freund Dante dachte sie nur flüchtig, er war für sie bloß
Zeitvertreib gewesen.
Nun war sie frei von der Bürde ihres Vaters. Das Kapitel ihres Auf-
wachsens war abgeschlossen, auch wenn nicht jede offene Frage ge-
klärt und nicht jede Schlacht dieses Kriegs beendet worden war. Eine
tiefe Leere verdrängte ihr Inneres, als ihr klar wurde, dass all ihre
begonnenen Pläne für Rache und Genugtuung schlagartig sinnlos
waren. Sie müsste ganz von vorn anfangen, jeden Gedanken neu ord-

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nen. Apathisch saß sie da, die Augen weit aufgerissen. Ihre Mund-
winkel zuckten mal gehässig nach oben, mal trauernd nach unten.

Jennica hatte sich kaum geregt und lag immer noch so verdreht da,
wie die Bastion sie ausgespien hatte. Mit aschfahlem Gesicht und
verweinten Augen dachte sie an die letzten Jahre zurück, die sie im
Dienst der Torwesen der Welt geschadet hatte, wie viele Leben und
Seelen sie zerstört hatte. Sie würde es wiedergutmachen. Sie konnte
ihr akademisches Wissen als Doktorin der Physik beisteuern. Nie-
mand wusste, dass sie eine Schattendienerin gewesen war und das
Entstehen der Bastion durch den Mordversuch an Imdra provoziert
hatte; solange niemand von ihrer Schuld erfuhr und alle sie für ein
armes, unschuldiges Ding hielten, das Mittel- und Ringfinger der
rechten Hand verloren hatte, konnte sie sich ungehindert nützlich
machen. Das Tor in ihr war von Firfalgon und Beutemacher ge-
schlossen worden. Nie wieder würde sie es aufstoßen.
Mit ihrem Gewissen würde sie sich schon arrangieren. Damit war
sie jedoch nur halb erlöst. Sie mochte nicht länger von einem Le-
benden Schatten besessen sein, aber die Rachegeister Sankt Raden-
walls hatten noch nicht von ihrer Beute abgelassen. Im Gegenteil:
Nun, da Jennica wieder schwach und schutzlos war, konnte sie das
Triumphgeheul schon fast hören, das sich ihr im Traum näherte, je
mehr sie das Bewusstsein verlor. Plötzlich nahm jedoch eine ver-
blasste Erinnerung jenen inneren Friedens sie gefangen, nach dem
sie sich schon lang vergeblich zurücksehnte.
„Auch mit dem Reich der Toten kannst du dich versöhnen“,
sprach eine Bassstimme zu ihr. „Entsinne dich des Mals auf deiner
Schulter. Wir werden uns bald begegnen.“
Jennica erwachte nicht ob der Frage, wer zu ihr gesprochen hat-
te. Sie sah sich als kleines Mädchen im Badezimmer, die Schul-
ter zum Spiegel gedreht. Ein unscheinbares Geburtsmal zwang
ihr Tränen ins Gesicht. Das Mal der Treiber. Die Treiber wa-
ren angeblich besonders mächtige Geister vom Anbeginn der
Zeit, Gegenspieler der Götter, Verstoßene der Himmelsherren.
Doch anders als die Götter, konnte man Geister wissenschaftlich
messen und ging davon aus, dass man die besonders mächtigen

85
Geister bloß noch nie zu fassen bekommen hatte. Das verlieh
dem Aberglauben um das Mal jener Wesen großes Gewicht –
der Schwimmunterricht wurde für die kleine Jennica zur Hölle.
Denn das Mal der Treiber kennzeichnete der Legende zufolge
jene Menschen mit der Veranlagung, für böse Geister besonders
empfänglich zu sein und eine Besessenheit oder Verführung un-
terbewusst gar herbeizusehnen. Menschen mit diesem Mal wa-
ren als potenzielle Kriminelle stigmatisiert, seit die Grenzen des
Totenreichs aufgebrochen waren, die Gemüter ängstlich hoch-
kochten und Kulte und Aberglauben wucherten.
In den Spiegel schluchzte das Mädchen: „Wie soll das Mal mich
mit dem Totenreich versöhnen?“ Die Antwort kroch wie ein Gift in
ihren Geist: indem sie den Treibern erlag. War sie eine Sklavin, die
bloß von einem Herrn zum nächsten verkauft wurde?

Imdra kniete abseits der Bastion im Sand und grub mit kraftlosen
Händen ein Loch. Mit Meerwasser aus einem Blecheimer füllte sie
es schließlich und sah hinein. Ihre sandigen Finger tasteten die Fal-
ten um ihren Mund und die ungläubigen Augen ab, die sie in ihrem
wässrigen Spiegelbild betrachtete. Ihr Schläfenhaar war ergraut. Ich
bin doch erst zwanzig Jahre alt! Ihr gealtertes Gesicht blieb trotz ih-
rer Erschütterung versteinert. Nur langsam sammelte sich ein klei-
ner Tränensee in ihren Augen.
Wie ein Dolch schnitt ein Schmerz durch ihre Rippen ins Herz.
Vergeblich griff sie danach. Imdra sah nicht nur doppelt so alt
aus, wie sie war, sie fühlte sich auch so. Sie hatte ihre Zauberkraft
maßlos überstrapaziert und war zudem von den Lebenden Schat-
ten ausgesaugt worden. Jetzt fehlten ihr zwanzig Jahre Vitalität, um
ihre magischen Lieder zur Wirkung zu bringen, zwanzig Jahre, die
ihre Stimme jung und kräftig hätte sein sollen, um Zauber zu we-
ben. Ihr Blut schien dünner, das Licht ihrer Seele matter. Sie wurde
schläfrig, litt an einer so bleiern schweren Müdigkeit, wie sie nie
zuvor in ihre Knochen gekrochen war. Wäre sie auf natürliche Wei-
se gealtert, hätte sie ihre Lebensenergie in Weisheit und Erfahrung
verwandelt, aber das Schicksal hatte ihr diesen gerechten Tausch
verwehrt und sie verkrüppelt.

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Imdra hob den Kopf aus den Händen. Ihre kleinen Fäuste lagen
auf ihren Knien. Ich lebe noch. Ich bin aus dem Dienst der Torwesen
befreit worden, aus der Hölle, in der ich schon gebrannt hatte. Für
einen Augenblick dachte sie daran, den anderen zu erzählen, dass
sie im Moment ihres Todes bereitwillig eine Dienerin der Torwesen
geworden war, um nicht sterben zu müssen. Und um Firfalgon in
seiner Glaubenskrise beizustehen, wie sie sich ihre Schwäche schön-
geredet hatte. Würden sie es verstehen?
Ihr Kinn sank auf die Brust. Nein. Das war keine Information,
die jene Fremden dort haben mussten. Sollte ihr Lebensretter und
heimlicher Prinz Firfalgon erzählen, dass Imdra aus Ten’britheel
stammte, würde sie schon genug zu erklären haben, um nicht fort-
gejagt oder gar getötet zu werden.
Wie sehr sie in den Dreschwald zurückwollte! Er rief nach ihr, ver-
misste sie, und sie vermisste ihn. Aber Firfalgon würde sicher nicht
mit ihr gehen.
Suchend drehte sie den Kopf, und als ihr Blick an dem Hadanter in
den Dünen haften blieb, lächelte sie. Er und Beutemacher redeten
ernst miteinander. Obwohl Imdra die Männer nicht hören konnte,
war sie sicher, dass die beiden Pläne zum Kampf gegen die Tor-
wesen schmiedeten. Die Trauer über Baldrins Tod stand ihnen als
Schatten in den blutleeren Gesichtern ... tiefer als in Ireens Gesicht.

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6
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Birken und Buchen raschelten im übersüßten Frühlingswind.
Tote Eichen ächzten dazwischen. Baumkronen rauschten, die Son-
ne glitzerte hindurch auf Brennnesseln, Farne und braunweiße Pilz-
hüte. Düfte von Waldmeister, Gras, Moos und anderem Grün stri-
chen umher. Von einem messerspitz abgebrochenen Hainbuchenast
tropfte Blut. Violette, blaue und weiße Blütenpünktchen zitterten
im Wind, daneben trockneten Blutkleckse. Ein Rinnsal plitscherte
durchs grünbunte Unterholz. Kein Vogel sang. Kein Tier schlich
herum. Das Rinnsal staute sich an den Fetzen einer menschengroß-
en Hornisse. Unruhig floss es um die borstigen Hindernisse he-
rum und mischte sich mit gelbem Insektenblut. Am degengleichen
Stachel der Hornisse klebte Menschenblut. Ihr Kopf lag an einem
Eichenstamm. Ein Facettenauge war von einer aufragenden Wur-
zel zerdrückt worden. Die Hornissenflügel zuckten und summten
plötzlich laut, zwei ihrer sechs Beine verwirbelten im Rinnsal die
gleißende Sonne. Sofort beruhigten die Fetzen ihres Leibs sich wie-
der, das milde Waldlicht ließ die Flügel schillern.
Ein runder Mann wirbelte um die eigene Achse und keuchte hy-
sterisch. Sein Hecheln blähte seine Wangen auf und ließ seine
Schweinsäuglein fast verschwinden. Dicke Schweißtropfen flogen
von seiner Stirn und seinem lichten Haarkranz in alle Richtungen.
Schritt um Schritt um Stolpern um Schritt drehte er sich im Kreis.
Seine fleischige Faust umklammerte ein Schwert; von der Klinge
rann Insektenblut auf seine Finger. Gelbe Tropfen flogen mit seinen
panischen Drehungen davon. Auch an seinem weißen Rüschen-
hemd klebten gelbe und rote Spritzer.
Sein Fuß trat in eine Menschenleiche. Er kreischte und stolperte
vorwärts, fuhr herum und schlug mit dem Schwert in die Luft.
Dann drehte er sich wieder im Kreis und hechelte. „Gonbart, ent-
schuldige!“, keuchte er zu der Leiche. Halb irrsinnig lachte er über
sich selbst. „Übrigens, ich hab dich gestern beim Kartenspiel kräftig
abgezogen!“ Der Mann schniefte und wischte sich mit dem Rü-
schenärmel die Tränen vom Gesicht.
„Lasst mich gehen!“, schrillte er in den Wald. „Ich komme nie wie-
der! Ich schwöre es!“ Etwas summte neben ihm. Er prallte zurück
und plärrte jämmerlich, mit Schwert und Hand schlug er um sich.

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Er stolperte erneut, sein Hosenbein blieb an einem abgerissenen
Bienenstachel in der Länge eines Kurzschwerts hängen. Der Stachel
steckte im Kreuz einer anderen Leiche. Atemlos riss der Mann sich
los, taumelte fort – und blieb stehen, um nicht zu ersticken. Die
Schwertspitze fiel ins Erdreich, er ging in die Knie. Den Mund riss
er weit auf und rang nach Luft, die Augen kniff er zu. Der Schwert-
griff entglitt beinahe seinen Fingern.
Schließlich konnte er wieder atmen. „Da liegt die Karte! Behaltet
sie und den verfluchten Schatz! Niemand wird je wieder danach
suchen!“, jammerte er. Längst hatte er sich in die Hose gemacht.
Vier Männer und zwei Frauen lagen tot im Unterholz, die achte
Person war geflohen. Sein bester Freund, der ihn zu diesem Aben-
teuer überredet hatte, baumelte an einer alten Eiche, am Hals wie
an einem Galgen aufgehängt – mit einem Spinnenfaden. Das Bild
seiner Frau verschwand nicht vor seinen Augen – wie sie sich auf-
bäumte und ihn anstierte, hinterrücks durchbohrt vom Stachel
der Hornisse. Aus ihrem Mund war Blut auf einen riesigen Pilz
gesprungen, von wo es nun gemächlich ins Moos tropfte.
Wieder summte etwas an seinem Ohr. Er wirbelte so heftig auf, dass
er von einem glitschigen Felsen im Boden wegrutschte und rücklings
ins Rinnsal klatschte. Das kalte Wasser im Nacken erschien ihm als
Griff des Totenreichs. Er strampelte und kreischte – und hackte sich
mit dem Schwert bis zum Knochen ins Schienbein. Blut schoss in die
Luft, die Stimme des feisten Manns überschlug sich und versagte.
Hinter ihm knarzte Totholz, die Geräusche formten Worte: „He
... du!“ Ein Waldkrieger, ein untoter Mensch mit Haut wie mor-
sche Rinde, wuchs langsam in sein Sichtfeld. Das Schwert fiel plat-
schend in den Fluss, der Mann verlor das Bewusstsein. Augenblick-
lich schossen Wurzeln in die Luft, Erdreich bröckelte ins Rinnsal.
Helle Dornen schoben sich aus den Wurzeln hervor. Auf einen ver-
ärgerten Wink des Waldkriegers hin, stachen die Wurzeln in den
Boden zurück und krochen davon.
Der Waldkrieger knackte mit den Ästchen seines Hinterkopfes und
sah in eine scheinbar belanglose Richtung.
„Er ist gut genug, Imdra zu holen. Verbinde sein Bein!“, rauschte
eine alte Eiche im Wind.

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„Imdra ist nicht länger besser als all die anderen! Sie erlag der Verlo-
ckung der Schatten – die Traumkraft ist für sie jetzt unerreichbar!“,
raschelte eine dünne Birke. „Wozu sie herholen?“
„Doch sie wird von denjenigen geduldet, welche die Traumkraft
erlangt haben. Und sie hat für ihren Fehler gebüßt. Sie besitzt wei-
terhin unsere Freundschaft“, knarzte eine sterbende Rotbuche.
Die Eiche rauschte zustimmend. „Durch Imdra erlangen wir auch
das Wohlwollen derer, welche die Traumkraft erlangten. Wir geben
ihnen, was sie verlangen, dafür bekämpfen sie die Lebenden Schat-
ten in unserer Mitte. Und einer der ihren wird unser Botschafter,
um unseren guten Willen zu zeigen.“
Die Birke brauste auf. „Diese matschigen Schwächlinge mit ihrer
kurzen Lebensspanne sollen uns überlegen sein und unsere Pro-
bleme für uns lösen?“
Die Rotbuche knirschte höhnisch. Die Eiche raschelte missbilli-
gend. Plötzlich erkaltete der Wind und die Sonne erbleichte. Ein
harscher Eishauch strich durch die Blätter aller und verkündete
den Willen des Dreschwalds: „Imdra und ihre Freunde werden
uns dienen, und sei der Preis, dass unsere Waldkrieger alle vergra-
benen Menschenschätze zusammentragen müssen. Bedeutungs-
loser Plunder! Es gibt keinen leichteren Weg für uns, die Leben-
den Schatten aus unserer Mitte zu verjagen, als es die Menschen
tun zu lassen. Waldkrieger, verbinde das Bein des Eindringlings
und schicke ihn mit unserer höflichen Einladung zu Imdra und
ihren neuen Freunden.“

Der einzig überlebende Schatzsucher kam mit verbundenem Bein


wieder zu sich und stierte ungläubig vor sich hin. So sehr er sich
anstrengte, er konnte nicht begreifen, was vorging. Ein untoter
Krieger mit faulender Rindenhaut, auf dessen linker Wange ein
weißgelber Pilz spross, verlangte von ihm mit höflicher Geduld und
einer Stimme wie knirschendes Holz, eine bestimmte Frau und de-
ren Freunde einzuladen. Langsam schüttelte der Überlebende den
Kopf, seine Fäuste rieben sich an seinen Beinen. Seine geliebte Frau
war von einer menschengroßen Hornisse erstochen, sein bester
Freund von einer gigantischen Spinne aufgeknüpft worden. Der

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ganze Dreschwald war sein Feind, der Feind aller Menschen. Was
wollte er von dieser Imdra?
„Was schert es mich! Der Wald lässt mich gehen, wenn ich sie her-
schicke!“, sagte er sich und nickte, kaum fähig, den schrecklichen
Waldkrieger anzublicken. Er sah nur die rostige Stahlspitze des klo-
bigen Schwerts, das locker in der Rindenfaust des Untoten baumel-
te. Pilze sprossen den Arm des Wesens entlang. Die unteren waren
angebissen. Ein einzelner seiner Zehen hatte sich zu einer Wurzel
verwandelt und nestelte im Waldboden herum.
„’tschuldigung!“, knarrte der Waldkrieger und zog hastig den
Wurzelzeh aus dem Boden. Der Überlebende verstand gar nichts
mehr. Aber sein Schienbein, mit einem kräutergetränkten Um-
schlag verbunden, schmerzte kaum noch, und nichts wollte er
lieber, als den Dreschwald verlassen. Mühsam quetschte er seine
Zustimmung heraus.
Er wandte sich um und humpelte davon. Einige Schritte rannte
und stolperte er; der Überlebende war so verwirrt und verängstigt,
er konnte sich nicht einmal klar für eine Bewegungsart entscheiden.

Er hinkte der Goldbucht entgegen. Einen Pfad gab es nicht, je-


doch duckten sich Kräuter und Gräser dort zu Boden, wohin der
feiste Schatzsucher seine Füße setzen sollte. Sein Schienbein pochte
schmerzhaft, die Wirkung der Heilkräuter ließ nach. Ächzend setzte
er sich auf einem moosigen Felsbrocken und streckte das verletzte
Bein aus. Kaum waren seine Gedanken zu seiner toten Frau und
den verlorenen Freunden geschweift, schreckte ein lautes Knacken
ihn auf. Ungelenk wirbelte er mit dem kaputten Bein herum und
starrte ins Unterholz. Doch der Anblick eines untoten Waldkrie-
gers, den er erwartet hatte, blieb aus.
„Nazari!“, rief er und wankte auf seinem gesunden Bein.
„Yegor“, grüßte sein Gegenüber trocken. Nazari lehnte mit der
Schulter lässig an einer Buche. Seine Augen glommen kalt wie Eis
im Mondlicht. Sie passten nicht zum freundlichen Sonnenlicht des
späten Nachmittags. Eine blasse Narbe lief über das linke Jochbein
bis zum kurzen Mundwinkel seiner blutleeren Lippen. Nazari trug
einen schwarzen Ledermantel mit silbernen Ketten und Ringen da-

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ran. Dennoch bewegte er sich lautlos, und allein deshalb war er
Yegor von Anfang an suspekt gewesen.
„Schön, dass noch jemand außer mir überlebt hat!“, rief Yegor über-
schwänglich und grinste so breit, dass jedes Kind die Unehrlichkeit
darin durchschaut hätte.
Nazari nickte knapp. Sein Blick ruhte auf Yegors Bauchspeck. Er
zog eine schwarze Wollmütze aus der Manteltasche und schmiegte
sie auf die dunkelblonden Stoppeln seines Schädels. Aus der an-
deren Manteltasche zog er einen silbernen Flachmann, schraubte
den Verschluss ab und trank mit verzerrtem Gesicht. Stumm die
Zähne fletschend, reichte er ihn dann Yegor. Der trank ebenfalls
einen Schluck, ignorierte das Brennen im Hals und das Tränen in
den Augen und gab das hochprozentige Gebräu zurück. Er japste
und hatte Mühe, das Husten zu unterdrücken.
„Bin beim ersten Anzeichen von Gefahr gerannt“, rechtfertigte Na-
zari sein Überleben, während er den Flachmann in den Mantel zu-
rücksteckte. „Tut mir leid mit Gennadija“, fügte er achselzuckend
hinzu und ließ teilnahmslos den Blick schweifen.
„Du hättest gar nichts machen können“, winkte Yegor mit schiefem
Grinsen ab. Ob das stimmte, wagte er nicht zu beurteilen. Insge-
heim hielt er Nazari nämlich für einen Schattenläufer, der sich bei
Yegors Anarchistengruppe bloß eingeschlichen hatte. Was eine so
gefährliche Gestalt wie Nazari sich von der Gesellschaft der Anar-
chisten versprochen hatte, verstand er nicht, aber selbst jetzt schien
der vermeintliche Schattenläufer sich an Yegors Fersen zu heften.
Ihre einzige Gemeinsamkeit war ihre Herkunft aus einem abgele-
genen Küstenkaff im Osten. In einer Söldnerspelunke am Rand des
Dreschwalds hatten sie sich am Dialekt und dem Klang ihrer Na-
men erkannt.
Yegor war kein Feigling, aber die Gegenwart Nazaris machte ihn
nervös. In den Augen und Fältchen des Fremden stand eine Ge-
schichte voller Gewalt und Kälte graviert. Nazari schuldete nur sich
selbst etwas, er würde Yegor für eine alte Vase aus dem Dreschwald
verkaufen. Was verspricht sich so ein Kerl von meiner Begleitung?
„Wohin gehst du?“, fragte Nazari und blickte Yegor mit schlangen-
haftem Lächeln an.

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Yegors überschwängliches Grinsen entglitt seinen Zügen und ver-
eiste. „Raus aus dem Wald, zur Goldbucht“, erklärte er stockend
und schaute eilig in die entsprechende Richtung, um Nazari nicht
ansehen zu müssen.
Nazari folgte Yegors Blick. Seine Miene blieb desinteressiert. „Lass
uns zusammen weitergehen, dann ist es sicherer“, murmelte er.
Wie beim Überfall der Waldwesen, was? Yegor biss die Zähne zu-
sammen, damit ihm keine spöttische Reaktion herausrutschte. „In
Ordnung“, presste er hervor, deutete mit dem Kopf in die Marsch-
richtung und hinkte los.

Nazari folgte ihm ohne Geräusche und ließ sich zu seinem ge-
heimen Ziel führen, zu dem er den Weg nicht kannte und an das
er so wenig wie möglich denken durfte. Der Dreschwald würde
die verräterischen Gedanken sonst spüren. Im Traum hatte Nazari
Yegor mit Imdra gesehen, wie sie in der nahen Zukunft redeten
und verhalten lachten. Yegor würde ihn zu Imdra bringen, zu der
Verräterin an Ten’britheel, die den Tod verdiente. Die Lebenden
Schatten, denen Nazari diente, hatten ihn vor dem Wald gewarnt,
davor, dass er Imdra beschützen würde. So war der Kopfgeldjäger
gezwungen, seine Absicht zu verschleiern. Er durfte nicht offenkun-
dig den Weg zu Imdra suchen, weder physisch noch seelisch. Nazari
betäubte sich sogar den ganzen Tag über mit schwachen Drogen,
um seine Gedanken zu vernebeln. Er hasste die Benommenheit und
Trägheit, welche die kleinen gelben Pillen erzwangen. Durch den
Mangel an Lebensenergie wurde außerdem die Verbindung zu den
Torwesen gedämpft; sie konnten ihm im Dreschwald aber sowieso
nicht helfen, denn das hätte ihn verraten und der Wald hätte ihn
sofort getötet.

Bleich sank die Sonne hinter der Bastion der Schatten nieder. Das
Abendrot erschien nicht. Der Riss in der Wirklichkeit wuchs jede
Stunde. Er kroch über den Strand und den Wolken entgegen. Wo-

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hin er sich reckte, sah Beutemacher nichts – auch keine Schwär-
ze. Die Bastion war wie ein blinder Fleck des Auges, den er nicht
fokussieren konnte. Nur der Salzgeruch der rauschenden Meeres-
wogen kitzelte wie eh und je in seiner Nase. Feuchtkühle Brisen
streiften durch die Dünen.
Beutemacher ächzte und ließ sich schwerfällig auf einen toten
Baumstamm fallen, der am Waldrand lag. „Mein Kreuz bringt mich
noch um, wenn es die Torwesen nicht tun“, stöhnte er. Seine Ge-
danken jedoch waren bei Sibyll. Könnte sie nur hier sein und diesen
ersten Triumph miterleben! Ein einziger Fehler und alles ist anders.
Wir hatten das Handelsschiff praktisch schon geentert. Nur dieser eine
Verwundete, der sich tot gestellt hatte, war uns entgangen und hatte
ausgerechnet Sibyll ins Visier genommen. Oder hatte er doch auf mich
gezielt und sie war ihm bloß in die Schusslinie gelaufen?
Firfalgon saß angespannt neben ihm. „Sie beobachtet mich, wenn
sie denkt, ich achte nicht auf sie“, flüsterte er und starrte Imdras
Rücken an. Sie, Jennica und Ireen schwiegen vor Baldrins Grab.
Ireens Augen loderten in einem neuen Feuer, obgleich auch Trauer
nasse Spuren auf ihren Wangen hinterlassen hatte.
„Sie ist seltsam wie alle Schattenläufer.“ Beutemacher tupfte mit einem
Tuch seinen fauligen Nacken ab und las in Firfalgons Eulengesicht.
Der Hadanter erwiderte den Blick. Seine dichten Brauen zogen
sich zu einem schwarzen Balken zusammen. Sollte ich ihm verra-
ten, dass Imdra aus Ten’britheel stammt, dass sie keine gewöhnliche
Schattenläuferin ist? Er entschied sich dagegen. Er wollte jetzt
nicht noch mehr Chaos und Hass stiften. Das hatten die Torwe-
sen zur Genüge getan. Er war sich zudem unsicher, ob Imdra eine
Gefahr darstellte. „Ich werde sie einfach fragen, wieso sie mich so
beäugt“, brummte Firfalgon.
Müde schlurfte er zu den Frauen an Baldrins Grab. Jennicas Bluse
mit dem getrockneten Blut ließ sie wie einen Zombie anmuten, so
leer und weiß war ihr Gesicht. Imdras zerschlissenes Kleid rutschte
ihr von der Schulter, als sie sich kratzte – der blaue Stoff entblößte
verbotene Runen auf ihrem Rücken, geächtete Zauberformeln, wie
Firfalgon sie während seiner Zeit als Hexenjäger kennengelernt hat-
te. Der Hadanter erstarrte beinahe bei diesem Anblick; er schaffte

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es gerade noch, seine Schritte fortzusetzen und seinen Schock nicht
zu verraten.
Bis vor zwanzig Jahren hatten Schattenläufer immer wieder ver-
sucht, Hadante zu unterwandern. Die gefährlichsten von ihnen
hatten solche Runen auf dem Rücken verborgen. Heute sahen die
Schattenläufer Hadante nicht länger als Bedrohung an, die Kämpfe
zwischen beiden Fraktionen waren verebbt.
Dass sie mächtig ist, heißt nicht, dass sie meine Feindin ist ... Ich muss
es genau wissen. Doch kann man einem Monster aus Ten’britheel genug
vertrauen, um sicher zu sein? Fieberhaft suchte Firfalgon nach der
richtigen Frage. Er blieb hinter den Frauen stehen und wusste sie
noch immer nicht. Imdra und Jennica wandten sich dem Tempel-
krieger fragend zu, während Ireen leise schluchzte.
Imdra las in Firfalgons Gesicht, das von dunklen Sturmwolken
aufgewühlt wurde. Sie verstand. Wieder verwandelte sie sich in
jenen kalten Marmorblock, als der sie ihm schon nach dem Tod
ihrer Schwester im Wald begegnet war. Sie hob das Kinn und
ballte die Fäuste.
Die Konfrontation wurde jäh unterbrochen, als hinter ih-
nen Beutemacher mit einem Warnruf aufsprang und sich dem
Dreschwald zuwandte.
Yegor und Nazari traten aus den zurückweichenden Gräsern über
den Waldrand in das kränkliche Abendrot. Nazari stand äußerlich
gelassen hinter Yegor. Der hingegen rieb nervös seine Hände inei-
nander und grinste falsch vor Angst. Seine Pupillen ruckten von
Gesicht zu Gesicht.
„Ich bin Yegor, mein Freund hier heißt Nazari. Ist eine von
euch Imdra?“
Nazaris und Imdras Blicke stießen aufeinander. „Ich bin es!“, rief
Imdra feindselig. Sie ahnte die Absicht hinter seiner leblosen Fassa-
de und durchbohrte ihn mit den Augen.
„Ich überbringe den Willen des Waldes“, rief Yegor und faltete die
Hände fest ineinander, um seine Nervosität zu beherrschen. „Der
Wald wünscht, dass du und deine Begleiter mich zu einer Schat-
tenbastion in seinem Herzen begleiten, um sie mit der Traumkraft
zu zerstören.“ Er schielte zum lichtlosen Riss an der Küste, der den

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Dünen entgegenwuchs. „Einer viel größeren Bastion als dieser. Es
eilt sehr.“
„Das klingt wie eine Lüge für mich“, knurrte Beutemacher die
Fremden an.
Yegor hatte mit solch einer Reaktion gerechnet und sich während
des Weges darauf vorbereitet. „Sicher klingt das unglaubwürdig,
nicht zuletzt, weil ich keinen Schimmer von den Dingen habe, über
die ich hier reden muss. Ich weiß nichts von einer Traumkraft, und
den Namen Imdra hörte ich vor wenigen Stunden zum ersten Mal.
Aber ich habe meine Schuldigkeit getan. Imdra muss entscheiden,
ob sie mir glaubt. Sie kennt den Wald, und er ruft ohnehin nach
ihr, soweit ich weiß.“
Imdra nickte und trat vor. „Woher kommt ihr?“ Sie wollte insbeson-
dere den Kopfgeldjäger aus der Reserve locken und herauskriegen, ob
Yegor wusste, wer ihm da folgte. Sie hoffte, die Menschenkenntnis
von Firfalgon und Beutemacher reichte aus, die Situation schnell
genug zu durchschauen. Unmerklich schielte sie zu den beiden hinü-
ber. In ihrer jetzigen Rolle konnte sie nicht einfach verlangen, dass
Nazari getötet wird. Ihr Wort würde gegen seins stehen, und während
Nazari niemand einschätzen konnte, hatten Firfalgon, Ireen und Jen-
nica einige erdrückende Argumente gegen Imdra in der Hinterhand.
Yegor antwortete auf ihre Frage: „Wir waren Schatzsucher, aber der
Wald hat unsere Gefährten und ... meine Frau getötet.“
„Und zur Belohnung dienst du ihm? Was für eine blöde Geschich-
te!“, schnauzte Beutemacher verärgert. Er zog Jennicas Pistole
vom Rücken, die er Baldrins Leiche abgenommen hatte. Noch
richtete er sie aber nicht auf die Ankömmlinge, sondern ließ sie
neben dem Bein ruhen.
„Ich habe keine Wahl!“, gab Yegor schrill zurück, „der Wald zwingt
mich doch!“
„Natürlich“, knurrte Firfalgon. Er zog seinen Kriegshammer aus der
Trageschlaufe auf dem Rücken und stellte den gefährlichen Kopf
der Waffe in den Dünensand. Ireen, die ihn schon länger kannte,
trat neben ihn und schnallte seinen Schild vom Rücken. Firfalgon
ließ ihn sich an den Arm schnallen, ohne die wortlos zusehenden
Fremden aus den Augen zu lassen.

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„Wir wollen das doch nicht eskalieren lassen“, rief Yegor, um eine
ruhige Stimme bemüht. Beschwichtigend hob er die Hände. „Im-
dra, du musst entscheiden.“
Die Schattenläuferin nickte. Sie traute Yegor nicht, und über Na-
zaris Absichten war sie sich inzwischen nahezu sicher. Die neuen
Fältchen um ihren Mund zuckten herab. Nazari wäre nicht der
erste Kopfgeldjäger, der Abtrünnige von Ten’britheel zur Strecke
brachte. Doch dass der Dreschwald verzweifelt nach ihr rief, das
stimmte. Und das konnte Yegor nur wissen, wenn der Wald es ihm
verraten hatte.
„Ich werde mitgehen und diesem Hilferuf folgen – wenn die Träger
der Traumkraft mich begleiten.“ Sie sah Beutemacher und Firfalgon
bittend an. „Ich besitze die geforderte Kraft nicht, allein kann ich
nichts ausrichten.“
Der Moment der gedankenvollen Anspannung ließ die Schattenba-
stion aufwallen und den Menschen schneller entgegenwachsen. Die
Lebenskraft, die in Form von Willen plötzlich aufgebracht wurde,
nährte die Torwesen ebenso wie das Misstrauen gegen Imdra und
die Fremden.
Am meisten wurde Ireen verlockt, Imdra zu verraten. Der Tod ihres
Vaters war die Eintrittskarte in ihren Geist für eins der Torwesen.
Rache! Du weißt, dass sie die beiden Männer an der Nase herumführt
mit der Traumkraft! Sie werden in den Tod laufen, weil auch sie nicht
jene Kraft besitzen, die der Wald fordert! Das war nur Imdras Licht-
gaukelei, die ihr gesehen habt, nicht die wahre Traumkraft. Wie dreist
sie doch ist, mit ihrer eigenen Lüge zu kokettieren und Firfalgon und
Beutemacher mit in den Tod zu reißen, wenn sie geht! Hätte sie sich
nicht für ihren falschen Lichtzauber so verausgabt, hättest du auf dei-
nen Vater aufpassen können und er würde noch leben!
Ireen stieß einen rauen Schrei hervor und packte Imdras Pferde-
schwanz. Sie riss so fest daran, dass die Schattenläuferin überrum-
pelt zu Boden stolperte. Ireen ließ nicht los, sondern trat auf Imdra
ein, ungezielt Rippen, Hüfte und Kopf treffend. Imdra rollte sich
zusammen und kreischte kläglich. Um so wilder schlugen Ireens
Stiefel in ihren Kopf und Körper ein. Die unvermeidliche Entla-
dung von zwei Jahrzehnten Wut traf die Falsche.

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Jennica stand apathisch neben den beiden und starrte an ihnen vor-
bei; eigene Dämonen tobten in ihren Gedanken und lähmten sie.
Verleugne dein wahres Wesen nicht! Du gehörst zu uns, du hast dich
nur kurz von diesen Möchtegern-Helden verwirren lassen. Sie haben
deinen Mann getötet, hast du das schon vergessen? Sie haben dich zwei
Finger gekostet! Sie besitzen außerdem mitnichten die Traumkraft, du
weißt es. Sie sahen nur Imdras Lichtzauber und glauben seitdem fana-
tisch an diese Lüge. Doch im Dreschwald würde die Lüge zusammen-
brechen. Folgst du ihnen, wirst du sterben. Vergiss sie, sie sind verloren.
Kehre zu uns zurück.
Firfalgons Glaube loderte hell in seinem Geist und vertrieb die
Schatten, während Beutemacher jeden Gedanken verblassen ließ
und für die Torwesen unsichtbar wurde. Die Männer wussten
nicht, dass dies nicht das volle Ausmaß der Traumkraft war, doch
sie spürten zu Recht, dass ihre neuen Fähigkeiten zumindest ein
Teil von ihr waren. Da sie jedoch so sehr mit ihrem eigenen Schutz
beschäftigt waren, konnten sie Imdra nicht helfen; ihre Schreie
nahmen sie kaum wahr.
Yegor hechelte panisch und konnte sich nicht rühren. Er verstand
nicht, was vorging. Er sah schattenhafte Blitze und Äderchen aus
der Bastion in die Köpfe der Männer und Frauen vor sich zucken.
Nazari hinter ihm schloss die Augen und lächelte. Er sah zu, wie
Imdra von Ireen blutig getreten wurde und überlegte, ob er Ireen
helfen sollte, um sicherzugehen, dass Imdra starb. Aber dann würde
er sich verraten, sollten Imdras Gefährten den Kampf gegen seine
Herren gewinnen, die Torwesen. Er wartete ab.
Imdra konnte nicht atmen. Schmerzwellen detonierten in ihrem
Schädel. Dunkelheit überwältigte sie, alles entfernte sich, sie spürte
ihren Körper nicht. Die Torwesen lachten sie aus und versuchten
nicht einmal mehr, sie zu verführen. Sie war keine lohnende Beute
mehr, wenn sie starb. „Firfalgon!“, keuchte Imdra, klammerte sich
an ihren unerreichbaren Prinzen, den sie im Krieg gegen die Schat-
ten nicht alleinlassen durfte. Sie sang, erschreckte sich vor ihrer ge-
alterten Stimme. Doch ihre Magie war noch da, so brüchig ihre
Melodie auch erklang. Neue Lebenskraft strömte aus der Meeresluft
in ihren Körper. Plötzlich sprang sie auf. Sie löste Ireens Griff um

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ihr Haar nicht. Sie schlug der verdutzten Gegnerin die Faust mit
voller Hüftdrehung ins Gesicht. Ireens Nase knackte, ohne Schrei
fiel Baldrins kampferprobte Tochter in den Sand. Doch sie war
nicht bewusstlos. Sie zischte wie eine Schlange und drehte sich auf
den Bauch. Gleichzeitig trat sie Imdra ins Knie. Die Schattenläufe-
rin stürzte verdreht und heulte auf. Ireen rollte wieder auf den Rü-
cken, sprang in die Hocke und packte Imdras Schopf. Sie donnerte
ihr den Ellbogen ins Gesicht. Doch auch Imdra verlor dank ihrer
stärkenden Magie nicht das Bewusstsein. Sie ergriff Ireens Arme
und riss die Gegnerin zu Boden. Dort rollten sie beißend und krei-
schend durch den Sand und rammten sich gegenseitig die Knie in
die Seiten. Ireen gewann schließlich die Oberhand, thronte auf Im-
dras Bauch und würgte sie mit blutunterlaufenen Augen.
Imdra strampelte hilflos und warf vergeblich mit Sand nach Ireens
Augen. „Du lässt mir keine Wahl!“, röchelte sie und kniff die Lider
zu. Sie wurde still. Ireens Gesicht, von Schatten umtanzt, glühte
mordlüstern. Sie drückte ihre Finger noch fester in Imdras Hals.
Eine Meereswoge löste sich von ihren Schwestern. Sie türmte sich
in die Höhe, zog sich zu einem Speer aus Eis zusammen und schoss
an Land. Ireen bäumte sich auf und stierte über Imdra hinweg. Ihre
Lippen formten einen Schrei, doch sie stöhnte nur leise. Ihr Blick
zerbrach. Sie kippte von Imdra herunter und starb in einer Wasser-
pfütze, als die Meereswoge sich zurückverwandelte.
Nazari reagierte pfeilschnell. Die anderen schienen noch mit ihren
Torwesen zu kämpfen, daher rannte er auf die halbtote Imdra zu
und zog einen Dolch aus dem Gürtel. Die geschwungene Klinge
glühte wie Kohlen.
Yegor, obgleich viel schwächer und somit eine weniger lohnende
Beute als die anderen Menschen, wurde nun ebenfalls von einem
Torwesen attackiert. Die Seuche sprang unweigerlich über, infi-
zierte jeden in der Nähe einer Bastion, eines Krankheitsherdes. Ye-
gor ballte die Fäuste und seine kalt leuchtenden Augen spiegelten
wider, wie schnell er den Kampf gegen die Abgründe seiner eigenen
Seele verlor.
Imdra lag Nazari atemlos zu Füßen und regte sich kaum. Sieges-
sicher kniete der Kopfgeldjäger sich vor ihren Kopf und legte den

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Dolch an ihre Kehle. Hinter ihm schrie Firfalgon: „Weg von ihr!“
Der Hadanter gewann seinen Kampf. Seine Augen loderten fana-
tisch. Er befand sich auf einem heiligen Kreuzzug gegen die Torwe-
sen, er war die Bluteule von Dememnon und er besaß die Traum-
kraft. Mit erhobenem Kriegshammer stürzte er sich auf Nazari.
Gleichzeitig warf sich Beutemacher auf Yegor, der Nazari zu Hilfe
eilen wollte. Beutemacher hätte ihn erschießen können, doch dann
wären auch die Informationen des Dreschwalds verloren gewesen.
Als knurrendes Fleischknäuel wälzten sich die beiden Schwerge-
wichte durch Sand und Dünengräser. Yegors Beinwunde hatten die
Torwesen vergessen gemacht.
Nazari zischte einen Fluch und sprang rückwärts auf. Er zauberte
nicht durch Gesang, sondern durch komplizierte Handhaltungen,
welche die Energien seines Körpers mit der Welt verbanden. Seine
freie Hand hob sich gegen Firfalgon. Jeder Winkel jedes Fingers mus-
ste stimmen, er durfte das Muster nicht verwackeln. Reglos verharrte
er, als der Hadanter ihn ansprang. Der hoch erhobene Kriegshammer
fiel ihm aus der Faust, als er schlagartig zusammenbrach. Schreiend
wälzte er sich am Boden. Nazari senkte die leere Hand wieder und
hob stattdessen den Dolch. Er fixierte Imdra und ließ Firfalgon acht-
los zurück. Unter seinem schwarzen Ledermantel folgten ihm die
Schatten und sogen jedes Geräusch auf, das er gemacht hätte.
Der Hadanter glaubte, in seiner Rüstung lebendig zu verbrennen.
Doch der nahe Dreschwald linderte den magischen Schmerz des
Verbündeten, der Imdra weiterhin beschützen sollte. Zum Staunen
blieb ihm keine Zeit. Er rollte sich auf den Bauch und bekam ge-
rade noch Nazaris Knöchel zu packen. Der Kopfgeldjäger wollte
mit dem Dolch Firfalgons Arm durchstechen, war aber zu langsam:
Firfalgon sprang trotz der Rüstung blitzschnell in die Höhe, riss
Nazaris Bein mit sich und stieß den Gegner von sich, sodass er
einen Meter zurückflog und auf den Rücken knallte. Nun waren
beide gleich weit von Imdra entfernt. Nazaris Augen ruckten auf
sein Ziel – dadurch war Firfalgon schneller, denn er stürzte sich
ohne zu zögern auf den Feind.
Mit dem Schild, der noch an seinen Arm gebunden war, schlug er
Nazaris Dolch zur Seite. Gleichzeitig schlug seine rechte Faust im

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Gesicht des Gegners ein. Nazari taumelte benommen, sein Mantel
wehte auf und entblößte zuckende Schatten. Firfalgon prallte zu-
rück und hob instinktiv den Schild. Der Kopfgeldjäger rieb sich
den Kiefer und lachte den Hadanter kalt an. Er wusste, dass auch
Firfalgon sterben musste, obgleich Nazari primär auf Imdra ange-
setzt worden war. Ehrgeiz beflügelte ihn, er würde seinen Herren
beide Köpfe liefern.
Beutemacher hatte unterdessen Yegor grün und blau geschlagen.
Von den Torwesen bis zur Selbstaufgabe getrieben, hörte der fet-
te Kerl jedoch nicht zu kämpfen auf. Yegors Augen waren zuge-
schwollen, sein Mund war voller blutiger Zahnlücken und sein
Atem rasselte qualvoll. Aber er ließ Beutemachers Arme nicht los
und kreischte schrill. Wenn ich ihn noch weiter quäle, wird er das
Tor nur weiter aufreißen in seiner Panik! Ich muss ihn sofort stoppen.
„Krieg wird nicht mit Krieg beendet“, erinnerte sich Beutemacher,
doch Panik beschlich ihn bei dem Gedanken, dass vielleicht bloß
eine Sekunde blieb, bevor Yegor das Tor noch weiter öffnete, zu
weit. Der Piratenkapitän packte den hilflosen Gegner an Kinn und
Hinterkopf und brach sein Genick. Yegor zuckte und verstummte,
schließlich erschlaffte er und hörte auf zu atmen.
Beutemacher hatte schon viele Gegner getötet, aber seit er die
Traumkraft kannte, fühlte er keinen Triumph mehr nach solch
einem Kampf, im Gegenteil. Entweder hatte er auch das Torwesen
vernichtet – dann handelte er der Anweisung einer Göttin zuwider
– oder er hatte einen mehr oder minder Unschuldigen getötet und
das Torwesen lediglich für einen kurzen Moment verjagt. Beutema-
cher sprang auf und sah sich gehetzt um. Wenn das Torwesen in
Yegor nicht tot war, lauerte es irgendwo. Während er um die eigene
Achse wirbelte, streifte sein Blick Firfalgon und Nazari, die sich
neben Imdra gegenüberstanden.
Von Jennica hatten die Schatten abrupt abgelassen, um ihre Kräfte
auf Nazari und Yegor zu konzentrieren. Schon einmal hatten sie
die Technokratin für zu unwichtig und ungefährlich eingestuft, um
ihnen nützlich zu sein. Sie trat von einem Fuß auf den anderen
und presste die Finger zu flachen Fäustchen in die Handflächen.
Bleich verfolgte sie die Kämpfe. Als Nazari und Firfalgon vorei-

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nander verharrten, witterte sie ihre Chance, den neuen Gefährten
zu helfen. Sie sprintete ungebremst in Nazaris Rücken und hielt
ihm die Augen zu. Der Kopfgeldjäger fluchte überrascht und drehte
sich wie eine Schraube zur Seite und nach unten, gleichzeitig mit
ausgestrecktem Arm den Dolch von links nach rechts reißend. Er
schlitzte Jennicas Bauch auf, die Technokratin würgte entsetzt und
sank in die Knie. Gleichzeitig schlug Firfalgons Hammer in Nazaris
Kopf ein und schickte seine Leiche zu Boden. Die Schatten zo-
gen sich zurück. Noch bevor Jennica über ihm zusammenbrechen
konnte, hatte Beutemacher sie aufgefangen. Er legte sie behutsam
auf den Rücken und drückte eine Hand auf die Wunde. Firfalgon
ragte vor den beiden schützend auf und sah sich wachsam um. „Im-
dra kann sie heilen, falls sie zu sich kommt“, mutmaßte er und
wandte sich der bewusstlosen Schattenläuferin zu. Dass sie Ireen
nicht mehr helfen konnten, hatte er längst gesehen.

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In der Tat ging es Imdra besser, als Firfalgon und Beutemacher
befürchtet hatten. Firfalgon konnte sie wachrütteln, und Imdra
heilte Jennicas Wunde mit einem ruhigen Zauberlied. Der Angriff
der Torwesen war abgewehrt, doch der Führer für den Dreschwald,
Yegor, war tot.
„Ich bin sicher, ich finde den Weg allein. Der Wald wird mir die
Richtung weisen“, erklärte Imdra und hob zuversichtlich den Kopf.
Firfalgon nickte zustimmend. Er hatte Imdras Verbindung zum
Dreschwald schon einmal gespürt. Beutemacher und Jennica hin-
gegen schauten skeptisch.
„Die Nacht bricht an“, wandte Jennica ein.
Beutemacher lachte freudlos. „Was ist gefährlicher bei Nacht? Der
Dreschwald oder das überrannte Küstengold?“
„Im Wald kann ich euch beschützen“, wies Imdra abermals auf ihre
Bedeutung hin.
Jennica schüttelte ängstlich den Kopf. „Das ist doch Wahnsinn! Wir
wissen nicht, wohin wir sollen und der Wald tötet uns hinterhältig!
Bei der Bastion wissen wir wenigstens, wo sie steht.“ Sie seufzte und
beruhigte sich. „Aber wenn ihr alle drei meint, wir sollten gehen,
schließe ich mich an.“ Die Furcht davor, hier womöglich allein ge-
lassen zu werden, war ihrem Gesicht deutlich abzulesen.
Beutemacher gab somit den Ausschlag. Missmutig verzog er die
Mundwinkel und verschränkte die Arme. Äußerlich gelassen, ließ
er seine Blicke am Horizont auf und ab wandern. Dunkelgraue
Sturmwolken zogen dort mit der Flut herauf und schickten kalte
Windböen voraus. Die Abendsonne versank als blassroter Fleck
zwischen den Wolkenfetzen und dem Schlangenmeer.
Über dem Dreschwald lag bereits die Göttin Anruth, Herrscherin
der Nacht, in ihrem majestätischen Sternenhimmel. Der Wald-
rand war die Grenze in ihr fremdes Land. „Gehen wir“, schmun-
zelte Beutemacher, „mein letztes erfolgreiches Abenteuer ist viel
zu lange her.“
„Abenteuer?“, fuhr Jennica auf. „Das ist doch hier kein Spiel!“
„Nicht?“, grinste Beutemacher schelmisch, obgleich seine Augen
nicht mitlachten und verrieten, dass ihm der Ernst der Lage be-
wusst war.

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„Schon klar!“, schrie Jennica und gestikulierte mit flachen Hän-
den. „Für Leute wie dich ist das ganze Leben bloß ein Spiel! Aber
nicht für mich! Wir dürfen nicht unüberlegt handeln bei solchen
Gefahren und einfach drauflosmarschieren, um auf den Instinkt ei-
ner Fremden zu hoffen!“ Viel zu lange hatte Jennica keine eigenen
Entscheidungen mehr treffen müssen, und nun bangte sie zwischen
einem Übergriff der Torwesen und der Rache uralter Geister.
„Du hast gesagt, du schließt dich uns an, wenn wir alle drei gehen
...“, erinnerte Beutemacher sie, seine Augen blitzten spöttisch. Er
war offenbar nicht gewillt, Jennicas Furcht ernst zu nehmen, zumal
er in ihren Augen gesehen hatte, dass sie sich eher fügen würde, als
allein zurückzubleiben.
Sie senkte den Kopf und nickte betreten. So ein Arschloch. Da
kommt wohl der Pirat wieder durch. Inzwischen war sie nicht mehr
sicher, ob die Stimme, die ihr Geburtsmal erwähnt hatte, nur Teil
ihres Albtraums gewesen war; doch selbst falls sie bloß träumte,
eine Sklavin archaischer Geister zu werden, wollte sie keinesfalls
allein aufwachen. Von den realen Schrecken des Dreschwalds und
der Schattenbastion ganz zu schweigen, denen sie allein niemals
trotzen konnte.
„Dann wäre ja alles geklärt“, verkündete Beutemacher und trat
einen Schritt zurück. Einladend breitete er einen Arm Richtung
Dreschwald aus und blickte zu Imdra. Deren Gesicht zeigte kei-
ne Reaktion. Sie setzte sich schweigend in Bewegung, gefolgt von
Firfalgon. Jennica eilte dem Hadanter dicht hinterher, sie wollte
nicht ganz hinten gehen. Beutemacher folgte ihr, zunächst grin-
send. Doch mit jedem Schritt auf den Dreschwald zu, spannte seine
Miene sich mehr an.

Imdra führte die Gruppe in die Nähe des Ruhigen Flusses. Er


kreuzte den Dreschwald; seine Auen waren lichter als die Fichten
und Tannen, durch die sie sich jetzt drückten. Herber Modergeruch
stieg vom braunen Unterholz auf und mischte sich mit Tannenduft.
Nur wenige dürre Sträucher und Kräuter waren unterhalb der dich-
ten Baumspitzen grün. Die Schattenläuferin ließ ein kleines Licht
über ihrem Kopf vorausschweben.

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Stieleichen und Ulmen lösten den Nadelwald ab und standen weni-
ger gedrängt. Endlich Auwald. Er zeigte Imdra die ersten Ausläufer
des Flusstals an. Die Gruppe kam auf den weichen Gräsern zügiger
vorwärts. Bald würden Silberweiden und Erlen die unmittelbare
Nähe zum Fluss offenbaren. Der Waldgeruch wurde frischer, so tief
in der Nacht allerdings auch kälter. Jennica in ihrer dünnen Bluse
fröstelte und rieb sich die Oberarme, worauf Firfalgon ihr seinen
Fellumhang überließ. „Hätte ich bloß den Mantel noch!“, brummte
die Technokratin. „In Sankt Radenwall ist es durch die Glaskup-
peln viel wärmer als draußen.“
Weder attackierte der Wald sie, noch ließ er der Gruppe Hinder-
nisse über den Weg wachsen. Kein Tiergeist zeigte sich, kein Irr-
vogel lockte sie in eine Falle. Mit jeder Viertelstunde, die nichts
passierte, wurde Beutemacher nervöser. So friedlich kannte er den
Dreschwald nicht. Außerdem hatte die Gruppe Lebende Schatten
im Nacken, die aber augenscheinlich nichts unternahmen, um die
Träger der Traumkraft aufzuhalten. Dabei warf die Gruppe kräftige
Schatten zwischen die Auenhügel und sorgte so für ideale Überfall-
bedingungen durch Torwesen.
Imdras Laune hingegen besserte sich mit jeder Minute, die sie tiefer
in ihre neue Heimat zurückkehrte. Im fahlen Sternenlicht wirkte
sie immer noch wie ein Marmorblock, aber ein zartes Lächeln um-
spielte ihre Mundwinkel und ihre Augen leuchteten. Firfalgon blieb
wachsam, spannte sich jedoch nicht an. Sein Hammer ruhte lässig
auf seiner Schulter. Selbst Jennica hatte ihre Furcht unter Kontrol-
le, seit sie die Enge des lichtlosen Nadelwalds hinter sich gelassen
hatte und über den weichen Grasboden des freundlichen Auwaldes
strich. Sie ließ sich auch von gelegentlichem Knacken im nahen Ho-
lundergesträuch und im Feldahorngebüsch nicht mehr schrecken.
„Das geht zu leicht“, äußerte Beutemacher schließlich seine Sor-
ge. Er dämpfte seine Stimme, doch nach dem langen Schweigen
klang er laut. „Wo sind die Torwesen? Wieso hat Jennica bis jetzt
nicht mal einen Insektenstich, obwohl die Natur Technokraten
wie die Pest hasst?“
„Wir sind eingeladen“, erinnerte Imdra ihn und legte tadelnd den
Kopf schräg.

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„Aber der Wald bat um Hilfe gegen die Torwesen. Wenn er da-
für Zweibeiner braucht, muss er ärgste Probleme haben. Und dann
könnte er uns nicht vor zusätzlichen Torwesen in unserem Rücken
schützen. Wir laufen in eine Falle.“
„Schweig!“, fuhr Imdra auf. Ihr Gesicht loderte plötzlich rot vor
Zorn. „Der Wald würde mich niemals verraten!“, schrie sie so laut,
dass ihre Worte deutlich davonhallten. Eine schneidende Handbe-
wegung sollte jedwede Diskussion beenden.
„Vielleicht ist dem Wald die Gefahr auch nicht in vollem Umfang
bewusst“, beharrte Beutemacher und blieb ruhig.
Firfalgon zog eine Braue hoch. Nun spannte er sich an und nahm
den Hammer von der Schulter. Er wandte der Gruppe den Rücken
zu und durchsuchte mit Blicken das nächtliche Dickicht.
Imdra funkelte Beutemacher an. Jennica stand ratlos zwischen ih-
nen und blickte von einem zum anderen. Sie kam sich überflüssig
vor und ihr Unbehagen wuchs und wuchs. Was tue ich hier bloß?
Hier gibt es keine Aufgabe für mich!

Gêal erwachte. Sein Vater war Hadaggon, Gott des Westens und
des Krieges, einer der Acht Götter Dememnons. Der Einzelgän-
ger. Zerstörer und Brecher aller Regeln. Der dunkle Waldläufer mit
Blut am Mund. Er hatte viele Namen.
Gêals Mutter war eine bildschöne Sterbliche gewesen, die Hadag-
gon nach Gêals Geburt von einer Klippe gestoßen hatte. Das war
vor über zweieinhalb Jahrtausenden. Gêals Mutter war die Chef-
technikerin bei der Kreuzung von Magie und Technologie gewesen.
Woher Gêal kam, spielte keine Rolle. Kein Gedanke an die Vergan-
genheit tat das für ihn. Er war der verfluchte, der ruhelose Wan-
derer, der einzige Halbgott, der direkt von einem der Acht Götter
abstammte und nicht von deren Enkelgöttern. Eigentlich hatten
die zwei ältesten Götter, Anruth und Brannt, es all ihren unmittel-
baren Nachkommen untersagt, Kinder mit Sterblichen zu zeugen.
Zu groß und zu unberechenbar war die Macht eines solchen We-

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sens, um frei auf Dememnon zu wandeln. Doch in die Welt der
Götter erhielten sie ebenfalls keinen Einlass.
Gêal war der Letzte seiner Art. Der Einzige, den Anruth und Brannt,
Göttin des Nordens und der Nacht und der Gott des Südens und
des Feuers, am Leben gelassen hatten. Er war der Lehrer der Traum-
kraft. Legenden hatten seine Spuren umrankt und waren wieder
vergessen worden. Kein Sterblicher konnte sich seiner persönlichen
Bekanntschaft rühmen. Seit vierhundert Jahren hatte er die Traum-
kraft nicht mehr gelehrt, seit das Tor der Schatten existierte, seit er
die Hoffnung aufgegeben hatte. Doch nun hatte der Wald ihm die
Geschichte von Firfalgon dem Schattenschlächter zugeflüstert und
er öffnete wieder die Augen.
Gêal erhob sich aus der feuchten Erde und genoss den Duft des
Mooses. Der Dreck der Jahrhunderte fiel von seiner Mönchskut-
te ab, die Insekten wichen ehrfürchtig zurück. Er hob die Finger
zum Mund und stieß einen Pfiff aus. Aus dem Nichts wieherte ein
Esel, Hufe trappelten durch die Nacht. Ein grüner Pfad erschien
vor Gêals nackten Füßen, mitsamt dem Esel, dessen rote Packta-
schen bis zum Bersten gefüllt waren. „Marie!“, begrüßte Gêals ru-
hige Bassstimme das Tier und Marie nickte eifrig. Seite an Seite
folgten sie dem Pfad in die Nacht, an Weiden und Erlen vorbei zum
Ruhigen Fluss. Gêal strich über Maries struppiges Fell und meinte:
„Du siehst wirklich gut aus für dein Alter!“ Marie schnaubte und
zwickte Gêal ins Bein.
Seine sterbliche Hälfte war guter Dinge. Solange nichts Außerge-
wöhnliches geschah, wurde sie von seinem Göttererbe nicht über-
fordert. Doch wehe jemand schaffte es, Gêal zu reizen oder ein
mächtiges Torwesen bedrohte ihn. Die Dunkelheit Anruths über-
kam ihn dann als trostlose Leere, oder das Feuer Brannts wütete
in seinem Kopf. Nur selten setzte Ishmaréis Ruhe sich durch. Am
schlimmsten aber war das Erbe seines Vaters Hadaggon: Ausbrüche
unvorstellbarer Brutalität gegen Feinde wie Freunde waren seine
Zeichen. Gêals Wut und Kampfkraft konnten weit über sterbliche
Maßstäbe hinauswachsen. Er trug aus gutem Grund keine Waffen.
Anruth und Brannt hätten ihn nicht am Leben gelassen, wäre er
nicht der Lehrer der Traumkraft im Auftrag der Götter. Weil er

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wusste, wie hilflos seine sterbliche Hälfte der göttlichen Urgewalt
in seinen Adern gegenüberstand, griff er nie in gefährliche Aufträge
ein. Er beschränkte sich darauf, Sterblichen die Traumkraft zu brin-
gen, auf dass diese für ihn gegen die Lebenden Schatten antraten.

„Ich bin müde!“, gähnte Jennica. „Und meine Füße tun weh!“
„Wir sind noch lange nicht da“, blockte Imdra. „Ich habe uns vor-
hin erst Beeren und Kräuter zur Stärkung gesammelt, das muss rei-
chen. Der Wald ist in Gefahr.“
„Das dort sieht aber wie ein besonders guter Rastplatz aus“, ver-
suchte Firfalgon zu vermitteln. Er deutete mit dem Kinn auf einen
Steilhang voller Geröll, trockenem Laub und dürren Buchen. Drei
stattliche Pappeln erhoben sich zu Füßen des Hangs, flankiert von
staubigen Felsbrocken.
„Der Morgen ist nicht mehr fern“, stellte Beutemacher mit einem
Blick in die Sterne fest. „Wir sollten wenigstens ein bisschen schla-
fen, sonst sind wir nicht gewappnet.“
„Also gut“, seufzte Imdra kühl. Sie machte auf dem Absatz kehrt
und schritt mit derselben Eile, mit der sie sich einen Weg durch den
Wald gesucht hatte, auf die drei Pappeln zu.
„Und dass du ja deine Finger bei dir behältst, Herr Tempelmann!“,
lachte Beutemacher, „die Damen sind tabu!“
Firfalgon konnte darüber nicht lachen. „Wie oft habe ich dir schon
von meinem Zölibatsgelübde erzählt, Pirat?“, grollte er.
Auch Jennica und Imdra konnten darüber kein bisschen schmunzeln.
Während Jennica die Männer ängstlich aus den Augenwinkeln mu-
sterte, wuchs in Imdras Hals ein Kloß. Ihr Märchenprinz würde sie
niemals lieben, verstand sie. Ihre Schritte verlangsamten sich so sehr,
dass die anderen die Schattenläuferin verwundert überholten.
Schweigend legten die Frauen und Beutemacher sich an die
Stämme, so bequem es ohne jegliche Ausrüstung möglich war.
„Ich halte die erste Wache“, erklärte Firfalgon und baute sich in
der Mitte auf.

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Jennica flüsterte zu Imdra: „Wie gefährlich ist dieser Pirat? Ich mei-
ne ... du weißt schon.“
„Kenne ihn nicht. Schlaf jetzt“, flüsterte die Schattenläuferin ab-
weisend und blickte Jennica nicht an. Ihr Blick hing an Firfalgon.
Der Hadanter wandte sich ihr nicht zu, spürte aber genau ihre Au-
gen auf sich haften. Jetzt starrt sie mich schon wieder so an!
Jennica wandte sich enttäuscht ab und seufzte. Sie wünschte sich
ihre Waffe zurück, die nach wie vor Beutemacher trug.
Beutemacher lag auf dem Rücken und runzelte besorgt die Stirn.
Die Schatten werden keine Mühe haben, uns gegeneinander auszuspie-
len. Schlaflos starrte er in die Sterne. Seine Glieder waren wie Blei.
Sein Kopf auf den gefalteten Händen dröhnte vor Müdigkeit, doch
er konnte seine Gedanken nicht anhalten. Er verstand sehr viel vom
menschlichen Verhalten, sonst wäre er kein so erfolgreicher Kapitän
geworden. Sein derber Humor ärgerte ihn jetzt, er hätte es besser
wissen können; aber so empfindliche Frauen wie Jennica hatte es
in seiner Mannschaft nie gegeben, ihre Anwesenheit war er nicht
gewohnt. Er war für vieles bekannt, doch sicher nicht für Feinfüh-
ligkeit. Sein Holzklotz-Charme war sein Schutzwall. Vor und nach
Sibylls Tod hatte ihn nie etwas so verletzt wie jener Verlust. Wo ist
der Rum, wenn man ihn braucht?
Plötzlich fuhr er mit dem Oberkörper hoch und zog Jennicas Pi-
stole aus dem Gürtel. Er war ganz sicher, dass der Pfad am Rand
der Lichtung eben noch nicht da gewesen war. Das konnte er na-
türlich nicht beweisen und es klang unglaubwürdig, also behielt
er es für sich.
Firfalgon musterte ihn dennoch alarmiert, da er die Waffe ge-
zückt hatte.
„Hab was gehört“, brummte Beutemacher und stemmte sich schwer-
fällig hoch. Er schlich auf den Pfad zu und stellte den Blick unscharf,
um jede Regung und jedes Geräusch der Umgebung wahrzunehmen.
„Wer hat den denn angelegt, mitten im Dreschwald?“, raunte Fir-
falgon und folgte Beutemacher neugierig. Den Kriegshammer hielt
er nah am Bein, kampfbereit, aber schonend für den Arm.
Sie hatten nicht gehört, dass auch Imdra ihnen folgte, bis sie von
ihrer eisigen Stimme hinter sich erschraken. „Diesen Pfad hat kein

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Mensch angelegt. Er wurzelt in göttlichem Blut. Nur ein Gott kann
darauf wandeln.“
Beutemacher schnitt eine spöttische Grimasse und erreichte den
Pfad mit einigen schnellen Schritten. Doch das Gras verdorrte au-
genblicklich zu trockenem Laub und verschmolz mit dem Unter-
holz, als sei es nie dagewesen. Beutemacher setzte die Füße noch
schneller voreinander, aber der Pfad wich jedes Mal vor ihm zurück.
Der Pirat erbleichte und hielt an. Firfalgon wandte sich staunend
Imdra zu. Die Schattenläuferin ragte marmorn und ernst wie eine
Götterstatue auf.
„Groß sind die Geheimnisse des Waldes“, hauchte die Statue pa-
thetisch. Jennica war hinzugetreten und die ganze Gruppe starrte
Imdra ungläubig an.
„Seid gegrüßt“, rief ihnen plötzlich ein Mönch vom Pfad aus zu.
Jennica erkannte die Stimme sofort. Gêal hatte die Hände in die
Ärmel geschoben und seine lange Kapuze hing auf seinen Rücken
herab, sodass man sein freundliches Mondgesicht und seinen rot-
blonden Haarkranz sah. Ein Esel mit roten Gepäcktaschen folgte
ihm und betrachtete die Menschen mit klugen Augen. Beutema-
cher und Firfalgon wichen unwillkürlich vom Pfad zurück, bis Gêal
vor ihnen stand und sie breit anlächelte.
Umschweife waren nicht seine Art: „Ich bin Gêal und lehre euch im
Auftrag der Götter die Acht Wege der Traumkraft, von denen ihr
erst zwei besitzt. Seit vierhundert Jahren habe ich keine würdigen
Kandidaten mehr getroffen. Zuerst aber müsst ihr zu einer Gruppe
werden und Vertrauen ineinander lernen. Dazu schicke ich euch in
eine nahe gelegene Ruine der Alten Welt, in der ihr ein nützliches
Artefakt für euren weiteren Kampf gegen die Torwesen bergen wer-
det. Ich kann euch zu keinem Zeitpunkt begleiten, aber ich gebe
euch alles Wissen und jede Weisheit in die Hand, die ihr zur Ret-
tung eurer Welt braucht.“
Firfalgons Augen glühten vor Stolz. Eine größere Bestätigung seines
Glaubens und eine größere Ehre konnte er sich nicht vorstellen.
Beutemacher hingegen war reflexartig misstrauisch. Zwar wagte er
es nicht, nach einem Beweis des Göttlichen zu verlangen, denn er
zweifelte nicht an Gêals Macht. Doch er musste seine unbestimm-

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bare Sorge äußern, und sei es nur, um sie von Gêal oder seinen
Begleitern zerstreuen zu lassen. „Das klingt mir alles viel zu einfach
und überhaupt suspekt!“
„Oh, einfach wird es nicht“, lachte Gêal. „Vielleicht werdet ihr in der
Ruine sterben oder mich hintergehen oder euch gegenseitig töten.“
Die freundliche Ruhe, mit der Gêal selbst extreme Möglichkeiten
erwog, verblüffte Beutemacher so sehr, dass sein Kiefer herabfiel.
Gêal lächelte darüber nachsichtig. „Ich verwende keine Floskeln
oder Finten beim Gespräch und komme sofort auf den Punkt.
Ihr solltet auch lernen, so zu reden, zu denken und zu handeln.
Vergesst jede Sorge für Oberflächlichkeiten, die halten euch bloß
auf. Am besten wäre es, wenn ihr gar nicht mehr reden müsstet,
sondern wie eine perfekt justierte Maschine funktionieren wür-
det. Denn am Ende all eurer Taten zählt nur das Überleben. Nun
erkläre ich euch, wohin ihr gehen müsst.“ Auf Gêals Wink hin
trottete Marie neben ihn. Aus den Packtaschen holte Gêal ohne
hinzusehen ein gefaltetes Pergament hervor, hielt es sich vor die
Brust und ließ das zugeklappte Ende fallen. Die Karte entfaltete
sich über seinen Bauch. Sie war mit feinster Handschrift gezeich-
net. Ein dünnes Schreibrohr mit brauner Tinte hatte die Umrisse
der Goldküste und des Ruhigen Flusses genau festgehalten. Meh-
rere Punkte waren im Dreschwald markiert und mit Namen ver-
sehen. Fast alle Namen waren durchgestrichen. Die ältesten mu-
teten seltsam an, auch die Schrift wirkte altmodisch und die Tinte
war kaum noch dunkler als das Pergament. Beutemacher zog die
Brauen hoch. Er entdeckte seinen Namen und die Namen seiner
Gefährten bei einer Markierung im Dreschwald. Die Tinte schien
gerade erst getrocknet zu sein.
Gêal beschrieb den Menschen ihren Weg zur Ruine von Savage
Oil, einer verrotteten Firma der Alten Welt. „Vor Jahrtausenden
war hier noch kein Wald, sondern ein lukratives Ölfeld für die da-
mals modernen Verbrennungsmotoren der Fahrzeuge. Savage Oil
war eine skrupellose Ölfirma, auf deren Fördergelände sich durch
die Nichtbeachtung von Sicherheitsvorkehrungen ein tragischer
Unfall ereignete. Zwei Männer und eine Frau verbrannten nach
einer Explosion. Das klingt vergleichsweise unspektakulär, doch

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die drei Menschen sind durch eine persönliche Tragödie so stark
aneinander und an Savage Oil gefesselt, dass sie noch heute hier
spuken.“ Er blickte nur noch Jennica an. „Vom Firmengelände ist
bloß noch das Bürogebäude durch den Fluch der drei Geister erhal-
ten. Eure Aufgabe: die damaligen Begebenheiten herausfinden und
die Geister erlösen. Dies wird euch eine Waffe gegen die Torwesen
als Geschenk erbringen. Während ihr dies tut, werdet ihr gegensei-
tiges Vertrauen erlernen. Rechnet jederzeit mit Torwesen! Sie sind
euch auf der Fährte. Zum Schlafen bleibt leider keine Zeit. Um
die Bastion der Schatten, wegen der euch der Wald rief, werdet ihr
euch nach dieser Aufgabe und einem ausgiebigen Schlaf kümmern
– sobald ihr also die Voraussetzungen für einen Erfolg erfüllt.“ In
Jennicas Geist, unhörbar für die anderen, fügte Gêal hinzu: „Das
Mal der Treiber wird dir allein ermöglichen, eine Verbindung zur
Geisterebene herzustellen.“

Jedes Gruppenmitglied hatte einen anderen Brocken zu verdauen,


während die vier den gewiesenen Weg einschlugen. Imdra ging mit der
Karte voraus und konnte nicht fassen, dass sie doch noch eine Trägerin
der Traumkraft werden sollte. Die nebulösen Legenden, nach denen
dies nur den Reinsten vorbehalten war, stimmten also nicht. Aber den
Dreschwald warten zu lassen, gefiel ihr überhaupt nicht.
Firfalgon folgte ihr mit erhobenem Kinn und gereckter Brust und
drohte vor Stolz zu platzen. Immer wieder musste er sich ermah-
nen, wachsam zu bleiben und auch in Erwägung zu ziehen, dass
nicht bloß seine Begleiter noch viel lernen mussten.
Jennica war mit der Situation überfordert. Sie stand kurz vor einem
hysterischen Anfall, auch wenn sie sich äußerlich beherrschte. Sie
fühlte sich unsäglich deplatziert und hätte sich am liebsten in einem
Erdloch verkrochen, bis sie aus diesem Albtraum erwachte. Und das
alles konnte ja nur ein Albtraum sein, dessen war sie sich sicher. Sie
zweifelte nicht an Gêal, nur an seiner Wahl in Bezug auf Jennica.
Beutemacher war der Einzige, der sich nicht mit sich selbst beschäf-
tigte, sondern mit der bevorstehenden Aufgabe und der Konstella-
tion seiner Mitstreiter.

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Vom Savage Oil-Gelände gab es keine Spur mehr. Schließlich hob
sich vor einem Buchenhügel im Norden ein einsamer Betonquader
von fünfzehn Stockwerken Höhe ab. Schwarze Fensterlöcher mit
matten Glasresten starrten in alle Richtungen in den Wald. Von
Osten zog die Dämmerung an den grauen Wänden herauf. Kleine
Nebelfetzen trieben in der kühlen Morgenluft und bedeckten Him-
beersträucher und Brennnesseln, die zwischen den lichten Buchen
um das Gebäude herum wuchsen. Das zupfende Unterholz, durch
das die Gruppe stapfen musste, wucherte bis nah an den Beton –
hörte dann jedoch abrupt auf, wie von einer unsichtbaren Grenze
gestoppt. Auch das braune Buchenlaub fehlte dort, das den Wald-
boden sonst lückenlos bedeckte.
Ein Schriftzug über dem Eingang, dessen gelbe Signalfarbe zu
Braun gealtert war und bröckelte, war rundum verkohlt. Und die
Buchstaben qualmten noch. Drei lange Eingangsstufen führten zu
einer zersplitterten Drehtür in die dunkle Empfangshalle.
„Immerhin wird es gleich hell. Weniger Verstecke für die Schatten“,
murmelte Beutemacher und sah zum östlichen Horizont, an dem
sich ein roter Hauch hinter den Buchen entflammte.
Imdra beschwor ihre gleißende Lichtkugel und schickte sie voraus,
während die Gruppe am Fuß der Treppe wartete. „Seltsam, dass
die Natur diesen Ort nicht zurückfordert“, murmelte sie und hätte
im Inneren wenigstens einige Efeuranken oder Gräser aus aufge-
brochenem Boden erwartet. Doch kein Halm und kein Blatt hatte
das Grabmal unterwandert. Kein bisschen Grün raschelte in der
vollkommenen Stille dieses toten Ortes. Dämmerungsgesänge von
Vögeln gab es im Dreschwald ohnehin nie, aber hier wehte nicht
einmal Wind.
Die Eingangshalle wurde von den verbrannten Resten eines massiven
Holztresens beherrscht. In seinem Inneren knackte und qualmte
dunkelrote Glut. Eine Leiche lag darauf, so verbrannt, dass ihr nicht
einmal das Geschlecht anzusehen war. Auf dem schwarz-weiß ge-
fliesten Boden lagen schwelende Trümmer. Vor dem Empfangstresen,
unter den dürren Armresten der Leiche, eine Technokratenpistole.
Der Rauch verdichtete sich. Gerüche von brennendem Fleisch, Holz
und Plastik krochen aus den uralten Fugen herauf.

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„Sicher verbrennt hier jedes Blatt, das den Weg in die Halle
schafft, darum kann die Natur den Steinklotz nicht erobern“,
witzelte Beutemacher.
„Die Frage ist, ob wir auch verbrennen, wenn wir einen Fuß hinein-
setzen“, führte Firfalgon den Gedanken fort.
„Es stinkt nach Öl!“, bemerkte Jennica und rümpfte die Nase.
„Ja, hier brennt es irgendwo ... zumindest in der Welt der Gei-
ster“, stimmte Firfalgon zu. „Wenn die entfesselten Geisterkräfte
zu stark werden, durchbricht ein Teil von ihnen die Grenzen der
Welten und wir können etwas davon spüren. Darum können wir
auch manchmal die Geister der Toten sehen, wenn ihre Tragödie
groß genug ist.“
„Ach, nur manchmal ...?“, murmelte Jennica sarkastisch. Kaum ein
Sankt Radenwaller hatte nicht schon in der Kindheit eine unnatür-
liche Begegnung mit den Verstorbenen.
„Es ist überhaupt nicht warm hier“, stellte Beutemacher fest.
„Qualm und Gestank manifestieren sich, aber in der immer noch
frischen Waldluft. Bei einem Gebäudebrand müssten wir längst die
Hitze auf der Haut fühlen.“
„Wir können also hinein“, vollendete Imdra den Gedanken. Sie
ballte die Fäuste, reckte das Kinn und marschierte los. Firfalgon und
Beutemacher flankierten sie. Jennica zögerte zunächst und starrte das
Gebäude furchtsam an, lief den dreien dann aber eilig nach.

Den Aufzug an der linken Wand hatten sie von draußen nicht se-
hen können. Seine verformten Schiebetüren öffneten sich zischend,
als Firfalgon sich dem ihm fremden Gebilde näherte. Der Hadanter
zuckte zurück und hob den Kriegshammer. Verkohlte Knöpfe und
geschmolzene Reste eines PVC-Bodenbelags in der Kabine zeugten
von der lang vergessenen Katastrophe.
Jennica hob währenddessen mit der gesunden linken Hand die Pi-
stole am Empfangstresen auf. Sie suchte einen Moment nach dem
richtigen Hebel und kontrollierte das Magazin. „Die Waffe ist noch
ganz warm“, murmelte sie dabei überrascht. Sie streckte den Arm
aus und zielte auf die Wand hinter dem Tresen. „Seltsam ... die
Munition ist im Feuer nicht hochgegangen und der Lauf ist kein

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bisschen verzogen. Dabei handelt es sich eindeutig um ein antikes
zehnschüssiges Modell, das zu diesem Gebäude passt.“
Beutemacher musterte Jennica missmutig, während sie die Pistole
in ihren Rocksaum schob. Jetzt ist sie gefährlich, wenn sie in Panik
gerät und die Schatten oder Geister uns gegeneinander aufhetzen. Aber
wenn ich verlange, dass sie unbewaffnet bleibt, wird niemals Vertrau-
en wachsen. Hysterisch vor Angst nützt sie uns zudem nichts, und die
Waffe wird sie beruhigen.
„Hier sind Treppen“, rief Beutemacher und wandte sich der rechten
Wand zu. Ein geschmolzenes Plastikschild über einem Durchgang
ließ Reste von Stufen darauf erahnen. Im verrußten Durchgang
war Glas zu einem flachen Haufen zerschmolzen und stank nach
verdampftem Plastik. Durch ein Fensterloch fiel blasses Morgenrot
auf die unförmigen Reste einer Deckenlampe, die an verschmorten
Kabeln herabhing. Beinahe konnten die Menschen das Feuer sehen,
das in diesem Flur gewütet hatte. Jennica hielt sich angewidert die
Hand vor den Mund; der Gestank wurde intensiver und aus jeder
Betonritze stieg dunkler Qualm zur Decke. Das brüchige Mauer-
werk und die Marmorfliesen knirschten.
„Rechts hoch“, zischte Beutemacher. Während er die Treppe hi-
nauflief, beäugte er misstrauisch die Risse über sich. Sie vergrö-
ßerten sich. Immer mehr Rauch strömte in den schwarzen Flur.
„Was hat hier eigentlich gebrannt, wenn alles aus Stein und Be-
ton ist?“, wollte Imdra wissen, während sie Beutemacher über die
Stufen folgte.
„So wie es hier stinkt? Öl“, erwiderte er grimmig. „Vielleicht gab es
einen Unfall mit einem Förderturm.“
„Oder es war Sabotage“, warf Jennica ein. „Die Bürogebäude sind
normalerweise weit genug von den Fördertürmen entfernt gewesen.“
Firfalgon, der als Letzter die Stufen hinaufeilte, rief nach oben:
„Gêal hat doch angedeutet, dass die Sicherheitsbestimmungen
nicht beachtet worden waren. Vielleicht war dieses Haus doch zu
nah an so einem Turm.“
Beutemacher lief über den Türrest in den langen Flur der ersten
Etage. Auch hier war alles verkohlt, Lampenreste lagen auf dem Bo-
den. Der Qualm verdichtete sich und zog nicht durch das Fenster

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ab. Beutemacher legte sich den Ärmel vor den Mund, um nicht zu
husten. Noch immer wuchsen die Risse über ihm, unter ihm, an
den Wänden. Er rannte zur ersten von vielen Türen des Flurs und
trat sie auf. Sie war bloß noch eine Kohleplanke und zerbarst in
kleine Trümmer. Beutemacher sprengte in den Raum.

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Der Büroraum strahlte weiß und war ordentlich aufgeräumt. Ak-
tenordner an der Wand standen in Reih und Glied. Ein Eichen-
holzschreibtisch empfing Beutemacher mit zwei grauen Drehstüh-
len vor sich. Als er verblüfft hinter sich blickte, war auch der Flur in
bester Verfassung. Keuchend und hustend stürmten seine Begleiter
in das intakte Büro und wurden ebenso überrascht.
„Ich wollte gerade vorschlagen, diese einstürzende Ruine schnellst-
möglich zu verlassen, aber ...“, raunte Firfalgon.
„Das ist unheimlich!“, flüsterte Jennica.
Firfalgon trat an den Schreibtisch und legte seinen Hammer auf der
Schulter ab. „Kannst du mit diesen Dingern umgehen, Jennica?“,
fragte er und betrachtete einen klotzigen Bildschirm, der geduldig
eine Tabelle zeigte.
Jennica ging um den Schreibtisch herum. Dabei betrachtete sie ver-
wundert den antiken PC, der in einem wuchtigen Towergehäuse
in der Büroecke prangte. „Ich weiß nicht“, murmelte sie abwesend
und zog den Ledersessel hinter dem Tisch zur Seite. Sie beugte sich
vor. Ihre Augen folgten Zeile für Zeile den Tabelleneinträgen. Lang-
sam richtete sie sich wieder auf und legte zum Nachdenken den
Kopf schräg. Sie sah sich auf dem Schreibtisch um und entdeckte
eine Kabelmaus. Amüsiert griff sie mit ihrer bandagierten Rechten
danach. Vorsichtig bewegte sie das antiquierte Gerät hin und her.
„Ich habe darüber gelesen“, murmelte sie. „Diese Computer hatten
mühsam gewachsene Betriebssysteme, die durch verworrene Erwei-
terungen und den Pfusch von zu vielen Programmierern dauernd
abstürzten und extrem langsam waren. Das Beste waren aber die
kryptischen Fehlermeldungen, die nur selten zum Fehler passten.“
„Je komplizierter desto fehleranfälliger“, fasste Firfalgon zusam-
men. Zwar hatte er keinerlei Ahnung von Computern, doch in sei-
ner Heimat gehörte Spott über die Technokratie zum guten Ton.
Jennica schien ihn zu ignorieren, aber sie hörte ihn gar nicht.
Fasziniert rief sie eine neue Bildschirmseite auf. Den Widerhall
eines lichterloh brennenden Gebäudes aus der Geisterwelt ver-
gaß sie darüber.
Plötzlich weiteten ihre Augen sich. „Das hier war keine Ölfirma“,
raunte sie. „Dahinter hat Savage Oil sich nur versteckt.“

126
„Was meinst du? Sag schon!“, drängte Beutemacher.
„Schattenforschung. Ein Projekt wenige Jahre vor der Kreuzung
von Magie und Technologie, so scheint es mir. Sie nannten es das
Lichtlos-Experiment.“ Jennica klickte sich durch immer mehr Ta-
bellen und Diagramme, Berichte, Bilder und archivierte Internet-
seiten. „Jemand muss das Passwort für uns eingegeben haben, sonst
hätten wir diese streng geheimen Daten nie gesehen“, mutmaßte
sie. „Lichtlos-Experiment ... Der Name sagt mir nichts. Aber es
ging um die Schaffung von Leben aus dem Nichts. Sie waren den
Göttern auf den Fersen. Davon ist heute nichts mehr bekannt, an-
ders als von der folgenschweren Kreuzung der Zwei Kräfte, Magie
und Technik.“
„Nun, sie haben ihre Strafe bekommen!“, brauste Firfalgon auf.
Abermals ignorierte Jennica ihn. „Hier sind Messdaten und Auswer-
tungen der Experimente!“, freute sie sich. Sie zog den Ledersessel he-
ran und fiel hinein, stützte das Kinn auf die freie Hand und blätterte
in den Datenmengen. „Wahnsinn ...“, hauchte sie. Ihre Pupillen wei-
teten sich, sprangen von Zeile zu Zeile und hin und her, sie konnte
sehr schnell lesen. Ihr Puls hämmerte vor Adrenalin.
„Es geht noch weiter. Sie haben mit Teleportation experimentiert“,
verkündete sie mit einem Hauch von Ehrfurcht. Mit dem Zeige-
finger tippte sie auf den Schirm. Sie lehnte sich im Sessel zurück,
schlang die Beine übereinander und drehte sich ihren Begleitern
zu. „Sie haben Materie über große Entfernungen teleportiert, und
später sogar ... ihre eigens dafür erschaffenen Menschen. Auf Au-
genhöhe mit den Göttern.“ Firfalgon fletschte still die Zähne. Von
der Größe ihrer Vorfahren beeindruckt, fuhr Jennica fort. „Projekt
Frankenstein, dem Team des Lichtlos-Experiments untergeordnet
... Auch dieser Name sagt mir nichts. Aber sie haben quasi Dimen-
sionstunnel gegraben und ihre künstlichen Menschen hindurchge-
schickt. Diese Forschungen sind wegen der anfänglichen zahllosen
Todesfälle geächtet worden, aber Jahrhunderte später wie aus hei-
terem Himmel dem Team zugeflogen, das Magie und Technologie
gekreuzt hat. Meine Herren, wir befinden uns sozusagen im Kreiß-
saal der Lebenden Schatten. Diese Daten wären unvorstellbar wert-
voll – sollte sich jemals ein Käufer finden.“

127
Schweigen. Beutemacher sprach als Erster wieder: „Und was ist hier
nun passiert, steht das auch da?“
Jennica blickte zur Seite auf den Bildschirm, schüttelte jedoch den
Kopf. Als sie Beutemacher wieder anblickte, faltete sie die Hände un-
ter dem Kinn. „Meine Vorfahren müssen überrascht worden sein. Die
gespeicherten Versuchsreihen brechen völlig unvermittelt ab. Auf die
Nachrichten der damaligen Zeit habe ich auch nur so weit Zugriff,
wie sie hier archiviert wurden, und das geschah logischerweise bloß
bis zum Tag vor dem Feuer. Anhand der damaligen Zeitrechnung
kann ich sagen, dass der letzte Datensatz vor exakt viertausend Jah-
ren gespeichert worden ist. Heute vor viertausend Jahren und zehn
Minuten. Minus 1.538 RF nach unserer Zeitrechnung, also kurz vor
dem Ersten Inferno, bei dem die Natur noch selbst als Richter und
Henker aufgetreten ist, lange vor dem Erscheinen der Torwesen. Of-
fiziell heißt es wie gesagt immer, alle geächteten Labordaten, die zum
Ersten Inferno geführt hätten, seien vernichtet worden: die Daten des
Lichtlos-Experiments. Aber offenbar sind sie gut eintausenddreihun-
dert Jahre später doch noch verfügbar gewesen. Minus 214 RF ist der
tragische Stichtag, der Tag der Kreuzung der Zwei Kräfte.“
„RF?“, brummte Firfalgon, der nicht gern zugab, etwas Wichtiges
nicht zu wissen.
„Das Jahr 0 RF war das Gründungsjahr der Rothmarischen Föde-
ration, aus der einige Jahre vor meiner Geburt die heutigen Frakti-
onen hervorgegangen sind“, erklärte ihm Beutemacher. Die Tech-
nos betrachten sich als offizielle Nachfolger und schreiben daher
das Jahr 2462 RF.“
„Ganz recht“, bestätigte Jennica ernst. Sie glaubte, in Beutemachers
Worten eine Spur von Spott gehört zu haben und funkelte ihn
durchdringend an. In der Nähe von Technologie wuchs ihr Selbst-
vertrauen offenkundig.
„Wieso Erstes Inferno? Gab es ein zweites?“, fragte Beutemacher sie
freundlich. Vertrauen schaffen.
Jennica lächelte dünn und dozierte: „Die Kreuzung wird manchmal
auch als das Zweite Inferno bezeichnet, obgleich es durch die Ohn-
macht der Natur still und unbemerkt vonstattenging – die Leben-
den Schatten betraten die Welt.“

128
Imdra sprang plötzlich so heftig von den Aktenordnern zurück,
dass sie mit der Hüfte gegen den Schreibtisch knallte und mit dem
Oberkörper noch daraufkippte. Entsetzt starrte sie hinter sich, die
anderen folgten ihrem Blick.
Hände und Arme schmolzen durch die weiße Wand neben dem Re-
gal und brannten wie Fackeln. Der PC neben Jennica spielte einen
kläglichen Schrei ab. Ein Oberkörper drückte sich wie durch ein
Laken in den Raum, während seine Arme bereits als Asche auf den
Teppich rieselten. Die Wand riss wie heißes Gummi auseinander
und zog Fäden. Der Kopf hing daran fest, während der Torso ins
Büro stürzte und zu angebranntem Brei zerfloss. Die Wandfäden
wurden länger, gaben nach und ließen den Kopf frei. Er polterte zu
Boden und rollte ins Zimmer. Das Gesicht war verkohlt und aus
einer Hälfte wuchs ein Mauerrest anstelle eines Auges. Der Mund
blieb aufgerissen, der PC schrie noch immer. Quer durch den Ra-
chen spannte sich eine Stromleitung, die aus dem Jochbein austrat
und mit den Innereien der Bürowand verbunden war. Auch die
Beine der Leiche verwuchsen mit dem Beton, Adern bildeten ein
blaues Netz über dem Stein.
Jennica warf sich herum und übergab sich. Selbst Beutemacher und
Firfalgon mussten schlucken und bissen die Zähne zusammen. Nur
Imdra schien ungerührt. Sie stellte sich vor dem Schmelzloch in der
Wand auf und sah hinein. Der schreiende PC beendete die Audio-
wiedergabe.
„Ich kann dich sehen“, sagte Imdra fest. Beutemacher und Firfal-
gon blickten sich fragend an und zuckten mit den Schultern. In
dem Loch war für sie nichts zu erkennen. Auch kein weiterer Raum,
nur Dunkelheit. Doch auch Jennica starrte auf etwas im Inneren
und rieb das Mal auf ihrer Schulter.
Flammen züngelten einem plötzlichen Luftzug gleich hervor und
erstickten wieder. Die Wand schmolz blitzschnell wie in einer Ex-
plosion dahin, ein breiter Durchgang in abgründige Schwärze ent-
stand. Die Gruppe wich zurück, Jennica presste sich leichenblass
an die gegenüberliegende Wand. Beutemacher hob die Pistole und
Firfalgon Schwert und Hammer. Imdra stand zwischen ihnen und
reckte das Kinn.

129
Aus dem schwarzen Loch trat ein übergroßer Mensch, dessen graues
Borstenhaar die Raumdecke streifte. Sein Nadelstreifenanzug wies
zahlreiche Blutflecken an Ärmeln und Hosenbeinen auf. Er trug die
haarige Beinhaut eines Menschen als Krawatte und einen Finger-
knochen als Krawattennadel. Seine kreisrunde Sonnenbrille wuchs
direkt aus seinen Brauen und Jochbeinen über seine Augenhöhlen.
Sie spiegelte die Gruppe verzerrt, betonte ihre ängstlichen Blicke
und ließ ihre Körper krank und schwach erscheinen.
„Da bist du ja, Nummer 157“, sagte der Riese zu Jennica und
machte einen Schritt auf sie zu. „Nummer 224 möchte deine prak-
tische Fertilität überprüfen. Nummer 65 hatte ja leider einen tra-
gischen Teleporterunfall.“ Er trat zur Seite und hob einladend den
Arm zum unheimlichen Durchgang.
Firfalgon holte aus und schlug zu – durch den ungerührten Geist
hindurch. Der Hadanter zuckte zurück und hob den Schild. Nichts
geschah. „Was jetzt?“, knurrte er.
Durch den Büroeingang rannte eine Frau in einem roten Nadel-
streifenanzug. Ihr Gesicht war scharfkantig und ernst. Ihr hoch-
gestecktes Haar brannte, ihre Brauen verglühten soeben. In ihrem
Rücken steckte ein Rapier, dessen dünne Spitze unter ihrem Brust-
bein wieder hervorstieß und von frischem Blut tropfte. Sie schien
es nicht zu bemerken und rief dem Riesen zu: „Dieser Idiot Holstal
hat die Andrewsche Konstante falsch eingegeben. Nummer 114 hat
die Situation genutzt und sich ins Sicherungsbecken gestürzt. Der
Hauptcomputer hat Komplex B darauf vollständig abgeriegelt, und
jetzt überlastet der Dimensionsreaktor munter vor sich hin und nie-
mand kommt ran. Ich hab dir ja gesagt, die Sicherheitsprodezuren
müssen neu geschrieben werden!“
„Scheiße!“, schrie der Riese und rannte los. Beide Geister eilten
durch die Tür – und prallten zurück ins Büro. Im Flur stand der
dritte Geist, ein diffuser Schatten, dessen Panzerung in allen Spek-
tralfarben schimmerte. Ein ums andere Mal wurde die Frau vom
Rapier jenes dritten Geistes durchbohrt. Ihr Todesschrei erstickte,
während sie niedersank. Beutemacher war sich jedoch sicher, dass
sie Jennica in ihrem letzten wachen Moment gezielt angesehen
hatte. Flehend.

130
Der Riese hob abwehrend die Hände und redete auf den bewaffneten
Schatten ein: „Du kriegst doch alles, was du willst, wieso tust du das
jetzt? Lass mich den Reaktor abschalten, dann verhandeln wir.“
Der Schatten stach zu. Der Riese begann jedoch zu lachen und
packte den Kopf des Gegners. Kreischend löste der sich auf, wurde
in die Ärmel und den Mund des Riesen gezogen. Achtlos trat er
dann über die Frauenleiche hinweg und verschwand im Flur. „Es
gibt noch viele Helfer wie dich in deiner primitiven Welt, däm-
licher Schatten“, knurrte er.
Der PC hinter den Menschen erwachte zu neuem Leben. Er spielte
mit solcher Lautstärke ein Alarmsignal ab, dass alle zusammenzuck-
ten und die Köpfe einzogen. Sie hatten keine Zeit, über das Rätsel
dieses Ortes oder ihr Vorgehen zu beraten. Kaum dass der Riese
verschwunden war, schälte er sich schon wieder als Schemen durch
die Wand neben der Tür.
„Wir werden diese Welt bekommen! Keine Gottheit und kein sterb-
licher Wurm wird uns daran hindern!“ Der Schemen wurde länger
und plötzlich schoss er auf die vier herab. Sie schrien, rissen die
Arme hoch und hielten vor Schreck die Luft an. Doch der Riese
war fort. Der PC verstummte und schaltete sich ab. Plötzlich waren
die Kabel verschmort und der Bildschirm gesprungen. Der ganze
Raum glich sich sehr langsam, aber stetig der verbrannten Ruine
an, in der sie anfangs gestanden hatten.
Firfalgon sprach als Erster in die drückende Stille: „Ist es Zufall, dass
wir ausgerechnet heute hier sind, zum viertausendjährigen Jubiläum
der Katastrophe und dem Ende dieser götterlästerlichen Experimente?“
„Nein“, erwiderte Imdra bestimmt und betrachtete die tote Frau,
deren gebrochene Augen immer noch in Jennicas Richtung starrten.
„Die Götter brauchen keine Zufälle. Das Jubiläum geht vielleicht
mit einer günstigen Sternenkonstellation oder sonst einem Aspekt
einher, der besonders große Kräfte freisetzt. Kräfte, die uns bei un-
serer Aufgabe nützen dürften, auf die wir angewiesen sein könnten.
Mindestens ein Geist sucht Erlösung.“
Beutemacher verschränkte die Arme. „Wo ist der spukende Burg-
herr hin, und wer war er überhaupt? War das wirklich nur ein billi-
ger Schockeffekt, als er auf uns zugeflogen ist?“

131
„Jedenfalls schien er uns nicht zu mögen. Aber er scheint uns nichts
anhaben zu können“, grübelte Firfalgon.
Jennica riss den Kopf hoch. „Habt ihr das auch gehört?“, wisperte
sie und suchte mit Blicken die Decke ab. „Er ist über uns!“
„Ich habe nichts gehört“, entgegnete Firfalgon, folgte aber alarmiert
Jennicas Augen.
„Soll er doch da rumkrauchen, wenn er uns nichts tun kann“, ver-
suchte Beutemacher, Mut zu machen.
„Geister können immer gefährlich sein“, belehrte Imdra ihn. „Ins-
besondere, wenn sie göttliches Blut in sich haben.“
„Bitte?“, rief Firfalgon überrascht. Auch Beutemacher musterte die
Schattenläuferin verwundert. Nur Jennica schien die Gruppe gar
nicht mehr wahrzunehmen. Panisch ruckte ihr Kopf hin und her,
sie zeigte auf Stellen an der Decke und machte sich immer kleiner.
Während Imdra Jennica zusah, erklärte sie den beiden anderen: „Er
hat sich klar als Götterfeind zu erkennen gegeben. Alles passt zu
den alten Legenden, wie sie in meiner Heimat bewahrt werden:
Die Götterfeinde, die Treiber, ausgestoßene Geschwister von Ha-
daggon, schlossen nach ihrer Verbannung einen Pakt mit fernen
Mächten, um Rache zu üben. In der Gestalt Peitschen schwin-
gender Reiter tauchten sie zuerst auf. Viele Weise meines Volkes
sind der Auffassung, dass die Beschreibungen jener fernen Mächte,
die sie um Hilfe baten, zu den Lebenden Schatten passen. Somit
war der blutige Geist ein gefallener Bruder Hadaggons, weit jen-
seits seiner einstigen Macht und im Untod gefangen. Scheinbar hat
er die Hoffnung auf eine Reinkarnierung noch nicht aufgegeben.
Auch dafür könnte man die Kraft einer besonderen Sternenkon-
stellation nutzen, wie wir sie möglicherweise genau heute haben.
Menschenopfer erleichtern solche Rituale ebenfalls, insbesondere,
falls jemand von uns ein bestimmtes Geburtsmal haben sollte, das
Mal der Treiber.“
„Du bist ziemlich schlau für ein so junges Mädchen“, rief Beutema-
cher und funkelte sie misstrauisch an. „Woher weißt du das alles?
Wo oder was genau ist deine Heimat?“
Imdra versteinerte. Ihr Blick ruhte gelassen auf Beutemachers he-
rausfordernder Miene.

132
Firfalgon trat zwischen die beiden und sah dem Piratenkapitän ins
Gesicht. „Sollten wir hier nicht Vertrauen lernen, alter Freund?“,
raunte er.
Beutemacher nickte. Doch gleichzeitig brannte Hass in seinem
Hinterkopf. Er fühlte sich hintergangen, und der Geist des Götter-
feindes, der ihn durchdrungen hatte, nutzte diesen Nährboden aus,
um Zwietracht zu säen, entfachte den Funken zu einer Explosion.
Beutemacher überrumpelte den Hadanter mit einem ansatzlosen
Haken, schickte ihn zu Boden und stürzte sich auf Imdra. Brüllend
hob er sie am Hals in die Höhe und drückte zu.
Jennica fiel schluchzend auf die Knie und schrie: „Ja! Töte die Hexe!
Sie hat uns verraten! Sie brachte uns her! Sie will unseren Tod!“ So-
fort danach ruckte ihr Kopf wieder zur Decke und sie hob ängstlich
die Hände über das Gesicht. Auch bei ihr hatte der Geist leich-
tes Spiel gehabt und ihre Ängste potenziert. Zudem erleichterte
ihr Mal ihm den Übergriff auf ihre Seele. Doch auch sie konnte
umgekehrt einen kaleidoskophaften Einblick in die Gedanken des
Treibers erheischen.
Firfalgon sprang auf die Füße zurück, ließ aber den Hammer lie-
gen. Er kannte seinen Freund schon viele Jahre und wusste ihn zu
manipulieren. „Was würde Sibyll dazu sagen?“, schrie er Beute-
macher ins Ohr.
Sibyll, das Symbol des Guten in Beutemachers Seele, erschien vor
seinem geistigen Auge. Traurig und strafend funkelte sie ihn an.
Der Pirat ließ Imdra los. Sie stolperte an die Wand und röchelte ge-
quält. „Ich weiß nicht, was ...“, stammelte Beutemacher und senkte
beschämt den Kopf.
„Das war der Geist“, knurrte Firfalgon und vergewisserte sich mit
einem intensiven Blick, dass Imdra nicht ernstlich verletzt war.
„Jennica hat er auch verhext!“
Beutemacher nickte, seine Kiefer mahlten aufeinander. Mit fin-
steren Blicken sah er sich um, bevor er sich endlich überwand und
an Imdra herantrat. „Entschuldige“, hauchte er gepresst. Sie nickte
und unterdrückte ein Husten, sie konnte noch nicht wieder spre-
chen. Als Nächstes hockte Beutemacher sich zu Jennica, die sich
wie ein Embryo am Boden zusammenkauerte und wimmerte.

133
„Zum Reden ist keine Zeit!“, rief ihm Firfalgon über die Schulter
zu, bevor Beutemacher den Mund aufmachen konnte.
Er hielt einen Moment inne, während dessen er die Richtigkeit von
Firfalgons Einwurf erkannte. Beutemacher nickte und warf sich die
Technokratin kurzerhand über die Schulter. „Raus hier!“, rief er,
aber Imdra trat ihm in den Weg.
„Wir sind noch nicht fertig“, stellte sie heiser klar. „Wir müssen die
drei Geister erlösen, das war der Auftrag eines Gottes.“
„Und uns mit einem untoten Bruder des Kriegsgottes persönlich
anlegen?“, lachte Beutemacher. Er verdrehte die Augen und trat an
Imdra vorbei, aber diesmal hielt Firfalgon ihn am Arm fest.
„Sie hat recht“, fauchte der Hadanter und musterte Beutemacher
eindringlich. „Der Geist der toten Frau ist unsere Spur. Gehen wir
ihr nach. Jennica nehmen wir natürlich mit, also behalte sie ruhig,
wo sie ist.“
Beutemacher funkelte zornig zwischen Imdra und Firfalgon hin
und her, schwieg jedoch und blieb stehen.
Wie auf Kommando erhob sich der Geist der toten Frau. Sie strich
ihren roten Anzug glatt, aus dem die Rapierspitze ragte, und fuhr
sich durch das brennende Haar. Dann verließ sie den Raum. Über
die Schulter rief sie abwesend: „Folgen Sie mir bitte!“ Die Men-
schen gehorchten. Im Flur wisperte der Geist: „Schweigen Sie wäh-
rend des Wegs, um keine falsche Aufmerksamkeit anzuziehen. Es
sind Torwesen hier. Denken Sie an die Ruhe und Klarheit eines
Bergsees. An Vollmond und Sterne. Denken Sie nichts.“
Jennica hatte das Bewusstsein verloren und Beutemacher fiel es leicht,
sich für die Lebenden Schatten unsichtbar zu machen. Firfalgon und
Imdra hingegen hatten Mühe, der Anweisung des Geistes zu folgen.

Wohin die Geisterfrau ging, verwandelte die schwarze Betonruine


sich in helle Flure zurück. Auch sie selbst schien völlig echt zu sein,
hätte der Rapiergriff in ihrem Kreuz nicht beim Gehen hin und her
gefedert und hätte ihr Haar nicht gebrannt und dabei bestialisch
gestunken. Alarmsirenen hallten gespenstisch aus weiter Ferne.
Die Frau führte die Gruppe bis vor eine Stahltür, neben der ein
Kartenleser und ein Ziffernblock prangten. Sie zog eine Karte

134
durch den Leser und tippte eine lange Nummer ein. Dann wandte
sie sich zum ersten Mal wieder den Menschen zu und wisperte:
„Ich werde gleich erschossen, wie immer in diesem Raum. Diesmal
aber wird meine Energie für das Reinkarnationsritual von Wicuur
verzehrt werden. Alle fünfhundert Jahre hat er einmal die Chance
dazu, doch er wusste bisher nicht genau, wie es geht. Ich befürchte
allerdings, dass er diesmal einige Hilfe von den Torwesen bekom-
men hat und Erfolg haben könnte – wenn ihn niemand stoppt. Der
dritte Geist, der hier die Zeitalter überdauert hatte, ist bereits für
immer vernichtet worden. Er wird nicht wiederkehren und kann
Ihnen somit auch nicht mehr helfen. Oh, und sehen Sie zu, dass
Ihre Wissenschaftlerin wieder zu Sinnen kommt, Sie werden sie zur
Bedienung der Computer brauchen. Sie hat übrigens das Mal der
Treiber, also passen Sie auch auf, dass sie Wicuur nicht in die Hän-
de fällt. Das würde sein Ritual noch wesentlich verstärken; Träger
des Mals sind genetisch besonders geeignet für solche Zwecke. Ihre
Vorfahren wurden einst in einem besonderen Genpool eigens für
solche metaphysischen Zwecke geschaffen. Für mich kommt Ihre
Hilfe zu spät, aber vernichten sie Wicuur und helfen Sie damit sich
selbst. Viel Glück!“
Die Frau wartete keine Antwort ab und trat vor die Tür. Die Stahl-
hälften säuselten und glitten auseinander. „Bleiben Sie neben der
Tür stehen, bis sie sich wieder schließt“, wies sie die Menschen
noch an, dann trat sie über die Schwelle.
Wicuur, Hadaggons untoter Bruder, einer der Treiber, stand an der
gegenüberliegenden Wand vor einem Supercomputer, der ihm fast
bis zur Nase reichte. Zwei Reihen Bildschirme darüber zeigten zahl-
lose Datenkolonnen. In der Mitte des Raums summten vier Kuge-
lobjekte, aus denen Kabel entsprangen und unter Bodenklappen
verschwanden. Die Objekte waren auf einer Kreisbahn montiert,
für jede Himmelsrichtung eins. In ihrer Mitte stand unter einer
Glaskuppel eine goldene Schale mit Blut. Rot glühende Runen im
Schalenrand verrieten, dass es sich um ein besonderes Artefakt han-
deln musste. Statische Entladungen zuckten aus dem Blut gegen die
Glaskuppel. Nach jedem Blitz summte eines der Kugelobjekte auf
der Kreisbahn lauter. Sie akkumulierten Lebensenergie.

135
Wicuur wandte sich der Geisterfrau zu und lächelte künstlich. „Ich
habe dich erwartet, Muriel. Aber diesmal brauchst du dich nicht
erst auszuziehen.“ Der Riese griff nach der automatischen Pistole
auf dem Supercomputer, richtete sie auf die Frau und zog den Ab-
zug durch. Muriel zuckte von den Geschossen, die ihren Körper
durchschlugen und Löcher in die Flurwand hinter ihr sprengten.
Sie blieb auf der Schwelle in der Luft hängen, als ihr Kopf in den
Nacken fiel und ihre Beine nachgaben. Schlaff baumelten ihre
Arme neben ihrem Körper, ihr Blick wurde leer. Wicuur winkte sie
mit zwei Fingern beiläufig zu sich und ihre Leiche schwebte an den
Rand des Ritualkreises. Die Tür zischte.
Firfalgon reagierte gerade noch rechtzeitig. Er sprang vor und
stemmte seinen Schild zwischen die sich schließenden Türhälften,
die so blockiert wurden und sofort ihre Bewegung abschalteten.
„Was zum ...?“, brüllte Wicuur laut wie ein Panzermotor. Fir-
falgon warf sich zur Seite, sein ausgestreckter Arm hing jedoch
am Schildriemen fest. Die Automatikpistole stanzte Löcher in
den Stahl, in die Wand dahinter und in Firfalgons Arm. Der
Hadanter schrie und strampelte und schlug den Hinterkopf ge-
gen die Wand, doch er zog den Arm nicht ein, damit die Tür
geöffnet blieb.
Imdra senkte den Kopf und sang. Binnen Sekunden entstand
ein schimmerndes Schutzfeld in der Tür, das die Kugeln auffing.
Drinnen fluchte Wicuur und hörte auf zu schießen. Die Grup-
pe sah nicht, was er tat, und konnte ihn wegen Firfalgons Qual-
schreien auch nichts hören.
„Ich kann den Geist ganz auf unsere Ebene zwingen, dann kannst
du ihn erschießen“, flüsterte Imdra Beutemacher ins Ohr. „Warte
auf mein Zeichen.“
Beutemacher nickte und Imdra kniete sich neben die Tür. Auf der
anderen Seite biss Firfalgon in den Griff seines Dolches, um seine
Schreie zu unterdrücken. Schweiß rann in seine Augen und sein
Gesicht war fahlweiß. Sein Schildarm hing in Fetzen, ein See aus
Blut sammelte sich darunter.
Plötzlich schrie Wicuur überrascht auf. Imdra hob den Kopf und
zischte: „Jetzt!“

136
Beutemacher sprang mit erhobener Waffe vor die Tür und drückte
den Abzug durch. Die Technokratenwaffe schlug weitere Löcher
in Muriels Leiche, die vor Wicuur schwebte. Sie durchbohrte aber
auch Wicuurs Körper und den Großrechner hinter ihm.
Wicuur riss Augen und Mund auf. Ungläubig stierte er Beutema-
cher hinter dem kugelsicheren Schutzfeld an, der nicht aufhörte zu
schießen, bis sein Magazin leer war. Der Großrechner gab einen
leisen Knall von sich und verströmte Kurzschlussgestank. Die Ak-
kumulatoren um die Blutschale summten nicht mehr und gaben
ihre gesammelte Energie ab: Gleißende Blitze durchschossen die
Leichen von Muriel und Wicuur, die wie schwerelos im Ritualraum
trieben. Das Blut unter der Glaskuppel verfärbte sich ungesund
und verdampfte unter zahllosen Blitzen. Die Goldschale schmolz
und die Geisterleichen verblichen ins Nichts.
Dann kamen die Schatten. Das hintere Ende des Flurs verbrannte
erneut, doch in einem viel zu dunklen Feuer. Einzig das Licht der
Morgensonne, die durch die Fenster strahlte, bremste den Feind.
Beutemacher hockte sich zu Jennica, packte ihr Gesicht und
sprach so deutlich er konnte: „Löse Firfalgons Schild von sei-
nem Arm!“ Die Technokratin stand jedoch hoffnungslos unter
Schock. Sie nickte mit weit aufgerissenen Augen, blieb aber
sitzen. „Na los!“, brüllte Beutemacher sie an, da begann sie zu
schluchzen und sank zusammen. Sie war zu schwach gewesen,
um einen eigenen Beitrag zur Erlösung der Geister zu leisten,
und sie wusste es. Viel zu schnell und zu bedrohlich waren die
Ereignisse an ihr vorbeigerauscht. Die Wirklichkeit wartete
nicht auf Helden und machte niemanden zum Helden. Das hät-
te sie schon selbst schaffen müssen. Hatte sie überhaupt eine
Chance gehabt, etwas zu tun? Ohne das Torwesen in sich fühlte
sie sich plötzlich wie ein jämmerlicher Wurm, hilflos jenseits
einer Computertastatur.
„Wir werden sterben“, sagte Imdra und stand gelassen da, sah den
heraufziehenden Schatten gleichmütig entgegen.
Beutemacher starrte sie entgeistert an und erhob sich. Er ohrfeigte
sie kommentarlos. Sie taumelte zur Seite, hielt sich die Wange und
blitzte ihn wütend aus dem Augenwinkel an.

137
„Gêal sagte etwas von einer Waffe! Bring Jennica zum Funktionie-
ren, sie muss diesen Technik-Scheiß unter die Lupe nehmen! Und
errichte eine Schattenbarriere vor dem Raum hier, wir verschanzen
uns, bis wir diese Waffe haben! Ich weiß, dass Schattenläufer so
etwas wenigstens für eine kurze Zeit können!“
Ohne Imdras Reaktion abzuwarten, packte er Firfalgons Arme. Der
Hadanter stöhnte und schloss die Augen. Über dessen Gewicht
samt Rüstung und den eigenen Rücken fluchend, zog Beutemacher
ihn in den Ritualraum. Imdra zerrte Jennica hinterher. Die Türhälf-
ten schlossen sich.

Imdra breitete die Arme aus, holte tief Luft und sang laut. Ein Glei-
ßen explodierte wie eine Sonne im Raum und ließ keinen Platz
für Schatten. Geblendet fuhr Beutemacher zusammen und fluchte.
Selbst mit geschlossenen Lidern schmerzten seine Augen von der
Helligkeit. Er wollte Imdra zurechtweisen, aber sie kam ihm zuvor,
indem sie seine Augen verzauberte.
„Das ist wie eine Sonnenbrille, angepasst an diesen Schutzzauber
gegen die Schatten“, keuchte sie und wischte sich den strömenden
Schweiß aus dem Gesicht. Starke Magie laugte sie aus. „Er hält
nicht lange, aber so sind wir erstmal sicher vor den Schatten. Jetzt
kümmere ich mich um Jennica. Verbinde du Firfalgons Arm, bevor
er verblutet.“
Tatsächlich konnte Imdra die Technokratin mit einem Zauber so
weit beruhigen, dass sie wieder arbeiten konnte. Erschöpft sackte
die Schattenläuferin an der Wand herab, ihre Lider flatterten.
Jennica sah sich im Raum um. „Der Hauptcomputer ist hinüber“,
stellte sie bedauernd fest. „Aber hier sind ein paar Nebensysteme.“
Sie machte sich mit der linken Hand daran zu schaffen und zog
die Brauen zu einer konzentrierten Miene zusammen. „Wer hat so
einen Müll programmiert?“, murmelte sie und tippte ungelenk auf
einer Tastatur. „Verdammte antike Tastenbelegung!“, zischte sie.
Ihre schmerzvolle Miene verriet jedoch, dass ihr die verstümmelte
Rechte hier besonders auffiel.
„Ich glaub, ich hab’s!“, jubelte sie und ballte triumphierend die lin-
ke Faust. Ihre Augen wanderten über ein Dateienverzeichnis, deren

138
Puzzleteile sie tief verborgen im System entdeckt, zusammenge-
setzt, entpackt und entschlüsselt hatte.
„Was soll uns das jetzt helfen?“, schnauzte Beutemacher sie an. Er
zeigte auf die Tür und dann auf Imdra und Firfalgon, die beide
kaum noch bei Bewusstsein waren.
„Ich weiß nicht“, stammelte Jennica, „aber diese Daten! Verstehst
du, das ist der Schlüssel, um das Tor der Schatten für immer zu
schließen! Es wäre raus aus unseren Seelen!“
„Jennica“, knurrte Beutemacher und beherrschte sich nur mühsam,
„wenn wir hier nicht mit einer Waffe vor die Tür treten, und zwar
bevor Imdra das Bewusstsein verliert und ihre Zauber zusammen-
brechen, dann wird niemand je diese Daten sehen.“
„Warte“, hauchte Jennica verschüchtert und zog den Kopf ein. Sie
klickte sich blitzschnell durch etliche andere Verzeichnisse, bis sie
bei einem stehen blieb. „Die Schale!“, rief sie auf einmal und schlug
sich mit der flachen Hand vor die Stirn.
„Die ist hin“, grollte Beutemacher.
„Egal!“, lachte Jennica. Sie lief zur Raummitte, riss die Glaskup-
pel weg und hob den geschmolzenen Goldklumpen mit der Linken
auf. „Das Material! Das ist kein Gold! Es ist Waradôn! Es kann ja
jede beliebige Erscheinungsform annehmen.“
Beutemacher erstarrte. „Pfoten weg!“, schrie er plötzlich, stürzte
sich auf Jennica und wollte ihr den Schmelzklumpen aus der
Hand schlagen. Sie war jedoch schneller, wich zur Seite aus und
rief: „Wir müssen es nur beherrschen, damit es uns gehorcht, an-
statt uns zu korrumpieren.“
„Das ist unmöglich!“, schrie Beutemacher sie an. „Das verfluchte
Schattenmetall tut, was es will, und es unterwirft jedes Menschen
Geist!“ Er packte ihren Arm so fest, dass sie in den Knien zuckte
und schmerzvoll aufschrie. „Lass diesen dämonischen Scheiß sofort
los!“, knurrte er und starrte sie hasserfüllt an.
Sie erwiderte den Blick verängstigt. „Hör auf!“, bettelte sie. „Die
Daten sind doch da!“ Sie zeigte mit der freien Hand auf den Com-
puter. Doch Beutemacher drückte noch fester zu. Gleichzeitig
wurde Imdras Lichtzauber schwächer. „Für so was haben wir keine
Zeit!“, bellte der Pirat.

139
„Richtig.“ Jennica zog mit der verstümmelten Rechten die Waffe
vom Rücken, die sie in der Empfangshalle gefunden hatte, und
drückte Beutemacher den Lauf an den Hals.
Widerwillig öffneten sich seine Finger um ihren Arm. „Dann ist es
wohl zu spät für dich und für uns alle“, flüsterte er auf sie herab.
„Vertrau mir!“, entgegnete sie eindringlich. Schritt für Schritt wich
sie zurück und ließ Beutemacher nicht aus den Augen, bis sie den
Computer erreichte. Sie sah sich suchend um und entdeckte in
einem Regal ein unscheinbares Gerät mit mehreren Kabeln daran.
„Bring mir das!“, befahl sie Beutemacher scharf. „Du weißt ja, wir
haben keine Zeit.“
Beutemacher knirschte mit den Zähnen und gehorchte. Er klatschte
ihr das Gerät schweigend in die Hand und wurde von ihr dann wie-
der zurückgescheucht.
Jennica schloss das Gerät an den Waradônklumpen an und akti-
vierte die zugehörigen Programme. In Imdras letztem Licht, als die
Schatten bereits durch den Türspalt zu kriechen begannen, schrie
sie triumphierend und hielt das Gerät hoch. Sie schaltete es ein
und ein Kraftfeld summte durch den Raum. Schlagartig zogen die
Schatten sich zurück, obwohl es nun dunkel im Raum war.
Jennica blickte Beutemacher selbstgefällig ins Gesicht und erklärte
mit übertrieben melodiöser Stimme: „Ich werde den Daten und
Geräten noch mehr Funktionen entlocken können. Aber die Schat-
ten fernzuhalten ist ein guter Anfang, oder?“

Jennica hatte eine tragbare Energiequelle für ihren Schattenschild


gefunden und Beutemacher beides auf den Rücken geschnallt. Kur-
ze Zeit später war das ganze Gebäude für immer in der Geisterwelt
verschwunden. Der Fluch der drei Geister war gebrochen, auch
wenn keiner der Geister echte Erlösung gefunden hatte.
Gêal gratulierte der Gruppe zu ihrem Überleben und ihrer Rück-
kehr, als habe er nicht unbedingt damit gerechnet. Was sich hinter
Savage Oil verborgen hatte, war ihm von Beginn an klar gewesen.

140
„Schlaft jetzt und heilt eure Wunden“, befahl er. „Morgen zieht ihr
gegen die Bastion der Schatten im Dreschwald in den Krieg.“
Allen entging, dass auch Jennicas gefundene Pistole aus Waradôn
bestand. Die verfluchte Waffe wartete auf eine gute Gelegenheit,
die willensschwache Technokratin zu korrumpieren. Vielleicht in
der Gestalt eines Rachegeistes, denn schnell hatte das Schattenme-
tall durchschaut, dass die Frau sich davor am meisten fürchtete –
nun, nachdem sie in den Ruinen von Savage Oil bei der Erlösung
der Geister versagt hatte. Die Gelegenheit würde schon kommen,
wenn die Gruppe nicht mehr in der Griffweite des Halbgottes Gêal
war. Waradôn war geduldig.

141
Chronik

143
- 2.500 RF Die verblühende Vorzeit
Der Weltstaat Dakhelien verfügt über herausragende
Raumfahrttechnologie und erlebt friedliche wie krie-
gerische Kontakte zu fremden Planeten.

- 1.587 RF Magie und Religion


Die Entdeckung der magischen Strömung sorgt für
eine Renaissance lang vergessener Religionen.

- 1.531 RF Anfang vom Ende der Natur


Größenwahn führt zum radikalen Rückgang jeglicher
Natur vor immer bombastischeren Bauprojekten.
Tiere fallen Menschen an, die Vögel verschwinden.
Der Tod der Natur gipfelt im Kollaps der Atmosphä-
re, es gibt zahllose Strahlentote.

- 1.500 RF Das Erste Inferno


Dememnon überlebt als einziger Kontinent, nur fünf
Prozent der Demen überleben. Neubeginn in der
Steinzeit.

- 1.300 RF Eisenzeit
Lokale Kriegsherren teilen das Land unter sich auf.
Fast ein Jahrhundert lang tobt ein Krieg der Ge-
schlechter.

- 1.175 RF Beginn des Mittelalters


Funde aus der Alten Welt beschleunigen die techno-
logische Entwicklung. Die Acht Götter erhalten eine
sehr große religiöse Bedeutung.

- 1.075 RF Prophetenstaat Orachmar


Der Staat übersteht Kriege und Frieden. Obgleich er
faschistisch unterwandert wird, führt er die Demen
über das Industrie- bis ins Computerzeitalter, erlebt
die Wiederentdeckung der Magie und der Dimensi-

144
onstechnik und zerfällt erst fünfhundert Jahre nach
seiner Gründung. Im Jahr minus 960 RF wird Sankt
Radenwall gegründet.

- 576 RF Republik Lindland


Der naive Staat der Prophetin Elinde wird fast sofort
von den alten Faschisten unterwandert, die angeblich
auch für Elindes Verschwinden verantwortlich sind.
Lindland zerfällt nur 62 Jahre nach Gründung in
Kriegswirren, zu denen es nach der Massenvernich-
tung von Klonen kam. Klontechnik und die daraus
resultierte Überbevölkerung haben Lindland einen
klaren Stempel aufgedrückt, den die Gründerin Eli-
nde niemals zugelassen hätte.

- 430 RF Republik Dememnon


Die neue Republik erwächst aus akuten Hungersnö-
ten, die jegliche Kriegshandlungen beendet hatten.
Schnell wird der alte Wissensstand wiedererlangt und
eine neue goldene Ära bricht an. Sie gipfelt in der
Unsterblichkeit ausgewählter Menschen durch eine
Zusammenarbeit von Magie und Technik.

- 214 RF Kreuzung von Magie und Technik


Erneuter Größenwahn: Die Demen gehen zu weit.
Durch ausufernde Dimensionsexperimente, alle War-
nungen ignorierend, gelangen die Lebenden Schatten
in die Welt. Es dauert 40 Jahre, bis sie stark genug
sind, einen Menschen zu töten, und über 60 Jahre, bis
sie als Gefahr offiziell anerkannt werden.

- 93 RF Dekadenz und Lethargie


Die Republik zerstreitet sich über die schier unmög-
liche Aufgabe, die Lebenden Schatten zu bekämpfen.
Bevor sie zerfällt, wird sie jedoch von einer solchen
Lethargie befallen, dass sie noch fast ein Jahrhundert

145
lang dahinsiecht, bis sie bankrott ist und in Chaos
und Anarchie versinkt.

0 RF Gründung der Rothmarischen Föderation


General Rothmar Andrasson begründet eine Födera-
tion, die fast zweieinhalb Jahrtausende Bestand ha-
ben wird. In ihrer langen Geschichte wird es für diese
Zeitspanne wenig kulturelle Veränderungen geben.
Einzig mit Sklavenhandel und Religionsbedeutung
geht es ein paarmal auf und ab.

152 RF Matriarchat
Genau 230 Jahre lang regieren Frauen die Föderation.

382 RF Götterstaat
Mittelalterliche Vorstellungen und das erste Welt-
raumprogramm seit zweitausend Jahren koexistieren.

512 RF Erste Schattenbastion entsteht


Der Staat reagiert souverän auf die resultierenden im-
mensen Flüchtlingszahlen und kann fast allen Men-
schen eine Unterbringung und Nahrung verschaffen.

670 RF Magokratie
Skrupellose Zauberer beuten die Bevölkerung aus. Sie
bedienen sich der vorhandenen Strukturen, anstatt
eigene zu etablieren, sodass die Föderation nach der
Kapitulation der Magokraten schnell wieder funktio-
niert und auch einen kurzen Pakt zwischen der Natur
und den Torwesen übersteht.

821 RF Ghevin Hauser


Ein unsterblicher Magokrat kehrt mit großer Zauber-
kraft zurück und verlangt einen Thron. Er regiert 67
Jahre lang auf bestialische Weise, bevor eine Grup-
pe um den Halbgott Gêal ihn endlich vernichten

146
kann. Allerdings entsteht nur zwei Jahre später durch
dunkle Kulte eine zweite Schattenbastion an seinem
Grabmal. Zehntausende Flüchtlinge müssen erschos-
sen werden wegen Aufständen aus Platzmangel.

914 RF Feuerseuche
Mutmaßlich ein weiterer Pakt zwischen der Natur
und den Schatten: Menschen verbrennen innerlich.
Die Seuche gipfelt darin, dass St. Radenwall von Feu-
erwesen überrannt wird. Erst zwölf Jahre später wird
die Seuche militärisch besiegt.

961 RF Außerirdische Unterwanderung


Mitgebrachte Alientechnik führt beinahe zur Über-
nahme der Regierung durch Außerirdische. 1.013 RF
wird die Raumfahrt als nutzlos und viel zu gefährlich
geächtet.

1.013 RF Stillstand
Vierhundert Jahre lang passiert nichts Bedeutendes.
Unsoziale Philosophien setzen sich im Staat durch,
Priester und Manager geraten immer wieder in Strei-
tigkeiten.

1.430 RF Abspaltung: Priesterkönigreich Rhyn


Trotz einiger Erfolge wendet sich die Natur letztlich
wieder von Rhyn ab und die Lebenden Schatten zer-
schlagen das Reich knapp vier Jahrhunderte nach sei-
ner Gründung. Das Naturwissen der Priesterkönige
geht verloren.

1.912 RF Zehnjähriger Bürgerkrieg


Nahrung und Wasser werden extrem knapp. Künst-
liche Herstellung wird erforderlich. Die Natur ent-
fremdet sich mehr und mehr von den Menschen. Im
Jahr 1.983 RF wird jegliche Natur in St. Radenwall

147
sogar verboten, da sie zu Allergien und Übergriffen
führt.

2.050 RF Das Tor der Schatten entsteht


Die Macht der Torwesen nimmt abrupt zu. Angeblich
befinden sich Menschen- und Drogenhandel bereits
sieben Jahre später fest in ihren Händen. Staatlich
wird die Föderation aber nur von kleineren Krisen
geschüttelt.

2.217 RF Nebulöse Götterzeichen


Katastrophale Hungersnöte, welche die Föderation
bedrohen, werden durch göttliche Hilfe beendet.
Auch wenn die Traumkraft nicht gefunden wird, prägt
tiefe Religiosität fortan die Menschen und politischen
Parteien. Von 2.311 RF an kommt es vermehrt zu
Glaubensdisputen im Parlament, die sich bis zum Ek-
lat von 2.396 RF hochschaukeln: Als das Recht der
Reicheren hinter den sogenannten Vereinfachten Ge-
setzen enttarnt wird, zerstreiten die Parteien sich so
sehr, dass die Föderation schließlich zerfällt.

2.398 RF Gründung der vier Fraktionen


Der Rhyn-Nachfolger Hadante wird Heimat der Ha-
danter, aber 2.421 RF unter die Oberfläche gedrängt
und gilt als besiegt. Viele Magier, ob akademisch oder
nicht, gehen als Schattenläufer in die Wälder. Ihre
Bezeichnung gilt schnell nicht mehr als abfällig (für
einen unstudierten Magier), sondern als Begriff für
eine mächtige und rätselhafte Person. Seit fünf Jah-
ren gab es keine größeren Kriegshandlungen mehr,
die Fronten sind gefestigt. Wir schreiben 2.462 RF.
St. Radenwall ist mit 3.422 Jahren die älteste Stadt
Dememnons.

148
Epilog

151
Sankt Radenwall. Hauptstadt der Rothmaren, abfällig auch
Technokraten genannt. Dreißig Millionen Menschen unter einer
Hierarchie gigantischer Käseglocken. Die Ärmsten und die Illega-
len lebten am Rand. Nur die meterdicke Hauptkuppel schützte sie
noch vor der Natur außerhalb der Stadt. Dafür war die Hitze von
Frühling bis Herbst unerträglich. Die Randbewohner waren eine
Armee schwitzender Ratten, die in die wohltemperierten Käseglo-
cken starrten, aber nie hineingelangen würden.
Zwischen den Kuppeln waren eigene Elektrofahrzeuge erlaubt.
Doch wer in eine hineinwollte, wurde streng kontrolliert und mus-
ste sein privates Transportmittel abstellen, um eine der öffentlichen
Schwebebahnen zu nutzen.
Hans-Kurt Meyle hievte sich ächzend aus seinem viel zu kleinen
Elektroflitzer und knallte die Tür zu. Das zerbeulte Gefährt wa-
ckelte und seine Stoßdämpfer quietschten verzagt. Meyles Wurst-
finger zupften ein Stofftaschentuch aus der Hose seines grauen
Anzugs. Während er sich die Schweißbäche von Gesicht und Stirn
wischte, setzte er sich mit der anderen Hand eine große schwar-
ze Sonnenbrille auf. Vorwurfsvoll funkelte er der Sonne entgegen,
deren Kraft vom Glas der Hauptkuppel, hier am Rand, immens
verstärkt wurde. „Ist doch noch gar nicht Hochsommer!“, fluchte er
und blickte sich um. Seins war das einzige Fahrzeug weit und breit.
Verfallene Häuser und Fabrikhallen, zum Teil noch aus Stein ge-
baut, zeugten von vergangenen Jahrhunderten. Ebenso herunterge-
kommen schienen die Menschen zu sein, die hier lebten. Sie saßen
und lagen vor den Häusern oder schleppten sich mit Plastiktüten
durch die brüchige Straße. Meyle zog die Anzugjacke aus und warf
sie leger über die Schulter.
Eine Frau trug nicht die hier üblichen Lumpen, sondern eine
rote Krawatte zu einer einst weißen Bluse und einen zerfled-
derten grauen Rock. Gerade trug sie zwei Stofftaschen mit Ein-
käufen in eine Hausruine. Ihr braunes Haar hing fettig hinter
den Ohren. Meyle zog ein kleines Foto aus der Tasche und
hielt es hoch, um es mit der Frau zu vergleichen. Schnaufend
stampfte er dann auf sie zu und stopfte das Foto zurück. „He,
du! Bleib mal stehen!“

152
Die Frau ließ die Taschen fallen und stürzte ins Haus. Im näch-
sten Augenblick hielt sie eine Pistole aus dem zerbrochenen Fenster
und schoss blind drauflos. Meyle warf sich so flach auf den Boden,
wie sein üppiger Bauch es zuließ. Einer weichen Bratwurst gleich,
rollte er sich seitlich davon, bis er hinter dem Mauerrest des Nach-
barhauses zum Liegen kam. Straßenstaub klebte überall an seinem
durchgeschwitzten Hemd. „Scheiße!“, brüllte er über die Mauer.
„Hör auf zu ballern, ich bin Bulle und will mit dir reden! Ich suche
einen Typen namens Sannrott!“
„Der ist hier nicht. Verpiss dich!“, rief die Frau. „Außerdem bist du
kein Bulle! Du bist bloß ein Fettsack auf der Suche nach Freiwild!
Ich kenne deine Sorte! Reiche Schweine wie Sannrott, die im Zen-
trum abgeblitzt sind, glauben, mit uns können sie’s ja machen, uns
beschützt eh keiner. Hier ist noch nie ein Bulle rausgefahren, du
Idiot! Noch nie! Es gibt hier nicht mal einen Notruf! Aber du hast
dich verschätzt! Hau ab, oder wir machen ein saftiges Steak aus dir!“
„Ausgerechnet heute muss Lastwahn sich krankmelden“, fluchte
Meyle über seinen Partner, ließ sich aber nicht von der Frau beirren.
„Sannrotts Spur verliert sich hier am Rand“, rief er. „Sannrott steht
im Verdacht, gegen §1 des EGB verstoßen zu haben.“
EGB, das Ethische Gesetzbuch, war ein ausgeklügeltes System zur
Kontrolle des Molochs Sankt Radenwall. Das Streben nach größt-
möglicher Gerechtigkeit war durch eine quantitativere Handha-
bung der Massen ersetzt und mit ethischen Floskeln scheinheilig
verkleidet worden. So erhielten Ministerpräsident Robert Azzati
und seine Führungsriege hinter einer gönnerhaften Fassade die
Macht einer Diktatur.
§1 des EGB erklärte jedwedes Handeln zugunsten der Torwesen als
Hochverrat, mittel- oder unmittelbar. „Du willst ihn abknallen?“,
rief die Frau skeptisch.
„Auf den Verstoß gegen §1 steht der Tod, aber ich bin kein Rich-
ter“, entgegnete Meyle.
Die Frau lachte freudlos. „Scheiß Heuchelei! Meinst du, ich bin
blöd, bloß weil ich hier verrotte? Ihr Typen macht doch eh, was ihr
wollt und rechtfertigt das dann mit dem EGB und dem höheren
Wohl der Mehrheit!“

153
Wieder ignorierte Meyle die Wut der Frau und blieb sachlich.
„Also, weißt du etwas über Sannrotts Verbleib? Ich stehe jetzt auf.
Es wäre nett, wenn du nicht weiterschießen würdest.“
Ächzend stemmte Meyle sich auf die Füße. Die Frau am Fenster
zielte auf ihn und beäugte ihn misstrauisch, drückte aber nicht ab.
„Er war vor ein paar Tagen hier“, erklärte sie mürrisch und senkte
die Waffe. „Vor Jahren haben wir in derselben Kanzlei gearbeitet,
bevor ich so dämlich gewesen bin, einem gefangenen Schattenläu-
fer zur Flucht zu verhelfen. Ich habe zwar auch so einen Sklavenver-
trag angeboten bekommen, um meine Schuld zu begleichen, aber
da leb’ ich lieber hier.“
Meyles Gesicht regte sich nicht. „Du warst Anwältin?“
„Nur Tippse“, winkte die Frau ab. „Sannrott und ich hatten viel
Spaß in den Mittagspausen, war ein offenes Geheimnis, hat auch
niemanden weiter gestört. Jedenfalls sollte dann dieser Schattenläu-
fer wegen §1 hingerichtet werden, dabei war er ein klarer Gegner
der Torwesen. Er gehörte bloß zur falschen Fraktion und hatte sich
in St. Radenwall bei einer Sabotage erwischen lassen. Sannrott ist
mit dem Fall ganz groß rausgekommen.“
„Inquisition ...“, murmelte Meyle düster. Lauter fragte er dann:
„Und wieso war Sannrott jetzt wieder bei dir?“
„Er wollte unbemerkt weg. Gibt viele Tunnel hier nach draußen.
Sannrott dachte wohl, ich helfe ihm um der alten Zeiten willen.
Hat mich gleich begrapscht und Süßholz geraspelt. Aber damals
hat der Kerl mich eiskalt ins Messer laufen lassen, hat mich wie eine
heiße Kartoffel fallen gelassen. Der ist kälter als ’ne Leiche! Ich hab
ihm eine geknallt und ihn zur Hölle geschickt. Trotzdem kann er an
den Auslasskontrollen vorbeigekommen sein. So ziemlich jeder hier
kennt die Tunnel, und für ein paar Neumark hat ihm sicher einer
den Weg gezeigt.“
„Wieso wollte er unbedingt ohne offizielle Registrierung die Stadt
verlassen? Seine Abwesenheit wäre vermutlich nicht aufgefallen,
er besitzt einen abgelegenen Bungalow im Sommerzentrum. Aber
er hätte auch einfach eine Geschäftsreise in einen entlegenen Teil
der rothmarischen Föderation vorgeben können. Neben seiner Tä-
tigkeit als Anwalt ist er ja auch Börsenhai, Grundstücksspekulant

154
und Forschungsinvestor. Oder er hätte vorgeben können, entfernte
Verwandte zu besuchen. Das wäre sogar noch sicherer gewesen, als
wenn jemand ihn in dringenden Angelegenheiten in dem Ferien-
bungalow gesucht hätte.“
„Was quatscht du mich mit deiner Detektivarbeit voll, Bulle?“,
maulte die Frau. „Ich weiß nicht, was er vorhatte!“
„Er muss die Stadt verlassen haben, nachdem er bereits gesucht
worden ist“, gab Meyle sich selbst die Antwort. „Aber der Fahn-
dungsauftrag für die Nordpolizei kam heute erst aus der Zentrale
und du sagst, er sei vor ein paar Tagen hier gewesen. Vor wie vielen
Tagen genau eigentlich?“
„Ich lüge nicht!“, blaffte die Frau. „Er war vor drei Tagen hier und
hat sich seine Ohrfeige abgeholt.“
„Dann hat jemand anderes, der Zugriff auf staatliche Daten wie
An- und Abreise hat, ihn schon gesucht, bevor die offizielle Fahn-
dung für die Nordpolizei rausging“, überlegte Meyle. „Jemand in
der Zentrale womöglich.“ Sein Gesicht verfinsterte sich. „Wieder
mal werden wir einfachen Beamten bloß von den wirklich Mäch-
tigen verarscht! Wir machen die Zulieferarbeit, und die feinen
Herren mit dem höheren Stellungscode streichen die Prämien ein!“

Wanninger nickte anerkennend und schloss die Tür hinter sich.


Sein grauer Mantel hörte auf zu wallen, reglos stand der hagere
Endfünfziger da. Sannrotts Bungalow im Sommerzentrum strahlte
nicht nur von außen weiß. Ledersofa und Wandregal glätteten den
aggressiv-kalten Eindruck durch ihr helles Grau zwar etwas, doch
das Azurblau der Fenstervorhänge aus Plastik schien den Raum auf
Polarkälte herunterzukühlen. Einheitlich rote Bedienelemente an
Fernsehschirm und Hausservice rundeten den enorm teuren, doch
seelenlosen Eindruck des Zimmers ab. Kein persönlicher Gegen-
stand störte das katalogwürdige Bild. Sofa und gläserner Beistell-
tisch standen wie frisch geliefert in perfektem Abstand zueinander
am Fenster. Sannrott war vermutlich noch nie hier gewesen.

155
Wanninger betrachtete den deckenhohen Schrank, der neben der
Tür in die Wand eingelassen war. Wieder ein Gegenstand in hellem
Grau. Der rote Knopf zum Öffnen blinkte: Abgeschlossen. Wan-
ninger zog eine Chipkarte aus der Brusttasche seines schwarzen
Hemds und schob sie in den Kartenleser des Schranks. Lautlos glit-
ten die Türen wie bei einem Fahrstuhl auseinander.
Die Marke hieß „Sakamoto Highland“, las Wanninger noch den
Sohlenaufdruck. Dann donnerte ihm ein Schuh aus dem Schrank
ins Gesicht und der Fuß, an dem er steckte, setzte ohne Bodenbe-
rührung nach und knackte Wanninger zwei Rippen an. Wanninger
glaubte, sich selbst nur über die Schulter zu blicken, sah sich zu-
sammenbrechen und den Sakamoto Highland-Schuh aufstampfen.
Das andere Bein schoss wie ein Tritt beim Blutball daran vorbei
und in seinen Magen. Wanninger röchelte kläglich und rollte sich
zusammen. Eine Hand schob er in den Mantel. Als der Schuh sich
zu einem finalen Tritt gegen den Kopf erhob, riss Wanninger seine
Binergie-Waffe aus dem Holster und gab zwei lautlose Schüsse ab.
Der erste Treffer ließ den Gegner aufheulen, beim zweiten gurgelte
er nur noch und fiel in den Schrank zurück. Die Türen glitten zu-
sammen, bis sie auf seine Beine trafen, dann zuckten sie schuldbe-
wusst wieder auseinander.
Die Binergie-Waffe hatte jegliche Biochemie des Gegners zum Er-
liegen gebracht. Seine Kleidung, der rote Overall eines Schwebe-
bahn-Technikers, war aber noch in einwandfreiem Zustand. Routi-
nemäßig überprüfte Wanninger die Leiche und murmelte: „Hattest
du dich etwa bloß zufällig hier versteckt, oder hast du mit Sannrott
zu schaffen gehabt?“
Sein Blick blieb unter dem rechten Handgelenk haften: Dort
prangte ein ungültiger Lizenzstempel des Klonwerks „Bio Blue-
prints“. Seit über zwei Monaten galt die Lebenszeit dieses fünfund-
zwanzig Jahre alten Klons als abgelaufen und er hätte sich der staat-
lichen Klonbehörde für ein würdevolles Ende anvertrauen müssen.
Natürlich tat das kaum ein Klon freiwillig. Aber dafür waren Wan-
ningers Kollegen vom §47 EGB ja da.
Klonen ließ sich nicht verhindern, zumal diese Technik der
Menschheit schon vor drei Jahrtausenden das erste Mal zugäng-

156
lich geworden war, in der Republik Lindland. Lindland war primär
durch eine Klon-Überbevölkerung in die Krise geraten und schließ-
lich in Kriegswirren – Klone gegen natürlich Geborene – zerfallen.
In der wechselvollen Geschichte Dememnons war das technische
Wissen mal mehr und mal weniger groß gewesen und seit eini-
gen Jahrzehnten war es mal wieder fortgeschritten genug, um das
Massenklonen nahezu jedermann zu ermöglichen. Daher hatte
die rothmarische Föderation das Klonen legalisiert, auch wenn sie
die Klonwerke streng überwachte. Allerdings war die Technik erst
seit Kurzem ausgereift; in der Anfangsphase waren manche Klone
ein paar Jahre, nachdem sie das Erwachsenenalter erreicht hatten,
wahnsinnig geworden. Für diese ersten Generationen galten strenge
Grenzen bei der Lebensdauer. §47 des EGB stellte klare Richtlinien
zum Schutz der Mehrheit vor diesen Klonen auf.
Wanninger notierte die Lizenznummer des mit Verzug deakti-
vierten Klons – so die Amtssprache – in seinem elektronischen No-
tizbuch. Dann sah er sich den restlichen Inhalt des Schranks an.
Hinter den Türen befanden sich tatsächlich Hinweise auf einen Be-
wohner oder zumindest Besitzer des sterilen Bungalows. Wannin-
ger fand im oberen Fach eine ungeöffnete Packung Munition für
eine teure Pistole, Modell „Mortalion Defgun“. Mortalion war der
Marktführer für einen relativ neuen, extrem winzigen Munitions-
typ, der Magazine von hundert Schuss und mehr ermöglichte. Die
Waffe selbst fehlte jedoch. Zwei identische graue Anzüge mit roten
Krawatten und weißen Hemden hingen parat, von durchsichtigen
Plastikhauben vor Staub geschützt. Auch zwei schwarze Schuhpaare
verstaubten darunter.
In der Ecke daneben stand eine blaue Plastikwanne mit allerlei
Kleinkram: Abtreibungspillen für Frauen, ein veraltetes Buch über
rothmarisches Recht, ein billiges Taschenmesser, ein Laserpointer
für ein Gewehr, ein Goldpokal des Schießvereins des Sommerzen-
trums, die Fernbedienung für einen VR Premium Holodude – ei-
nen holografischen Freund – und ein leeres Injektionsfläschchen
mit der Aufschrift „Konir Antimagie-Serum T-100“.
Wanninger betrachtete das Fläschchen erstaunt. „Die sind schon
seit drei Jahren nicht mehr frei auf dem Markt erhältlich. Aber

157
selbst davor hast du verdammt viel Geld dafür bezahlen müssen,
Sannrott mein Freund. Wieso musstest du dich so dringend ganze
100 Stunden lang vor Magie schützen? Die zwei Stunden wirkende
Spritze kostet nur einen Bruchteil des Geldes.“ Wanninger drehte
das Fläschchen zwischen den Fingern und fand eine Haltbarkeits-
prägung. „14-10-2461. Seit fast einem Jahr abgelaufen.“ Er steckte
das Fläschchen in seine Hemdtasche. „Entweder hast du das Zeug
günstig bekommen, weil es schon abgelaufen war, oder es ist eine
Weile her, dass du es genommen hast.“
Dann nahm er die Fernbedienung des Holodudes in die Hand.
„Die VR-Premium-Variante, nicht schlecht. Eine Holonutte,
die kaum von der Wirklichkeit zu unterscheiden ist. Hast wohl
echt zu viel Geld und zu wenig Freunde, Sannrott.“ Wanninger
schaltete das Holodude-Programm ein und sofort stand eine jun-
ge Frau mit spitzen Ohren und langen Beinen im Raum. Blonde
Locken fielen bis zur Hüfte herab und ihre weit ausgeschnittene
Bauschkleidung saß sehr eng. Über der Schulter trug sie einen ar-
chaischen Jagdbogen und einen Köcher mit Pfeilen. Sie stemmte
eine Faust in die Hüfte und betrachtete Wanninger skeptisch. „Du
bist nicht Morten.“
„Nein“, lachte Wanninger und schüttelte den Kopf. „Wann war
er denn zuletzt hier?“ Vielleicht würde der Speicher des Holodu-
des nun Wanningers Suche nach Sannrott beträchtlich erleichtern.
Doch weit gefehlt.
„Ich verrate Morten doch nicht an einen Fremden!“
„Ich bin kein Fremder. Ich bin Claus, ein alter Freund von Morten. Er
versteckt sich leider gerade vor der Polizei, aber ich kann ihm helfen.“
„Ach so!“, säuselte der Holodude lasziv und warf Bogen und Kö-
cher von sich. „Er ist aber vor einem Jahr zuletzt hier gewesen, mit
einer Frau namens Jennica. Er hat uns einander vorgestellt, aber sie
mochte mich nicht. Sie stand wohl nicht auf Elfen.“
Wanninger schaffte es, keine Miene zu verziehen. „Elfen sind auch
nur Phantasiewesen“, erklärte er, während der Holodude ihm so
nahe kam, dass der holografische Brustkorb den seinen berührte.
„Fühlt sich das wie Phantasie an?“, raunte der Holodude, Sannrotts
eindeutiger Programmierung folgend.

158
Wanninger drückte den Ausknopf und sofort verschwand das
Hologramm. Seine Kollegen würden alle Informationen aus dem
Speicher holen, ohne den Holodude aktivieren zu müssen. Er ging
noch einmal zum Schrank und kramte den Goldpokal des örtlichen
Schießvereins hervor. Sannrott hatte ihn im Sommer ’59 gewonnen,
vor knapp drei Jahren. Exakt so lange war auch das antimagische
Serum der Firma Konir nicht mehr frei zugänglich. Ein Zufall? Und
wieso hatte Wanninger noch nie während seiner Ermittlung gegen
Sannrott von einer Jennica gehört?

Meyle war mit seiner Befragung am Rand kein bisschen weiterge-


kommen. Niemand wollte mehr mit ihm reden, nachdem er sich als
Polizist geoutet hatte. Frustriert war er zurückgefahren. Nun saß er
in der Schwebebahn Richtung Sommerzentrum. Vielleicht würde
die Untersuchung von Sannrotts Bungalow eine Spur ergeben, auch
wenn alles darauf hindeutete, dass er dort schon seit einem Jahr
nicht mehr gewesen war.
Die Schwebebahn glitt ohne Geräusch in die Kuppel des Som-
merzentrums. Die leise Musik in der Bahnkabine wechselte von
aalglattem Jazz zu Marimba-Klängen. Draußen hatte die Wetter-
kontrolle für einen milden Frühlingsregen gesorgt, doch in der
Sommerkuppel regnete es nie. Ihre Subkuppeln und alle Einrich-
tungen wurden durch Putzkolonnen gereinigt, nicht durch eine
gelegentliche Beimischung von Putzmittel in die kuppeleigenen
Regenprogramme Sankt Radenwalls.
Meyle blieb bis zur Endstation sitzen und stieg dort als einziger
Fahrgast aus. Die Farbe des Himmels war perfekt, die Temperatur
ebenso und die Luft roch nach Meer und Sandstrand. Gelegent-
lich tönte sogar ein Möwenschrei, auch wenn jeder wusste, dass die
Menschen das einzig Natürliche innerhalb von Sankt Radenwall
waren. Falls die Menschen noch etwas Natürliches waren.
Sannrotts Bungalow war nicht schwer zu finden. So weit abgele-
gen gab es kaum Gebäude. Anders als der absolute Rand, von dem

159
Meyle gerade gekommen war, stellte der Rand des Sommerzen-
trums ein Gebiet für Superreiche dar und lag innerhalb der Haupt-
kuppel noch sehr zentral. Eigentlich hätte Meyle die zuständigen
Kollegen des Sommerzentrums über seine Ankunft informieren
müssen. Doch da er fest davon überzeugt war, dass sein Handy ab-
gehört wurde und überhaupt irgendeine ominöse Staatselite in sei-
ner Ermittlung herumpfuschte, sah er davon ab. Er murmelte mit
sich selbst, während er zum Bungalow stampfte. „Die haben mich
schon mit der Spur zum Rand verarscht. Aber ich kriege Sannrott,
nicht die! Die gewinnen nicht schon wieder gegen mich, ob die
Vorsprung auf Sannrott haben oder nicht!“
Mit seinem staatlichen Generalschlüssel öffnete er das elektronische
Türschloss des Bungalows und trat ein. Aus dem Schrank ragten
noch immer die Beine des toten Klons. Meyle riss die Waffe aus dem
Holster, warf die Tür zu und blickte sich schussbereit um. Nichts.
Er fand die abgelaufene Klon-Lizenz unter dem Handgelenk und
wunderte sich, dass die Leiche keinerlei tödliche Verletzung auf-
wies. Dann durchsuchte er den Schrank. Meyle fand die teure Mu-
nition, den Pokal mit dem Schießvereins-Hinweis und die Fernbe-
dienung des Holodudes, nicht aber das Injektionsfläschchen. Das
hatte Wanninger eingesteckt.
Gerade wollte Meyle nun doch sein Handy zücken, um den Lei-
chenfund zu melden, auch wenn er damit den mutmaßlichen Mit-
hörern seinen Aufenthaltsort verriet. Da vernahm er Stimmen von
draußen. Als Meyle sicher war, dass sich zwei Männer näherten,
stopfte er eilig die Leiche in den Schrank und zwängte sich selbst
hinterher. Kaum hatte er den Knopf zum Schließen des Schranks
gedrückt, öffnete sich die Bungalowtür und die Männerstimmen
wurden abrupt lauter.
Wanningers junger Kollege verstummte, als die angekündigte Lei-
che nicht im halboffenen Schrank parat lag. Er und Wanninger zo-
gen sofort ihre Binergie-Waffen und warfen sich einen alarmierten
Blick zu. Meyle hielt den Atem an und glaubte, die Gefahr förmlich
als sauren Angstschweiß in seinem Hemd riechen zu können. Sollte
er den Männern draußen zuvorkommen und die Schranktür öff-
nen, bevor sie es womöglich taten?

160
Meyle drückte den rot blinkenden Innenknopf. Das Schloss
piepste energisch und rührte sich nicht. Also war dies ein il-
legales Gefängnismodell, das man auch von innen nicht ohne
Schlüssel öffnen konnte, nicht mal mit einem gewöhnlichen
staatlichen Generalschlüssel. Meyle seufzte resigniert, seine
Schultern sackten zusammen. Das Piepsen hatten die Männer
draußen sicherlich gehört. Jetzt musste er noch hoffen, dass
sie ihn befreiten, denn eintreten konnte man die Schranktüren
von Gefängnismodellen nicht. Wen mochte Sannrott hier so al-
les eingesperrt haben, und wie lange hatte der Tote im Overall
schon auf seine Befreiung gewartet?
Die Männer vor dem Schrank grinsten gehässig, als Wanningers
höher lizenzierte Karte die Türen öffnete. Sie hielten ihre Binergie-
Waffen vor Meyles Nase, der seine eigene Waffe mit einem Seufzer
zu Boden fallen ließ. Dann erkannten Wanninger und Meyle sich.
„Sie sind doch der Querulant von der Nord-§1!“, entfuhr es Wan-
ninger und er lachte herzlich.
Meyle lachte hingegen nur gequält mit und nickte. „Wanninger, der
Superbulle aus der §1-Zentrale. Ich dachte, sie beschützen inzwi-
schen den Ministerpräsidenten oder so was.“ Es waren Männer wie
Wanninger, die auf den Rücken von Männern wie Meyle Karriere
machten, glaubte Meyle fest.
„Sollten Sie nicht am Rand sein, wo Sannrotts Spur sich verliert?“,
fragte Wanningers jüngerer Kollege scharf. Eine Strähne seines steif
gegelten Haars hing ihm bis zur Unterlippe ins Gesicht. Er stank
nach billigem Rasierwasser.
Meyle verzog unwillig das Gesicht. „Da war ich längst“, knurrte
er. „Keine Spur. Klar, die Superbullen gehen den Hinweisen im
Sommerzentrum nach, aber der Abschaum der Nordpolizei kann
im Rand rumkrauchen und sich von einer hysterischen Zicke fast
abknallen lassen. An einem Tag, wo der Nordpolizei-Abschaum-
Partner sich krankgemeldet hat.“
Wanninger verdrehte genervt die Augen und warf seinem forschen
Kollegen einen scharfen Seitenblick zu. Freundlich redete er dann
auf Meyle ein: „Ich kenne Ihre Meinung über die §1-Zentrale.
Denken Sie, was sie wollen. Aber machen Sie Ihre Arbeit ordent-

161
lich! Sich in den illegalen Schrank eines Verdächtigen mit einer Lei-
che einzusperren, ist nicht eben eine Glanzleistung!“
Der junge Kollege wandte sich ab und konnte ein prustendes La-
chen nicht unterdrücken, Meyle senkte zerknirscht den Kopf. Wan-
ninger streckte sich und atmete seufzend durch. „Lach nicht, Bi-
schof, mach lieber Kaffee!“, fuhr er dann den jungen Polizisten an
und zwinkerte Meyle zu. Bischof schaute pikiert drein, gehorchte
jedoch und wandte sich dem Pult der Haustechnik zu, um Kaffee
zu bestellen. Tatsächlich hatte der Bungalow noch alles vorrätig.
Der Holodude in Gestalt der aufreizenden Elfendame servierte den
Kaffee hinternwackelnd an den Couchtisch und musterte Wannin-
ger lasziv. Der schaltete den Holodude schmunzelnd ab und setzte
sich aufs hellgraue Leder. Die beiden anderen Männer folgten dem
Beispiel und nippten an ihren dampfenden Kaffeetassen.
Die §1-Polizisten, die auf verschiedenen Ebenen am Fall des mut-
maßlichen Schattendieners Sannrott arbeiteten, berieten über die
bisherigen Spuren und möglichen Zusammenhänge mit dem il-
legalen Klon im Schrank. Eine zähe Viertelstunde lang, die von
peinlichem Schweigen durchsetzt wurde und kein Ergebnis lieferte,
trug Meyle durch Einsilbigkeit und Ideenlosigkeit seine mangelnde
Kooperationsbereitschaft zur Schau.
Gerade als Wanninger wütend wurde und mit der flachen Hand auf
den Tisch schlagen wollte, erhob sich die Klonleiche und funkelte
die Lebenden mordlüstern an.
„Och, nö!“, maulte Bischof und winkte ab. „Was will der denn jetzt?“
Wanninger brachte Bischof mit einem scharfen Blick zum Schwei-
gen und zog eine kleine Ersatzpistole vom Rücken. Auch Meyle zog
seine Waffe. Gleichzeitig schossen die beiden auf den toten Klon
und durchlöcherten ihn.
„Rache ...!“, stöhnte der Zombie und brach zusammen.
„Das war mein vierzehnter dieses Jahr“, knurrte Wanninger und
mahlte mit den Kiefern. „Wenn das so weitergeht, läuft mir bis zum
Herbst jeden Tag einer über den Weg.“
„Und im Winter ersticken wir in Leichen“, setzte Meyle den Ge-
danken fort. „So schlimm wie 2.462 war es mit den Geistererschei-
nungen noch nie seit der Kreuzung der Zwei Kräfte.“

162
„Die Grenzen des Totenreichs brechen endgültig zusammen“,
raunte Wanninger und ballte die Fäuste. „Die Natur hat uns aufge-
geben. Unsere Toten werden die Stadt überrennen.“
Bischof hätte sich einen zweiten Kaffee direkt am Pult der Haus-
technik holen können, doch er drückte den Knopf der Fernbedie-
nung und ließ sich die Tasse vom Holodude bringen. Der schnurrte
und strich um Bischof herum. „Soll ich für dich tanzen, Süßer?“
Wanninger schaltete das Programm ab und funkelte Bischof ver-
ärgert an. „Wir sind hier im Dienst, Mann!“, grollte er. „Also, was
tun wir jetzt bezüglich Sannrott? Wir können doch nicht bloß ab-
warten, was die Datenanalyse dieses Holodude-Programms ergibt?“
„Wenn wir schneller an Informationen gelangen wollen, müssen
wir mit dem Holodude eben reden“, lächelte Bischof. „Es gibt häss-
lichere Verhörkunden, Chef!“
Missbilligend schüttelte Wanninger den Kopf. Meyle hingegen
nickte und brummte: „Der Jungspund hat recht. Alle Spuren ver-
laufen im Sande. Wir wissen nicht mal, wer dieser illegale Klon war.
Wir können die Hände in den Schoß legen und auf die Technik-
abteilung warten – oder jetzt sofort bei Kaffee und Plätzchen den
Holodude ausquetschen.“
„Oder wir treffen diese Sibillea vom Schießverein, die Sannrott
kannte. Sie soll angeblich in einer halben Stunde zum Training
kommen“, widersprach Wanninger und deutete auf den Schießpo-
kal im Schrank. „Wir kommen von dort.“
„Wozu sind wir zu dritt? Ich nehme freiwillig den Holodude“,
schlug Bischof vor, seine Augen blitzten gierig. Die beiden älteren
Männer schauten ihn abfällig an, da lachte Bischof aggressiv: „Was
denn? Ihr könnt euch so was zu Hause vielleicht leisten, aber für
mich ist ein VR Premiummodell viel zu teuer!“
„Höhlenmensch!“, zischte Wanninger und erhob sich. Meyle folgte
ihm kopfschüttelnd. Die beiden verließen den Bungalow und
schlossen die Tür.
„Heißt das ja?“, rief Bischof ihnen nach, erhielt aber keine Antwort.

Sibillea Wotane Schiedergott war eine wandelnde Brechstange.


Ihr Mondgesicht besaß harte Jochbeine, ihr Igelschnitt die Far-

163
be von Stahl. Das ärmellose Tarnhemd machte keinen Hehl aus
der muskulösen Unförmigkeit ihrer Brüste. Unter der Haut ihrer
weißen Oberarme hielten Fett und Muskeln sich die Waage. Ihr
Kugelbauch hing über den Saum einer ölverschmierten roten Ar-
beitshose. Ihre breiten Füße steckten in geschmacklosen braunen
Stiefeln. Gerade zog sie sich den violetten Lippenstift nach, da
bemerkte sie Wanninger und Meyle, die sich ihrem Schießstand
näherten. Ungerührt lud Sibillea ihr Gewehr durch und zerschoss
mit Salvenfeuer eine Zielscheibe, die über hundert Meter weit
entfernt gestanden hatte.
Die Polizisten sahen sofort die Klonlizenz unter ihrem Handgelenk,
doch im Gegensatz zu dem Toten im Bungalow, lief Sibilleas Lizenz
erst in zwei Jahren ab. Noch ein Klon in roter Technikerkleidung ...
Meyle witterte einen Arbeitsskandal, aber nichts, was ihn Sannrott
wirklich näher gebracht hätte. Dass ein Teil von Sannrotts Reich-
tum aus illegalen Geschäften stammte, war kein großes Geheimnis.
Dass Klone mit abgelaufener Lizenz äußerst billige Arbeitskräfte
waren, auch nicht.
„Guten Tag. Uns wurde gesagt, Sie kennen einen Mann namens
Morten Sannrott?“, begann Wanninger das Gespräch.
„Nö“, blockte Sibillea und tat so, als überprüfe sie ihr Gewehr.
„Sie haben oft mit ihm geredet, heißt es hier im Verein“, wischte
Wanninger ihre Gegenwehr entschieden weg. „Wir können auch
die Überwachunsvideos ...“
„Schon gut“, zischte Sibillea giftig und funkelte die Polizisten aus ih-
ren Schweinsaugen an. „Ich hab ihm Klone mit abgelaufener Lizenz
ans Messer geliefert, für die Forschungsprojekte, die er finanziert.“
„Wieso? Ihr Klone haltet doch sonst so eng zusammen“, mischte
Meyle sich ein.
Der Blick, mit dem Wanninger Sibilleas Lizenz beäugte, wurde ihr
unangenehm, sie drehte das Handgelenk weg.
„Abgelaufen und gefälscht? Das ist teuer, wenn es auch im Zentral-
rechner geändert wurde“, raunte Wanninger.
Sibillea wurde bleich und packte ihr Gewehr fester.
„Du hast nicht nur andere Klone verraten, damit deine eigene Li-
zenz verlängert wurde. Das hätte sich für Sannrott niemals gerech-

164
net. Vielleicht warst du seine Privatkillerin?“ Wanninger schürzte
die Lippen und grinste kalt.
„Keine Bange, wir angeln keine kleinen Fische“, ergänzte Meyle.
„Sannrott ist ein §1-Kandidat.“
Sibillea musterte die Männer abwechselnd. Mit jeder Sekunde wich
mehr Spannung aus ihr und sie schien kleiner zu werden. Schließ-
lich gab sie ihre Abwehrhaltung seufzend auf und legte das Gewehr
zur Seite. „Er hatte da so ein Mauerblümchen, eine Doktorin der
Physik. Soll seine große Liebe gewesen sein, sie haben sogar gehei-
ratet. Ist aber alles in der HS gewesen.“
HS, das war die Highest Society von Sankt Radenwall, ein extrem
abgeschotteter und verschwiegener Club der obersten Zehntausend
aus dreißig Millionen. Die HS war wie ein Staat im Staat mit eige-
nen Staatsgeheimnissen und einer eigenen Kuppel mit schärfsten
Sicherheitsvorkehrungen.
Sibillea fuhr fort: „Wenn die mitkriegen, dass ich hier Namen aus
der HS nenne ... na ja. Aber dann haben Jennica und Morten sich
natürlich doch zerstritten, weil Morten Sannrott ein Idiot ist. Ich
glaube jedenfalls, der Name des Püppchens war Jennica. Hat die
HS und sogar die ganze Stadt verlassen, weil man einem Sannrott
innerhalb der Kuppel nicht entkommt, nicht mal am Rand, und
wer will da schon leben, der noch irgendeine andere Wahl hat.
Sannrott ist ihr nach. Mehr weiß ich nicht. Kann euch sonst nur
noch den Namen vom Trauzeugen sagen, den hab ich nämlich fa-
hren müssen. Den Typen, der seinen Namen in meiner Gegenwart
laut gesagt hat, hätte er, glaub’ ich, fast erschossen. Na ja, vielleicht
hat er ihn später erschossen. Der Typ hieß Professor Iconus, selt-
samer Kauz. Ein Tattergreis mit unheimlichen Augen. Wenn ihr vor
einem Typen in der Kuppel Angst haben solltet, dann vor dem. Ro-
bert Azzati und seine Faschos sind dagegen bloß Milchbubis. Hab
von diesen Gerüchten über Nekromanten gehört, Totenbeschwörer
... Wenn es in Sankt Radenwall welche gibt, Iconus ist ihr Chef.“
„Schon gut, schon gut! Braves Mädchen“, spottete Meyle noch im
Gehen. Wanninger verabschiedete sich mit einem Nicken.
„Also sind Jennica Sannrott und ein Professor Iconus unsere neuen
Spuren zu Morten Sannrott“, murmelte Meyle. „Mitten in dieser

165
verdammten Highest Society. Kein Wunder, dass wir von dieser
Jennica noch nichts mitbekommen hatten. Wenn sie in die HS auf-
genommen wurde, existiert sie in den normalen Datenbanken gar
nicht mehr.“
Wanninger fluchte vor sich hin.
„Ob dein feiner Kollege schon mit dem Holodude weitergekom-
men ist? Dann kann er ja zum Chef gehen und die Eintrittskarte
für unsere Ermittlung bei den Goldfressern zu holen versuchen.“
„Mir doch egal, wie weit Bischof mit was ist“, knurrte Wanninger.
„Jetzt ist jedenfalls Schluss damit.“

Beide sprachen nicht über die Furcht, die der Begriff „Nekromant“
geweckt hatte. Vielleicht wurde die Stadt wirklich nur deshalb von
Geistern und Untoten heimgesucht, weil die Natur starb und die
Lebenden nicht länger von den Toten trennen konnte. Vielleicht
aber stimmte das Gerücht, dass ein neuer Feind in den eigenen Rei-
hen dem Untergang auf die Sprünge half. Eine wahnsinnige Grup-
pierung mochte am Werk sein, welche die Rettung der Natur in der
Ausrottung des Menschen sah.
Es gab noch ein anderes Gerücht, das Meyle und Wanninger im
Kopf herumspukte. Norrven, über die Erforschung der Torwe-
sen durchgedrehte Visionäre, nicht lebend, nicht tot, suchten seit
Jahrhunderten die Sterblichen heim. Es gab nur wenige von ih-
nen, doch ihre Macht war immens. Wirre Theorien setzten sie mit
den mutmaßlichen Nekromanten gleich, brachten das rätselhafte
Streben der Norrven mit den fallenden Grenzen des Totenreichs in
Zusammenhang. Manche Norrven konnte man von gewöhnlichen
Menschen äußerlich nicht unterscheiden.
Sollte Professor Iconus ein Norrven sein, der am Untergang der
Lebenden arbeitete, um die Welt für das neue Volk der Toten zu
ebnen? Er war der Trauzeuge eines mutmaßlichen Schattendieners;
möglicherweise gab es ein Bündnis zwischen den Schatten und den
Toten. Dabei war die Lage der Menschen vorher schon trostlos.
Meyle und Wanninger schauten sich nur stumm an, schauderten
und gingen schneller.

166
Reisefuehrer:
Dememnon

169
Herausgeber: Stormin’ Joe, Anarchist! Geschrieben 2.462 RF im Flammenau-Hochland

Vorwort
Herzlich willkommen zu meinem kleinen Beitrag über die Ge-
schichte des Planeten. Feolons letzter Kontinent, von der Rothma-
rischen Föderation hartnäckig seit Jahrtausenden als Dememnon
bezeichnet, hat trotz der allgemein schlechten Wetterlage – Ihr
wisst schon, Torwesen, Geister, fleischfressende Bäume und all das
Zeug – einiges Schönes zu bieten.
Aber dieser Reiseführer verschließt nicht die Augen vor der Wirk-
lichkeit. Ich werde Euch auch vor den Gebieten warnen, die Ihr
lieber nicht sehen wollt.

Sankt Radenwall
Davon habt Ihr sicher schon gehört. Sankt Radenwall ist diese
gigantische Käseglocke mitten auf Dememnon. Die Legende sagt,
der erste Stein der Stadt sei vor dreitausend Jahren tatsächlich ex-
akt in der Mitte des Kontinents gelegt worden, nachdem gerade
die Vermessung aller Küsten abgeschlossen war. Unter der Käse-
glocke hocken die Technokraten, feiern verhalten sich selbst, ihr
Militär und ihre Technologie und warten darauf, dass sie endgültig
vom Totenreich überrannt werden. Die Ratten haben das sinkende
Schiff schon verlassen. Oder drängen sich am Rand der Käseglocke
herum oder wühlen sich in die Erde unter der Stadt. Der Unter-
grund dort ist übrigens so ein Ort, den Ihr nicht sehen wollt. Dort
kämpfen Geister und jugendliche Banden um Bunkerreviere.
Natürlich gäbe es viel Sehenswertes in der Hauptstadt der roth-
marischen Föderation, doch offiziell haben nur Rothmaren Zutritt.
Schlupflöcher sind nicht zu empfehlen, dort wird scharf geschossen!
Viele Söldner und freischaffende Schatten- und Geisterkiller aus
Sankt Radenwall sind sehr erfahren im Kampf und hoch willkom-
mene Mitstreiter in allen freien Organisationen, welche nicht an
den unabwendbaren Untergang des ganzen Planeten glauben. Und
es sind nicht wenige, welche die Technokratie verlassen und die om-
nipräsente Uniformkleidung mit ihren Abzeichen für Stellungscode

170
und Arbeitszeugnis hinter sich lassen. Denn wie in jedem Land sind
die Rothmaren ebenfalls nicht alle gleich verbohrt, es gibt auch in
der Föderation intelligentes Leben.
Um abschließend mit einem uralten Gerücht aufzuräumen: Nein.
Die Rothmaren haben keine Sternenschiffe, das ist blanker Unsinn.
Das Projekt „Kosmophönix“ gehört in den Bereich der Verschwö-
rungstheorien. Rothmaren sind vermutlich viel zu konservativ, um
ihre Heimat aufzugeben und zu den Sternen zu greifen.

Der Tote Ring


So heißt das Gebiet aus Geröll- und Salzwüste um Sankt Raden-
wall herum. Die Rothmaren, die nicht mehr in die Stadt passen,
führen dort ein karges Dasein und sind von Wasser- und Essens-
lieferungen abhängig. Den Toten Ring wollt Ihr auch nicht sehen,
zumal im Norden, bei Hausers Mahnmal, eine Bastion der Schatten
den Himmel zerreißt. Und verdammt kalt ist es dort auch, viel käl-
ter als es geografisch sein dürfte. Hauser kennt Ihr nicht? Das war
dieser angeblich unsterbliche Magokrat im 8. Jahrhundert, der so
verdammt alt geworden ist, bis irgendein Halbgott und seine Trup-
pe von „Helden“ ihn endlich erschlagen haben. Anderswo ärgern
Euch die Schatten vielleicht bloß und ihre Verlockung ist nicht be-
sonders groß. Aber in der Nähe der Bastion werdet Ihr dem Feind
schneller verfallen als Ihr selbst mitbekommt, und wenn Ihr auch
nur einen Hauch Widerstand leistet, werden die Schatten Euch zer-
reißen. Glaubt’s mir, ich hab’s gesehen.

Hadante
Unter dem Toten Ring gibt es auch einiges zu sehen, allerdings
eher im deprimierenden, fast lächerlichen Sinne: Armut, man-
gelnde medizinische Versorgung, dreckige Leiber in engen Höhlen
gestapelt, wenn es ganz schlimm kommt. Neben Schattenläufern
und Rothmaren sind Hadanter die dritte politische Fraktion. Ha-
dante sollte der Nachfolger des lange vergangenen Priesterkönig-

171
reichs Rhyn werden. Rhyn hielt sich für einen Verbündeten der
Natur, wurde jedoch alleingelassen und die Torwesen zerschlugen
das Reich. Hadante ist es nicht viel besser ergangen, doch wurde es
von den Rothmaren zerschlagen. Die Hadanter wollen ihr Gebiet
vielerorts nicht verlassen und haben sich mit primitivem Dynamit
und Spitzhacken in die Tiefe gegraben. Ihr wisst ja, die Hadanter
wollen die Torwesen aushungern, indem sie auf Magie und Tech-
nik gleichermaßen verzichten. Dynamit ist für sie schon hart an
der Grenze. Manche Hadanter benutzen sogar nur Schwerter und
Rüstungen und sind damit quasi Kanonenfutter. Auf die Giftmör-
der und Sprengstoff-Attentäter der Hadanter hingegen müsst Ihr
aufpassen. Sie blicken inzwischen auf vierzig Jahre Guerilla-Krieg
zurück, sind tödliche Nahkämpfer und lautlose Schleicher. In man-
chen Dörfern kümmern sie sich nur noch um die Nahrungsbeschaf-
fung an der Oberfläche, doch in anderen gibt es regelrechte Sekten
um den Kriegsgott Hadaggon, dessen Priester ganze Stoßtrupps eli-
tärer Tötungsmaschinen in die Zentren der rothmarischen Politik,
des Handels und sogar des Militärs schicken, um Schlüsselfiguren
auszuschalten. In ersterer Sorte Dorf seid Ihr vielleicht sogar will-
kommen, wenn Ihr nicht gerade rothmarische Uniformkleidung
tragt. In letzterer Sorte hingegen solltet Ihr besser nicht einkehren.

In der Umgangssprache meinen wir mit Hadante zumeist die pri-


mitiven unterirdischen Enklaven von Menschen, die versuchen,
wieder im Mittelalter zu leben, bloß noch unterirdischer. Diese Ha-
danter glorifizieren das Fehlen jeglichen kulturellen Fortschritts als
das Zurückdrehen des Rades der Zeit, auf dass auch die Torwesen
verschwinden. Sie wollen sie aushungern, da sie glauben, nicht der
Geist allgemein, sondern der Geist, der sich mit höheren Wissen-
schaften plagt, nähre die Schattenenergie.
An den Rändern des Kontinents gibt es zwar auch oberirdische
Mitglieder dieser Fraktion, die recht ansehnliche Tempel und ganze
Städte aus Stein bauen und mit dem Fraktionskrieg so gar nichts zu
tun haben. Doch im Toten Ring bilden die Hadanter sich ernsthaft
ein, ihr Krieg um ein eigenes Reich sei noch nicht vorbei. Während
an den Rändern der religiöse Purismus der Hadanter ausgeprägter

172
ist, was das Verbot von Technik und Magie betrifft, forschen die im
Krieg befindlichen Hadanter im Toten Ring auch an immer neuen
Giften sowie an Kampfgasen und Säuren. Sie sind pragmatischer
und mit ihrem Dynamit deutlich näher an der Grenze dessen, was
in der heutigen Welt „Technik“ heißt.

Ich schreibe Euch das nur, weil Ihr im Toten Ring nicht bloß auf
verhungernde, degenerierte Räuberbanden achten müsst, sondern
auch auf explodierende oder tödlich vergiftete rothmarische Essens-
lieferungen. Leider gibt es keinen Weg aus Sankt Radenwall heraus,
der nicht viele hundert Kilometer weit durch den Toten Ring führt.

Der Norden
Als vor sechzig Jahren die Föderation gespalten wurde, verließen
die akademischen Magier und alle anderen Zauberer das Gebiet in
alle Himmelsrichtungen. Sie zogen sich weit an die Ränder Demem-
nons zurück, dahin, wo die Natur noch gesünder ist und wohin die
Hubschrauber und Drohnen der Rothmaren so schnell nicht kom-
men. Die meisten von Euch wissen ja, dass die Zauberer sich fortan
Schattenläufer nannten, wegen der Gratwanderung, die ihre Macht
mit sich bringt. Auch wenn der Begriff vor der Spaltung eigentlich
ein abfälliger Ausdruck für Pfuscher war. Am liebsten würden die
Torwesen sie sich alle einverleiben. Schattenläufer und Rothmaren
sind sich spinnefeind, obgleich nicht alle Fanatiker sind. Jeder gibt
dem anderen die Schuld an der Existenz der Torwesen und verteu-
felt die Machtquelle des anderen, Technik oder Magie.
Wie dem auch sei, im Norden gibt es ein riesiges Waldgebiet, das
allmählich von Laub- in Nadelwälder übergeht und an einer wun-
dervollen Fjordküste endet. Die Schattenläufer haben hier mit der
Burg Waldwacht einen mächtigen Stützpunkt errichtet, unter des-
sen Schutz zahlreiche Dörfer der Umgebung stehen. Hadanter wer-
den toleriert. In den Tiefen der Wälder müsst Ihr auf einige rach-
süchtige Waldkrieger achten, doch die halten sich zurück, wenn
Ihr einen ortskundigen Schattenläufer überreden könnt, Euch zu
führen. Die Waldseen und Auen des Laubwalds sowie die Fjorde

173
des Nadelwalds sind einmalige Landschaften und Heimat vieler
großer Raubtiere.

Im Nordosten erstreckt sich das riesige Eiswachengebirge, einer


der schönsten Orte Dememnons überhaupt – wenn man sehr dick
angezogen ist. Das Eiswachengebirge ist das höchste und kälteste
Gebiet des Kontinents. Seinen Namen hat es von stummen Eis-
wesen, die ab einer Höhe von 3.500 Metern auftreten und ohne
Vorwarnung angreifen. Sie können ihre Opfer festfrieren, worauf
die Opfer binnen einer Stunde selbst in ein Eiswesen transformiert
werden. Die Schattenläufer glauben, dass es sich um Überreste ei-
ner magischen Forschungsarbeit handelt. Ambitionierte Kletterer
sollten also keinesfalls in zu kleinen Gruppen unterwegs sein und
ausreichend Munition mitführen.

Sakamoto Airport
Unterhalb der gefährlichen Höhe der Eiswachen, erreicht man
irgendwann Sakamoto Airport. Manche nennen diese Stadt die
Hauptstadt aller Anarchisten, auch wenn wir keine echte Fraktion
sind, sondern frei von jeglicher kleinmütigen Doktrin. Tatsächlich
gibt es hier sehr viele Freiheiten und keinen Zwang zur Geldwirt-
schaft. Doch wie überall sind die Menschen nicht alle gleich und
es gibt auch die, welche den Rest zu kontrollieren versuchen. Diese
wiederum würde die rothmarische Föderation gerne kontrollieren,
denn der Stadtname kommt nicht von ungefähr: Es gibt hier einen
großen Flughafen, den einzigen des ganzen Kontinents, der sich
nicht in rothmarischer Hand befindet. Dadurch können die Sa-
kamoten Luftaufklärung betreiben, die Gewässer jenseits Demem-
nons erforschen und, wenn sie wollten, Bomben auf weniger ge-
schützte rothmarische Gebiete werfen. Seit ein paar Jahren herrscht
diesbezüglich Waffenstillstand, die Sakamoten kümmern sich um
innere Angelegenheiten und die Rothmaren haben ihre Versuche
eingestellt, durch einen simplen Frontalangriff über See, Luft oder
Boden die Stadt zu vernichten. Sakamoto Airport wird nämlich von
Söldnertruppen und magisch versierten Aussteigern der Schatten-

174
läufer exzellent geschützt. Die vorteilhafte Lage mit dem Gebirge
im Rücken nicht zu vergessen.

Ungastliche Gebiete
Der Nordwesten Dememnons wird von einem riesigen Gebiet
reinsten Horrors dominiert, das Ihr sicher nicht sehen wollt: dem
Feld der Panzergeister. In dem Gebiet wurde in früher Vergangen-
heit eine legendäre Schlacht geschlagen, und bis heute gehen die
Geister aller Toten dort um und erleben die Schlacht und ihren Tod
immer wieder neu. Beinahe kann man zudem den Eindruck be-
kommen, das Gebiet dehne sich aus, je schwächer die Natur wird.
In manchen Jahren kann die Burg Waldwacht die Geister kaum im
Zaum halten.
Noch weiter nordwestlich wird der Kontinent erst recht ungast-
lich, denn dort lauert die Stadt Sima, von der einst jegliche Kultur
Dememnons ausging. Doch entstand dort auch die erste Bastion
der Schatten, das heutige Hauptquartier des Feindes, heißt es.
Niemand kommt lebend in die Nähe, vermutlich geht die boreale
Nadelbaum-Tundra schon viele Meilen vor der Bastion in eine tote
Eiswüste voller Torwesen über. Bleibt da bloß weg!

Unmittelbar südlich vom Feld der Panzergeister liegt der Lichter-


sumpf. Wer sich an Insekten nicht stört, kann hier eine einzigartige
Natur entdecken, gänzlich ungestört von menschlichen Siedlungen.
Doch sollte man keinesfalls allein im Sumpf unterwegs sein, und
dies liegt nicht nur an den üblichen Gefahren eines jeden Sumpfes,
sondern auch an den Irrlichtern, welche den Geist benebeln kön-
nen und arglose Wanderer ins Verderben locken.

Der Süden
Das Faszinierendste am ganzen Süden ist der Dschungel Zómota.
Angeblich stammen von hier auch die Sonbaten, das schwarzhäu-
tige Sehervolk, dem wir die ominöse Prophezeiung der Traumkraft
verdanken. Früher sollen das Gebiet eine Wüste und die Sonbaten

175
Nomaden auf Kamelen gewesen sein. Heute ist der Dschungel eine
der gefährlichsten und artenreichsten Regionen ganz Dememnons.

Westlich von Zómota liegt das Flammenau-Hochland, eine Ge-


röllwüste, die von Vulkanen und Savanne umringt wird. Im Zen-
trum erhebt sich Burg Flammenau, einer der schillerndsten Orte
Dememnons, zu dem man leider nur sehr schwer eine Zugangser-
laubnis erhält. Lebende Feuerelementare schützen den Burgkern,
während sich um die Mauern herum eine riesige Märchenstadt vol-
ler Schattenläufer schmiegt.
Nahe der Küste steht der Azurwald wie ein blauer Strich von Nor-
den nach Süden. Der Azurwald gehört zu den unversöhnlichsten
Naturgebieten Dememnons, der eine gänzlich einzigartige Flo-
ra und Fauna ausgebildet hat. Nur sehr erfahrene Schattenläufer
können ihn sicher durchqueren, im Gegensatz zur vergleichsweise
freundlichen Savanne.

Im Südosten liegt der Lornweg, ein Gebirge voller göttlicher Le-


genden. Möglicherweise haben sich hier in einem früheren Zeital-
ter wirklich Götter wie Lorn, der Gott der Mönche und Wander-
priester, herumgetrieben. Heute aber gibt es dort vermehrt finstere
Gesellen, Schattendiener, marodierende Banden und vor allem die
Mystiker von Ten’britheel, jene äußerst mächtigen Sektierer der
Schattenläufer, die von ihrer eigenen Fraktion gemeinhin für wahn-
sinnig gehalten werden.

Was tun, wenn ...


... ein Torwesen in Eurem Kopf flüstert? Das müsst Ihr doch ken-
nen. Es kann überall passieren, egal wo Ihr seid. Lasst Euch nicht
beirren, hört gar nicht hin. Stellt Euch das wie ein lästiges Insekt
vor, das Euch eine Weile umschwirrt und dann irgendwann wieder
weg ist. Im Lichtersumpf sind die Insekten sicher das schlimmere
Übel. Gut, ein Insekt könnt Ihr mit der Fliegenklatsche beharken,
ein Torwesen nicht. Doch keinesfalls dürft Ihr Euch auf ein Ge-
spräch einlassen! Eine Diskussion werdet Ihr immer verlieren, denn

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die Torwesen können um so tiefer in Euer Unterbewusstsein schau-
en und Schwächen ausgraben, je mehr Ihr Euch auf sie einlasst.
Dann geratet Ihr ins Wanken und die Verlockung wird stärker. Es
gibt nur ein Mittel gegen die Verlockung: Ignorieren.

... ein Torwesen auftaucht? Dann habt Ihr ein Problem. Also berei-
tet Euch gut darauf vor, damit Ihr nicht vor Angst erstarrt, sondern
reagiert. Der Feind wird Euch zu verzaubern versuchen, noch in-
tensiver in Euren Gedanken sprechen und eventuell sogar physisch
attackieren. Angeblich werden alle anderen Torwesen stärker, wenn
man eines tötet, doch solang Ihr nicht Erleuchtete der Götter seid,
die über die Traumkraft verfügen: Entleert Euer Magazin in das
Torwesen. Glaubt mir, sie können sterben, es dauert nur etwas, weil
sie nicht gänzlich stofflicher Natur sind und allein magische Waffen
und Zauber sie empfindlich treffen können.
Was war zuerst da, Henne oder Ei? Kam es zur Kreuzung von Magie
und Technik und zur Geburt der Torwesen auf Dememnon, weil
ein erstes Torwesen die Physiker von einst dazu überredet hat? Ist
die Verlockung vielleicht im Grunde ein menschliches Bauteil, das
der Feind nur erweitert hat? Egal was Ihr Euch fragt, fragt niemals
ein Torwesen danach. Es wird nämlich antworten, und die Antwort
wird Euch nicht gefallen. Wieder etwas, das Ihr mir ruhig glauben
könnt. Mein alter Kletterpartner ist auf dieses Paradoxon der Psy-
che vor über zehn Jahren hereingefallen. Er plappert heute noch in
seiner Gummizelle in Sakamoto davon, dass er den Sinn des Lebens
gefunden hat.

... ein Geist Euch heimsucht? In vielerlei Hinsicht gilt hier das-
selbe wie beim Auftauchen eines Torwesens. Die meisten Geister
besitzen übernatürliche Kräfte, sodass Ihr sie schnell zerschießen
müsst, auch wenn das bei unphysischen Wesen länger dauern kann.
Wenn aber ein Geist zu Euch spricht, hört ihm ruhig erst einmal
zu, möglicherweise bittet er Euch ganz friedlich um Hilfe und will
gar nicht kämpfen. Nicht alle Geister sind rasend vor Rachedurst,
das ist eher ein Phänomen des Toten Rings und Sankt Radenwalls.
In Gebieten mit potenziell hoher Geisterdichte solltet Ihr trotz-

177
dem unbedingt ausreichend Munition mitführen, zumal physische
Munition bekanntlich nur eine geringe Wirkung bei Geistern und
Torwesen zeigt.
Nach neuesten Erkenntnissen imitieren manche Torwesen die Gei-
ster der Toten und tischen Euch zunächst eine Geschichte zur Ab-
lenkung auf, bevor sie Euch zu verlocken versuchen. Seid also zu je-
der Sekunde des Gesprächs wachsam bezüglich Eures Gegenübers.

... ein Tier Euch angreift? Versucht, es nicht zu töten, sonst kom-
men die Freunde des Tiers! Wurzeln werden Euch festhalten, Bäu-
me Euch erschlagen und Krähen fressen am Ende Eure Augen. Am
besten geht Ihr gar nicht erst in die Nähe von Tieren, wenn Ihr
Euch nicht auskennt. Manchmal wollen sie nur Ihre Jungen oder
Ihr Revier beschützen. Tiere können da sehr eigen sein, und vor
allem können sie die Absichten von Menschen nicht durchschauen,
egal wie nobel die sein mögen.

... ein Reisemitglied krank wird? Harmlose Krankheiten wie


Schnupfen oder die rothmarische Frischluftallergie sind hier natür-
lich nicht gemeint, das muss ich Euch nicht erklären. Wird jemand
von Euch jedoch von Platinenpest, Nekropollen, Braunwind und
derlei halbmagischen Krankheiten infiziert, gibt es nur einen Rat,
der leider allzu oft missachtet wird: Geht sofort zum nächsten Arzt,
Medizinmann, Schamanen, Heiler, Wem-auch-immer. Die meisten
dieser größeren Seuchen enden nämlich nicht nur tödlich, sie ver-
breiten sich auch unheimlich leicht.
Platinenpest kann von Gerät zu Gerät übertragen werden und
verwandelt Menschen in Sandhaufen. Nekropollen töten Euer
Lungengewebe, egal wie herrlich süß sie duften mögen. Sie sind
trotzdem untot! Braunwind ist ein Strahlungsphänomen des To-
ten Rings, erstes Anzeichen ist ein stärker werdendes Ohrensau-
sen. Während der Erkrankte immer lauteres Dröhnen hört und nur
noch Brauntöne sieht, verbrennt er innerlich.

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Bergungsrecht für Magie, Natur
und Technik
Die rothmarische Föderation beansprucht in ihrem Größen-
wahn alles technologische Material, das gefunden wird, egal wie
alt und egal wo. Offiziell darf man sich mit seinen Funden also
nicht in rothmarischem Gebiet blicken lassen. Die Händler von
Sakamoto Airport und anderen anarchischen Enklaven sind da je-
doch unkompliziert. Ähnlich, aber nicht ganz so scharf verhält es
sich mit magischen Artefakten. Solche Funde interessieren meistens
den regionalen Erzmagier, Schamanen oder Druiden – Schattenläu-
fer besitzen keine einheitliche überregionale Sozialstruktur – aber
normalerweise darf man seinen Fund nach einer Sicherheitsüber-
prüfung behalten. Rothmaren kennen eine Hightech-Steuer für
herausragenden technischen Besitz, während von herausragenden
Schattenläufern erwartet wird, dass sie das Allgemeinwohl schützen
– ob mit eigenem Können oder mit Artefakten.
Beachtet auch, dass man unter Schattenläufern keine Tiere be-
sitzen darf. Tiere, die nicht freiwillig bei Euch bleiben, dürft Ihr
nicht an Leinen fesseln oder einsperren. Des Weiteren dürft Ihr
in Gebieten der Schattenläufer nicht ohne vorherige Erlaubnis
Pflanzen sammeln, denn manche Pflanzen sind extrem selten und
sollen nicht aussterben.

Grundregeln für Expeditionen in


gefährliche Gebiete
Wer eine gefährliche Expedition ins Auge fasst, sollte dies nie auf
die leichte Schulter nehmen. Wer sich über den folgend strengeren
Ton im Vergleich zum restlichen Reiseführer wundert, ist vermut-
lich psychisch noch nicht reif für ein Krisengebiet und sollte selbi-
gem fernbleiben.

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Führt genug Waffen, Munition, Nahrung und Wasser mit, um
doppelt so lange durchzuhalten, wie Eure Expedtion eigentlich
geplant ist. Wenn Ihr Euch schon fragt, wie Ihr so viel Gepäck
bewältigen sollt – bleibt bitte zu Hause! Nehmt nur wenig frische
Nahrung mit, lieber Trockenfutter, das sich lange hält und wenig
wiegt. Nehmt Reinigungstabletten fürs Wasser mit. Verlasst Euch
niemals darauf, dass Ihr Vorräte auffrischen könnt. Dies ist vieler-
orts nicht möglich!
Durchbohrt die Einwohner nicht mit Blicken, nickt freundlich
und lächelt ohne Zähne. Das ist ein gemeinsamer Nenner, der in
den meisten Fällen erst mal funktioniert, wenn Ihr ein Gebiet nur
durchqueren wollt. Nehmt keine Anhalter mit.
Habt immer ein Geschenk parat, das in Eurem Aufenthaltsgebiet
auch etwas wert ist. Was das ist, müsst Ihr vor Reiseantritt bereits
genau wissen.
Plant Eure Route exakt und tragt alle Informationen zusammen,
die Ihr im Vorfeld bekommen könnt.
Bewegt Euch niemals allein irgendwohin. Nicht mal zum Pinkeln.
Hadantische Attentäter oder aggressive Natur schlagen blitzschnell
und aus dem Nichts zu.
Egal wie primitiv oder anders die Bewohner eines Gebietes
sind – es ist Ihr Gebiet, passt Euch höflich an und respektiert
deren Hoheitsanspruch.
Betretet keinen Wald, den Ihr nicht kennt, wenn Euch kein Schat-
tenläufer begleitet. Nicht mal zum Pinkeln.
Aktualisiert Eure Kenntnisse über Erste Hilfe und Stressmanage-
ment auf ein umfassendes Maß.
Wenn Ihr eine Gefahr umgehen könnt, tut das, egal wie viel länger
das dauert.
Führt jegliches erforderliche Kartenmaterial in zweifacher Ausferti-
gung mit, und zwar vor Wetter und Diebstahl geschützt.
Verlasst Euch nicht auf Geldbestände, Eure Währung ist vielerorts
nichts wert und kann auch nicht getauscht werden.
Klassiker einer jeden Expeditionsausrüstung: Taschenmesser, Ta-
schenlampe, Fernglas, Klebeband. Vergesst den Kompass, wenn Ihr
nicht viel Training im Umgang damit habt. Ihr führt sicher sowieso

180
zu viel Metall mit Euch herum, als dass der genau funktionieren
würde, und nach Kompass und Karte ein Ziel exakt zu erreichen,
ist viel schwerer, als es klingt. Schaut auf die Sonne, und noch wich-
tiger, auf die Straße.
Bewegt Euch nur jenseits der Wege, wenn es sich absolut nicht ver-
meiden lässt. Jenseits der Wege lauern ungleich mehr Gefahren und
Ihr wirkt dort als Fremde immer verdächtig.
Ein Mindestmaß an sportlicher Fitness, insbesondere bezüglich
Herz & Kreislauf, ist unerlässlich. Wenn Ihr nicht fit seid, fangt
früh genug vor der Expedition mit dem Training an.
Mancherorts liegen Minen im Boden vergraben. Meidet generell
Gebiete, in denen sich auch die Einheimischen nicht aufhalten. Es
wird einen Grund dafür geben.
Weitere typische Anfängerfehler: Unpraktische Kleidung, mangel-
hafte mentale Vorbereitung, nicht eingetragene Schuhe.

Mehr unter www.lichtlos-rpg.de

181
Nachwort
des Autors

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Nun ist also der erste Zugang zu Dememnon, zum Projekt Licht-
los gelegt. Auf meiner Festplatte stapeln sich schon die nächsten
Ideen und harren ihrer Umsetzung. Der erste Ko-Autor für „Kos-
mophönix“, das geheime rothmarische Weltraumprogramm, ist in
Bjorn Beckert auch schon gefunden. Des Weiteren wird der heraus-
ragende Illustrator Helge C. Balzer allem Kommenden eine beein-
druckende Oberfläche verleihen.

All diese Quantität dreht sich letztlich um einen einzigen Gedanken:


Henne oder Ei. Was war zuerst da, die „Verlockung der Schatten“,
die Macht und Reichtum auf Kosten der Schwächeren verspricht,
oder die Geburt jener ominösen Torwesen, welche die Verlockung
erst begründet haben? Hat ein Torwesen die Kreuzung von Magie
und Technik und damit die eigene Geburt herbeigeflüstert oder ist
diese Katastrophe nicht vielmehr eine rein von Menschen gemachte
gewesen? Die technokratischen Rothmaren Sankt Radenwalls le-
ben in einer sozialen Eiszeit und symbolisieren das hemmungslose
Nachgeben. Die Schattenläufer scheinen etwas Höheres zu sein,
doch letztlich sind sie in ihrer eigenen Doktrin genauso kurzsichtig
wie die Rothmaren. Sie symbolisieren die Nutzlosigkeit von Macht
und edlem Schein gegenüber der Wirklichkeit. Die besiegten Ha-
danter stehen für die ebenso große Nutzlosigkeit unrealistischer
Ideale. Anarchisten vertreten all jene, welche die Augen verschlie-
ßen. Bei all dieser Schwarzseherei gegenüber dem Menschsein und
seiner unbestreitbaren dunklen Seite, musste dringend ein Gegen-
pol her. Die Figuren des Romans erlangen die Traumkraft, weil sie
ihren Pessimismus überwinden und lernen, über die eigenen Gren-
zen hinauszublicken.

Eine gewisse Verlockung, einen Ur-Reflex, den eigenen Vorteil über


die Interessen anderer zu stellen, gibt es in jedem Menschen, ganz
ohne Torwesen. Doch wie gern würde man das von sich weisen
und am besten noch jemand anderem die Schuld für alle kleinen
und größeren Schwierigkeiten geben, die aus dem angeborenen
Egoismus erwachsen. Letztlich wird die Frage aufgeworfen, was alle
menschliche Kultur eigentlich wert ist, wenn uns nach wie vor pri-

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mitivste angeborene Reflexe dominieren. Die Traumkraft steht für
die Überwindung solcher Reflexe. Mit Lichtlos kann jeder für sich
seinem eigenen Lebenden Schatten auf die Schliche kommen, wenn
er mag. Hübsch verpackt in eine dunkelbunte Science Fantasy-Welt,
damit es nicht ganz so unbequem ist.

Viel Spaß beim Grübeln!


Michael Thiel im Juli 2009, Paderborn

 www.lichtlos-rpg.de 
 www.michaelthiel-autor.de 

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BÖSES ERWACHEN
Michael Thiel

Im Westen tobte ein unerbittlicher Krieg, den die Häscher Schat-


tenwachts, des letzten Drachen auf Hevanor, für sich entscheiden
konnten. Seine Drachenkrieger unterwarfen die Orks und Trolle
und stehen nun vor den Toren Silberbergs, der letzten mensch-
lichen Metropole im Westen. Nichts wird sie mehr aufhalten kön-
nen, wenn diese Stadt fällt...
Spannende Fantasy-Action, die mit realistischen Kampfszenen
und Humor überzeugt.

504 Seiten Fantasy • ISBN 978-3-940928-00-9 • € 9,95 [D] • € 10,95 [A] • SFr 18,90 [CH] (UVP)
Bereits erschienen:

Preis der Unsterblichkeit


Michael Thiel
500 Seiten Fantasy
ISBN 978-3-940928-00-9
€ 9,95 [D]
€ 10,95 [A]
SFr 18,90 [CH] (UVP)

Das Erbe des Antipatros


Jörg Olbrich
404 Seiten Fantasy
ISBN 978-3-940928-00-9
€ 9,95 [D]
€ 10,95 [A]
SFr 18,90 [CH] (UVP)