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NEU N achhaltigkeits-, E nergie- und U mweltkommunikation 2 Fukushima und die Folgen Medienberichterstattung,

NEU N achhaltigkeits-, Energie- und U mweltkommunikation

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Fukushima und die Folgen

Medienberichterstattung, Öffentliche Meinung, Politische Konsequenzen

Herausgegeben von Jens Wolling & Dorothee Arlt

Medienberichterstattung, Öffentliche Meinung, Politische Konsequenzen Herausgegeben von Jens Wolling & Dorothee Arlt

Jens Wolling & Dorothee Arlt (Hrsg.)

Fukushima und die Folgen - Medienberichterstattung, Öffentliche Meinung, Politische Konsequenzen

NEU - Nachhaltigkeits-, Energie- und Umweltkommunikation

Herausgegeben von Prof. Jens Wolling (Technische Universität Ilmenau), Prof. Heinz Bonfadelli (Universität Zürich), Prof. Mike Schäfer (Universität Zürich) und Prof. Oliver Quiring (Universität Mainz).

Band 2

Das Themenfeld Nachhaltigkeit, Energie und Umwelt stellt Gesellschaften weltweit vor Herausforderungen. Wie sich Umweltprobleme erfolgreich ange- hen lassen, wie Energiegewinnung und -nutzung bestmöglich realisiert und auf welche Weise diese Prozesse nachhaltig gestaltet werden können, wird von Akteuren aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft sowie Zivilgesellschaft kontro- vers diskutiert. Welche Interessen sich dabei durchsetzen und wie Entschei- dungen ausfallen, hängt wesentlich davon ab, wie diese Themen öffentlich kommuniziert werden. Daher ist die Erforschung dieser Kommunikationspro- zesse ihrer Entstehungsbedingungen, ihrer Ausgestaltung und ihrer Wirkung von großer Bedeutung.

Die Reihe Nachhaltigkeits-, Energie- und Umweltkommunikation (NEU) bietet allen in diesem noch jungen Forschungsfeld arbeitenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine Plattform zur Veröffentlichung ihrer Forschungs- resultate. Sie bündelt einschlägige Arbeiten, erhöht so ihre Sichtbarkeit und ermöglicht einen intensivierten Austausch über ein zukunftsträchtiges Forschungsfeld.

Darüber hinaus leistet die Reihe einen Beitrag dazu, Open Access-Formate stärker in der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft zu etablieren. Die Bücher der Reihe erscheinen sowohl online als auch offline. Sie sind damit für alle Interessierten sofort, einfach und kostenlos zugänglich. Zugleich sichert ein erfahrenes Herausgebergremium die Qualität der erscheinenden Arbeiten.

Fukushima und die Folgen

Medienberichterstattung, Öffentliche Meinung, Politische Konsequenzen

Herausgegeben von Jens Wolling & Dorothee Arlt

Meinung, Politische Konsequenzen Herausgegeben von Jens Wolling & Dorothee Arlt Universitätsverlag Ilmenau 2014

Universitätsverlag Ilmenau

2014

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Technische Universität Ilmenau/Universitätsbibliothek Universitätsverlag Ilmenau Postfach 10 05 65

98684 Ilmenau

www.tu-ilmenau.de/universitaetsverlag

Herstellung und Auslieferung Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat OHG Am Hawerkamp 31

48155 Münster

www.mv-verlag.de

ISSN

2197-6937 (Druckausgabe)

ISBN

978-3-86360-100-3 (Druckausgabe)

Coverbilder:

1-

Fukushima mahnt! Kernenergie kann nicht die Lösung sein! Bündnis 90/Die Grünen Nordrhein- Westfalen, https://www.flickr.com/photos/gruenenrw/5561145838/

2-

Efforts désespérés à Fukushima» (Le Monde, 17 mars 2011), Karl-Ludwig G. Poggemann,

https://www.flickr.com/photos/hinkelstone/5576356363/

3-

Salem and Hope Creek Nuclear Reactors, Peretz Partensky,

https://www.flickr.com/photos/ifl/7238285242/in/photostream/

4-

Modern wind energy plant in rural scenery, Wagner Christian, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Windenergy.jpg

5-

Fukushima 1 Nuclear Power Plant_42, kawamoto takuo,

https://www.flickr.com/photos/hige2/5600048520/

Für das Cover wurden Ausschnitte der Originalfotos verwendet. Beim vierten Foto wurden zudem Farbe und Helligkeit modifiziert. Collage: Caroline Jacobi, Sally Remington und Victor Valles

Logo: Iwanja Wolling

Inhaltsverzeichnis

Jens Wolling & Dorothee Arlt

Ein Erdbeben und seine (politischen) Folgen

9

Teil 1:

Die Darstellung der Atomenergie in historischer Vergleichsperspektive

Angela Nienierza

Die größte anzunehmende Umbewertung?

31

Eine Frame-Analyse der deutschen Presseberichterstattung über Kernenergie nach den Reaktorunfällen von Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011)

Jens Seiffert & Birte Fähnrich

Vertrauensverlust in die Kernenergie

55

Eine historische Frameanalyse

Teil 2:

Die Reaktionen der Medien in Deutschland

Hans-Jürgen Weiß, Sabrina Markutzyk & Bertil Schwotzer

Deutscher Atomausstieg made in Japan?

79

Zur Rolle von Fukushima als Schlüsselereignis in der Medienberichterstattung über die deutsche Atomdebatte 2011

Benjamin Fretwurst

Risikowahrnehmung im Schadensfall

101

Die Nachrichtenfaktoren „Schaden“ und „Risiko“ im Thematisierungsverlauf von Fukushima

Teil 3:

Die Reaktionen der Medien in internationaler Vergleichsperspektive

Hans Mathias Kepplinger & Richard Lemke

Framing Fukushima

125

Zur Darstellung der Katastrophe in Deutschland im Vergleich zu Großbritannien, Frankreich und der Schweiz

Andreas Schwarz

Die Nuklearkatastrophe als Gegenstand internationaler

Krisenkommunikation

153

Eine länder-und kulturvergleichende Untersuchung der Fukushima-Berichterstattung auf Basis des Framing-Ansatzes

Frauke Zeller, Dorothee Arlt & Jens Wolling

Emotionalisierte Berichterstattung?

183

Wie die Presse in Großbritannien, den USA und Deutschland über die Folgen des Erdbebens und des Tsunamis in Japan berichtete

Reimar Zeh & Tomas Odén

Energieträger in der Berichterstattung

211

Die Nachwehen von Fukushima in Schweden und Deutschland

Marco Bräuer & Jens Wolling

Veränderungen durch Fukushima?

233

Die Medienberichterstattung über erneuerbare Energien im internationalen Vergleich

Teil 4:

Die Reaktionen der Bevölkerung auf die Reaktorkatastrophe und auf die Medienberichterstattung

Dorothee Arlt & Jens Wolling

Fukushima-Effekte in Deutschland?

269

Die Reaktorkatastrophe als Ursache von Veränderungen in der Berichterstattung und in der öffentlichen Meinung über die Atomenergie

Silje Kristiansen & Heinz Bonfadelli

Risikoberichterstattung und Risikoperzeption

297

Reaktionen von Medien und Bevölkerung in der Schweiz auf den AKW-Unfall in Fukushima

Dominikus Vogl

Der Einfluss der Reaktorkatastrophe auf das nukleare Risikobewusstsein

und das allgemeine Umweltbewusstsein in der Bevölkerung

323

Michael Nippa & Roh Pin Lee

Zum Einfluss der Nuklearkatastrophe von Fukushima auf die Bewertung

unterschiedlicher Energiequellen in Deutschland

341

Erkenntnisse aus einer empirischen Untersuchung

Autorenverzeichnis

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Ein Erdbeben und seine (politischen) Folgen

Jens Wolling & Dorothee Arlt

1 Die Ereignisse in Japan im März 2011

Um 14:46 Uhr japanischer Zeit ereignete sich am 11. März 2011 vor der japanischen Küste das Tōhoku-Erdbeben, das auf der Richterskala einen Wert von 9,0 erreichte. Es war eines der stärksten je registrierten Erdbeben (IAEA 16. Juni 2011). In Folge löste das Erdbeben einen gewaltigen Tsunami aus, der an der Ostküste Japans schwere Schäden hervorrief und fast 20.000 Menschen das Leben kostete. Dass aus diesem Naturereignis ein politisches Ereignis wurde, hatte jedoch weniger mit der Zahl der Opfer und der Höhe der Schäden zu tun, als mit den Folgeereignissen bei dem nur 160 Kilometer südwestlich vom Epizentrum gelegenen Kernkraftwerk Fukushima. Die ersten Erdstöße erreichten das Kraftwerksgelände schon nach wenigen Sekunden und eine planmäßige Schnellabschaltung der Reaktoren 1 bis 3 wurde ausgelöst; die Reak- toren 4 bis 6 waren wegen Wartungsarbeiten ohnehin nicht in Betrieb (Tepco 11. März 2011a). Durch das Beben wurden die Stromanschlüsse der Reaktoren an das Hoch- spannungsnetz zerstört, sodass der Strom ausfiel. „Genau für diesen Fall sind die Re- aktoren mit Notstromaggregaten ausgerüstet. Planmäßig springen schwere Dieselma- schinen an, die garantieren, dass die Kühlwasserpumpen weiterarbeiten“ (Bethge 2011:

91). Die vorgesehenen Notfallmaßnahmen waren zunächst erfolgreich und die Aus- wirkungen des Erdbebens auf das Atomkraftwerk vorerst unter Kontrolle. Als jedoch gegen 15:35 Uhr die Tsunamiwellen das Kernkraftwerk erreichten, die Reaktor- blöcke überschwemmten und dabei fünf der zwölf laufenden Notstromaggregate unter Wasser setzten (Nuclear Emergency Response Headquarters Government of Japan 2011: II-68ff.), veränderte sich die Lage grundlegend, denn für diesen Fall existierte kein Notfallplan.

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Jens Wolling & Dorothee Arlt

Nach Angaben des Kraftwerksbetreibers Tepco fielen um 15:41 Uhr die Notstrom- aggregate der ersten drei Blöcke aus (Tepco 11. März 2011b). Die Reaktoren wurden daraufhin nicht mehr ausreichend gekühlt. Um 16:36 Uhr meldete Tepco einen nuklea- ren Notfall für die Reaktorblöcke 1 bis 3 an die japanische Atomaufsichtsbehörde NISA (Nuclear and Industrial Safety Agency), da der Wasserstand in den Reaktoren zu niedrig war (NISA 26. März 2011). Durch die mangelnde Kühlung stieg der Druck in den Reaktoren und sie drohten zu überhitzen.

Gegen Mitternacht des 12. März verloren die Ingenieure die Kontrolle über die Fukushima-Meiler. In den Atomkraftreaktoren 1 und 2 kochte das Wasser. „Damit der hohe Druck nicht die Reaktorbehälter und die Betonhüllen bersten lässt, entscheiden sich die Ingenieure, Dampf durch die Notventile nach draußen abzulassen“ (Bethge 2011: 95). Trotzdem kam es gegen 16:00 Uhr zu einer Wasserstoffexplosion in Reak- torgebäude 1, durch die radioaktives Material in die Umwelt gelangte. In Folge wurde eine 20 Kilometer Evakuierungszone um die Unglücksreaktoren eingerichtet. Eine weitere Explosion ereignete sich am 14. März im Reaktorblock 3. Am 15. März spitzte sich die Situation noch weiter zu. Die Kühlstäbe des Reaktorblocks 2 lagen völlig frei und nur wenige Stunden später gab es eine Explosion, bei der der Reaktorbehälter be- schädigt wurde (ZEIT 17. März 2011: 40).

Nach dieser Explosion sprach auch der japanische Regierungssprecher Edano erstmals von einer gesundheitlichen Gefährdung im Umkreis der Reaktoren durch Radioaktivi- tät (Frankfurter Allgemeine Zeitung 16. März 2011: 1). Damit hatte nun auch die japa- nische Regierung offiziell bestätigt, dass die Lage in den Unglücksreaktoren außer Kontrolle sei. In den darauf folgenden Tagen und Wochen wurden immer neue Vermu- tungen über eine bevorstehende oder bereits eingesetzte Kernschmelze in den Reakto- ren und über massiv erhöhte Strahlenwerte in der Umgebung gemeldet (Bethge 2011; Schrader 14. März 2011; Süddeutsche Zeitung 15. März 2011a). Auch heute, mehr als drei Jahre nach der Katastrophe, ist die Situation an den Unglücksreaktoren noch im- mer nicht unter Kontrolle.

2 Die politischen Reaktionen in Deutschland

Parallel zur Berichterstattung über den Hergang des Unglücks entflammte in Deutsch- land erneut die Diskussion über die Sicherheit der Atomenergie. Viele Atomkraftkriti- ker sahen sich in ihrer Einschätzung bestätigt: „Mit der Explosion in dem japanischen Reaktor ist klar geworden, dass es etwas Entscheidendes nicht gibt: nukleare Sicher- heit. Es ist ein Schlagwort, erfunden zum Ersticken unangenehmer Fragen. […] Siche- re Technik, schon das ist ein Mythos“ (Vorholz 17. März 2011). Fukushima katapul-

Ein Erdbeben und seine (politischen) Folgen

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tierte das Thema Atomenergie über Nacht nach ganz oben auf die politische Agenda und führte in Deutschland zu einschneidenden Konsequenzen (Brössler 14. März 2011; Frankfurter Allgemeine Zeitung 14. März 2011; Löwenstein 14. März 2011). Schon am 14. März 2011 beschloss die deutsche Bundesregierung ein dreimonatiges Atom- Moratorium zur Sicherheitsprüfung der 17 deutschen Atomkraftwerke (Süddeutsche Zeitung 15. März 2011b) und traf vorsorgliche Maßnahmen zum Strahlenschutz in Deutschland (BMU 19.03.2011). Wie Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Regie- rungsrede vom 17. März 2011 verlauten ließ, könne die Bundesregierung „[…] nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, und zwar aus einem alles überragenden Grund:

Die unfassbaren Ereignisse in Japan lehren uns, dass etwas, was nach allen wissen- schaftlichen Maßstäben für unmöglich gehalten wurde, doch möglich werden konnte. […] Deshalb haben wir im Lichte der Ereignisse in Japan veranlasst, dass alle deut- schen Kernkraftwerke noch einmal einer umfassenden Sicherheitsprüfung unterzogen werden im Lichte der neuen Lage!“ (Merkel 17.03.2011).

Bereits Anfang April kündigte Bundesumweltminister Röttgen einen neuen Atomkon- sens bis zum Ablauf des Atom-Moratoriums an (taz.de 1. April 2011). Damit rückte ein erneuter deutscher Atomausstieg näher (Bauchmüller 1. April 2011). Mit großer Mehrheit und parteiübergreifendem Konsens stimmte der Bundestag am 30. Juni für diesen Ausstieg (Deutscher Bundestag 2011). Die Änderung des Atomgesetzes wurde am 8. Juli vom Bundesrat gebilligt und trat am 6. August in Kraft. Mit diesem Tag verloren die acht ohnehin schon vorübergehend abgeschalteten Atomkraftwerke ihre Betriebserlaubnis und für die übrigen neun wurde eine stufenweise Abschaltung bis 2022 beschlossen (Bundesrat 2011). Ähnliche politische Reaktionen auf Fukushima gab es nur in Japan, der Schweiz und Belgien, wobei sie in Japan weniger nachhaltig und in den beiden europäischen Ländern weniger radikal ausfielen.

Warum vollzog Deutschland einen so grundlegenden Kurswechsel, während nahezu alle anderen Länder auf der Welt ihre Atomkraftwerke unbeirrt weiterbetreiben, einige Länder sogar neue Atommeiler bauen oder über einen erstmaligen Einstieg in die Atomenergienutzung nachdenken? Warum fielen die politischen Reaktionen in Deutschland im Vergleich wesentlich radikaler aus und dies, obwohl der Bundestag nur wenige Monate zuvor genau das Gegenteil, nämlich eine Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke, beschlossen hatte?

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Jens Wolling & Dorothee Arlt

3 Deutschland als Sonderfall: Die Geschichte der Atomenergienutzung und der Anti-Atom-Bewegung

Die beschriebenen politischen Auswirkungen in der Mitte Europas ausgelöst durch ein fernes Erdbeben vor der Küste Japans bilden implizit oder explizit den Anlass für die in diesem Band versammelten empirischen Untersuchungen. Dass Deutschland (bzw. die Schweiz) bei allen Studien im Mittelpunkt steht oder den zentralen Refe- renzpunkt bildet, ist angesichts der zuvor skizzierten politischen Reaktionen in Deutschland (eingeschränkt gilt dies auch für die Schweiz) nicht überraschend. Gleichzeitig verlangen diese politischen Reaktionen aber auch nach Erklärungen. Mögliche Ansatzpunkte hierfür könnten in der öffentlichen und/oder in der medial veröffentlichten Meinung zu finden sein. Untersucht wird deswegen in den vorliegen- den Studien, wie die Medien und die Bevölkerung auf die Ereignisse in Japan reagiert haben. Dabei wird in vielen Untersuchungen eine vergleichende Perspektive einge- nommen. Zum einen werden zeitliche Vergleiche insbesondere mit Reaktionen auf das Reaktorunglück in Tschernobyl vorgenommen und zum anderen Vergleiche zwi- schen verschiedenen Ländern. Darüber hinaus wird in mehreren Beiträgen der Blick geweitet und die Atomkraft nicht isoliert, sondern im Kontext der generellen Debatte über die Energieversorgung betrachtet. Bevor nachfolgend die Beiträge dieses Bandes vorgestellt und eingeordnet werden, erscheint es jedoch hilfreich, zuvor die wesentli- chen Etappen der Geschichte der deutschen Atomenergienutzung und die des Wider- standes dagegen in Erinnerung zu rufen:

„Blickt man zurück auf die Anfänge der Kernenergie-Debatte, stellt man fest, dass in den fünfziger und sechziger Jahren unter Politikern aller Parteien und Publizisten aller Richtungen Euphorie herrschte, ein wahrer Atomenthusiasmus“ (Baring 2009). Die friedliche Nutzung der Atomenergie wurde in der Nachkriegszeit weltweit als eine zukunftsorientierte Technologie betrachtet, die einen wissenschaftlichen und gesell- schaftlichen Fortschritt versprach. Um die Entwicklung der Atomkraft in Deutschland voranzutreiben, rief Bundeskanzler Konrad Andauer (CDU) am 6. Oktober 1955 das Bundesministerium für Atomfragen unter der Leitung von Franz Josef Strauß (CSU) ins Leben. Die Gründung des Atomministeriums war einer der wichtigsten Bausteine für die Entwicklung der deutschen Atomenergienutzung, die anfänglich nicht nur von der CDU/CSU befürwortet wurde. In dem von der SPD auf ihrem Parteitag 1956 ver- abschiedeten Atomplan heißt es: „Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands [ ] bekennt sich zu folgenden Zielen einer allgemeinen Planung auf dem Gebiet der Atomenergie. Sie fordert mit Nachdruck, daß die gewaltigen neuen Kräfte der Natur […] zu[r] Verbesserung des Lebens und zu[r] Erleichterung der Arbeitsbedingungen

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sowie zu[r] Vertiefung des kulturellen Lebens“ verwendet werden. […] Die kontrol- lierte Kernspaltung und die auf diesem Wege zu gewinnende Kernenergie leiten den Beginn eines neuen Zeitalters für die Menschheit ein“ (SPD 1956).

1957 gründete die Bundesrepublik gemeinsam mit Frankreich, Italien und den Bene-

luxstaaten die Europäische Atomgemeinschaft (heute Euratom). Das Ziel war es, ge- meinsam die Voraussetzungen für eine mächtige Atomindustrie zu schaffen (Spiegel 16.12.1968: 160). Um das Image der Kernenergie in der deutschen Öffentlichkeit zu verbessern, wurde 1959 das Deutsche Atomforum gegründet (Koelzer 2013: 31). In den 1960er Jahren entwickelte es sich zunehmend zum Sprachrohr der Atombefürworter. Die Botschaft war unmissverständlich: Deutschland braucht eigene Atomkraftwerke. Die entsprechende Rechtsgrundlage für den Bau und die Inbetriebnahme von Atom- kraftanlagen lieferte das „Gesetz über die friedliche Verwendung der Kernenergie und den Schutz gegen ihre Gefahren“. Das sogenannte Atomgesetz trat am 1. Januar 1960 in Kraft (Bundesjustizministerium 2013). Bereits 1961 wurde der erste Forschungsre- aktor in Betrieb genommen und 1966 ging in Deutschland das erste kommerzielle Kernkraftwerk ans Netz (Koelzer 2013). In den darauf folgenden Jahren wurden weite- re Reaktoren gebaut.

Die Anfänge der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung lassen sich auf den friedlichen, vorwiegend mit juristischen Mitteln geführten Widerstand gegen das sich seit 1968 im Bau befindliche Kernkraftwerk Würgassen datieren. Zwar bewirkten die Proteste kei- nen Baustopp, doch mit dem „Würgassen-Urteil“ erzielten die Kernkraftgegner 1972 zumindest einen Teilerfolg, denn die bisherige Gleichrangigkeit von Technologieför- derung und Sicherheitsgewährleistung in Paragraph 1 des Atomgesetzes wurde durch das Bundesverwaltungsgericht zugunsten einer Priorisierung der Sicherheit gekippt (Radkau & Hahn 2013: 301). Dadurch war eine wichtige juristische Grundlage für künftige Klagen der Atomkraftgegner geschaffen worden.

Eine vorübergehende Wende in der Atomkraft-Debatte war im Zuge der Ölkrise von

1973 zu beobachten. Das Embargo der OPEC führte den westlichen Industrieländern

ihre Abhängigkeit vom Öl drastisch vor Augen, was in vielen Ländern die Planung neuer Atomkraftwerke zur Folge hatte. Dies galt auch für Deutschland: „Die unmittel- bare Folge der Ölkrise war […] eine verstärkte Hinwendung zur Kernenergie, erschien doch ihr Ausbau als eine geeignete Krisenstrategie, um die Erdölabhängigkeit der Bundesrepublik zu verringern“ (Baring 2009).

Trotzdem verstärkte sich der Widerstand der Bevölkerung gegen die Atomkraft in den 1970er Jahren (Radkau & Hahn 2013: 302 ff.). Das Aktivitätsspektrum wurde breiter und umfasste Aufklärungsveranstaltungen, Verfahrenseinsprüche, verfassungsgericht-

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Jens Wolling & Dorothee Arlt

liche Klagen, Protestkundgebungen und Blockadeaktionen. Der Protest eskalierte erstmals beim Kampf um das geplante Kernkraftwerk Wyhl am Oberrhein. Am 18. Februar 1975 besetzten Mitglieder einer Bürgerinitiative den Bauplatz, des sich in Pla- nung befindlichen Atomkraftwerks. Zwei Tage später wurde er von der Polizei mit Wasserwerfern geräumt. Der Protest erlangte hohe mediale und öffentliche Aufmerk- samkeit, worauf am 23. Februar rund 28.000 Atomkraftgegner aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz zusammen kamen und das Baugelände erneut für mehrere Monate besetzten. Die Besetzer gründeten das erste deutsche Anti-AKW-Camp. Am 21. März 1975 erwirkten die Atomkraftgegner beim Verwaltungsgericht Freiburg ei- nen vorläufigen Baustopp (Radkau 2011: 9).

In den folgenden Jahren wurde der Bau aller Atomkraftwerke durch Bürgerproteste begleitet. Der vorläufige Höhepunkt des Widerstands waren die Massendemonstratio- nen von rund 45.000 Atomkraftgegnern in Brokdorf sowie von 20.000 in Grohnde im Jahr 1976 (Wienecke-Janz 2007: 434). Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei mit vielen Verletzten. Neben den Protesten gegen den Bau neuer Atomkraftwerke mobilisierte sich der Widerstand auch gegen eine in Gorleben vorgesehene Wiederaufarbeitungsanlage sowie gegen das dort geplante End- lager.

Im Jahr 1979 überschlugen sich die Ereignisse. Zeitgleich mit dem internationalen Gorleben-Symposium in Hannover ereignete sich im März der Reaktorunfall im ame- rikanischen Kernkraftwerk Three Mile Island. Dieser löste die bislang größten Anti- AKW-Demonstrationen aus. Allein in Hannover demonstrierten rund 100.000 Men- schen gegen Atomkraft. In Konsequenz zog der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht Teile des Gorleben-Projekts (die Wiederaufbereitungsanlage) am Ende des Symposiums als „politisch nicht durchsetzbar“ zurück (Radkau & Hahn 2013:

305).

Der Widerstand hielt weiter an und mit ihm wuchs auch der Druck auf die Politik. Ins- besondere die SPD musste auf die Proteste reagieren, sofern sie nicht einen Teil ihrer Wähler an die Anti-Atom-Bewegung verlieren wollte. Allerdings kam die Reaktion der SPD, die sich erst auf ihrem Bundesparteitag 1984 eindeutig gegen den Ausbau der Atomenergie positionierte, zu spät, um eine grundlegende Veränderung der Parteien- landschaft zu verhindern: „[…] die Partei zahlte für ihre verspätete Reaktion auf die Anti-Atom-Bewegung einen hohen politischen Preis. Die Gründung der Grünen 1980 und der Einzug der Partei in den Bundestag drei Jahre später kosteten die Sozialdemo- kraten einen Teil ihres Wählerpotentials“ (Baring 2009). Zeitgleich mit der Gründung der Grünen wurde in Gorleben die Republik Freies Wendland ausgerufen. Im Februar

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1981 kam es erneut zu Protesten in Brokdorf und im Januar 1982 in Wyhl. Durch den

Einzug der Grünen in den Bundestag im Jahr 1983 erhielt der Atomprotest dann auch erstmals eine Stimme im Parlament.

Am 26. April 1986 ereignete sich die bis dahin weltweit größte Reaktorkatastrophe im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl. Der Unfall wurde auf der siebenstufigen internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse auf der höchsten Stufe einge- ordnet: Erhebliche Freisetzung radioaktiver Strahlung mit schweren Folgen für die menschliche Gesundheit und die Umwelt in einem sehr weiten Umfeld. Im Vergleich dazu war Three Mile Island „nur“ als ernster Unfall (Stufe 5) eingestuft wurden (IAES

2013).

Nach der Katastrophe von Tschernobyl bekam die Anti-Atomkraft-Bewegung weitere Anhänger. Am 7. Juni 1986 fanden in Deutschland trotz fehlender Genehmigung zwei Großdemonstrationen gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackers- dorf und das sich in Bau befindliche Kernkraftwerk Brokdorf statt. Erneut gab es dabei heftige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Auch auf partei- politischer Ebene hatte Tschernobyl Folgen: Unter dem Eindruck der Katastrophe be- schloss die SPD auf ihrem Nürnberger Parteitag im August 1986 einen endgültigen Rückzug aus der Atomenergie (Schneehain 2005: 10).

Eine Veränderung in der bundesdeutschen Atompolitik wurde jedoch erst nach der von SPD und Grünen gewonnenen Bundestagswahl 1998 eingeleitet. Unter dem Leitbild „Moderne Energiepolitik“ einigten sich SPD und Grüne in ihrem Koalitionsvertrag verbindlich auf einen Ausstieg aus der Atomenergie (Heinrich Böll Stiftung 1998: 19- 20). Zwei Jahre später erzielte die rot-grüne Bundesregierung am 14. Juni 2000 eine Vereinbarung mit den deutschen Energieversorgungsunternehmen, den sogenannten „Atomkonsens“, der den Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland endgültig be- siegeln sollte (BMU 2000). Juristisch in Kraft trat der Atomkonsens mit der Novellie- rung des Atomgesetzes im April 2002. Zu den Kernpunkten des Atomausstiegsgeset- zes „gehörte das Verbot des Neubaus von kommerziellen Atomkraftwerken und die Befristung der Regellaufzeit der bestehenden Atomkraftwerke auf durchschnittlich 32 Jahre seit Inbetriebnahme. Für jedes einzelne Atomkraftwerk legt das neue Gesetz eine maximal zulässige Reststrommenge fest. Allerdings können die Strommengen älterer AKW auf jüngere Anlagen übertragen werden“ (BMU 25.04.2002). Ausgehend von den errechneten Reststrommengen wurde angenommen, dass das letzte Atomkraftwerk etwa 2021 abgeschaltet werden würde, weshalb auch von einem Atomausstieg bis

2020 gesprochen wurde.

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Jens Wolling & Dorothee Arlt

Nach dem Wahlsieg der CDU/CSU und der FDP bei der Bundestagswahl im Septem- ber 2009 wurde der 2001 erzielte Atomkonsens wieder grundlegend in Frage gestellt und der Ausstieg aus dem Atomausstieg eingeleitet. Der zwischen beiden Parteien ge- schlossene Koalitionsvertrag sah eine Verlängerung der „Laufzeiten deutscher Kern- kraftwerke unter Einhaltung der strengen deutschen und internationalen Sicherheits- standards“ vor (BMI 2009: 29). Entsprechend ließ die schwarz-gelbe Bundesregierung im Frühjahr 2010 verschiedene Szenarien für eine Laufzeitverlängerung prüfen, die über die im Atomkonsens vereinbarten Atomlaufzeiten hinausgehen sollten. Nach mo- natelangen Debatten einigten sich Union und FDP trotz öffentlicher Proteste, ange- kündigter Verfassungsklage der Opposition und harscher Kritik selbst aus den eigenen Reihen am 5. September 2010 beim Energiegipfel im Kanzleramt auf eine Verlänge- rung der Laufzeiten (Frankfurter Allgemeine Zeitung 6. September 2010). Die konkre- ten Jahreszahlen wurden im Rahmen des von der Bundesregierung am 28. September 2010 veröffentlichten Energiekonzepts zur umweltschonenden, zuverlässigen und be- zahlbaren Energieversorgung festgelegt: „Die Laufzeit der 17 Kernkraftwerke in Deutschland wird um durchschnittlich 12 Jahre verlängert. Bei Kernkraftwerken mit Beginn des Leistungsbetriebs bis einschließlich 1980 wird die Laufzeit um 8 Jahre verlängert, bei den jüngeren um 14 Jahre“ (BMWi/BMU 2010: 15). Die Gesetzesände- rung wurde am 28. Oktober 2010 mit schwarz-gelber Mehrheit im Bundestag be- schlossen (Hulverscheidt 29. Oktober 2010). Im Dezember 2010 unterzeichnete der Bundespräsident die Änderungen des Atomgesetzes, die am 14. Dezember 2010 in Kraft traten. Genau drei Monate später wenige Tage nach Fukushima vollzog die Bundesregierung mit dem Atommoratorium eine erneute Kehrtwende.

4 Überblick und Einordnung der Beiträge des Bandes

Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge nähern sich dem Untersuchungs- gegenstand aus verschiedenen Perspektiven. Entsprechend wurden sie den vier Haupt- teilen des Bandes zugeordnet. Die Beiträge des ersten Teils befassen sich mit der Dar- stellung der Atomenergie in historischer Vergleichsperspektive, wobei die Reaktor- katastrophe in Tschernobyl als historischer Referenzpunkt zu Fukushima diente. Die Autoren versuchen zu erklären, warum die deutschen Reaktionen auf Fukushima un- mittelbar und drastisch ausfielen, während nach Tschernobyl keine vergleichbaren politischen Reaktionen festzustellen waren, und dies, obwohl die direkten Auswirkun- gen der ukrainischen Katastrophe in Deutschland deutlich stärker ausfielen. Angela Nienierza führt eine quantitative, historisch vergleichende Medien-Framing- Studie durch, um die Frames in der Berichterstattung über die beiden Ereignisse zu identifizieren und zu vergleichen. In beiden Untersuchungszeiträumen kann sie vier

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Frames nachweisen, von denen drei in ihren Kernaussagen und ihrem evaluativen Ur- teil über die Atomenergie weitestgehend übereinstimmen. Folglich ist die grundlegen- de Struktur der Berichterstattung im Zeitvergleich weitgehend gleich geblieben. Die Veränderungen beziehen sich auf drei Aspekte: Erstens hat der einzige, eindeutig posi- tive Frame an Bedeutung verloren, zweitens ist das Spektrum der vorgeschlagenen Lösungen zur zukünftigen Gestaltung der Energieversorgung 2011 insgesamt enger, da die Option einer unveränderten Weiternutzung der Atomenergie nicht mehr bestand, und drittens hat sich die Zusammensetzung der Akteursgruppen verändert. Nach Tschernobyl unterschieden sich die Positionen von Regierung und Opposition noch deutlich, nach Fukushima war dies nicht mehr der Fall.

Auch Jens Seiffert und Birte Fähnrich nutzten den Framing-Ansatz. Im Unterschied zu Angela Nienierza führten sie jedoch eine qualitative Inhaltsanalyse durch, mit dem Ziel, die Rolle des öffentlichen Vertrauens bei der Umbewertung der Kernenergie of- fen zu legen. Hierbei gingen sie von zwei grundlegend antagonistischen Sichtweisen aus: Einem Pro-Atomkraft Mainframe und einem negativen Alternativframe, denen jeweils verschiedene Dimensionen (u.a. Wirtschaftlichkeit, Sicherheit, Umweltverträg- lichkeit) zugeordnet wurden. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass der Alternativframe zwar 1986 bereits existierte, damals allerdings noch nicht die Glaubwürdigkeit hatte wie 25 Jahre später: Deutlich wird dies am Beispiel der möglichen Substituierbarkeit der Atomkraft durch erneuerbare Energien eine solche Behauptung erschien 1986 noch nicht vertrauenswürdig. Auch wurde durch Tschernobyl das Vertrauen in den Pro-Atomkraft Mainframe zwar erschüttert, völlig verloren ging es in Deutschland aber erst mit Fukushima: War es 1986 noch möglich, das beschädigte Vertrauen durch Verweise auf die überlegene westliche Technologie wiederherzustellen, so war dies 2011 nicht mehr möglich.

Im zweiten Teil des Bandes setzen sich zwei Beiträge mit den Reaktionen der Medien in Deutschland auf Fukushima und mit der Atomdebatte nach der Reaktorkatstrophe auseinander. Hans-Jürgen Weiß, Sabrina Markutzyk und Bertil Schwotzer gingen der Frage nach, ob es sich bei Fukushima um ein Schlüsselereignis im kommunikations- wissenschaftlichen Sinne handelt, das die nachfolgende Berichterstattung prägt und die Journalisten in einer zentralen Rolle sieht, oder ob es sich eher um ein Focusing Event im politikwissenschaftlichen Sinne handelt, also um ein Ereignis, das politisch Han- delnden eine Neuausrichtung ihrer Politik ermöglicht. Die Autoren konnten zeigen, dass Fukushima zwar den Anlass der deutschen Ausstiegsdebatte bildete, der politi- sche Diskurs sich dann aber weitestgehend unabhängig von den Ereignissen in Fukushima entwickelte. Fukushima wurde zu einem Symbol, dessen bloße Erwähnung genügte, um eine atomkritische Haltung zu rechtfertigen, eine argumentative Aus-

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Jens Wolling & Dorothee Arlt

einandersetzung mit den Ereignissen in Japan fand im Laufe der Zeit hingegen immer weniger statt. Für die Bundesregierung (Angela Merkel) war Fukushima demnach ein Focusing Event, das ihr die Möglichkeit bot, eine politisch umstrittene Entscheidung (Laufzeitverlängerung) zu korrigieren.

Zwar arbeitete Benjamin Frettwurst mit den gleichen Daten wie die Autoren des vor- herigen Beitrags, doch bei ihm stand ein anderes theoretisches Konzept im Mittel- punkt. Anhand der beiden Nachrichtenfaktoren Schaden und Risiko zeigte er, wie sich der Fokus der Berichterstattung weg von der Katastrophe in Japan hin zur Atomdebatte in Deutschland verschoben hat. Er stellte fest, dass zunächst der Schaden die Bericht- erstattung dominierte und die Risikodebatte erst später an Bedeutung gewann. Auf- grund dieses zeitlich versetzten Schwerpunkts waren Schaden und Risiko schwächer korreliert als erwartet. Zudem hatten die beiden Nachrichtenfaktoren unterschiedliche Effekte auf die Platzierung und den Umfang der Berichterstattung: Während die The- matisierung von Risiken in allen untersuchten Medien sowohl zu einer prominenten Platzierung als auch zu einem größeren Berichterstattungsumfang führte, war ein sol- cher Effekt für den Nachrichtenfaktor Schaden nur auf den Berichterstattungsumfang festzustellen. Auf die Platzierung wirkte sich die Schadenstärke hingegen uneinheitlich aus. Die Befunde zeigen auch, dass der Sekundärfaktor Risiko, der kein primäres Merkmal des Ereignisses ist und diesem erst im Rahmen der Atomdebatte zugeschrie- ben wird, einen deutlicheren Einfluss auf die Berichterstattung hatte als der mit dem Ereignis verbundene Schaden.

Im dritten Teil des Bandes werden die Reaktionen der Medien in internationaler Ver- gleichsperspektive untersucht. Eröffnet wird der dritte Teil mit einer Untersuchung von Hans Mathias Kepplinger und Richard Lemke. Sie rekapitulieren zunächst die langfris- tigen Entwicklungen der Kernenergieberichterstattung in Deutschland bis Tschernobyl und kontrastieren diese mit Befunden einer Inhaltsanalyse der Berichterstattung fran- zösischer Medien. Vor diesem historischem Hintergrund präsentieren sie dann Ergeb- nisse einer jüngeren Untersuchung, in der sie die Presseberichterstattung über das Erd- beben, den Tsunami und die Reaktorkatastrophe in Japan in Frankreich, Groß- britannien, der Schweiz und Deutschland über einen Zeitraum von fünf Wochen ver- gleichend analysierten. Es zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den Ländern. So verschoben vor allem die deutschen (und Schweizer) Medien schon frühzeitig ihren Fokus auf die Reaktorkatastrophe und veröffentlichten zudem wesentlich häufiger Forderungen nach einem Ausstieg aus der Atomenergie als die französischen und briti- schen Medien. Insgesamt wurde die Relevanz der Reaktorkatastrophe für die heimi- sche Kernenergie extrem unterschiedlich dargestellt. Die Autoren interpretierten die

Ein Erdbeben und seine (politischen) Folgen

19

Befunde als Beleg für die These eines starken Einflusses von subjektiven Vorstellun- gen auf die Wahrnehmung und Darstellung des Geschehens.

Im zweiten international vergleichenden Beitrag stellt Andreas Schwarz die Analyse von Tageszeitungen aus Deutschland, Großbritannien, Indien, Japan, Singapur und den USA über einen Zeitraum von fünf Monaten vor. Im Unterschied zu den vorherigen Studien steht der Reaktorunfall als internationale Krise im Fokus, so dass weder Bei- träge über die Naturkatastrophe (Erdbeben/Tsunami) noch über die Atomdebatte be- rücksichtigt werden. Die Datenerhebung orientierte sich am Framing-Ansatz, wobei die Frame-Elemente durch attributionstheoretische Überlegungen ergänzt wurden. Bei der Datenauswertung wurden insgesamt acht Frames identifiziert. Der nachfolgende Ländervergleich verdeutlichte, dass die Frames in der Berichterstattung der untersuch- ten Länder in unterschiedlicher Intensität auftraten. In einem nächsten Schritt setzt Andreas Schwarz die Unterschiede in der Berichterstattung mit dem kulturellen Kon- text der Länder in Beziehung. Dabei zeigte sich, dass vor allem die Kulturwertdimen- sion Verbundenheit/Ungebundenheit mit den Frames systematisch kovariierte. So ka- men beispielsweise externe Verantwortungsattributionen häufiger in solchen Ländern vor, in deren Kultur die Verbundenheit eine größere Rolle spielt.

In der dritten international vergleichenden Studie analysierten Frauke Zeller, Dorothee Arlt und Jens Wolling die Emotionalität in der Berichterstattung in den ersten 14 Ta- gen nach der Katastrophe mit Hilfe computergestützter, textlinguistischer Verfahren. Verglichen wurden Printmedien aus Großbritannien, USA und Deutschland. Das Ziel der Untersuchung war es, erstens Emotionen und Äußerungen von Sicher- heit/Unsicherheit in der Berichterstattung auf sprachlicher Ebene nachzuweisen. Zwei- tens sollten Unterschiede zwischen den Ländern analysiert werden. Hierbei zeigte sich, dass in den beiden englischsprachigen Ländern die Emotionen Angst, Furcht und Trau- rigkeit eine größere Rolle spielten, während in Deutschland Ärger und Wut wesentlich stärker ausgeprägt waren. Berücksichtigt man, dass Ärger und Wut mit Verantwor- tungszuschreibungen verknüpft sind, dann legte die Berichterstattung auch unter- schiedliche Implikationen nahe: Während in den englischsprachigen Ländern das Lei- den der Opfer im Fokus stand, war es in Deutschland das Versagen der Verantwortlichen, was auch für die Forderung nach politischen Konsequenzen bedeut- sam sein dürfte.

Die letzten beiden Beiträge des Abschnitts gehen der Frage nach, ob sich Unterschiede und Veränderungen in der Energieberichterstattung nach Fukushima durch die struktu- rellen Rahmenbedingungen in unterschiedlichen Ländern erklären lassen. Beide Stu- dien erweitern den Blick auf den Untersuchungsgegenstand, weil sie nicht die Atom-

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Jens Wolling & Dorothee Arlt

energieberichterstattung fokussieren, sondern sich mit der Berichterstattung über Ener- gie allgemein (Zeh & Odén) bzw. über erneuerbare Energien (Bräuer & Wolling) be- schäftigen. Als Faktoren der strukturellen Rahmenbedingungen berücksichtigten die Autoren unter anderem die Bedeutung unterschiedlicher Energiequellen für die natio- nale Energieversorgung, das Vorhandensein von Energieressourcen im Land, die Be- völkerungsdichte oder das Bruttonationalprodukt.

Reimar Zeh und Tomas Odén verglichen die Berichterstattung von Printmedien in Deutschland und Schweden. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass es in Schweden weniger drastische Verschiebungen im medialen Framing von Energiethemen durch Fukushima gab als in Deutschland. Sie führten dies zum einen auf die bessere Marktin- tegration der regenerativen Energieträger und zum anderen auf fehlende politische Initiativen für Reformen in der Energieversorgung zurück. Insgesamt fanden sich aber nur wenige Hinweise darauf, dass sich die erwähnten strukturellen Rahmenbedingun- gen in der Berichterstattung widerspiegelten. Des Weiteren prüften Reimar Zeh und Tomas Odén, ob sich die redaktionellen Linien der untersuchten Medien in der Ener- gieberichterstattung niederschlugen. Mit Blick auf die Atomenergie zeigte sich, dass in den schwedischen Medien der Sicherheits- und Umweltframe fast zum alleinigen Be- zugsrahmen der Berichterstattung wurde, während in Deutschland nur die links- liberale Presse diesen Frame stärker zur Kontextualisierung nutzte. Die Berichterstat- tung über die anderen Energiequellen veränderte sich nur kaum.

Marco Bräuer und Jens Wolling untersuchten die Berichterstattung über erneuerbare Energien in Australien, Neuseeland, USA, Kanada, Irland, Großbritannien, Österreich, Deutschland, Südafrika, Indonesien und Indien. Im Mittelpunkt der Untersuchung stand die Frage, ob es Unterschiede und Veränderungen im Framing von erneuerbaren Energien nach Fukushima gibt und ob sich diese durch die materiellen Rahmenbedin- gungen in den untersuchten Ländern erklären lassen. Insgesamt sprechen die Ergebnis- se dafür, dass die nationalen Medien die Logik des etablierten Energieversorgungssys- tems durch ihre Berichterstattung stützen. Auch die Reaktorkatastrophe von Fukushima führte nicht dazu, dass diese etablierten Denkmuster durchbrochen wurden.

Der letzte Teil des Bandes umfasst vier Untersuchungen, die die Reaktionen der Be- völkerung auf die Reaktorkatastrophe und die Berichterstattung der Medien in den Mittelpunkt stellen und entsprechend die Wirkungen der Medien auf die Rezipienten analysieren. Eröffnet wird der Abschnitt mit einem Beitrag der Herausgeber, die die Möglichkeit hatten, im Rahmen einer regionalen Panelstudie, Einstellungseffekte der Fukushima-Berichterstattung auf Personenebene zu untersuchen. Ursprünglich war es geplant die Inhaltsanalysedaten, die ebenfalls im Projekt erhoben wurden, direkt mit

Ein Erdbeben und seine (politischen) Folgen

21

den Befragungsdaten zu verknüpfen. Jedoch zeigte sich bei der Auswertung der In- haltsanalysedaten nur wenig Varianz zwischen den Medien, wodurch eine Analyse individueller Effekte und damit eine Verknüpfung auf Individualdatenebene überflüs- sig wurden. Zudem war eine wachsende Konsonanz zwischen den Akteuren, die sich in den Medien zur Atomenergie äußerten, festzustellen, die zusammen mit der intensi- ven Berichterstattung nach Fukushima ideale Voraussetzungen für starke Wirkungen bildeten. Tatsächlich zeigten sich signifikante, wenn auch nicht besonders starke Ein- stellungsveränderungen von 2010 nach 2011. Das Risiko der Atomkraft wurde 2011 größer eingeschätzt und die erneuerbaren Energien wurden positiver beurteilt. Die Stärke der Einstellungsveränderungen war weitgehend unabhängig von bestimmten Personeneigeneigenschaften oder der Intensität der Mediennutzung.

In der zweiten Wirkungsstudie werden Befunde aus der Schweiz präsentiert. Ausge- hend von einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem Risikobegriff, untersuchen Silje Kristiansen und Heinz Bonfadelli mit einer quantitativen Inhaltsanalyse die Risi- kodarstellung in der Schweizer Sonntagspresse und die Risikowahrnehmung der Be- völkerung anhand qualitativer Interviews und quantitativer Befragungen. Die Inhalts- analyse begann direkt nach den Ereignissen in Japan und erstreckte sich über gut ein Jahr; die qualitativen Interviews wurden zwei Jahre nach den Ereignissen durchge- führt. Im Ergebnis zeigte sich, dass die meisten Artikel zwar keine expliziten Wertun- gen enthielten. Allerdings wurden die Schäden ungefähr doppelt so häufig thematisiert wie der Nutzen und wenn in den Artikeln gewertet wurde, dann überwogen klar die negativen Tendenzen. Aus den Befunden der qualitativen Interviews und der Befra- gungen wurde deutlich, dass zumindest einige Befragte Wirkungen des Ereignisses auf sich selbst konstatieren. Sie sehen die Notwendigkeit einer Neuorientierung in der Energiepolitik, sind besorgt über die Sicherheit der Atomkraftwerke, vor allem in we- niger entwickelten Ländern, und zeigen ein höheres Risikobewusstsein. Die Qualität der Medienberichterstattung wird von den Befragten uneinheitlich bewertet.

In der dritten Wirkungsstudie beschäftigt sich Dominikus Vogl mit der Frage, ob die Reaktorkatastrophe das spezifische Risikobewusstsein gegenüber der nuklearen Ener- giegewinnung und das allgemeine Umweltbewusstsein in der Bevölkerung nachhaltig verändert hat. Dafür führte er eine Sekundäranalyse des International Social Survey Programmes (ISSP) Umwelt Modul III durch, Dabei handelt es sich um eine Befra- gung, die in neun Ländern (Australien, Bulgarien, Dänemark, Israel, Kroatien, Lett- land, Mexiko, Schweiz und Slowenien) in den Jahren 2010 und 2011 realisiert wurde. Dabei nutzt er die Tatsache, dass ein Teil der Daten erst nach den Ereignissen in Fukushima erhoben wurde und vergleicht im Sinne eines quasiexperimentellen De- signs diejenigen, die vor Fukushima befragt wurden, mit denjenigen, die nach

22

Jens Wolling & Dorothee Arlt

Fukushima befragt wurden. Es zeigte sich, dass das nukleare Risikobewusstsein durch Fukushima gesteigert wurde, das allgemeine Umweltbewusstsein aber nicht. Zudem war die Stärke von Risiko- und Umweltbewusstsein in gegenläufiger Weise vom so- zialen Status abhängig: Personen mit höherem Status bekundeten einerseits ein höheres allgemeines Umweltbewusstsein, anderseits aber ein unterdurchschnittliches Risiko- bewusstsein.

Abgeschlossen wird der Wirkungsteil mit den Ergebnissen einer Studie von Michael Nippa und Roh Pin Lee. Sie analysierten die mit unterschiedlichen Energieträgern ver- bundenen Assoziationen, Emotionen und kognitiven Nutzen- und Schadensbeurteilun- gen und prüften, ob sich diese durch die Ereignisse in Fukushima verändert haben. Befragt wurden Studierende der Bergakademie Freiberg, die als zukünftige Entschei- dungsträger im Energiebereich angesehen werden können. Die Autoren fanden heraus, dass sich Assoziationen und Emotionen nur wenig veränderten, die kognitiven Nutzen- und Schadensbewertungen aber durchaus. Sowohl der Kernenergie als auch den fossi- len Energieträgern wurden nach Fukushima eine größere soziale und ökonomische Schädlichkeit und ein geringerer Nutzen zugeschrieben. Aber auch bei der Bewertung der erneuerbaren Energien waren negative Effekte festzustellen: Das ökologische Schadenspotential wurde nach Fukushima höher eingeschätzt und der erwartete sozia- le, ökonomische und ökologische Nutzen wurde skeptischer beurteilt.

Ziel der vorgelegten Zusammenfassung der Beiträge war es, einen Überblick über die jeweiligen Fragestellungen und die zentralen Befunde der Untersuchungen zu geben. Da in diesem Band die Ereignisse (Erdbeben, Tsunami und Reaktorkatastrophe) selbst und ihre medialen, gesellschaftlichen und politischen Folgen im Mittelpunkt des Inte- resses stehen, war eine solche Fokussierung notwendig. Deswegen können die metho- dischen, konzeptionellen und theoretischen Ausrichtungen und die damit verbundenen Zielsetzungen der Beiträge an dieser Stelle nicht entsprechend gewürdigt werden, ob- wohl sie in mehreren Studien eine sehr bedeutsame Rolle spielen. Auffällig sind aber sicherlich die große Bedeutung des Framing-Ansatzes, der in unterschiedlicher Weise in sehr vielen Beiträgen zur theoretischen Fundierung herangezogen wurde, sowie die Dominanz quantitativer Studien.

5 Fazit und Ausblick

Abschließend soll auf Grundlage der vorliegenden Untersuchungen ein heuristisches Modell skizziert werden, das die zukünftige Forschung anleiten kann. Seine Übertrag- barkeit ist in verschiedene Richtung denkbar: Zum einen auf andere herausragende Ereignisse, unabhängig davon, um welche Art von Ereignissen es sich handelt. Zum

Ein Erdbeben und seine (politischen) Folgen

23

anderen soll das Modell als Anregung und Orientierung für die Erforschung der Nach- haltigkeits-, Energie- und Umweltkommunikation dienen.

In allen vorliegenden Beiträgen wurden die Ereignisse in Japan und ihre Folgen expli- zit oder implizit als politisches Geschehen verstanden. Vor diesem Hintergrund bietet es sich an, die kommunikativen Wechselbeziehungen zwischen Bürger, Politik und Medien als Ausgangspunkt des Modells zu wählen. Um der Realität eines modernen Staates näher zu kommen, muss dieser Dreiklang jedoch um weitere Akteure und Ein- flussfaktoren ergänzt werden. In Abbildung 1 wird unter dem Sammelbegriff „Organi- sationen“ das breite Spektrum an weiteren relevanten Akteuren, angefangen von Un- ternehmen, über Verbände und Vereine bis hin zu NGOs, zusammengefasst.

Abbildung 1:

Heuristisches Modell für die Untersuchung von Nachhaltigkeits-, Energie- und Umweltkommunikation

Inhalt und Struktur der thematischen Debatte zum Zeitpunkt t0 Organisationen t 0 Bürger t0 Politik
Inhalt und Struktur der
thematischen Debatte zum
Zeitpunkt t0
Organisationen t 0
Bürger t0
Politik t0
Medien t0
(Nationale)
Rahmenbedingungen
Inhalt und Struktur der thematischen Debatte zum Zeitpunkt t1 Organisationen t 1 Bürger t1 Politik
Inhalt und Struktur der
thematischen Debatte zum
Zeitpunkt t1
Organisationen t 1
Bürger t1
Politik t1
Medien t1
(Nationale)
Rahmenbedingungen
Extremereignis
Inhalt und Struktur der thematischen Debatte zum Zeitpunkt t2 Organisationen t 2 Bürger t2 Politik
Inhalt und Struktur der
thematischen Debatte zum
Zeitpunkt t2
Organisationen t 2
Bürger t2
Politik t2
Medien t2
(Nationale)
Rahmenbedingungen

Aber auch die anderen drei „Akteure“ sind alles andere als homogen und lassen sich nach verschiedenen Kriterien weiter ausdifferenzieren. Beispielsweise unterscheiden sich die Medien hinsichtlich ihrer Qualitätsansprüche, ihrer redaktionellen Linie, den Überzeugungen, der für sie arbeitenden Journalisten, oder ihrer Marktorientierung. Politik ist ein Sammelbegriff für Regierung und Opposition, für die auf unterschiedli- chen Ebenen konkurrierenden Politiker, Parteien und Fraktionen angefangen auf der lokalen über die nationale bis hin zur internationalen Ebene, beispielsweise in der UNO. Und auch die Bürger sind keine homogene Masse, sie sind Laien, Experten,

24

Jens Wolling & Dorothee Arlt

Interessierte, Involvierte oder Betroffene, sie leben unter spezifischen Lebensumstän- den in einem bestimmten sozialen Umfeld, haben unterschiedliche Wertvorstellungen, Einstellungen und politische Überzeugungen. Einige dieser Ausdifferenzierungen wurden in den vorliegenden Untersuchungen berücksichtigt. Anhand dieser Systematik lässt sich aber auch herausarbeiten, wo die „blinden Flecken“ in der Forschungsland- schaft liegen und welche Aspekte des komplexen Kommunikationsgefüges bislang nicht oder nur eingeschränkt betrachtet wurden.

Fukushima wurde in den Beiträgen als ein externes (Extrem)-Ereignis konzeptionali- siert, das von außen auf dieses gesellschaftliche Kommunikationsgefüge einwirkt und das Potential hat, die Struktur und den Inhalt dieses Gefüges zu verändern. Bei einem fernen Ereignis, wie es Fukushima aus europäischer Perspektive sicherlich ist, spielen die Medien für die Veränderung der gesellschaftlichen Kommunikation zweifellos eine bedeutende Rolle. Allerdings sind die klassischen Massenmedien in der modernen On- line-Welt sicherlich keine omnipotenten Gatekeeper (mehr). Je näher ein externes Er- eignis einer Gesellschaft kommt, und damit direkter und vielfältiger erfahrbar wird, desto komplexer dürften die Kommunikationsabläufe werden. Entsprechend dürften die kommunikativen Verwerfungen in Japan am stärksten (gewesen) sein. Erstaunli- cher Weise sind dazu aber bislang keine Untersuchungen bekannt.

Ein zentraler Befund der vorliegenden Studien ist die Beobachtung, dass die Ereignisse in Japan Interpretationsmöglichkeiten eröffneten, die sich im Framing, in der Emotio- nalität der Darstellung, in den zugeschriebenen Attributen oder in der Betonung von Nachrichtefaktoren manifestieren. Diese Interpretationsmöglichkeiten ziehen verschie- dene Konsequenzen nach sich, die zunächst keinesfalls offensichtlich waren: Dass eine Atomkatastrophe in Japan sich auf die Atompolitik in Europa auswirken kann, er- scheint aus deutscher oder Schweizer Perspektive nachvollziehbar, aus der Sicht ande- rer europäischer Nachbarn aber schon weniger. Dass die Katastrophe auch Auswirkun- gen auf die Darstellung und Beurteilung anderer Formen der Energiegewinnung hat, ist selbst aus deutscher Perspektive weniger selbstverständlich. Auch dass das Ereignis möglicherweise dazu verwendet werden kann, den politischen Machterhalt zu sichern oder aber Regierungen zu stürzen, sind Folgen, die man den Tsunamiwellen sicherlich nicht ohne Weiteres ansehen konnte.

Gerade die internationalen Vergleiche haben deutlich gemacht, dass der nationale Um- gang mit Fukushima stark durch die jeweiligen nationalen Rahmenbedingungen beein- flusst wurde. Diese manifestieren sich zum einen in handfesten Voraussetzungen wie den vorhandenen Energieressourcen, dem Status quo der Energieversorgung oder dem Bruttonationaleinkommen, und zum anderen im nationalen kulturellen Kontext, insbe-

Ein Erdbeben und seine (politischen) Folgen

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sondere den jeweiligen Journalismuskulturen. Und nicht zuletzt dass zeigen die his- torischen und langfristigen Analysen besteht sowohl bei politischen Entscheidungen als auch in der öffentlichen Meinung und der medialen Berichterstattung eine nicht zu ignorierende Pfadabhängigkeit.

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Teil 1:

Die Darstellung der Atomenergie in historischer Vergleichsperspektive

Die größte anzunehmende Umbewertung?

Eine Frame-Analyse der deutschen Presseberichterstattung über Kernenergie nach den Reaktorunfällen von Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011)

1

Einleitung

Angela Nienierza

Die vorliegende Studie geht der Frage nach, mit welchen Frames das Thema Kern- energie in der deutschen Presseberichterstattung dargestellt wird. Auslöser für das Er- kenntnisinteresse ist das schwere Reaktorunglück im japanischen Fukushima im März 2011, das in Deutschland die Debatte über die Verantwortbarkeit der Kernenergienut- zung neu aufleben ließ und zu grundlegenden Änderungen in der deutschen Atompoli- tik führte (Brössler 2011; Frankfurter Allgemeine Zeitung 2011). Drastische Um- schwünge in der jahrzehntelangen Debatte zur Kernenergienutzung in Deutschland sind kein Einzelfall. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl stellte 1986 ein ähnli- ches Schlüsselereignis dar, das in Deutschland ebenfalls eine große gesellschaftliche und mediale Debatte über Risiken und Verantwortbarkeit der Kernenergie auslöste (Hohenemser/Renn 1988; Kepplinger 1988; Muller 1988; Peters/Hennen 1990; Tei- chert 1987). Doch obwohl die direkten physikalischen Auswirkungen der ukrainischen Katastrophe auf die Bundesrepublik Deutschland (BRD) aufgrund der geringeren räumlichen Distanz deutlich stärker waren (Bundesamt für Strahlenschutz 2012; Koel- zer 2013), hatte sie zunächst keine unmittelbaren politischen Folgen auf die Nutzung der Kernenergie in Deutschland (Michaelis/Salander 1995: 371). Bei der Suche nach den Gründen für diese unterschiedlichen politischen Reaktionen stellt sich die Frage, inwieweit auch die Medienberichterstattung nach den beiden Unfällen eine jeweils

32

Angela Nienierza

andere Sichtweise des Themas Kernenergie vermittelt und somit andere Deutungsmus- ter nahe legt.

In der Soziologie und der Kommunikationswissenschaft werden solche Deutungsmus- ter mit dem englischen Begriff Frame bezeichnet (Entman 1993: 52-54; Reese 2007:

150. Abhängig davon, welche Aspekte betont (bspw. Nutzen oder Schaden) und wel- che in den Hintergrund gerückt werden, erhält ein Thema oder ein Ereignis eine andere „Rahmung“. Ein bestimmter Frame erhöht somit die Salienz (Auffälligkeit) bestimm- ter Informationen zu einem Thema und legt so unterschiedliche Schlussfolgerungen nahe, beispielsweise was Ursachen, Bewertung und Lösungsmöglichkeiten eines Prob- lems betreffen (Matthes 2007: 17). Die Medien spielen bei der Vermittlung dieser Deutungsrahmen eine bedeutende Rolle (Entman1991: 7). Sie übernehmen bestimmte Perspektiven von Akteuren und haben zudem häufig einen eigenen Blickwinkel auf bestimmte Ereignisse oder Themen.

Für die Analyse der Berichterstattung über Kernenergie ist dieser Ansatz aus drei Gründen besonders geeignet. Erstens handelt es sich bei der Kernkraft um eine Tech- nologie, die für die meisten Menschen außerhalb der unmittelbaren Anschauung liegt. Was die Menschen über Atomenergie wissen und welche Einstellung sie zu diesem Thema entwickeln, beruht somit zu großen Teilen auf der Berichterstattung der Mas- senmedien. Medienframes strukturieren und verdichten komplexe Themen wie die Kernenergie und machen sie somit für die Bürger zugänglich (Dahinden 2006: 14, 308; Scheufele/Tewksbury 2007: 12). Zweitens handelt es sich bei der Debatte um die Atomkraft um ein öffentliches Streitthema, bei dem unterschiedliche Akteure ihre Ar- gumente in den Diskurs einbringen und ihn mit ihrer eigenen Perspektive beeinflussen wollen. Drittens zeigen Forschungsergebnisse von Brosius und Eps (1993: 526), dass Schlüsselereignisse wie Tschernobyl und Fukushima neue Medienframes etablieren können.

In diesem Beitrag soll die Frame-Analyse dazu dienen, diese (Argumentations-) Mus- ter innerhalb der medialen Debatte zu identifizieren. Dafür wird das Framing der Kernenergie jeweils im direkten Anschluss an die beiden großen Katastrophen in Tschernobyl und Fukushima mittels einer quantitativen Inhaltsanalyse der Medienbe- richterstattung untersucht. Ziel ist es aufzuzeigen, welche Frames die mediale Darstel- lung der Kernenergie jeweils dominieren und inwieweit sie sich in beiden Untersu- chungszeiträumen unterscheiden.

Die größte anzunehmende Umbewertung?

33

2 Der Framing-Ansatz

Für die kommunikationswissenschaftliche Erforschung von Medieninhalten und Medi- enwirkungen hat der Framing-Ansatz in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen (Dahinden 2006; Entman 1993; Iyengar 1991; Leonarz 2006; Matthes 2007, 2011; Scheufele 1999). Grund hierfür ist vor allem, dass er ein interdisziplinäres und integratives Konzept beinhaltet, welches mehrere Forschungsbereiche der Kommuni- kationswissenschaft wie politische Kommunikation, Nachrichtenproduktion, Medien- inhalte und Medienwirkungen miteinander zu verknüpfen vermag (Matthes 2011; Ree- se 2007; Scheufele 1999).

Der Grundgedanke des Framing-Ansatzes besteht darin, dass Journalisten, strategische Akteure und Rezipienten nur bestimmte Ausschnitte und Interpretationen sozialer und politischer Realitäten wahrnehmen, reflektieren und transportieren (Entman 1993; Matthes 2007; Schenk 2007: 276). Frames fungieren somit als Deutungsmuster, die Informationen zu Personen, Ereignissen, Themen o.ä. strukturieren, Komplexität redu- zieren und die Selektion von neuen Informationen leiten.

Das integrative Potential des Framing-Ansatzes basiert auf der Annahme, dass sich Frames auf allen Stufen des Massenkommunikationsprozesses identifizieren lassen (Dahinden 2006: 308; Entman 1993: 52-54; Scheufele 2003: 47). Frames erfüllen da- bei zwei unterschiedliche Funktionen:

Als Eigenschaften einer Nachricht (Medien-Frame) strukturieren sie die Dar- stellung von Informationen, indem sie bestimmte Aspekte eines Themas, eines Ereignisses oder einer Person in den Vordergrund stellen und so ihre Salienz erhöhen (Entman 1993: 52; Scheufele/Tewksbury 2007: 12).

Als kognitive Strukturen steuern und strukturieren sie die individuelle Informa- tionsverarbeitung, Meinungsbildung und Kommunikation von Rezipienten und Kommunikatoren (Entman 1991: 7, 1993: 53). Der Begriff Framing beschreibt in diesem Zusammenhang den aktiven und dynamischen Prozess der Deutungs- konstruktion einzelner Akteure (Matthes 2007: 21). Durch die Selektion und Her- vorhebung bestimmter Informationen und dem Weglassen anderer Aspekte eines Themas wird eine bestimmte Interpretation nahegelegt.

Der Ansatz weist bisher jedoch einige Schwachstellen auf, die vor allem auf einer zu allgemeinen und unspezifischen Definition von Frames basieren, von der sich eine empirische Umsetzung nur schwer ableiten lässt. Die vorliegende Arbeit orientiert sich deshalb an den theoretischen und methodischen Überlegungen von Matthes und Koh- ring (2004, 2008) und Matthes (2007, 2011). Sie sind besonders wegen ihrer operatio- nalen Präzision interessant, weshalb sie sich als Basis für die vorliegende Studie zum Framing des Themas Kernenergie in der deutschen Presseberichterstattung sehr gut

34

Angela Nienierza

eignen. Basierend auf Entman (1993: 52) setzt sich ein Frame nach der Definition von Matthes (2007: 134-136) aus vier Elementen zusammen.

Zunächst beinhalten Frames eine Problemdefinition. Sie liefert den Grund dafür, warum ein Thema überhaupt wichtig ist und in der Öffentlichkeit diskutiert wer- den muss. Durch die Problemdefinition wird ein Thema in einen „sozialen, sach- lichen und zeitlichen Kontext eingeordnet und damit definiert“ (Matthes 2007:

135).

In der Ursachenzuschreibung werden die verursachenden Kräfte und Gründe für ein Problem oder einen Missstand identifiziert.

Frames beinhalten und implizieren darüber hinaus häufig eine Bewertung des Problems, also eine Aussage darüber, wie negativ oder wie positiv ein Thema ein- zuschätzen ist.

Häufig enthält ein Frame zudem einen Lösungsansatz bzw. eine Handlungs- empfehlung zur Lösung des Problems. Ein Frame muss jedoch nicht zwangsläufig alle vier Frame-Elemente beinhalten.

Aus diesen theoretischen Überlegungen zum Aufbau von Frames ergeben sich beson- dere Möglichkeiten für ihre empirische Erfassung. Matthes und Kohring (2004) schla- gen vor, nicht den kompletten Frame, sondern die Elemente Problemdefinition, Ursa- chenzuschreibung, Bewertung und Handlungsempfehlung einzeln zu codieren. Ausgangspunkt für die Frame-Analyse ist dabei immer der Urheber einer Aussage (Matthes 2007: 156). Nach diesem Verständnis ist ein Frame nicht die Eigenschaft eines ganzen Textes, sondern vielmehr ein Deutungsrahmen, der von einem einzelnen Akteur nahegelegt wird. Somit kann ein Medientext mehrere unterschiedliche Frames zu einem Thema beinhalten. Da aber erst von einem Frame gesprochen werden kann, wenn ein solches Muster in mehreren Medienbeiträgen auftaucht, müssen bestimmte Konstellationen von Variablenausprägungen ermittelt werden. Zur Bestimmung sol- cher Muster werden die Ausprägungen der entsprechenden Variablen geclustert, um so unterschiedliche Gruppen von Aussagen zu erhalten, die alle eine spezifische Konstel- lation aufweisen (Matthes/Kohring 2004: 62).

Der Vorteil dieses Verfahrens ist, dass Medienframes nicht im Vorfeld vom Forscher festgelegt werden, sondern empirisch bestimmt werden. Darüber hinaus ist die Codie- rung einzelner Inhaltsvariablen, wie beispielsweise die Handlungsempfehlung, wesent- lich einfacher und weist in der Regel eine höhere Reliabilität auf, als die Codierung eines ganzen Frames (Matthes/Kohring 2004: 63). Gerade für die inhaltliche Analyse komplexer Themen des öffentlichen Diskurses, wie der Kernenergie, ist dieses Vorge- hen auf Akteursebene somit gut geeignet, da unterschiedliche Perspektiven innerhalb

Die größte anzunehmende Umbewertung?

35

eines Medienbeitrags erfasst und bei der Identifizierung der Medienframes berücksich- tigt werden können.

3 Forschungsstand: Kernenergie in den Medien

Was innerhalb eines Reaktors passiert, liegt für die meisten Menschen außerhalb des eigenen Erfahrungshorizonts. Die Medien nehmen in der Debatte um die Kernenergie- nutzung deshalb eine entscheidende Rolle ein. Sie machen das komplexe Themenge- biet für Laien verständlich, greifen unterschiedliche Standpunkte auf und bieten den verschiedenen Akteuren Raum ihre Argumente vorzubringen. In der Vergangenheit haben sich deshalb zahlreiche kommunikationswissenschaftliche Studien mit der Dar- stellung und Bewertung der Kernenergie in den Medien beschäftigt (z.B. Gamson/ Modigliani 1989; Kepplinger 1988; Muller 1988; Overhoff 1984; Rubin 1987; Tei- chert 1987; van Buiren 1980).

Ein wesentliches Kennzeichen der Berichterstattung über Kernenergie ist die starke Politisierung des eigentlich technologischen Themas (van Buiren 1980; Overhoff 1984; Kepplinger 1988). Wenn über Atomkraft berichtet wurde, dann in erster Linie als öffentliche Streitfrage und kaum als Gegenstand wissenschaftlicher Erläuterungen (Overhoff 1984: 59). Diese Politisierung der Berichterstattung nimmt nach schweren Reaktorunglücken noch einmal zu. Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl kon- zentrierte sich die Berichterstattung bereits wenige Wochen nach dem Unglück stärker auf die nationale Kernenergienutzung, als auf die Ereignisse in der Ukraine (Kepplin- ger 2011: 226; Renn 1990: 6; Teichert 1987).

Wie Kepplinger (2011: 225) feststellt, können schwere Reaktorunfälle in diesem Zu- sammenhang als Schlüsselereignisse betrachtet werden, welche die Aufmerksamkeit der Journalisten und Rezipienten auf alles lenken, was mit dem Thema Kernenergie zusammenhängt. Solche Schlüsselereignisse kennzeichnen sich zum einen durch „un- gewöhnlich viele Berichte“ (Kepplinger 2011: 85) über das Geschehen (mindestens die doppelte Zahl an Beiträgen gegenüber der Normalberichterstattung). Zum anderen werden im Anschluss ähnliche Themen verstärkt von den Medien aufgegriffen und mit dem Ereignis in Zusammenhang gebracht (Kepplinger 2011: 85-87). Nach der Kata- strophe von Tschernobyl führte dies letztendlich dazu, dass die Medien über Ereignisse und Vorfälle berichteten, die ohne das jeweilige Schlüsselereignis kaum oder gar nicht beachtet worden wären, wie beispielsweise die umfangreiche Berichterstattung über einen unbedeutenden Störfall im Kernkraftwerk Hamm (Kepplinger 2011: 226). Bro- sius und Eps (1993: 526) sehen einen Zusammenhang zwischen der Etablierung be- stimmter journalistischer Frames und solchen Schlüsselereignissen. Demnach erhöht

36

Angela Nienierza

sich die Wahrscheinlichkeit, dass über ein nachfolgendes Ereignis berichtet wird, wenn es einem bereits etablierten journalistischen Frame entspricht. Dabei gilt: Je länger Journalisten einen Frame für ein Ereignis verwenden, desto mehr festigt er sich (Scheufele/Brosius 1999).

Ein wichtiger Teil der Darstellung der Kernenergie in den Medien behandelt die Frage nach ihren Risiken und ihrem Nutzen für Bevölkerung und Allgemeinwohl. Dabei fällt auf, dass bereits vor dem verheerenden Reaktorunglück in Tschernobyl Sicherheitsri- siken im Zentrum der westdeutschen Berichterstattung über Kernenergie standen (Kepplinger 1988: 662; Muller 1988: 49). In der Berichterstattung nach dem Unfall wurde diese Darstellung nochmals intensiviert. Aber auch unabhängig von großen Un- fällen wurde häufiger auf Schäden und seltener auf den Nutzen der Atomkraft einge- gangen. Somit überrascht es nicht, dass der Tenor der Berichterstattung überwiegend negativ war. In diesem Zusammenhang stellte beispielsweise Kepplinger (1988: 664) fest, dass der Reaktorunfall im Kernkraftwerk Three Miles Island 1979 nicht die Ursa- che für die „Umbewertung“ der Kernenergie in den deutschen Medien war, sondern dass Ereignisse vielmehr als Anlass für eine intensivere Negativberichterstattung ge- nommen wurde.

Im Zuge der Debatte um den Klimawandel und die Knappheit fossiler Brennstoffe erlebte die Kernenergie unter der Regierung von Angela Merkel auch in den Medien eine Art Renaissance: Der Fokus wurde wieder verstärkt auf ihren Nutzen gelegt, wäh- rend Schäden ausgeklammert wurden (vgl. Media Tenor 2007; siehe auch Arlt/Wolling in diesem Band).

4 Methodische Vorgehensweise

Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es, das Framing in der Berichterstattung über die Kernenergie nach den beiden großen Reaktorunfällen in Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) miteinander zu vergleichen. Hierzu werden die Medienframes in- nerhalb der deutschen Presseberichterstattung mittels einer Frame-Analyse nach dem Verfahren von Matthes (2007) identifiziert. Der Untersuchung werden folgende For- schungsfragen vorangestellt.

Forschungsfrage 1: Welche Frames dominieren die Darstellung der Kernenergie in der deutschen Medienberichterstattung nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl

1986?

Die größte anzunehmende Umbewertung?

37

Forschungsfrage 2: Welche Frames dominieren die Darstellung der Kernenergie in der deutschen Medienberichterstattung nach dem Reaktorunglück von Fukushima

2011?

Forschungsfrage 3: Wie unterscheiden sich die Frames zum Thema Kernenergie in der deutschen Presseberichterstattung nach Tschernobyl von denen nach Fukushi- ma? (Frame-Dynamik)

Des Weiteren soll geklärt werden, ob sich die von einigen Autoren beschriebene Pola- risierung der Standpunkte in der Kernenergiedebatte (Overhoff 1984: 5ff.; Renn 1984:

199) auch in der Berichterstattung widerspiegelt. Ist dies der Fall, würde die Berichter- stattung von zwei Hauptframes dominiert werden. 1. Einem „Pro-Kernenergie Frame“, der den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen der Atomkraft hervorhebt, eine positive oder zumindest ambivalente Bewertung beinhaltet und hauptsächlich von kon- servativen, liberalen und wirtschaftsnahen Akteuren verbreitet wird. 2. Einem „Contra- Kernenergie Frame“, der die Schäden und Risiken der Kernenergie hervorhebt, eine negative Bewertung impliziert, als Handlungsempfehlung den Ausstieg aus der Atom- energie aufzeigt und überwiegend von Sozialdemokraten, Grünen, Journalisten und Umweltaktivisten aufgespannt wird. Somit ergibt sich folgende weitere Forschungs- frage:

Forschungsfrage 4: Inwieweit wird die Berichterstattung über die Kernenergie durch zwei polarisierende Frames bestimmt?

4.1 Stichprobe und Operationalisierung der Frame-Elemente

Grundgesamtheit der Untersuchung waren alle Beiträge im überregionalen Teil der Tageszeitungen Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und Süddeutsche Zeitung (SZ), sowie im Print-Magazin Der Spiegel in den Zeiträumen vom 28.04. bis 8.06.1986 (Un- tersuchungszeitraum 1) und 11.03. bis 22.04.2011 (Untersuchungszeitraum 2), in de- nen es um das Thema Kernenergie in Deutschland ging. Die Analyse umfasst somit jeweils die sechs Wochen nach Bekanntwerden des jeweiligen Unglücks. Die unter- suchten Printmedien decken gemeinsam das so genannte publizistische Spektrum ab. Die redaktionelle Linie der FAZ ist dabei auf der konservativen Seite des Spektrums angesiedelt, während sich die SZ etwas links der Mitte befindet (Maurer/Reinemann 2006: 129f.). Der Spiegel gilt als linksliberal. Die drei Medien gehören zu den presti- geträchtigsten Printerzeugnissen in Deutschland. Andere Redaktionen orientieren sich an ihrer Berichterstattung und sie werden besonders von politisch interessierten Perso- nen gelesen, die ihr Wissen und ihre Ansichten an ihr soziales Umfeld weitergeben und somit als Meinungsführer fungieren. Es ist anzunehmen, dass den ausgewählten

38

Angela Nienierza

Untersuchungsobjekten somit eine Leitfunktion in der Berichterstattung zukommt und sie in der öffentlichen Meinungsbildung eine wichtige Rolle spielen.

Für die Frame-Analyse wurde auf eine Stichprobe von Beiträgen des jeweiligen Unter- suchungszeitraums zurückgegriffen. Die Stichprobenziehung erfolgte nach dem Ver- fahren der rollenden Woche (Maurer/Reinemann 2006: 52). Statt jede Ausgabe der Tageszeitungen zu analysieren, wurden abwechselnd in einer Woche die Ausgaben von Montag, Mittwoch und Freitag codiert und in der nächsten die Ausgaben von Dienstag, Donnerstag und Samstag. Der Spiegel wurde als Wochenmagazin vollstän- dig erhoben. Codiert wurden alle Artikel, in denen das Thema „Kernenergie in Deutschland“ behandelt wurde. Neben Äußerungen und Informationen zur Atomkraft, musste im Beitrag also auch ein klarer Bezug zur nationalen Kernkraftdebatte erkenn- bar sein.

Wie bereits erwähnt, orientiert sich die Operationalisierung der Studie an dem Vorge- hen, das Matthes und Kohring in ihren empirischen Arbeiten zur Frame-Analyse an- gewendet haben (Kohring et al. 2011; Matthes 2007, 2008; Matthes/Kohring 2008). Da diesem Vorgehen die Annahme zu Grunde liegt, dass Frames nicht a priori bestimmt, sondern erst durch das Ergebnis des Gruppierungsverfahrens ermittelt werden können, ist die Codiereinheit nicht der einzelne Frame, sondern der ganze Beitrag. Bei den in- haltlichen Merkmalen, die in dieser Untersuchung von Bedeutung waren, handelte es sich hauptsächlich um Ausprägungen der einzelnen Frame-Elemente (Problemdefiniti- on, Ursachenzuschreibung, Bewertung, Handlungsanweisung), die im Anschluss an die Inhaltsanalyse clusteranalytisch zu Frames gruppiert wurden. Ausgangspunkt der Frameanalyse waren die Urheber der Aussagen. Bei den Urhebern konnte es sich ent- weder um die Verfasser eines Textes oder um die in einem Beitrag zitierten oder para- phrasierten Akteure handeln. Pro Beitrag konnten bis zu drei Hauptakteure codiert werden. Insgesamt wurden mit diesem Vorgehen 240 Beiträge inhaltsanalytisch unter- sucht und 352 Hauptakteure identifiziert, deren Aussagen zum Thema Kernenergie verschlüsselt wurden und in die Clusteranalyse mit eingingen (Tabelle 1). Dabei ent- fallen 138 Artikel auf den Zeitraum nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 und 102 Beiträge auf den nach dem Unglück in Fukushima im Jahr 2011.

Die größte anzunehmende Umbewertung?

39

Tabelle 1:

Verteilung der codierten Artikel und Hauptakteure

1986

2011

 

Beiträge

Hauptakteure

Beiträge

Hauptakteure

n

n

n

n

SZ

65

94

46

63

FAZ

63

98

41

51

Spiegel

10

21

15

25

Summe

138

213

102

139

Um ein Kategoriensystem zum Thema Kernenergie in Deutschland zu entwickeln, wurde zunächst eine kleine Auswahl relevanter Beiträge aus beiden Untersuchungs- zeiträumen zufällig ausgewählt, vorgegebene Frame-Elemente den einzelnen Katego- rien zugeordnet und notiert. Darüber hinaus wurden zur Kategorienbildung bereits vor- liegende Inhaltsanalysen der Berichterstattung über Kernenergie herangezogen (v.a. Kepplinger 1988, 1989; Muller 1988). In Tabelle 2 wird dargestellt, welche inhaltsana- lytischen Kategorien und Ausprägungen den einzelnen Frame-Elementen in der vorlie- genden Studie zugeordnet werden.

4.2 Methodische Vorgehensweise bei der Clusteranalyse

Vor der Clusteranalyse wurde die Liste der 50 unterschiedlichen Hauptakteure zu sie- ben Gruppen zusammengefasst: Regierungslager (christdemokratisch-liberales Lager), Oppositionslager (sozialdemokratisch-grünes Lager), Wirtschaftsvertreter, Journalis- ten/Medien, Wissenschaftler/Experten, Naturschutzverbände/Anti-AKW-Bewegung und zentrale Einrichtungen/Institutionen/Kommissionen. Die Clusteranalyse wurde nicht auf Beitragsebene und pro Akteur (erster, zweiter und dritter Akteur), sondern über alle Akteure hinweg durchgeführt. Somit lassen sich auch die Frames innerhalb eines Beitrags miteinander vergleichen.

40

Angela Nienierza

Tabelle 2:

Operationalisierung der Frame-Elemente

Frame-Element

Variable

Ausprägungen (Auswahl)

Problem-

Hauptthema Kernenergie allgemein, Kernenergie in Deutschland, Reak- torunfall/GAU/Störfall, Sicherheit/Risiken von Kernenergie und AKWs allgemein, Entsorgungsproblematik/Zwischen- und Endlagerung/ Wiederaufbereitung, einzelne AKW, Atompolitik (allgemein), Ausstieg, Laufzeitverlängerung, Brückentechnologie/Energiewende, Moratorium der Lauf- zeitverlängerung, Energiepolitik (allgemein), Energiever- sorgung und kosten

definition

Nutzenbewertung & Schadensbewertung

wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch, persönlich, öko- logisch, sozial, gesundheitlich

Ursachenzu-

Verantwortungs-

Akteure/Institutionen, politische, wirtschaftliche, gesell- schaftliche, kulturelle, natürliche, technische Ursache/n, Zufall

schreibung

zuschreibung für Nutzen

und Schaden

(moralische)

Bewertung der Kernenergie in Deutschland Risiko in Deutschland Auswirkungen auf Kern- energienutzung in Deutschland

negativ, ambivalent, positiv

Bewertung

Unfall auch in Deutschland möglich, Unfall in Deutsch- land nicht möglich

Unfall hat Konsequenzen/hat keine Konsequenzen

Handlungs-

Forderung/

sofortiger Ausstieg, mittelfristiger Ausstieg, Beibehaltung der Kernenergie, Ausbau der Kernenergie, Nutzung als Brückentechnologie, Beibehaltung der Laufzeitverlänge- rung, Rücknahme der Laufzeitverlängerung, Energiewen- de, Umstieg auf erneuerbare Energien, Umstieg auf Koh- le/Erdgas, Reduktion des Energieverbrauchs, Sicherheitsüberprüfung, Sicherheitstechnik, Abschalten

empfehlung

Ablehnung

eines AKW, Suche nach Endlager, internationale Regeln

Anmerkung: Die in den Clusteranalysen verwendeten Variablen wurden fett markiert. Davon wurden folgende Variablen nur 1986 verwendet: Beibehaltung der Kernenergie, Baustopp, internationale Re- geln. Ausschließlich in die Clusteranalyse mit den Daten von 2011 sind eingegangen: Moratorium, wirt- schaftlicher Schaden, Beibehaltung der Laufzeitverlängerung und Rücknahme der Laufzeitverlängerung.

Zur Bestimmung der Frames wurden insgesamt zwei Clusteranalysen 0F 1 mit insgesamt 352 Fällen durchgeführt. Dafür galt es zunächst die Variablen auszuwählen, die in die Clusteranalyse einbezogen werden sollten. 1F 2 Dazu mussten für alle ursprünglichen (überwiegend nominal skalierten) Variablen binäre Kategorien erstellt werden. Da sich die Anzahl der Variablen durch dieses Vorgehen stark erhöht, wurden aus statistischen

1 Eine Clusteranalyse pro Untersuchungszeitraum.

2 Die durchschnittliche Intercodiererreliabilität wurde nach Holsti berechnet. Für die inhaltlichen Kate- gorien auf Beitragsebene lag sie bei r H =.88 und bei den Variablen auf Akteursebene bei r H =.93.

Die größte anzunehmende Umbewertung?

41

Gründen nur die Variablen in die Clusteranalyse aufgenommen, deren Häufigkeit über fünf Prozent2F 3 lag. Variablen mit einer geringeren Häufigkeit haben ohnehin praktisch keinen Einfluss auf die Bildung der Cluster und konnten deshalb vernachlässigt wer- den (Matthes/Kohring 2008: 268).

Die Variablen der beiden Dimensionen Verantwortungszuschreibung Schaden und Verantwortungszuschreibung Nutzen erwiesen sich hierbei als problematisch. Die Fallzahlen waren so gering, dass sie vollständig aus der Analyse ausgeschlossen wur- den. Auch von den sechs Nutzen- und den neun Schadensdimensionen konnten auf- grund zu geringer Häufigkeit nur wenige Variablen verwendet werden. Da es bei der vorliegenden Studie hauptsächlich darum geht, die dominanten Frames der Berichter- stattung zu identifizieren, wurden auch nur die Akteursgruppen in die Clusteranalyse mit einbezogen, deren Anteil an allen Akteuren über fünf Prozent lag. Somit wurden Akteure von Naturschutzverbänden und Anti-AKW-Bewegung sowie von zentralen Einrichtungen/Institutionen/Kommissionen ausgeschlossen.

Den größten Anteil an den in die Analyse eingehenden Variablen haben die Hand- lungsempfehlungen. Das bedeutet, dass dieses Frame-Element auf die Bildung der Cluster einen besonders großen Einfluss hat. Was aber durchaus gerechtfertigt er- scheint, weil Handlungsempfehlungen und geforderte Maßnahmen ein wichtiger Teil der politischen Debatte über die Kernenergienutzung in Deutschland sind und mit poli- tischer Haltung und moralischer Bewertung des Sachverhalts eng verknüpft sind.

Als Distanzmaß für die Clusteranalyse wurde im vorliegenden Fall die quadrierte euk- lidische Distanz gewählt und als Fusionierungsmethode die Ward-Methode. Sie gilt als ein guter Fusionierungsalgorithmus, um möglichst homogene Partitionen mit annä- hernd gleicher Größe zu finden (Backhaus et al. 2011: 426; Breckenridge 2000: 281). Zur Bestimmung der geeigneten Clusterzahl wurde das Ellenbogenkriterium herange- zogen. Dafür wird in einer Grafik die Heterogenitätsentwicklung3F 4 und die jeweilige Clusteranzahl abgetragen (je weniger Cluster gebildet werden, desto heterogener sind diese). Ist ein Sprung (Elbow) in der Kurve der Heterogenitätsentwicklung erkennbar, so kann dies als Entscheidungskriterium genutzt werden (Backhaus et al. 2011: 444). Die Grundlage der Clusteranalysen bilden die Akteure mit den jeweils zugehörigen

3 Gemeint ist die prozentuale Häufigkeit einer Ausprägung bemessen an allen Akteure eines Untersu- chungszeitraums.

4 Damit ist die Veränderung des Heterogenitätsmaßes alternativer Clusterlösungen gemeint, dass in der von SPSS nach der Clusteranalyse ausgegebenen Zuordnungsübersicht in der Spalte „Koeffizienten“ angegeben ist (Backhaus 2011: 436f.).

42

Angela Nienierza

Codierungen der Frameelemente. Die Analysen beruhen somit zum einen auf 213 Fäl- len aus dem Jahr 1986 und zum anderen auf 139 codierten Fällen aus dem Jahr 2011. Nach dem oben beschriebenen Kriterium konnten für jeden der beiden Untersuchungs- zeiträume vier Cluster identifiziert werden, die im Folgenden als Frames interpretiert werden.

5

Ergebnisse

Die Intensität der Berichterstattung nahm in beiden Zeiträumen einen unterschiedli- chen Verlauf. Nach Tschernobyl stieg sie erst in den darauffolgenden Wochen deutlich an und erreicht in der dritten Woche nach dem Unglück einen ersten Höhepunkt. Nach dem Unglück in Fukushima berichteten die untersuchten Medien hingegen in der ers- ten Woche am häufigsten. In der zweiten Woche nahm die Intensität der Berichterstat- tung allerdings wieder deutlich ab und blieb im restlichen Untersuchungszeitraum rela- tiv konstant. Insgesamt weisen diese Zahlen darauf hin, dass der Unfall von Fukushima zwar zu einem deutlich schnelleren, jedoch fast genauso intensiven Aufgreifen der nationalen Kernenergiedebatte in den Medien geführt hat, wie es auch nach Tscherno- byl festgestellt wurde.

5.1 Medienframes in der Berichterstattung nach Tschernobyl (1986)

Die Beschreibung der berechneten Cluster als Frames erfolgt anhand der Mittelwerte der in die Berechnung eingegangenen Variablen (Tabelle 3 und 4). Da die ursprüngli- chen Variablen dichotomisiert wurden, kann der Mittelwert jeweils zwischen den Wer- ten 0 und 1 liegen. Bei der Interpretation der einzelnen Cluster als Frames müssen die- jenigen Variablen berücksichtigt werden, die innerhalb eines Clusters die höchste mittlere Ausprägung aufweisen. Zudem sollte beachtet werden, in welchem der jeweils vier Cluster eine Variable ihren höchsten Mittelwert erreicht (Matthes 2007: 245; Matthes/Kohring 2004: 67). Die in der Tabelle ausgewiesen Mittelwert lassen sich somit wie Prozentwerte interpretieren: Ein Mittelwert von 0,74 bei der Variablen nega- tive Bewertung in Cluster 1 (Tabelle 3) ist demnach wie folgt zu lesen: 74 Prozent der Akteure aus Cluster 1 haben die Kernenergie negativ bewertet.

Frame T1: Atomausstieg (n=65; 31%)

Das erste Cluster lässt sich als Ausstiegs-Frame interpretieren. Mit einem Anteil von 31 Prozent ist er der häufigste Frame in der Berichterstattung nach dem Reaktorun- glück von Tschernobyl. Er beinhaltet überwiegend die Sichtweise von Akteuren aus dem Oppositionslager (85%), die in erster Linie den Ausstieg aus der Kernenergie

Die größte anzunehmende Umbewertung?

43

thematisieren (49% aller Problemdefinitionen). Kennzeichnend für diesen Frame sind vor allem die geforderten Maßnahmen. Sie hängen eng mit der thematisierten Prob- lemdefinition Atomausstieg zusammen: 38 Prozent der Akteure aus Frame T1 verlan- gen einen mittelfristigen und knapp ein Drittel (32%) den sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie. Außerdem wird in 34 Prozent der Fälle das Abschalten eines bestimmten AKWs für notwendig erklärt. Der Fokus der geforderten Maßnahmen liegt demnach eindeutig auf dem Atomausstieg und dem Abschalten deutscher Atomkraftwerke. Al- ternativen zur Kernenergie, wie beispielsweise der Umstieg auf erneuerbare Energien oder fossile Energieträger (z.B. Kohle oder Gas), werden hingegen nur selten vorge- bracht. Auch Maßnahmen, die indirekt mit einem Ausstieg aus der Kernenergie zu- sammenhängen, wie bspw. Energiewende oder Reduktion des Energieverbrauchs, werden von der Mehrheit der Akteure dieses Frames weder explizit noch implizit ge- fordert.

Auf der einen Seite fokussiert der Frame somit ganz deutlich das Ende der Nutzung der Kernenergie und fordert den Atomausstieg. Auf der anderen Seite werden jedoch keine spezifischen Umsetzungsmöglichkeiten und Perspektiven für die zukünftige Energieversorgung aufgezeigt. Die Ausstiegsdebatte wird hier sehr verkürzt darge- stellt. So spielt die Schadens- und Nutzendimension bei diesem Frame ebenfalls keine bedeutende Rolle: weder Verzichts- noch Nutzungsrisiken werden von den Akteuren konkret benannt. Eine Einschätzung über das Risiko für einen ähnlichen Unfall in Deutschland wird von den entsprechenden Akteuren kaum geäußert. Hier hätte man annehmen können, dass diese Einschätzung zur Unterstützung der eigenen Position als Argument herangezogen wird. Insgesamt bewerten die Akteure die Kernenergie jedoch fast ausnahmslos negativ (74%).

Frame T2: unverantwortbares Risiko (n=43; 20%)

In diesem Frame liegt der Fokus deutlich auf den negativen Eigenschaften der Atom- kraft. Verwendet wird er von Akteuren aus unterschiedlichen Gruppen (Opposition, Journalisten, Wissenschaftler), die der Kernenergie fast ausschließlich kritisch gegen- überstehen: 93 Prozent von ihnen bewerten die Kernenergie entweder eher negativ oder sehr negativ. Thematisch geht es überwiegend um die Kernenergie in Deutsch- land allgemein (49%) und die Sicherheit der Kernenergie (26%). Entsprechend werden Schäden durch Katastrophen, Unfälle und Störfälle in einem AKW von über der Hälf- te der Akteure thematisiert und sowohl als tatsächliche als auch mögliche Schäden angesprochen. Der Frame unverantwortbares Risiko rückt vor allem die potentiellen Schäden ins Zentrum. Passend dazu hält fast die Hälfte der Akteure des Frames einen ähnlich katastrophalen Unfall in Deutschland für möglich. In Konsequenz werden der

44

Angela Nienierza

mittelfristige Ausstieg (58%), der Umstieg auf erneuerbare Energien (28%) und die Reduktion des Energieverbrauchs (21%) als Maßnahmen gefordert. Trotz ihrer eindeu- tig negativen Haltung gegenüber der Kernenergie sprechen sich die Akteure jedoch nicht für einen sofortigen Ausstieg aus. Handlungsempfehlungen, welche die Sicher- heit der Kernenergie betreffen, sind in diesem Frame nicht präsent.

Tabelle 3:

Mittelwerte der Variablen pro Cluster für Untersuchungszeitraum 1986

Frame-Element

Variable

Cluster (Frames)*

 
 

T1 (31%)

T2 (20%)

T3 (16%)

T4 (34%)

n

65

43

33

72

M

M

M

M

Problemdefinition

Atomausstieg Schaden: Gau/Unfall/Störfall Kernenergie in BRD allgemein Sicherheit der Kernenergie Atompolitik allgemein Nutzen: wirtschaftlich Nutzen: gesellschaftlich Kernenergie allgemein einzelne AKW Energieversorgung/ -kosten Nutzen: ökologisch

0,49

0,05

0,06

0,17

0,14

0,56

0,18

0,14

0,02

0,49

0,15

0,39

0,05

0,26

0

0,22

0,18

0

0,27

0,10

0,02

0,09

0,15

0,44

0

0,02

0,12

0,19

0

0,09

0,15

0,03

0,12

0

0,12

0,01

0,03

0,05

0,06

0,06

0

0,07

0,06

0,14

(Moralische) Bewertung positive Bewertung negative Bewertung ambivalente Bewertung Unfall auch in BRD möglich Unfall in BRD nicht möglich

0,02

0

0,03

0,88

0,74

0,93

0,15

0,01

0,02

0,05

0,55

0

0,05

0,42

0

0,03

0

0

0,09

0,18

Handlungsempfehlung

sofortiger Ausstieg mittelfristiger Ausstieg Beibehaltung der Kernenergie Brückentechnologie Energiewende Abschalten eines AKW AKW Baustopp erneuerbare Energien Fossile Energieträger Reduktion Energieverbrauch Sicherheitsüberprüfung Sicherheitstechnik internationale Regel

0,32

0,07

0

0

0,38

0,58

0,21

0,01

0

0,02

0,15

0,58

0

0,09

0,27

0,01

0,14

0,09

0,27

0,01

0,34

0,12

0

0

0,12

0,14

0,09

0

0,05

0,28

0,39

0,04

0,08

0,05

0,09

0,03

0,02

0,21

0,12

0,03

0,17

0,05

0,24

0,13

0,05

0,02

0,12

0,10

0,03

0,09

0,12

0,19

Anmerkung: *T1: Atomausstieg, T2: unverantwortbares Risiko, T3: Kernenergie als Übergangstechno- logie, T4: wirtschaftlicher Nutzen. Fett markiert sind jeweils die Variablen, die als relevant für das je- weilige Cluster interpretiert wurden. Da die ursprünglichen Variablen dichotomisiert wurden, kann der Mittelwert jeweils zwischen den Werten 0 und 1 liegen.

Die größte anzunehmende Umbewertung?

45

Frame T3: Kernenergie als Übergangstechnologie (n=33; 16 %)

Das dritte Cluster des ersten Untersuchungszeitraums lässt sich weder eindeutig der Pro- noch der Contra-Kernenergie-Seite zuordnen. Die Themenschwerpunkte dieses Frames liegen eindeutig im politischen Bereich. Am häufigsten wird die Atompolitik allgemein (27%) angesprochen. Dabei handelt es sich meist um die Sichtweise von Vertretern des schwarz-gelben Regierungslagers, die die Kernenergie weder eindeutig negativ noch positiv bewerten. Ein großer Anteil der Akteure dieses Frames sieht von einer Beurteilung der Kernenergie völlig ab bzw. lässt keine Haltung dazu erkennen. Kennzeichnend für diesen Frame ist die Vielzahl an unterschiedlichen Handlungsemp- fehlungen. Die geforderten Maßnahmen hängen dabei fast alle mit der Frage zusam- men, wie die Energiegewinnung in Deutschland zukünftig aussehen soll. So wird bei- spielsweise gefordert, auf erneuerbare Energien umzusteigen (39%), die Kernenergie als Brückentechnologie einzusetzen (27%) und die Energiewende zu vollziehen (27%). Außerdem wird eine Sicherheitsüberprüfung als Lösungsmöglichkeit von 24 Prozent der Akteure des Frames vorgeschlagen. Keiner der Akteure spricht sich für einen so- fortigen Ausstieg aus, rund ein Fünftel fordert jedoch den mittelfristigen Atomausstieg. Der Frame legt somit weder eine einseitige Ablehnung der Kernenergie nahe, noch spricht er sich grundsätzlich für eine Beibehaltung der Atomkraft aus. Die Kernenergie wird vielmehr als gegenwärtig unverzichtbare Energiequelle gesehen, die mittel- oder langfristig jedoch durch andere Energiequellen ersetzt werden sollte.

Frame T4: wirtschaftlicher Nutzen (n=72; 34%)

Der Frame wirtschaftlicher Nutzen zeichnet sich durch eine eindeutig positive Bewer- tung der Kernenergie aus (88%). Thematisiert werden überwiegend die Kernenergie in Deutschland allgemein oder die Sicherheit der Kernenergie. Die Akteure des Frames stammen überwiegend aus dem schwarz-gelben Regierungslager (54%) oder der Wirt- schaft (21%). Sie betonen vor allem den wirtschaftlichen Nutzen der Kernenergie (44%). In diesem Frame werden die Nutzenbereiche der Kernenergie stärker themati- siert als in den drei zuvor beschriebenen Frames. Tatsächliche oder mögliche Schäden durch einen GAU, Unfall oder Störfall in einem AKW werden nahezu nie erwähnt. Über die Möglichkeit eines katastrophalen Unfalls in Deutschland äußern sich die meisten Akteure ebenfalls nicht. Wenn, dann vertreten sie jedoch die Meinung, dass ein solcher Unfall in Deutschland nicht möglich sei. Da der Frame der Einzige ist, in dem die Mehrheit der Akteure die Beibehaltung der Kernenergie fordert (58%), kann er auch als Pro-Kernenergie-Frame bezeichnet werden.

46

Angela Nienierza

Ein Blick auf den Zeitverlauf zeigt, dass die Berichterstattung in der Woche nach dem Unfall zunächst von zwei Frames dominiert wird: dem Contra-Frame unverantwortba- res Risiko auf der einen und dem Pro-Frame wirtschaftlicher Nutzen auf der anderen Seite. Beide haben in der ersten Kalenderwoche nach dem Unglück jeweils einen An- teil von 38 Prozent. Der Frame Atomausstieg wird hingegen erst in den folgenden Wo- chen etabliert. Direkt nach dem Unfall war das Framing somit stark durch die Darstel- lung von Schäden und Nutzen der Kernenergie geprägt. Erst ab der zweiten Woche nimmt die Intensität der Frames, die konkrete Handlungsvorschläge zum weiteren Umgang mit der Kernenergie in Deutschland ins Zentrum stellen, allmählich zu und sie bestimmen fortan das Framing innerhalb der Berichterstattung. So steigt beispiels- weise der Anteil des Frames Kernenergie als Übergangstechnologie, der die zukünfti- ge Energieversorgung in Deutschland in den Fokus rückt, ab der vierten Kalenderwo- che nach dem Unfall deutlich an.

5.2 Medienframes in der Berichterstattung nach Fukushima (2011)

Frame F1: Regierungs-Frame (n=35; 25%)

Das erste Cluster des zweiten Untersuchungszeitraums beinhaltet fast ausschließlich die Sichtweise von Akteuren aus dem schwarz-gelben Lager (97%). Sie äußern sich entweder konkret zum Moratorium der Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwer- ke oder allgemeiner zur Atompolitik und der Sicherheit der Kernenergie. Im Folgenden wird dieser Frame deshalb mit dem Begriff Moratorium benannt. Weder Nutzen noch Schaden der Kernenergie werden im Kontext dieses Frames thematisiert. Mit einer eindeutig negativen oder positiven Bewertung der Kernenergie halten sich die Akteure des Frames stark zurück. Wenn überhaupt eine Bewertung erkennbar ist, fällt sie am- bivalent aus. Auf die Möglichkeit eines katastrophalen Unfalls in Deutschland wird nicht näher eingegangen. Kennzeichnend für diesen Frame ist hingegen die Forderung nach dem sofortigen Abschalten eines oder mehrerer AKW (46%) und dem Durchfüh- ren einer Sicherheitsüberprüfung deutscher Kernkraftwerke (31%). Auf andere konkre- te politische Maßnahmen, wie die Laufzeitverlängerung oder die Zukunft der Energie- gewinnung in Deutschland, wird nicht eingegangen. Es handelt sich somit um einen sehr spezifischen Frame, in dem die Debatte um die Kernenergie sehr verkürzt und fast ausschließlich aus Sicht des Regierungslagers dargestellt wird.

Die größte anzunehmende Umbewertung?

47

Frame F2: Kernenergie als Übergangstechnologie (n=42; 31%)

Mit einem Anteil von 31 Prozent ist dieser Frame der bedeutendste im zweiten Unter- suchungszeitraum. Wie der erste Frame beinhaltet auch er überwiegend die Sichtweise von Regierungsvertretern. Im Gegensatz zum Moratoriums-Frame wird die Kernener- gie hier jedoch eindeutig negativ bewertet (63%). Thematisch geht es in den Aussagen der Akteure überwiegend um den Ausstieg aus der Kernenergie. Ohne Nutzen- und Schadensbereiche oder die Möglichkeit eines Unfalls in Deutschland konkret zu the- matisieren, fordern die Akteure dieses Frames einen mittelfristigen Ausstieg aus der Kernenergie, der durch den Umstieg auf erneuerbare Energien (67%) ermöglicht wer- den soll. Darüber hinaus werden weitere Lösungsvorschläge für die zukünftige Ener- gieversorgung in Deutschland gemacht. Neben der Energiewende, werden die Förde- rung bzw. der Ausbau anderer fossiler Energien wie Kohle oder Gas und die Reduktion des Energieverbrauchs als Maßnahmen vorgebracht.

Frame F3: wirtschaftlicher Nutzen (n=30; 22%)

Im dritten Frame wird die Kernenergie aus wirtschaftlicher Perspektive betrachtet. Es äußern sich hauptsächlich Akteure aus der Wirtschaft (33%), die die Kernenergie rela- tiv allgemein im Zusammenhang mit der Kernenergienutzung in Deutschland und der deutschen Atompolitik thematisieren. Der Fokus liegt deutlich auf dem wirtschaftlichen Nutzen der Kernenergie, der von 73 Prozent der Akteure hervorgehoben wird. Auf Aussagen über mögliche oder tatsächliche Schäden wird hingegen fast vollständig ver- zichtet und auch die Frage, ob ein ähnlicher Unfall in Deutschland möglich sei, wird nicht angesprochen. Dieser Frame stellt somit ganz deutlich die positiven Aspekte der Kernenergie ins Zentrum; alles Negative wird ausgeklammert. Übereinstimmend wird die Kernenergie mehrheitlich positiv bewertet. Was die Handlungsempfehlungen be- trifft, halten sich die Akteure des Frames stark zurück. Lediglich das Festhalten an der Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke wird vergleichsweise häufig gefor- dert (27%). Eine Beibehaltung der Atomkraft wird jedoch trotz der positiven Haltung der Akteure nicht postuliert.

48

Angela Nienierza

Tabelle 4:

Mittelwerte der Variablen pro Cluster für Untersuchungszeitraum 2011

Frame-Element

Variable

Cluster (Frames)*

 
 

F1 (25%)

F2 (31%)

F3 (22%)

F4 (22%)

n

35

43

30

31

M

M

M

M

Problemdefinition

Moratorium Atompolitik allgemein Atomausstieg Nutzen: wirtschaftlich Kernenergie in BRD allgemein Schaden: wirtschaftlich Nutzen: gesellschaftlich Schaden: Gau/Unfall/Störfall Sicherheit der Kernenergie Kernenergie allgemein einzelne AKW Energieversorgung/ -kosten

0,37

0,02

0,07

0

0,23

0,07

0,17

0,13

0

0,63

0,13

0,03

0,03

0,16

0,73

0,03

0,09

0,07

0,37

0,23

0

0

0,17

0,10

0

0,05

0,13

0

0,09

0,09

0

0,68

0,23

0

0

0,39

0

0,07

0,07

0,06

0,09

0

0

0,10

0

0,05

0,10

0,03

 

positive Bewertung negative Bewertung ambivalente Bewertung Unfall auch in BRD möglich Unfall in BRD nicht möglich

0,09

0,05

0,67

0,03

(Moralische) Bewertung

0,09

0,63

0,13

0,84

0,34

0,14

0

0,03

0

0,02

0

0,39

0

0

0

0,03

 

Abschalten eines AKW Sicherheitsüberprüfung mittelfristiger Ausstieg Energiewende Alternative Energien Reduktion des Energieverbrauchs Laufzeitverlängerung Brückentechnologie erneuerbare Energien sofortiger Ausstieg Sicherheitstechnik

0,46

0,12

0,03

0,16

Handlungsempfehlung

0,31

0,02

0,10

0,26

0,09

0,91

0

0,16

0,14

0,67

0

0,13

0

0,21

0

0,03

0

0,21

0

0,06

0,03

0

0,27

0

0,03

0,05

0

0

0,09

0,40

0,07

0,06

0

0

0

0,19

0,06

0,05

0

0,16

Anmerkung: *F1: Regierungs-Frame, F2: Kernenergie als Übergangstechnologie, F3: wirtschaftlicher Nutzen, F4: unverantwortbares Risiko. Fett markiert sind jeweils die Variablen, die als relevant für das jeweilige Cluster interpretiert wurden. Da die ursprünglichen Variablen dichotomisiert wurden, kann der Mittelwert jeweils zwischen den Werten 0 und 1 liegen.

Frame F4: unverantwortbares Risiko (n=31; 22%)

Beim vierten Frame liegt der Fokus auf den negativen Aspekten und den Risiken der Kernenergie. Deshalb wird er äquivalent zu Frame T2 aus dem ersten Untersuchungs- zeitraum benannt. Postuliert wird er vor allem von Journalisten und Medienakteuren (35%), in deren Aussagen es vor allem um die Sicherheit der Atomkraft geht. Vor al-

Die größte anzunehmende Umbewertung?

49

lem der Schadensbereich GAU/Unfall/Störfall wird hier stärker thematisiert als in je- dem anderen Frame, während möglicher oder tatsächlicher Nutzen der Kernenergie aus der Darstellung ausgeklammert wird. Kennzeichnend ist dabei vor allem die Einschät- zung des Risikos eines Unfalls in Deutschland: 39 Prozent der Akteure halten eine ähnliche Katastrophe für möglich. In keinem der anderen Frames wird dieser Aspekt thematisiert. Dementsprechend wird die Kernenergie innerhalb dieses Frames deutlich negativ bewertet. Dazu passend werden vor allem Maßnahmen aus dem Bereich der Sicherheit gefordert und/oder für sinnvoll betrachtet. Vergleichsweise häufig wird auch der Ausstieg aus der Atomkraft innerhalb dieses Frames als Handlungsempfeh- lung vorgebracht.

5.3 Das Framing der Kernenergie im Vergleich

Beim Vergleich der identifizierten Medienframes aus beiden Zeiträumen fällt zunächst auf, dass sich die Argumentationsmuster stark ähneln was aufgrund der vielen Ge- meinsamkeiten der beiden Schlüsselereignisse zu erwarten war. Drei von vier Frames stimmen in ihren Kernaussagen und ihrem evaluativen Urteil weitestgehend überein. So konnten die Frames unverantwortbares Risiko, wirtschaftlicher Nutzen und Atom- ausstieg in beiden Untersuchungszeiträumen identifiziert werden. Unterschiede lassen sich vor allem bei den geforderten Maßnahmen ausmachen. Während die Forderung nach einer Beibehaltung der Kernenergie 1986 beispielsweise noch Teil des Pro- Kernenergie-Framings war, scheint diese Forderung im Jahr 2011 auch für Befürwor- ter der Kernenergie keine vertretbare Option mehr zu sein. Stattdessen geht es den ent- sprechenden Akteuren nur noch um eine Beibehaltung der Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke.

Ein deutlicher Unterschied zeigt sich jedoch beim Blick auf die Akteursgruppen und die von ihnen verwendeten Frames. Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl war noch eine klare Polarisierung der Standpunkte zwischen Vertretern der Regierungspar- teien und der Opposition erkennbar. Die beiden Frames wirtschaftlicher Nutzen und Kernenergie als Übergangstechnologie wurden überwiegend von Akteuren der schwarz-gelben Bundesregierung verwendet, die auch nach den dramatischen Ereig- nissen weiter an der Kernenergie festhalten wollten. Die beiden kernenergiekritischen Frames aus dem ersten Untersuchungszeitraum wurden hingegen überwiegend von Akteuren der rot-grünen Opposition in den Diskurs eingebracht. Im zweiten Untersu- chungszeitraum stellt sich die Situation grundlegend anders dar: Die Akteure des schwarz-gelben Regierungslagers haben den Ausstiegs-Frame zu ihrem eigenen ge- macht und der Pro-Kernenergie-Frame wirtschaftlicher Nutzen wird nach den Unglück

50

Angela Nienierza

von Fukushima fast ausschließlich von Wirtschaftsakteuren vertreten und nicht mehr von Politikern der Union und FDP (siehe auch Arlt/Wolling in diesem Band)

Dem Oppositionslager gelingt es nach der Katastrophe in Fukushima dagegen nicht, einen eigenen Frame in der Berichterstattung zu etablieren. Die schwarz-gelbe Koaliti- on hat hier politisch geschickt agiert und die unvermeidliche Forderung der kernener- giekritischen Opposition nach einem baldigen oder sofortigen Ausstieg vorwegge- nommen und zu ihrem eigenen Standpunkt gemacht. Auch zeigen die Ergebnisse der vorliegenden Analyse, dass das Framing der Kernenergie nach Fukushima in den ana- lysierten Nachrichtenmedien deutlich durch das schwarz-gelbe Lager dominiert wurde. Mit dem Moratorium-Frame konnten CDU/CSU und FDP sogar noch eine weitere eigene Perspektive in der Berichterstattung platzieren.

Des Weiteren zeigte sich, dass der Anteil an kernenergiekritischen Frames in den ana- lysierten Medien deutlich überwiegt. In beiden Untersuchungszeiträumen konnten je zwei Frames identifiziert werden, die eine eindeutig negative Bewertung der Kern- energie vornehmen. Der Anteil dieser Frames lag nach beiden Katastrophen bei knapp über 50 Prozent. Allerdings verliert der Frame wirtschaftlicher Nutzen, der als einziger eine deutlich positive Bewertung der Kernenergie nahelegt, in den untersuchten Medi- en an Einfluss. In der Stichprobe von 1986 wurde er am häufigsten verwendet (34% aller Akteure), nach Fukushima wird er nur noch von knapp einem Fünftel der erfass- ten Hauptakteure zur Darstellung der Kernenergie benutzt.

Zusammenfassend betrachtet fällt auf, dass sich die Grundpositionen und Hauptargu- mente der Debatte nicht wesentlich geändert haben. Sowohl nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl als auch nach Fukushima sind zwei gegensätzliche Standpunkte er- kennbar. Diese Polarisierung bestimmt seit jeher die Kernenergiedebatte in Deutsch- land. Doch obwohl die Deutungsmuster auf den ersten Blick insgesamt eher unspezi- fisch und zeitlich stabil erscheinen, machen sich, vor allem wenn es um Lösungs- möglichkeiten und Handlungsempfehlungen geht, deutliche Unterschiede bemerkbar. Erscheinen die Forderungen der Kernenergiegegner in der Berichterstattung unmittel- bar nach Tschernobyl nur schwer umsetzbar und stark von umweltpolitischen Ideolo- gien geprägt, so wird in der Debatte nach Fukushima deutlich, dass ihr bereits eine jahrzehntelange Kontroverse um den Atomausstieg vorausgegangen ist, in deren Rah- men sich konkrete Handlungsoptionen herauskristallisiert haben, die sich stärker an den realpolitischen Gegebenheiten orientieren. Zudem hat die technische Weiterent- wicklung in dieser Zeitspanne, die Nutzung von regenerativen Energien in größerem Umfang möglich gemacht.

Die größte anzunehmende Umbewertung?

51

6

Diskussion

Die vorliegende Studie analysierte das mediale Framing der Kernenergiedebatte in Deutschland nach den beiden Reaktorunglücken in Tschernobyl und Fukushima. Dabei wurden Frames auf der Grundlage von Entmans (1993) Frame-Definition und Matthes Framing-Konzept bestimmt. Es wurde untersucht, welche Frames in der Berichterstat- tung zu identifizieren sind (Forschungsfrage 1 + 2), inwieweit sich das Framing nach den Schlüsselereignissen voneinander unterscheidet (Forschungsfrage 3) und ob es von zwei polarisierenden Frames bestimmt wird (Forschungsfrage 4). Es zeigte sich, dass die Berichterstattung in beiden Untersuchungszeiträumen von je vier Frames dominiert wurde, die den Diskurs über das Thema Kernenergie widerspiegeln. Inhaltlich ging es vorrangig um die politische Debatte über die zukünftige Nutzung der Kernenergie in Deutschland, wobei vor allem die Diskussion um den Atomausstieg das mediale Fra- ming nach beiden Unfällen bestimmte. Allerdings wurde die Kontroverse sehr verkürzt dargestellt. Nutzen- und Schaden wurden nicht so häufig thematisiert, wie es zu erwar- ten gewesen wäre. Das Aufzeigen von Vor- und Nachteilen der Kernenergie be- schränkte sich auf die Darstellung der tatsächlichen und möglichen Schäden durch einen Reaktorunfall und die Betonung ihres wirtschaftlichen Nutzens. Des Weiteren stellten überwiegend politische Akteure ihre Sichtweise zur Kernenergie dar. Die be- reits in anderen inhaltsanalytischen Studien festgestellte Tendenz zur Politisierung der Berichterstattung über Kernenergie spiegelt sich somit auch in den hier ermittelten Medienframes wider.

Beim Vergleich des Framings beider Untersuchungszeiträume wurde deutlich, dass sich die Frames in ihrer Struktur und Grundhaltung kaum verändert haben. Bei den hier identifizierten Frames handelt es sich somit um Strukturen, die zeitlich verhält- nismäßig stabil sind. Allerdings ist an dieser Stelle der Stichprobencharakter der vor- liegenden Untersuchung zu berücksichtigen, mit dem eine umfassende Beschreibung der Frame-Dynamik kaum geleistet werden kann. Um Veränderung und Entwicklung der Frames im Zeitverlauf untersuchen zu können, müssten Analysen in kürzeren Ab- ständen und/oder für einen größeren Zeitraum durchgeführt werden.

Nichtsdestotrotz konnte die vorliegende Studie zeigen, dass das von Matthes und Koh- ring (2004, 2008) vorgeschlagene Verfahren zur Analyse von Medienframes durchaus geeignet ist, bestimmte Deutungsmuster in der Berichterstattung zu identifizieren und gegeneinander abzugrenzen. Die von Entman (1993) vorgeschlagenen Frame- Elemente konnten mit den induktiv entwickelten Kategorien operationalisiert werden, was die Erfassung der Medienframes nicht nur vereinfacht hat, sondern auch zu Er- gebnissen von hoher Reliabilität führte. Darüber hinaus ließen sich die identifizierten

52

Angela Nienierza

Frames anhand der Mittelwerte der Variablen klar voneinander abgrenzen und sinnvoll interpretieren. Die Variablen „Bewertung der Kernenergie“ und „Handlungsempfeh- lung“ waren für die Charakterisierung der Frames von besonders großer Bedeutung.

Insgesamt konnte gezeigt werden, dass der Unfall im Atomkraftwerk Fukushima ähn- lich schnell zu einer vergleichbar intensiven nationalen Kernenergiedebatte in den Me- dien geführt hat, wie es nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl der Fall war. Das Framing der Debatte ist in beiden Untersuchungszeiträumen sehr ähnlich und unter- scheidet sich nur durch wenige Modifikationen der Frames, bedingt durch veränderte politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Die mediale Debatte über die Kernenergie beinhaltet demnach sehr stabile Deutungsmuster, auf welche die unter- schiedlichen Schlüsselereignisse keinen erkennbaren Einfluss hatten. Strukturell weist das Framing der Kernenergiedebatte nach beiden Reaktorkatastrophen eine deutliche Polarisierung der Standpunkte auf.

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Oldenbourg.

Vertrauensverlust in die Kernenergie

Eine historische Frameanalyse

Jens Seiffert & Birte Fähnrich

1

Einleitung

Das 13. Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes vom 31. Juli 2011 stellte eine Zäsur in der deutschen Atompolitik dar. Hatte die ehemalige rot-grüne Regierung im Jahr 2002 den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen und damit die Abschaltung der deut- schen Atommeiler bis 2020 festgelegt, so war dieser Ausstiegstermin durch die Novel- lierung vom 28. Oktober 2010 von der schwarz-gelben Bundesregierung verschoben worden, ohne aber den Atomausstieg grundsätzlich in Frage zu stellen. Mit der erneu- ten Gesetzesänderung vollzog die schwarz-gelbe Bundesregierung jedoch binnen we- niger Monate eine erneute Kehrtwende in der Energiepolitik. Als Reaktion auf die dramatischen Ereignisse von Fukushima wurden die Laufzeiten der Kernkraftwerke noch stärker verkürzt als dies 2002 durch Rot-Grün vorgesehen gewesen war.

Die Katastrophe von Fukushima war zweifelsohne eine der größten in der Geschichte der Kernenergie und wurde auf der internationalen Bewertungsskala für nukleare Er- eignisse (INES) in die höchste Kategorie eingeordnet. Im Hinblick auf die freigesetzte Strahlung und die Zahl der unmittelbar betroffenen Personen reichte Fukushima jedoch nicht an die Ausmaße und Folgen des Unglücks von Tschernobyl heran. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum es trotz des wesentlich höheren Schadens und der unmittelbaren Gefahr für Deutschland durch radioaktiven Fallout nicht bereits 1986 zu einem Umbruch in der Atompolitik kam und worauf der radikale Richtungs- wechsel im Jahr 2011 zurückzuführen ist.

56

Jens Seiffert & Birte Fähnrich

In diesem Beitrag wird eine wesentliche Ursache für den politischen Kurswechsel in der Etablierung eines alternativen gesellschaftlichen Vertrauensframes gesehen. Auch wenn die Entstehung eines solchen Alternativframes sich bereits nach früheren nuklea- ren Störfällen beobachten lässt, etwa 1957 im britischen Windscale sowie zeitgleich im sowjetischen Kyschtym oder 1979 im US-amerikanischen Harrisburg (Seiffert 2014), ist es vor allem die Katastrophe von Tschernobyl, die in Deutschland einen kritischen Kernenergiediskurs ins Rollen bringt. Mit Hilfe der Ergebnisse einer vergleichenden historischen Frameanalyse soll gezeigt werden, dass sich der Alternativframe 1986 noch nicht gegenüber dem dominierenden kernenergiefreundlichen Frame stabilisieren konnte. Die Ereignisse von Fukushima führten jedoch zu einem Erstarken der „kriti- schen Alternative“ (Luhmann 2000) und damit zum Vertrauensverlust in die Kern- energie, der den rasanten Kurswechsel der deutschen Bundesregierung begründete.

2 Kernenergie als öffentliches Vertrauensproblem

Die Katastrophe von Fukushima unter dem Blickwinkel des öffentlichen Vertrauens zu behandeln, ist aus mehreren Gründen konsequent. Das Tōhoku-Erdbeben und der dadurch ausgelöste Tsunami waren Gefahren, deren inhärente Unsicherheiten sich durch Vertrauen nicht reduzieren ließen. Die anschließende Kernschmelze in den Re- aktoren des Kernkraftwerkes Fukushima-Daichii war im Gegensatz dazu ein Risiko. „Der Unterscheidung von Risiko und Gefahr liegt ein Attributionsvorgang zugrunde, sie hängt also davon ab, von wem und wie etwaige Schäden zugerechnet werden. Im Falle von Selbstzurechnung handelt es sich um Risiken, im Falle von Fremdzurech- nungen um Gefahren” (Luhmann 1990: 148). Luhmanns (2000: 27 ff.) Prämisse, nach der Vertrauen eine „riskante Vorleistung“ ist, wird augenfällig, wenn man realisiert, dass in Bezug auf die zivile Nutzung der Kernenergie gesellschaftlich auch anders hät- te gehandelt werden können. Die Entscheidungen der Bundesregierung, die Kernener- gie (nicht mehr) zur Stromerzeugung zu verwenden, waren folglich Vertrauensent- scheidungen par excellence. Sie waren riskant, sie reflektierten gesellschaftliche Erfahrungen und verfestigten damit in die Zukunft gerichtete Erwartungsstrukturen (Luhmann 2000).

Fukushima war aber nicht nur ein individuelles Vertrauensproblem für Entschei- der/innen, sondern aus zwei Gründen auch ein dezidiertes Problem öffentlichen Ver- trauens (Bentele 1994). Erstens führt die Ablehnung der Kernenergie nicht dazu, dass man sich ihr entziehen kann. Auch wenn man persönlich auf die Nutzung von Kern- energie verzichten möchte, sind Kernkraftwerke ein Faktum, über das nicht nach Maß- gabe persönlicher Prämissen verfügt werden kann. Die Entscheidung für oder gegen

Vertrauensverlust in die Kernenergie

57

Kernenergie war/ist eine riskante Vertrauensentscheidung mit kollektiver Bindewir- kung. Zweitens sind der persönlichen Erfahrung mit Kernenergie physische Grenzen im Rahmen der menschlichen Sinneswahrnehmung gesetzt, was die Bildung von Er- wartungsstrukturen auf Basis derselben erschwert. Gerade die Einschätzung der Gefah- ren und Risiken radioaktiver Strahlung erfolgt nicht aufgrund individueller Erfahrun- gen, da sich Strahlung lediglich indirekt anhand ihrer Wirkungen beobachten lässt. Und selbst solche Wirkungen, bspw. vermehrte Krebserkrankungen, sind niemals zweifelsfrei kausal zurechenbar. So können auch Menschen an Krebs erkranken, die Zeit ihres Lebens nur natürlicher Hintergrundstrahlung ausgesetzt gewesen sind.

Es wird deutlich, dass die zivile Nutzung der Kernenergie ein öffentliches Vertrauens- problem darstellt, das mit Hilfe kollektiv bindender Entscheidungen durch die Politik für die gesamte (deutsche) Gesellschaft entschieden werden muss. Die politische Ent- scheidung nach Fukushima, aus der zivilen Nutzung der Kernenergie innerhalb eines festgelegten Zeitraums auszusteigen, stellte somit eine Vertrauensentscheidung dar. Die Bundesregierung antizipierte einen möglichen Vertrauensverlust auf Seiten der Wählerinnen und Wähler und entzog der Kernenergie (und damit verbunden der Atom- industrie) deshalb die license to operate (Coombs/Holladay 2007).

Das öffentliche Vertrauen in die Kernenergie ist in Deutschland eine Geschichte des zunehmend schwieriger werdenden Erhalts von Vertrauen 4F 1 bzw. ein Prozess stetig zunehmender Vertrauensinflation. „Zu Inflationen kommt es, wenn die Kommunikati- on ihr Vertrauenspotential überzieht, das heißt: mehr Vertrauen voraussetzt, als sie erzeugen kann” (Luhmann 2009b: 383). Inflation und Deflation sind generell Probleme für die Vertrauenskapazität von Vertrauensobjekten. Sie sind kein Spezifikum der Kernenergie als technischem System, sondern auch der Personen und sozialen Syste- me, die mit ihrer Nutzung assoziiert werden. Am Beispiel der Kernenergie wird deut- lich, wie diffizil die Aufrechterhaltung langfristiger Erwartungsstrukturen ist, wenn sich Vertrauen nicht personalisieren lässt (Luhmann 2009b: 313) und eine Rückkopp- lung an persönliche Erfahrbarkeit fehlt. Sicherlich kann man die Kernenergie dadurch wahrnehmbar machen und personalisieren, dass man an geführten Besichtigungen von Kernkraftwerken teilnimmt oder ins Katastrophengebiet von Tschernobyl reist. Trotz- dem sind dies lediglich Erfahrungen begrenzter Reichweite, da derlei Kontakte mit Kernenergie in strikt vorgefertigten Szenarien ablaufen und die Risiken klar begrenzt und kontrollierbar erscheinen. Die eigentliche Funktionsweise der Technologie und

1 Luhmann (2009b: 384) verwendet diese Formulierung in Die Gesellschaft der Gesellschaft in Bezug auf Grenzfälle des Korrekturversagens.

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Jens Seiffert & Birte Fähnrich

ihre Risiken sind nicht unmittelbar erfahrbar, so dass Menschen zumeist auf medial vermittelte Informationen zur Bewertung von Atomkraft zurückgreifen. Die Rationali- sierung des Risikos Kernenergie ist immer auf die Vermittlung in der Öffentlichkeit angewiesen. Oder, um es mit Luhmann (2009a: 9) zu sagen:

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Das gilt nicht nur für unsere Kenntnis der Gesellschaft und der Geschichte, sondern auch für unsere Kenntnis der Natur. Was wir über die Stra- tosphäre wissen, gleicht dem, was Platon über Atlantis weiß: Man hat davon gehört.”

Eine besondere Rolle spielen in diesem Zusammenhang mediale Frames (Scheufele 1999), die dem Einzelnen bereits eine gewisse Interpretation bestimmter Sachverhalte vorgeben. Doch neben dem Vertrauen in die Technik spielt auch das Vertrauen in jene Personen und sozialen Systeme, die für die Nutzung der Kernenergie Verantwortung tragen, eine wichtige Rolle im Prozess der Vertrauenszuschreibung. Die Abstraktheit und Komplexität der Kernenergie führt dazu, dass nicht der Technologie selbst, son- dern in erster Linie den mit der Kernenergie verbundenen Handlungsträgern vertraut wird.

Aus den hier skizzierten Eigenschaften ergeben sich zwei Konsequenzen: Erstens muss im Falle der Kernenergie auf mediale Frames (Scheufele 1999) zur Stabilisierung von Vertrauen in dieselbe zurückgegriffen werden. Individuelle Frames können dies in der Regel nicht leisten, da nur wenigen Individuen die Möglichkeit gegeben ist, direkte Erfahrungen mit Kernenergie zu machen. Zweitens wird die Synchronisierung von medial vermittelter und individuell wahrgenommener Vertrauenswürdigkeit im Laufe der Zeit immer schwieriger, da ein entsprechender Mechanismus zur Sicherstellung der notwendigen Kohärenz beider Prozesse nicht vorhanden ist. Damit wird ersichtlich, dass der Prozess der Vertrauensinflation das Vertrauen in die Kernenergie langfristig beeinflusst. Die Abstraktheit der Kernenergie führt letztlich dazu, dass mehr Vertrauen vorausgesetzt werden muss, als erzeugt werden kann.

Goffman (1974) spricht von sozialen Frameworks als einer Art Ordnungsmechanismus für Wahrnehmung und Erfahrung. Framing als Mechanismus und Prozess wird auch dann wirksam, wenn es um die Zuschreibung von Vertrauenswürdigkeit gegenüber sozialen Systemen geht in diesem Fall der Kernenergie und ihrer (zivilen) Nutzung. Bereits auf der Ebene persönlicher Interaktionen gilt, dass Vertrauen nicht einfach ge- geben ist oder schnell entsteht. Eine Reihe aneinander anschließender zwischen- menschlicher Interaktionen ist notwendig, um Personen über Vertrauen aneinander zu binden. Ähnlich verhält es sich auf der abstrakteren Ebene medialer Frames. Über die Konstruktion einer massenmedialen Realität werden Erfahrungen über lange Zeiträu-

Vertrauensverlust in die Kernenergie

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me geordnet und gespeichert. Mit Blick auf die Vertrauenswürdigkeit der Kernenergie müssen diese ständig aktuell gehalten werden, um den potenziell vertrauenden Perso- nen die Beobachtung derselben zu ermöglichen. Denn anders als die Folgen persönli- cher Interaktionen, die man unter Umständen sofort beobachten kann, können die Ef- fekte der Kernenergie erst nach langen Zeiträumen beobachtet und unter dem Vertrauensgesichtspunkt beurteilt werden.

3

Methodik

Die Untersuchung der Langzeiteffekte von Diskursen ist für die Kommunikationswis- senschaft diffizil. Der entscheidende Wirkungszusammenhang, der sich ergibt, wenn Personen jahrelang einem Diskurs ausgesetzt sind, lässt sich nicht erfassen, weder durch Befragungen noch durch Inhaltsanalysen. Wenn Rezipienten zu ihrer eigenen Wahrnehmung medialer Diskurse befragt werden, ist zu erwarten, dass sie den aktuell vorhandenen Status quo rationalisieren. Man war entweder schon immer Befürworter oder schon immer Gegner der Kernenergie und legt sich für die jeweilige Position Be- gründungen zurecht. Auch mit den Methoden einer systematischen quantitativen In- haltsanalyse kann über lange Zeiträume hinweg keineswegs sichergestellt werden, dass die erhobenen Wirkungen auf Seiten der Vertrauenssubjekte wirklich ihre Ursa- chenentsprechungen in den untersuchten Kommunikaten haben. Die retrospektive Wahrnehmung von Vertrauen ist eliminierte Kontingenz, reduzierte Komplexität, die im Rückblick die einzig mögliche, weil realisierte, Option war. Deswegen soll und kann hier nicht die Medienwirkung auf das Vertrauen der Rezipienten untersucht wer- den. Vielmehr wird eine andere Herangehensweise zur Analyse des Vertrauens in die Kernkraft gewählt: Die empirische Studie analysiert die Bedingungen von Vertrau- ensaufbau in der medialen Berichterstattung und untersucht dazu in Anlehnung an Entman (1993) mediale Frames.

“Whatever its specific use, the concept of framing consistently offers a way to describe the power of a communicating text. Analysis of frames illuminates the precise way in which influence over a human consciousness is exerted by the transfer (or communica- tion) of information from one location such as speech, utterance, news report, or novel – to that consciousness.” (Entman, 1993: 51 f.)

Wenn die Katastrophe von Fukushima dazu geführt hat, dass Atomkraft nicht mehr im Sinne einer fortgesetzten zivilen Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung ge- framt werden konnte, sondern sich ein Gegenframe herausbildete, der schließlich zum Vertrauensverlust führte, dann stellt sich die Frage, inwiefern sich erste Anzeichen dieses Frames in der retrospektiven Betrachtung des Framings vorangegangener nukle- arer Katastrophen, insbesondere des Störfalls von Tschernobyl, finden lassen. Zur Be-

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Jens Seiffert & Birte Fähnrich

arbeitung dieser Frage wurde in zwei Schritten vorgegangen. Erstens mussten die bei- den Frames Vertrauen vs. Misstrauen gegenüber der Kernenergie zum Zeitpunkt des Ereignisses Fukushima rekonstruiert werden. Zweitens wurden die thematischen Er- zählstrings und die Frames, in welche sie eingebettet waren, in die Vergangenheit zu- rückverfolgt.

Zur Untersuchung des Vertrauensdiskurses in Kernenergie nach Fukushima wurde eine qualitative Inhaltsanalyse durchgeführt. Als Analyseeinheiten dienten Beiträge von 13 überregionalen Zeitungen und Zeitschriften, drei Presseagenturen, sowie vier Fernseh- bzw. Radionachrichtensendungen.5F 2 Der Untersuchungszeitraum umfasste die Periode zwischen der Fukushima-Katastrophe am 11.03.2011 und der erneuten Novellierung des Atomgesetzes am 31.07.2011. Die Analyseeinheiten wurden mit Hilfe von Google News über eine Schlagwortsuche (Atomkraftoder/und Atomenergieoder/und Kernkraftoder/und Kernenergie) identifiziert. Dabei wurden nur solche Artikel in die Analyse einbezogen, die sich explizit auf Deutschland bezogen, nicht aber Texte, die sich nur mit der Situation in Japan oder anderen Ländern befassten. Berücksichtigt wurden außerdem lediglich Beiträge, in denen die Atomfrage Hauptthema war, d.h. dass das Thema einen Anteil von 60 Prozent und mehr im Text hatte. Am Ende flossen 49 Artikel in die Untersuchung ein, um die Ordnung der Elemente im Frame bezüglich der Vertrauenswürdigkeit der Kernenergie nach Fukushima zu rekonstruieren.

Im Rahmen der qualitativen Inhaltsanalyse erfolgte eine zweimalige Codierung des Untersuchungsmaterials. Im ersten Durchgang wurde induktiv eine Kategorisierung von zehn Themen vorgenommen, die den Kernenergiediskurs nach Fukushima wesent- lich prägten: Energiebedarf in Deutschland, Sicherheit, Bedeutung der Atomenergie für die Wirtschaft, Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit, rechtlicher Rahmen, technische Möglichkeiten, ethische Vertretbarkeit, kulturelle Dimension und Emotio- nalität. In der nachfolgenden Analyse wurden nur die ersten fünf Kategorien, die den Diskurs besonders stark determinierten, berücksichtigt und ausgewertet. Den Katego- rien wurden jeweils drei Ausprägungen für Kernkraft (Mainframe), gegen Kernkraft (Alternativframe) oder neutral zugeordnet. Im Rahmen des zweiten Codierdurch- gangs wurden Satzstrings codiert, die als Diskursfragmente innerhalb des Mainframes

2 Die Stichprobe setzte sich aus 13 Printmedien zusammen: Bild-Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zei- tung, Focus, Financial Times Deutschland, Frankfurter Rundschau, Handelsblatt, Spiegel, Stern, Süd- deutsche Zeitung, Wirtschaftswoche, Tagesspiegel, taz, Zeit, und aus den drei Presseagenturen: AP, DPA, Reuters sowie vier Fernseh- bzw. Radionachrichtensendungen: euronews, heute (ZDF), Tages- schau (ARD) und DRadio zusammen.

Vertrauensverlust in die Kernenergie

61

oder des Alternativframes eingeordnet werden konnten. Um ein Beispiel zu nennen:

Die Agenturmeldung von Reuters vom 24. April 2011, in der der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) mit einer Studie zitiert wird, wonach der Strompreis bei einer dauerhaften Abschaltung der acht ältesten Meiler sowie einer Beschleunigung des Atomausstiegs bis 2018 um fast ein Drittel steigen würde”, wurde in den Atom-

kraft unterstützenden Mainframe in die Kategorie Wirtschaftlichkeit eingeordnet. Die zitierte Äußerung des Vorsitzenden der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, wonach

„die Auswirkungen des Moratoriums auf den Strompreis (

seien, wurde dagegen in den Atomkraft ablehnenden Alternativframe in derselben Ka-

tegorie eingeordnet.

)

zurzeit nicht dramatisch"

Durch diese qualitativ-induktive Vorgehensweise lagen als Ergebnis des Codierprozes- ses kleine Fragmente, im Sinne Stichwehs (2006), innerhalb beider Frames vor. Die fortwährende Einordnung von Fragmenten in mediale Frames lässt damit Schlussfol- gerungen für Zusammenhänge sozialen Handelns [zu], weil aus den Unterscheidun- gen, die einen Diskurs regieren, unmittelbar eine Handlungspraxis hervorgeht und die- se auch in ihren einzelnen Handlungsvollzügen semantisch instruiert wird.” (Stichweh 2006: 154)

Die grundlegende Annahme des vorliegenden Beitrages ist es, dass die Ordnungen innerhalb der Frames das Ergebnis eines Framingsprozesses sind, die infolge des jahr- zehntelangen Diskurses über die Kernkraft entstanden sind. Für die historische Rekon- struktion der Frames am Beispiel von Tschernobyl wurde eine Sekundäranalyse einer bereits bestehenden Studie durchgeführt (Seiffert 2012), in welcher die Entwicklung der Vertrauenswürdigkeit der Atomenergie seit Ende der 1940er Jahre bis 2011 unter- sucht wurde.6F 3 Die Artikel wurden im Rahmen der Sekundäranalyse anhand des glei- chen Analyserasters untersucht, das bereits für die Inhaltsanalyse der Berichterstattung über Fukushima Verwendung gefunden hatte.

Die vorliegende empirische Untersuchung lässt somit zwar keine Aussage über die Stärke der Frames im öffentlichen Diskurs zu, wohl aber über die Existenz der jeweili- gen Diskursfragmente als elementaren Einheiten des Main- und Alternativframes im öffentlichen Atomkraftdiskurs. Anhand der Frames und der darin geordneten Elemente lässt sich so nachvollziehbar nachzeichnen, wie sich der Diskurs nach dem Unfall in

3 In der Studie von Seiffert (2012) wurden insgesamt 319 Artikel aus der Zeit und dem Spiegel qualita- tiv-inhaltsanalytisch untersucht.

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Jens Seiffert & Birte Fähnrich

Japan entfaltet hat und dabei auf Diskurselementen aufbaut, die bereits nach Tscherno- byl knapp 30 Jahre zuvor in die öffentliche Debatte eingeflossen sind.

4 Befunde zur Vertrauenswürdigkeit der Kernenergie

4.1 Berichterstattung nach Fukushima

Aus den Auswertungen ergeben sich fünf interpretierbare Kategorien, die im Folgen- den näher beschrieben werden. Tabelle 1 fasst die thematischen Kategorien mit ihren Ausprägungen für Kernkraft (Mainframe) und gegen Kernkraft (Alternativframe) zu- sammen. 7F

4

Die Analyse des medialen Framings zeigt, dass die Reaktorkatastrophe von Fukushima keinen sofortigen, umfassenden Verlust der Vertrauenswürdigkeit mit sich brachte. Aber das Ereignis setzte die Vertrauenswürdigkeit der Atomenergie insgesamt wieder auf die Agenda und löste eine Reihe von öffentlich kommunizierten Ängsten sowohl bei den Befürwortern als auch bei den Gegnern aus. Die nach Fukushima (wiederer- wachte) Angst vor einem Super-GAU in Deutschland ist dabei kommunikationsstruk- turell äquivalent zur aufkeimenden Angst vor Black-Outs und einem Verlust der deut- schen Wettbewerbsfähigkeit. In allen Fällen geht es um die Minderung der Vertrauenswürdigkeit der nicht zu selektierenden Option und um die Stärkung der ei- genen Präferenz.

Der Kern der ersten Kategorie Sicherheit dreht sich wesentlich um die Frage, ob der Betrieb von Atomkraftwerken in Deutschland auch nach Fukushima noch vertretbar sei, obwohl das Auftreten von vergleichbar schweren Naturkatastrophen wie in Japan in Deutschland sehr unwahrscheinlich ist. Insofern ist innerhalb des Mainframes die zentrale Aussage über die Sicherheit die von Altbundeskanzler Helmut Kohl (CDU) ausgesprochene Feststellung: „Die Kernenergienutzung in Deutschland ist durch das Unglück in Japan nicht gefährlicher geworden, als sie es vorher gewesen ist" (Süd- deutsche Zeitung 25.03.2011). Doch gerade dies wird für die Vertrauenswürdigkeit der Kernenergie unter dem Risikogesichtspunkt zum Problem, sobald man das Restrisiko der Technologie als gegeben voraussetzt.

4 Der Übersichtlichkeit halber werden hier nur Diskursfragmente erfasst, die dem Main- bzw. dem Al- ternativframe zugeordnet werden können, jedoch keine neutralen Argumente.

Vertrauensverlust in die Kernenergie

63

Tabelle 1:

Diskurselemente nach Fukushima

Mainframe (für Kernkraft)

Alternativframe (gegen Kernkraft)

Sicherheit (Kategorie 1)

Deutsche Kernkraftwerke sind sicher

Sicherheitsstandards in Deutschland sind frag- würdig

Atomenergie ist ein pauschales Sicherheitsrisiko

Deutsche Kernkraftwerke sind die sichersten weltweit

Situation in Deutschland auch nach Fukushima unverändert sicher

unkalkulierbare Technologie

nicht abschätzbare Folgen für Generationen

Moratorium führt nur zu einer gefühlten Ver- besserung der Sicherheit

neue Haltung gegenüber Sicherheit durch Fukushima

Bedarf an Atomenergie (Kategorie 2)

drohende Versorgungsengpässe bei AKW- Abschaltung

Es gibt ausreichende Energiealternativen

AKW sind problemlos ersetzbar

mögliche Energieabhängigkeit von anderen Staaten

Kapazitäten für die Versorgung sind ausreichend

Versorgung ist nicht gefährdet

Versorgungssicherheit ist gefährdet

keine Gefährdung der Netzstabilität

Atomenergie als Brückentechnologie unver- zichtbar

Deutschland soll seinen Energiebedarf selbst decken können

Wirtschaftsrelevanz (Kategorie 3)8F 5

Erhalt von Arbeitsplätzen von der sicheren Energieversorgung abhängig

Gefahr der Strompreisverteuerung

Panikmache der Energieindustrie

Atomausstieg als Chance für mehr Arbeitsplätze, Wettbewerbsvorteil durch Energiemix

Abwanderung der stromintensiven Wirtschaft

Erneuerbare Energien als Wirtschaftszweig

Wirtschaftlichkeit der Atomenergie ( Kategorie 4)

höhere volkswirtschaftliche Kosten durch schnellen Ausstieg

finanzielle Abhängigkeit von Atomindustrie poli- tisch selbst verschuldet

Wegfall der geplanten Brennelementesteuer

Nachrüsten abgeschalteter Reaktoren nicht wirtschaftlich

höhere Energiekosten für Endverbraucher

Anstieg der Energiepreise nicht zu erwarten, keine Gefährdung von Arbeitsplätzen

Umweltverträglichkeit (Kategorie 5)

Erreichen der Klimaschutzziele durch Moratori- um fraglich

Stilllegung ohne Gefährdung der Klimaschutzziele möglich

Kohlekraft kann keine umweltfreundliche Alter- native sein

Atommüll als Ewigkeitslast

Kernenergie für den Klimaschutz wichtig

5 Die Kategorie der wirtschaftlichen Relevanz (Kategorie 3) rekurriert auf die volkswirtschaftliche Be- deutung der Atomenergie, im Gegensatz zur Wirtschaftlichkeit (Kategorie 4), welche sich auf die be- triebswirtschaftliche Dimension der Kernenergie bezieht.

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Jens Seiffert & Birte Fähnrich

Folglich ist nach der Darstellung im Alternativframe durch die Fukushima-Katastrophe sehr wohl eine fundamental neue Situation entstanden. Anhand der Einbettung der Diskursfragmente innerhalb der zweiten Kategorie Bedarf an Atomenergie lässt sich die semantische Vernetzung der einzelnen Elemente sehr gut zeigen: Der Aspekt der Sicherheit wird im Rahmen des medialen Alternativframes dazu genutzt, die Vertrau- enswürdigkeit der Atomenergie anzugreifen. Umgekehrt kann er in Bezug auf die Ver- sorgungssicherheit verwendet werden, um die Vertrauenswürdigkeit zu stützen. Wie eine Äußerung des Daimler-Vorstandschefs Dieter Zetsche deutlich macht, ist auf die- se Weise ein „reframing“ der Sicherheitsproblematik im Mainframe möglich. „Es gibt einige Risiken für den Industriestandort Deutschland. Die Abkehr von einer bezahlba-

ren Energieversorgung ist klar ein Risiko (

Atomkatastrophe in Japan seien, sehr stark von Emotionen geprägt’ gewesen.” (Spie-

Die Entscheidungen der Politik nach der

).

gel Online 30.05.2011)

Auch anhand der dritten Kategorie Wirtschaftsrelevanz zeigt sich die semantische Neuausrichtung der Verwendung des Sicherheitsbegriffes deutlich. Innerhalb des Mainframes stehen die wirtschaftlichen Folgen eines Atomausstiegs bezogen auf den Verlust von Arbeitsplätzen, steigende Strompreise, die Abwanderung der strominten- siven Wirtschaft – allesamt „Risiken für den Industriestandort Deutschland” (Spiegel Online 30.05.2011) im Mittelpunkt. Entsprechend wird wirtschaftliche Sicherheit im Alternativframe mit entgegengesetzten Elementen prozessiert. Der Atomausstieg wird als eine Chance für mehr Arbeitsplätze in dem aufsteigenden Wirtschaftszweig erneu- erbarer Energien angesehen. Die erneuerbaren Energieträger sind als Entwicklung ei- ner kritischen Vertrauensalternative innerhalb des medialen Alternativframes zu ver- stehen. Diese kritische Alternative im Sinne Luhmanns (2000: 27f.) ist notwendig, um die Vertrauenswürdigkeit der Atomenergie überhaupt mit dem Ziel einer möglichen Vertrauensentscheidung bearbeiten zu können. Die durch die Kernenergie gelösten (vermeintlichen oder tatsächlichen) Probleme müssen durch die Vertrauensalternative ebenfalls glaubwürdig abgedeckt sein. Aus diesem Grund entwickelt sich innerhalb des Alternativframes ein vergleichbares Cluster an Subthemen wie im Mainframe.

Anhand der Frage der Wirtschaftlichkeit der Atomenergie (Kategorie 4) lässt sich die Vernetzung der Kategorien innerhalb der medialen Frames sicherlich am deutlichsten nachvollziehen. Die Frage nach anfallenden Mehrkosten durch einen möglichen Aus- stieg werden diskursiv an die Relevanz- und die Bedarfsfrage gekoppelt. Höhere Ener- giekosten für die Verbraucher zielen dabei ebenso auf die Adressaten öffentlicher Kommunikation (wahlweise Bürger, Kunde, Arbeitnehmer, Wähler) ab wie die War- nung vor Arbeitsplatzverlusten und steigenden volkswirtschaftlichen Kosten für die

Vertrauensverlust in die Kernenergie

65

Steuerzahler insgesamt. Die Ordnung der Elemente innerhalb beider Frames verbindet folglich verschiedene Themenfelder öffentlicher Kommunikation, die durch die Ver- quickung untereinander eine gesteigerte Relevanz erhalten (sollen). Entsprechend wird innerhalb des Alternativframes nicht versucht, eine eigene Ordnung der Elemente unter anderen Gesichtspunkten entgegenzusetzen, sondern vielmehr die bestehende Ordnung im Mainframe als falsche Interpretation zu framen. Entsprechend wird argumentiert, dass kein Anstieg der Strompreise und keine Blackouts zu erwarten seien und zudem ein neuer Wirtschaftszweig für neue Arbeitsplätze sorge etc. (Abbildung 1).

Abbildung 1:

Thematische Kategorien innerhalb des medialen Main- und Alternativ- frames im Fukushima-Diskurs

1). Abbildung 1: Thematische Kategorien innerhalb des medialen Main- und Alternativ- frames im Fukushima-Diskurs

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Jens Seiffert & Birte Fähnrich

Überraschenderweise spielen die Auswirkungen der Atomenergie auf die Umwelt nach Fukushima im öffentlichen Diskurs nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr wird die Umweltverträglichkeit (Kategorie 5) als Argument für die Kernenergie angeführt, in- dem immer wieder behauptet wird, die Klimaschutzziele Deutschlands seien ohne Atomenergie nicht zu erreichen.

Bildet man die zueinander entgegengesetzten Diskurselemente der jeweils gleichen Kategorie grafisch ab (Abbildung 1), dann erkennt man, wie sich die Elemente in ihren jeweiligen Frames ordnen lassen. Man erkennt zudem, und dies ist ein wichtiger As- pekt, dass das jeweilige gemeinsame Auftreten im Diskurs dem medialen Frame insge- samt eine stärkere Struktur und Kohärenz verleiht.

Mit der Beschreibung der medialen Frames nach der Fukushima-Katastrophe und vor der Entscheidung zum beschleunigten Ausstieg aus der Atomenergie ist die sichtbare Differenz der Aussagen zwischen Vertrauenswürdigkeit und Vertrauensverlust der Kernenergie in Deutschland beschrieben. Doch dieser Status quo lässt keine Rück- schlüsse darauf zu, warum die Ausstiegsentscheidung gefallen ist. Vor allem deshalb nicht, weil die Entscheidung zum beschleunigten Atomausstieg für die damaligen Re- gierungsparteien CDU/CSU und FDP einen zu großen Bruch mit der bestehenden poli- tischen Praxis darstellte, als dass er anhand des Ereignisses Fukushima allein hätte erklärt werden können. Fukushima erscheint vielmehr als ein tipping point im öffentli- chen Diskurs, an welchem die kritische Schwelle der Stabilität des Mainframes er- reicht worden ist und gleichzeitig der Alternativframe als Vertrauensalternative zur Verfügung steht. Einen politischen Vertrauensverlust auf Seiten der Regierungspartei- en zu antizipieren, wie er mit den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rhein- land-Pfalz bereits eingetreten war, kann allerdings nur auf Basis einer längeren Vorge- schichte erfolgt sein. Der Diskurs in den wenigen Wochen nach Fukushima reicht kaum aus, um eine solche Antizipation zu begründen. Die Aussage des FDP-Politikers Michael Kauch, „Man kann die Kernkraft nicht dauerhaft gegen eine deutliche Mehr- heit der Bürger aufrecht erhalten“ (Focus 30.3.2011), wirft die Frage auf, wie es über- haupt zu einer solchen Mehrheit der Bürger kommen konnte. Es muss vermutet wer- den, dass die gesellschaftliche Ablehnung von Kernkraft keineswegs nur eine Folge der Ereignisse in Fukushima war.

Bereits nach Tschernobyl und früheren nuklearen Unfällen sprach sich über Jahre hin- weg eine Mehrheit in Meinungsumfragen gegen die weitere Nutzung der Atomtechno- logie aus. So berichtete der Spiegel: „Nicht nur vorübergehend, sondern auf Dauer haben der Reaktorunfall in Tschernobyl und seine Folgen die Einstellung der Bundes- bürger zur Kernenergie verändert. “ Waren im April 1980 noch 56 Prozent der Deut-

Vertrauensverlust in die Kernenergie

67

schen für den Bau weiterer Atomkraftwerke und 42 Prozent dagegen, drehte sich die- ses Bild in den nachfolgenden Jahren. Im März 1982 lag das Verhältnis zwischen Zu- stimmung und Ablehnung bei 52 zu 46, im Mai 1986 bei 29 zu 69, im Juni 1986 bei 18 zu 82 und im August des gleichen Jahres schließlich bei 18 zu 80 (Der Spiegel 35/1986: 64). Die ablehnende Haltung der Bevölkerung ging zwar in den folgenden Jahrzehnten zurück, überwog aber auch 2008 noch leicht: „Der Atomausstieg verliert in der Bevölkerung weiter an Rückhalt. 49 Prozent sind noch dafür, fast genauso viele 48 Prozent wollen die Kernenergie aber langfristig nutzen, ergab eine Emnid- Umfrage für N24. Damit hat sich die Einstellung angesichts der Energiekrise und der Debatte um steigende Preise in den vergangenen Jahren gewandelt: Im September 2004 waren 64 Prozent für und 33 Prozent gegen einen Ausstieg aus der Atomenergie, im Januar 2006 waren noch 55 Prozent für und bereits 42 Prozent gegen einen Aus- stieg.“ (Spiegel Online 2008)9F 6

Vor dem Hintergrund der veränderten öffentlichen Meinung geht es darum, die plötzli- che Zäsur bezüglich der Vertrauenswürdigkeit der Kernenergie nach Tschernobyl und Fukushima mit den langen „Phasen kaum merkbaren kulturellen Wandels” (Stichweh 2006: 157) in Einklang zu bringen. Nachfolgend sollen deshalb die im medialen Dis- kurs nach Fukushima identifizierten Kategorien von Main- und Alternativframe am Beispiel der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl in die Vergangenheit zurückproji- ziert werden.10F 7 Dadurch soll untersucht werden, inwiefern sich der mediale Mainframe vertrauenswürdige Kernenergie ebenso wie der Alternativframe Misstrauen gegenüber Kernenergie, über Jahrzehnte hinweg entwickelt hatten.

4.2 Berichterstattung über die Katastrophe von Tschernobyl

Die Explosion im Reaktorblock 4 des sowjetischen Kernkraftwerks Tschernobyl am 26. April 1986 stellte die größte Katastrophe in der zivilen Nutzung der Kernenergie aller Zeiten dar. Während 25 Jahre später der Unfall von Fukushima den Atomausstieg nach sich zog, blieb Tschernobyl energiepolitisch folgenlos. Das Begründungsmuster der zuständigen Politiker liest sich ähnlich wie im Falle Fukushimas. Der Spiegel zi- tierte dazu den damaligen Innenminister Friedrich Zimmermann mit den Worten: „Wir

6 Man muss dabei anmerken, dass die Fragen nach dem Ausstieg aus der Atomenergie und dem Bau neuer Kraftwerke zwei verschiedene Aspekte sind und demzufolge die Vergleichbarkeit relativiert wer- den muss.

7 Erste Elemente beider Frames lassen sich auch bereits nach früheren Nuklearunfällen in Harrisburg, Kyschtym und Windscale/Sellafield identifizieren, können im Rahmen dieses Beitrags jedoch nicht näher ausgeführt werden. Weiterführend dazu Seiffert (2014).

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Jens Seiffert & Birte Fähnrich

sind 2.000 Kilometer von der Unfallstelle entfernt. Eine Gefährdung der deutschen Bevölkerung ist ausgeschlossen.“ (Der Spiegel 20/1986: 19). Anders als vom Innen- minister behauptet und ganz anders als im Jahr 2011, war die Katastrophe 1986 aber fast hautnah für die deutsche Bevölkerung zu spüren:

„Denn die ‚Gefährdung der deutschen Bevölkerung‘, von Zimmermann lapidar ‚ausge- schlossen‘ – sie war eingetreten, war jedenfalls zum Greifen nahe, tönte aus allen Funk- kanälen, sprang die Menschen an von jeder Zeitungsschlagzeile, mit Bildern von Strah- lenschutz-Trupps, die Autos wuschen, von verlassenen Spielplätzen und von den Wochenmärkten, wo sich unverkaufte Spinat- und Radieschenberge türmten: jodver- strahlt, atomverseucht, ungenießbar.“ (Der Spiegel 20/1986: 19)

Der Unfall von Tschernobyl war also für die deutsche Bevölkerung ein ungleich nähe- res Ereignis, als die Katastrophe im weit entfernten Fukushima, die keinen radioakti- ven Fallout über Europa zur Folge hatte. Die Narration, wonach deutsche Kernkraft- werke sicher seien, war auch nach Tschernobyl deutlich präsent. „Das Wort der Woche sprach der Stuttgarter CDU-Umweltminister Gerhard Weiser, nachdem er versichert hatte, ein Unfall wie in Tschernobyl könne hierzulande in diesem Ausmaß ‚nicht pas- sieren‘. Weiser: ‚Wenn wir den Unfall bei uns im Land gehabt hätten, dann wäre alles geregelt gewesen.“ (Der Spiegel 20/1986, 23) Interessant ist hier das Detail, wonach ein solcher Unfall in diesem Ausmaß in Deutschland nicht hätte passieren können. Bei beiden Ereignissen, Tschernobyl und Fukushima, ist dieses Diskursfragment zu be- obachten. Während es nach Tschernobyl, wie unten zu zeigen sein wird, innerhalb des Mainframes noch anschlussfähig war, griff es im Falle Fukushimas nicht mehr, auch wenn der damalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Stefan Mappus, dies versuchte, indem er anmerkte, es herrsche hier „keine Tsunami-Gefahr“ (Zeit Online

13.03.2011).

Tabelle 2 fasst die beherrschenden thematischen Kategorien mit ihren Ausprägungen für Kernkraft (Mainframe) und gegen Kernkraft (Alternativframe) für den Diskurs nach Tschernobyl zusammen.

Vertrauensverlust in die Kernenergie

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Tabelle 2:

Diskurselemente nach Tschernobyl

Mainframe (für Kernkraft)

Alternativframe (gegen Kernkraft)

Sicherheit (Kategorie 1)

„Es hätte immer wieder deutlich gemacht werden müssen, daß die Gesundheit auch dann nicht ge- fährdet ist, wenn die Empfehlung der Strahlen- schutzkommission nicht eingehalten wird.“ (Zeit

„Das angeblich unmögliche ist doch ein bißchen möglich geworden.“ (Der Spiegel 19/1986, 132) „die bislang schwerste, von allen Experten in Ost und West für praktisch unmöglich erkläre Katastrophe“ (Der Spiegel 19/1986: 125)

23.5.1986)

„Der Mensch ist schuld, nicht die Technik“ (Der Spiegel 35/1986: 19) „Das war auch der Ansatz für die Beschwichti- gungs-Argumentation im Westen. Bei einem ver-

 

gleichbar leistungsfähigen Kraftwerk westlicher Bauart, etwa vom Typ Biblis, würde bei einer Kernschmelze die „Freisetzung der entweichen-

den Spaltprodukte (

)

entscheidend begrenzt

werden“ (Der Spiegel 19/1986: 132)

Bedarf an Atomenergie (Kategorie 2)

„Der hohe Lebensstandard in der Bundesrepublik Deutschland beruht auch auf einem ausreichen- den und preisgünstigen Energieangebot (durch Kernenergie, Anm. d. Verf.).“ (Die Zeit 19.9.1986)

„Solare und regenerierbare Energiequellen mö- gen in der Ferne liegen. Der Pfad dorthin muß jedoch erkundet werden, mit oder ohne Kernkraft.“ (Die Zeit 16.5.1986)

Wirtschaftsrelevanz (Kategorie 3)

„Die Energie sollte möglichst preisgünstig zur Ver- fügung stehen. Die Energiepreise haben direkte Auswirkungen auf die internationale Wettbe- werbsfähigkeit wichtiger Industriezweige.“ (Die Zeit 19.9.1986) Die neusten Atomkraftwerke sind erst 1980 ans Netz gegangen.

Neue Kernkraftwerke sind für die Kraftwerksbe- treiber nach Tschernobyl ein wirtschaftliches Risiko.

Wirtschaftlichkeit der Atomenergie (Kategorie 4)

„Die Kilowattstunde Strom aus Kernenergie sei rund vier Pfennig billiger als Strom aus Koh- le.“ (Die Zeit 16.5.1986) „Die Stromrechnung läge um etwa zwölf Mark höher, wenn der Atomstrom durch Elektrizität aus Kohle ersetzt würde.“ (ebd.)

„Alle Kostenvergleiche seien fehlerhaft. Die Öko- logen behaupten, Atomstrom sei teurer als Elekt- rizität aus Kohle.“ (ebd.)

Umweltverträglichkeit (Kategorie 5)

„Wenn die Stromunternehmen ihre alten Kohle- kraftwerke wieder anschalten müssen und die Kessel auf Hochdruck feuern, dann wird allerdings die Luft wieder schmutziger“ (Die Zeit 16.5.1986) Schadstofffracht aus Kohlekraftwerken verstärkt das Waldsterben (Der Spiegel 36/1986: 21)

„Tschernobyl bleibt auf Jahrzehnte hinaus eine strahlende Ruine“ (Der Spiegel 19/1986: 126)

Mit Tschernobyl war eingetreten, was nach mathematischen Berechnungen höchst unwahrscheinlich war, der Super-Größte-anzunehmende-Unfall. Nach der Beinahe- Katastrophe im amerikanischen Harrisburg sieben Jahre zuvor versetzte Tschernobyl

70

Jens Seiffert & Birte Fähnrich

der Vertrauenswürdigkeit der Atomtechnologie einen weiteren schweren Schlag, ohne das Vertrauen der Öffentlichkeit jedoch völlig zu zerstören. Denn was für alle Exper- ten zuerst noch unerklärlich war, wurde innerhalb des Mainframes schnell geordnet, um die Vertrauenswürdigkeit der Technologie aufrecht zu erhalten. Entsprechend äu- ßerte sich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in einer Sitzung des Deutschen Bundestages:

„Gerade das Wissen darum, daß es absolute Sicherheit nicht gibt, daß ein Restrisiko verbleibt, war und ist also die Grundlage für alle Entscheidungen, um größtmögliche Si- cherheit bei der Nutzung von Kernenergie zu gewährleisten. Deshalb gehören die Kern- kraftwerke in der Bundesrepublik Deutschland mit zu den sichersten Anlagen in der Welt.“ (Deutscher Bundestag 1986: 16523)

Das Framing der Katastrophe als Ergebnis menschlicher Fehlbarkeit und rückständiger sowjetischer Technik könnte ein entscheidender Grund sein, warum die relative Ver- trauenswürdigkeit der Technologie im Westen weiterhin erhalten blieb, obwohl sich sämtliche Sicherheitseinschätzungen als falsch herausgestellt hatten. Erneuerbare Energien wurden noch nicht als eine ernsthafte Alternative zur Atomkraft gesehen. Selbst acht Jahre nach Tschernobyl konnte man noch lesen: „Photovoltaik ist eine Zu- kunftstechnik und macht Fortschritte. Doch es wäre naiv, von ihr die schnelle und wohlfeile Entsorgung des Energieproblems zu erwarten.“ (Die Zeit 1.4.1994) Hinzu kam, dass wegen der mangelnden Umweltverträglichkeit der Kohle keine Rückkehr zur ausschließlich fossilen Energieversorgung möglich war. Die Atomenergie als sol- che, die 1986 rund 31 Prozent der gesamten Stromerzeugung in Westdeutschland ab- deckte (Voß 1987), war damals noch nicht durch andere Quellen ersetzbar und somit alternativlos.

Wie später nach Fukushima argumentierten die deutsche Wirtschaft und vor allem die großen Energieversorger, dass es zur Atomenergie keine echte Alternative gäbe. Hier lässt sich die allgemeine Bedarfsfrage schnell mit der speziellen Relevanz auf Seiten der Wirtschaft verbinden, die den Energiebedarf als Argument einbrachte, um langfris- tig hohe Gewinnmargen zu realisieren und weiterhin von billigem Strom zu profitie- ren. Die Kraftwerke sollten schon deshalb weiterlaufen, weil sie zumeist erst wenige Jahre am Netz waren 8 und der break even der Rentabilität noch lange nicht erreicht

8 So waren beispielsweise die Atomkraftwerke Gundremmingen, Grohnde oder Brokdorf erst 1984, 1985 bzw.1986 in Betrieb gegangen. Eine sofortige Stilllegung hätte einen Milliardenverlust an Investi- tionen nach sich gezogen, sowohl auf Seiten der Betreiber als auch der öffentlichen Hand.

Vertrauensverlust in die Kernenergie

71

war11F ein Punkt, der in der Frage der Wirtschaftlichkeit 12F 9 eine zentrale Rolle spielte.

Dass die Katastrophe von Tschernobyl nicht zu einer umfassenden Neubewertung der Wirtschaftlichkeit der Atomenergie führte, hat eine Reihe von Gründen. Erstens war man damals noch davon überzeugt, die Endlagerproblematik in den Griff zu bekom- men und die Skepsis gegenüber der Lösbarkeit dieses Problems wuchs nur langsam, wie das Beispiel Carl Friedrich von Weizsäckers zeigt: „Die Probleme der Kernenergie

habe er immer nur technisch isoliert betrachtet und als lösbar empfunden; das sehe er heute anders.“ (Gründiger 2006: 56). Noch zwei Jahrzehnte zuvor, als der „Deutsche

Bundestag am 3. Dezember 1959 das Gesetz verabschiedete (

sanz vieler Probleme, z.B. die Entsorgung, (

sich gar nicht erst vorstellen können.“ (Gründiger 2006: 55 f.) Dieses Erbe aus der Frühzeit der zivilen Nutzung der Kernenergie wirkte lange nach. Zweitens hatte sich bis dahin niemand den volkswirtschaftlichen Schaden einer solchen Katastrophe vor- stellen können. Die Geheimhaltung der sowjetischen Administration tat sicherlich das ihre, um einen unverstellten Blick auf die Frage der Wirtschaftlichkeit zu verhindern. Folglich fokussieren die oben angeführten Diskursfragmente genau wie 25 Jahre später nach Fukushima nur die laufenden Betriebskosten bei der Erzeugung von Strom in Kernkraftwerken. Die Kosten für die Endlagerung, Sicherheit und Umweltfolgeschä- den, bspw. die der Uranproduktion, blieben außen vor. Die Ordnung im Alternativfra-

zu wenig gedacht, und andere hat man

[hat man] an die Bri-

)

)

me begann sich im Zuge von Tschernobyl gerade erst herauszubilden und zu struktu- rieren, beispielsweise dadurch dass Ökonomen den Verdacht äußerten, dass eine rein betriebswirtschaftliche Sichtweise im Rahmen der Atomenergie zu kurz greife und auch volkswirtschaftliche Dimensionen berücksichtigt werden müssten.

Die Perfidität der Umweltbelastung einer nuklearen Katastrophe wurde mit Tscherno- byl erstmals offensichtlich, die Ängste vor verstrahlten Lebensmitteln, Spielplätzen und Menschen auslöste. Dennoch blieb die Verschmutzung durch fossile Energieträger ein Argument für die Kernenergie. Während die Verbrennung von Kohle eine perma- nente Umweltbelastung bedeutete, wurde argumentiert, dass die Kernenergie im Nor- malfall keine solchen Belastungen für die Umwelt verursacht.

Mit Blick auf Tschernobyl und seine Folgen für die Vertrauenswürdigkeit der Kern- energie in Deutschland offenbart die Analyse eine interessante Erkenntnis: „Nicht nur vorübergehend, sondern auf Dauer haben der Reaktorunfall in Tschernobyl und seine

9 Hier sei noch einmal angemerkt, dass es dabei um die Betriebswirtschaftlichkeit aus Sicht der Kraft- werksbetreiber geht. Dass die Atomenergie insgesamt kaum volkswirtschaftlich sinnvoll zu nutzen ist, zeigt bspw. Gründinger (2006: 97 ff.).

72

Jens Seiffert & Birte Fähnrich

Folgen die Einstellung der Bundesbürger zur Kernenergie verändert. Das zeigen fünf Umfragen zu diesem Thema, die Emnid seit Tschernobyl für den SPIEGEL durchführ- te.“ (Der Spiegel, 35/1986: 64) Schon im Frühjahr 1986 war die öffentliche Meinung somit mehrheitlich für einen Atomausstieg, anders als 2011 hatte dies damals aber kei- ne Konsequenzen.

Tschernobyl erschütterte die Glaubwürdigkeit des Systems Atomkraft, in der Folge von Fukushima ging sie (zumindest in Deutschland) völlig verloren. „Nach Tscherno- byl hieß es etwa, dass ein GAU oder Super-GAU statistisch extrem selten vorkommt […] Nun sind gerade einmal 25 Jahre vergangen. (Die Zeit 25.5.2011) Auch wenn 1986 nicht das Aus für die Kernenergie brachte, war sie „spätestens seit der Reaktorka- tastrophe von Tschernobyl zu einer hoch umstrittenen Energiequelle geworden“ (Die Zeit 11.2.2010). Folglich war der Weg zur langfristigen Etablierung eines Alternativ- frames geebnet, wie ein Zitat von Theo Waigel (CSU) veranschaulicht:

„Wenn Wissenschaft und Technik andere Energiequellen anbieten können, dann kenne ich keinen verantwortlichen Politiker in der Bundesrepublik, der nicht bereit wäre, den Anteil der Kernenergie zugunsten dieser anderen, mit weniger Risiko behafteten Energie zu verringern.“ (Die Zeit 30.5.1986)

5 Fazit und Ausblick

Öffentliches Vertrauen in Systeme, so lautete die Behauptung, beginnt dann zu kippen, wenn sich in den Alternativframes Strukturen herausgebildet haben, die systemrele- vante Ereignisse und ihre Interpretationen besser ordnen können, als die jeweiligen Mainframes das bisher vermocht haben. Während es 1986 nur eine plausible Behaup- tung war zu sagen, die Kernenergie sei nicht sicher, war es 2011 schließlich eine nicht mehr hinterfragbare Tatsache. Der Mainframe mit seiner Aussage, deutsche Kern- kraftwerke seien sicher, konnte damit nicht mehr stabil gehalten werden, auch wenn es bis heute keine Ereignisse der INES-Stufe 4 und höher in Deutschland gegeben hat. Diese Behauptung anhand der medialen Diskurse in der Bundesrepublik Deutschland eindeutig nachzuweisen, ist freilich schwierig. Eine Prüfung der aufgestellten These konnte mit der gewählten Methode nicht erfolgen. 13F 10 Doch auch wenn der Beweis für

10 Eine Veränderung in der Semantik der konkurrierenden Frames müsste mithilfe einer systematischen Inhaltsanalyse über lange Zeiträume hinweg untersucht werden. Gerade mit Blick auf die Sicherheits- frage, müsste sich im Laufe der Dekaden eine Verschiebung der Ausprägung beider Frames nachweisen lassen. Während der Glaube an die Sicherheit der AKW langsam erodiert, müsste der Zweifel an ihrer

Vertrauensverlust in die Kernenergie

73

die Richtigkeit der vorgetragenen These vom Wechselspiel zwischen Main- und Alter- nativframe öffentlicher Vertrauenswürdigkeit der Kernenergie an dieser Stelle nicht erbracht werden kann, so lässt sich für die Zeit nach Fukushima doch eine plausible Schlussfolgerung ziehen. Die zivile Nutzung der Kernenergie ist in Deutschland ge- scheitert, weil über Dekaden hinweg Diskursfragmente durch mediales Framing zu Strukturen verdichtet wurden, mit denen sich die öffentliche Vertrauenswürdigkeit nach Fukushima nicht mehr aufrechterhalten ließ. Zu viele öffentlich wahrnehmbare Diskrepanzen (Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit, Bedarf, etc.) waren sichtbar geworden und beschnitten die politischen Handlungsalternativen. Zeitgleich erschie- nen regenerative Energien zunehmend als vertrauenswürdige Option der Energiepoli- tik. Fukushima war, unter Vertrauensgesichtspunkten betrachtet, keineswegs der Grund für die Abkehr von der Atomenergie, die mit der Katastrophe von Tschernobyl und bereits bei vorangehenden Atomunfällen begonnen hatte. Es war jedoch jener be- rühmte Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte der tipping point als Folge der strukturellen Drift (Luhmann 2009b: 862).

Aber auch das öffentliche Vertrauen in regenerative Energieversorgung unterliegt den- selben Mechanismen öffentlicher Vertrauenswürdigkeit wie die Kernenergie. Ob es bis 2050 gelingt den gesamten deutschen Energiebedarf aus regenerativen Energiequellen zu decken, wie es das Umweltbundesamt für möglich hält (Klaus et al. 2010), wird sich noch zeigen müssen. Sollten sich in den Jahren nach dem Atomausstieg ähnliche Diskrepanzen innerhalb des neuen medialen Mainframes „regenerative Energien“ er- geben, dann wird sich unter Umständen die Frage der Vertrauenswürdigkeit früher oder später ebenso stellen wie für die Atomenergie in der Vergangenheit. Die Ordnung innerhalb des medialen Mainframes wird dann mit dem gleichen Problem konfrontiert werden. Inwieweit auftretende Ereignisse innerhalb des Frames rationalisiert werden können, wird dann ebenso über die Vertrauenswürdigkeit regenerativer Energien ent- scheiden, wie die fehlgeschlagene Integration des Ereignisses Fukushima den Rahmen der Vertrauenswürdigkeit der Atomenergie gesprengt hat.

6

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Sicherheit umgekehrt langsam aber sicher zur Gewissheit werden dies müsste sprachlich nachweisbar sein.

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Teil 2:

Die Reaktionen der Medien in Deutschland

Deutscher Atomausstieg made in Japan?

Zur Rolle von Fukushima als Schlüsselereignis in der Medienberichterstattung über die deutsche Atomdebatte 2011

Hans-Jürgen Weiß, Sabrina Markutzyk & Bertil Schwotzer

Die Reaktorkatastrophe in Fukushima im März 2011 löste in Deutschland anders als in vielen anderen Ländern eine überraschende Wende in der Atompolitik aus. Noch wenige Monate zuvor setzte die Bundesregierung eine Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke gegen die atomkritischen Oppositionsparteien durch. Doch schon während der ersten Katastrophentage in Fukushima leitete Bundeskanzle- rin Merkel die Abkehr Deutschlands von der Atomenergie ein. Der Atomausstieg wur- de im Juni 2011 vom deutschen Bundestag mit großer, parteiübergreifender Mehrheit beschlossen.

Vor diesem Hintergrund wird die Berichterstattung deutscher Medien über die ener- giepolitische Wende in Deutschland untersucht. Ziel ist es, herauszufinden, welche Rolle Fukushima in der Medienberichterstattung über die deutsche Atomdebatte 2011 zuzuschreiben ist: Hatte das Reaktorunglück die Funktion eines traumatischen Schlüs- selereignisses, mit dem der deutsche Atomausstieg in den Medien explizit begründet wurde? Oder bot es der deutschen Bunderegierung lediglich eine günstige Gelegenheit für eine politisch opportune Wende in der Atomdebatte? Theoretisch knüpft die Studie an die kommunikations- und politikwissenschaftliche Forschung zur medialen und politischen Verarbeitung von Schlüsselereignissen an.

80

Hans-Jürgen Weiß, Sabrina Markutzyk & Bertil Schwotzer

1 Schlüsselereignisse, Medien und Politik

1.1 Themen und Ereignisse

Ein Thema kann als der begriffliche Kern eines Medienbeitrags beschrieben werden (Kolb 2005: 41). Themen stehen daher auch im Zentrum massenmedialer Kommunika- tion, sie gewährleisten die „Kopplung der Massenmedien mit anderen Gesellschaftsbe- reichen“ (Luhmann 1996: 29). Wessler (1999: 226) differenziert die Medienberichter- stattung zu einem Thema nach Ereignis- und Ruhephasen, wobei infolge von Ereignissen ein Aufschaukelungsprozess stattfinde, in dem „Ereignis und Reaktionen zu einem Kristallisationspunkt des längerfristig angelegten Diskurses“ werden. So ge- sehen sind Ereignisse für den Stellenwert und die Entwicklung von Themen auf der medialen Agenda von zentraler Bedeutung.14F 1 Ein Ereignis fungiert in der medialen Langzeiterzählung von Themen als „unbestimmter und entwicklungsfähiger Sinnkom- plex“ (Luhmann 1979: 34) und damit als dynamisches Moment. Infolge eines Ereig- nisses können sich Innovationen im Deutungsrepertoire ergeben, d.h. die Realitätskon- struktion zu einem Thema kann durch den ereignisbezogenen Fokus der Medien- berichterstattung maßgeblich geprägt und ggf. verändert werden.

1.2 Key Events: Schlüsselereignisse, Medien und Journalisten

Vor diesem Hintergrund wurde in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung das Konzept von Schlüsselereignissen („key events“) eingeführt, um die Arbeitsweise von Massenmedien und Journalisten und deren Rolle als Akteure in öffentlichen Dis- kursen unter besonderen Ereignisbedingungen zu analysieren (Brosius/Eps 1993; Esser 2011; Kepplinger/Hartung 1995; Kepplinger 2011; Leitner 2000; Rauchenzauner

2008).

Esser (2011) definiert Schlüsselereignisse als „herausragende Geschehnisse, die ers- tens eine intensive Medienbeachtung hervorrufen und zweitens die nachfolgende Be- richterstattung beeinflussen“. Nur wenige Autoren wie z.B. Leitner (2000), Rauchen- zauner (2008) oder Wien und Elmelund-Praestekaer (2009) grenzen Schlüssel- ereignisse gegenüber „normalen“ Ereignissen durch Eigenschaften des Berichterstat- tungsgegenstands (wie z.B. große Tragweite des Ereignisses, neuer Sachverhalt, hin-

1 Vgl. Kepplinger (2011: 67-84) zum Ereignisbegriff und zur Abgrenzung von Ereignissen gegenüber Themen; vgl. Fretwurst in diesem Band bezüglich der kritischen Anmerkungen zur Eingrenzung von Ereignissen als abgeschlossene Vorgänge.

Deutscher Atomausstieg made in Japan?

81

reichende Zahl von Nachrichtenfaktoren, Eignung für kontroverse Debatten etc.) ab. Zumeist erfolgt die Unterscheidung anhand der Reaktion der Medien und Journalisten auf derartige Ereignisse. Für Kepplinger (2011: 85f.) ist z.B. die Intensität der Medi- enberichterstattung (mindestens die doppelte Anzahl an Beiträgen im Vergleich zur Normalberichterstattung) ein Indikator für die Klassifikation eines Ereignisses als Schlüsselereignis. Dabei geht es aber nicht nur um die Intensität der auf das spezifi- sche Schlüsselereignis bezogenen Berichterstattung, sondern fast mehr noch um daraus resultierende Veränderungen in der journalistischen Nachrichtenselektion. Denn wie Fallstudien von Brosius und Eps (1993) sowie von Kepplinger und Hartung (1995) zeigen, wird nach Schlüsselereignissen offensichtlich signifikant häufiger über ähnli- che und thematisch verwandte Ereignisse berichtet als zuvor (Kepplinger 2011: 94ff.).

Der Effekt der veränderten Nachrichtenselektion besteht laut Kepplinger (2011: 82) darin, dass durch die Folgeberichterstattung zu Schlüsselereignissen bestimmte media- le Sichtweisen auf Problemzusammenhänge etabliert werden, die nicht nur zu einer verzerrten Realitätswahrnehmung bei den Mediennutzern führen, sondern auch einen entsprechenden Handlungsdruck bei gesellschaftlichen und politischen Akteuren auf- bauen (vgl. auch Kepplinger/Hartung 1995: 21f.). Auch Vasterman spricht von medi- engenerierten Media Hypes, die von einem einzigen Schlüsselereignis ausgehen und in einem sich wechselseitig verstärkenden Prozess soziale und politische Reaktionen, öffentliche Beachtung und weitere Nachrichtenwellen auslösen können:

„Due to media-hype, a social problem can appear to reach crisis proportions, forcing so- cial actors, especially the authorities, to take drastic and hasty action. This, again, rein- forces the concern among the public, because the action confirms the existence of a real crisis. And this, of course, triggers a new wave of media attention. This chain reaction will fuel the amplification again and again, leading to the well-known paradox that the more action society takes the more visible the problem will get, reinforcing social con- cern.“ (Vasterman 2005: 526)

1.3 Focusing Events: Schlüsselereignisse, Politik und Medien

Allerdings gibt es eine politikwissenschaftliche Forschungslinie, in der im Zusammen- hang von Schlüsselereignissen („focusing events“) eher die aktive Rolle der Politik bzw. von Politikern betont wird. Geleitet von der Frage nach den Entstehungsbedin- gungen politischen Wandels (Cobb/Elder 1983; Baumgartner/Jones 1993) befasst sich diese Forschung mit dem Einfluss von Schlüsselereignissen auf politische Verände- rungen. Die Definition dieses Ereignistyps ist relativ weit gefasst:

82

Hans-Jürgen Weiß, Sabrina Markutzyk & Bertil Schwotzer

„A focusing event is an event that is sudden; relatively uncommon; can be reasonably defined as harmful or revealing the possibility of potentially greater future harms; has harms that are concentrated in a particular geografical area or community of interest; and that is known to policy makers and the public simultaneously.“ (Birkland, 1998: 54)

Kingdon (1995: 94ff.) charakterisiert Schlüsselereignisse als „windows of opportuni- ty“ für politischen Wandel. Infolge eines Aufmerksamkeit erregenden Ereignisses könne ein bestimmtes Thema auf die politische Agenda gelangen. Dabei unterscheidet er drei Gelegenheitsstrukturen, d.h. soziale Situationen, in welchen ein Schlüsselereig- nis die politische Tagesordnung beeinflussen kann: (1) Das Ereignis verstärkt eine be- reits existierende öffentliche Problemwahrnehmung zu einem bestimmten Thema oder reaktiviert diese; (2) die durch das Ereignis hervorgerufene Aufmerksamkeit für ein Thema fördert eine bestehende Problemlage zutage, die in der Öffentlichkeit bisher nicht oder nur marginal sichtbar war; (3) die öffentliche Definition eines Problems ändert sich, weil das Schlüsselereignis in einen Zusammenhang mit ähnlichen vorher- gegangenen Ereignissen gebracht wird.

Geleitet von der Annahme, dass Naturkatastrophen oder technische Großunglücke po- litisch nicht neutral sein können, untersuchte Birkland (1998) die Dynamik und Bedeu- tung von Schlüsselereignissen hinsichtlich ihres Mobilisierungs- und Agenda-Setting- Potenzials. Im Ergebnis seiner Forschung stellt er zwei zentrale Wirkungen von Schlüsselereignissen heraus: Sie weisen auf politisches Versagen hin und eröffnen die Chance für politischen Lernen (Birkland 2004). Darüber hinaus entwickelte er Krite- rien für die empirische Überprüfung der politischen Wirkungschancen von Schlüssele- reignissen:

„These features – rarity, harms, concentration of harms, whether the event is known to all simultaneously are arranged on a continuum, and any event can be measured on these criteria.“ (Birkland 2004: 181)

Die von Birkland benannten Kriterien weisen große Ähnlichkeiten mit zentralen Di- mensionen der kommunikationswissenschaftlichen Nachrichtenwertforschung auf. Sie verweisen damit auf die im vorigen Abschnitt beschriebene „Medialisierung“ der öf- fentlichen Wahrnehmung und Diskussion von Schlüsselereignissen sowie die hierauf bezogenen politischen Schlussfolgerungen.

1.4 News Icons: Vom Schlüsselereignis zum Schlüsselbegriff

Wenn eine wesentliche Funktion von Schlüsselereignissen wie in Abschnitt 1.2 be- schrieben darin besteht, Themen auf der Medienagenda zu etablieren und in diesem Kontext bestimmte Sichtweisen zu verankern (Rauchenzauner 2008: 179), stellt sich

Deutscher Atomausstieg made in Japan?

83

die Frage nach den kommunikativen Mitteln, die diesen Wandel begleiten bzw. forcie- ren. Wien und Elmelund-Praestekaer (2009: 187f.) weisen darauf hin, dass Schlüssel- ereignisse in besonderer Weise dazu geeignet sind, komplexe Themen und Probleme zu vereinfachen und auf wenige Begriffe zu reduzieren. Folglich gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Schlüsselereignissen auf der einen Seite und semantisch stark aufgeladenen Begriffen, Metaphern, Bildern oder Symbolen auf der anderen Sei- te, die das jeweilige Ereignis nicht nur bezeichnen, sondern auch deuten. So bezeichnet der Begriff „Tschernobyl“ nicht vollkommen neutral eine in der Vergangenheit liegen- de Reaktorkatastrophe. Vielmehr wird zugleich ein Trauma angesprochen, das aus den Schäden dieser Katastrophe resultiert, und ebenso die in der Gegenwart und Zukunft liegenden Risiken der Kernenergie.

Auch Bennett und Lawrence (1995) stellen einen Zusammenhang zwischen politisch relevanten Schlüsselereignissen und deren symbolischer Repräsentation her. Diese von ihnen als News Icons bezeichneten Begriffe, Metaphern und Bilder würden von den Medien meist zufällig hervorgebracht und später als Symbole für komplexe Probleme stehen:

„Ultimately, news icons can serve as what the public policy literature describes as 'fo-

cusing events' in policy-making processes (

existence of problems and serve as catalysts for policy responses to those problems. Likewise, news icons push certain problems to the forefront of the news agenda and thus engage public attention.(Bennett/Lawrence 1995: 25f)

Focusing Events are thus indicators of the

)

Im Unterschied zu Rauchenzauner gehen Bennett und Lawrence allerdings davon aus, dass News Icons nicht neu geschaffen, sondern bereits existierende soziale Konstrukte wie z.B. soziale bzw. politische Problemlagen oder gesellschaftliche Veränderungen symbolisch einfangen.

1.5 Schlussfolgerungen

Unstrittig ist, dass Ereignisse eine Thematisierungsfunktion haben, und ebenso, dass bestimmte Ereignisse wir nennen sie hier Schlüsselereignisse in besonderer Weise öffentlich wahrgenommen und mit öffentlich relevanten Problemlagen verknüpft wer- den. Die Frage, ob das Reaktorunglück in Fukushima die Funktion eines traumatischen Schlüsselereignisses hatte, mit dem der deutsche Atomausstieg in deutschen Medien begründet wurde, zielt auf Realitätskonstruktionen in öffentlichen Diskursen ab. Es geht darum herauszufinden, ob und wie in der Berichterstattung und Kommentierung deutscher Medien im Jahr 2011 Zusammenhänge zwischen einem fernen Schlüsseler- eignis der Reaktorkatastrophe in Japan und einem nationalen Diskurs der deut- schen Debatte über einen Atomausstieg hergestellt wurden.

84

Hans-Jürgen Weiß, Sabrina Markutzyk & Bertil Schwotzer

Diese Realitätskonstruktionen werden im Folgenden am Beispiel von drei bewusst ausgewählten Medien analysiert. Es ist nicht das zentrale Thema dieser Fallstudie her- auszufinden, ob sie primär mediengeneriert sind (wie es kommunikationswissenschaft- liche Konzepte von Schlüsselereignissen nahelegen) oder ob sich in ihnen primär die Argumentationsstruktur der deutschen Politik widerspiegelt (wie man es im Anschluss an das politikwissenschaftliche Konzept der Focusing Events annehmen könnte). Aber auch dazu sind ihr Indizien zu entnehmen.

2 Die Fallstudie

2.1 Forschungshintergrund

In einer Doppelfallstudie, die im Rahmen des Forschungsprojekts „Medienmonitoring Sicherheit“ (kurz: „Memo-S“)15F 2 konzipiert und durchgeführt wurde, wurde aus Anlass der Ereignisse in Japan im Frühjahr 2011 die Berichterstattung deutscher Medien zu drei Themenkomplexen untersucht:

das Erdbeben und der Tsunami in Japan im März 2011 (kurz: „Tsunami“),

das durch diese Naturkatastrophen ausgelöste Reaktorunglück in Fukushima (kurz: „Fukushima“) sowie

die in Deutschland anknüpfende Debatte über einen Atomausstieg (kurz: „Atomdebatte“)

Dabei ging es um zwei unterschiedliche Fragestellungen (Vowe 2012). Zum einen wurden ausgehend von der Nachrichtenwerttheorie die Strukturen und Entwicklungen der Medienberichterstattung bezüglich dieser drei Themenkomplexe analysiert.16F 3 Zum anderen wurde im Rückgriff auf das theoretische Konzept der Schlüsselereignisse er- mittelt, welchen Stellenwert Fukushima in der medienvermittelten Debatte über einen deutschen Atomausstieg im Jahr 2011 erhielt. Die in diesem Beitrag vorgelegten For- schungsergebnisse beziehen sich auf die zweite Fragestellung. 17F

4

2 Die von G. Vowe geleitete Studie ist Teil des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Verbundprojekts „Sicherheiten, Wahrnehmungen, Lagebilder, Bedingungen und Erwartungen Ein Monitoring zum Thema Sicherheit in Deutschland“ (kurz: „BaSiD“). Die Inhaltsana- lysen wurden von der GöfaK Medienforschung GmbH, Potsdam, durchgeführt. Projektwebsite:

3 Vgl. dazu den Beitrag von Fretwurst in diesem Band; siehe auch Weisse (2013).

4 Vgl. dazu auch Markutzyk (2013).

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2.2 Methode

In einer quantitativen Inhaltsanalyse wurde eine bewusst ausgewählte Stichprobe von drei überregional in Deutschland verbreiteten Medien untersucht, die in ihrer jeweili- gen Mediengattung die höchste Reichweite aufweisen: die Abonnementzeitung Süd- deutsche Zeitung (SZ), die Boulevardzeitung BILD und die ARD-Hauptnachrichten- sendung Tagesschau. Analysiert wurden alle Beiträge im Zeitraum vom 09.03.2011 bis zum 10.07.2011, die sich in ausgewählten Segmenten dieser Medien 18F 5 mit einem der drei zuvor genannten Themenkomplexe befasst haben.19F 6

Tabelle 1:

Analyseebenen und Fallbasis der Studie

Analyseebene

SZ

BILD

Tagesschau

Gesamt

 

n