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Können Feministinnen vielleicht doch „im Namen der Frauen“ sprechen? | Aus Liebe zur Freiheit

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Aus Liebe zur Freiheit

Notizen zur Arbeit der sexuellen Differenz

Können Feministinnen vielleicht doch „im Namen der Frauen“ sprechen?

Linda Zerillis Buch „Feminismus und der Abgrund der Freiheit“ ist keine Margarine, sondern Butter (Linda%20Zerillis Buch „Feminismus und der Abgrund der Freiheit“ ist keine Margarine, sondern Butter), um auf eine Metapher von Kathrin Passig zurückzugreifen: Es gibt es nur teuer zu kaufen, weshalb ich es, obwohl es schon 2005 auf Englisch und 2010 auf deutsch erschienen ist, bisher nicht gelesen hatte. Und das, obwohl ich schon lange vermutet hatte, dass es mir gut gefallen würde, denn schließlich geht es um Hannah Arendt und um den italienischen Differenzfeminismus und um eine Neuorientierung des Feminismus als freiheitliche politische Bewegung – soviel hatte ich auch im Internet schon mitbekommen (zum Beispiel hatte Katrin Rönicke schon ausführlich darüber gebloggt) (http://blog.katrin-roenicke.net/?p=2372).

Aber gemäß dem Gesetz, dass alles wirklich Wichtige irgendwann doch zu einer kommt, habe ich es vergangenes Weihnachten gleich zweimal geschenkt bekommen, und, voilà, ja, es ist wirklich ein Meilenstein der politischen feministischen Theorie.

ein Meilenstein der politischen feministischen Theorie.

(http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2014/05/zerilli.jpg)

Zerilli entwickelt darin einen Vorschlag, wie der Feminismus sich aus jenem unfruchtbaren Patt herauslösen kann, in der er durch den Konflikt zwischen radikalem Feminismus und Queerfeminismus geraten war – nämlich der Vorstellung von „Frauen“ als einem politisch handelnden Subjekt, das in der so genannten „zweiten Welle“ in den 1970er Jahren die politische Bühne betreten und die bis dahin vorherrschende Norm der Männlichkeit in Frage gestellt hat, auf der einen Seite, und einer radikalen Dekonstruktion der Kategorie „Geschlecht“ auf der anderen Seite.

Also die Frage: Wie kann Weiblichkeit und Frausein einerseits eine politische Kategorie sein, wenn doch andererseits bestritten werden muss_soll, dass Frausein überhaupt ein reales Kriterium ist?

Ihre Antwort lautet - im Anschluss an Hannah Arendt: Es geht nicht darum, „was“ eine Frau ist, sondern darum, „wer“ eine Frau ist, also um ein politisches Urteil, das darin besteht, dem eigenen Frausein eine Bedeutung zu geben. „Frauen“ im Sinne des Feminismus als politischer Praxis sind

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nicht Menschen, die aufgrund von objektiv bestimmbaren Kriterien (naturgegebenen oder gottgewollten oder soziologisch definierten) zu dieser Gruppe gehören, sondern Menschen, die sich entschließen, in Freiheit eben, „Frauen“ zu sein, um damit ein politisches Projekt zu verfolgen.

Das ist nun für mich nicht ganz neu gewesen, denn der italienische Differenzfeminismus, mit dem

ich bekanntlich engstens verbandelt bin, hat genau diese politische Praxis entwickelt, zuerst mit dem Buch „Wie weibliche Freiheit entsteht“ (http://www.antjeschrupp.de/vorwort-liberia) des Mailänder Frauenbuchladens (das schon 1989 auf Deutsch erschien), und seither mit vielen anderen Texten, etwa den von mir mit übersetzten Büchern der Philosophinnengruppe Diotima in Verona

(http://www.antjeschrupp.de/diotima)

oder der Zeitschrift Via Dogana und so weiter.

Es ist natürlich schön, dass dieses Denken nun auch noch einmal von einer anderen Seite her

aufgegriffen wird, zumal Zerilli den Kern dieses Denkens in einen feministischen Diskurs einbettet, wie er sich im Anschluss an Judith Butlers Buch „Das Unbehagen der Geschlechter” entwickelt hat –

einen Diskurs, den ich,

queer-bin-eine-autobiografische-annaherung/), nur eher nebenbei verfolgt habe.

mangels Interesse (http://antjeschrupp.com/2010/03/15/warum-ich-nicht-

Etwas schade ist allerdings, dass sie sich ausschließlich auf das inzwischen eben schon 25 Jahre alte Buch der Mailänderinnen bezieht, so als ob sich der italienische Differenzfeminismus direkt im Anschluss an dessen Veröffentlichung in Luft aufgelöst hätte. Alle weiter führenden Diskussionen und Erkenntnisse, die daraus gefolgt sind – und auch in Deutschland ist die Idee des Affidamento

(http://www.antjeschrupp.de/affidamento)

nicht an den Unis - hat sie nicht berücksichtigt.

ja vielfach auf fruchtbaren Boden gefallen, wenn auch

Interessant fand ich allerdings, wo Zerilli andere Vorschläge zum Weiterdenken entwickelt, als die Italienerinnen und „wir“ es getan haben. Aus der zentralen Erkenntnis von „wie weibliche Freiheit

entsteht“ – dass es nämlich kein „Wir der Frauen“ gibt, das als politisches Subjekt auftreten kann - sind nämlich „bei uns“, wenn ich es jetzt mal so verkürzt sage, Praktiken und Vorschläge entstanden, die vor allem auf eine politische Praxis der Beziehungen unter Frauen fokussieren. Das „Von sich selbst Ausgehen“, die Aufmerksamkeit für „weibliche

Autorität“ (http://www.antjeschrupp.de/autoritaet)

(http://www.antjeschrupp.de/begehren), die Notwendigkeit der Vermittlungsarbeit, und die Ablehnung einer Repräsentanzpolitik, bei der einzelne beanspruchen, im Namen von anderen zu sprechen, zuletzt die Unterscheidung von Macht und Politik. (http://www.antjeschrupp.de/macht- und-politik-sind-nicht-dasselbe)

und das persönliche Begehren

Zerilli hingegen ist der Ansicht, dass Frauen, die im oben genannten politischen Sinn „als Frauen“ sprechen, durchaus „im Namen der Frauen“ generell sprechen können. Ich zitiere diese Passage (Seite 238) mal ausführlich. Zerilli schreibt:

„Im Hinblick auf den Feminismus wollen wir also nicht wissen, ob die Frauen/die Frau (etwa in Form einer durch gemeinsame Erfahrung verbundenen sozialen Gruppe) existieren, sondern was die Frauen/die Frau für diejenigen bedeutet, die beanspruchen, in diesem Namen politisch zu sprechen. Durch ein solches Sprechen kann eine Norm entweder weiter sedimentiert, oder aber transformiert werden. Ob ein im Namen „der Frauen“ Sprechen eine vorgängige Definition von „Frauen“ zementiert oder sie für Diskussion, Kritik und phantasievolle Umgestaltung öffnet, können feministische politische Akteurinnen vor diesem Sprechen einfach nicht wissen. Wenn wir uns dazu entscheiden sollten, ein „unbestimmtes Urteil“ über die Frauen/die Frau zu formulieren, so liegt dies nicht daran, dass die Kategorie als undefinierbar geschützt oder von der öffentlichen Debatte ausgeschlossen wäre, weil sie kein legitimes Objekt des Wissens darstellte. … In der Politik geht es vielmehr um Forderungen und Urteile – und den Mut, sie zu stellen, bzw. zu fällen -, die nicht durch

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objektive Kriterien oder Regeln abgesichert sind. Sie können sich also weder auf ein objektives Wissen berufen noch garantieren, dass ein solches Sprechen im Namen der Frauen von anderen aufgenommen oder aufgegriffen wird.“

Diesen Vorgang als solchen – dass also eine etwas sagt, das nicht beweisbar oder objektiv wahr ist, und dessen Wirksamkeit dann davon abhängt, ob andere es aufgreifen und dem zustimmen – haben

wir im von Italien inspirierten Differenzfeminismus auch bearbeitet und beobachtet, es ist letztlich das Wechselspiel von Autorität und Begehren: Wenn eine etwas Neues sagt, bekommt dies Autorität

(http://abcdesgutenlebens.wordpress.com/category/autoritat/)

weil es eine Antwort auf ihr Begehren (http://abcdesgutenlebens.wordpress.com/category/begehren/) ist. Die Italienerinnen sprechen dabei auch von einer „Wette“, die die Sprechende eingeht. Dass also etwas Neues, das gesagt wird, den Charakter von „Wetten, dass es so ist?“ hat (und nicht, wie es ansonsten üblicherweise gehandhabt wird, den Charakter von „Ich kann beweisen, dass es so ist“).

dadurch, dass es andere aufgreifen,

Die interessante Frage, die für mich momentan offen ist, ist die, ob dieser Vorgang sich sinnvollerweise in eine politische Repräsentanz übersetzen lässt. Die Sichtweise, dass ich „als Frau“ sprechen könnte (also in gewisser Weise durchaus als Repräsentantin „der Frauen“), habe ich bisher immer abgelehnt, sondern es vielmehr so formuliert, dass ich, die ich eine Frau bin, etwas sage, also mein Frausein dabei sichtbar und explizit mache, ihm eine Bedeutung gebe, aber eben eine andere Bedeutung als die der Repräsentanz.

Ich merke aber, dass dies kaum durchzuhalten ist, wenn ich öffentlich spreche. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens versteht es niemand, das heißt, was ich sage, wird als repräsentatives Sprechen wahrgenommen, ob ich will oder nicht, und daran schließen sich dann immer endlose Erklärungsnotwendigkeiten an. Zweitens, weil ich damit (und das gilt ja für den italienisch inspirierten Differenzfeminismus in Deutschland generell) vom öffentlichen, medialen Diskurs so gut wie gar nicht wahrgenommen werde. Feministische Thesen werden nur wahrgenommen, wenn sie Aussagen über „die Frauen“ zu machen beanspruchen, wie man an der Dauerpräsenz von Alice Schwarzer oder auch Hypes um Bücher wie die Tussikratie sieht.

Das repräsentative Denken ist einfach in unserer politischen Kultur so stark verankert, ja, Politik wird praktisch mit repräsentativem Anspruch gleichgesetzt, dass es von vielen einfach nicht verstanden wird, wenn jemand sich dem verweigert.

Nach dem Lesen von Zerillis Buch frage ich mich, ob es vielleicht möglich sein könnte, das Pferd quasi von der anderen Seite aufzuzäumen: Nicht die Repräsentation als solche mit ihren offiziellen und freiheitsfeindlichen Defiziten gänzlich abzulehnen, sondern stattdessen zu versuchen, der Repräsentation eine freiheitlichere Bedeutung zu geben, in dem Sinne, wie Zerilli es vorschlägt? Nämlich so, dass ich mir einfach die Freiheit nehme, „im Namen der Frauen zu sprechen“ - aber eben in dem Sinne, dass die Berechtigung meines Sprechens sich in der Reaktion anderer Frauen darauf zeigt?

Ich bin mir nicht sicher, es hat etwas Verlockendes. Andererseits aber… Hm.

1. Mai 2014 von Antje Schrupp

Hannah Arendt,

Kategorien: Feminismus | Schlagworte: Differenzfeminismus, Freiheit,

Linda Zerilli, Mailänderinnen | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu “Können Feministinnen vielleicht doch „im Namen der Frauen“ sprechen?”

1.

 

Christian - Alles Evolution schreibt: 1. Mai 2014 um 18:01 DEN Feminismus gibt es ja eh nicht, insofern kann er schwer für die Frauen sprechen

Der gängige Feminismus ist aus meiner Sicht viel zu extrem, um für “die Frauen” sprechen zu können.

Wer bei den Frauen vertritt den außerhalb des Genderfeminismus überhaupt eine strikte soziale Konstruktion der Geschlechter?

2.

 

Antje Schrupp schreibt: 1. Mai 2014 um 18:03 @Christian _ Den Feminismus gibt es natürlich nicht, aber wenn es ihn gäbe, könnte er auch nicht sprechen. Es sind natürlich immer einzelne Feministinnen oder Gruppen von Feministinnen, die sprechen.

3.

 

Christian - Alles Evolution schreibt: 1. Mai 2014 um 18:09 Folgt nicht aus dem Vorhandensein verschiedener Strömmungen schon, dass Vertreter einer dieser Strömmungen schlecht für “die Frauen” sprechen können?

Zb deine Auffassungen und die im poststrukturalistischen Feminismus beispielsweise werden sich ja stark widersprechen

4.

Antje Schrupp schreibt: 1. Mai 2014 um 18:11 Bin mir nicht sicher, genau das werde ich vielleicht in Zukunft mal ausprobieren

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