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Afrikanische Musik I

AFRIKANISCHE MUSIK I

Schwarzafrika umfasst den afrikanischen Kontinent südlich der Sahara und die vorgelagerten Inseln im Indischen und Atlantischen Ozean. Die Musikkulturen des nordafrikanischen Raumes (Weißafrika) sind der orientalischen Welt zuzurechnen. Ihr Einfluss setzt sich allerdings weit nach Schwarzafrika hinein fort, insbesondere im Subsaharagürtel und entlang der ostafrikanischen Küste.

Die Musik Schwarzafrikas stellt keine stilistische Einheit dar. Ähnlich der Sprachenvielfalt ist auch eine große Mannigfaltigkeit der musikalischen Ausdrucksformen festzustellen. Alan Lomax, der über Gesangstile gearbeitet hat, postuliert 12 unterschiedliche Stilregionen: Western Sudan, Moslem Sudan, Eastern Sudan, Ethiopia, Upper Nile, Guinea Coast, Equatorial Bantu, Northeast Bantu, Central Bantu, African Hunters, South African Bantu und Madagascar. Zusätzlich wird Afroamerika in die schwarzafrikanische Stilwelt einbezogen.

Afroamerika in die schwarzafrikanische Stilwelt einbezogen. Stilregionen afrikanischer Musik (nach Lomax) Einige dieser

Stilregionen afrikanischer Musik (nach Lomax)

Einige dieser Gruppen nehmen eine Sonderstellung ein, etwa die unter "African Hunters" zusammengefassten Khoisan-Völker (Buschmänner) Südwestafrikas und die Pygmäen Zentralafrikas. Äthiopien ist ebenfalls eine musikalische Welt für sich und erweist sich insbesondere in der alten Tradition der koptisch- christlichen Kirchenmusik als Teil eines afroasiatischen Kulturgebietes. Madagaskar wird in Abhandlungen über afrikanische Musik zumeist ausgeklammert. Obwohl die Insel in vielen

kulturellen Aspekten nach Südostasien verweist, spiegelt die madagassische Musik die geographische Nähe zum afrikanischen Kontinent deutlich wider, vor allem in ihren rhythmischen Grundlagen.

Die historisch bedingten Verflechtungen und innerafrikanischen Einflüsse sind noch wenig erforscht. Im Zentrum des Interesses standen bis in die Gegenwart hinein Kulturparallelen mit Gebieten außerhalb Schwarzafrikas. Die Forschung schloss dabei auf der Basis von Vergleichen von Musikinstrumenten, Tonsystemen und musikalischen Ausdrucksmitteln auf prähistorische Kulturkontakte. Die Tendenz dieser Arbeiten, den "schwarzen Erdteil" als Empfänger von Kultur, nicht als Inventor zu beschreiben, fand in Afrika viele Kritiker.

Die Erforschung der Geschichte afrikanischer Musik, ihres Wandels durch Innovation, Adaptation, Modifikation, Entlehnung und Verlust von musikalischen Ausdrucksmerkmalen bedient sich heute zunehmend der historischen Arbeitsweise. Die Quellenlage ist je nach Epoche, Region und Musikgenre sehr unterschiedlich. Dem Mangel an internen Quellen (sieht man von den Oralquellen ab) steht eine noch weitgehend unerschlossene Fülle an externen Quellen aus der Kolonialzeit gegenüber. Die Auswertung der an ethnographischen Belegen oft reichen Reiseberichte erfordert eine verfeinerte Quellenkritik, handelt es sich doch um Dokumente, die sehr unterschiedliche Interessen, Geisteshaltungen und Niveaus der Auseinandersetzung mit dem Fremden reflektieren.

Musik im Leben der afrikanischen Gesellschaft

Der große Stellenwert der Musik in der afrikanischen Gesellschaft wird immer wieder betont. Es gibt kaum bedeutende Ereignisse, die ohne Musik ablaufen. Die starke Interaktion zwischen Musikern und Zuhörern, welche Afrikaner bei Musikdarbietungen in Europa oft vermissen, ist dabei ein herausragendes Charakteristikum.

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Afrikanische Musik I

Die Bedeutung der Musik reflektiert auch das große Spektrum von Funktionen, die der Musik in der Gesellschaft zukommt. Liedtexte behandeln wichtige soziale Belange, prangern unsoziales Verhalten wie Stolz, Habsucht und Untreue an, zeigen auf, dass die Wahrung von Werten wie Respekt, Großzügigkeit, Kooperation und Solidarität das harmonische Zusammenleben fördert. Der Musiker wirkt tief auf soziale Prozesse ein, er erfüllt vielfach eine verhaltensregulierende Funktion. Musiker können im Dienste von Herrschern stehen, und in ihren Preisliedern zur Erhaltung der bestehenden Gesellschaftsordnung beitragen. Umgekehrt können Musiker als Vertreter unterprivilegierter Schichten in kritischen Liedern Missstände anprangern. In vielen Orten gibt es für Musik- und Tanzveranstaltungen bestimmte Plätze im Zentrum des Dorfes, was den sozialen Stellenwert der Musik unterstreicht.

Daneben findet sich aber auch das Musizieren ohne Zuhörerschaft, zum Zeitvertreib und zur Rekreation des Gemütes. Dafür eignen sich besonders Instrumente mit zartem Klang, wie zum Beispiel Lamellophone (in der Literatur häufig "Sanza" genannt), welche vielfach bei einsamen Wanderungen im Gehen gespielt werden.

Vom freien, ungebundenen Musizeren, mit oder ohne Zuhörerschaft, ist das Musizieren zu besonderen Anlässen und besonderen Zeiten zu unterscheiden. Der Jahreszyklus gibt den Rahmen für eine Zahl von Ereignissen, die von Musik begleitet sind. Besonders wenn die Feldarbeit ruht, werden Festivitäten begangen. Musik, Tanz und musikbegleitete Spiele von Kindern und Jugendlichen in Vollmondnächten sind weit verbreitet. Der Lebenszyklus bestimmt jene Stationen im Leben des Einzelnen, die in Übergangsriten (rites de passage) den Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt festlich begehen. Geburt, Initiation/Beschneidung und Tod sind hier in ganz Afrika von universaler Bedeutung, während die Heirat vorwiegend in islamisch und christlich beeinflussten Kulturen bzw. Gesellschaftsschichten gefeiert wird. Viele Musikgattungen sind nach ihrem kontextuellen Bezug voneinander unterschieden.

Das Spektrum der Ausführenden reicht von jedermann über den begabten Laien bis zum professionellen Musiker. Bootsleute singen, um im Rhythmus zu rudern, Frauen singen bei der Aussaat, um sich die Arbeit zu erleichtern, Händler preisen singend ihre Waren an, um den Umsatz zu steigern. In responsorialen Gesängen kann das ganze Volk den Chorpart bilden. Das den Gesang begleitende Händeklatschen ist ebenfalls eine musikalische Tätigkeit, die oft bereits kleine Kinder beherrschen. Diverse Musikinstrumente gelten als einfach, während andere Spezialisten vorbehalten sind. Im Süden Madagaskars etwa kann der überwiegende Teil der Bevölkerung eine Rassel bedienen, das Spiel des Akkordeons oder der Kastenzither beherrschen hingegen nur wenige.

Berufsmusiker, die sich ausschließlich der Musik widmen, von deren Ausübung sie kontinuierlich leben können, finden sich in Afrika nur selten. Meistens üben Musikspezialisten ihre musikalische Tätigkeit saisonweise oder auf Abruf vorübergehend aus, und gehen zusätzlich noch einer anderen Tätigkeit nach.

Einzelne Musikgattungen oder Musikinstrumente können weiblichen oder männlichen Ausführenden vorbehalten sein. Wiegenlieder und Totenklagen sind charakteristische Genres der Frauen (wenngleich es vereinzelt auch Totenklagen durch Männer gibt). Preis- und Epengesang wiederum sind primär Männerdomäne. Chordophone und Aerophone werden in Madagaskar fast nur von Männern gespielt, das Xylophon hingegen nur von Frauen. Bestimmte Sakraltrommeln sind für Frauen tabu, andere Sakraltrommeln hingegen werden durchwegs von Frauen gespielt. Besonders in islamisch beeinflußten Kulturen ist die Trennung in einen männlichen und weiblichen Lebensbereich deutlich. Ebenso gibt es vielfach auch eine Zuordnung zu bestimmten Altersgruppen. Diverse Lautenformen sind in weiten Teilen Afrikas typische Altersgruppeninstrumente. Schon im Kindesalter werden erste Versuche auf dem oft selbstgebauten Instrument gemacht. Einmal erwachsen geworden, wird das Spiel des Instruments zumeist wieder aufgegeben.

Musiker stammen häufig aus den unteren sozialen Schichten. Dennoch kann ihnen ihre Tätigkeit Ansehen einbringen, insbesondere wenn sie sich einer prestigeträchtigen Musikform verschrieben haben. Neben Formen und Musikinstrumenten, die sich an Vorbildern der westlichen Welt orientieren, sind dies vor allem jene, die an den Höfen von Königen angesiedelt sind. Heute sind die traditionellen Herrscher weitgehend entmachtet und ohne politische Befugnisse, geniesen aber dennoch große Wertschätzung in der Bevölkerung. Davon künden das Preistrommeln und der Preisgesang. Die Griots Westafrikas haben daneben die Funktion der Tradierung von Geschichte aus der Perspektive des Herrschergeschlechts, die letztlich die Funktion der Legitimation der Herrschaft erfüllt. Die Musik an den Höfen ist strengen Bestimmungen unterworfen. Musiker begleiten die Würdenträger zu offiziellen Auftritten. Nur zu besonderen Anlässen werden bestimmte Instrumente hervorgeholt und bestimmte Musikformen aufgeführt. Zu den königlichen Insignien gehören Elfenbeinhörner, Glocken und insbesondere Trommeln. Das Funktionieren des politischen Systems wird oft mit der Existenz und Bewahrung von heiligen Trommeln in Zusammenhang gebracht. Um sie wird ein spezieller Kult gebildet.

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Eine besondere Form des Musikspezialisten ist der Schamane. Musik spielt in Tranceritualen, die in ganz Afrika verbreitet sind, eine entscheidende Rolle. Orisa und vodu (voodoo) sind die bekanntesten Beispiele. Nach Artur Simon sind therapeutische, religiöse, soziale Riten und Riten zur An- oder Abwendung von Hexerei zu unterscheiden. Häufig arbeitet der Schamane mit Musikern eng zusammen, ist aber selbst ebenfalls ein mit der Musik Vertrauter.

Strukturen afrikanischer Musik

Form:

Einige strukturelle Merkmale und grundsätzliche Verfahren sind in Schwarzafrika sehr weit verbreitet. Afrikanische Musik lässt sich zumeist der Perioden- oder Deklamationsform zuordnen.

Die Periodenform ist gekennzeichnet durch das Aneinanderreihen von Formeln, die in ihren Wiederholungen vielfach variiert Periodenform ist gekennzeichnet durch das Aneinanderreihen von Formeln, die in ihren Wiederholungen vielfach variiert werden. Der überwiegende Teil afrikanischer Musik ist solche Pattern- Musik. Eine besondere, charakteristisch afrikanische Technik ist hier das Ruf-Antwort- Verfahren (call and response), mit einem zumeist freieren Rufteil und einem formelhaften Antwortteil.

Die Deklamationsform ist stärker an die Struktur des Textes gebunden. In diese Kategorie gehört auch das Deklamationsform ist stärker an die Struktur des Textes gebunden. In diese Kategorie gehört auch das Sprechtrommeln in einigen westafrikanischen Musikkulturen. Dabei werden die tonalen und Längenfaktoren der Sprache, die in den betreffenden Regionen jeweils eine Tonhöhensprache ist, ziemlich getreu wiedergegeben. Davon zu unterscheiden ist das Signale-Trommeln, bei welchem durch Codes präzise Botschaften übermittelt werden, z.B. die Einberufung einer Versammlung. Auch diverse Blasinstrumente, etwa Muschel- oder Zebuhörner, können hiefür herangezogen werden.

Während die Deklamationsform überwiegend einem freien Metrum folgt, ist die Periodenform durch ein strenges Zeitmaß gekennzeichnet.

Hörbeispiel: Yoruba-Sprechtrommeln, demonstriert an Wort- und Satzbeispielen, aufg. von Gerhard Kubik, Nigeria 1960. Quelle: Musik in Afrika, Berlin 1983, Bsp.8.

Timing:

Bei "mikroskopischer" Betrachtung des zeitlichen Ablaufes, etwa eines Xylophonstückes, entdeckt man eine äquidistante Folge kleinster Zeiteinheiten, die die Basis für jede rhythmische Gestalt bilden. Dieses Orientierungsraster wird nach Gerhard Kubik Elementarpulsation genannt. In einigen Instrumentaltraditionen läuft die Elementarpulsation mit großer Geschwindigkeit ab. Metronomzahlen von 600 M.M. und darüber sind keine Seltenheit.

Die nächste Orientierungsebene über der Elementarpulsation ist der Beat. Ein Beat liegt auf jedem zweiten, dritten oder vierten Elementarpuls und bildet somit ebenfalls ein gleichmäßiges Raster. Mitunter liegen betonte Stellen neben dem Beat (off-Beat). Eine weitere Referenz des Musikers ist die Formzahl. Sie gibt die Anzahl der Elementarpulse an, die ein Pattern umfasst. Wir finden insbesondere die Formzahlen 6, 8, 9, 12, 16 und 18 sowie Vielfache davon. Die Zahl 12 ist die wichtigste Formzahl der afrikanischen Musik. Die Bedeutung der 12, teilbar durch 2, 3, 4 und 6, liegt darin, dass sie für eine polymetrische Gestaltung prädestiniert ist.

Das Spiel mit dem Metrum ist ein herausragendes Charakteristikum afrikanischer Musikgestaltung. Verschiedene Metren können nacheinander in einem Stück auftreten, wir sprechen hier von Heterometrik. Häufiger aber ist die Polymetrik, das gleichzeitige Ablaufen mehrerer Metren. Die elementarste polymetrische Form, ein 2 gegen 3, zeigt das folgende Beispiel:

Form, ein 2 gegen 3, zeigt das folgende Beispiel: Eine einfache Bimetrik dieser Art ist in

Eine einfache Bimetrik dieser Art ist in der afrikanischen Musik selten. Meist laufen mehr als zwei Grundmetren simultan ab.

Forscher, die afrikanische Musik vor Ort erlernt haben, bezeugen übereinstimmend die Verbundenheit auditiver mit motionalen (Bewegungs-) Aspekten im afrikanischen Musikverständnis. Die Tanzforschung hat dies besonders hervorgehoben, indem sie die Polymetrik der Musik mit der Polyzentrik des Tanzes in Beziehung gesetzt hat.

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Afrikanische Musik I

In Fällen, in denen nur ein einzelnes Metrum benützt wird, finden wir oft die gleichzeitige Verwendung verschiedenartiger Rhythmen, die aber stets auf einem einzelnen Grundschlag basieren. Wir sprechen dann von Polyrhythmik. Eine besondere Form polyrhythmischer Gestaltung ist die Kreuzrhythmik. Dabei handelt es sich um ein Überkreuzen der einzelnen Parts eines Ensembles, sodass die Einsatzpunkte und Hauptakzente der verwendeten Formeln an unterschiedlichen Stellen liegen.

Eine besondere Rolle in der rhythmischen Strukturierung in bestimmten Regionen, insbesondere im Bereich der Niger-Kongo-Sprachen, spielen die Time-line-Formeln. Es sind dies prägnante rhythmische Gestalten, die auf heraustönenden Instrumenten (z.B. Eisenglocken) gespielt werden. Eine der verbreitetsten Time-line-Formeln ist die sogenannte omele-Formel:

Time-line-Formeln ist die sogenannte omele -Formel: Amadinda -Holmxylophon, Uganda Die Entdeckung der
Time-line-Formeln ist die sogenannte omele -Formel: Amadinda -Holmxylophon, Uganda Die Entdeckung der

Amadinda-Holmxylophon, Uganda

Die Entdeckung der inhärenten Patterns durch Gerhard Kubik führt in das innerste Wesen schwarzafrikanischer Musik. Es handelt sich hier um ein Phänomen der Wahrnehmung, das von Musikern Zentral- und Ostafrikas bewusst genützt wird. Komplexe Patterns, die durch hohe Dichte (d.h. große Spielgeschwindigkeit) und sprunghafte Intervalle gekennzeichnet sind und in unablässigen Wiederholungen vorgetragen werden, erhalten in der Wahrnehmung den Eindruck thematischer Mehrdeutigkeit nach Art eines Vexierbildes. Die Wahrnehmung kann auf die hohe, mittlere oder tiefe Lage in der Musik ausgerichtet werden. Man registriert dort jeweils unterschiedliche melodisch-rhythmische Gestalten, wobei der

Rest des Klanggewebes in den Hintergrund tritt. Diese Gestalten haben vielfach ausgeprägte, individuelle metrische Qualitäten, die mit dem Metrum anderer inhärenter Gestalten desselben Stückes in einem Konflikt stehen. Wenn während des Hörens die Aufmerksamkeit auf eine andere Gestalt wechselt, ändert sich schlagartig der metrische Eindruck des Ganzen; er "kippt um", weil das Bezugsmetrum wechselt. Neben rein rhythmischen Gestalten können auch Melodien in das Klanggewebe als inhärente Patterns hineinkomponiert sein. Im Schrifttum von Gerhard Kubik bezieht sich der Begriff der inhärenten Patterns auf die amadinda-Xylophonmusik Ugandas. Dort wird das auf den beiden tiefsten Xylophonplatten gespielte Pattern zwei Oktaven höher auf den beiden höchsten Platten verdoppelt.

Hörbeispiel: Die drei Parts eines Amadinda-Xylophonstückes einzeln vorgeführt, gefolgt vom Beginn des Stückes. Aufg. von Gerhard Kubik, Uganda 1967. Quelle: Musik in Afrika, Berlin 1983, Bsp.22.

Tonsystem und Mehrstimmigkeit:

Untersuchungen zu afrikanischen Tonsystemen haben eine lange Tradition. Ein besonderes Augenmerk wurde stets den äquidistanten fünf- oder siebenstufigen Skalen gewidmet, bei denen die Oktave in fünf oder sieben gleiche Intervalle geteilt ist. Ähnliche Skalen finden sich auch in Südostasien, was zu Spekulationen über Kulturkontakte in prähistorischer Zeit geführt hat.

In einigen Gebieten Afrikas findet man keine Mehrstimmigkeit außer Oktavparallelen. Im übrigen aber folgt die Mehrstimmigkeitsbildung einem "Überspringverfahren" (nach G. Kubik): der jeweils übernächste Skalenton wird zur Bildung eines Zusammenklanges herangezogen. Im Falle heptatonischer Skalen ergeben sich daraus Terzklänge, im Falle pentatonischer Skalen charakteristische Quarten.

Populäre Musik

Die Entwicklung der populären Musik Afrikas ist eng verbunden mit der Geschichte der Musikkontakte zur westlichen Welt. In den meisten Gesellschaften Schwarzafrikas waren die christlichen Missionen und das Militär Angelpunkte der Einführung westlicher Musik. Es gibt zahlreiche Beispiele der Übernahme europäischer Formen; zum Teil war es eine erzwungene Übernahme. Und es gibt Beispiele der Ausrottung autochthoner Formen, insbesondere im Kampf der christlichen Kirchen gegen das "Heidnische".

Dennoch dürften, aus heutiger Sicht, die längerfristigen Folgen vielfach falsch eingeschätzt worden sein. Die christliche Kirchenmusik, die Blasmusik und europäische Formen populärer Musik unterlagen schon

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Afrikanische Musik I

früh einem Prozess der Afrikanisierung. Die Geschichte des highlife in Ghana ist ein Beispiel für diesen Prozess stetiger Adaptation. Einflüsse von schwarzen und akkulturierten Musikformen aus Nordamerika und der Karibik gewannen ab den 1920er Jahren verstärkt an Bedeutung. Walzer, Quadrille, Schottischer, Mazurka und Polka wichen nun Jazz, Rumba, Merengue, Chachacha, Son, Calypso, Reggae und Zouk. Diese Formen wurden zunehmend als Ausdruck einer schwarzen Identität wahrgenommen. Europäische Metropolen wie Paris und London erhielten eine neue Bedeutung als Umschlagsplätze des Musiktransfers und als Produktionsstätten afrikanischer Popularmusik. Viele Formen, die im Einflussbereich afroamerikanischer und afrokaribischer Musik ihre Wurzeln haben, werden heute zu den herausragenden Erscheinungen der modernen afrikanischen Musik gezählt: highlife, juju, soucous, makossa, jive, kwela, simanje-manje.

Hörbeispiel: "All for you", von E.T. Mensah. Highlife aus Ghana. Quelle: CD E.T. Mensah: All for you. Classic Highlife Recordings from the 1950's. Retroafric RETRO1CD. [SV2247CD]

In einigen Ländern (z.B. Guinea, Tansania) erfolgte nach der Unabhängigkeit eine radikale Abkehr vom Westen, verbunden mit der bewussten Pflege afrikanischer Musik und der Einrichtung von Nationalensembles und Festivals. Traditionelle Musikformen wurden vermehrt zur Inspirationsquelle auch für Musiker der Popszene ("roots revival"). Zentren des Musiklebens und der Produktion mit großer Ausstrahlung entstanden. Afrikanische Musiker orientieren sich heute verstärkt an den neuesten Entwicklungen in Abidjan, Kinshasa, Brazzaville, Nairobi, Johannesburg und Dakar. Afroamerikanische Musik, besonders aus der Karibik, bleibt weiterhin der dominierende Einfluss von außen. Innerhalb der schwarzafrikanischen Musikszene gewinnen Austausch und Zusammenarbeit von Künstlern unterschiedlicher Herkunft an Bedeutung.

Literatur

Kubik, Gerhard: Zum Verstehen afrikanischer Musik. Leipzig 1988. [A13683] Musik in Afrika, hg. von Artur Simon. Berlin 1983. [B7379/N.F.40]

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