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Tibetische Musik

TIBETISCHE MUSIK

Das tibetische Volk hat mongolische Wurzeln. Die Besiedlung der weiten Gebiete Tibets erfolgte in vorchristlicher Zeit vom Norden her. Kulturell wurde Tibet durch Kontakte mit Persien, Indien, Zentralasien und China bereichert.

Der Buddhismus wurde im 7. und 8. Jh. n. Chr. von buddhistischen Lehrern aus Indien nach Tibet gebracht. Er integrierte Elemente der in Tibet zu dieser Zeit praktizierten Bön-Religion sowie des Tantrismus, der auf den altindischen Shivaismus zurückgeht. Mit der Zeit bildeten sich verschiedene Mönchsorden, die in der Ausübung des Buddhismus unterschiedliche Traditionen entwickelten. Dies gilt auch für die Musikpraxis, die heute nicht nur von Orden zu Orden, sondern auch von Kloster zu Kloster variiert.

Die Geschichte der tibetischen Sakralmusik ist bislang kaum erforscht. Zweifellos sind mit den indischen Lehrern und mit tibetischen Mönchen, die sich zum Studium in Indien aufgehalten haben, viele Elemente aus Indien nach Tibet gekommen. Dort vermischten sie sich mit einheimischen Formen.

Als bodenständige Musikinstrumente gelten die Knochentrompeten und die aus menschlichen Hirnschalen erzeugten sanduhrförmigen Trommeln. Die Stieltrommel, die der zentralasiatischen Schamanentrommel ähnlich ist, dürfte ebenfalls schon vor den indischen Kontakten vorhanden gewesen sein. Muschelhörner gab es in Tibet nach einer chinesischen Quelle bereits im 6. Jh. n. Chr. Sie verweisen auf eine maritime Kultur und dürften aus Indien stammen. Glocken, große und kleine Becken und die kleine Trommel mit Anschlagkügelchen gehen vermutlich ebenfalls auf indische Kontakte zurück, lange Trompeten aus Metall und Oboen verweisen hingegen auf Einflüsse aus der islamischen Welt, vermutlich Persien.

Die heute bekannten Formen der tibetischen rituellen Musik dürften im 7.-8. Jh. und zu Beginn des 15. Jh., einer Zeit der Erneuerung des Repertoires entstanden sein. Bis ins 9. Jh. war vermutlich das vokale Element vorherrschend, allenfalls unterstützt durch Muschelhörner und Perkussionsinstrumente. Das heutige Instrumentalensemble bildete sich nach der Gründung der großen Klöster (11./12. Jh.). Die tibetische Sakralmusik blieb in der Abgeschiedenheit des tibetischen Hochplateaus (durchschnittlich über 4000 Meter hoch, 3,8 Millionen Quadratkilometer) bis zur chinesischen Okkupation 1950/51 weitgehend unangetastet.

Die buddhistische Ritualmusik Tibets hat ihre eigenen Instrumente, ihre Vokaltechniken, ihre eigenen strukturellen Merkmale und ihre Symbolik. Musik spielt im Tagesablauf einer Klostergemeinschaft eine große Rolle. Bei Zeremonien im Gebetssaal erklingt Musik, aber auch im Klosterhof und auf der Terrasse bzw. dem Dach des Klosters, wo Opferrituale stattfinden. Bei Geburten, Hochzeiten und Todesfällen wird religiöse Musik in Privathäusern aufgeführt, ferner bei Prozessionen, Leichenverbrennungen, Empfängen für hochstehende Besucher und zur Begleitung der rituellen Maskentänze (cham). Bei den religiösen Zeremonien im Gebetssaal wechseln sich Rezitationen, Gesang und Instrumentalspiel ab. Gesang und Rezitation werden von allen anwesenden Mönchen gemeinsam ausgeführt, die Instrumentalmusik hingegen von einigen von ihnen. Der Abt des Klosters schlägt die kleine Trommel mit Anschlagkügelchen (damaru), ein eventuell anwesender Lama (Lehrmeister; oft auch Leiter des Mönchsordens, dem das Kloster angehört) spielt ebenfalls die Glocke. Der eigentliche Leiter der Zeremonie ist jedoch jener Mönch, der die Becken schlägt. Die übrige Zusammensetzung des Instrumentalensembles ist von der jeweiligen Klostertradition abhängig. Folgende Instrumente sind aber in der Regel vorzufinden:

Kurztrompeten aus Knochen oder Metall Kurztrompeten aus Knochen oder Metall

2

2

Becken unterschiedlicher Art Becken unterschiedlicher Art

oder 2 mit Stiel versehene bzw. in einem Rahmengestell aufgehängte Trommeln2 2 Langtrompeten 2 Oboen Becken unterschiedlicher Art Sanduhrtrommel mit Anschlagkügelchen Glocke 2 1 1 1

Sanduhrtrommel mit AnschlagkügelchenBecken unterschiedlicher Art oder 2 mit Stiel versehene bzw. in einem Rahmengestell aufgehängte Trommeln Glocke 2

Glockeoder 2 mit Stiel versehene bzw. in einem Rahmengestell aufgehängte Trommeln Sanduhrtrommel mit Anschlagkügelchen 2 1

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Musik der Welt im Überblick II/05 - Tibetische Musik/Tibetische Musik.html[24.06.10 17:48:15]

Tibetische Musik

Die Muschelhörner werden auch benützt um die Mönche zum Gebet zusammenzurufen. Ein Gong kann ebenfalls in dieser Funktion verwendet werden.

Die Spieler der Instrumente sind die Mönche selbst, aber nicht alle Mönche sind im Instrumentalspiel gleichermaßen aktiv. Mönche, die eine höhere Bildung erworben haben, spielen kein Musikinstrument, außer der Glocke, die wegen ihrer symbolischen Bedeutung ein besonderes Instrument darstellt, und in manchen Klöstern auch Becken und die aus menschlichen Hirnschalen erzeugte sanduhrförmige Trommel. Bei den übrigen Mönchen aber gehört das Spiel der Instrumente zur Alltagsroutine des Klosterlebens, wobei zu bemerken ist, dass sie es in fortgeschrittenem Alter vielfach den Jüngeren überlassen. Jeder Mönch dieser Gruppe erlernt in der Regel jedes der Instrumente, konzentriert sich dann aber meist auf eines, dessen Spiel er gut beherrscht.

Die Unterweisung in die einfachsten Musikinstrumente beginnt bereits im jungen Alter zwischen 6 und 10 Jahren, bald nachdem die Knaben von ihren Eltern in die Obhut des Klosters gegeben worden sind. Dies trifft auch für Gebete und verschiedene Gesänge zu. Das Erlernen schwieriger Vokaltechniken wie jener der tiefen gutturalen Stimme und des Obertongesanges erfolgt später und erfordert eine besonders intensive und längere Unterweisung. Bei den Musikinstrumenten trifft dies für die Oboe zu; besonders das Erlernen der Zirkularatmung erfordert langes Üben.

Die Didaktik des Unterrichts basiert auf Vorzeigen und Nachmachen. Notationen werden im Unterricht mitunter auch verwendet, nie jedoch bei den Aufführungen selbst. Die Notationen sind je nach Klostertradition verschieden, haben aber einige gemeinsame Merkmale. Die Vokalnotationen bestehen aus gewellten Linien, denen Silben hinzugefügt sind, welche den Text darstellen, oder aber auch Ausführungshinweise sein können.

oder aber auch Ausführungshinweise sein können. Abb.: Vokalnotation im Vergleich zur abendländischen

Abb.: Vokalnotation im Vergleich zur abendländischen Fünflinien- notation. Ähnliche Melodiefragmente werden graphisch unterschiedlich dargestellt. Quelle: Vandor 1978: 141.

Die Notation der Instrumentalparts besteht aus zahlreichen Zeichen, die oberhalb oder unterhalb der Textsilben gesetzt werden und somit den Einsatzpunkt festlegen. Daneben gibt es Zeichen, die sich auf die Agogik beziehen oder bestimmte Spieltechniken anzeigen.

die Agogik beziehen oder bestimmte Spieltechniken anzeigen. Abb.: Notation für die Kurztrompeten. Quelle: Vandor 1978:

Abb.: Notation für die Kurztrompeten. Quelle: Vandor 1978: Abb. 6.

Hörbeispiel: Rezitiertes Gebet, unter der Leitung von Mönchen vorgetragen von Mönchen und Laien. Dazu erklingt eine Glocke. Die Aufnahme entstand in einem Kloster in Sikkim (ein an Tibet grenzendes Land nordöstlich von Indien). Quelle: CD The Music of Tibetan Buddhism, CD1, Track 11 (Ausschnitt)

Hörbeispiel: Ein an Guru Drakmar - eine mythologische Gestalt aus der Zeit der Einführung des Buddhismus in Tibet - gerichteter Bittgesang. Zum Mönchschor kommen 2 Oboen, 2 Langtrompeten, 2 Kurztrompeten, 2 Muschelhörner, 2 Paare Becken, Handglocke, Trommel mit Anschlagkügelchen, zweifellige Rahmentrommel. Orchesterteile und Gesangteile wechseln sich ab. Aufnahme in einem Kloster in Sikkim. Quelle: CD The Music of Tibetan Buddhism, CD1, Track 1

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Tibetische Musik

Neben der religiösen Musik Tibets ist auch die weltliche Musik von großer Vielfalt. Im Gegensatz zur religiösen Musik ist sie in Europa und Amerika kaum bekannt und nur auf wenigen Tonträgern erhältlich. Je nach Region ist sie recht unterschiedlich und zeigt vielfach auch Einflüsse von außen, etwa in den Grenzgebieten zu China, wo diverse chinesische Instrumente im Gebrauch sind. Hierher gehört auch das tibetanische Theater, welches gesprochene, gesungene und getanzte Teile hat. Die Schauspieler tragen z.T. Masken. Theateraufführungen sind heute selten.

Hörbeispiel: Männergesang, begleitet auf der Laute damyin. In dem Lied wird dem Dalai Lama ein langes Leben gewünscht. Die damyin ist eine Langhalslaute mit 3 Doppelsaiten und verwandt mit ähnlichen Instrumenten in Zentralasien. Die Aufnahme wurde in Lhasa gemacht. Quelle: Schallplatte Tibetan Folk Songs from Lhasa and Amdo, A/3

Die Rezeption tibetischer Musik in der westlichen Welt hat

ein Instrument besonders in den Mittelpunkt gerückt: die

Klangschale. Ihr Klang soll eine unmittelbare

bewusstseinsverändernde Wirkung haben. Die Klangtrance, eine Form der rezeptiven Musiktherapie, verwendet das Instrument neben anderen "archaischen" Instrumenten (z.B. Monochord, Tampura, Didgeridoo, Schamanentrommel) zur Induktion von Trancezuständen,

die in der Folge therapeutisch aufgearbeitet werden.

Die Klangschale kann eine Größe zwischen 10 und 50 cm aufweisen. Gespielt wird sie durch Anschlagen oder Reiben mittels eines gepolsterten Klöppels.

Anschlagen oder Reiben mittels eines gepolsterten Klöppels. Klangschale. Quelle:

Klangschale. Quelle:

Hörbeispiel: "Tibetan Bells", eine Komposition des

amerikanischen Komponisten Karma Moffett. Verschiedenste Glocken und Gongs sind dabei zu hören.

Die durchdringenden Töne in höherer Lage werden auf Klangschalen produziert. Quelle: CD Klangwelten

Festival, Track 3.

Quellen:

Vandor, Ivan: Die Musik des tibetanischen Buddhismus. Wilhelmshaven 1978. [A 8596/48]

CD The Music of Tibetan Buddhism. Rounder CD 5129/30/31. [SV 3324-25]

Schallplatte Tibetan Folk Songs from Lhasa and Amdo. Lyrichord, LLST 7286. [SV 706]

CD Klangwelten Festival. Musik aus 5 Kontinenten. Network 72025. [SV 2207-08 CD]

Das Institut für Musikwissenschaft besitzt eine besonders reichhaltige Sammlung an Tonträgern mit tibetischer Musik.

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