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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3 371

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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

Dreizehnter Brief

DER TOD

Das Arcanum des ewigen Lebens

Vergessen, Schlaf und Tod – Erinnern, Erwachen und Geburt – Vier Arten von Gedächtnis – Die Auferweckung des Lazarus – Wunder und Freiheit – Tun und Funktionieren – Die Schöpfung durch das Wort – Das nachtodliche Leben der Heiligen – Schutzengel – Zwei Arten der Geburt – Kristallisation oder Ausstrahlung – Das Versprechen der Schlange – Phantome und Gespenster – Zwei Arten der Unsterblichkeit – Konzentration, Meditation, Kontemplation – Glaube, Hoffnung, Liebe – Läuterung, Erleuchtung, Vereinigung – Erzengel Michael – Turmbau zu Babel und Herabkunft des himmlischen Jerusalem – Zum Sinn des Todes.

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DER TOD

Das Arcanum des ewigen Lebens

„Das Weib antwortete der Schlange:

‚Von den Früchten der Bäume des Gartens dürfen wir essen. Nur von den Früchten des Baumes, der mitten im Garten steht, hat Gott gesagt: Ihr sollt nicht davon essen und nicht daran rühren, damit ihr nicht sterbet’ Darauf sprach die Schlange zu dem Weibe: ‚Keineswegs, ihr werdet nicht sterben. Vielmehr weiß Gott, daß an dem Tage, da ihr davon esset, euch die Augen aufgehen und ihr sein werdet wie Götter, die Gutes und Böses erkennen’“ (Genesis 3, 2-5).

„Ihr dürren Gebeine, höret das Wort Jahwes“ (Ezechiel 37, 4).

Lieber Unbekannter Freund,

Wort Jahwes“ (Ezechiel 37, 4). Lieber Unbekannter Freund, sind Sie niemals betroffen gewesen über die

sind Sie niemals betroffen gewesen über die widersprüchlichen Aussagen, die Gott und die Schlange im Bericht der Genesis vom Sündenfall über den Tod machen? Denn Gott sagt dort: „Du sollst nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen essen, denn am Tage, da du davon issest, wirst du sterben!“ Und die Schlange sagt:

„Keineswegs, ihr werdet nicht sterben!“ Gott ist hier deutlich; die Schlange ist es auch. Hat die Schlange ganz einfach gelogen? Oder handelt es sich um einen grundlegenden Irrtum der Schlange? Oder hat sie eine Wahrheit ausgesprochen, in der Ordnung der dem Bereich der Schlange eigenen Wahrheiten, die Lügen sind im Bereich der Wahrheiten Gottes? Mit anderen Worten: Gibt es zwei Unsterblichkeiten und zwei verschiedne Tode – die einen vom Standpunkte Gottes und die anderen von dem der Schlange? Ist es nicht so, daß die Schlange unter „Tod“ das versteht, was Gott unter „Leben“ versteht, und daß sie das unter „Leben“ versteht, was Gott unter „Tod“ versteht? Nun fordere ich Sie auf, lieber Unbekannter Freund, sich an die Arbeit zu begeben, um die Antwort auf diese Frage zu finden, wobei ich Ihrer Aufmerksamkeit die Früchte jener Arbeit unterbreite, die ich zu demselben Zweck getan habe. Denn die Antwort auf diese Frage ist das Arcanum des dreizehnten Kartenbildes des Tarot „Der Tod“, das ein Skelett darstellt, das nur abmäht, was aus dem schwarzen Boden hervortreibt und sich über ihn erhebt, Hände, Köpfe

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Unsere äußere Erfahrung vom Tode ist das Verschwinden der Lebewesen vom physischen Plan. Das ist die Erfahrung unserer fünf Sinne. Das Verschwinden als solches beschränkt sich aber nicht auf den Bereich der äußeren Sinneserfahrung, es wird auch im Bereich der inneren Erfahrung erlebt – in dem des Bewußtseins; dort verschwinden Bilder und Vorstellungen ebenso, wie Lebewesen es tun für die Erfahrung der Sinne. Wir nennen es „ Vergessen". Und dieses Vergessen breitet sich jede Nacht über die Gesamtheit unseres Gedächtnisses, Willens und Verständnisses aus, so daß wir uns vollständig vergessen. Das nennen wir „Schlaf“. Für unsere Erfahrung im ganzen (die äußere und innere) sind Vergessen, Schlaf und Tod „drei Erscheinungsformen desselben Vorganges“ – nämlich des Verschwindenlassens. Man sagt, daß der Schlaf der jüngere Bruder des Todes ist. Man muß noch hinzufügen: das Vergessen ist der Bruder des Schlafes. Vergessen, Schlaf und Tod sind drei im Grade verschiedene Erscheinungsformen eines einzigen Prinzips oder einer einzigen Kraft, die die intellektuellen, seelischen und körperlichen Phänomene zum Verschwinden bringt. Vergessen verhält sich zum Schlaf wie der Schlaf zum Tod. Oder auch: Vergessen verhält sich zur Erinnerung wie der Schlaf zum Bewußtsein, und der Schlaf verhält sich zum Bewußtsein wie der Tod zum Leben. Man vergißt, man schläft ein, und man stirbt. Man erinnert sich, man erwacht, und man wird geboren. Die Erinnerung verhält sich zum Vergessen wie das Erwachen zum Schlafe, und das Erwachen verhält sich zum Schlafe wie das Geborenwerden zum Tode. Man vergißt sich, wenn man einschläft, und man erinnert sich seiner selbst, wenn man aufwacht. Wiederum ist es der Mechanismus des Vergessens, der am Werk ist, wenn man stirbt, und der Mechanismus der Erinnerung ist es, der bei der Geburt wirkt. Wenn die Natur uns vergißt, sterben wir; wenn wir uns selbst vergessen, schlafen wir ein; wenn wir das lebhafte Interesse an einer Sache verlieren, vergessen wir sie. Was wir allerdings nicht vergessen dürfen, ist, daß die Bereiche von Vergessen, Schlaf und Tod weitreichender und tiefer sind als das verstandesmäßige Vergessen, der organische Schlaf und der klinische Tod. Außer dem verstandesmäßigen Vergessen gibt es noch ein seelisches Vergessen und ein willentliches Vergessen – ebenso wie es außer der verstandesmäßigen Erinnerung eine seelische und eine willentliche Erinnerung gibt. So kann man z. B. eine klare und genaue verstandesmäßige Erinnerung an einen früheren Freund behalten, ihn aber gleichzeitig seelisch völlig vergessen haben. Man erinnert sich seiner, aber ohne das lebhafte Freundschaftsgefühl von früher. Ebenso kann man sich eines Menschen im Verstand und in der Seele erinnern, d. h. mit einem lebhaften Gefühl, aber ihn zugleich im Bereich des Willens vergessen haben. Man erinnert sich

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seiner vielleicht mit Zärtlichkeit, aber man tut nichts für ihn. Außer dem organischen Schlaf, wo man zu Bett liegt und alles vergißt einschließlich seiner selbst, gibt es einen seelischen Schlaf und einen Schlaf des Willens. Während der sechzehn oder achtzehn Stunden, die wir im Wachzustande verbringen, gibt es Schichten in unserem Seelenwesen, die im Schlaf liegen. Man „schläft“ während des Wachzustandes für viele Dinge – für Tatsachen, Menschen, Ideen, Gott Wenn der Buddha angesehen und verehrt wird als „völlig erwacht“ für die Tatsachen des menschlichen Lebens, wie Krankheit, Alter und Tod, so geschieht dies, weil diejenigen, die keine Buddhas sind, wissen, daß sie hinsichtlich dieser Tatsachen schlafen – nicht verstandesmäßig, aber seelisch und in ihrem Willen. Sie „wissen“ es, und zugleich wissen sie es nicht. Denn man weiß in Wahrheit nur dann, wenn man begreift, was man weiß, wenn man fühlt, was man begriffen hat, und wenn man in die Tat umsetzt, was man verstanden und gefühlt hat. Ebenso gibt es außer dem klinischen Tod einen seelischen und einen moralischen Tod. Während der siebzig oder achtzig Jahre unseres Lebens tragen wir in unserem Inneren tote Schichten in unserem Seelenwesen. Es gibt Dinge, die unserem seelischen und moralischen Dasein fehlen. Der Abwesenheit von Glauben, Hoffnung und Liebe kann man durch keine Argumente, keine Ermahnungen und auch nicht durch das lebendige Beispiel abhelfen. Es bedarf einer Handlung der göttlichen Magie – oder der Gnade –, um dem, was tot ist, Leben einzuflößen. Wenn Christus als der Auferstandene verehrt wird, geschieht es, weil diejenigen, die in sich den Tod tragen, wissen, daß nur die göttliche Magie auferwecken kann, was in ihnen erstorben ist, und daß der auferstandene Christus dafür die Bürgschaft ist. Vergessen, Schlaf und Tod – ebenso wie Erinnerung, Aufwachen und Geburt – haben ihnen eigene bildhafte oder symbolische Ausdrücke: die Schwärze ist das Bild für Vergessen, die Krautbüschel sind das Bild des Schlafes, und das Skelett mit der Sense ist das Bild des Todes. Die Schwärze ist das Symbol für Vergessen, sowohl für das ungewollte und natürliche, wie für das willentliche und übernatürliche Vergessen, von dem der hl. Johannes vom Kreuz spricht – jene dreifache Nacht der Sinne, des Verstehens und des Willens, in der sich die Vereinigung der Seele mit Gott vollzieht. Die Krautbüschel oder Blätter sind Symbol für den Schlaf, weil der Tiefschlaf der Zustand ist, wo wir vegetativ leben. Das organische Leben – Atmung, Kreislauf, Verdauung und Wachstum – läuft dabei weiter ab, ohne daß Tierheit und Menschheit gegenwärtig sind. Wir sind Pflanzen, wenn wir in den Schlaf eingetaucht sind. Und das Skelett ist Symbol für den Tod, weil es die Erscheinung des bewußten, beweglichen, lebenden und materiellen Menschen zurückführt auf das, was mineralisch an ihm ist – das Skelett. Das natürliche Vergessen führt den Menschen auf das Tierhafte zurück, der

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natürliche Schlaf reduziert ihn auf das Pflanzenhafte, und der natürliche Tod führt ihn zurück auf das Mineralische. Das ganze Problem des Todes mit seinen drei Stufen des Vergessens, des Schlafes und des eigentlichen Todes – oder das Arcanum des Todes – stellt sich uns also dar als das Bild einer schwarzen Sphäre, unterhalb deren es Krautbüschel gibt, über denen sich ein Skelett befindet. Und genau dieses Bild führt uns die dreizehnte Karte des Tarot vor Augen. Der Zusammenhang des Kartenbildes ist der von der dreifachen Erscheinungsform des Prinzips der Subtraktion – Vergessen, Schlaf und Tod. Wir haben hier den schwarzen Boden, die blauen und gelben Krautbüschel und ebenso das mähende Skelett. Das Bild enthält noch ein viertes Element, das auf der Karte durch menschliche Köpfe, Hände und einen Fuß dargestellt wird. Darauf werden wir später zurückkommen. Das dreizehnte Arcanum des Tarot ist also das des Prinzips der Subtraktion oder des Todes, das das Gegenteil von dem Prinzip der Addition oder des Lebens ist. Man muß das Ich vom astralischen Leib, vom Ätherleib und vom physischen Leib abziehen, um den Mechanismus des Vergessens zu verstehen; man muß das Ich und den Astralleib vom Ätherleib und vom physischen Leib abziehen, um den Zustand des Schlafes zu erhalten, und man muß den Ätherleib vom physischen Leib abziehen, um den Leichnam vor sich zu haben – d. h. die Tatsache des Todes. Diese drei Stufen der Subtraktion bilden zusammen den Prozeß der Entkörperung, so wie die drei Stufen der entsprechenden Addition zusammen den Prozeß der Verkörperung bilden. Denn Verkörperung ist die Hinzufügung des Astralleibes zum Ich, des Ätherleibes zum Astralleib und zum Ich, und schließlich des physischen Leibes zum Ätherleib, Astralleib und Ich. Nun stellt die Sense, die das Skelett auf dem Kartenbild hält, den Vorgang der Subtraktion dar. Sie symbolisiert die Kraft der Entkörperung, die die Bande durchtrennt zwischen Ich und Astralleib (Vergessen), zwischen Astralleib und Ätherleib (Schlaf) und zwischen dem Ätherleib und dem physischen Leib (Tod). Welches sind die Bande zwischen der Seele und dem Leib – oder vielmehr zwischen der Seele und den Leibern – die die Sense des dreifachen Prinzips der Subtraktion durchtrennt? Was vereint das Ich mit dem Astralleib, den Astralleib mit dem Lebens- oder Ätherleib und den Lebensleib mit dem physischen Leib? Oder: Wie und warum erinnern wir uns der Vergangenheit, wie und warum erwachen wir am Morgen, wie und warum leben wir während einiger Jahrzehnte? Sehen wir zuallererst ab von der enormen Literatur, in der diese Fragen behandelt worden sind, und versuchen wir, eine meditative Arbeit zu leisten, d. h. unmittelbar nachzudenken über den Gegenstand, der uns beschäftigt, ohne die Vermittlung von irgendwelchem Material, das aus anderen Quellen

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als aus unserer Erfahrung und unserer unmittelbaren Fassungskraft entlehnt ist. Meditieren ist Denken im Hinblick darauf, Gewißheit im inneren Forum zu erreichen unter Verzicht auf jeden Anspruch, zu Dingen von allgemeiner Gültigkeit zu gelangen, die ein Beitrag zur Wissenschaft wären. In der Meditation – und diese Briefe sind reine Meditationen – handelt es sich vor allem um die in aller Redlichkeit an unser eigenes Gewissen und durch unser eigenes Gewissen gestellte und beantwortete Frage: „Was weiß ich?“ und nicht um die Frage: „Was weiß man?“ Sehen wir also im Augenblick ab, lieber Unbekannter Freund, von dem, was man weiß, und dem, was man gesagt hat und zu sagen hat über die Bande zwischen der Seele und den Leibern, und versuchen wir uns Rechenschaft zu geben – wir selbst uns selbst – über das, was wir davon wissen und wissen können. Betrachten wir zuerst den Bereich des Vergessens und den der Erinnerung – das Gedächtnis. Das Gedächtnis ist die Magie im subjektiven Bereich, die das Wachrufen von Dingen aus der Vergangenheit bewirkt. Sie macht Vergangenes gegenwärtig. Ebenso wie ein Zauberer oder Nekromant die Geister der Verstorbenen beschwört, indem er sie erscheinen läßt, ebenso beschwört das Gedächtnis Dinge der Vergangenheit und läßt sie vor unserem inneren mentalen Blick erscheinen. Die gegenwärtige Erinnerung ist das Ergebnis einer magischen Operation im subjektiven Bereich, wo es mir gelungen ist, aus dem schwarzen Nichts des Vergessens ein lebendiges Bild der Vergangenheit hervorzurufen. Ein lebendiges Bild der Vergangenheit Abdruck? Symbol? Kopie? Phantom? Alles zugleich. Es ist ein Abdruck, insofern es einen in der Vergangenheit erhaltenen Eindruck wieder hervorbringt; es ist Symbol, insofern es sich meiner Vorstellungskraft bedient hat, um eine Realität zu vergegenwärtigen, die mehr ist als die imaginäre Vorstellung; es ist Kopie, insofern es nur das Original des Vergangenen wiedergeben will; es ist Phantom, insofern es eine Erscheinung aus dem schwarzen Abgrund des Vergessens ist und es die Vergangenheit wiederaufleben läßt, indem es sie meinem inneren Blick vergegenwärtigt. Welche Kraft ist am Werk bei der subjektiven magischen Operation des Zurückrufens, der Erinnerung? Es gibt vier Arten von Gedächtnis, von denen ich Erfahrung besitze: das automatische oder mechanische, das logische, das moralische und das vertikale oder offenbarende Gedächtnis. Das automatische oder mechanische Gedächtnis läßt kaum den bewußten Abruf einer Erinnerung zu. Die Erinnerung tritt einfach ein. Es findet gemäß den Gesetzen des Automatismus der Assoziationen statt, d. h. der Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, Verbindungen usw. der Dinge, die das Zurückrufen bewirken, ohne daß ich daran anders beteiligt bin denn als Beobachter. Diese Art von Gedächtnis liefert mir aus Anlaß jedes Eindruckes, den ich empfange, eine Menge Bilder der Vergangenheit, zwischen denen ich wählen kann. So habe ich, wenn ich eine Pfeife sehe,

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die Wahl zwischen den Bildern aus der Vergangenheit, die sich meinem Geist von selbst darbieten: „ein alter Seebär, den ich in B. im Jahre 19 gesehen habe“; „ein Buch über die Indianer, in dem es um das Ritual der Friedenspfeife ging“; „mein Freund S., der alle Welt in die Flucht schlug, wenn er sich seine Pfeife mit selbstangebautem und -zubereitetem Tabak anzündete, als es während des zweiten Weltkrieges keinen Tabak zu kaufen gab“ usw., usw. Beim logischen Gedächtnis bin ich mehr beteiligt als im Falle des automatischen Gedächtnisses. Da muß ich nachdenken, um mich der Dinge zu erinnern. So frage ich mich zum Beispiel, wenn ich mich an die Hindu- Trinität erinnern will, von der ich einen der drei Namen vergessen habe:

Wenn es den Schöpfer und den Zerstörer gibt, Brahma und Shiva, welches müßte sich als drittes Prinzip zwischen Schöpfer und Zerstörer befinden? Ich konzentriere mich auf den leeren Platz zwischen den beiden und strenge mich an, ihn logisch auszufüllen. Ah ja, es ist das Prinzip des Erhalters, es ist Vishnu, wohlgemerkt! sage ich mir. Im logischen Gedächtnis gibt es weniger Automatismus und mehr bewußte Anstrengung. Beim moralischen Gedächtnis gibt es kaum einen Automatismus. Hier ist die Erinnerung nicht mehr etwas, das von selbst eintritt, sondern ein echter magischer, obwohl subjektiver Akt. Liebe ist es, die im moralischen Gedächtnis am Werk ist, wenn es sich an Vergangenes erinnert. Bewunderung, Hochachtung, Freundschaft, Dankbarkeit, Zuneigung und tausend andere unvergeßliche, also jederzeit hervorrufbare Dinge der Vergangenheit. Je mehr man geliebt hat, desto mehr erinnert man sich durch das moralische Gedächtnis. Im allgemeinen besitzen junge Menschen ein sehr starkes mechanisches Gedächtnis. Es schwächt sich mit zunehmendem Alter ab, und das logische oder verstandesmäßige Gedächtnis kommt zu Hilfe. Das erfordert die Anstrengung des Denkens und die intellektuelle Bemühung. Diejenigen Menschen, die versäumt haben, den Geschmack am Denken und an intellektueller Anstrengung zu entwickeln, werden im reifen Alter Schwierigkeiten mit ihrem Gedächtnis haben. Das mechanische Gedächtnis wird ihnen mehr und mehr verlorengehen, und das logische Gedächtnis, das dazu berufen ist, es zu ergänzen, wird ihnen dann fehlen. Das moralische Gedächtnis ersetzt vor allem im vorgerückten Alter mehr und mehr nicht nur das mechanische, sondern auch das logische oder verstandesmäßige Gedächtnis. Dann liefert das Herz die Kraft, die das Gedächtnis ernährt und unterhält und die zunehmende Schwäche des mechanischen und verstandesmäßigen Gedächtnisses ersetzt. Die Schwäche des senilen Gedächtnisses rührt von der Tatsache her, daß der Mensch, der darunter leidet, versäumt hat, rechtzeitig die Funktion des verstandesmäßigen Gedächtnisses, ganz zu schweigen vom mechanischen Gedächtnis, zu ersetzen durch diejenigen des moralischen Gedächtnisses. Die Menschen, die es vermögen und verstehen, allem einen moralischen Wert

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beizumessen, und die in allem einen moralischen Sinn sehen, werden nichts vergessen und werden ein normales, wenn nicht ausgezeichnetes Gedächtnis im weit vorgerückten Alter haben. Das moralische Gedächtnis – das alles ohne Ausnahme verstehen kann – ist um so wirksamer, je weniger man moralisch indifferent ist. Gleichgültigkeit, Mangel an moralischem Interesse, ist die Grundursache der Gedächtnisschwäche, die oft im vorgerückten Alter vorkommt. Je weniger gleichgültig man ist, desto mehr erinnert man sich der Vergangenheit, desto fähiger ist man, neue Dinge zu lernen. Außer den drei Arten von Gedächtnis – dem mechanischen, logischen und moralischen –, von denen bisher die Rede war, gibt es noch eine Art Gedächtnis, die wir als „vertikales oder offenbarendes Gedächtnis“ bezeichnet haben. Es ist nicht das Gedächtnis an die Vergangenheit im Sinne der horizontalen Linie: heute, gestern, vorgestern usw., sondern vielmehr im Sinne der vertikalen Linie: hier, höher, noch höher usw. Es ist das „Gedächtnis“, das nicht die Gegenwart mit der Vergangenheit auf der Ebene des leiblichen, seelischen und verstandesmäßigen Lebens verbindet, sondern das die Ebene des gewöhnlichen Bewußtseins mit den Ebenen höherer Bewußtseinszustände als des gewöhnlichen verbindet. Es ist die Fähigkeit des „niederen Ich“, die Erfahrung und das Wissen des „transzendenten Ich“ wieder hervorzubringen oder, wenn Sie so wollen, die Fähigkeit des „transzendenten Ich“, dem Bewußtsein des „niederen Ich“ seine Erfahrung und sein Wissen einzuprägen. Es ist das Band zwischen dem „oberen Auge“ und dem „unteren Auge“, das uns in echter Weise religiös, weise und widerstandsfähig gegenüber den Angriffen des Skeptizismus, des Materialismus und des Determinismus macht. Es ist auch die Quelle der Gewißheit nicht allein von Gott und der geistigen Welt mit ihren hierarchischen Wesen, sondern auch von der Unsterblichkeit unseres Wesens und der Wiederverkörperung, in dem Falle, daß man sich wiederverkörpert hat. „Die Morgenröte ist die Freundin der Musen“ – und ähnliche Sprichwörter der Völker wie „Morgenstund’ hat Gold im Mund“ oder (russisch) „Utro vechera mudrenneja – Der Morgen ist klüger als der Abend“ usw. – beziehen sich auf die Wohltaten des vertikalen Gedächtnisses, deren man sich am Morgen nach der Rückkehr des Bewußtseins von der Ebene der „natürlichen Ekstase“ oder des Schlafes erfreut. Das vertikale Gedächtnis ist in dem Maße wirksam, wie die drei geheiligten Gelübde – Gehorsam, Armut, Keuschheit – den unteren Menschen fähig machen, auf die Dinge von oben zu hören, sie wahrzunehmen und sie aufzunehmen, ohne sie zu verunstalten. Das vertikale Gedächtnis ist im Grunde nur das in seiner Entwicklung auf eine höhere Stufe gebrachte moralische Gedächtnis. Darum zählt im Falle des vertikalen Gedächtnisses nur die moralische Läuterung, wie sie die Ausübung der drei geheiligten Gelübde mit sich bringt. Intellektuelle Interessen als

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solche zählen dabei überhaupt nicht. Soweit die skizzierte Bestandsaufnahme der Gebiete unseres Gedächtnisses. Kehren wir nun zu der Frage zurück: Welche Kraft ist am Werk bei der subjektiven magischen Operation des Zurückrufens? Zuerst muß man sich von der Tatsache Rechenschaft ablegen, daß es sich bei der von uns soeben erstellten Stufenleiter: „mechanisches“ – „verstandesmäßiges“ – „moralisches“ – „vertikales Gedächtnis“ – um Grade der Annäherung und der Entfernung handelt mit Bezug auf das unmittelbare Erfassen der Gedächtnisfunktion durch das Bewußtsein, mit der Klarheit der Evidenz des „Wie“ und „Warum“. In der Tat, je mechanischer eine Sache ist, desto weiter entfernt ist sie davon, unmittelbar vom Bewußtsein erfaßt zu werden, und je entfernter sie von diesem ist, desto mysteriöser und unbegreiflicher ist sie. Die rein mechanische Erklärung ist eigentlich gar keine Erklärung, denn sie entfernt das zu erklärende Objekt aus dem Bereich, wo das Verstehen stattfindet, indem sie es aus der Region der Verständlichkeit, d. h. der Denkbarkeit und der Fühlbarkeit, in die Region des Unbewußten, also der Unverständlichkeit versetzt. Wer zum Beispiel das Phänomen des Lächelns erklären will durch die Zusammenziehung der Muskeln in der Gegend des Mundes und der Backen, und die Zusammenziehung wiederum durch elektrische Impulse, welche durch die Nerven jener Zentrale vermittelt werden, die man „Gehirn“ nennt, gibt durchaus nicht die Erklärung für das Phänomen „Lächeln“, auch wenn er noch so genau den ganzen mechanischen Vorgang in den Muskeln und Nerven beschreibt, aus dem einfachen Grunde, weil er von der Heiterkeit absieht, deren Offenbarung das Lächeln ist und die sowohl die elektrischen Impulse der Nerven als auch die Muskeln des Mundes in Bewegung gesetzt hatte. Denn nicht Nerven und Muskeln offenbaren sich im Lächeln, sondern vielmehr die Heiterkeit. Und ebenso, wie die Beschreibung des mechanischen Vorganges der Muskeln und Nerven keine Antwort ist auf die Frage: Was ist Lächeln? – ebenso ist jede mechanische Erklärung, von was auch immer, überhaupt keine Erklärung, sondern das Zum-verstummen-bringen der Frage, indem man ihren Gegenstand aus dem Bereich der Verständlichkeit in den der Unverständlichkeit versetzt – aus dem Licht des Bewußtseins in die Finsternis des Unbewußten. Denn was wir „mechanisch“ nennen, ist in Wirklichkeit nur das Unbewußte oder vielmehr das „des Bewußtseins Beraubte“, und daher unzugänglich für das Bewußtsein, also unverständlich – undenkbar und unfühlbar. Das Mechanische ist also nicht etwa die Region der Antworten, sondern der Friedhof der wirklichen Fragen. Darum dürfen und können wir nicht auf der erwähnten Stufenleiter des Gedächtnisses die Operation der Erinnerung in demjenigen Bereich zu verstehen suchen, wo sie unbegreifbar und unverständlich ist, d. h. in dem des „mechanischen Gedächtnisses“.

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Wir müssen sie im Gegenteil am anderen Ende der Leiter suchen – dort, wo sie am wenigsten in die Finsternis des Mechanischen getaucht ist und wo sie am meisten ihr Wesen im Lichte des Bewußtseins offenbart, d. h. im Bereich des „moralischen Gedächtnisses“ und ganz besonders in dem des „vertikalen Gedächtnisses“. Denn der Zustand der vollständigen Entwicklung ist es, der die früheren Entwicklungsstufen erklärt und verständlich macht, und nicht umgekehrt. Das Minimum ist nichts als das reduzierte Maximum, und durch das Maximum versteht man das Minimum, nicht umgekehrt. Das Bewußtsein ist es, das das Mechanische und das Unbewußte verständlich macht, da das letztere nur das auf das Minimum reduzierte Bewußtsein ist, und nicht umgekehrt. Der Mensch ist der Schlüssel der biologischen Evolution der Natur, und nicht die primitive organische Zelle. Wir müssen also den Schlüssel zur Operation des Ins-Gedächtnis- Zurückrufens auf der höchsten Stufe der Entwicklung des Gedächtnisses suchen – im „moralischen Gedächtnis“ und im „vertikalen Gedächtnis“. Welches nun ist die Kraft, die am Werk ist bei der subjektiven magischen Operation des Zurückrufens, wie sie sich im „vertikalen Gedächtnis“ und im „moralischen Gedächtnis“ enthüllt?

Im folgenden enthüllt sie sich auf ihrer höchsten, uns noch verständlichen Stufe, während die übrigen Stufen nur abgeschwächte analoge Manifestationen davon sind:

Bei seiner

Ankunft fand ihn Jesus schon vier Tage begraben

Abermals wurde Jesus in seinem Innern erschüttert und kam zum Grabe. Es war eine Höhle, und ein Stein lag davor. Jesus sagte: ,Hebt den Stein weg’

„Jesus liebte aber Martha und ihre Schwester und Lazarus

Da weinte Jesus

Nun hoben sie den Stein weg

(Jesus) rief mit lauter Stimme: ‚Lazarus,

komm heraus’ Da kam der Verstorbene heraus, Füße und Hände in Binden gewickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch umbunden“ (Jo 11, 5 35-38 f 43 f). Da haben wir die Kraft des Zurückrufens auf ihrer vollständigsten, höchsten Stufe. Es ist die Liebe: Denn „Jesus liebte Martha und ihre Schwester und Lazarus“. Die Operation des ins Leben Zurückrufens – oder der Auferweckung umfaßt drei Stufen: das Kommen, das Fortwälzen des Steines und das Rufen „mit lauter Stimme“. Zuerst das Kommen „Kommen und Ankommen“ ist die Tätigkeit, die das letzte Tor, das den Zurückrufenden vom Zurückgerufenen trennt, sucht und findet. Die „ungefähr fünfzehn Stadien“ zwischen Bethanien und Jerusalem, die der Meister zurückgelegt hat, um beim Grab des Lazarus anzukommen, stellen die erste Bemühung der ganzen Operation des Zurückrufens dar: diejenige, die auf die Annäherung und Ankunft des

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Zurückrufenden gerichtet ist. Dann das Fortwälzen des Steines – eine Anstrengung, die den Zweifel, die Niedergeschlagenheit, die Ermüdung und die schließliche Hoffnungslosigkeit überwindet, die wie ein Stein vor der Grabeshöhle dem Zurückgerufenen den Weg versperren. In Analogie dazu ist man im Bereich des vertikalen Gedächtnisses und des moralischen Gedächtnisses, unfähig, sich Dinge zurückzurufen, die man für immer verloren glaubt, oder hinsichtlich deren man glaubt, daß es unmöglich ist, sie in die Helle des Bewußtseins zu rufen. Dieser Zweifel und dieser Mangel an Glauben lähmen die Bemühung des Zurückrufens und sind wie ein vor das Grab gewälzter Stein. Dieser Stein ist oft – wenn nicht immer – die Ursache für die Abwesenheit von jedem lebendigen und überzeugenden Gefühl bei vielen, ganz zu schweigen von genauen und konkreten Erinnerungen an frühere Leben, d. h. an die Reinkarnation. Die Erinnerungen mögen noch so sehr an die Tür klopfen; der vor ihr liegende Stein erlaubt ihnen nicht, aus ihrer Tiefe hervorzukommen und in die Helle des Bewußtseins zu treten. Schließlich der Ruf. Das „Rufen mit lauter Stimme“ ist die höchste und letzte Anstrengung, wenn man durch die Kraft der Liebe zurückruft, sei es ins Leben, wie es bei Lazarus der Fall war, sei es ins Gedächtnis, wie es beim Zurückrufen in das vertikale und moralische Gedächtnis der Fall ist.

Eine Stimme ist um so lauter, d. h. um so hörbarer in der physischen Welt, je intensiver die Vibrationen sind, die sie in der Luft erzeugt. Anders verhält es sich damit in der geistigen Welt. Dort ist eine Stimme um so hörbarer, d. h. um so lauter, je mehr sie von der zugrunde liegenden Bemühung und dem zugrunde liegenden Leiden ausdrückt. Arbeit und Leiden sind es, die unsere Stimme hörbar machen für die geistige Welt und in der geistigen Welt. Sie rufen in der geistigen Welt die genügend „starken Vibrationen“ hervor, um unsere Stimme hörbar zu machen. Das ist der Grund, warum der dreifache Rosenkranz hundertfünfzigmal das Ave Maria und fünfzehnmal das Vaterunser wiederholt. Denn wie das Leiden das Stoßgebet eines einzigen Wortes, z.B. „Jesus!“, hörbar macht, macht die Bemühung die Bitten des dreifachen Rosenkranzgebetes hörbar. Ich würde es an Respekt vor der Wahrheit fehlen lassen, wenn ich nicht sagte, daß die auf Leiden begründete Bemühung des Rosenkranzgebetes daraus ein mächtiges, manchmal fast allmächtiges Mittel der geheiligten Magie macht. Nun soll das „Rufen mit lauter Stimme“, das der entscheidende Akt der ganzen Operation des Zurückrufens ist, „laut“ sein von Mühe und Leid:

Abermals wurde Jesus in seinem Innern erschüttert (Jesus) rief mit lauter Stimme: ,Lazarus, komm

„Da weinte Jesus und kam zum Grabe

heraus!’“ (Jo 11, 38 43). Es ist die Liebe, die weint und sich müht, die das Wunder des Zurückrufens sowohl aus der Vergessenheit des Gedächtnisses wie vom Tode zum Leben vollbringt. Das Zurückrufen ist also ein Wunder?

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Ja, ein Wunder. Erlauben Sie mir, lieber Unbekannter Freund, einiges über das Wunder zu sagen, von dem ich glaube, daß es von höchster Tragweite ist und worüber jeder christliche Hermetiker und jeder Kabbalist sich Rechenschaft ablegen sollte: nämlich, daß es keine Freiheit außerhalb des Wunderbaren gibt und daß der Mensch nur Mensch ist, sofern er vom Wunder, durch das Wunder und für das Wunder lebt. Alles, was nicht Maschine ist – leiblich, seelisch und intellektuell –, ist Wunder, und alles, was nicht Wunder ist, ist nur Maschine – leiblich, seelisch und intellektuell. Die Freiheit ist Wunder, und der Mensch ist nur frei, sofern er nicht Maschine ist – leiblich, seelisch und intellektuell. Wir haben keine andere Wahl als jene zwischen der Maschine und der Versklavung einerseits und dem Wunder und der Freiheit andererseits. Die menschliche Maschine – sie funktioniert nach dem determinierten Programm „Maximum an Lust bei Minimum an Kosten“, so daß sie sich dazu hergibt, bei gegebenen Umständen in ihren Reaktionen genau vorherbestimmbar zu sein. Im Bereich des Intellekts verwirft sie jeden Begriff und jede Idee, die sich nicht mit dem in ihr etablierten intellektuellen System vertragen; auf seelischem Gebiet verwirft sie alles, was nicht mit dem in ihr festgesetzten „Glücks-Komplex“ vereinbar ist. Und im leiblichen Bereich folgt sie automatisch den Befehlen, die von dem in ihr wohnenden Komplex „Instinkt“ ausgehen. Wenn ein Reicher sich als Antikommunist und ein Armer sich als Prokommunist erklärt, so ist es nur das Funktionieren der menschlichen Maschine. Es ist aber ein Wunder – d. h. ein Akt der Freiheit –, wenn ein Reicher seine Besitztümer verläßt und die Armut wählt, wie es der hl. Antonius der Große tat und wie es viele andere Heilige taten, ebenso wie zahlreiche Karmeliter, Franziskaner, Dominikaner usw., die das Gelübde der Armut ablegten. Das Wunder des hl. Franziskus ist nicht nur die Heilung eines Aussätzigen, sondern auch seine Liebe zu der „Dame Armut“. Kulminieren die Wunder Jesu Christi in der Auferweckung des Lazarus oder im Kreuz auf dem Kalvarienberg, wo er, mitten im Todeskampf der Hinrichtung, sagte:

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23, 34)? Alles, was man tut, ist Wunder; alles verstandesmäßige, seelische und leibliche Funktionieren „von Natur aus“, d. h. aus menschlichem Automatismus, ist Maschine. Die Bergpredigt ist die Unterweisung im Tun und im Sieg über das Funktionieren.

„Liebet eure Feinde; tut Gutes denen, die euch hassen! Segnet, die euch fluchen; und betet für die, welche euch verleumden werdet Söhne des Höchsten sein“ (Lk 6, 27 ff. 35).

Ist das nicht die Unterweisung, die hinzielt auf die Befreiung von der Maschine, von jedem Funktionieren, und ist es nicht die Schule des Wunders?

und ihr

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Denn denjenigen segnen, der Sie verflucht, ist ein Wunder vom Standpunkt des „normalen und natürlichen“ Funktionierens der Reaktionen der menschlichen Maschine. Das geht nicht von selbst, das wird getan (geschaffen); und ich wiederhole: man tut nur Wunder, man schafft sie, und alles, was getan wird, ist Wunder, und nichts wird getan, ohne daß es Wunder wäre. Alles, was kein Wunder ist, wird nicht getan, nicht geschaffen – es geschieht als Teil des automatischen Funktionierens. Nur durch das Wunder drückt sich das wahre Wesen aus, offenbart sich sein schöpferisches Wort. Es ist daher falsch, die Anfangsworte des Johannesevangeliums als Lehre einer Art von kosmischem Rationalismus auszulegen, analog der stoischen Lehre vom „νούς – nus“ usw. – nein, die Anfangsworte des Johannesevangeliums verkünden mit Nachdruck die kosmische Rolle des Wunders und daß die Welt dem Wunder verdankt wird, d. h., daß sie gemacht ist durch das schöpferische Wort und daß sie nicht auf irgendein Funktionieren zurückgeht, auf irgendeinen automatischen Prozeß, wie hochgradig vernunftmäßig er immer sein mag.

„Alles ist durch (das Wort) geworden, und ohne es ist nichts geworden, was geworden ist“ (Jo 1, 3),

sagt das Evangelium über das Wort, und was wir soeben über das Wunder und die Maschine gesagt haben, das „Tun“ und das „Funktionieren“, ist nur die mikrokosmische Analogie des Wortlautes von makrokosmischer Tragweite des Johannesevangeliums. Nun schließen alle Dinge, die durch das Wort geschaffen sind, auch das Zurückrufen in das vertikale und moralische Gedächtnis mit ein. Der Akt des Zurückrufens gehört zur Sphäre des „Tuns“, also zu der des Wunders und nicht zur Sphäre des Funktionierens. Das Zurückrufen in das „logische Gedächtnis“ ist eine Mischung von Tun und Funktionieren (d. h. der moralische Akt des Zurückrufens ist auf ein Minimum reduziert). Das Zurückrufen schließlich in das „mechanische Gedächtnis“ ist bloßes Funktionieren. Wenn das Sicherinnern ein analoges Tun zur Auferweckung des Lazarus ist, was ist dann das Vergessen? Das Vergessen deutet auf eine Stufenleiter analog der des Sicherinnerns. Es kann automatisch, halb-automatisch und auf eine freie, bewußte Weise geschehen, ja nach der Art des Gedächtnisses, in dem es sich ereignet. Im mechanischen Gedächtnis vergißt man automatisch. Da vergessen sich die Dinge. Im logischen Gedächtnis entfernen sich die Dinge und verblassen nach und nach, wenn man sie nicht von Zeit zu Zeit in das Feld bewußter Aufmerksamkeit zurückruft. Im moralischen Gedächtnis und im „vertikalen Gedächtnis“ schwindet nichts von selbst; das Vergessen ist dort ein moralischer Akt des Willens.

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Wenden wir dasselbe Verfahren an wie im Falle des Sicherinnerns, d. h., beginnen wir am Ende der Stufenleiter, wo das Vergessen ein Akt des Bewußtseins ist, und wo es verständlich wird, da es in der Helle des Bewußtseins stattfindet. Nun gibt es wohl niemanden, der nicht aus Erfahrung wüßte, daß jede bewußte Bemühung eine Konzentration oder Sammlung erfordert und daß Konzentration oder Sammlung das bewußte und gewollte Vergessen von vielen Dingen bedeutet, die sich nicht auf den Gegenstand der Konzentration oder der Sammlung beziehen. Man weiß: wenn man das „Vaterunser“ betet, vergißt man für die Dauer dieses Gebets die alltäglichen Angelegenheiten und auch alle anderen Gebete. Ebenso ist es mit den geistigen und göttlichen Werten und denen der Erscheinungswelt. Die drei Stufen des Weges zur Vereinigung der Seele mit Gott – die der Läuterung, Erleuchtung und Vereinigung – sind nichts anderes als die Geschichte einer einzigen wachsenden Bemühung der Konzentration der ganzen Seele auf Gott hin. Der hl. Johannes vom Kreuz sagt über die Wirkung der Erfahrung, die man bei der wirklichen Vereinigung der Seelenkräfte mit Gott macht:

„ sie (die Seele) hat in dieser Vereinigung die erhabenste Weisheit

Gottes getrunken, die sie alle Dinge dieser Welt vergessen läßt. Es kommt ihr vor, als wären die vereinten menschlichen Kenntnisse und all ihr eigenes Wissen eine reine Unwissenheit im Vergleich mit dem, was sie jetzt zu wissen bekommt“

und weiter:

„ in je höherem Grade sich das Gedächtnis mit Gott vereint, desto mehr

treten die Einzelerkenntnisse zurück, bis sie völlig verschwinden. Letzteres tritt

besonders dann ein, wenn die Vollkommenheit in den Zustand oder in das Wesen der Vereinigung übergeht. Darum ist es zumal bei Eintritt dieses Zustandes unausbleiblich, daß die Seele ihre Umgebung allmählich ganz vergißt, da alle Bilder und Erinnerungen aus dem Gedächtnis entschwinden das Gedächtnis so ganz in Gott versenkt ist. Sobald indes die Vereinigung, dieses unschätzbare Gut, eine dauernde geworden ist, kommt in Sachen des sittlichen und natürlichen Verhaltens kein solches Vergessen mehr vor; im Gegenteil, die der Seele entsprechenden und notwendigen Handlungen erlangen jetzt eine viel größere Vollkommenheit, da die Anregung zu denselben nicht mehr von den Bildern und Erinnerungen des Gedächtnisses “

ausgeht

Ich füge hinzu, daß die Meister des Raja-Yoga, Bhakti-Yoga und Inana- Yoga die Praxis des völligen Vergessens der Erscheinungswelt lehren, um dadurch zur vollkommenen Sammlung zu kommen. Die Unterweisung im Vergessen findet sich auch in der mystischen Kabbala und in der moslemischen Mystik, wie z. B. im Sufismus.

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Nun ist das Vergessen das Mittel zum Übergang von einem Bewußtseinszustand in einen anderen. Selbst im Falle des Schlafes, der als eine „natürliche Ekstase“ angesehen werden kann, muß man die Welt des Tages vergessen, um in die Welt der Nacht übergehen zu können. Um einzuschlafen, muß man vergessen können. Schlaflosigkeit ist eine Folge der Unfähigkeit zu vergessen. Und das Erwachen? Erwachen ist der gleichzeitige Vorgang des Sichererinnerns an die Welt des Tages und des Vergessens der nächtlichen Welt. Das Erwachen wäre unvollständig – wie es übrigens häufig ist –, wenn man nicht die Erfahrung der nächtlichen Welt vergäße. Die Nacht würde sich dann mit dem Tag vermischen, und das menschliche Bewußtsein wäre in seiner Verfassung für die Aufgaben und Pflichten des Tages beeinträchtigt, da seine Konzentration durch das „Herumspuken“ nächtlicher Reminiszenzen gestört wäre. Und Tod und Geburt? Wenn die mystische Vereinigung der Seele mit Gott das Vergessen der Erscheinungswelt und die Erinnerung an Gott ist, so ist der Tod zugleich der Ruf von oben und das Vergessen von unten. Die drei Stufen, die zur Vereinigung der Seele mit Gott führen – Läuterung, Erleuchtung und Vereinigung –, wiederholen sich nach dem Tode: das Fegefeuer ist die Läuterung (Katharsis), die der Erleuchtung oder dem Himmel vorausgeht, und der Himmel ist der Zustand der Seele, wo sie die Vereinigung mit Gott erreicht – analog der Vereinigung, die die Mystiker während ihres irdischen Lebens erfahren. Diese Vereinigung, dort wie hier, wird zur Gewohnheit – was für die Seele das höchste Gut ist –, und dann erinnert sie sich von neuem der Erde und ihrer Prüfungen. Das Gedächtnis bekundet dann eine „größere Vollkommenheit“ (wie Johannes vom Kreuz es von den quasi wiederauferweckten Funktionen des Gedächtnisses im Falle der Seele sagt, die die Gewohnheit der Vereinigung hat) in all seinen Handlungen. Fügen wir hinzu: in all seinen auf die Erde gerichteten Handlungen. Da haben Sie den Grund für die Verehrung der Heiligen. Die Heiligen, das sind Seelen, die die Gewohnheit der Vereinigung haben und also im Besitz des höheren, vergöttlichten Gedächtnisses sind, von dem Johannes vom Kreuz spricht. Sie suchen nicht die Vereinigung mit Gott; sie sind mit Gott vereint. Darum handeln sie – da ihre Gesichter zur Erde und nicht zu Gott gewandt sind – im Namen Gottes auf der Erde. Sie handeln, da sie mit Gott vereint sind, als Organe seines Willens. Ebenso ist es mit den himmlischen Hierarchien, den Engeln zum Beispiel. Die Schutzengel könnten niemals Hüter der Menschen sein, wenn ihre Blicke zu Gott gewandt wären, wenn sie ganz in die Kontemplation Gottes versenkt wären. Dank ihrer gewohnten Vereinigung mit Gott, d. h. dank der vollendeten Tatsache der Vereinigung ihres Willens mit dem göttlichen Willen, sind sie imstande, ihre Aufgabe als Hüter der Menschen zu erfüllen. Sie kennen blind den göttlichen Willen durch die verborgene Intuition ihres

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eigenen Willens, d. h. durch vollkommenen Glauben – während das, was sie sehen, die Erde und das menschliche Leben auf der Erde ist. Ihre Antlitze sind ebenso wie die der Heiligen der Erde zugewandt. Das ist der Grund für die Verehrung der Schutzengel. Was die Geburt betrifft, so kann auch sie entweder „heilig“ oder „natürlich“ sein, d. h., sie kann entweder ein Akt des Gehorsams gegenüber dem göttlichen Willen sein oder sich infolge des „Rufs der Erde“ vollziehen. Eine Seele kann auf die Erde gesandt sein, und sie kann von der Erde angezogen worden sein. Im ersteren Fall ist es ein Akt, analog dem Zurückrufen des vertikalen und moralischen Gedächtnisses, d. h. analog dem Wunder der Auferweckung des Lazarus; im letzteren Fall ist es ein halb freiwilliges, halb unfreiwilliges Ereignis, wo die Seele manchmal, ohne daß sie es bemerkt, in die Sphäre der irdischen Anziehung fällt, die sie zur Geburt trägt, indem sie die Seele nach und nach ihre Erfahrungen von oben vergessen läßt. Die Geburt ist also zugleich das Vergessen des Himmels und das Erinnern der Erde. So ist es aber nicht bei der „heiligen Geburt“. Da ist die Erinnerung des Göttlichen die Kraft, die die Inkarnation vollzieht. Hierbei verkörpert sich die Seele nicht dank dem Vergessen des Göttlichen, sondern dank seiner Erinnerung. Im Zustand der „gewohnten Vereinigung“ mit Gott verkörpert sich die Seele. Ihr Wille verliert dann nicht die Erinnerung an das Göttliche. Vielmehr wirkt diese Erinnerung, die in den Willen der Seele eingeprägt ist, in ihr während des ganzen irdischen Lebens, das auf die „heilige Geburt“ folgt. Man spricht dann von einer „Mission“ oder einer „Erwählung“. Und mit vollem Recht, weil eine Mission vorliegt – die einzige, die existiert. Denn die wahre Mission besteht nicht in dem, was der Mensch sich vornimmt, auf der Erde zu tun nach seinen Neigungen, Interessen und selbst seinen Idealen, sondern in dem, was Gott will, das er tun soll. Die willkürlichen „Missionen“, auch wenn sie den besten Absichten der Welt entspringen, haben nur zur Verwirrung der Menschheitsgeschichte beigetragen. Diesen ungelegenen „Missionen“ verdanken wir manche Krisen, die das Leben der lebendigen Traditionen der Menschheit erschütterten und wie vorübergehende Kometen den friedlichen und aufbauenden Verlauf des wahren Fortschrittes unterbrachen. Die wahre Mission auf Erden dient der Veredelung und der Vergeistigung dessen, was ist, d. h. dessen, was als Tradition lebt. Sie bringt den Antrieb, der die Verjüngung und Intensivierung der Tradition bewirkt. Die willkürlichen Missionen dagegen zielen darauf hin, den Lauf der Geschichte der Menschheit zu revolutionieren und wesentliche Neuerungen an die Stelle dessen zu setzen, was als Tradition lebt. Auf die Spitze getrieben, könnte man sagen: Die wahre Mission vervollkommnet alles, was es an Menschlichem auf Erden gibt – Familie, Zivilisation, Kultur, Religion usw. –, während die willkürlichen Missionen dazu führen können, daß sie die Intervention von Mars- oder Venuswesen herbeirufen, damit diese die Angelegenheiten der Erde in die Hand nehmen!

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Nun bilden Geburt, Aufwachen und Erinnerung einerseits und Tod, Schlaf und Vergessen andererseits sozusagen zwei Kraftsäulen der Wirklichkeit. Sie äußern sich ebenso in der Atmung der Organismen, in der Blutzirkulation und in der Ernährung, wie auch im Gedächtnis, dem Rhythmus von Schlaf und Erwachen und dem von Geburt und Tod. Sie sind das Ja und das Nein in jedem Bereich – ob mental, seelisch oder leiblich. Die Maxime im Evangelium:

„Ja (sei) Ja, Nein (sei) Nein. Was darüber hinausgeht, ist vom Bösen“ (Mt 5, 37)

enthüllt in diesem Zusammenhang seine Tragweite. Das „Ja“ und das „Nein“ ist das Wesentliche der Wirklichkeit, d. h. die reine und einfache Wahrheit, während das „Darüber hinaus“ vom Bösen kommt, d. h. der Sphäre der Schlange angehört. Denn die Schlange der Genesis hat ihr Wort für sich, das Wort des „Darüber hinaus“ jenseits von „ja“ und ‘„nein“. Sie ist im Besitz eines dritten Ausdruckes. Und hier kommen wir zurück auf die Frage, die wir uns am Anfang dieses Briefes gestellt haben, nämlich: Hat die Schlange einfach gelogen, als sie sagte: „Keineswegs, ihr werdet nicht sterben“, oder hat sie eine Wahrheit verkündet aus der Ordnung der dem Bereich der Schlange eigenen Wahrheiten? Mit anderen Worten: Welches ist das „Darüber hinaus“, das die Schlange dem „Ja“ und dem „Nein“, verstanden als Leben und Tod, hinzufügt? Wenn Sie dem zustimmen, lieber Unbekannter Freund, was wir in den vorhergehenden Briefen über den grundsätzlichen Unterschied zwischen Leben und Elektrizität, zwischen dem Prinzip der Jungfrau und dem der Schlange gesagt haben, so werden Sie imstande sein, das von der Schlange der Menschheit angebotene und versprochene „Darüber hinaus“ zu ergründen, insofern es sich auf das „Ja“ und das „Nein“ bezieht, verstanden als Leben und Tod. Das Geheimnis ist dies: Die Schlange bietet an und verspricht eine solche Kristallisation des menschlichen Wesens nach dem Prinzip der Einrollung, daß es sich dem Tode widersetzen und daß es, wie man im Englischen sagen würde, „death-proof“, widerstandsfähig gegen den Tod werden wird. Diese Kristallisation wird bewirkt durch Reibung, d. h. durch elektrische Energie, die durch den Kampf des „Ja“ und des „Nein“ im Menschen erzeugt wird. Sie wissen zweifellos, lieber Unbekannter Freund, daß es Schulen gibt – okkulte und andere –, die die Kristallisation lehren und praktizieren, und andere Schulen, die die Ausstrahlung lehren und praktizieren, d. h. die vollständige Ent-kristallisierung des menschlichen Wesens und seine Umwandlung in „Sonne“, d. h. in ein Zentrum der Ausstrahlung.

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„Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne im Reiche ihres Vaters“ (Mt 13, 43).

Das ist das praktische Ziel der „Schulen der Ausstrahlung“, zu denen die der christlichen Hermetik gehört. Die „Schulen der Kristallisation“ sind ziemlich zahlreich und verbreitet. Es gibt solche, die ganz geheim sind und mit sehr bedeutsamen Leistungen; es gibt andere, die als beinahe volkstümliche Bewegungen für „Gesundheit, Verjüngung und Langlebigkeit“ bekannt sind. Ich werde hier nicht von den Praktiken der ganz geheimen Schulen sprechen; denn ihr Geheimnis ist nicht mein Geheimnis, sondern das Geheimnis anderer. Ich werde auch nicht von den fast volkstümlichen Bewegungen sprechen, da es leicht ist, ihr Ziel und ihre Methode zu verstehen, wenn man Ziel und Methode einer okkulten Schule verstanden hat, die ich als veranschaulichendes Beispiel ausgesucht habe, weil sie die Mitte hält zwischen den geheimen Schulen und den fast volkstümlichen Bewegungen und weil sie selbst den Entschluß gefaßt hat, sich am hellichten Tage zu zeigen, wodurch sie mich berechtigt, darüber zu sprechen und ihre jedermann zugänglichen Dokumente zu zitieren. Ich habe dabei die Schule von G. J. Gurdjieff im Auge und zitiere aus dem Werk von P. D. Ouspensky. Im folgenden nun die Lehre von Gurdjieff über die praktische Aufgabe des Überlebens, so wie sie von Ouspensky aufgenommen und wiedergegeben wurde:

„Bei einer Gelegenheit in einer dieser Versammlungen fragte jemand nach der Möglichkeit der Wiederverkörperung und ob man Fällen von Verständigung mit Toten Glauben schenken könne. Vieles ist möglich, sagte G. (Gurdjieff), aber zuerst ist es notwendig zu

verstehen, daß das Sein eines Menschen, im Leben und nach dem Tode – wenn er nachher überhaupt noch weiter besteht –, von sehr verschiedener Qualität sein kann. Die Maschine Mensch, bei der alles von äußeren Einflüssen abhängt, mit der alles geschieht, die in einem Augenblick eine ist und im nächsten eine andere und wieder im nächsten eine dritte, hat überhaupt keine Zukunft irgendwelcher Art; sie wird begraben und das ist alles. Staub wird wieder zu Staub. Das trifft auf sie zu. Um überhaupt von irgendeinem zukünftigen Leben sprechen zu können, muß eine gewisse Kristallisation stattfinden, ein gewisses Verschmelzen der inneren Eigenschaften des Menschen und eine gewisse Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen erreicht werden. Wenn es im Menschen irgend etwas gibt, was fähig ist, äußeren Einflüssen zu widerstehen, dann kann eben dieses möglicherweise auch dem

Tod des physischen Körpers widerstehen

kann seine Zukunft sehr verschieden sein. In einigen Fällen von fortgeschrittener Kristallisation kann das, was die Menschen ‚Reinkarnation’ nennen, nach dem Tode möglich sein, in wieder anderen Fällen das, was die Menschen als ,Leben im Jenseits’ bezeichnen.

Aber auch wenn etwas weiterlebt,

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In beiden Fällen geschieht das Weiterleben im ,Astralleib’ oder mit Hilfe

des ‚Astralleibes’. Sie wissen, was der Ausdruck ,Astralleib’ bedeutet. Aber die Ihnen bekannten Systeme gebrauchen diesen Ausdruck, als ob jeder Mensch einen ,Astralleib’ habe. Das ist ganz falsch. Was man den ,Astralleib’ nennt, wird durch innere Fusion erreicht, das heißt durch furchtbar harte innere Arbeit und inneren Kampf. Der Mensch wird nicht damit geboren. Und nur wenige Menschen erlangen einen ,Astralleib`. Wenn er gebildet worden ist, kann er den physischen Tod überdauern und kann sogar in einen neuen physischen Körper hineingeboren werden Die Verschmelzung, die innere Einheit, wird durch ‚Reibung’ erreicht, durch den Kampf zwischen dem Ja’ und dem ‚Nein’ im Menschen. Wenn ein Mensch ohne inneren Kampf lebt, wenn alles ohne Widerspruch in ihm geschieht, wenn er überall hingeht, wohin er gezogen wird oder wohin der Wind bläst, wird er bleiben, wie er ist. Aber wenn ein Kampf in ihm beginnt und wenn vor allem dieser in einer bestimmten Richtung verläuft, dann beginnen sich allmählich dauernde Züge zu formen, er beginnt zu ‚kristallisieren’ Kristallisierung ist auf jeder Grundlage möglich. Nehmen wir zum Beispiel einen Räuber, einen wirklich guten, echten Räuber. Ich habe solche Räuber im Kaukasus gekannt. Er wird mit seinem Gewehr acht Stunden am

Straßenrand hinter einem Stein stehen, ohne sich zu

Ein anderer

ist ein Mönch. Er hat Angst vor dem Teufel. Die ganze Nacht schlägt er den Kopf gegen den Boden und betet. Auf diese Weise wird die Kristallisierung Solche Menschen können unsterblich werden.“

Geben wir uns jetzt Rechenschaft über die wesentlichen Punkte des zitierten Textes. Da ist zunächst der physische Leib, der gebiert, was dort „Astralleib“ genannt wird, der der Träger des Überlebens sein wird. Weiter: Unsterblichkeit ist weder etwas, worauf die menschliche Seele von Geburt an ein Anrecht hat, noch das Geschenk der göttlichen Gnade – sie wird durch die Kristallisation eines neuen Leibes im physischen Leib geschaffen, der dem Tod widerstehen und die Zerstörung des physischen Leibes überleben kann. Die von Gott geschaffene Seele gibt es nicht; sie muß durch den Menschen geschaffen werden, der dabei von dem menschlichen physischen Leib auszugehen hat. Sie ist eine Ansammlung von kristallisierter Energie innerhalb des menschlichen physischen Leibes und durch diesen erzeugt, d. h. hervorgebracht durch Reibung oder durch den Kampf zwischen „Ja“ und „Nein“ im Menschen. Denn Räuber, Mönch oder Okkultist können unsterblich werden durch die Energie, die sie durch ihre Anstrengung hervorbringen. Es handelt sich danach um den Bauplan eines Turms aus vier Etagen, deren unterste der physische Leib bildet, eines Turms, der sich aus der Sphäre der Sterblichkeit zu der der Unsterblichkeit erhebt, von der Erde zum Himmel.

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Nun kennt die Bibel die Methode, einen „Turm“ zu bauen, „dessen Spitze bis zum Himmel reicht“, und sich „einen Namen“ zu machen, „damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen“ (Gen 11, 4). Es ist das Ideal und die jahrtausendealte Methode des „Turmbaus zu Babel“. Der „Turmbau zu Babel“ ist eine sehr alte Methode. Hier, was Gurdjieff darüber sagt:

„Nach einer alten Lehre, von der sich in vielen alten und neuen Systemen Spuren finden, besteht ein Mensch, der seine mögliche Entwicklung vollendet hat, also ein Mensch im eigentlichen Sinne des Wortes, aus vier Körpern. Diese vier Körper bestehen aus Stoffen, die allmählich immer feiner werden, einander durchdringen und vier unabhängige Organismen bilden; sie

stehen in einer bestimmten Beziehung zueinander, sind aber fähig, unabhängig voneinander zu handeln. Der Grund, warum die vier Körper zusammen existieren können, ist, daß der menschliche Organismus, das heißt der physische Leib, eine so komplexe Organisation hat, daß unter bestimmten Bedingungen ein neuer unabhängiger Organismus in ihm wachsen kann, der ein viel vorteilhafteres und lenkbareres

Instrument für die Bewußtseinstätigkeit abgibt als der physische

In

diesem zweiten Körper kann unter gewissen Bedingungen ein dritter Körper

wachsen, der wiederum ihm eigene Eigenschaften

wiederum unter gewissen Bedingungen, sich ein vierter entwickeln, der sich im gleichen Maße von dem dritten unterscheidet wie der dritte vom zweiten und der zweite vom ersten.“

In dem dritten kann,

„Eine

östliche

Lehre

beschreibt

die

Funktionen

der

vier

Körper,

ihr

allmähliches

Wachstum

und

die

Bedingungen

für

dieses

Wachstum

auf

folgende Weise:

Stellen wir uns ein Gefäß oder eine Retorte vor, die mit verschiedenen metallischen Pulvern gefüllt ist. Die Pulver sind in keiner Weise miteinander verbunden, und jeder zufällige Wechsel in der Lage der Retorte verändert die Lage der Pulver zueinander Es ist unmöglich, die Wechselbeziehungen von Pulvern im Zustand mechanischer Mischung zu festigen. Aber die Pulver können verschmolzen werden, ihr Wesen macht dies möglich. Dazu muß eine besondere Art Feuer unter der Retorte angezündet werden, das sie durch Erhitzen und Schmelzen schließlich miteinander verbindet. Auf diese Weise verschmolzen, bilden sie

eine chemische Verbindung

Der Inhalt der Retorte ist unteilbar,

,individuell’ geworden. Das ist ein Bild der Bildung des zweiten Körpers.

Das Feuer, durch das die Verbindung erreicht wird, wird durch ‚Reibung’ erzeugt, die wiederum im Menschen durch den Kampf zwischen ‚Ja’ und ‚Nein’ hervorgerufen wird Der Vorgang, der Verbindung neue Eigenschaften zu verleihen, entspricht der Bildung des dritten Körpers

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Der Vorgang der Festigung dieser erworbenen Eigenschaften entspricht der Bildung des vierten Körpers. Nur der Mensch im Besitz aller vier vollentwickelten Körper kann ein Mensch im vollen Sinne dieses Wortes genannt werden. Ein solcher Mensch hat viele Eigenschaften, die der durchschnittliche Mensch nicht besitzt. Eine dieser Eigenschaften ist Unsterblichkeit.“

Nun wird das „besondere Feuer, das unter der Retorte angezündet wird”, der Reibung verdankt, die ihrerseits das Produkt des Kampfes zwischen „Ja“ und „Nein“ ist. Jenes Feuer ist also, was wir unter „Elektrizität“ verstehen. Dank der Elektrizität oder der durch Reibung erzeugten Energie vollzieht sich also der Vorgang der Kristallisation. Die Baumeister des Turmes zu Babel bedienten sich ebenfalls des Feuers zur Bereitung der Baumaterialien.

„,Wohlan, wir wollen Ziegel formen und sie brennen!’ Der Ziegel diente ihnen als Stein, und das Erdpech diente ihnen als Mörtel“ (Gen 11, 3).

Das Wesentliche bei der Methode des „Turmbaus zu Babel“ ist die umgekehrte Kristallisation. Die normale Kristallisation – der „Stein“ – ist der Endzustand des Prozesses des Überganges vom gasförmigen in den flüssigen Zustand und vom flüssigen Zustand in den festen. So wird der Dampf zu Wasser, und das Wasser zu Eis. Eis ist kristallisierter Dampf. Ebenso wird eine allgemeine, aber heiße Intention zum Strom diskursiven Denkens, welcher seinerseits zu einer ganz bestimmten Formulierung führt. Oder mit noch anderen Worten: Das Geistige wird seelisch, und das Seelische wird leiblich. Der Vorgang der normalen Kristallisation ist also derjenige der Verdichtung von oben nach unten:

ist also derjenige der Verdichtung von oben nach unten: Der Vorgang der als „Turmbau zu Babel“

Der Vorgang der als „Turmbau zu Babel“ bezeichneten Kristallisation findet dagegen von unten nach oben statt:

Kristallisation findet dagegen von unten nach oben statt: Da handelt es sich um die Umformung des

Da handelt es sich um die Umformung des Seelischen und des Geistigen in „Leib“. Und so will man den Tod besiegen und die Unsterblichkeit

die Unsterblichkeit des Körpers. Denn wenn das Geistige

und das Seelische bei der Verleiblichung sterblich werden, wäre es dann nicht möglich, daß das Leibliche, indem es sich zum Seelischen und Geistigen erhebt, unsterblich wird?

verwirklichen

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Läßt sich dieser Plan verwirklichen, oder ist er schlicht und einfach eine Illusion? Obwohl diese Frage in den Rahmen der Probleme des sechzehnten Großen Arcanums des Tarot gehört und so im sechzehnten Brief zu behandeln ist, lassen Sie uns dennoch einige Tatsachen betrachten, um eine Antwort zu erhalten. Die Tatsachen, die ich im Auge habe, sind die des körperlichen Überlebens, d. h. die physischen Manifestationen, die man – mit Recht oder Unrecht – verstorbenen Personen oder „Gespenstern“ zuschreibt. „Gespenster“ existieren. Das ist keine Angelegenheit des Glaubens, das ist eine Tatsache. Darüber gibt es eine ungeheure Menge Literatur, ganz zu schweigen von den Tatsachen, die man im Bereich der persönlichen Erfahrung finden kann, die die Existenz von Gespenstern bezeugt. Es handelt sich heute nicht mehr um Glauben oder Leugnen, sondern lediglich darum, zu verstehen und zu erklären, „Gespenster“ gibt es. So geschieht es von Zeit zu Zeit, daß nach dem Tode einer Person diese Person oder „etwas“ von ihr oder ihr Ähnliches sich auf äußere und physische Weise als aktive Energie kundgibt (Geräusche, Bewegungen usw.). Es ist, als ob eine gewisse Menge an Energie, die durch den Tod frei geworden, aber verdichtet geblieben und nicht zerstreut worden ist, sich als Wesen oder als individueller „Körper“ manifestiert. Die Analyse der Erscheinungen von „Gespenstern“ erlaubt mir, folgende charakteristische Züge darzulegen:

1. Das „Gespenst“ ist ein aus elektrischer psychophysiologischer Energie gebildetes Wesen mit einem niedrigeren Bewußtsein als dem einer normalen menschlichen Persönlichkeit.

2. Das Bewußtsein, das sich durch die Handlungen des „Gespenstes“ und durch sein eigenes allgemeines Verhalten enthüllt, ist sehr begrenzt und äußerst spezialisiert. Man ist versucht, es als „manisch“ zu charakterisieren, da es sich als Kristallisation einer einzigen Leidenschaft, einer einzigen Gewohnheit oder einer einzigen fixen Idee kundgibt.

3. Die Energie, die das „Gespenst“ bildet, schwächt sich mit der Zeit ab, vorausgesetzt, daß sie nicht durch zustimmendes und begünstigendes Verhalten der menschlichen Umgebung genährt wird; sie erschöpft sich. Man kann sie zum Verschwinden bringen, sei es durch das Ritual des Exorzismus der Kirche, sei es durch individuelles Gebet, sei es endlich durch eine besondere Handlung, die Mut verlangt und die darin besteht, das „Gespenst“ fest an sich zu drücken und einzuatmen, so daß man es in sich selbst aufnimmt und die elektrische Energie des „Gespenstes“ in sich zerstreut. Ich wage nicht, letztere Methode zu empfehlen, weil sie die Erfahrung eines elektrischen Schocks mit sich bringt – der übermäßig sein könnte – im Augenblick, da die Energie des „Gespenstes“ in Ihren Organismus übergeht.

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Ich füge aber hinzu, daß diese Erfahrung des elektrischen Schocks es ist, die eine absolute Gewißheit über die elektrische Natur des „Körpers“ des „Gespenstes“ ermöglicht. Zugleich kann sie den Beweis liefern – im inneren Forum selbstverständlich –, daß das „Gespenst“ nicht die Seele des Verstorbenen ist und daß es eine Last für den Verstorbenen bedeutet, da dieses „Gespenst“ mit seiner Seele durch ein peinigendes Band der Verantwortlichkeit verbunden ist.

In dem Falle, den ich erwähnt habe, drückte der Verstorbene dem Handelnden, bald nachdem dieser die elektrische Energie des „Gespenstes“ durch ihre Aufnahme in sich selbst zum Verschwinden gebracht hatte, seine Dankbarkeit für die Befreiung von dieser peinigenden Last durch einen sehr lebhaften und sehr klaren Traum aus. Was ist also ein „Gespenst“? Es ist genau das, was Gurdjieff lehrt als Produkt der seelischen Kristallisation, das hervorgebracht wird, indem man vom physischen Körper ausgeht, und das dem Tod des letzteren widerstehen kann. Es ist der sogenannte „Astralleib“ (der wohlgemerkt nichts zu tun hat mit dem Astralleib der Hermetik, der, genau gesagt, nur die Gesamtheit der psychischen Erinnerungen der Seele ist), von dem Gurdjieff sagt, daß er,

„wenn er gebildet worden ist,

Wenn er nicht wiedergeboren wird, dann stirbt er im Verlauf der Zeit. Er ist nicht unsterblich, kann aber den Tod des physischen Körpers lange überleben.“ Ein Gespenst bildet sich immer durch Kristallisation, d. h. infolge eines Wunsches, einer Leidenschaft oder einer Absicht von großer Intensität, die einen Komplex an Energie im menschlichen Wesen erzeugen. Ein „echter Räuber“, der sich, Gewehr in der Hand, acht Stunden lang ohne eine Bewegung am Straßenrand hinter einem Felsen aufhält, oder ein Mönch, der aus Furcht vor dem Teufel die ganze Nacht den Kopf gegen den Boden schlägt und betet, kristallisieren tatsächlich in sich einen Komplex an Energie, einen seelisch-elektrischen Doppelgänger, der als dichter Komplex dem Tode widerstehen kann. Und dasselbe, was bei den Menschen geschieht, die von starken Wünschen, Leidenschaften und Absichten besessen sind, kann methodisch erreicht werden, nämlich, indem man die wissenschaftliche Methode des „Turmbaus zu Babel“ anwendet. So könnte man den kristallisierten Doppelgänger nicht nur mit einem Wunsch, einer Leidenschaft oder einer beherrschenden Absicht beseelen, sondern ihn auch mit einem intellektuellen Apparat mit weit fortgeschrittenen Funktionen versehen und ebenso mit einem menschlichen Gedächtnis, worin alle Tatsachen der Erfahrung des physischen Planes aufgespeichert sind. Das „Ich“ eines solchen Okkultisten könnte sich dann mit diesem Doppelgänger verbinden, der Träger seines Gedächtnisses und seines Intellektes ist, und sich von neuem verkörpern, wobei er das Fegefeuer und den ganzen Weg der Läuterung, Erleuchtung und Vereinigung, der das

den physischen Tod überdauern (kann)

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Schicksal der menschlichen Seele nach dem Tode ist, vermieden hat. Es handelt sich also im Falle des Ideals und der Methode des „Turmbaus zu Babel“ nicht um eine bloße Illusion. Es handelt sich dabei vielmehr um eine andere Art der Unsterblichkeit, nämlich diejenige, die die Schlange der Genesis im Auge hatte, als sie sagte: „Keineswegs werdet ihr sterben, wenn ihr von der Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und des Bösen esset.“ Denn die Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und des Bösen erzeugt die innere Reibung im Menschen beim Kampf zwischen „Ja“ und „Nein“, und diese Reibung ihrerseits bringt das elektrische Feuer hervor, das die Kristallisation bewirkt, deren Produkt dem Tode widerstehen wird. Das ist der Sinn des Versprechens – oder vielmehr des Programms der Schlange. Dieses Programm liegt der jahrtausendealten Methode des „Turmbaus zu Babel“ zugrunde und bildet den esoterischen Kern oder das verborgene Geheimnis der materialistischen Wissenschaft schlechthin. Wir haben Gurdjieff (und Ouspensky) als Beispiel für das Ideal und für die Methode des „Turmbaus zu Babel“ gewählt; aber Gurdjieff – der ganz offen und im wahren Sinne des Wortes Materialist und ohne jeden Sinn für Mystik ist – spricht nur im Namen Unzähliger. Er gibt sich lediglich klar Rechenschaft darüber, was auf unbewußte oder halb bewußte Weise Tausende und Abertausende Wissenschaftler anregt und treibt, die sich der Sache der Langlebigkeit widmen, dem Sieg der menschlichen Wissenschaft über den Tod, ohne Gott und ohne Mystik – der universalen Sache des Turmbaus zu Babel. Gurdjieff ist nur ein Vertreter der Sache der materialistischen Wissenschaft, der weiß, was diese in Wirklichkeit will, und der auch weiß, was er selber will. Er war übrigens ein Mensch mit guter Veranlagung und einem feinen Sinn für Humor, ein guter Sohn, ein guter Kamerad und sehr intelligent, was den gesunden Menschenverstand anbelangt – um nur auf die am meisten ins Auge springenden Eigenschaften hinzuweisen, die er besaß. Es wäre also falsch, in ihm einen „Propheten der Finsternis“ zu sehen oder das Instrument einer besonderen „satanischen Mission“. Nein, er war einfach ein guter Repräsentant der „Weisheit dieser Welt“, d. h. des gesunden Menschenverstandes und der empirischen Erfahrung ohne jeden Sinn für Mystik. Gurdjieff ist keineswegs mehr „Satanist“ als der berühmte russische Physiologe Pawlow oder irgendein anderer Vertreter der materialistischen Wissenschaft. Ganz sicher ist seine praktische und theoretische Lehre von der Kristallisation von unten nach oben weder mit dem Individuationsprozeß nach Carl G. Jung noch mit der christlichen Hermetik und der Kabbala vereinbar. Denn die Hermetik lehrt zwar ebenfalls eine Kristallisation, aber es ist die Kristallisation von oben nach unten, d. h. die Kristallisation, deren Produkt als Philosophie und Wissen die Hermetik selbst ist, denn die kristallisierte Mystik ist Gnosis, die kristallisierte Gnosis Magie und die kristallisierte Magie jene Philosophie und jenes Wissen, das unter dem Namen „Hermetik“ bekannt ist.

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So kann man – wenn man von Zwischenstufen absieht – sagen, daß die Hermetik kristallisierte Mystik ist, während der materialistische Okkultismus von Gurdjieff die Mystik abschafft und durch die kristallisierte materialistische Wissenschaft ersetzt. Wenn wir nun auf die am Anfang dieses Briefes gestellte Frage zurückkommen: Hat die Schlange der Genesis einfach gelogen? – so sind wir jetzt imstande zu antworten: Nein, sie hat nicht gelogen. Sie hat der göttlichen Unsterblichkeit eine andere Unsterblichkeit gegenübergestellt – diejenige der Kristallisation von unten nach oben oder den „Turm zu Babel“. Sie hatte das vermessene, aber wirkliche und realisierbare Programm aufgestellt, das auf eine Menschheit hinzielt, die aus Lebenden und Gespenstern zusammengesetzt ist, wobei die letzteren sich fast unverzüglich wiederverkörpern und dabei den Weg vermeiden, der durch das Fegefeuer zum Himmel führt. Sie sehen jetzt, lieber Unbekannter Freund, warum die Kirche der Lehre der Wiederverkörperung feindlich gegenüberstand, obwohl die Tatsache der wiederholten Inkarnation durch eine große Anzahl kirchentreuer Personen mit echter geistiger Erfahrung bekannt war – und nicht unbekannt bleiben konnte. Die Gefahr der Wiederverkörperung auf dem Wege des „Gespenstes“, wobei man den Weg der Läuterung durch das Fegefeuer, der Erleuchtung und der himmlischen Vereinigung vermeidet, ist dafür der tiefere Grund. Denn die Menschheit könnte der Versuchung unterliegen, sich während des irdischen Lebens auf ein künftiges irdisches Leben vorzubereiten – anstatt auf das Fegefeuer und den Himmel. Sich auf ein künftiges irdisches Leben vorzubereiten, anstatt auf die Gegenüberstellung mit der Ewigkeit, läuft auf die Kristallisation im Sinne der Bildung eines elektrischen Doppelgängers hinaus – des Körpers des Gespenstes –, der seinerseits als Brücke von einer Inkarnation zur anderen dienen und so die Mittel zur Flucht vor dem Fegefeuer und vor der Gegenüberstellung mit der Ewigkeit sein könnte. Man hat sich während des irdischen Lebens vorzubereiten auf die Begegnung mit dem voll erwachten Gewissen – dem Fegefeuer – und auf die Erfahrung der Allgegenwart des Ewigen – dem Himmel – und nicht auf das künftige Erdenleben – was auf die Kristallisation des „Körpers des Gespenstes“ hinauslaufen würde. Es ist hundertmal besser, nichts von der Tatsache der Wiederverkörperung zu wissen und die Lehre der Wiederverkörperung zu leugnen, als die Gedanken und Wünsche auf das künftige Erdenleben zu richten und so versucht zu sein, zu Mitteln zu greifen, die die Schlange durch ihr Versprechen der Unsterblichkeit angeboten hat. Darum stand, wiederhole ich, die Kirche von Anfang an der Idee der Wiederverkörperung feindlich gegenüber und tat alles, was sie konnte, damit sie nicht Wurzeln schlägt im menschlichen Bewußtsein – und vor allem im menschlichen Willen. Ich bekenne, daß ich mich nur nach einigem auf sehr ernsten moralischen Einwänden beruhenden Zögern dazu entschlossen habe, über die Gefahr zu

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schreiben, die die Lehre von der Wiederverkörperung mit sich bringt, und vor allem über den Mißbrauch, den man mit ihr treiben kann – und in der Tat mit ihr treibt. Ich glaube, daß Sie, lieber Unbekannter Freund, die Last der Verantwortung verstehen werden, die auf sich nimmt, wer auf den Gedanken kommt, die Wiederverkörperung nicht als etwas zu behandeln, das zum Bereich der esoterischen, d. h. intimen Erfahrung gehört, sondern als eine exoterische Lehre, die man allgemein verbreiten und von der man die Welt überzeugen müßte; dies hat mich dazu bestimmt, von dem praktischen Mißbrauch der Tatsache der Wiederverkörperung zu sprechen. Ich bitte Sie also, lieber Unbekannter Freund, im Licht des moralischen Bewußtseins die Frage nachzuprüfen, ob es gerechtfertigt und wünschenswert ist, die Wiederverkörperung exoterisch zu lehren, so wie es sowohl die Repräsentanten der französischen okkultistischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts als auch die Theosophen, Anthroposophen, die Rosenkreuzer und andere getan haben und tun. Ich füge hinzu, daß es sich dabei in letzter Konsequenz nicht nur um die moralische Gefahr handelt, dem Fegefeuer und der Erfahrung der Ewigkeit zu entrinnen, sondern auch um die Gefahr, eine Unsterblichkeit durch eine andere zu ersetzen, nämlich diejenige Gottes durch die der Schlange. Denn es gibt zwei Tode und zwei Unsterblichkeiten. Der „Tod“, von dem der Vater im Gleichnis vom Verlorenen Sohn spricht:

dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist wiedergefunden worden“ (Lk 15,24),

ist die Entfernung vom Vater und von seinem Haus, während der Tod des physischen Leibes die Entfernung vom physischen Plan und vom elektrischen Feld der irdischen Gravitation bedeutet (von der im zwölften Brief über das Arcanum „Der Aufgehängte“ die Rede war). Nun läuft die Weigerung, den Weg des Fegefeuers und des Himmels zu nehmen, auf die Weigerung hinaus, in das Haus des Vaters zurückzukehren, d. h. auf den Entschluß, fern vom Vater zu bleiben. Und das ist genau der Tod im göttlichen Sinne. Die vollständige Kristallisation ist also vom göttlichen Standpunkte aus der vollständige Tod, während das vollständige Leben der Zustand des „Strahlens wie die Sonne“ ist, d. h. derjenige der völligen Entkristallisation. So besagen die göttlichen Worte: „Du sollst nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen essen, denn am Tage, wo du davon essen wirst, wirst du sterben“, daß „am Tage, wo du vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen essen wirst, du dich von mir entfernst.“ Und das Versprechen der Schlange: „Keineswegs, ihr werdet nicht sterben“, will sagen: „Ihr werdet in Entfernung von Gott leben, und ich werde es sein, die sich um die ununterbrochene Fortsetzung eures Lebens in der Horizontalen kümmert, denn ich werde das Fehlen der göttlichen Weisheit und Liebe ersetzen, indem ich an ihre Stelle den Intellekt und die seelisch- leibliche Elektrizität setze, die die Quellen eures Lebens sein werden.“

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Die Schlange versteht also unter „Leben“, was Gott unter „Tod“ versteht – und umgekehrt. Nun vertrat sowohl die alte vorchristliche als auch die christliche Hermetik immer die grundlegende These aller wahren Mystik, wahren Gnosis und wahren geheiligten Magie, daß es Leben und Tod vertikal gibt und daß es Leben und Tod horizontal gibt:

vertikal gibt und daß es Leben und Tod horizontal gibt: und daß das Kreuz der Menschheit

und daß das Kreuz der Menschheit – das Kreuz auf dem Kalvarienberg – dasjenige von zwei entgegengesetzten Leben und Toden ist. Die Auferstehung ist also nicht allein der Triumph des „Lebens“ über den Tod, sondern darüber hinaus der Triumph des „Lebens“ über das Leben. Sie ist der Sieg der Vertikalen über die Horizontale, der Ausstrahlung über die Kristallisation. Darum fanden die Frauen, die sich am frühen Morgen zum Grabe begaben, nicht den Leib des Herrn Jesus, und darum sagten ihnen zwei Männer, die ihnen in leuchtenden Gewändern erschienen: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“ (Lk 24, 5). Laßt also auch uns nicht den Lebenden unter den Toten suchen, und laßt uns vor allem nicht die Unsterblichkeit des Lebens im Bereich des Todes suchen – im Bereich des durch Elektrizität getragenen Intellekts oder, um ein der Kabbala entlehntes Bild zu gebrauchen, im Bereich des Erzengels Samael, der auf dem Drachen reitet. Nicht Phantome und Gespenster sind die Quelle der Gewißheit des Überlebens, der Unsterblichkeit. Ihre Quelle findet sich anderswo. Wo also? – In der Erfahrung des menschlichen Wesenskernes und seiner Beziehung zum Hauch, zum Licht und zur Wärme Gottes. Die Gewißheit der Unsterblichkeit rührt von der erfahrenen Teilhabe an demjenigen her, was innerlich unzerstörbar und unvergänglich, also unsterblich ist. Wer die Erfahrung seines Wesenskernes gemacht hat, d. h., wer einmal wahrhaft er selbst gewesen ist, durchströmt vom Göttlichen Hauch, gebadet in das Göttliche Licht und glühend von Göttlicher Wärme, der weiß, was Unsterblichkeit ist und daß er unsterblich ist. Sie könnten ihm noch so sehr die „epiphänomenale Natur“ des Bewußtseins erklären, d. h., daß das Bewußtsein nur die Funktion des Gehirns und des Nervensystems ist und daß es dem Regenbogen gleicht – ein Farbenspiel aufgrund der Brechung und der Widerspiegelung der Sonnenstrahlen auf den Wolken; Sie können all das sagen – er wird nicht im geringsten daran zweifeln, daß das alles falsch und das Gegenteil wahr ist.

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Er würde vielleicht keine für Sie gültigen Gründe gegen den Epiphänomenalismus finden, aber er hatte sie auch nicht nötig. Denn nicht den Argumenten verdankt er seine Gewißheit, sondern der Erfahrung. Stellen Sie sich die Reaktion eines hl. Johannes vom Kreuz oder einer hl. Teresa von Ávila auf eine an sie gerichtete Rede vor, die ihnen, ausgestattet mit allen Argumenten der modernen Wissenschaft, beweisen wollte, daß die Seele nur eine Täuschung ist, hervorgerufen durch chemische und elektrische Einwirkungen des Organismus! Das ihnen beweisen wollen, ihnen, die so manches Mal aus ihrem Körper herausgegangen waren, den sie im Zustand völliger Gefühllosigkeit zurückließen und in den sie zurückkehrten voller Leben und Licht, das sie geschöpft hatten jenseits nicht nur von allen chemischen und elektrischen Reaktionen, sondern auch von allem Bildwerk der Sinne und aller intellektuellen Aktivität! Ich glaube, daß sie den Urheber solchen Geredes entweder zu einem Psychiater oder zu einem Exorzisten geschickt hätten. Die Gewißheit der Unsterblichkeit kann absolut sein, d. h. weder von Richtigkeit oder Unrichtigkeit von Argumenten noch von gut oder schlecht bezeugten äußeren Tatsachen abhängen. Und sie ist dies in der Tat, wenn der Mensch die Erfahrung seines eigenen Wesenskernes und dessen essentieller Beziehung zu Gott gemacht hat. Ich kenne wohl die logische, philosophische und psychologische Kritik am Cartesianischen Argument „Cogito ergo sum – Ich denke, also bin ich“, und ich nehme sie ohne Vorbehalt vor dem Tribunal der Wissenschaft (in foro scientiae) an; aber es war nicht die Kraft dieses Argumentes vor dem Tribunal der Wissenschaft, die René Descartes die Gewißheit des transzendenten Ich gab, des Kernes seines Wesens, sondern vielmehr die Erfahrung vor dem Tribunal des Bewußtseins (in foro conscientiae), wo er, auf die bewunderungswürdige Art denkend, die ihm eigen war, vom diskursiven Denken ausging und sich plötzlich als Denker der Gedanken fand! Es war also durchaus nicht ein logisches Argument, sondern eine wirkliche intime Erfahrung des Denkers beim Vorgang des Denkens, die Descartes die vollkommene Gewißheit der Wirklichkeit des „Ich bin“ gab, die sich im „Ich denke“ kundtut. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant (eine Seele von kindlicher Reinheit und von bemerkenswerter Rechtschaffenheit und Sorgfalt) machte aus der spontanen Erfahrung Descartes’ eine neue Methode innerer Erkenntnisbemühung, nämlich die transzendentale Methode. Diese Methode läuft auf die Bemühung hinaus, das Denken, in das der Denker gewöhnlich untergetaucht ist, zu transzendieren, indem er sich von ihm freimacht und sich über es erhebt, um das Denken zu beobachten – oder „das Denken zu denken“ – von einem Punkt der Beobachtung aus, der oberhalb des diskursiven Denkens liegt.

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Die „kopernikanische Entdeckung“ Kants besteht vor allem in der Loslösung des Denkers vom „naiven“ Denken, d. h. von dem Zustand, worin der Denker sich im Vorgange des Denkens verliert, indem er darin versunken ist, und in der Einnahme eines oberhalb des Denkens gelegenen Punktes, von dem aus der Denker das auf eine völlig losgelöste Weise und mit unerbittlicher und unbestechlicher Wahrhaftigkeit gedachte Denken überprüfen kann – denn darin besteht der „transzendentale Kritizismus“ Kants. Seine Werke „Kritik der reinen Vernunft“ und „Kritik der Urteilskraft“ sind die Früchte der Anwendung dieser Methode im Sinne einer Revision der Gesamtheit unserer Erkenntnisse und einer Richtigstellung in bezug auf die Ansprüche des Intellekts und der Sinne, über metaphysische Angelegenheiten und Gegenstände urteilen zu können, wie Gott, die Unsterblichkeit der Seele und die moralische Freiheit. In seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ finden wir über die Ergebnisse des kritischen Blicks des Denkers hinaus, womit er sich auf den Bereich des diskursiven Denkens und der Sinneswahrnehmung richtete, in die er zuvor versunken gewesen war, dasjenige, was der Denker, der eigentliche Kern des menschlichen Wesens, selbst zu sagen hat. Und das läßt sich wie folgt zusammenfassen:

Ich müßte meine eigene Natur von Grund auf verändern oder mich zunichte machen, wenn ich sagen würde, daß Gott nicht existiert, daß ich nicht frei bin und daß ich nicht unsterblich bin. Die Struktur meines Wesens ist solcherart, daß sie kategorisch die Existenz Gottes oder der unendlichen Vervollkommnungsfähigkeit, der Freiheit oder der Moralität als solcher und der Unsterblichkeit der Seele oder der Möglichkeit der unendlichen Vervollkommnung postuliert. Es versteht sich von selbst, daß – ebenso wie das Argument von René Descartes „Ich denke, also bin ich“ zum Gegenstand der vernichtenden Kritik der Logiker, Philosophen und Psychologen geworden ist – auch das grundlegende, von Immanuel Kant in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ vorgebrachte Argument Gegenstand einer nicht minder strengen Kritik ist und nicht weniger begründet in foro scientiae, als es bei dem Argument Descartes’ der Fall ist. Auch hier muß man darauf hinweisen, daß es durchaus nicht der logische Schluß oder das Argument des diskursiven Denkens ist, das Kant die Gewißheit von Gott, der Freiheit und der Unsterblichkeit gegeben hat, sondern vielmehr die wirkliche und intime Erfahrung, die er machte, als er seine transzendentale Methode anwandte. Diese Methode namentlich hat sich als eine echte geistige Übung erwiesen, die Kant zur Erfahrung seines Wesenskernes gelangen ließ – so wie Descartes dorthin gelangte – und die ihn die dreifache Gewißheit von der Wirklichkeit Gottes, der Wirklichkeit der moralischen Freiheit und der Wirklichkeit der Unsterblichkeit der Seele zu schöpfen ermöglichte. Ebenso wie im hinduistischen Inana-Yoga der Yogi zum transzendenten Ich gelangt, indem er zuerst seinen Körper kritisch beobachtet und dabei die Erfahrung macht:

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„Dieser Körper ist nicht mein Ich“, sodann sein Seelenleben – Wünsche, Gefühle, Gedächtnisbilder usw. – kritisch prüft, um zur Erfahrung zu gelangen: „Dieses Seelenleben ist nicht mein Ich“, und endlich, indem er kritisch auch sein Denken prüft, von dem er sich loslöst und sich so als Denker erfährt – ebenso kamen Descartes und Kant zu der Erfahrung des transzendenten Ich, indem sie sich vom Denken zum Denker erhoben. Von daher stammt ihre Gewißheit des „Ich bin“ und des „Ich bin frei, unsterblich und in der Gegenwart Gottes“. Wenn doch die Kritik an Descartes und an Kant endlich verstummen und sich damit begnügen würde zu begreifen, daß sie nicht heranreicht an das, wohin diese beiden Geister gelangt sind, nämlich an die innere Erfahrung des Kerns ihres Wesens, des transzendenten Ich! Wenn man doch einmal aufhören würde, bis zum Überdruß zu wiederholen, daß Kant „sich seiner eigenen Methode gegenüber als untreu erwiesen und seine eigenen Prinzipien verraten“ habe, daß er, „alt und senil geworden, in den Fideismus seiner Kindheit zurückgefallen“ sei! Denn die Wahrheit ist, daß Kant im Alter nichts verraten hat und daß er nicht zurückgefallen ist, sondern bei der reifen Frucht seines Lebens und seines Werkes angekommen ist. Oder möchte man lieber, daß er nirgendwo angelangt wäre und daß er sein Leben nur als Meister der Kritik und des Zweifels beendet hätte? Daß die rechtschaffene und beharrliche Bemühung seines Lebens ihm keinerlei Erfahrung und also keinerlei Gewißheit hinsichtlich der Dinge aus dem Reiche der Metaphysik eingetragen hätte? – Anstatt sich zu freuen und diese Tatsache zu rühmen, spricht man von seinem Schwachwerden und beschuldigt ihn der Untreue! Mein Gott, wie kleinlich! Sie sehen also, lieber Unbekannter Freund, daß unsere großen westlichen Denker – ganz wie die hinduistischen Yogis – bis zur Erfahrung des menschlichen Wesenskernes gelangten, bis zum transzendenten Ich; und diese Erfahrung gab ihnen die Gewißheit der Unsterblichkeit. Die christliche Hermetik, die die Synthese von Mystik, Gnosis und geheiligter Magie ist, bietet der Menschheit drei Methoden der Erfahrung an, außer der eben skizzierten „philosophischen“ Methode, um zur Gewißheit der Unsterblichkeit zu gelangen. In erster Linie ist es der traditionelle mystische Weg der Läuterung, Erleuchtung und Vereinigung, der die freiwillige und bewußte Erfahrung der drei Stufen des Weges der menschlichen Seele nach dem Tod ist: durch das Fegefeuer zum Himmel, und durch den Himmel zu Gott. Sie finden ihn nicht nur bei den großen christlichen Mystikern wie Dionysius Areopagita, Bonaventura, Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz; nicht nur in den vorchristlichen Lehren der hermetischen Abhandlungen, die Hermes Trismegistos zugeschrieben werden, wie der „Poimandres“, sondern auch in den Großen heidnischen Mysterien, den ägyptischen und den anderen, in denen die drei Stufen der „Katharsis“ (Läuterung), des „Photismos“ (Erleuchtung) und der „Henosis“ (Vereinigung oder Identifikation mit dem Göttlichen) die

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Erkenntnis der Zustände nach dem Tode und die Gewißheit der Unsterblichkeit möglich machten. Jean Marques Rivière sagt darüber:

„Hier die wesentliche Lehre sowohl der griechischen wie ägyptischen Esoterik: die Kenntnis der Zustände nach dem Tode, um die Furcht vor diesem Tode zu besiegen, die physiologische und menschliche Furcht. Der Eingeweihte wußte, was ihn erwartete; was konnte er fürchten?“

Wie die Praxis der Konzentration die „Kunst des Vergessens“ ist und die Praxis der tiefen Sammlung oder der Meditation die Beherrschung der „Kunst des Schlafens“, ebenso bedeutet die Kontemplation der echten Einweihung die Beherrschung der „Kunst des Sterbens“. Durch die Beherrschung des Vergessens, des Schlafes und des Todes konnte man in der Vergangenheit und kann man heute und in der Zukunft zur mystischen Erfahrung der mit Gott vereinigten Seele, also zur absoluten Gewißheit der Unsterblichkeit gelangen. Und der Weg dorthin führte und führt heute wie in der Zukunft durch die drei Stufen der ewigen Mystik: die Läuterung, Erleuchtung und Vereinigung. Der hl. Johannes vom Kreuz zeigt, daß es der echte Glaube ist, der in der Läuterung offenbar wird, handelt und wächst; daß es die Hoffnung ist, die gleichzeitig das Agens und die Frucht der Erleuchtung ist; und daß es endlich die barmherzige Liebe ist, die die Vereinigung mit Gott vollendet. Das ist der ewige Weg, und niemand kann einen anderen weder erfinden noch finden. Man kann ihn wohl in dreiunddreißig Wegstrecken einteilen – oder sogar in neunundneunzig, wenn man will; man kann ihn in intellektuelle oder in schöne oder einfache symbolische Gewänder einkleiden; man kann ihn in verschiedenen Terminologien darstellen – kabbalistisch, griechisch, lateinisch oder in Sanskrit usw.; aber man wird es dabei immer mit dem einzigen und stets demselben Weg der ewigen Mystik zu tun haben – dem Weg der Läuterung, der Erleuchtung und der Vereinigung, weil es keinen anderen gibt und niemals einen anderen gab und geben wird. Auch die Hermetik hat keinen anderen Weg anzubieten als den der ewigen Mystik, da die gnostischen, magischen und philosophischen Methoden auf sie gestützt sind. Mit anderen Worten: Man kann nicht auf die Läuterung verzichten, wenn man Gnostiker, Magier oder auch Philosoph werden will im wahren und alten Sinne dieses Wortes. Man kann in der Gnosis, in der geheiligten Magie und in der Philosophie auch nicht auf Erleuchtung verzichten – ebenfalls im wahren und alten Sinne dieses Wortes. Denn ein nichterleuchteter Gnostiker wäre gar kein Gnostiker, sondern ein Phantast; ein nichterleuchteter „Magier“ wäre bloß ein Zauberer; und ein nichterleuchteter Philosoph wäre nur entweder ein vollkommener Skeptiker oder ein Liebhaber von intellektuellen Spielereien. Was die erste Quelle anbetrifft, aus der der Gnostiker seine Offenbarung, der Magier seine Macht und der Philosoph seine Erleuchtung schöpft, so gibt es nur eine einzige: den mehr oder minder unmittelbaren Kontakt der Seele mit Gott.

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Es ist also stets derselbe Weg, auf dem man vorwärtskommt, gleichgültig, ob man die mystische, gnostische, magische oder philosophische Methode gebraucht. Es gibt mehrere Pfade, aber es gibt nur einen einzigen Weg, d. h., daß man – was immer man auch tut – nur vorankommt und wächst im Sinne der Läuterung, Erleuchtung und Vereinigung. Was man auch weiß und welcherlei Erfahrung man auch haben mag: das Kriterium für den wahren Fortschritt ist allein der Fortschritt in der Läuterung, Erleuchtung und Vereinigung. Man beurteilt den Baum nach seinen Früchten, den Mystiker, den Gnostiker, den Magier und den Philosophen nach ihrem Glauben, ihrer Hoffnung und ihrer barmherzigen Liebe, d. h. nach ihrem Fortschritt in der Läuterung, Erleuchtung und Vereinigung. Die geistige Größe, das Format der Seele, bemißt sich nur durch den Glauben, die Hoffnung und die Liebe oder Barmherzigkeit. Buddha hat wohl gesehen, daß die Welt krank ist – und da er sie als unheilbar ansah, lehrte er die Mittel, aus ihr herauszukommen. Christus sah auch, daß die Welt todkrank ist, aber er hielt sie für heilbar und setzte die Kraft der Heilung der Welt ins Werk – diejenige, die sich in der Auferstehung kundtut. Darin unterscheiden sich Glaube, Hoffnung und Liebe des Meisters des Nirwana und des Meisters der Auferstehung und des Lebens. Der erstere sagt zur Welt:

Du bist unheilbar; hier das Mittel, deinem Leiden – deinem Leben – ein Ende zu setzen. Der letztere sagt zur Welt: Du bist heilbar, hier ist das Mittel, um dein Leben zu retten. Zwei Ärzte, die gleiche Diagnose, aber eine Welt des Unterschiedes in der Behandlung! Die Tradition lehrt – und jeder ernsthafte Esoteriker und Okkultist weiß, daß dem so ist –, daß der Erzengel Michael der Erzheerführer ist, d. h., daß er der himmlischen Heerschar vorgesetzt ist. Warum ist er ihr Anführer? Weil sein Glaube, seine Hoffnung und seine Liebe so sind, daß sie ihn zum Anführer machen. Denn „Anführer sein“ bedeutet in der geistigen Welt, weniger als die anderen dem Zweifel, der Verzweiflung und der Neigung zum Verurteilen ausgesetzt zu sein. Die Tradition lehrt, daß der Erzengel Michael die Sonne repräsentiert, ebenso wie die Erzengel Gabriel den Mond, Raphael den Merkur, Anael die Venus, Zachariel den Jupiter, Oriphiel den Saturn und Samael den Mars. Warum die Sonne? Weil die Sonne das sichtbare Symbol, das Abbild des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe ist. Sie leuchtet den Guten und den Bösen, unermüdlich und ohne ihre zentrale Stellung zu verlassen. Ja, die Größe Gottes selbst, d. h. dessen, was in unseren Augen in ihm göttlich ist, ist nicht seine Macht in dem Sinne, daß er stärker ist als die Gesamtheit aller Kräfte des Universums, noch sein Vorherwissen in dem Sinne, daß er als vollkommener Ingenieur das künftige Funktionieren der vorherberechneten und vorbestimmten Kräfte der Weltmaschine voraussieht, und auch nicht die Tatsache, daß er als Mittelpunkt jeder geistigen, seelischen und leiblichen Gravitation des Universums absolut unentbehrlich ist – nein, was wahrhaft

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göttlich an Gott ist, d. h., was jedes Knie sich vor ihm beugen läßt, das ist sein Glaube, seine Hoffnung und seine Liebe. Denn ebenso wie wir an Gott glauben, ebenso glaubt Gott an uns – aber mit einem göttlich viel größeren, viel erhabeneren Glauben; seine Hoffnung hinsichtlich dieser ungeheuren Gemeinschaft freier Wesen, die wir „die Welt“ nennen, ist unendlich, ebenso wie seine Liebe für diese Wesen unendlich ist. Wir beten Gott nicht an, weil er mehr kann und weil er mehr weiß als wir, sondern weil er mehr Glauben, mehr Hoffnung und mehr Liebe besitzt als wir. Unser Gott ist unendlich edel und großmütig und nicht nur allmächtig und allwissend! Gott ist groß durch seinen Glauben, seine Hoffnung und seine Liebe – und die Gottesfurcht ist im Grunde Furcht davor, solchen Edelmut und solche Großmut zu verletzen! Die christliche Hermetik stützt sich auf den Weg der ewigen Mystik. Dort ist ihre Grundlage und ihr Ausgangspunkt, insofern sie praktisch ist. Ausgangspunkt – wohin? In den Bereich der Gnosis und den der geheiligten Magie, ebenso wie in den Bereich der hermetischen Philosophie. Die Gnosis – die selbstverständlich nichts zu tun hat mit der Methode, Lehren von gnostischen Sekten zu entlehnen und daraus Glaubensartikel zu machen – ist der Beitrag der mystischen Erfahrung für das Begriffsvermögen und das Gedächtnis. Sie unterscheidet sich von der reinen Mystik darin, daß diese auf die Erfahrung zurückgeht, in der der gereinigte und erleuchtete Wille in Vereinigung mit dem Göttlichen ist, während das Begriffsvermögen und das Gedächtnis davon ausgeschlossen sind und vor der Schwelle mystischer Erfahrung verbleiben. Und es ist genau die Tatsache der Nichtteilhabe des Begriffsvermögens und des Gedächtnisses an der mystischen Erfahrung, die sie unausdrückbar und unmitteilbar macht. Die Gnosis dagegen ist dieselbe mystische Erfahrung mit der Teilhabe von Begriffsvermögen und Gedächtnis, die gemeinsam mit dem Willen die Schwelle überschreiten, wobei sie im Zustand des Wachens bleiben. Es ist die Schulung mittels des Symbolismus, die sie fähig macht, an der mystischen Erfahrung des Willens teilzuhaben, ohne ohnmächtig zu werden. Sie nehmen nur als Zeugen daran teil, d. h., sie bewahren völliges Stillschweigen und spielen nur die Rolle des Spiegels. Aber das Ergebnis ihrer Gegenwart als Zeugen an der mystischen Erfahrung des Willens ist die Ausdrückbarkeit und die Mitteilbarkeit dieser Erfahrung. Dies ist möglich, weil das Begriffsvermögen und das Gedächtnis davon einen Eindruck bekommen haben. Dieser Eindruck ist das, was wir hier unter „Gnosis“ verstehen. Ein Mystiker ist Gnostiker, insofern und insoweit er anderen gegenüber seine Erfahrungen ausdrücken und mitteilen kann. „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ ist eine mystische Aussage. „Gott ist Trinität: Vater, Sohn und Heiliger Geist“ ist eine gnostische Aussage; oder: „Ich und der Vater sind eins“ – mystische Aussage; „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen“ – gnostische Aussage.

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Die Gnosis ist also die Frucht der schweigenden Teilhabe des Begriffsvermögens und des Gedächtnisses an der mystischen Erfahrung des Willens. Ich sage „schweigende Teilhabe“, weil sonst, d. h. im Falle einer aktiven Teilnahme, es sich nicht mehr um eine Offenbarung handelte, sondern um eine Aussage, die durch das Begriffsvermögen und die Vorstellungskraft hervorgebracht würde. Um zu lernen, muß man zuhören, und um zuzuhören, muß man schweigen. Das Begriffsvermögen und das Gedächtnis oder die Vorstellungskraft müssen schweigen, wenn sie lernen, d. h. eine Offenbarung von oben empfangen wollen. Ebenso wie die Gnosis die Frucht der Teilhabe des Begriffsvermögens und des Gedächtnisses an der mystischen Vereinigung des Willens mit Gott ist, ebenso ist die geheiligte Magie die Frucht der Teilhabe der drei Seelenkräfte an der mystischen Vereinigung mit Gott im Hinblick auf den Nächsten und die Natur. Wenn die Seele, nachdem sie die Erfahrung der Vereinigung mit dem Göttlichen gehabt hat, sich dem Nächsten und der Natur zuwendet, nicht um zu betrachten, sondern um zu handeln – dann wird sie zum Magier. Jeder Mystiker ist Magier, wenn und insoweit er, inspiriert durch seine mystische Erfahrung, handelt. Die geheiligte Magie ist das Inswerksetzen dessen, was der Mystiker auf kontemplativem Wege erfährt und was der Gnostiker durch Offenbarung vernimmt. Der hermetische Philosoph endlich zieht Schlüsse aus den mystischen, gnostischen und magischen Erfahrungen und arbeitet darauf hin, sie in Einklang zu bringen mit den Erfahrungen des irdischen Lebens und mit den Wissenschaften, die sich damit beschäftigen. Auf diese Weise kann die Hermetik eine „trismegistische“ – dreifach große – Gewißheit geben, d. h. die dreifache Gewißheit der mystischen, gnostischen und magischen Erfahrung der Unsterblichkeit. Wie Sie sehen, bildet sich diese Gewißheit in drei – oder vier – Stufen der von oben nach unten offenbarenden Bewegung. Das ist, was die Tradition die „Herabkunft des himmlischen Jerusalem“ nennt, im Gegensatz zur oben skizzierten Methode des „Turmbaus zu Babel“. Die christliche und die vorchristliche Hermetik gehören also entschieden zur weitverbreiteten Tradition, die die Methode der „Herabkunft des himmlischen Jerusalem“ anwendet, die in der Menschheitsgeschichte darauf hinarbeitet, die ganze Menschheit auf die künftige „Herabkunft des himmlischen Jerusalem“ vorzubereiten, auf dieses geistige Ereignis von universalem Ausmaß. Denn die „Herabkunft des himmlischen Jerusalem“ ist zugleich eine praktische Methode der geistigen Schulen, die Gesamtheit der inneren mystischen, gnostischen und magischen Erfahrungen einzelner Menschen, die stufenweise Umbildung der ganzen menschlichen Zivilisation in eine „himmlische Stadt“, wo also die Gesetze, die des Himmels sind, und – schließlich – die Reintegration der ganzen Natur, ein Werk von kosmischer Tragweite, das der Verwirklichung eines „neuen Himmels und einer neuen Erde“, also das der Heilung der Welt.

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Die „Herabkunft des himmlischen Jerusalem“ umfaßt also sowohl die intimsten Erfahrungen der individuellen Seele als auch die Geschichte und Evolution unseres Planeten – nach dem Gesetz:

„Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt, und nichts verborgen, was nicht bekannt werden wird“ (Mt 10, 26).

Denn alles, was in der subjektiven Intimität geschieht, wird einmal objektive Wirklichkeit werden. Es ist das magische Gesetz der Geschichte, daß das Subjektive einmal objektiv wird, daß die gedachten Sehnsüchte und Gefühle von heute die historischen Ereignisse von morgen sein werden. „Wer Wind säet, wird Sturm ernten.“ Das läßt mich zum Kartenbild des dreizehnten Großen Arcanums des Tarot zurückkehren. Dort sehen wir, wie der Tod Hände, Füße und Köpfe abmäht, die über der Ebene des schwarzen Erdbodens erscheinen. Er mäht weder das Gras, das hervorsprießt, noch ganze menschliche Gestalten – die sich dort übrigens gar nicht finden. Der Tod handelt als Hüter eines bestimmten Niveaus, und er schneidet jedes Glied des menschlichen Körpers ab, das oberhalb dieses Niveaus erscheint. Er handelt mehr als Chirurg, denn als Vernichter. Um welche Art von Chirurgie handelt es sich? Wir haben oben von der Methode und dem Ideal des „Turmbaus zu Babel“ gesprochen, d. h. davon, daß man die elektrische Energie, nachdem man sie belebt und intellektualisiert hat, vom physischen Organismus auf eine höhere Ebene aufsteigen läßt – zuerst auf den Lebens- oder ätherischen Plan, die Ebene, „wo das Gras hervorsprießt“ nach dem Bilde des dreizehnten Arcanums. Nun findet dieser Aufstieg, vorausgesetzt, daß er sich nicht methodisch und mit Sachkenntnis in einer okkulten Schule vollzieht, praktisch nur teilweise statt: manchmal sind es nur die „elektrischen Hände“, denen es gelingt, auf den Lebens- oder ätherischen Plan aufzusteigen, manchmal sind es die „Füße“, manchmal ist es nur der „Kopf“. – Nun wacht der Tod unseres Kartenbildes darüber, daß die Lebenswelt nicht überwuchert werde von „Sendboten“ der physischen Welt. Er schneidet, als echter Chirurg, die elektrischen „Glieder“ des physischen Körpers ab, die oberhalb des Niveaus erscheinen, das die Schwelle zwischen beiden Welten ist – wo der Bereich der Lebenskräfte beginnt. Er vollzieht also, bevor das Übel unheilbar wird, die Amputation von kranken Gliedern – „krank“ in dem Sinne, daß sie sich einen Existenzbereich angeeignet haben, der ihnen von Rechts wegen nicht zusteht. Auf dem Kartenbild handelt der Tod also als Hüter der Schwelle zwischen den beiden Welten, und er wendet zu diesem Zwecke eine Art Chirurgie an. Ist nicht der Tod ganz allgemein das Prinzip der Chirurgie in der Welt? Ist er berufen zu töten, zu zerstören, oder hat er nicht die Aufgabe, durch die Chirurgie zu heilen?

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Die Antwort, die ich Ihnen, lieber Unbekannter Freund, vorschlage, ist, daß der Tod sehr wohl das Prinzip der Chirurgie in der Welt ist. Er bewirkt die Amputation der unbrauchbar gewordenen Glieder – sogar der Gesamtheit der unbrauchbaren Glieder, d. h. des ganzen physischen Körpers –, um das ganze menschliche Wesen davon zu befreien. Wie es die Naturheilkunde gibt, die die Gesundheit durch die Regeln und Gewohnheiten des gesunden Lebens wiederherstellt – Diät, Schlaf, Atmung, Übungen usw.; wie es die homöopathische Medizin gibt, die heilt, indem sie dem ganzen Organismus hilft, das Unwohlsein zu überwinden; wie es die allopathische Medizin gibt, die die Krankheiten mit Gegensätzlichem bekämpft; und wie es schließlich die Chirurgie gibt, die das Leben des Organismus dadurch rettet, daß sie einen Teil opfert – ebenso gibt es in der Welt einen heilenden „Mechanismus“, der auf analoge Weise hierarchisch geordnet ist wie die hierarchische Stufenleiter von Naturheilkunde, Homöopathie, Allopathie und Chirurgie. Der Tod entspricht der Chirurgie im kosmischen Krankenhaus. Er ist der letzte Ausweg, um das Leben zu retten. Über ihm gibt es noch drei Prinzipien, die Gesundheit der Welt und ihrer individuellen Wesen zu erhalten und wiederherzustellen. Die Mystik, die Gnosis und die Magie entsprechen ihnen. So kann man sagen, indem man die Devise der Französischen Revolution paraphrasiert:

„Mystik, Gnosis, Magie – oder Tod.“

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Vierzehnter Brief

DIE MÄSSIGKEIT

Das Arcanum der Inspiration

Der Mensch als Gottes Ebenbild und Gleichnis – Die fünf Aufgaben des Schutzengels – Die Genialität der Engel – Prophetische Engel – Die „Flügel“ der Engel – Beflügelte Menschen – Das „Gebet ohne Unterlaß“ – Maria und Martha – Das rechte Maß zwischen Ebenbild und Gleichnis – Die Gabe der Tränen – Zum Judentum – Vision, Inspiration, Intuition – Demut als Vorbedingung der Inspiration – Bemühung und Gnade.

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DIE

MÄSSIGKEIT

Das Arcanum der Inspiration

„Erhöre uns, Herr, heiliger Vater, allmächtiger ewiger Gott, und sende gnädig vom Himmel her deinen heiligen Engel, damit er alle, die in diesem Hause weilen, behüte, bewahre, besuche und beschirme."

„Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird in Ewigkeit nicht mehr dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle von Wasser werden, das ins ewige Leben sprudelt" (Jo 4, 13f).

„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir:

Wer nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann nicht in das Reich Gottes eingehen" (Jo 3, 5).

kann nicht in das Reich Gottes eingehen" (Jo 3, 5). „Aufgrund meiner Erziehung und meiner geistigen

„Aufgrund meiner Erziehung und meiner geistigen Bildung gehöre ich zu den ,Kindern des Himmels’. Aufgrund meines Temperaments und meiner beruflichen Studien aber bin ich ein ,Kind der Erde’. Da ich so durch das Leben ins Herz beider Welten gestellt wurde, deren Theorie, Sprache und Empfindungen ich aus einer vertrauten Erfahrung kenne, habe ich keinerlei innere Scheidewand aufgerichtet. Ich habe die beiden anscheinend gegensätzlichen Einflüsse in der Tiefe meiner selbst in voller Freiheit aufeinander wirken lassen." (P. Teilhard de Chardin)

Lieber Unbekannter Freund,

das Kartenbild des vierzehnten Großen Arcanums des Tarot stellt uns einem Engel in halb rotem, halb blauem Gewand gegenüber, der eine sonderbare Handlung ausführt – oder die Ausführung leitet: er läßt farbloses Wasser von einem Gefäß in ein anderes fließen oder vielmehr zwischen zwei Gefäßen fast horizontal, im Winkel von 45 ° sprudeln, wobei die Gefäße in einer beträchtlichen Entfernung voneinander gehalten werden. Also ein intellektueller Schock. Also ein Arcanum – etwas, das man erfassen und lernen muß oberhalb der gewohnten Ebene der Erfahrung und des Denkens. Eine Einladung also zu einer tiefen Meditation, zu einer geistigen Übung. Folgen wir dieser Einladung!

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Welches ist das Problem, das Kartenbild, das sein ganzer Zusammenhang gleichsam spontan im Geist desjenigen hervorruft, der es aufmerksam betrachtet? Welches ist die Botschaft des Engels mit den zwei Flügeln und dem roten und blauen Gewand, der ein rotes und ein blaues Gefäß hält und auf eine geheimnisvolle Weise Wasser von dem einen Gefäß in das andere fließen läßt? Bringt diese Botschaft nicht die gute Nachricht, daß es außer der Zweiheit von „Entweder – Oder“ noch die des „Nicht-nur – Sondern-auch“ oder des „Sowohl – Als-auch“ gibt oder geben könnte? Deutet die Karte als Ganzes, deutet der Engel auf dem Kartenbild nicht auf das Problem der zusammenwirkenden Polarität, der integrierten Zweiheit hin? Legt es nicht vor allem die Ahnung oder die Vermutung nahe, daß vielleicht dank der beiden Flügel, der beiden Arme, der beiden Farben des Kleides und der beiden Gefäße das Wasser sprudelt? Daß dieses Wasser die Frucht und das Geschenk des „Sowohl – Als-auch“ der integrierten Zweiheit ist, die augenfällig ist, wenn man das Bild betrachtet? So gehört die Idee, die sich dem Geist gleich zu Anfang angesichts der Karte des vierzehnten Arcanums darbietet, der Ideenordnung an, die sich auf die Polarität bezieht und auf das, was diese an Möglichkeiten für die geistige Erkenntnis und Verwirklichung des Hermetikers in mystischer, gnostischer und magischer Hinsicht bietet. In den vorhergehenden Briefen war schon in verschiedener Beziehung von der doppelten Polarität die Rede – derjenigen des „polemos“, des Krieges, der die als „elektrisch“ einzustufende Energie erzeugt, und derjenigen des Zusammenwirkens oder „Friedens“, der die als „Lebenskraft“ einzuordnende Energie zum Aufblühen bringt. Nun lädt uns der Engel des Arcanums der vierzehnten Karte ein, auf das Problem dieser doppelten Polarität und dieser doppelten Dynamik zurückzukommen, wobei er neues Licht über diesen Gegenstand zu verbreiten verspricht. Kommen wir also darauf zurück. Einer der Sachkundigen erster Ordnung des geistigen Lebens und der echten spirituellen Erfahrung, der hl. Bernhard von Clairvaux, hat der Nachwelt eine Lehre von höchster Wichtigkeit hinterlassen: die Lehre vom Menschen als göttlichem Ebenbild und Gleichnis. Da diese Lehre sich wunderbar als Ausgangspunkt für eine vertiefte Erforschung der doppelten Polarität eignet, die wir im Auge haben, nennen wir hier die wesentlichen Punkte:

Gott hat den Menschen erschaffen „nach seinem Ebenbild und Gleichnis“ (Gen 1, 26). Göttliches Ebenbild und Gleichnis deckten sich beim ersten Menschen vor dem Sündenfall. Aber ihr Zusammenfall hat nach der Sünde nicht angehalten. Das Ebenbild ist intakt geblieben, aber das Gleichnis, die anfängliche Gottähnlichkeit, ging verloren. Der Mensch lebt nach dem Sündenfall in der entstellenden Unähnlichkeit, obwohl er das Ebenbild beibehalten hat.

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„Denn nach Gottes Ebenbild und Gleichnis ward der Mensch erschaffen; als Ebenbild besaß er Willensfreiheit, als Gleichnis die Tugenden. Das Gleichnis ging zwar verloren, als Ebenbild aber schreitet der Mensch durch die Welt. Sogar in der Hölle kann das Ebenbild brennen, doch nicht verbrennen; es kann in Flammen stehen, aber nicht vernichtet werden. Dieses wird also nicht zerschnitten, sondern verlost, und wohin die Seele kommt, dort wird auch jenes sein. Mit dem Gleichnis verhält es sich nicht so; entweder verharrt es im Guten oder wird, wenn die Seele sündigt, in ein Jammerbild verwandelt und den vernunftlosen Tieren gleich gemacht“,

sagt der hl. Bernhard von Clairvaux in der Predigt zu Mariä Verkündigung. Das Ebenbild ist also nach dem hl. Bernhard die essentielle Struktur des menschlichen Wesens, und das Gleichnis ist die Gesamtheit seiner Funktionen oder die funktionale Struktur. Die unzerstörbare essentielle Struktur des Menschen ist dasjenige, was die Freiheit auf eine unveräußerliche und unwiderrufliche Weise begründet. Der Mensch ist frei – und bleibt es für alle Ewigkeit, auf Erden, in der Hölle, im Fegefeuer, im Himmel – überall und immer. Die Freiheit ist also eine absolute Tatsache. Als solche umfaßt sie die Unsterblichkeit – das Argument, das man in der „Kritik der praktischen Vernunft“ von Immanuel Kant wiederfindet; denn was ist sein „kategorischer Imperativ“ anderes als das göttliche Ebenbild im Menschen? Was nun das Gleichnis angeht oder die Gesamtheit der Funktionen des menschlichen Wesens, so hat ein Herd der Sünde mit seiner Anziehungskraft für das Böse hier Wurzel geschlagen. Und es ist nur in dem Maße unsterblich, wie es sich dem Ebenbild wieder angeglichen hat. Seine Unsterblichkeit ist bedingt. Das ist das Wesentliche der Lehre des hl. Bernhard. Es gibt Anlaß zu der Frage: Wenn das göttliche Ebenbild beim Menschen keinerlei Minderung erlitten hat und wenn das göttliche Gleichnis im Menschen teilweise außer Kraft getreten ist und den Neigungen und Gewohnheiten, die zum Bösen streben, Platz einräumen mußte, gibt es dann im menschlichen Leben etwas, das den bösen Neigungen im menschlichen funktionalen Organismus das Gleichgewicht hält, indem es ihnen gute Neigungen entgegenstellt? Ja, es gibt etwas, das dem funktionalen menschlichen Organismus zugesellt ist, um die Rolle des Gegengewichtes zu den lasterhaften Neigungen und Gewohnheiten zu spielen, die sich dort nach dem Sündenfall eingewurzelt haben. Das ist der Schutzengel. Der Schutzengel gesellt sich als treuer Verbündeter dem göttlichen Ebenbild im Menschen zu, ebenso wie sich die lasterhaften Neigungen dem funktionalen menschlichen Organismus zugesellt haben, der vor dem Fall das göttliche Gleichnis war. Er nimmt sich der Funktionen im „Gleichnis“ an, die durch die Erbsünde zerstört worden sind, und füllt so die entstandene Lücke aus.

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Er setzt sich selbst an die Stelle der durch den Sündenfall zerstörten Funktionen. Wie das Gebet nach dem Akt des Besprengens mit Weihwasser, das ich an den Kopf dieses Briefes gesetzt habe, es präzisiert, indem es Gott um die Güte bittet, „vom Himmel seinen heiligen Engel zu senden, damit er alle, die in diesem Hause weilen, behüte und bewahre, besuche und beschirme“,

erfüllt der Engel sein Amt auf fünf Arten: er hütet, stützt, beschützt, besucht und verteidigt. Er ist der „flammende Stern“, das leuchtende Pentagramm über dem Menschen. Er hütet die Erinnerung, d. h. die Kontinuität der großen Vergangenheit in der Gegenwart, die die Vorbereitung für die große Zukunft ist. Der Schutzengel wacht darüber, daß es eine Verbindung gibt zwischen den großen Gestern, Heute und Morgen der menschlichen Seele. Sie ist ein ständiges „Memento“ der ursprünglichen Gottähnlichkeit, der ewigen Aufgabe, die der Seele in der kosmischen Symphonie zugewiesen ist, und der Wohnung der Seele im Hause des Vaters, wo „viele Wohnungen sind“ (Jo 14, 2). Wenn es sein muß, erweckt der Schutzengel schwache Erinnerungen an frühere Erdenleben der Seele, um die Kontinuität der Anstrengung, des Suchens und des Strebens der Seele von Leben zu Leben wiederherzustellen, damit die einzelnen Leben keine isolierten Episoden seien, sondern die Stufen bilden von einem einzigen Wege zu einem einzigen Ziel. Der Schutzengel unterstützt die Anstrengung, das Suchen und das Streben der Seele, die sich auf diesen Weg begeben hat. Das bedeutet, daß er die Lücken im seelischen funktionalen Organismus schließt, die die Folge der Entstellung des „Gleichnisses“ sind, und daß er daher seine Schwächen ergänzt, wenn die Seele selbst guten Willens ist. Denn Unterstützen bedeutet niemals das Vertauschen des Willens des Engels mit dem des Menschen. Der Wille bleibt immer und überall frei. Der Schutzengel rührt niemals an den freien Willen des Menschen und fügt sich darein, den Entschluß oder die Wahl abzuwarten, die im unverletzbaren Heiligtum des freien Willens getroffen werden, um ihnen alsbald seine Hilfe zu leihen, wenn sie gerecht sind – oder um passiver Beobachter zu bleiben, der sich allein auf das Gebet beschränkt, wenn sie es nicht sind. Ebenso wie der Schutzengel manchmal gehindert ist, an der Tätigkeit der Seele teilzunehmen, wenn diese Tätigkeit nicht in Übereinstimmung mit dem göttlichen Ebenbild der Seele ist, ebenso kann er manchmal einen größeren Anteil als gewöhnlich an der menschlichen Tätigkeit nehmen, wenn es diese ihrem Wesen nach nicht nur erlaubt, sondern sogar erfordert. Dann steigt der Schutzengel von seinem gewohnten Wachtposten herab in den Bereich der menschlichen Aktivität. Er besucht dann den Menschen. Solche „Besuche“ des Schutzengels finden manchmal statt – wenn ihre Möglichkeit und ihre Notwendigkeit zusammenfallen.

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Immer aber und unaufhörlich behütet er den Menschen. Hierbei ergänzt er die Schwächen der menschlichen Sinne, die ihrer Hellsichtigkeit beraubt sind, die sie vor dem Sündenfall hatten. Er ist der Hellsichtige, der dem Nichthellsichtigen in den Versuchungen und in seelischen und körperlichen Gefahren hilft. Er warnt, unterweist und hilft abzuschätzen. Was er indessen niemals tun wird, ist, die Gelegenheiten der Versuchung aus der Welt zu schaffen. Denn wie Antonius der Große sagt: „Ohne Versuchung gibt es keinen geistigen Fortschritt.“ Die Versuchung gehört als integraler Bestandteil zur Übung des freien menschlichen Willens, der unverletzlich ist – sowohl für den Engel wie für den Dämon. Was die letzte der fünf Aufgaben des Schutzengels in bezug auf den Menschen betrifft, nämlich seine Verteidigung, so unterscheidet sie sich von den anderen dadurch, daß sie nach oben gerichtet ist, zum Himmel hin, und nicht mehr nach unten oder in die Horizontale. Bei der Behandlung der Frage der Verteidigung, die der Schutzengel seinem Schützling gewährt, nähern wir uns dem heiligen Mysterium des Herzens des Schutzengels. Denn hier offenbart sich die Natur der engelhaften Liebe. Hier einige Hinweise:

Die Schutzengel halten sich oberhalb ihrer Schützlinge. Das bedeutet unter anderem, daß sie diese vor dem Himmel verhüllen – vor dem von oben nach unten gerichteten Blick. Die Tatsache, daß die irdischen Menschen durch ihre Schutzengel vor der göttlichen Gerechtigkeit verborgen sind, bedeutet – außer Obhut, Stütze, Schutz und Kontakt –, daß die Schutzengel Verteidiger, Advokaten, der Menschen gegenüber der göttlichen Gerechtigkeit sind. Und wie Moses zum Ewigen sagte, als die Kinder Israels die Todsünde begangen hatten, einen Gott aus Gold dem Lebendigen Gott vorzuziehen:

Wenn nicht, dann

lösche mich doch aus deinem Buch, das du geschrieben hast“ (Ex 32, 32),

so „verhüllen“ die Schutzengel ihre Schützlinge vor dem Angesicht der göttlichen Gerechtigkeit, indem sie ausdrücklich oder stillschweigend erklären: „Verzeihe ihnen ihre Sünden! Wenn nicht, so lösche uns aus dem Buch des Lebens, das du geschrieben hast.“ Das ist die Verteidigung der Schutzengel für ihre Schützlinge. Der Schutzengel breitet seine Flügel über seinen Schützling und verleiht ihm so in den Augen der Göttlichen Gerechtigkeit seine eigenen Verdienste, während er die Verschuldungen seines Schützlings, ebenfalls in den Augen der Göttlichen Gerechtigkeit, auf sich nimmt. Es ist, als ob er sagen würde:

„Wenn der Blitz des göttlichen Zornes meinen Schützling, mein Kind, treffen soll – möge er mich statt seiner treffen, oder wenn er dennoch getroffen werden soll, möge er uns beide zusammen treffen!“

„Dennoch, wenn du ihm nun seine Sünde vergibst

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Der Schutzengel verteidigt seinen Schützling wie eine Mutter ihr Kind verteidigt, gleichgültig, ob es gut oder böse ist. Es ist das Mysterium der mütterlichen Liebe, das im Herzen des Schutzengels lebt. Nicht alle Engel sind Schutzengel; es gibt andere mit ganz anderen Aufgaben. Aber die Engel, die Schutzengel sind, sind die Mütter ihrer Schützlinge. Darum stellt die traditionelle Kunst sie als geflügelte Frauen dar. Und eben darum zeigt auch das Kartenbild des vierzehnten Arcanums des Tarot den Schutzengel deutlich als geflügelte Frau, bekleidet mit einem halb blauen, halb roten Frauengewand. Die Schutzengel – oder sollte ich „Engelinnen“ sagen? – sind die Manifestation der hohen und reinen mütterlichen Liebe. Darum trägt die Heilige Jungfrau und Mutter Gottes den liturgischen Titel „Regina Angelorum – Königin der Engel“. Die mütterliche Liebe, die sie mit den Schutzengeln gemeinsam hat, macht sie, da sie die ihre noch übertrifft, zu ihrer Königin. Es gibt, wie ich soeben sagte, andere Engel, die keine Schutzengel sind. Ich spreche nicht von den acht himmlischen Hierarchien über derjenigen der Engel; ich spreche allein von der Hierarchie der Engel, d. h. von der neunten himmlischen Hierarchie. Es gibt Engel, die „Boten“ sind, d. h. „Engel“ (άγγελοι = Boten) im eigentlichen Sinne des Wortes; es gibt Engel mit besonderen Aufträgen und Aufgaben – Engel des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes, der Jungfrau, des Todes, des Lebens, des Karma, der intersphärischen Verbindungen, der Offenbarung der Weisheit, des Wissens, der asketischen Zucht – und andere. Manche unter ihnen repräsentieren die väterliche oder aber die brüderliche Liebe. Ich will hier nichts für oder wider das sagen, was Swedenborg über das Geschlecht der Engel sagt. Was ich jedoch hier deutlich hervorheben möchte, ist die mütterliche Liebe der Schutzengel und daß es andere Engel gibt, die die väterliche Liebe und auch die brüderliche Liebe repräsentieren. Und in diesem Sinne – und nur in diesem Sinne – möchte ich, daß Sie, lieber Unbekannter Freund, an die Engel als an Wesenheiten denken, in denen entweder die Zärtlichkeit der mütterlichen Liebe oder die Gerechtigkeit der väterlichen Liebe vorherrschen. Denn es handelt sich nicht darum, die irdische Geschlechtlichkeit in den Himmel zu projizieren, sondern in dieser vielmehr eine – obwohl oft mißgebildete – Spiegelung der Polarität von oben zu sehen. Ich füge hinzu, daß die jüdische Kabbala – vor allem der Sohar – bewundernswert die Aufgabe lehrt, die Dinge hier unten als Spiegelung der Dinge oben zu denken und nicht umgekehrt. Der Sohar ist in der Tat eine der besten Schulen der Reinheit und der Keuschheit in allem, was sich auf Gatte und Gattin, Vater und Mutter, Sohn und Tochter, Verlobten und Verlobte in der geistigen, seelischen und körperlichen Welt zugleich bezieht. Denn wahre Keuschheit besteht im Sehen der himmlischen Urbilder hinter und über den Dingen dieser Welt und nicht etwa im Verzicht auf Sehen und Betrachten oder gar im Leugnen.

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Und diese Art von Keuschheit ist es, die man im Sohar findet und lernt, im Buch des Glanzes der jüdischen Kabbala. Kehren wir zu den Schutzengeln zurück. Die Engel, einschließlich der Schutzengel, leben und bewegen sich ausschließlich in der Vertikalen. Aufstieg und Abstieg bilden das Gesetz ihres Lebens, ihrer Atmung. Sie steigen zu Gott auf; sie steigen zur Menschheit herab. Man sagt, die Engel seien in der ständigen Kontemplation Gottes. Sie sind es, wenn man unter Kontemplation den Zustand versteht, in dem man in ständiger Verbindung mit der heiligen Trinität ist, geblendet von ihrem Lichte. Die „dunkle Kontemplation“, von der der hl. Johannes vom Kreuz spricht, ist die der Engel. Sie sehen nicht Gott, sie sind wesenhaft mit ihm vereint. Die Schutzengel sehen sich auch nicht gegenseitig, ebenso wie sie nicht die Wesen der anderen Hierarchien sehen – die Erzengel, Fürstentümer, Mächte, Gewalten, Herrschaften, Throne, Cherubim und Seraphim. Denn die Gegenwart des transzendenten göttlichen Lichts in ihnen hüllt ihre Wahrnehmung der Sphären zwischen Gott und der Menschheit in Dunkelheit. Sie sehen die Sphäre der Menschen oder vielmehr die Sphären ihrer Schützlinge. Dort verfügen sie über jene Hellsichtigkeit, deren der Mensch, der diese verloren hat, zu seinem Schutz bedarf. Dort auch entfalten die Engel die Genialität des zusammenfassenden und tiefen Verstehens ohnegleichen, die ihnen von seiten der Menschen das Attribut „allwissend“ eingebracht hat. Sie sind nicht allwissend, aber die Leichtigkeit, mit der sie sich in menschlichen Dingen orientieren und sie erfassen – bei deren Berührung ihre dunkle göttliche Weisheit aufleuchtet –, hat die Menschen, die die Erfahrung der bewußten Begegnung mit ihnen gemacht haben, so stark beeindruckt, daß sie dazu kamen, sie als allwissend zu betrachten. Die Grundbedeutung des Wortes „Genie“ geht zurück auf den Eindruck, den man von den Engeln gehabt hat, nämlich den einer übermenschlichen Intelligenz. Doch diese Genialität glänzt nur auf – und das ist die tragische Seite der engelhaften Existenz –, wenn der Mensch ihrer bedarf, wenn er der Rückstrahlung ihres Lichtes Raum gibt. Der Engel hängt in seiner schöpferischen Tätigkeit vom Menschen ab. Wenn der Mensch ihn nicht bittet, wenn er sich von ihm abwendet, hat der Engel keinerlei Beweggrund für eine schöpferische Aktivität. Er kann dann in einen Bewußtseinszustand verfallen, in dem seine ganze schöpferische Genialität latent bleibt und sich nicht mehr manifestiert. Das ist ein Zustand des Vegetierens oder des Dahindämmerns, vergleichbar dem Schlaf des Menschen. Ein Engel, der zu nichts gebraucht wird, ist eine Tragödie in der geistigen Welt. Denken Sie also, lieber Unbekannter Freund, an den Schutzengel, denken Sie an ihn, wenn Sie vor Problemen stehen, wenn Sie Fragen zu lösen, Aufgaben zu erfüllen, Pläne zu fassen, Sorgen und Befürchtungen zu

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beschwichtigen haben! Denken Sie an ihn wie an eine leuchtende Wolke der mütterlichen Liebe über Ihnen, die nur von dem einzigen Wunsch bewegt ist, Ihnen zu dienen und Ihnen behilflich zu sein. Lassen Sie keine wenn auch gutgemeinten Skrupel in sich aufkommen, daß sich durch das Herbeirufen des Schutzengels zwischen Sie und Gott eine Wesenheit einschaltet, die nicht Gott ist, und daß Sie damit die Sehnsucht nach dem unmittelbaren Kontakt zwischen der Seele und Gott, nach der direkten und echten Berührung mit Gott ohne Vermittler preisgeben! Denn niemals wird sich der Schutzengel in der Absicht zwischen Ihre Seele und Gott stellen, die Erlebnisse des Hohenliedes der Liebe zwischen Ihrer Seele und Gott auch nur im geringsten zu beeinträchtigen! Er kennt keine andere Sorge, als diese unmittelbaren und echten Berührungen möglich und ihre Seele für sie geneigt zu machen – und er zieht sich sofort zurück, wenn sein Herr und der Ihrige sich Ihrer Seele nähert. Der Schutzengel ist die Freundin der Gattin bei der geistigen Hochzeit der Seele mit Gott. Ebenso wie der Freund des Gatten, der „den Weg des Herrn bereitete und seine Pfade ebnete“, dem Gesetz des Freundes des Gatten gehorchte, das da lautet: „Er muß wachsen, und ich muß abnehmen“, ebenso gehorcht die Freundin der Gattin, die den Weg des Herrn bereitet und seine Pfade ebnet, demselben Gesetz. Der Schutzengel zieht sich beim Herannahen dessen, der größer ist als er, zurück. Und das nennt man in der christlichen Hermetik „die Befreiung des Schutzengels“. Der Schutzengel wird frei – oft um neue Aufgaben erfüllen zu können –, wenn die Seele in dem Teil von ihr, der das „Gleichnis Gottes“ ist, die Bereitschaft erworben hat für eine innigere und unmittelbarere Erfahrung des Göttlichen, die einer anderen hierarchischen Stufe entspricht. Dann tritt der Erzengel an die Stelle des frei gewordenen Schutzengels. Die Menschen, deren Hüter der Erzengel ist, besitzen nicht allein neue Erfahrungen des Göttlichen in ihrem inneren Leben, sondern sie empfangen auch durch eben diese Tatsache eine neue objektive Berufung. Sie werden Repräsentanten einer menschlichen Gruppe – einer Nation oder einer karmischen Gemeinschaft –, was bedeutet, daß ihre Handlungen von da an nicht mehr nur persönlicher Art sind, sondern gleichzeitig die Bedeutung und den Wert von Handlungen derjenigen menschlichen Gemeinschaft haben, die sie repräsentieren. So war es bei Daniel, der, als er betete:

„Wir haben gesündigt und gefehlt; wir sind zu Frevlern und Empörern

geworden; wir sind abgewichen von deinen Geboten und Gesetzen

Nun

also, unser Gott, höre das Gebet deines Dieners und seine Bitten: Laß wieder dein Antlitz leuchten über deinem verwüsteten Heiligtum, auch um deinetwillen, Herr! Neige, mein Gott, dein Ohr und höre! Öffne deine Augen und sieh auf die Trümmer bei uns und auf die Stadt, die nach

deinem Namen benannt wird

“ (Dan 9, 5 17 f),

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nicht nur in seinem Namen handelte, sondern auch – und vor allem – im Namen des Volkes Israel. Und da war es der Erzengel Gabriel, der sich ihm näherte:

„ während ich also noch das Gebet sprach, da – es war um die Zeit des

Abendopfers – näherte sich mir in eiligem Fluge Gabriel

und sagte: ,Daniel, nun bin ich erschienen, um dir Aufklärung zu geben

(Dan 9, 21 f).

Das ist ein Beispiel für die Befreiung des Schutzengels und die Einnahme seiner Stelle durch einen Erzengel – in diesem Falle durch den Erzengel Gabriel. Manchmal geschieht es, daß auch der Erzengel befreit wird. In diesem Falle tritt an seine Stelle eine Wesenheit der Mächte oder Elohim. Dann wird der Mensch zum Repräsentanten der Zukunft der Menschheit. Er lebt dann in der Gegenwart, was die Menschheit einmal in späteren Jahrhunderten zu erfahren haben wird. So standen Moses, Elias und David zum Beispiel unter dem Schutze der Flügel der Elohim, und nicht nur ihre Worte waren prophetisch, sondern auch ihre Lebensläufe. Aber, so kann man einwenden, Gott selbst ist es, der sich offenbarte und mit Moses, Elias und David sprach, und kein Wesen aus der Hierarchie der Mächte oder Elohim. Auf diesen Einwand ist zu erwidern, daß ganz wie es menschliche Propheten gab, durch deren Mund der Heilige Geist sprach, es auch hierarchische Wesen gab, durch die der Heilige Geist, der Sohn und der Vater sprachen und handelten. So sprachen und handelten die drei Engel, die Abraham am hellichten Tage mittags erschienen, als die heilige Trinität – der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Es ist also die heilige Trinität selbst, die damals – durch sie – zu Abraham sprach. Ebenso war Jahve-Elohim der „Träger“ oder „Repräsentant“ Gottes – seines WORTES und seiner Macht – in der Erfüllung der Mission, mit der ihn die heilige Trinität betraut hatte, nämlich mit der Vorbereitung der Inkarnation des Christus. In seiner Eigenschaft als bevollmächtigter Vertreter Gottes führte Jahve- Elohim den von der Vorsehung bestimmten Plan der Inkarnation aus; in seiner Eigenschaft als Elohim oder Macht handelte er als schützende Wesenheit von Moses, Elias und David. Schließlich kann auch der schützende Elohim selbst – und es gibt deren mehrere – befreit werden. Dann ist es eine Wesenheit der ersten Hierarchie, ein Seraph, der an seine Stelle tritt. So war es beim hl. Franz von Assisi. Der Seraph, der ihm die Unterweisung der Kreuzigung gab, die ihm die Stigmata einbrachte, dieser Seraph der Vision des hl. Franziskus war sein Schutzgeist. Darum repräsentiert der hl. Franziskus mehr, als die Menschheit – was er vertritt, ist die vergöttlichte Menschheit, ist der Gott-Mensch, ist Jesus Christus selbst.

Er redete mich an ’“

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Die Stigmata sind nicht immer sichtbar. Es gibt sozusagen „nach außen

gekehrte“ Stigmata, und es gibt „nach innen gekehrte“ Stigmata; aber alle, die unter dem Schutze eines Seraphs stehen, tragen sichtbare oder unsichtbare Stigmata. Denn sie repräsentieren Christus. Das Thema der Stigmata ist unter praktischem Gesichtspunkt im fünften Brief über das Arcanum „Der Papst“ behandelt worden. Es ziemt sich nicht, sie theoretisch zu behandeln. Der Respekt verbietet es mir. Der hl. Johannes vom Kreuz sagt über die Stigmata des hl. Franziskus:

das

Gefühl hat, als werde sie von einem Seraph mit einem vom Feuer der Liebe ganz brennenden Pfeile oder Speere getroffen, der die Seele, die schon wie

eine Kohle, oder besser gesagt, wie eine Flamme brennt, durchdringt und ihr

auf erhabene Weise ein Brandmal eindrückt

Pfeil die Seele berührt, wird sie beim Empfinden dieser Wunde von

unbeschreiblichem Entzücken

daß die Wirkung davon sich dem körperlichen Sinn auch äußerlich mitteilt,

so daß die Wunde oder das Mal, ähnlich der inneren Verwundung, auch nach außen hin sichtbar wird, wie es beim hl. Franziskus der Fall war, als der Seraph ihn verwundete. Nachdem er die fünf Liebeswunden an der Seele empfangen, trat die Wirkung derselben auch am Körper zum Vorschein, und zwar in der Weise, daß der Seraph dieselben auch dem Leibe eindrückte und ihn verwundete, wie er sie seiner Seele durch die Liebesverwundung beigebracht hatte. Denn Gott gewährt gewöhnlich dem Leibe keine Gnade, die er nicht zuvor und in erster Linie der Seele erwiesen hätte.“

Sie sehen also, lieber Unbekannter Freund, wie es sich mit der Frage des Schutzengels in seiner Beziehung zur Vereinigung der Seele mit Gott verhält. Es besteht keinerlei Grund zur Befürchtung, daß in dieser Vereinigung für die menschliche Seele jemals das geringste Hindernis von seiten der schützenden geistigen Wesenheiten herkommen könnte. Ganz im Gegenteil tun sie alles, was möglich ist – und sogar mehr als das Mögliche –, damit die Seele sich mit Gott in vollkommener Vertrautheit und in völliger Echtheit und Freiheit vereinigen kann. Die Freundin der Gattin führt die Gattin nur zum Gemahl – dann zieht sie sich zurück. Ihre Freude ist, selber abzunehmen und die Gattin wachsen zu sehen. Auf dem Kartenbild des vierzehnten Arcanums ist eine geflügelte Frau dargestellt. Was bedeuten die Flügel, die sie besitzt, was bedeuten die Flügel der hierarchischen Wesenheiten im allgemeinen? Fühler, Füße, Arme und Flügel – sind sie nur verschiedene Formen, die ein Urbild oder ein gemeinsames Prinzip offenbaren? – Sie sind es, insofern sie den Wunsch ausdrücken, den Tastsinn weiter hinauszutragen, um entferntere Dinge berühren zu können, die sich nicht in der unmittelbaren Umgebung der Körperoberfläche befinden.

Und während dieser feurige

„Es kann geschehen, daß die von Liebe zu Gott entflammte Seele

Manchmal gestattet Gott,

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Sie sind aktive Verlängerungen des passiven und rezeptiven Tastsinnes, der auf der Oberfläche des Organismus ausgebreitet ist. Indem er sich ihrer bedient, schafft der Tastsinn Ausgänge aus seinem gewöhnlichen Umkreis, der durch die Haut, die den Körper bedeckt, begrenzt wird. Die Organe der Handlung sind nur kristallisierter Wille. Ich gehe nicht, weil ich Beine habe, sondern im Gegenteil: Ich habe Beine, weil ich den Willen besitze, mich fortzubewegen. Ich berühre, ich nehme und ich gebe nicht, weil ich Arme habe, sondern ich habe Arme, weil ich den Willen besitze zu berühren, zu nehmen und zu geben. Das „Was“ des Willens erzeugt das „Wie“ der Handlung (das Organ), und nicht umgekehrt. Die Arme sind also Ausdruck des Willens, den Tastsinn über die Oberfläche des eigenen Körpers hinauszutragen. Sie sind die Manifestation des verlängerten Tastsinnes, die dem Willen entspringt, Dinge auf Entfernung zu berühren. Genauso ist es bei den Flügeln. Sie sind ebenfalls äußerlich gewordener Wille – ein Wille, der Organ geworden ist. Es ist der Wille, aus dem gewöhnlichen Bereich herauszutreten, nicht allein in der Horizontalen, sondern auch in der Vertikalen; den Tastsinn nicht nur nach vorwärts, sondern auch nach oben zu tragen. Flügel drücken den Willen zur Bewegung aus gemäß dem Kreuz, d. h. nicht allein den zur Ausbreitung auf einer Ebene, sondern auch den zur Erhebung auf eine andere Ebene. Alles dies bezieht sich auf den gesamten körperlichen Organismus, d. h. sowohl auf den physischen Leib als auch auf den Äther- und den Astralleib. Es gibt also physische Flügel – wie bei den Vögeln – ätherische Flügel und astralische Flügel. Die Flügel der feinstofflichen Körper, diejenigen des Lebens- und des Seelenleibes, sind – wie die physischen Flügel der Vögel hinsichtlich der Luft – Organe des tätigen Kontaktes mit der „Luft“, d. h. mit der Substanz und den Strömungen der geistigen Welt. Wie der Vogel, dessen Körper fest und flüssig ist, sich mittels der Flügel aus dem Reich des Festen und des Flüssigen in das der Luft erhebt, so erhebt sich der Engel mittels der Strömungen von Lebens- und Seelenenergie, die den Flügeln entsprechen, in die geistige Welt, die sich über den vitalen und astralischen Elementen befindet. Hier hört die Analogie auf. Denn es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen der Tätigkeit der physischen Flügel des Vogels und der Wirkungsweise der Flügel des Engels, die Ströme seiner vitalen und seelischen Kräfte sind. Der Vogel stützt sich beim Fliegen auf die Luft, um die irdische Schwerkraft zu überwinden. Sein Flug resultiert aus seiner gegen die irdische Schwerkraft gerichteten Anstrengung – er schlägt die Luft mit seinen Flügeln.

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Beim Engel ist es umgekehrt. Sein „Flug“ ist nicht eine mechanische Operation des „Schwimmens in der Luft“, wie es beim Vogel der Fall ist, sondern es ist eine magische Operation: die Herstellung des Kontaktes mit der „himmlischen Schwerkraft“, d. h. mit der göttlichen Anziehung. Er gebraucht seine Flügel nicht gegen die irdische Schwerkraft, sondern für die Kontaktaufnahme mit der „himmlischen Schwerkraft“. Der Engel sucht die Berührungen der göttlichen Liebe und findet sie mittels seiner Flügel, die ihn in Ekstase in eine höhere Sphäre erheben. Man könnte daher auf lapidare Weise sagen: Der Vogel fliegt, indem er seine Flügel gegen die Luft schlägt, d. h., sich auf die Luft stützt; der Engel „fliegt“ durch Unbeweglichmachen seiner Flügel, nachdem er Gott berührt hat. Der Vogel fliegt dank der Luft; der Engel „fliegt“ dank Gottes. Mit anderen Worten: Die Flügel des Engels stellen seine gleichsam organischen Bande mit Gott dar. Seine Bande – denn es gibt deren zwei. Ein Flügel hält ihn in Kontakt mit der göttlichen Vernunft und der andere mit der göttlichen Imagination oder dem göttlichen Gedächtnis. Die beiden Flügel beziehen sich also auf die kontemplativen und schöpferischen Aspekte Gottes, die ihrerseits dem Ebenbild und Gleichnis Gottes im Menschen entsprechen, von denen die Genesis spricht. Denn das Ebenbild ist die analoge strukturelle Verwandtschaft des menschlichen Wesenskernes – seines höheren Ich oder, nach Leibniz, seiner Monade – mit Gott in Ruhe, während das Gleichnis die analoge funktionale Verwandtschaft des menschlichen Wesens, d. h. seiner drei Kräfte – Vernunft, Vorstellungskraft und Wille – mit Gott in Tätigkeit ist. Nun sind die beiden Flügel des Engels seine Verbindungen mit dem ewigen Sabbath und mit der ewigen Schöpferkraft Gottes, oder mit anderen Worten: mit der göttlichen Gnosis und der göttlichen Magie. Mittels des „gnostischen“ (oder „linken“) Flügels ist der Engel in der Kontemplation der göttlichen Weisheit, und mittels des „magischen“ (oder „rechten“) Flügels ist er tätig in der Eigenschaft als Bote oder „Engel“. Das ist das Prinzip der Polarität, das der Zweiheit der Flügel zugrunde liegt. Dieses Prinzip bleibt auch gültig für die Engel und die Wesenheiten der anderen geistigen Hierarchien, die mehr als zwei Flügel haben (sechzehn zum Beispiel). Den Grund oder die Gründe für die Mehrzahl der Flügel bei bestimmten Engelwesen zu verstehen, wird die Aufgabe einer künftigen Wissenschaft, der „Angelologie“, sein, die sich – wie man hoffen darf – im Schoße der mystischen Theologie entwickeln wird, zu der der erste Schritt durch Dionysius Areopagita (oder „Pseudo-Dionysius“, wie die Gelehrten den Begründer der mystischen Theologie gern bezeichnen) getan wurde. Was uns betrifft, so müssen wir uns auf die allgemeine Erklärung der zwei Flügel bei den Engeln beschränken, indem wir uns erinnern, daß es sich hier um eine Meditation über das vierzehnte Arcanum des Tarot handelt, dessen Kartenbild eine Wesenheit mit zwei Flügeln zeigt – was folglich das Problem bildet, das uns beschäftigt.

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Die Tradition weiß, daß es auch mit Flügeln versehene Menschen gibt. So zeigt das Triptychon, das den Kreis der Deësis (δέησις) darstellt (eine russische Ikone von der Hand des Nicephorus Savin), auf der rechten Tafel den hl. Johannes den Täufer geflügelt. Ebenso zeigt der Tarot von Bologna statt des Eremiten des „Tarot de Marseille“ einen geflügelten Patriarchen, der, auf zwei Krücken gestützt, mühsam geht, hinter ihm eine Säule. Es ist nicht Saturn, wie Oswald Wirth diese Karte des Tarot von Bologna interpretiert, sondern vielmehr der Eremit, d. h. die eigentliche Essenz des Weges der praktischen Hermetik. Denn der geflügelte Greis vor einer Säule, der sich auf Krücken stützt, hat – außer dem vorgerückten Alter – ikonographisch nichts mit Saturn zu tun, während der Zusammenhang des Bildes – Säule, Flügel, Krücken – alles hervorhebt, was für den geistigen Weg der Hermetik wesentlich ist – ebenso als Vollendung wie als Prüfung. Säule werden ist das Ziel des Eremiten oder Hermetikers; das Mittel, sich zur Säule zu erheben, sind die Flügel; und was schwieriger und schwieriger wird für den, der sich „zur Säule macht“, ist die horizontale Bewegung. Die Kontemplation, die sich – mittels der Flügel – mehr und mehr als dauerhafter Zustand in der Seele einstellt, läßt die horizontale Bewegung seiner in Kontemplation versunkenen Kräfte der Vernunft, der Vorstellungskraft und des Willens immer mühsamer. werden. Der Eremit des Tarot von Bologna ist also ein Hermetiker (und ikonographisch stellt der Patriarch viel eher Hermes Trismegistos als Saturn dar, da seine orientalische Kopfbedeckung und sein Kleid traditionsgemäß diejenigen des „greisen Hermes Trismegistos“ sind), der in der unbeweglich gewordenen Vertikalen lebt und so auf Kosten der Bewegung in der Horizontalen „geistiger Stylit“ geworden ist. Es handelt sich dabei nicht um antike Mythologie, sondern um das Arcanum des praktischen geistigen Weges der Hermetik. Astralische und ätherische Flügel beim Menschen bedeuten, daß er in einem mehr oder weniger vorgerückten Grad das göttliche „Gleichnis“ wiedererlangt hat. Denn dem Menschen vor dem Sündenfall waren Flügel gegeben. Er hat sie in der Folge verloren. Wie werden sie wiedererlangt? „Flügel“ sind Organe der feinstofflichen Leiber – des Astralleibes und des Äther- oder Lebensleibes – und nicht irgendwelcher Tätigkeiten des bewußten Ich. Es handelt sich also um den Bereich des Unbewußten, wenn von Flügeln die Rede ist. Es geht um die Aufgabe, die zu Gott gewandten geistigen Bemühungen, wie Gebet und Meditation, sozusagen organisch zu machen, d. h., die bewußten Akte des Ich in psychovitale Ströme der feinstofflichen Leiber umzubilden. Der Rat des Apostels: „Betet ohne Unterlaß!“ (1 Thess 5, 17), bietet hierfür den Schlüssel. Es ist unmöglich, im Bewußtsein ohne Unterlaß zu beten, aber es ist wohl möglich, das Gebet aus dem Bewußtsein ins Unbewußte zu tragen, wo es ohne Unterlaß wirken kann. Astralleib und Ätherleib können ohne Unterlaß beten – was für das bewußte Ich nicht möglich ist.

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Das letztere kann aber durch seine Initiative den Strom des „Gebets ohne Unterlaß“ zunächst im Bewußtsein einführen und ihn dann in das seelische Unbewußte (Astralleib) und das vitale Unbewußte (Ätherleib) tragen. Ja, es kann ihn sogar bis zum physischen Leib tragen, wie es in den „Aufrichtigen Erzählungen eines Pilgers an seinen geistigen Vater“ („otkrovennye rasskazy strannika duk hovnymu svoimu ottsu“) vorkommt, ein russisches Buch von einem anonymen Verfasser aus dem vorigen Jahrhundert über die praktische Unterweisung der Schule des unaufhörlichen Gebetes. Hier hörte der Pilger, der der Verfasser des Buches ist, beim Erwachen in der Nacht sein Herz deutlich die Worte des Gebetes schlagen: „Gospodi Jisuse Khriste Syne Bozhiy, pomiluy mya greshnego – Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner, des Sünders!“ Nun bildet das „Gebet ohne Unterlaß“, wenn es in Astralleib und Ätherleib heimisch geworden ist, die in diesen Leibern nach oben gelenkten Ströme, die zur Bildung von Flügeln führen können. Ich sage, daß sie es können, weil die Bildung von Flügeln noch von etwas anderem abhängt: dem Strom von oben, der sich auf die Begegnung mit dem Strom von unten hinbewegt. Flügel bilden sich nur, wenn beide Ströme – jener der menschlichen Anstrengung und jener der Gnade – sich begegnen und vereinigen. Der „Teufel“ des fünfzehnten Arcanums des Tarot hat auch Flügel, aber seine Flügel bestehen nur aus von unten erzeugter Energie. Sie sind nicht mit der Gnade von oben versehen. Die Engelsflügel hingegen – ebenso wie diejenigen des wiedererlangten göttlichen „Gleichnisses“ im Menschen – werden der Vereinigung von Bemühung und Gnade verdankt; und die göttliche Gnade ist es, die dabei die entscheidende Rolle spielt. Letztlich sind Flügel ein Geschenk der göttlichen Gnade. Reiner Humanismus kann nur Ikarus-Flügel hervorbringen. Das Schicksal des Ikarus ist bekannt: seine Flügel aus „Wachs“ schmolzen in der Sonnenhitze, und der unglückliche Ikarus stürzte zur Erde. Was den Dämonismus betrifft, so kann er nur Fledermausflügel entwickeln, d. h. solche der Finsternis, die Organe sind, mittels deren man in die Tiefen der Finsternis eintauchen kann. Das Vorhandensein echter und rechtmäßiger Flügel im menschlichen Unbewußten (d. h. im Astralleib und im Ätherleib) ist nicht ohne Wirkung auf das Bewußtsein des Menschen. Es äußert sich vor allem und im allgemeinen in einer ständigen Orientierung des Bewußtseins auf Gott hin. Der Mensch hat immer das Gefühl der Gegenwart Gottes und der geistigen Welt. Nichts kann ihm dieses Gefühl nehmen oder es in ihm ersticken. Dieses Gefühl (das die Bibel als „in Gott wandeln“ oder „vor dem Angesichte Gottes wandeln“ bezeichnet) kristallisiert sich in zwei unerschütterlichen Überzeugungen heraus: daß man für Gott alles ertragen kann und daß man mit Gott alles vollbringen kann. Das Martyrium und das Wunderwirken sind die beiden Säulen, worauf der Glaube ruht und wodurch er die antike Welt erobert hat.

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Nun macht der „gnostische Flügel“ das Bewußtsein zum Martyrium und der „magische Flügel“ zum Wunderwirken fähig. Ein beflügelter Mensch ist also für das Heroische und das Wunderbare bereit. Das ist das Wesentliche des Problems der Flügel. Sie sind das Gegenteil der Beine, weil sie die Organe der Berührung mit dem Himmel sind, während die Beine die Organe der Berührung mit der Erde sind. Die Flügel bringen uns in Verbindung mit der „himmlischen Anziehungskraft“, die Beine setzen uns in Beziehung zu der „irdischen Anziehungskraft“.

Was nun die Arme anbetrifft – und der Engel des Kartenbildes des vierzehnten Arcanums hat Arme –, so beziehen sie sich auf die Horizontale,

d. h. auf die Felder gegenseitiger Anziehung der Wesen, die sich begegnen.

Wenn das Gesetz der Flügel die Liebe zu Gott ist, so ist das Gesetz der Arme die Liebe zum Nächsten, und das Gesetz der Beine ist die Liebe zur irdischen Natur.

Der Engel auf dem Kartenbild hält zwei Gefäße, die durch fließendes Wasser miteinander verbunden sind. Damit befinden wir uns inmitten des Problems des Flüssigen. Das Problem des Flüssigen ist das des dynamischen Funktionierens des menschlichen Wesens als Ganzes, d. h. leiblich, seelisch und geistig. Es führt in Wirklichkeit zurück auf das Problem des als umfassenden geistigen, seelischen und leiblichen Prozeß aufgefaßten Lebens. Denn ebenso wie es das physische Kreislaufsystem gibt, ebenso existiert ein vitales und astrales Zirkulationssystem, das seinerseits nur die Widerspiegelung des Zirkulationssystems ist, das Geist, Seele und Leib – den dreifachen Leib – als lebendige Einheit umfaßt. Das diesem vollständigen Kreislaufsystem zugrunde liegende Prinzip ist das göttliche „Gleichnis“. Da dieses die entstellende Wirkung der Erbsünde erlitten hat, ist es die Aufgabe des Schutzengels, darüber zu wachen, daß das vollständige Kreislaufsystem so gesund wie möglich arbeitet. Der Schutzengel hat also für das Funktionieren des geistig-seelisch-leiblichen Kreislaufsystems zu sorgen, d.

h. für Gesundheit und Leben des ganzen Menschen. Darum zeigt ihn uns das

Bild des vierzehnten Arcanums in der Ausübung seines Amtes als Regler des Kreislauf- oder Flüssigkeitssystems im Menschen. Dieses System umfaßt mehrere tätige Zentren – die „Lotosblumen“, die Nervenzentren, die Drüsen, um nur die hauptsächlichsten zu nennen –, aber das harmonische Funktionieren all dieser Zentren hängt nur von einem ab, von einer einzigen Handlung, die die Schlüsselstellung einnimmt: es ist der Strom, der die Beziehung zwischen Ebenbild und Gleichnis im Menschen herstellt. Die Monade (das Ebenbild) soll weder umsonst da sein, noch soll sie das Kreislaufsystem (das Gleichnis) überfluten. Im ersten Fall wäre der Mensch der Anregung beraubt, ein wahrhaft menschliches Leben zu leben, d. h., er würde nicht auf das Ziel der menschlichen Existenz hin orientiert sein.

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Im zweiten Fall würde der Mensch erschüttert werden durch das Übermaß des Antriebes, der von der Monade (dem Ebenbild) ausgeht – was eine nicht wiedergutzumachende Katastrophe wäre. Es ist daher das rechte Maß im Verhältnis zwischen Ebenbild und Gleichnis, das bewahrt werden muß, und das tatsächlich vom Schutzengel bewahrt wird. Das ist der Grund, warum die Tradition dem vierzehnten Arcanum des Tarot den Namen „Die Mäßigkeit“ gegeben hat. Denn es handelt sich da um das Maß in dem fließenden Verhältnis zwischen Ebenbild und Gleichnis, das notwendig ist für das Leben und die Gesundheit. Das rechte Maß im fließenden Verhältnis zwischen dem absoluten Radikalismus der Monade (des Ebenbildes) und dem Relativismus der phänomenalen Persönlichkeit (des Gleichnisses) bildet das Grundprinzip der geistigen, seelischen und leiblichen Gesundheit. Dieses Maß ist gleichbedeutend mit dem sich ständig ändernden Gleichgewicht zwischen Ewigkeit und Augenblick, Absolutem und Relativem, Kontemplation und Aktion, Ideal und Erscheinung. Man kann viel Treffendes zum Gegensatz von Maria und Martha sagen – und man hat es auch wirklich gesagt –, aber wir, wir alle, leben nur dann ein gesundes Leben, wenn die beiden Schwestern in uns gegenwärtig und als Schwestern tätig sind, d. h., wenn sie zusammenarbeiten mit dem Blick auf den Dritten. Niemand kann an Maria in sich vorübergehen, ebensowenig wie an Martha in sich – und dabei an Geist, Seele und Leib gesund bleiben. „Ora et labora – Bete und arbeite“ kann durch keine andere Formel ersetzt werden. Denn man kann weder ohne Kontemplation noch ohne Aktion leben. Das ist es, was Krishna dem Arjuna in der Bhagavadgita zu verstehen gibt:

„Und wenn der Mensch auch alle Tätigkeiten ausübt, wenn er immer in mir wohnen bleibt, erreicht er durch meine Gnade den ewigen und unvergänglichen Zustand.“

Genau das ist es, was der hl. Bernhard zur Geltung brachte sowohl durch seine Reform des Mönchtums, in der Kontemplation und Arbeit vereint wurden, als auch durch seine Bejahung der christlichen Ritterschaft in seiner Predigt zum zweiten Kreuzzug und durch die Regel, die er dem Templer- Orden gab. Heutigentags kritisieren viele den Heiligen wegen seines den Kreuzzug sanktionierenden und ermutigenden Eingreifens; aber was er tat, war nur ein Aufruf an die christlichen Arjunas auf dem neuen Feld von Kurukshetra, wo die Heere des Islams und der Christenheit sich schon einige Jahrhunderte vor ihm zu einem gnadenlosen Kampf versammelt hatten. Die Schlacht hatte begonnen im 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, als die Araber die christlichen orientalischen Länder überfielen. Karl Martell hatte sie bei Poitiers in Frankreich zurückgeschlagen und rettete durch diesen Sieg (732) die christliche Zivilisation und den Westen vor der muselmanischen Eroberung. Sollte man sich darauf beschränken, den Kern

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des Westens gerettet zu haben, und nur eine defensive Haltung einnehmen – geradeso wie das Kaiserreich Byzanz, das daraufhin nach und nach ganz von den Moslems erobert wurde? Die große Schlacht war im 12. Jahrhundert noch nicht beendet; sie war immer noch im Gange. Kann man vom hl. Bernhard verlangen, daß er besser gepredigt hätte, man solle das Heilige Land den Moslems überlassen und eine „friedliche Koexistenz“ beginnen auf Kosten der Länder, wo sich die Wiege des Christentums befand? Wie es sich auch mit den Kreuzzügen verhalten mag, der hl. Bernhard förderte nicht nur die aktive Kontemplation der Mönche, sondern auch die kontemplative Aktivität der Ritter – wie Krishna mehr als fünfzehn Jahrhunderte vor ihm. Der eine wie der andere taten es, weil sie wußten, daß der Mensch zugleich ein kontemplatives und ein aktives Wesen ist, daß der „Glaube ohne Werke tot ist“ und daß die „Werke ohne Glauben“ es ebenfalls sind. All dies ist als Theorie sonnenklar, aber in bezug auf die Praxis verhält es sich anders. Die Praxis enthält ein Arcanum, ein intimes „Gewußt wie“; und dieses stellt das vierzehnte Große Arcanum des Tarot „Die Mäßigkeit“ dar. Die Mäßigkeit als geistige Übung bedeutet die Aufgabe, die Beziehung zwischen dem Ebenbild (oder der Monade), dem Gleichnis (oder der phänomenalen Persönlichkeit) und dem Schutzengel (oder der individuellen Gnade) zu erfassen. Das heißt, daß man Quelle, Strom und Richtung des inneren Lebens finden, dessen Natur und Rolle erfassen und dieser Erkenntnis gemäß arbeiten und leben soll. Zunächst die Beziehung zwischen Ebenbild und Gleichnis. Welches ist die innere Erfahrung davon, und wie offenbart sie sich? Die Antwort lautet ohne Umschweife: Der hergestellte Kontakt zwischen Ebenbild und Gleichnis wird als inneres Weinen erfahren. Weinen ist die Wirklichkeit der Tatsache, daß die beiden Schwestern – Ebenbild und Gleichnis – sich berühren. Die in dem Ausdruck: „Ich bin zu Tränen gerührt“ wiedergegebene gewöhnliche Erfahrung spiegelt nur wider, was eintritt, wenn Ebenbild und Gleichnis sich berühren. Sie vermischen dann ihre Tränen – und der innere Strom, der daraus hervorgeht, ist das Leben der menschlichen Seele. Träne, Schweiß und Blut – drei Substanzen des dreifachen mystisch- gnostisch-magischen Mysteriums des Menschen. Von oben berührt zu sein – das ist die Träne; die Bemühung, sich dem, was oben ist, anzugleichen – das ist der Schweiß; und die vollzogene Vermählung der Gnade von oben mit der Bemühung von unten – das ist das Blut. Die Träne kündigt die Verlobung des Ewigen und des Zeitlichen an; der Schweiß die Prüfung, die diese mit sich bringt; und das Blut ist der Bereich, in dem die Hochzeit des Ewigen und des Augenblickes gefeiert wird und wo die Ehe vollzogen wird. Das Mysterium – also mehr als das Arcanum – ist ganz und unteilbar: Träne, Schweiß und Blut. Einige suchen und erfassen das Mysterium nur in der Träne, andere hoffen, es nur im Schweiß zu finden.

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Wieder andere ahnen, daß es jenseits aller inneren Erfahrungen und Bemühungen die Verbindung durch das Blut und im Blut gibt, und sie wollen die anderen beiden Aspekte des Mysteriums weder erkennen noch anerkennen. Hierin liegen die inneren Wurzeln der drei hauptsächlichen Häresien (denn jede ernsthafte Häresie ist eine überbetonte Wahrheit auf Kosten der ganzen Wahrheit, d. h. auf Kosten des lebendigen Organismus der Wahrheit); diejenigen nämlich, die nur die Träne suchen, neigen zu Quietismus oder Illuminismus; diejenigen, die den Schweiß vorziehen, d. h. die Willensanstrengung, verfallen leicht in die Häresie des Pelagianismus, indem sie die Gnade leugnen, und diejenigen, die das Mysterium nur im Blute suchen, kommen oft zur lutherischen Häresie, in der die Werke, d. h. die Bemühungen, nicht zählen. Das Mysterium, ich wiederhole es, ist aber ganz und unteilbar. Träne, Schweiß und Blut – Verlobung, Prüfung und Hochzeit – Glaube, Hoffnung und Liebe. Was die Träne angeht, so ist sie es, die zwischen den beiden Gefäßen des Ebenbildes und des Gleichnisses rinnt, die der Schutzengel des Kartenbildes des vierzehnten Arcanums des Tarot hält. Das vierzehnte Arcanum lehrt also die geistige Übung, die dem Mysterium der Träne gewidmet ist. Die Träne hat – ähnlich wie Schweiß und Blut – sowohl dem Wortlaut als auch der Konsistenz als flüssiger Substanz nach eine tiefere Bedeutung als die eines abgesonderten physischen Sekrets der Tränendrüsen; sie bedeutet auch das feinstoffliche Fluidum spiritueller und seelischer Natur, das vom Herzen ausströmt, d. h. vom „zwölfblättrigen Lotos“ der überphysischen Organisation des Menschen. Der Ausdruck: „Tränen in der Stimme haben“ deutet auf die innere Träne, und der Ausdruck: „Seine Fehler beweinen“ geht noch weiter in derselben Richtung. Die Tatsache, daß es Tränen des Schmerzes, der Freude, der Bewunderung, des Mitleides, der Zärtlichkeit usw. gibt, bedeutet, daß die Träne durch die Intensität des inneren Lebens entsteht. Sie ergießt sich – gleichgültig ob innerlich oder äußerlich –, sobald die Seele durch den Geist oder die äußere Welt bewegt wird und in ihrem Leben einen höheren Grad an Intensität als üblich erfährt. Eine Seele, die weint, ist daher lebendiger, also frischer und jünger, als wenn sie nicht weint. Die „Gabe der Tränen“ wurde von den Meistern der christlichen Spiritualität immer als eine Gnade des Heiligen Geistes betrachtet, denn dank dieser Gabe geht die Seele über sich hinaus und erhebt sich auf eine Stufe der Lebensintensität, die weit über der ihr gewohnten liegt. Nun ist die „Gabe der Tränen“ ein vergleichsweise neues geistiges Phänomen in der Geschichte der menschlichen Spiritualität. Im frühen Altertum „weinte“ man nur rituell, d. h. durch mündliche Klagen und durch vorgeschriebene Gesten der Trauer oder des Kummers, und erst im Schoße

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des auserwählten Volkes Israel hatte man begonnen, wirklich zu weinen. Es war eine Sichtbarmachung des Anteils, den das auserwählte Volk an der Aufgabe der Vorbereitung der Ankunft Christi hatte – der bei der Auferweckung des Lazarus weinte und in jener Nacht auf dem Ölberg Schweiß und Blut schwitzte –, daß das wirkliche Weinen seinen Anfang im Schoße dieses Volkes haben sollte. Und bis heute bewahren, pflegen und achten die Juden die „Gabe der Tränen“. Tatsächlich wird jede Offenbarung in der Erzählung des Sohar vom Weinen dessen eingeleitet oder begleitet, der sie gehabt hat und der sich anschickt, sie den anderen mitzuteilen. Genauso war es bei den Tsaddikim (den Gerechten) der Chassidim im östlichen Europa vor einigen Jahrzehnten. Und die Klagemauer in Jerusalem

Wir verdanken diesem Volke also nicht allein die Bibel, den Christus im Fleisch, das Werk der Apostel, sondern auch die Gabe der heißen und

aufrichtigen Träne, die das belebende Fluidum ist, das aus der Berührung von

Ebenbild und Gleichnis in uns hervorgeht. Der Antisemitismus

sollte nicht die einfache Dankbarkeit bereits ausreichen, um den Juden den Ehrenplatz am Tisch der europäischen Kultur zuzugestehen – oder vielmehr sie zu bitten, ihn einzunehmen –, da dieser Platz ihnen nach menschlichem und göttlichem Recht gebührt? „Ehre deinen Vater und deine Mutter“, sagt das göttliche Gebot. Und vorausgesetzt, daß wir nicht illegitime Kinder und Findelkinder sind, wer sind unsere geistigen Eltern, die wir zu ehren angehalten sind, wenn nicht die Juden? – Aber ich glaube, indem ich solches schreibe, handle ich wie ein Mensch, der offene Türen einrennen will. Denn ich kann mir nicht denken, lieber Unbekannter Freund, daß Ihr Gefühl in dieser Sache mit dem meinen nicht identisch ist. Ich habe soeben gesagt, daß die Personen im Sohar weinen, wenn sie eine tiefe geistige Wahrheit erfassen. Vom Standpunkt der christlichen Hermetik ist darüber folgendes zu sagen:

Es gibt hauptsächlich drei Arten echter geistiger Erfahrung: die Vision (oder Imagination), die Inspiration und die Intuition oder, mit anderen Worten, die Wahrnehmung geistiger Phänomene, die geistige Kommunikation und die geistige Identifikation. Die Vision läßt die geistigen Dinge vor uns erscheinen und zeigt sie uns, die Inspiration flößt uns das Verständnis für sie ein, und die Intuition offenbart uns deren Wesen durch Angleichung an unser Wesen. So hatte der hl. Paulus auf dem Weg nach Damaskus die Vision des Christus; er empfing dadurch Mitteilungen, denen er gehorchte und deren Ausführung sein apostolisches Werk – einschließlich seiner Reisen – bildete; und als er sagte:

„Ich lebe, doch nicht mehr als Ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,

20),

mein Gott,

ist es das Erkennen durch Identifikation oder Intuition.

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Die Vision vermehrt die Erfahrung, die Inspiration vermehrt die Erkenntnis und das Verständnis, und die Intuition ist die Umwandlung und das Wachstum nicht mehr dessen, was man erfährt und was man versteht, sondern dessen, was man ist. Durch die Intuition wird man ein anderer, durch die Inspiration lernt man neue Arten des Denkens, Fühlens und Handelns, und durch die Vision erweitert man den Bereich seiner Erfahrung – man erfährt die Offenbarung von neuen Tatsachen, die den Sinnen und dem verstandesmäßigen Erdenken unzugänglich sind. In der Praxis ist es nicht so, daß Vision, Inspiration und Intuition aufeinanderfolgende Stufen sind in der Reihenfolge: Vision, Inspiration, Intuition. Denn es gibt geistige Menschen, die nur die Erfahrung der Intuition besitzen; andere wiederum sind nur inspiriert, ohne jemals Visionen zu haben. Welches auch die Reihenfolge dieser Arten von geistiger Erfahrung ist, letztlich handelt es sich immer um das Werden, d. h. um die Intuition. So kann man sagen, daß grundsätzlich Vision und Inspiration nur Mittel sind, um zur Intuition zu gelangen. Nun findet die Intuition im Blute statt, die Inspiration im Weinen und die Vision im Schweiße. Denn eine echte Vision erfordert immer eine vermehrte Bemühung, um sie zu ertragen, um sich ihr gegenüber aufrecht halten zu können. Die Vision hat ein manchmal erdrückendes Gewicht, das der Seele eine große Anstrengung abverlangt, damit sie nicht wankt unter der Last der Vision. Die echte Inspiration bringt immer eine innere Erschütterung mit sich. Sie durchbohrt die Seele wie ein Pfeil, der sie verwundet und sie die tiefe Ergriffenheit spüren läßt, die die Synthese von Schmerz und Freude ist. Das Symbol des Rosenkreuzes – das Kreuz, in dessen Mittelpunkt eine Rose erblüht – gibt die Essenz der Erfahrung der Inspiration auf die beste Art wieder, die ich kenne. Das Rosenkreuz drückt das Mysterium der Träne, d. h. der Inspiration, mit Kraft und mit Klarheit aus. Es hebt die Freude des Schmerzes und den Schmerz der Freude hervor, die die Inspiration mit sich bringt. Bei der Intuition handelt es sich weder um das Gewicht des Reichtums noch um den Roman der Verlobung von Rose und Kreuz, sondern um die vollzogene Ehe von Leben und Tod. Das, was lebt, stirbt dabei, und was stirbt, lebt von neuem. Da vermischt sich Blut mit Blut und das „Fluidum der Trennung“ verwandelt sich alchimistisch in das „Fluidum der Einswerdung“. Es gibt drei Arten, das Kreuz zu „sehen“: als Kruzifix, als Rosenkreuz und als goldenes Kreuz, das die silberne Rose trägt. Das Kruzifix ist der größte Schatz der Vision: es ist die Vision der göttlichen und menschlichen Liebe. Das schwarze Kreuz, aus dem eine rote Rose erblüht, ist der Schatz der Inspiration: es ist die göttliche und menschliche Liebe, die in der Seele spricht. Das goldene Kreuz, das eine silberne Rose trägt, ist der Schatz der Intuition: es ist die Liebe, die die Seele umwandelt.

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Das Mysterium des Kreuzes ist eins und unteilbar: wer das Kruzifix nicht verehrt, kann sich von ihm nicht so weit inspirieren lassen, daß er es annimmt (was Inspiration ist), und noch weniger, daß er sich mit ihm identifiziert (was Intuition ist). Es handelt sich nur um ein einziges Kreuz, um ein einziges unteilbares christliches Mysterium. Sehr unrecht würde der haben, der anstatt im Kruzifix den Weg, die Wahrheit und das Leben zu sehen, auf den Gedanken käme, zum Beispiel eine Gemeinschaft oder Bruderschaft „der Auferstehung“ zu gründen mit dem Goldkreuz und der silbernen Rose als Symbol, als Ersatz für das universale Symbol der Christenheit – das Kruzifix. Er würde unrecht haben, sage ich, weil die beiden Rosenkreuze durchaus nicht das Kruzifix ersetzen, sondern darin eingeschlossen und inbegriffen sind. Das Kreuz des Kruzifixus wird inspirierend (d. h. zum Rosenkreuz) und wandelt sich um in sonnenhaftes Licht (d. h. zum Goldkreuz), das die empfangsbereite Seele (die silberne Rose) trägt. Die Auferstehung ist nur die Kreuzigung in dem Zustand, in dem sie Frucht trägt. Sie ist die verwirklichte Kreuzigung. Man kann und darf also nicht trennen zwischen dem Todesschweiß des Kruzifixus, der inspirierenden Träne im Aufsichnehmen des Kreuzes (Rosenkreuz) und dem Blut, das durch die Identifikation mit dem Kreuz verwandelt ist (Goldkreuz mit der silbernen Rose). Das Mysterium von Schweiß, Träne und Blut ist eins und unteilbar. Ebenso verhält es sich mit dem Christentum: es ist eins und unteilbar. Man kann und darf vom sogenannten „exoterischen“ Christentum nicht seine Gnosis und seine Mystik – oder das „esoterische“ Christentum – abtrennen. Das esoterische Christentum lebt völlig innerhalb des exoterischen Christentums; getrennt von ihm, existiert es nicht – und kann es nicht existieren. Die christliche Hermetik ist nur eine besondere Berufung innerhalb der allgemeinen christlichen Gemeinschaft – die Berufung zur Dimension der Tiefe. Wie es in der allgemeinen Kirche innere Berufungen zum Priestertum, zum mönchischen Leben und zur religiösen Ritterschaft gibt, ebenso gibt es eine – genauso unwiderstehliche und unwiderrufliche – innere Berufung zur Hermetik. Es ist die Berufung zum Leben im Bewußtsein der Einheit des Kultus (oder der geheiligten christlichen Magie), der Offenbarung (oder der geheiligten christlichen Gnosis) und des Heils (oder der geheiligten christlichen Mystik), ebenso wie in dem der Einheit des echten geistigen Lebens der ganzen Menschheit während ihrer ganzen Geschichte, das immer christozentrisch war, ist und sein wird. Die Hermetik ist die Berufung, die allgemeine und ewige Wahrheit des Prologs im Evangelium des hl. Johannes zu leben:

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das

Wort

geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der

Alles ist durch es geworden, und ohne es ist nichts geworden, was

Menschen

diese Welt kommt“ (Jo 1, 1 3 f 9).

Es war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in

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Die Einheit des Lichtes in der ganzen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die Einheit des Lichtes in Orient, Okzident, Nord und Süd, die Einheit des Lichtes in Magie, Gnosis und Mystik, die Einheit des Lichtes endlich in Kultus, Offenbarung und Heil – das ist die hermetische Berufung, die – ich wiederhole es – ebenso unwiderstehlich und unwiderruflich ist wie die des Priesters, des Mönchs und des Ordensritters. Ich füge hinzu, daß Sie es sind, die ich „Liebe Unbekannte Freunde“ nenne und an die ich diese Briefe richte, die unwiderstehlich und unwiderruflich zur Hermetik berufen sind. Gewiß, ich habe auch bekannte Freunde; aber die Mehrzahl von ihnen befindet sich in der geistigen Welt. Um so mehr wende ich mich an Sie in diesen Briefen. Und wie viele Male habe ich beim Schreiben dieser Briefe die brüderliche Umarmung dieser Freunde verspürt, darunter Papus, Guaita, Péladan, Eliphas Lévi und Claude de Saint-Martin! Freunde, Freunde hier und dort, das Mysterium ist eins und unteilbar – besiegelt durch den Schweiß, die Träne und das Blut! Ihr Freunde dort drüben, ihr wißt es jetzt, daß es nur eine Wahrheit, nur ein Licht, nur einen Christus und nur eine Gemeinschaft gibt und daß weder Exoterik noch Esoterik getrennt existieren, weder getrennte exoterische noch getrennte esoterische Gemeinschaften! Mögen die Freunde, die hier sind, es ebenfalls wissen! Die Träne ist das eigentliche Element der Inspiration. Derjenige, der vor einem Kruzifix innerlich oder äußerlich bewegt wird zu weinen, ist bereits dadurch inspiriert. Er kontempliert dann das Rosenkreuz im Kruzifix. Und wer im höchsten Augenblick des Todeskampfes, wenn sein Blut schon zu erkalten beginnt, seine Augen auf das Kruzifix richtet – und daraus neue Wärme schöpft anstelle der Wärme, die ihn verlassen will: er erlebt die Intuition; er befindet sich schon in der Kontemplation des goldenen Kreuzes, das die silberne Rose trägt Die Inspiration ist das Prinzip, das im Weinen wirkt. Wie das Weinen, findet die Inspiration als „Strom zwischen zwei Gefäßen“ statt. Welches auch immer die wahre Quelle der Inspiration sein mag, es handelt sich dabei um einen Strom, der zwischen dem höheren Ich oder dem Ebenbild und dem niederen Ich oder dem Gleichnis zustande kommt. Da geht es um den Strom, der sich aus dem gleichzeitigen Zusammenwirken des „oberen Auges (oder Ohrs)“ und des „unteren Auges (oder Ohrs)“ ergibt.

dem gleichzeitigen Zusammenwirken des „oberen Auges (oder Ohrs)“ und des „unteren Auges (oder Ohrs)“ ergibt. 430

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Das heißt, das höhere und das niedere Verständnis sind miteinander in Kontakt und vibrieren im Einklang – ein jedes mit der ihm eigenen Stimme und den Ausdrücken der ihm eigenen Sprache – und bringen so zusammen eine konkrete Inspiration hervor. Die „Technik“ der Vision unterscheidet sich von derjenigen der Inspiration insofern, als es sich dabei nicht um das gleichzeitige Zusammenwirken von zwei „Augen (oder Ohren)“ handelt – dem oberen und dem unteren –, sondern vielmehr um die passive Einprägung, die allein das niedere Ich von oben empfängt. Da es sich nicht um das Zusammenwirken von zwei Wahrnehmungsorganen handelt, kann es vorkommen, daß das niedere Ich (die Persönlichkeit) eine Vision erfährt, ohne sie zu verstehen. Sie kann ihm für lange Zeit unverständlich bleiben.

Sie kann ihm für lange Zeit unverständlich bleiben. Auch die Intuition entspringt einem einzigen aktiven

Auch die Intuition entspringt einem einzigen aktiven Prinzip. Da identifiziert sich das niedere Ich mit dem höheren Ich, d. h., es erhebt sich zu ihm und löscht sich in ihm aus, bis es rein passive und stumme Gegenwart wird. Und dann ist es das höhere Ich allein, das wirkt.

wird. Und dann ist es das höhere Ich allein, das wirkt. Diese drei schematischen Zeichnungen stellen

Diese drei schematischen Zeichnungen stellen zugleich die Arcana von der Träne, dem Schweiß und dem Blut dar. In der Intuition, in der das niedere Ich eine Art Tod erfährt, der im höheren Ich in Leben umgewandelt wird, vollzieht sich das Mysterium des Blutes, das durch das Goldkreuz mit der silbernen Rose symbolisiert wird. In der Vision, bei der das Gewicht der Offenbarung von oben auf das niedere Ich fällt und durch es ertragen werden muß, handelt es sich um das Mysterium des Schweißes, symbolisiert durch das Kreuz des Kruzifixus – das Kreuz, das der Gekreuzigte zum Kalvarienberg zu tragen hatte und unter dessen Gewicht er dreimal zusammenbrach. Und in der Inspiration, in der das intakte Ebenbild und das entstellte Gleichnis sich vereinen, um das neue Wort ins Leben zu rufen, handelt es sich um das Mysterium der Träne, symbolisiert durch das Rosenkreuz.

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Auf das Mysterium der Träne und der Inspiration weist ganz besonders das vierzehnte Arcanum des Tarot hin. Es ist die geistige Übung, die der Inspiration gewidmet ist. Wie sich aus allem Vorhergehenden ergibt und wie gleicherweise aus jeder echten Inspirationserfahrung hervorgeht, tritt die Inspiration nicht einfach ein, wie es bei der Vision der Fall ist. Die Inspiration ist aber auch nicht das Ergebnis sämtlicher Anstrengungen an Verzicht, Abtötung und restloser Selbstverleugnung, wie im Falle der Intuition, sondern vielmehr ein Zusammenwirken, eine aufeinander abgestimmte Tätigkeit des höheren und des niederen Ich. Sie ist in ihrem Wesen ein aus zwei Gefäßen gleichzeitig hervorfließender Strom. Das praktische Arcanum der Inspiration ist also das Wissen darum, aktiv und passiv zugleich zu sein. Aktiv – was die Frage oder Bitte betrifft; passiv – was die Antwort oder die Lösung angeht. Es wäre also falsch, nur innerlich eine Frage zu formulieren und darauf eine passive Haltung einzunehmen, wenn auch eine der Ruhe und des Schweigens, in Erwartung einer Antwort durch Inspiration. Man kann lange so lauschen und warten: In der Regel wird nichts erfolgen. Es wäre ebenso falsch, eine große Anstrengung diskursiven Denkens und rätselnden Vorstellens zu machen, um damit die Inspiration zu erzwingen, als ob sie der „Lohn der Arbeit“ wäre. Nein, weder die Passivität der Erwartung noch die Aktivität des Denkens und Vorstellens verwirklichen den für die Inspiration geeigneten Seelenzustand; es handelt sich um gleichzeitige Aktivität und Passivität. Versuchen wir es zu erklären:

Der Rationalismus des 18. Jahrhundert hatte behauptet: „Was klar ist, ist wahr“, woran sich die entsprechende Formulierung anknüpfen läßt: „Was nicht klar ist, ist nicht wahr.“ Nun haben wir diese beiden Formeln bewußt oder instinktiv von dem Jahrhundert geerbt, in dem das Denken „modo geometrico“ das Ideal war. Gewiß glauben wir nicht mehr, daß alles, was klar ist, wahr sei; aber wir postulieren dennoch, daß, was wahr ist, gleichzeitig klar sei. Die Wahrheit, fordern wir, soll Klarheit in sich tragen. Von diesem Prinzip geleitet, bestreben wir uns, präzise zu sein, d. h. klare Linien zu ziehen um den Gegenstand, der uns beschäftigt. Aber indem wir es tun, bringen wir einen intellektuell eingefaßten Raum zustande – der zwar klar, aber durch eine Einfassung von dem großen Strom der Wahrheit getrennt ist; er ist nur ein Tropfen daraus, dessen wir uns bemächtigt haben. Der Tropfen ist wohl klar, aber er ist nur ein aus dem Strom, d. h. aus dem großen Zusammenhang der Wahrheit, herausgeholter Tropfen. Wenn wir das verstanden haben, können wir dahin gelangen, auf eine andere Art zu denken. Wir können versuchen, mit dem Strom zu denken, d. h. nicht mehr allein zu denken, sondern zusammen mit einem anonymen „Chor“ von Denkern oben und unten, von gestern und morgen.

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„Ich denke“ macht dann Platz für „Es denkt“. Dieses „Zusammendenken“ ist zugleich aktiv und passiv. Es ist aktiv, insoweit Sie denken, und es ist passiv, insoweit „Etwas“ mit Ihnen denkt. Es gibt zwei Gefäße, woraus das Denken rinnt – das Ihrige und noch ein anderes. Und das ist genau der Seelenzustand, dessen es bedarf, um Inspirationen zu haben. Das Arcanum der Inspiration des vierzehnten Arcanums des Tarot ist dasjenige von zwei Quellen und von zwei gleichzeitigen Strömen des Denkens, die sich vermischen, vereinen und die echte Inspiration bilden. Ich habe hier den Prozeß des „Zusammendenkens“ oder den der Inspiration als eine Art spezieller Technik beschrieben. Ich mußte es tun aus Gründen der Klarheit. Doch Klarheit und Wahrheit sind nicht identisch. Ich muß also verbessern, was ich von der Wahrheit zugunsten der Klarheit opfern mußte. Hier also die Verbesserung:

Es gibt in Wahrheit keine Technik im intimen und geistigen Bereich der Inspiration – ebenso wie sie nicht in den Bereichen der Vision und der Intuition besteht. Alles ist dort seinem Wesen nach moralisch. Denn um „zusammenzudenken“, bedarf es vor allem einer Sache, nämlich der Demut. Im Denken, um „zusammenzudenken“, muß ich mich vor einer höheren Intelligenz als der meinen neigen – und dies nicht in allgemeinen Ausdrücken und auf eine abstrakte Art, sondern vielmehr konkret durch Abtreten des „ausschließlichen Urheberrechts“ an den anonymen Mitdenker. „Zusammendenken“ bedeutet: auf den Knien denken, sich demütigen vor dem anderen, abnehmen, damit er wachse. Das ist das Denk-Gebet oder das Gebetsdenken. Weder die Konzentrationsübungen des Raja-Yoga noch die Atemübungen oder andere Übungen des Hatha-Yoga werden uns zu Inspirierten machen. Allein die Demut, die auf der Armut, dem Gehorsam und der Keuschheit – den drei universalen und ewigen Gelübden – beruht, macht uns inspirationsfähig. Die geistige Welt ist nun einmal eine moralische. Und die Inspiration ist die Frucht der Demut im Bemühen und des Bemühens in Demut. „Ora et labora – Bete und arbeite“ ist also der Schlüssel zur Pforte der Inspiration, wie zu vielen anderen Pforten auch. Was ich soeben von der Demut als Vorbedingung für die Inspiration gesagt habe, erfordert wiederum eine Präzision, wenn nicht gar eine Berichtigung. Denn die Demut kann sich manchmal nicht nur als steril in bezug auf die Inspiration erweisen, sondern sogar als ein Hindernis für sie. So ist es bei der Demut, die das Streben nach Erkenntnis der Wahrheit und nach Vollkommenheit in der Übung der Tugenden und Talente lähmt. Eine Person, die demütig sagt: „Ich beschäftige mich nicht mit göttlichen Dingen und der geistigen Welt, denn dafür muß man ein Heiliger sein und ein Weiser, und ich bin weder das eine noch das andere“, wird keine Inspiration erhalten.

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Die Hauptsorge für das Seelenheil allein kann die Seele wohl auf dem Weg der Reinheit und Unschuld vorwärtsbringen, aber sie kann sie zu gleicher Zeit in völliger Unwissenheit über die Welt, die Geschichte und die großen Probleme des geistigen Lebens der Menschheit belassen. Mancher echte Heilige wußte nichts Bedeutendes von der Welt und ihrer Geschichte wegen seiner Demut, die ihm verbot, aus dem Kreis dessen herauszutreten, was für das Heil absolut notwendig ist. Hunger und Durst nach der Wahrheit – die Gott, die Welt und die Menschheit umfaßt – sind aber die Grundlage für die Inspiration, die unter das Gesetz des „Bete und arbeite“ fällt. Auch der Hermetiker wird nicht inspiriert, wenn er nicht demütig ist. Aber er wird ebensowenig inspiriert, wenn er nicht die Kunst lernt, sich selbst zu vergessen, wer immer er sei:

bescheiden oder anmaßend, unschuldig oder Sünder – getrieben von Hunger und Durst nach der Wahrheit Gottes, der Welt und der Menschheit.

Man muß zu fragen wissen und zu fragen wagen und dabei seine Demut und seine Anmaßung vergessen. Kinder wissen und wagen zu fragen. Sind sie anmaßend? Nein, weil jede Frage, die sie stellen, zugleich ein Eingeständnis ihrer Unwissenheit ist. Sind sie demütig? Sie sind es insoweit, als sie ihre Unwissenheit wissen und fühlen; und sie sind es nicht, insofern sie von Hunger und Durst nach Wissen und Verstehen getrieben sind bis zu dem Punkt, wo sie sich selbst vergessen – sich selbst und alle Bescheidenheit und Anmaßung in ihnen. Darin ahmt der Hermetiker das Kind nach. Er will das „Wer“, das „Was“, das „Wie“ und das „Warum“ des Lebens und des Todes wissen, des Guten und des Bösen, der Schöpfung und der Evolution, der

Geschichte und der menschlichen Seele

deren Haare in Studium und Forschung grau geworden sind, haben diese Fragen aufgegeben – die „kindischen Fragen“, wie sie sagen. Sie begnügen sich mit einer einzigen Frage, der des technischen „Wie“. Das „Warum“, das „Was“, ganz zu schweigen vom „Wer“ – diese vorwissenschaftlichen Fragen überlassen sie der Theologie und der schönen Literatur Wir Hermetiker indessen haben das ganze Repertoire der Fragen unserer Kindheit bewahrt – nach dem „Was“, dem „Wie“, dem „Warum“ und sogar dem „Wer“. Sind wir zurückgeblieben? Sind wir den anderen voraus? Gleichgültig ob zurückgeblieben oder fortgeschritten, wir haben den Hunger und den Durst nach Wissen und Verständnis unserer Kindheit lebendig erhalten, und sie bringen uns zum Fragen nach Dingen, nach denen die reifen Menschen der zeitgenössischen Zivilisation nicht mehr fragen. Wie? Haben wir nicht aus der Geschichte der Zivilisation gelernt, daß diese Fragen unerforschlich sind, daß dem „Ignoramus – Wir wissen nicht“ von heute das heldenhafte Bemühen von unzähligen Generationen vorausgegangen ist, die die Antwort auf dieselben Fragen suchten, und daß man erst nach diesem unfruchtbaren Bemühen im „Ignoramus“ resigniert hat?

Die Leute der Naturwissenschaft,

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Welche Chance, welche Hoffnung bleibt uns also noch nach alledem? Unsere Chance, unsere Hoffnung – ist die Inspiration. Und gerade weil wir fragen, wie Kinder fragen, haben wir die Hoffnung – nein, die Gewißheit –, daß unser Vater in den Himmeln uns Antwort geben wird, daß er uns nicht Steine statt Brot geben wird oder eine Schlange statt eines Fisches. Die Inspiration – die beiden von einem geflügelten Engel gehaltenen Gefäße, aus denen das lebendige Wasser rinnt – sie ist die Hoffnung und die Überlebenschance der Hermetik in den kommenden Jahrhunderten! Lieber Unbekannter Freund, sagen Sie daher zu sich selbst, daß Sie nichts wissen, und sagen Sie sich gleichzeitig, daß Sie alles wissen können, und tauchen Sie mit dieser heiligen Demut und dieser heiligen Anmaßung der Kinder in das reine und stärkende Element des „Zusammendenkens“ der Inspiration ein! Und möge der geflügelte Engel bei diesem Ihrem Unterfangen gegenwärtig sein, und möge er die beiden Gefäße halten, aus denen die Inspiration fließen wird! Das Arcanum der Inspiration ist nicht nur für die Hermetik von vitaler praktischer Bedeutung, sondern auch für die spirituelle Geschichte der Menschheit im allgemeinen. Denn wie es in der individuellen menschlichen Biographie entscheidende Augenblicke der Inspiration gibt, ebenso gibt es in der Biographie der Menschheit – die ihre Geschichte ist – entscheidende Punkte, wo Inspirationen großen Ausmaßes in das geistige Leben der Menschheit eintreten. Die großen Religionen sind solche Inspirationen. Die Rishis hatten im alten Indien jene Inspiration, die zur Quelle der Veden wurde; der große Zarathustra, der Goldstern, hatte im alten Persien die Inspiration, die zur Quelle des Zendavesta wurde; Moses und die Propheten hatten die Inspiration, die zur Quelle des Alten Testaments der Bibel wurde; und dem Ereignis des Lebens, des Todes und der Auferstehung Christi folgte die Inspiration, die zur Quelle der geschriebenen Evangelien wurde, die jeweils zwei Verfasser haben: Mensch und inspirierenden Cherub. Und der Islam schließlich beruft sich auf keine andere Quelle als die Inspiration, die Mohammed vom Erzengel Gabriel erhielt, die der Ursprung des Korans wurde. Was den Buddhismus anbelangt, der die Religion des Humanismus schlechthin ist, so betrachtet er als Quelle seines Ursprungs das geistige Ereignis in der Seele des Gautama Buddha unter dem Bodhibaum, als sich die vier heiligen Wahrheiten des Buddhismus auf eine plötzliche und allen Zweifel ausschaltende Art offenbarten – d. h. nach Art der Inspiration. Die großen Religionen sind also Inspirationen der Menschheit, und die Geschichte der Religion ist die Geschichte der Inspiration. Die Mißverständnisse hinsichtlich der Inspiration, die Unkenntnis ihres praktischen Arcanums werden ebenfalls ihre unangenehmen und tragischen Rückwirkungen in der Menschheitsgeschichte haben.

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So wird es Leute geben, die glauben, daß die Inspiration durch Anstrengung erreicht wird, und andere wiederum werden der Ansicht sein, daß sie sich nur bei „völliger Passivität der Seele“ vollzieht. So werden alle Formen des Pelagianismus und des Quietismus in der Religionsgeschichte auftauchen. Alle diejenigen, die nicht wissen, daß das Arcanum der Inspiration das der gleichzeitigen Aktivität und Passivität ist, werden notwendigerweise dem Pelagianismus oder dem Quietismus verfallen. Die individuellen psychologischen Erfahrungen – einschließlich der erlittenen Mißerfolge und Ernüchterungen – im Streben nach der Inspiration haben eine ungeheure Rolle bei den katastrophalen Erschütterungen in der Geschichte des Christentums gespielt. So begehrte ein Augustinermönch des 16. Jahrhunderts glühend die Inspiration. Er praktizierte zu diesem Zweck die strenge Askese des Fastens, der Abtötung des Fleisches und der Nachtwachen im Gebet. Er glaubte, Anstrengung würde ihm Inspiration verschaffen. Nun, sie verschaffte ihm keine. Enttäuscht, wie er war, behauptete er daraufhin die Lehre von der Nichtigkeit der Werke und jeglicher Anstrengung. Der Glaube allein genüge für das Heil. Da liegt der Ursprung des lutherischen Protestantismus. Im gleichen Jahrhundert erfuhr ein Doktor der Rechte eine plötzliche Bekehrung, woraus er schloß, daß die Inspiration das Werk Gottes und nur Gottes allein sei, ohne jegliche Beteiligung der menschlichen Freiheit und der menschlichen Bemühung. Gott und nur Gott allein habe seit aller Ewigkeit diejenigen erwählt, die er zum Heil vorbestimmt habe aus der Masse der zum Verderben Prädestinierten. Da liegt der Ursprung des kalvinistischen Protestantismus. Wenn Martin Luther und Johannes Calvin gewußt hätten, daß Inspiration Aktivität und Passivität ist, oder Bemühung und Gnade zugleich, hätte der eine im Menschen nicht nur die Sünde gesehen, und der andere hätte Gott nicht als kosmischen Tyrannen verstanden. Es bedurfte eines hl. Johannes vom Kreuz, um zu zeigen, daß man durch Finsternis und Trockenheit der Sinne und des Geistes gehen kann, ohne zurückzuweichen und ohne zu verzweifeln, ebenso wie man eine tiefgreifende Reform durchführen kann im Sinne einer evangelischen Praxis der Armut und der moralischen Radikalität, ohne damit die Einheit der Kirche anzutasten. Fürwahr, der hl. Johannes vom Kreuz sühnte Martin Luther. Und es bedurfte eines hl. Ignatius von Loyola, um zu zeigen, daß der Mensch in voller Freiheit Gott und die Sache Gottes aus Liebe erwählen kann, statt von Gott auserwählt zu werden, und daß – ebenso wie Jakob bis zum Sonnenaufgang gerungen hat, wobei er die Worte sprach: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“ – ebenso ein jeder freie Menschenwille, ob auserwählt oder nicht, die Sache Gottes freiwillig zu der seinen machen und von Gott gesegnet werden kann

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Der hl. Ignatius von Loyola sühnte Johannes Calvin, indem er den freiwilligen Gehorsam der Liebe zum Gott der Liebe lebte, anstelle des Gehorsams des Machtlosen gegenüber der Macht das Allmächtigen. Was nun die christliche Hermetik betrifft, so weiß sie um das Arcanum der Inspiration, und sie wird sich niemals auf die Seite derer stellen, die glauben, daß die Inspiration machbar ist, noch auf die Seite derer, die sie zu verdienen glauben durch einfache Passivität der Seele. Die Hermetik kennt das Gesetz der „Vereinigung der Gegensätze“, und sie weiß, daß die Inspiration die Vermählung von Aktivität und Passivität in der Seele ist. Lesen Sie Claude de Saint-Martin: Sie werden dort nirgends Pelagianismus oder Quietismus finden, wohl aber überall den doppelten Glauben an Gott und an den Menschen, an die Gnade und an das menschliche Bemühen. „Ora et labora – Bete und arbeite“ ist wahrhaft der praktische Rat, der aus dem gesamten Werk von Saint-Martin hervorgeht. Und der reife Eliphas Lévi? und Joséphin Péladan? Und der reife Papus? – Sie bekannten alle den doppelten Glauben an Gott und an den Menschen, an die Gnade und an das menschliche Bemühen. Deswegen kann man sagen, daß sie das Arcanum der Inspiration kannten – jenes Arcanum, das auf dem vierzehnten Kartenbild des Tarot seinen symbolischen Ausdruck findet. Ich habe einige Hermetiker genannt, von denen ich glaube, daß Sie, lieber Unbekannter Freund, sie kennen. Aber es gibt viele andere, die als Hüter der altehrwürdigen Tradition des Arcanums der Inspiration genannt werden sollten. Doch was sagt Ihnen zum Beispiel der Name Schmakov? Oder der Name Roudnikowa? Das sind Namen, die wie die gelben Blätter des Herbstes vergessen unter der ungeheuren weißen Schneedecke ruhen, die das vorrevolutionäre Rußland zudeckt. Wie dem auch sei: es gibt eine Gemeinschaft bekannter und unbekannter Hermetiker, aber die Mehrzahl ihrer Mitglieder ist anonym. Und nur ein kleiner Teil dieser Gemeinschaft setzt sich aus Menschen zusammen, die sich kennen und die sich von Angesicht zu Angesicht begegnen im vollen Tageslicht der Welt der Sinne. Ein anderer noch kleinerer Teil besteht aus solchen, die sich kennen und die sich von Angesicht zu Angesicht in der Vision begegnen. Aber die Inspiration ist es, die alle Mitglieder der Gemeinschaft der Hermetiker vereint, ohne Rücksicht darauf, ob sie einander fern oder nahe sind, ob sie sich kennen oder nicht, ob sie leben oder verstorben sind. Die Inspiration bildet in der Tat die hermetische Gemeinschaft. In ihr begegnen sich alle ihre Glieder, und sie ist das Band zwischen ihnen. So ist die Gemeinschaft der Inspiration in Wirklichkeit die Gemeinschaft der Hermetiker. Die gemeinsame Inspiration liegt jener den Hermetikern gemeinsamen geistigen und symbolischen Sprache zugrunde – der Sprache der Analogie, der Vermählung der Gegensätze, der Synthese, der moralischen Logik, der Dimension der Tiefe, die zu den Dimensionen der Klarheit und des

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Weitblickes hinzutreten, und vor allem des glühenden Glaubens, daß alles

erkannt und offenbart werden kann und daß das Mysterium unbegrenzte Erkenntnis- und Offenbarungsmöglichkeit ist … Diese gemeinsame Inspiration, diese Sprache, die wir gemeinsam haben, ist das innere Wort, das uns leitet und antreibt – innerlich und äußerlich, bei all unseren Bestrebungen. Der Papus von 1890 „wußte“ nicht, was der Papus von 1917 sein würde, aber er richtete schon seine Bemühungen auf das, was er 1917 wissen, fühlen und verwirklichen oder mit einem Wort: was er sein würde. Weil er 1890 wußte, was er nicht „wußte“. Weil die Inspiration, die der christlichen Hermetik zugrunde liegt, in ihm gegenwärtig war und wirkte. Und dank dieser Inspiration brach er mit der neubuddhistischen Strömung der Theosophischen Gesellschaft und zog das geistig begriffene Christentum eines Saint-Yves d’Alveydre dem geistig begriffenen Buddhismus der Theosophischen Gesellschaft vor. Und ebenfalls dank dieser Inspiration zog er das wirkliche Christentum des Philipp von Lyon dem christlichen Intellektualismus seiner Jugend vor. Ja, der betende und arbeitende Papus von 1917 ist das Ergebnis der Inspiration, die den jungen Medizinstudenten führte und antrieb, und dann den von den okkulten Wissenschaften Begeisterten, sodann den kühnen Magier und schließlich auch den Liebhaber

von großen intellektuellen Synthesen

der stufenweisen Verwirklichung einer von Jugend an wirkenden Inspiration. „Im Anfang war das WORT“ ist nicht allein das Gesetz der Welt, sondern auch das der Verwirklichung der Inspiration in jeder individuellen Biographie. Die ganze Gemeinschaft der Hermetiker lebt unter diesem Gesetz – unter dem Gesetz der Inspiration. Alle Welt lebt unter diesem Gesetz. Die Gemeinschaft der Hermetiker unterscheidet sich von der übrigen Menschheit nur darin, daß sie – auf unwiderstehliche Art – dazu geführt wird, sich dessen bewußt zu werden und zu wissen, was sowohl mit ihr als auch mit der übrigen Menschheit geschieht. Das Schicksal der Hermetiker unterscheidet sich von dem der anderen Menschen nur dadurch, daß die ersteren hungern und dürsten nach der umfassenden Erkenntnis dessen, was die letzteren nur erleiden. Ihr Schicksal bringt keinerlei Vorrecht mit sich; ganz im Gegenteil sind die Hermetiker mit einer Pflicht mehr beladen, nämlich mit der inneren Pflicht, diese Gesamtheit von Wundern und Katastrophen, die das Leben und die Welt ist, zu verstehen. Diese Pflicht läßt sie in den Augen der Welt überheblich oder kindisch erscheinen; was sie aber zu dem macht, was sie sind, ist das Arcanum der Inspiration, das Arcanum der geflügelten Wesenheit, die das lebendige Wasser von einem Gefäß in das andere gießt.

Das ist ein ganz besonderes Beispiel

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Fünfzehnter Brief

DER

TEUFEL

Das Arcanum der Gegeninspiration

Das Erzeugen von Dämonen – Ihre Macht über den Erzeuger – Die chaotische Welt des Bösen – Gefallene Engel und künstlich erzeugte Wesen – Individuell erzeugte Dämonen – Kollektiv erzeugte Egregore – Komplexe – Der Kommunismus – Schweigen – Die vier Stufen der Versuchung – Zur Unterscheidung der Geister – Gibt es „gute Egregore“? – Heilige Stätten – Wie man Dämonen machtlos macht – Wie man gefallene Engel überwindet – Hiob – Streiche des Mephistopheles – Heidnische Götter – Vier Arten des Heidentums.

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DER TEUFEL

Das Arcanum der Gegeninspiration

Lieber Unbekannter Freund,

noch ganz unter dem Eindruck des Arcanums der Inspiration, der geflügelten Wesenheit, die das lebendige Wasser aus einem Gefäß in ein anderes gießt, finden wir uns mit einer anderen geflügelten Wesenheit konfrontiert, die eine Fackel über zwei Wesen hält, die an einen Sockel gebunden sind, auf dem sie steht. Es ist das Arcanum der Gegen-Inspiration, zu dem wir jetzt fortzuschreiten haben. Wie das vierzehnte Arcanum uns in das Mysterium der Träne und der Mäßigkeit eingeführt hat, so führt uns das fünfzehnte Arcanum des Tarot in die Geheimnisse des elektrischen Feuers und des Rausches der Gegen-Inspiration ein. Wir werden ein anderes Kapitel des Dramas vom Schicksal des göttlichen Ebenbildes und des göttlichen Gleichnisses zu lesen haben. Bevor wir die Meditation über das Arcanum der Gegen-Inspiration beginnen, ist es notwendig, daß wir uns Rechenschaft geben über den wesentlichen Unterschied zwischen der Meditation über die anderen Arcana und der über das Arcanum „Der Teufel“. Da es sich im Tarot um eine Reihe geistiger und hermetischer Übungen handelt und da es andererseits die Tendenz jeder geistigen Übung ist, zu einer Identifikation des Meditierenden mit dem Gegenstand der Meditation zu führen, d. h. zu einem Akt der Intuition, kann und darf das fünfzehnte Arcanum als geistige Übung nicht zu einem Erlebnis der Identifikation des Meditierenden mit dem Gegenstand der Meditation führen. Es darf nicht zur Intuition des Bösen kommen, da Intuition Identifikation ist, und Identifikation Kommunion. Unglücklicherweise haben viele okkultistische und andere Autoren ohne weitere Überlegung tiefe Dinge sowohl des Guten als auch des Bösen behandelt. Sie glaubten, „ihr Bestes geben“ zu müssen an Scharfsinn und Tiefe in der gleichen Behandlung der Mysterien des Guten und der Geheimnisse des Bösen. So schleuderte Dostojewski gewisse tiefe Wahrheiten des Christentums und zugleich gewisse geheime praktische Methoden des Bösen in die Welt. Das ist vor allem der Fall in seinem Roman „Die Dämonen“.

geheime praktische Methoden des Bösen in die Welt. Das ist vor allem der Fall in seinem

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Ein anderes Beispiel übermäßiger Betonung der Erkenntnis des Bösen – und damit der Beschäftigung des Bewußtseins mit dem Bösen – ist das vorwiegende Sichbefassen mit den Problemen des doppelten oder sogar dreifachen Bösen bei den deutschen Anthroposophen. Ahriman und Luzifer (und Azura auch noch), die Prinzipien des Bösen, das subjektive und das objektive, das verführerische Prinzip und das hypnotisierende Prinzip, haben derart Besitz ergriffen vom Bewußtsein der Anthroposophen, daß es kaum etwas gibt, das nicht unter die Kategorie des Ahrimanischen oder des Luziferischen fallen würde. Die Wissenschaft ist ahrimanisch, insofern sie objektiv ist; die christliche Mystik ist luziferisch, insofern sie subjektiv ist. Der Osten ist unter der Herrschaft Luzifers, weil er die Materie leugnet; der Westen ist unter der Herrschaft Ahrimans, weil er eine materielle Zivilisation geschaffen hat und zum Materialismus tendiert. Alle Maschinen – einschließlich des Radio- und Fernsehapparates – verkörpern ahrimanische Dämonen. Die Laboratorien sind Hochburgen Ahrimans, die Theater – und die Kirchen, wie manche glauben – sind Hochburgen Luzifers usw. usw. Anthroposophen sind geneigt, Tausende von Tatsachen unter dem Gesichtspunkt der Kategorie des Bösen einzuordnen, das sich durch diese offenbart – was genügt, um sich den ganzen Tag damit zu beschäftigen. Und sich damit beschäftigen heißt, in Kontakt mit dem Bösen zu kommen, und den belebenden und inspirierenden Kontakt mit dem Guten entsprechend zu vermindern. Das Ergebnis davon ist eine Weisheit, die hinkt und ohne Flügel ist, ohne schöpferischen Elan, die bis zum Überdruß wiederholt und kommentiert, was der Meister, Rudolf Steiner, gesagt hat. Und doch hat Steiner durchaus Dinge gesagt, die geeignet sind, den allergrößten schöpferischen Elan zu wecken! Seine Vortragsreihen über die vier Evangelien, seine Vorträge in Helsingfors über die himmlischen Hierarchien, ganz zu schweigen von seinem Buch über die innere Arbeit („Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ – 1905) würden allein schon genügen, um einen tiefen und reifen schöpferischen Enthusiasmus in jeder Seele zu entflammen, die nach echter Erfahrung der geistigen Welt strebt. Die übermäßige Beschäftigung mit dem Bösen hat die Flügel der anthroposophischen Bewegung beschnitten und sie zu dem gemacht, was sie seit dem Tode ihres Begründers ist: eine Bewegung kultureller Reformen (Kunst, Pädagogik, Medizin, Landwirtschaft), entblößt von lebendiger Esoterik, d. h. ohne Mystik, ohne Gnosis und ohne Magie, die ersetzt worden sind durch Lektüre, Studium und eine intellektuelle Arbeit, die immer auf die Übereinstimmung mit den Schriften und den Vorträgen des Meisters gerichtet ist. Man soll sich nicht anders als aus einem gewissen Abstand heraus mit dem Bösen beschäftigen und dabei ein gewisses Maß bewahren, wenn man die Gefahr vermeiden will, den schöpferischen Elan zu lähmen, und die noch ernstere Gefahr: den Bösewichtern Waffen zu liefern.

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Man kann nur das tief, d. h. intuitiv, erfassen, was man liebt. Die Liebe ist das Lebenselement der tiefen Erkenntnis, der intuitiven Erkenntnis. Nun kann man das Böse nicht lieben. Das Böse ist also in seinem Wesenskern unerkennbar. Man kann es nur aus der Entfernung verstehen, als Beobachter seiner Phänomenologie. Darum werden Sie wohl eine klare – wenngleich schematische – Beschreibung der himmlischen Hierarchien bei Dionysius Areopagita, dem hl. Bonaventura, dem hl. Thomas von Aquin ebenso wie in der Kabbala und bei Rudolf Steiner finden, aber Sie werden vergeblich ein analoges Bild bezüglich der Hierarchien des Bösen suchen. Sie werden wohl in den Zauberbüchern der Zauberer und in der praktischen Kabbala (z. B. bei Abramelin dem Magier) eine Menge Namen einzelner Wesen finden, die zu den Hierarchien des Bösen gehören, aber Sie werden dort keine Beschreibung der allgemeinen Ordnung nach Art von derjenigen des Dionysius Areopagita finden. Die Welt der Hierarchien des Bösen erscheint wie ein wuchernder Dschungel, in dem Sie, wenn es sein muß, Hunderte und Tausende besonderer Pflanzen unterscheiden können, dabei aber niemals zu einem klaren Überblick kommen. Die Welt des Bösen ist eine chaotische Welt. Wenigstens so, wie sie sich dem Beobachter darbietet. Man soll diesen Dschungel nicht betreten, um sich nicht in ihm zu verirren; man soll ihn von außen beobachten. Darum muß die Meditation über das Arcanum „Der Teufel“ den oben angedeuteten Gesetzen der Einstellung gegenüber dem Bösen gehorchen. Es handelt sich also um die Bemühung, dieses Arcanum aus einem Abstand heraus mittels der phänomenologischen Methode zu verstehen. Wenden wir uns also zuerst der Phänomenologie des Kartenbildes zu. Es stellt drei Personen dar. Die mittlere ist größer als die anderen, und sie steht aufrecht auf einem Sockel, an den die beiden anderen gefesselt sind. Die Gestalt in der Mitte ist eine Zwitter-Wesenheit mit nach oben gerichteten Fledermausflügeln. Ihre rechte Hand ist erhoben; die linke Hand ist nach unten gerichtet; sie hält eine angezündete Fackel. Ihre Flügel und ihre Beine sind blau. Ihr mit einem gelben Käppchen bedeckter Kopf hat zwei gelbe, verzweigte Hörner. Sie ist nackt, wenn man von Käppchen und rotem Gürtel absieht. Die beiden anderen Gestalten vor und neben ihr stellen eine Frau und einen Mann dar, beide nackt. Sie haben Schwänze und Tierohren. Ihre mit roten Kappen bedeckten Köpfe tragen verzweigte Hörner. Ihre Arme sind hinter dem Rücken gefesselt und ein um den Hals gelegter Strick bindet sie an einen Ring, der am unteren, roten Teil des Podestes der zentralen Figur befestigt ist. Bei dieser letzteren ist noch ein charakteristischer Zug zu erwähnen: sie schielt, ihre Pupillen treffen sich an der Nasenwurzel.

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Welche Vorstellungen ruft nun das Bild zunächst hervor? Vorstellungen meine ich, die eine praktische geistige Bedeutung haben, d. h. hinweisen auf ein praktisches Arcanum der Hermetik als Synthese von Mystik, Gnosis und Magie? Sind es die, die sich auf die kosmische Metaphysik des Bösen beziehen, auf die Geschichte des Aufruhrs eines Teils der himmlischen Hierarchien unter der Führung des „feuerroten Drachen“, der „ein Drittel der Sterne“ (Offb 12, 3,4) auf die Erde warf. Beziehen sie sich auf die Wesenheit, von der Ezechiel spricht, wenn er sagt:

„Ein Kerub mit ausgebreiteten, schützenden Flügeln bist du gewesen. Eingesetzt warst du von mir. Auf dem heiligen Berg der Götter hast du gewohnt. Zwischen den feurigen Steinen gingst du umher. Ohne Tadel war dein Verhalten seit dem Tag, an dem man dich schuf, bis zu dem Tag, an dem du Böses getan hast Darum habe ich dich vom Berg der Götter verstoßen, aus der Mitte der feurigen Steine habe ich dich, den schützenden Kerub, verjagt. Hochmütig warst du geworden, weil du so schön warst. Du hast deine Weisheit vernichtet, verblendet vom strahlenden Glanz. Ich stieß dich auf die Erde hinab“ (Ez 28, 14-17).

Offensichtlich nicht. Der „Teufel“ auf dem Kartenbild ruft keine Vorstellungen hervor, die sich auf das kosmische Drama des Falles des „schützenden Cherub vom Berge Gottes“ beziehen und auch nicht auf den „feuerroten Drachen“, der dem Erzstreiter Michael und seinen himmlischen Heerscharen eine Schlacht liefert. Die Vorstellungen, die das Kartenbild in seinem Zusammenhang hervorruft, sind vielmehr die der Sklaverei, in der sich die beiden Personen befinden, die an den Sockel eines mißgestalteten Dämons gebunden sind. Das Bild bringt nicht die Metaphysik des Bösen nahe, sondern vielmehr die eminent praktische Belehrung, wie es dazu kommt, daß Wesen ihre Freiheit verwirken und zu Sklaven einer mißgestalteten Wesenheit werden können, einer Wesenheit, die sie degenerieren und ihr ähnlich werden läßt. Das Thema des fünfzehnten Arcanums des Tarot ist das der Erzeugung von Dämonen und der Macht, die sie über ihre Erzeuger haben. Es ist das Arcanum des Hervorbringens künstlicher Wesen und der Versklavung, in die der Erzeuger gegenüber seinem eigenen Geschöpf geraten kann.

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Um dieses Arcanum zu verstehen, muß man sich zuerst über die Tatsache Rechenschaft ablegen, daß die Welt des Bösen nicht nur aus den gefallenen Wesenheiten der himmlischen Hierarchien (mit Ausnahme der Seraphim) besteht, sondern auch aus Wesenheiten nicht-hierarchischen Ursprungs, d. h. aus Wesen, die ihren Ursprung dem Mißbrauch des freien Willens autonomer Schöpfer verdanken, ganz wie im biologischen Bereich die Erreger der Infektionskrankheiten, die Bazillen, Mikroben und Viren, also um es in Begriffen der scholastischen Philosophie zu sagen, weder der Erstursache noch den Zweitursachen, sondern den Dritten Ursachen. Es gibt also Hierarchien „zur Linken“, die im Rahmen des Gesetzes handeln, indem sie strenge Gerechtigkeit walten lassen als Ankläger und als Versucher – während es andererseits „Mikroben des Bösen“ oder künstlich durch die verkörperte Menschheit geschaffene Wesenheiten gibt. Diese sind Dämonen, deren Seele eine besondere Leidenschaft ist und deren Körper aus der Gesamtheit der „elektro-magnetischen“ Vibrationen besteht, die von dieser Leidenschaft hervorgebracht werden. Diese künstlichen Dämonen können durch menschliche Kollektivitäten erzeugt werden – wie manche mißgestalteten phönizischen, mexikanischen und, in unserer Zeit, tibetanischen „Götter“. Der in der Bibel so oft erwähnte kanaanitische Moloch, der das blutige Opfer der Erstgeborenen forderte, ist keineswegs ein hierarchisches Wesen, weder des Guten noch des Bösen, sondern vielmehr ein übler Egregor, d. h. ein künstlicher Dämon, kollektiv erzeugt durch menschliche Gemeinschaften, die ergriffen waren vom Schauder des Schreckens. Dasselbe gilt von Quetzacoatl in Mexiko. Auch da handelt es sich um einen kollektiv geschaffenen und angebeteten Dämon. Was Tibet betrifft, so finden wir dort das eigenartige Phänomen der bewußten – beinahe „wissenschaftlichen“ – Praxis der Erschaffung und der Zerstörung von Dämonen. In Tibet, scheint es, kennt man das Arcanum, das uns beschäftigt, und man praktiziert es als eine Methode der okkulten Übung des Willens und der Vorstellungskraft. Diese Übung besteht aus drei Teilen: der Erschaffung der „Tulpas“ (magische Kreaturen) durch konzentrierte und gelenkte Vorstellungskraft; ihre Beschwörung und schließlich die Befreiung des Bewußtseins von ihrem Einfluß, und zwar geschieht die Befreiung durch einen Erkenntnisakt, der die Dämonen zerstört, durch den man sich bewußt macht, daß sie nichts anderes sind als Schöpfungen der Vorstellungskraft – also eine Illusion. Ziel dieser Übung ist es also, zum Unglauben gegenüber Dämonen hinzuführen, nachdem man sie durch die Vorstellungskraft erschaffen und sich unerschrocken ihren fürchterlichen Erscheinungen gegenübergestellt hat. Alexandra David-Neel sagt darüber aus Kenntnis der Sache:

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„Ich habe mehrere Lamas über diesen Gegenstand (den des Unglaubens) befragt. ,Dieser Unglaube’, sagte mir einer von ihnen – ein Géché (Philosoph) aus Dirgi –, ‚tritt manchmal unvermutet ein. Er kann als eines der von den mystischen Meistern angestrebten Ziele betrachtet werden; aber wenn der Schüler dort vor dem richtigen Zeitpunkt ankommt, beraubt er sich der Früchte desjenigen Teiles der Übung, der dazu bestimmt war, ihn unerschrocken zu machen.’ ,Die mystischen Meister’, fügte er hinzu, ,würden nicht den Novizen billigen, der eine einfältige Ungläubigkeit bekunden würde; diese ist der Wahrheit entgegengesetzt. Der Schüler muß verstehen, daß Götter und Dämonen wirklich existieren für diejenigen, die an ihr Dasein glauben, und daß sie die Macht besitzen, Gutes und Böses denen zu tun, die ihnen einen Kult darbringen oder sie fürchten. Ziemlich selten sind übrigens diejenigen, die während des ersten Teiles ihrer geistigen Übung zum Unglauben kommen. Die meisten Novizen sehen wirklich erschreckende Erscheinungen.’“

Und weiter:

„Ich hatte Gelegenheit, mich mit einem Eremiten aus Ga (östliches Tibet) namens Kouchog Wantchén über plötzliche Todesfälle zu unterhalten, die während der Beschwörung bösartiger Geister eintraten. Dieser Lama schien kaum zum Aberglauben zu neigen, und ich war der Ansicht, daß er mir zustimmen würde, als ich ihm sagte: ,Die Gestorbenen sind aus Furcht gestorben. Ihre Visionen sind die Vergegenständlichung ihrer eigenen Gedanken. Wer nicht an Dämonen glaubt, wird niemals von ihnen getötet werden.’ Zu meinem großen Erstaunen erwiderte der Einsiedler mit seltsamem Tonfall: ,Nach Ihnen sollte es auch genügen, nicht an die Existenz von Tigern zu glauben, um gewiß zu sein, niemals von einem von ihnen verschlungen zu werden, wenn man in seiner Reichweite vorübergeht.’ Und er fuhr fort:

,Ob sie bewußt oder unbewußt wirkt, die Vergegenständlichung geistiger Bildungen ist ein sehr geheimnisvoller Vorgang. Was wird aus diesen Schöpfungen? Kann es nicht geschehen, daß wie bei den Kindern, die aus unserem Fleische geboren sind, diese Kinder unseres Geistes unserer Kontrolle entschlüpfen und daß sie dazu kommen, sei es allmählich, sei es plötzlich, ein eigenes Leben zu führen? Sollten wir nicht auch erwägen, daß, wenn es uns möglich ist, sie zu erzeugen, andere als wir dieselbe Macht besitzen; und, wenn solche Tulpas (magische Geschöpfe) existieren, ist es dann außergewöhnlich, daß wir Kontakt mit ihnen aufnehmen, sei es durch den Willen ihrer Schöpfer, sei es, weil unsere eigenen Gedanken oder unsere Handlungen die Bedingungen schaffen, wodurch diese Wesen ihre Anwesenheit und ihre Tätigkeit offenbar machen können?

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Es ist notwendig zu wissen, wie man sich gegen die „Tiger“ verteidigt, deren Vater man ist, und auch gegen diejenigen, die von anderen erzeugt werden.’“

So denken die tibetanischen Meister über die Magie, die Dämonen erzeugt. Der französische Meister der Magie, Eliphas Lévi, denkt kaum anders:

„Die schöpferische Magie des Dämon, jene Magie, die das Zauberbuch des Papstes Honorius, das Enchiridion Leos III., die Exorzismen des Rituals, die Urteile der Inquisitoren, die Anklagereden von Laubardemont, die Artikel der Brüder Veuillot, die Bücher eines Falloux, Montalembert, Mirville diktiert hat, diese Magie der Zauberer und Frommen, die es nicht sind, ist bei den einen eine wahrhaft verdammenswerte, bei den andern eine unendlich bedauerliche Angelegenheit. Wir veröffentlichen dieses Buch, um durch Entschleierung diese Verirrungen des menschlichen Geistes zu bekämpfen. Könnte es doch dieses heilige Werk erfolgreich unterstützen!“ „Der Mensch schafft sich selbst seinen Himmel und seine Hölle, und es gibt keine anderen Dämonen als unsere Wahnsinnsausgeburten. Die Geister, die Wahrheit züchtigt, sind gebessert durch diese Züchtigung und denken nicht mehr daran, die Welt zu verwirren.“

Denn nach der Erfahrung, die er besaß, sah Eliphas Lévi in den Dämonen, wie den Alben und Nachtmahren, in den Meistern Leonhards, die dem Hexensabbat vorstehen, und in den Dämonen der Besessenen nur Schöpfungen der menschlichen Einbildungskraft und des menschlichen Willens, die, individuell oder kollektiv, ihren Inhalt in die plastische Substanz des „Astrallichtes“ projizieren und so Dämonen erzeugen – die also in Europa genau auf die gleiche Art erzeugt werden wie die tibetanischen „Tulpas“! Die Kunst und Methode, „Götzen zu machen“, die das erste Gebot des Dekalogs verbietet, ist alt und universal. Es scheint, daß man zu allen Zeiten und fast überall Dämonen erzeugt hat. Sowohl Eliphas Lévi als auch die tibetanischen Meister sind nicht nur gleicher Ansicht, was den subjektiven und psychogenen Ursprung der Dämonen betrifft, sondern auch bezüglich ihrer objektiven Existenz. Nachdem sie auf subjektive Weise erzeugt worden sind, werden sie zu Kräften, die unabhängig von der Subjektivität sind, die sie erzeugt hatte. Sie sind, mit anderen Worten, magische Schöpfungen, denn Magie ist die Vergegenständlichung dessen, was seinen Ursprung in der Subjektivität hat. Die Dämonen, die nicht das Stadium der Vergegenständlichung erreicht haben, d. h. das Stadium einer vom seelischen Leben ihrer Eltern gesonderten Existenz, führen ein halb-autonomes Dasein. Die moderne Psychologie bezeichnet sie als seelische „Komplexe“, und C. G. Jung betrachtet sie als parasitäre Wesenheiten, die für den seelischen

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Organismus dasselbe bedeuten wie z. B. der Krebs für den physischen Organismus. Der psychopathologische „Komplex“ ist also – falls er nicht von außen herangekommen ist, sondern durch den Patienten selbst erzeugt wurde – ein Dämon gleichsam im Embryonalzustand: Noch ist er nicht geboren, aber er hat schon sein eigenes quasi autonomes Leben für sich, ernährt vom seelischen Leben dessen, der ihn austrägt. C. G. Jung sagt zu diesem Gegenstand:

„(Der Komplex) erscheint als ein autonomes Gebilde, das sich in das

Es ist gerade so, als wäre der Komplex ein

selbständiges Wesen, das fähig ist, die Absichten des Ichs zu stören. Komplexe benehmen sich tatsächlich wie Neben- oder Teilpersönlichkeiten, die ein eigenes geistiges Leben besitzen.“

Nun ist ein „selbständiges Wesen, das fähig ist, die Absichten des Ichs zu stören“, und das „ein eigenes geistiges Leben“ besitzt, nichts anderes, als was wir unter „Dämon“ verstehen. Es ist wahr, der Dämon-Komplex handelt noch nicht außerhalb des psychischen Lebens eines einzelnen Menschen, er hat noch kein Bürgerrecht in der bunten und phantastischen Gemeinschaft der „Tulpas“ oder der objektiven Dämonen, die manchmal – wie es zum Beispiel beim hl. Antonius dem Großen und beim hl. Pfarrer von Ars der Fall war – sogar mit sehr realen Schlägen die Opfer ihres Angriffs quälen. Und der Lärm eines solchen Angriffs, den jedermann hört, und die blauen Flecke am Körper des Opfers, die jedermann sieht – das ist schon nicht mehr bloße Psychologie, das ist schon objektiv. Wie werden die Dämonen erzeugt?

Bewußtsein eindrängt

Wie jede Zeugung ist die der Dämonen das Ergebnis des Zusammentreffens des männlichen und des weiblichen Prinzips, d. h. im Falle der Zeugung durch das Seelenleben eines Menschen, das Zusammentreffen des Willens und der Einbildungskraft. Ein perverses oder widernatürliches Begehren, gefolgt von der entsprechenden Phantasie, bilden zusammen den Akt der Zeugung eines Dämons.

Die beiden an den Sockel der Zentralfigur des Kartenbildes des fünfzehnten Arcanums gefesselten Gestalten, die eine männlich und die andere weiblich, sind also durchaus keine Kinder oder Geschöpfe dieser zentralen Figur – des Dämons –, wie man angesichts ihrer kleinen Gestalt im Vergleich zur Größe der Gestalt des Dämons zu glauben versucht ist, sondern im Gegenteil: sie sind die Eltern des Dämons, die zu Sklaven ihres eigenen Geschöpfes geworden sind. Sie stellen den perversen Willen und die widernatürliche Einbildungskraft dar, die den Zwitter-Dämon ins Leben gerufen haben, dieses dem Begehren und der Einbildungskraft entsprungene Wesen, das die Kräfte beherrscht, die es erzeugt haben.

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Was die kollektiv bewirkte Zeugung angeht, so ist der Dämon – der in diesem Fall „Egregor“ heißt – gleicherweise das Ergebnis von Willens- und Einbildungskraft, die in diesem Falle kollektiv sind. Die Geburt eines solchen modernen „Egregors“ ist uns bekannt:

„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“ – so heißt der erste Satz des „Kommunistischen Manifests“ von Karl Marx und Friedrich Engels von 1848. „Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten“,

fährt das Manifest fort. Indessen – fügen wir hinzu – wuchs das Gespenst an Gestalt und Macht, erzeugt durch den Willen der Massen, geboren aus der Verzweiflung der „Industriellen Revolution“ in Europa, genährt vom Ressentiment in den Massen, das während Generationen angestaut war, ausgerüstet mit einer künstlichen Intellektualität, die die ins Gegenteil verkehrte Dialektik Hegels ist – dieses Gespenst wuchs ständig, indem es

umging in Europa, dann auch in anderen Kontinenten

Drittel der Menschheit dahin gebracht, sich vor diesem Gott zu neigen und ihm in allem zu gehorchen. Was ich soeben über die Erzeugung des imposantesten modernen Egregors gesagt habe, ist in vollkommener Übereinstimmung mit der marxistischen Lehre selbst. Denn für den Marxismus gibt es keinen Gott noch Götter – für ihn gibt es nur „Dämonen“ im Sinne von Geschöpfen des menschlichen Willens und der menschlichen Einbildungskraft. Das ist die grundlegende marxistische Lehre vom sogenannten „ideologischen Überbau“. Nach dieser Lehre ist es das wirtschaftliche Interesse, d. h. der Wille, der Ideologien mittels der Einbildungskraft erzeugt: religiöse, philosophische, soziale und politische. Alle Religionen sind also für den Marxismus nichts anderes als solche „ideologische Überbauten“, d. h. dem menschlichen Willen und der menschlichen Einbildungskraft entsprungene Gebilde. Der Marxismus-Leninismus ist selbst nur ein ideologischer Überbau, ein Produkt intellektueller Einbildungskraft auf der Basis des Willens, die sozialen, politischen und kulturellen Dinge auf bestimmte Weise zu gestalten oder umzugestalten. Diese Methode des Hervorbringens ideologischer Überbauten auf der Basis des Willens ist genau das, was wir unter „kollektiver Erzeugung eines Dämons oder eines Egregors“ verstehen. Es gibt das WORT und es gibt Egregore, vor denen sich die Menschheit neigt: die Offenbarung der göttlichen Wahrheit und die Manifestation des menschlichen Willens, den Gottesdienst und den Kult der Götzen, die von Menschen gemacht wurden. Ist es nicht eine Diagnose und Prognose für die ganze Geschichte des Menschengeschlechtes, daß zu gleicher Zeit, da Moses auf dem Gipfel des Berges die Offenbarung des Wortes empfing,

Heute ist schon ein

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das Volk am Fuße des Berges das goldene Kalb gemacht und angebetet hatte? Das WORT und die Götzen, die offenbarte Wahrheit und die „ideologischen Überbauten“ des menschlichen Willens wirken gleichzeitig in der Geschichte des menschlichen Geschlechtes. Gab es ein einziges Jahrhundert, in dem die Diener des Wortes sich nicht den Anbetern der Götzen, der Egregore, gegenüberzustellen hatten? Das fünfzehnte Kartenbild des Tarot enthält einen wichtigen Hinweis für alle die, die die Magie ernst nehmen: es lehrt sie das magische Arcanum der Erzeugung von Dämonen und der Macht, die diese über diejenigen besitzen, die sie erzeugt haben. Wir, die wir die Erfahrung jenes Dämons gemacht haben, der durch einen kollektiven, von nationalem Ehrgeiz begeisterten Willen erzeugt wurde und der seine Ideen aus der Biologie schöpfte – des nationalsozialistischen Dämons oder Egregors – und die Erfahrung jenes anderen Dämons oder Egregors, von dem oben die Rede war; wir wissen dank unserer Erfahrung aus erster Hand, welch schreckliche Macht unserem Willen und unserer Einbildungskraft innewohnt und welche Verantwortlichkeit sie für diejenigen mit sich bringt, die diese Macht in der Welt entfesseln! Wie wahr ist es doch, daß, wer Wind sät, Sturm ernten wird! Und welchen Sturm! Wir Menschen des 20. Jahrhunderts wissen, daß die „großen Pestilenzen“ unserer Tage die „Egregore“ der „ideologischen Überbauten“ sind, die die Menschheit weit mehr an Menschenleben und an Leid gekostet haben als die großen Epidemien des Mittelalters. Und weil wir nun diese Erkenntnis haben, ist es da nicht an der Zeit, daß wir zu uns selbst sagen: Laßt uns schweigen. Bringen wir die Willkür unseres Willens und unserer Einbildungskraft zum Schweigen; erlegen wir ihnen die Zucht des Stillehaltens auf! Ist das nicht eines der vier traditionellen Gebote der Hermetik: Wagen, Wollen, Wissen, Schweigen? – Schweigen – das ist mehr, als nur Dinge geheimhalten; das ist sogar mehr, als sich hüten, heilige Dinge zu profanieren, denen ein ehrfurchtsvolles Schweigen gebührt. Schweigen ist vor allem das große magische Gebot, keine Dämonen zu erzeugen durch die Willkür unseres Willens und unserer Einbildungskraft, ist also an erster Stelle unsere Pflicht, unseren eigenmächtigen Willen und unsere eigenmächtige Einbildungskraft zum Verstummen zu bringen. Beschränken wir uns also auf die Arbeit, auf konstruktive Beiträge zur Tradition – zur geistigen, christlichen, hermetischen und zur wissenschaftlichen Tradition. Suchen wir sie zu vertiefen, zu studieren, zu praktizieren und zu pflegen, d. h., arbeiten wir nicht, um niederzureißen, sondern um aufzubauen. Reihen wir uns ein unter die Erbauer der großen Kathedrale der geistigen Tradition der Menschheit, und versuchen wir, dazu einen Beitrag zu leisten. Mögen die heiligen Schriften heilig für uns sein, mögen die Sakramente Sakramente für uns sein, möge die Hierarchie der

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geistigen Autorität Hierarchie der Autorität für uns sein, möge die „philosophia perennis“ ebenso wie die wahrhaft wissenschaftliche Wissenschaft der Vergangenheit und der Gegenwart in uns Freunde haben und gegebenenfalls verehrungsvolle Mitarbeiter. Das ist, was das Gebot des „Schweigens“ umfaßt, das Gebot, keine Dämonen zu erzeugen. Nun ist es immer das Übermaß, das aus dem Rausch des Willens und der

Einbildungskraft hervorgeht, das Dämonen erzeugt. Wenn – um auf das obenerwähnte Beispiel zurückzukommen – Marx und Engels nur die Interessen der Industriearbeiter verteidigt hätten, ohne sich durch ihre berauschte Einbildungskraft zu Aussagen von universaler geschichtlicher, ja selbst kosmischer Tragweite hinreißen zu lassen, wie der, daß Gott nicht existiert, daß jede Religion nur „Opium fürs Volk“ und jede Ideologie nur Überbau auf der Basis materieller Interessen sei – und das immer und überall – dann hätten sie einen Beitrag zur Tradition geliefert, denn die Sorge für die Gerechtigkeit und für das Wohlbefinden der Armen gehört zu der christlichen, jüdischen, islamischen, buddhistischen, brahmanischen und humanistischen Tradition als Teil ihres Wesens. Mitgerissen von der Empörung – nicht ohne Noblesse des Herzens – und von der Bitternis der Enttäuschung über die herrschenden Klassen – nicht ohne erfahrungsmäßige Grundlage – warfen sie alles in einen Topf: Gott, die Bourgeoisie, das Evangelium, den Kapitalismus, die Bettelorden, die industriellen

Monopole, die idealistischen Philosophen und die Bankiers

und

erklärten all das schlechthin für Ausschußware der Geschichte des Menschengeschlechtes. Ohne Zweifel handelt es sich hierbei um eine Überschreitung der Zuständigkeit und der Grenzen des nüchternen und redlichen Wissens, was sie keineswegs ahnten, da sie von dem berauschenden Impuls des Radikalismus mitgerissen waren, d. h. vom Fieber des Willens und der Einbildungskraft, alles mit einem Schlag von Grund auf zu ändern. Und dieses Fieber des Begehrens, alles mit einem Schlag von Grund auf zu ändern, erzeugte den Dämon des Klassenhasses, des Atheismus, der Geringschätzung der Vergangenheit und des über alles gesetzten materiellen Interesses – den Dämon also, der jetzt in der Welt

umgeht. Zur Zeit (Mitte der 60iger Jahre?) wird dieser Dämon geradezu heldenhaft bekämpft vom Oberhaupt eines großen kommunistischen Landes. Dieses Oberhaupt tut alles Menschenmögliche, um diesen Dämon durch den Geist der Sorge für das Volk und sein Wohlergehen zu ersetzen, durch denselben Geist also, der auch dem Werk von Marx und Engels dort zugrunde liegt, wo diese nüchtern gearbeitet haben, d. h. im Rahmen der Tradition, ohne ihre Kompetenz und die Grenzen ihrer eigenen Sache zu überschreiten.

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„Schweigen“ ist die Klugheit des vierzehnten Arcanums des Tarot, die dem Rausche entgegengesetzt ist, dessen Wesen und Gefahren das fünfzehnte Arcanum des Tarot enthüllt. Die Inspiration der „Klugheit“ kann verkehrt werden in den Rausch des „Teufels“. Die auf die Erleichterung des Schicksals der Armen und Unterdrückten und auf die Wiederherstellung der sozialen Gerechtigkeit hinzielende Inspiration kann – wie es bei Marx und Engels der Fall war – sich in den Rausch des Radikalismus verwandeln, d. h., sie kann zum fiebernden Willen und zur fiebernden Einbildungskraft werden, alles mit einem Schlag von Grund auf ändern zu wollen. Das ist die Beziehung zwischen der Inspiration des Engels des vierzehnten Arcanums und der Erzeugung des Dämons des fünfzehnten Arcanums. Die Geschichte des Menschengeschlechtes liefert zahlreiche Beispiele der Umwandlung einer anfänglichen Inspiration der Klugheit in eine spätere Dämonen erzeugende Berauschtheit. Die Beziehung zwischen dem vierzehnten und dem fünfzehnten Arcanum erklärt, wie die Religion der Liebe zu den Scheiterhaufen der Inquisition hatte Anlaß geben können, wie die Idee der hierarchischen Zusammenarbeit in der Menschheit zum System der Kasten oder zum Klassenkampf wurde, wie die wissenschaftliche Methode sich in ein materialistisches Dogma verwandelte und wie die Tatsachen der biologischen Evolution den Lehren von der wesentlichen Ungleichheit der Rassen und von der Überlegenheit bestimmter Nationen als Basis dienen konnten. Diese Liste ist keineswegs vollständig, aber sie genügt, um die praktische Tragweite der Beziehung zwischen dem vierzehnten und dem fünfzehnten Arcanum des Tarot zu zeigen. Es ist die Beziehung zwischen Inspiration und Gegen-Inspiration. Seit den ersten Jahrhunderten der christlichen Ära war man gewohnt, diese Gegen-Inspiration einfach als „Stimme des Fleisches“ zu bezeichnen, was in der Folge die Blüte des Hauptdogmas der Häresie der Manichäer und Katharer begünstigen sollte, das die Natur für innerlich böse erklärte. Indessen fehlte es auch im christlichen Altertum nicht an Warnungen und präzisen Aussagen im gegenteiligen Sinne. Zum Beispiel sagt der hl. Antonius der Große, der im Hinblick auf das Problem „Dämon-Fleisch“ ohne Zweifel eine Autorität erster Ordnung ist:

„Ich bin der Meinung, daß der Körper eine natürliche, ihm angepaßte

Regung besitzt, die sich aber nicht zeigt, wenn die Seele es nicht will; sie steigt dann im Körper nur als Regung ohne Leidenschaft auf. Es besteht auch eine andere Regung, die von demjenigen herrührt, womit man den Körper ernährt und ihm schmeichelt durch Nahrungsmittel und Getränke. Die Hitze

des Blutes, die sie hervorrufen, reizt den Körper zum Handeln

gibt eine weitere Regung in denen, die kämpfen, die aus den Nachstellungen und aus der Begierde der Dämonen kommt. Man muß also wissen, daß es drei körperliche Regungen gibt: eine von Natur aus; eine zweite

Und es

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durch mißbräuchliche Verwendung von Nahrungsmitteln; und die dritte von Dämonen.“

Hier sind mit aller wünschenswerten Klarheit die Prinzipien der traditionellen Askese dargelegt, einer Askese, die durch die Erfahrung von

Tausenden von spirituellen Menschen gestützt und bestätigt wird, darunter die

hl. Teresa von Ávila, der hl. Ignatius von Loyola in Spanien Buddha in Indien. Mehr als ein Jahrhundert vor Antonius sagt Origenes:

„Wir haben oft gesagt, daß die Christen einen doppelten Kampf zu liefern hätten. Für die Vollkommenen, für diejenigen, die wie Paulus und die Epheser sind, so, wie der Apostel es selbst sagt: Sie haben nicht gegen Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen Fürstentümer und Mächte, gegen die Fürsten dieser Welt der Finsternis, gegen die bösen Geister in den Himmeln. Die Geringeren und diejenigen, die noch nicht vollkommen sind, müssen gegen Fleisch und Blut kämpfen; sie ringen noch mit den Lastern und Schwächen des Fleisches.“

Mit anderen Worten: Die Anfänger haben gegen die zweite Regung des Leibes – gemäß dem hl. Antonius – zu kämpfen, während die Vorgerückten es mit den Dämonen und den Hierarchien zur Linken zu tun haben. Die Leiter der Versuchungen entspricht also der des geistigen Aufstieges: die Versuchung vergeistigt sich, je nachdem der Mensch geistiger wird. Die Versuchungen der „Fürstentümer und Mächte“ (archai kai exusiai), denen sich der geistig Fortgeschrittene gegenübergestellt sieht, sind unvergleichlich subtiler als die eines Anfängers. Wenn man sagt: „Adel verpflichtet“, so müßte man hinzufügen: „Bäuerlichkeit beschützt“. Darum gibt Origenes den Rat:

mit den Schülern schon am Anfang ihrer Ausbildung

von tiefen und geheimen Mysterien sprechen; aber man soll ihnen übermitteln, was die Verbesserung der Sitten, die Ausbildung der Disziplin

und die ersten Grundlagen des religiösen Lebens und des einfachen Glaubens betrifft. Das ist die Milch der Kirche, das sind die ersten Grundlagen der kleinen Anfänger.“

Das Gesetz der Klugheit verlangt dies. Nun stellt das Arcanum der Klugheit, das vierzehnte Arcanum des Tarot, den Schutzengel dar, der betraut ist mit seinem Amt. Origenes ist derselben Ansicht wie wir und der unbekannte Urheber des Tarot. Er sagt daher:

„Wenn wir beginnen, zum Kulte Gottes zu kommen, wenn wir die Grundbegriffe des Wortes Gottes und der himmlischen Lehre empfangen, sind es die ,Fürsten von Israel’, die uns diese Anfänge beibringen müssen. Unter den ,Fürsten von Israel’ muß man, meiner Ansicht , nach, die Engel des

und Gautama

„Man soll nicht

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christlichen Volkes verstehen, die gemäß dem Worte des Herrn den Kleinsten in der Kirche beistehen und die immer das Angesicht des Vaters sehen, der in den Himmeln ist. Dies sind die Fürsten, von denen wir die Prinzipien oder die Grundbegriffe erhalten müssen.“

Origenes schreibt nicht nur das Amt der Klugheit den Schutzengeln („Engeln des christlichen Volkes“) zu in Übereinstimmung mit der Lehre des vierzehnten Arcanums des Tarot, sondern er lehrt auch den Grundsatz der Lehre über die „Befreiung der Engel“ durch den Menschen, die Sie im vorhergehenden Brief finden. Er sagt:

„Aber wir sollen nicht immer erwarten, daß die Engel für uns kämpfen; sie helfen uns nur am Anfang, wenn wir selbst unsere ersten Versuche machen. Im Laufe der Zeit müssen wir selbst bewaffnet zum Kampf

ausziehen. Bevor wir lernen, Krieg zu führen, wird, auf daß wir darauf bedacht sind, die Schlachten des Herrn zu schlagen, uns beigestanden von den Fürsten, von den Engeln. Bevor wir den Proviant des himmlischen

solange wir noch Kinder sind, solange wir mit Milch

ernährt werden und uns mit den Anfangsworten des Christus beschäftigen, solange leben wir wie Kinder unter der Autorität von Vormündern und Beschützern. Aber wenn wir die Sakramente der himmlischen Miliz gekostet haben, wenn wir vom Brote des Lebens gesättigt worden sind, dann höret, wie die apostolische Trompete uns zum Kampfe aufruft! Mit lauter Stimme ruft Paulus uns zu:

,Bekleidet euch mit den Waffen Gottes, um der Arglist des Teufels zu widerstehen.’ Er erlaubt uns nicht mehr, uns unter den Fittichen unserer Ammen zu verbergen; er ruft uns auf die Schlachtfelder. ,Bekleidet euch’, sagt er, ,mit dem Harnisch der Barmherzigkeit; empfanget den Helm des Heils; nehmt das Schwert des Geistes und vor allem den Schild des Glaubens, um auszulöschen die brennenden Pfeile des Geistes des Bösen!’

Dieselbe Lehre findet sich zwölf Jahrhunderte später beim hl. Johannes vom Kreuz. Er wird nicht müde zu wiederholen, daß die Seele, die Gott sucht, berufen ist, sich von jeglichem Geschöpf loszusagen, unten und oben, von jedem irdischen und himmlischen Wesen. Er faßt diese Lehre zusammen, indem er sagt:

„Auf diese Erkenntnis wollte nach meinem Dafürhalten David hinweisen, wenn er sagt: ,Vigilavi et factus sum sicut passer solitarius in tecto – Ich wachte auf und sitze einsam wie der Sperling auf dem Dache.’ Er wollte damit sagen: Ich öffnete die Augen meines Verstandes und fand mich fern von aller natürlichen Erkenntnis, einsam auf dem Dache, d. h. erhoben über alle irdischen Dinge.“

Brotes empfangen

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Diese Einsamkeit und diese Vereinsamung sind die Folgen, wenn man aufgehört hat, wie ein Kind zu leben „unter der Autorität von Vormündern und Beschützern“, wie Origenes es nennt, und wenn man das reife geistige Alter erreicht hat. Den Wechsel, der dabei stattfindet, charakterisiert der hl. Johannes vom Kreuz folgendermaßen:

„ Wohlgeschmack und Genuß empfanden und ihnen nach ihrer Meinung das Sonnenlicht der Gunstbezeugungen Gottes heller leuchtete: dann verdunkelt ihnen Gott all dieses Licht, verschließt ihnen die Türe und verstopft ihnen die Quelle des süßen Wassers des Geistes, aus der sie bisher immer, und sooft es ihnen beliebte, getrunken hatten. Solange sie nämlich noch schwach und weichlich waren, war ihnen die Türe nicht verschlossen, wie der hl. Johannes in der geheimen Offenbarung sagt. Jetzt aber versetzt er sie in Finsternis, so daß sie nicht wissen, wohin sie sich mit ihrer Einbildungskraft und ihren Gedanken wenden sollen. Sie können nun in keiner Weise mehr betrachten, wie sie es vorher gewohnt waren, da die inneren Sinne schon in diese Nacht versenkt und in solche Trockenheit versetzt sind, daß ihnen die geistigen Dinge und frommen Übungen, an denen sie ehedem ihre Freude und Wonne fanden, saftlos und geschmacklos erscheinen, ja sogar Widerwillen und Überdruß verursachen. Gott hat nämlich, wie schon erwähnt, ihr anfängliches Wachstum wahrgenommen, und um sie mehr zu kräftigen und ihnen aus den Kinderschuhen zu helfen, reißt er sie los von der süßen Mutterbrust; und indem er sie von seinen Armen herabläßt, lehrt er sie auf eigenen Füßen gehen.“

wo sie (d. h. die Anfänger) an den geistlichen Übungen mehr

Fügen wir hinzu: selbst zu gehen, um im Laufe der Zeit, wie Origenes sagt, Krieger in den Reihen der Miliz Gottes zu werden. Dieser Fortschritt ist begleitet von immer subtileren Versuchungen. Den „Versuchungen der Laster und der Schwachheiten des Fleisches“ folgen sodann Angriffe der künstlichen Dämonen, die entweder von anderen oder aber kollektiv erzeugt sind; diese machen daraufhin noch subtileren Versuchungen Platz, deren Urheber Wesenheiten der gefallenen Hierarchien sind. Endlich, an der Schwelle des Alls, an der Schwelle zu Gott selbst, steht die letzte Versuchung bereit, jene durch das Nichts: die dunkle geistige Nacht, von der, der hl. Johannes vom Kreuz spricht, bedeutet zugleich die Vereinigung mit Gott und die Verzweiflung des Nichts – den vollständigen und äußersten Nihilismus Denn es ist wahr, was der hl. Antonius der Große sagt:

„Niemand wird eintreten können in das Reich der Himmel, wenn er nicht versucht worden ist.“ „Denn“, sagt er, „nimm die Versuchungen fort, und niemand wird gerettet.“

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Dieses Gesetz ist derart universal, daß auch Jesus Christus den drei Versuchungen in der Wüste nach der Offenbarung der heiligen Trinität bei der Jordantaufe gegenüberzutreten hatte. Die Stufenleiter der Vervollkommnung bringt also diejenige der Versuchung mit sich. Und ebenso wie jene den Fortschritt vom Groben zum Feinen bedeutet, so bedeutet diese einen analogen Fortschritt. Mit anderen Worten: Die Inspiration wird verfolgt oder begleitet von der Gegen-Inspiration. Wie kann man nun die eine von der anderen unterscheiden? Welches sind die Kriterien, an die man sich halten muß, um imstande zu sein, die Inspiration von der Gegen-Inspiration zu unterscheiden? Die erfahrensten Meister der praktizierten Spiritualität geben folgende Antworten:

Der hl. Antonius der Große:

es ist leicht und gar wohl möglich, die Anwesenheit der Guten und

Bösen zu unterscheiden, da Gott diese Gabe verleiht. Denn der Anblick der

Ihre Erscheinung erfolgt so

ruhig und sanft, daß sogleich Freude und Fröhlichkeit und Mut in die Seele

kommt

daher erblickt sie, von jener erleuchtet, die Erscheinungen

sich mit der Erscheinung der Heiligen. Der Ansturm und das Gesicht der Bösen aber ist voll Verwirrung, er erfolgt unter Getöse, Lärm und Geschrei wie das Getümmel von ungezogenen

Jungen und Räubern. Daraus entsteht sogleich Furcht in der Seele, Verwirrung und Unordnung in den Gedanken, Scham, Haß gegen die Asketen, Sorglosigkeit, Schmerz, Erinnerung an die Verwandten, Furcht vor dem Tode; und dann Begierde nach dem Schlechten, Nachlässigkeit in der Tugend und Verschlechterung des Charakters. Wenn ihr ein Gesicht habt (oder die Erfahrung irgendeiner Inspiration – Anm. des Verf.) und euch fürchtet, die Furcht aber sogleich schwindet und dafür unaussprechliche Freude entsteht, Wohlbehagen und Mut und Erquickung, Ordnung in Gedanken und all das andere, von dem ich eben sprach, Mannhaftigkeit und Liebe zu Gott, dann seid frohen Mutes und betet; denn die Freude und der

Wenn aber

ruhige Zustand der Seele zeigen die Heiligkeit des Anwesenden

Heiligen bringt keine Verwirrung mit sich

die Gedanken der Seele aber sind ohne Verwirrung und Erregung;

So verhält es

bei manchen Erscheinungen Verwirrung entsteht, Lärm von außen, weltlicher Trug, Drohung mit dem Tode und dergleichen, was ich vorher nannte, so erkennt daran, daß der Angriff von Bösen kommt.“

Die hl. Teresa von Ávila:

„Kommt die Ansprache (die inspirierte – Anm. des Verf.) vom Teufel, so läßt sie keine guten, sondern sogar schlechte Wirkungen zurück. Dies ist mir jedoch nicht öfter als ein- oder zweimal widerfahren, und ich wurde sogleich vom Herrn belehrt, daß der böse Feind zu mir gesprochen habe. Um nichts zu sagen von der großen Trockenheit, die hier zurückbleibt, entsteht in

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der Seele eine Unruhe, jener ähnlich, die ich oftmals erfahren habe, wenn der Herr schwere Anfechtungen und Seelenleiden verschiedener Art in mir zuließ,

und die mich, wie ich später noch sagen werde, auch jetzt noch oftmals quält. Es ist eine Unruhe, von der man nicht weiß, woher sie kommt. Die Seele scheint sich zu widersetzen, sie ist verwirrt und betrübt und weiß doch nicht

warum; denn daß der Teufel hier spricht, ist nicht böse, sondern gut

Süßigkeit und Wonne, die der böse Geist gibt, ist meines Erachtens (von jener,

Spricht

der Teufel zur Seele, so läßt er keine zärtliche Empfindung in der Seele zurück,

Das

Wirken des Teufels ist auch daran zu erkennen, daß alles Gute aus der Seele zu schwinden und zu weichen scheint; sie ist verdrießlich und aufgeregt und verspürt keine gute Wirkung in sich. Und scheint auch der böse Geist gute Begierden in ihr zu erwecken, so sind sie doch nicht kräftig; die Demut aber,

die er bewirkt, ist unecht, unruhig und ohne jede Anmut.“ „Es können also, wie gesagt, alle Ansprachen von Gott sein, mögen sie aus dem Innersten der Seele oder von deren oberem Teile oder auch von außen kommen. Die sichersten Zeichen sind meines Erachtens folgende:

Das erste und sicherste Zeichen ist die Macht und Herrschaft, die diese Ansprachen Gottes an sich tragen; denn da ist Sprechen und Wirken ein und

dasselbe. Ich will mich deutlicher erklären. Eine Seele fühlt sich ganz von Trübsal und innerer Unruhe eingenommen, in jener Verfinsterung des Verstandes und Trockenheit des Geistes, wovon (in dieser Wohnung) die Rede war. Da vernimmt sie nur ein einziges Wort, wie z. B. ,Betrübe dich nicht!’, und sie ist beruhigt, von ihrer Trübsal befreit und voll des klarsten Lichtes. Alle Pein ist nun vorüber, von der sie nach ihrer Meinung weder die ganze Welt noch alle Gelehrten miteinander trotz aller Beweise und Bemühungen hätten befreien können Das zweite Kennzeichen des göttlichen Ursprungs solcher Ansprachen ist eine in der Seele bleibende tiefe Ruhe; sie wird in eine andächtige und

Das dritte

Zeichen endlich

besteht darin, daß sie (die Ansprachen) sehr lange

friedvolle Sammlung versetzt und zum Lobe Gottes angeregt

die dann wie erschrocken ist und ein großes Mißbehagen in sich fühlt

die eine Folge der göttlichen Ansprachen ist,) sehr verschieden

Die

dauern und manchmal gar nicht mehr dem Gedächtnisse entschwinden.“

Der hl. Johannes vom Kreuz:

„Indes, zwischen diesen Visionen, die der Teufel hervorruft, und jenen, die von Gott sind, ist ein großer Unterschied. Denn die ersteren bringen ganz andere Wirkungen in der Seele hervor als die letzteren. Sie verursachen nämlich Trockenheit des Geistes im Verkehr mit Gott, eine gewisse Neigung zur Selbstschätzung, ein Haschen nach und ein hartnäckiges Festhalten an den genannten Visionen, keineswegs aber die Salbung der Demut und der Gottesliebe. Selbst ihre Eindrücke bleiben nicht mit jener wohltuenden Klarheit in der Seele haften wie die der echten; und sie dauern nicht an, im Gegenteil verschwinden sie bald wieder aus der Seele, außer etwa in dem Fall,

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daß die Seele großen Wert darauf legt. Aber auch dann ist es wieder nur die Eigenliebe, die natürlicherweise eine Erinnerung daran in der Seele wachruft; doch auch diese ist nur schwach und hinterläßt nicht als Frucht jene Liebe und Demut, wie sie die guten Visionen in uns wecken, so oft man ihrer gedenkt

Die Wirkung, welche diese Visionen in der Seele hervorbringen, ist Ruhe und Klarheit, eine Freude wie in der Himmelsglorie, ist Wonne und lautere Liebe, ist demütiger Sinn und Hinneigung oder Erhebung des Geistes zu Gott. Diese Wirkung ist nun freilich manchmal stärker, manchmal weniger stark .“

Dies ist die traditionelle Lehre, gegründet auf die durch Jahrhunderte hindurch erneuerte und wiederholte Erfahrung. Die Menschen des Jahrhunderts von Descartes, Spinoza und Leibniz waren stark beeindruckt von der Geometrie, denn die philosophischen Ansichten wechselten, während die Argumente und die Schlüsse von Euklid und Archimedes unverrückbar gültig blieben. So neigten die Menschen des 17. Jahrhunderts dazu, das Urteilen „modo geometrico“ jeder anderen Art des Urteilens und Schließens vorzuziehen. Es besteht jedoch noch etwas ebenso unverrückbar Gültiges und Allgemeines wie die geometrische Methode: die echte geistige Erfahrung. Wie wir aus den obigen Zitaten der Meister der Spiritualität des 4. und des 16. Jahrhunderts sehen, bleibt die echte geistige Erfahrung die gleiche durch alle Zeitalter hindurch, ganz wie die geometrische Beweisführung dieselbe blieb – bis hin zu Lobaczewski – durch alle Zeitalter hindurch. Und diese unverrückbare Wirklichkeit der geistigen Erfahrung ist das Fundament und das Wesen der Hermetik, d. h. der Erkenntnis, die auf der Erfahrung aus erster Hand der geistigen Wirklichkeit durch alle Zeitalter hindurch beruht. Die Hermetik beschränkt sich also nicht auf die Wortführer der Orden, der Bruderschaften oder der sogenannten hermetischen Gesellschaften, sondern sie umfaßt auch alle diejenigen, die in Sachkenntnis etwas über die geistige Wirklichkeit und über den Weg, der zu dieser Wirklichkeit führt, zu sagen hatten – alle diejenigen also, die, um es mit anderen Worten zu sagen, Zeugen waren der Mystik, der Gnosis und der Magie, deren Einheit die Hermetik ist. Darum haben wir viel mehr Meister, von denen wir lernen können und tatsächlich lernen müssen, als die Liste der Verfasser oder der Autoritäten der sogenannten Kabbalisten, Rosenkreuzer, Esoteriker, Theosophen, Okkultisten usw. enthält. Jedenfalls war dies in der Tat die Ansicht von Papus, Sédir, Marc Haven und anderen, als sie, die alle Mitglieder waren von Orden, Bruderschaften oder Geheimgesellschaften, in Philipp von Lyon ihren Meister erkannten, obwohl er nicht nur keiner Geheimgesellschaft angehörte, sondern dieselben außerdem als mehr oder weniger überflüssig ansah. Und wenn sie das nicht daran hinderte, sich Philipp von Lyon anzuschließen, so weil sie glaubten – übrigens nicht ohne Grund – in ihm einen Meister gefunden zu haben, d. h.

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einen echten Zeugen der geistigen Wirklichkeit, der genau in dem gleichen Sinne verstandenen Hermetik, wie wir sie in diesen Briefen verstehen: als Tradition echter geistiger Erfahrung durch alle Zeitalter hindurch, mit ihren als „Mystik“, „Gnosis“ und „Magie“ bezeichneten Aspekten. Dies war auch die Ansicht von Louis-Claude de Saint-Martin, der, als Mitglied des Einweihungsordens von Martines de Pasqually, nicht zögerte, ebenso gegenüber dem Schuster von Görlitz, Jakob Böhme, zu handeln, wie Papus und seine Freunde gegenüber Philipp von Lyon. Nun weiß auch ich wohl, daß weder der hl. Antonius der Große noch die hl. Teresa von Ávila, noch der hl. Johannes vom Kreuz Mitglieder irgendeiner Geheimgesellschaft, daß sie also keine Repräsentanten einer sogenannten Einweihungstradition waren – aber da sie echte Zeugen der geistigen Wirklichkeit sind, nehme ich ihnen gegenüber die gleiche Haltung ein, die Papus und seine Freunde gegenüber Philipp von Lyon eingenommen hatten, oder Saint-Martin gegenüber Jakob Böhme. Denn die Hermetik ist nicht Exklusivität, sondern Tiefe. Daher gehört alles, was tief ist, zu ihr. Nicht die Einweihungslegitimität bildet die Kette – oder vielmehr den Fluß – der Tradition, sondern das Niveau und die Echtheit der geistigen Erfahrung und die Tiefe des Denkens, die sie mit sich bringt. Die Einweihung selber also bildet die hermetische Tradition durch die Zeitalter hindurch, und nicht die „Übertragung der Einweihung“ in ritueller oder formaler Weise. Wenn die Tradition nur davon abhinge, wäre sie schon seit langem entweder erloschen oder im Dschungel der Kämpfe um Recht und Legitimität verlorengegangen. Nun repräsentiert derjenige, der aus erster Hand weiß, die Tradition, und sein echtes Wissen ist seine Legitimation. Wenn dem nicht so wäre, würde das alte Argument: „Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen?“ die Tradition unfruchtbar gemacht haben, indem es diese auf das Niveau der Schriftgelehrten und Pharisäer herabgesetzt hätte, d. h. auf das Niveau der Gelehrsamkeit und der Regeln. Fügen wir in Parenthese hinzu, daß derjenige, der dieses historische Argument gebraucht hatte, Nathanael, selbst den moralischen Mut hatte, ihm nicht die Rolle eines entscheidenden Kriteriums zuzuschreiben, sondern der Aufforderung des Philippus zu folgen: „Komm und sieh!“ Was zur Folge hatte, daß er sagte: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel“, und daß er die Worte des Meisters hörte:

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen und die Engel Gottes über dem Menschensohn auf- und niedersteigen sehen“ (Jo 1,51).

Das ist die Formel der Essenz der Tradition: den Himmel offen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen. Nun gehören alle diejenigen, die „den Himmel offen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen“ gesehen haben, zur Tradition und repräsentieren sie, darunter der hl. Antonius der Große, die hl. Teresa von Ávila und der hl.

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Johannes vom Kreuz, um nur diejenigen unter den Zeugen zu erwähnen, von denen in diesem Brief die Rede war. Wissen Sie, lieber Unbekannter Freund, wer ein Eingeweihter erster Ordnung in der Tradition der christlichen Hermetik ist? – Der hl. Franziskus von Assisi, der „poverello“ ohne Gelehrsamkeit und ohne Regeln, der ein Stern erster Größe am Himmel der Mystik, der Gnosis und der Magie ist. Denn er hatte nicht nur den Himmel offen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen gesehen, sondern er war zudem dem Initiator selbst von allen echten Einweihungen bei dem Akt der durch den Seraph von oben bewirkten Einweihung ähnlich geworden.

Kehren wir zum fünfzehnten Arcanum des Tarot zurück. Wir haben es bisher unter dem Gesichtspunkt der Erzeugung „künstlicher“ Dämonen behandelt – der individuellen und der kollektiven Zeugung. Was die letztere betrifft, d. h. die Erzeugung der „Egregore“, so gibt es einen wichtigen Punkt, der noch genauer bestimmt werden muß. Die okkultistische Literatur – vor allem die französische des 19. und 20. Jahrhunderts – vertritt nämlich die These (die fast klassisch geworden ist und allgemein akzeptiert zu sein scheint), daß sowohl böse wie gute „Egregore“ in gleicher Weise erzeugt werden können durch kollektive Willens- und Einbildungskraft, d. h., daß die „guten Dämonen“ sich genau auf die gleiche Weise erzeugen lassen wie die bösen. Nach dieser These hängt alles vom Willen und der Einbildungskraft der Erzeuger ab: sind sie gut, so erzeugen sie positive Egregore; sind sie schlecht, dann erzeugen sie negative Egregore. Es gibt also „gute künstliche Dämonen“, wie es schlechte gibt, ähnlich wie es gute und schlechte Gedanken gibt. In praktischer Hinsicht gibt diese These Anlaß zu einem Verfahren, bei dem man sich bemüht, kollektiv einen Egregor „ad hoc“ zu schaffen, einen „Geist der Gruppe“ oder der jeweiligen Bruderschaft. Wenn dieser Egregor einmal geschaffen ist, glaubt man, sich auf ihn stützen zu können und in ihm einen wirksamen magischen Verbündeten zu haben. Man glaubt, daß jede Gruppe einen tätigen „Gruppengeist“ hat, der sie sowohl hinsichtlich ihrer Mitglieder als auch hinsichtlich der äußeren Welt einflußreich macht. Die wirklichen und wirksamen Traditionen, glaubt man, sind letzten Endes nichts als starke und gut ernährte Egregore, die durch die Zeiten hindurch leben und wirken. Nicht allein alle Einweihungsorden und Einweihungsbruderschaften verdanken ihr Leben und ihren Einfluß ihren Egregoren, sondern auch die Kirchen. Der Katholizismus wäre demnach ein Egregor, erzeugt durch den kollektiven Willen und die Einbildungskraft der Gläubigen. Das gleiche gilt von der östlichen Orthodoxen Kirche, dem Lamaismus usw. Das ist die These mit ihren wichtigsten Konsequenzen. Die Klarstellung, zu der ich mich in dieser Sache verpflichtet fühle, läuft auf die These hinaus, daß es keine „guten künstlichen Dämonen“ gibt, und daß man keine „positiven Egregore“ erzeugen kann.

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Die Gründe dafür sind folgende:

Um eine seelische oder „astrale“ Wesenheit zu erzeugen, muß die seelische und mentale Energie, die Sie dafür aufwenden, gerinnen bzw. sich einrollen. Eine Gestalt bildet sich nicht durch Ausstrahlung; sie bildet sich nur durch Gerinnung oder Einrollung. Nun strahlt das Gute immer aus, es rollt sich niemals ein. Es ist immer das Böse, das dies tut. Sie könnten keinen „Dämon der reinen Liebe“ erzeugen und auch keinen „Egregor der universalen Liebe“, weil der Wille und die Einbildungskraft von der zu diesem Zweck erforderlichen Qualität sich nicht als in sich selbst zentriertes Gebilde aufrechterhalten, sondern sich in einer strahlenden Bewegung mit der Welt der geistigen Hierarchien vereinigen würde. Die seelische und mentale Energie der Liebe würde niemals zu der Bildung einer individualisierten seelischen oder „astralen“ Wesenheit Anlaß geben; sie würde sich sofort ganz den himmlischen Hierarchien, den Heiligen und Gott zur Verfügung stellen. Man kann also wohl Dämonen erzeugen, aber keine künstlichen Engel. Wenn es also bei einweihenden, religiösen und anderen Gemeinschaften Egregore gibt, so sind sie immer negativ. Der Egregor des Katholizismus zum Beispiel ist sein schmarotzender Doppelgänger (dessen Existenz zu leugnen vergeblich wäre), der sich in Fanatismus, Grausamkeit, diplomatischer Schläue und übertriebenen Ansprüchen manifestiert. Dagegen sind die Geister von positiven Gemeinschaften niemals Egregore, sondern vielmehr Wesenheiten der zehn Hierarchien (zehn, weil die zehnte Hierarchie – die der Menschheit – mit einbegriffen ist). Es ist also eine menschliche Seele, ein Engel oder ein Erzengel, der die Aufgabe der Leitung einer menschlichen Gemeinschaft im positiven Sinn erfüllt. So ist es durchaus kein Egregor, sondern der hl. Franziskus selbst, der der geistige Leiter des Franziskanerordens ist. Ebenso ist es bei der Kirche. Ihr leitender Geist ist Jesus Christus. Die Nationen stehen unter der Führung von Erzengeln, solange es sich um ihre wahren Aufgaben und ihren geistigen Fortschritt handelt. Sie besitzen aber zugleich durch kollektiven Willen und kollektive Einbildungskraft erzeugte Egregore oder Dämonen. Der „gallische Hahn“ macht also dem Erzengel der Erinnerung die Führung der französischen Nation streitig. Und das gleiche gilt von den anderen Nationen. Man kann einwenden: Wenn das Gute, die seelische und mentale Energie des Guten, sich nicht aufspeichert, wie kann man dann die Wunder oder die magischen Wirkungen bestimmter „heiliger Orte“, Statuen, Ikonen, Reliquien erklären? Geschieht es nicht durch die Tatsache, daß sie „magnetisiert“ werden durch den Glauben, d. h. den Willen und die Vorstellungskraft der Gläubigen? Die heiligen Orte, die wundertätigen Reliquien, Statuen und Ikonen sind keine Stätten der Aufspeicherung seelischer und mentaler Energie von

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Pilgern und anderen Gläubigen, sondern vielmehr Gegenstände oder Orte, wo „der Himmel offen ist und wo die Engel auf- und niedersteigen“ können. Sie sind Ausgangspunkte des geistigen Strahlens, die, um wirksam zu sein, wohl den Glauben der Gläubigen voraussetzen, die aber die Energie nicht etwa bei Gläubigen schöpfen, die sie ihrerseits ausstrahlen. Deren Glaube macht sie nur empfänglich für die heilende und erleuchtende Kraft, die von diesen Orten oder Gegenständen ausstrahlt, aber er ist keineswegs die Quelle dieser Kraft. Man kann also wohl sagen, daß Reliquien usw. irgendwann und durch irgend jemand „magnetisiert“ worden sind in dem Sinne, daß sie zu Türen, Fenstern oder, wenn sie wollen, Gucklöchern zum Himmel geworden sind und einen Eingang für seine Aktivität bilden; aber sie sind nicht „magnetisiert“ worden durch die Gläubigen in dem Sinne, daß sie Aufhäufungen des von den Gläubigen ausgeströmten Fluidums sind, die das tätige Agens bilden für die späteren Heilungen, Konversionen und Erleuchtungen. Das Gesetz der Reliquien usw. ist, daß sie, je mehr man von ihnen nimmt, desto mehr an Kraft ausstrahlen, während das Gesetz der durch das Fluidum magnetisierten Gegenstände das des umgekehrten Verhältnisses zwischen aufgenommener und abgegebener Energie ist. Der Magnetiseur weiß, daß er ein gewisses Maß bei der Abgabe seines Lebensfluidums nicht überschreiten darf ohne Risiko für seine Gesundheit und sein Leben, da sein Lebensfluidum beherrscht wird vom Gesetz der Quantität: je mehr man davon abgibt, desto weniger bleibt übrig. Der Heilige heilt nicht, indem er sein Lebensfluidum auf den Kranken überträgt; er heilt ihn, indem er dessen Krankheit auf sich nimmt und sie in sich als Hostie zum Himmel emporhebt. Das gleiche gilt von Talismanen und Reliquien. Die Talismane sind Depots magischer Energie: sie stehen unter dem Gesetz der Quantität. Die Reliquien dagegen sind Fenster zum Himmel: sie stehen unter dem Gesetz der Qualität, d. h., je mehr sie an Energie abgeben, um so mehr können sie davon verausgaben. Sie sind unerschöpfliche Energiequellen. Sie sind keine Depots oder Akkumulatoren von Energie, sondern vielmehr Erzeuger und Quellen von Energie. Das Weihwasser zum Beispiel enthält nicht die Weihe – oder die Kraft des Willens und der Einbildung des Priesters, der es geweiht hat –, sondern die Weihe schwebt über ihm, indem sie durch die geheiligte Magie der in die Praxis umgesetzten Analogie die ursprüngliche Beziehung wiederherstellt, die zwischen dem Wasser und dem Geiste Gottes am ersten Schöpfungstage bestand, als „der Geist Gottes über den Wassern schwebte“. Das Weihwasser ist also durchaus nicht ein Depot der wohltuenden Kraft der Weihe geworden, sondern es ist empfänglich geworden für die Gegenwart des Himmels. Und wenige Tropfen von ihm sind sehr wirksam, um Dämonen zu vertreiben, wie es authentische Zeugen durch die Jahrhunderte hindurch bekunden. Hier sind wir bei der wichtigen Frage angelangt: Wie kann man die einmal erzeugten künstlichen Dämonen bekämpfen, sich gegen sie verteidigen

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und sie sich vom Halse schaffen? Zunächst, wie sie bekämpfen? Das Gute bekämpft das Böse nicht im Sinne einer zerstörerischen Handlung. Es „bekämpft“ es allein durch die Tatsache seiner Anwesenheit. Ebenso wie die Finsternis der Anwesenheit des Lichtes weicht, ebenso weicht das Böse vor der Anwesenheit des Guten. Die moderne Tiefenpsychologie hat das therapeutische Prinzip entdeckt und in die Praxis umgesetzt, Komplexe des Unbewußten in das Licht des Bewußtseins zu rücken. Denn, so behauptet sie, das Licht des Bewußtseins macht den Komplex der Zwangsvorstellung nicht nur sichtbar, sondern auch machtlos. Diese wichtige Entdeckung der Psychologie stimmt völlig mit der geistigen Wirklichkeit des „Kampfes“ der himmlischen Hierarchien gegen das Böse überein. Denn auch dieser Kampf besteht in ihrer bloßen Anwesenheit, d. h. im Heraufbringen des Bösen ans Licht. Das Licht vertreibt die Finsternis. Diese einfache Wahrheit ist der praktische Schlüssel zum Problem, wie man die Dämonen bekämpft. Der wahrgenommene Dämon, d. h. auf den das Licht des Bewußtseins fällt, ist bereits ein machtlos gewordener Dämon. Aus diesem Grunde hatten die Wüstenväter und andere heilige Einsiedler soviel Erfahrung mit Dämonen. Sie warfen ihr Licht auf sie. Und sie taten es als Repräsentanten des menschlichen Bewußtseins im allgemeinen; denn wer immer sich aus der Welt zurückzieht, wird Repräsentant der Welt, wird „Sohn des Menschen“. Und als „Menschensohn“ zogen die heiligen Einsiedler die Dämonen an, die das Unbewußte der Menschheit heimsuchten, indem sie die Dämonen erscheinen ließen, d. h., sie ins Licht des Bewußtseins stellten und sie so machtlos werden ließen. Während der hl. Athanasius der Große gegen die Irrtümer und die menschlichen Verderbtheiten durch sein öffentliches Leben als Bischof von Alexandria kämpfte, kämpfte sein Freund und Bruder, der hl. Antonius der Große, in der Einsamkeit der ägyptischen Wüste gegen die Dämonen, deren Wirken in der Finsternis des Unbewußten die gleichen Irrtümer und Verderbtheiten aufrührte. Die berühmten „Versuchungen“ des hl. Antonius waren in Wirklichkeit nicht nur solcherart, daß es sich bei ihnen um Heil und Fortschritt seiner Seele handelte, sondern vielmehr und vor allem Akte der Heilung der Menschheit seiner Zeit von dämonischer Besessenheit. Sie waren Taten der geheiligten Magie, die die Dämonen ans Tageslicht des von oben erleuchteten Bewußtseins brachten, wodurch ihre Macht zunichte wurde. Der hl. Antonius zog die Dämonen der Finsternis in das Licht des Bewußtseins des „Menschensohnes“, er machte sie sichtbar, also machtlos. Ein machtlos gewordener Dämon ist wie ein entleerter Ballon. So wurden gewisse kollektiv erzeugte Dämonen des Mittelalters zu reinen Abstraktionen und fielen in Vergessenheit, was zum Beispiel das Schicksal einer berühmten dämonischen Persönlichkeit war, die unter dem Namen

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„Meister Leonhard“ oder „Bock des Sabbat“ bekannt war. Er verschwand von einem Tag zum anderen dank einer beherzten und reinen Seele, die ihn in sich zusammenfallen ließ. Wenn die künstlichen Dämonen ans Tageslicht gebracht werden und man ihnen widersteht, vergehen sie. Sie verschwinden. Bei den „natürlichen“ Dämonen, d. h. den Wesenheiten der Hierarchien zur Linken, ist dem nicht so. Der Dämon zum Beispiel, der Sara, die Tochter des Raguel, liebte und die Bewerber um ihre Hand tötete,

„ fesselte und knebelte ihn auf der Stelle“ (Tob 8, 3)

(floh) durch die Luft bis nach Ägypten

Raphael verfolgte ihn,

nach der Bibel von Jerusalem (französische Ausgabe), und:

„sodann nahm der Engel Raphael den Dämon und fesselte ihn in der Wüste von Ober-Ägypten – tunc Raphael Angelus apprehendit daemonium et religavit illud in deserto superioris Aegypti“,

nach der Vulgata.

Es handelt sich also nicht um die Vernichtung des Dämons, sondern vielmehr um den Wechsel seines Tätigkeitsfeldes und Tätigkeitsortes – und vielleicht der Art seiner Existenz. Der besiegte Dämon der Geschichte des Tobias (die sich nicht in der protestantischen Bibel findet) wurde durch den Erzengel Raphael gezwungen, das Land seines Opfers oder Schützlings zu verlassen, sich in die „Verbannung“ nach Ägypten zu begeben und sich dort seßhaft zu machen. Es war also die Anwesenheit des Erzengels Raphael, die durch das Gebet und den Ritus, die Tobias während der drei Nächte der Hochzeit vollzog, möglich geworden war und die den Dämon zwang, sich zurückzuziehen und sich nach Ägypten zu begeben. Wenden wir uns jetzt dem zweiten Teil unserer Frage zu: Wie verteidigt man sich gegen die Dämonen, und wie befreit man sich von ihnen? Es folgt aus dem Vorhergehenden, daß Klarheit und Redlichkeit des Denkens und der moralischen Haltung ebenso notwendig wie hinreichend sind, um das Licht zu liefern, das die Dämonen machtlos werden läßt. Man hat indessen Ruhe nötig – Zeiten, in denen man in Frieden gelassen wird von den Dämonen, d. h. Zeiten ihrer Abwesenheit. Um dieses zu gewährleisten, muß man die geheiligte Magie zu Hilfe nehmen. Die Tradition, die Erfahrung der Jahrhunderte, lehrt uns, was man tun muß, um sich vor dem Herannahen der Dämonen zu schützen oder, wenn man sie sich nähern fühlt, um sie zu verjagen. Hier einige praktische Ratschläge, die die geheiligte Magie gibt:

Man mache die Zeichen des Kreuzes nach Norden, Süden, Osten und Westen, indem man jedesmal die beiden ersten Verse des 68. Psalmes Davids sagt:

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„Gott erhebt sich, seine Feinde müssen zerstieben; es fliehen vor seinem Angesicht, die ihn hassen. Sie müssen verwehen, wie Rauch verweht; wie Wachs zerfließt vor dem Feuer, so schwinden dahin vor Gottes Antlitz die Sünder.“

Und hier ein anderer Rat, genauso einfach und genauso wirksam wie der vorhergehende:

Wenn man die Depression oder ein anderes Zeichen der Annäherung des Dämons oder der Dämonen fühlt, so spucke man dreimal nach links und bekreuzige sich.

Diese beiden Verfahren sind durch Jahrhunderte erprobt und – ich wiederhole es – sehr wirksam. Sie sind es vor allem hinsichtlich der künstlichen Dämonen. Bei den Hierarchien der Linken ist es nicht so einfach, sich gegen sie zu schützen. Denn die Formel: „Es erhebt sich Gott und es zerstieben seine Feinde“ läßt sich eigentlich nicht auf die Wesenheiten der Hierarchien zur Linken anwenden, weil sie keine Feinde Gottes sind, und außerdem weil sie nicht zerstieben. Man kann ein Gerichtsverfahren nicht erfolgreich bestehen, indem man einfach den Ankläger verjagt. Man muß ihn von der Unschuld des Angeklagten überzeugen. Nur dann wird er schweigen und ihn in Ruhe lassen. Das gleiche gilt von den Wesenheiten der Hierarchien zur Linken – den Hierarchien der „strengen Gerechtigkeit“, wie sie die Kabbala mit Recht bezeichnet. Sie vereinigen in sich die Funktionen des Staatsanwaltes und seiner Ermittlungsgehilfen, der Polizei und der Zeugen der Anklage. Stellen Sie sich einen Gerichtshof vor, dessen Mitglieder sich nicht allein mit der Aufnahme des Tatbestandes begangener Verbrechen beschäftigen, sondern außerdem – und vor allem – damit, die potentiellen Kriminellen auf die Probe zu stellen, indem sie Bedingungen herbeiführen, die ein Verbrechen begünstigen, d. h., indem sie diese den Versuchungen aussetzen. Solcherart ist tatsächlich die Tätigkeit der Wesenheiten der Hierarchien zur Linken gegenüber der Menschheit. Die Geschichte von Hiob liefert dafür ein sprechendes Beispiel. Dort sagt der inmitten der Söhne Gottes anwesende Satan zu Gott über Hiob:

„Ist denn Hiob umsonst so gottesfürchtig? Hast du nicht selbst einen Zaun errichtet um ihn, sein Haus und all sein Eigentum ringsum? Das Werk seiner Hände hast du gesegnet, und sein Besitz dehnt sich im Lande aus. Doch strecke einmal deine Hand aus und rühre an all seinen Besitz. Wahrhaftig, er wird dir ins Angesicht fluchen!“ (Hiob 1, 9 ff).

Und nach erhaltener Erlaubnis stellte Satan ihn auf die Probe. Satan beschuldigte also Hiob nicht einer begangenen, sondern einer möglichen Sünde, und er machte sich an den Versuch, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Er hat sozusagen Laboratoriumsexperimente mit Hiob gemacht, um seine These der Anklage unter Beweis zu stellen.

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Wer bedurfte dessen? – Gott? – Nein, weil Gott der viel zu edle und großmütige Freund und der viel zu zärtliche Vater ist, um seine Freunde und seine Kinder auf die Probe zu stellen; übrigens bedurfte Gott keiner experimentellen Nachprüfung seiner mit Gewißheit gemachten Aussage:

es gibt niemand auf Erden wie ihn. Er ist untadelig und rechtschaffen, fürchtet Gott und meidet das Böse“ (Hiob 1, 8).

Wer es nötig hatte, war also Satan selbst und vielleicht einige „Söhne Gottes“, die bei diesem Gespräch zugegen waren und von der von Satan vorgebrachten Anschuldigung beeindruckt sein mochten. Nun würde im Falle Hiobs kein magisches Mittel genügt haben, um sich gegen Satan zu schützen und ihn zu verjagen. Hiob mußte den Satan davon überzeugen, daß sein Plan, ihn zur Verfluchung Gottes zu bringen, vergeblich war. Die Wesenheiten der Hierarchien zur Linken müssen also durch einen wirklichen Beweis überzeugt werden, daß sie unrecht haben. Es gibt kein anderes Mittel, sie dazu zu bringen, sich zurückzuziehen. So war es auch im Fall des Tobias und des Dämons Asmodeus. Tobias hatte, nachdem er drei Nächte im Hochzeitsgemach mit seiner Verlobten im Gebet zugebracht hatte, bewiesen,

„daß er nicht wie ein brünstiges Pferd oder ein brünstiger Esel war, ohne Vernunft, und daß er Gott nicht vergaß“ (Tobias 6, 17, nach der Vulgata),

bevor der Erzengel Raphael den Dämon zwang, sie zu verlassen und sich nach Ägypten zu begeben. Der Dämon wurde also besiegt durch den tatsächlichen Beweis, daß Tobias nicht so war wie die vorhergehenden sieben Bewerber um die Hand Saras. Der Dämon, der „Sara liebte“, wollte sie schützen vor einer Heirat, die er ihrer für unwürdig erachtete. Nun bewies Tobias, daß er ein ihrer würdiger Gatte war. Ohne dies hätten Herz und Leber des Fisches allein nicht genügt, den Dämon dahin zu bringen, seinen Platz als Beschützer Saras dem Erzengel Raphael und dem Tobias abzutreten. Die Beispiele von „Satan“ bei Hiob und vom Dämon bei Tobias genügen allein schon, um die Natur der Wesenheiten der Hierarchien zur Linken und die Art, wie sie handeln, zu verstehen, ebenso wie die Weise, in der man gegen sie kämpft. Sie sind kritische Geister, d. h. Ankläger, und man kann sie nur dadurch besiegen, daß man sie sozusagen „unter Laboratoriumsbedingungen“ überzeugt, daß die Anschuldigung ohne Grundlage ist – was selten und schwierig ist. Denn ihre Anklage ist gewöhnlich das Ergebnis einer mit unermüdlichem und glühendem Eifer betriebenen Arbeit einer Intelligenz, die sehr klarsichtig und mit einer Ausnahme auch sehr gut informiert ist mit der Ausnahme des intimen moralischen Gewissens des Menschen, das ihnen schlechterdings unzugänglich ist.

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Genau dieser Bereich des inneren moralischen Gewissens ist es, aus dem plötzlich der entscheidende Faktor hervorgehen kann, der die Anklage zugunsten des Beschuldigten wenden kann. Man ist nur dann „gerecht“ und „heilig“, wenn das Gute und das Böse sich darüber einig geworden sind. Deshalb geht einer neuen Heiligsprechung durch die Kirche ein Prozeß voraus, bei dem der „advocatus diaboli“ nicht nur zugelassen wird, sondern sogar erforderlich ist. Ihrer Aufgabe als Ankläger widmen sich die Hierarchien zur Linken auf vielerlei, sehr unterschiedliche Art. Die einen handeln in dem tragischen Bewußtsein, tun zu müssen, was sie nicht mehr wollen und woran sie nicht mehr glauben; die anderen handeln mit leidenschaftlicher Überzeugung und heftiger Empörung. Es gibt auch Wesenheiten der Hierarchien zur Linken, die anklagen, indem sie sich des Lächerlichen bedienen, des Schabernacks als Beweismittel für ihre Anklage. Eine Wesenheit, die zu der letzteren Kategorie gehört, ist in der westlichen Welt bekannt. Es ist Mephistopheles, von dem Goethe ein erstaunlich exaktes Porträt gezeichnet hat. Da er allgemein bekannt ist, genau wie der „Satan“ bei Hiob und der Dämon bei Tobias, kann man, ohne die Grenzen der Diskretion zu überschreiten, von denen am Anfang dieses Briefes die Rede war, das Beispiel des Mephistopheles denen des „Satan“ bei Hiob und des Dämons bei Tobias hinzufügen. Das Lächerliche, dessen sich Mephistopheles bedient, hat einen ernsthaften Hintergrund: er zieht vor allem eitle Ansprüche und Snobismus ins Lächerliche. Hier ein Beispiel:

Ein Journalist, der von allem enttäuscht ist und sich diesen Luxus erlauben kann, hat sich mit seiner Frau von der Eitelkeit der Welt zurückgezogen und bewohnt eine Villa auf einer kleinen Insel in der Nähe Großbritanniens. Als braver Journalist mit ziemlich viel Erfahrung glaubt er an nichts Bestimmtes, noch leugnet er etwas Bestimmtes. Er lebt einfach dahin vom Frühstück zum „Lunch“, vom „Lunch“ zum „Five-o-clock-tea“ und vom „Tee“ zum „Dinner“. Eines Tages stößt ihm aber etwas Außergewöhnliches zu. Er verspürt plötzlich den Wunsch, Papier zu ergreifen und zu schreiben. Er produziert eine Reihe von Manuskripten mit Zeichnungen – er, der niemals gezeichnet hat –, alle nach einem inneren Diktat, für dessen Urheber sich kein geringerer als Osiris aus dem alten Ägypten erklärt, der jetzt die Gelegenheit ergreift, um frei und in allen Einzelheiten zu berichten, was er von der alten Weisheit und Religion weiß, als Botschaft an die Menschheit des 20. Jahrhunderts. Man liest darin die mit hochtrabender Einfachheit dargestellte Geschichte vom Kampf der Guten und der Bösen und wie deren Bosheit gezüchtigt wurde durch die atlantische Katastrophe. Man liest die Einzelheiten des wahren Kultes, wie er in den Tempeln des Osiris gefeiert wurde, und man sieht dort Zeichnungen von Leuchtern, Gefäßen und anderen Kultgegenständen, ebenso Porträts von Osiris und anderen wichtigen Persönlichkeiten des prähistorischen

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Altertums, die sich alle gleichen wie ein Ei dem anderen. Der Empfänger der gewaltigen Offenbarung und seine Frau sind von der Größe der Offenbarung und der Person des Offenbarers so hingerissen, daß sie sich ans Werk begeben, um die unerhörte Offenbarung der ganzen Menschheit zur Kenntnis zu bringen. Und siehe da, ein Sonderverlag bringt von der osirischen Offenbarung einen Band nach dem anderen heraus

Die Geschichte, die ich soeben erzählt habe, ist wahr; der Verlag besteht wirklich; die Bände, die er erscheinen ließ, befinden sich tatsächlich in öffentlichen Bibliotheken Englands; und es gibt zweifellos eine Offenbarung und einen Offenbarer. Nur ist der Offenbarer keineswegs Osiris, sondern Mephistopheles; und die ganze Offenbarung ist nur ein Schabernack von

Leichtgläubigen? – Nein: für die spirituellen Snobs. Denn wer

immer der Verfasser dieser „Offenbarung“ sein mag – Sie, lieber Unbekannter Freund, sind nicht verpflichtet, mir allein auf mein Wort hin zu glauben – wer immer der Verfasser sein mag, will in Wirklichkeit sagen:

„Sie, die Sie wenig halten von dem Bemühen der Wissenschaft, von der Welt des Denkens von Platon bis Kant, von den Schätzen echter Zeugnisse der großen Mystiker, von den Reichtümern der hermetischen Tradition und von den Heiligen Schriften, den Sakramenten, dem Blut und dem Schweiß von Gethsemane, dem Kreuz auf dem Kalvarienberg, der Auferstehung nehmen Sie also, was Sie sich wünschen, Bände voll Banalitäten, dargeboten auf hochtrabende Art, und Ihnen mitgeteilt, wie Sie es wollten:

auf außergewöhnlichem Wege.“

Da haben wir ein Beispiel für die Anschuldigung nach Art des

Mephistopheles gegen diejenigen, die nicht die Wahrheit als solche suchen,

sondern vielmehr außergewöhnliche Umstände der Enthüllung von

etwas. Man ersieht aus diesem Beispiel mephistophelischer Prellerei, daß es mit ein wenig Redlichkeit des Denkens und des moralischen Urteils leicht ist, dieser Täuschung nicht zum Opfer zu fallen. Ich glaube, lieber Unbekannter Freund, daß alles Vorhergehende mit genügender Klarheit hervorgehoben hat 1. den Unterschied zwischen den durch menschlichen Willen und menschliche Einbildungskraft künstlich erzeugten Dämonen und den Wesenheiten der Hierarchien zur Linken; 2. daß das fünfzehnte Arcanum des Tarot dasjenige der Erzeugung und der unterjochenden Verhaltensweise der sogenannten künstlichen Dämonen ist – der tibetanischen „Tulpas“. Es ist eine Warnung, die besagt, daß wir wohl die Kraft zum Erzeugen von Dämonen besitzen, daß aber der Gebrauch dieser Kraft den Erzeuger zum Sklaven des Erzeugten macht.

irgend

ihm für die

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Es bleibt uns noch eine letzte Frage: Waren die heidnischen Götter alle und immer Dämonen, kollektiv erzeugte Egregore? Ist das Heidentum im allgemeinen nichts als Dämonenkult? Bevor man an die Beantwortung dieser Frage herangeht, sollte man gut unterscheiden zwischen dem „Heidentum“ der Mysterien-Eingeweihten und der Philosophen, dem symbolischen und mythologischen „Heidentum“. Mit anderen Worten: Man muß zuerst unterscheiden zwischen dem „Heidentum“ eines Hermes Trismegistos, eines Pythagoras, eines Platon, eines Aristoteles, eines Plotin usw. und dem Heidentum eines Homer und eines Hesiod. Sodann muß man unterscheiden zwischen diesem und sämtlichen Kulten der Sonne, des Mondes, der Sterne, des Feuers, der Luft, des Wassers und der Erde. Und man muß endlich unterscheiden zwischen diesem und sämtlichen Kulten der durch perverse kollektive Einbildungs- und Willenskraft erzeugten „Gottheiten“ – den Kulten bloßer Egregore. Es wäre ein Irrtum und eine schwere Ungerechtigkeit, die vier „Heidentümer“ als ein und dasselbe anzusehen, also z. B. Platon und einen Priester des Moloch, der Menschenopfer darbringt, für Repräsentanten von ein und derselben Sache zu halten. Dies würde der gleiche Irrtum sein, wie in den Scheiterhaufen der Inquisition und in den zum Fest der Auferstehung entzündeten Kerzen die Bekundung des gleichen Lichtes zu sehen, oder Mahatma Gandhi und einen Thug-Würger zum Ruhme der Göttin Kali für Repräsentanten der gleichen Sache – des „hinduistischen Heidentums“ zu halten. Nachdem wir diese Unterscheidungen gemacht haben, kann man sagen, daß die „heidnischen“ Eingeweihten und Philosophen Kenntnis von dem einen Gott besaßen – dem Schöpfer und dem höchsten Gut der Welt. Die Bücher des Hermes Trismegistos, die Bhagavadgita, Platon, Plutarch, Plotin und viele andere antike Quellen bezeugen es, ohne daran auch nur den Schatten eines Zweifels zu lassen. Der Unterschied zwischen der Religion der sogenannten „heidnischen“ Eingeweihten und Philosophen und derjenigen des Moses besteht nur in der Tatsache, daß Moses aus dem Monotheismus eine Volksreligion machte, während jene ihn für eine Elite bewahrten, für eine geistige Aristokratie – wenn diese auch oft recht zahlreich war. Was nun den Kult der „Götter“ und die Bilderverehrung betrifft, die dieser Kult mit sich bringt, so sahen die „heidnischen“ Eingeweihten und Philosophen darin die Praxis der Theurgie, d. h. die Praxis des Verkehrs mit Wesenheiten der himmlischen Hierarchien, sei es, indem man sich zu ihnen erhob, sei es in der Ermöglichung ihres Abstieges und ihrer Anwesenheit auf der Erde in den Heiligtümern der Tempel oder anderswo. Hermes Trismegistos und Jamblichus behandeln diesen Gegenstand mit genügender Klarheit. So sagt Jamblichus:

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setzen sie (die Ägypter) eine einzige (einheitliche) reine

(immaterielle und intelligible) Vernunft über den Kosmos, eine unteilbare in den Gesamtkosmos und eine dritte über alle Himmelskörper, auf sie alle verteilt. Und die Beschauung aller dieser Dinge betreiben sie nicht allein in theoretischer Spekulation, sondern sie verheißen vielmehr auch, durch die heilige Theurgie zu dem, was höher, universeller und über den Schicksalszwang erhaben ist, ja bis zur Gottheit und zum Schöpfer (Demiurgen) selbst emporzusteigen; dabei bedienen sie sich aber weder irgendeiner Materie noch verwenden sie sonst irgend etwas dazu (wie die Zauberer und Gaukler), sondern beachten vielmehr nur den Zeitpunkt (der

Auch diesen Weg (hinauf zum Intelligibel-Göttlichen)

hat Hermes (Thoth) gewiesen.“

hierfür geeignet ist)

Und weiter:

„Alle Götter, die in Wahrheit Götter sind, sind auch Geber nur des Guten allein, verkehren nur mit guten Menschen, kommen nur mit denen zusammen, die durch das Priestertum geläutert worden sind, und vertilgen aus ihnen gänzlich alle Schlechtigkeit und jede leidenschaftliche Regung: Wenn sie (den Priestern und Theurgen in den Visionen) leuchtend erscheinen, weicht nämlich das Schlechte und Dämonische vor dem Höheren zurück und wird unsichtbar wie das Dunkel vor dem Lichte, und vermag die Theurgen nicht im geringsten zu belästigen, woraus diese alle Tugend in sich aufnehmen, von edler Gemütsart und wohlgesittet, dagegen von Leidenschaften und jeder ungeordneten Regung befreit werden und sich von der Befleckung durch eine gottlose und unfromme Denk- und Handlungsweise reinhalten.“

Dies sind die Hauptzüge der Theurgie des „Heidentums“ der Eingeweihten und der Philosophen. Sie werden wichtige Einzelheiten auch bei Plutarch finden, ebenso bei Plotin, bei Hermes Trismegistos und bei Proclus. Es steht also außer Frage, daß das „Heidentum“ der Eingeweihten und der Weisen – soweit es nicht entartet war – nichts zu tun hatte mit dem Kult kollektiv erzeugter Dämonen. Das Heidentum der Dichter, das symbolische und mythologische Heidentum, war – insofern es nicht eine symbolische Lesart der Weisheit und der Magie (Theurgie) der Mysterien war – ein universaler Humanismus. Seine „Götter“ waren eigentlich menschliche Persönlichkeiten, vergöttlichte oder dichterisch ausgeschmückte Heroen und Heroinnen, Urbilder für die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit, planetarische und dem Tierkreis entsprechende Typen. So waren Jupiter, Juno, Mars, Venus, Merkur, Diana, Apollo usw. keineswegs Dämonen, sondern richtunggebende Urbilder für die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit, die ihrerseits den kosmischen Prinzipien der Planeten und des Tierkreises entsprachen.

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Was die dritte Form des Heidentums betrifft – das „naturalistische Heidentum“ –, so war es „kosmolatrisch“, d. h., es überschritt nicht die Grenzen der Natur – genau wie die heutige Naturwissenschaft. Es war also „neutral“ hinsichtlich der wahren geistigen Welt und der Dämonen. Es akzeptierte Dämonen als eine Tatsache, mit der man sich zu arrangieren hatte, aber indem es sich vor der Natur verneigte, erzeugte es selbst keine Dämonen, denn dies wäre entgegen der Natur gewesen: die Erzeugung von Dämonen setzt einen perversen Willen und eine perverse Einbildungskraft voraus. Endlich bleibt noch die vierte Form des Heidentums – die Anbetung von kollektiv erzeugten Dämonen. Das ist die einzige Form des Heidentums – die aus der Degeneration der drei anderen Formen, vor allem des „naturalistischen Heidentums“ herrührt –, wo Dämonen erzeugt und angebetet wurden und man ihnen gehorchte. Dies hat dem ganzen Heidentum den ungerechten und verleumderischen Ruf einer „dämonischen Religion“ eingebracht. Die Kirchenväter, die es – mit wenigen Ausnahmen – als solche behandelten, hatten es allerdings vor allem mit dem degenerierten Heidentum zu tun, und sie hatten folglich Grund, im volkstümlichen heidnischen Kult ihrer Zeit entweder den Kult von Dämonen oder von Fabeln der Dichter zu sehen. Aber diejenigen unter ihnen, wie Clemens von Alexandrien, Origenes, der hl. Augustinus, Synesius, die vom Heidentum der Eingeweihten und der Philosophen (das die reine Essenz des Heidentums als solchem ist) Kenntnis besaßen, sprachen davon, daß „alle Menschen eine gesunde Vorahnung von der moralischen Lehre“ besaßen und daß, wie Origenes sagt:

. es gar nicht wunderbar (ist), wenn derselbe Gott das, was er durch die Propheten und den Heiland verkünden ließ, auch den Seelen aller Menschen eingepflanzt hat“,

was etwas ganz anderes ist, als ein Dämonen verehrendes Heidentum. Für die christliche Hermetik ist es selbstverständlich, daß das Kommen Jesu Christi als Ereignis von universaler Tragweite seine universale Vorbereitung hatte, d. h., daß, wie die Propheten Israels bis zu Johannes dem Täufer sein Kommen im Fleische vorbereiteten, ebenso auch die Eingeweihten, die Weisen und die Gerechten der ganzen Welt die Erde auf sein Wort und seinen Geist vorbereiteten. Der fleischgewordene LOGOS

wurde überall erwartet, wo man litt, starb, glaubte, hoffte, liebte

Juden bereiteten die Inkarnation vor, die Heiden bereiteten sich vor, darin den LOGOS zu erkennen. Das Christentum hat überall Vorläufer gehabt – der Chor der Vorläufer umfaßt nicht allein die Propheten Israels, sondern auch die

Eingeweihten und die Weisen des Heidentums.

Die

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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

Sechzehnter Brief

DAS

GOTTHAUS

Das Arcanum des Bauens

Das menschliche Böse – Nicht im Fleisch, sondern in der Seele – Negative und positive Askese – Der Sündenfall vor dem irdischen Leben der Menschheit – Die Ursünde – Unwissenheit oder unerlaubte Erkenntnis? – Östliche und westliche Tradition – Brudermord des Kain, Erzeugung der Riesen, Turmbau zu Babel – Der Blitz trifft den Turm – Fegefeuer – Das Magnifikat – Selbsterhöhung – Spezialisierung – Bauen oder Wachsen – Das Rosenkreuz – Keine hermetische Technik – Vermählung der Gegensätze – Friede – Buße – Die Alchimie des Kreuzes – Konzentration, Meditation, Kontemplation – Zur geistigen Bedeutung der Wochentage.

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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

DAS

GOTTHAUS

Das Arcanum des Bauens

„Hoch preist meine Seele den Herrn, und mein Geist frohlockt in Gott, meinem Heilande. Denn er hat niedergeschaut auf die Niedrigkeit seiner Magd. Denn siehe, von nun an

werden mich selig preisen alle Geschlechter

Er hat

die Hochmütigen in ihres Herzens Sinne. Gewaltige hat er vom Thron gestürzt

und Niedrige erhöht. Hungrige hat er erfüllt mit Gütern und Reiche leer davongeschickt” (Lk 1, 46 ff 51 ff).

zerstreut

„Jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden" (Lk 14,11).

„Mit dem Reiche Gottes ist es so, wie wenn ein Mann den Samen auf die Erde streut und dann schlafen geht und wieder aufsteht, bei Nacht und bei Tage, und der Same geht auf und wächst empor, ohne daß er selbst davon weiß" (Mk 4, 26 f).

empor, ohne daß er selbst davon weiß" (Mk 4, 26 f). Lieber Unbekannter Freund, die Erzeugung

Lieber Unbekannter Freund,

die Erzeugung von künstlichen Dämonen und die Natur der Wesen der Hierarchien zur Linken bildeten das Hauptthema des vorhergehenden Briefes. Nachdem man vor dem inneren Auge alles hat vorüberziehen lassen, was man über die verschiedenen Wesen der Welt des Bösen weiß, kann man sich in Anbetracht der Tatsache, daß das Fleisch als solches unschuldig ist und der menschliche Wesenskern das Ebenbild Gottes darstellt, fragen, ob allein die Dämonen und die Wesen der Hierarchien zur Linken die Ursache des Bösen sind und ob es ohne sie kein Böses im menschlichen Leben und in der Geschichte der Menschheit geben würde. Diese Frage ist nicht neu. Man beschäftigte sich schon im Altertum mit ihr, und so auch im dritten Jahrhundert unseres Zeitalters. So sagte Origenes, geboren um 184/185 n. Chr. in Alexandria:

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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

„Daher meinen die Einfacheren unter denen, die an den Herrn Christus glauben, alle Sünden, die die Menschen begingen, kämen von diesen feindlichen Mächten, die den Geist der Sünder bedrängen, insofern in diesem unsichtbaren Kampfe die Gewalten sich überlegen erwiesen. Wenn also, um es einmal so auszudrücken, der Teufel nicht existierte, würde überhaupt kein Mensch sündigen. Wir jedoch sind bei genauerer Betrachtung der Sachlage der Meinung, daß dem nicht so ist, wenn wir die Folgen erwägen, die offensichtlich von der körperlichen Notwendigkeit herrühren. Soll man etwa annehmen, daß der Teufel die Ursache dafür ist, daß wir Hunger und Durst haben? Das wird, glaube ich, niemand zu behaupten wagen. Wenn dieser also nicht die Ursache unseres Hungers und Durstes ist, wie steht es dann damit, wenn das Alter eines jeden Menschen sich der Mannbarkeit nähert und Anreize liefert für die natürliche Hitze? Die logische Folge ist doch, daß der Teufel, wie er nicht die Ursache von Hunger und Durst ist, so auch nicht von jener Regung, die im erwachsenen Alter auf natürliche Weise entsteht, nämlich des Dranges nach geschlechtlicher Vereinigung. Es steht also fest, daß die Ursache dafür nicht immer vom Teufel ausgeht, so daß man annehmen müßte, wenn es den Teufel nicht gäbe, würde der Körper kein Verlangen nach solcher Vereinigung haben. Setzen wir nun einmal voraus, daß es, wie oben gezeigt, nicht der Teufel, sondern ein natürlicher Antrieb ist, der den Menschen nach Nahrung begehren läßt. Dann wollen wir überlegen, ob es möglich wäre, wenn der Teufel nicht wäre, daß der Mensch beim Genuß von Nahrung soviel Erfahrenheit und Zucht walten ließe, daß er niemals das Maß überschritte, d. h., daß er (nie) die Nahrung in anderer Weise als erforderlich oder reichlicher, als die Vernunft gestattet, zu sich nähme und daß es dem Menschen nie geschehen könnte, daß er bei der Wahrung von Maß und Menge der Nahrung einen Fehler machte. Ich jedenfalls glaube nicht, daß die Menschen, auch wenn sie kein Antrieb des Teufels gelockt hätte, diese (Forderung) so genau hätten einhalten können, daß keiner beim Verzehren der Nahrung Maß und Zucht überschritte, es sei denn, nachdem sie es durch lange Gewohnheit und Erfahrung gelernt hätten. Was folgt daraus? Beim Essen und Trinken war es möglich, daß wir uns auch ohne den Antrieb des Teufels verfehlten, wenn wir etwa zuwenig Selbstbeherrschung oder Aufmerksamkeit aufbrachten; soll man da nicht annehmen, daß uns beim Verlangen nach Geschlechtsverkehr und der Stillung natürlicher Begierden etwas Ähnliches geschieht? Und ich glaube, daß die gleiche Schlußfolgerung auch bei den übrigen natürlichen Regungen gezogen werden kann, bei Begierde, Zorn, Trauer und überhaupt allem, was durch den Fehler der Zuchtlosigkeit das natürliche Maß überschreitet.

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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

Der Sachverhalt ist also offenbar so: Ebenso wie im Guten der menschliche Willen allein für sich nicht ausreicht, um das Gute zu vollbringen – denn zu jeglicher Vollendung wird er (erst) durch göttliche Hilfe geführt –, so kommen uns auch beim Gegenteil die Anfänge, gewissermaßen die Samen der Sünde von den Dingen, die natürlich und alltäglich sind; wenn wir uns aber über Gebühr ihnen hingeben und nicht gegen die ersten Regungen der Zuchtlosigkeit Widerstand leisten, so ergreift die feindliche Macht die Gelegenheit dieser ersten Verfehlung, stachelt an und drängt weiter und sucht auf jede Weise die Sünden immer mehr auszuweiten; wir Menschen bieten dabei die Ansatzpunkte und die Anfänge der Sünden, die feindlichen Mächte aber dehnen sie aus in die Breite und Länge und, wenn es möglich ist, über alle Grenzen.“ (Origenes) Da haben wir eine klare Antwort: Es gibt im Menschen – und namentlich in seiner Seele und nicht im Fleisch – einen Keim des ihm eigenen Bösen, ohne den die von außen herankommende Versuchung auf ihn keinerlei Wirkung haben würde. Denn die Versuchung wäre machtlos, wenn sie nicht in der menschlichen Seele ein schon vorbereitetes Feld fände. Wie nun das fünfzehnte Arcanum sich auf das dämonische Böse bezieht, bezieht sich das sechzehnte Arcanum auf das menschliche Böse, d. h. auf das Böse, das nicht von außen kommt, sondern vielmehr seinen Ursprung im Innern der menschlichen Seele hat. Das unglückselige Mißverständnis, das das angeborene menschliche Böse in das Fleisch anstatt in die Seele verlegt, ist die Folge einer auf das Materialistische hin tendierenden Auslegung der biblischen Geschichte vom Paradies und dem Sündenfall. In der Tat, wenn das Paradies als ein Ort auf irdischer oder materieller Ebene verstanden wird, und wenn der Sündenfall so aufgefaßt wird, als habe er auf dieser Ebene stattgefunden, läßt das menschliche angeborene Böse sich nicht anders als biologisch erblich verstehen, d. h., daß das Fleisch dann den Keim des Bösen von Generation zu Generation trägt und weitergibt. Demnach ist das Fleisch der Feind der Seele, gegen das man kämpfen soll. So „züchtigt“ man es, indem man es schlägt, man schwächt es, indem man es der Nahrung und des Schlafes beraubt, man mißachtet und quält es auf vielerlei Art. Man schämt sich seines Fleisches. Indessen hätte das Fleisch mehr Recht und Grund, sich der Seele zu schämen, die es bewohnt, als umgekehrt. Denn das Fleisch ist ein Wunder an Weisheit, Harmonie und Beständigkeit, das nicht die Verachtung, sondern vielmehr die Bewunderung der Seele verdient. Kann sich die Seele so dauerhafter moralischer Prinzipien rühmen, wie zum Beispiel das Knochengerüst des Körpers dauerhaft ist? Ist sie so unermüdlich und treu in ihren Gefühlen, wie es zum Beispiel das fleischliche Herz ist, das Tag und Nacht schlägt? Besitzt sie eine Weisheit, die der des Körpers vergleichbar ist, der so Entgegengesetztes wie Wasser und Feuer, Luft und festen Stoff in Einklang zu bringen weiß?

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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

Während die Seele von entgegengesetzten Wünschen und Gefühlen

zerrissen ist, weiß dies „verächtliche“ Fleisch die Luft, die es eingeatmet hat, den festen Stoff, den es in der Nahrung aufgenommen hat, das Wasser, das es getrunken hat, und das Feuer, das es unablässig in sich erzeugt, zu

vereinen und zur Zusammenarbeit zu bringen

sollte, um die Geringschätzung in Achtung, Bewunderung und Dankbarkeit zu verwandeln, so erinnere man sich, wenn man Christ ist, daß Jesus Christus, der Sohn Gottes, dieses Fleisch bewohnt hat, und wie sehr er es durch die Vereinigung mit ihm in der Inkarnation geehrt hat. Ebenso vergesse man nicht, wenn man Buddhist oder Brahmane ist, daß auch Buddha und Krishna dieses Fleisch bewohnt haben und daß es ihnen bei der Erfüllung ihrer Aufgabe gedient hat. Die negative, gegen das Fleisch und nicht auf die himmlischen Dinge gerichtete Askese ist die praktische Folge der Verlegung von Paradies und Sündenfall in die Materie. Allein schon die Tatsache jedoch, daß ein Cherub „östlich von dem Garten Eden aufgestellt ist, mit dem flammenden Schwert, um den Weg zum Baum des Lebens zu schützen“, genügt, um den leisesten Zweifel daran zu zerstreuen, daß es sich um einen höheren als den irdischen Plan handelt und daß es also die Seelen waren, die die Ursünde begangen haben, und das Fleisch nichts damit zu tun hat. Der Sündenfall geschah vor dem irdischen Leben der Menschheit – das ist die hermetische Lehre, die von Pythagoras und Platon wieder aufgegriffen und in den ersten christlichen Jahrhunderten von Origenes vertreten wurde. Origenes lehrte, daß Gott alle Seelen gleich geschaffen habe, daß unter diesen Seelen einige in der geistigen Welt gesündigt hätten und sie verlassen mußten, um zur Erde zu gehen: das sind die menschlichen Seelen; daß andere sich dagegen zu Gott wandten, sich vervollkommneten und Engel geworden seien. Erteilen wir Origenes selbst das Wort:

Und wenn dies nicht genügen

„Ferner wenden sie (die Häretiker) ein, was die irdischen Wesen betreffe, so hätten einige bei der Geburt ein glücklicheres Los, wenn einer z. B. von Abraham abstamme und aus der Verheißung geboren werde (vgl. Röm 9, 8); oder wenn ein anderer von Isaak und Rebekka stamme, (jener), der ,noch im Mutterleibe seinen Bruder zu Fall brachte’ (vgl. Hos 12, 4) und, wie es heißt, noch vor der Geburt von Gott geliebt wurde (vgl. Mal 1, 2 und Röm 9, 13); oder überhaupt wenn einer unter den Hebräern geboren wird, wo er die Erziehung des göttlichen Gesetzes vorfindet; ein anderer aber bei den Griechen, die ebenfalls Menschen von Weisheit und nicht geringer Bildung sind; ein anderer aber bei den Äthiopiern, die Menschenfleisch zu essen pflegen, andere bei den Skythen, bei denen der Vatermord Brauch ist, oder bei den Taurern, wo Fremde geopfert werden. Sie sagen uns nun: Wenn diese große Mannigfaltigkeit, diese Verschiedenheit der Umstände der Geburt, wobei die Fähigkeit zum freien Entschluß ja keine Rolle spielt – denn niemand kann selbst wählen, wo, bei welchen Menschen und in welcher Stellung er geboren wird –, wenn also, so

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sagen sie, dies nicht von einer Wesensverschiedenheit der Seelen bewirkt wird, dergestalt, daß eine im Wesen schlechte Seele für ein schlechtes Volk bestimmt wird, eine gute für ein gutes: was bleibt dann übrig als anzunehmen, es ginge dabei regellos und zufällig zu? Wir aber als Menschen wollen, um nicht die Verwegenheit der Irrlehrer durch Schweigen zu befördern, auf ihre Einwände zur Antwort geben, was uns nach unserem Vermögen in den Sinn kommt. (Dies ist)

folgendes: Daß Gott, der Schöpfer des Alls, gut, gerecht und allmächtig ist, haben wir früher oft nach unseren Kräften mit Beweisen aus den göttlichen Schriften gezeigt. Als er im Anfang das schuf (vgl. Gen 1, 1), was er schaffen wollte, nämlich die Vernunftwesen, hatte er keinen Grund für das Schaffen als sich selbst, d. h. seine Güte. Da er also selbst der Grund war für das zu Schaffende, und in ihm keine Verschiedenheit, keine Veränderlichkeit und kein Unvermögen war, schuf er alle Wesen, die er schuf, gleich und ähnlich, da es für ihn keinen Grund für Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit gab. Aber da die Vernunftgeschöpfe selbst, wie wir oft dargetan haben und an seinem Orte wieder dartun werden, mit der Fähigkeit der freien Entscheidung beschenkt sind, regte die Willensfreiheit einen jeden entweder zum Fortschritt durch Nachahmung Gottes an oder zog ihn zum Abfall durch Nachlässigkeit. Dies wurde für die Vernunftwesen, wie wir schon früher sagten, zur Ursache der Verschiedenheit; sie hat ihren Ursprung also nicht im Willen und der Entscheidung des Schöpfers, sondern im

Auf diese Weise wird der Schöpfer nicht

eigenen freien Entschluß

ungerecht erscheinen, wenn er infolge voraufgehender Ursachen jedem nach Verdienst seine Stelle gibt; und man wird auch nicht glauben, Glück oder Unglück der Geburt und das besondere Geschick, das mit ihr gegeben ist, beruhten auf Zufall, und man wird auch nicht verschiedene Schöpfer

und wesensmäßig verschiedene Seelen annehmen.“

Die Lehre, nach der die präexistente Seele in der vorirdischen Sphäre in sich den Keim des Bösen aufgenommen hat, indem sie sündigte, hat die positive Askese zur praktischen Folge, d. h. die Askese der Sühne und der Wiedervereinigung der Seele mit Gott. Die positive Askese kämpft nicht gegen das Fleisch, wohl aber gegen den Keim des Bösen in der Seele, um sich mit Gott wiedervereinigen zu können. Wenn zum Beispiel Therese Neumann durch Jahrzehnte hindurch nur die Oblate des Sakraments der heiligen Kommunion als Nahrung zu sich nahm, geschah das nicht, weil sie gegen das Fleisch kämpfte oder es verachtete, sondern weil sie wirklich vom Heiligen Sakrament lebte, ohne Schaden für die Gesundheit des Leibes. Und wenn jemand zum Beispiel eine Nacht im Gebet verbringt ohne Schlaf, tut er es nicht, um den Körper der Ruhe zu berauben, wohl aber um sich im Gebet mit Gott zu vereinigen.

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Der hl. Martin hat seinen Mantel mit dem Armen geteilt, nicht weil er sein Fleisch unter der Kälte leiden lassen wollte, sondern weil er dem Leiden seines Nächsten ein Ende bereiten wollte, dessen Leib des Schutzes gegen die Kälte bedurfte. Der hl. Antonius hatte sich nicht in die Wüste begeben, um dort sein Fleisch leiden zu lassen, wohl aber, um dort allein in der Gegenwart Gottes zu sein. Der Mönch verzichtet nicht deswegen auf die Heirat, weil er die Liebe, die Frauen und die Kinder haßt, sondern weil er in Liebe zu Gott entflammt ist und für eine andere Liebe kein Raum mehr in ihm bleibt. Die positive Askese ist allumfassend. Jeder übt sie aus. Ein Wissenschaftler, der sich in sein Arbeitszimmer zurückzieht, um seinen Studien nachzugehen, tut es, weil er von der Suche nach der Wahrheit erfüllt ist, und nicht etwa um seinen Leib der Sonne, der frischen Luft und anderer Wohltaten oder Vergnügungen der Welt außerhalb seines Arbeitszimmers zu berauben. Die Ballett-Tänzerin fastet viel, um ihren Körper schlank und geschmeidig zu erhalten. Der Arzt unterbricht seinen Schlaf des nachts, wenn er zu einem Kranken gerufen wird. Der Missionar bewohnt aus freiem Willen die elende Hütte eines Negerdorfes, nicht etwa um im Elend zu leben, sondern um dieses Elend mit seinen Brüdern zu teilen. Das Prinzip der positiven Askese findet sich auf denkbar klarste Art im Evangelium ausgedrückt:

„Das Himmelreich ist gleich einem im Acker verborgenen Schatz. Den fand einer und deckte ihn (wieder) zu. Voll Freude geht er hin, verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker. Wiederum ist das Himmelreich gleich einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er aber eine kostbare Perle fand, ging er hin, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte sie“ (Mt 13, 44 ff). Die positive Askese ist also der Tausch des Guten für das Bessere.

Kommen wir jetzt zurück zum Problem des angeborenen menschlichen Bösen. Was ist es? Es ist ahamkara, das Gefühl des Ich, das auf avidya beruht, der ursprünglichen, durch das Vermögen der Projektion (viksepa-çakti) verursachten Unwissenheit, die mit der geistigen Verfinsterung (aveti- çakti), verbunden ist, die in der illusorischen Gleichsetzung des wahren Selbst (atman) mit dem empirischen Ich besteht – wie es durch die Offenbarung (cruti), die direkte echte Erfahrung (pratyaksa), die Tradition (smrti) und die Schlußfolgerung (anumana) klar bezeugt wird – so antwortet die alte Weisheit Indiens durch den Mund amkaras, des Autors ihrer Zusammenfassung und ihrer Synthese. Es ist das Begehren (tanhā), das durch die Unwissenheit (avidya) erzeugt wird, die darin besteht, daß man einer trügerischen mentalen Gestalt des „Ich“ die Rolle des Mittelpunktes zuerkennt, während der Mittelpunkt nirgends oder überall ist, so antwortet der Buddhismus (das Prâjnapâramita

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von Nâgarjuna). Der andere Strom der Tradition – der rechte Flügel der Wesenheit der Weisheit, wenn Sie so wollen – der westliche, ägyptisch-jüdisch-christliche Strom – gibt eine andere Antwort. Nach ihm geht das angeborene menschliche Böse nicht auf die ursprüngliche Unwissenheit (άγνωσία) zurück, sondern auf die Sünde der Erkenntnis durch sich selbst statt durch Gott. Die Abhandlungen der vorchristlichen Hermetik („Kore Kosmu“ und „Poimandres“) und die Bibel (die Genesis) stimmen darin überein, daß es die Ursünde ist, die dem angeborenen menschlichen Bösen zugrunde liegt. Sowohl die hermetischen Abhandlungen als auch die Bibel berichten von der im Himmel (Hermetik) oder im Paradies (Bibel) vor dem Fall (πρώτη κάθοδος) begangenen Ursünde, und sowohl die vorchristliche Hermetik als auch die Bibel beschreiben diese als den Akt des Ungehorsams gegenüber Gott, d. h. als die Trennung des menschlichen Willens von dem Gottes und den Mißklang zwischen diesen beiden Willen, der verursacht wurde durch das Begehren nach einer anderen Art des Wissens als der der Offenbarung und eines anderen Gegenstandes des Wissens als Gott und seiner Offenbarung durch die Welt. Unter den hermetischen Texten spricht „Kore Kosmu“ auf ausdrücklichste Art von der Sünde vor dem Fall, deren Folge und Bestrafung der Fall war. Hier der betreffende Text:

„18. Nachdem er also gesprochen hatte, vermischte Gott, der auch mein Herr ist, die beiden übrigen Elemente – Wasser und Erde – miteinander, und hauchte ihnen eine lebenspendende Kraft ein; und er sprach über sie geheime Worte, voll Macht, doch nicht so wie jene, die er zuvor ausgesprochen hatte. Dann schüttelte er die Mischung kräftig, und als dann die Kruste, die auf der Oberfläche schwamm, eine leuchtende Färbung angenommen hatte und genügend geronnen war, nahm er diese und gestaltete daraus die Tierkreiszeichen nach menschlicher Gestalt.

19. Den Rückstand dieser Mischung übergab er den Seelen, die

soweit fortgeschritten waren, daß sie zu den Wohnstätten der Götter aufsteigen konnten, zu den Orten nahe den Sternen bei den geheiligten Dämonen, und Gott sprach: ,Meine Kinder, Nachkommen meines Wesens, empfanget diesen Rückstand, der von meinem Schaffen übrigblieb, und es schaffe ein jeder von euch etwas nach seiner Natur und sehet: Ich will noch

jene Dinge vor euch hinstellen, die euch als Vorbild dienen werden.’ Und dann nahm er die Mischung wieder in seine Hände

20. und schuf daraus im Einklang mit den psychischen Regungen

den Tierkreis, voll Ordnung und Schönheit (κόσμος), nachdem er den Tierkreiszeichen in Menschengestalt in wohlausgewogener Weise jene hinzugefügt hatte, die man Tiere nennen kann, denen er dann auch die wohlbekannten aktiven Eigenschaften verlieh und einen zu jeder Gestaltung

fähigen kunstvollen Hauch, der der Schöpfer aller der Ereignisse von

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universaler Tragweite ist, die für immer aufeinander folgen sollten.

21. Und Gott versprach, den sichtbaren Werken der Seelen

unsichtbaren Hauch zu verleihen, und jeder Kreatur, die noch geschaffen werden sollte, die Kraft zu geben, andere sich selbst gleichende Wesen zu

erzeugen. Den Seelen selbst aber ward nicht auferlegt, immer wieder nur das zu schaffen, was sie zuerst hervorgebracht hatten.

22. ,Was taten also die Seelen, o meine Mutter?’ Und Isis sagt:

‚Nachdem sie genommen, was von der Materie gemischt war, mein Sohn

Horus, suchten sie zuerst, es zu verstehen; sie beteten die Mischung als Werk des Vaters an und fragten sich, woraus sie zusammengesetzt sei; nun war das für sie nicht leicht zu erkennen. Als sie sich aber so auf diese Nachforschung eingelassen hatten, ergriff sie die Furcht, sich den Zorn des Vaters zuzuziehen, und sie wandten sich der Ausführung seiner

Anordnungen zu

Fische und Reptilien durch die Seelen).

24. Und diese Seelen, mein Kind, als ob sie eine Heldentat vollbracht

hätten, bewaffneten sich sogleich mit einer zudringlichen Frechheit (oder ,unverschämten Neugierde’ – περίεργος τόλμος) und übertraten die Gebote Gottes: sie verließen jetzt ihre Bezirke und Sammelplätze und willigten nicht länger ein, an einem einzigen Ort zu wohnen, sondern hörten nicht auf, sich

zu bewegen; weiter an einen einzigen Aufenthaltsort gebunden zu sein, kam ihnen dem Tode gleich;

25. dies Benehmen der Seelen entging jedoch nicht dem Herrn und

Gott des ganzen Universums, und er suchte für sie eine Bestrafung und eine Fessel, die ihnen mühselig zu ertragen war. Und so gefiel es dem Oberhaupt und unumschränkten Herrn aller Dinge, den menschlichen Körper anzufertigen, damit in diesem Organismus das Geschlecht der Seelen für

immer seine Züchtigung erlitte.’“

Halten wir die besonders hervorstechenden Stellen des Textes fest: Die Seelen sind beauftragt mit der Gestaltung der Tiere nach ihren himmlischen Tierkreis-Vorbildern; aber anstatt sich diesem synthetischen Werk zu widmen, „beteten sie die Mischung als Werk des Vaters an und fragten sich, woraus sie zusammengesetzt sei „, d. h., sie widmeten sich der Analyse. Sie zogen die analytische Erkenntnis dem synthetischen schöpferischen Werk vor, was zur Folge hatte, daß sie ihre Grundhaltung der Vertikalen (Gott – Seele) gegen die horizontale (Seele – Welt) eintauschten und „nicht aufhörten, sich zu bewegen“ in der Horizontalen, während es für sie „dem Tode gleichkam, weiter an einen einzigen Aufenthaltsort gebunden zu sein“, d. h. an die Unbeweglichkeit in der Vertikalen. Vergleichen wir jetzt die in diesem Text hervortretenden Begebenheiten mit denen des biblischen Berichtes. Dort ist der Mensch von Gott in den Garten Eden versetzt und zu dem schöpferischen Werk berufen, „damit er ihn bebaue und bewache“.

(es folgt die Gestaltung der Vögel, der Vierfüßler, der

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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

Er lebt unter dem Gesetz der Vertikalen: er aß von allen Bäumen des Gartens, d. h. von den Methoden der Ekstase und Enstase des Gebets, der Meditation und der Betrachtung, die die Seele zu Gott erheben. Und es gab nur ein einziges Verbot – das, von einem einzigen „Baum“ zu „essen“, dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, denn am Tage, wo er davon essen werde, würde er sterben. Der Mensch im Paradies gab allen Tieren ihre Namen, „die Gott zum Menschen führte“, damit jedes Tier den Namen trage, den der Mensch ihm geben würde. Schließlich aßen Adam und Eva von dem verbotenen Baum, von dem Wunsch bewegt, „die Augen aufgetan zu haben und zu sein wie Götter, erkennend das Gute und das Böse“, und sie wurden daraufhin aus dem Garten Eden vertrieben, um die Erde zu bebauen. Die Ähnlichkeit, wenn nicht Identität der beiden Erzählungen ist augenfällig. Hier wie dort handelt es sich um die Sünde der „unverschämten Neugierde“ (oder „zudringlichen Frechheit“); hier wie dort folgt der Mensch dem Wunsch, „die Augen aufgetan zu haben und zu sein wie Götter“; hier wie dort widmet er sich einer schöpferischen, magischen Aufgabe hinsichtlich der Tiere; hier wie dort ändert er seine Grundhaltung von der Vertikalen in die Horizontale – was zur Folge hat, daß er sich inkarniert mit allen Konsequenzen der Inkarnation: Leiden, Mühe und Tod. Es gibt allerdings Unterschiede zwischen den beiden Berichten: die Seelen gestalten die Tiere – der Mensch gibt ihnen nur die Namen; „die Orte nahe den Sternen“ – der Garten Eden; die Vielheit der Seelen – Adam und Eva; die Zusammensetzung der Mischung des Vaters – der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Man versteht sie leicht, wenn man sich über den Unterschied Rechenschaft gibt, der im allgemeinen zwischen der Abhandlung „Kore Kosmu“ und der Genesis des Moses besteht. Diese lehrt, d. h. gibt eine Unterweisung, während jene die Tatsachen des Anfangs der Geschichte der Welt und der Menschheit erzählt. Die eine ist ein Kommentar der Welt, während die andere eine Chronik ist. Darum sind die Tatsachen und Ereignisse in „Kore Kosmu“ auf eine intellektualisierte Weise dargestellt, insofern und soweit sie nämlich mit genügender Klarheit Ideen ausdrücken. Die Erzählung der Genesis dagegen stellt dem Geist des Lesers mit magischer Kraft die zur Sache gehörigen Tatsachen der spirituellen Geschichte der Welt und der Menschheit vor Augen. „Kore Kosmu“ will überzeugen, während die Genesis die tiefen Reminiszenzen der fernen Vergangenheit wachruft, die in den Untergründen der Seele schlummern – die Erinnerung an das „kollektive Unbewußte“, hätte Jung gesagt. Da sie ein magischer Text ist, sagt die Genesis nicht, daß der Mensch die Tiere gestaltete, sondern vielmehr, daß er ihnen „die Namen gab“. Nun ist der „Name“ in der Sprache der Magie das gestaltende Prinzip. Einen Namen geben bedeutet in der Magie: einen Auftrag erteilen, mit einem Amt betrauen und zugleich die Fähigkeit vermitteln, es zu erfüllen.

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Nach der Genesis erteilte der Mensch den von Gott geschaffenen Tieren ihren Auftrag und ihre spezifischen Aufgaben auf der Ebene der Realisation – was einen spezifischen Organismus nach sich zog. Indem er ihnen Namen gab, bildete er sie auf der Ebene der Realisation. Was die „den Sternen nahen Orte“ und den „Garten Eden“ betrifft, ist der biblische Bericht ebenfalls magisch: er trachtet nicht so sehr danach, auf die Frage zu antworten, wo im Kosmos sich die Menschheit vor dem ursprünglichen Sündenfall befand, als vielmehr auf die Frage: „Was tat sie, und was geschah um sie herum vor dem Fall?“ Nun ist die Antwort der Genesis, daß die Menschheit in einen Garten versetzt wurde, „um ihn zu pflegen und um ihn zu hüten“. Das bedeutet, daß die Morgenröte der Menschheit weder in der Wüste stattfand, wo nichts geschieht, noch im Dschungel, wo alles ohne ordnende und leitende Kontrolle des Geistes sproßt und wächst, noch unter den Bedingungen einer Siedlung oder Stadt, wo nichts sprießt und wächst, sondern alles durch den ordnenden und leitenden Geist geschieht und gemacht wird. „Garten“ ist also der Zustand der Welt, wo es Zusammenarbeit und Gleichgewicht zwischen Geist und Natur gibt, während „Wüste” der Zustand unbeweglicher Passivität sowohl der Natur als auch des Geistes ist. „Dschungel“ ist der Zustand der bloßen Tätigkeit der Natur, und „Stadt“ derjenige der alleinigen Tätigkeit des Geistes. Man könnte sagen, wenn man von der philosophischen Sprache Indiens Gebrauch macht, daß der „Garten“ dem Sattva-Zustand der Natur (pra-kriti) gegenüber dem Geist (purusha) entspricht. In ein solches „Sattva-Milieu“ oder einen solchen „Garten“ wurde die Menschheit versetzt, und ihr wurde die ursprüngliche und ewige Aufgabe gestellt, diesen „Garten“ zu pflegen und zu hüten. Halten wir hier einen Augenblick inne, lieber Unbekannter Freund, um Atem zu schöpfen, den Atem, den uns die großartige Bedeutung dieses gedrängten und lapidaren Wortlautes der Genesis verschlagen hat. Die ursprüngliche und ewige Aufgabe der Menschheit ist also, den „Garten“ zu pflegen und zu hüten, d. h. die Welt im Zustand des Zusammenwirkens und des Gleichgewichts zwischen Geist und Natur zu erhalten! Welch inhaltsreiche Welt ist als Keim in diesem Wortlaut enthalten! Welches geistige, moralische, praktische, mystische, gnostische und magische Licht leuchtet auf, wenn man Geist und Herz für die Berührung dieses Keims öffnet! Man begreift dann unmittelbar, daß man weder tun noch geschehen lassen soll, weder Gedankensysteme errichten noch jeden Gedanken ohne Kontrolle durch den Kopf gehen lassen, weder sich Übungen der okkulten, asketischen oder mystischen Schulung hingeben noch auf ständiges und fortgesetztes Bemühen verzichten soll; daß man also arbeiten und wachsen lassen, denken und das Wachstum und Reifen des Gedankens abwarten soll; daß das magische Wort begleitet und gefolgt sein soll vom magischen Schweigen; daß es also notwendig ist, zu pflegen und zu hüten!

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Pflegen und hüten. Kultur und Tradition. Wollen und Wagen – Wissen und Schweigen. Das ist das Wesen und die Aufgabe der Hermetik, die die in den Untergründen unserer Seelen wirkende Erinnerung an die ursprüngliche und ewige Aufgabe der Menschheit ist – die Aufgabe, den unvergeßlichen Garten der Morgenröte der Menschheit zu pflegen und zu hüten. Es gibt „Bäume“ zu pflegen und zu behüten in diesem Garten – Methoden oder Wege der Vereinigung von Erde und Himmel – den Regenbogen des Friedens zwischen dem, was unten und dem, was oben ist. Indien nennt diese Methoden oder Wege der Vereinigung „Yoga“, und es lehrt den Hatha-Yoga, den Inana- Yoga, den Bhakti-Yoga, den Karma-Yoga, den Tantra-Yoga, den Mantra- Yoga und den Raja-Yoga, d. h. die Vereinigung durch das Denken, die Vereinigung durch das Gefühl, die Vereinigung durch das Verhalten, die Vereinigung durch die Liebe, die Vereinigung durch die Magie des Wortes und die Vereinigung durch den Willen.

Der Schwarze Elch (Black Elk), der Hüter der Heiligen Pfeife des Stammes der Sioux, blind wegen seines vorgerückten Alters, hat Joseph Epes Brown die sieben Riten oder sieben traditionellen Wege der Sioux zur Vereinigung des Menschen mit dem Vater (dem Großen Geist) und der Mutter (der Erde) offenbart, die die Seele des geistigen Lebens der Indianerstämme von der Küste des Golfs von Mexiko bis nach Maine im Norden und von Georgia bis nach Idaho im Westen bilden. Für uns christliche Hermetiker, die wir die „Bäume“ oder „Yogas“ des Gartens pflegen und hüten wollen, sind diese in den „sieben Säulen des Hauses, das die Weisheit gebaut hat“, gegeben, d. h. in den sieben „Tagen“ der Schöpfung (darunter der Sabbat), den sieben Wundern im Evangelium des hl. Johannes, den sieben „Ich bin“-Worten Jesu Christi und den sieben Sakramenten der Kirche. Das sind die „Bäume“ des Gartens, den wir pflegen und hüten, d. h. die Mysterien der Vereinigung dessen, was unten ist, mit dem, was oben ist:

mystisch, gnostisch, magisch und hermetisch. Denn die Mystik, die Gnosis, die Magie und die hermetische Wissenschaft sind die vier Arme des „Flusses“, der von unserem Garten ausgeht, „um zu bewässern“ (und „dort teilte er sich in vier Arme“). Lassen Sie uns also mit Hochachtung und Dankbarkeit sowohl „Swami Vive-Kananda“ aus Indien als auch „Black Elk“ von den Sioux in Nordamerika nachahmen in ihrer Treue zu ihrer Aufgabe, zu pflegen und zu hüten, was die Vorsehung ihnen von der Erinnerung an den Garten Eden hat anvertrauen wollen – indem wir mit ebensolcher Treue pflegen und hüten, was die Vorsehung uns von der Erinnerung an den gleichen Garten hat anvertrauen wollen. Und sorgen wir uns nicht um das Schicksal derer, deren Kultur und Tradition von der unsrigen abweicht:

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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

Gott, der alles sieht, wird gewiß nicht vergessen, das Haupt jedes treuen Pflegers und Hüters seines Gartens zu krönen. Ein weiterer Unterschied zwischen „Kore Kosmu“ und der Genesis ist die Vielzahl der Seelen auf der einen Seite und ADAM-EVA auf der anderen Seite. Auch hier erklärt sich der Unterschied durch die quasi „philosophische“ Natur von „Kore Kosmu“ und die magische der Genesis. Das Buch „Kore Kosmu“ hat die Substanzen im Auge, während die Genesis von der Tat spricht. Hinsichtlich der Substanz waren es viele Seelen, die den Sündenfall verursachten und erlitten; was die Tat betrifft, so begingen sie nur eine, denn die Tat war eine, in- dem sie kollektiv begangen wurde. Sie wurde also von ADAM-EVA begangen. Nun gibt es zwei Antworten auf die Frage: Was ist das angeborene menschliche Böse? Die eine, vom linken Flügel der traditionellen Weisheit gegebene heißt: die „Unwissenheit“; die andere, vom rechten Flügel der traditionellen Weisheit gegebene lautet: die Sünde der unerlaubten Erkenntnis. Ein Widerspruch? Ja und nein. Die beiden Antworten widersprechen sich insoweit, als Unwissenheit und Erkenntnis entgegengesetzt sind, aber sie stimmen insoweit überein, als die angeborene Unwissenheit die Folge einer Ursünde des Willens ist, der von dem Wunsch ergriffen war, die aus Offenbarung herrührende Erkenntnis durch eine dem Experimentieren verdankte Erkenntnis zu ersetzen. Es gibt wohl einen Unterschied, aber es gibt keinen Widerspruch. Der Unterschied besteht darin, daß die östliche Tradition den Nachdruck auf den Erkenntnisaspekt, der Tatsache des Mißverhältnisses zwischen dem menschlichen Bewußtsein und der kosmischen Wirklichkeit, legt, während ihn die westliche Tradition in dem moralischen Aspekt derselben Tatsache sieht. Die östliche Tradition sieht in dem angeborenen menschlichen Bösen eine Art Mißverständnis oder Verwechslung seitens der Urteilskraft, indem das Bewußtsein den Fehler begeht, die empirische Persönlichkeit – den Körper und das sich darauf beziehende seelische Leben – für das wahre Selbst zu halten, das in Wahrheit unwandelbar und ewig ist, während die westliche Tradition in dem angeborenen menschlichen Bösen die Folge der Sünde sieht, daß man sein wollte „wie die Götter, erkennend das Gute und das Böse“, d. h. in der Entstellung des „Gleichnisses“ Gottes, obwohl das Ebenbild – das dem „wahren Selbst“ der östlichen Weisen entspricht – intakt geblieben ist. Das „empirische Ich“ ist es, das die Züge der dem Sündenfall entstammenden Einstellung trägt. Es handelt sich also nicht um die irrtümliche Identifikation des „wahren Selbst“ (oder des „Ebenbildes Gottes“) mit dem „empirischen Ich“, sondern vielmehr um die Entstellung dieses letzteren. Die Identifikation wäre völlig gerechtfertigt, wenn das „empirische Ich“ das „Gleichnis Gottes“ geblieben wäre, d. h., wenn es nicht entstellt wäre infolge des Sündenfalles.

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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

Mit anderen Worten, der Unterschied zwischen den beiden Traditionen besteht darin, daß man in der östlichen Tradition die Scheidung der Ehe zwischen dem „wahren Selbst“ und dem „empirischen Ich“ erstrebt, während die westliche Tradition diese Ehe als unauflöslich ansieht. Nach westlicher Tradition kann und soll das „wahre Selbst“ sich nicht vom „empirischen Ich“ befreien, indem es dieses verstößt. Die beiden sind durch unlösliche Bande für alle Ewigkeit miteinander verbunden und müssen gemeinsam das Werk der Wiederherstellung des „Gleichnisses Gottes“ vollbringen. Nicht die Freiheit der Trennung, sondern die der Wiedervereinigung ist das Ideal der westlichen Tradition. Im Willen also fand die Ursünde statt und verursachte den Fall. Die Genesis beschreibt diese Sünde des Willens als das Begehren, sich die

Erkenntnis des Guten und des Bösen anzumaßen, zu werden Götter“.

Die Genesis beschränkt sich jedoch nicht auf die erste Stufe des Falles im Paradies, obwohl diese die entscheidende ist, sondern fügt noch drei weitere hinzu, nämlich den Brudermord des Kain, die Erzeugung der Riesen und der Turmbau zu Babel. Obwohl diese drei weiteren Stufen nur die beinahe logische Entwicklung des im Paradies begangenen Sündenfalles sind, sind sie nichtsdestoweniger neue Stufen in bezug auf die Verwirklichung des Sündenfalls im irdischen Bereich der Geistesgeschichte der Menschheit. Denn der Brudermord des Kain ist das „Urphänomen“ (im Sinne Goethes), das den Keim zu allen Kriegen und allen Revolutionen und auch zu den noch kommenden Revolten in der Geschichte des Menschengeschlechts enthält. Die Erzeugung der Riesen ist das Urphänomen, das der proto-historische Keim aller künftigen Ansprüche in der Geschichte der menschlichen Gattung seitens der Individuen, Gruppen und Völker ist, die Rolle von göttlichen Herrschern und Souveränen zu spielen, ebenso wie aller Arten von Anmaßung, Übermenschen zu sein. Die Cäsaren, die sich göttliche Autorität und Ehren anmaßten, der „Übermensch“ Nietzsches und ebenso die verschiedenen faschistischen und kommunistischen „Führer“ unseres Jahrhunderts sind nur besondere Manifestationen des ursprünglichen „Gigantismus“, von dem die Genesis spricht. Und das Bauwerk des Turmes zu Babel der Genesis ist das Urphänomen, das im Keim alle künftigen Tendenzen der Geschichte des Menschengeschlechtes enthält, den Himmel mit auf der Erde erworbenen und entwickelten Kräften zu erobern. Dem Brudermord des Kain liegt die Auflehnung des „niederen Ich“ gegen das „wahre Selbst“, des gefallenen „Gleichnisses“ gegen das unversehrte „Ebenbild“ zugrunde. Die Erzeugung der Riesen geht auf die Vermählung des „niederen Ich“ mit Wesenheiten der gefallenen Hierarchien – anstatt mit dem „wahren Selbst“ – zurück.

„wie

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Und dem Turmbau zu Babel liegt der Kollektivwille der niederen Iche zugrunde, endgültig das „wahre Selbst“ der himmlischen Hierarchien und Gottes durch einen von ihnen fabrizierten Überbau von universaler Tragweite zu ersetzen. Den drei Sünden – Auflehnung, Besessenheit und Ersetzung des Offenbarten durch das Selbstgefertigte – entsprechen drei „Fälle“ oder Auswirkungen, die sie zur Folge haben. Kain, der seinen Bruder Abel erschlug, wurde verbannt, er wurde unstet; der Erzeugung der Riesen folgte die Sintflut; der Turmbau zu Babel hatte zur Folge den Blitz des „Herabstiegs des Ewigen“, der die Erbauer „von dort über die ganze Erde zerstreute“ und „ihre Sprache verwirrte“ (Gen 11, 7 ff), so daß sie einander nicht mehr verstanden. Wie der Turmbau zu Babel die Zusammenfassung der vorhergehenden Stufen der Sünde ist – der Auflehnung und des Gigantismus –, so ist die Auswirkung des Turmbaus zu Babel – der Blitz, der die Erbauer zerstreute und ihre Sprache verwirrte – die Zusammenfassung der Auswirkungen der beiden vorhergehenden Sünden. Darum, scheint es, zeigt das sechzehnte Kartenbild der Großen Arcana des Tarot nur den vom Blitz getroffenen Turm und sieht dabei von der Sintflut und der Verbannung des Kain ab. Denn der vom Blitz getroffene Turm genügt, um dem ernsthaft Meditierenden das umfassende Arcanum von der Beziehung zwischen Wille und Schicksal zu offenbaren – zwischen dem, was man will, und dem, was geschieht. Denn unstetes Umherirren ist das unvermeidliche Schicksal der Auflehnung des „niederen Ich“ gegen das „höhere Selbst“; Ertrinken ist das Schicksal der Anmaßung, ein Übermensch sein zu wollen, und vom Blitz getroffen werden ist das ebenso unvermeidliche Schicksal jedes kollektiven oder individuellen Turmbaus zu Babel. Das Arcanum „Das Gott-Haus“ lehrt ein allgemeines und universales Gesetz, das es unter der umfassenden Form des Turms zu Babel vorführt. Ein allgemeines und universales Gesetz – das bedeutet, daß es sich sowohl im Kleinen wie im Großen, in der individuellen Biographie wie in der Menschheit auswirkt – in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleicherweise. Nach diesem Gesetz wird derjenige, der sich gegen sein „höheres Selbst“ auflehnt, nicht mehr unter dem Gesetz der Vertikalen leben, sondern unter dem der Horizontalen, d. h., „er wird unstet und flüchtig umherirren auf Erden“. Wer sich mit einer Wesenheit der gefallenen Hierarchien bis zur Besessenheit verbindet anstatt mit seinem „höheren Selbst“, wird ertrinken, d. h. dem Wahnsinn zum Opfer fallen. Das ist mit Nietzsche geschehen, dem inspirierten Verfasser der Werke, die den Übermenschen und den Antichrist verherrlichen; das ist gleicherweise mit der Menschheit geschehen zu den Zeiten, als „die Riesen auf der Erde waren“, „diese Heroen, die berühmt waren im Altertum“.

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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

Denn die Sintflut überschwemmte die Erde nicht nur mit Wasser,

sondern auch noch mit jenem anderen „Wasser“, das das Bewußtsein und das Gedächtnis ertränkt – dasselbe „Wasser“ des Vergessens und der Geistesschwäche, das Nietzsche überflutete. So wurde auch die sehr fortgeschrittene Zivilisation von Atlantis in Vergessenheit getaucht, ebenso wie der Kontinent, der die Wiege dieser Zivilisation war, von den Wassern verschlungen wurde. So kam es, daß „primitive“, d. h. ihrer Vergangenheit enterbte und zum völligen Neubeginn gezwungene Nomadenvölker und Nomadenstämme, in Höhlen zu wohnen oder unter Bäumen zu lagern begannen. Früher hatte es mächtige Königreiche und großartige Städte in Afrika gegeben, aber ihre Nachkommen hatten die Erinnerung daran verloren und widmeten sich ausschließlich dem alltäglichen „primitiven“ Stammesleben – der Jagd, dem Fischfang, dem bescheidenen Ackerbau und

Bei den australischen Eingeborenen war das Vergessen noch

vollständiger. Ebenso wird derjenige, der einen „Turm baut“, um die Offenbarung des Himmels durch das zu ersetzen, was er selbst angefertigt hat, vom „Blitz“ getroffen werden, d. h., ihm wird die Demütigung zuteil, auf seine eigene Subjektivität und die irdische Wirklichkeit zurückgeworfen zu sein. Im dreizehnten Brief über den Tarot war bereits vom „Gesetz des Turmbaus zu Babel“ im Zusammenhang mit gewissen okkulten Praktiken die Rede, die darauf hinzielen, eine Art Unsterblichkeit durch Kristallisierung zu erreichen, indem man mittels vom physischen Körper ausgeströmter Energie dem Tod zu widerstehen sucht. Es ging dort um das Bauen eines individuellen „Turms zu Babel“, der aus übereinandergeschichteten „Doppelgängern“ besteht, die sich vom physischen Körper aus nach oben erheben. Dabei war allerdings nur vom Aspekt des Gebäudes die Rede, ohne daß der andere Aspekt dieses Gesetzes – der „Blitz“ – dort behandelt wurde. Nun ist es unter der Überschrift des sechzehnten Großen Arcanums des Tarot am Platze, das ganze Gesetz zu behandeln, d. h. sowohl den Aspekt des „Gebäudes“ wie den des „Blitzes“.

dem Krieg

Wir wiesen soeben darauf hin, daß das Gesetz des „Turmbaus zu Babel“ universal ist, d. h., daß es sowohl in der individuellen als auch in der Menschheitsbiographie wirkt – und sogar in der der anderen Hierarchien. Das Wesentliche dieses Gesetzes ist, daß alle autonome Tätigkeit von unten unvermeidlich der göttlichen Wirklichkeit von oben begegnet. Was man durch autonome Bemühung des niederen „Ich“ gebaut hat, wird früher oder später der göttlichen Wirklichkeit gegenübergestellt werden und den Vergleich mit ihr aushalten müssen. Das Gesetz – oder das Arcanum des „Turms zu Babel“ – bekundet sich zum Beispiel in der Tatsache des Fegefeuers nach dem Tode. Denn jeder Mensch, der nicht ein Heiliger oder vollendeter Gerechter ist, baut eine Art eigenen „Turm zu Babel“.

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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

Seine Handlungen, Meinungen und autonomen oder persönlichen Bestrebungen bilden eine „private Welt“, die er errichtet hat und die er nach seinem Tode mit sich in die geistige Welt trägt. Diese subjektive Welt muß die Prüfung der Begegnung mit der transsubjektiven geistigen Wirklichkeit über sich ergehen lassen – den Blitz. Und diese Begegnung der Subjektivität mit der geistigen Wirklichkeit ist das Wesentliche des Zustandes nach dem Tode, der unter dem Namen „Fegefeuer“ bekannt ist. Das Fegefeuer ist also der Zustand der Seele, die die Handlungen, Meinungen und Bestrebungen ihres vergangenen Lebens unter dem wahren Licht des transsubjektiven Bewußtseins sieht. Niemand richtet sie; sie selbst richtet sich im Licht des voll erwachten Gewissens. Man spricht oft von der „Finsternis“, in die die Seele bei ihrem Eintritt in das Fegefeuer taucht, und ebenfalls von der einsamen „Verbannung“, der sie dort ausgesetzt ist. In diesen Beschreibungen des Zustandes der Seele im Fegefeuer liegt Wahrheit, aber man muß sie zuerst verstehen, um ihre Wahrheit richtig zu würdigen. Von außen gesehen, verschwindet die Seele, die in den Zustand des Fegefeuers eintritt, aus dem Blickfeld der anderen Seelen und taucht in die Finsternis der Unsichtbarkeit und Unerreichbarkeit unter. In diesem Sinne, d. h. im Sinne ihrer Unerreichbarkeit, kann man von der Seele im Fegefeuer wohl sagen, daß sie eine Verbannung erleidet, denn sie ist außerhalb der Berührungen und Beziehungen mit den „freien“ Wesen der geistigen Welt. Von innen gesehen, ist jedoch die Seele, die in das Fegefeuer eintritt, in das absolute Licht des transsubjektiven Bewußtseins getaucht; das, da es zu leuchtend ist, sie in Finsternis einzuhüllen scheint und die Seele sich derart konzentrieren läßt, daß sie für jedermann unerreichbar wird. Wie die Reinigung der Seele im Fegefeuer vor sich geht, welcherart die Finsternis und die Verbannung sind, denen sie dort ausgesetzt ist, und welche die Früchte dieses Zustandes sind – davon gibt niemand eine klarere Vorstellung und eine glaubwürdigere Beschreibung, die auf echter Erfahrung beruht, als der hl. Johannes vom Kreuz in seiner „Dunklen Nacht“. In den Kapiteln, wo er die „dunkle Nacht des Geistes“ behandelt, finden wir eine Analogie, die dem Zustand der Seele im Fegefeuer so nahe wie möglich kommt, da die dort dargelegte Erfahrung in jeder Hinsicht analog der Erfahrung der Reinigung ist, die die Seele im Fegefeuer durchmacht.

„Diese dunkle Nacht ist ein Einwirken Gottes auf die Seele, welches sie reinigt von ihrer Unwissenheit und ihren bleibenden Unvollkommenheiten,

Es entsteht nun die Frage, warum hier

sowohl natürlichen wie geistigen

die Seele dieses göttliche Licht, das sie erleuchtet und von ihrer Unwissenheit reinigt, eine dunkle Nacht nennt. Darauf ist zu antworten, daß die göttliche Weisheit aus zwei Ursachen nicht nur Nacht und Finsternis für

die Seele ist, sondern auch eine Pein und Qual.

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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

Die erste ist die Erhabenheit der göttlichen Weisheit, welche die

Fassungskraft der Seele übersteigt und in dieser Beziehung für sie Finsternis ist. Die zweite ist die Niedrigkeit und Unreinheit der Seele selbst, und in dieser Beziehung ist sie für die Seele peinlich, schmerzlich und dunkel Es ist ebenso wie beim Lichte. Je heller es ist, desto mehr blendet und verdunkelt es das Auge der Nachteule. Und je fester einer in das volle Sonnenlicht schaut, um so mehr verdunkelt er seine Sehkraft, ja er wird derselben, weil sie im Verhältnis zu dem überschwänglichen Lichte der Sonne zu schwach ist, sogar beraubt. Wenn daher dieses göttliche Licht der Beschauung in die Seele tritt, die noch nicht vollständig erleuchtet ist, so verursacht es in ihr geistige Finsternis. Denn es übersteigt nicht nur die natürliche Erkenntniskraft, sondern verdunkelt auch den Akt des Erkennens und beraubt sie desselben. Denn durch ihr außerordentliches übernatürliches Licht wird die

natürliche Erkenntniskraft der Seele überwältigt und ausgelöscht

Dies ist

auch der Grund, warum Gott, wenn er diesen hell glänzenden Strahl seiner

geheimnisvollen Weisheit in die noch nicht umgewandelte Seele einströmen

ist die Pein der Seele

läßt, dunkle Finsternis im Verstande verursacht

infolge ihrer Unreinheit ungemein groß, wenn sie wirklich von diesem göttlichen Lichte ergriffen wird. Wenn nämlich dieses reine Licht in die Seele

einströmt, um die Unreinheit aus derselben zu beseitigen, fühlt sich dieselbe so unrein und elend, daß es ihr scheint, als sei Gott ihr und sie Gottes Feind. Dies bereitet ihr so großen Schmerz und solche Betrübnis, daß sie glaubt, von Gott wirklich verstoßen zu sein. Dies war eines der schmerzlichsten Leiden Hiobs, der in die folgenden Worte ausbrach, als ihn Gott auf diese Weise heimsuchte: ,Quare posuisti me contrarium tibi et factus sum mihimetipsi gravis? – Warum hast du mich dir zum Gegner gesetzt, so daß ich mir selbst zur Last geworden bin?’ (Hiob 7, 20). Wenn nämlich die Seele mittels dieses hellen und reinen Lichtes, wenn auch im Dunkel, ihre Unreinheit klar sieht, so hält sie sich Gottes und aller Geschöpfe für vollkommen unwürdig. Was ihr aber am schmerzlichsten fällt, ist die Furcht, daß sie nie Gottes würdig werde

Die zweite Art der Peinigung der

und all ihre Gnadenschätze eingebüßt habe

Seele hat ihren Grund in ihrer natürlichen, sittlichen und geistigen Schwäche.

Denn da die göttliche Beschauung die Seele etwas heftig erfaßt, um sie zu

kräftigen und zu beherrschen, so leidet sie in ihrer Schwäche derart, daß sie

beinahe verzweifeln

Da leiden Sinne und Geist, als ob sie von

einer ungeheuren dunklen Last zu Boden gedrückt würden, und sie geraten in

solche Todesängste, daß sie gerne den Tod als eine Erleichterung und

Begünstigung wünschten

Es ist in der Tat recht staunens- und

bewundernswert, daß die Seele so schwach und unrein ist und infolgedessen die an sich freundliche und liebevolle Hand so schwer und feindlich empfindet, die sie doch nicht drücken und ihr eine Last auflegen, sondern nur aus Barmherzigkeit berühren will, und zwar nicht um sie zu züchtigen, sondern um ihr Gnade zu erweisen

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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

Wir sehen, daß der durch das Fenster eintretende Sonnenstrahl um so weniger deutlich in die Augen fällt, je reiner und freier er von Stäubchen ist; er wird aber um so deutlicher dem Auge sichtbar, je mehr die Luft von Stäubchen und Fäserchen durchtränkt ist. Der Grund ist der, daß das Licht nicht für sich selbst leuchtet, sondern das Mittel ist, wodurch alle anderen Dinge, auf die es seinen Schein wirft, in den Gesichtskreis treten. Und erst durch das Zurückprallen von den Gegenständen, die es bescheint, wird es dem Auge sichtbar; wenn es dieselben nicht bescheinen würde, könnte man es nicht wahrnehmen. Das gleiche bewirkt auch in der Seele der göttliche Lichtstrahl der Beschauung, welcher durch das mächtige Einströmen seines göttlichen Lichtes die natürliche Fassungskraft der Seele übersteigt und sie dadurch verdunkelt und aller natürlichen Vorstellungen und Neigungen beraubt, die sie vorher mittels des natürlichen Lichtes aufnahm. Und so läßt er sie nicht bloß im Dunklen, sondern macht sie auch bezüglich ihrer geistigen und natürlichen Kräfte und Begehrungen leer. Und wenn sie so entleert und im Dunkel ist, reinigt und erleuchtet sie dieser Strahl mit dem göttlichen, geistigen Lichte, ohne daß die Seele merkt, daß sie dieses Licht empfängt. Sie bleibt vielmehr im Dunkel, wie wir es vom Sonnenstrahl gesagt haben, der, wenn er rein ist und keinen Gegenstand findet, an dem er abprallt, unsichtbar bleibt, auch wenn er mitten ins Zimmer sein Licht wirft. Findet aber dieses geistige Licht, von dem die Seele durchdrungen ist, etwas, auf das es stößt, d. h., bietet sich etwas dar, wie etwa die geistige Erkenntnis der Vollkommenheit, mag sie auch noch so unbedeutend sein, oder ein Urteil darüber, was falsch oder wahr ist, so sieht man es gleich und erkennt es viel deutlicher als vor dem Eintritt in diese Dunkelheit. Und mit derselben Deutlichkeit nimmt die geistliche Seele das Licht wahr, um mit Leichtigkeit eine auftretende Unvollkommenheit zu erkennen In derselben Weise müssen wir auch über dieses göttliche Feuer der Beschauung denken und urteilen, welches die Seele von allen entgegen- stehenden Beimischungen reinigt, bevor es dieselbe mit sich vereinigt und in sich umgestaltet. Es entfernt aus derselben ihre Häßlichkeit, setzt sie in Betrübnis und Finsternis und macht sie dem Anscheine nach schlechter wie vorher sowie auch häßlicher und verabscheuungswürdiger wie ehedem. Diese göttliche Reinigung läutert die Seele von allen schlimmen und verkehrten Neigungen, die sie, weil fest eingewurzelt und gleichsam mit ihr verwachsen, nicht erkennen konnte. Deshalb kam ihr auch nicht zum Bewußtsein, daß soviel Böses in ihr steckte. Jetzt aber, da diese schlimmen Neigungen beseitigt und ausgerottet sind, treten sie ihr vor Augen, und sie sieht dieselben erleuchtet durch das dunkle Licht der Beschauung ganz deutlich, obgleich sie weder in sich noch vor Gott schlechter ist als früher. Sie erkennt nun in sich, was sie früher nicht erkannte. Sie kommt sich selbst so schlimm vor, daß sie sich nicht nur des Anblickes Gottes für unwürdig, sondern selbst seiner Verachtung für würdig hält, ja sogar von ihm verachtet zu sein glaubt

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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

Denn das göttliche Licht, das den Engel erleuchtet, in Liebe verklärt und

entflammt, wie es eben einem reinen, für einen solchen Einfluß zubereiteten Geist entspricht, erleuchtet auch den Menschen, der unrein und schwach ist, in der Weise, daß es denselben, wie oben erwähnt, in Finsternis, Pein und Bedrängnis führt, ebenso wie die Sonne, wenn ihr Strahl auf das kranke Auge fällt, dasselbe reizt und mit Schmerz erfüllt. Dies dauert so lange, bis jenes Feuer der Liebe ihn durch seine Reinigung vergeistigt und vervollkommnet, damit er nunmehr gereinigt, gleich den Engeln für die Vereinigung und

Aufnahme dieses liebevollen Gnadeneinflusses befähigt werde

vom Kreuz „Dunkle Nacht“)

“ (Johannes

Hier haben wir einige der treffendsten Auszüge aus der Lehre des hl. Johannes vom Kreuz, entnommen den Kapiteln 5, 8, 10, 12 der „Dunklen Nacht“. Die in diesen Auszügen hervorgehobene Läuterung, die eine Schule der Demut ist, und das dort anwesende göttliche Licht, das die Seele in Finsternis versetzt und auf ihr lastet, indem es sie die Schwere der unvermeidlichen Notwendigkeit der Gegenüberstellung von menschlicher Natur und göttlicher Wahrheit erfahren läßt, können zusammengefaßt werden im Bild des vom Blitz getroffenen Turmes und dem Sturz seiner Erbauer, d. h. durch das Kartenbild des sechzehnten Arcanums des Tarot. Der Blitz, der einschlägt, ist das göttliche Licht, das blendet und bedrückt; der getroffene Turm – das ist alles, was die menschlichen Kräfte des Verstandes, der Vorstellungskraft und des Willens aufgebaut hatten und was sich nun der göttlichen Wirklichkeit konfrontiert sieht; die Erbauer, die fallen – das ist die Schule der Demut für die menschlichen Fähigkeiten des Verstandes, der Vorstellungskraft und des Willens. Das Fegefeuer als Weg der Läuterung, der der Erleuchtung und der mystischen Vereinigung vorausgeht; die großen historischen Ereignisse, die die Menschheit zum Neubeginn zwangen, und die Begebenheiten in den Biographien von Menschen, die durch einen Blitz- schlag zu Boden geworfen wurden, um sich davon wieder zu erheben, sei es erleuchtet, wie Saulus von Tarsus, sei es geistig zerrüttet wie Nietzsche – all diese scheinbar so unterschiedlichen Vorkommnisse sind verschiedene Manifestationen eines und desselben Gesetzes bzw. desselben Arcanums – des „vom Blitz getroffenen Turmes“. Dieses Gesetz bildet das Thema des „Magnificat“, das ich an den Kopf dieses Briefes gesetzt habe, wo es heißt:

zerstreut die Hochmütigen in ihres Herzens Sinne. Gewaltige hat

er vom Thron gestürzt und Niedrige erhöht. Hungrige hat er erfüllt mit

Gütern und Reiche leer davongeschickt“ (Lk 1,51 ff).

„Er hat

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Tomberg – Arcana des Tarot – Band-3

Das ewige Gesetz des „Turmbaus zu Babel“ ist es, das im „Magnificat“ besungen wird – das Gesetz des vom Blitz getroffenen Turmes und des demütigen Herzens, das vom selben Blitze zu göttlicher Erleuchtung emporgehoben wird. Denn das „Magnificat“ ist der Lobgesang eines Herzens, das von demselben Blitze getroffen ist, „der die Gewalthaber vom Thron stürzt“ und der „die Niedrigen erhöht“.

Die Essenz dieses Gesetzes ist auf keine bestimmtere und prägnantere Art ausgedrückt worden als im Evangelium nach Lukas:

„Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 14, 11).

Nun gibt es viele Arten, sich zu erhöhen, aber es gibt nur eine einzige Art, sich zu erniedrigen. In der Biologie zum Beispiel hat man festgestellt, daß es im Evolutionsprozeß viele Wege gibt, die aufgrund einer Spezialisierung des Organismus in einer determinierten Richtung zum zeitweiligen Vorteil führen, die jedoch immer in einer Sackgasse enden. So gelangten die Großreptilien, die Saurier, zu einer unangefochtenen Herrschaft über die Erde dank ihrer physischen Kraft, ihrer Behendigkeit und ihrer gewaltigen natürlichen Waffen: der Kinnbacken und Glieder. Aber sie mußten kleineren Wesen weichen, die nicht die Vorteile der physischen Kraft und der natürlichen Waffen – wie reißende Kinnbacken und zermalmende Gliedmaßen – besaßen. Diese ersten Warmblüter, die ersten Säugetiere, waren nicht derart spezialisiert wie die Reptilien, und sie waren im Vergleich zu ihnen unbedeutende Wesen. „Und gerade ihre Unbedeutendheit hat ihnen das Überleben möglich gemacht während des langen Zeitraums, in dem die Erde von mächtigen und spezialisierten Reptilienarten beherrscht wurde.“ Ihr Mangel an Spezialisierung erlaubte ihnen auch, sich dem radikalen Wechsel in den klimatischen und sonstigen Bedingungen anzupassen, die durch die Bildung der Berge gegen Ende der Epoche des Mesozoikums hervorgerufen wurden, während die dominierenden Reptilien dies nicht vermochten und verschwanden. Die Säugetiere ersetzten daher die Reptilien als Herren der Erde. Später allerdings spezialisierten sich Seitenzweige der Säugetiere; sie „erhöhten sich“ ihrerseits, indem sie Organe und Fähigkeiten entwickelten, die ihnen zwar vorübergehende Vorteile einbrachten, sie aber in eine Sackgasse führten, d. h., sie unfähig machten zur weiteren Entwicklung. Und die Gruppe von Säugetieren, die, anstatt sich zu spezialisieren, mit dem allgemeinen Wachstumsprozeß, d. h. mit der ausgewogenen Evolution des physischen Organismus und der seelischen Fähigkeiten, verbunden blieb, bildete die Krone der Evolutionswelle und brachte schließlich die Organismen hervor, die den menschlichen Seelen als Werkzeug zu dienen geeignet waren.

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„Sich erhöhen“ und „sich erniedrigen, um erhöht zu werden“ bedeutet also in der Biologie entweder Spezialisierung der physischen und psychischen Fähigkeiten der Lebewesen, die zeitweilige Vorteile liefert, oder ihr allgemeines Wachstum in einer die physischen und psychischen Fähigkeiten ausgleichenden Evolution. Und was in der Biologie gilt, gilt auch in allen anderen Bereichen. Deshalb hielt ich es für angebracht, dem Wort am Kopf dieses Briefes:

„Jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 14, 11)

noch den folgenden Text aus dem Markus-Evangelium hinzuzufügen:

„Mit dem Reiche Gottes ist es so, wie wenn ein Mann den Samen auf die Erde streut und dann schlafen geht und wieder aufsteht, bei Nacht und bei Tage, und der Same geht auf und wächst empor, ohne daß er selbst davon weiß“ (Mk 4, 26 f).

Denn was der Text hervorhebt, ist der Weg des allgemeinen Wachstums oder des „Sicherniedrigens zum Samen“, im Gegensatz zu den Wegen der Spezialisierung bzw. zu jenen, auf denen man „sich erhöht, indem man Türme baut“. Wachsen oder bauen auf diese Wahl laufen letztlich der „Weg des Heils“ und der „Weg der Verdammnis“ hinaus, oder der Weg unendlicher Vervollkommnung und der, der in der Sackgasse endet. Die Idee der Hölle ist nur die der endgültigen geistigen Sackgasse; die des Fegefeuers bezieht sich auf den Prozeß, der die in die Sackgasse der Spezialisierung führenden Tendenzen zurückweist, und verweist auf den offenen Weg der Vervollkommnung – „den Weg des Heiles“. Sich erhöhen oder sich erniedrigen; sich spezialisieren, um zeitweilige Vorteile zu gewinnen, oder nur vom Hunger und Durst nach Wahrheit, Schönheit und Güte bewegt werden; einen Turm bauen oder wachsen, ob man schläft oder wacht, nachts oder tags, ohne daß man weiß wie – das ist die Wahl, die jeder Mensch, jede Gemeinschaft, jede geistige Tradition oder spirituelle Schule treffen muß. Nun sind wir Okkultisten, Magier, Esoteriker, Hermetiker – alle, die „tun“ wollen, anstatt bloß abzuwarten, die „ihre eigene Entwicklung in ihre eigenen Hände nehmen“ und sie „zum Ziel bringen“ wollen – auf eine, ich möchte sagen, viel dramatischere Art dieser Wahl gegenübergestellt, als es bei Menschen der Fall ist, die sich nicht um Esoterik kümmern. Unsere Hauptgefahr (wenn nicht unsere einzige wirkliche Gefahr) ist jene, die Rolle von „Erbauern des Turmes zu Babel“ (gleichgültig ob persönlich oder in Gemeinschaft) den Sorgen der „Gärtner oder Weingärtner des Gartens oder Weingartens des Herrn“ vorzuziehen.

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Offen gesagt, ist der einzige wirklich moralische Grund dafür, das Esoterische „esoterisch“ zu halten, d. h., es nicht in das Licht der großen Öffentlichkeit zu ziehen und zu verbreiten, die Gefahr des großen Mißverständnisses, den Turm mit dem Baum zu verwechseln, also „Maurer“ statt „Gärtner“ heranzuziehen.

Die Kirche war sich zu allen Zeiten dieser Gefahr bewußt. Darum bestand sie stets auf dem Prinzip der Gnade als der einzigen Quelle des Vorwärtskommens auf dem Wege zur Vollkommenheit, wobei sie das Bemühen als solches voll würdigte und ermutigte. Darum auch stand sie sogenannten Einweihungsbruderschaften oder Einweihungsgruppen, die sich an ihrer Peripherie oder außerhalb ihrer bildeten, immer mißtrauisch gegenüber. Denn abgesehen von Rivalitäten und anderen menschlichen Unvollkommenheiten, war und ist der ernste Grund für die Kirche, eine negative Haltung gegenüber den Einweihungsbruderschaften usw. einzunehmen, die Gefahr, das Bauen an die Stelle des Wachsens zu setzen, das „Tun“ an die Stelle der Gnade, den Weg der Spezialisierung an die Stelle des Heilswegs. Ich weiß nicht, ob das den Prozeß gegen den Templerorden erklärt, aber sicherlich erklärt es die Gegnerschaft der Kirche gegen die Freimaurerei. Wie es sich auch mit diesen besonderen historischen Begebenheiten verhalten mag, hier beschäftigt uns das Arcanum des vom Blitz getroffenen Turmes, d. h. die Gesamtheit der Ideen und der dazugehörigen Tatsachen, die sich auf den Willen, „sich zu erhöhen“, beziehen, der die Spezialisierung hervorbringt, die ihrerseits unvermeidlich in die Sackgasse mündet. Es handelt sich also um die Wahl zwischen