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Brentano, Husserl und Ingarden

über die intentionalen Gegenstände

ARKADIUSZ CHRUDZIMSKI

In der Geschichte der Philosophie finden wir viele Intentionalitätstheorien,


die spezielle Gegenstände zur Erklärung des Intentionalitätsphänomens
einführen. Solche Theorien wurden in erster Linie von Philosophen einge-
führt, die durch Franz Brentano beeinflusst waren. Gegenstände, um die es
hier geht, werden üblicherweise intentionale Gegenstände genannt. Eine
Theorie der intentionalen Gegenstände, die vom ontologischen Standpunkt
aus betrachtet besonders detailliert ausgearbeitet ist, hat Roman Ingarden
formuliert. Auch Ingardens Theorie ist daher Gegenstand einer oft ge-
äußerten Kritik. Man behauptet, dass alles, was intentionale Gegenstände
leisten, auch in einer ontologisch sparsameren Weise zu erreichen ist. Wir
werden allerdings zeigen, dass diese Behauptung unbegründet ist. Die
Einführung intentionaler Gegenstände hat ihre guten Gründe und es ist
unklar, ob eine ontologisch sparsamere Variante überhaupt funktionieren
kann. Die adverbiale Theorie, die oft als ein Gegenkandidat vorgeschlagen
wird, stößt jedenfalls auf große Schwierigkeiten. Was die Ingardensche
Version der Theorie betrifft, so erweist sie sich als eine etwas kuriose
Mischform der Theorie der intentionalen Gegenstände und der adverbialen
Theorie. Wir werden sehen, dass der adverbiale Teil aus dieser Theorie am
besten entfernt werden soll.

1. Brentanos immanente Gegenstände

Für die Entwicklung der Theorie der intentionalen Gegenstände war, wie
gesagt, der Einfluss von Franz Brentano von entscheidender Bedeutung.
Die Stelle, auf die man sich bei jeder Diskussion der intentionalen Gegen-
stände fast automatisch bezieht, ist jene Stelle aus Brentanos Psychologie
vom empirischen Standpunkt (1874), wo er das Phänomen der Intentio-
nalität für die zeitgenössische Philosophie „neu entdeckt“ hat:

Existence, Culture, and Persons: The Ontology of Roman Ingarden.


Arkadiusz Chrudzimski (ed.), Frankfurt: ontos, 2005, 83–114.
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Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisiert, was die Scholastiker des
Mittelalters die intentionale (auch wohl mentale) Inexistenz eines Gegenstandes ge-
nannt haben, und was wir, obwohl mit nicht ganz unzweideutigen Ausdrücken, die Be-
ziehung auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Objekt (worunter hier nicht eine Realität
zu verstehen ist), oder die immanente Gegenständlichkeit nennen würden. Jedes ent-
hält etwas als Objekt in sich, obwohl nicht jedes in gleicher Weise. In der Vorstellung
ist etwas vorgestellt, in dem Urteile ist etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe
geliebt, in dem Hasse gehaßt, in dem Begehren begehrt usw. [...]
Und somit können wir die psychischen Phänomene definieren, indem wir sagen,
sie seien solche Phänomene, welche intentional einen Gegenstand in sich enthalten.
(Brentano 1874/1924, S. 124 f.)

Brentano spricht hier klar von einem Gegenstand, der jedem intentionalen
Akt „immanent inexistiert“, das ontologische Gewicht dieser Aussage ist
jedoch umstritten. Die Idee der intentionalen Beziehung, die in der Psycho-
logie diese zentrale Stellung genießt, hat nämlich ganz bestimmte aristo-
telisch-scholastische Wurzeln und wurde bereits in Brentanos Dissertation
Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles (1862)
sowie in seiner Habilitationsschrift Die Psychologie von Aristoteles (1867)
als ein ontologisch unproblematisches Werkzeug der Analyse verwendet.
Brentano bedient sich dort der mittelalterlichen Lehre vom ens obiektivum.
Er sagt, dass des gemeinte Objekt eine „objektive Existenz im Geiste” des
Subjekts genießt, wobei diese Redeweise zunächst eine gewisse Suspen-
dierung der ontologischen Verpflichtungen bedeutet. Immer, wenn sich ein
Subjekt intentional bezieht, existiert das Objekt seiner Beziehung objektiv
in seinem Geist. Alles, was nur diese Seinsweise hat, wird aber von
Brentano aus dem Bereich der Ontologie ausgeschlossen. (Vgl. Brentano
1862, S. 37–39) Auch in seinen Vorlesungen zur Metaphysik, die er seit
1867 in Würzburg gehalten hat (Manuskript M 96), betrachtet er die Seins-
weise, die den gedachten Objekten als solchen zukommt, als ontologisch
belanglos.1
Es scheint aber relativ klar zu sein, dass in der Periode nach der Psy-
chologie die intentionale Inexistenz von Brentano doch „ontologisiert“
wurde. Die ontologischen Implikationen der Rede von der intentionalen
Inexistenz werden zu dieser Zeit immer deutlicher und die Seinsweise der
1
Zur mittelalterlichen Lehre vom ens objectivum vgl. Perler 2002, S. 228. Zur Version
dieser Lehre, die beim jungen Brentano zu finden ist, vgl. Chrudzimski 2004, Kap. 3.
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immanenten Objekte ontologisch immer verpflichtender. Schließlich ent-


wickelt Brentano eine höchst komplizierte Ontologie der intentionalen
Beziehung. Sehr deutlich kann man das in den Vorlesungen zur Deskrip-
tiven Psychologie (1890/91) sehen. Brentano schreibt dort explizit, dass
jede intentionale Beziehung eine echte Relation ist, wobei nur ein Glied
dieser Relation – nämlich das Subjekt – etwas Reales ist. Das zweite Glied
– das Objekt der intentionalen Beziehung – sei dagegen eine spezielle, vom
Bewusstseinsakt ontologisch abhängige Entität. Es begleitet wie ein
Schattenbild den psychischen Akt, hat kein selbständiges Entstehen und
Vergehen und kann in keine kausalen Beziehungen eingehen.2
Dass der Begriff des immanenten Gegenstandes in der Deskriptiven
Psychologie ontologisch ernst genommen wird, sieht man auch aus den
interessanten Bemerkungen, die Brentano seiner Form widmet. Ein imma-
nenter Gegenstand ist eine Entität, die dem Subjekt der intentionalen
Beziehung gewissermaßen „vor Augen“ steht. Wir würden deshalb erwar-
ten, dass er genau die Eigenschaften hat, die das Subjekt seinem Zielobjekt
„intentional zuschreibt“. Denkt also jemand an ein rotes Dreieck, soll sein
immanenter Gegenstand die Eigenschaften Rotsein und Dreieckigkeit
besitzen.
In einem gewissen Sinne ist dem auch so. Der immanente Gegenstand
wird in diesem Fall tatsächlich rot und dreieckig sein. Der Sinn, in dem er
so ist, ist jedoch grundverschieden von dem Sinn, in dem die äußeren
physischen Gegenstände rot und dreieckig sind. Brentano schreibt, dass

2
Vgl. „1. Vor allem also ist es eine Eigenheit, welche für das Bewusstsein charakte-
ristisch ist, dass es immer und überall [...] eine gewisse Art von Relation zeigt, welche
ein Subjekt zu einem Objekt in Beziehung setzt. Man nennt sie auch ‘intentionale Be-
ziehung’. Zu jedem Bewusstsein gehört wesentlich eine Beziehung.
2. Wie bei jeder Beziehung finden sich daher auch hier zwei Korrelate. Das eine
Korrelat ist der Bewusstseinsakt, das andere das, worauf er gerichtet ist. Sehen und
Gesehenes, Vorstellen und Vorgestelltes, Wollen und Gewolltes, Lieben und Gelieb-
tes, Leugnen und Geleugnetes usw.
Bei diesen Korrelaten zeigt sich [...], dass das eine allein real, das andere dagegen
nichts Reales ist. [...] Der gedachte Mensch hat darum auch keine eigentliche Ursache
und kann nicht eigentlich eine Wirkung üben, sondern, indem der Bewusstseinsakt das
Denken des Menschen gewirkt wird, ist der gedachte Mensch, sein nichtreales Kor-
relat, mit da. Trennbar sind die Korrelate nicht von einander, außer [wenn sie] distink-
tionell [sind].“, Brentano 1982, S. 21.
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immanente Gegenstände solche Eigenschaften lediglich in einem uneigent-


lichen, modifizierten Sinne haben. (Brentano 1982, S. 26 f.)
Solange man von einem immanenten Gegenstand in ontologisch unver-
pflichtender Weise spricht, kann er die Eigenschaften, die dem Subjekt
„vor Augen stehen“ in einem ganz normalen Sinne haben. Sobald man ihn
jedoch als eine besondere ontologische Kategorie stipuliert, wird klar, dass
er auf keinen Fall im normalen Sinne rot oder dreieckig sein kann. In
diesem Fall müsste er nämlich eine reale physische Entität sein, während er
eine irreale, vom psychischen Akt seinsabhängige Entität ist.
Eine zweite wichtige Neuerung, die man in Brentanos Manuskripten
aus den achtziger und neunziger Jahren findet, ist die Tatsache, dass er
jetzt dem immanenten Gegenstand explizit ein (eventuelles) transzendentes
Zielobjekt gegenüberstellt. Wir finden diese Lehre ganz deutlich in
Brentanos Logik-Vorlesung aus den späten achtziger Jahren. Er sagt dort,
dass man bei jedem Namen eine zweifache Bezeichnungsrelation unter-
scheiden kann. Einerseits bezeichnet ein Name den immanenten Gegen-
stand des dazugehörigen Aktes. Andererseits bezeichnet er im günstigen
Fall auch den entsprechenden äußeren Gegenstand. „Das Erste ist die
Bedeutung des Namens. Das Zweite ist das, was der Name nennt.“3
Eine solche ontologisierte Interpretation des immanenten Gegenstan-
des, die neben dem immanenten Gegenstand noch eine (eventuelle) trans-
zendente Zielentität einführt, wurde dann in der Brentano-Schule zu einer
Art „Standardtheorie“.4

3
Vgl. „Nochmals also: Was bezeichnen die Namen? Der Name bezeichnet [i] in ge-
wisser Weise den Inhalt einer Vorstellung als solche[n], den immanenten Gegenstand;
[ii] in gewisser Weise das, was durch [den] Inhalt einer Vorstellung vorgestellt wird.
Das Erste ist die Bedeutung des Namens. Das Zweite ist das, was der Name nennt.
Von dem sagen wir, es komme der Name ihm zu. Es ist das, was, wenn es existiert,
äußerer Gegenstand der Vorstellung ist. Man nennt unter Vermittlung der Bedeutung.
Die alten Logiker sprachen [deswegen] von einer dreifachen Supposition der Namen:
[1] suppositio materialis: vide oben; [2] suppositio simplex: Bedeutung: Mensch ist
eine Spezies, d.i. die Bedeutung des Wortes ‘Mensch’ ist eine Spezies, d.i. der Inhalt
der Vorstellung eines Menschen ist eine Spezies; [3] suppositio realis: das Genannte:
Ein Mensch ist lebendig, ist gelehrt etc.“, Brentano EL 80, S. 34 f.
4
In einer besonders deutlichen Form findet sie sich beim jungen Marty und beim
jungen Meinong. Vgl. dazu Chrudzimski 2001b und Chrudzimski 2005.
INTENTIONALE GEGENSTÄNDE 87

Wenn man alle Elemente dieser Auffassung zusammenfügt, bekommt


man das folgende Bild der intentionalen Beziehung:

Eigenschaften φ
"modifizierte"
Exemplifikation
"Kodieren"
immanenter Gegenstand x "normale"
Exemplifikation

IMM REPR

a INT b

intentionale Beziehung

Subjekt Objekt

Subjekt a bezieht sich intentional auf Objekt b, indem es einen entspre-


chenden immanenten Gegenstand x „benutzt“. In unserem Schema wird
dies durch die Relation IMM symbolisiert, die zwischen dem Subjekt und
seinem immanenten Objekt besteht. Die Aufgabe des immanenten Objekts
besteht darin, dass er dem Subjekt gewisse Eigenschaften vor Augen stellt.
Wir werden diese Eigenschaften die identifizierenden Eigenschaften (des
Referenzgegenstandes) nennen. Denkt jemand z.B. an ein Pferd, wird ihm
in dieser Weise die Eigenschaft Pferdsein kognitiv zugänglich gemacht.
Der ontologische Mechanismus dieses „vor Augen Stellens“ besteht darin,
dass der immanente Gegenstand die relevanten Eigenschaften in einem
uneigentlichen bzw. modifizierten Sinne hat. Im Folgenden werden wir die
Terminologie Zaltas verwenden und sagen, dass der intentionale Gegen-
stand die identifizierenden Eigenschaften „kodiert“. (Zalta 1988, s. 16) Die
Konjunktion aller Eigenschaften, die diese Rolle spielen, bezeichnen wir in
unserem Schema als φ.
Der immanente Gegenstand ist also etwas, das dem Subjekt immer vor
Augen steht, unabhängig davon, ob es in der transzendenten Welt noch
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eine passende Referenzentität gibt der nicht. Deswegen wurde der Refe-
renzgegenstand im unserem Schema mit gestrichelten Linien gezeichnet.
Dasselbe betrifft alle Relationen, die entfallen, wenn es keine passende
Referenzentität gibt.
Wenn es in der transzendenten Welt eine Referenzentität (b) gibt, dann
gibt es auch eine Relation der „Repräsentation“ zwischen x und b. Sie
kommt dadurch zustande, dass Eigenschaft φ, die von x in einem modifi-
zierten Sinne exemplifiziert war, von b in einem normalen Sinne exempli-
fiziert wird.
Ein wichtiges Merkmal der Theorie Brentanos ist die These, dass die
immanenten Gegenstände von ihren Subjekten ontologisch abhängig sind.
Das unterscheidet sie von der Theorie Meinongs. Brentano behauptet also,
dass es einen immanenten Gegenstand nur dann geben kann, wenn es ein
Subjekt gibt, das zu diesem Gegenstand in Relation IMM steht. Wir kön-
nen das in der Form eines Prinzips der ontologischen Abhängigkeit fest-
halten:

(ABH) Einen Gegenstand x, der eine Eigenschaft φ kodiert, gibt es genau


dann, wenn es einen Gegenstand gibt, der keine Eigenschaft ko-
diert und der zu x in der IMM-Relation steht.

Um Missverständnissen vorzubeugen, müssen wir noch eine wichtige Be-


merkung machen. Unser Schema suggeriert nämlich, dass ein und dieselbe
Eigenschaft φ mehrfach exemplifiziert wird. Das entspricht nicht Brenta-
nos Auffassung würde. Wie ontologisch permissiv er in manchen Perioden
seines Schaffens auch war, platonische Universalien waren für ihn immer
verpönt. Wenn man also dem „wahren“ Brentano Rechnung tragen wollte,
müsste man sich verschiedene Vorkommnisse von φ als numerisch ver-
schiedene individuellen Eigenschaften (Tropen) vorstellen. Husserl und
Ingarden, von denen wir später sprechen werden, akzeptieren hingegen
neben den individuellen Eigenschaften auch echte Universalien. Für die
Probleme, die uns in diesem Aufsatz beschäftigen, ist übrigens die Frage,
ob wir die Eigenschaften als Universalien oder als Tropen interpretieren,
irrelevant.
INTENTIONALE GEGENSTÄNDE 89

2. Die Kritik der Theorie des immanenten Gegenstandes

Brentanos Theorie des immanenten Gegenstandes hatte kein gutes Schick-


sal. Praktisch alle, die sie einmal akzeptierten, haben sie später scharf
kritisiert und alternative Vorschläge gemacht. Das betrifft sowohl den
späten Brentano als auch Marty, Meinong und Husserl. In diesem Ab-
schnitt werden wir uns auf den Husserlschen Alternativvorschlag kon-
zentrieren.
Schon im Aufsatz Intentionale Gegenstände (1894) kritisiert Husserl
die Auffassung Brentanos (vgl. Husserl 1894, S. 317, 332 ff., 336 ff.) und
in den Logischen Untersuchungen lesen wir, dass es streng genommen
keine bloß intentionalen Gegenstände gibt. Existiert kein eigentlicher
Referenzgegenstand, dann brauchen wir keinen Stellvertreter. Das einzige,
was wir brauchen, ist eine bestimmte Intention – ein „Meinen“.5
Die Intentionalität eines Aktes wird also bei Husserl nicht durch die
Einführung eines speziellen Gegenstandes, sondern durch den immanenten
Charakter des Aktes erklärt. Einen solchen Charakter, der die intentionale
Richtung des Aktes bestimmt, bezeichnet man seit Twardowski als Inhalt
(vgl. Twardowski 1894) und auch Husserl benutzt diese Terminologie. Das
Geheimnis der Intentionalität eines psychischen Aktes liegt somit in
seinem Inhalt: einer Eigenschaft des psychischen Aktes, die darüber ent-
scheidet, auf welchen Gegenstand er sich bezieht.
Da der Zustand des Vollziehens eines psychischen Aktes selbst eine
Eigenschaft des psychischen Subjekts ist, nimmt die Husserlsche Theorie
letztlich die Form einer so genannten adverbialen Intentionalitätstheorie
an. Nach dieser Theorie sind die Entitäten, die für die Intentionalität
verantwortlich sind, im Grunde psychische Eigenschaften des betreffenden
Subjekts. Sich intentional zu beziehen, heißt eine gewisse psychische
Eigenschaft zu haben.

5
„[J]edermann muss es anerkennen: dass der intentionale Gegenstand der Vorstellung
derselbe ist wie ihr wirklicher und gegebenenfalls ihr äußerer Gegenstand und dass es
widersinnig ist, zwischen beiden zu unterscheiden. [...] Der Gegenstand ist ein ‚bloß
intentionaler’, heißt natürlich nicht: er existiert, jedoch nur in der intentio (somit als
ihr reelles Bestandstück), oder es existiert darin irgendein Schatten von ihm; sondern
es heißt: die Intention, das einen so beschaffenen Gegenstand ‚Meinen’ existiert, aber
nicht der Gegenstand.“, Husserl 1901, S. 439.
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Die relevanten Eigenschaften sind aber in einer bestimmten Weise


strukturiert und diese innere Struktur erklärt uns den Mechanismus der
intentionalen Beziehung. Ein Subjekt, das sich auf einen φ-Gegenstand
intentional bezieht, muss – so beginnt ein Adverbialist – einen psychischen
Zustand der entsprechenden allgemeinen Art haben. Solche Zustände
können wir „Vorstellungen“ nennen. Das ist aber nicht das Ende der
Geschichte. Eine Vorstellung zu haben, heißt zwar, sich auf etwas inten-
tional zu beziehen, dieses etwas wurde aber dadurch noch überhaupt nicht
(und insbesondere nicht als ein φ-Gegenstand) bestimmt. Was aus einer
Vorstellung eine Vorstellung von einem so-und-so bestimmten Gegenstand
macht, ist eine Modifizierung, die die psychische Eigenschaft der Vor-
stellung näher bestimmt. Um zu wissen, worauf sich das Subjekt bezieht,
müssen wir nicht nur wissen, dass es vorstellt. Wir müssen auch wissen.
wie es vorstellt. Da die Modifizierung, von der wir sprechen, auf die Frage
„wie?“ antwortet, wird sie gewöhnlich als adverbiale Modifizierung
bezeichnet.
Ein Adverbialist sagt also, dass ein Subjekt, das sich an einen φ-Gegen-
stand intentional bezieht zum ersten (i) vorstellt und zum zweiten (ii) sein
Vorstellen entsprechend adverbial modifiziert ist. Die Adverbialisten sagen
oft, dass die Vorstellung eines φ-Gegenstandes selbst φ-lich ist, wobei die
Bezeichnung „φ-lich“ ein zum Prädikat „φ“ korrelatives Adverb repräsen-
tieren soll. Im Englischen lassen sich die entsprechenden Adverbien ein-
fach durch das Suffix „-ly“ bilden, im Deutschen ist es hingegen typischer-
weise genau dasselbe Wort.6
Die adverbiale Theorie der intentionalen Beziehung lässt sich durch
folgendes Bild darstellen:

6
Die Idee der adverbialen Theorie verdanken wir C. J. Ducasse. Vgl. „The hypothesis
[...] is that ‘blue’, ‘bitter’, ‘sweet’, etc., are names not of objects of experience, nor of
species of objects of experience, but of species of experience itself. What it means is
perhaps made clearest by saying that to sense blue is then to sense bluely, just as to
dance waltz is to dance ‘waltzily’ (i.e., in the manner called ‘to waltz’) [...].”, Ducasse
1951, S. 259.
INTENTIONALE GEGENSTÄNDE 91

Eigenschaften
ψ φ
Instantiierung

Implikation

VOR
REPR*
Instantiierung

Instantiierung

a REF b

erfolgreiche Referenz

Subjekt Objekt

Subjekt a bezieht sich intentional auf Objekt b. Es stellt Objekt b vor. Das
kommt dadurch zustande, dass das Subjekt eine komplizierte psychische
Eigenschaft hat. Erstens vollzieht es eine Vorstellung (es instantiiert
Eigenschaft VOR) und zweitens ist diese Vorstellung als Vorstellung von b
bestimmt (VOR instantiiert Eigenschaft ψ). Wenn es in der transzendenten
Welt Entität b gibt, die Eigenschaft φ instantiiert, besteht zwischen VOR
und b die Repräsentationsrelation REPR* und Subjekt a steht zu b in der
Relation der erfolgreichen Referenz (REF). Eigenschaft ψ ist also genau
die „adverbiale“ Eigenschaft, die man üblicherweise als „φ-lich“ (bzw. „φ-
ly“) bezeichnet. Was die Implikationspfeile zwischen dem Eigenschafts-
paar ψ und φ und den Relationen REPR* und REF zu bedeuten haben,
werden wir im Folgenden noch enthüllen.
Das Bild, das uns Husserl hier vorschlägt, scheint tatsächlich onto-
logisch einfacher zu sein als das, was wir beim mittleren Brentano vor-
finden. Der springende Punkt ist, dass wir hier keine Akt-abhängigen Enti-
täten haben, die ihre Eigenschaften in irgendeiner nicht-standardmäßigen
Weise exemplifizieren. Es gibt nur normale Eigenschaften und normale
Exemplifizierungen.
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3. Die Rückkehr des intentionalen Gegenstandes

Die Theorie der Logischen Untersuchungen sieht in der Tat sehr elegant
und attraktiv aus. Trotzdem hielt sein Erfinder nicht lange daran fest.
Schon 1908 fühlte sich Husserl in seinen Vorlesungen über Bedeutungs-
lehre gezwungen, die Entitäten, die sehr an Brentanos immanente Ge-
genstände erinnern, zurück ins Boot zu holen. Seine offizielle Begründung
für diesen Schritt lautet, dass uns die phänomenologische Beschreibung der
Sachlage unmissverständlich sagt, dass man in jeder intentionalen Be-
ziehung eine Entität hat, die dem betreffenden Subjekt in einer besonders
direkten Weise quasi „vor Augen“ steht. (Vgl. Husserl 1908, S. 36) Die
adverbialen Modifikationen der psychischen Eigenschaften werden aber in
einer direkten intentionalen Beziehung überhaupt nicht thematisiert. Man
braucht dafür eine auf die eigenen psychischen Akte gerichtete Reflexion,
um sie kognitiv zu erfassen. Das alles scheint dafür zu sprechen, dass ein
adverbialer Ausweg nicht das leisten kann, was er verspricht.
Husserl führt also wieder spezielle Gegenstände ein. In den Vorlesun-
gen über Bedeutungslehre heißen sie „ontische Bedeutungen“ und später,
in Ideen I (Husserl 1913), treten sie unter dem Namen „Noemata“ auf.
Husserl definiert sie als Gegenstände der intentionalen Beziehung genau so
genommen, wie sie in einem psychischen Akt gemeint werden.
Husserl betrachtet es als eine „rein deskriptive“ These, dass man in
jeder intentionalen Beziehung eine Entität braucht, die als Quasi-Ziel der
Intention dem betreffenden Subjekt vor Augen steht. Es scheint aber, dass
sie sich auch auf eine andre Weise theoretisch begründen lässt, was
deshalb wichtig sein könnte, weil viele am privilegierten Status „rein
deskriptiver“ Feststellungen zweifeln.

4. Ein Vergleich

Die angesprochene Begründung beginnt mit dem Vergleich jener beiden


Bilder der intentionalen Beziehung, die wir skizziert haben. Wenn wir die
Brentanosche Theorie des immanenten Objekts mit der adverbialen
Theorie vergleichen, bemerken wir, dass sich die grundlegenden Elemente
in beiden Bildern zum großen Teil wiederholen. In beiden Fällen haben wir
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(i) eine repräsentierende Entität, die bei jeder intentionalen Beziehung


vorhanden sein muss; (ii) eine Relation zwischen dem Subjekt und der
repräsentierenden Entität (die wir hier die Immanenzrelation nennen);
(iii) eine Repräsentationsrelation, die gegebenenfalls zwischen der reprä-
sentierenden Entität und einem transzendenten Referenzgegenstand be-
steht; (iv) die repräsentierende Eigenschaft, d.h. die Eigenschaft der reprä-
sentierenden Entität, die vorschreibt, welche Eigenschaft der eventuelle
Referenzgegenstand haben muss; (v) die repräsentierte Eigenschaft, d.h.
die Eigenschaft des eventuellen Referenzgegenstandes, die in dieser Weise
vorgeschrieben wurde; und (vi) die Relation des „Habens“ zwischen der
repräsentierenden Entität und der repräsentierenden Eigenschaft.
Die wesentlichen Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen beiden
Theorien haben wir in folgender Tabelle zusammengefasst:

Brentano Adverbialisten
Repräsentierende Entität Immanenter Gegenstand Eigenschaft VOR
Immannezrelation IMM Exemplifizierung
Repräsentationstrelation REPR REPR*
Repräsentierende φ ψ
Eigenschaft
Repräsentierte Eigenschaft φ φ
Die Relation zwischen der Eine modifizierte Normale Exemplifizierung
repräsentierenden Entität Exemplifizierung
und der repräsentierenden
Eigenschaft

Bemerkenswert ist hier zunächst, dass die Rolle, die in Brentanos Theorie
von dem immanenten Gegenstand gespielt wird, im Rahmen der adver-
bialen Theorie durch die mentale Eigenschaft des Vorstellens übernommen
wird. Das sind also die Entitäten, die in beiden Theorien die repräsen-
tierenden Eigenschaften tragen. Hier finden wir auch den ersten zentralen
Unterschied: bei Brentano ist die repräsentierende Eigenschaft genau die-
selbe Eigenschaft wie die, die sie repräsentiert. In beiden Fällen handelt
sich um φ, so dass man sagen kann, dass der immanente Gegenstand durch
die Identität repräsentiert. Bei den Adverbialisten hingegen sind die zwei
Eigenschaften verschieden und sie müssen es auch sein, denn auf einer
Seite handelt es sich um die Eigenschaft eines psychischen Aktes und auf
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der anderen um die Eigenschaft eines transzendenten (meistens physi-


schen) Gegenstandes.
Weiter ist zu bemerken, dass ein Brentanist auf der Identität der reprä-
sentierenden und repräsentierten Eigenschaften nur um Preis der Einfüh-
rung einer ungewöhnlichen (modifizierten) Exemplifizierungsweise beste-
hen kann. So entgeht er dem Einwand, dass ein immanenter Gegenstand,
der ein Pferd repräsentiert, nicht selbst ein Pferd sein kann.
Wir sehen hier schon ziemlich genau, wo die Vorteile und Nachteile
der beiden Theorien liegen: Die Theorie des immanenten Gegenstandes
bietet uns einen sehr einfachen Mechanismus der Repräsentation, aller-
dings um den Preis einer ziemlich extravaganten Ontologie. Die adverbiale
Theorie erkauft sich das Gefühl ontologischer Sparsamkeit mit einem
etwas komplizierteren Bild der intentionalen Repräsentation.

5. Das Elend des Adverbialismus

Glücklicherweise brauchen wir, die Vor- und Nachteile der beiden Theo-
rien nicht pedantisch abzuwägen um festzustellen, welcher der beiden der
Vorrang gebührt. Denn man kann zeigen, dass eine adverbiale Intentionali-
tätstheorie aus prinzipiellen Gründen versagt. Wir versuchen jetzt, diese
Argumentation zu skizzieren.
Dass die intentionale Beziehung zu einem philosophischen Problem
wird, liegt daran, dass sie keine extensionale Relation ist. Das Kennzeichen
der Nichtextensionalität ist das Scheitern von zwei wichtigen logischen
Regeln: der Regel der existentiellen Generalisierung und der Regel der
wechselseitigen Substituierbarkeit der Glieder einer wahren Identitätsaus-
sage. Weder ist es logisch berechtigt, von dem Satz: „Peter stellt einen
Zentauren vor“ auf die Existenz von etwas, was Peter vorstellt, zu
schließen, noch darf man aus dem Satz „Peter denkt an den Morgenstern“
den Satz „Peter denkt an den Abendstern“ ableiten, obwohl die Identitäts-
aussage „Morgenstern = Abendstern“ wahr ist.
Die Theorien der Intentionalität, die wir besprochen haben, versuchen,
diese logischen Anomalien mit Hilfe ihrer repräsentierenden Entitäten zu
lösen. Was die Regel der existentiellen Generalisierung betrifft, so wird sie
insofern wieder hergestellt, als es berechtigt ist, bei jeder intentionalen
INTENTIONALE GEGENSTÄNDE 95

Beziehung auf die Existenz einer repräsentierenden Entität zu schließen.


Im Fall der Regel der Substituierbarkeit versucht man zu zeigen, dass die
betreffenden Termini erst dann füreinander substituierbar sind, wenn die
entsprechenden repräsentierenden Entitäten identisch (bzw. in einem ge-
wissen Sinne äquivalent) sind.
Die Sache mit der existentiellen Generalisierung ist relativ einfach. Bei
der Erklärung des Scheiterns und dem Wiederherstellen der Regel der
Substituierbarkeit tauchen hingegen wichtige epistemische Fragen auf, bei
denen sich die Schwäche der adverbialen Theorie offenbart. Deswegen
werden wir uns im Folgenden auf die Substituierbarkeitsregel konzentrie-
ren.
Der erste Schritt bei der Erklärung, warum die Substituierbarkeitsregel
in ihrer ursprünglichen Form in intentionalen Kontexten scheitert, ist die
Beobachtung, dass man hier nicht bloß die Identitätsrelationen zwischen
den Referenzgegenständen berücksichtigen muss, sondern vielmehr das,
was das betreffende Subjekt über diese Identitäten denkt. Man darf aus
dem Satz „Peter denkt an den Morgenstern“ deshalb nicht auf den Satz
„Peter denkt an den Abendstern“ schließen, weil es nicht klar ist, ob Peter
weiß, dass die Identitätsaussage „Morgenstern = Abendstern“ wahr ist. Für
die Substituierbarkeit ist hier die kognitive Situation des Subjekts, nicht
der objektive Zustand der Welt entscheidend.
Das war aber erst der Anfang der Erklärung. Die weitere Erklärung
macht darauf aufmerksam, dass man in einer intentionalen Beziehung mit
repräsentierenden Entitäten operiert, die die (eventuellen) Referenzentitä-
ten nur sehr fragmentarisch spezifizieren. In unseren Schemata sehen wir,
dass die einzige Eigenschaft des Referenzgegenstandes, die spezifiziert
wird, die Eigenschaft φ ist. Dies kann eine sehr komplizierte konjunktive
Eigenschaft sein, es kann aber auch bloß eine Eigenschaft wie Mogenstern
oder Sieger von Jena sein.
Die immanenten (repräsentierenden) Entitäten sind also im Vergleich
zu den transzendenten Referenzgegenständen in diesem Sinne unvollstän-
dig und diese Unvollständigkeit hat mit den kognitiven Aspekten der inten-
tionalen Beziehung zu tun. Eine repräsentierende Entität repräsentiert in
unvollständiger Weise, so dass zwei Termini „a“ und „b“ in intentionalen
Kontexten erst dann füreinander substituierbar sind, wenn die repräsentie-
renden Entitäten, die bei der Verwendung von „a“ und „b“ „tätig sind“,
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genau in derselben Weise repräsentieren, was soviel heißt wie, dass sie
genau dieselbe repräsentierte Eigenschaft φ spezifizieren. Der Kürze halber
werden wir sagen, dass zwei repräsentierende Entitäten in einem solchen
Fall intentional äquivalent sind.
Wenn man das logisch anomale Verhalten der Substituierbarkeitsregel
in dieser Weise erklärt, setzt man voraus, dass die entsprechenden reprä-
sentierenden Entitäten für das relevante Subjekt im folgenden Sinne
epistemisch transparent sind: das betreffende Subjekt kann sich bezüglich
ihrer intentionalen Äquivalenz nicht irren. Wäre dies nämlich möglich,
würden sich alle Probleme, die wir bei den transzendenten Referenzgegen-
ständen haben, auch in Bezug auf die immanenten repräsentierenden Enti-
täten wiederholen.
Wie stehen nun die beiden zu vergleichenden Theorien zu diesem
Postulat der epistemischen Transparenz? Die Theorie der immanenten
Gegenstände trägt dem direkt Rechnung. Was dem Subjekt „vor Augen“
steht, ist ja in erster Linie die repräsentierte Eigenschaft φ. Die Ontologie
immanenter Gegenstände erlaubt es zu sagen, dass sie jetzt „direkt da“ ist.
Es wird damit auch deutlich, dass die Brentanosche Immanenzrelation
(IMM) sowohl eine ontologische als auch eine epistemische Immanenz be-
deutet. Ein immanenter Gegenstand ist ontologisch immanent, weil er ein
ontologisch unselbständiges Korrelat des psychischen Aktes ist. Einen psy-
chischen Akt zu vollziehen heißt definitorisch, in Relation IMM zu einem
immanenten Gegenstand zu stehen. Es heißt aber auch, dass diese Gegen-
stände für das betreffende Subjekt epistemisch transparent sind in dem
Sinne, dass es sich bezüglich der intentionalen Äquivalenz solcher imma-
nenter Entitäten nicht irren kann.7
Für einen Adverbialisten ist die Sache viel komplizierter. Einen direk-
ten Zugang zur Eigenschaft φ gibt es bei ihm nicht, denn er will die
Einführung gerade dieser Eigenschaft vermeiden. Der Hauptgedanke der
adverbialen Theorie besteht ja darin, dass wir keine speziellen immanenten
Gegenstände brauchen, die die Eigenschaft φ in irgendeiner speziellen

7
Bei dem historischen Brentano ist es überraschend nicht so. Er nimmt explizit kogni-
tiv unzugängliche Aspekte des immanenten Objekts an. Vgl. dazu Chrudzimski 2001a,
S. 128–134. Wir sind allerdings der Meinung, dass er das nicht tun sollte.
INTENTIONALE GEGENSTÄNDE 97

Weise haben sollen. Alles was wir brauchen, so die Theorie, ist ein psychi-
scher Akt (die Eigenschaft VOR) mit einer adverbialen Modifizierung ψ.
Das genügt aber nicht. Denn wir brauchen auch eine Garantie, dass die
repräsentierende Entität (d.h. die Eigenschaft VOR mit der Modifizierung
ψ) für das Subjekt im geforderten Sinne kognitiv transparent ist. Die
Ontologie der intentionalen Beziehung, die uns ein Adverbialist bietet,
unterstützt diese Annahme nicht. Das Subjekt und die repräsentierende
Entität stehen hier in der Relation einer normalen Exemplifizierung, und
das verrät uns noch nichts über einen privilegierten epistemischen Zugang.
Das ist einer der Punkte, an dem deutlich wird, dass die ontologische
Sparsamkeit der adverbialen Theorie nur vorgegaukelt ist, indem die ge-
heimnisvolle, epistemisch aufgeladene Relation IMM durch eine angeblich
normale Exemplifizierung ersetzt wird. Denn die ganze epistemische Auf-
geladenheit wandert auf diese Weise aus der Relation IMM in die Eigen-
schaft VOR. Wenn VOR wirklich eine Eigenschaft des Subjekts ist, dann
muss sie komplex genug sein, um zu garantieren, dass die Repräsentations-
weise durch die adverbiale Modifikation im gewünschten Sinne episte-
misch transparent ist.
Es gibt einen Weg, wie ein Adverbialist eine solche Erklärung ganz
leicht geben kann. Er müsste nur behaupten, dass eine ψ-modifizierte VOR
zu haben, nichts anders heißt, als in einer IMM-Relation zu einer Entität zu
stehen, die die Eigenschaft φ kodiert. Die ursprüngliche Formulierung der
adverbialen Theorie ist so allgemein, dass sie sich ohne Probleme in jede
beliebige Intentionalitätstheorie umwandeln lässt. Damit verzichtet ein
Adverbialist jedoch auf die Eliminierung der intentionalen Gegenstände,
die das Ziel seiner Theorie sein sollte, wie wir angenommen haben.
Unter dieser Voraussetzung kann ein Adverbialist keine modifizierte
Exemplifizierungsweise annehmen, die es ihm erlauben würde zu sagen,
dass die Eigenschaft φ dem betreffenden Subjekt direkt „vor Augen“ steht.
Kann er dann dem Postulat der epistemischen Transparenz überhaupt noch
Rechnung tragen? Unsere Antwort lautet: „Nein“. Der Grund dafür wird
klar, wenn wir die Relation zwischen den Eigenschaften ψ und φ etwas
genauer unter die Lupe nehmen.
Eine ψ-modifizierte VORstellung zu haben, soll eine hinreichende Be-
dingung dafür sein, dass die intentionale Beziehung zu einem φ-Gegen-
98 ARKADIUSZ CHRUDZIMSKI

stand besteht. Das bedeutet, dass, wenn in einer Welt ein Subjekt mit einer
ψ-modifizierten VORstellung und ein φ-Gegenstand existieren, die rele-
vanten Repräsentationsrelationen (REF und REPR*) automatisch entste-
hen. Das ist der Sinn der Implikationspfeile, die in unserem Schema von
dem Eigenschaftspaar ψ und φ zu den Relationen REF und REPR* ver-
laufen.
Relationen, die in ihrem Bestehen bzw. Nicht-Bestehen völlig von den
monadischen Eigenschaften ihrer Glieder abhängen, werden seit Russell
als interne Relationen bezeichnet. Man sagt auch, dass sie auf den monadi-
schen Eigenschaften ihrer Glieder supervenieren. Dass derartige Repräsen-
tationsrelationen in diesem Sinne intern (bzw. supervenient) sein müssen,
ist klar. Auch die Relation REPR in Brentanos Schema ist intern, nur dass
in diesem Fall die Supervenienzbasis besonders „einfach“ ist. Sie besteht
in der Identität der repräsentierenden und repräsentierten Eigenschaft.
Was dem Subjekt der adverbialen Theorie zur Verfügung steht, ist eine
ψ-modifizierte VORstellung. Ist Eigenschaft VOR epistemisch ausrei-
chend aufgeladen, könnte man behaupten, dass das Subjekt einen kognitiv
privilegierten Zugang zur repräsentierenden Eigenschaft ψ hat. Da die
Relation REPR* eine interne Relation ist, ist das vielleicht alles, was das
Subjekt braucht.
Dieser Schein trügt aber. Die adverbialen Eigenschaften höherer Ord-
nung repräsentieren nach der adverbialistischen Auffassung die identifizie-
renden Eigenschaften der Referenzentitäten. In unserem Fall repräsentiert
die Eigenschaft ψ die Eigenschaft φ. Einen derartigen „Repräsentations-
mechanismus“ gibt es aber nur, wenn zwischen den repräsentierenden und
repräsentierten Eigenschaften eine systematische Zuordnung besteht.
Genau das legen Adverbialisten nahe, wenn sie eine adverbiale Eigen-
schaft, die φ repräsentieren als „φ-lich“ bezeichnen.
Wie diese Zuordnung zwischen den repräsentierenden und repräsen-
tierten Eigenschaften in Einzelheiten aussieht, davon haben wir aber keine
Ahnung. Dass man die relevanten Eigenschaftspaaren als „φ-lich“ und „φ“
bezeichnet, suggeriert, dass diese Zuordnung etwas Selbstverständliches
ist. Es ist aber nur ein nächster dialektischer Schachzug, der eine onto-
logische Einfachheit dort vortäuscht, wo sich in Wahrheit die Hauptprob-
leme verbergen. Wir erfahren dadurch nur, dass der Eigenschaft φ des
INTENTIONALE GEGENSTÄNDE 99

Referenzgegenstandes eine Eigenschaft des psychischen Aktes in systema-


tischer Weise zugeordnet wird, so dass jeder psychische Akt, der diese
Eigenschaft exemplifiziert, sich auf ein φ-Gegenstand bezieht. Wir erfah-
ren aber weder etwas über die Natur dieser Eigenschaft, noch über die
Natur dieser Zuordnung.
Was uns dabei sonderbar erscheinen sollte, ist die Tatsache, dass wir
nur die Eigenschaft φ kennen. Nur sie „steht uns vor Augen“, wenn wir uns
intentional auf etwas beziehen. Eigenschaft ψ und die systematische
Zuordnung zwischen den repräsentierenden und den repräsentierten Eigen-
schaften sind Teile eines versteckten Mechanismus, der zwar die intentio-
nale Beziehung ermöglicht, selbst aber unsichtbar „im Hintergrund läuft“.
Damit hängen die Hauptprobleme der adverbialen Theorie zusammen.
Dass der ganze Mechanismus der intentionalen Beziehung für das Subjekt
verborgen bleibt, sollte uns angesichts des Postulats der epistemischen
Transparenz äußerst misstrauisch machen. Eigentlich will ein Adverbialist
behaupten können, dass die Eigenschaft φ nur dann gibt, wenn sie in der
Welt exemplifiziert wird. In diesem Sinne kann man sagen, dass er sich
von der Eigenschaft φ „verabschiedet“. Um die intentionale Beziehung auf
ein φ-Objekt zu erklären, reicht es nach ihm, von Eigenschaft φ-lich (d.h.
ψ) zu sprechen. Was also dem Subjekt zur Verfügung steht, ist nur die
Eigenschaft ψ und die Relation der Zuordnung zwischen den repräsentie-
renden und repräsentierten Eigenschaften. All dies bleibt aber für das
relevante Subjekt im Verborgenen!
Wir glauben, dass die adverbiale Theorie damit ausreichend diskredi-
tiert ist. Wenn aber jemand meint, das Postulat der epistemischen Trans-
parenz außer Kraft setzen zu können und behauptet, dass die adverbiale
Theorie trotzdem „irgendwie“ funktioniert, gibt es noch ein anderes Argu-
ment, das gegen sie spricht. Dieses Argument ist unabhängig vom Postulat
der epistemischen Transparenz. Es zeigt, dass man im Rahmen der
adverbialen Auffassung schon aus rein ontologischen Gründen letztlich
dazu gezwungen wird, neben der Eigenschaft φ-lich (d.h. ψ) auch die (in
vielen Fällen nicht-exemplifizierte) Eigenschaft φ einzuführen. Dies legt
nahe, dass das ganze adverbiale Mechanismus eigentlich überflüssig ist.
Der springende Punkt bei dieser Argumentation ist, dass die Eigen-
schaft φ-lich (ψ) nur dann etwas repräsentieren kann, wenn die entspre-
100 ARKADIUSZ CHRUDZIMSKI

chende systematische Zuordnung <φ-lich, φ> auch „da ist“. Im Folgenden


nennen wir sie „KOR“. Allein für sich ist ψ einfach nur ψ und nichts mehr.
Ein Adverbialist muss also in seiner Ontologie nicht nur ψ, sondern auch
KOR haben.
Dazu kommt, dass KOR manchmal durch das Paar <ψ, φ> nicht
exemplifiziert wird und zwar in allen Fällen, in denen φ nicht exempli-
fiziert ist. Der Adverbialist muss also annehmen, dass es nicht-exempli-
fizierte Relationen gibt. Wenn er aber so weit gekommen ist, welcher
Unterschied bleibt dann noch zwischen der Relation KOR und einer x-
beliebigen monadischen Eigenschaft? Mit anderen Worten: Warum soll
man nicht gleich die Eigenschaft φ einführen? Dafür gibt es keine guten
Gründe, wie wir glauben.
Ein Adverbialist landet also bei einer Ontologie, in der er nicht nur ψ
sondern sowohl KOR als auch φ hat. Es ist klar, dass in diesem Fall ψ und
KOR einfach überflüssig sind. Wenn in unserer Ontologie sowieso jede
nicht-exemplifizierte Eigenschaft enthalten ist, dann steht uns eine viel
einfachere Intentionalitätstheorie zur Verfügung, die zusätzlich das
Postulat der epistemischen Transparenz erfüllt. Diese Theorie, die Chis-
holm (1976) formuliert hat, definiert die intentionale Beziehung zu einem
φ-Gegenstand als ein direktes mentales Erfassen der Eigenschaft φ. Wir
erhalten damit das folgende Bild der intentionalen Beziehung:

φ Eigenschaften

ERF "normale"
direktes Exemplifikation
mentales
Erfassen

a
INT b
intentionale Beziehung

Subjekt Objekt
INTENTIONALE GEGENSTÄNDE 101

Dieses Bild ist tatsächlich viel einfacher als das ursprüngliche Bild der
adverbialen Theorie. Wir behaupten, dass ein Adverbialist alle Gründe hat,
zu dieser Auffassung überzugehen.
Das Chisholmsche Bild ist natürlich auch im Vergleich zur Theorie der
intentionalen Gegenstände viel einfacher, und so stellt sich die Frage, ob es
auch diese Theorie überbietet. Was die Theorie der intentionalen Gegen-
stände im Vergleich zur Chisholmschen Theorie attraktiv machen kann, ist
die Tatsache, dass man in ihrem Rahmen keine „schlicht“ nicht-exempli-
fizierten Eigenschaften einführt. Jede Eigenschaft, mit der man dort han-
tiert, ist entweder „normal“ oder „modifiziert“ exemplifiziert (kodiert). In
diesem Sinne kann man sagen, dass die Theorie der intentionalen Gegen-
stände mit einem weit verstandenen Aristotelismus zu vereinbaren ist,
während die Theorie Chisholms (und, wie wir gesehen haben, auch die
adverbiale Theorie) unausweichlich einen Platonismus in Kauf nimmt.

6. Ingardens Version der Theorie der intentionalen Gegenstände

Ingardens Theorie der intentionalen Gegenstände, die vor allem in


Ingarden 1931 und Ingarden 1964/65 zu finden ist, war ein Versuch, die
Husserlsche Theorie der Noemata ontologisch zu präzisieren. In diesem
Versuch gelangt Ingarden zu einer Auffassung, die in vielen Aspekten sehr
an Brentanos Lehre von den immanenten Gegenständen erinnert. Ingarden
betrachtet intentionale Gegenstände als ontologisch abhängige Entitäten.
Sie sind seinsheteronom8 in Bezug auf die entsprechenden psychischen
Akte. In einem intentionalen Gegenstand kann man außerdem zwei Reihen
von Eigenschaften unterscheiden. Jeder intentionale Gegenstand hat zum
einen seinen „Gehalt“, der diejenigen Eigenschaften umfasst, die dem Sub-
jekt „vor Augen“ stehen (unsere Eigenschaft φ). Er hat aber zum anderen
auch seine „eigenen“ Eigenschaften, wie z.B. die Eigenschaft, in Bezug auf
einen psychischen Akt seinsheteronom zu sein, oder die Eigenschaft, einen
derartigen Gehalt zu haben.

8
Vgl. Peter Simons „Ingarden and the Ontology of Dependence“, Kapitel 2 in diesem
Band.
102 ARKADIUSZ CHRUDZIMSKI

Ingarden sagt, dass die reinen Qualitäten (Ingardens Terminus für die
platonisch verstandenen Universalien) im Gehalt eines rein intentionalen
Gegenstandes „aktualisiert“ sind, während das Verhältnis der normalen
Exemplifizierung bei ihm „Vereinzelung“ heißt. Wenn einem solchen rein
intentionalen Gegenstand ein reales Zielobjekt in der Welt entspricht, dann
muss dieses Zielobjekt dieselben idealen Qualitäten, die im Gehalt des rein
intentionalen Gegenstandes aktualisiert sind, als seine Eigenschaften exem-
plifizieren. (Ingarden 1964/65, Bd. II, Teil 1, S. 206)
Wir finden hier alle wesentlichen Elemente der Brentanoschen Auffas-
sung: (i) die These der ontologischen Abhängigkeit des intentionalen Ge-
genstandes, (ii) die Unterscheidung zwischen einer normalen und modifi-
zierten Exemplifizierung und (iii) die Identitätstheorie der intentionalen
Repräsentation.
Ingarden trägt übrigens auch dem Postulat der epistemischen Trans-
parenz explizit die Rechnung. Er definiert zunächst eine Art der epistemi-
schen Transzendenz, die für die Dinge der Außenwelt charakteristisch ist:

Transzendenz der Seinsfülle [...] zeichnet einen seinsautonomen Gegenstand dem ihn
vermeinenden Bewusstseinsakt gegenüber aus, weil die Fülle seines Seinsbereiches,
die in der unendlichen Mannigfaltigkeit seiner Eigenschaften und Momente liegt, in
keinem Erkennen seiner einzelnen Eigenschaften, das sich in einem einzelnen Akt
oder in einer endlichen Mannigfaltigkeit solcher Akte vollzieht, erschöpft werden
kann. (Ingarden 1964/65, Bd. II, Teil 1, S. 226)

Anschließend sagt er, dass die Gehalte der intentionalen Gegenstände


keine derartige Transzendenz besitzen:

Es scheint indessen, dass der rein intentionale Gegenstand sich hinsichtlich der
bestimmten Momente seines Gehaltes durch keine Transzendenz der Seinsfülle dem
ihn vermeinenden und ihn konstituierenden Akte gegenüber auszeichnet. Hier findet
eine Adäquation zwischen dem Inhalt des Aktes und der Mannigfaltigkeit der bestim-
mten Eigenschaften und Momente, die in dem Gehalte des zugehörigen intentionalen
Gegenstands auftreten, statt. (Ingarden 1964/65, Bd. II, Teil 1, S. 226)

Es gibt aber einen Aspekt der Ingardenschen Lehre, in dem er von der
Theorie Brentanos deutlich abweicht. Er nimmt nämlich an, dass in einer
INTENTIONALE GEGENSTÄNDE 103

intentionalen Beziehung sowohl ein intentionaler Gegenstand als auch ein


mentaler Inhalt im Sinne Twardowskis involviert sind.
Diese Art der Intentionalitätstheorie ist aus der Kritik der Brentano-
schen Lehre vom immanenten Objekt entstanden. Die Bezeichnung „im-
manenter Gegenstand“, die Brentano oft verwendete, legt nach seinen
Kritikern nahe, dass es sich dabei um etwas genuin Psychisches handelt –
um etwas, das als ein Quasi-Bestandteil zum Strom des Bewusstseins des
jeweiligen Subjekts gehört. Auf der anderen Seite soll aber das immanente
Objekt für das Subjekt die Referenzgegenstände gewissermaßen „ver-
treten“. Es kodiert ihre identifizierenden Eigenschaften, so dass sie „vor
dem geistigen Auge“ des Subjekts auch dann erscheinen können, wenn sie
in der transzendenten Welt fehlen. Könnte diese Funktion von etwas, was
dem Bewusstseinstrom als ein immanenter Teil innewohnt, erfüllt werden?
Aufgrund dieser Überlegung haben manche Schüler Brentanos ent-
schieden, dass sein Begriff des immanenten Objekts zweideutig ist.9 An-
statt undifferenziert von einem immanenten Objekt zu sprechen, muss man
zwei Dinge unterscheiden: (i) einen mentalen Inhalt, der im relativ klaren
Sinne als „immanent“ zu bezeichnen wäre, und (ii) einen Gegenstand, der
normalerweise als dem Bewusstsein transzendent vermeint wird.10
Aus dieser Überlegung kann man, wie wir gesehen haben, auch den
Schluss ziehen, dass die intentionalen Gegenstände überhaupt überflüssig
sind. Das führt aber zur adverbialen Theorie, die mit fundamentalen
Schwierigkeiten behaftet ist.
Es gibt aber auch Philosophen, die beide vermittelnde Strukturen
einführen, und dies nicht „verschwenderisch“ finden. Sie behaupten, dass
wir sowohl den mentalen Inhalt als auch die speziellen intentionalen Ge-
genstände unbedingt brauchen. Die Argumentation, die zu dieser Position
führt, lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Wir brauchen spezielle
intentionale Gegenstände, um zu erklären, was vor dem geistigen Auge
eines Subjekts steht, wenn eine Referenzentität in der Welt fehlt. Um zu
erklären, wie sich überhaupt etwas vor seinem geistigen Auge befinden
kann, brauchen wir aber einen genuin mentalen Mechanismus und das
bekommen wir in der Gestalt des psychischen Inhalts.

9
Vgl. vor allem Twardowski 1894.
10
Außer wenn wir uns auf unsere eigenen Erlebnisse beziehen.
104 ARKADIUSZ CHRUDZIMSKI

Unter den Philosophen, die sich durch diese Argumentation überzeugen


ließen, befanden sich neben Twardowski und Meinong auch der spätere
Husserl und Ingarden. Ingarden schreibt deutlich, dass der intentionale
Gegenstand durch den mentalen Inhalt der Intention vollständig bestimmt
wird. (Ingarden 1964/65, Bd. II, S. 211)
Im Folgenden werden wir zeigen, dass all diese Philosophen schließlich
doch im Unrecht waren. Durch die Einführung eines psychischen Inhalts
neben dem intentionalen Gegenstand können wir keine zusätzliche Erklä-
rungskraft gewinnen.

7. Psychischer Inhalt in der repräsentativen Rolle

In der Theorie, die sowohl intentionale Gegenstände als auch einen zusätz-
lichen mentalen Inhalt annimmt, werden zwei Probleme systematisch ver-
mischt. Der psychische Inhalt soll derjenige Aspekt eines mentalen Aktes
(d.h. eines mentalen Zustands) sein, der bestimmt, auf welchen inten-
tionalen Gegenstand er sich bezieht. Da aber die intentionalen Gegenstände
in den hier für uns interessanten Theorien11 als ontologisch abhängige
Entitäten interpretiert werden, kann das sowohl eine repräsentative als
auch eine quasi-kausale Rolle bedeuten. In diesem Abschnitt besprechen
wir den repräsentativen Aspekt der Inhaltstheorien. Im nächsten werden
wir uns dem quasi-kausalen Aspekt zuwenden.
Wenn der in einem psychischen Zustand involvierte mentale Inhalt den
intentionalen Gegenstand dieses Zustands in diesem Sinne bestimmt, dann
bestimmt er in erster Linie die Eigenschaften, die dieser Gegenstand
kodiert, denn es sind die kodierten Eigenschaften, die die für die Intentio-
nalität des psychischen Zustands relevante Seite des intentionalen Gegen-
standes konstituieren. Nach dieser Auffassung involviert also jeder psy-
chische Zustand weiterhin eine Beziehung auf einen intentionalen Gegen-
stand, die wir IMM genannt haben. Diese Beziehung verliert aber ihren
bisherigen Status eines primitiven, weiter unerklärbaren Nexus. Denn
durch die Einführung des psychischen Inhalts versuchen wir nichts anderes

11
D.h. beim späten Husserl und Ingarden. Bei Twardowski und Meinong sind die
Gegenstände von den psychischen Akten ontologisch unabhängig.
INTENTIONALE GEGENSTÄNDE 105

als IMM philosophisch zu analysieren. Wir versuchen zu erklären, wie die


Relation IMM zustande kommt.
Was den ontologischen Charakter des Inhalts selbst betrifft, so ist er,
wie wir gesehen haben, als eine adverbiale Modifikation des entspre-
chenden psychischen Zustandes zu verstehen. Das führt uns zu folgendem
Bild:

Eigenschaften
ψ φ
Instantiierung Instantiierung
Kodierung
Implikation
intentionaler
Gegenstand
VOR
REPR* x
REPR
Instantiierung IMM

a REF b

erfolgreiche Referenz

Subjekt Objekt

Die Relation REPR zwischen dem intentionalen Gegenstand und der


(eventuellen) Referenzentität, beruht hier, wie bei Brentano, auf der
Identität der identifizierenden Eigenschaft φ, die durch den intentionalen
Gegenstand kodiert ist, mit einer Eigenschaft, die durch die Referenzentität
instantiiert wird.
Was noch hinzukommt, ist der komplette Mechanismus der adverbialen
Theorie, die jetzt den Zugang zum intentionalen Gegenstand (und somit
die Relation IMM) vermitteln sollte. Wir sehen, dass das Eigenschaftspaar
<ψ, φ> jetzt nicht nur die Relationen REF und REPR* (wie im Rahmen der
adverbialen Theorie), sondern auch die Relation IMM impliziert. Auch die
Relation IMM wird also zu einer internen Relation. Auch sie wird not-
wendig durch bestimmte monadische Eigenschaften ihrer Glieder impli-
ziert und superveniert in diesem Sinne auf diesen Eigenschaften. Der
106 ARKADIUSZ CHRUDZIMSKI

einzige wichtige Unterschied besteht darin, dass im Fall der Relation IMM
eine der relevanten Eigenschaften nicht instantiiert sondern kodiert ist.
Was bedeutet das für die Interpretation der Relation IMM im Rahmen
dieser Theorie? Nichts weniger als dass sie ihre zentrale Rolle endgültig
verliert. Sie ist jetzt eine Relation, die automatisch generiert wird, wenn
das Subjekt eine bestimmte Vorstellung hat. Wenn wir uns an die Bespre-
chung der adverbialen Theorie erinnern, wird klar, dass die Rolle, die die
Relation IMM dort gespielt hat, jetzt komplett im Begriff der Vorstellung
steckt.
Unglücklicherweise vererbt aber die so „verbesserte“ Theorie auch alle
Schwierigkeiten der adverbialen Theorie. Wie wir gesehen haben, kann
diese Theorie erst dann funktionieren, wenn man annimmt, dass die Eigen-
schaft φ für das Subjekt „sowieso“ zugänglich ist. Die „Vermittlung“ zwi-
schen dem Subjekt und dem intentionalen Gegenstand, die man durch den
adverbialen Zusatz gewinnt, ist somit völlig überflüssig.

8. Psychischer Inhalt in der quasi-kausalen Rolle

Von der Idee, dass man durch die Einführung des psychischen Inhalts in
der repräsentativen Funktion irgendetwas gewinnen kann, muss man sich
also endgültig verabschieden. Es gibt aber auch eine andere Funktion, die
man dem Inhalt zugebilligt hat, die mit der Idee der ontologischen
Abhängigkeit des intentionalen Gegenstandes zusammenhängt.
Intentionale Gegenstände sind, wie gesagt, ontologisch abhängige Enti-
täten. Es gibt keine frei schwebenden immanenten Gegenstände. Jeder sol-
che Gegenstand braucht ein Subjekt, das zu ihm in der Relation IMM steht.
Es liegt somit der Gedanke nahe, dass ein intentionaler Gegenstand in der
jeweiligen intentionalen Beziehung irgendwie „erzeugt” wird. Wenn man
das einmal so formuliert, dann wird man vielleicht auch auf die Idee
kommen, den Mechanismus dieser Erzeugung erklären zu wollen. Es steht
außer Zweifel, dass die Rede vom „Bestimmen“ des intentionalen Gegen-
standes durch den mentalen Inhalt bei Ingarden auch (und vielleicht sogar
vor allem) diesen quasi-kausalen Beigeschmack hat.
Es ist klar, dass dieser quasi-kausale Aspekt des mentalen Inhalts mit
seiner repräsentativen Funktion prima facie nichts zu tun hat, und da wir
INTENTIONALE GEGENSTÄNDE 107

die Zweckmäßigkeit der Einführung eines repräsentativen Inhalts bereits


abgehakt haben, können wir uns im Folgenden ausschließlich auf diese
quasi-kausale Funktion konzentrieren.
Wenn wir den mentalen Inhalt als denjenigen Faktor sehen wollen, der
für die Entstehung des intentionalen Gegenstandes verantwortlich ist, dann
muss man ihn wahrscheinlich als eine Eigenschaft des Subjekts interpre-
tieren, die diese quasi-kausale Rolle hat. Es ist für die gegenwärtige Dis-
kussion unwesentlich, ob wir in dieser Eigenschaft noch nach dem adver-
bialen Muster zwei Stufen (d.h. eine Eigenschaft des Vorstellens und eine
höherstufige adverbiale Modifikation, die bestimmt, was man vorstellt)
unterscheiden. Denn wir wollen zunächst untersuchen, ob uns eine solche
quasi-kausale Stütze überhaupt eine zusätzliche Erklärung liefern kann.
Die Theorie des quasi-kausalen Inhalts schlägt uns das folgende Bild
der intentionalen Beziehung vor:

Eigenschaften [?]
ω ρ φ
Instantiierung Instantiierung
Instantiierung Kodierung
quasi-kausale
Implikation
intentionaler
quasi-kausale x Gegenstand
Beziehung
REPR
IMM
a REF b

erfolgreiche Referenz

Subjekt Objekt

Der Teil, der der Brentanoschen Theorie entspricht, ist uns schon vertraut.
Er befindet sich vorwiegend auf der rechten Seite des Schemas. Wir haben
dort den intentionalen Gegenstand, der die identifizierende Eigenschaft φ
kodiert, die, falls es zu einer erfolgreichen intentionalen Beziehung kom-
men sollte, auch von einem Gegenstand in der transzendenten Welt
108 ARKADIUSZ CHRUDZIMSKI

instantiiert werden muss. Das Subjekt der intentionalen Beziehung steht zu


diesem intentionalen Gegenstand in der Relation IMM.
Was noch hinzukommt, soll erklären, wie der intentionale Gegenstand
überhaupt ins Leben gerufen wird. Die Inhaltstheoretiker behaupten, dass
es eine besondere Eigenschaft des Subjekts geben muss, die die Existenz
dieses bestimmten intentionalen Gegenstandes verursacht.
Dieses Verursachen darf freilich nicht als eine physische Kausalität
verstanden werden, denn die intentionalen Gegenstände sind ja keine phy-
sischen Entitäten. Nichtsdestoweniger muss man, soll die Idee des quasi-
kausalen Inhalts ernst genommen werden, darauf bestehen, dass es für die
Tatsache, dass ein Subjekt a in Relation IMM zu einem bestimmten inten-
tionalen Gegenstand x steht, immer einen „Grund” in den monadischen
Eigenschaften des Subjekts a geben muss.
In unserem Schema finden wir deshalb die Eigenschaft ω, die dem
Subjekt zukommt. Es ist eben diese Eigenschaft, die als der mentale Inhalt
interpretiert werden soll. (Wie gesagt, ist es unwesentlich, ob wir diese
Eigenschaft noch nach dem adverbialen Muster in zwei Stufen zerlegen.)
Die Tatsache, dass Subjekt a die Eigenschaft ω instantiiert, soll der
Grund für die Tatsache sein, dass dieses Subjekt einen bestimmten Gegen-
stand vor seinem geistigen Augen hat. Der entsprechende Gegenstand soll
dadurch buchstäblich erzeugt werden. In unserem Schema finden wir
deshalb eine quasi-kausale Beziehung, die vom Subjekt zum intentionalen
Gegenstand verläuft. Sie wurde mit einer besonders dicken Linie gekenn-
zeichnet.
Die „normalen” kausalen Beziehungen sind keine internen Relationen
im Sinne Russells. Sie sind aus den monadischen Eigenschaften ihrer
Glieder nicht zu folgern. Eben deswegen brauchen wir ja empirische Un-
tersuchungen, um die Kausalrelationen festzustellen. Der Begriff der lo-
gischen Folgerung ist aber ein relativer Begriff. Was man aus einem gege-
benen Tatbestand folgern kann, hängt davon ab, was wir dabei als Axiome
und Folgerungsregeln verwenden dürfen; und es ist eine Trivialität, dass,
wenn wir die physischen Gesetze zu Axiomen machen, auch alle Kausal-
verhältnisse zu den im Sinne Russells internen Relationen werden.
Eine analoge Situation muss auch im Rahmen der quasi-kausalen The-
orie des Inhalts vorliegen. Wenn man die quasi-kausalen Gesetze, die das
Erzeugen der intentionalen Gegenstände regieren, als Axiome akzeptiert,
INTENTIONALE GEGENSTÄNDE 109

wird die quasi-kausale Beziehung zwischen dem Subjekt und dem intentio-
nalen Gegenstand einer intentionalen Beziehung zu einer internen Rela-
tion.
Wir haben angenommen, dass diese Beziehung auf den Eigenschaften
superveniert, die sowohl auf der Seite des Subjekts als auch auf der Seite
des intentionalen Gegenstandes instantiiert (und nicht kodiert) sind. Des-
wegen finden wir bei dem immanenten Gegenstand neben der kodierten
Eigenschaft φ auch die instantiierte Eigenschaft ρ. Die quasi-kausale Rela-
tion soll nun (unter der Voraussetzung der quasi-kausalen Gesetze) auf
dem Eigenschaftspaar <ω, ρ> supervenieren.
Die Annahme, dass die quasi-kausale Beziehung ausschließlich auf den
instantiierten Eigenschaften supervenieren darf, finden wir plausibel. Die
kodierten Eigenschaften scheinen von der kausalen Struktur der Welt
ziemlich eindeutig abgekoppelt zu sein. Den Nexus der Kodierung hat man
doch gerade deswegen erfunden, um Eigenschaften einführen zu können,
die vom Kausalnetz der Welt ausgeschlossen bleiben. Es ist gerade der
Hauptgewinn der Theorie der intentionalen Gegenstände, dass man sich
nicht darum kümmern muss, dass eine (bloß kodierte) Schwere eines vor-
gestellten Elefanten vielleicht den Boden strapaziert oder dass die (bloß
kodierte) Laute eines vorgestellten Klavierspiels die Nachbarn weckt. Dass
die bloß kodierten Eigenschaften keine kausalen Kräfte haben, scheint so
gut wie definitorisch festgelegt.
Und dennoch muss man im Rahmen einer quasi-kausalen Inhaltstheorie
um einen Zusammenhang zwischen der kodierten Eigenschaft φ und der
instantiierten Eigenschaft ρ sorgen. Der Grund dafür besteht darin, dass es
uns im Grunde wie immer um die identifizierende Eigenschaft φ geht. Die
Einführung des quasi-kausalen psychischen Inhalts soll uns nicht nur erklä-
ren, warum das Subjekt irgendeinen intentionalen Gegenstand vor seinem
geistigen Auge hat. Sie soll uns vielmehr erklären, warum er vor seinem
geistigen Auge eben diesen bestimmten intentionalen Gegenstand hat; und
„diesen bestimmten“ bedeutet hier: den Gegenstand, der diese bestimmten
Eigenschaften kodiert.
In unserem Schema finden wir deswegen die Relation [?], die zwischen
φ und ρ verläuft. Sie wurde mit dem Fragezeichen versehen, weil ihr onto-
logischer Charakter rätselhaft bleibt. Es ist aber klar, dass das Kodieren
110 ARKADIUSZ CHRUDZIMSKI

von φ das Instantiieren von ρ implizieren soll. Die einfachste Lösung dafür
wäre, wenn man die Eigenschaft ρ einfach als die Eigenschaft φ-zu-kodie-
ren betrachten würde. In diesem Fall hätten wir es mit einer logischen
Implikation zu tun.
Wie es auch sein mag, eines steht fest: Letztlich wird auch die identifi-
zierende Eigenschaft φ durch die Eigenschaft ω plus die quasi-kausalen
Gesetze bestimmt. Das heißt aber, dass die Relation IMM, ähnlich wie in
der adverbialen Variante der Inhaltstheorie, im Grunde wegerklärt wird.
Sie wird diesmal durch die quasi-kausale Beziehung ersetzt und es fragt
sich, ob eine solche Beziehung das leisten kann, was man von der Relation
IMM erwartet.
Das erklärt auch, warum in den meisten Theorien, die mentale Inhalte
neben den intentionalen Gegenständen einführen, die quasi-kausalen und
repräsentativen Aspekte des Inhalts systematisch vermisch werden. Wenn
nämlich die Relation IMM ohnehin schon durch die quasi-kausalen Ver-
hältnisse ersetzt zu werden scheint, ist es ein sehr natürlicher Schritt, auch
die repräsentative Funktion in dieses quasi-kausale Verhältnis zu verlegen.
Wir haben aber gesehen, dass das Wegerklären von IMM nicht funktio-
nieren kann. Die Schwierigkeiten, die für diese quasi-kausale Version der
Repräsentationstheorie sofort ins Auge springen, betreffen das Postulat der
epistemischen Transparenz. Eine quasi-kausale Beziehung kann uns viel-
leicht erklären, wie ein intentionaler Gegenstand entsteht, sie garantiert
aber als solche keine epistemisch ausgezeichnete Zugangsweise.
Soviel steht also fest, dass man neben der quasi-kausalen Entstehungs-
geschichte des intentionalen Gegenstandes unbedingt noch die epistemisch
aufgeladene Relation IMM beibehalten muss, durch die das Subjekt den
intentionalen Gegenstand direkt erreicht. Das scheint schon das erste
Warnsignal zu sein, dass man hier vielleicht zu großzügig Entitäten multi-
pliziert. Um diesen Eindruck zu entkräften, müsste man zeigen, dass uns
diese zusätzliche quasi-kausale Beziehung tatsächlich etwas erklärt.
Das scheint nun aber mehr als fraglich. Oben haben wir bereits das
Prinzip der ontologischen Abhängigkeit der intentionalen Gegenstände
(ABH) formuliert. Es besagt, dass es einen Gegenstand x, der eine Eigen-
schaft φ kodiert, genau dann gibt, wenn es einen Gegenstand gibt, der kei-
ne Eigenschaft kodiert und der zu x in der IMM-Relation steht. Liefert eine
INTENTIONALE GEGENSTÄNDE 111

Theorie irgendwelche zusätzliche Erklärung, die außerdem eine besondere


Eigenschaft postuliert, die für das Entstehen von x quasi-kausal verant-
wortlich ist?
Wir werden diese Frage verneinen müssen. Das Abhängigkeitsverhält-
nis zwischen einem intentionalen Gegenstand und seinem Subjekt gehört
zu den primitivsten ontologischen Verhältnissen in Bezug auf die die qua-
si-kausalen Metaphern höchstens Verwirrung stiften.
Betrachten wir zunächst die Fälle, in denen uns eine kausale Theorie
wirklich eine Erklärung liefert. In diesen Fällen haben wir Entitäten (nor-
malerweise Ereignisse) vor uns, die auch isoliert verstanden werden kön-
nen. Die Erkenntnis, dass der Rauch seine Ursache im Feuer hat, ist des-
wegen eine genuine Erklärung, weil man sich einen Rauch auch ohne
Feuer vorstellen kann. Es macht deshalb in diesem Fall auch Sinn, nach
einem bestimmten Aspekt des Feuers zu suchen, der für den Rauch verant-
wortlich ist.
Im Fall von Entitäten, die voneinander ontologisch abhängig sind, ver-
liert aber eine solche Erklärung ihren ganzen Sinn. Welche Aspekte eines
Ganzen a sollen nun dafür verantwortlich sein, dass es von seinem mereo-
logischen Teil b ontologisch abhängig ist? Wohl nur der Teil b selbst. Und
welche Aspekte einer Substanz bewirken, dass sie weiß ist? Wohl nur ihre
weiße Farbe. Es macht auch keinen Sinn, nach einem „Mechanismus” zu
suchen, der diese Abhängigkeiten erklären sollte, denn man „sieht sie” ja
direkt.
Ähnlich scheint es mit dem intentionalen Gegenstand zu sein. Zu fra-
gen, welcher Aspekt des Subjekts a bewirkt, dass es zu einem intentionalen
Gegenstand x, der die Eigenschaft φ kodiert, in der IMM-Beziehung steht,
ist eine dumme Frage. Denn die einzige Antwort muss lauten: „Die
Tatsache, dass das Subjekt gerade das tut, was es tut”. Das Subjekt a befin-
det sich dann in einem mentalen Zustand des Denkens auf einen φ-Gegen-
stand. Es wäre aber ein Irrtum zu glauben, dass dieser Zustand das Stehen
in der IMM-Relation zu x verursacht. Dieser Zustand ist nämlich als das
Stehen in der IMM-Relation zu x definiert.
Was wir hier als „das Stehen in der IMM-Relation zu einem Gegen-
stand, der die Eigenschaft φ kodiert” beschreiben, hat also einen ähnlichen
ontologischen Status wie das Haben einer Eigenschaft oder eines Teils. Es
handelt sich um ontologisch primitive Sachverhalte die durch den Rekurs
112 ARKADIUSZ CHRUDZIMSKI

auf quasi-kausale Verhältnisse zu anderen solchen Sachverhalten kaum


erklärt werden können. Es gib eben keinen Grund, das Stehen in der IMM-
Relation zu einem Gegenstand, der Eigenschaft φ kodiert als weniger fun-
damental zu betrachten als das Haben der Eigenschaft ω, welche die von
der Inhaltstheorie postulierte komplizierte quasi-kausale Rolle hat.
Der Fehler der Inhaltstheoretiker scheint hier also darin zu bestehen,
dass die ontologische Abhängigkeit des intentionalen Gegenstandes zu sehr
nach dem Muster der physischen Kausalität verstanden wird. Es spricht
vieles dafür, dass bei einer intentionalen Beziehung eine andere Situation
vorliegt. Die These, dass in jedem psychischen Zustand ein intentionaler
Gegenstand involviert ist, ist, wie gesagt, das Ergebnis einer philoso-
phischen Analyse. Der Status dieser These erinnert eher an „konzeptuelle“
Wahrheiten, als an die empirischen Entdeckungen, die für die kausalen
Zusammenhänge charakteristisch sind.
Ein wichtiger Punkt hier scheint zu sein, dass kausale Zusammenhänge
stets Entitäten betreffen, die denselben kategorialen Status genießen. Es
geht dabei immer darum, dass ein Ereignis ein anderes Ereignis verursacht.
Bei der Verursachung, die im Fall eines intentionalen Gegenstandes am
Werk sein müsste, ist dem aber anders. Der intentionale Gegenstand ist
eine Entität, die im Gegensatz zu dem Subjekt der intentionalen Beziehung
einige Eigenschaften kodiert. Wenn man in diesem Fall von Verursachung
spricht, hat das mit der physischen Kausalität wirklich nicht viel zu tun.
Unsere These lautet, dass diese Art der Verursachung nicht viel mehr
enthalten kann als das, was bereits in unserem Prinzip der ontologischen
Abhängigkeit (ABH) steckt.

9. Schluss

Wir können jetzt die Ergebnisse unserer Analyse für die Ingardensche
Theorie der intentionalen Gegenstände zusammenfassen. Das erste Resü-
mee ist positiv: Die Einführung von intentionalen Gegenständen ist keine
ontologische Extravaganz. Es spricht vieles dafür, dass eine Intentionali-
tätstheorie erst dann überzeugend funktionieren kann, wenn man zur
identifizierenden Eigenschaft, die wir als φ bezeichnet haben, einen Zu-
gang gewährleistet, der dem Postulat der epistemischen Transparenz Rech-
INTENTIONALE GEGENSTÄNDE 113

nung trägt, und die Einführung intentionaler Gegenstände kann uns hier
vor einem extremen Platonismus bewahren.12 Das zweite Resümee ist
weniger erfreulich. Der mentale Inhalt, den Ingarden zusätzlich einführt,
erweist sich als keine gute Idee. Klug wäre es gewesen, bei der Brenta-
noschen Version ohne den mentalen Inhalt und mit der eindeutig externen
Relation IMM zu bleiben.

Literatur

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änderter Nachdruck: Darmstad: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1967.
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12
Für Ingarden ist dieser Vorteil ohne Bedeutung, denn er huldigt sowieso einem
extremen Platonismus.
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