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Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

Dr. phil. Karsten Weber

Lehrstuhl für philosophische Grundlagen kulturwissenschaftlicher Analyse Fakultät für Kulturwissenschaften Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Stand: Donnerstag, 22. Januar 2004

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

2

Inhalt

1. Einführung

 

4

2. Methodisches Rüstzeug

 

10

2.1

Begriffsklärung

11

2.1.1 Definition

11

2.1.2 Beobachtung

12

2.1.3 Wahrheit

13

2.1.4 Aussage

17

2.1.5 Analytisch und synthetisch

18

2.1.6 Ursache und Grund

 

19

2.1.7 Hypothese

20

2.1.8 Theorie

20

2.1.9 Erklärung

21

2.1.10 Verstehen

25

2.2

Die Quellen der Erkenntnis

28

2.2.1 Rationalismus

28

2.2.2 Empirismus

30

2.2.3 Warum unser Wissen nicht sicher ist

32

2.3

Ontologie

40

2.3.1 Realismus

 

40

2.3.2 Idealismus

43

2.3.3 Solipsismus als „Schwundstufe“ des Idealismus

45

2.3.4 Primäre und sekundäre Eigenschaften

46

2.3.5 Der Unterschied zwischen Epistemologie und Ontologie

47

2.4

Forschungslogiken

 

48

2.4.1 Induktion

48

2.4.2 Deduktion

52

2.4.3 Abduktion

53

2.4.4 Theoriefreie Forschung, gemischte Ansätze und Hermeneutik

54

2.4.5 Entdeckungs-

56

3. Zeitgenössische

Ansätze der

und Begründungszusammenhang Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

58

3.1 Logischer

Positivismus

59

 

3.1.1 Wissenschaft beginnt mit Erfahrung

59

3.1.2 Die Spaltung der

Wissenschaft im 19. Jahrhundert

60

3.1.3 Das „unmittelbar Gegebene“ als Basis der Wissenschaft

61

3.1.4 Induktion und das kumulative Erkenntnismodell

63

3.1.5 Wahrscheinlichkeit statt Sicherheit

64

3.1.6 Logischer Positivismus und Ontologie

67

3.2 Falsifikationismus, Kritischer Rationalismus, Fallibilismus

68

 

3.2.1 Die Probleme des Logischen Positivismus

68

3.2.2 Das evolutionäre Modell der Erkenntnis

70

3.2.3 Annäherung an die Wahrheit und Unsicherheit des Wissens

75

3.2.4 Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium

75

3.2.5 Exkurs: Kritischer Rationalismus und Gesellschaftstheorie

76

3.2.6 Exkurs: Fallibilismus

ohne Kritischen Rationalismus

77

3.2.7 Weiterentwicklungen

der Forschungsmethodologie Poppers

78

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

3

3.3.1 „Wissen wie“ oder „Wissen was“

81

3.3.2 Skeptizismus und Instrumentalismus als Vorläufer

83

3.3.3 Konstruktivismus

84

3.3.4 Beispiele für die Konstruktion von Wirklichkeit

87

3.4 Relativistische Strömungen

90

3.4.1 Der Relativismus der Sprache

90

3.4.2 Feyerabend und die Folgen

99

3.4.3 Konsequenzen des Relativismus

102

3.5 Kritische Theorie

105

3.5.1 Zeitgeschichte

105

3.5.2 Traditionelle

versus Kritische Theorie

108

3.5.3 Traditionelle und Kritische Theorie

114

3.5.4 Zusammenfassung der Positionen

115

3.5.5 Politik und Wissenschaft

116

4. Wissens- und Wissenschaftssoziologie

119

4.1 Ein Blick zurück

120

4.1.1 Max Weber: Wissenschaft

als Beruf

120

4.1.2 Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache

123

4.1.3 Robert K. Merton: Das CUDOS-System

125

4.2 Wissens- und Wissenschaftssoziologie heute

128

4.2.1 Anknüpfungen

129

4.2.2 Vorgriff: Institutioneller Wandel

130

5. Wissenschaftsbetrieb

133

5.1 Institution und Karriere

134

5.1.1 Die Humboldt’sche Universitätsreform

134

5.1.2 Wie wird man

Wissenschaftler?

137

5.2 Publikationswesen und Wissenschaftskommunikation

141

5.2.1 „Publish or perish“

141

5.2.2 Aufgaben der Wissenschaftskommunikation

142

5.2.3 Wissenschaftskommunikation: intern, extern, intergenerativ

144

5.2.4 Aktuelle Veränderungen des Publikationswesens

146

5.3 Betrug in der Wissenschaft

147

5.3.1 Ehrenautorenschaft

147

5.3.2 Plagiate

148

5.3.3 Kauf von Titeln

149

5.3.4 Fälschung und Erfindung von Forschungsergebnissen

150

5.3.5 Der „unbewusste“ Betrug

151

5.3.6 Betrug und wissenschaftliche Methodologie

152

5.4 Wissenschaftsethik

153

5.4.1 Ist Wissenschaft wertneutral?

153

5.4.2 Wissenschaft, Folgen und Verantwortung

154

5.4.3 Freiheit der Forschung und Verantwortung

155

5.4.4 Trotz allem: Wissenschaftsethik

156

6. Schlussbemerkungen

158

7. Literatur

160

8. Literatur, die man gut gebrauchen kann, wenn man sich für philosophische Fragestellungen interessiert

163

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

4

1.

Einführung

Einführungen gibt es massenhaft, sowohl als gedruckte Bücher als auch als Veranstal- tungen an Universitäten. Da macht die Europa-Universität Viadrina zu Frankfurt (Oder) keine Ausnahme. Allerdings haben Einführungen trotz ihrer großen Zahl durchaus einen Zweck: Sie sollen Studienanfänger 1 in ein bestimmtes Thema einführen. So auch die Vorlesung „Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie“ und das zugehöri- ge Skript, das Sie nun entweder in ihren Händen halten oder aber am Bildschirm eines Computers betrachten.

Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie werden üblicherweise in der Philosophie gelehrt. Grob gesprochen versuchen Philosophen mit ihren Theorien der Erkenntnis zu klären, wie Menschen überhaupt zu ihrem Wissen über die Welt kommen. Immanuel Kant (geb. 22.04.1724, gest. 12.02.1804), einer der bedeutendsten Philosophen über- haupt, fasste dieses Bestreben in der Frage „Was können wir wissen?“ zusammen. Phi- losophen fragen sich dabei auch, ob dieses Wissen sicher ist oder unsicher. Und wenn es unsicher ist, so stellt sich sofort die Frage: Warum ist es unsicher? Gibt es eine Mög- lichkeit, es sicherer zu machen? Oder liegt es für Menschen außerhalb ihrer Möglichkei- ten, jemals sicheres Wissen zu erlangen? Dabei ergeben sich eine Reihe von Berüh- rungspunkten zu anderen Wissenschaften: Zunächst sind hier Kognitions- und Wahr- nehmungspsychologie zu nennen. Diese Disziplinen, wiederum sicherlich etwas verein- facht, untersuchen mithilfe empirischer Methoden, wie Menschen die Welt, die sie um- gibt, wahrnehmen und welche mentalen Prozesse dabei ablaufen. Andere Berührungs- punkte ergeben sich zur Physiologie bzw. Medizin, wenn es um die materiellen Grund- lagen unseres Wahrnehmungsapparates geht, um seinen Aufbau und seine Funktions- weise. Hier werden dann bspw. so spannende Fragen wie die Wirkungsweise von Dro-

1 In diesem Skript wird aus Gründen der Lesbarkeit einheitlich die maskuline Form verwendet, ge- meint sind jedoch immer alle Geschlechter.

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gen auf unser Wahrnehmen, Denken und Bewusstsein behandelt. Als letztes Beispiel interdisziplinärer Zusammenarbeit sollen noch Sprachwissenschaft und Anthropologie genannt werden. Erstere untersucht unter anderem, welchen Einfluss die jeweils von Menschen gesprochene Sprache auf deren Erkenntnisvermögen und auf die Inhalte der Erkenntnis hat; Anthropologen stellen ähnliche Fragen hinsichtlich der Einflüsse der jeweiligen Kultur, in der Menschen leben.

Wissenschaftstheorie ist im Grunde nichts anderes als Erkenntnistheorie, allerdings nun ganz speziell bezogen auf den Prozess wissenschaftlicher Erkenntnis. Wissenschafts- theoretiker stellen sich Fragen nach der Sicherheit von wissenschaftlichen Theorien, wie diese am besten gefunden werden können und wie sie überprüft werden müssen. Sie stellen aber auch solche Fragen wie jene nach dem Einfluss von sozialen Bedingungen auf den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess oder jene nach der Verantwortung von Wissenschaftlern. Klarerweise hat auch Wissenschaftstheorie zahlreiche Überlappungen zu anderen Disziplinen aufzuweisen, mindestens schon jene, die im Zusammenhang mit der Erkenntnistheorie genannt wurden. Weiterhin könnten die Soziologie und die Ethik genannt werden oder auch Informationswissenschaften. All diese wissenschaftlichen Disziplinen werden einen Auftritt in diesem Skript und der entsprechenden Vorlesung haben. Dies mag manchmal nicht ganz offensichtlich sein, sondern eher implizit. Sofern sinnvoll, wird jedoch in Anmerkungen auf solche Berührungspunkte eingegangen.

Nun ist dieses Skript und die dazu gehörende Vorlesung jedoch keine klassische Einfüh- rung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Das zeigt sich bereits am Inhaltsver- zeichnis: Die angesprochenen Themen werden vergleichsweise kurz verhandelt. Dies hat Vorteile und Nachteile, vor allem aber gute Gründe. Um mit dem Schlechten zu beginnen: Die Nachteile sind darin zu sehen, dass alle angesprochenen Aspekte nur an- gerissen und nicht vertieft werden können. Der Vorteil dieser Vorgehensweise liegt aber gerade in der Vielfalt der Themen. Die guten Gründe lassen sich indes an der Zielgrup- pe dieses Skripts und der dazu gehörenden Vorlesung festmachen: Studierende der Eu- ropa-Universität Viadrina zu Frankfurt (Oder), die am Anfang ihres Studiums stehen. Sie sollen mithilfe der Vorlesung und des Skripts eine erste Idee vermittelt bekommen, was Wissenschaft ist und vor welchen methodischen Fragen sie im Studium und mögli- cherweise später in der Forschung stehen werden. So gesehen ist der Titel eigentlich falsch gewählt, denn es handelt sich hier eher um ein wissenschaftliches Propädeutikum

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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als um eine Einführung in spezielle Theorien. Die hier angesprochenen Themen tauchen im Laufe des Studiums immer wieder auf; dies gilt nicht nur für das kulturwissenschaft- liche, sondern auch für das wirtschafts- und rechtswissenschaftliche Studium. Da aber Namen ja bekanntlich nur Schall und Rauch sind, heißt die Veranstaltung eben doch „Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie“.

Die Vorlesung endet mit einer Klausur; also sind das Skript und die Vorlesung darauf ausgerichtet, die Grundlage für das Bestehen der Klausur zu legen. Beide sind in vier Blöcke unterteilt, die hier nun kurz vorgestellt werden sollen:

Methodisches Rüstzeug: Hier werden Grundlagen vermittelt, die für jede wissenschaftli- che Betätigung wichtig sind. Zunächst geht es um Begriffsklärungen, bspw. was eine Beobachtung, eine Aussage oder eine Hypothese ist. Danach werden die zwei Haupt- strömungen hinsichtlich der Quellen unserer Erkenntnis angesprochen. Im Rationalis- mus wird davon ausgegangen, dass Erkenntnis aus dem Verstand und der Vernunft ent- springt, eben aus der Ratio. Der Empirismus hingegen sieht die sinnliche Erfahrung als Quelle der Erkenntnis an. In der dritten Sitzung wird gefragt, was es eigentlich ist, was wir erkennen. Im Realismus wird die Ansicht vertreten, dass die Welt, die wir wahr- nehmen, etwas von unserem Bewusstsein Unabhängiges und Materielles ist; Idealisten sind hingegen der Ansicht, dass die Welt etwas Gedachtes ist – wobei es unterschiedli- che Ansichten hinsichtlich der Frage gibt, wer denn da denkt. Der letzte Teil des metho- dischen Rüstzeugs besteht in der Darstellung unterschiedlicher so genannter For- schungslogiken. Im Induktivismus hangelt man sich von einzelnen zu allgemeinen Aus- sagen, der Deduktivismus geht den umgekehrten Weg. Gemischte Forschungslogiken werden auch vorgestellt, da diese in den Sozialwissenschaften durchaus bedeutsam sind, insbesondere im Bereich der Hermeneutik.

Zeitgenössische Ansätze der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie: Hier werden ver- schiedene Theorien vorgestellt, die mehr oder minder deutlich in der alltäglichen For- schungsarbeit verfolgt werden. Den Empirismus bzw. Induktivismus findet man angeb- lich besonders oft in den Naturwissenschaften, tatsächlich aber ist er auch in den Sozi- alwissenschaften weit verbreitet; Ähnliches gilt für den Falsifikationismus. Während diese in erster Linie eine bestimmte Form der Methodik in den Wissenschaften be- schreiben, beinhalten Konstruktivismus und vor allem relativistische Strömungen weit-

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aus mehr erkenntnistheoretische und ontologische Annahmen. Die Kritische Theorie hingegen thematisiert nicht so sehr Methoden der Wissenschaft, sondern fragt, welchen Zweck Wissenschaft eigentlich hat und welchen gesellschaftlichen Einflüssen sie unter- liegt.

Wissenschaftssoziologie: Wo die Kritische Theorie zuweilen sehr ideologisch argumen- tiert, versuchen Wissenschaftssoziologen, die sozialen Einflüsse, die auf den wissen- schaftlichen Prozess wirken, durch empirische Forschung zu untersuchen. Wissenschaft kann also selbst zum Gegenstand der Forschung werden; dies ist ein nicht unwesentli- cher Teil kulturwissenschaftlicher Arbeit.

Wissenschaftsbetrieb: Wissenschaft ist nicht nur ein Erkenntnisunternehmen, sie gibt Menschen auch Arbeit und bietet Karrieremöglichkeiten. Doch um diese ergreifen zu können, müssen die Mechanismen wissenschaftlicher Finanzierung und Reputation be- kannt sein. Gerade aber weil auch in der Wissenschaft Menschen um knappe Ressour- cen konkurrieren, finden sich wie überall auch in der Wissenschaft betrügerische Ma- chenschaften. Um dem etwas entgegenzusetzen, wird versucht, eine spezifische Wissen- schaftsethik zu entwickeln.

Wenn Ihre erste Reaktion beim Lesen der vorangegangenen Bemerkungen in etwa ei- nem „Hä? Was’n das?“ entspricht, sollten Sie nicht verzweifeln. Philosophie bzw. Er- kenntnis- und Wissenschaftstheorie können wie jede andere wissenschaftliche Disziplin auch mit ein wenig Fleiß und einer guten Portion gesunden Menschenverstand begriffen werden. Dies deshalb, weil Wissenschaft nicht selten einfach ein Weiterfragen bei all- täglichen Problemen bedeutet. Dies gilt nicht zuletzt für die Kulturwissenschaften.

Damit ist auch das letzte Stichwort dieser Einleitung gesagt. Warum sollte jemand, der Kulturwissenschaften studiert, eine Veranstaltung über Erkenntnis- und Wissenschafts- theorie besuchen? Die Antwort ist einfach und zweigeteilt. Wissenschaftstheorie ist auch für Kulturwissenschaftler von Bedeutung, weil Kulturwissenschaft (manchmal wird auch im Plural von den Kulturwissenschaften gesprochen 2 ) eben selbst eine wis- senschaftliche Disziplin ist, die sich über ihre methodischen Grundlagen Rechenschaft ablegen sollte. Zum zweiten stellt gerade die Kulturwissenschaft die zentrale Frage der

2 Für Gründe siehe http://www.phil.euv-frankfurt-o.de/download/Interdisziplinaritaet.pdf

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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Erkenntnistheorie auf eine neue Weise, denn sie betont ja, dass menschliches Handeln und damit auch menschliche Kultur immer im Kontext einer spezifischen Kultur statt- findet. Kulturwissenschaft betreibt also – wenn auch implizit – Erkenntnistheorie.

Warum aber sollte jemand, der nicht Kultur-, sondern bspw. Wirtschaftswissenschaften studiert, eine Veranstaltung über Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie besuchen? Nun, auch hier ist die Antwort einfach. Oft werden die Wirtschaftswissenschaften zu den Sozialwissenschaften gezählt und diese wiederum zu den Kulturwissenschaften. Ergo gilt die obige Antwort. Wem das ein wenig zu imperialistisch klingt, mag vielleicht fol- gende Antwort eher akzeptieren: Wirtschaftswissenschaftler machen Aussagen über bestimmte Aspekte der Wirklichkeit, bspw. über unternehmerische Handeln. Sie versu- chen dabei, Theorien zu entwickeln, mit deren Hilfe Prognosen erstellt werden können oder Erklärungen zurückliegender Ereignisse. Wirtschaftswissenschaftler suchen also Erkenntnis über bestimmte Aspekte der Welt. Zum einen sollten sie sich dann fragen, welche methodischen Grundlagen ihrer Wissenschaft sie verwenden. Zum anderen ist es sinnvoll, nach dem Grad der Sicherheit der eigenen Erkenntnisse zu fragen. Dies schon deshalb, weil auf der Expertise von Wirtschaftswissenschaftlern nicht selten weit rei- chende Entscheidungen bspw. in der Politik basieren.

Wissenschaftliche Werke entstehen immer in einer gemeinschaftlichen Anstrengung, selbst wenn dies nicht immer so offensichtlich ist. Allein schon Diskussionen über ein Thema können einen immens wichtigen Beitrag für die eigene Arbeit haben – deshalb sollten Studierende auch nicht als Einzelkämpfer durchs Studium gehen. Für eben sol- che Diskussionen möchte ich insbesondere Dr. Sonja Haug und Prof. Rainer Schnell danken, aber auch meinen Kollegen am Lehrstuhl für philosophische Grundlagen kul- turwissenschaftlicher Analyse. Außerdem haben die Studierenden des Hauptseminars „Konstruktivismus und (post-)moderner Relativismus“ im Wintersemester 2000/01, der Vorlesung „Vom Streben nach Erkenntnis und vom Nutzen der Wissenschaft – Eine Einführung in das wissenschaftliche Denken und Arbeiten“ im Wintersemester 2001/02 und der Einführungsseminare „Wissenschaftstheorie“ und „Einführung in philosophi- sche Fragestellungen“ im Wintersemester 2002/03 durch ihre Fragen und Diskussions- beiträge geholfen, den Aufbau der jetzigen Vorlesung zu verbessern. Alle Fehler und Schwächen der Vorlesung und des Skripts gehen jedoch auf meine Kappe.

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Frankfurt (Oder) und Wiesbaden, Donnerstag, 22. Januar 2004, Karsten Weber

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2. Methodisches Rüstzeug

Wissenschaft stellt den Versuch dar, Erkenntnisse über die Welt durch methodisches und regelgeleitetes Vorgehen zu gewinnen. Natürlich ist es nicht möglich, in einer Ein- führungsveranstaltung die Gesamtheit wissenschaftlicher Methoden und Regeln darzu- stellen, da es allein aufgrund der Vielfalt wissenschaftlicher Disziplinen zu viele spezi- fische Methoden und Regeln gibt. Diese sind erst dann verständlich, wenn man sich mit den speziellen Zielen und Forschungsgegenständen der jeweiligen Disziplinen vertraut gemacht hat. Allerdings gibt es Gemeinsamkeiten über alle Disziplinen hinweg; eine Reihe von Methoden, Regeln und Begriffen finden sich in Natur-, Lebens-, Ingenieurs-, Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften. Dies gilt insbesondere dann, wenn man die empirischen Zweige dieser wissenschaftlichen Disziplinen betrachtet, denn es gibt Din- ge, die jeder Art des Experimentierens und Beobachtens, gleich in welcher Disziplin, zugrunde liegen.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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2.1

Begriffsklärung

Insbesondere gibt es eine Reihe von Begriffen, die in allen wissenschaftlichen Diszipli- nen benutzt werden. Sie und ihre Bedeutung zu kennen ist daher Grundlage jeder wis- senschaftlichen Betätigung und damit auch eines Studiums. Wiederum gilt: Die hier angesprochenen Begriffe schöpfen den Fundus der Wissenschaft bei weitem nicht aus.

2.1.1

Definition

Definitionen werden sowohl im Alltag als auch in der Wissenschaft ständig verwendet. Grob gesprochen heißt etwas zu definieren, einen sprachlichen Ausdruck durch einen anderen zu ersetzen. Das beliebteste Beispiel ist hier „Junggesellen sind unverheiratete Männer“. Das heißt, der Ausdruck „Junggeselle“ wird definiert als „unverheiratete Männer“. In den Sozial- und Kulturwissenschaften gilt Max Weber (geb. 21.04.1864, gest. 14.06.1920) als einer der Großmeister wichtiger Definitionen. In einem seiner Werke – „Wirtschaft und Gesellschaft“ (Weber 1980, S. 1) – besteht das erste Kapitel zum großen Teil aus Definitionen, bspw. findet sich dort zu Beginn des §1 eine Defini- tion des Ausdrucks „Soziologie“: „Soziologie (im hier verstandenen Sinn dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen: eine Wissenschaft, welches soziales Han- deln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will.“ Weber fährt hier noch weiter fort; für unsere Zwecke reicht aber dieser Teil seiner Definition dessen, was „Soziologie“ heißen soll.

Wenn Max Weber hier schreibt „Soziologie soll heißen“, so verwendet er das Wort „soll“ nicht so, wie es bspw. im Dekalog im Gebot „Du sollst nicht töten“ verwendet wird. In den Zehn Geboten bedeutet die Nutzung des Wortes „soll“ „es ist ein morali- sche Gebot, dies und jenes auf eine bestimmte Weise zu tun, weil ansonsten eine Strafe droht“. Max Weber deutet mit „soll“ aber nur an, dass er nach der Formulierung seiner Definition den Ausdruck „Soziologie“ in Zukunft auf die von ihm definierte Weise ver- wendet. Im Grunde heißt das, dass an jeder Stelle, an der Max Weber in seinen Texten den Ausdruck „Soziologie“ verwendet, der gesamte Text, der als Definition verwendet wurde, eingesetzt werden kann, ohne den Sinn zu verfälschen (allerdings würde der entsprechende Text dann wohl unleserlich sein). Wichtig zu bemerken ist, dass Defini-

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tionen konventionell 3 festgelegt werden; „Soziologie“ könnte auch anders definiert werden, als dies Max Weber getan hat. Deshalb ist es wichtig, in der wissenschaftlichen Arbeit immer deutlich zu machen, welche Bedeutung man mit einem Ausdruck verbin- det, damit keine Missverständnisse entstehen. Ludwig Wittgenstein (geb. 24.04.1889, gest. 29.04.1951), sicherlich einer der wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, war sogar der Meinung, dass alle philosophischen Probleme auf Verständnisproblemen beruhten und insofern Scheinprobleme seien, wenn man nur genau festlegen würde, was die jeweils genutzten Ausdrücke bedeuteten. Sein epochales Werk „Tractatus logico- philosophicus“ (Wittgenstein 1990) besteht daher aus dem Versuch, diese Klärung zu vollziehen; es sei allerdings dahingestellt, ob der Versuch gelungen ist.

Ein großer Teil der Schwierigkeiten, interdisziplinär zu arbeiten, besteht darin, dass Ausdrücke in verschiedenen Wissenschaften unterschiedlich definiert werden. Deshalb besteht ein erheblicher Teil interdisziplinärer Forschung darin, zunächst einmal solche Verständigungsschwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. 4

2.1.2

Beobachtung

Für alle empirisch ausgerichteten wissenschaftlichen Disziplinen sind Beobachtungen ein zentraler Bestandteil der Forschung. Etwas zu beobachten heißt grob gesprochen, ein Ereignis in der Welt mit den menschlichen Sinnen wahrzunehmen. Das können ganz unterschiedliche Ereignisse sein, die in sich hoch komplex sein können: der Fall der Mauer wäre ein Beispiel eines komplexen sozialen Ereignisses, dass man beobachten konnte. Weitere Beispiele für Ereignisse, die man beobachten kann, sind: der Zusam- menstoß zweier Elementarteilchen, eine Frau geht über die Straße, der Ausgang der

3 „Konventionell“ bedeutet hier einfach „durch Festlegung“. Definitionen fallen also nicht vom Him- mel oder sind einfach da, sondern werden von Menschen für ihre Zwecke getroffen. Sie können aber nicht willkürlich verwendet werden: Viele Definitionen sind einfach eingebürgert, so dass es nur zur Verwirrung führt, sie anders zu verwenden.

4 Wichtig ist, Definitionen von Metaphern und Analogien zu unterscheiden. Ohne tiefer darauf einzu- gehen, sei dies hier an zwei Beispielen verdeutlicht. Aus der Physik ist das so genannte Bohr’sche Atommodell bekannt. Hier wird der Aufbau eines Atoms analog zum Aufbau eines Sonnensystems angenommen: Im Atom kreisen die Elektronen um den Atomkern wie Planeten um die Sonne. Mit einer Analogie will man also durch den Verweis auf etwas Bekanntes (hier das Sonnensystem) und seinen Strukturen etwas noch nicht Bekanntes (hier den Aufbau eines Atoms) verdeutlichen. Analo- gien heben also auf strukturelle Ähnlichkeiten ab (allerdings ist das nicht die einzige Verwendungs- weise von Analogien). Metaphern können manchmal wie Analogien gebraucht werden, aber oft be- sitzen sie einen weitaus größeren Interpretationsspielrau, so dass das korrekte Verstehen der meta- phorischen Sprechweise problematisch werden kann.

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Gouverneurswahl in Kalifornien, der Tod einer Ameise, die Explosion eines Sterns, eine Taube landet auf einem Fensterbrett. Beobachtungen können durch Instrumente unter- stützt werden, bspw. Ferngläser, Partikeldetektoren, Videokameras etc.

Damit ist aber implizit bereits eine Vielzahl von methodischen Fragen angesprochen, die mit Beobachtungen einhergehen. Was beobachtet man eigentlich, wenn man den Fall der Mauer beobachtet? Den politischen Zerfall der DDR? Den physischen Zusam- menbruch eines Mauerstücks in Berlin? Die Presseerklärung von Günther Schabowski, als er die Reisefreiheit verkündet? Alles zusammen? Es ist also wichtig, dass genau formuliert wird, welches Ereignis gemeint ist, wenn man davon spricht, ein Ereignis beobachtet zu haben.

Dabei wird klar, dass Beobachtungen nur als Aussagen intersubjektiv kommunizierbar sind. Beobachtungen selbst können nicht kommuniziert werden, sondern nur Beschrei- bungen von Beobachtungen, also Aussagen (s. u.). Hierbei entsteht aber ein für die wis- senschaftliche Arbeit letztlich unlösbares Problem, denn wie können wir sicher sein, dass eine Beobachtung und die Beschreibung einer Beobachtung wirklich übereinstim- men, dass also die Aussage zu dieser Beobachtung wahr ist? Im Grunde kreisen Er- kenntnis- und Wissenschaftstheorie genau um diese Frage. Wir werden also noch oft auf sie zurückkommen.

Ein letztes Problem der Beobachtung wurde bereits implizit angesprochen. Oft werden Beobachtungen durch Instrumente vermittelt, bspw. bei der Himmelsbeobachtung durch ein Fernrohr. Nun gibt es Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretiker, die hier nicht mehr von einer Beobachtung sprechen, sondern diesen Ausdruck nur auf die unmittelbare Wahrnehmung mit den eigenen Sinnen anwenden wollen. In der Tat ist aus wissen- schaftstheoretischer Sicht die „vermittelte“ Beobachtung problematisch, aber auch jene mit unseren eigenen Sinnen. Auch hierauf werden wir bald zurückkommen, bspw. bei der Frage nach den Quellen unserer Erkenntnis.

2.1.3

Wahrheit

Wahrheit spielt sowohl im Alltag als auch in der Wissenschaft eine große Rolle. Wis- senschaftler sprechen oft davon, dass sie nach der Wahrheit suchen. Nur stellt sich so- fort die Frage, was eigentlich Wahrheit ist bzw., was es heißt, dass eine Aussage wahr

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oder falsch ist. Die hier besprochenen Korrespondenz-, Evidenz-, Kohärenz-und Ko n- senstheorien der Wahrheit versuchen, Kriterien anzugeben, wann ein Satz bzw. eine Aussage wahr oder falsch ist.

Korrespondenztheorien der Wahrheit können mit dem Satz „Übereinstimmung von Ding und Verstand“ paraphrasiert werden. Sie stellen Versuche dar, anzugeben, was es bedeutet, dass ein Satz wahr bzw. falsch ist. Die Antwort ist (wie die obige Paraphrasie- rung andeutet), dass es eine Übereinstimmung zwischen unseren Aussagen bzw. Sätzen und der Realität gibt. Unterschieden werden kann nun noch, ob die Realität aus Ereig- nissen oder Tatsachen „besteht“.

Die Moore’sche (George Edward Moore, geb. 1873, gest. 1958) Tatsachenversion der Korrespondenztheorie kann mit zwei Aussagen paraphrasiert werden:

Eine Aussage a ist wahr genau dann, wenn es eine Tatsache t gibt, der a entspricht.

Eine Aussage a ist falsch genau dann, wenn es keine Tatsache t gibt, der a ent- spricht.

(Die Tatsachenversion der Korrespondenztheorie von Betrand Russell (geb. 18.05.1872, gest. 02.02.1970) unterscheidet sich von dieser Version dahingehend, dass eine Aussage a dann falsch ist, wenn es eine Tatsache t gibt, die a widerspricht). Ein Beispiel für die Moore’sche Version:

Die Aussage „Karsten Weber ist 36 Jahre alt“ ist wahr, weil es eine Tatsache gibt, die dieser Aussage entspricht (bspw. das Geburtsdatum in seiner Geburtsurkunde, die Erinnerungen der Beteiligten).

Die Aussage „Karsten Weber ist 35 Jahre alt“ ist falsch, weil es keine Tatsache gibt, die dieser Aussage entspricht.

(Russell-Version: Die Aussage „Karsten Weber ist 35 Jahre alt“ ist falsch, weil es eine Tatsache gibt, die dieser Aussage widerspricht). Moore' sche Tatsachen können komplex sein. D. h., eine solche Tatsache kann aus verschiedenen Teilen bestehen, ist aber eine Tatsache. Russell' sche Tataschen sind atomar; sie können nicht in Teile zerlegt werden.

Nach Ludwig Wittgenstein reicht es aus, alle Tatsachen in Einzelaussagen wieder- zugeben, um die Welt vollständig zu beschreiben. Russell hingegen ist der Meinung, dass für eine vollständige Beschreibung auch Allaussagen notwendig sind. Ein Beispiel:

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Die Aussage „Alle Menschen sind sterblich“ lässt sich für Russell nicht durch die Auf- zählung aller Einzelaussagen der Art „Hubert ist sterblich“, „Roberta ist sterblich“, ersetzen. Diese würden eben nicht die Tatsache wiedergeben, dass alle Menschen sterb- lich sind, denn eine Aufzählung sei notwendig endlich, die Menge aller Menschen je- doch potentiell unendlich.

Tatsachen und Ereignisse sind verschieden. Eine Tatsache ist weder räumlich noch zeit- lich lokalisierbar. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Die Aussage „Immanuel Kant ist schon lange tot“ beschreibt eine Tatsache, aber kein Ereignis. Die Aussage „Der Tod Immanuel Kants trat um 23:23 ein“ (was geraten ist), nimmt auf ein Ereignis Bezug, nämlich dem Tod einer Person zu einer bestimmten Zeit.

Ereignisversionen der Korrespondenztheorie der Wahrheit sind etwas aus der Mode gekommen, weil viele mögliche Aussagen nicht durch den Bezug auf Ereignisse wahr oder falsch sind, insbesondere im Fall von singulären Existenzaussagen. Russell, der eine Ereignisversion der Korrespondenztheorie vertrat, war jedoch der Ansicht, dass jede Tatsachenaussage (und damit jede Existenzaussage) durch Rekurs auf Ereignisse ersetzt werden können. Dies mag schwierig und aufwändig sein, sei aber grundsätzlich möglich. So kann die Tatsachenaussage „Dieser Tisch ist weiß“ ersetzt werden durch Aussagen ersetzt werden wie „Karsten Weber sieht zum Zeitpunkt t an den Koordinaten x, y, z einen Tisch, der weiß ist“ (das kann noch weiter getrieben werden: einen Tisch sehen kann als die Summe der Ereignisse beschrieben werden, die stattfinden, wenn das Licht, das vom Tisch reflektiert wird, in das Auge des Betrachters fällt, etc.).

Der zentrale Einwand gegen jede korrespondenztheoretische Sicht der Wahrheit ist, dass es uns immer nur möglich ist, Sätze mit Sätzen zu vergleichen. Denn um Erkennt- nis über die Welt zu haben, gleich ob a priori oder a posteriori, und diese kommunizie- ren zu können, müssen Aussagen in einer intersubjektiv verständlichen Sprache formu- liert werden. Aussagen bzw. Sätze sind aber keine Tatsachen oder Ereignisse; es gibt also eine Kluft zwischen Welt und Aussagen.

Evidenztheorien – sie gehören genauso wie die anderen folgenden Wahrheitstheorien zu den so genannten epistemischen Wahrheitstheorien – sind subjektivistisch; sie bauen auf dem subjektiven Verständnis von Sprache oder der Introspektion auf. Deshalb liefern sie letztlich kein überzeugendes Wahrheitskriterium bzw. ist die Fundierung der Wahr-

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heit im Sprachverständnis und in der Introspektion genauso unsicher wie das korres- pondenztheoretische Kriterium der adequatio.

Mit der Kohärenztheorie der Wahrheit werden die Konsequenzen aus den Problemen vor allem der Korrespondenztheorie der Wahrheit gezogen. Es war festgestellt worden (s. o.), dass wir Sätze und Aussagen immer nur mit Sätzen und Aussagen vergleichen können und nicht mit der Realität selbst. Als Folgerung daraus wird in der Kohärenz- theorie davon ausgegangen, dass wir bspw. in der Wissenschaft immer schon über eine bestimmte Menge von als wahr akzeptierten Sätzen bzw. Aussagen verfügen. Stellen wir nun Sätze auf, die dieser Menge hinzugefügt werden sollen, die also wahr sein sol- len, so gelingt dies nur dann, wenn der neue Satz allen Sätzen in der bereits akzeptierten Menge nicht widerspricht (insbesondere gilt, dass die Menge der Sätze selbst in sich konsistent und nicht widersprüchlich sein muss). Genügt der neue Satz dieser Forde- rung, wird er als wahr akzeptiert. Wenn nicht, so können zwei Alternativen beschritten werden:

1. entweder der neue Satz wird als falsch verworfen oder

2. alle Sätze der Menge, die dem neuen Satz widersprechen, werden verworfen.

In beiden Fällen ist die neue Menge konsistent und widerspruchsfrei. Die Kohärenzthe- orie liefert damit sowohl ein Wahrheitskriterium als auch eine Wahrheitsdefinition:

wahr ist definiert als Widerspruchsfreiheit einer Satzmenge; insofern kommt Wahrheit auch nicht mehr einzelnen Sätzen, sondern nur Satzmengen zu. Gleichzeitig verfügt man damit auch über ein Kriterium, Sätze in die Menge der akzeptierten Menge aufzu- nehmen.

Auch die Konsenstheorie der Wahrheit tritt in verschiedenen Varianten auf. Bspw. fin- den wir die Konzeption, die als „Pragmatismus“ bezeichnet wird und auf Charles San- ders Peirce (geb. 10.09.1839, gest. 19.04.1914) zurückgeht. Hier wird – vor allem für den wissenschaftlichen Bereich – angenommen, dass wissenschaftliche Sätze dann als wahr erwiesen werden können, wenn diese immer und immer wieder geprüft werden. Wissenschaft nähert sich in diesem Sinne „asymptotisch“ der Wahrheit, sie ist so etwas wie ein Ideal, dass zwar in realiter nie erreicht wird, aber angestrebt werden sollte. Die Bezeichnung „Pragmatismus“ wird verwendet, weil im (Forschungs-)Alltag nicht mehr die Wahrheit in dem beschriebenen Sinn der Annäherung an ein Ideal von Bedeutung

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

17

ist, sondern vielmehr die Nützlichkeit von Theorien bzw. Aussagen zur Bewältigung von Problemen. Jürgen Habermas (geb. 18.06.1929) hat eine andere Konzeption der Konsenstheorie entworfen. Ihm geht es dabei darum, zu klären, unter welchen Bedin- gungen wir die Argumente für das Fürwahrhalten von Sätzen und Aussagen akzeptieren können. Dabei formuliert er, dass es nicht nur notwendig ist, die Wahrheit der betref- fenden Aussagen selbst aufzuzeigen, sondern die Geltungsansprüche, die mit solchen Aussagen verbunden sind, müssen selbst einem Diskurs unterworfen werden. Dieser muss ''herrschaftsfrei`` sein. D. h., Geltungsansprüche dürfen nicht durch Machtgefälle durchgesetzt werden, sondern über sie selbst muss im Diskurs Konsens hergestellt wer- den.

2.1.4

Aussage

Aussagen sind Sätze, die wahrheitsfähig sind. An einigen Beispielen mag dies klarer werden:

„Heute ist Dienstag“ ist eine Aussage, die wahr ist, wenn sie an einem Dienstag ausgesprochen wird.

„2 + 2 = 0“ ist eine Aussage, die in der Arithmetik, die man zuerst in der Schule lernt, falsch ist, denn dort ist gilt, dass die Aussage „2 + 2 = 4“ wahr ist. Es gibt aber mathematische Systeme, in denen die Aussage „2 + 2 = 0“ wahr ist. Dies ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass die Wahrheit oder Falschheit von Aussagen abhän- gig ist von Annahmen, die oft nicht explizit ausgesprochen werden.

„Du sollst nicht töten“ ist ein moralisches Gebot; ob dieses Gebot wahrheitsfähig ist und damit eine Aussage, ist in der Philosophie umstritten. Moralische Realisten sind zwar der Ansicht, dass Gebote wahrheitsfähig sind, weil es in der Welt eine Tatsa- che gäbe, der dieses Gebot entspräche – hier wird also eine Korrespondenztheorie der Wahrheit in Bezug auf moralische Gebote vertreten. Aber ob der moralische Re- alismus wahr ist, also eine wahre Theorie der Welt darstellt, kann zumindest mit gu- ten Argumenten bestritten werden. Viele Philosophen sind zumindest der Ansicht, das Gebote nicht wahrheitsfähig sind.

„2 + x = 4“ ist eine so genannte Aussagenform. Dies deshalb, weil erst durch Ein- setzen einer Zahl für x die Zeichenfolge eine Aussage wird und ein Wahrheitswert

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

18

zugewiesen werden kann. Eine andere Aussagenform wäre „Alle P lügen“, wobei P ein Platzhalter ist.

Wichtig ist also, dass Aussagen entweder wahr oder falsch sind (zumindest nach der klassischen Logik, in der der es nur die zwei Wahrheitswerte „wahr“ und „falsch“ gibt; in anderen Logiken gibt es noch weitere Wahrheitswerte).

2.1.5 Analytisch und synthetisch

Eine wichtige Unterscheidung bei Aussagen und Sätzen finden wir in den Ausdrücken „analytisch“ und „synthetisch“. Analytische Sätze sind wahr oder falsch aufgrund der verwendeten Ausdrücke. Der Satz „Junggesellen sind unverheiratete Männer“ ist wahr deshalb, weil der Ausdruck „Junggeselle“ eben nichts anderes bedeutet als „ein unver- heirateter Mann“ sein – „unverheirateter Mann“ ist ja die Definition für „Junggeselle“. Analytische Sätze, die wahr sind, nennt man „Tautologien“, falsche analytische Sätze „Kontradiktionen“.

Synthetische Sätze sind hingegen wahr oder falsch dadurch, dass sie auf einen Sachver- halt abheben, der nicht bereits durch die verwendeten Ausdrücke geliefert wird. Der Satz „Diese Person dort hat eine dunkelgebräunte Haut“ ist wahr genau dann, wenn die- se Person eben dunkelbraun ist und falsch, wenn dies nicht der Fall ist. Manchmal ist es nicht so einfach zu entscheiden, ob ein Satz analytisch oder synthetisch ist. Bei „Dieser Rappe ist ein schwarzes Pferd“ ist das ja noch offensichtlich richtig, denn Rappen sind nun einmal schwarze Pferde – es handelt sich also um einen analytischen Satz. Aber der Satz „Dieser Schwan ist weiß“ ist ein Grenzfall. In der Regel verbinden wir mit dem Ausdruck „Schwan“ die Farbe Weiß. Doch junge Schwäne sind nicht weiß und es gibt auch Schwäne, die auch ausgewachsen nicht weiß sind.

Nun sind dies triviale Beispiele. In der Wissenschaft, auch in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, ist es wichtig, eben nicht nur analytische Sätze zu äußern. Man- che Theorien des sozialen Handelns, bspw. die Rational Choice-Theorie, stehen in der Kritik, letztlich tautologisch zu sein, also keine synthetischen Sätze zu beinhalten, die durch Rekurs auf die Wirklichkeit wahr oder falsch sind, sondern bloße analytische Sät- ze. Leider ist das nicht so leicht zu entscheiden wie in den obigen Beispielen. Aber nichtsdestotrotz bleibt es wichtig, Theorien auf ihren synthetischen Anteil zu bewerten.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

19

2.1.6 Ursache und Grund

Eine wichtige Unterscheidung in der Wissenschaft und in der Wissenschaftstheorie ist jene zwischen Ursache und Grund. Im Alltag verwenden wir beide Ausdrücke nicht selten synonym und auch in wissenschaftlichen Texten findet sich eine solche Gleich- setzung. Doch das ist falsch, zumindest aber unpräzise. Ein aktuelles Beispiel (zumin- dest während diese Zeilen geschrieben werden): „Der Grund für den großflächigen Stromausfall in den USA und Kanada liegt in einem Blitzeinschlag in ein Kraftwerk an den Niagarafällen“ (so zumindest eine der ersten Meldungen). Tatsächlich müsste es aber heißen: „Die Ursache für …“. Warum? Es ist insbesondere in den Sozialwissen- schaften üblich, von Gründen dann zu reden, wenn Menschen handeln. Eine Person hat einen Grund, dies und das zu tun. Wir fragen nach Gründen und nicht nach Ursachen, wenn wir bspw. aufgefordert werden, eine bestimmte Handlung einer anderen vorzuzie- hen. Ein Blitz hingegen ist eine Ursache, die eine bestimmte Wirkung erzielt.

Natürlich könnte man die Unterscheidung zwischen Grund und Ursache fallen lassen; tatsächlich ist sie konventionell und nicht gleichsam naturgesetzlich vorgegeben. Doch oft würde dies das Sprechen über Beobachtungen in der Welt komplizierter und un- bzw. missverständlicher machen. Es besteht nämlich die Gefahr, über natürliche Vor- gänge anthropomorph zu sprechen. Deutlich wird das an Sätzen, die man bspw. im Be- reich der Soziobiologie 5 oft liest: „Die Evolution ist der Grund für die Entwicklung ei- ner Art“. Hier wird die Evolution personifiziert. Noch offensichtlicher ist dies in Sätzen wie: „Pfaue entwickelten ihr prächtiges und farbenfrohes Schwanzgefieder aus dem Grund, dass dies bei der Werbung um Weibchen höheren Erfolg bedeutete“. Kein Pfau hat je etwas entschieden, weder aus diesem oder anderen Gründen. Pfaue haben sich einfach in einem evolutionären Prozess entwickelt, ohne dass irgendjemand eine be- wusste Entscheidung getroffen hätte. Für die Federn von Pfauen gibt es Ursachen, aber keine Gründe. Gründe haben nur rational und bewusst denkende Lebewesen, also Men- schen (zumindest manchmal), vielleicht auch einige Menschenaffenarten.

5 Eine wissenschaftliche Disziplin, die soziales Handeln auf biologische Faktoren zurückführen will.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

20

2.1.7 Hypothese

Hypothesen, man kann auch „Vermutung“ sagen, werden oft als „Wenn-Dann“-Sätze formuliert. Im Zuge der öffentlichen Diskussionen um die Reformen der sozialen Leis- tungen in Deutschland konnte man oft Sätze wie folgende hören: „Wenn die Sozialbei- träge gesenkt werden, dann wird dadurch der private Konsum angeregt“ oder „Wenn die Sozialbeiträge gesenkt werden, dann wird dies einen positiven Effekt auf den Arbeits- markt haben“. Das Muster ist klar: wenn ein bestimmtes Ereignis eintritt, wird – so die Vermutung – es ein anderes Ereignis verursachen. Die gerade genannten Beispiele sind solche für deterministische Zusammenhänge, denn meist implizieren diejenigen, die solche Hypothesen äußern, folgende Formulierung: „Immer wenn die Sozialbeiträge gesenkt werden, dann wird immer der private Konsum angeregt“. Es kann aber auch Hypothesen anderer Art geben, bspw. diese: „Wenn Kinder eine Polio-Infektion (Kin- derlähmung) erleiden, so werden in 73% der Fälle Spätschäden zurückbleiben“ (die Prozentzahl ist geraten). Hier ist eine Ursache nur mit einer bestimmten Wahrschein- lichkeit mit einer Wirkung verbunden. Viele Prognosen über die Zukunft haben diese Form: „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein großer Meteorit in den nächsten 1000 Jahren die Erde trifft, beträgt 1%“ (die Prozentzahl ist wiederum geraten, vermutlich ist die Wahrscheinlichkeit aber viel kleiner).

Die spannende Frage ist nun, wie man zu guten und plausiblen Prognosen oder Hypo- thesen kommen kann. Wiederum kann man sagen, dass insbesondere die Wissenschafts- theorie zu wesentlichen Teilen gerade um diese Frage kreist. Also wird auch sie uns noch öfters beschäftigen. In den empirischen Disziplinen der Kulturwissenschaften e- benso wie in den empirisch ausgerichteten Bereichen der Wirtschaftswissenschaften stellt sich zudem das Problem, wie Hypothesen auf ihre Richtigkeit überprüft werden können

2.1.8 Theorie

Theorien sind mehr als Hypothesen, aber Hypothesen gehören zu Theorien. In den So- zial- und Wirtschaftswissenschaften findet sich bspw. die so genannte Rational Choice- Theorie oder Theorie der rationalen Wahl. Sie besagt, dass Menschen ihre Handlungen so auswählen, dass die gewählte Handlung ihnen den jeweils größten subjektiven Nut-

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

21

zen verschafft. Diese Theorie besteht aus einer ganzen Reihe von Annahmen bzw. Hypothesen, z. B. darüber, was der Ausdruck „Nutzen“ überhaupt bedeutet, wie Men- schen diesen berechnen, dazu kommen Definitionen von Ausdrücken wie „Risiko“, „Unsicherheit“, „Wahrscheinlichkeit“ u. ä. Das heißt, eine Theorie besteht nicht nur aus einzelnen Hypothesen, sondern auch aus einem Geflecht von Definitionen, von Aussa- gen darüber, unter welchen Bedingungen die Hypothesen überhaupt benutzt werden können, vielleicht auch aus Regeln und Methoden, wie Hypothesen getestet werden können.

Theorien sind also recht komplexe Gebilde, da sie aus sehr vielen verschiedenen An- nahmen bestehen. Wie später noch zu sehen sein wird, liegt genau hierin eine Schwie- rigkeit für den Forschungsprozess. Denn Wissenschaftler arbeiten in aller Regel nicht nur mit einzelnen Hypothesen, sondern sie wenden ganze Theorien an. Als Beispiel:

Sozialwissenschaftlern stehen ganz unterschiedliche Theorien sozialen Handelns zur Verfügung, bspw. die schon genannte Rational Choice-Theorie, der symbolische Inter- aktionismus oder Talcott Parsons (geb. 13.12.1902, gest. 08.05.1979) Funktionalismus. Alle diese Theorien machen ganz unterschiedliche Annahmen und nur eine von ihnen kann richtig sein – allerdings ist es durchaus möglich, dass alle falsch sind. Wenn man nun Theorien überprüft, testet man unvermeidlich alle darin enthaltenen Annahmen gleichzeitig. Wenn nur eine Annahme falsch ist, so sieht es aber so aus, als ob die ge- samte Theorie falsch wäre. Auch hier stoßen wir also auf ein wissenschaftstheoretisches Problem, das uns noch beschäftigen wird.

2.1.9

Erklärung

Viele Wissenschaftler sehen den Hauptzweck wissenschaftlicher Arbeit in der Erklä- rung. Dabei hat der Ausdruck nichts mit der Steuererklärung oder der Erklärung eines Politikers zu einem bestimmten Sachverhalt zu tun. In der Wissenschaft etwas zu erklä- ren bedeutet, ein Ereignis oder eine Tatsache durch den Rekurs auf eine Gesetzmäßig- keit zurückzuführen. Wie in vielen anderen Zusammenhängen auch, kann im Falle der Erklärung in der Wissenschaft zunächst untersucht werden, wie im alltäglichen Leben eine Erklärung abläuft bzw., was eine Erklärung ist. Wolfgang Stegmüller nennt folgen- de Spielarten der Erklärung im alltäglichen Kontext (Stegmüller 1969, S. 72ff.):

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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1. (Kausale 6 ) Erklärung von Vorgängen oder Tatsachen.

2. Erklärung der Bedeutung eines Wortes/Interpretation eines Textes/Definition.

3. Andersartige Deutung oder Klassifikation der Sachlage/korrigierende Uminter- pretation.

4. Begründung oder Rechtfertigung einer bestimmten Handlung oder eines Verhaltens.

5. Beschreibung eines Sachverhalts oder eines Vorgangs.

6. Bedienungsanleitung/Know-how vermitteln.

Für den wissenschaftlichen Gebrauch ist nur der erste Fall von Belang bzw. ist nur die- ser selbst hier einer Klärung bedürftig. Fragen, die Erklärungen dieser Art nach sich

ziehen, nennt Hempel „Erklärung-verlangende Warum-Fragen“ (Hempel 1977, S. 3). Es ist zweckmäßig, zwischen einer Erklärung und einer Begründung zu unterscheiden (vgl. Ströker 1992, S. 26ff.). Im ersten Fall wird nach Ursachen gesucht, die ein bestimmtes Ereignis bewirkt haben; im zweiten Fall gilt die Suche den Gründen, die es nahe legen oder dazu berechtigen, zu glauben, dass diese Ursachen das Ereignis bewirkt haben. Hempel nennt diese Art der Frage „Begründung-verlangend“ oder „epistemisch“ (Hem- pel 1977, S. 3). Für die weiteren Betrachtungen ist der zweite Fall zwar insofern von Bedeutung, dass hier nach Kriterien gefragt wird, die eine Erklärung, ein Gesetz oder eine Theorie so auszeichnen, dass diese anderen Erklärungen, Gesetzen oder Theorien vorgezogen werden können (Stegmüller 1969, S. 76). Solche Kriterien können unter anderem mathematisch-logische Eleganz, Einfachheit (Kutschera 1972, S. 309ff.) oder die geringe Zahl von Annahmen einer Theorie sein. Diese Kriterien sind jedoch schwer zu fassen, da beispielsweise Eleganz und Einfachheit in ästhetische Kategorien fallen, die in ihrer Bedeutung kaum allgemeingültig festgelegt werden können. Begründungen sind begrifflich schwerer zu fassen als Erklärungen; sie spielen jedoch eine wichtige Rolle in der Wissenschaft, werden aber dabei kaum offen gelegt. Thomas S. Kuhn (geb. 18.07.1922, gest. 17.06.1996) ist so weit gegangen, sie außerhalb der Wissenschaft zu verorten und letztlich als irrational zu bezeichnen (Kuhn 1991).

Das allgemeine Schema einer Erklärung sieht folgendermaßen aus: Benötigt werden 1.

A m . Sie

Gesetze G 1 , G 2 ,

,

G n und 2. Anfangs- oder Antecedensbedingungen A 1 , A 2 ,

,

6 Das Wort „Kausal“ steht in Klammern, da es Gesetze und damit Erklärungen gibt, die nicht-kausal sind (vgl. Lenk 1972, S. 13; siehe auch Bunge 1987, S. 284ff.).

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

23

zusammen bilden das Explanans S, der zu erklärende Sachverhalt E ist das Explanan-

dum (Hempel 1977, S. 6)

(DN)

A ,A ,

1

2

,A

m

G

1

,G , ,G

2

n

Explanans S

E Explanandum-Satz

Eine Erklärung nach diesem Schema heißt „deduktiv-nomologisch“, weil das Explanan-

dum aus dem Explanans logisch deduziert werden kann aufgrund der Forderung, dass

die Gesetze G 1 , G 2 ,

werden auch als „nomologische“ Gesetze bezeichnet. Das Explanans S wird aus Sätzen

gebildet, die wahr sein sollen. Eine wissenschaftlich gültige und adäquate Erklärung

G n strikte oder deterministische Gesetze sind. Gesetze solcher Art

,

liegt dann vor, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

„B1. Das Argument, welches vom Explanans zum Explanandum führt, muß korrekt

sein.

B2.

Das Explanans muß mindestens ein allgemeines Gesetz enthalten (oder einen Satz,

aus dem ein allgemeines Gesetz logisch folgt).

B3.

Das Explanans muß einen empirischen Gehalt besitzen.

B4.

Die Sätze, aus denen das Explanans besteht, müssen wahr sein.“ (Stegmüller 1969,

S. 86)

Bei der Beschränkung auf die deduktiv-nomologische Erklärung wird B 1 dahingehend

verschärft, dass das Explanandum logisch aus dem Explanans folgt. Bei anderen For-

men der Erklärung, beispielsweise einer induktiv-statistischen Erklärung, kommt die

ursprüngliche Fassung zur Geltung. Hempel unterscheidet zwischen verschiedenen Ar-

ten der Erklärung (Hempel 1977, S. 8), dies sind in nicht vollständiger Aufzählung bei-

spielsweise

deduktiv-nomologische,

induktiv-statistische und

potentielle Erklärungen.

Der erste Fall wurde bereits behandelt. Im zweiten Fall sind die verwendeten Gesetze

nicht deterministischer, sondern statistischer Natur. Bei der potentiellen Erklärung sind

die verwendeten Gesetze noch nicht überprüft, für sie liegt noch keine empirische Evi-

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

24

denz vor, so dass damit die Bedingung B 3 , sofern sie auf die Gesetze bezogen wird, und

die Bedingung B 4 nicht notwendig zutrifft.

Man kann das DN-Schema auch als kausale Erklärung verstehen (Hempel 1997, S.

20ff.). Diese wird in ihrer einfachsten Form als „wenn a, dann b“ formuliert, wobei a

und b zwei Ereignisse sind und a als die Ursache der Wirkung b betrachtet wird. Das

DN-Schema kann in der Weise interpretiert werden, dass b mit dem Explanandum E

A m identifiziert wird und die Gesetze

G n als andere Formulierung eines Satzes wie „wenn a, dann b“. Antecedens-

bedingungen und Gesetze müssen genau bestimmt sein, damit das DN-Schema als kau-

sale Erklärung interpretiert werden kann. Wenn sie nicht genügend bestimmt werden

können, handelt es sich eher um den Versuch einer Erklärung oder um eine Arbeits-

hypothese. Singuläre Kausalaussagen wie „Als ich das Licht einschalten wollte, platzte

die Glühbirne“ unterstellen zwar, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen dem

Einschalten des Lichts und dem Platzen der Birne gibt; solange aber nicht die Randbe-

dingungen und die hier gültigen Gesetze bestimmt sind, kann nur vermutet werden, dass

das eine die Ursache des anderen war.

und a mit den Antecedensbedingungen A 1 , A 2 ,

G 1 , G 2 ,

,

,

Eine DN-Erklärung ist im einfachsten Fall zusammengesetzt aus einem Gesetz G und

einer Antecedensbedingung A. Das Gesetz G kann beispielsweise als

x(F (x)

G(x))

geschrieben werden. Das Gesetz soll, bei Vorliegen der entsprechenden Antecedensbe-

dingung(en), zur Erklärung einer Tatsache genutzt werden können. Der Zusammenhang

zwischen Explanans und Explanandum ist deduktiv-nomologisch, also determiniert;

man kann dies mit „immer, wenn x F ist, dann ist x auch G“ ausdrücken, wobei die Be-

tonung auf „immer“ liegt.

Nun könnte aber die Notwendigkeit bestehen, einen Zusammenhang wie „manchmal,

wenn x F ist, dann ist x auch G“ oder „in 35% der Fälle, wenn x F ist, dann ist x auch

G“ auszudrücken; hier liegt die Betonung auf „manchmal“ oder auf „in 35% der Fälle“.

Mit solchen Gesetzen werden statistische Beziehungen und Wahrscheinlichkeiten er-

klärt; Hempel unterscheidet dabei zwischen deduktiv- und induktiv-statistischen Erklä-

rungen. Im ersten Fall geht es darum (Hempel 1977, S. 60/65), aus einer Reihe von Ge-

setzen, zu denen mindestens ein statistisches Gesetz gehört, ein anderes, aber weniger

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

25

allgemeines statistisches Gesetz abzuleiten. Diese Ableitung geschieht deduktiv, daher die Bezeichnung „deduktiv-statistische Erklärung“ oder „DS-Erklärung“. In der Regel sollen jedoch Prognosen und Erklärungen für Einzelereignisse gegeben werden können. Wenn dies unter Zuhilfenahme von statistischen Gesetzen vonstatten geht, wird von einer „induktiv-statistischen“ oder „IS-Erklärung“ gesprochen. Das einfachste Beispiel für diese Art der Erklärung bzw. Prognose ist der Wurf eines Würfels. Um voraussagen zu können, welche Augenzahl bei zukünftigen Würfen erscheint, kann so vorgegangen werden, dass für eine bestimmte Anzahl von Würfen protokolliert wird, welche Augen- zahl erscheint. Bei einem idealen Würfel kann durch Auszählen festgestellt werden, dass jede Augenzahl ungefähr gleich oft geworfen wurde (um genau zu sein: Wenn das der Fall ist, dann wird von einem idealen Würfel gesprochen.). Es ist nun möglich, in- duktiv zu schließen, dass bei zukünftigen Würfen die Wahrscheinlichkeit, dass bei- spielsweise eine Fünf geworfen wird, ungefähr 16,6% oder 1 / 6 beträgt. Solche Feststel- lungen können induktiv für jeden beliebigen Würfel getroffen werden, sofern vorher eine hinreichend große Zahl von Würfen durchgeführt wurden.

2.1.10

Verstehen 7

Zuweilen wird folgender Ausspruch Wilhelm Diltheys (geb. 1833, gest. 1911) als pro- grammatisch für das Bemühen der Geisteswissenschaften – und hier sind die Kulturwis- senschaften mitgedacht – verstanden, so etwas wie „Verstehen“ zu erreichen: „Die Na- tur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir!“ Tatsächlich wird die Dichotomie zwi- schen Erklären und Verstehen häufig als wesentlicher Unterschied zwischen den Geis- tes- und Kulturwissenschaften auf der einen und den Naturwissenschaften bzw. empiri- schen Wissenschaften auf der anderen Seite gesehen. Natürlich stellt sich sofort die Frage, worin denn diese Dichotomie besteht.

Man kann dies mit Rekurs auf den Unterschied von Gründen und Ursachen deutlich machen. Gründe, so wurde weiter oben bemerkt, haben nur bewusst denkende Lebewe- sen, also auf diesem Planeten in erster Linie Menschen. Menschen haben in aller Regel

7 Da Verstehen und Hermeneutik einen ganz wesentlichen Platz in den Kulturwissenschaften einneh- men und dies hier nur eine Einführung ist, ist klar, dass die hier gemachten Bemerkungen allenfalls an der Oberfläche kratzen und nur dazu dienen können, ein Problembewusstsein zu schaffen. In den verschiedenen vertiefenden Veranstaltungen der Kulturwissenschaften wird jedoch ausführlich auf diese Themen eingegangen.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

26

Gründe, die sie dazu leiten, ihre Handlungen zu vollziehen. Man könnte nun versucht sein zu sagen, dass jene Gründe das Handeln der Menschen verursachen nach dem Mus- ter: immer wenn eine Person P den Grund G hat, wird sie die Handlung H vollziehen. Dummerweise ist die Welt nicht so einfach. Tatsächlich ist es so, dass Handlungstheore- tiker bisher keine wirklich überzeugenden Theorien entwickeln konnten, in denen sol- chen einfachen Zusammenhänge existieren. Etwas pessimistischer ausgedrückt: alle Handlungstheorien sind wahrscheinlich falsch. 8

Wir wissen aber aus Erfahrung, dass wir als Menschen durchaus in der Lage sind, das Handeln anderer Menschen zu verstehen. Hierbei handelt es sich eben nicht um eine Erklärung nach dem DN-Schema, sondern um etwas anderes. Wenn wir sorgfältig die Bedingungen einer Handlung aufspüren, in Erfahrung bringen, welches Wissen der Handelnde hatte, welche Ziele, Wünsche, Lebenspläne, Motive und Handlungsgründe die handelnde Person hatte, erlaubt uns dies durchaus oft, nachzuvollziehen, warum eine Person gerade so handelte, wie sie handelte. Dieses Nachvollziehen wird dabei als „Verstehen“ bezeichnet. Wichtig hierbei ist, dass dies nicht nur ein „Einfühlen“ in die Psyche des betreffenden Menschen sein kann, sondern durchaus damit verbunden ist, eine exakte und möglichst umfassende Quellenlage herzustellen. Will man also das Handeln bspw. von historischen Persönlichkeiten verstehen, genügt es nicht, sich in die vermeintliche Seelenlage des betreffenden Menschen hineinzuversetzen. Stattdessen ist es notwendig, die Situation möglichst genau zu erfassen, die vorherigen Geschehnisse zu kennen usw. Dies ist harte empirische Arbeit, die bspw. Historiker in Archiven leis- ten. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen. Möchten wir verstehen, warum die Ägypter im dritten Jahrtausend vor Christi Geburt gigantische Pyramiden als Grabmäler ihrer Pharaonen errichteten, ist es wahrscheinlich notwendig, nicht nur die religiösen Über- zeugungen dieser Menschen zu kennen, sondern auch ihre Gesellschaftsstruktur, die ökonomischen Verhältnisse und Umweltbedingungen, politische Kontakte zu anderen Völkern, die kulturelle Entwicklung bis zu dieser Zeit u. v. a.

Dabei ist ein wesentliches Problem im Prozess des Verstehens, dass wir als Menschen die Welt verschieden interpretieren. Das heißt, dass wir bspw. den Ausdrücken unserer

8 Dem würden natürlich die meisten Handlungstheoretiker widersprechen, aber alle Handlungstheorien leiden zumindest unter dem großen Problem, dass sie allenfalls in sehr engen Anwendungsbereichen funktionieren.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

27

Sprache oder unseren Erlebnissen verschiedene Bedeutung zumessen. Diese unter- schiedliche Deutung ist zudem nicht nur personen-, sondern auch zeit- und kulturabhän- gig. Das heißt insbesondere bei dem genannten Beispiel, dass wir uns darüber bewusst sein müssen, dass unsere Deutung der Zeugnisse der altägyptischen Kultur durch unsere Zeit und Kultur geprägt sind; wir gehen also mit bestimmten Vorurteilen (nicht im pejo- rativen Sinne gemeint) an die Sache heran. Um aber die Motive jener Menschen verste- hen zu können, müssen wir ihre Sinngebung der Welt rekonstruieren. Dabei treten wir in einen so genannten hermeneutischen Zirkel ein: Zunächst werden wir versuchen, die Handlungen jener Menschen mit unserem Vorwissen und unseren Vorurteilen zu ver- stehen. Dies wird uns wahrscheinlich nicht gelingen, aber in diesem Prozess können wir erkennen, wie wir den Sinn der verwendeten Konzepte verändern müssen, um besser zu verstehen. Nun wird die Deutung der Handlungen erneut vollzogen. Die Hoffnung ist nun, dass sich unser Verständnis der altägyptischen Welt jener der damals lebenden Menschen annähert.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

28

2.2 Die Quellen der Erkenntnis

Nun wurde schon mehrfach über Erkenntnis gesprochen, ohne genauer zu untersuchen, wie Erkenntnis eigentlich gewonnen wird. In der Erkenntnistheorie werden zwei Quel- len der Erkenntnis unterschieden: Erkenntnis aus der Erfahrung (Empirismus) und Er- kenntnis aus dem Verstand (Rationalismus). Es sind zwei grundsätzlich verschiedene Erkenntnisweisen und lange Zeit standen sie sich gegenüber; entweder war man ein Anhänger des Rationalismus oder eben des Empirismus. Ein heute vertretene Misch- form ist bspw. der Kritische Rationalismus, der von Sir 9 Karl R. Popper (geb. 28.07.1902, gest. 17.09.1994) begründet wurde; darauf werden wir später zurückkom- men. Zunächst sollen aber (nur sehr) kurz die Reinformen der Wege der Erkenntnis be- trachtet werden, die Garanten für sicheres Wissen sein sollen. Sicheres Wissen ist sol- ches über Welt, das nicht sinnvoll bezweifelt werden kann. Wir werden später sehen, dass man durchaus daran zweifeln kann, ob es überhaupt so etwas wie sicheres Wissen geben kann.

2.2.1

Rationalismus

Die Bezeichnung „Rationalismus“ stammt vom lateinischen Wort „ratio“ = „Verstand“ ab. So ist es nicht schwer, schon aus dieser Bezeichnung abzulesen, welche Quelle si- cheren Wissens im Rationalismus angenommen wird. Für Rationalisten stammt also sicheres Wissen aus dem Verstand, aus dem Denken. Einer der wichtigsten Vertreter des Rationalismus war René Descartes (geb. 31.05.1596, gest. 11.02.1650), der auch als Mathematiker wichtige Leistungen erbracht hat und durch sein kartesisches Koordina- ten aus dem Mathematikunterricht bekannt ist. 10 Descartes stand vor dem Problem, das im Abschnitt „Warum unser Wissen nicht sicher ist“ thematisiert wird: unsere Wahr- nehmung kann uns trügen. Er fragte sich deshalb, ob es überhaupt etwas geben könne,

9 Karl Popper stammt ursprünglich aus Österreich, musste aber vor dem Nationalsozialismus flüchten. Zunächst ging er nach Neuseeland, dann nach Großbritannien. Für seine philosophischen Beiträge zur Bekämpfung totalitärer Systeme wie dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus, vor allem mit seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, wurde ihm der Titel „Sir“ verliehen.

10 Ein anderer wichtiger Vertreter war Gottfried Wilhelm Leibniz (geb. 01.07.1646, gest. 14.11.1716). Auch Leibniz ist nicht nur wegen seiner philosophischen Werke berühmt, sondern weil er wichtige Beiträge zur Mathematik geleistet hat (und nicht wegen der Kekse), z. B. hat er parallel und unab- hängig von Newton die Infinitesimalrechnung (Integration und Differentiation von Funktionen) ent- wickelt.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

29

dessen er sich sicher sein kann. Das Ergebnis seiner Überlegungen ist in den Vorrat geflügelter Worte eingegangen: cogito ergo sum = ich denke, also bin ich. Descartes war der Ansicht, dass es keinen Zweifel darüber geben kann, dass er Gedanken denkt, wenn er zweifelt. Wenn er aber denkt, so muss er existieren. Über alles, so Descartes, könne er sich täuschen, aber nicht über seine Existenz. Er glaubte nun, dass er mit dieser sicheren Erkenntnis einen Fixpunkt gefunden hätte, von dem sich jegliches weiteres Wissen herleiten ließe.

Allerdings stellt sich dabei ein Problem in den Weg, denn die Außenwelt hat bisher noch keine Chance gehabt, in den Geist des Denkenden einzudringen. Nun wollen Men- schen aber nicht nur Wissen über sich selbst, sondern über die Welt „da draußen“. Übli- cherweise nimmt man an, dass wir Kenntnis von der Außenwelt über unsere Sinne er- halten, also durch Sehen, Hören, Tasten, Schmecken, Riechen etc. Nun haben aber alle Rationalisten ein Problem mit den Sinnen, weil sie der Ansicht sind, dass die Sinne uns täuschen können und damit unsere Erkenntnis der Welt nicht sicher, sondern unsicher und falsch sein könnte.

Descartes wählt hier einen Ausweg, der uns vielleicht etwas befremdlich erscheint, weil der Glaube an Gott und seine Allmacht heute nicht unbedingt zum üblichen Überzeu- gungsrepertoire gehört – außerdem erscheint dieser Rekurs auf Gott heute mehr als problematisch, denn in einer wissenschaftlichen Argumentation sollten solche Überwe- sen eigentlich keine Rolle spielen. Sei’s drum: Zunächst musste Descartes die Existenz Gottes beweisen – ein Unterfangen, dass ihm nach allgemeiner Ansicht der Philosophen nicht einmal ansatzweise gelungen ist. Gott ist für Descartes vollkommen und daher moralisch gut. Weil er das ist, will Gott uns nicht absichtlich täuschen. Mit einigen ar- gumentativen Zwischenschritten, die auf dem Unterschied von Urteil und Einsicht auf- bauen, kommt Descartes zu dem Schluss, dass in jenen Fällen, in denen wir unseren Willen und unsere Urteile im Zaum halten, tatsächlich Erkenntnis durch Sinne gewin- nen können. Denn in solchen Fällen kann Gott nicht wollen, dass wir uns irren. Daher garantiert Gott letztlich, dass unsere Wahrnehmung der Außenwelt nicht falsch ist. Nun erscheint es so, als ob ja doch die Sinne Erkenntnis lieferten und damit der Rationalis- mus doch ein verkappter Empirismus wäre. Doch Descartes ist der Ansicht, dass nicht die Sinne selbst es sind, die jene Erkenntnis liefern, sondern erst der Verstand, der die Sinnesdaten verarbeitet. Nun könnte man dies als einen Taschenspielertrick ansehen,

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

30

denn Descartes scheint hier einfach eine Umdefinition des Begriffes der Wahrnehmung vorzunehmen und sie dadurch dem Denken zuzuschlagen. Wie wir sehen werden, schließen sich bspw. die modernen Konstruktivisten dieser Vorgehensweise durchaus an.

2.2.2

Empirismus

Ein wichtiges Konzept der Rationalisten sind die so genannten angeborenen Ideen. Sie finden wir, in etwas anderer Form, bereits bei Platon (geb. um 427 v. Chr., gest. um 347 v. Chr.). Platon ging davon aus, dass die menschliche Seele unsterblich ist. Solange sie nicht an einen menschlichen Körper gebunden ist, hat sie teil an den Ideen. Ideen sind hier so etwas wie Idealtypen, an Beispielen aus der Mathematik bzw. Geometrie lässt sich diese Konzeption wohl am besten darstellen. Wie erkennen wir ein Dreieck? Platon würde antworten: Dadurch, dass sich unsere Seele an die Idee des Dreiecks erinnert. Die Idee des Dreiecks ist eben nicht eine konkrete Figur, die bspw. auf Papier gezeichnet oder in den Sand gemalt wird, sondern jenes Konzept dreier Strecken, die auf eine be- stimmte Art und Weise angeordnet werden, so dass die Winkelsumme 180º beträgt etc. Auch konkrete Dinge erkennen wir daran, dass sie Anteil an den Ideen haben. Ein Pferd auf der Weide erkennen wir als ein solches, weil – zwar auf unvollkommene Weise – in ihm die Idee des Pferdes, an die sich die Seele erinnert, realisiert ist. Bei Descartes sind nun die Ideen angeboren und sie erlauben uns, bestimmte Wahrheiten unmittelbar ein- zusehen; Beispiele sind bestimmte logische Schlussweisen.

Für Empiristen ist dieses Konzept völlig unhaltbar. Sie fragen nämlich einfach: Was wäre ein gutes Indiz dafür, dass eine Person angeborene Ideen und damit Wissen über Sachverhalte in der Welt hat? Die Antwort liefern sie gleich mit. Ein entsprechend gutes Indiz wäre, wenn Menschen, die bekanntermaßen noch nichts über die Welt gelernt ha- ben, also Kinder im frühen Alter, in der Lage wären, dieses Wissen auch zu nutzen, bspw. durch Antworten auf entsprechende Fragen. Nun erscheint es aber ziemlich un- wahrscheinlich, dass ein Kind, das gerade Sprechen gelernt hat, Auskunft bspw. über den Satz vom ausgeschlossenen Dritten (ein wichtiges logisches Prinzip) geben könnte oder solche Prinzipien anwenden könnte. Für Empiristen wie John Locke (geb. 29.08.1632, gest. 28.10.1704) ist aber ein Wissen, das von der Person, die es vermeint- lich besitzt, weder angewendet noch ausgesagt werden kann und dieser Person auch

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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nicht bewusst ist, gar nicht existent. Ergo seien angeborene Ideen schlicht ein Hirnge- spinst der Rationalisten.

Nun sind diese angeborenen Ideen aber wichtig für den Rationalismus, denn die Ein- sicht in die Wahrheit von Aussagen über die Wirklichkeit kommt für Rationalisten aus dem Vergleich der angeborenen Ideen mit den oben schon angeführten Sinnesdaten, die aber bereits im Verstand verortet werden. Wenn es aber keine angeborenen Ideen gibt, kann man sie auch mit nicht vergleichen. Außerdem könnte ein Empirist in etwa so ar- gumentieren: Gedanken sind Bewusstseinsinhalte. Dies gilt für angeborene Ideen eben- so wie für jene Sinnesdaten, die ja qua Definition dem Denken zugewiesen wurden. Dann vergleichen wir jedoch Bewusstseinsinhalte mit Bewusstseinsinhalten; die Welt da draußen ist hierbei gar nicht mehr beteiligt. Also erhalten wir gar kein Wissen über die Welt. 11 Also kann der Rationalismus kein Wissen über die Welt liefern.

Empiristen gehen deshalb davon aus, dass bei der Geburt unser Bewusstsein so etwas wie eine „tabula rasa“ sei – völlig leer. Erst durch Erfahrung sammeln sich darin Be- wusstseinsinhalte. All unser Wissen ist also Erfahrungswissen – „nichts ist in unserem Bewusstsein, was nicht vorher in den Sinnen war“. Durch diese Hinwendung zur Erfah- rung als Quelle des Wissens und vor allem durch die Struktur der Argumentation sind die britischen Empiristen (George Berkeley (geb. 12.03.1685, gest. 14.01.1753), John Locke, David Hume (geb. 07.05.1711, gest. 25.08.1776)), vor allem Locke, auch Be- gründer der empirisch ausgerichteten Psychologie. Denn sie erachten die Frage nach der Quelle unseres Wissens oder jener nach der Existenz angeborener Ideen nicht mehr als eine Frage, die durch den Rekurs auf metaphysische Prinzipien zu beantworten sei, son- dern als eine empirische Frage, die im Prinzip durch Experimente oder Beobachtungen zu beantworten ist. Die Wissenschaft, die heute so etwas untersucht, ist eben die Psy- chologie.

Doch auch die Empiristen müssen sich eingestehen, dass unser Wissen über die Welt, auch wenn es aus der Erfahrung kommt, nicht sicher ist. Zum einen können uns die Sin- ne täuschen, darauf wird gleich noch genauer eingegangen. Zum anderen aber konnte David Hume aufzeigen, dass ein extrem wichtiges Prinzip, mit dem wir die Welt ord- nen, nicht aus der Erfahrung gewonnen werden kann. Dieses Prinzip ist der kausale Zu-

11 Beachten Sie die Ähnlichkeit der Argumentation gegen die Korrespondenztheorie der Wahrheit.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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sammenhang aus Ursache und Wirkung. Ein Beispiel aus der Welt der Ökonomie mag dies deutlich machen. Der Aktienbroker Homer Simpson 12 hat folgende Theorie: Immer wenn die US-amerikanische Notenbank die Leitzinsen senkt, steigen die Aktienkurse. Gewonnen hat er diese Theorie durch Erfahrung, denn er hat die Kursentwicklung des Dow-Jones-Index seit seiner Tätigkeit an der Börse genau beobachtet und in Relation zum Leitzins gesetzt. Homer nimmt also an, dass die Leitzinssenkung die Ursache für die Kurssteigerung des Dow-Jones-Index ist und er geht davon aus, dass dieser Zusam- menhang deterministisch ist. Das heißt: immer wenn Ursache U (nämlich Leitzinssen- kung), dann Wirkung W (Kurse gehen nach oben). 13 Eines Tages wird wieder einmal angekündigt, dass der Leitzins gesenkt werden wird. In Erwartung danach steigender Kurse setzt Homer sein gesamtes Vermögen und jenes seiner Kunden auf diese Chance und kauft Aktien aus dem Dow-Jones-Index – und verliert alles, weil die Kurse danach sinken und nicht steigen. War es rational, aufgrund der Erfahrung aus der Vergangen- heit so zu handeln? Hume würde mit nein antworten. Da er nicht an angeborene Ideen glaubt, muss das Kausalprinzip aus der Erfahrung stammen. Doch Menschen und ihre Fähigkeit zu beobachten sind endlich; unser Erfahrungsschatz ist begrenzt. Es ist irrati- onal zu glauben, dass die Kurse sich immer so verhalten werden, wie sie das in der Ver- gangenheit taten, weil wir nicht die gesamte Vergangenheit kennen. Ebenso irrational, so Hume, ist es aus der endlichen Zahl der Abfolge von Typen von Ereignissen zu schließen, dass der eine Typ die Ursache des anderen Typs ist, weil wir wiederum nur endliche viele Beispiele kennen. Dieses Problem wird uns bei der Diskussion der Induk- tion wieder entgegentreten.

2.2.3 Warum unser Wissen nicht sicher ist

Ein Beispiel für logische Erwägungen, die den philosophisch denkenden antiken Men- schen in den Wahnsinn oder zumindest in den Skeptizismus – also die Haltung, dass alle menschliche Erkenntnis unsicher ist – treiben konnten, sind Antinomien. Hier eini- ge Beispiele:

Alle Kreter lügen (geäußert von einem Kreter).

12 Da Homer in der Sendung „Die Simpsons“ schon eine ganze Menge Berufe ausprobiert hat, könnte er es ja in Zukunft auch mal als Aktienbroker versuchen.

13 Vergleichen Sie dies mit der deduktiv-nomologischen Erklärung.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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Ich lüge immer.

Ich lüge jetzt.

Eigentlich sehen diese Aussagen recht harmlos aus, doch stecken sie voll logischem Sprengstoff. Sie haben im Grunde immer denselben Aufbau, der sich an jedem Beispiel- satz deutlich machen lässt. Betrachten wir deshalb den zweiten Satz, „Ich lüge immer“. Ein Satz kann entweder wahr oder falsch sein, eine dritte Möglichkeit gibt es nicht bzw. wird nicht zugelassen (tertium non datur). Also ist der Satz „Ich lüge immer“ entweder wahr oder falsch. „Lügen“ soll heißen, nicht die Wahrheit zu sagen. Wenn der Satz wahr ist, lüge ich immer. D. h., jeder Satz, den ich äußere, ist eine Lüge, ist also nicht wahr. Das aber widerspricht der Annahme, dass der Satz wahr ist. Wenn der Satz falsch ist, lüge ich nicht immer. D. h., nicht jeder Satz, den ich äußere, ist eine Lüge. Dann könnte dieser aber Satz wahr sein, was uns zur vorherigen Problematik zurückwirft.

Ähnlich sieht es mit dem Satz „Alle Kreter lügen“ aus, gesetzt den Fall, dass dieser von einem Kreter geäußert wird.

Ist der Satz wahr, verhält sich also der tatsächliche Kreter wie alle Kreter, dann lügt er in diesem Augenblick. Das widerspricht der Annahme, dass der Satz wahr ist.

Ist der Satz falsch, sagt der Kreter nicht die Wahrheit. Damit bestätigt er aber die Aussage des Satzes, dass alle Kreter lügen.

Betrachten wir den Satz „Ich lüge jetzt“, dann lässt uns auch dieser Satz verzweifeln.

Ist der Satz wahr, lüge ich jetzt also, dann muss der Satz falsch sein.

Ist der Satz falsch, dann sage ich jetzt nicht die Wahrheit. Also lüge ich und der Satz ist wahr.

Auf jeden Fall war es für unsere philosophischen Freunde der Antike ein großes Prob- lem, dass es Sätze gibt, die sich selbst widersprechen und so kein vernünftiger logischer Schluss möglich ist. Das Problem bestand darin, dass sich in der Antike der Gedanke der Erkenntnis aus Beobachtung so recht nicht durchsetzen konnte. Philosophen jener Zeit waren Rationalisten, wahre Erkenntnis kam für sie aus der Vernunft. Und dann so etwas: Wo sollte das nur hinführen? Der Grund, warum unsere antiken Helden auf die Vernunft setzten und nicht auf die Beobachtung und damit auf die Sinne, liegt darin,

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dass ihnen bewusst war, dass eben diese Sinne täuschen können. Ein Beispiel ist der im Wasser gekrümmte Stab.

Wasseroberfläche

ist der im Wasser gekrümmte Stab. Wasseroberfläche Scheinbarer Knick Ein Stab oder Ruder, eingetaucht in

Scheinbarer Knick

Wasser gekrümmte Stab. Wasseroberfläche Scheinbarer Knick Ein Stab oder Ruder, eingetaucht in Wasser, scheint einen

Ein Stab oder Ruder, eingetaucht in Wasser, scheint einen Knick zu haben. Aber ziehen wir den Stab wieder aus dem Wasser, so ist kein Knick festzustellen, ebenso dann nicht, wenn wir den Stab im Wasser lassen, aber dafür mit den Finger an ihm entlang fahren. In diesem Fall melden unsere Sinne unterschiedliche Erfahrungen. Nun stellt sich natür- lich sofort die Frage, welchem Sinn wir Priorität einräumen und mit welchen rationalen Gründen wir dies tun wollen. Doch wir werden keine guten Gründe finden, um einen Sinn mehr Glaubwürdigkeit als den anderen zuzusprechen.

1.

Sinn mehr Glaubwürdigkeit als den anderen zuzusprechen. 1. 2. 3. Heute kennen wir eine Reihe von
Sinn mehr Glaubwürdigkeit als den anderen zuzusprechen. 1. 2. 3. Heute kennen wir eine Reihe von
Sinn mehr Glaubwürdigkeit als den anderen zuzusprechen. 1. 2. 3. Heute kennen wir eine Reihe von
Sinn mehr Glaubwürdigkeit als den anderen zuzusprechen. 1. 2. 3. Heute kennen wir eine Reihe von
Sinn mehr Glaubwürdigkeit als den anderen zuzusprechen. 1. 2. 3. Heute kennen wir eine Reihe von

2.

mehr Glaubwürdigkeit als den anderen zuzusprechen. 1. 2. 3. Heute kennen wir eine Reihe von Sinnestäuschungen,

3.

mehr Glaubwürdigkeit als den anderen zuzusprechen. 1. 2. 3. Heute kennen wir eine Reihe von Sinnestäuschungen,

Heute kennen wir eine Reihe von Sinnestäuschungen, die sich nicht einmal durch phy- sikalische Effekte wie der Brechung des Lichts an der Oberfläche des Wassers erklärt werden können. Hier drei Beispiele:

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1. Obwohl die senkrechten Linien gleich lang sind, erscheinen sie uns doch unter- schiedlich lang. Die psychologische Hypothese ist, dass unser Sehapparat die Linien perspektivisch auffasst. Die linke Seite wäre dann die Skizze zweier nach hinten zu- sammenlaufender Wände, die rechte Seite die Skizze zweier nach vorne zusammen- laufender Wände. Automatisch wird die linke Seite als weiter entfernt interpretiert und damit muss sie dann im dreidimensionalen Raum eigentlich höher sein.

2. Obwohl die langen Strecken parallel zueinander laufen, scheinen sie von links nach rechts zusammenzulaufen.

3. An den Kreuzungspunkten der weißen Streifen zwischen den schwarzen Quadraten scheinen hellgraue Punkte oder Quadrate zu sein.

Alle drei Beispiele zeigen, dass wir unseren Augen oftmals nicht trauen können; dass der Schein anders ist als das Sein. Viele der Grafiken, die Maurits Cornelis Escher (M. C. Escher, geb. 17.06.1898, gest. 27.03.1972) im Laufe seines Lebens erstellte, entfüh- ren uns in Welten, die auf eine seltsame Art und Weise völlig widersprüchlich sind und doch manchmal „irgendwie zu stimmen“ scheinen (das nächste Bild: „Wasserfall“, Ok- tober 1961, Lithographie).

Obwohl die antiken Menschen weder etwas von M. C. Eschers Werk wussten, noch überliefert ist, dass ihnen die gezeigten Sinnestäuschungen bekannt waren, wussten sie, dass die Sinne keine verlässlichen Lieferanten für sichere Erkenntnis waren. Doch auch der Verstand und die Vernunft können seltsame Ergebnisse liefern, wie bereits an den Antinomien gezeigt wurde. Doch in der Antike waren auch andere Überlegungen be- kannt, dass zumindest die Sinne keine guten Lieferanten für Erkenntnis sind. Zu nennen sind hier bspw. die zenonischen (Zenon von Elea, geb. um 490/485 v. Chr., gest. um 445/440 v. Chr.) Paradoxien. Die bekannteste von ihnen ist festgehalten in der Ge- schichte von Achilles und der Schildkröte:

Achilles, der schnellste Läufer der griechischen Antike, veranstaltet mit der Schildkröte ein Wettrennen. Dabei bekommt die Schildkröte einen angemessenen Vorsprung, z. B. zehn Meter, denn schließlich ist sie ja weitaus langsamer als Achilles; um genau zu sein ist Achilles zehnmal so schnell. Die Kontrahenten nehmen Aufstellung, das Kommando zum Start ertönt, das Rennen beginnt. In der Zeit, in der Achilles zehn Meter läuft, ü-

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berwindet die Schildkröte gerade einmal einen Meter. Wenn also Achilles den Vor- sprung der Kröte von zehn Metern einholt, hat diese einen Meter zurückgelegt.

zehn Metern einholt, hat diese einen Meter zurückgelegt. Gleich also sollte das Rennen seinen erwarteten Lauf

Gleich also sollte das Rennen seinen erwarteten Lauf zeigen. Doch es kommt anders. Denn als Achilles den verbleibenden Vorsprung von einem Meter gelaufen ist, hat die

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Schildkröte zehn Zentimeter zurückgelegt. Und nachdem diese zehn Zentimeter von Achilles durchmessen wurden, liegt die Kröte immer noch einen Zentimeter in Front. Danach, wenn Achilles nach einem Zentimeter glaubt, das Rennen wird sich gleich zu seinen Gunsten wenden, ist die Schildkröte aber immer noch in Front, zwar nur mit ei- nem Millimeter, aber immerhin. Wir ahnen, wie die Geschichte weitergeht: immer wird die Schildkröte einen zwar immer kleiner werdenden Vorsprung haben, aber doch wird Achilles sie nicht einholen können. Doch tatsächlich wissen wir aus der Erfahrung, dass das Rennen ganz anders ausgehen wird. Denn wenn Achilles schneller als die Schild- kröte ist, dann ist es gleichgültig wie groß der Vorsprung ist, letztendlich wird die Kröte überholt und Achilles das Rennen gewinnen. Gerade aber aus dem Widerspruch aus Gedankenexperiment und realer Beobachtung entwickelt Zenon seinen Zweifel an dem, was uns unsere Sinne präsentieren.

Schauen wir aber noch auf eine weitere Paradoxie des Zenon. Man betrachte einen Bo- genschützen, der einen Pfeil abschießt.

einen Bo- genschützen, der einen Pfeil abschießt. Zu jedem Zeitpunkt nimmt der Pfeil einen definierten Ort
einen Bo- genschützen, der einen Pfeil abschießt. Zu jedem Zeitpunkt nimmt der Pfeil einen definierten Ort
einen Bo- genschützen, der einen Pfeil abschießt. Zu jedem Zeitpunkt nimmt der Pfeil einen definierten Ort
einen Bo- genschützen, der einen Pfeil abschießt. Zu jedem Zeitpunkt nimmt der Pfeil einen definierten Ort

Zu jedem Zeitpunkt nimmt der Pfeil einen definierten Ort ein, was mit den senkrechten Markierungen deutlich gemacht wird. Wir können uns beliebig viele dieser Markierun- gen denken und werden jeweils feststellen: zu einem bestimmten Zeitpunkt nach dem Abschuss des Pfeils wird sich dieser an einer der Markierungen befinden. Er hat zu je- der Zeit einen klar fixierten Ort. Doch wenn das so ist, dann kann sich der Pfeil nicht bewegen. Die Bewegung des Pfeils kann also nur eine Illusion unseres Geistes sein.

Zenon und vor ihm Parmenides (geb. um 515/510 v. Chr., gest. um 450 v. Chr.) zogen einen radikalen Schluss aus den angeführten Paradoxien. Alles, so ihre Auffassung, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, ist bloßer Schein, nichts wirklich Existierendes.

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Das Sein selbst ist, so ihre Schlussfolgerung aus den Paradoxien weder bewegt noch veränderlich, es ist ewig und unveränderlich. Und nur mit unserem Verstand sind wir in der Lage, diese Wahrheit auch wirklich zu erkennen, wie ja die Paradoxien anschaulich machen.

Ohne besonders sklavisch an den tatsächlichen Abläufen kleben zu wollen, sollen nun noch einige der Folgen im philosophischen Denken besprochen werden, die sich aus den angeführten skeptischen Erwägungen gegen die Zuverlässigkeit der Erkenntnis – sei sie aus den Sinnen oder dem Verstand – entsprungen sind.

Zu nennen sind hier natürlich zwei Großmeister der Philosophie: René Descartes und Immanuel Kant. Der erstere überlegte sich, wie der Skeptizismus zu überwinden wäre. Denn die Situation war für Philosophen unhaltbar, so konnte es einfach nicht weiterge- hen. Es musste erreicht werden, wieder sicheren Boden unter den Füßen zu bekommen. Descartes begann mit dem Zweifel. Er überlegt sich, dass alles, Gedanken und Beo- bachtungen, in Zweifel zu ziehen sei. Schließlich, so seine Überlegung, könnte ja ein böser Dämon ihm all das, was er sah und dachte, eingeben, um ihn zu täuschen. Doch eines, so Descartes, war einfach nicht zu bezweifeln. Selbst wenn er nämlich etwas Fal- sches denken würde, so würde er doch denken. Und dieses wäre unbezweifelbar wahr. So gründete Descartes seine Philosophie auf dem „cogito ergo sum“, „ich denke, also bin ich“. Von dieser unbezweifelbaren Wahrheit wird dann die Welt zurück erschlossen.

Immanuel Kant hat sich den Problemen der Skeptiker anders entledigt. Statt vergebens nach in der Welt befindlichen Gründen zu suchen, die uns sicheres Wissen zukommen lassen, verfrachtet er die Basis unserer Sicherheit ins uns selbst. Denn der Verstand gibt der Welt die Gesetze vor. Wir besitzen Anschauungsformen, mit denen wir die Welt wahrnehmen: Raum und Zeit. Diese sind uns immer schon gegeben und ohne sie könn- ten wir nichts in der Welt erkennen. Wir strukturieren unsere Wahrnehmungen nach diesen Anschauungsformen. Doch wenn wir nicht die Welt sehen, sondern immer nur die Welt im Lichte unserer Anschauung oder Interpretation, so verlieren wir damit den Zugang zu der Welt an sich. Diese ist in der Tat, so Kant, für uns nicht erkennbar. Das Sein hinter dem Schein bleibt uns immer verborgen.

In unseren Tagen haben dies Sprachphilosophen und Konstruktivisten aufgegriffen. Letztere sind der Meinung, unter anderem auf Grund von Untersuchungen des Gehirns,

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dass wir uns gar nicht die Frage stellen können, ob wir sicheres Wissen über die Welt erlangen können. Ihrer Meinung nach ist das Gehirn informationell völlig abgeschlos- sen. Die Welt, die wir wahrzunehmen scheinen, ist für sie ein Produkt unseres Gehirns, reine Konstruktion. Nur dadurch, dass in den meisten Fällen unsere Konstruktionen so gestaltet sind, dass wir uns entsprechend der Umwelt, die allerdings nicht erkennbar ist, verhalten, überleben wir.

Viele Sprachphilosophen hingegen sind der Auffassung, dass unser einziger Zugang zur Welt sprachlich vollzogen werden kann. Was nicht kommunizierbar ist, existiert auch nicht. Doch dies ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

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2.3

Ontologie

Ontologie ist die Lehre vom Sein; Ontologen denken darüber nach, was existiert. Wie weiter unten noch beschrieben wird, ist es wichtig, die Frage nach dem Sein und jene nach dem Erkennen deutlich zu trennen. 14

2.3.1

Realismus

Wie schon bemerkt, sind Realisten jene Leute, die der Auffassung sind, dass es eine Realität gibt, die unabhängig von den Menschen und ihrem Bewusstsein existiert. Wer die Fernsehserie „Akte X“ kennt, weiß, dass in Fox Mulders Büro ein Plakat mit der Aufschrift „Die Wahrheit ist da draußen“ hängt. Diesen Slogan kann man so verstehen, dass wir – um die Wahrheit zu finden – eben in die Welt schauen müssen, wie die Dinge wirklich sind. Es ist zwar fraglich, ob Mulder wirklich ein Realist ist, diesen Part hat eigentlich seine Partnerin Dana Scully inne. Aber für Realisten ist Wahrheit korrespon- denztheoretisch gefasst. Unsere Aussagen sind dann wahr, wenn sie mit der Realität korrespondieren. Wir finden allerdings nicht den Realismus, sondern viele realistische Positionen, die sich vor allem in ihrer Distanz zum Idealismus unterscheiden. Daher sollen diese nun kurz vorgestellt werden.

Unter Philosophen bzw. allgemein unter Geistes- und Sozialwissenschaftlern ist es fast zu einem Schimpfwort geworden, jemanden als „naiven“ Realisten zu bezeichnen. Ein naiver Realist ist der Auffassung, dass die Welt genau so gestaltet ist, wie er sie wahr- nimmt. Allerdings ist diese Position angesichts der schon angesprochenen Irrtumsquel- len völlig unhaltbar. Selbst unter Menschen arbeiten die Sinne nicht bei allen gleich.

14 Der Ausdruck „Ontologie“ ist allerdings seit geraumer Zeit nicht mehr nur auf die Philosophie be- schränkt, denn zunehmend beschäftigen sich bspw. Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler mit Ontologien, hier jedoch im Plural. Computerprogramme wie Warenwirtschaftssysteme verwalten bspw. komplexe Güterströme. Um den Entwurf solcher Softwaresysteme zu erleichtern, wird nun ge- fragt, welche Gegenstände denn eigentlich für ein Programm mit welchen Eigenschaften „existieren“. Es wird also eine virtuelle Welt entworfen, mit Gegenständen, Wechselwirkungen und Prozessen. Die Verwendung des Ausdrucks „Ontologie“ für diese Art des Softwareentwurfs bringt allerdings ei- ne Quelle des Missverständnisses mit. Denn hier werden Ontologien entworfen; Philosophen entwer- fen aber keine Ontologien, sondern versuchen herauszubekommen, welche Gegenstände eben immer schon existieren. Im einen Fall also Konstruieren, im anderen Entdecken. Wir werden sehen, dass Konstruktivisten gerade diese Unterscheidung in Zweifel ziehen. Deshalb kann man in vielen wissen- schaftstheoretischen Publikationen im Bereich der Informatik und Wirtschaftswissenschaften feststel- len, dass die Autoren einen konstruktivistischen Hintergrund besitzen.

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Die Folge aus dieser empirischen Tatsache ist, dass es keinen intersubjektiven Maßstab für „richtige“ Wahrnehmung geben kann – und so muss die Welt jedem Menschen im- mer ein wenig anders entgegentreten als bei den jeweils anderen Menschen. Aus empi- rischer Sicht ist also der naive Realismus nicht akzeptabel.

Der naive Realismus ist auch noch aus einer anderen, aber durchaus ähnlich gelagerten Überlegung unhaltbar. Wir wissen heute, dass es viele Dinge gibt, die wir Menschen gar nicht wahrnehmen können, ohne dabei die Hilfe von komplizierten Apparaten in An- spruch zu nehmen: Radioaktivität und Ultraschall sind nur zwei Beispiele. Zwar ist bis- her kein Lebewesen bekannt, das einen Wahrnehmungsapparat für Radioaktivität hat, aber Fledermäuse, Hunde oder Wale können Schallwellen um Ultraschallbereich wahr- nehmen, die für Menschen nicht wahrnehmbar sind. Dies passt ebenfalls nicht in das Weltbild eines naiven Realisten.

Ein dritter Grund macht den naiven Realismus unhaltbar. Wie an den Beispielen zur Sinnestäuschung gesehen kann, täuschen wir uns nicht nur über bestimmte Sachverhalte in der Welt, sondern wir fügen ihr häufig auch noch Dinge hinzu, obwohl diese gar nicht vorhanden sind. Dies ist beispielsweise an der Abbildung mit den schwarzen Quadraten gut zu erkennen. Unser Wahrnehmungsapparat „sieht“, obwohl sie nicht vor- handen sind, graue Quadrate an den Kreuzungen der weißen Balken. Ein bekanntes Bei- spiel aus der Wahrnehmungspsychologie ist dies:

Bei- spiel aus der Wahrnehmungspsychologie ist dies: Die meisten Menschen „sehen“ hier einen fünfzackigen

Die meisten Menschen „sehen“ hier einen fünfzackigen Stern, obwohl tatsächlich nur einige Linien zu sehen sind. Unser Wahrnehmungsapparat ergänzt einfach die fehlenden

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Teile, obwohl diese nicht vorhanden sind. Dies wird von Wahrnehmungspsychologen oft so erklärt, dass es im Laufe der Evolution einen Vorteil bedeutete, diese Fähigkeit der Ergänzung zu entwickeln, weil so Fressfeinde besser erkannt werden konnten. Zum Teil sind solche Ergänzungsleistungen aber nicht angeboren, sondern erworben. Dies kann man im Tierversuch untersuchen: Wenn man neugeborene Katzen in einer Umge- bung aufwachsen lässt, die waagrecht schwarz-weiß gestreift ist, so werden diese Kat- zen in der Folge ein ziemlich klägliches Leben führen. Sie sind nämlich nicht in der Lage, Abgründe zu erkennen. Ein Treppenabsatz als Beispiel ist nämlich vor allem durch einen starken Helligkeitswechsel zu erkennen. Da die Katzen aber solche Hellig- keitswechsel nie als Absatz, sondern als „Tapete“ ihrer Umgebung kennen gelernt ha- ben, sind sie nicht in der Lage, Absätze als solche zu erkennen.

Eine weitere Ursache für die Unhaltbarkeit des naiven Realismus, auf die Konstruktivis- ten oft hinweisen, liegt in der unspezifischen Reizweiterleitung. Diese kann man im Selbstversuch (Vorsicht: schmerzhaft) untersuchen: Schließen Sie Ihre Augen und schlagen Sie sich dann selbst darauf. Natürlich tut das weh, aber zudem werden Sie ei- nen Lichtblitz sehen, obwohl da keiner ist. Unser Sehnerv reagiert nämlich auch auf diesen etwas rabiaten Reiz, aber leitet ihn als Seheindruck weiter.

Abstufungen des Realismus kann man nun auf folgende Weise deutlich machen (vgl. Arendes 1992, S. 2ff.). Zunächst spaltet man die Rede vom Realismus in zwei Teile:

dem 1) ontologischen Realismus – hier wird gefragt, was existiert – und dem 2) er- kenntnistheoretischen Realismus – hier wird gefragt, was wir von dem, was existiert, so erkennen können, wie es existiert.

1) Dem strikten ontologischen Realismus liegt nun als zentrale Annahme zugrunde, dass die Welt unabhängig vom erkennenden Subjekt bzw. dessen Bewusstsein existiert; alle Gegenstände dieser Welt und alle ihre Eigenschaften sind unabhängig von Wahrneh- mung und Bewusstsein. Dadurch, dass nun die beiden Allquantoren (also jeweils das Wort „alle“) oder auch das Wort „unabhängig“ ersetzt werden durch andere Wörter, werden abgeschwächte Varianten des ontologischen Realismus formuliert. Bspw.: „Die Welt existiert teilweise unabhängig vom erkennenden Subjekt bzw. dessen Bewusst- sein; manche Gegenstände dieser Welt und manche ihre Eigenschaften sind unabhängig von Wahrnehmung und Bewusstsein“. Diese ontologisch realistische Position lässt nun

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zu, dass manche Dinge in der Welt bzw. ihre Eigenschaften bspw. sozial konstruiert werden – was immer das im Detail heißen mag (wir werden darauf noch zu sprechen kommen).

2) Dem strikten erkenntnistheoretischen Realismus (oder naiven Realismus) liegt als zentrale Annahme zugrunde, dass alle Aspekte der Welt des strikten ontologischen Rea- lismus vollständig erkennbar sind, so wie sie unabhängig vom Erkenntnisakt existieren. Auch hier wird eine Abschwächung dadurch vorgenommen, dass einige Formulierun- gen verändert werden. Die Formulierung für einen moderaten erkenntnistheoretischen Realismus, der zulässt, dass wir uns in der Erkenntnis der Welt täuschen, würde wie folgt lauten: „Manche Aspekte der Welt des strikten ontologischen Realismus sind voll- ständig erkennbar, so wie sie unabhängig vom Erkenntnisakt existieren“. Eine noch schwächerer Position läge in dieser Formulierung: „Alle Aspekte der Welt des strikten ontologischen Realismus sind nur unvollständig erkennbar, so wie sie unabhängig vom Erkenntnisakt existieren.

2.3.2

Idealismus

Allerdings wurde bei allen gerade aufgeführten Formulierungen des ontologischen und erkenntnistheoretischen Realismus eine stillschweigende Annahme gemacht, die jedoch wesentlich für den Realismus ist. Sie steckt in der Aussage „existiert unabhängig von Wahrnehmung und Bewusstsein“. Realisten gehen davon aus, dass die Dinge in Raum und Zeit existieren und materiell sind. Sie sind auf keinen Fall etwas Geistiges. Als Bei- spiele solcher Dinge, die in Raum und Zeit existieren, können Bäume, Steine, Elektro- nen, Häuser, Planeten o. ä. genannt werden. Es gehören aber auch Dinge dazu wie mag- netische und elektrische Kraftfelder oder elektromagnetische Wellen – auch sie existie- ren in Raum und Zeit. 15 Ein wichtiger Streit nicht nur in der Philosophie ist nun, ob auch solche Entitäten wie ein Schmerz im großen Zeh, der Gedanke an ein Erdbeereis oder allgemeiner psychische Zustände und Prozesse bzw. Bewusstseinsinhalte ebenfalls

15 Man könnte nun einwenden, dass elektromagnetische Wellen nun nichts Materielles sind und deshalb der Realismus ein Problem mit ihnen haben müsste. Hier kann man auf zwei Weisen antworten: Zum einen zeigt die moderne Physik, dass es einen so genannten Welle-Teilchen-Dualismus gibt. Das heißt, dass Wellen eben auch als Teilchen beschrieben werden können. Nun soll hier aber keine Phy- sik betrieben werden. Die vielleicht etwas ungenauere, aber intuitiv besser zu verstehende Antwort wäre wahrscheinlich, dass „materiell“ hier mit „alles, was die Naturwissenschaften mit ihren Metho- den untersuchen können“ übersetzt werden kann.

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materieller Natur sind. René Descartes teilte die Welt in die res cogitans und res exten- sa. Erstere sind die denkenden Dinge – zum Beispiel also unser Bewusstsein –, letztere die ausgedehnten Dinge – also Eierbecher, Computer oder menschliche Körper. In der so genannten analytischen Philosophie des Geistes und in den weiter gefassten Kogniti- onswissenschaften findet man heutzutage meist jedoch die Auffassung, dass Bewusst- seinszustände eben doch etwas Materielles sind bzw. durch das Vorhandensein physika- lischer Prozesse erklärt werden können. Dem Realismus aber radikal entgegengesetzt ist der Idealismus. Hier wird angenommen, dass alles, was existiert, geistiger Natur ist, also Gedachtes.

Das stellt jene, die dem Idealismus anhängen, aber vor eine nicht unwesentliche Frage, denn wenn alles, was existiert, Gedachtes ist, muss geklärt werden, wer denn dieses Gedachte denkt. Idealisten geben darauf im Wesentlichen zwei Antworten. Die eine läuft auf die Position hinaus, die man „Solipsismus“ nennt – dazu gleich mehr. Die zweite Variante des Idealismus kann man als „objektiven Idealismus“ bezeichnen. Die- ser geht davon aus, dass es ein Bewusstsein gibt, das die ganze Welt denkt. Dieser Welt- geist, wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel (geb. 27.08.1770, gest. 14.11.1831) dieses Bewusstsein nennt, denkt nicht nur die Welt, die uns umgibt, sondern eben auch uns selbst. Dabei darf man sich diesen Weltgeist jetzt aber nicht als Überperson vorstellen – also etwa als ein ins Riesenhafte vergrößertes menschliches Bewusstsein. Bei Hegel kommt jener Weltgeist zu Bewusstsein gerade durch die Menschen, die in ihrer intellek- tuellen Entwicklung einen Fortschritt erreichen. Man könnte vielleicht auch davon spre- chen, dass der Weltgeist das Medium ist, in dem das Denken aller anderen bewussten Lebewesen abläuft. In gewisser Weise unterscheidet sich dieser Idealismus nicht sehr vom Realismus – nur die Bestimmung des Existierenden als materiell fehlt.

Der objektive Idealismus stellt nämlich die Lösung eines Problems dar, dass nicht gera- de klein ist und vor dem auch moderne Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretiker ste- hen, die sich dem Relativismus und Konstruktivismus verschrieben haben. Wenn näm- lich alles, was existiert, Gedachtes ist, stellt sich die Frage, ob dies dann nicht einfach nur so etwas wie ein Traum ist.

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2.3.3 Solipsismus als „Schwundstufe“ des Idealismus

Dieses Thema wird oft auch in Kinofilmen verwendet. Als aktuelle Beispiele könnten hier vor allem der erste Teil von „Matrix“ oder auch das aktuelle Remake von „Solaris“ von Steven Soderbergh genannt werden. In „Matrix“ ist es ein gigantisches Computer- system, das die einzelnen Träume der Personen so miteinander verknüpft, dass diese den Eindruck einer konsistenten Realität bekommen. Zudem gibt der Computer die „Naturgesetze“ vor, die in der virtuellen Welt gelten. 16 In „Solaris“ ist es hingegen ein ganzer Planet, der denkt. Die beiden Hauptpersonen gehen am Schluss des Filmes in dessen Bewusstsein auf und werden dann gleichsam von diesem gedacht. Aber wie auch immer: der objektive Idealismus benötigt auf jeden Fall eine Instanz, die eben jene Ob- jektivität garantieren kann.

Was aber, wenn man dies nicht akzeptieren will, weil man der Ansicht ist, dass diese Theoriekonstruktion zu unglaubwürdig klinge oder einen zu starken religiösen Touch 17 habe? Eine Möglichkeit ist, anzunehmen, dass das Gedachte durch die eigene Person gedacht wird. Dies kann man als „subjektiven“ Idealismus bzw. als „Solipsismus“ be- zeichnen. Ein Solipsist geht davon aus, dass alles, was existiert, ein Produkt seines ei- genen Denkens bzw. Bewusstseins ist. Das Leben ist damit letztlich nur eine andere Art des Traums, denn dort passieren die geträumten Dinge ja auch nicht wirklich, sondern nur in unserem Denken. Philosophiehistorisch hat es wohl kaum einen Denker gegeben, der denn Solipsismus radikal auslegte, in dem Sinne, dass nur das eigene Bewusstsein real sei. Max Stirner (geb. 25.10.1806, gest. 25.06.1856) ist wohl der einzige Philosoph, der sich als solch ein radikaler Solipsist zu erkennen gegeben hat – allerdings aus einer moralischen Argumentation heraus, in der die Freiheit des Einzelnen betont wird.

Allerdings findet sich auch eine andere Auffassung des Solipsismus, die als „methodo- logischer Solipsismus“ bezeichnet wird. Hier wird die starke ontologische Auffassung,

16 Für Interessierte: Hier wird auf das Problem „Gehirn im Tank“ angespielt, das in der analytischen Philosophie des Geistes – anknüpfend an Descartes’ Zweifel – eine große Rolle spielt.

17 George Berkeley (ausgesprochen aber „Barkley“), den man zu den Empiristen zählen kann, war je- doch kein Realist, sondern eher so etwas wie ein Idealist. Seiner Ansicht ist die Bedingung der Exis- tenz die Wahrnehmung durch andere. Nun stellt sich hier sogleich das Problem des Baumes, der im Wald umfällt, während eben niemand hinguckt. Existiert das? Mit Berkeley können wir sagen: Ja, denn wenn auch kein Mensch oder Tier dies sieht, so doch Gott. Er ist also die Garantie der Existenz der Welt.

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dass nur das eigene Bewusstsein real sei, fallengelassen. Stattdessen wird der Solipsis- mus nun erkenntnistheoretisch gefasst und formuliert, dass nur jenes real ist, was dem erkennenden Subjekt unmittelbar in der Wahrnehmung präsent ist. Wir werden später sehen, dass diese Position insbesondere im Logischen Positivismus eine wichtige Rolle gespielt hat.

2.3.4 Primäre und sekundäre Eigenschaften

Die Gründe, die gegen die Akzeptanz des naiven Realismus sprechen, werden von Anti- realisten oft angeführt, um den Realismus grundsätzlich abzulehnen. Tatsächlich müs- sen auch Realisten anerkennen, dass die Erkenntnisse bspw. aus der Wahrnehmungs- und Kognitionspsychologie nicht von der Hand zu weisen sind. Schon in der griechi- schen Antike wurde jedoch ein Vorschlag gemacht, wie man diesem Problem entkom- men könnte. Die so genannten „Atomisten“ (Leukipp, Demokrit) waren der Ansicht, dass die Welt aus kleinsten, mit unseren Sinnen nicht erkennbaren, Atomen 18 zusam- mengesetzt seien. Die einzige Eigenschaft, die diese Atome hätten, wäre ihre Form: die einen sind kugelig, andere eher quaderförmig usw. Die Form ist also eine (die) primäre Eigenschaft. Alle Eigenschaften wie Farbe, Härte, Geschmack, Geruch usw. sind jedoch sekundäre Eigenschaften, die durch die Wechselwirkung der Atome mit unseren Sin- nesorganen erzeugt werden.

Nun wissen wir heute, dass Atome nicht unteilbar sind, sondern zusammengesetzt aus noch kleineren Elementen. Außerdem wissen wir auch, dass sie keine Ecken haben. Die Unterscheidung in primäre und sekundäre Eigenschaften wird jedoch beibehalten. So haben Lichtwellen als primäre Eigenschaften nur Intensität und Wellenlänge 19 , aber uns erscheinen Lichtwellen eben farbig – Farbe ist nun eine sekundäre Eigenschaft von Lichtwellen, die durch die Wechselwirkung des Lichts mit unserem Wahrnehmungsap- parat entsteht. Für Realisten ist nun eine der wichtigsten Aufgaben der Wissenschaft, die primären Eigenschaften der Dinge aufzudecken und gleichsam „hinter“ die sekundä- ren Eigenschaften zu schauen.

18 Atom = das Unteilbare.

19 Nicht nur, hinzu kommt mindestens noch die Polarisierung.

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2.3.5 Der Unterschied zwischen Epistemologie und Ontologie

Es gilt, einen wichtigen Unterschied zu beachten, der in der wissenschaftstheoretischen Debatte insbesondere in der Auseinandersetzung zwischen relativistischen bzw. kon- struktivistischen auf der einen und realistischen Strömungen auf der anderen Seite oft nicht genügend beachtet wird. Erkenntnistheorie (der Fachausdruck ist „Epistemolo- gie“) fragt, was Menschen erkennen bzw. wissen können; Ontologie hingegen ist die Lehre von Dingen, die existieren. Realisten bestehen nun darauf, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen unserem Wissen über die Welt und den Dingen, die wirklich existieren. Sie nehmen an, dass die Welt bzw. die Realität unabhängig davon existiert, dass wir sie wahrnehmen – meist sagt man, dass die Realität bewusstseinsunabhängig existiert. Viele Relativisten hingegen behaupten, dass alles, was existiert, nur für uns existiert und nicht an sich. Das heißt, dass das Inventar unserer Welt von uns Menschen sozial und in unserem Bewusstsein konstruiert wird. Hier wird aber der Unterschied zwischen Erkennen und Existieren verwischt bzw. nicht beachtet. Dies ist deshalb so wichtig, weil die meisten moderaten Realisten nie bestreiten würden, dass viele Dinge in der Welt existieren, weil wir sie so gemacht haben. Ein gutes Beispiel ist das Geld. Der Wert des Geldes ist sozial konstruiert und eben nicht unabhängig von uns gegeben. Aber die gleichen Realisten würden bestreiten, dass bspw. auch die Naturgesetze sozial konstruiert seien oder Elementarteilchen, wie dies einige Relativisten bzw. Antirealisten behaupten. Anders formuliert: Realisten sind der Ansicht, dass wir dann, wenn wir et- was Neues über die Welt erfahren, etwas entdecken, was schon vorher da war, aber uns noch nicht bekannt war. Antirealisten, zu denen eben viele – wenn nicht alle – Relativis- ten gehören, sind der Meinung, dass wir dann, wenn wir etwas Neues über die Welt erfahren, dieses erfinden bzw. konstruieren. Antirealisten und damit Relativisten un- terstellen damit letztlich eine idealistische Metaphysik, wobei man sich nicht des Ein- drucks erwehren kann, dass manche von ihnen in den Solipsismus abrutschen. Arthur Schopenhauer (geb. 22.02.1788, gest. 1860), eine deutscher Philosoph des 19. Jahrhun- derts, ging in seinen Ansichten so weit, dass Solipsisten mit einem Knüppel verprügelt werden sollten. Zum Glück, zumindest für die angesprochenen Personen, sind die Sitten inzwischen nicht mehr gar so rau.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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2.4

Forschungslogiken

Nachdem im vorherigen Abschnitt etwas zur Ontologie gesagt wurde, soll nun wieder stärker die Erkenntnistheorie in den Blick genommen werden. Es geht also wieder dar- um, was wir wissen können und wie wir zu diesem Wissen gelangen. Forschungslogi- ken werden oft auch als „Methodologien“ bezeichnet. Damit wird etwas besser ange- deutet, worum es geht. Denn Ziel der Wissenschaft ist ja nicht nur, einen bestimmten Wissensstand zu erreichen und es dann dabei zu belassen, sondern mithilfe des jeweils vorhandenen Wissens soll neues Wissen generiert werden. Wissenschaft ist also ein Prozess, der nach bestimmten Regeln verlaufen sollte.

Ähnlich wie bei der Frage der Quellen unserer Erkenntnis hat sich auch im Bereich der Forschungslogiken so etwas wie eine Dichotomie entwickelt. Wir finden auf der einen Seite eine induktive, auf der anderen eine deduktive Methodologie. Daneben existieren aber auch noch gemischte Ansätze – wozu aus wissenschaftstheoretischer Sicht auch die Hermeneutik gehört – und (scheinbar) theoriefreie Forschung. Wir werden diesen ver- schiedenen Methodologien in der Diskussion zeitgenössischer wissenschaftstheoreti- scher Ansätze erneut begegnen; hier werden sie zunächst grundsätzlich eingeführt.

2.4.1

Induktion

Schon weiter oben haben wir über die Quellen des Wissens gesprochen. Implizit sind Induktion und Deduktion dort schon aufgetaucht; ebenso im Abschnitt über Erklärun- gen. Die Induktion spielt eine große Rolle bei der Theoriebildung, wie wir am Beispiel der Kausalbeziehung sehen konnten.

Obwohl in den Sozialwissenschaften die Theoriebildung zur Erklärung sozialen Han- delns hinsichtlich des Grades ihrer Formalisierung im Allgemeinen hinter den Natur- wissenschaften hinterher hinkt, finden wir bspw. die so genannte Rational Choice- Theorie des Handelns, die recht stark formalisiert ist. Vor allem versucht sie aber, eine kausale Erklärung menschlichen Handelns zu geben. Zwar ist umstritten, ob dies über- haupt möglich ist, doch soll dies hier im Moment nicht interessieren. Grob umrissen besagt die Theorie der rationalen Wahl – so die deutsche Bezeichnung –, dass Men-

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schen aus einer Menge von Handlungsalternativen jene auswählen werden, von der sie sich den größten subjektiven Nutzen erwarten. 20 Man kann nun fragen, wie Sozialwis- senschaftler zu ihren Theorien kommen. Also: Wie wurde die RC-Theorie entwickelt? Eine Antwort könnte sein: induktiv.

Stellen wir uns dazu eine empiristisch ausgerichtete Sozialwissenschaftlerin vor, die nach einer neuen Theorie sucht – nennen wir sie „Dana Scully“. Scullys Credo ist „Alle Erkenntnis kommt aus der Erfahrung“, eben weil sie sich zum Empirismus bekennt. Das heißt, eine Theorie zu bilden muss Erfahrung beinhalten. Doch was heißt es, Erfahrun- gen zu machen? Im wissenschaftlichen Kontext sollten Erfahrungen aus systematischen Beobachtungen stammen. Erfahrungen sind also nicht einfach alltägliche Beobachtun- gen, die wir zufällig bspw. im Hörsaal, im Supermarkt oder auf der Straße machen, son- dern an wissenschaftliche Beobachtungen werden bestimmte Bedingungen gestellt. Dies sind bspw. 21 :

Wiederholbarkeit bzw. Reproduzierbarkeit: Eine Beobachtung muss von anderen Personen wiederholbar sein; eine einmalige Beobachtung, die nie wieder möglich ist, besitzt wenig Evidenz in der Wissenschaft.

Intersubjektivität: Die Beobachtung muss mit Ausdrücken beschrieben werden, die intersubjektiv nachvollziehbar sind; außerdem müssen zwei Beobachter, die dassel- be Ereignis wahrnehmen, die gleiche Beschreibung abliefern.

Kontrollierbarkeit: Vor allem bei Experimenten im Labor sollten alle Aspekte des Experiments unter der Kontrolle der Experimentatoren stehen, damit klar ist, welche Faktoren die beobachteten Ereignisse verursachen.

Vollständigkeit: Alle Aspekte der Situation, in der eine Beobachtung gemacht wird, sollten vollständig dokumentiert werden, sofern sie von Bedeutung für das beobach- tete Ereignis sind.

20 Das ist eine Theorie vom SEU-Typ: S = subjective, E = expected, U = utility: subjektiv erwarteter Nutzen. Um die RC-Theorie (so die gebräuchliche Abkürzung für „Rational Choice“) zu beschreiben, müssten zunächst eine Definition des Ausdrucks „Nutzen“ gegeben werden, andere Ausdrücke eben- falls definiert werden sowie Randbedingungen und Geltungsbereiche angegeben werden. Dies wird hier nicht getan, dazu ist eine Einführung in soziologische Theorien zu empfehlen.

21 Die Liste ist nicht vollständig, doch sollen hier vor allem Anforderungen genannt werden, die für die induktive Gewinnung von Theorien – obwohl von großer Bedeutung – selbst wieder zum Problem werden können.

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Implizit ist eine weitere wichtige Forderung in der Reproduzierbarkeit einer Beobach- tung zu finden. Denn nicht nur wird gefordert, dass Beobachtungen prinzipiell reprodu- zierbar sind, sondern dass sie tatsächlich wiederholt werden. Das heißt, dass Erfahrun- gen, die zur Theoriebildung beitragen sollen, keine einmaligen sein dürfen, sondern häufig gemacht werden müssen.

Nun hat also unsere Sozialwissenschaftlerin eine ganze Reihe von Beobachtungen glei- chen Typs gemacht. Sie hat beobachtet, dass die betreffenden Menschen immer die Handlung aus einer Menge von Alternativen wählten, von der sie sich den größten Nut- zen erwarteten. 22 Aus dieser endlichen Zahl von Beobachtungen schließt Scully nun, dass sich alle Menschen auf diese Weise verhalten und bildet so eine Theorie 23 der rati- onalen Wahl. Anders formuliert: Sie schließt vom Speziellen auf das Allgemeine. Denn das Spezielle sind die einzelnen Beobachtungen, das Allgemeine hingegen ist die Theo- rie, die ja für alle Menschen gelten soll. Das ist ein so genannter induktiver Schluss, zuweilen wird diese Schlussweise auch als „gehaltsvermehrend“ bezeichnet.

Gehaltsvermehrend ist ein induktiver Schluss, weil die Prämissen – die endlich vielen Beobachtungen – über die Welt weniger aussagen als die Konklusion – die Theorie oder Hypothese. Denn aus den endlichen vielen Beobachtungen in unserem Beispiel wissen wir ja nur etwas über die Menschen, die tatsächlich beobachtet wurden. Die Theorie rationalen Wahl hingegen sagt etwas über alle Menschen aus: über alle, die lebten, le- ben und leben werden. Sofern die Theorie richtig ist, wissen wir mehr über die Welt, als wenn wir nur eine Aufzählung einzelner Beobachtungen kennen.

Induktiv schließen Menschen nicht nur im wissenschaftlichen Prozess, sondern auch im Alltag. Ein Beispiel ist das sehr verbreitete Vorurteil, dass Ausländer grundsätzlich zur Kriminalität neigen. Überlegt man einmal, wie es zu einem solchen Vorurteil kommen kann, ist es zum Beispiel sehr hilfreich, die Medienberichterstattung zur Kriminalität zu verfolgen. Wenn Ausländer als Opfer oder Täter in der Berichterstattung auftauchen, wird ihre Nationalität meist ausdrücklich genannt, bei Deutschen ist dies nicht der Fall.

22 Da dies keine Einführung in die Methoden der empirischen Sozialforschung darstellt, wird die Frage, wie man dies beobachtet, nicht näher beleuchtet. Eine Möglichkeit wäre bspw., die betreffenden Leu- te nach der Wahl einer Alternative nach ihren Gründen zu fragen.

23 Besser wäre es hier, von „Hypothese“ zu sprechen, weil zu einer Theorie doch mehr gehört als nur ein bestimmter Zusammenhang.

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Wir machen nun also die Erfahrung, dass Ausländer und Kriminalität irgendwie zu- sammengehören, weil sie ja auch so oft zusammen genannt werden. Wir schließen also von endlichen vielen Beobachtungen auf alle Ausländer. Das Problem dieses induktiven Schlusses ist aber, dass sich viele Menschen keine Gedanken darüber machen, dass die Datengrundlage, auf deren Basis der Schluss getroffen wurde, mehr als bedenklich ist, denn Medien berichten ja nicht über alle Fälle, sondern immer nur selektiv. Hieran ist also schon gut sichtbar, dass induktive Schlüsse mit Vorsicht zu genießen sind. So ste- hen bspw. in der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik für die Bundesrepublik Deutschland 2002 folgende Absätze 24 :

„Die Kriminalitätsbelastung der Deutschen und Nichtdeutschen ist zudem aufgrund der unter- schiedlichen strukturellen Zusammensetzung (Alters-, Geschlechts- und Sozialstruktur) nicht ver- gleichbar. Die sich in Deutschland aufhaltenden Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft sind im Vergleich zur deutschen Bevölkerung im Durchschnitt jünger und häufiger männlichen Ge- schlechts. Sie leben häufiger in Großstädten, gehören zu einem größeren Anteil unteren Einkom- mens- und Bildungsschichten an und sind häufiger arbeitslos. Dies alles führt zu einem höheren Risiko, als Tatverdächtige polizeiauffällig zu werden.

Zu berücksichtigen ist weiterhin ein beachtlicher Anteil ausländerspezifischer Delikte. So liegt der Ausländeranteil an den Tatverdächtigen bei den Straftaten gegen Ausländer- und Asylverfahrens- gesetz naturgemäß mit 93,2 % (2001: 93,7 %) sehr hoch. Bei 26,7 % (2001: 28,6 %) aller nicht- deutschen Tatverdächtigen wurde wegen Verstoßes gegen Ausländer- oder Asylverfahrensgesetz ermittelt, Vergehen, die von Deutschen in der Regel nicht begangen werden können. Ohne auslän- derspezifische Delikte (zur problematischen Berechnung siehe Hinweis bei Tabelle T65) betrug der Tatverdächtigenanteil Nichtdeutscher 19,2 % (2001: 19,3 %).“

Das heißt, dass die Beachtung der Forderung nach vollständiger Beachtung aller Aspek- te, die für die Theoriebildung von Bedeutung sind, mehr als wichtig ist.

Nun dient aber die Induktion dazu, eine Theorie erst zu bilden. In diesem Zustand kann man als Wissenschaftler eigentlich noch nicht wissen, welche Aspekte der Wirklichkeit wichtig sind, damit sie bei Beobachtungen beachtet werden müssen. Aus der Theorie selbst kann sich dies nicht ergeben, da noch keine existiert. So kann Scully nur auf ihre Erfahrung als Sozialwissenschaftlerin aufbauen, um zu beurteilen, welche Aspekte wichtig und welche unwichtig sind. Das ist nun aber bereits eine Induktion zweiter Ord-

24 http://www.bka.de/pks/pks2002/p_2_3_3.pdf, erste Seite dieser Datei, besucht am 23.10.2003.

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52

nung, weil auch hier ein verallgemeinernder Schluss gezogen wird, der nur auf endlich vielen Erfahrungen basiert.

2.4.2

Deduktion

Es gibt noch eine Reihe weitere Einwände gegen die Nutzung der Induktion zur Theo- riegewinnung, die jedoch besser verständlich werden, wenn sie im Kontext der ver- schiedenen zeitgenössischen wissenschaftstheoretischen Strömungen diskutiert werden.

Wenn die Induktion gehaltsvermehrend wirkt, könnte man auf den Gedanken kommen, dass sich die Deduktion gehaltsvermindernd auswirkt. Völlig falsch ist diese Vermutung nicht, aber die Charakteristika der Deduktion werden in der Regel etwas anders benannt.

Wir hatten bei der Beschreibung des Rationalismus gesehen, dass man hinsichtlich der Quellen der Erkenntnis die Erfahrung ablehnen kann. Rationalisten sehen den Verstand als Ursprung unserer Erkenntnis und dieser wiederum stützt sich dabei entweder auf die Erinnerung an die ewig existierenden Ideen (bei Platon) oder auf angeborene Ideen (bspw. bei Descartes) ab. Diese Ideen können also allgemeine Prinzipien und Gesetz- mäßigkeiten aufgefasst werden, deren Gültigkeit nicht bezweifelt wird. In der Mathema- tik und Logik werden solche unbezweifelbaren Prinzipien als „Axiome“ bezeichnet. So gibt es in der euklidischen (Euklid, geb. um 330 v. Chr., gest. um 275 v. Chr.) Geomet- rie die gleichnamigen fünf Axiome, aus der sich alle Aussagen über Geometrie ableiten lassen. Die Axiome sind von größter Allgemeinheit. Bei deduktiven Schlüssen werden Axiome als Prämissen benutzt; die Konklusion ist dann entweder genauso allgemein oder weniger allgemein wie die Prämissen. Es wird also vom Allgemeinen auf das Spe- zielle geschlossen; in diesem Sinne ist ein deduktiver Schluss gehaltsvermindernd. Gut kann man das an einem Beispiel zeigen 25 :

Alle Menschen sind sterblich.

A sind B

Sokrates ist ein Mensch.

etwas formaler:

C sind A

Sokrates ist sterblich.

C sind B

Die beiden Obersätze sind die Prämissen, der Untersatz die Konklusion. Die Obersätze haben mehr Gehalt, da sie zusammen mehr über die Welt aussagen als der Untersatz.

25 Die hier benutzte Form des deduktiven Schlusses nennt man „Syllogismus“. Vergleiche das DN- Schema der Erklärung.

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Sofern die Prämissen wahr sind und der logische Schluss korrekt vollzogen wird, ist auch die Prämisse wahr. Deshalb werden deduktive Schlüsse auch als „wahrheitserhal- tend“ bezeichnet.

Deduktive Schlüsse sind sowohl in der Wissenschaft als auch im Alltag mehr als üblich. An dem oben beschriebenen Beispiel mit der Ausländerkriminalität lässt sich dies wie- derum gut zeigen. Besitzt man das Vorurteil (die Theorie), dass alle Ausländer zur Kri- minalität neigen, so ist folgender Schluss naheliegend: Ihnen wird etwas gestohlen, als Tatverdächtige kommen zwei Deutsche und ein Ausländer infrage. Also werden Sie aufgrund ihres Vorurteils schließen, dass der Täter der Ausländer ist. Ohne jede weitere Evidenz ist dies natürlich mehr als zweifelhaft, denn die Theorie selbst steht auf unsi- cheren Füßen, wie wir oben gesehen haben.

Abstrahiert man von diesem Beispiel eines Vorurteils, das ja leider alltäglich ist, so stellt sich allgemein die Frage nach der Sicherheit der Prämissen. Denn ein deduktiver Schluss führt nur dann zu wahren Aussagen, wenn a) die Prämissen wahr sind und b) der deduktive Schluss korrekt, also nach den Regeln der Logik, vollzogen wird. 26 Ist nur eine der Prämissen falsch, kann daraus keine wahre Konklusion abgeleitet werden. Ist also die Theorie oder ein Axiom falsch, so kann man daraus keine wahren Schlüsse zie- hen. Wie wir aber gerade gesehen haben, sind induktiv gewonnene Theorien alles ande- re als sicher; für einfach ausgedachte Theorien gilt natürlich Ähnliches. Selbst scheinbar so unbezweifelbare Axiome der euklidischen Theorie kann man infrage stellen. Heute weiß man, dass auch andere Geometrien mit anderen Axiomen konstruiert werden kön- nen.

2.4.3

Abduktion 27

Die Abduktion ist im Gegensatz zur Induktion und Deduktion nicht in große wissen- schaftstheoretische Entwürfe wie dem Logischen Positivismus oder dem Kritischen Rationalismus eingeflossen. Das ändert aber nichts an ihrer Bedeutung sowohl in der Wissenschaft als auch im Alltag.

26 Vergleiche mit den Bedingungen für das DN-Schema.

27 Die Bezeichnung geht auf Charles Sanders Peirce zurück.

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Bei der Induktion wird versucht, von speziellen zu allgemeinen Aussagen zu gelangen; bei der Deduktion wird von allgemeinen Aussagen auf weniger allgemeine Aussagen geschlossen. Dabei kann man spezielle Aussagen mit Beobachtungen und allgemeine Aussagen mit Hypothesen bzw. Theorien gleichsetzen. Was aber, wenn sowohl eine Reihe von speziellen Aussagen vorliegt, zudem eine Reihe von allgemeinen Aussagen und es nun die Aufgabe ist, die speziellen den allgemeinen Aussagen zuzuordnen? Ein Beispiel macht diese Frage vielleicht etwas deutlicher (vgl. Eberhard 1999, S. 123ff.):

Homer Simpson geht am Wochenende mit seinen Freunden Pilze sammeln. Natürlich haben alle keinen blassen Schimmer, welche Pilze essbar, genießbar, ungenießbar oder eben giftig sind. Des- halb stopfen sie auch jeden Pilz, den sie finden, in ihre Körbe. Immerhin haben sie das Glück, dass Lisa vor dem Kochen der Pilze diese anhand eines entsprechenden Buches überprüfen will. Ihre Aufgabe ist es also, die Pilze in vier Haufen zu sortieren: essbar, genießbar, ungenießbar und gif- tig.

Diese Zuordnung nimmt man anhand von Kriterien vor, bspw. Form, Farbe, Geruch etc.; sie wird als Abduktion bezeichnet. Ziel ist es, bestimmte Dinge oder Ereignisse in einem Typ oder einer Klasse von Dingen und Ereignissen zuzuordnen. An dem Beispiel werden dabei die Schwierigkeiten der Abduktion deutlich, denn viele Pilzsorten sehen sich ähnlich und sind schwer zu unterscheiden. Oft könnte es sein, dass ein Pilz durch- aus zu verschiedenen Pilzsorten gehören könnte, aber man eine definitive Zuordnung erst dann treffen kann, wenn man ihn isst – was ja gerade gefährlich sein kann. Kurz:

Ein abduktiver Schluss ist nicht zwingend logisch, sondern allenfalls plausibel oder wahrscheinlich. Trotz dieser Schwierigkeiten bleibt die Abduktion wichtig, denn so- wohl im Alltag als auch in der Wissenschaft stehen wir oft vor dem Problem, einzelne Ereignisse oder Dinge in Klassen einzuordnen.

2.4.4 Theoriefreie Forschung, gemischte Ansätze und Hermeneutik

Die Induktion wird in der Regel mit dem Empirismus, die Deduktion mit dem Rationa- lismus in Verbindung gesetzt. Von beiden Forschungslogiken erhoffte man sich, dass sie sicheres Wissen generieren könnten. Wie wir jedoch gesehen haben, trügt diese Hoffnung. Die Abduktion ist ebenso mit Problemen behaftet, insbesondere wenn die Stichproben klein sind. Deshalb liegt die Idee nahe, dass vielleicht gemischte Ansätze, die Deduktion und Induktion verbinden, hier Abhilfe schaffen könnten.

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Vorher soll aber noch auf die vermeintlich theoriefreie Forschung eingegangen werden. Es ist klar, dass bei Verwendung einer deduktiven Forschungslogik immer allgemeine Aussagen bzw. Hypothesen oder Theorien vorhanden sein; ansonsten kann man keine deduktiven Schlüsse ziehen. Ebenso ist klar, dass die Induktion immer mit dem Ziel unternommen wird, allgemeine Aussagen zu finden. Die Abduktion schließlich setzt mehrere allgemeine Aussagen voraus, denn mit ihr sollen ja spezielle unter allgemeine Aussagen subsumiert werden. In den Sozialwissenschaften beschäftigen sich allerdings nicht wenige Wissenschaftler mit etwas, was abfällig oft als „Variablensoziologie“ ver- spottet wird. Hierbei werden meist makrosoziologische bzw. -ökonomische oder auch demografische Daten gesammelt. Nun geschieht dies natürlich nicht ohne Zweck, denn die Kenntnis bspw. der Bevölkerungszusammensetzung hinsichtlich Alter, Geschlecht, Nationalität etc., wie sie mit dem Mikrozensus (1%-Stichprobe der bundesdeutschen Wohnbevölkerung) oder einer Volkszählung (Vollerhebung der Wohnbevölkerung) erhoben wird, ist eine Basis vieler politischer Entscheidungen, bspw. bei Infrastruktur- maßnahmen wie die Errichtung neuer Schulen oder dem Bau neuer Straßen.

Es kann aber darüber gestritten werden, ob hierbei wirklich theoriefrei geforscht werden kann. Zum einen benötigt man zumindest Hypothesen darüber, welche Daten erhoben werden müssen und wie man dies am besten tun kann. Das heißt, dass die Auswahl der Messinstrumente oder auch des zu Messenden selbst theoriegeleitet ist. Außerdem wer- den unsere Beobachtungen von impliziten Theorien und Annahmen geleitet. Zum ande- ren aber ist die bloße Erhebung von Daten nicht so sinnvoll, wie es zunächst scheint. Die Bevölkerungsentwicklung bspw. lässt sich nur durch Zeitreihenanalysen untersu- chen; in dem Augenblick, wo Prognosen für die Zukunft getroffen werden, müssen 28 sowieso Hypothesen verwendet werden. Grundsätzlich gilt, dass man Aussagen über die Theoriefreiheit von Forschung skeptisch gegenübertreten sollte.

Diese Skepsis ist nicht nur bei der etwas abfällig genannten „Variablensoziologie“ an- geraten, sondern auch im Bereich vor allem der qualitativen Sozialforschung. Viele For- scher in diesem Bereich sind der Ansicht, dass es möglich sei, Forschung so zu betrei- ben, dass man nicht mit vorgefassten Meinungen oder Theorien an den Untersuchungs- gegenstand herangeht, sondern erst die Auseinandersetzung mit diesem Gegenstand

28 Siehe dazu den Abschnitt „Erklärung“.

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dazu führt, dass Begriffe geprägt und Theorien entwickelt werden. Beispiele ließen sich im Bereich der Anthropologie und Ethnologie finden, wenn die Methode der Untersu- chung die teilnehmende Beobachtung ist. In gewisser Weise kann man dies durchaus als induktive Forschungsmethodologie ansehen. Deshalb aber treffen auch hier die eben geäußerte Kritik und jene am Induktivismus zu.

Allerdings ist die Forderung nach einer theoriefreien Forschung durchaus begründet, sofern man sich ihrer Grenzen bewusst ist. Wissenschaftler sollten aufgeschlossen sein gegenüber dem Neuen. Insbesondere im Bereich der Sozialwissenschaften, die ja immer in irgendeiner Weise mit Menschen zu tun haben, ist die Forderung nach Aufgeschlos- senheit wichtig, weil hier – ob wir das wollen oder nicht – oftmals unsere eigenen Vor- urteile den Blick auf wichtige Aspekte der sozialen Welt verstellen können.

Damit sind wir erneut bei der Hermeneutik angelangt. Der hermeneutische Zirkel, also die Deutung sozialer Phänomene mithilfe bereits vorhandener Begriffe und Deutungs- muster und der daran anschließenden Modifikation eben jener Begriffe und Muster kann man als gemischte Forschungslogik ansehen, da hier sowohl induktive, deduktive und abduktive Momente eine Rolle spielen. Allerdings hat das hermeneutische Vorgehen den wesentlichen Nachteil, dass sie keine formalisierte Forschungslogik darstellt. Letzt- lich bleibt die hermeneutische Deutung sozialer Phänomene subjektiv; es gibt keine „harten“ Kriterien, anhand derer es möglich wäre, die Richtigkeit entsprechender Deu- tungen zu überprüfen.

2.4.5 Entdeckungs- und Begründungszusammenhang

Wie wir insbesondere bei der Darstellung des Kritischen Rationalismus sehen werden, kann man versuchen, den Problemen von Induktion, Deduktion und Abduktion dadurch zu entkommen, dass man den Forschungsprozess in zwei Teile aufspaltet: der Entde- ckung und der Begründung von Theorien. In der Literatur findet man dazu meist die Bezeichnungen „Entdeckungszusammenhang“ und „Begründungszusammenhang“.

In den Entdeckungszusammenhang fallen all jene Tätigkeiten, die zur Entwicklung ei- ner Theorie gehören. Diese oftmals sehr kreativen Prozesse können auf unterschiedli- chen Wegen ablaufen: Theorien können induktiv gewonnen werden, durch Intuition, während des Nasebohrens, im Traum oder durch zufälliges Tippen auf einer Tastatur.

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Der Entdeckungszusammenhang ist also wenig bis gar nicht formalisiert, sondern hier ist die mutige und kreative Entwicklung neuer Zusammenhänge gefragt. Natürlich soll dies nicht bedeuten, dass hier völlig wild spekuliert wird – schließlich haben Wissen- schaftler durch Ausbildung und Tätigkeit oft ein gewisses Gespür dafür, in welche Richtung es sich zu denken lohnt. Aber Aufgeschlossenheit und Grenzüberschreitung sind wichtig.

Wenn nun Theorien entwickelt wurden, so darf man dann aber nicht stehen bleiben. Die Akzeptanz dieser Theorien muss nun begründet werden. Im Begründungszusammen- hang versuchen Wissenschaftler, gute Gründe zu finden, die dafür sprechen, dass ihre Theorien richtig sind und von anderen Wissenschaftlern zumindest vorläufig akzeptiert werden sollten. In den empirischen Wissenschaften – ein guter Teil der Sozialwissen- schaften gehört hier dazu – geschieht dies mit Beobachtungen und Experimenten. Wis- senschaftler werden im Begründungszusammenhang versuchen, Prognosen anhand ihrer Theorien aufzustellen. Diese Prognosen werden dann in Beobachtungen und Experi- menten auf ihr Zutreffen geprüft. Ein guter Grund für die (vorläufige) Akzeptanz einer Theorie ist nun, wenn die Prognosen zutreffen.

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3. Zeitgenössische Ansätze der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

Nachdem nun einige methodologische Grundlagen der Erkenntnis- und Wissenschafts- theorie eingeführt wurden, sollen in den folgenden Abschnitten verschiedene zeitgenös- sische Erkenntnis- und Wissenschaftstheorien vorgestellt werden. Von nun ab wird hier aus Gründen der Einfachheit nur noch von „Wissenschaftstheorie“ gesprochen; aller- dings sollte beachtet werden, dass Wissenschaftstheorien immer auch erkenntnistheore- tische Aussagen beinhalten; dies wird insbesondere im Konstruktivismus deutlich.

Noch eine wichtige Feststellung gilt es zu treffen. Wenn hier Konstruktivismus, Relati- vismus und Kritische Theorie getrennt vorgestellt werden, hat dies den Grund, dass es entsprechende wissenschaftstheoretische Schulen gibt, auf die diese Bezeichnungen zutreffen. Beachtet werden sollte aber, dass sich solche Schulen immer auch gegenseitig beeinflussen und befruchten. Kurz: Bezüglich der Aussagen, die innerhalb der verschie- denen wissenschaftstheoretischen Positionen vertreten werden, gibt es oft große Über- schneidungen; allerdings sind die Unterschiede nicht selten ebenso groß. Gleichzeitig sind diese Strömungen bei weitem nicht so homogen, wie die Bezeichnung mit einem Namen vielleicht suggeriert.

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3.1 Logischer Positivismus 29

Für die Besprechung des Logischen Positivismus liegen alle wichtigen Stichwörter be- reits vor, nämlich Empirismus und Induktion. Eine bestimmte ontologische Position ist für den Logischen Positivismus hingegen nicht notwendig, wie noch zu sehen sein wird.

3.1.1 Wissenschaft beginnt mit Erfahrung

Für Logische Positivisten beginnt jede Erkenntnis bei der Erfahrung. Deshalb ist die Wissenschaftstheorie des Logischen Positivismus dem Empirismus zuzuordnen. Das ist, wie wir gesehen haben, nicht neu, denn die britischen Empiristen entwickelten diese Position bereits im 17. und 18. Jahrhundert; außerdem finden wir entsprechende Gedan- ken auch schon bei Aristoteles.

Die Erfahrung als Ausgangspunkt der Wissenschaft zu betrachten, ist jedoch keine Idee, für die Philosophen ein Patent besitzen würden. Tatsächlich haben die empirischen Wis- senschaften mit Galileo Galilei ihren Siegeszug begonnen. Zwar weiß man heute, dass viele der Experimente, die Galilei zugeschrieben werden, bspw. die Fallversuche vom Turm zu Pisa, nicht wirklich stattgefunden haben. Aber nichtsdestotrotz muss Galilei als jener Wissenschaftler gelten, der die Erfahrung als wichtigste Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis als erster so deutlich hervorhob. Er sprach davon, dass man durch Beobach- tung gleichsam im „Buch der Natur“ lesen könne; dieses Buch sei in der Sprache der Mathematik geschrieben.

Mit Galilei begann der Aufstieg der Naturwissenschaften; am Beginn stand die Astro- nomie im Mittelpunkt, doch sehr bald wurden Fortschritte in der Mechanik, in der Chemie, in der Optik und allgemein in der Physik erreicht. Oft wurden dabei Entde- ckungen zunächst von Tüftlern und Bastlern gemacht, die versuchten, bestimmte Effek- te und Kräfte zweckdienlich einzusetzen, um sie bspw. ökonomisch auswerten zu kön- nen. So gab es Dampfmaschinen schon lange, als überhaupt systematisch Theorien ent- wickelt werden konnten, mit deren Hilfe es möglich wurde, die Prozesse in solchen Ma- schinen präzise beschreiben, erklären und prognostizieren zu können.

29 Oftmals findet man auch die Bezeichnungen „Empirismus“ oder „Induktivismus“. Dies ist aber inso- fern missverständlich, als dass der Logische Positivismus mehrere erkenntnis- und wissenschaftstheo- retische Elemente enthält, nämlich mindestens den Empirismus und die induktive Logik.

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Verfolgt man als den wissenschaftlichen Fortschritt seit der Renaissance, dann kann man sich kaum des Eindrucks enthalten, dass die hier eine induktive Forschungsmetho- dologie verfolgt wurde.

3.1.2 Die Spaltung der Wissenschaft im 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert ist unter anderem gekennzeichnet durch die rasante Industrialisie- rung und die Nutzbarmachung der Natur durch Maschinen; in der Physik, Chemie und den Ingenieurswissenschaften wurden erhebliche Fortschritte erzielt. Ebenso in der Me- dizin: Als man begann, den menschlichen Körper systematisch mit naturwissenschaftli- chen Methoden zu untersuchen und ihn zunehmend als sehr komplizierten, aber trotz- dem durchschaubaren Mechanismus zu begreifen, erkannte man mehr und mehr die Ursachen vieler Krankheiten und entdeckte neue Methoden der Heilung.

Dieser enorme Fortschritt jener Wissenschaften, die empirisch und experimentell ope- rierten, ging allerdings einher mit einer Aufspaltung der Wissenschaften in die Natur- wissenschaften auf der einen Seite und den von Dilthey so genannten „Geisteswissen- schaften“ – hiervon war ja bereits im Zusammenhang mit der Dichotomie zwischen Erklären und Verstehen die Rede. Insbesondere in Deutschland entwickelte sich die philosophische Gegenbewegung des Idealismus. Hiermit ist nicht nur die oben schon angesprochene ontologische Position gemeint, sondern eine ideologische Opposition gegen den mit den Naturwissenschaften vermeintlich verbundenen Materialismus. Die Naturwissenschaften entzauberten die Welt, da sie systematisch Erklärungen lieferten, die keinen Platz ließen für Religion oder Ideale – so zumindest könnte man die Kritik an den Naturwissenschaften grob zusammenfassen. Die im 20. Jahrhundert immer wieder auflebenden Bewegungen der Esoterik, des New Age oder auch der Umweltromantik 30 finden ihr Pendant im Idealismus des 19. Jahrhunderts. Wenn Karl Marx (geb. 05.05.1818, gest. 14.03.1883) und Friedrich Engels (geb. 28.11.1820, gest. 05.08.1895) postulierten, dass das Sein das Bewusstsein bestimme – oder wie Berthold Brecht es später ausdrückte: „erst kommt das Fressen, dann die Moral“ – dann war dies aus Sicht der Idealisten ein verabscheuungswürdiger Materialismus, der die Ideale der Menschen

30 Dies soll keine Verunglimpfung der Umweltbewegung sein; gemeint ist hier eine Haltung, die ein (vermeintlich) natürliches Leben à la Jean-Jaques Rousseau (geb. 28.06.1712, gest. 02.07.1778) glori- fiziert.

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zerstöre. In gewisser Weise könnte man die Idealisten als Modernisierungskritiker des 19. Jahrhunderts bezeichnen. 31

Es gibt nun Stimmen, die darauf hinweisen, dass der 1.Weltkrieg unter anderem auch ein Konflikt zweier zivilisatorischer Modelle gewesen sei. Auf der einen Seite die Ach- senmächte unter Führung des Deutschen Kaiserreichs, die für höhere Werte und Ideale fochten; auf der anderen Seite die westlichen Demokratien mit ihrem Pragmatismus und der Betonung des freien Individuums, das seinen eigenen Erfolg suchen solle. Wie dem auch sei: Das Sterben auf den Schlachtfeldern Europas stellte viel infrage. Eine Wurzel des Logischen Positivismus ist wohl darin zu sehen, dass seine Vertreter a) eine Ein- heitswissenschaft zum Ziel hatten, die jene Spaltung zwischen Natur- und Geisteswis- senschaften aufheben sollte, b) nur Aussagen als sinnvoll betrachtet werden sollten, die durch Beobachtung bestätigt werden konnten. Dies sollte unter anderem verhindern, dass philosophische Ideen für ideologische Zwecke zu missbrauchen wären.

3.1.3 Das „unmittelbar Gegebene“ als Basis der Wissenschaft

Nach diesem historischen Ausflug kommen wir nun zu einigen systematischen Bemer- kungen über den Logischen Positivismus. Neben den oben angedeuteten ideologiekriti- schen müssen natürlich auch wissenschaftstheoretische Überlegungen genannt werden:

Wenn Wissenschaft die Wahrheit über die Wirklichkeit aussagen soll, so müssen alle Aussagen der Wissenschaft an der Wirklich überprüfbar sein. Wäre dies nicht der Fall, so gäbe es kein rationales Kriterium, entsprechende Aussagen als wahr zu akzeptieren. Entscheidend für die Kritik des Logischen Positivismus am Idealismus war dessen feh- lende Möglichkeit, Aussagen an einer nicht vom Menschen abhängigen Instanz zu ü- berprüfen. Ganz anders die im 19. Jahrhundert aufstrebenden Naturwissenschaften. Hier wurden Theorien anhand von empirischem Material überprüft und konnten so kritisiert und gegebenenfalls auch revidiert werden. Dieser Methodik wollte sich auch der Logi- sche Positivismus bedienen. So ist es ein wichtiges Kennzeichen des Logischen Positi-

31 Es ist zu betonen, dass diese Denkströmungen besonders im deutschsprachigen Raum ihren Höhe- punkt fanden, vor allem mit Philosophen wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Johann Gottlieb Fichte (geb. 19.05.1762, gest. 29.01.1814) oder Friedrich Wilhelm Josef Schelling (geb. 27.01.1775, gest. 20.08.1854). Vor allem im angelsächsischen Sprachraum war hingegen der Pragmatismus dominant, der solche Dichotomien zwischen Natur- und Geisteswissenschaften und die damit verbundenen i- deologischen Überzeugungen in dieser Deutlichkeit nie entwickelte.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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vismus, dass die Quelle aller Erkenntnis in der Erfahrung, die wir mit Hilfe unserer Sin- ne machen, liegt. Nichts ist im Geist, was nicht vorher in den Sinnen war. Das kennen wir bereits aus dem Empirismus.

Kern und Basis des Erkenntnismodells des Logischen Positivismus sind die so genann- ten Basis- oder Protokollsätze, wobei letztere Bezeichnung die übliche ist. Protokollsät- ze haben ungefähr folgende Form: Die Person P beobachtete zum Zeitpunkt t am Ort x, y, z, dass das Messinstrument m den Messwert w anzeigte. Protokollsätze sollten also in einer möglichst einfachen und klar verständlichen Form Beschreibungen von Beobach- tungen sein. Dabei wurde durchaus darüber gestritten, ob ein Satz der obigen Form be- reits einfach genug sei. Denn die Beobachtung eines Messinstruments ist selbst bereits recht komplex. Deshalb wurde auch die Meinung vertreten, Protokollsätze sollten eher die Form von „Hier rot“ oder „Jetzt kalt“ haben, also nur auf elementare Sinnesdaten zurückgreifen. 32

Entscheidend ist, dass für den Logischen Positivismus nur jene Aussagen Sinn machen, die entweder selbst Protokollsätze sind oder aber aus Protokollsätzen induktiv hergelei- tet wurden. Alle anderen Aussagen waren für sie sinn- und bedeutungslos und sollten aus der Wissenschaft eliminiert werden. Moritz Schlick (geb. 14.04.1882, gest. 22.06.1936), einer der wichtigsten Vertreter des Logischen Positivismus und Mitglied des Wiener Kreises, formulierte den Satz „Die Bedeutung einer Aussage ist die Metho- de ihrer Verifikation“. Verifikation wiederum bedeutet die Bestätigung einer Aussage. Schlick will ausdrücken, dass nur Aussagen, für die angegeben werden kann, wie sie zu verifizieren wären, eine Bedeutung haben. Alle anderen Aussagen hingegen sind bedeu- tungs- und daher sinnlos. Einige Beispiele mögen dies deutlicher machen:

„Der Mond besteht aus grünem Käse“ ist eine durchaus sinnvolle Aussage, weil man angeben kann, wie sie bestätigt oder widerlegt werden kann – man fliegt hin, nimmt eine Probe und probiert diese.

„Gott ist allmächtig“ ist für einen Logischen Positivisten eine sinnlose Aussage, weil es keine empirische Methode der Beobachtung von Gott (per definitionem,

32 Allerdings ist schon mit dem Ausdruck „hier“ oder „jetzt“ ein komplexes Verständnis von Raum und Zeit verbunden. Das heißt aber, dass auch bei den einfachsten Beobachtungen bereits Theorien ver- wendet werden. Damit ist aber das Grundanliegen des Logischen Positivismus nicht mehr erreichbar:

Theorien ausschließlich auf der Basis von Beobachtungen induktiv zu erschließen.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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denn Gott ist eben kein empirischer Gegenstand) gibt und keine Operationalisierung für „allmächtig sein“ angegeben werden kann.

„Menschen besitzen eine Seele“ ist für Logische Positivisten nur dann eine sinnvolle Aussage, wenn ein Messverfahren angegeben werden kann, mit dem das Vorhan- densein einer Seele feststellbar ist.

Entscheidend ist also, dass es immer Messmethoden bzw. Operationalisierungen geben muss, um Aussagen überprüfen zu können. Man kann die Sinnaussage auch radikalisie- ren bzw. ontologisieren: Nur jene Gegenstände existieren, für die Messverfahren für ihre Eigenschaften vorhanden sind. 33

Die Messverfahren produzieren Protokollsätze, die letztlich Aussagen über Sinneswahr- nehmungen darstellen. Ein nahe liegender Einwand gegen den Logischen Positivismus bzw. dessen Fundierung der Erkenntnis in der Erfahrung ist natürlich der Hinweis auf die Unhaltbarkeit des naiven Realismus. Dessen waren sich die Vertreter des Logischen Positivismus durchaus bewusst. Sie wussten, dass unsere Sinne Täuschungen erliegen können oder dass Beobachtungen durch Vorurteile bzw. Theorien beeinflusst sein kön- nen. Daher forderten sie, dass entsprechende Protokollsätze intersubjektiv zu bestätigen sein mussten; außerdem sollten wo immer möglich verschiedene Messverfahren genutzt werden, damit die genannten Probleme umgangen werden konnten. Auch hier gilt also, dass Beobachtungen einigen strengen Anforderungen genügen müssen, um als Basis der Wissenschaft dienen zu können.

3.1.4 Induktion und das kumulative Erkenntnismodell

Bisher haben wir aber nur Protokollsätze, mit deren Hilfe Beobachtungen wiedergege- ben werden. Wissenschaft strebt jedoch nach allgemeinen Aussagen, nach allgemein- gültigen Gesetzen und Theorien.

33 Dies ist allerdings ein hoch problematischer Satz. Denn Eigenschaften und Dinge sind nicht iden- tisch. Ein Beispiel: Der Laptop, mit dem ich diesen Text gerade schreibe, steht auf einer braunen Tischplatte. Die Braunheit der Tischplatte ist messbar – man schaue einfach hin. Doch damit ist na- türlich nur die Braunheit selbst belegt und nicht die Existenz des Tisches. Tatsächlich schleppen auch die Logischen Positivisten einen ganzen Sack Metaphysik mit sich, wenn sie nicht nur die Existenz von Eigenschaften postulieren, sondern von Dingen, die diese Eigenschaften haben. Denn deren E- xistenz ist eben nicht durch Sinneswahrnehmungen verifizierbar. Außerdem setzt das eben Gesagte einen naiven Realismus voraus – der ist jedoch mehr als problematisch.

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Diese werden im Logischen Positivismus aus den einzelnen Beobachtungen durch In- duktion gewonnen. Das heißt also bspw., dass aus einer endlichen Zahl von Beobach- tungen, dass Dinge, die nicht gehalten werden, nach unten fallen, die allgemeine Aussa- ge gebildet wird, dass alle Dinge, die nicht gehalten werden, nach unten fallen.

Wenn nun eine Theorie existiert, so ist das Ziel der Wissenschaftler, diese zu verifizie- ren, zu bestätigen. Dazu werden Beobachtungen und Experimente durchgeführt und deren Ergebnisse mit den Prognosen der Theorie verglichen. Stimmen Prognosen und Ergebnisse überein, so ist die Theorie bestätigt bzw. verifiziert, manche sagen auch be- wiesen. Nun stellt sich aber die Frage, was zu tun ist, wenn Beobachtungen gemacht werden, die der Theorie widersprechen, also nicht mit den Prognosen übereinstimmen. Hier gibt es zwei Möglichkeiten, wie ein Logischer Positivist reagieren kann:

1. Der entsprechende Protokollsatz wird einfach verworfen, weil er der bisher akzep- tieren Menge aller wahren Sätze widerspricht.

2. Alle jene Aussagen der bisher akzeptieren Menge aller wahren Sätze, die dem Pro- tokollsatz widersprechen, werden verworfen, der neue Protokollsatz hingegen ak- zeptiert.

Logische Positivisten hängen der Kohärenztheorie der Wahrheit an; Wahrheit ist Eigen- schaft einer Aussagenmenge und Wahrheitskriterium ist Widerspruchsfreiheit. Die be- schriebene Vorgehensweise wird als „kumulatives Erkenntnismodell“ bezeichnet, weil die als wahr akzeptierte Aussagenmenge so lange wächst, wie nicht widersprechende Aussagen gemacht werden. Logische Positivisten sind der Ansicht, dass unser Wissen über die Welt über die Zeit hinweg anwächst. Denn selbst wenn wir zuweilen einigen Aussagen aus dem großen Topf der akzeptieren Aussagen verwerfen müssten, so wäre die Zahl der hinzukommenden Aussagen aber immer noch größer.

3.1.5 Wahrscheinlichkeit statt Sicherheit

Ein wirkliches Killerargument gegen die Induktion – und damit gegen den Logischen Positivismus – haben wir bereits kennen gelernt: Zu hoffen, dass mithilfe der Induktion sicheres Wissen geschlossen werden könne, sei ein Irrtum, da wir zwar möglicherweise viele bestätigende Beobachtungen finden könnten, aber die Zukunft beliebig viele Ge- genbeispiele liefern könnte. Es wäre also irrrational, an die Sicherheit der allgemeinen

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Aussagen, die induktiv gewonnen wurden, zu glauben, da sie jederzeit in der Zukunft widerlegt werden könnten.

Rudolf Carnap (geb. 18.05.1891, gest. 14.09.1970), wiederum einer der wichtigen Ver- treter des Logischen Positivismus und ebenfalls Mitglied des Wiener Kreises, wollte deshalb auf den Sicherheitsaspekt verzichten. Statt absolut sicheres Wissen zu suchen, wollte er Wissen, dessen Wahrheit sehr wahrscheinlich ist. Er akzeptierte das genannte Killerargument und argumentierte dagegen, dass unsere Theorien eben nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit wahr sind.

Um dies etwas deutlich zu machen, betrachten wir folgendes Beispiel. Nehmen wir eine Ein-Euro-Münze und werfen diese. Entweder liegt die Wappenseite oder die Zahlensei- te oben. Wiederholen wir dies und zählen mit, wie oft Wappen oder Zahl oben liegt, werden wir finden, dass beide Möglichkeiten gleich oft vorkommen, also 50% Wappen, 50% Zahl. Wir können daraus ableiten, dass bei zukünftigen Würfen mit einer Wahr- scheinlichkeit von 1:2 die Zahlenseite oben liegen wird. Bei einem Würfel ist die Wahr- scheinlichkeit für jede Zahl 1:6; andere Beispiele kann man sich leicht ausdenken. Ähn- lich wollte nun Carnap eine Wahrscheinlichkeit für die Wahrheit von Theorien angeben. Theorien, für die viele bestätigende Beobachtungen vorliegen, sollten eine höhere Wahrscheinlichkeit der Wahrheit haben als solche, für die nur wenige bestätigende Be- obachtungen existieren.

Allerdings ist auch der Versuch, statt von Sicherheit von Wahrscheinlichkeit zu spre- chen, den gleichen Einwänden ausgesetzt, wie dies für die ursprüngliche Variante der Induktion der Fall ist. Denn die Gründe, die für dieses Wahrscheinlichkeitsmaß spre- chen, sind selbst induktiv gewonnen: In vielen Fällen hat es sich bestätigt, dass bereits gut bestätigte Theorien nicht mehr widerlegt werden. Aber auch dies könnte jederzeit anders sein. Also ist irrational zu glauben, dass die Anzahl der bisher beobachteten Fälle irgendetwas über die Zukunft aussagen. Der andere Einwand gegen das Wahrschein- lichkeitsmaß ist quantitativer Natur. Man rechne einmal: Angenommen, ich will die Wahrscheinlichkeit der Theorie der herunterfallenden Gegenstände bestimmen. Nehmen wir an, dass ich 250 Tage im Jahr arbeite, jeden Tag 8 Stunden und in einer Stunde kann ich 60 Versuche unternehmen. Nehmen außerdem an, dass ich 45 Jahre meines Lebens arbeite. Das heißt, dass ich 60 x 8 x 250 x 45 Versuche in meinem Arbeitsleben durch-

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führen kann, also genau 5,4 Millionen Versuche. Das ist durchaus viel, aber: Das Uni- versum existiert seit rund 10 bis 20 Milliarden Jahre. Nehmen wir die Mitte, also 15 Milliarden Jahre. Könnte ich also statt 45 Jahre 15 Milliarden Jahre Versuche unter- nehmen, dann könnte ich 180.000.000.000.000 (180 Billionen) Versuche durchführen. Die Wahrscheinlichkeit berechnet man aber wie folgt:

Anzahl der gemachten Versuche / Anzahl der möglichen Versuche =

5.400.000 / 180.000.000.000.000 = 0,00000003. Die Wahrscheinlichkeit, dass meine Theorie also richtig ist, ist verschwindend klein. Tatsächlich ist sie Null, da die Anzahl der möglichen Versuche beliebig groß ist. Die Methode der Induktion kann also weder sicheres noch wahrscheinliches Wissen liefern.

Nun erscheint das bisher Gesagte vielleicht etwas „akademisch“ in dem Sinne, dass hier keine Probleme angesprochen werden, die uns im Alltag betreffen. Dies scheint aber allenfalls so, denn tatsächlich stoßen wir ständig auf entsprechende Probleme. Als Bei- spiel kann die aktuelle Debatte um die Zulassung von genetisch veränderten Pflanzen in der EU genannt werden. Von Befürwortern solcher Pflanzen wird oft gesagt, dass diese „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ gesundheitlich unbedenklich sind. Dahinter verbirgt sich letztlich ein induktiver Schluss, denn aus einer endlichen Zahl von Versuchen – meist an Tieren –, die zum Ergebnis hatten, dass keine physiologi- schen Veränderungen mit dem Verzehr gentechnisch veränderter Pflanzen einhergehen, wird geschlossen, dass diese Pflanzen immer unbedenklich sind. Doch das ist in doppel- ter Weise eine durchaus bedenkliche Aussage. Denn erstens können immer nur endlich viele Versuche durchgeführt werden; zweitens kann man die Folgen nur eine begrenzte Zeit beobachten. Deshalb sind Aussagen über Langzeitwirkungen mehr als problema- tisch.

Ein anderes Beispiel kann aus der Psychiatrie genannt werden. Zurzeit wird kontrovers diskutiert, ob Triebtäter nach einer bestimmten Zeit und nach dem Durchlauf einer The- rapie wieder freigelassen werden sollten. Bisher wird diese Entscheidung letztlich auf der Grundlage von Empfehlungen entsprechender Ärzte getroffen. Sie erstellen eine Prognose für den Patienten. Fällt diese positiv aus, wird die betroffene Person per Ge- richtsbeschluss meist in Freiheit gesetzt. Nun beruhen diese Prognosen jedoch auf in- duktiv gewonnenen Theorien. Niemand weiß, wie unsere Psyche wirklich funktioniert;

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alles, was wir haben, sind Verallgemeinerungen endlicher vieler Erfahrungen. Auch hier stellt sich also die Frage, ob so weit reichende Entscheidungen auf dieser Grundlage getroffen werden sollten. Nach dem bisher Gesagten kann man zumindest Zweifel an- melden.

3.1.6 Logischer Positivismus und Ontologie

Noch eine letzte Bemerkung zum Verhältnis des Logischen Positivismus zur Frage der richtigen Ontologie. Zunächst mag es aussehen, als ob der Logische Positivismus den Realismus – vielleicht sogar einen naiven Realismus – voraussetzen würde, da die Quel- le der Erkenntnis die Erfahrung sein soll. Bei genauerer Überlegung ist diese Notwen- digkeit jedoch nicht gegeben. Der Logische Positivismus ist durchaus mit einem objek- tiven Idealismus kompatibel, denn für die Beobachtbarkeit der Welt ist nicht von Be- lang, ob sie etwas Materielles ist oder aber das Produkt bspw. eines überindividuellen Bewusstseins. Die entscheidende Forderung des Logischen Positivismus ist lediglich, dass nur jene Aussagen sinnvoll sind und zur Wissenschaft gehören, für die eine Me- thode der Verifikation angegeben werden kann. Alle anderen Aussagen sind unwissen- schaftlich bzw. metaphysisch.

Es wird zu sehen sein, dass der Logische Positivismus nicht einmal einen erkenntnis- theoretischen Realismus voraussetzen muss, sondern durchaus mit einem Konstrukti- vismus verbunden werden kann; Bedingung hierbei ist nur, dass die Konstruktionen der Menschen intersubjektiv vergleichbar sind.

Um es zu wiederholen: Zentrales Anliegen des Logischen Positivismus ist, ein Kriteri- um der Abgrenzung zwischen sinnvollen und sinnlosen bzw. zwischen wissenschaftli- chen und metaphysischen Aussagen angeben zu können. Dieses Abgrenzungskriterium sehen sie in der Möglichkeit der Verifikation von Aussagen mithilfe von Protokollsät- zen. Es wird im folgenden Abschnitt zu sehen sein, dass auch andere Abgrenzungskrite- rien denkbar sind und zudem metaphysische Sätze nicht notwendig als sinnlos angese- hen werden müssen.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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3.2 Falsifikationismus, Kritischer Rationalismus, Fallibilismus

Wie so oft in der philosophischen Ideenentwicklung, ist auch das evolutionäre Erkennt- nismodell Poppers in Reaktion auf ein anderes Modell erdacht worden. Popper reagierte mit seiner Forschungsmethodologie des Kritischen Rationalismus auf die Probleme des Logischen Positivismus des Wiener Kreise um Rudolph Carnap, Moritz Schlick, Otto Neurath und dem frühen Ludwig Wittgenstein (obwohl Wittgenstein üblicherweise nicht zum Logischen Positivismus gezählt wird, hatte er an der Entwicklung dieses Er- kenntnismodells durchaus Anteil durch seinen Tractatus logico-philosophicus). Bevor also das evolutionäre Modell Poppers dargestellt wird, sollen in aller Kürze die Proble- me des Logischen Positivismus vorgestellt werden. Auf diese Weise wird deutlicher, wogegen sich Popper eigentlich wendet und worin die Unterschiede seines Erkenntnis- modells gegenüber dem Vorgänger des Logischen Positivismus liegen.

3.2.1 Die Probleme des Logischen Positivismus

Das entscheidende Problem, das Popper am kumulativen Modell der Erkenntnis, das der Logische Positivismus des Wiener Kreises vertrat, konstatierte, war die Frage nach der Sicherheit unseres Wissens. Wie gesehen, werden im Logischen Positivismus Theorien induktiv erzeugt. Das heißt, aus einer endlichen Zahl von Beobachtungen wird eine Hypothese entwickelt. Beispiel: Wir können unter normalen Umständen beobachten, dass Gegenstände nach unten fallen, sofern sie nicht durch andere Gegenstände daran gehindert werden. Man kann nun verschiedene Theorien daraus entwickeln. In der An- tike schloss man bspw. aus dem Verhalten der beschriebenen Art auf die Zusammenset- zung der Dinge. So lehrte die Vier-Elemente-Lehre, dass alle Dinge aus eben vier Ele- menten zusammengesetzt sind: Erde, Wasser, Feuer, Luft. Häufig wurde auch von erd- artigen, wasserartigen, feuerartigen und luftartigen Teilchen geredet. Tatsächlich kann man, sofern man gutwillig ist, in der Vier-Elemente-Lehre bereits einen Vorläufer des Atomismus sehen, also der Lehre, dass alle Dinge der Welt aus unteilbaren Einzelteilen zusammengesetzt sind. 34 Auf jeden Fall erklärten sich die Philosophen jener Zeit, sofern

34 Allerdings ist der heute akzeptierte Aufbau der materiellen Welt weit von diesem Bild entfernt. Au- ßerdem wurden in der Antike verschiedene atomistische Theorien entwickelt. Uns soll es hier nicht

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sie Anhänger dieser Lehre waren, das Verhalten von Gegenständen mit Hilfe dieser Theorie. Erde und Wasser waren schwer, deswegen fielen sie nach unten, Luft und Feu- er waren leicht, deswegen trieben sie nach oben. Selbst wenn es historisch falsch ist, dass damals Philosophen durch Beobachtung auf ihre Ideen kamen – Experimente wur- den als Quelle der Erkenntnis eigentlich erst mit Galileo Galilei (geb. 15.02.1564, gest. 08.1.1642) populär –, so können wir uns den Prozess der Theorienentwicklung einmal auf folgende Weise vorstellen:

Einer jener Denker macht also entsprechende Beobachtungen und entwickelt daraufhin seine Theorie. In einer Fülle von Fällen findet er diese auch bestätigt und geht deshalb davon aus, dass seine Theorie richtig ist. Er kann mit seiner Theorie auch vieles erklä- ren: verbrennt bspw. ein Stück Holz, so werden dabei die verschiedenen Teile ent- mischt. Die erdähnlichen Teile bleiben in der Asche zurück, die feurigen Teile bilden die Flamme und steigen auf, ebenso die luftartigen, die den Rauch bilden. Er kann sogar erklären, warum grünes oder feuchtes Holz viel schlechter brennt als trockenes: die schweren wasserartigen Teile im grünen oder feuchten Holz hindern nämlich die feuri- gen Teile daran, zu entweichen.

Auch andere Beobachtungen lassen sich erklären, bspw., warum Süßwasser leichter als Salzwasser ist. Im Salzwasser sind erdähnliche Teile enthalten, die das Wasser schwerer machen. Aber es gibt Grenzfälle, die nicht so gut erklärt werden können. Zum Beispiel Nebel- und Wolkenbildung: Wieso steigt das schwere Wasser in die Luft und kann dort sehr lange bleiben? Ein anderes Beispiel sind Meteoriten: da die Sterne und Planeten vom Boden aus gesehen oben schweben, können sie nicht aus erdähnlichen Teilen be- stehen. Von wo fallen dann aber die Meteoriten herunter? Häufig wurden Ad-hoc- Annahmen gemacht, um widerspenstige Beobachtungen einzuordnen, man kann sie aber auch ignorieren oder aber göttlichem Walten zuordnen.

Auf jeden Fall ist es letztlich willkürlich, welche Beobachtungen zur Stützung und so- gar zur Erzeugung einer Theorie herangezogen werden und welche nicht. Die Wahl kann rational nur sehr schlecht begründet werden. Auch Ad-hoc-Annahmen sind meist willkürlich. Aber ein weitaus schwerwiegenderes Problem ist, dass es keine rationalen

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Gründe gibt, die es nahe legen, Theorien zu verwerfen, wenn sie einmal durch Beobach- tungen induktiv entwickelt wurden. Das heißt aber auch, dass es kaum Gründe gibt, neue Theorien zu entwickeln, wenn bereits Theorien vorhanden sind. Entscheidend für Popper war jedoch, dass der Logische Positivismus die Induktion als Methode der The- oriegenerierung benutzte; deren Probleme waren weiter oben ja schon dargestellt wor- den.

3.2.2 Das evolutionäre Modell der Erkenntnis

Wenn es also richtig ist, dass die Stützung von Theorien durch eine endliche Zahl von Beobachtungen rational kaum begründet werden kann, eine Einsicht übrigens, die David Hume schon sehr viel früher als Popper äußerte (1758) und schon auf antike skeptische Argumente zurückgeht, dann muss die Akzeptanz von Theorien eben auf ein anderes Fundament gestellt werden. Zudem suchte Popper nach einem Erkenntnismodell, dass der Tatsache Rechnung tragen konnte, dass im Fortgang der Wissenschaft sehr häufig neue Theorien entwickelt werden, um bisher akzeptierte Theorien abzulösen, da diese nicht mehr gut im Einklang mit den vorliegenden Beobachtungsdaten standen. Diesen Prozess wollte Popper abbilden. 35

Als ersten Schritt trennte Popper Entdeckungs- und Begründungszusammenhang (siehe oben). Im Logischen Positivismus werden Theorien aus vorliegenden Beobachtungen entwickelt und gleichzeitig ihre Gültigkeit aus diesen Beobachtungen begründet. Popper hingegen ist der Auffassung, dass dies zuviel Bürde für die Beobachtungen darstellt. Aus diesem Grund ist es ihm völlig egal, wie Theorien entwickelt werden. Der Entde- ckungszusammenhang ist für ihn rational nicht rekonstruierbar. Es kann seiner Meinung nach kein rationales Verfahren zur Entwicklung neuer Theorien geben, denn dann wä- ren wir ja schon immer im Besitz dieser Theorien. Die Entdeckung einer neuen Theorie erzeugt Neues, sie bedeutet mehr als die Zusammensetzung von Bekanntem in neuer Anordnung. Glaubt man den Biographien vieler Forscher, denn fielen diesen ihre Theo- rien manchmal im Schlaf zu oder es fiel ihnen ein Apfel auf den Kopf, der sie dann zur Entwicklung ihrer Idee inspirierte. Von Henri Poincaré (geb. 29.04.1854, gest.

35 Wir werden allerdings später sehen, dass nach Thomas S. Kuhn die Interpretation dieses Vorgangs auch ganz anders vorgenommen werden kann.

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17.06.1912) wird selbst berichtet, dass ihm die Idee zu einer wichtigen Theorie beim Einsteigen in den Bus zufiel. Kurz, es sind Intuition, Kreativität und manchmal einfach Querdenken, die dazu führen, dass neue Ideen geboren werden. Popper vertritt die Mei- nung, dass diese Prozesse eben nicht rational ablaufen. Selbst wenn es möglich wäre, sie unter psychologischen Gesichtspunkten zu untersuchen und bspw. zu entdecken, welche Umweltbedingungen gegeben sein müssen, damit Menschen gute Einfälle haben, so kann eben kein Kochrezept angegeben werden, um wissenschaftliche Theorien zu ent- wickeln. Deshalb ist der Entdeckungszusammenhang für sein Erkenntnismodell un- wichtig.

Dafür möchte Popper den Begründungszusammenhang umso strikteren rationalen Krite- rien unterwerfen. Am Logischen Positivismus störte ihn insbesondere, dass es keine guten Kriterien gab, die bestimmten, welche Beobachtungen zur Stützung einer Theorie herangezogen werden und welche nicht. Der damit verbundenen Willkürlichkeit möchte Popper aber nicht zustimmen. Für ihn muss die Akzeptanz von Theorien rational be- gründet werden können. Dazu krempelt er die Behandlung von Theorien und Hypothe- sen völlig um. Zum einen, wie schon bemerkt, wird der Entdeckungszusammenhang völlig außer Acht gelassen. Zum anderen nimmt Popper von der Idee Abschied, dass die Wahrheit von Theorien bewiesen werden könnte. Wir hatten im Zusammenhang mit der Diskussion der Induktion gesehen, dass endliche Versuche nicht ausreichen, die Wahr- heit einer Theorie zu beweisen, weil jeder neue Versuch oder jede neue Beobachtung der Theorie widersprechen könnte. Wir müssten also immer der Möglichkeit gegenwär- tig sein, dass es sich zeigt, dass unsere Theorien falsch sind.

Genau dies ist aber laut Popper gar kein Schaden. Solange sich unsere Theorien bei Be- obachtungen und in Experimenten bewähren, also Beobachtung und Experiment nicht im Widerspruch mit der Theorie stehen, akzeptieren wir sie vorläufig. Damit ist nicht verbunden, dass wir der Auffassung sind, dass die Theorie bereits der Weisheit letzter Schluss ist. Die Theorie hat sich vorläufig bewährt, mehr nicht. Sollte jedoch einmal eine Beobachtung oder ein Experiment der Theorie widersprechen, so stellen wir fest, dass unsere Theorie versagt hat. Sie ist damit offensichtlich nicht in der Lage, die Ver- hältnisse der Welt richtig zu beschreiben. Sie ist damit widerlegt, falsifiziert. Falsifizier- te Theorien gehören jedoch nach Popper auf den Müllhaufen der (Wissen- schafts-)Geschichte. Damit ist das Beweisverfahren der Wissenschaft gegenüber dem

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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Logischen Positivismus umgekehrt worden. Statt mit Hilfe von Beobachtungen die

Richtigkeit einer Theorie zu beweisen, soll und muss es das Ziel der wissenschaftlichen

Arbeit sein, mit Hilfe eben jener Beobachtungen die Falschheit einer Theorie aufzuzei-

gen – statt also wie im Logischen Positivismus Theorien zu verifizieren, ist das Ziel

nun, Theorien zu falsifizieren.

Schematisch kann man den Prozess der Theorieprüfung wie folgt darstellen:

Theorie wird vorläufig

bestätigt Theorie T 1 wird entwickelt Durchführung von systematischen Falsifizierungsversuchen Theorie wird
bestätigt
Theorie T 1 wird
entwickelt
Durchführung von systematischen
Falsifizierungsversuchen
Theorie wird
falsifiziert
Theorie wird vorläufig
bestätigt
Theorie T n wird
entwickelt
Durchführung von systematischen
Falsifizierungsversuchen
Theorie wird

falsifiziert

Zu Beginn wird eine Theorie entwickelt und danach systematischen Überprüfungen

unterworfen, bspw. durch Experimente oder Beobachtungen. Stimmen die Voraussagen

der Theorie mit den Ergebnissen der Experimente oder Beobachtungen überein, gilt die

Theorie als vorläufig bestätigt. Das heißt allerdings nicht notwendig, dass sie wahr ist,

sondern nur, dass wir bisher keine Hinweise dafür haben, dass sie falsch ist. Stimmen

die Ergebnisse unserer Experimente oder Beobachtungen aber nicht mit der Voraussa-

gen der Theorie überein, so gilt die Theorie als falsifiziert, als widerlegt. In diesem Fall

wird die Theorie verworfen. 36 Das heißt, dass die betreffenden Wissenschaftler entwe-

36 Wie bereits bei der Begriffsbestimmung der Beobachtung bemerkt wurde, werden hier einige Forde- rungen gestellt. Dies soll hier an einem Beispiel deutlich gemacht werden. Die meisten von uns ken- nen folgende Situation: In einem Gespräch kommt es zur Debatte über eine wissenschaftliche Theo- rie, bspw. über die Wirkungen des Rauchens. Häufig werden dann als Argument für die Falschheit der Theorie, dass Rauchen und Krebs ursächlich zusammenhängen, ähnliche Aussagen wie folgende

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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der eine völlig neue Theorie entwerfen oder aber die widerlegte Theorie so umbauen, dass sie durch bisher getätigten Experimente oder Beobachtungen nicht widerlegt wird. Dies ist auch der Grund, die Forschungsmethodologie des Kritischen Rationalismus als „evolutionär“ zu bezeichnen, denn Theorien entwickeln sich hier schrittweise.

Allerdings darf diese Weiterentwicklung einer Theorie nicht willkürlich geschehen in dem Sinne, dass jene Beobachtungen und Experimente, die zu einer Widerlegung der Theorie führten, einfach aus dem Gegenstandsbereich der Theorie ausgeschlossen wer- den. Dies nennt man eine „Immunisierungsstrategie“. Die Immunisierung einer Theorie führt in der Regel dazu, dass die Aussagen einer Theorie auf einen immer kleiner wer- denden Gegenstandsbereich anzuwenden sind. Das allerdings ist in der Wissenschaft nicht erwünscht, denn dort werden möglichst allgemeingültige Theorien mit großem Anwendungsbereich gesucht. Daher muss der Umbau einer Theorie nach einer Wider- legung so vorgenommen werden, dass sie einen größeren oder doch zumindest gleich großen Gegenstandsbereich wie die Vorläuferversion umfasst.

Die Benennung des Erkenntnismodells des Kritischen Rationalismus als „evolutionär“ erinnert natürlich sofort an die Evolutionstheorie Charles Darwins. Tatsächlich ist dies auch beabsichtigt. 37 Die biologische Evolutionstheorie ist gekennzeichnet durch den Prozess von Mutation und Selektion. Lebende Individuen einer Art müssen in einer ge- gebenen Umwelt überleben. Jene, die am besten an diese Umwelt angepasst sind, haben die größten Chancen, solange zu überleben, dass sie Nachkommen zeugen können. Je- ne, die nicht so gut angepasst sind, werden dies nicht erreichen. Fortpflanzung hat hier- bei aber nur zum Ziel, die jeweilige Gene der Elterntiere an die Nachkommen weiter- zugeben. Tatsächlich geht es in dieser Lotterie des Lebens nicht darum, dass einzelne Individuen einer Art besonders alt werden. Der einzige Zweck der Existenz ist aus bio-

angeführt: Man kenne doch jemand, der eine Tante hat, die vom Rauchen sogar gesund geworden ist. Beobachtungen müssen aber selbst überprüfbar und intersubjektiv nachvollziehbar sein (siehe unter „Beobachtung“). Eine einmalige und nicht reproduzierbare Beobachtung führt deshalb nicht zur Fal- sifizierung einer Theorie.

37 Allerdings gibt es eine Reihe von evolutionären Theorien, so bspw. die Evolutionäre Erkenntnistheo- rie, die bspw. von Gerhard Vollmer vertreten wird. Diese Theorie hat zwar starke Anknüpfungspunk- te an Poppers Erkenntnismodell, setzt am die Akzente an anderen Stellen. Doch dies soll hier nicht das Thema sein. Stattdessen muss noch geklärt werden, in wie weit die Analogie der Evolution im Erkenntnisbereich tragen kann und wo sie ihre Grenzen findet. Denn bei der Benutzung nicht nur wissenschaftlicher Begriffe in anderen als den ursprünglichen Anwendungsbereichen ist die Gefahr sehr groß, dass Analogien und Metaphern eher das Verständnis fehl leiten denn erhellen können.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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logischer Sicht das Überleben der Art in Gestalt der Weitergabe der Gene. Nun können sich Umweltbedingungen ändern und den jeweils lebenden Individuen das Leben schwer machen. Gleichzeitig aber können sich Mutationen im Genotyp der Individuen ereignen, die sich auf den Phänotyp dergestalt auswirken, dass ein betroffenes Indivi- duum an die neuen Verhältnisse besser angepasst ist als jene, die jene Mutation nicht zeigen. Dies kann sich so auswirken, dass sich die mutierten Individuen erfolgreicher fortpflanzen und sich auf diese Weise der mutierte Genotyp durchsetzt. Der Ausdruck „survival of the fittest“ bezieht sich also letztlich nicht auf Individuen, sondern auf Ge- notypen, die einen überlebensfähigen Phänotyp zur Folge haben. Individuen sind dem Prozess der Evolution gleichgültig. 38

Poppers Erkenntnismodell wird nun „evolutionär“ genannt, weil sich die Theorien in der „Umwelt“ von Beobachtungen und Experimenten bewähren müssen. Solange sie mit Beobachtungen übereinstimmen, also an ihre „Umwelt“ angepasst sind, „leben“ oder „überleben“ sie. Werden sie jedoch falsifiziert, werden sie verworfen – sie „ster- ben“. Der evolutionäre Aspekt liegt nun darin, dass die Theorie selbst verworfen wird, aber ihre „Nachkommen“ an die neuen Beobachtungen angepasst werden, so dass sie wiederum bis zur nächsten Falsifizierung „überleben“.

An dieser kurzen Beschreibung ist aber bereits ersichtlich, dass die Analogie oder bes- ser Metapher der Theorienevolution nicht allzu wörtlich genommen werden sollte. Denn in vieler Hinsicht passt die Analogie nicht. Bei Theorien finden wir kein Gegenstück zu Individuum und Art, ebenso wenig wie zu Genotyp und Phänotyp. Es geht auch nicht darum, dass sich der eben nicht vorhandene Genotyp in Gestalt der in Individuen reali- sierten Phänotypen fortpflanzt. Denn die Evolution der Theorien wird gesteuert von Wissenschaftlern. Sie setzen immer wieder neue Theorien in die Welt und schauen, ob sie sich bewähren. Wenn ja, so werden die Theorien solange benutzt, bis sie es eben nicht mehr tun; wenn nein, werden entweder radikal neue Theorien entwickelt oder die alten soweit angepasst, dass sie als vorläufig bewährt gelten.

38 Dieser Satz ist allerdings höchst problematisch (siehe die Unterscheidung von Grund und Ursache), denn die Evolution ist keine Person, sondern eben nur jener blinde Prozess. Prozessen kann aber nichts wichtig oder gleichgültig sein, da die Rede von Gleichgültigkeit oder Wichtigkeit nur im Zu- sammenhang mit Personen bzw. rationalen Lebewesen Sinn macht.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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3.2.3 Annäherung an die Wahrheit und Unsicherheit des Wissens

In diesem Prozess der Entwicklung von Theorien, ihrer Überprüfung und der meist fol- genden Widerlegung werden unsere Theorien, so Popper, zunehmend besser – sie nä- hern sich also der Wahrheit an. Manchmal kann es sogar passieren, dass wir Theorien entwickeln, die tatsächlich wahr sind, die Welt also so beschreiben, wie sie tatsächlich ist. Das Problem ist nur, dass wir nie wissen, ob wir im Besitz einer wahren Theorie sind. Denn selbst wenn eine Theorie unzählige Male geprüft und dabei immer bestätigt wurde, könnte der nächste Versuch zur Widerlegung führen. Selbst wenn wir also eine wahre Theorie besitzen, können wir dies grundsätzlich nicht wissen. Wir müssen immer mit der Unsicherheit des Wissens leben. Einer der Kernaussagen des Kritischen Ratio- nalismus ist daher, dass wir nur unsicheres Wissen erlangen können. Die Methode des Kritischen Rationalismus liefert zwar gute Gründe, Theorien zu verwerfen, aber keine Gründe, um von der Sicherheit von Theorien überzeugt sein zu können. Aus dieser Sicht ist es geradezu Scharlatanerie, von Sicherheit zu sprechen. Diese Haltung, die nicht nur im Kritischen Rationalismus zu finden ist, nennt man Fallibismus.

3.2.4 Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium

Im Logischen Positivismus wird zwischen sinnvollen und sinnlosen Sätzen unterschie- den: Sinnvolle Sätze sind solche, für die eine Methode der Verifikation angegeben wer- den kann. Alle anderen Sätze sind für Logische Positivisten sinnlos und sollten aus der Wissenschaft eliminiert werden. Popper ersetzt dieses Kriterium durch jenes der Falsifi- zierbarkeit. Nur jene Sätze sind wissenschaftlich, für die angegeben werden kann, wie man sie überprüfen und gegebenenfalls falsifizieren kann. Nun erscheint es noch nicht besonders spektakulär, Verifikation durch Falsifikation zu ersetzen. Allerdings ist Pop- per zusätzlich der Ansicht, dass nicht falsifizierbare Sätze nicht notwendig sinnlos sind. Er verweist bspw. darauf, dass die methodologischen Forderungen des Kritischen Rati- onalismus selbst nicht falsifizierbar sind, sondern allenfalls praktikable Festsetzungen darstellen, für oder wider die man sich entscheiden kann. Nichtsdestotrotz sind es sinn- volle Sätze, da sie den Fortschritt der Wissenschaft mit erzeugen helfen. Man kann sich also vorstellen, dass es eine Vielzahl von Sätzen gibt, die sinnvoll, aber nicht falsifizier-

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bar sind 39 ; gute Kandidaten hierfür sind Werturteile oder normative Sätze, die helfen, eine Gesellschaft human zu gestalten.

3.2.5 Exkurs: Kritischer Rationalismus und Gesellschaftstheorie

Der Kritische Rationalismus hat vor allem in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhun- derts in der Bundesrepublik Deutschland einige Wirkung auf die politische Diskussion gehabt; insbesondere Mitglieder der damaligen sozial-liberalen Regierungskoalition haben sich auf Popper berufen, denn er hat nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Wis- senschaftstheorie geleistet, sondern auch zur politischen Philosophie. Hier sind insbe- sondere zwei Werke zu nennen: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ sowie „Das Elend des Historizismus“.

In die „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ greift er philosophische Gedankenge- bäude und politische Konzeptionen an, die aus seiner Sicht dogmatisch sind, weil sie grundsätzlich gegen jede Kritik immunisiert sind. Hierbei betrachtet er vor allem Platon und seinen Ideen eines Staates aus dem Buch „Politea“ sowie Karl Marx und seine Ge- schichtsphilosophie. Für Popper sind diese Ideensysteme dogmatisch, weil es keine Möglichkeit gibt, die darin enthaltenen Aussagen zu falsifizieren. Insbesondere der Marxismus erlaubt aus Sicht Poppers eben keine durch Beobachtung zu widerlegenden Voraussagen. Obwohl also der Marxismus im Gewande einer wissenschaftlichen Theo- rie erscheine, sei er eben bloß ein System dogmatischer Behauptungen. Popper wendet dies dann auf totalitäre Systeme wie den Nationalsozialismus und den Stalinismus an, um zu zeigen, dass jede Form des Dogmatismus und des Totalitarismus notwendig in der Katastrophe enden muss, da Ideologien und darauf aufbauende politische Systeme keine eingebauten Korrekturmechanismen besitzen, die Kritik ermutigen und ermögli- chen und so Fehler rückgängig machen oder „reparieren“ könnten. Totalitäre Ideologien sind „geschlossen“, gegen jede Kritik und Widerlegung immunisiert; deshalb ist friedli- cher Wandel und Machtwechsel nicht möglich.

In seinem zweiten wichtigen Beitrag zur Gesellschaftstheorie, in „Das Elend des Histo- rizismus“, behandelt Popper erneut den Marxismus bzw. alle Gesellschaftstheorien, die davon ausgehen, dass es so etwas wie eine gesetzmäßige Entwicklung in der Geschichte

39 Und vielleicht nicht einmal wahrheitsfähig.

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der Menschen gäbe. 40 Er argumentiert, dass die Existenz und Kenntnis solcher Gesetz- mäßigkeiten zu unlösbaren Paradoxien führen müsse, denn wenn wir wüssten, wie die Zukunft aussehen wird, so könnten wir bspw. schon jetzt Maßnahmen einleiten, um diese Zukunft zu verhindern. Dann sähe die Zukunft aber anders aus, als wir sie ur- sprünglich vorausgesagt haben. Diese Paradoxie zeige, dass es keine gesetzmäßige Entwicklung der Geschichte geben kann. Insbesondere aber lehnt Popper die mit sol- chen Ideen meist verbundene Vorstellung ab, dass gesellschaftliche Veränderungen planbar oder aber durch gezielte, meist revolutionäre Akte, herbeizuführen seien. Statt- dessen plädiert er auch für die politischen und sozialen Maßnahmen für ein Vorgehen, das er aus seiner Forschungsmethodologie ableitet. Man solle statt revolutionärer Maß- nahmen, die ja meist mit großen Opfern verbunden sind, kleine Schritte gehen, begrenz- te Maßnahmen durchführen, deren Folgen gegebenenfalls revidierbar sind. Er nennt dies „Stückwerk-Technologie“; man kann aber auch vom Lernen aus Versuch und Irrtum sprechen. Beide Bücher sind zudem ein Plädoyer für die Demokratie. Denn wenn man Parteiprogramme als Theorien betrachtet, so sind Wahlen als Äquivalent von Experi- menten anzusehen. Parteiprogramme müssen geändert oder verworfen werden, sofern sie sich im Prozess der Wahl nicht bewähren. Zudem sei die Demokratie die einzige Variante des Regierens, die den gegen den Willen der Regierung durchgesetzten Machtwechsel per Wahlen unblutig organisiert.

Popper begann bei der Wissenschaftstheorie und wandte seine dort entwickelten Ideen auf den Bereich der Gesellschaft an. Wie wir noch sehen werden, kann man auch den umgekehrten Weg gehen. Diese Variante wählten die Vertreter der Kritischen Theorie.

3.2.6 Exkurs: Fallibilismus ohne Kritischen Rationalismus

Im Abschnitt „Konstruktivismus“ wird zu sehen sein, dass viele Grundsätze des Kriti- schen Rationalismus, also der Fallibilismus und der Vorrang der Falsifikation, auch verwendbar sind, wenn einige der metaphysischen Annahmen des Kritischen Rationa- lismus nicht akzeptiert werden. Dies betrifft in erster Linie den ontologischen und er- kenntnistheoretischen Realismus. In der wissenschaftstheoretischen Diskussion taucht

40 Diese Annahme nennt Popper „Historizismus“, aber es findet sich dafür in der Literatur auch die Bezeichnung „Historismus“.

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oft die Rede vom Instrumentalismus in der Wissenschaft auf. Gemeint wird hier, dass Wissenschaft nicht betrieben wird, um die Wahrheit zu finden, sondern um bestimmte Probleme zu lösen und das Überleben zu sichern. Das heißt, dass Wissenschaft aus die- ser Sicht einem konkreten Zweck dient, ein Instrument ist. Theorien haben hier den Zweck, Prognosen zu ermöglichen, mit deren Hilfe Maschinen gebaut, zukünftige Zu- stände der Welt beeinflusst oder Schutzmaßnahmen eingeleitet werden können. Solche Theorien müssen nicht wahr im Sinne der Übereinstimmung der Aussagen mit der Wirklichkeit sein, sondern sie müssen gute Prognosen liefern. Verworfen werden sie erst, wenn sie diese Forderung nicht erfüllen. Folgt man dieser instrumentalistischen Sicht auf Wissenschaft, verzichtet man vollständig auf Konzepte wie Wahrheit oder Realität und ersetzt diese durch Nützlichkeit.

3.2.7 Weiterentwicklungen der Forschungsmethodologie Poppers

Wenn von Weiterentwicklungen des Kritischen Rationalismus die Rede ist, fallen in aller Regel die Namen Imre Lakatos (geb. 09.11.1922, gest. 02.02.1974) und Thomas S. Kuhn. Sie modifizierten den ursprünglichen Ansatz Poppers, um dadurch den Kritischen Rationalismus stärker mit historischen Abläufen in Einklang bringen zu können.

Poppers Methodologie wird zuweilen als „evolutionär“ bezeichnet, weil der Prozess der Entwicklung, Prüfung, Modifikation und Verwerfung von Theorien zu ständigen Ver- änderungen in der Wissenschaft führt. Kuhn war nun aufgrund der Untersuchung histo- rischer Abläufe in der Physik der Ansicht, dass dies so nicht stimmen könne. Er postu- lierte gegen Popper, dass Wissenschaft über lange Perioden hinweg eher ruhig verläuft und nur während heftiger Umbruchphasen, so genannter „wissenschaftlicher Revolutio- nen“, erlebt. Kuhn beschreibt die Entwicklung von Theorien und Wissenschaft in etwa folgendermaßen: 1) Zunächst kann noch gar nicht von Wissenschaft gesprochen wer- den, da jene Menschen, die sich mit der Suche nach Erkenntnis beschäftigen, völlig un- eins über Gegenstände, Methoden und Theorien sind. Als Beispiel nennt er die mittelal- terlichen Alchimisten, die man als Vorläufer der Chemiker ansehen könne. Jeder braute seine Süppchen auf seine Weise, oft ohne Theorien und sehr unsystematisch – wir be- finden uns in der „vorwissenschaftlichen Phase“. 2) Im Laufe der Zeit jedoch, so Kuhn, kristallisieren sich erste Theorien heraus, bestimmte Forschungsmethoden, ein Kanon von Lehrbüchern (im weitesten Sinne), die in der Aus- und Fortbildung der Wissen-

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schaftler genutzt werden, und vor allem natürlich die Einigkeit darüber, was eigentlich erforscht werden soll. Damit hat sich eine wissenschaftliche Disziplin mit einem so ge- nannten „Forschungsparadigma“ (oder nur „Paradigma“) herausgebildet. Man kann auch sagen, dass das Paradigma aus den akzeptierten Theorien, Forschungsgegenstän- den, Methoden und Lehrbüchern besteht. Nach Kuhn existiert zu einer Zeit immer nur ein Paradigma – der Mainstream der Wissenschaftler einer Disziplin orientiert sich dar- an. Natürlich gibt es immer Abweichler, aber diese werden nicht ernstgenommen. Der Zustand, in dem ein Paradigma genutzt wird, nennt Kuhn „Normalwissenschaft“. Es werden systematische Forschungen im Rahmen des Paradigmas durchgeführt, immer genauere Werte für wichtige Konstanten und Parameter der verwendeten Theorien er- hoben usw. Aber das Paradigma und die darin enthaltenen Theorien werden nicht infra- ge gestellt. 3) Allerdings finden sich bei diesen Untersuchungen so genannte „Anoma- lien“. Das sind Forschungsergebnisse, die nicht in das Paradigma passen und nicht er- klärt werden können. Solange die Zahl der Anomalien klein ist, beunruhigt dies keinen der Wissenschaftler. Erst dann, wenn die Anomalien zunehmen und ernsthaft gezweifelt werden muss, ob das Paradigma korrekt ist, tritt die Normalwissenschaft in den Zustand der „Krise“ ein. Nun wird alles infrage gestellt, insbesondere das herrschende Paradig- ma. 4) Dies ist die Stunde der Abweichler, der Querdenker und vor allem der jüngeren Wissenschaftler mit neuen Ideen. Sie schlagen ein neues Paradigma vor; dies ist weit- gehend unerforscht, man hat bisher keine oder kaum Forschungsergebnisse. Wenn aber das neue Paradigma verspricht, viele neue „Rätsel“ zu stellen, die man im Prozess der Normalwissenschaft untersuchen kann, so „konvertieren“ die Wissenschaftler vom alten zum neuen Paradigma – dies ist die so genannte „wissenschaftliche Revolution“. Hier ändert sich alles: Methoden, Lehrbücher, Theorien, die Interpretation vorliegender Da- ten, einfach alles. Um diesen radikalen Umbruch zu umschreiben, hat Kuhn bewusst den eher im Politischen beheimateten Ausdruck „Revolution“ gewählt. Nach der Revo- lution beginnt wieder die Normalwissenschaft, die irgendwann wieder in die Krise um- schlägt usw. Im Kontext der Besprechung relativistischer Strömungen werden wir auf Kuhn zurückkommen, denn er wird oft als Relativist interpretiert. Dazu aber später mehr.

Lakatos spricht nicht von Paradigmen, sondern von „Forschungsprogrammen“. Auch er möchte die Methodologie Poppers stärker mit tatsächlichen Vorgehensweisen in der

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80

Wissenschaft abgleichen. Daher führt er die Unterscheidung von „Kern“ und „Schutz- gürtel“ eines Forschungsprogramms ein. Der Kern besteht aus all jenen theoretischen Annahmen, die für die Wissenschaftler einer bestimmten Disziplin unantastbar sind und ihre Grundüberzeugungen wiedergeben. Der Schutzgürtel wiederum besteht aus jenen Aussagen, Hypothesen und Theorien, die man selbst für änderbar hält. Wissenschaft, so Lakatos, besteht nun daraus, dass systematisch am Schutzgürtel eines Forschungspro- gramms gearbeitet wird. Solange dies zu einem Forschritt in dem Sinne führt, dass neue Probleme und Fragestellungen entwickelt und gelöst werden können, wird das For- schungsprogramm verfolgt. Wichtig gegenüber Kuhn ist jedoch, dass es in der Regel mehrere Forschungsprogramme gibt, allerdings wird in der Regel eines bevorzugt. Wenn nun aber die Arbeit am Schutzgürtel des dominierenden Forschungsprogramms zu einer so genannten „degenerativen Problemverschiebung“ führt, kriselt es. Statt mehr löst ein Forschungsprogramm nach einer degenerativen Problemverschiebung weniger Fragen und Probleme. In diesem Fall gehen die meisten Wissenschaftler zu einem ande- ren Forschungsprogramm über. Das ursprünglich dominante Forschungsprogramm ver- schwindet in der Versenkung; allerdings kann er von dort wieder auftauchen, wenn es gelingen sollte, es erneut in eine produktive Phase zu bringen, also den Schutzgürtel dieses Forschungsprogramms so zu modifizieren, dass es erneut interessante Probleme aufwirft und löst.

Zusammenfassend: Bei Popper werden Theorien ständig endgültig verworfen, wenn sie falsifiziert wurden – sie tauchen nicht wieder auf. Bei Kuhn werden ganze Paradigmen revolutionär gekippt und abgelöst – sie haben danach nur noch einen Platz in der Wis- senschaftsgeschichte. Bei Lakatos existiert eine Konkurrenz verschiedener Forschungs- programme; Falsifikation bedeutet hier degenerative Problemverschiebung mit Rele- vanzverlust des Forschungsprogramms – doch muss dies nicht endgültig sein.

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3.3

Konstruktivismus

Finden oder erfinden – Konstruktivisten machen an dieser Dichotomie ihre Wissen- schafts- und Erkenntnistheorie fest. Ein Mensch, der Finden als den entscheidenden Prozess des Alltags und der Wissenschaft betrachtet, nimmt damit zwangsläufig eine Position ein, die von der realen Existenz von Dingen, Gegenständen oder auch Naturge- setzen ausgeht – Kritische Rationalisten bspw. tun dies. Ein Konstruktivist dagegen stellt sich auf den erkenntnistheoretischen Standpunkt, dass Menschen – sowohl im All- tag als auch in der wissenschaftlichen Theorie und Praxis – die Gegenstände ihrer Er- kenntnis nicht finden, sondern erfinden; sie konstruieren sie.

3.3.1 „Wissen wie“ oder „Wissen was“

Ernst von Glasersfeld (Glasersfeld 1995, S. 13) – einer der bedeutenden deutschspra- chigen Vertreter des Konstruktivismus – ist der Meinung, dass das entscheidende Cha- rakteristikum menschlichen Wissens ist, das es uns eben nichts darüber mitteilt, wie die Welt oder die Dinge sind, sondern nur, wie mit der Welt und den Dingen zu hantieren ist. Damit nimmt von Glasersfeld einen Standpunkt ein, der sich von einem – wie von ihm unterstellt – weit verbreiteten mehr oder minder naiven Realismus radikal unter- scheidet. Denn seiner Meinung nach war das Ziel der Wissenschaften bisher, zu erken- nen, was – frei nach Goethe – „die Welt im Innersten zusammenhält“. Wissenschaft hat also bisher eben nicht nur die Frage gestellt, wie mit den Dingen umzugehen ist, son- dern was sie sind. So könnte man beispielsweise den Forschern des späten 19. und frü- hen 20. Jahrhunderts, welche die Struktur der Atome aufdecken wollten und daraufhin das Planetenmodell des Atoms entwickelten – in erster Linie Ernest Rutherford (geb. 30.08.1871, gest. 19.10.1937) und Niels Bohr (geb. 07.10.1885, gest. 18.11.1962) – unterstellen, dass sie tatsächlich der festen Meinung waren, dass dieses Modell eine 1:1- Abbildung der Natur in eine mathematische bzw. physikalische Sprache darstellt. Un- terstellen wir Rutherford und Bohr für einen Augenblick diese Meinung, 41 dann hätten sie mit jener Meinung zwei verschiedene, aber gleichsam wichtige Aussagen impliziert. Die eine ist, dass Menschen in der Lage sind, die Welt, so wie sie tatsächlich und wirk-

41 Was insbesondere für Niels Bohr sicherlich falsch ist, denn er selbst hat später seine Ansichten zum Aufbau des Atoms deutlich modifiziert.

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lich ist, zu erkennen. Die andere ist, dass die Welt genauso ist, wie Menschen dies for- mulieren (können). Die erste ist damit eine epistemologische Aussage auf die Frage „Was können wir wissen?“. Die zweite ist eine epistemologische und ontologische Aus- sage über die Natur der Welt und unser Vermögen, über diese zu sprechen. Zusammen – nach der weiter oben einführten Einteilung – könnte man dies als „naiven Realismus“ bezeichnen.

Gegen diesen mehr oder minder naiven Realismus führen Konstruktivisten (Glasersfeld 1995, S. 12) folgendes Argument ins Feld: Wenn ein Mensch eine Beobachtung irgend- eines Gegenstandes macht, dann nur durch seine Sinne. Für das Sprechen über diesen Gegenstand steht ihm also nur seine Wahrnehmung zur Verfügung und er kann diese niemals mit dem Gegenstand selbst vergleichen, denn diesen kann er ja nur wahrneh- men. Daraus aber folgt, dass Menschen für die Reflexion über die Welt nur das Material der Phänomene zur Verfügung stehen haben, nicht mehr. Alles, was wir also vermeint- lich über die Gegenstände der Welt sagen, ist tatsächlich nur eine Aussage über unsere Wahrnehmung. Hier knüpft der Konstruktivismus an die Argumente von Immanuel Kant an, der postulierte, dass wir „das Ding an sich“ – also die Welt „da draußen“ – nie „an sich“ wahrnehmen (Glasersfeld 1995, S. 13), sondern immer nur eine durch von den in unserem Verstand befindlichen Kategorien und Schemata bestimmte Wahrnehmung des Gegenstandes erlangen können.

Am Beispiel des oben angeführten Atommodells kann der Unterschied von „Wissen wie“ und „Wissen was“ deutlich dargestellt werden. Wir wissen, oder besser, die Physi- ker der damaligen Zeit wussten, wie sie gewisse Experimente durchführen mussten, um entsprechende Ergebnisse – nämlich mit der Theorie übereinstimmende – aus dem Ex- periment zu erhalten. Aus konstruktivistischer Sicht muss nun festgestellt werden, dass abgesehen davon, dass Atome überhaupt nicht direkt wahrnehmbar sind, jene Physiker aber in der Tat nicht wussten, was Atome denn wirklich sind, denn zur Kontrolle ihrer Beobachtungen der Experimente standen ihnen wiederum nur weitere Beobachtungen zur Verfügung. Auch die Theorie, an der die empirischen Daten geprüft wurden, beruh- te entweder auf Wahrnehmungen oder Beobachtungen oder war eine aus Phantasie oder Intuition geborene Idee und wäre damit eben nur durch Beobachtung oder durch Kon- struktionen fundiert, nicht auf eine wirkliche Erkenntnis der Welt.

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3.3.2 Skeptizismus und Instrumentalismus als Vorläufer

Selbstverständlich soll mit der Überschrift nicht unterstellt werden, dass der Skeptizis- mus, der Instrumentalismus oder Funktionalismus direkte Theorien-Vorfahren des (ra- dikalen) Konstruktivismus wären. Aber sie stellen Erkenntnistheorien dar, die einen guten Ausgangspunkt zur Formulierung konstruktivistischer Theorien bieten und von Konstruktivisten auch ausdrücklich als Wegbereiter des Konstruktivismus genannt wer- den (Glasersfeld 1995, S. 9; Richards/Glasersfeld 1992, S. 192).

Der Skeptizismus ist eine sehr alte epistemologische Denkrichtung, begründet von Pyrrhon (geb. um 360 v. Chr., gest. um 270 v. Chr.) und deutlich später auch geprägt von Sextus Empiricus (geb. um 150, gest. um 250). Sie haben bereits zentrale Gründe für die Unmöglichkeit der Erkennbarkeit von Wahrheit und damit der Welt aufgestellt, als Beispiele können genannt werden:

1. die Verschiedenheit der Lebewesen im Allgemeinen,

2. die Verschiedenheit der Menschen,

3. die verschiedenen Einrichtungen der Sinnesorgane

4. die Verschiedenheit der subjektiven Zustände (z. B. Stimmungen),

5. die Verschiedenheit der Stellung, Entfernung und örtlichen Umgebung des Objekts,

6. das Vermischtsein des Wahrnehmungsobjekts mit anderen Objekten,

7. die verschiedenen Wirkungen der Objekte je nach Quantum (Menge) und Komposi- tion (Zusammensetzung) derselben,

8. die Relativität aller Erscheinungen und Wahrnehmungen,

9. die Häufigkeit oder Seltenheit der Eindrücke,

10. die Verschiedenheiten der Erziehung, Gewohnheit, Sitte, der religiösen und philoso-

phischen Anschauungen. Für das konstruktivistische Denken sind in erster Linie die Punkte 4, 6, 8 und 10 von

Bedeutung, wird hier doch bereits die Erkenntnis in Abhängigkeit vom erkennenden Subjekt gesehen und nicht mehr als objektiv.

Unter Instrumentalismus wird hier ein epistemologischer Standpunkt verstanden, der Wissen oder Theorien nicht danach beurteilt, ob sie – nach welchen Maßstäben auch immer – wahr sind, zum Beispiel wahr dadurch, dass sie durch Ableitung aus evidenten Axiomen hergeleitet werden können oder innerhalb des realistischen Weltbildes wahr

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84

aufgrund der Übereinstimmung mit der Welt sind. Stattdessen wird das Wahrheitskrite- rium ersetzt durch die Forderung, dass beispielsweise eine Theorie mit den von ihr prognostizierten Beobachtungen übereinstimmt (Glasersfeld 1995, S. 15; Mainzer 1991, S. 174). Nun sieht dies zunächst wie die Wahrheitsforderung des Realismus aus. Aber dort wird ja eine ontologische Aussage dergestalt getroffen, dass die Theorie die Welt, so wie sie ist, beschreiben oder widerspiegeln muss. Genau jene Forderung lässt der Instrumentalismus fallen, denn es wird nicht mehr gefragt, ob die Phänomene, die in einer Theorie prognostiziert und dann beispielsweise in Experimenten beobachtet wer- den, wirklich die Welt darstellen, wie sie ist. Das Wahrheitskriterium wird durch ein Nützlichkeitskriterium ersetzt: Eine Theorie oder Wissen ist nützlich dann, wenn sie oder es in Relation zu vorgegebenen Zielen das Erreichen eben jener Ziele befördert (Glasersfeld 1995, S. 15/16). Der Instrumentalismus versucht damit, die epistemologi- sche Frage der Erkenntnisfähigkeit von der ontologischen Frage der Weltwirklichkeit zu trennen.

Der Funktionalismus ist vor allem in den Kognitionswissenschaften wichtig geworden. Die Kernthese ist hierbei, dass man kognitive Vorgänge nicht in Bezug auf die Realisie- rung durch irgendwelche Neuronen betrachten sollte, sondern immer nur unter dem As- pekt der Funktion. Damit gelänge es besser, Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen kognitiven Systemen herzustellen, zwischen Menschen, aber auch zwischen Menschen und Maschinen (Gardner 1992: 91/92). Interessant ist nicht, durch welche Komponenten des Gehirns das Denken produziert wird, sondern in welchem funktionalistischen Zu- sammenhang bestimmte Wahrnehmungs- und Verhaltensleistungen zur Umwelt stehen. Damit ist die Verbindung zum Konstruktivismus deutlich, da Bewusstseinsvorgänge als Anpassung an die Umwelt betrachtet werden.

3.3.3

Konstruktivismus

Wie also gerade schon bemerkt, wurde bereits im Instrumentalismus die Forderung nach der Korrespondenz von Wahrnehmung und wahrgenommener Welt fallengelassen in dem Sinne, dass Korrespondenz kein entscheidendes Kriterium für die Gültigkeit von Theorien und Wissen sein sollte. Der Skeptizismus liefert zusätzlich den grundsätzli- chen Zweifel an der Erkenntnisfähigkeit bzw. an der Möglichkeit sicheren Wissens.

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Der Konstruktivismus indes macht weiter gehende Aussagen, denn hier kann die De- ckung von Wahrnehmung und wahrgenommener Welt gar nicht mehr erreicht bezie- hungsweise angenommen werden. Durch die Annahme der informationellen Abge- schlossenheit des zentralen Nervensystems des Menschen gegenüber einer wie auch immer gearteten Außenwelt ist unser kognitiver Apparat genötigt, sich ein Bild der Welt zu machen, so dass der Erhalt der eigenen Existenz gesichert werden kann (Roth 1991, S. 233ff.; Glasersfeld 1995, S. 21). Die oben bereits formulierte Nützlichkeitsforderung des Instrumentalismus fließt hier ein, allerdings in verschärfter Form: Nicht nur für Er- kenntnis im eher lebensfernen Sinne der Wissenschaft, sondern auch für das nackte Ü- berleben des Menschen ist es entscheidend, welche Bilder oder eben Konstruktionen sich der Mensch von seiner Umwelt macht. Von Glasersfeld macht dies an einem sehr einfachen, aber durchaus eindrücklichen Beispiel deutlich (Glasersfeld 1995, S. 19):

Wenn ein Blinder durch einen Wald läuft, so kann er aufgrund seiner Blindheit die Bäume nicht sehen, sondern nur ertasten. Sein Bild oder seine Konstruktion des Waldes wird eine Art von mentaler Landkarte sein, in der diverse Hindernisse eingezeichnet sind, ohne dass diese Hindernisse nun näher spezifiziert seien. Der Blinde erkennt den Wald nicht, sondern konstruiert ein Bild, welches der ertasteten Lage der Hindernisse Rechnung trägt (Glasersfeld 1995, S. 20). Für die Konstruktivisten sind hier die Begrif- fe der „Passung“ oder der „Viabilität“ entscheidend, die im Gegensatz zum Realismus ausdrücken, dass unsere Kognitionen nicht 1:1-Abbildungen oder Isomorphismen der äußeren Welt sind, sondern zu dieser passen oder eine Funktion der derselben ist (Gla- sersfeld 1995, S. 18, 23ff.).

Natürlich kann der Blinde den Hindernissen auch noch Eigenschaften zurechnen; so sind manche rau, andere glatt nach seiner Empfindung. Die Textur, die er seinen Hin- dernissen auf seiner mentalen Landkarte überstülpt, ist aber wiederum nur eine weitere Konstruktion, denn sie wird aufgrund rein quantitativer Impulse der sensorischen Wahrnehmung und nicht aufgrund qualitativer Merkmale gebildet. Damit wird natürlich auch deutlich, dass die Blindheit unseres Waldläufers nur metaphorisch gemeint ist. Auch ein Sehender bekommt über seine Augen nur Impulse mit quantitativer Variation; die Farben, die er sich dann konstruiert, sind eben nur Konstruktionen und haben nicht notwendigerweise eine Entsprechung in der äußeren Welt (Roth 1991, S. 235).

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Konstruktion ist dabei nicht etwa ein immer bewusster Prozess, sondern läuft vielmehr in der Regel automatisch ab. Wir leben; dabei konstruieren wir notwendig ein Bild einer äußeren Welt, über die wir jedoch nicht mehr sagen können, als dass sie für uns an sich nicht zugänglich ist. Das Kant’sche „Ding an sich“ bleibt uns verborgen, ja noch mehr, wenn wir ein „Ding“ als existent in der äußeren Welt konstruieren, dann können wir nicht einmal davon ausgehen, dass dieses „Ding“ überhaupt vorhanden ist (Glasersfeld 1995, S. 20/21). Die epistemologische Aussage des Konstruktivismus ist damit also, dass wir die äußere Welt an sich nicht erkennen können, weil es keinen informationellen Austausch zwischen unserem Bewusstsein und der äußeren Welt gibt.

Wenn dem aber wirklich (?!) so ist, dann stellt sich sofort die Frage, warum die Kon- struktionen unseres Bewusstseins zeitlich eine deutliche Kohärenz und Konstanz auf- weisen. Die Antwort darauf folgt aus dem oben schon angesprochenen verschärften Nützlichkeitsprinzip. Der oben beschriebene Waldläufer muss ein Bild des Waldes kon- struieren, das verhindert, dass er ständig gegen Bäume rennt und sich den Kopf ein- schlägt (Glasersfeld 1995, S. 22; Lohmann 1994, S. 209). Konstruktionen müssen also adäquate Antworten auf die äußere Welt sein 42 . Sie sind Unterscheidungen zwischen Subjekt und Objekt oder verschiedenen Objekten (Lohmann 1994, S. 214ff.; Schmidt 1994, S. 20ff.). Dabei ist aber zu beachten, dass die Unterscheidung keine Aussage über die äußere Welt machen kann; sie ist eine Beobachtung, die bereits auf Konstruktionen beruht, nämlich jener der Möglichkeit der Einteilung in Subjekt und Objekt oder ver- schiedenen Objekten. Es bleibt zu wiederholen: Es gibt eine äußere Welt, sowohl Luh- mann als auch von Glasersfeld sind sich hier einig (vgl. Lohmann 1994, S. 206, 219). Aber, so Luhmann, sie ist nur dazu notwendig, den Konstruktionsprozess durch das Individuum in Gang zu setzen, mehr jedoch nicht. Sie gibt dem Bewusstsein die Dispo- sition mit, konstruieren zu können dadurch, dass sie eine Umwelt für autopoietische Systeme darstellt und diese sich in ihr entwickeln konnten (Lohmann 1994, S. 218). Mehr lässt sich über die äußere Welt kaum sagen.

Damit stellt sich aber die Frage nach der Möglichkeit von „objektiver“ Erkenntnis, denn nach dem bisher Gesagten könnte man zu der Formulierung Feyerabends, „anything

42 An dieser Stelle wird deutlich, dass der Konstruktivismus einen Minimalrealismus einschließen muss, um selbst konsistent zu bleiben (vgl. Wendel 1990; 1997).

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goes“, kommen. Genau dieser Vorwurf der vollständigen Unverbindlichkeit und Un- überprüfbarkeit von Aussagen und Theorien im Rahmen einer konstruktivistischen Er- kenntnistheorie wurde tatsächlich erhoben (Lohmann 1994, S. 205; Glasersfeld 1995, S. 31). Die Konstruktivisten wehren sich allerdings gegen diesen Vorwurf. Sie sind der Meinung, dass auch ohne Berufung auf eine von Menschen unabhängige Welt zwischen „subjektiven“ und „objektiven“ Urteilen (Glasersfeld 1995, S. 32) unterschieden werden kann und muss.

Wie schon weiter oben bemerkt, baut das Erkennen der äußeren Welt entscheidend auf die Konstruktion von Unterschieden und, nach von Glasersfeld, auf die Bildung von Invarianten durch Abstraktion auf. Sofern diese Invarianten zeitlich lange genug stabil sind, werden sie als real betrachtet und erzeugen den Eindruck einer „kohärenten Wirk- lichkeit“ (Glasersfeld 1995, S. 34). Ein Beispiel: „Objektivität“ entsteht jetzt dadurch, dass wir anderen Dingen der äußeren Welt die selbst erfahrenen Eigenschaften wie Wahrnehmungs-, Empfindungs- und Denkfähigkeit zusprechen und alle diese Dinge in der Kategorie „Mensch“ zusammenfassen (Glasersfeld 1995, S. 34/35). Damit ist, um es wiederum deutlich zu machen, keine ontologische Aussage verbunden: Menschen sind nichts anderes als Instanzen einer Klasse, die durch gewisse Invarianten unserer Kon- struktionen konstituiert wird. Wie wird also eine Aussage wie „Gras ist grün“ objekti- viert? Zunächst hat das Bewusstsein Konstruktionen über die äußere Welt, in der Gras grün ist. Zudem besitzt es Modelle von Dingen, die als Menschen bezeichnet werden und denen gewisse Eigenschaften zugeschrieben werden, die sich auf Invarianten stüt- zen. So könnte eine Invariante sein, dass andere Menschen (Modelle/Konstruktionen von Menschen) auf den Satz „Dieses Gras ist grün“ beim Laufen über eine grüne Wiese immer mit „Ja“ antworteten. Damit ist die Aussage „Gras ist grün“ über die Invarianz der Antworten objektiviert, da in den Modellen von anderen diese Aussage entspre- chend funktioniert oder viabel ist.

3.3.4 Beispiele für die Konstruktion von Wirklichkeit

Ein Beispiel für eine Konstruktion wurde bereits mit dem Waldläufer und seiner menta- len Landkarte genannt. Dieses Beispiel macht zugleich auch deutlich, dass Konstruieren ein ständig ablaufender Prozess ist und unabtrennbar zu unserem Leben gehört. Er ist zudem ein fundamentaler Prozess, womit ausdrückt werden soll, dass die Konstruktio-

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nen als adäquate Antworten auf die äußere Welt unhintergehbar sind. Es gibt keine Er- kenntnis jenseits von Konstruktionen, alle Erkenntnis ist Konstruktion. Dies gilt dann natürlich auch für wissenschaftliche Erkenntnis. Theorien oder Hypothesen sind Kon- struktionen, die letztlich nichts über die äußere Welt aussagen können.

Aus Sicht des Konstruktivismus könnte man nun eine Liste von wissenschaftlichen Theorien aufzählen und jeweils dazu sagen, dass diese Theorien Konstruktionen sind, die im wissenschaftlichen Arbeiten adäquate Antworten auf eine wie immer geartete, nicht weiter erkennbare Welt sind. Dies sähe dann so aus: Die Einstein’sche Relativi- tätstheorie ist eine Konstruktion, weil sie Aussagen macht, die passend sind zu den Konstruktionen, die gemacht werden im Zusammenhang mit der Beugung von Licht in der Nähe von stark gravitierenden Körpern, wobei „Licht“ ein Konstrukt ist, dass eine passende Antwort auf quantitativ unterschiedene Reize in unserem Sehzentrum darstellt und „Beugung“ ein theoretisches Konstrukt in einer nicht-euklidischen Geometrie, dem

keine quantitativen Reize gegenübergestellt werden können. „Körper“ sind

usw., etc.

Interessanterweise gibt es aber neben der Möglichkeit, so über Theorien zu sprechen, einen Verweis auf den konstruktivistischen Charakter von Wissenschaft, den man viel- leicht so nicht erwartet. Im Kapitel über den Kritischen Rationalismus war bereits die Rede kurz auf Thomas S. Kuhn gekommen. Ohne dass Kuhn explizit einen konstrukti- vistischen Standpunkt einnehmen würde, kann seine Beschreibung der „Struktur wis- senschaftlicher Revolutionen“ jedoch durchaus konstruktivistisch gedeutet werden.

Kuhn schreibt, dass das Datenmaterial, das innerhalb einer wissenschaftlichen Disziplin gesammelt wurde, immer in Abhängigkeit vom herrschenden Paradigma interpretiert wird. Dies kann man vielleicht an folgendem Beispiel verdeutlichen: für die antiken Griechen mit ihrem geozentrischen Weltbild war der Mond ein Planet so wie die Venus oder der Mars auch. Alle Himmelskörper umkreisten für sie die Erde. Für uns jedoch ist der Mond eben ein Mond; er umkreist zwar die Erde, aber die Erde ist ein Planet und Planeten umkreisen die Sonne. Hier sind nicht nur Relationen geändert worden; hier hat sich ein Weltbild geändert, so Kuhn. Wenn wir vom Mond sprechen, meinen wir etwas völlig anderes wie die antiken Griechen. Weltsichten bestimmen also die Interpretation des Datenmaterials; außerdem sind Weltsichten inkommensurabel.

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Nun wird mit einem Paradigmenwechsel die Weltsicht geändert und die vorhandenen Daten werden einer völligen Neuinterpretation unterworfen. Aussagen, die im alten Pa- radigma wahr waren, können im neuen Paradigma gar nicht mehr richtig verstanden werden. Die Konstruktion der Welt aus den vorhandenen Daten und mithilfe des vor- handenen Paradigmas liefert ganz neue Antworten. Theorien und Aussagen im alten Paradigma waren passen und viabel für dieses; im neuen passen sie nicht mehr, sie funktionieren nicht.

Kuhn – obwohl oft zum Kritischen Rationalismus gezählt – hat durch seine Konzeption der Wissenschaft also konstruktivistische Elemente in die Wissenschaftstheorie ge- bracht. Viel stärker aber hat sich sein Relativismus ausgewirkt, der in der Inkommensu- rabilität der Paradigmen zum Ausdruck kommt. Dies wird auch Gegenstand des folgen- den Kapitels sein.

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3.4

Relativistische Strömungen

3.4.1

Der Relativismus der Sprache

So banal es klingen mag: Sprache ist im Grunde das einzige Mittel, das Menschen zur Verfügung steht, um Wissen, Informationen, Erkenntnis weiterzugeben. Zwar können wir als Individuen lernen, ohne selbst dabei sprechen zu müssen. Und wir können durch Beobachtung und Nachahmung Wissen erwerben. Doch die Grenzen des Erwerbs neuen Wissens und die Weitergabe desselben sind mehr als deutlich. Dies ist nicht einfach eine philosophische Konstatierung, sondern eine empirisch gestützte Aussage. Beobach- ten wir die biologisch nächsten Verwandten der Menschen, Primaten, können wir diese Grenzen klar erkennen. Ohne Sprache lassen sich allenfalls einfachste Zusammenhänge weitergeben.

Es ist es daher kaum verwunderlich, dass die Frage nach der Menschwerdung eng mit der Frage zusammenhängt, welche unserer Vorfahren bereits der Sprache mächtig wa- ren. Es gibt offenbar, trotz der allgemeinen Akzeptanz der Evolutionstheorie, das starke Bedürfnis nach Abgrenzung zu den Tieren. So ganz ohne weiteres wollen wir uns offen- sichtlich nicht die Krone der Schöpfung entreißen und uns vom Thron stoßen lassen. Es wurde eine Reihe von Versuchen gestartet, ein Merkmal zu finden, das uns unmissver- ständlich und unbezweifelbar von den Tieren, zu denen wir biologisch eben doch gehö- ren, zu unterscheiden. Dies macht sich schon in den Gattungsbezeichnungen bemerkbar:

z. B. homo erectus (der aufrecht gehende Mensch) oder homo sapiens (der weise Mensch). Nun können Schimpansen und Gorillas zumindest zeitweise aufrecht gehen; mit der Weisheit des Menschen ist es so eine Sache, denn oftmals scheinen wir uns ja doch recht unvernünftig zu verhalten. Eine andere Bezeichnung, die sich nicht in biolo- gischen Gattungsbegriffen niedergeschlagen hat, wäre homo faber, den meisten wahr- scheinlich durch den gleichnamigen Roman von Max Frisch bekannt. Das Schaffen, das Benutzen von Werkzeugen ist aber ebenfalls kein gutes Unterscheidungsmerkmal, da es im Tierreich eine Vielzahl verblüffender Beispiele des Werkzeuggebrauchs gibt, die zum Teil nicht nur instinktgesteuert sind, sondern teilweise auch intentional verstanden werden können.

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Bleibt die Sprache als Merkmal der Distinktion. Selbst hier kommen wir in Schwierig- keiten, den es ist gelungen, Schimpansen die Nutzung von Symbolsprachen oder eines Subsets der Taubstummensprache beizubringen. Doch sind diese Versuche umstritten, denn es ist nicht ganz klar, ob es sich hier um echtes Sprachbenutzen oder um Dressur- akte handelt. Sei es, wie es will, Sprache wird nach wie vor als ein ganz wichtiges Un- terscheidungsmerkmal des Tieres Mensch vom Tierreich herangezogen. Denn selbst wenn Schimpansen Werkzeuge benutzen, durch Nachahmung lernen, Pläne entwickeln können, Kriege führen oder sogar mit der Taubstummensprache umgehen können, eines ist keinem anderen Tier gelungen: Kultur zu entwickeln. 43 Hier fällt im Übrigen auf, dass die rasantesten Veränderungen der menschlichen Lebensweise zeitlich sehr eng zusammenfallen mit der Entwicklung der Schrift. Die Fixierung sprachlicher Inhalte in Schrift scheint die Möglichkeiten der Sprache noch zu potenzieren.

Doch soll es hier nicht so sehr um eine Genealogie der Sprache und Schrift gehen. Es soll vielmehr die Frage gestellt werden, in wie weit Sprache uns Grenzen setzt, denn sie öffnet nicht nur Horizonte. So meint Platon durch den Mund des Sokrates im Dialog Phaidros, dass die geschriebene Sprache ein ungeeignetes Mittel zu Weitergabe von Wissen sei. Sokrates erzählt gegen Ende des Dialogs mit Phaidros den Mythos von Theuth, einem Gott der alten Ägypter, der diesen die Schrift brachte. Platon nutzt diesen Mythos, um die Wissensvermittlung durch die Schrift, also durch Bücher im weitesten Sinne, zu kritisieren. Er vertritt die Meinung, dass Bücher keine Erkenntnis vermitteln könnten; sie erleichtern zwar das Erinnern, befördern aber nicht die Einsicht. Seiner Meinung nach ist die einzig adäquate Form der Weitergabe von Wissen und Erkenntnis die gesprochene Sprache im Dialog. Sicher ist das geschriebene Wort bereits sehr weit von der beschriebenen Welt entfernt. Doch hat sich die Kluft zwischen Welt und Men- schen nicht erst mit der Benutzung der Schrift geöffnet, sondern schon in der Bildung sprachlicher Äußerungen. Gründe für die Existenz dieser Kluft sollen im Folgenden genannt und untersucht werden.

Zunächst einmal muss die Welt „in den Menschen kommen“. Das heißt, das Geschehen der Welt und das Inventar der Welt müssen auf eine hier nicht näher bestimmbare Wei-

43 Selbst das ist umstritten, denn diese Aussage ist davon abhängig, wie man den Ausdruck „Kultur“ versteht. Sieht man darin sozial tradierte Verhaltensweisen, so besitzen Menschenaffen durchaus Kul- tur. Versteht man etwas anderes unter Kultur – die Frage ist nur, was? – so, mag dies nicht zutreffen.

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se im Menschen repräsentiert werden. Doch wir haben keinen direkten Zugang zu Welt, sondern nehmen diese immer über den Umweg unserer Sinne wahr. Diese jedoch stellen bereits Filter dar: mit unseren Ohren können wir nur ein bestimmtes akustisches Spekt- rum hören, mit unseren Augen nur ein bestimmtes optisches Spektrum sehen. Zudem stellen unsere Sinne noch auf eine andere Weise Filter dar, denn wir haben nur Rezepto- ren für ganz bestimmte Reize, für andere jedoch nicht. Kurz und gut, was wir von der Welt wahrnehmen, ist hoch selektiv.

In welcher Weise Sinneswahrnehmungen in unserem zentralen Nervensystem verarbei- tet und gespeichert werden, ist Gegenstand der neurophysiologischen und neurobiologi- schen Forschung. Obwohl bereits interessante Entdeckungen gemacht wurden, ist nach wie vor bei weitem nicht verstanden, wie die Informationsverarbeitung im Gehirn ab- läuft. Doch selbst die bereits gemachten Erkenntnisfortschritte können eine zentrale Frage überhaupt nicht erklären: wie ist es möglich, dass rein physikalisch beschreibbare Prozesse umschlagen in eine neue Qualität des Bewusstseins. Oder näher zum Thema von der Sprache als Grenze: wie ist es möglich, dass rein physikalische Prozesse zu Äußerung von Sätzen führen, die Bedeutung tragen und zur Verständigung von ver- schiedenen Menschen dienen können?

Willard van Ornam Quine, einer der wichtigsten Vertreter der analytischen Philosophie, erklärt die Nutzung und Aufgabe von Sprache anhand des Prozesses des Erlernens von Sprache in der frühen Kindheit. Auf den jungen Organismus, so Quine, dringen mittels der Sinnesorgane vielfältige Eindrücke ein. Zunächst sind diese völlig ungeordnet und ohne Sinn. Doch durch Lernprozesse beginnt der Organismus, die Sinneseindrücke zu strukturieren. So bekommen jene bewegten Farbflecken, Gerüche, taktilen Empfindun- gen und Geräusche, die immer zusammen mit dem angenehmen Ereignis der Nahrungs- aufnahme verbunden sind, die Bedeutung einer Einheit – meist ist es die Mutter. Insbe- sondere lernt der Organismus, das Auftauchen dieser Gesamtheit der Sinneseindrücke zu verbinden mit dem eigenen Verhalten, beispielsweise Schreien. Sprache wird nun dadurch erlernt, dass jene Farbflecke bestimmte Lautfolgen von sich geben. Aus seiner genetischer Disposition heraus beginnt der Organismus, diese Lautfolgen zu wiederho- len. Dieses Verhalten zeitigt den Erfolg angenehmer Erfahrungen wie Zuwendung oder Nahrung.

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Spracherwerb ist nach diesem Modell letztlich Konditionierung. Menschen lernen wäh- rend ihres Lebens die Benutzung von Sätzen und Wörtern dadurch, dass sie bemerken, dass die Nutzung bestimmter Redewendungen zu ganz bestimmten Reaktionen der An- gesprochenen führt. Die Frage der Richtigkeit oder Wahrheit geäußerter Sätzen wird deshalb auch nicht dadurch entschieden, dass ein bestimmter Sachverhalt in der Welt vorliegt, sondern dadurch, dass unsere Kommunikationspartner ein Verhalten zeigen, das zu den geäußerten Sätzen passt.

Zur Explikation soll folgendes Beispiel dienen: zwei Menschen beobachten die unterge- hende Sonne. Wenn einer den Satz äußert, dass die Sonne nicht rund aussieht, dann ent- scheidet nicht die Tatsache der Nichtrundheit der Sonne über die Richtigkeit des Satzes, sondern die Reaktion des Gesprächspartners. Denn wenn dieser daraufhin äußert „Ja, Du hast recht“, gilt dies als Bestätigung, die zu einer ganz bestimmten Fortsetzung des Gesprächs führen wird. Wenn hingegen die Antwort eine Verneinung ist, werden unsere beiden „Sonnengucker“ vielleicht umstehende Personen befragen. So ergibt eine andere Antwort eben auch eine andere Fortsetzung des Geschehens.

Realisten, also Menschen, die von der Existenz einer bewusstseinsunabhängigen äuße- ren Welt ausgehen, die wir auch erkennen können, würden nun sagen, dass die Frage nach der Korrektheit des Satzes über die Sonne davon abhängt, wie die Sonne tatsäch- lich aussieht. Konstruktivisten hingegen würden formulieren, dass wir doch gar nicht in der Lage sind, wirklich zu entscheiden, wie die Dinge „da draußen“ sind. Schließlich sei alles, was wir zur Entscheidung dieser Frage hätten, die inneren Repräsentationen und die Möglichkeit der Kommunikation. Nur das entsprechende Handeln würde entschei- den, welche Aussage richtig ist.

Versuchen wir aber, uns der Frage der Limitierung unseres Denkens durch die Sprache noch auf anderen Wegen zu nähern. Dazu kann bspw. auf den Roman „1984“ von George Orwell zurückgegriffen werden. Der Held der Geschichte lebt in einer apoka- lyptischen Welt der Überwachung und Drangsalierung. Doch für unsere Frage ist ein anderer Aspekt der Geschichte interessant. Es gibt zwei Bestrebungen der Machthaber in jenem Roman. Zum einen versuchen sie sehr erfolgreich, die Kenntnisnahme der Menschen von der Welt in jeder Hinsicht zu beeinflussen. Informationen werden verän- dert, manipuliert, unterdrückt, lanciert, gemacht. Niemand weiß, ob die Ereignisse, über

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die in den Medien berichtet wird, tatsächlich in der Form stattfinden, wie sie dort be- richtet werden. Nicht einmal unser Held, der an der Produktion jener Informationen mitwirkt, weiß, was tatsächlich ist und was erfunden. Tatsächlich verschwindet der Un- terschied, weil es jenseits der Kommunikation über die Medien gar keinen Zugriff auf eine andere Instanz der Überprüfung gibt. Informationen, Wissen, Erkenntnis können die Menschen von „1984“ nur über die ihnen zugänglichen Kanäle gewinnen. Und diese bieten eben keine Abbilder der Realität, wie sie tatsächlich ist, sondern ein Bild der Realität, wie sie von einigen Menschen gemacht wird. Dies ist, nur auf einer anderen Ebene, die Situation, in die Menschen grundsätzlich gestellt sind, wenn man den Skep- tikern und Konstruktivisten in der Philosophie Glauben schenken möchte. Denn unsere Sinne entsprechen der Propagandaabteilung, sie produzieren Informationen, anstatt die- se nur wahrheitsgetreu zu übermitteln.

Die andere Unternehmung, die aus der Sicht Orwells noch viel deutlicher zeigen soll, dass unsere Sprache eine Grenze unseres Denkens darstellt, ist der Versuch der Ent- wicklung einer neuen Sprache, von „Neusprech“. Zwar baut diese neue Sprache auf der überkommenen Alltagssprache auf; die Wörter stammen von dort. Aber die Grammatik wird völlig vereinfacht und die Größe des Vokabulars schrumpft auf einen ganz kleinen Rest zusammen. Ziel dieser Veränderung der Sprache ist, dass die Menschen gar nichts mehr ausdrücken können, das nicht konform ist mit der Parteilinie. Man könnte nun soweit gehen, dass zumindest jene Menschen, die nur noch mit Neusprech aufwachsen und keine andere reichere Sprache mehr kennen, auch nicht mehr über diese Sprache hinweg denken können. Zumindest aber gäbe es keinerlei Indikator mehr, dass sie über die ihnen gegebene Sprache hinaus denken könnten, da sie diese Gedanken nicht mehr ausdrücken könnten. Doch auch die weitergehende Annahme liegt nahe, denn es wäre diesen Menschen grundsätzlich gar nicht mehr möglich, Dinge zu lernen oder zu erfah- ren, die nur in einem reicheren Vokabular zu sagen wären.

Dieses Beispiel legt also nahe, das die uns zur Verfügung stehende Sprache die Grenze unseres Denkens markiert. Zum einen wäre eben nicht klar, wie wir etwas lernen soll- ten, dass wir nicht sprachlich ausdrücken können, zum anderen aber fehlte der Indikator

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für die Kenntnis darüber hinaus gehender Informationen, da diese nicht kommuniziert werden könnten. 44

Kommen wir also auf die philosophischen Probleme zurück, die nichtsdestotrotz durch- aus in realen Fragen wurzeln. Eine dieser Fragen ist, wie so oft, zunächst recht trivial. Denn wenn jemand fragt, wie man eine Sprache eigentlich in eine andere übersetzt, dann ist die Antwort doch recht nahe liegend. Man nehme ein entsprechendes Wörter- buch, schaue dort nach dem zu übersetzenden Wort und nehme dann das dahinter aufge- führte fremdsprachige Wort als Übersetzung. So gehe man dann mit allen anderen Wor- ten vor. Wer jedoch schon einmal versucht hat, auf diese Weise einen Text zu überset- zen, weiß, dass man so nur Schiffbruch erleiden kann. Dafür gibt es mehrere Gründe, einer davon ist zunächst ein rein „technischer“: die zu übersetzenden Wörter liegen ja nicht in ihrer Stammform vor, sondern sind konjugiert oder dekliniert. So ist es also schon einmal nötig, Kenntnisse der Grammatik beider Sprachen zu beherrschen, um eine Übersetzung durchführen zu können. Aber ein weiteres Problem erschwert die Ü- bersetzung. Denn geht man in der beschriebenen Weise vor, dann wird man in aller Re- gel hinter jedem Eintrag im Wörterbuch nicht nur ein korrespondierendes Wort finden, sondern derer viele. Es gilt nun zu entscheiden, welches in welcher Übersetzungssituati- on ausgewählt werden soll. Doch selbst wenn man das Problem der Grammatik und das Problem der Auswahl lösen könnte, würden die resultierenden Übersetzungen zumin- dest schauderhaft klingen. In den allermeisten nichttrivialen Fällen werden sie aber rundweg falsch sein. Denn Sätze sind die Einheiten der Übersetzung, nicht einzelne Worte. Sätze sind die Träger von Bedeutung, nicht einzelne Begriffe. Dabei können diese Sätze durchaus so genannte „Einwortsätze“ sein, also bspw. „Kaninchen“ für den vollständigen Satz „Hier ist ein Kaninchen“. 45

44 Allerdings sollte hier beachtet werden, dass der gesamte Bereich des nicht sprachlichen Wissens ausgeblendet wurde. Fertigkeiten, die nicht mit Sprache, sondern beispielsweise mit Körperbeherr- schung zu tun haben, wurden hier nicht berücksichtigt. Doch ist hiermit auch auf ein weiteres und weitergehendes Problem moderner Gesellschaften hingedeutet, dass hier nicht weiter vertieft werden kann. Wissen, Erkenntnis, Fähigkeiten oder gar Intelligenz werden in modernen Gesellschaften zu- nehmend an kommunikative Kompetenzen geknüpft. Sind diese nicht vorhanden, kann dies für die betroffenen Menschen zu erheblichen Problemen führen. Insoweit sind mit dem Grad der Beherr- schung von Sprache auch Grenzen der Möglichkeiten der Lebensführung verbunden, die zwar weit von den hier besprochenen Themen entfernt, aber deshalb nicht unwichtig sind.

45 Dies ähnelt nicht zufällig den schon angesprochenen singulären Sätzen oder auch Protokoll- bzw. Beobachtungssätzen.

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Wenn wir nun ein Wörterbuch benutzen, so müssen wir uns aber auch fragen, wie die- ses denn wohl zustande gekommen ist. Dazu müssen wir uns die Situation vorstellen, dass ein Sprecher bspw. des Deutschen als erster auf eine Gemeinschaft von Menschen stößt, die eine gänzlich unbekannte Sprache spricht und für die es auch keine Umweg- übersetzung mithilfe einer dritten oder gar vierten Sprache gibt. Um nun mit jenen Men- schen sprechen, kommunizieren zu können, muss unser Forscher beginnen, ein Wörter- buch anzulegen, in dem er notiert, wie die unbekannte Sprache ins Deutsche übersetzt werden kann. Zunächst wird er sich dabei auf Beobachtungssätze stützen. So kann einer der Sprecher „gavagai“ äußern, wenn ein Kaninchen sichtbar ist. 46 Passiert dies mehr- mals, so liegt der Verdacht nahe, das „gavagai“ „Kaninchen“ bzw. „das ist ein Kanin- chen“ bedeutet. Es ist nun möglich, dies zu testen, in dem man „gavagai“ sagt, wenn ein Kaninchen anwesend ist. Trifft man auf Zustimmung, so kann man vorläufig davon ausgehen, dass man die richtige Übersetzung gefunden hat. Auf diese Weise wird man fortfahren. Doch will man nicht nur bei solchen Beobachtungssätzen stehen bleiben, dann wird sich die Möglichkeit der Überprüfung der Korrektheit geäußerter Sätze nicht mehr auf Ereignisse stützen können. Denn tatsächlich taten wir dies letztlich nicht ein- mal im Fall des Kaninchens. Es kam stattdessen auf die Reaktion unseres Kommunika- tionspartners an. Bei Sätzen, die nun nicht mehr auf Beobachtungssätze rekurrieren, sondern bspw. abstrakte Diskussionsbeiträge darstellen, fehlt die Möglichkeit der Über- prüfung anhand von äußeren Gegebenheiten.

Aber schon vorher kann bezweifelt werden, ob es gute Gründe gibt, zu glauben, dass „gavagai“ und „Kaninchen“ dasselbe bedeuten. So könnte man sich vorstellen, dass die Hintergrundphilosophie des Ureinwohners folgendermaßen aufgebaut ist: alles, was Menschen wahrnehmen können, ist nur Schein, Illusion. Tatsächlich aber gäbe es dort gar nichts, wirklich sei nur das, was wir selbst denken: kurz und gut, die Welt existiert nur in unserem Kopf. Wenn nun der Forscher ein realistisches Weltbild hat, also davon ausgeht, dass dort ein Kaninchen ist, wenn er ein Kaninchen sieht, dann ist zwar die Nutzung von „gavagai“ und „Kaninchen“ in der Situation der Kommunikation insoweit kompatibel, dass die beiden Gesprächspartner eine adäquate Reaktion zeigen. Tatsäch- lich aber verfügen sie über eine völlig unterschiedliche Ontologie und meinen deshalb

46 Das Wort bzw. das gesamte Beispiel „gavagai“ ist von Quine geprägt worden und hat in der analyti- schen Philosophie der Sprache und des Geistes regelrecht Berühmtheit erlangt.

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auch etwas völlig unterschiedliches. Der Witz ist aber nun, dass dies gar nicht über die bloßen Beobachtungssätze und ihre Übersetzung entdeckt werden kann. Tatsächlich ist die Übersetzung unterbestimmt, denn es fehlt die notwendige Sicherheit, wirklich in beiden Fällen dasselbe zu meinen.

Es liegt nun nahe, dieses Zweifel über den Gehalt, der mit Sprache transportiert wird, nicht nur auf die Situation der Übersetzung anzuwenden, sondern dies auszuweiten auf normale Gesprächssituationen mit Sprechern derselben Muttersprache. Denn auch hier liegt nur die jeweilige sprachliche Zustimmung oder Ablehnung vor, kein anderes Krite- rium kann herangezogen werden, um die richtige Verwendung eines Begriffes oder Sat- zes zu überprüfen.

Denn auch hier bleibt die These erhalten, dass es keinen direkten Zugriff auf die Welt geben kann, sondern letztlich immer nur die Möglichkeit gegeben ist, unseren Wahr- nehmungen zu trauen. Aber Wahrnehmungen bieten keinen Durchgriff auf die Dinge selbst, sondern können allenfalls Wirkungen der Dinge sein. Wie diese jedoch „tatsäch- lich“ aussehen, bleibt unklar. Entscheidend ist dann aber auch, dass es uns grundsätzlich möglich ist, eine Ontologie zu entwickeln, die einerseits kompatibel ist mit dem, was wir wahrnehmen und andererseits aber abstreitet, dass dort überhaupt etwas existiert. Wenn das „Ding an sich“ eben nicht zugänglich ist, kann man um der Sparsamkeit der Hypothesen Willen auch ganz auf Dinge verzichten. Dann aber lässt sich über die Welt nicht viel mehr aussagen, als wir eben über Wahrnehmungen aussagen können. Da es aber eine zwar rationale, aber nichtsdestotrotz bezweifelbare Hypothese ist, dass alle Menschen gleichermaßen wahrnehmen, können wir uns in der Kommunikation nur noch auf das Ausgesagte verlassen.

Insofern wäre die sprachlich konstituierte Welt die einzige uns zugängliche Welt. Die Sprache als Grenze unserer Erkenntnis wäre dann nicht so sehr als Behinderung oder unüberwindliche Hürde nach „draußen“ zu sehen, sondern die Distinktion zwischen Sprache und Welt wird selbst obsolet. Welt und Sprache sind eines: deshalb kann Lud- wig Wittgenstein den Satz „die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt“ äußern.

Wittgenstein machte dies an verschiedenen Beispielen deutlich, die sich vor allem in den „Philosophischen Untersuchungen“ finden. Zwei dieser Beispiele sollen genannt

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werden. Zum einen überlegt Wittgenstein, ob es möglich wäre, mit anderen als mensch- lichen Wesen zu kommunizieren. Aber er stellt fest, dass selbst wenn ein Löwe unsere Sprache sprechen würde, dann könnten wir ihn eben nicht verstehen. Denn der Kontext des Lebens eines Löwen ist so verschieden von unserer Welt, seine Lebensform so an- ders, seine Erfahrungen so unterschieden, dass es keine gemeinsame Praxis der Lebens- führung gäbe, die es ermöglichen würde, eine Verständigung herbeizuführen. Ein Wör- terbuch, wie eben beschrieben, würde nicht erstellt werden können, da die geteilten Si- tuationen bzw. Lebenserfahrungen und Praxisbezüge nicht existieren. Auch hier kann die Radikalisierung vollzogen werden: man kann unterstellen, dass die Lebensform und Praxis von Menschen verschiedener Kulturen so unterschiedlich sind, dass auch hier keine Verständigung möglich ist. 47

Das zweite Beispiel thematisiert die Frage nach dem Bewusstsein des Menschen. Witt- genstein vergleicht das Bewusstsein mit einem Käfer in einer Streichholzschachtel. Man stelle sich vor, jeder Mensch laufe mit einer solchen Schachtel durch die Welt. Die Menschen reden über den Käfer in der Schachtel, aber sie öffnen diese nie. Um genau zu sein, vermuten sie nur, dass darin jeweils ein Käfer sei, wissen tun sie es nicht. Sie schließen nur aus dem Rütteln, dem Vibrieren der Schachtel, dass darin ein Käfer sei. Sie schließen also ausschließlich über äußere Beobachtung auf den Inhalt, ohne eine Möglichkeit der Überprüfung zu haben. Doch geht dies noch viel weiter. Denn Men- schen bekommen diese Schachtel bei der Geburt geschenkt, ohne jemals in sie hinein- zuschauen, weder in die eigene noch in andere, ja sie geben sie nicht einmal aus der Hand. Wie lernen Menschen also zu sprechen über etwas, dass sie nicht kennen und für das es keinen Vergleichsmaßstab gibt? Nun, ebenso, wie dies weiter oben beschrieben wurde. Sie bemerken, dass ihre Mitmenschen in einer bestimmten Weise über ihre Schachtel sprechen. Probeweise versuchen sie ähnliche Sätze zu äußern. Wenn die Mit- sprecher positiv reagieren, wird der Gebrauch bestimmter Sätze und Redewendungen gelernt, ansonsten nicht. Genau so, meint Wittgenstein, verfahren wir mit Ausdrücken wie Denken, Bewusstsein, Gefühlen, Empfindungen. Es gibt eine bestimmte Praxis der öffentlichen Rede, aber keinerlei öffentlich zugänglichen Prüfungsmöglichkeiten.

47 Dies wäre dann die Position, die Kulturrelativisten einnehmen, wenn es um die Frage der Existenz oder zumindest der Akzeptanz allgemeiner moralischer Werte oder auch „nur“ um die Frage einer kompatiblen Weltsicht geht

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Was ist die Moral der Geschichte? Mit Wittgenstein könnten wir formulieren, dass die Sprachgemeinschaft, in der wir leben, bzw. der öffentliche Sprachgebrauch festlegt, was in der Welt existiert und was nicht. In einer monotheistisch-religiösen Sprachgemein- schaft ist der Satz „Gott ist allmächtig“ also ein sinnvoller und wahrer Satz, weil er mit dem üblichen Sprachgebrauch konform geht. In einer säkularen Gesellschaft hingegen ist der Satz sinnlos oder gibt nur einen Aberglauben wieder. Zwei Sprachgemeinschaf- ten können durchaus die selben Wörter benutzen und doch eine völlig andere Weltsicht zugrunde legen. Verständigung ist dann nicht oder nur sehr schlecht möglich; Wahrheit von Aussagen lässt sich nur relativ zu einer Sprachgemeinschaft feststellen.

3.4.2 Feyerabend und die Folgen

Wie eben gesehen, kann man also einen relativistischen Standpunkt aus Betrachtungen über die Sprache entwickeln. Am Beispiel von Paul K. Feyerabend kann man jedoch deutlich machen, dass es auch einen „methodologischen Weg“ zum Relativismus gibt.

Paul K. Feyerabend hat nach einer Phase wissenschaftlicher bzw. wissenschaftstheoreti- scher Arbeit als Vertreter des Kritischen Rationalismus diesen immer stärker kritisiert. Seine Hauptkritik setzte an der strengen Methodologie des Kritischen Rationalismus an; er war der Meinung, dass die Benutzung einer bestimmten Methode keine geltungsver- stärkende Wirkung auf die nach dieser Methode gewonnene Erkenntnis haben kann. Kulminiert ist seine Kritik in dem Motto „anything goes“: die Erkenntnisse aus allen denkbaren Lebensbereichen sind gleichwertig; die Wissenschaft kann keine Priorität reklamieren.

Einer der wichtigen Grundsätze der Methodologie des Kritischen Rationalismus ist, dass bisher nicht falsifizierte Theorien nicht verworfen werden; sie sind es, die in der wissenschaftlichen Praxis benutzt werden sollen; ihnen gilt die Aufmerksamkeit, wenn es um die Entwicklung und Durchführung von Experimenten geht. Erst wenn es zu ei- ner Falsifikation durch ein Experiment kommt, muss eine Theorie verworfen und eine neue Theorie entwickelt werden.

Kuhn und Popper betonten die Häufigkeit dieses Wandels unterschiedlich. Popper war der Meinung, dass der Prozess des Entwurfs, der Prüfung, der Falsifikation und der Neuentwicklung von Theorien der Kern wissenschaftlicher Tätigkeit wäre. Für ihn ist

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Wissenschaft Revolution in Permanenz. Kuhn hingegen ist der Auffassung, dass der Wechsel von einer Theorie zur anderen vergleichsweise selten stattfindet; dann aber wird nicht nur eine Theorie, sondern das gesamte Theoriengebäude einer Wissenschaft in einem Paradigmenwechsel ausgetauscht. Diesen Wandel nannte er „wissenschaftliche Revolution“. Die Gemeinsamkeit beider Positionen liegt darin, dass während der Phase der Akzeptanz einer Theorie bzw. eines Paradigmas kein anderes dazu in Konkurrenz steht.

Popper:

Kuhn:

Feyerabend:

Entwicklung Experiment Falsfikation der Theorie Bewährung Entwicklung des Normal- Anomalien Revolution
Entwicklung
Experiment
Falsfikation
der Theorie
Bewährung
Entwicklung des
Normal-
Anomalien
Revolution
Paradigmas
wissenschaft
Falsfikation
Entwicklung
Experiment
einer Theorie
Bewährung
Falsfikation
Entwicklung
Experiment
einer Theorie
Bewährung

Feyerabend verwirft dies. Er ist der Überzeugung, dass die Wissenschaftsgeschichte zeigt, dass beide Positionen nicht durch Beispiele gestützt werden können. Außerdem hält er einen Fortschritt der Wissenschaft für nicht möglich, ohne dass es Theorien- bzw. Paradigmenkonkurrenz gäbe. Die obenstehende Graphik soll die verschiedenen

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Positionen verdeutlichen. Die ersten beiden Teile entsprechen der Position Poppers und Kuhns. Die Situation, die Feyerabend in der Wissenschaft unterstellt, ist weitaus kom- plizierter als bei Popper oder Kuhn. Sie unterscheidet sich davon in zwei wichtigen Punkten. Zum einen kann die Falsifikation drei Reaktionen statt nur einer nach sich zie- hen, zum anderen existiert – zeitlich parallel – in der Regel mehr als eine Theorie zum gleichen Gegenstandsbereich. Wenn ein Experiment nicht die Ergebnisse zeitigt, wie sie von der Theorie vorhergesagt wurden, kann

1. die Theorie verworfen und eine neue entwickelt werden. Dies entspricht der Sicht Poppers auf den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt;

2. die Theorie nach wie vor benutzt werden. Die falsifizierenden Ergebnisse werden ignoriert. Dies entspricht dem Fall, dass Anomalien innerhalb eines Paradigmas hin- genommen werden;

3. eine andere, bereits existierende Theorie genutzt wird, um die Ergebnisse in Ein- klang mit dieser zu bringen. Gelingt dies, kann in Zukunft mit dieser Theorie gear- beitet werden.

Der letzte Fall führt nicht dazu, ebenso wenig wie der erste, dass die falsifizierte Theo- rie endgültig verworfen wird. Auf sie kann, falls dies notwendig werden sollte, nach wie vor zurückgegriffen werden. Es ist sogar anzunehmen, dass sie in anderen Zusammen- hängen weiterhin benutzt wird. Der Fortschritt der Wissenschaft könnte also darin gese- hen werden, dass eine Fülle von konkurrierenden Theorien entwickelt werden, die von Fall zu Fall je nach Bedarf verwendet werden. Endgültige Widerlegungen gibt es nicht; deshalb gibt es auch kein methodologisches Kriterium, eine Theorie einer anderen vor- zuziehen. Es gibt dafür allenfalls pragmatische Gründe, beispielsweise der Erfolg einer bestimmten Theorie. Wenn es jedoch kein methodologisches Kriterium gibt, um eine Theorie der anderen vorzuziehen, bleibt in letzter Konsequenz auch die in allen bisheri- gen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorien propagierte Vorzüglichkeit wissenschaftli- cher Erkenntnis auf der Strecke.

Der Kritische Rationalismus hat die Idee, menschliches Wissen könne sicher sein, deut- lich widerlegt. Theorien über die Welt können nicht sicher sein, sie sind immer nur Hypothesen, die durch Beobachtungen widerlegt werden können. Wenn Theorien in- duktiv gewonnen werden, ist immer damit zu rechnen, dass in der Zukunft ein Gegen-

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beispiel gefunden wird. Trotzdem sollte die wissenschaftliche Erkenntnis nach wie vor eine ausgezeichnete Rolle im Erkenntnisprozess spielen, da sie ein organisiertes Unter- nehmen zur Ausschließung schlechter und der Entwicklung immer besserer Theorien darstellt. Ihre strenge Methodologie wird als Garant für die Exzellenz der Erkenntnis angesehen. Feyerabend denkt dies zu Ende und kommt zu dem Schluss, dass dann jede Form der Erkenntnis hypothesenartig ist. Gilt dies, kann jede Welterklärung falsch sein; noch stärker formuliert, muss davon ausgegangen werden, dass jede Art der Hypothese oder Theorie falsch ist, da es in der Regel immer einige bekannte Gegenbeispiele gibt. Dann aber ist wissenschaftliche Erkenntnis ebenso viel oder wenig Wert wie Traditio- nen, Religion, Esoterik, Astrologie, Wissen der Schamanen, etc. Selbst so erkenntnis- ferne Lebensbereiche wie die Kunst stellen Mittel zur Welterklärung dar. Pluralismus der Erkenntnis ist für Feyerabend oberstes Gebot. Grundsätzlich sind alle Zugänge zur Welt gleichwertig; niemand darf dazu gezwungen werden, einer bestimmten Art der Welterkenntnis zu folgen. Dort, wo eine Methodologie zur allein gültigen erklärt wird, wird diese zum Dogma und unterscheidet sich nicht mehr von anderen Dogmen. Diese jedoch sind auf jeden Fall abzulehnen.

3.4.3 Konsequenzen des Relativismus

Zusammenfassend soll noch einmal auf die Konsequenzen eines bis zum Ende gedach- ten Relativismus eingegangen werden. Man kann sie grob aufteilen in wissenschaftliche bzw. erkenntnistheoretische und moralische bzw. soziale Konsequenzen; allerdings soll- te bei dieser Teilung beachtet, dass beiden Seiten miteinander in Wechselwirkung ste- hen.

Man sollte sich klarmachen, dass bspw. Feyerabend seinen Relativismus sicherlich auch aus humanistischen Gründen entwickelte. Er war der Ansicht, dass es falsch sei, mythi- sche oder religiöse Welterklärungen einfach mit dem Hinweis abzutun, dass sie der wis- senschaftlichen Überprüfung nicht standhielten. Damit würden wir aus seiner Sicht ei- ner spezifischen Erkenntnisweise Priorität über andere zuweisen, ohne dafür wirklich überzeugende Gründe aufweisen zu können. Der argumentiert, dass bspw. ein Weltbild, in dem Geister, Dämonen u. ä. Vorgänge in der Natur bestimmten aus Sicht der Men- schen, die an diese Weltsicht glaubten, durchaus rational sei. Mit einem solchen Welt- bild könnten sie also ihr Leben ordnen und gestalten und auftretende Probleme meis-

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tern. Nichts anderes – nicht mehr, nicht weniger –, so meint Feyerabend, leistet die westliche Wissenschaft. Natürlich ist dies prima facie eine sehr sympathische Ansicht, weil sie vordergründig Toleranz fordert und fördert. Doch sehen wir zurzeit die Proble- me, die mit der Akzeptanz völlig verschiedener Weltsichten einhergehen. Viele Kriege und Bürgerkriege der letzten Jahre können – nicht nur, aber auch – so verstanden wer- den, dass hierbei unterschiedliche und inkommensurable Weltsichten, Normen und Werte zusammenstoßen. Dieser Zusammenstoß kann offensichtlich nicht friedlich über Kommunikation gelöst werden – das ist eben eine Konsequenz des zu Ende gedachten Relativismus. 48 Ein anderes Beispiel für moralische bzw. soziale Konsequenzen ist der so genannte „Kopftuchstreit“, der in den letzten Wochen seine vorläufige Entscheidung vor dem Bundesverfassungsgericht gefunden hat, aber uns sicher auch in der Zukunft noch beschäftigen wird. Es stellt sich hier die Frage, wie viel Pluralität eine Gesellschaft gewähren soll und ertragen kann. Aus relativistischer Sicht ist Pluralität ein unhinter- gehbarer Aspekt des sozialen Lebens, aus universalistischer Perspektive hingegen gibt es bestimmte Normen und Werte, die für alle gelten.

Es lassen sich noch viele andere Beispiele finden, in denen bei Akzeptanz einer relati- vistischen Sicht auf Erkenntnis erhebliche Probleme entstehen können. Ein oft zitiertes Beispiel ist die Herkunft der amerikanischen Ureinwohner. Die in indigenen Völker beider Amerikas haben in der Regel einen jeweils eigenen Schöpfungsmythos, der meist beinhaltet, dass sie von einer Gottheit auf diesem Land geschaffen wurden. Hingegen zeigen paläontologische, anthropologische, genetische und linguistische Forschungen, dass auch die indigenen Völker Amerikas zugewandert sind. Nun ist das nicht nur eine rein akademische Fragestellung; schließlich könnten entsprechende Wissenschaftler sich ja sagen, dass zwar ihre Ergebnisse korrekt sind, aber es ja niemanden stören kann, wenn die betroffenen Menschen nicht daran glauben, da dies keine praktische Relevanz habe. Doch dem ist nicht so, denn die indigenen Völker Amerikas leiten aus ihrer Her- kunft Besitzrechte und Entschädigungsforderungen ab – und das ist ein Problem mit großer Praxisrelevanz. Aus realistischer Sicht kann es nur eine Wahrheit geben, die sich durch Beobachtung der Realität zumindest teilweise entdecken lässt. Die Wahrschein-

48 Um es deutlich zu sagen: Das ist keine Schuldzuweisung an jene Menschen, die eine relativistische Position vertreten, sondern es ist der Befund, dass es aus relativistischer Sicht gar nicht verwundern kann, dass entsprechende Konflikte auftreten.

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lichkeit, dass dabei Schöpfungsmythen bestätigt werden, ist eher klein. Aus relativisti- scher Sicht gibt es jedoch viele Wahrheiten, abhängig vom jeweiligen sozialen Kontext. Das lässt zwar Raum für Pluralität, aber löst da beschriebene Probleme auch nicht. Wir werden im Kapitel über Wissenschaftssoziologie erneut sehen, welche Probleme hier auch innerwissenschaftlich entstehen können.

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3.5 Kritische Theorie

Hinter der Bezeichnung „Kritische Theorie“ verbergen sich ganz verschiedene Themen, so bspw. Untersuchungen zur Musiksoziologie, Psychotherapie oder Gesellschaftskritik, aber auch Überlegungen zum Wesen der Wissenschaft. Natürlich hier können nicht alle diese Themen angesprochen werden. Daher werden in den folgenden Abschnitten vor allem die Grundpositionen der Kritischen Theorie zur Wissenschaft dargestellt. Es wird zu untersuchen sein, was unter Kritischer Theorie zu verstehen ist, in welchen Aspekten sie sich von den anderen hier vorgestellten Wissenschaftstheorien unterscheidet und wo sie auf diesen aufbaut. Die Vorgehensweise soll dabei sein, zuerst das historische Um- feld, in dem sich die Kritische Theorie entwickelt hat, zu klären. Dabei soll sowohl auf die institutionellen Belange als auch auf die politisch-gesellschaftlichen Aspekte der Zeit, in der die Kritische Theorie entwickelt wurde, eingegangen werden. Es wird zu sehen sein, dass die Kritische Theorie ohne diesen historischen Blick wesentlich schwe- rer zu verstehen wäre. Diese wenigen Bemerkungen lassen aber auch schon erahnen, dass es sich bei der Kritischen Theorie selbst nicht so sehr um eine Forschungsmethodo- logie im eigentlichen Sinne handelt, sondern um Soziologie oder besser Gesellschafts- theorie. Gerade aber deswegen ist sie unter wissenschaftstheoretischem Blickwinkel interessant, denn wir werden mit der Kritischen Theorie eine völlig andere Konzeption von Wissenschaft – bspw. im Vergleich mit dem Logischen Positivismus oder dem Kri- tischen Rationalismus – kennen lernen. Nach der Darstellung der historischen Entwick- lung sollen die Grundpositionen der Kritischen Theorie dargelegt werden. Zum Ende des Kapitels wird zudem auf die politische Wirkungsgeschichte der Kritischen Theorie hingewiesen.

3.5.1

Zeitgeschichte

Untrennbar verbunden mit der Geschichte und den Inhalten der Kritischen Theorie sind die beiden Philosophen und Sozialwissenschaftler Theodor W. Adorno und Max Hork- heimer (Honneth 1989, S. 11). Die organisatorische Manifestation der Kritischen Theo- rie war das so genannte „Institut für Sozialforschung“ in Frankfurt am Main. Die Perso- nen und das Institut zusammen werden als „Frankfurter Schule“ bezeichnet (Schnädel- bach 1980, S. 356). Neben Adorno und Horkheimer müssen weitere Personen als Mit-

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106

glieder der Frankfurter Schule genannt werden, bspw. Friedrich Pollock, Felix J. Weil und Herbert Marcuse. Tatsächlich ist diese Liste unvollständig. Für die neuere Zeit – nach dem zweiten Weltkrieg – ist es wichtig, vor allem Jürgen Habermas nicht zu ver- gessen.

Es ist aber wichtig, das Reden von der Frankfurter Schule nicht allzu wörtlich zu neh- men. Denn weder standen die verschiedenen Vertreter der Kritischen Theorie entspre- chend ihrem Alter oder Ausbildungsstand in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis zueinan- der, so dass etwa Max Horkheimer der Mentor und Lehrer von Habermas gewesen wäre (Schnädelbach 1980, S. 356). Noch war das oberste Ziel der Frankfurter Schule, genau- er das Institut für Sozialforschung, die Kritische Theorie durch eine Lehrtätigkeit an Studenten zu vermitteln. Nichtsdestotrotz wurden auch Seminare und Vorlesungen ab- gehalten und Studenten ausgebildet (Jay 1991, S. 50).

Das Institut für Sozialforschung wurde offiziell am 3. Februar 1923 gegründet (Jay 1991, S. 23). Initiator dieser Gründung waren Friedrich Pollock und Felix J. Weil. Weil hatte sich mit einer Arbeit über die praktischen Probleme der Verwirklichung des Sozia- lismus promoviert. Danach unterstützte er – durch den ansehnlichen Besitz seines Va- ters begünstigt – diverse radikal-sozialistische Projekte. Bei einem davon, einer Zu- sammenkunft von Vertretern unterschiedlicher marxistischer Flügel, wurde von Weil, seinem Freund Friedrich Pollock und auch schon von Max Horkheimer die Idee gebo- ren, eine feste und dauerhafte Institution zu gründen (ibid., S. 24). Dabei war das Ziel, in ganz neuer Weise Projekte zu bearbeiten, die ansonsten im damals existierenden U- niversitätsbetrieb nicht thematisiert werden konnten.

Als erster tätiger Leitender Direktor des Instituts firmierte Carl Grünberg (ibid., S. 27). Während seiner Amtszeit, von 1923 bis 1929, war der Schwerpunkt des Instituts für Sozialforschung auf historische und empirische Arbeiten ausgerichtet. Grünberg führte außerdem sein Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung weiter, auch als Grünbergs Archiv bezeichnet. Darin sollte jedwedes Material über die sozialistischen und Arbeiterbewegungen gesammelt werden (ibid.). Nachdem Grünberg aufgrund seines gesundheitlichen Zustandes die Leitung abgab, wurde Max Horkheimer der Leitende Direktor des Instituts. Mit ihm veränderte sich auch der Themenschwer- punkt (ibid., S. 44ff.). Von nun ab sollte verstärkt eine Theorie entwickelt werden, die

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nicht nur beschreibende Funktion in Bezug auf die herrschenden gesellschaftlichen Zu- stände haben sollte, sondern in sich die Beschreibung der Möglichkeiten und Methoden zur Veränderung des Status quo tragen sollte. Sie sollte Kritik sowohl an der bürgerli- chen Gesellschaft leisten und dabei zu deren Veränderung und zu einer Revolution bei- tragen, als auch dauerhaft kritische Funktion den Dogmen der sozialistischen und mar- xistischen Bewegungen gegenüber übernehmen (Post 1991, S. 111). Dies schien des- halb notwendig zu sein, da spätestens in den späten 20er und frühen 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in der damaligen Sowjetunion die lange Reihe der äußert umfangreichen und auch brutalen Säuberungsaktionen unter Stalin ihren Anfang nahmen. Man sah, dass auch unter sozialistischer Flagge segelnde Systeme nicht vor der Gefahr der Ent- wicklung eines totalitären Regimes gefeit waren (Post 1991, S. 111). Die Frankfurter Schule sah sich also von Beginn an nicht nur der Wissenschaft als beschreibender, er- klärender oder prognostizierender Arbeit verpflichtet, sondern wollte grundsätzlich kri- tisch und auch systemverändernd wirken – es sollte also aktive Politik betrieben wer- den.

Den Mitgliedern des Instituts war es jedoch nicht mehr lange möglich, in Deutschland zu arbeiten. Der heraufziehende Schatten der Nationalsozialisten bedrohte die meisten unter ihnen schon deshalb, weil sie Juden oder jüdischer Abstammung waren (Jay 1991, S. 51). Zudem war der deutlich marxistische und sozialistische Kurs des Instituts den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Max Horkheimer war hellsichtiger als viele an- dere später Verfolgte (Post 1991, S. 107), denn er ließ unauffällig den größten Teil des Stiftungsvermögens des Instituts in die Niederlande transferieren. Zudem wurde in Genf eine Zweigstelle eröffnet, die nach der Machtergreifung Hitlers zum Hauptsitz des Insti- tuts wurde. Es gelang fast allen Institutsangehörigen, Deutschland rechtzeitig zu verlas- sen. Doch auch die Schweiz sollte nur kurz als Refugium dienen. Aufgrund der immer bedrohlicher werdenden Lage in Europa versuchte man zuerst, nach England zu über- siedeln, dort hatte man ebenfalls eine Dependance. Schließlich aber wagte man 1934 den großen Sprung über den Atlantik in die USA. Dort wurde das Institut für Sozialfor- schung der Columbia University in New York angegliedert (ibid.); damit war die Ge- schichte des Instituts als deutsche und europäische Einrichtung vorerst an ihr Ende an- gelangt. Vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, folgte Max Horkheimer einem Ruf der Frankfurter Universität; dort baute er dann das Institut für Sozialfor-

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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schung wieder auf. Die Entstehungsgeschichte der Kritischen Theorie fällt also zusam- men mit den extremen politischen Umbrüchen, die in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in Deutschland und in Europa stattfanden: 1. Weltkrieg, russische Revolu- tion, Entstehung der Sowjetunion, Zusammenbruch des deutschen Kaiserreichs und Entstehung der Weimarer Republik, Putschversuche und breite Ablehnung der Demo- kratie in Deutschland von links und rechts mit bürgerkriegsähnlichen Auseinanderset- zungen, Weltwirtschaftskrise, Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland.

3.5.2 Traditionelle versus Kritische Theorie 49

Diese extremen Veränderungen bilden aus Sicht der Kritischen Theorie zusammen die Krise der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Ziel der Wissenschaft müsse es daher sein, diese Phänomene nicht nur zu beschreiben und zu erklären, sondern gezielt zum Besseren hin zu verändern. Dies könne aber nicht im Rahmen der „traditionellen Theo- rie“ geschehen, sondern bedürfe eben einer Kritischen Theorie. Es gilt also zu klären, was eigentlich die traditionelle und Kritische Theorie unterscheidet.

Traditionelle Theorie 50 – also jene Wissenschaft, die üblicherweise betrieben wird – bestehe, so Horkheimer, aus einigen Sätzen, aus denen möglichst viele andere Sätze mittels Deduktion abgeleitet werden können (Horkheimer 1992, S. 205). Es sei anzu- streben, dass die Zahl der Ausgangssätze klein ist, aber möglichst umfangreiche Deduk- tionen vorgenommen werden können. In diesem Fall wäre eine Theorie vollkommener als eine, die dieser Forderung nicht so gut entspricht.

Wie diese grundlegenden Sätze oder auch Hypothesen gewonnen werden, kann auf ver- schiedene Weise beantwortet werden, Horkheimer nennt drei Varianten (Horkheimer 1992, S. 206f.), die wir hier bereits kennen gelernt haben:

49 Die folgenden Bemerkungen basieren in erster Linie auf einer Analyse des Aufsatzes „Traditionelle und kritische Theorie“ von Max Horkheimer aus dem Jahr 1937, da Horkheimer einer der wichtigsten

Vertreter der Kritischen Theorie war und durch seine Funktion als Leitender Direktor des Instituts für Sozialforschung wesentlich auf die Inhalte der Kritischen Theorie wirkte (Honneth 1989, S. 11). An-

dererseits wird damit dem Diktum Werner Posts gefolgt, für ihn „[

was wie programmatischen Charakter bekommen“ (Post 1991, S. 124). Auch Herbert Schnädelbach spricht davon, dass die Kritische Theorie ein Theorieprogramm sei, „dessen allgemeine Merkmale M. Horkheimer in „Traditionelle und kritische Theorie" formulierte" (Schnädelbach 1980, S. 356).

hat [diese] Abhandlung so et-

]

50 Hier wird die Sichtweise Horkheimers auf Wissenschaft, die nicht der Kritischen Theorie folgt, dar- gestellt. Ob seine Rekonstruktion korrekt ist, soll im Moment nicht hinterfragt werden. Stattdessen

steht im Vordergrund, die von Horkheimer selbst unterstellten Unterschiede zwischen traditioneller und Kritischer Theorie aufzuzeigen.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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1. Logische Positivisten gewinnen Hypothesen mittels Induktion aus Erfahrungen, die in Protokollsätzen formuliert werden.

2. Rationalisten halten sie als evidente, also unmittelbar einsehbare, Sätze.

3. Als letztes nennt Horkheimer noch den Weg über Axiome – zum Beispiel in der Mathematik. Ihr Fundament wird in Form von Axiomen formuliert, also mit nicht weiter beweisbaren und begründbaren Sätzen, die evident sein können, aber nicht sein müssen. Axiome bzw. ihre Gültigkeit beruhen für Horkheimer auf konventiona- listischer Festlegung.

Grundlegend ist indes für alle drei Wege, dass die Ausgangssätze in sich widerspruchs- frei sein müssen und dass aus ihnen auch keine Widersprüche abgeleitet werden dürfen (Horkheimer 1992, S. 207). 51

Die Verbindung zur realen Welt, welche die Sätze und ihre Ableitungen ja beschreiben und Prognosen möglich machen sollen, wird dadurch hergestellt, dass diese Welt beo- bachtet und dann geprüft wird, ob die tatsächlichen Ereignisse mit den Prognosen und Sätzen der Theorie in Einklang stehen. Ist dies nicht der Fall, kann dies zwei Gründe haben: Entweder ist die Theorie oder aber die Beobachtungen nicht korrekt. Im ersten Fall muss die Theorie revidiert werden, beispielsweise, indem man die gemachten Beo- bachtungen durch Zusatzhypothesen berücksichtigt, oder es müssen vollkommen neue Theorien aufgestellt werden (ibid., S. 211f.). Im zweiten Fall sind Wissenschaftler ge- zwungen, ihre Bemühungen zu wiederholen, um genauere und bessere Beobachtungen zu machen (ibid., S. 205).

Horkheimer verweist darauf, dass die Wahl der Forschungsmethodologie keine Bedeu- tung dafür hat, ob ein Wissenschaftler der traditionellen oder Kritischen Theorien an- hängt. Er führt dies anhand der Soziologie aus: Ob man die soziologische Arbeit in der Sammlung von empirischen Daten oder aber in der Bildung von Theorien aus Intuitio- nen heraus betreibt, beides ist für Horkheimer traditionelle Theorie (ibid., S. 210). Ent- scheidend ist für Horkheimer, wie sich der jeweilige Wissenschaftler in Relation zu seiner Theorie oder umfassender, zu seiner wissenschaftlichen Tätigkeit und Arbeit selbst sieht. Denn jene Wissenschaftler, die im Sinne der traditionellen Theorie arbeite-

51 Horkheimer scheint hier also auf eine Kohärenztheorie der Wahrheit abzuheben.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

110

ten, sähen sich getrennt von dem Gegenstand ihrer Tätigkeit. Zum einen wüssten sie zwar darum, dass die Ergebnisse ihrer Forschungen durchaus im gesellschaftlichen Kontext benutzt werden können und werden (ibid., S. 213). Aber sie selbst stellten sol- che Ergebnisse eben nur zur Verfügung, verwendet werden würden sie aber von ande- ren Personen, Gruppen oder Institutionen (ibid., S. 217, 226). Deshalb könnten Wissen- schaftler, die dieser traditionellen Sichtweise von Wissenschaft anhängen, auch mit gu- tem Gewissen von der Wertfreiheit der Wissenschaft reden (ibid., S. 265), denn Wissen- schaftler – im Sinne des prototypischen Wissenschaftlers – hätten mit der jeweiligen Anwendung und ihren Folgen nichts zu tun, denn sie lägen außerhalb der Wissenschaft (ibid.). Umgekehrt beschrieben Wissenschaftler mit ihren Theorien zwar die Welt, aber trotzdem seien sie von ihr insofern getrennt, als in dieser Beschreibung die Gegenstände der Welt nur noch Symbole seien. In der traditionellen Theorie würde von der realen Welt abstrahiert, sie würde in eine symbolische Form überführt und auf diesen Symbo- len werden dann Regeln und Methoden angewandt, die ebenso vom realen Leben abs- trahieren und nur auf Effektivität im wissenschaftlichen Betrieb optimiert seien (ibid., S. 207, 215). Zum anderen aber seien die Wissenschaftler der traditionellen Theorie der festen Überzeugung, dass sie ihre Arbeit objektiv betrieben. Damit ist gemeint, dass davon ausgegangen wird, dass sowohl bei der Gewinnung der vorhin genannten Aus- gangssätze einer Theorie als auch bei deren Anwendung in der Deduktion keine außer- wissenschaftlichen Interessen einfließen, so dass die wissenschaftliche Arbeit unbeein- flusst von den Niederungen des wirklichen Lebens in der Gesellschaft abläuft (ibid., S. 248). Ebenso verhält es sich mit den Beobachtungen. Die traditionelle Theorie, so Hork- heimer, gehe davon aus, dass die Selektion der zu beobachtenden Ereignisse ausschließ- lich durch die Erfordernisse der unabhängigen Wissenschaft bestimmt und nicht durch gesellschaftliche Einwirkungen berührt sei.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass aus Sicht der Kritischen Theorie Wis- senschaftler der traditionellen Theorie vollständig getrennt vom eigentlichen Gegens- tand ihrer Forschung lebten, arbeiteten, seien. In diesem Sinn erkennt Horkheimer hier den Dualismus Descartes mit der Trennung von Denken und Sein wieder (ibid., S. 217, 248): im Dualismus zwischen Individuum und Gesellschaft, im Dualismus zwischen Gegenstand der Wissenschaft und der Wissenschaftler (ibid., S. 227f.) und im Dualis- mus zwischen dem Nutzen der Wissenschaft und dem Nutzen der Gesellschaft (Post

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1991, S. 125). Diese drei Ausprägungen des Dualismus im Wirken des Wissenschaftlers entfremden diesen von seiner Arbeit.

Dazu im programmatischen Gegensatz (Schnädelbach 1980, S. 356) steht die Kritische Theorie, sie stellt einen ganz anderen Ansatz von Wissenschaft dar. Die zentrale Stel- lung, welche die Widerspruchsfreiheit, Einfachheit und geringe Zahl der Ausgangssätze und als letztes die Prognosefähigkeit einnimmt, dies alles verbunden mit der vermeintli- chen Objektivität und Interesselosigkeit des Wissenschaftlers am Gegenstand seiner Wissenschaft, wird aufgegeben zugunsten einer bewussten Subjektivität und damit Inte- ressenposition (Horkheimer 1992, S. 215).

Die Wissenschaftler, die sich der Kritischen Theorie verpflichtet fühlen, sind sich voll- auf der Tatsache bewusst, dass ihre Erkenntnisfähigkeit durch die jeweils eigene histori- sche und gesellschaftliche Einbettung präformiert ist (ibid., S. 216ff.; Adorno 1989b, S. 126). Durch ihre Erziehung, durch die Art ihres Menschseins, durch ihr bisheriges Le- ben ist die Wahrnehmung der Menschen vorgeprägt. Horkheimer greift hier Argumente Kants auf (Horkheimer 1992, S. 215). Nach Kant erkennen wir die Dinge nicht „an sich“; stattdessen sei der Wahrnehmungsakt des Menschen in erster Linie nicht erken- nend, sondern vor allem konstruierend und damit realitätskonstituierend.

Der Kritische Theoretiker weiß um die Entwicklung der modernen Wissenschaft in der Emanzipation der bürgerlichen Klasse von Klerus, Adel und absoluten Herrscher der Renaissance (Post 1991, S. 120; Horkheimer 1992, S. 242). In dieser Zeit, so schreibt er, waren die angewandten Naturwissenschaften zu Beginn ein wichtiger Faktor zur Machtgewinnung gegenüber den bisher Mächtigen. Mittels der Wissenschaft gelang es dem Bürgertum, die Produktionsverhältnisse zu revolutionieren und in den Besitz der Produktionsmittel zu kommen. Damit aber hatten sie den Einfluss über das Kapital ge- wonnen, welches zur Herrschaft in einem Staat und einer Gesellschaft notwendig ist. Die Wissenschaft diente somit zur politischen Emanzipation (ibid., S. 221). Für Hork- heimer ist aber klar, dass der ursprünglich liberale und freiheitlich orientierte Impuls in der Wissenschaft zwangsläufig umkippen musste, so dass die traditionelle Theorie, de- ren sich die Wissenschaft bediente, ein Instrument der Repression wurde (ibid., S. 229, 264). Denn dadurch, dass das Motto von der Interesselosigkeit und Objektivität des For- schers entstand, wurde der darin liegende, interessenbehaftete Impetus verschleiert.

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Vordergründig nur am Fortschritt der Wissenschaft interessiert, zeitigt die Tätigkeit des Wissenschaftlers eben auch und vor allem das Ergebnis, zur Aufrechterhaltung der Be- sitzverhältnisse an den Produktionsmitteln und damit zur Machterhaltung der bürgerli- chen Klasse beizutragen. Aus Sicht der Kritischen Theorie könne sich der Protagonist der traditionellen Theorie dieser Tatsache jedoch gar nicht bewusst sein, denn er ist ja vom Gegenstand seiner Arbeit getrennt und seine Theorie soll den Status quo ja auch nur beschreiben.

Genau hier liegt ein wesentlicher Unterschied zur Kritischen Theorie. Denn diese be- schreibt zwar auch den Status quo, allerdings im Blickwinkel des subjektiven Interesses an einem Wandel zu vernünftigen Zuständen. Die Protagonisten der Kritischen Theorie stellen ihre Hypothesen also nicht nur auf, um zu beschreiben und zu erklären, sondern um gleichzeitig innerhalb der Theorie Möglichkeiten und Methoden zum Wandel des Status quo (ibid., S. 224) zur Verfügung zu stellen. Das heißt, dass an die Stelle der Prognosefähigkeit durch Anwendung der traditionellen Theorie die Veränderungsmög- lichkeit der historischen Gegebenheiten durch Anwendung der Kritischen Theorie tritt. Es werden also keine durch Interesselosigkeit bestimmten Prognosen über die reale Welt gemacht, sondern Aktivitäten zur Herstellung einer neuen Realität gestartet. Durch diesen Schritt überwindet der Wissenschaftler der Kritischen Theorie die oben beschrie- benen drei Dualismen und kommt zur Vereinigung von Theorie und Praxis in der Per- son des Wissenschaftlers, mindestens aber zur Relativierung der Trennung des Wissen- schaftlers vom Gegenstand seiner wissenschaftlicher Tätigkeit. Nun sind die Wissen- schaftler durch jene Vereinigung oder Relativierung nicht mehr (vollständig) getrennt vom Gegenstand ihrer Arbeit und damit dieser auch nicht mehr entfremdet. Sie haben ein vitales Interesse an den Ergebnissen ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit und sind sich dieser Tatsache auch vollauf bewusst.

Es ist klar, dass auch in der Kritischen Theorie Ausgangssätze vorhanden sein müssen. So sind die Bewertung der gegebenen Realität und die Festlegung einer zu erreichen- den, davon unterschiedenen anderen Realität nur möglich, wenn ein Maßstab zur Be- wertung des Status quo als veränderungsbedürftig und zur Bestimmung eines anderen als in der Zukunft erstrebenswert existiert. Die Kritische Theorie wird jedoch keine der drei in der traditionellen Theorie verwandten Methoden zur Gewinnung von Ausgangs- sätzen benutzen, denn ihren Vertretern sind ihre Rechtfertigungsprobleme und ihre

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Willkürlichkeit offenbar. Stattdessen akzeptieren Kritische Theoretiker ihre gesell- schaftliche und historische Bedingtheit als Wissenschaftler (ibid., S. 212) und gewinnen ihre Ausgangssätze aus dem je eigenen subjektiven Interesse 52 an der Veränderung zu vernünftigen Zuständen hin. Damit geht notwendigerweise einher, dass sowohl die Aus- gangssätze, der Maßstab der Bewertung und die Methoden in der Kritischen Theorie keinen statischen Charakter besitzen können und dürfen. Denn sie müssen ständig durch Anpassung an die herrschenden Verhältnisse in der Gesellschaft verändert werden, um weiterhin adäquat nutzbar zu sein. Sie unterliegen damit der ständigen konstruktiven Kritik durch die Einheit von Theorie und Praxis ebenso wie der beschriebene Gegens- tand, die Realität selbst (ibid., S. 239ff., 242).

Der Theoretiker der Kritischen Theorie ist sich immer des Sachverhaltes bewusst, dass die Formulierung von Kategorien zur Zusammenfassung von realen Ereignissen und zur Abstraktion vom Gegebenen zur Gewinnung von Gesetzmäßigkeiten immer dazu führt, dass eben diese Kategorien nicht mehr dem Einzelfall adäquat werden. Aber aus dieser Spannung gewinnt die Kritische Theorie, da durch sie der Prozess der Kritik und Wand- lung fortlaufend am Leben gehalten wird, sie wird also produktiv genutzt (Adorno 1989a, S. 82f.). Dabei ist Horkheimer nicht der Meinung, dass die Kritische Theorie kumulativ zur Erkenntnis beiträgt – hier findet eine klare Abgrenzung zum Logischen Positivismus statt. Zum einen dient sie ja nicht in erster Linie dem Erkenntnisfortschritt, sondern soll zur Veränderung der gesellschaftlichen Realität beitragen. Zum anderen glaubt er, dass dieser Wandel nur in einem revolutionären Akt möglich ist (Horkheimer 1992, S. 236). Er geht darin so weit, dass er sagt, dass die Tätigkeit des Kritischen The- oretikers die Verhältnisse zumindest zeitweise sogar verschlechtern kann und wird.

Bisher wurde häufig das Wort „Vernunft“ oder „vernünftige Zustände“ benutzt, um die bewegende Kraft in der Kritischen Theorie und die darin gewünschten Zustände in der herzustellenden Zukunft zu beschreiben. Die Vernunft ist aber nicht der Logos der tradi- tionellen Theorie, der wie auch immer dafür sorgt, dass die absolute Wahrheit irgend-

wann ans Licht gebracht werden wird (ibid., S. 215). Zwar schreibt er (ibid., S. 239),

52 Natürlich soll es hier nicht um die Verfolgung individueller Interessen gehen, sondern um die Verfol- gung der Interessen der proletarischen Klasse. Die Kritische Theorie lehnt sich stark an den Marxis- mus an; für sie ist die Arbeiterklasse die einzige Klasse, die zur revolutionären Veränderung der Ge- sellschaft fähig ist.

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dass es nur eine Wahrheit gäbe, die „die positiven Prädikate der Ehrlichkeit und inneren Konsequenz, der Vernünftigkeit, des Strebens nach Frieden, Freiheit und Glück“ bein- haltet. 53 Doch letztlich geht es ja nicht um Wahrheit, sondern um gesellschaftliche Ver- änderung. Vernünftige Zustände sind jene, in denen die Ideen des Marxismus realisiert sind. 54

3.5.3 Traditionelle und Kritische Theorie

Muss der Wissenschaftler der traditionellen Theorie fürchten, dass seine Form der Ar- beit abgeschafft wird in einer veränderten Welt, in der dann nur noch Kritische Theorie betrieben wird? Eine solche Frage kann sicherlich verneint werden. Horkheimer fordert nicht, dass jede Ausprägung von Wissenschaft revolutionären Charakter besitzt oder unmittelbar an der Veränderung der Gesellschaft – hin zum Vernünftigen – teilnimmt, denn er ist sich der verschiedenen Grade der Befähigung zu einem solchen Tun durch- aus bewusst. Mathematik lässt sich kaum für Systemumstürze benutzen. In diesem Sin- ne können traditionelle und Kritische Theorie koexistieren (ibid., S. 222f.).

Aber es ist für die Kritische Theorie wichtig, dass sich die Wissenschaftler der traditio- nellen Theorie der Tatsache bewusst werden, dass sie als wissenschaftlich arbeitende Menschen Verantwortung für ihre Handlungen und den Inhalt ihrer Arbeit tragen. Ver- antwortung darf also nicht mehr auf den außerwissenschaftlichen Bereich abgeschoben werden; dies ist auch nicht mehr möglich, denn nach der Erkenntnis der Verwobenheit zwischen Gesellschaft und Individuum gibt es die Unterscheidungsmöglichkeit zwi- schen inner- und außerwissenschaftlich nicht mehr. Den interesselosen Forscher im Humboldtschen Sinne kann es so eigentlich nicht mehr geben. Sicherlich sollen Wissen- schaftler nicht aus purem Egoismus forschen, in diesem Sinne sollen sie also interesse- los sein. Da sie aber wissen, dass ihre Tätigkeit für die Gesellschaft von Belang ist und somit auf sie selbst zurückwirkt, sind sie interessiert. Der Forscher der Kritischen Theo-

53 Wir können aber deutlich erkennen, dass hier ein Widerspruch in der Argumentation Horkheimers vorliegt. Denn die von ihm genannten Kategorien scheinen ihm absolut zu gelten, indes betont er aber immer wieder, dass dies gar nicht möglich sei, da die Postulierung der Absolutheit die historischen und gesellschaftlichen Abhängigkeiten nicht beachten würde.

54 Dies erinnert nicht nur zufällig an die Konsenstheorie der Wahrheit. Jürgen Habermas, einer ihrer wichtigsten Vertreter, ist stark durch die Frankfurter Schule beeinflusst. Bei ihm liegt Wahrheit im herrschaftsfreien Konsens, hier ist grob gesprochen die Wahrheit gleichzusetzen mit der Durchset- zung des Kommunismus.

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rie ist interesselos nur in dem Sinne, dass er sein eigenes Interesse zugunsten der Ge- sellschaft zurückstellt. Akzeptiert man diese Sicht, kann es eigentlich keinen Wissen- schaftler der traditionellen Theorie mehr geben, wenn das Programm der Kritischen Theorie erfolgreich angewendet worden ist.

3.5.4 Zusammenfassung der Positionen

Die folgende Tabelle soll nochmals die schon im vorhergehenden Abschnitt gemachten Feststellungen in kurzer und prägnanter Form direkt gegenüberstellen.

 

Traditionelle Theorie

Kritische Theorie

1.

Festlegung der Ausgangssätze durch Induktion aus Beobachtungen, evidente Einsicht oder axiomatische Festlegung ohne subjektives Interesse des Wissen- schaftlers.

Gewinnung der Ausgangssätze aus historischer Entwicklung und bewuss- tes Einbeziehen des subjektiven (Klas- sen-)Interesses.

2.

Der Wissenschaftler als Beobachter ist in der Lage, Basissätze über reale Er- eignisse zu gewinnen, ohne dabei durch irgendwelche Einflüsse in seiner Objektivität gestört zu sein.

Beobachtungen sind immer schon ge- filtert. Die Selektion und Art der Wahrnehmung der realen Ereignisse wird durch den gesellschaftlichen Kon- text und die historische Bedingtheit beeinflusst oder gar bestimmt.

3.

Maßstab der Güte der Theorie ist Ein- fachheit, Widerspruchsfreiheit, Prog- nosefähigkeit.

Maßstab der Güte der Theorie ist die Fähigkeit, den gewollten Zustand zu erreichen.

4.

Methoden sind allgemeingültig und weithin statisch.

Methoden sind subjektiv, zeitlich und räumlich auf bestimmte gesellschaftli- che Zustände beschränkt und müssen dynamisch den Zuständen der Gesell- schaft angepasst werden.

5.

Wahrheitskriterium ist die Überein- stimmung von Prognose und Beobach-

Es gibt kein dem Wahrheitskriterium der traditionellen Theorie vergleichba-

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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tung.

res Pendant. Allenfalls lässt sich for- mulieren: Die Sätze der Kritischen Theorie sind wahr, wenn sie zur Ver- änderung hin zu einem vernünftigen Zustand beitragen.

6.

Wahrheit ist zeit- und raumunabhän- gig.

Wahrheit ist vom gesellschaftlichen Kontext abhängig.

7.

Benutzung der Theorie zum Erkennt- nisfortschritt. Der Wissenschaftler ist aufgefordert, nur diesem zu dienen, ohne dabei auf außerwissenschaftliche Gegebenheiten Rücksicht zu nehmen.

Benutzung der Theorie zur Verände- rung der gesellschaftlichen Realität. Die Wissenschaft soll in den Dienst der gesellschaftlichen Fortentwicklung zu einem vernünftigen Zustand hin ge- stellt werden.

8.

Der Erkenntnisfortschritt verläuft alles in allem kumulativ.

Die Veränderung der Gesellschaft mit- tels der Kritischen Theorie kann nur durch einen revolutionären Prozess erreicht werden.

9.

Existentialurteile (Es-gibt-Aussagen) werden abgelehnt. Die Theorie soll allgemeingültig und Raum-Zeit- unabhängig sein.

Die Theorie besteht aus Existentialur- teilen. Sie soll die spezifische Situation der aktuellen Gesellschaft erklären.

10.

Der Wissenschaftler ist getrennt vom Gegenstand seiner Arbeit.

Es gibt vielfältige Wechselwirkungen zwischen dem Wissenschaftler und dem Gegenstand seiner Arbeit.

3.5.5 Politik und Wissenschaft

Die Kritische Theorie ist sicherlich ein Kind ihrer Zeit. Nachdem im zaristischen Russ- land 1917 die von der europäischen Linken erhoffte Revolution stattgefunden hatte, musste man sich mit diesen Geschehnissen sowohl theoretisch, aber – von dem eigenen revolutionären Anspruch her gesehen – auch praktisch auseinandersetzen. Die Kritische

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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Theorie ist ein Versuch, Marx aus dem philosophisch-historisch-ökonomischen Bücher- schrank zu holen und in ein Kochrezept für die Revolution mit Handlungsanweisungen für die Linke zu transformieren.

In der harten Welt der Realität sind Erfolge wohl nicht zu finden. Die Linke hat im Kampf um die Revolutionierung der bürgerlichen und Arbeiterklasse in Deutschland gegen die Nationalsozialisten verloren. Das Modell Sowjetunion diskredierte sich sehr schnell bei den aufgeklärten und nicht-stalinistischen Linken, entweder, als nach dem Ende des 2. Weltkriegs der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West fiel und die Blöcke entstanden oder spätestens, als Chruschtschow die Verbrechen Stalins bekannt machte. Der einzige Erfolg, den die Kritische Theorie verbuchen könnte, ist gleichzeitig eine Widerlegung einer ihrer Grundvoraussetzungen: Die durch die Studentenbewegung mit ausgelöste politische Diskussion und die Veränderungen in der Bundesrepublik Deutschland während der sozialliberalen Koalition scheinen doch zu zeigen, dass der Kapitalismus wandlungsfähig ist. In den westlich-demokratisch verfassten Gesellschaf- ten gibt es kaum noch ein Potential für die Revolution im Sinne der Kritischen Theorie, der „common sense“ in der Bevölkerung zur jeweiligen Verfassung ihrer Gesellschaft ist dafür zu stark. Der Zusammenbruch der sozialistischen Systeme scheint zumindest darauf hinzudeuten, dass diese nicht in der Lage waren, ein Programm der fortgesetzten Kritik der realen Zustände und eine Änderung dieser durchzuhalten.

Dies sind allerdings nicht die einzigen Gründe. Es gibt auch theorie-immanente Proble- me, die es lohnen würden, genauer betrachtet zu werden. Zum einen ist da der Ersatz eines Wahrheitskriteriums durch die Vernunft, die bestimmte Zustände ablehnt und an- dere bejaht. Hier ist das Rechtfertigungsproblem der traditionellen Theorie nur verscho- ben worden, man könnte es beinahe als degenerative Problemverschiebung bezeichnen. Weiter wäre der pessimistische Grundton der Kritischen Theorie zu nennen. Schon im gerade besprochenen, programmatischen Aufsatz scheint immer wieder Horkheimers pessimistische Sicht auf die Welt durch. Wenn Popper meint, dass wir uns nie sicher sein können, im Besitz der Wahrheit zu sein, sagt Horkheimer sogar, dass wir uns damit abfinden müssen, dass ein endgültiger positiver Zustand der Gesellschaft nie erreichbar ist. Eine solche Position ist wohl kaum motivationsfördernd, ebenso wie die Selbstan- wendung der Kritischen Theorie äußert problematisch ist. Ein weiterer Grund, warum die Kritische Theorie in den Wissenschaften nicht besonders gut aufgenommen worden

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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ist, liegt wohl auch daran, dass andere Wissenschaftskonzeptionen und -beschreibungen, vor allem der Kritische Rationalismus in den Naturwissenschaften, den Betroffenen wesentlich freundlicher erschien, schon deshalb, weil dort der Kern der „Verfassung“ der Wissenschaft nicht in Frage gestellt wird. Trotzdem hatte die Kritische Theorie er- hebliche Wirkungen. Die Feststellung, dass der eigene soziale Status und das eigene Interesse die Arbeit der Wissenschaftler wesentlich beeinflusst, wurde und wird intensiv im Rahmen der Wissenschaftssoziologie untersucht. Dazu mehr im nächsten Kapitel.

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4. Wissens- und Wissenschaftssoziologie

Soziologie ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit Menschen und ihren Gesell- schaften auseinandersetzt. Dabei finden wir eine Reihe von so genannten Bindestrich- Soziologien, bspw. Organisationssoziologie, Arbeitssoziologie oder Techniksoziologie. Erstere untersucht die sozialen Prozesse in Organisationen, bspw. in Unternehmen, staatlichen Institutionen oder in Armeen. Arbeitssoziologen untersuchen entsprechend bspw. soziale Prozesse am Arbeitsplatz und Techniksoziologen beschäftigen sich mit der Frage, wie Technik das Leben von Menschen und Gesellschaften beeinflusst. All diese Bindestrichsoziologien haben gemeinsam, dass sie einen Bereich der Gesellschaft und des sozialen Lebens untersuchen, der in aller Regel außerhalb der Wissenschaft selbst liegt. Die mit solchen Untersuchungen beschäftigten Soziologen werfen also als Unbeteiligte einen Blick auf ihren Untersuchungsgegenstand.

Doch so, wie die Erkenntnistheorie die Erkenntnis selbst zu ihrem Gegenstand hat und die Wissenschaftstheorie eben den wissenschaftlichen Forschungsprozess, nehmen Wis- senschaftssoziologen die sozialen Prozesse des Wissenschaftsbetriebs selbst unter die Lupe. Anders als viele Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretiker sehen sie jedoch die Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis nicht so sehr in der Befragung der Natur durch Experimente und Beobachtungen, sondern in den sozialen Prozessen des Wissen- schaftsbetriebs selbst. Das heißt, dass die soziale Interaktion der Wissenschaftler unter- einander und mit dem „Rest der Welt“ aus Sicht vieler – wenn nicht gar der meisten – der aktuell tätigen Wissenschaftssoziologen ganz wesentlich bestimmt, welche Ergeb- nisse aus der jeweiligen Forschungsarbeit entstehen. Es ist deshalb kaum überraschend, dass in wissenschaftssoziologischen Arbeiten eine konstruktivistische (oder manchmal auch konstruktionistische) Sicht auf Wissenschaft und Erkenntnis dominiert.

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4.1 Ein Blick zurück

Wissenschaftssoziologie ist allerdings keine Disziplin, die eine Erfindung der Jetztzeit wäre. Ihre Wurzeln finden sich sicherlich schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts und vor allem in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Hier finden wir solche wichti- gen Namen wie Emile Durkheim (geb. 15.04.1858, gest. 15.11.1917), Karl Mannheim (geb. 27.03.1893, gest. 09.01.1947) oder Max Weber, außerdem die hier schon ange- sprochenen Anhänger der Kritischen Theorie wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. In den 1930er und 1940er Jahren beginnen dann Autoren wie Ludwik Fleck (geb. 11.07.1896, gest. 05.06.1961), Norbert Elias (geb. 22.06.1897, gest. 01.08.1990) oder Robert K. Merton (geb. 05.10.1910, gest. 23.02.2003) ihre Arbeiten zur Soziologie der Wissenschaft zu publizieren. Hier soll jeweils ein kurzer Blick auf Max Weber, Ludwik Fleck und Robert K. Merton geworfen werden, bevor zu aktuellen Themen der Wissenschaftssoziologie übergegangen wird. Vorher soll aber Emile Durkheim mit ei- nem Zitat aus der Einleitung zu seinen „Schriften zur Soziologie der Erkenntnis“ zu Wort kommen; dort versucht er die Frage zu beantworten, warum er sich ausgerechnet mit dem Pragmatismus – als erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Position ver- standen – auseinandersetzt, um aus soziologischer Sicht Erkenntnis und Wissenschaft zu untersuchen. Durkheim schreibt (1993, S. 11/12):

„2. Zum zweiten ist das Problem aus einem nationalen [Kursiv im Original] Grunde interessant. Unsere ganze französische Kultur ist in ihren Grundlagen dem Wesen nach rationalistisch. Das 18. Jahrhundert kann hier als Fortsetzung des Cartesianismus gelten. Eine totale Negation des Rationa- lismus wäre mithin eine Gefahr und müßte unsere gesamte nationale Kultur erschüttern. Der fran- zösische Geist hätte sich grundlegend zu wandeln, wenn diese Form von Irrationalismus, die der Pragmatismus darstellt, akzeptiert werden müßte.“

Wenn Wissenschaft betrieben wird, so kann man Durkheim vielleicht lesen, geht es beileibe eben nicht nur um wissenschaftliche Erkenntnis; es geht um die Gesellschaft als Ganzes. Deshalb ist es auch berechtigt, Wissenschaft als soziologischen Untersu- chungsgegenstand in den Blick zu nehmen.

4.1.1 Max Weber: Wissenschaft als Beruf

In seinen Schriften hat sich Max Weber umfassend zu gesellschaftlichen Institutionen geäußert, unter anderem eben auch zur Wissenschaft. Ihm kommt der Verdienst zu, eine

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präzise Beschreibung der Bedingungen der Wissenschaft als Betrieb geworfen zu ha- ben, die gerade heute in Zeiten der Mittelknappheit wieder oder immer noch ihre Aktua- lität aufzeigt. Liest man bspw. seinen Aufsatz „Wissenschaft als Beruf“ (1991a), so wird man kaum bemerken, dass dieser Text bereits 1919 entstanden ist – die Beschrei- bung der Situation von Nachwuchswissenschaftlern trifft immer noch zu; offensichtlich war die „gute alte Zeit“ doch nicht so rosig, wie man dies oft denkt.

Weber sieht das Dilemma der Wissenschaftler darin, dass sie Wissenschaft einerseits als Beruf im Sinne des Broterwerbs betreiben müssen, also wirtschaftlichen Zwängen un- terliegen, und andererseits sich aufgefordert sehen, Wissenschaft als Beruf im Sinne von Berufung zu betreiben. Letzteres heißt, das Wissenschaft eine Tätigkeit sein soll, die ausschließlich nach wahrer Erkenntnis strebt; eigene Interessen, Überzeugungen, Ideo- logien, Ziele oder Wünsche sollen keinen Einfluss auf die Ergebnisse der wissenschaft- lichen Arbeit haben – Wissenschaftler sollen in einem besonderen Sinne uninteressiert an den Ergebnissen ihrer Arbeit sein. Das heißt, dass sie als Wissenschaftler nur an der Wahrheit ihrer Aussagen interessiert sein sollen, aber nicht an ihrem spezifischen Inhalt.

Gleichzeitig aber stehen Wissenschaftler insbesondere zu Beginn ihrer Laufbahn vor dem Problem, vielfältigen Zwängen und Ansprüchen gerecht werden zu müssen. Weber schreibt trocken, dass „es […] außerordentlich gewagt für einen jungen Gelehrten, der keinerlei Vermögen hat, [ist,] überhaupt den Bedingungen der akademischen Laufbahn sich auszusetzen.“ (1991a, S. 237f.). Zunächst nämlich ist es unsicher, überhaupt eine Stellung zu finden, die mit Besoldung verbunden ist, da nur wenige solcher Stellen exis- tieren, meist aber eine große Zahl von möglichen Bewerbern. Gleichzeitig aber stehen die Nachwuchswissenschaftler vor der schwierigen Situation, dass jene Stellen letztlich von den gleichen Personen vergeben werden, die auch die Güte ihrer wissenschaftlichen Arbeit bewerten. Sie sind also in zweifacher Weise abhängig von dem Wohl und Wehe jener Gatekeeper, wie man es wohl heute nennen würde. Max Weber sieht die Gefahr dieser Konstellation darin liegen, dass junge Wissenschaftler Wissenschaft als Beruf hinter die Wissenschaft als Broterwerb zurückstellen. Die Folge ist, dass sie ihre Arbeit eher danach ausrichten, was gute Bewertungen und gute Chancen auf eine Stellung mit sich bringt, als nach dem, was wahr ist. Kurz gesagt liegt bereits in der je persönlichen Situation der Wissenschaftler der Keim ihrer möglichen Korrumpierung – im Abschnitt

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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über den Wissenschaftsbetrug wird zu sehen sein, wie weit eine solche Korrumpierung tatsächlich gehen kann.

Eine weitere Gefahr für die Objektivität der wissenschaftlichen Ergebnisse sieht Max Weber in der Nichtbeachtung eines wichtigen Unterschieds. So schreibt er in „Die »Ob- jektivität« sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“ (1991b, S. 31):

„Es ist und bleibt […] für alle Zeit ein unüberbrückbarer Unterschied, ob eine Argumentation sich an unser Gefühl und unsere Fähigkeit für konkrete praktische Ziele oder für Kulturformen und Kulturinhalte uns zu begeistern wendet, oder, wo einmal die Geltung ethischer Normen in Frage steht, an unser Gewissen, oder endlich an unser Vermögen und Bedürfnis, die empirische Wirk- lichkeit in einer Weise d en k en d z u or dn en , welche den Anspruch auf G elt u n g als Erfah- rungswirklichkeit erhebt.“

Der Versuch der Begeisterung für „konkrete praktische Ziele“ oder der Appell an unser Gewissen läuft für Weber darauf hinaus, Werturteile zu treffen, die eben nicht durch Wissenschaft gegeben werden können und sollen. Er fährt fort (ibid., S. 31f.):

„Und dieser Satz bleibt richtig, trotzdem […] jene höchsten »Werte« des p r a k ti s ch en Interesses für die Ri ch t u n g, welche die ordnende Tätigkeit des Denkens auf dem Gebiet der Kulturwissen- schaften jeweils einschlägt, von entscheidender Bedeutung sind und immer bleiben werden.“

Werturteile sind also nicht wissenschaftlich begründbar, doch fließen sie immer in die Forschung mit ein. Ziel muss es deshalb sein, die je eigenen Werturteile offen zu legen, damit die aus ihnen erwachsenden Konsequenzen von jedem anderen Menschen nach- vollziehbar sind, selbst wenn dieser die Urteile selbst nicht teilt. Anders formuliert er- kennt Weber also an, dass soziale Faktoren wesentlich die Ergebnisse wissenschaftli- cher Arbeit beeinflussen. Solange aber deutlich gemacht wird, auf welche Weise dies geschieht, ist dieses Problem beherrschbar, denn die Konsequenzen sind erkennbar und kritisierbar. Wirklich problematisch wird es jedoch dann, wenn Wissenschaftler begin- nen, den Unterschied zwischen Werturteilen und wissenschaftlichen Aussagen zu ver- wischen und nicht mehr zu beachten. In diesem Fall wird Wissenschaft dogmatisch, ideologisch und verliert ihr Ziel, nämlich möglichst exakte und objektive Aussagen über das „Sein“ der Welt zu treffen. Nun nämlich würden Aussagen über das „Sollen“ der Welt im Gewand von Tatsachenaussagen auftreten – der Weg zum gezielten Miss- brauch der Wissenschaft zu politischen und ideologischen Zwecken wäre dann bereits gegangen.

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4.1.2 Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache

Max Weber war Nationalökonom; daraus resultieren sicherlich viele seine Warnungen, denn auch heute sehen wir nicht selten in der politischen Debatte um ökonomische und soziale Reformen, wie Sollens- als Tatsachenaussagen maskiert werden. Ludwik Fleck hingegen näherte sich dem Problem der Objektivität bzw. des Einflusses sozialer Fakto- ren in der Wissenschaft aus der Richtung eines Mediziners.

Um der Bedeutung Ludwik Flecks für die Wissenschaftsgeschichte – sowohl im dis- ziplinären Sinne als auch im Sinne des historischen Ablaufs – und der Wissenschaftsso- ziologie gerecht zu werden, ist folgendes Zitat sehr nützlich. Die Herausgeber von Flecks Hauptwerk, Lothar Schäfer und Thomas Schnelle, schreiben in ihrer Einleitung der Edition (Schäfer, Schnelle 1994, S. VII):

„Ludwik Flecks gegenwärtig so gut wie unbekannte Schrift »Entstehung und Entwicklung einer

wissenschaftlichen Tatsache« könnte unter günstigeren Umständen heute im Rang eines Klassikers

der Wissenschaftstheorie stehen, vergleichbar etwa mit Poppers »Logik der Forschung« (1934).

Ein Jahr nach Poppers Epoche machenden Werk erschienen, teilt es mit diesem sowohl Gegner-

schaft wie Stoßrichtung: Auch Flecks Buch ist gegen die Wissenschaftsauffassung des »Wiener

Kreises« geschrieben. Betonte Popper gegenüber dem statischen Theoriebegriff der logischen Em-

piristen den dynamischen Aspekt der Forschung, so geht Fleck jedoch entschieden weiter: er stellt

den als selbstverständlich angenommenen Tatsachenbegriff selbst in Frage. Wissenschaft ist für

ihn kein formales Konstrukt, sondern wesentlich eine Tätigkeit, veranstaltet von Forschergemein-

schaften.“

Fleck beschrieb in seinem Werk letztlich alles, was 30 Jahre später und unter ganz ande- ren Umständen Thomas S. Kuhn schreiben sollte. Fleck hatte als polnischer Jude keine Chance, die wissenschaftliche Öffentlichkeit seiner Zeit zu erreichen. Er hatte sein Werk auf Deutsch veröffentlicht, doch 1935 herrschten in Deutschland bereits die Nati- onalsozialisten – ohne Zweifel keine guten Bedingungen für einen polnischen Wissen- schaftler jüdischen Glaubens. 55 Zudem – wie ja schon weiter oben mehrfach bemerkt –

55 Dies selbst ist natürlich ein Hinweis dafür, dass wissenschaftssoziologische und -historische Betrach- tungen mehr als wichtig sind, um bspw. die Rezeptionsgeschichte eines wissenschaftlichen Werkes besser verstehen zu können. Allerdings sei hier auch gewarnt, entsprechende Untersuchungen zu hoch zu bewerten. Nur wenn man jeder Variante einer korrespondenztheoretischen Fassung der Wahrheit und selbst einem Minimalrealismus eine radikale Absage erteilt, kann man zu dem Schluss kommen, dass ausschließlich solche sozialen Faktoren über die „Wahrheit“ oder „Falschheit“ einer Theorie, Hypothese oder Behauptung entscheiden.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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mussten in dieser Zeit viele Wissenschaftler, die zum Kreis der potenziellen Rezipienten gehörten, Deutschland oder Österreich verlassen. So verschwand sein Buch in der Ver- senkung. Dessen Bedeutung liegt darin, dass Fleck dort die Konzepte der Normalwis- senschaft, des wissenschaftlichen Paradigmas und der so genannten „scientific commu- nity“, wie sie bei Kuhn zu finden sind, in seiner eigenen Profession, der Medizin, bereits 1935 entwickelte. Er benutzte allerdings andere Bezeichnungen: „scientific community“ hieß bei ihm „Denkkollektiv“, „Paradigma“ nannte er „Denkstil“. 56

Wichtig für unsere Betrachtung ist, dass Fleck die Entstehung einer wissenschaftlichen Tatsache bzw. Theorie mithilfe von systematischen wissenschaftshistorischen und -soziologischen Methoden nachzeichnete. Dies tat er am Beispiel der Syphilis, einer Krankheit, die noch weit in das 20. Jahrhundert hinein nicht oder nur kaum therapierbar war. 57 Fleck zeigt auf, dass sowohl die Krankheit selbst, ihre Beschreibung und ihre Therapie wesentlich durch soziale Faktoren wie bspw. die gesellschaftliche Sicht auf Sexualität und deren Folgen bestimmt sind. Nicht die Krankheit bzw. die Tatsachen, die mit einer Krankheit einhergehen, bestimmen Diagnose und Therapie. Sondern soziale Faktoren wie die Einstellung einer Gesellschaft zur Sexualität bestimmen überhaupt erst, was Ärzte und Mediziner als Tatsache wahrnehmen und damit letztlich auch den Krankheitsbegriff und die dazu gehörenden Therapien. Tatsachen, so Fleck, werden sozial konstruiert und nicht einfach in der Realität vorgefunden. Krankheit als Spezial- fall einer solchen „Tatsache“ ist somit ein soziales Konstrukt.

Allgemeiner gesprochen führt dies dazu, dass man zum Verständnis von Theorien der Wissenschaft nicht so sehr ihre Genese durch Beobachtung der Wirklichkeit bzw. ihre Überprüfung an der Wirklichkeit betrachten, sondern zuvorderst jene sozialen Faktoren aufdecken muss, die die Wahrnehmung der betreffenden Wissenschaftler bestimmen. Erkenntnis ist in diesem Bild nicht mehr ein individueller Akt, sondern eine kollektive Tätigkeit. Das ist eine radikale Absage an jene Erkenntnis- und Wissenschaftskonzepti- onen, die sowohl im Empirismus als auch Rationalismus zu finden sind und hier am

56 Eigentlich müsste man die Reihenfolge ändern: Kuhn nannte seine Konzepte anders als Fleck. Denn Kuhn bemerkt im Vorwort seiner „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“, dass er von Fleck stark beeinflusst wurde.

57 Erst die Verfügbarkeit von Antibiotika änderte dies.

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Beispiel des Logischen Positivismus und des Kritischen Rationalismus dargestellt wur- den.

4.1.3 Robert K. Merton: Das CUDOS-System

Ebenso wie im Fall von Max Weber wäre es auch bei Robert K. Merton unmöglich, sein gesamtes Werk zur Wissenschaftssoziologie hier zu thematisieren; es ist aber auch nicht notwendig, um zentrale Elemente seines Denkens zu diskutieren.

Merton ist sich wie die schon behandelten Autoren bewusst, dass Wissenschaft nicht in einem isolierten Kontext stattfindet, sondern ein soziales System unter vielen darstellt. Wissenschaft wird von Menschen betrieben; also wäre es verfehlt anzunehmen, dass diese Menschen nicht durch die sozialen Bedingungen, denen sie unterliegen, auch im wissenschaftlichen Forschungsbetrieb mit in ihrem Handeln bestimmt wären. Doch er ist der Ansicht, dass es einen Ethos der Wissenschaft gibt, der das Handeln der Wissen- schaftler leitet und dadurch dazu beiträgt, dass die kontingenten gesellschaftlichen Be- dingungen nicht auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit durchschlagen bzw. der Umfang der Beeinflussung eingeschränkt und kontrollierbar ist. Dieses Ethos ist unter der Bezeichnung „CUDOS-System“ in die wissenschaftssoziologische Literatur eingegangen(vgl. Merton 1985, S. 86ff.). Die Elemente dieses Systems sind „Kommu- nismus“ (engl. „communism“), „Universalismus“ (engl. „universalism“), Desinteresse (engl. „disinterestedness“) und „organisierter Skeptizismus“ (engl. „organized scepti- cism“):

Kommunismus: Wissenschaftliche Ergebnisse sollen der Öffentlichkeit frei zugäng- lich sein, sie sollen also allen gehören – oder keinem. Damit soll sichergestellt wer- den, dass Wissen nicht monopolisiert und nicht ausschließlich zum Wohl Einzelner verwendet wird, sondern einen Beitrag zum Allgemeinwohl leisten kann. Dies, so Merton, ist nur möglich, wenn Ideen und Wissen frei zirkulieren können. Denn nur dann ist es möglich, gegebenes Wissen zu kritisieren, zu verwerfen oder zu verbes- sern bzw. neue Erkenntnisse zu produzieren.

Universalismus: Hiermit sind mehrere Dinge zusammen gemeint. Zunächst ist damit gefordert, dass in der Wissenschaft keinerlei Partikularismus Platz hat. Es gibt keine Nationalitäts-Wissenschaft, keine Klassen-Wissenschaft, keine Partei-Wissenschaft

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

126

o. ä. Ziel der wissenschaftlichen Arbeit soll objektives Wissen sein, das zu jeder Zeit, an jedem Ort und unter allen Bedingungen Gültigkeit besitzt. Die Wahrheit ei- ner wissenschaftlichen Aussage ist unabhängig von der aussagenden Person und de- ren sozialen Situation. Die zweite Forderung des Universalismus verbietet Diskri- minierung in Bezug auf den Zugang zur Wissenschaft. Nur das Talent und die Fä- higkeiten einer Person sollen Kriterium für ihren Zugang sein, nicht Geschlecht, Re- ligion, ethnische Herkunft, sozialer Status etc.

Desinteresse: Natürlich sollen Wissenschaftler an ihrer Arbeit interessiert sein im dem Sinne, dass sie exzellente Arbeiten erstellen und möglichst präzise Ergebnisse finden wollen. Doch sie sollen nicht Ergebnisse unterdrücken oder andere erfinden oder gar fälschen, um den eigenen Interessen oder den Interessen ihrer Auftraggeber zu dienen. Wissenschaft soll insbesondere auch nicht in den Dienst von Ideologie und Unterdrückung gestellt werden.

Organisierter Skeptizismus: Wissenschaftler sollen systematisch zweifeln und nicht an Überzeugungen dogmatisch festhalten. Grundsätzlich soll jedwede Aussage kriti- sier- und bezweifelbar sein und bezweifelt werden. 58

Zusammen bilden diese Elemente das wissenschaftliche Ethos. Folgen Wissenschaftler diesem Ethos, so kann Wissenschaft als Ganzes das „institutionelle Ziel von Wissen- schaft“ (ibid., S. 89) – „die Erweiterung abgesicherten Wissens“ (ibid.) erreichen. Al- lerdings gilt zu bemerken, dass mehrere oder gar alle der aufgezählten Elemente zu- nehmend unter Druck geraten. So steht dem wissenschaftlichen Kommunismus mehr und mehr das ökonomische Verwertungsinteresse von Institutionen und Unternehmen gegenüber, ein Thema, das erneut im Abschnitt über das wissenschaftliche Publikati- onswesen aufgegriffen wird. Gleiches gilt natürlich für das Desinteresse der Forscher an den Ergebnissen ihrer Arbeit – in vielen Fällen, bspw. in der Medizin, sind wissen- schaftliche Ergebnisse ökonomisch wertvoll. Die Versuchung, hier persönlich Vorteile zu erzielen, ist also durchaus gegeben und nicht selten sehr groß. Der Universalismus steht auf zweierlei Weise unter Druck. Zum einen bezweifeln viele Wissens- und Wis- senschaftssoziologen, dass es überhaupt möglich ist, so etwas wie universell gültiges

58 Ob dieser Pan-Kritizismus wirklich haltbar ist, kann man bezweifeln. So kann man ihn bspw. nicht auf sich selbst anwenden.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

127

Wissen zu besitzen – Stichwort ist hier der epistemische Relativismus. Zum anderen aber kann angesichts der maroden Situation des Bildungswesens in vielen Ländern fak- tisch bezweifelt werden, dass der Zugang zum Wissen und zur Wissenschaft nur das Talent der entsprechenden Personen bestimmt ist.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

128

4.2 Wissens- und Wissenschaftssoziologie heute

Wissens- und Wissenschaftssoziologie sind sehr heterogene Disziplinen mit unter- schiedlichsten Forschungsgegenständen, Methoden, Hintergrundannahmen und natür- lich auch Ergebnissen. Es scheint sich jedoch eine Haltung herauszukristallisieren, die vielen Wissens- und Wissenschaftssoziologen gemein ist, denn die dort meist vertrete- nen erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundüberzeugungen lassen sich mit dem Ausdruck „relativistisch“ zusammenfassend bezeichnen. Ausgehend von der Fest- stellung, dass unterschiedliche Kulturen – was immer damit im Einzelnen auch gemeint sein mag – im Extrem völlig inkommensurable Weltsichten, Ideen, Ideologien, Über- zeugungen, Traditionen, Wertmaßstäbe, Moralvorstellungen u. ä. beinhalten, 59 wird von vielen Wissenschaftssoziologen – und auch Kulturwissenschaftlern – einer der wichtigs- ten Leitideen der modernen Wissenschaft eine (zuweilen radikale) Absage erteilt. Es wird die Idee aufgegeben, dass es eine allen Menschen gemeinsame Rationalität gibt, die es ihnen erlaubt, sich der Wahrheit zumindest approximativ zu nähern. Diese Idee, die forschungsleitend für die Wissenschaft spätestens seit der Renaissance ist und we- sentlich zur Entwicklung sowie zum Erfolg der Natur-, Ingenieurs- und Medizinwissen- schaften und später auch der Sozialwissenschaften beigetragen hat, wird in weiten Tei- len der Wissenschaftssoziologie abgelehnt und stattdessen die grundsätzliche Relativität und Situiertheit jeglicher menschlicher Erkenntnis hervorgehoben. Das heißt, dass all- tägliche und wissenschaftliche Erkenntnisprozesse entscheidend durch historische, sozi- ale, politische, ökonomische oder auch zusammenfassend kulturelle Faktoren beein- flusst bzw. ausschließlich Produkte oder Konstrukte dieser Faktoren seien. Dies hat aus relativistischer Sicht zur Folge, dass die Ergebnisse solcher Erkenntnisprozesse nur rela- tiv zu jenen Faktoren als wahr oder falsch bezeichnet werden können. Wahrheit und Falschheit von Aussagen über die Welt sind aus dieser Sicht kulturabhängig und über- haupt nur in der jeweiligen Kultur aussag- und verstehbar. Diese Haltung wird jeglichen menschlichen Erkenntnisprodukten entgegengebracht, stammen sie nun aus dem Alltag oder der wissenschaftlichen Forschung. Verschiedenen Erkenntnisformen wird keine

59 Die Rede von der Inkommensurabilität von Weltsichten wird meist auf Thomas S. Kuhn zurückge- führt, kann aber im Prinzip schon 1935 bei Ludwik Fleck gefunden werden (siehe auch Mehan, Wood 1976).

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

129

Priorität untereinander zugestanden, die mythische Welt- und Herkunftserklärung eines Hopi-Indianers sei ebenso gültig wie bspw. paläontologische und genetische Forschung und ihre Ergebnisse. Mit Paul K. Feyerabend gesprochen: „anything goes“. So plädiert Feyerabend für die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Welterklärungen und -bilder nicht nur in einem pragmatischen Sinne der prima facie notwendigen Toleranz gegen- über anderen Weltanschauungen, sondern letztlich auch für ihre völlige Gleichwertig- keit im Forschungsprozess (vgl. Feyerabend 1983).

4.2.1

Anknüpfungen

Neuere Studien der Wissenschaftssoziologie knüpfen gezielt an die Herangehensweise von Ludwik Fleck an. Sie bestehen aus empirischen Arbeiten, in denen Prozesse der Wissensproduktion beobachtet werden. Zu nennen ist hier bspw. Karin Knorr-Cetina mit ihrem Buch „Die Fabrikation der Erkenntnis. Zur Anthropologie der Wissenschaft“ (1984). 60 Sie stellt das Verhältnis von Tatsachen und Weltsicht mit folgender Grafik dar (vgl. Knorr-Cetina 1984, S. 20):

Beziehung zwischen WW und WT

Wissenschaftliche

Welt der Tatsachen (WT)

Weltkonzeption (WW)

reflektiv (Objektivismus, Realismus)

konstitutiv (Anti-Objektivismus; Relativismus)

 

Konstruktiv

 

Fabrikation von

Erkenntnis

Wichtig ist hierbei, dass weder die Welt der Tatsachen die wissenschaftliche Weltkon- zeption bestimmt noch umgekehrt; tatsächlich werden beide von externen Faktoren de- terminiert. Dies bedeutet, dass die Faktoren, die Weltkonzeption und Tatsachen bestimmen, für die beteiligten Wissenschaftler selbst unverfügbar sind, also nicht will- kürlich veränderbar. Aus Sicht einer solchen Wissenschaftssoziologie ist es also mög- lich, dass Wissenschaftler durchaus der Überzeugung sind, dass sie Erkenntnisse anhand des Tatsachenmaterials finden. Sie können also guten Glaubens eine realistische Welt-

60 Andere wichtige Autoren sind bspw. Bruno Latour, Trevor Pinch, Harry Collins, Andrew Pickering, Evelyn Fox-Keller, Steve Woolgar, David Bloor, Nelson Goodman, Barry Barnes, Peter Weingart.

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

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sicht haben und dabei eben nicht bemerken, dass letztlich soziale Faktoren bestimmen, welche Erkenntnisse sie produzieren. Dies knüpft an Ideen, die bereits weiter oben im Kapitel über den Konstruktivismus angesprochen wurden. Denn nun wird deutlich, dass jene sozial bestimmten Konstruktionen der Wirklichkeit eben nicht willkürlich nach Belieben des jeweils Konstruierenden erzeugt werden, sondern dass die „Konstrukti- onsvorschriften“ für die Konstruierenden eben unverfügbar und durch den sozialen Kontext vorgegeben sind. Man kann also auch hier von „wahren“ und „falschen“ Aus- sagen sprechen, doch sind diese nicht „wahr“ oder „falsch“ aufgrund ihrer (Nicht-)Übereinstimmung mit Tatsachen der Welt, sondern weil sie richtig oder falsch konstruiert wurden, also passend oder nicht-passend zum sozialen Kontext.

Weitere Themen der Wissenschaftssoziologie kann man bspw. bei Peter Weingart (2003) nachlesen:

Wissenschaft als Kommunikationssystem (siehe Abschnitt „Publikationswesen),

Zusammenhang zwischen epistemischen und institutionellen Strukturen der Wissen- schaft (dazu wird in den kommenden Abschnitten auch noch ein wenig gesagt),

Laborstudien (hier bereits kurz angesprochen),

das Verhältnis von Wissen und Macht,

das Verhältnis von Wissenschaft und Wirtschaft oder auch

das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit bzw. Medien.

Wissens- und Wissenschaftssoziologie stellen mit diesen Themen ohne Zweifel wichti- ge Ergänzungen zur bisherigen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie dar bzw. öffnen zuweilen überhaupt erst den Blick hin zu Faktoren, die bisher wenig beachtet wurden.

4.2.2 Vorgriff: Institutioneller Wandel

Da auf die Strukturen im deutschen Universitätswesen in späteren Abschnitten noch eingegangen wird, dort aber nur kurz und recht allgemein, sollen hier einige Bemerkun- gen zum institutionellen Wandel der überkommenen Geistes- und Sozialwissenschaften gemacht werden. Dieser Wandel hat verschiedenste Ursachen, eine davon ist sicher

Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

131

auch die Diskussion über den Charakter der Wissenschaft selbst. 61 Die Ergebnisse der neueren Wissenschaftssoziologie deuten eben darauf hin, dass die isoliert betriebenen Disziplinen innerhalb der überkommenen Geistes- und Sozialwissenschaften nicht in der Lage sind, die vielfältigen wechselseitigen Einflüsse, die innerhalb der Wissen- schaft, aber auch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, wirken, theoretisch und em- pirisch zu fassen.

Die Kulturwissenschaften, so wie sie sich in Deutschland zunehmend etablieren, sollen dieser Einsicht gerecht werden. Eines der wichtigsten methodischen und inhaltlichen Ziele ist daher die inter- oder transdisziplinäre Zusammenarbeit unter den verschiedenen Disziplinen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Möglicherweise, so die Hoff- nung, können mittel- bis langfristig die Grenzen der einzelnen Disziplinen überwunden werden, so dass eine Kulturwissenschaft entsteht, die sich mit Wissenschaft als kulturel- lem Prozess – aber natürlich nicht nur damit – auseinandersetzt. Allerdings bedeutet dieses Projekt eine deutliche Verschiebung der entsprechenden Hintergrundannahmen. Waren die meisten Erkenntnis- und Wissenschaftstheorien bis hinein ins 20. Jahrhun- dert individualistisch ausgerichtet – ihr Gegenstand war das Erkenntnissubjekt –, wäre eine zentrale Annahme dieser Kulturwissenschaft, dass Erkenntnis eine Produkt von Kollektiven ist; schon Ludwik Fleck sprach von den „Denkkollektiven“.

61 Das ist aber nur eine Ursache unter vielen anderen. Zurzeit findet an vielen Universitäten in der Bun- desrepublik Deutschland eine ausführliche Diskussion um die kulturwissenschaftliche Wende