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1,50 EUR davon 90 CT für den_die Verkäufer_in Straßenzeitung für Berlin & Brandenburg No. 15,

1,50 EUR

davon 90 CT für den_die Verkäufer_in Straßenzeitung für Berlin & Brandenburg No. 15, Juli –
davon 90 CT für
den_die Verkäufer_in
Straßenzeitung für Berlin & Brandenburg
No. 15, Juli – August 2014
WOHLSTAND
SKANDALÖS
»In den Hinterhöfen
der Armut« (Seite 4)
UNFASSBAR
»Die Geschichte von
Toni Luso« (Seite 6)
FORMIDABEL
»Der neue Mäcke
Häring-Comic«
(Seite 16)
4) UNFASSBAR »Die Geschichte von Toni Luso« (Seite 6) FORMIDABEL »Der neue Mäcke Häring-Comic« (Seite 16)

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INHALT

strassenfeger

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Nr. 15

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Juli – August 2014

WOHLSTAND

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Kinderarmut abstrakt und konkret

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In den Hinterhöfen der Armut

6

Die Geschichte von Toni Luso

8

Wohlstand für alle!

9

Angenehmer Wohlstand?

10 Die Vermessung des Wohlstands

12 Ich will keine zusätzlichen Balkone…

13 Vielleicht bin ich auch reich

14 Deutschland ist der Dritte Weg für Tabakindustrie

15 Statussymbol im Wandel der Zeit

TAUFRISCH & ANGESAGT

art strassenfeger

16 »Ein Fall mit falschen Fuffzigern« Michael Schrö- ter schickt seinen umtriebigen Privatdektiv »Mäcke Häring« wieder in die Spur

Verkäufer

20 Verkäufer-Ausweis ist keine Bettellizenz!

Verein

21 Kaffeeklatsch mit »Cowboy-Klaus«

Kulturtipps

22 skurril, famos und preiswert!

Aktuell

24 Ausstellung Corinne Wasmuht: »Meine Bilder beruhen alle auf dem Prinzip der Collage«

Sport

26 Hertha BSC verstärkt sich extrem

27 Betrachtungen zur Fußballweltmeisterschaft

Brennpunkt

28 Nationale Strategie zur Überwindung von Wohnungsnot und Armut in Deutschland

AUS DER REDAKTION

Hartz IV-Ratgeber

29 Wichtige Urteile des Bundessozialgerichts (5)

Kolumne

30 Aus meiner Schnupftabakdose

Vorletzte Seite

31 Leserbriefe, Vorschau, Impressum

Liebe Leser_innen,

mit dem Wohlstand ist das so eine Sache: Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Leider sind die Vermögen laut ei- ner DIW-Studie in keinem Euro-Land so ungleich verteilt wie in Deutschland. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Der durchschnittliche Besitz von Arbeitslo- sen hat sich seit 2002 fast halbiert. Auch die Unterschiede zwi- schen Ost und West sind weiterhin deutlich: In Westdeutschland liegt das Medianvermögen (dasjenige Vermögen, das exakt in der Mitte der Vermögensverteilung liegt) bei 21 000, in Ostdeutsch- land nur bei 8 000 Euro. In der Politik wird meist der materielle Wohlstand bzw. das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf als Indika- tor für materiellen Wohlstand berücksichtigt. Wohlstand misst sich aber nicht nur daran. Ob es den Menschen in einem Land wohl geht, hängt auch ab von einer intakten Umwelt sowie dem Vorhandensein und der schrankenlosen Verfügbarkeit zu kul- turellen und gesellschaftlichen Werten. Dazu gehören Frieden, Sicherheit, Freiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Bildungs- möglichkeiten, Kinderbetreuung, Kulturangebot, soziales und politisches Engagement, Freizeit und vieles andere mehr.

Leider sieht es vor allem mit dem Materiellen für viele Menschen eher schlecht aus. Kinderarmut ist eines der schrecklichsten Probleme. Laut Deutschem Kinderschutzbund leben über 2,5 Millionen Kinder in Deutschland in Einkommensarmut. Unsere Autoren Anna Gomer und Thomas Grabka haben eine Großfa- milie in Alt-Moabit besucht und nachgefragt, wie es ist, arm zu sein (Seite 4). Toni Luso nennt sich selbst einen Landstreicher. Jetzt ist er schwer krank und braucht Hilfe (Seite 6). Dass es Wohlstand nicht für alle gibt, und Geld nicht glücklich macht, darüber berichten wir auf S. 8 und 9. Was es mit der »Enquete- kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« des Deut- schen Bundestages auf sich hat, erfahren Sie auf Seite 10.

In der Rubrik art strassenfeger lassen wir Michael Schröter zu Wort kommen: Er erzählt exklusiv im strassenfeger über seinen neuen »Mäcke-Häring«-Comic (Seite 16). Unsere Kulturredak- teurin Urszula Usakowska-Wolff sprach mit der Käthe-Kollwitz- Preisträgerin Corinne Wasmuht über deren aktuelle Ausstellung in der Akademie der Künste am Hanseatenweg (Seite 24). Im Sportteil geht es um die Neuzugänge bei Hertha BSC (Seite 26) und die Moral im Fußball (Seite 27).

Ich wünsche Ihnen, liebe Leser_innen, wieder viel Spaß beim Lesen! Andreas Düllick

strassen|feger

Die soziale Straßenzeitung strassenfeger wird vom Verein mob – obdach- lose machen mobil e.V. herausgegeben. Das Grundprinzip des strassenfeger ist: Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe! Der strassenfeger wird produziert von einem Team ehrenamtlicher Autoren, die aus allen sozialen Schichten kommen. Der Verkauf des stras- senfeger bietet obdachlosen, wohnungslosen und armen Menschen die Möglichkeit zur selbstbestimmten Arbeit. Sie können selbst entschei- den, wo und wann sie den strassenfeger anbieten. Die Verkäufer erhalten einen Verkäuferausweis, der auf Verlangen vorzuzeigen ist. Der Verein mob e.V. finanziert durch den Verkauf des strassenfeger soziale Projekte wie die Notübernachtung und den sozialen Treffpunkt »Kaffee Bankrott« in der Storkower Str. 139d. Der Verein erhält keine staatliche Unterstützung.

sozialen Treffpunkt »Kaffee Bankrott« in der Storkower Str. 139d. Der Verein erhält keine staatliche Unterstützung.

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Kinderarmut abstrakt und konkret

Reportagen als Umgehungsstrategie politischer Tatbestände

BETRACHTUNG :

Ana

Gomer

D ie Frage nach der Armut ist immer auch eine Frage nach der Schuld. Die Frage nach der Kinderarmut wird oft mit gebetsmühlenartigen Schuldzu-

weisungen beantwortet. Sicher, es sind noch an- dere Fragen im Feld… Ab wann ist ein Kind arm, welche Faktoren machen Kinderarmut aus, wie viele Kinder sind in Deutschland arm? Das sind Fragen, auf die die Medien und Politik die Ant- wort parat haben: Jedes fünfte Kind in Deutsch- land lebt unterhalb der Armutsgrenze, die derzeit

bei 940 Euro liegt. Das sind über 2 Mio. Kinder, die nach den gesellschaftlich relativen Faktoren wie Teilhabe am Bildungs- und Sportangebot, Gesundheit, Kleidung, Zuwendung benachtei- ligt sind. Doch eine ganz andere Frage wird in den Medien nicht diskutiert: Was tun?

Das Thema der Kinderarmut ist in aller Munde und es gibt in Mediatheken der Fernsehsender und in den Archiven der Zeitungen eine Vielzahl von Reportagen über dieses «brisante Thema”. Kein Fernsehkanal scheint dieses Thema wegge- lassen zu haben. Und keine Boulevardzeitung. Dem Thema sind Eindeutigkeit, Brisanz und gewisses Potential, die Zuschauer- und Leser- herzen zu bewegen und zu empören inhärent, die bei den Massenmedien sehr gefragt sind. Diese Momente machen denn auch den Kern einer «gelungenen” Reportage aus. Dieses For- mat wird nämlich fast ausschließlich zur Be- handlung dieses schwierigen Themas gewählt. Außerdem können dabei sowohl das Staats- als auch das kommerzielle Fernsehen, vom Super RTL bis Arte, - aber auch die Springerpresse- mit einem scheinbaren gesellschaftlichen oder gar kritischen Engagement glänzen. Nach fast hundert Jahren ist also immer noch aktuell, was Siegfried Kracauer sagte: »Seit mehreren Jahren genießt in Deutschland die Reportage die Meist- begünstigung unter allen Darstellungsarten, da nur sie, so meint man, sich des ungestellten Lebens bemächtigen könne« (Schriften. Bd. 1. Frankfurt a. M. 1971, 216).

Ungestellt will uns die Vierte Staatsgewalt die Kinderarmut präsentieren. Die gestalterische Hauptmethode der Berichterstattungen über die Kinderarmut besteht darin, den Betroffenen buchstäblich auf die «Pelle zu rücken”, ihnen unter die Haut zu gehen. So sind beispielsweise Großaufnahmen von weinenden Augen, unsi- cheren Händen sehr beliebt. Die Kamera folgt den Armen in ihre Küchen und Schlafzimmer. Immer dieselben Bilder der Verwahrlosung und des Desasters. Immer dieselben Geschichten

Verwahrlosung und des Desasters. Immer dieselben Geschichten Die Kinder von Familie K. haben nur sehr wenig

Die Kinder von Familie K. haben nur sehr wenig Platz zum Spielen (Foto: Thomas Grabka)

von ungebildeten, alkohol- oder drogenabhängi- gen, oder einfach nur krank gewordenen Eltern. Aber auch die Pressefotografie arbeitet beim Thema Kinderarmut mit ähnlich strukturierten wiederkehrenden Motiven. Ein einsames Kind vor herbstlich- kahler Sozialbaulandschaft. Kinderfüße in zerschlissenen Schuhen oder in schmutzigen, verschiedenen Socken. Daran erkennt man also Kinderarmut. Ein Kind, das sich nicht in unmittelbarer Nähe von Platten- bausiedlung aufhält und dabei nicht mindestens zwei verschiedene Socken trägt, wird demnach gar nicht als arm identifiziert.

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U n t e r - d i e - H a u t- G e h e n

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Re p o r t a g e h a t

Sy s t e m

Die Lupe wird so nah angesetzt, dass man nur das Gefühl hat, man sähe alles. Das Wichtige bleibt dabei – gewollt oder ungewollt – stets ungesehen. Und das sind die strukturellen Pro- bleme, die die Armut verursachen. Darüber hinaus heißt es meist im Subtext: Wenn sich die Eltern nur Mühe geben und nicht alles ver- saufen würden, dann ginge dat schon. Dann könnte man auch mit Harz IV eine ganz passa- ble Kindheit haben. Kein Grund zur Sorge für uns. Denn die Schuldigen sind ja ausgemacht und eine Lösung für das Problem gibt es auch (aufhören zu saufen, zu rauchen, Computer zu

spielen, Unterschichten- Fernsehen zu schauen, und überhaupt: Hätten diese Harz IV- Empfän-

ger doch gleich Medizin studiert

) Außerdem

sind es doch Einzelschicksale. Selbst schuld….

Statt den Weg so vieler Zeitungen und Sen- dungen zu gehen und reportagenhaft tragische Einzelschicksale aneinander zu reihen, sie mit dem Subtext moralischer Schuldzuweisungen zu spicken, bei welchen die Schuldigen immer schon ausgemacht sind und die gesellschaftli- chen Ausmaße lediglich in Form von abstrakten Zahlen figurieren, müsste man die umgekehrte Richtung anschlagen: Nähern durch Entfernen. Um die Einzelschicksale als Rollen in der gesell- schaftlich- ökonomischen Struktur begreifen zu können, muss man vor allem diese letztere ins Auge fassen. Die Marktwirtschaft beruht auf Technologisierung, Innovation und Wettbe- werb. Indem man aber die Wettbewerbsfähig- keit als Modus akzeptiert, akzeptiert man, dass es Verlierer geben muss.

Partizipation durch Arbeit ist ein Kerngedanke dieser Gesellschaft. Welche Perspektiven haben also diese Kinder und Jugendlichen in einer Ge- sellschaft, in der die Arbeit als Vergesellschaf- tungsprinzip nicht (mehr?) funktioniert? Die Form der Wirtschaft und der Technologie setzt gezwungenermaßen Menschen außer Arbeit. Dass es Verlierer geben muss bei diesem Wirt- schaftssystem, bei dem die Frage der Verteilung immer noch nicht offen und ernsthaft gestellt wird, bleibt ein offenes Geheimnis und den Ge- winnern nicht verborgen.

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Potjomkins Kinder

In den Hinterhöfen der Armut

REPORTAGE :

Anna

Gomer

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FOTOS:

Thomas

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» Eigentlich ist es ja gar nicht so schlimm«, ist unser erster Gedanke, als wir nach vie- lem Rumgekurve endlich in der Sickin- genstraße im Stadtteil Moabit ankommen.

Die Straßenzüge mit Geschäften und Cafés lie- gen hinter uns. Wir kommen in ein Gebiet dieser Stadt, in das man sich nicht so einfach bei einem Einkaufsbummel oder auf der Suche nach einem netten Restaurant verirrt. Die Straße ist trostlos, Lagerhallen und verfallene Industriestätten auf der einen Seite, graue Altbauten auf der ande- ren… Doch das Haus, in dem wir mit der Familie K. verabredet sind, scheint vor nicht allzu langer Zeit in ein frisches Zitronengelb gestrichen wor- den zu sein. Erst als der Blick die Fassade ge- nauer absucht, werden die ersten Auspizien der Armut sichtbar. An den Fenstern hängt Wäsche, Kinderstrumpfhosen und kleine T-Shirts… Die Fenster im Erdgeschoss sind weit geöffnet, es ist Summer in the City. Das verschämte Auge streift die Innenräume, versucht sich abzuwenden. Doch eine Kinderschar, die draußen an einem der geöffneten Fenster lärmt, zieht den Blick auf sich, und auch auf graue Stofffetzen am Fenster und auf gespenstische Gesichter im flackernden Licht des Fernsehers dahinter.

Wir müssen ins Hinterhaus. Und hier werden wir wie von einer Zeitmaschine erfasst, die die Raum- zeit um uns krümmt und uns direkt in das 19. Jahr- hundert katapultiert. Graubraune Kasematten, kein Licht – Bilder wie aus Dostojewskis »Auf- zeichnungen aus einem Kellerloch« – oder, man muss nicht so weit gehen, wie aus Zilles Berlin.

Grabka

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Doch etwas ist anders. Neonbuntes Spielzeug auf kaputtem Beton und dazwischen spielende Kinder holen uns ins 21. Jahrhundert zurück. Wir gehen die Treppen hoch. An den Wänden der Ruß der Jahrzehnte, Geruch der Generati- onen von Armut in der Luft… Oben angelangt werden wir von der Familie K. begrüßt und ins Wohnzimmer gebeten. Auch hier läuft der Fern- seher, wird aber gleich ausgemacht. Ein Tisch am Fenster, eine Schrankwand mit Kinderfotos, eine Couchlandschaft… Kahle Tapetenwände mit ei- nem Foto des Ehepaars dicht unter der Decke.

Frau K. atmet schwer. Brust auf und ab, bringt sie uns Getränke an den Tisch. Fanta und Cola gibt es. Die Familie nimmt Platz auf der gro- ßen Eckcouch. Nicht die ganze Familie - der Überblick fällt etwas schwer: Kinder laufen hin und her durch den Flur… Wie viele sind es? Das Gespräch ist am Anfang stockend, we- der Frau noch Herr K. sprechen gut Deutsch. Ein Freund der Familie, ein rumänischer Deut- scher, kommt uns zu Hilfe. Er und die beiden großen Jungs, Beni(16) und Sami(14), über- setzen und erzählen.

In dieser 2-Zimmer-Wohnung mit feuchten Wänden, kaum 70 qm, wohnen momentan zehn Menschen. Davon acht Kinder. Sechs Kinder der Familie, die vor zwei Jahren aus Bukarest nach Berlin kam, sind schulpflichtig. Die Familie lebt von Harz IV, die Kinder der Familie K. gehören demnach zu den 150 000 statistisch erfassten Berliner Kindern, die unter der Armutsgrenze

leben. Das sind genau 26,9 Prozent. Fast jedes dritte Kind in Berlin…

W i e

h a r t e n

Ve r h ä l t n i s s e n ?

Es bedarf einer ganz eigenen Logistik, stimmen alle ein. Der Essenseinkauf ist ein Kapitel für sich, erzählt der Vater. Mehrere Familienväter tun sich zusammen und fahren mit einem Auto nach Polen zu Großmärkten, wo die Lebensmit- tel billiger sind. Für den Einkauf verderblicher Produkte ist die tägliche Lektüre der Discoun- terangebote unerlässlich.

m e i s t e r t

A l l t a g

d i e i n

Fa m i l i e

v i e l

z u

d e n e n g e n

Doch wie bewerkstelligt Frau K. die Essens- zubereitung für die Großfamilie in der winzig kleinen Küche? Eintöpfe und viel Arbeit ist die Antwort. Aber auch Grillen im nahegelegenen Park, zusammen mit Freunden, fügt der Äl- teste fröhlich hinzu. »Das ist schön! Kommen Sie doch auch!«- werden wir mit freundlichem Nicken eingeladen. Und die Hausaufgaben der Kinder? – In Schichten, genauso wie Duschen und Waschen. »Wir helfen einander, es geht sehr gut!«- sagt der Älteste ernsthaft.

Die Aufteilung der Schlafplätze gehorcht ei- nem anderen Prinzip: die drei Kleinen schla- fen im Schlafzimmer der Eltern. Fünf Große im Wohnzimmer. Die Frage liegt auf der Hand:

»Warum ziehen Sie nicht in eine größere Woh- nung?« – Das Jobcenter würde eine solche be- zahlen, doch finden müssten sie sie schon selbst,

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weiß der Vierzehnjährige sachlich zu berich- ten. Genau da liege das Problem. Monatelange intensive Suche hätte bis jetzt zu keinem Ergeb- nis geführt. Die kinderreiche Familie, die einer Pfingstgemeinde angehört, stößt immer wieder auf Ablehnung. Auch weil sie aus Rumänien kommt, vermutet der Junge: »Die Vorurteile sind stark. In ihren Augen sind wir Zigeuner und klauen alle.« Doch so ist es nicht, fällt der Freund der Familie dem Jungen ins Wort:

Gerade aufgrund ihrer Religiosität sei es eine sehr anständige Familie. Sie trinken und sie rauchen nicht. Der Vater hätte sein Leben lang in einem Busdepot als Reinigungskraft und auf Baustellen hart gearbeitet. Die wirtschaftliche Situation in Rumänien, ein krasser Abbau von Arbeitsplätzen seit dem EU-Beitritt, hätte die Familie hart getroffen. Auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen für ihre Kinder hätten sie sich schließlich entschieden, nach Deutschland zu kommen.

Wir fragen, ob sich ihre Erwartungen erfüllt haben. Ein einstimmiges »Ja« ist die Antwort. Den Kindern gehe es gut, die Lehrer seien sehr nett und die Menschen in Deutschland kinder- freundlich.

Die Ansprüche sind nicht sehr hoch, man kommt mit wenig aus. Doch schnell wird klar, dass der Zugang zu den üblichen Aktivitäten den Kindern verwehrt bleibt. Fußballverein? Fehlanzeige. Es wird im Park gebolzt. Hobbys und Nachhilfe sind kein Thema. Urlaub? Undenkbar. Das we-

nige Spielzeug kommt von Discountern und aus Spenden. Kleidung und Schuhe sind immer ein Problem. Aber auch hier entwickeln die älteren Kinder ihre Strategien: Es wird getauscht und ge- liehen. Die Frage nach der gesunden Ernährung für Kinder erübrigt sich. Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.

Die Familie hält zusammen, betonen alle immer wieder. Es gibt für Kinder kaum Anlass, Kon- takte außerhalb der »freundlichen Hausgemein- schaft« zu knüpfen, in der neben zwei »deut- schen Brüdern« (»sehr netten Trinkern«, die Beni und Sami manchmal von der Treppe auf- sammeln und ins Bett bringen) nur Migranten leben. Die Kinder beschweren sich nicht, dass sie keinen außerschulischen Aktivitäten mit Schulkameraden nachgehen können. Die Fami- lie ist selbstgenügsam. Und so wird es für die Kinder wohl auch bleiben. Auf die Frage nach den Zukunftsplänen antwortet Beni, er werde zusammen mit seinem Vater Isac K., der erst 39 Jahre alt ist und noch etliche Jahre Arbeitsleben vor sich hat, auf der Baustelle arbeiten. Er wird also in die Fußstapfen des Vaters treten.

Die Bühne bleibt, die Rollen werden neu besetzt.

Zille hatte einmal gesagt: »Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt.«

Wer weiß, wie viele Generationen (Bau-)Arbei- ter diese Wände noch beherbergen werden.

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01 Einkaufen geht nur im billigsten Discounter

02 Kochen und Wohnen auf engstem Raum

03 Armut pur: Familie K. wohnt mit zehn Personen in einer 70-Quadratmeter-Wohnung

04 Trotz der Armut beschweren sich die Kinder nicht

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»Ob ich Angst vor dem Tod habe? Wer möchte denn gern sterben?«

Die Geschichte von Toni Luso

TEXT

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01 Sozialarbeiterin Wiebke Sprung vom »Birkenhaus« in Rotenburg an der Wümme: »Der Weg ins ›norma- le‹ Leben oft immer schwerer.«

02 Toni Luso war sein Leben lang auf der Straße – jetzt ist er schwer- krank

03 Toni Luso lebt von 15 Euro am Tag

FOTOS :

Wieland

Bonath

R otenburg an der Wümme: Toni Lusos grün-graue Augen blitzen unter der Ballonmütze mit Fisch- grätenmuster, er setzt die Flasche mit dem gold- farbenen, 11-prozentigen Honigwein ab: »Pader- born in die Bundesliga aufgestiegen – ist das nicht

schön!? Und ich kann nicht hin …« Der 63-Jährige sitzt seit sieben Monaten im »Birkenhaus« fest. Dort, an der Harbur- ger Straße in Rotenburg an der Wümme, wo die Gäste in der Regel nach ein, zwei Nächten ins Ungewisse weiterziehen. Für Luso ist Rotenburg, obwohl er es nicht wahr haben will, mög- licherweise Endstation. Rachen- und Lungenkrebs haben ihn und seinen Schlafsack von der Straße in die vier festen Wände ganz oben im »Birkenhaus« des Herbergsvereins gebracht.

»Ich heiße eigentlich Anton, aber ich mag dieses Anton nicht.« Sein Leben lang war Toni auf der Straße. Einer von schät- zungsweise 20 000 Landstreichern und Bettlern in Deutsch-

land. Und dies ist bei ihm unauslöschlich: »Ich möchte unbe- dingt wieder lostigern und rumgammeln.« Und gleich danach:

»Aber da wird ja eh nichts davon.« Ist das funkelnagelneue

Klappfahrrad, das gleich neben seinem Bett steht, so etwas wie eine zweirädrige Illusion? Für 157 Euro hat er das Rad von seinen Ersparnissen in Rotenburg gekauft. Die Pedale müssen noch angeschraubt werden, und dann soll es losge-

hen zur ersten Fahrt, vielleicht in das benachbarte Scheeßel. »Früher«, erinnert sich Toni Luso, »bin ich fast immer zu Fuß gegangen. Sechs Kilometer habe ich in der Stunde geschafft.«

Jetzt sitzt Toni Luso in seinem kleinen Zimmer mit ungemach- tem Bett, mit altem Fernseher, der so etwas wie Partnerersatz ist, mit Kühlschrank, mit einem großen, runden Tisch, den er gar nicht mag und weichen Sesseln, von denen er einen »aus dem Fenster schmeißen möchte, weil die eine Lehne so schwarz ist«. Der nächste Termin im Krankenhaus steht be- vor. Sind die Tumore gewachsen? Er dreht sich trotzdem eine

Zigarette mit Tabak aus dem kleinen Lederbeu- tel mit den kleinen festgenähten Emblemen vom Trompete blasenden Engel bis zum Pferdekopf. Dazu ein kräftiger Schluck aus der Flasche mit süßem Honigwein. »Ob ich Angst vor dem Tod habe? Wer möchte denn gern sterben?«

Toni Luso wurde 1951 in Augsburg geboren. Sein Vater, Bäcker und Schrotthändler von Beruf, stammt aus Kroatien. Er habe, so Luso, weil er im Krieg gegen die Serben gekämpft habe, das Land verlassen müssen und sei nach Deutschland ge- flüchtet. Erinnern könne er sich an den inzwischen gestorbenen Vater nicht. Die Mutter, er glaube, sie sei 86 Jahre alt, lebe jetzt in Passau. Und dann sei da noch eine etwas jüngere Schwester: »Wo die verheiratet ist, weiß ich nicht. Ich halte sowieso von dem ganzen Familienkram nichts.«

Die Schule in Passau verlässt er ohne Abschluss – hinaus in eine Welt in der es gilt, von einem Tag zum anderen zu überleben und in der kein Platz für Vagabunden-Romantik ist. Als 15-, 16- und 17-Jähriger ist er immer wieder über Para- graphen gestolpert: Einbrüche, Diebstähle. Toni Luso: »Warum? Das tut man ganz einfach im Suff. Wo das war, spielte keine Rolle, Hauptsa- che, man kam dadurch über die Runden.« Was, ob er an Gott glaube? Er kenne »diesen Mann« nicht. Im Übrigen seien die ganzen Religionen doch nur immer wieder Heuchelei, Mord und Plünderung. »Soll man da an Gott glauben?«, fragt der 63-Jährige.

Ungezählte Kilometer – Deutschland von oben

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nach unten, von links nach rechts - ist er in den Jahrzehnten als Landstreicher über Asphalt, über Sandwege und vom Regen aufgeweichte Pfade gelaufen. Er ist Menschen begeg- net, die nicht mit Unverständnis und Verachtung sparten, und er traf immer wieder freundliche Menschen, die nicht fragten, sondern ihn mit ein paar Mark und später Euro un- terstützten. In München dann eine ganz besondere Bekannt- schaft: »Ich war 33 Jahre, Angela 23. Sie war bildhübsch, fuhr Taxi und war nebenbei Tanzlehrerin. Wenn ich dieses Jahr vielleicht noch einmal nach München fahre, dann will ich versuchen, dass ich Angela finde. Ich weiß nicht, ob sie noch in Schwabing wohnt.« Ja, eine Familie hätte er schon ganz gern gehabt – eine Frau, ein oder zwei Kinder. Aller- dings: Zwischendurch wäre er immer wieder auf die Straße gegangen. Das brauche er.

Ob er denn demnächst an der Wahl zum Europaparlament teilnehme? Wahlen gibt es für Toni Luso nicht, weil er als »heimatloser Ausländer« gilt, der »zum Aufenthalt im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland berechtigt« ist. Und ganz winzig steht an anderer Stelle seines Reisepasses »Ungeklärte Staatsangehörigkeit«. In diesem Jahr muss der Ausweis, den er hütet wie einen kleinen Schatz, vom Passamt verlän- gert werden. Und was er noch braucht, was aber diesmal so schrecklich lange dauert: Das Quartal ist abgelaufen, und dann ist für die medizinische Behandlung die AOK-Versiche- rungskarte unbedingt notwendig. Auch Bettler, heimatlose Ausländer und Landstreicher fallen also nicht durch das so- ziale Netzwerk. Die gesundheitliche Fürsorge lässt sie nicht allein. Der Tagessatz, den Toni Luso erhält, beläuft sich auf 13 Euro: »Wenn man keine übergroßen Ansprüche hat, kann man davon leben«, weiß der 63-Jährige. Und dann gibt es da noch die Tafel, die für einen Euro gute Mahlzeiten anbietet.

Wenn da nicht der Alkohol und die Zigaretten wären … Viele,

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wenn nicht zu viele Menschen am Rande der Gesellschaft ohne Perspektive, ohne Partner, ohne Halt und immer wieder gedemütigt, nehmen Rausch- und Genussmittel, um sich den falschen und kurzfristigen Ersatz zu schaffen. Toni Luso liebt Musik. Er holt ein asiatisches Instrument mit kleinen Metall- zungen hervor. »Davoud der Perser« hat ihm das kleine In- strument geschenkt, als er noch in Tübingen heiße Maronen verkauft hat: »Toni, wir küssen dich. Dein Platz is leer«, steht auf dem Deckel. Toni: »Ich werde jetzt zur Edeka gehen und mir ein paar Bierchen kaufen und sie auf der Bank an der Straße trinken. Da kann ich dann auch an das Meer denken, wo ich so gerne gewohnt hätte.«

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»Wohlstand für alle!«

Was aus der Sozialen Marktwirtschaft wurde

Ludwig Erhard 1957 mit seinem Buch Wohlstand

für Alle

(Foto: Bundesarchiv B

145 Bild-F004204-0003, CC-BY-

SA-3.0-de)

TEXT :

Detlef

Flister

L udwig Erhard, Wirtschaftsminister in der Regierung Konrad Adenauers (CDU) und späterer Bundeskanzler, wird gemeinhin als Erfinder der Sozialen

Marktwirtschaft bezeichnet. Diese beruht auf der Idee, die Folgen des Marktes sozial abzufedern und den Bürgern materielle Sicherheit zu geben. Alle Bürger des Staates sollen von diesem Sys- tem profitieren. Die Parole: »Wohlstand für alle!« wurde als Versprechen an alle Deutschen ausge- geben. In nur zwei Jahrzehnten wurde ein in der Welt beispielloses soziales Netz aufgebaut, das die Risiken des Marktes abfedern und das erneute Entstehen von sozialer Armut in Deutschland verhindern sollte, basierend auf einem schier un- endlich scheinendem Wirtschaftswachstum. Be- sonders in der sozialdemokratischen Ära unter Kanzler Willy Brandt (SPD) und teilweise auch noch unter Helmut Schmidt (SPD), übertrafen sich die Politiker gegenseitig bei der Schaffung neuer Sozialleistungen. Zumindest diesbezüglich konnten die Deutschen damals stolz sein auf ih- ren Staat. Dass Wachstum begrenzt ist, wissen wir mittlerweile. Nach der Einheit sollte es daher auch ein böses Erwachen geben

Kü r z u n g

d e n

d e r Re n t e n b e i t rä g e d u rc h

E i n h e i t

K a n z l e r

d e r

d e u t s c h e n

Schon kurz nach der deutschen Einheit gab es die ersten Attacken auf die sozialen Netze. Deutsch- land war hoch verschuldet, und die Neuverschul- dung wuchs rasend schnell. Das langsame Aus- dünnen des Sozialnetzes wurde mit mehreren Attacken auf die Rente begonnen: Zweifelhafte

mit mehreren Attacken auf die Rente begonnen: Zweifelhafte Pläne, wie die Versteuerung der Rente, Kürzungen dieser

Pläne, wie die Versteuerung der Rente, Kürzungen dieser bei Vorruhestand und auch die Zahlung von Sozialversicherung für Rentner wurden vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl eingeführt. Die Rentenerhöhungen wurden ebenfalls eingedampft, und es gab mehrere Nullrunden. Danach wur- den die Erhöhungen immer geringer. Die letzte Erhöhung lag bei 0,75 Prozent und deckte nicht einmal den Inflationssatz ab. Diese Maßnahmen trugen entscheidend zur Entstehung von Altersarmut bei, die derzeit stetig wächst.

Hartz IV – Armut per Gesetz

Die sozialen Schweinereien der bundesdeutschen Regierun- gen sollten aber noch einen neuen Höhepunkt erreichen. Es gab eine Riesendebatte darüber, dass wir mit unserer stän- dig wachsenden Schuldenlast den künftigen Generationen die Zukunft stehlen würden. Plötzlich standen die Bezieher staatlicher Leistungen als Sozialschmarotzer da, die sich in der sozialen Hängematte Deutschlands ausruhen und nur noch Sozialleistungen abgreifen würden, letztlich gar nicht bereit wären zu arbeiten. Das könne man schließlich nicht zulassen, und diesen Schmarotzern müsse man das Wasser abgraben. Die Boulevardpresse befeuerte diese Debatte zu Ungunsten arbeitsloser Menschen. Die Folge: Hartz IV wurde von der rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder auf den Weg gebracht, was zur Abschaffung des bis dahin gel- tenden Arbeitslosengeld/-hilfe- Systems führte. Die neuen gesetzlichen Regelungen gerieten bei den Sozialorganisatio- nen schnell unter Beschuss, wurden als Armut per Gesetz be- zeichnet. Zahlreiche Proteste halfen nicht. Stattdessen wurden die Sanktionen, die bei »Pflichtverletzungen« drohen, stetig erhöht. Der Druck auf die Leistungsbezieher wurde beständig erhöht. Leistungen wurden auf ein Existenzminimum zurück- geführt, das auf veralteten Preisen beruht und auch noch ge- kürzt oder zeitweise ganz verweigert werden kann.

Fazit

Die Rentenkürzungen und Hartz IV sind nur zwei Beispiele in der langen Reihe der fragwürdigen »sozialen« Maßnahmen der letzten Bundesregierungen, die die soziale Absicherung ar- beitsloser, armer und kranker Bürger_innen extrem minimiert. Unser Staat passt sich immer mehr dem Raubtier-Kapitalismus amerikanischer Prägung an, der, wenn überhaupt, nur rudi- mentäre soziale Leistungen kennt. Die Regierung von Helmut Kohl fütterte die Wirtschaft noch zusätzlich mit Steuererleich- terungen und vielfältigen Abschreibungsmöglichkeiten. So wird immer mehr eine Zwei-Drittel-Gesellschaft verfestigt, die das letzte Drittel vom Wohlstand ausschließt und der Armut preisgibt. Die Löhne steigen langsamer als die Preise, was viele Bürger in starke soziale Nöte bringt. Dies schränkt auch ihre Freiheit und soziale Teilhabe ein. Freiheit kann ohne soziale Si- cherheit und mit Existenzängsten nicht ausgelebt werden und wird dadurch bedeutungslos.

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Lebt, wer im Wohlstand lebt, wirklich angenehm?

Wider der Legende

BETRACHTUNG :

Jan

Markowsky

A ls Heranwachsender habe ich oft die- sen Satz gehört: »Der hat‘s gut, der hat Geld«. In der Regel wurde dieser Satz ausgesprochen, wenn ein Mangel

zu beklagen war. Doch hat »der« es wirklich gut gehabt? Ich weiß, in der »Dreigroschenoper« singt Mackie Messer im Song vom angenehmen

Leben auch: »Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.« Was aber ist überhaupt Wohlstand? Wohlstand, so eine Bedeutung, hat mit gesund sein, sich gut fühlen zu tun, sich wohlfühlen eben. Mackie Messer hatte aber allein das ma- teriellen Wohlergehen im Sinn. Mit ihm sicher auch die meisten meiner Mitbürger.

P re u ß i s c h e

Te r ro r g e g e n Wo h l s t a n d

Dass das Anhäufen materieller Güter nicht un- bedingt nachhaltiges persönliches Wohl erzeugt, das habe ich in meinem Leben aus erster und zweiter Hand erfahren. Die DDR ist untergegan- gen, obgleich Erich Honecker die materiellen Le- bensverhältnisse der arbeitenden Bevölkerung verbessern wollte und u.a. im großen Stil Woh- nungen bauen ließ. Den Bewohnern der einst be- rühmt-berüchtigten Waldsiedlung von Wandlitz war allerdings weit weniger wohl, als neidische Zaungäste glaubten. Mir wurde berichtet, dass Inge Lange, Kandidatin des Zentralkomitees der SED, ihre Tochter, die Schriftstellerin Katja Lange-Müller, nicht zu Hause in der Siedlung empfangen durfte oder wollte. Ich kann das nicht bestätigen, aber auch nicht ausschließen. So unwahrscheinlich ist das nicht, weiß ich doch von ach so guten Genossen, die um ihrer Karriere willen die Beziehungen zu unbotmäßi- gen Kindern abgebrochen haben. Einem Punker hat seine Mutter Verrat an der DDR vorgewor- fen, als er dem Druck nicht mehr aushalten konnte und von Ost- Nach Westberlin gezogen ist. Besonders krass haben die Diskrepanz die Mitglieder der Komintern (Kommunistische In- ternationale) im Moskauer Luxushotel »Lux« erlebt. Die willkürlichen Verhaftungen, immer nachts, haben ein Klima der Angst erzeugt. We- gen der ständigen Angst konnten Johannes R. Be- cher, Georgi Dimitroff, Georg Lukácz, Klement Gottwald. Boleslaw Bierut, Walter Ulbricht und Ruth Fischer, um nur einige bekannte Namen zu nennen, das vergleichsweise gute Essen und die Ausstattung nicht genießen. Stattdessen lebten

D i s z i p l i n

u n d

St a l i n s

Stattdessen lebten D i s z i p l i n u n d St a

In diesem eher bescheidenen Ambiente in der Bonzensiedlung Wandlitz (Haus 11) lebte der SED-Generalsekretär

Erich Honecker (Foto: Ranofuchs/Wikipedia CC-BY-SA-3.0,2.5,2.0,1.0,)

sie in Anspannung, Angst und mit permanenter Schlaflosigkeit. Der Terror in der DDR wirkte bis zum Fall der Mauer.

Falsches Versprechen

Auch in der Bundesrepublik wurde und wird permanent an der Legende vom Wohlstand ge- strickt. Der damalige Bundeswirtschaftsminister und spätere Bundeskanzler Erhard hat im Feb- ruar 1957 beim ECON-Verlag das Buch »Wohl- stand für Alle« herausgebracht. Der Titel war ein Versprechen. Für Ludwig Erhard ging es um ma- teriellen Wohlstand. Er war da ganz Kind seiner Zeit. Konsum kann kompensieren, wenn Besitz materieller Güter zum Ziel des Lebens wird. Wie, das werde ich noch erklären. Hier nur so viel: Wenn ein Profifußballer der Bundesliga vor laufender Kamera in seinem nicht kleinen Auto aufs Gaspedal tritt und von Fahrspaß spricht, dann sind einige Werte schief.

Wohl leben mit wenig

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungs- losenhilfe hat 2007 zu ihrer Jahrestagung in Potsdam geladen. Ich habe im Vorfeld folgende Ankündigung gelesen: »Ist Integration noch möglich?« Ich stellte mir dann die Frage, wer integriert werden muss: Ich als Mensch ohne fes- ten Wohnsitz, Mitglied der Theatergruppe »Un- ter Druck«, Vorstand des kleinen Vereins »Unter Druck – Kultur von der Straße«, Autor der sozi- alen Straßenzeitung strassenfeger, integriert in einer freikirchlichen Gemeinde oder eher Angela

Merkel, in ihrer Kanzler-Waschmaschine völlig abgeschirmt von der Wirklichkeit? Das Leben auf der Straße ist eine der deut- lichsten Formen sozialer Ausgrenzung. Ich habe das nicht so empfunden. Mich hat das Arbeits- verhältnis im Büro zuvor so belastet, dass der Schritt in die Obdachlosigkeit eine Befreiung war. Lange vor der Kommission von Peter Hartz (dem Erfinder von Hartz IV) hat der Druck auf Arbeitnehmer_innen zugenommen. Es dauerte eine Weile, bis ich mich in das Leben ohne ein eigenes Dach über dem Kopf eingelebt hatte. Am längsten hat das mit dem Schlafen im Freien gedauert. Dank des vor vielen Jahren wirklich guten Systems der niedrigschwelligen Woh- nungslosenhilfe in Berlin konnte ich als mit- telloser Mensch ohne Wohnung gut überleben und leben. Das hat meine Sinne geschärft, und das ist die Grundlage meines andauernden En- gagements für ausgegrenzte Menschen. Und als Akteur auf den Brettern, die die Welt bedeuten, habe ich auch ohne einen Pfennig in der Tasche am kulturellen Leben teilnehmen können. Ich wurde eingeladen.

Resümee

Wer materiell abgesichert ist, lebt nicht unbe- dingt im Wohlstand. Karriere um der Kariere willen hat ihren Preis. Auch im Wohlbefinden. Um wohl zu leben, muss erst einmal das Überle- ben gesichert sein. Das geht entgegen der Mehr- heitsmeinung auch ohne Geld. Kontinuierliche Mitarbeit sorgt für Anerkennung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Auch ohne Geld.

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Die Vermessung des Wohlstands

Als vor gut einem Jahr die Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität ihren Abschlussbericht vorlegte, war von Ernüchterung und Scheitern die Rede. Nun verschleppt die Bundesregierung die Inbe- triebnahme einer im Abschlussbericht vorgeschlagenen Website

TEXT :

Jutta

Herms

E s hätte der große Wurf werden können. Aus der Erkenntnis, dass unsere Art zu wirtschaften und zu leben nicht zukunftstauglich ist, hätte die Idee ei- nes Zufkunftsmodells werden können. Wo, wenn nicht in einer Enquete-Kommission, ist Platz dafür,

über große Fragen groß nachzudenken? Unkonventionelle Ideen oder unbequeme Wahrheiten hätten vielleicht verstört, aber hätten eine Debatte angestoßen. Doch aus den großen Ideen wurde nichts. Die Bundestagswahlen waren nahe, der Klimawandel fern. Und überhaupt war Deutschland ja gut aus der Krise gekommen. »Es wird alles beim Alten bleiben, und wir haben einen neuen Bericht bekommen«, sagte damals der Sachverständige Meinhard Miegel, der von der CDU in die Kommission berufen worden war. Die Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Le- bensqualität wurde vor dem Hintergrund der überstandenen Finanzkrise ins Leben gerufen. Ängsten von Bürgern sollte be- gegnet werden, der Zusammenbruch der Finanzmärkte hatte Milliarden Dollar und Euro versenkt und unzählige Arbeits- plätze zerstört. Die Kommission bekam den Auftrag, schon länger in Deutschland geführte Debatten aufzugreifen. Etwa die Debatte, ob Wohlstand und Lebensqualität der Deutschen – so wie das bisher geschieht - durch das Wachstum des Brutto- inlandsproduktes – kurz BIP genannt - angemessen abgebildet werden können. Das Bruttoinlandsprodukt rechnet zusam-

men, wie viele Waren und Dienstleistungen ein Land in einem Jahr produziert hat. Es rechnet als Euro zusammen. Ob aber die Deutschen gesünder sind als im letzten Jahr, die Schulen besser geworden sind, das verrät es nicht. Auch verunreinigte

Gewässer und verseuchte Böden, Klimagase, die Fabriken und Autos in die Luft blasen, erfasst das BIP nicht. Die Kommis- sion wurde beauftragt, »einen ganzheitlichen Wohlstands- bzw. Fortschrittsindikator« zu entwickeln.

W i r t s c h a f t swa c h s tu m s c h a f f t A r b e i t s p l ä t ze und hilft aus der Krise

Auch mit dem Wirtschaftswachstum sollten sich die Enquete- Mitglieder befassen. Wachstum, das weiß auch der Ökono- mie-Laie, hört sich erst mal gut an, man kommt damit aus wirtschaftlichen Krisen, Wachstum schafft Arbeitsplätze, es sorgt für stabile Sozialsysteme und letztlich für Wohlstand für alle. Doch – auch dazu braucht es kein Fachwissen – auf einer endlichen Welt kann es kein unendliches Wachstum geben. Wer ökologische Ressourcen über Gebühr ausbeutet, zerstört letztlich die Grundlagen unserer Zivilisation. »Wachstum, Wachstum, Wachstum, um jeden Preis. Und davon weg- zukommen, das ist der Auftrag, der an die Enquete gestellt worden ist« sagte die damalige Vorsitzende der Enquete- Kommission Daniela Kolbe, damals, als sich die Kommission zusammenfand. Mit viel Enthusiasmus war die junge Abge- ordnete aus Leipzig damals an die Arbeit gegangen. Neben 17 Abgeordneten des Bundestages, dem damals eine schwarz-gelbe Regierung vorstand, gehörten der Kom- mission 17 Sachverständige aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verbänden an, die von den Parteien in die Kommission berufen worden waren. Es war ein ziemlich bunter Haufen. Michael Müller etwa war dabei, ein in ökologischen Dingen engagierter

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01
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01 Das Bruttoinlandsprodukt gibt keine Auskunft über Umweltverschmutzung (Foto: Jutta Herms)

02 Wirtschaftswachstum verspricht materiellen

Wohlstand (Foto: Jutta Herms)

03 Die Enquete-Kommission für Wachstum, Wohl- stand, Lebensqualität während einer Sitzung. Links im Bild die Kommissions-Vorsitzende Daniela

Kolbe, SPD (Quelle: Deutscher Bundestag/ Lichtblick/ Achim Melde)

Sozialdemokrat, Meinhard Miegel, der von einer Journalistin mal als »Kassandra der Wachstums- kritik« betitelt wurde, Kai Carstensen, liberaler Ökonom vom Ifo-Institut, und ebenso Gert Wag- ner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsförde- rung, ein konservativer Keynesianer. Da saß einer in der Enquete-Kommission (Karl-Heinz Paqué, Wirtschaftsprofessor und Ex-FDP-Finanzminister in Sachsen-Anhalt), der hatte ein Buch geschrieben mit dem Titel »Wachstum!« und darin nachdrücklich für eben das plädiert. Und da saß ein anderer mit in der Runde (Ralf Fücks, Vorsitzender der Grü- nen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung), der hatte auch ein Buch geschrieben, aber das trat ein für »intelligentes Wachstum«, für ein ressourcen- schonendes Wachstum. Unter den Politikern in der Kommission taten sich bald rot-grüne und schwarz-gelbe Gräben auf. Die meisten CDU- und FDP-Politiker sahen das Land und die Weltwirtschaft nicht am Wendepunkt. Die andere – oppositionelle - Seite forderte ei- nen umfassenden Umbau der Wirtschaft und Wachstumsverzicht. Philipp Rösler, der wegen schlechter Um- fragezahlen vor der Bundestagswahl unter ge- hörigem Druck stand, erklärte irgendwann das Thema Wachstum zum Ziel seiner Partei. Das lähmte die Kommission, die ja gerade Nutzen und Sinn des Wachstums hinterfragen wollte. »Wenn man keine Veränderung will, muss man es genau so anstellen«, sagte Meinhard Miegel da- mals. Und die Vorsitzende Daniela Kolbe stellte fest, sie sei nach zwei Jahren Arbeit »insofern et- was klüger, dass ich realistischer geworden bin.«

N e b e n

s o g e n a n n t e Wa r n l a m p e n

E i n ze l i n d i k a t o re n

s o l l

e s

g e b e n

Konkrete Handlungsvorschläge legte die Pro- jektgruppe vor, die mit der Entwicklung eines alternativen Wohlstandsmaßes beauftragt war:

»Der ›materielle Wohlstand‹ und dessen Nach- haltigkeit wird im W³ Indikator durch das BIP pro Kopf, die Einkommensverteilung und die Staats- schulden abgebildet. Der Bereich ‚Soziales/Teil- habe‘ soll durch die Indikatoren Beschäftigung,

02
02

Bildung, Gesundheit und Freiheit gemessen wer- den und der Bereich Ökologie durch die Variab- len Treibhausgase, Stickstoff und Artenvielfalt.« In dieser Darstellung sind zehn Einzelindikato- ren enthalten, die nach dem Vorschlag noch mit sogenannten »Warnlampen« verbunden werden sollen. Sie sollen helfen, negative Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, um gegensteuern zu kön- nen. Das Ganze soll grafisch aufbereitet und auf einer Webseite Eingang finden. Auf diese Weise könnten Bürger Zugang zu dem »Indexsatz« er- halten und sich einbringen. Im Juni letzten Jahres hat der Bundestag - mit der damaligen schwarz-gelben Mehrheit – die Bundesregierung in einem Entschließungs- antrag aufgefordert, den Vorschlag der Webseite zu verwirklichen. Über ein Jahr später gibt es die Webseite noch nicht. Aus dem Statistischen Bundesamt, in dessen Händen die technische Umsetzung läge, heißt es, man warte auf eine Ansage aus der Politik. Aus dem, dem Statisti- schen Bundesamt vorgesetzten Bundesministe- rium des Inneren, heißt es, die Angelegenheit befinde sich in Händen des Bundeskanzleram- tes. Dieses ist zurzeit beschäftigt mit dem im Koalitionsplan angekündigten Aktionsplan »Gutes Leben – Lebensqualität in Deutsch- land«. Die Zeitung Die Welt zitiert Bundestags- abgeordnete mit der Vermutung, dass man wohl die Kommissionsvorschläge in diesen Aktions- plan einfließen lassen will. Wirtschaftsprofessor Karl-Heinz Paqué, den die FDP damals in die Kommission berufen hatte, äußert in derselben Zeitung die Vermutung, CDU und SPD »wären wohl froh, wenn die Ergebnisse irgendwo in Ruhe in Aktenschränken verstaubten.« Die damalige Kommissionsvorsitzende Da- niela Kolbe äußert sich dem strassenfeger ge- genüber zufrieden: Im Koalitionsvertrag sei »ein klarer Prozess« vereinbart worden. Der sehe die Entwicklung eines »Indikatoren – und Berichts- systems zur Lebensqualität in Deutschland« vor, zudem sei ja der Aktionsplan »Gutes Leben – Le- bensqualität in Deutschland« beschlossen wor- den. »Als Vorsitzende der ehemaligen Enquete werde ich darauf achten, dass sich unsere Vor- schläge dort auch wiederfinden.«

03
03

Hintergrund:

Im Dezember 2010 beschloss der Deutsche Bun- destag die Einsetzung einer Enquete-Kommission mit dem Titel Wachstum, Wohlstand, Lebensqua- lität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft.

Am 17. Januar 2011 nahm die Kommission ihre Arbeit auf. Ihr gehörten an: 17 externe Sachver- ständige und 17 Abgeordnete des Bundestages, von denen gemäß den damaligen Kräfteverhält- nissen im Bundestag sechs der CDU/CSU, vier der SPD, drei der FDP und jeweils zwei der Linken und Bündnis 90/Die Grünen angehörten.

Gearbeitet wurde in fünf Projektgruppen:

1. Stellenwert von Wachstum in Wirtschaft und Gesellschaft

2. Entwicklung eines ganzheitlichen Wohl- stands- bzw. Fortschrittsindikators

3. Wachstum, Ressourcenverbrauch und technischer Fortschritt – Möglichkeiten und Grenzen der Entkopplung

4. Nachhaltig gestaltende Ordnungspolitik

5. Arbeitswelt, Konsumverhalten und Lebens-

stile Im Mai 2013 legte die Enquete-Kommission ihren Abschlussbericht vor, der 844 Seiten lang ist. Mit einem Entschließungsantrag beauftragte der Bundestag die Bundesregierung am 4. Juni 2013 damit, über das Statistische Bundesamt die Darstellung eines von der Enquete-Kommission vorgeschlagenen »Indikatorensatzes zur Messung und Darstellung von Wohlstand und Fortschritt« im Internet zu veranlassen.

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»Nein, ich will keine zusätzlichen Balkone für 240 000 Euro kaufen!«

Mieter äußern Unmut am Modernisierungsvorhaben der GESOBAU

TEXT :

Bündnis

Pankower

Mieterprotest

I m Bezirk Pankow wird seit dem letzten Jahr der

Bestand der GESOBAU massiv modernisiert.

Der Umfang der Maßnahmen ist oftmals nicht

nachvollziehbar, die Kommunikation zwi-

schen GESOBAU und Mietern funktioniert nicht. Die Maßnahmen führen zu sehr viel höheren Mie- ten, das wiederum zieht den Auszug all jener, die sich diese Mieten nicht mehr leisten können, nach sich. Und es führt zum Unmut der Mieter. Deshalb gründeten im letzten Jahr Mietergemeinschaften von GESOBAU-Häusern das Bündnis Pankower Mieterprotest (PMP) und machten öffentlich auf die Problematik der massiven Modernisierung auf dem Rücken der Mieterschaft aufmerksam. Ein Teilerfolg konnte dadurch erreicht werden, dass zwischen dem Bezirksamt Pankow, der GESO- BAU und der Mieterberatung Prenzlauer Berg ein Rahmenvertrag vereinbart wurde, der zum Teil Mieter davor schützt, aus ihren Wohnungen ziehen zu müssen, weil sie die Mieten nach Modernisie- rung nicht mehr bezahlen können. Dennoch plant die GESOBAU weiterhin Maßnahmen, die nach Ansicht der Mieter nur dazu dienen, höhere Mie- ten zu erzielen. Aktuelles Beispiel ist der Häuser- komplex Grabbeallee 50 und 52. Obwohl straßen- seitig Loggien und Balkone vorhanden sind, plant die GESOBAU hofseitig den Anbau eines weiteren Balkons in jeder Wohnung – gegen den Willen der meisten Mieter. Welche Auswirkungen der Balko- nanbau hat, hat sich Oskar – der ist schlau – durch den Kopf gehen lassen:

Hallo, ich bin Oskar, fast elf Jahre alt und wohne eigent- lich schon ewig in der Grabbeallee 50. Im Vor- derhaus, Hinterhaus haben wir nicht, dafür ’nen Hof, das ist mein Fußballfeld. Muss Euch mal was erzählen! Geht um mein Taschengeld. Kommt nicht immer pünktlich, aber kommt, jede Woche!

Gestern war‘s. Sitze mit Mama in der Küche beim Frühstück, eigentlich wie immer. »Da«, sagt sie, Mamas Zeigefinger richtet sich steil durch das Fenster, also durch die Scheibe nach Irgendwo. »Da kannst du bald einen Schritt nach draußen treten«, sagt der eine Teil mei- nes Taschengeldgebers. Ich: »Wieso, willst Du mich loswerden?« (Wir wohnen im 2. Stock!) Sie verneint es heftig und streicht sanft über mein Haar, was ich so mit fast elf eigentlich nicht mehr mag! Mit ernstem Blick setzt sie zu der Erklärung an, dass ich bald, um mich in der Wohnung wohler zu fühlen, einen Schritt auf einen Balkon machen kann. Meine Verwunde- rung ist aufsteigend. »Aber wieso denn plötzlich auch in der Küche, haben wir doch schon im Wohnzimmer!«. »Trink deine Milch!« sagt sie, obwohl sie schon lange weiß, dass ich dieses

Hier an der Grabbee- allee 50/52 will die GESOBAU für viel Geld Balkone anbauen

(Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)

Balkone anbauen (Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst) Kuhwasser mit 1,5 Prozent Fett nicht mag. Mir wird

Kuhwasser mit 1,5 Prozent Fett nicht mag. Mir wird mulmig – immer noch dieser Blick.

»Die GESOBAU hat sich das ausgedacht und möchte hier hinten überall solch kleine Balkone anschrauben, damit wir es besser haben.« Ich schüttele jetzt meine langen Haare mit dem üb- lichen Kopfrucken nach hinten und stelle fest:

»Wie jetzt, auch Balkon nach hinten? Runter- spucken geht nicht, Fußballspielen wohl dann auch nicht mehr.« Und wer ist eigentlich »die GESOBAU«… Ich versuche mich zu erinnern. Zu meinen Geburtstagsfeiern war die bestimmt noch nicht, vielleicht ‘ne Gartennachba- rin? Wenn Mama so wie jetzt schaut, ist was im Gange, das kenne ich! Also sage ich: »Na schön, dann eben Balkon«. Mamas Blick wird noch etwas steiler, sie richtet ihre Haare und ich ahne, jetzt geht’s wohl ans Eingemachte. Kann aber die Richtung nicht erkennen. Meine bisherigen Erfahrungen sagen mir, jetzt treu wie ein Dackel gucken! Und nun kommt mein Taschengeld ins Spiel! Sie: »Die GESOBAU möchte gern Geld von uns, damit sie es uns so richtig schön machen kann. Gut 60 Euro im Monat für den neuen Balkon und dies, so lange wir hier wohnen. Na und der Balkon vorn wird dann zugemacht und vergrößert unser Wohn- zimmer. Macht auch nochmal 5 m² mehr, und damit nochmal ca. 40 Euro mehr Miete. Da das aber viel Geld für uns ist, haben wir gedacht, dass du so 2,50 Euro von deinem Taschengeld für diesen Schritt nach draußen spendest.«

Meine Augen werden schmal und feucht. Um Zeit zu gewinnen, trinke ich dieses Kuhwas- ser langsam aus und rechne. Ich kenn das, meine Eltern sagen, dass ich manchmal faul aber nicht doof bin. Das Zweite stimmt! Also

rechne ich. Im Kopf! Mein Taschengeld beträgt fünf Euro in der Woche. Davon soll ich 2,50 Euro für den Balkon abdrücken. Das sind im Monat zehn Euro. Im Jahr 120 Euro. Das ist ja ein nagelneues Skateboard! Und das für einen

Schritt nach – Irgendwo? In mir steigt die Ab- neigung. Ich rechne weiter. Wenn meine Eltern monatlich so 100 Euro (60 Euro Balkon und

40 Euro mehr Miete) an die GESOBAU zah-

len, sind das im Jahr 1 200 Euro. Musste mal

schnell nachsehen: Es werden wohl 20 Balkone an unserem Haus angebaut! Also 1 200 Euro x

20 sind 24 000 Euro im Jahr. Wenn ich 21 Jahre

alt bin (und ich möchte nie, nie, nie heiraten und für immer bei meinen Eltern bleiben!) ha- ben wir mit allen zusammen 240 000 Euro an die GESOBAU bezahlt. Und dann übernehme ich diese Wohnung! Und zahle weiter!

Mama schaut immer noch mit diesem Blick. »Was ist, mein Schätzchen«, kommt mit müt- terlichem Unterton zu mir rüber. Wie ich dieses »Schätzchen« hasse, immer noch kommt sie mir damit! Erkenne aber, dass Streit jetzt mein Ta- schengeld gefährdet. Im versöhnlichen Ton, den ich von Papa kenne, säusele ich: »Mama, ich will keinen Balkon, kann ich jetzt auf den Hof Fußball spielen gehen?« Ihr »Ja, geh spielen, ich kümmere mich schon darum!« und ihr freundlicher Blick entfachen in mir Hoffnung. Ich lasse es zu, dass sie mir übers Haar streicht. Was nun aus meinem Taschengeld wird, weiß ich nicht, die GESOBAU hat sich noch nicht gemeldet. Hat Mama sich doch nicht gekümmert?

PS: Noch im Hausflur rufe ich: »Und gemein- sam mit dir am Küchentisch sitzen kann ich auch nicht mehr. Ist nämlich kein Platz mehr, wegen der Balkontür!«

Karikatur: OL

strassenfeger

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WOHLSTAND | 13

Vielleicht bin ich auch reich

Armut und Fülle

TEXT :

Mischa

N.

I ch habe mich meiner Armut geschämt, ich habe sie und mich in ihr beklagt – bis mir ein Mensch einmal entgeg- nete, ich sei nicht arm, ich habe nur kein Geld. Dieser Satz blieb mir makaber in den kargen Tagen, in denen ich zu

verzweifeln drohte, in denen die Angst beherrschend war im Wissen, Rechnungen nicht zahlen zu können, dass die Wasch- maschine vielleicht versagen und der Kühlschrank, immerhin besitze ich einen, bis Monatsende überflüssig sein würde.

Ich habe ein Butterbrot zu schätzen gelernt, den Stolz eines einzigen Kartoffelpuffers und mich an die reich gedeckten Ti- sche, an denen ich einst saß und gedankenlos zulangte, im Zwiespalt erinnert. Ich wusste von Armut, die aber in jener Zeit nicht mich betraf und mein sorgloses Dasein im Wohl- stand auch nicht berührte.

Es ist leicht, in einem schönen Kleid eine gute Figur zu machen und bei einem Gläschen Wein über die Würdelosigkeit der Un- terschicht zu diskutieren – der man sich, kultiviert und sozial, immerhin solidarisch erklärt in einem – en passant - hingewor- fenen Centstück. Ich habe mir diese Arroganz abgewöhnt und das Kastendenken ebenso. Ich will es mir nicht mehr leisten.

Armut ist nicht Askese. Ich habe sie nicht gewählt und schon gar nicht verdient. Ich akzeptiere sie nicht, weder für mich, noch für einen anderen Menschen. Und ich empfinde Wut, wenn ich in der Lebensmittelausgabe alte Frauen an Krücken stehen sehe, mir in der Suppenküche ein Kind begegnet oder ich morgens an einem, noch auf der Parkbank schlafenden, Mann vorübergehe.

Vielleicht aber habe ich in allem begriffen, dass nichts selbst- verständlich ist und manches unbezahlbar. Wenn ich um die Kostbarkeit des Lebens weiß, um seine Zerbrechlichkeit wenn mir bewusst ist, dass ich nicht unbegrenzt Zeit habe und meine Gesundheit als Geschenk betrachte, dann fühle ich mitunter Dankbarkeit und scheint mir mein Leben nicht nur mehr eine bedrückend endlose Durststrecke zu sein.

Ich habe die Aussage, dass ich nicht arm sei, nicht vergessen können und mich zumindest gefragt, ob es neben dem kna- startigen Gedankengang, der immerfort und einzig um den

ob es neben diesem

Mangel und dessen Verwaltung führte

Weg noch einen anderen der Betrachtung geben könne.

Ein gewagter Blick aus den empfundenen Ruinen, zwischen den ich glaubte das Dasein einer Kanalratte zu führen, of- fenbarte den weiten Himmel, den friedlichen – der mir, aber längst nicht allen Menschen dieser Welt vergönnt ist. Ich lebe in einem Haus, unter einem Dach, dass mir Rechte zugesteht, die ich einfordern kann.

Was mir missfällt – das darf ich äußern und meine Sympathien unterliegen keiner Zensur. Zwischen den Orten, die mir nicht oder nur vorübergehend versperrt sind, gibt es immerhin noch eine Wahl und die Möglichkeit der teilhabenden Gestaltung.

Kein Pullover aus der Kleiderkammer vermag zu umsäumen,

wer und was ich tatsächlich bin. Die mir aus- gestellte Bescheinigung meiner Bedürftigkeit erklärt nicht den Zustand meines Gefühlshaus- haltes, der sich selbst mir und meiner mitunter kostengünstigen Berechnung in Verschwendung widersetzt.

Aber es bedarf des Mutes, sich dessen bewusst zu sein. Existenzängste und -nöte lassen sich nicht abschütteln, nicht im Kostüm reicher Phanta- sie minimieren und ein fest geschnallter Gürtel zwickt, selbst in einem offenen Gespräch, das zu bereichern und den Blickwinkel zu dehnen sucht.

Das Leben ist letztlich nicht mit Geld zu bezahlen.

Ein barfüßiger Gedanke kann geistreich, eine ver- meintlich großzügige Geste armselig, ein wortfül- liger Satz leer und ein Klagelied bezaubernd sein. Aber wer wollte es schon freiwillig singen?

Vielleicht bin ich auch reich. Vielleicht bin ich selbst dann noch reich, wenn ich sagen muss, dass ich arm bin.

dann noch reich, wenn ich sagen muss, dass ich arm bin. Gabrielle Goettle »Die ÄRMSTEN!« (Quelle:

Gabrielle Goettle »Die ÄRMSTEN!«

(Quelle: Die Andere Bibliothek/Eichborn, Frankfurt am Main 2000)

dass ich arm bin. Gabrielle Goettle »Die ÄRMSTEN!« (Quelle: Die Andere Bibliothek/Eichborn, Frankfurt am Main 2000)

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INFO

INFO
INFO
INFO

www.drogenbeauftragte.de

www.berlin-suchtpraevention.de

www.praevention-na-klar.de

www.akzept.org

www.forum-rauchfrei.de

› www.akzept.org › www.forum-rauchfrei.de Deutschland ist der Dritte Weg für die Tabakindustrie Zur

Deutschland ist

der Dritte Weg für die Tabakindustrie

Zur Prävention von Drogenkonsum gehört ein Werbeverbot für Tabak. Doch die Industrie ist hierzulande gut vernetzt

BERICHT

&

FOTO :

Boris

Nowack

D as Thema Drogen ist wieder auf der Agenda. An- fang Juli erschienen gleich zwei Drogenberichte sowie eine Studie über die Hintergründe des Drogenkonsums bei Jugendlichen, dann machte ein Urteil aus den USA über eine Milliardenab-

findung für die Witwe eines Rauchers die Runde, und schließ- lich genehmigte das Verwaltungsgericht Köln den Cannabis-

anbau für medizinische Zwecke in besonderen Fällen.

Noch bevor die Bundesregierung mit ihrem alljährlichen Sucht- und Drogenbericht herauskam, erschien wenige Tage zuvor zum ersten Mal der »Alternative Sucht- und Drogen- bericht«, herausgegeben vom Bundesverband für akzeptie- rende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik akzept e. V., der Deutschen AIDS-Hilfe sowie dem JES Bundesverband. Außerdem stellte die Fachstelle für Suchtprävention Berlin gGmbH ihre Studie »JDH – Jugend, Drogen, Hintergründe« vor, in der sie Jugendliche zu den Gründen für ihren Drogen- konsum befragt hatte.

Während die Politik mit ihrer Arbeit zufrieden scheint, wenn sie schreibt: »Wir haben in Deutschland gute Angebote in der Prävention und Behandlung von Suchterkrankten«, be- mängelt der Alternative Drogenbericht genau das und fordert ein umfassendes Werbeverbot für Alkohol und Tabak, wie es in anderen Ländern Europas bereits praktiziert wird. In der Studie der Berliner Fachstelle für Suchtprävention stehen zwar Alkohol und Tabak ganz oben beim Gebrauch durch Jugendliche, doch der Fokus liegt auf illegalen Drogen, bei denen Cannabis mit Abstand an dritter Stelle führt. Auch dort räumt man jedoch ein, dass zu einer sinnvollen Prävention

Johannes Spatz, Arzt und Mitbegründer des ›Forums Rauchfrei‹

Spatz, Arzt und Mitbegründer des ›Forums Rauchfrei‹ ein Werbeverbot insbesondere für Tabakprodukte gehört, da

ein Werbeverbot insbesondere für Tabakprodukte gehört, da Zigaretten als Einstieg für Cannabis gelten.

Die Frage ist also, weshalb in Deutschland weiterhin so um- fangreich für Tabak geworben werden darf. Dass sich die deutsche Politik mit Verboten für derart finanzstarke Wirt- schaftszweige schwer tut, weiß Johannes Spatz vom Forum Rauchfrei genau. Das Forum führt seit 2000 einen harten aber beständigen Kampf gegen die Tabaklobby und macht Druck in der Politik. Als Quertreiber sieht er sich nicht, wie es ihm vor allem von Rauchern vorgeworfen wird. »Ich bin Arzt und kümmere mich um das größte Gesundheitsrisiko, das es in Deutschland gibt«, stellt er klar. Das zögerliche Vorgehen der Politik wundert ihn nicht. »Die Tabakindustrie hat schon in den siebziger Jahren beschlossen, Deutschland als ihren Drit- ten Weg auszubauen. Soll heißen: gute Kontakte zu Parlamen- tariern und Wissenschaftlern.« Das reicht bis in die jüngere Vergangenheit: 2008 kam heraus, dass das Herzzentrum Ber- lin zwischen 2003 und 05 mit rund einer Million Euro von Phi- lip Morris unterstützt wurde. Damals deutete sich schon an, dass der Tabakindustrie durch EU-weite Gesetze das Atmen schwerer gemacht werden sollte. Unter der schwarz-gelben Koalition verwehrte sich allein das Wirtschaftministerium un- ter Philipp Rösler gegen ein umfassendes Werbeverbot: »Rös- ler bezog sich damals auf die freie Meinungsäußerung, die ein Werbeverbot ausschließe«, erinnert sich Spatz. »Die jetzige Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler hat das Thema wieder aufgegriffen und es geht das Gerücht, das Ende die- sen, Anfang nächsten Jahres auch Außen- und Kinowerbung für Tabak verboten wird.«

Es dürfte jedoch spannend bleiben, denn die Industrie ist gewieft. So hatte der Bundesgerichtshof 2010 die Werbung mit »Biotabak« verboten. Vorausgegangen war eine Anzeige des Forums bei der Verbraucherzentrale. »Bio klingt nach gesund und es darf nicht der Eindruck entstehen, Rauchen sei gesund«, erklärt Spatz. Jetzt tauchte fast identische Wer- bung auf, mit »öko« statt »bio«. Santa Fe musste eine Unter- lassungserklärung abgeben und hat nun bis Ende Juli Zeit, entsprechende Werbung zu entfernen.

Ein weiterer Erfolg des Forums und weiterer Mitstreiter war jüngst die Verhinderung des Exports der Inter-tabac-Messe der Dortmunder Westfalenhallen GmbH nach Bali. »Unser Ziel ist es, diese weltgrößte Tabakmesse auch in Dortmund in Zukunft zu verhindern«, sagt Johannes Spatz. Das Bewusstsein für dieses Thema in der Bevölkerung aber auch in der Politik hat sich in den letzten Jahren gewandelt, daher sieht er gute Erfolgschancen.

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Statussymbol im Wandel der Zeit

Bei den Deutschen sind die immateriellen Werte angesagt

BERICHT

&

FOTO :

Andreas

Peters

L aut einer Studie der Berliner Strategie- Agentur »different« von 2013 sind vor allem die klassischen Statussymbole, wie »…mein Haus, mein Auto, mein

Boot…« als Ausdruck von Geld und Wohlstand in der Masse untergangen. Der Werbespot von 1998 taugt mittlerweile nur noch als Parodie. Bei den aktuell niedrigen Kreditzinsen kann sich im Grunde fast jeder so etwas leisten, lea- sen, oder ausleihen. Auch, wenn manch einer damit geradewegs in der Schuldenfalle landet. Ein zusätzliches Indiz für materiellen Wohl- stand in einem Land ist die Tatsache, dass Sta- tussymbole mittlerweile eher als materielle Brü- cken für immaterielle Werte, wie Bewusstsein, Kompetenz und Leistung im Leben stehen. Wer hat, achtet nicht allein auf die Marke, sondern vor allem auf Qualität. Dies gilt im Besonderen für die Personengruppe ab 30 Jahren aufwärts. Dem Ergebnis der Untersuchung von »Diffe- rent« zufolge, sind allerdings junge Menschen zwischen 18 - 29 Jahren nach wie vor erreichbar für materielle Statussymbole.

Am Beispiel des Handys lässt sich dieses Umfra- geergebnis besonders gut nachzeichnen. Was für eine Wichtigkeit und was für eine Innovation war es für die meisten, bereits Mitte der 90er Jahre ein Funktelefon sein Eigen nennen zu können und zwar eines, das Platz in der Hosentasche hatte. Wer beruflich viel unterwegs war, und sei es nur als Taxifahrer, der sah zu, ein solches Handy zu besitzen. Auf öffentlichen Plätzen zu telefonie- ren und dabei den Menschen, die mit fehlendem Kleingeld an der Telefonzelle standen, zuzuse- hen, das war schon cool. Doch mehr als telefo- nieren, SMS schreiben und ein bisschen Tetris spielen war ja mit den Geräten nicht möglich. Dies änderte sich aber in den folgenden Jahren mit rasender Geschwindigkeit. Erst kamen die multimedialen Features, wie Kamera und Musik- player dazu, dann kam der Zugang zum Internet, Mail for Exchange und ein Internet-taugliches Funknetz, um dass sich zuvor für unzählige Mil- liarden die Netzbetreiber gestritten haben.

Mittlerweile ist das Handy als kommunikative

Allzweckwaffe allgegenwärtig. Jeder kennt es und fast jeder hat mindestens eines. Als Status- symbol geht es zwar in der Masse etwas unter. Dennoch macht es einen Unterschied, bzw. sagt es etwas über den Besitzer aus, ob dieser das neueste Modell besitzt oder einen alten »Kno- chen«, ob er sich dem grünen Roboter oder dem Apfel anvertraut. Für die jüngeren Nutzer ist das Handy jedoch noch viel mehr. Wer heute sein Handy demonstrativ im Café auf den Tisch legt, neben seinem Latte Macchiato, oder Es- presso, tut dies nicht allein, um zu signalisieren, ich habe eines, sondern zugleich, um mitzutei- len, ich bin ständig im Kontakt mit der Welt und mit meiner sozialen Gemeinschaft. Schließlich könnte im nächsten Moment das Signal ertönen, das dazu auffordert, auf ein schlichtes »Hi!« oder gar auf ein etwas komplexeres »Hallo, was geht?« zu antworten. Und wer glaubt, das wäre banal, der verkennt die Wichtigkeit, über diesen Austausch dazuzugehören. Handygespräche und Kurzmitteilungen schmieden heutzutage soziale Bande. Das sinnliche Streben nach An- erkennung und Konsum trifft sich hier mit dem ebenso wichtigen Bedürfnis nach emotionaler Zugehörigkeit und Sicherheit.

Und dies gilt nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Wenngleich in China oder Indien die Bedeutung des Handys als Statussymbol un- gleich größer ist als bei uns. Die meisten müssen dafür monatelang arbeiten, um sich eines leisten zu können. Andernorts auf der Welt würde je- mand für ein Handy gar sein Leben geben oder das eines anderen aufs Spiel setzen.

Ich hingegen gehe ins Geschäft und habe beim Handykauf mit einem anderen Problem zu kämpfen. Ich könnte mir zwar ohne Weiteres ein teures und angesagtes Handy, bzw. einen teuren Tarif leisten. Doch ich lasse die mir angeratene »Wollmilchsau« im Laden und entscheide mich für die schlichtere Variante ohne Knebelvertrag. Bestärkt durch diese Entscheidung reift zudem beim Verlassen des multimedialen Kauftem- pels mein Vorhaben, wenigstens im Urlaub das Handy abzuschalten. Sind Handys noch Statussymbole?

multimedialen Kauftem- pels mein Vorhaben, wenigstens im Urlaub das Handy abzuschalten. Sind Handys noch Statussymbole?

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»Ein Fall mit falschen Fuffzigern«

Michael Schröter schickt seinen umtriebigen Privatdektiv Mäcke Häring wieder in die Spur

INFO

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Michael Schröter wurde in Berlin Prenzlauer Berg geboren und lebt dort nach wie vor. Er war Szenenbild-Assistent beim Fernsehen der DDR (1983 - 1986). Danach werkelte er als Grafiker bei der Comic-Zeitschrift Mo- saik (1986 - 1987, 1995 - 1997), war Animationszeichner bei Hahn-Film, u. a. für »Asterix in Amerika« (1992 - 1994). Seit 1998 arbeitet er als freier Grafiker. Zu seinem künstlerischem Œuvre gehören Illustrationen für die New Yorker Zeitschrift »Communications of the ACM« (1998 - 2004), Storyboarding für »Dickes Film« und last but not least die Wandgestaltung u. a. in der Bar »Nemo«.

www.michaschroeter.de

INTERVIEW :

Andreas

Düllick

E r ist wieder da – der ausgebuffte Privatdetektiv Mäcke Häring. Eine alte Wandervogeljacke aus Trenkercord, Motorradbreeches, Schnürgama- schen, ein blau-weißgestreiftes Matrosenhemd, Lederschuhe und Schiebermütze. Dazu immer ein

verschmitztes Lächeln im Gesicht – das ist er, dieses urige Ber- liner Original! Comiczeichner Michael Schröter schickt ihn diesmal auf die Suche nach Ida Siebenschuh, die eine Stelle als Aufwartefrau in der Kneipe »Finkenhahn in der Mulack- straße hatte. Drei Monate schon haben ihre Eltern nichts von ihr gehört. Deshalb soll Mäcke nun helfen und dafür mit guten Leberwürsten vom Lande bezahlt werden. Da Mäcke keine anderen lukrativen Aufträge hat, muss er eben diesen kleinen Fall annehmen. Aber der entpuppt sich dann als die ganz große Nummer: Am Ende muss er sich auf die Jagd nach der Bestie vom Landwehrkanal machen. Ganz nebenbei spielt auch eine Brecht-Oper und das dazugehörige Milljöh eine nicht ganz unwichtige Rolle in diesem Lebensabschnitt von Mäcke. Schon im zweiten Teil war er Gast in der illustren Runde von Freigeistern wie Ringelnatz und Co. Allzu viel soll allerdings an dieser Stelle noch nicht verraten werden. Eins ist aber klar wie Kloßbrühe: Diese toll gezeichnete Graphic Novel saugt den Betrachter extrem schnell rein in das wunder- bar aufregende Berlin der 20er Jahre. Andreas Düllick sprach

exklusiv für den strassenfeger vor der Veröffentlichung mit

dem Autor Michael Schröter.

exklusiv für den strassenfeger vor der Veröffentlichung mit dem Autor Michael Schröter. Fortsetzung Seite 18 02

Fortsetzung Seite 18

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01 Cover des neuen »Mäcke Häring«-Comics

02 Michael Schröter ist ein aufmerksamer Beobachter und filigraner Zeichner

03 Auszug aus dem neuen »Mäcke Häring«

04 Milieustudie aus dem Comic

Fotos und Quellen: © Michael Schröter

aus dem Comic Fotos und Quellen: © Michael Schröter Andreas Düllick: Mäcke Häring ist zurück, was

Andreas Düllick: Mäcke Häring ist zurück, was treibt ihn diesmal um? Michael Schröter: Mäcke Häring ist ein Pri- vatdetektiv, und er muss Geld verdienen. Und dabei gerät er wieder mal in alles so ganz neben- bei rein. Er muss die Bestie vom Landwehrkanal finden, ist da aber gar nicht so wild drauf, denn dieser Serienmörder ist anscheinend sehr, sehr unangenehm. Und Leichen hat Mäcke sowieso nicht so gern. Er merkt aber schnell, dass er da- durch sein Standing bei der Polizei verbessern könnte. Bei seiner Suche hat er dann wieder mal mehr Glück als Verstand. Na und dann gibt es die Dreigroschenoper, die ist sozusagen der Background, eine Art Hintergrundmelodie für die Geschichte. Jedenfalls habe ich diese Hinter- gründe dieser Zeit benutzt für den Comic und die Geschichte von Mäcke, natürlich nicht eins zu eins.

Der neue Comic – eine Art Graphic Novel – ist sehr anspruchsvoll… Ich staune da manchmal selbst über mich. Ich bin umgeben von Geschichtsbüchern, Gedicht- bänden und Fotobüchern. Und wenn man sich lange genug damit beschäftigt, kann man daraus eine Patchwork-Geschichte stricken. Es ist aber auch ein wenig Neuland für mich. Es ist wie bei einem Schachspiel. Dabei geht es nicht so sehr um die reine Täter-Opfer-Story, sondern es ste- hen eben alle Figuren, die geschichtlich eine Rolle spielen, mit auf dem Schachbrett. Da kann und muss dann jeder geneigte Leser des Comics selbst vielleicht noch mal nachlesen, wie das damals tatsächlich in Berlin so war. Entweder ist man schon schlau und belesen oder man muss damit anfangen. Das intellektuelle Niveau damals war so hoch, das es fast so eine Art Rettungsanker für uns heute sein könnte.

Woher stammen Deine Ideen für die Figuren im Comic? Manchmal sehe ich irgendwo eine Zeitung liegen auf einem Tisch oder in einem Regal, wo nur irgendein Fotoausschnitt oder eine Schrift- zeile vorlugt, die mir dann aber so gut gefallen, dass ich mir sage: Die müssen in die Geschichte eingebaut werden. Diese Arbeitsweise finde ich ganz gut, weil ich dann nicht mehr die volle Kontrolle über die Geschichte habe. Kontrolle würde ja bedeuten, dass man in irgendeinem

Das macht das dann

ganz bestimmten Fluss ist

alles sehr schnell. Wenn ich neue Personen skiz- zieren will und überlege, wie könnten die ausse-

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hen, dann blättere ich manchmal Bücher durch, und wenn ich dann eine krasse Mimik entdecke, dann nutze ich diese als Anregung. Nicht zu viel nachdenken einerseits. Andererseits lasse ich die Sachen, die ich dann gezeichnet habe, auch gern mehrere Tage gären. Eine erste Idee kann schon vier, fünf Mal verändert werden. Die erste Idee ist oft zu sehr übertrieben, zu nah dran an dem, was man sich so vorstellt. Dem muss man misstrauen. Wenn man abwartet, wird die Sache oft rund.

Der neue Comic erinnert stark an die Zeichnun- gen von Heinrich Zille? Zumindest war er derjenige, dessen Sachen ich anfangs immer im Auge hatte. Wahrschein- lich übernimmt man dann davon einiges, oder gar viel mehr, als man denkt. Zille hatte sicher auch seine Vorbilder wie Henri de Toulouse- Lautrec, bei dem er sich Sachen abgeschaut hat. Vielleicht sind die Dinge aber auch ganz anders als man denkt. Dass eine Idee da ist, und dass immer Leute da sind, die das als eine Art Staf- felstab weiterreichen müssen. Das muss aber glaubhaft sein, sie müssen also ein Gefühl für diese Geschichten haben. Aber Heinrich Zille, ja da können einem schon die Tränen kommen, wenn man sich anschaut, wie er sich für die einfa- chen und armen Leute einsetzte und das in Kunst

umgesetzt hat. Andere Vorbilder sind natürlich George Grosz, Max Beckmann und Otto Dix. Die waren so kompromisslos, so messerscharf, haben so irre koloriert! Wenn man so zeichnet, gerät man ganz schnell in einen ganz bestimmten Energiefluss. Und dann gibt es da die ganze Riege der »Simplicissimus«-Zeichner, die muss man auch in Betracht ziehen mit ihrer Rauigkeit, die- ser perfekten Darstellung von Mimik. Die haben mich sehr beeindruckt. Wenn ich mir ihre Bücher anschaue, fühle ich mich, als hätte ich Zutritt in ihren Klub, was ihre Denkhaltung angeht.

Mir scheint, dass Du im neuen Comic mehr Mut zur Farbe hast Das stimmt! Das hat ganz sicher damit zu tun, dass ich mir sehr viele Sachen von George

Grosz angesehen habe. Wie radikal der die Farbe

Das kann

man in einem Comic natürlich nur begrenzt ma- chen. Ein Comic soll ja erzählen! Und wenn Du da zu mutig mit den Farben spielst, dann könnte es passieren, dass die Geschichte an Tiefe verliert. Dass die Perspektive verlorengeht. Du musst also immer ganz genau Maß halten. Ich habe dann Skizzen gemacht, die Farben ganz vorsichtig aus- probiert und das dann einfach so stehen lassen. Es juckt einen natürlich in den Händen

in seine Zeichnungen eingebracht hat

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Mit welchen Materialien arbeitest Du momen- tan? Hat sich das was verändert? Nein, da ist alles so geblieben wie früher. Nur die 3D-Scanner und die Kopierer, die mein

schweres braunes Papier vertragen, werden im- mer seltener. Die neue Generation der Kopie- rer schafft das gar nicht mehr. Ich hätte nicht gedacht, dass das mit der Technik so schnell

geht

ganz gern mal was mit Kreide malen, ich möchte ja gern alle drei Monate was Neues ausprobie- ren. Aber ich habe mich dann zurückgepfiffen. Wenn eine Sache gut funktioniert, dann mach mal einfach weiter, habe ich mir gesagt. Vieles passiert heute bei mir wie von selbst, macht sich von ganz alleine.

und alles anders ist. Sicher würde ich

Zeichnest Du neben »Mäcke Häring« andere Comics etc.? Ganz wenig. Ich habe ein paar Wettbewerbs- arbeiten gemacht, aber da muss ich dann sehr viel Energie investieren, das ist nicht so einfach. Aber ich habe gerade für die aktuelle Ausgabe von »THE HERITAGE POST« was gezeichnet. Die hatten mir angeboten, mach doch mal was darüber, was »Mäcke Häring« zwischen Teil 2 und 3 so passiert ist. Dabei habe ich gemerkt, dass es eine große Gnade ist, wenn man sich nur

auf eine Idee konzentrieren kann. Wenn Du Auf- tragsarbeiten machen musst, ist das echt schwer.

Kannst Du mittlerweile vom Comiczeichnen leben? Nein. Aber ich stehe schon auf meinen eige- nen Füßen. Ich lebe aber auch sehr, sehr sparsam. Ich muss aber auch sagen, ohne meine Freundin Iris, die immer mehr auch als Lektor fungiert, die Digitalisierung übernimmt und auch die erste ist, die mir ein Feedback gibt, ohne sie im Rücken hätte ich es nicht geschafft! Und dann hat mir mein Vater bei den letzten Geschichten finanziell unter die Arme gegriffen. Er findet die »Mäcke- Häring«-Comics aber auch sehr gut.

Was macht für Dich einen guten Comic aus? Ein richtig guter Comic muss den Betrach- ter in seine Geschichte hineinziehen. Und er muss einen sehr guten Strich haben. Da bin ich ziemlich pingelig! Da nützt die beste Geschichte nichts, wenn mir der Strich nicht gefällt! Und wenn dann zu wenig passiert in den Graphic No- vels, wenn es nur vier Seiten Unterhaltung sind ohne Veränderungen in der Handlung, dann fällt es mir sehr schwer, dranzubleiben. Es muss die voller Breitseite sein: Schwungvolle Bewe- gung, ein Schuss Erotik und eine spannende

Geschichte, die aber auch nicht so ganz leicht zu knacken ist.

Was planst Du als nächstes? Ich bin schon bei »Mäcke Häring« Teil 4 auf Seite 25!

Wann und wo kann man Deinen neuen »Mäcke Häring«-Comic kaufen? Der Band soll Anfang August da sein. Alles schiebt sich gerade zusammen, was wieder ein- mal ein kleines Wunder ist! Ich kann das immer gar nicht fassen, wenn diese Dinge dann endlich alle so klappen. Natürlich kann man den Comic über meine eigene Adresse www.michaschroe- ter.de kaufen. Es wird ihn aber unter anderem auch im Kulturkaufhaus Dussmann, in der Comicbuchhandlung »Grober Unfug« und im Georg Büchner Buchladen am Kollwitzplatz ge- ben. Beim Preis will ich 17,70 Euro hinkriegen, weil die Sieben eine magische Zahl sein soll. Der letzte Comic hat 18,90 Euro gekostet, das ist für Dussmann normal, aber für die kleinen Comicläden die oberste Messlatte. Die Auflage ist erst mal auf 1 000 Stück limitiert. Und das Beste: Ich will es hinkriegen, dass man alle Teile zusammen kaufen kann, wenn man will. Für Sammler ist das extrem wichtig!

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Verkäufer

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Der Verkäufer-Ausweis ist keine Bettellizenz!

Die Verkäuferregeln des strassenfeger und die schwarzen Schafe

BERICHT :

CaDa

(verkauft

den

strassenfeger)

A uch auf die Gefahr, mich bei meinen

Kollegen im Zeitungsverkauf unbe-

liebt zu machen, möchte ich hier aus

gegebenen Anlass einiges richtigstel-

len. Und das aus wichtigem Grund: Es kam in den vergangenen Monaten zu einigem Ärger. Dazu hatte ich unlängst beim Verkauf des strassenfe- ger vor einem Bahnhof der Berliner S-Bahn ein längeres Gespräch mit einem Passanten. Dieser Mann behauptete, die Ausweise, die wir Verkäu- fer haben, wären selbst gemacht, und auch nur zu dem Zweck, damit besser betteln zu können. Dazu muss ich sagen: Ich persönlich verkaufe diese soziale Straßenzeitung nicht, um nebenbei Geld zu erbetteln. Ich habe da meinen ganz per- sönlichen Stolz, auch wenn ich – wie mittlerweile so viele Menschen – auf der Sozialeiter ganz un- ten stehe. Deshalb trage ich während des Ver- kaufs meinen strassenfeger-Ausweis sichtbar, so wie es ursprünglich gedacht war, es aber viele meiner geschätzten Kollegen leider derzeit nicht machen. Auf diesem Ausweis steht ganz oben in der ersten Zeile »Verkäuferausweis«!

Der Verein »mob – obdachlose machen mobil e.V.« ist der Herausgeber des strassenfeger und sorgt seit nunmehr 20 Jahren für die Produktion desselben. Er war es auch, der einige Verkäufer- regeln aufstellte. Unter anderem die, dass jeder Verkäufer nicht nur den Ausweis beim Abholen der Ausgaben der Straßenzeitung dabei zu ha- ben hat, sondern auf Verlangen der Mitarbeiter an den Ausgabenstellen auch vorzeigen muss. Dann gibt es die ausdrückliche Empfehlung, den Ausweis beim Verkauf auch sichtbar zu tra- gen. Das hatte und hat auch heute den Grund, dass man den jeweiligen Verkäufer bei einem etwaigen Fehlverhalten mittels seiner Nummer auch ermitteln kann. Der Sinn dieser Forderung ist klar: Bei Problemen jeglicher Art zwischen Kunde und Verkäufer hat der Kunde die Mög- lichkeit, sich mit der Nummer beim Verein zu melden und sich dort gegebenenfalls über den Verkäufer beschweren oder aber ihn auch loben kann. Außerdem sollte mit dem Ausweis den Verkäufern auch vermittelt werden, dass sie eben keine Bettler sind, sondern ein ganz einzigartiges und tolles Produkt anbieten!

Um auf das o. g. Gespräch zurückzukommen:

Wenn jemand einen Verkäuferausweis von mob e.V. bekommen möchte, so muss er oder sie einige Bedingungen erfüllen. Dazu gehört eine kurze schriftliche Belehrung, die man auch un- terschreiben muss. In dieser steht, dass der Ver- kauf von Zeitungen in öffentlichen Zügen, Bus-

der Ver- kauf von Zeitungen in öffentlichen Zügen, Bus- Carsten trägt seinen Verkäuferausweis voller Stolz, auch

Carsten trägt seinen Verkäuferausweis voller Stolz, auch beim Verkauf des Comic »Superpenner«!

(Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)

sen und Bahnen nicht gestattet ist. Denn dort gilt die Hausordnung des jeweiligen Verkehrsunter- nehmens. Allerdings haben strassenfeger und motz mit der S-Bahn ausgehandelt, dass der Ver- kauf geduldet wird, wenn sich die Verkäufer an die Hausordnung halten. Dazu muss ich sagen:

Laut Berliner S-Bahn darf man mit Genehmi- gung einige Dinge schon tun, man muss nur die diensthabende Aufsicht des Bahnhofes fragen, was auf einigen Bahnhöfen allerdings schwer zu realisieren sein dürfte. Den genau Inhalt der Verbote und vieles andere mehr kann man als Aushang an jedem Bahnhof nachlesen.

Die BVG ist da konsequenter, erlaubt sind bei ihr laut ihrer Hausordnung keine solchen Aus- nahmen. Wer auf den Bahnhöfen keinen dies- bezüglichen Aushang findet, kann dies auf den Webseiten der Unternehmen genauer nachlesen. Wer sich als Fahrgast genervt fühlt, darf meine Verkäuferkollegen ruhig mal darauf hinweisen, dass sie die Verkäuferregeln des Vereins zum

Verkauf des strassenfeger nicht nur gelesen und verstanden, sondern dies mit ihrer Unterschrift als rechtsgültig bindend akzeptiert haben. Jeder Fahrgast hat also das Recht, sich den Verkäufer- ausweis zeigen zu lassen und sich die Nummer zu notieren. Mit dieser Nummer kann er sich beim Verein über den Verkäufer beschweren. Aber wie schon gesagt: Es gibt sicher viel mehr gute, ehrliche und anständige Verkäufer, die ihre Arbeit richtig gut machen, als schwarze Schafe. Die gibt es allerdings überall, nicht nur bei uns. Also: Loben Sie uns auch mal, wenn Sie das, was wir machen, gut finden und unterstützen wollen. Das ist gut für unser Selbstwertgefühl und zeigt uns, dass man uns respektiert.

PS: Manchmal braucht man uns sogar, ich erin- nere Sie gern an den Comic »Superpenner«! Plötz- lich waren wir Verkäufer richtig wertvoll, weil wir etwas hatten, was alle wollten. Klasse! Der Verein arbeitet gerade an einer möglichen 2. Ausgabe des »Superpenner«. Bleiben Sie gespannt!

A 007 MUSTERMANN MAX Storkower Str. 139d 10407 Berlin Telefon: 030 - 467 946 11
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MUSTERMANN
MAX
Storkower Str. 139d
10407 Berlin
Telefon: 030 - 467 946 11

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Verein

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Kaffeeklatsch mit Cowboy-Klaus

Der soziale Treffpunkt »Kaffee Bankrott« lädt ein

BERICHT :

Boris

»Schleckermaul«

Nowack

INFO

INFO
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Öffnungszeiten: Mo-So von 8-19.30 Uhr

kaffee-bankrott.html

www.strassenfeger.org/

8-19.30 Uhr › kaffee-bankrott.html www.strassenfeger.org/ M it dem Umzug des »mob – obdachlose ma- chen mobil

M it dem Umzug des »mob – obdachlose ma- chen mobil e. V.« in die Storkower Straße hat auch das Kaffee Bankrott seinen Standort dorthin verlegt. Hier kann man sieben Tage die Woche günstig essen, kostenlos Obst und

Brot bekommen, Menschen treffen.

Das neue »Kaffee Bankrott« ist geräumig und hell. Als dem Verein die lange genutzten Räume in der Prenzlauer Allee ge- kündigt wurden, fand man hier in der Storkower Straße 139d einen neuen Vermieter. Gegenüber einer Autowerkstatt und einem Bürogebäude, nur fünf Gehminuten entfernt von der S- Bahnhaltestelle Landsberger Allee. An sechs großen und vier kleinen Tischen finden gut 40 hungrige Menschen einen Sitz- platz. Das Angebot wird auch gerne von den Beschäftigten der umliegenden Gewerbe angenommen. Für zwei bis zwei Euro fünfzig gibt es hier täglich zu essen, sieben Tage die Woche von 8 bis 19.30 Uhr, deftig und meist mit Fleisch. »Vegetarisches wird selten nachgefragt«, berichten die Mitarbeiter der Küche. Eine große Cola kostet 60 Cent, auch Wasser und Kaffee wer- den ausgeschenkt. Alkohol und Drogen hingegen sind auf dem Gelände strikt verboten. Die Naturbäckerei Manufacture De- licate aus der Rykestraße spendet außerdem Brote, Brötchen und hin und wieder Gebäck zum Naschen. In einer Ecke ste- hen Kleiderspenden, an der Wand hängt ein riesiger Flachbild- schirm für die gepflegte Fernsehunterhaltung am Nachmittag für diejenigen, die sich keinen Fernseher leisten können. An drei Computern können die Gäste kostenlos im Internet surfen und E-Mails schreiben. Auch das ist extrem wichtig, denn nicht jeder obdachlose bzw. arme Mensch hat Zugang zum World Wide Web. Außerdem gibt es jede Menge Informationen, wo hilfebedürftige Menschen Unterstützung finden können.

Neben Essen und Getränken bekommt man an der Theke ge- gen Vorlage des Verkäuferausweises auch immer die aktuelle Ausgabe des strassenfeger. »Morgens ist hier am meisten los«, sagt mir ein Gast: »Da kommen die ganzen Verkäufer, essen und holen die Zeitung. Auch die Zigeuner.« Das Geschäft ist härter geworden in den letzten Jahren. »Aber die deutschen Verkäufer sind selbst schuld, wenn sie sich ihre Verkaufss- tandorte streitig machen lassen«, meint er weiter.

An einem runden Tisch sitzt ein älterer Herr mit zwei Cowboy- hüten auf dem Kopf. »Ich bin eben wohlbehütet«, begründet er seine Mode. Alle nennen ihn hier nur »Cowboy-Klaus«. Er philosophiert über Wunderkinder. Insbesondere das amerika- nische Schachgenie polnischer Herkunft, Samuel Reshevsky, hat es ihm angetan. »Der hat mit acht Jahren schon besser ge- spielt als seine erwachsenen Gegner«, weiß er. Cowboy-Klaus wird bald 77 und kommt seit Jahren regelmäßig ins »Kaffee Bankrott«. Man kennt sich hier, er grüßt das Küchenpersonal, das zurück, und er wünscht auch Fremden einen guten Ap- petit. Seinen 76. hat er hier mit Freunden ein wenig gefeiert.

Am Tisch gegenüber sitzen Max und Brigitte, ein befreunde-

Am Tisch gegenüber sitzen Max und Brigitte, ein befreunde- »Cowboy-Klaus« (76) ist Stammgast im »Kaffee Bankrott«

»Cowboy-Klaus« (76) ist Stammgast im »Kaffee Bankrott« (Foto: Andreas

Düllick ©VG Bild-Kunst)

tes Rentnerpaar. »Wir sind früher in eine andere Einrichtung gegangen. Aber seit »mob e. V.« hierher gezogen ist, essen wir hier. Es liegt auf dem Weg und das Essen ist besser und günstiger«, erzählt Brigitte. Ist selber kochen nicht billiger als jeden Tag essen zu gehen? »Ich habe genug gekocht in mei- nem Leben«, winkt sie ab. 40 Jahre hat sie für die Deutsche Reichsbahn (DR) der DDR gearbeitet und alleine drei Kinder großgezogen. Während sie erzählt, kämpft sie mit einem Seni- orenhandy von »Olympia« mit extra großen Tasten. »Das hat mir mein Sohn geschenkt, damit ich immer erreichbar bin.« Wir schaffen es auch gemeinsam nicht, damit eine SMS zu versenden. »Klar kriegen wir unsere Rente«, sagt Max. Er hat in West-Berlin viele Jahre als Hausmeister gearbeitet. »Aber man muss trotzdem sparen, wo es geht.« Preise werden in die zu sammelnden Plastikpfandflaschen umgerechnet. »Neulich habe ich mir am Ostkreuz morgens für meine letzten 20 Cent eine Schrippe gekauft. Das beruhigt den Magen. Da kommt einer auf mich zu und fragt, ob ich nicht drei Euro für einen Döner hätte«, schüttelt er den Kopf. »So«, sagt Brigitte, »heute waren wir aber lange hier.« Die beiden verabschieden sich, sind aber morgen ganz sicher wieder zum Essen da.

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Kulturtipps

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skurril, famos und preiswert!

Kulturtipps aus unserer Redaktion

ZUSAMMENSTELLUNG :

01 FEST

Laura

»Berlin lacht«

Artistik, Clownerie, Akrobatik, Stelzentheater, Feuerperfor- mance – das ist das internationale Straßen-Theater-Fest von Berlin lacht! e.V Auch in diesem Jahr macht das internatio- nale Straßentheaterkünstlerfest aus dem öffentlichen Raum einen Theater-Schauplatz. Vor Streetart-Kulissen von diversen Künstlern der Szene präsentieren sie Kunst, die Freiraum lässt: Berlin lacht! ist familientauglich und barriere- frei für jeden zugänglich.

Noch bis zum 10.8., von 11 Uhr bis 0 Uhr, Eintritt frei!

Alexanderplatz, 10178 Berlin

Info: www.berlin-lacht.de Bild: Anja Hüttner

02 BARRIEREFREI

»HERZBERGER LICHTER«

Eine neue Open-Air-Veranstaltung bereichert erstmalig am 30. August die Kulturlandschaft in Berlin. Das »HERZBER- GER LICHTER« genannte Event versammelt an diesem Samstag auf dem Gelände des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth im Lichtenberger Landschaftspark Akteure und Künstler verschiedenster Couleur. Verteilt auf der grünen Bühne des Areals wetteifern Musizierende, Tanzgruppen, Theaterensemble und Sportacts um die Gunst des Publikums. Ziel ist ein »Parkfest für alle«, das ausdrücklich Menschen mit Behinderung und Migranten einlädt und als Darbietende einbezieht. Zudem soll die Naturkulisse speziell unbekannten Talenten vorbehalten sein, Straßenmusikanten etwa, die üblicherweise an wechselnden Orten ihre Zuhörer finden. Dem Inklusionsgedanken folgend wollen die Veranstalter dazu beitragen, Barrieren im Kopf zu beseitigen. Alle gehören dazu, Alt und Jung, mit und ohne Behinderung, von hier oder anderswo. Selbst eine Barriere in Form von Eintrittsgeld ist nicht vorgesehen. »Vielfalt ist Trumpf!«, so die Initiatorin Zlata Findeis.

Los gehts ab 14 Uhr

Der Veranstaltungsort ist Teil des 100 Hektar großen Landschaftsparks Herzberge

Info: www.herzberger-lichter.de

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KONZERT

»Port Royal«

Seit 2004 ist Port Royal gemeinsam unterwegs. Der Bandname, entliehen der früheren Piratenhauptstadt Jamaica, steht für Vielfalt: Ska, Elementen von Raggae, Soul und Mestizo, vermischt mit Rock’n Roll. Die Bandbreite reicht von Coverversi- onen z. B. Kraftwerks »Das Model« oder Django Reinhardts »Minor Swing« bis zu eigenen Stücken.

Am 1.8., um 20.30 Uhr, Eintritt frei!

Wolffring/ Ecke Boelckestr.

12101 Berlin

Info: www.portroyal-music.de Bild: Port Royal

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TANZ

»Tanz im August«

Einer der Höhepunkte dieses Sommers ist »Tanz im August«, Berlins großes internationales Festival für zeitgenössischen Tanz, präsentiert vom HAU Hebbel am Ufer: 15 Tage, 21 Kompanien, drei Installationen, 100 Prozent zeitgenössischer Tanz. Vom 15. bis 30. August 2014 bilden Kompanien bzw. Choreografen aus Europa, Kanada, den USA, Brasilien und Japan erneut ein einzigartig vielfältiges Programm auf verschie- denen Bühnen in der ganzen Stadt. Es gibt ein lang ersehntes Wiederse- hen mit der »Michael Clark Company« und dem »Cullberg Ballet« / Jefta van Dinther. Erstma- lig in Berlin treten unter anderem das »Big Dance Theater« und die Kompanie von Daniel Léveillé auf. Neben den großen etablierten Namen stehen zahlreiche vielver- sprechende Newcomer auf dem Programm, z.B. La Veronal aus Spanien, Alexandra Bachzetsis aus der Schweiz, Dana Michel aus Kanada oder Eduardo Fukushima aus Brasilien.

15. bis 30. August 2014

Spielorte sind: HAU1, HAU2, HAU3, Haus der Berliner Festspiele, Schau- bühne am Lehniner Platz, Sophiensäle, Theater an der Parkaue, Uferstudios, Volksbühne

Vorverkauf für sämtliche Produktionen über die Website

Info: www.tanzimaugust.de

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Kulturtipps

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VORSCHLAGEN

Sie haben da einen Tipp? Dann senden Sie ihn uns an:

redaktion@strassenfeger.org Je skurriler, famoser und preiswerter, desto besser!

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05 MUSIK

»Friedensfestival Berlin 2014«

Das 6. Friedensfestival findet vom 14. bis 17. August auf dem Alexanderplatz statt. Am Freitag, den 15. August, präsentiert sich Christian Haase. Vom Lagerfeuer bespielenden Konzert- gitarren-Schwinger entwickelte sich Christian Haase überra- schend schnell in die erste Garde der deutschsprachigen Rock- und Popmusik hinein. Er hat seine ganz eigene Stimme:

Die »vielleicht originellste seiner Generation«. »Ein deutscher Tom Petty«, »vielleicht ein neuer Grönemeyer«, versuchen sich die Medien zu orientieren. Hier geht es um Inhalte, um echte handgemachte Musik. Haases Texte haben »genug Tiefe, um sie Lyrik zu nennen, dennoch sind seine Zeilen verständ- lich genug, dass sie landen und haften bleiben«.

15.08.2014, 16 – 17 Uhr

Förderverein Friedensfestival Berlin e.V. Marienburger Strasse 33 / QF 2 D-10405 Berlin Telefon: 30 3744 3270

Info & Foto: www.friedensfestival.org f

acebook.com/haaseband |

ww.haase-band.de

06 VORGELESEN

»Herbst der Entscheidung«

Der »Herbst der Entscheidung« spielt in Leipzig im Herbst 1989: Der 17-jährige Abiturient Daniel, Sohn staatstreuer Eltern, soll sich, um studieren zu können, zu drei Jahren Armeedienst verpflichten. Er haut aber von zu Hause ab, taucht in die Bürgerbewegungsszene ein, verliebt sich in eine der Akteurinnen und gerät immer tiefer in den Sog der Ereignisse der Friedlichen Revolution, die die DDR grundle- gend verändern sollte. Das Buch behandelt nicht nur das Erwachsenwerden, sondern auch das Erwachen politischen Bewusstseins in ungewöhnlichen Zeiten.

Am 30.7., um 19 Uhr, Eintritt frei!

Museum in der Kulturbrauerei

Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Knaackstraße 97 10435 Berlin

Info: www.christoph-links-verlag.de Bild: Buchcover

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AUSSTELLUNG

»Mythos Vinyl«

Die Ausstellung »Mythos Vinyl« widmet sich der Musik der Nachkriegsgeneration: Bill Haley, Elvis Presley, die Beatles und die Rolling Stones. Als der Boom der Schallplatte Anfang der fünfziger Jahre begann, produzierte man in Neukölln 1952 die erste deutsche Jukebox. Die Ausstellung zeigt ein Modell dieser Firma sowie Musik- truhen und Plattenspieler aus Neuköllner Familienbesitz. Sie zeigt auch die persönliche Seite zwischen Schallplatten und ihren Hörern: Fünfzig Neuköllner haben dem Museum ihre Lieblingsplatte zur Verfügung gestellt. Sie erzählen in der Ausstellung, welches Stück sie am meisten begeistert hat, wobei das Spektrum von Frank Sinatra über Edith Piaf bis zu Jimi Hendrix und Michael Jackson reicht.

Noch bis zum 28.12., Eintritt frei!

Von Mittwoch bis Sonntag von 15 Uhr bis 19 Uhr

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KINO

»Der große Gatsby«

Unter dem Motto »Hollywood in Hellersdorf« gibt es dieses Jahr erneut freitags große Leinwandstars im Innenhof der Cecilienhöfe zu sehen. Diesmal ist es »Der große Gatsby«, der als kostenloses Open-Air-Kino-Event gezeigt wird. Vor dem Filmstart gibt es ab 19 Uhr bereits Livemusik und gegrillte Speisen.

Am 8.8., um 19 Uhr, Eintritt frei!

Museum Neukölln

Cecilienplatz

Alt-Britz 81

12619 Berlin

12040 Berlin

Info: www.cecilienplatz.de

Info: www.museum-neukoelln.de

Bild: Filmplakat

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TAUFRISCH & ANGESAGT

Aktuell

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Nr. 15

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Juli – August 2014

»Meine Bilder beruhen alle auf dem Prinzip der Collage.«

Corinne Wasmuht, 1964 in Dortmund geboren, ist die diesjäh- rige Trägerin des seit 1993 vergebenen Käthe-Kollwitz-Preises.

INTERVIEW :

Urszula

Usakowska-Wolff

Käthe-Kollwitz-Preises. INTERVIEW : Urszula Usakowska-Wolff Corinne Wasmuht (Foto: Urszula Usakowska-Wolff) INFO

Corinne Wasmuht (Foto: Urszula Usakowska-Wolff)

INFO

INFO
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Käthe-Kollwitz-Preis 2014 Corinne Wasmuht Noch bis zum 10. August in der Akademie der Künste am Hansea- tenweg 10, 10557 Berlin

Dienstag bis Sonntag 11 – 19 Uhr

Eintritt 6 / 4 Euro (Kombiticket gilt auch für die Ausstellung Gisèle Freud: »Fotografische Szenen und Porträts«), Eintritt frei bis 18 Jahre und am Dienstag 15 – 19 Uhr

www.adk.de

bis 18 Jahre und am Dienstag 15 – 19 Uhr › www.adk.de D ie mit 12

D ie mit 12 000 Euro dotierte Aus- zeichnung ist mit einer Ausstel- lung in der Akademie der Künste am Hanseatenweg 10 verbunden. Dort zeigt die in Berlin lebende

Malerin gegenwärtig 20 großformatige Ölge- mälde auf Holz, die sie zwischen 1991 und 2013 geschaffen hat. Corinne Wasmuht, die den Com- puter als Werkzeugkasten und Skizzenbuch be- nutzt, arbeitet an manchen ihrer vielschichtigen, figürlich-abstrakten und meist farbenfrohen Ta- bleaus bis zu einem Jahr.

Urszula Usakowska-Wolff: Ihre Bilder hängen in privaten und öffentlichen Sammlungen, zum Beispiel im Bundeskanzleramt, Sie werden mit wichtigen Auszeichnungen bedacht, ernten fast ausschließlich positive Kritik und werden unisono als eine der wichtigsten deutschen Ma- lerinnen der Gegenwart bezeichnet. Welchen Einfluss hat diese Popularität auf Ihre Arbeit? Macht der Ruhm Ihnen zu schaffen oder neh- men Sie ihn eher gelassen hin? Corinne Wasmuth: Da ich die meiste Zeit im Atelier verbringe und am Arbeiten bin, be- komme ich vom ganzen Rummel nicht viel mit. Das ist gut so!

Zu Beginn Ihrer Karriere, vor etwa 20 Jahren, stießen Ihre Bilder noch auf heftige Ablehnung, heute werden Sie und Ihre Malerei gefeiert. War die Zeit noch nicht reif für die angemessene Würdigung Ihrer Kunst? Heute werden meine Bilder in einem ande- ren Kontext gesehen und der Malereidiskurs hat sich geändert. Die Rezeption von Bildern, be- ziehungsweise von Kunst generell, ändert sich ständig.

Ihre

Gemälde

entstehen

in

einem

langen,

komplizierten und aufwendigen Prozess. Als Vorlagen benutzen Sie eine Art digitale Ready- mades, die Sie im Internet finden oder die Sie selbst fotografieren, archivieren, mit dem Photoshop bearbeiten, dekonstruieren und zu neuen Kompositionen zusammenfügen. Diese übertragen Sie dann mit Pinseln und Ölfarben auf zum Teil riesige Holzträger. Was reizt Sie an dieser digital-analogen Arbeitsweise? Meine Bilder beruhen alle auf dem Prinzip der Collage. Früher arbeitete ich analog mit Zeichnungen und Aquarellen, dann mit Foto- kopien, Schere und Kleber, und heute digital. Das spart jede Menge Zeit! Das unterscheidet sich nicht so sehr vom Schreiben. Wir führen das Interview ja auch nicht mit handgeschrie- benen Briefen, sondern via E-Mail. Und: Beim Texte schreiben werden digitale Medien nicht in Frage gestellt.

Ihre Bilder sind in den letzten zehn Jahren immer größer geworden, eines der letzten Ta- bleaus, in der Akademie der Künste im Tier- garten zu sehen, und zwar »Pehoé Towers«, 2013, hat die Maße 197 x 715 cm. Es ist sicher nicht einfach, solche riesige Panoramen auf massige Holztafeln zu malen. Wie gehen Sie vor? Projizieren Sie Ihre PC-Entwürfe, Ihre digitalen Skizzen auf das Holz und malen Sie sie dann ab? Oder haben Sie das zu malende Bild fertig im Kopf? Ist der Malprozess spon- tan oder intendiert? Beides. Ich übertrage die Skizzen haupt- sächlich mittels eines Rasters auf die Holztafeln, frei Hand und mittels einer Projektion. Während des nachfolgenden Malprozesses werfe ich aber vieles über den Haufen. Die Bilder sind im Kopf, die Skizzen dienen als Eselsbrücke. Wenn die Skizzen dem Bild in meinem Kopf oder dem in- neren Auge entsprächen, würde ich es auch bei

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Juli – August 2014

Aktuell

TAUFRISCH & ANGESAGT

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Juli – August 2014 Aktuell TAUFRISCH & ANGESAGT | 25 Blick in die Ausstellung von Corinne

Blick in die Ausstellung von Corinne Wasmuht

(Foto: Urszula Usakowska-Wolff)

von Corinne Wasmuht (Foto: Urszula Usakowska-Wolff) Corinne Wasmuht, DFW-CDG, 2010 (Foto: Stefanie Seufert)

Corinne Wasmuht, DFW-CDG, 2010 (Foto: Stefanie Seufert)

Hollywoodwelten erscheinen, sammle und ka- talogisiere ich. Alles erscheint gleich real. Ich untersuche, was diese Bilder mit mir anstellen. Ich glaube nicht an eine Authentizität des ma- lerischen Ausdrucks im Sinne eines klassischen Malereidiskurses, der von Virtuosität und Pin- selstrichgrandezza beherrscht wird.

Sie sind nicht nur eine erfolgreiche Malerin, son- dern seit 2006 auch Professorin an der Staatli- chen Akademie der Bildenden Künste in Karls- ruhe. Sie wohnen in Berlin, pendeln zwischen den beiden doch recht voneinander entfernten Städten, stellen regelmäßig aus. Woher nehmen Sie die Energie, das alles zu bewältigen? Ich habe fast keine Freizeit und keinen Feier- abend… Nur so ist das zu bewältigen.

Der Kunstmarkt liebt ihre Tableaus, Sammler reißen sich um sie. Es gibt andere erfolgreiche Künstler, deren Bilder verkauft werden, lange bevor sie gemalt wurden. Gehören Sie auch dazu? Das müssen Sie besser meine Galeristen fragen.

den Skizzen belassen, dann wäre das Malen ja nicht mehr nötig!

Sie malen urbane Landschaften, lichtdurch- flutet und pulsierend, die ständig in Bewegung zu sein scheinen. Andererseits zeigen Sie eine Welt, die sich durch nichts mehr unterscheidet, die in ihrer Eintönigkeit erstarrt und überall gleich aussieht, die am Überfluss von grellen Farben zu ersticken droht. Die Menschen lösen sich darin auf. Etwa deshalb, weil sie die Reiz- überflutung nicht mehr ertragen können? Für mich ist das keine Reizüberflutung mehr, denn sie gehört zu meinem Alltag. Jemand, der in der Natur lebt, sieht möglicherweise tausende unterschiedliche Grüntöne, während der unge- schulte Blick nur ein einziges Grün wahrnimmt. Es ist also Wahrnehmungssache.

Was auffällt, ist die fast schon unheimliche Transparenz und Flüchtigkeit Ihrer doch sehr stark präsenten Gemälde. Mit welchen Mitteln gelingt es Ihnen, diese sich ausschließenden Effekte zu erzielen? Haben Sie eine besondere Maltechnik? Eigentlich nicht.

Spielt die Tatsache, dass Sie lange Zeit in Ar- gentinien und Peru gelebt hatten, in ihrer Male- rei eine Rolle? Welchen Einfluss hat die latein- amerikanische Literatur, etwa der »Magische Realismus« auf Sie? Ist es ein Zufall, dass zwei Ihrer Bilder den Titel »Uqbar« tragen? »Tlön, Uqbar, Orbis Tertius« lautet der Titel einer Erzählung des argentinischen Schriftstel- lers Jorge Luis Borges. Die südamerikanische Li- teratur hat mich sicherlich beeinflusst, aber eine Illustration literarischer Gedankenwelten liegt mir jedenfalls fern. Genauso kann ich behaup- ten, dass mich die Kunstakademie Düsseldorf in

den 1980er Jahren oder das Berlin der Nuller- jahre beeinflusst hat. Das in meiner Erinnerung gespeicherte intensive Licht in Peru, der Himmel über Buenos Aires, spielen in meiner Malerei sehr wahrscheinlich eine Rolle.

Sie sammeln visuelle Motive und Themen, die Sie in Ordner speichern und dann für Ihre Ge- mälde benutzen. Wonach suchen Sie bei Ihren Bildrecherchen? Können Sie alles, was Sie ge- sammelt haben, für Ihre Kunst verwenden? Ja. Es wird sozusagen alles gesammelt und es fließt auch alles in meine Arbeit ein.

Collage ist, unabhängig davon, ob sie in einem manuellen oder digitalen Verfahren entsteht, ihre genuine Ausdrucksform. Warum? Ich bin hauptsächlich an Bildern interes- sierst; die uns im Alltag umgeben, wie sie auf mich wirken, wie sie meinen Blick verändern. Nicht nur meine eigenen, privaten Schnapp- schüsse, sondern auch fremde oder öffentli- che Abbildungen, welche in den Medien wie Werbung, Nachrichtensendungen, Dokumen- tationen, Lehrbücher, fiktive Phantasy- und

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Sport

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Herthas Cheftrainer Jos Luhukay träumt von der Champions League

Berliner verstärken sich extrem für die Saison 2014/15

BERICHT :

Andreas

Düllick

extrem für die Saison 2014/15 BERICHT : Andreas Düllick »Herthas« Neuzugänge machen sich im Trainingslager fit

»Herthas« Neuzugänge machen sich im Trainingslager fit für die Bundesligasaison 2014/2015 (Foto: City-Press)

H erthas Cheftrainer Jos Luhukay träumt mittel- fristig vom Einzug in die Champions League. Das erklärte er gegenüber der »Bild«-Zeitung. »Ich möchte mit Hertha mal auf das Topniveau kommen, wo der Verein schon mal war, und Eu-

ropa- oder Champions League spielen. Das ist ein unglaubli- cher Anreiz, das irgendwann mal zu erleben. Träumen muss erlaubt sein.« Zunächst gelte es für die Berliner, sich in der Bundesliga zu etablieren, das sei auch ein großer Erfolg. Um diese ehrgeizigen Ziele tatsächlich auch schnellstmöglich er- reichen zu können, hat Hertha BSC mit Julian Schieber, Va- lentin Stocker, Genki Haraguchi, Roy Beerens, John Heitinga, Jens Hegeler und Marvin Plattenhardt sieben neue Spieler ver- pflichtet. Das war nach den Abgängen der beiden Berliner Top- stürmer – der kolumbianische WM-Teilnehmer Adrian Ramos geht zu Borussia Dortmund, Pierre-Michel Lasogga wechselt zum HSV – auch bitter nötig. Zwar spülten die Abgänge ca. 19 Millionen Euro in die Kasse, hinterließen aber große Lücken.

Neu: Drei Stürmer, zwei Mittelfeldspieler, zwei Verteidiger!!! Wichtigste Neuverpflichtung ist ganz sicher Stürmer Julian Schieber (25), der von Borussia Dortmund kommt. Der 1,86 m große Angreifer unterschrieb einen Vier-Jahres-Vertrag bis Juli 2018. »Wir haben die Karriere von Julian Schieber schon seit langem mit Interesse beobachtet«, so Michael Preetz, Ge- schäftsführer Sport bei Hertha BSC. »Er ist ein wuchtiger, torgefährlicher Angreifer, der genau in unser Anforderungs- profil passt.« Schieber betont: »Ich bin sehr froh, jetzt bei Hertha BSC und für die blau-weißen Fans zu spielen. Die Herthaner haben sich sehr um mich bemüht, Trainer Jos Lu- hukay und Manager Michael Preetz mich total überzeugt.« Schieber bestritt bisher 113 Bundesligaspiele und erzielte 16 Tore. Für die deutsche U 21 absolvierte er sieben Länder- spiele. Von den Urawa Red Diamonds kommt der 23-jährige

japanische Nationalstürmer Genki Haraguchi für vier Jahre an die Spree. »Genki Haraguchi ist ein variabler Angreifer, der auf der linken wie rechten Seite, im Zentrum oder als hängende Spitze spielen kann«, erklärt Michael Preetz. Hara- guchi erzielte in der japanischen Liga in 162 Spielen 33 Tore und gab 22 Vorlagen. Roy Beerens holten die Berliner vom holländischen Erstliga-Klub AZ Alkmaar. Der 26-jährige An- greifer unterschrieb bis zum 30. Juni 2017. »Beerens ist ein typischer Außenstürmer, der die 1:1-Situationen sucht«, so Michael Preetz. Trainer Jos Luhukay: »Ich bin sicher, dass er auf unserer rechten Seite für viel Betrieb sorgen wird.« Bee- rens bestritt in der holländischen Ehrendivision 230 Spiele für den PSV Eindhoven, Nijmwegen, Heerenveen und Alk- maar und schoss dabei 43 Tore. Beerens hat zudem Champi- ons League-Erfahrung.

Weiterer Zugang ist Valentin Stocker. Der 25-jährige Offen- sivspieler wechselte vom FC Basel nach Berlin und erhielt einen Vierjahresvertrag. Michael Preetz über den Schweizer Nationalspieler: »Valentin wird unserem Angriffsspiel in der kommenden Saison sehr viel Variabilität und Torgefahr hin- zufügen.« Vom Liga-Konkurrenten Bayer 04 Leverkusen kam der 26-jährige Mittelfeld-Allrounder Jens Hegeler. Jos Luhu- kay: »Jens ist ein sehr flexibler, exzellenter Mittelfeldspieler, der – auch wegen seiner Körpergröße - ganz hervorragend in unsere Mannschaft passt.« Die Abwehr wurde mit dem 87-fa- chen holländischen Nationalspieler John Heitinga verstärkt. Der 30-jährige Innenverteidiger spielte zuletzt in der engli- schen Premier League beim FC Fulham. »Heitinga ist ein in- ternational erfahrener Abwehrspieler, von dem insbesondere unsere jungen Spieler sehr profitieren werden«, so Preetz. Hei- tinga bringt die Erfahrung von 308 Erstliga-Spielen (23 Tore) in Holland (Ajax Amsterdam), Spanien (Atletico Madrid) und England (FC Everton und FC Fulham) mitbringt. Heitinga wurde zweimal holländischer Meister, dreimal Pokalsieger und viermal Supercupgewinner. Er bestritt 87 Länderspiele (7 Tore). Bei der WM 2010 in Südafrika wurde er Vize-Welt- meister. Dazu kommt Abwehrspieler Marvin Plattenhardt. Der 22-jährige war beim 1. FC Nürnberg vornehmlich auf der linken Abwehrseite unterwegs. Plattenhardt bestritt 63 Bun- desligaspiele, schoss dabei zwei Tore. Der U 17-Europameis- ter (2009) machte zuletzt sieben U21-Länderspiele.

Der slowakische Nationalspieler und Rechtsverteidiger Peter Pekarik (27) bleibt bis zum 30.6.2018 in Berlin. Der För- dervertrag von Torwart-Youngster Marius Gersbeck wurde in einen Lizenzspielervertrag umgewandelt. Der 19-jährige, der gerade mit der U19-Nationalmannschaft bei der EM in Ungarn antritt, wurde bis zum 30. Juni 2017 an den Klub gebunden. Der Vertrag mit Mittelfeldspieler Marcel Ndjeng wurde um ein Jahr verlängert.

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Sport

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»Es geht um die WM, nicht um die Moral.«

Betrachtungen zur Fußballweltmeisterschaft

BETRACHTUNG :

Manfred

Wolff

M it dieser lapidaren Aussage des Uruguay-Trainers Oscar Tabarez zur Beißattacke seines Stürmers Luis Suarez ist mehr über die nun

verflossene FIFA-Weltmeisterschaft in Brasi- lien deutlich geworden als durch die Dampf- plaudereien der Kommentatoren im Fernsehen. Vor der letzten Offenheit ist er allerdings noch zurückgeschreckt: Es geht um Geld, nicht um die Moral. Da ist dann jedes Mittel recht. Wir haben uns die Kämpfe angesehen, die nicht von Spielern, sondern von Berufstätigen ausgetra- gen wurden. Als Zuschauer waren wir die legi- timierende Staffage eines Geschehens, in das wir unsere eigenen Wünsche und Ängste pro- jizieren konnten. Wir haben uns gefreut und waren betrübt, wir haben geschimpft und ge- jubelt, als ginge es dabei um uns. Tabarez hat gesagt, worum es in Wirklichkeit ging.

Sport bedeutet ursprünglich sich zerstreuen, Vergnügen haben. Der Fußball kommt aus Eng- land, wo man eine ausgeprägte Vorliebe für al- lerlei skurrile Sportarten hat. Einen Ball in ein Ziel zu bringen und dabei nur die Körperteile zu benutzen, die dazu am wenigsten geeignet sind, ist schon eine komische Idee. Wegen die- ser Handicap-Regel des Fußballs kommt es im- mer wieder zu unerwarteten Situationen und Überraschungen. Für den Erfolg bedarf es nicht nur des Könnens der Spieler, sondern auch der Fehler der Gegenspieler. Würden nur technisch perfekte Spieler gegeneinander antreten, würden Fußballspiele 30:30 enden. Die Fehler der Spieler machen das Spiel menschlich und unberechenbar und geben ihm die Qualität guter Unterhaltung.

Auch die Schiedsrichter sind nur Menschen und sie müssen ihre Entscheidungen ebenfalls mit einem Handicap fällen. Sie müssen blitzschnell Sachverhalte entscheiden, für die sich ein Amts- gericht mehrere Sitzungstage gönnen würde. Er kann natürlich nicht alles sehen und wird auch noch obendrein von den Spielern getäuscht. Des- halb gehören Fehlentscheidungen zur Schieds- richterei, denn irren ist menschlich. Übrigens ist der Schiedsrichter der jüngste Akteur auf dem Fußballplatz. Anfänglich ging es ohne ihn. Die Kapitäne der Mannschaften rügten die Regelver- stöße ihrer Mitspieler. Man wollte ja Spaß ha- ben. Erst als es um mehr als Spaß ging, nämlich

um Geld, wurde der Schiedsrichter in das Re- gelwerk des Fußballs eingeführt. So geht er sei- nem Geschäft nach in der Diskrepanz zwischen hohen Erwartungen an seine Fähigkeiten, seine Gerechtigkeit und dem tiefsitzenden Misstrauen aller Beteiligten, er könne die Bemühungen der Spieler und die Erwartungen der Zuschauer zer- stören, sei es aus Unfähigkeit oder aus bösem Willen.

Maschinen scheinen in solchen Fällen gerechter zu sein. Der Videobeweis im Stadion wird schon länger diskutiert. Eine solche elektronische Ver- rechtlichung eines Spiels bringt aber nur schein- bar mehr Klarheit in das Geschehen, denn was immer die Kameras einfangen, unterliegt wei- terhin der Ermessensentscheidung des Schieds- richters. Bei dieser Weltmeisterschaft kam zum ersten Mal eine elektronische Torüberwachung zum Einsatz. Das Wimbledon-Tor ist damit un- möglich. Die alte Regel »Tor ist, wenn der Schiri pfeift« gilt nicht mehr. Allerdings sind damit auch Millionen Fans um angeregte Stammtisch- diskussionen gebracht. Wenn heute während ei- nes Fußballspiels die elektronischen Aufnahmen einzelner Spielereignisse in Zeitlupe und aus verschiedenen Blickwinkeln auf die Großbild- schirme in den Stadien projiziert werden, wo sie Spieler und Zuschauer sehen können, fordern natürlich alle, dass der Schiedsrichter seine Ent- scheidungen auf der Basis dieser Bilder trifft.

seine Ent- scheidungen auf der Basis dieser Bilder trifft. Luis Suárez (Uruguay) biss bei der WM

Luis Suárez (Uruguay) biss bei der WM 2014 in Brasili- en seinem italienischen Gegenspieler Giorgio Chiellini in

die Schulter (Foto: Wikipedia/Ailura CC: 3.0)

Friedrich Schiller hat in seinen Briefen »Über die ästhetische Erziehung des Menschen« ge- gen eine Mechanisierung der Lebensabläufe des Menschen die Stimme erhoben. Nur im Spiel kann der Mensch Mensch sein. Er spielt nur, wenn er ganz Mensch ist, und ist nur Mensch, wenn er spielt. Sein Spiel ist intrinsisch moti- viert, nicht von Interessen außerhalb seines Wesens gesteuert. Herbert Marcuse hat diesen Gedanken in »Der eindimensionale Mensch« aufgegriffen, um gegen die Zwänge des indust- riell und gewinnstrebend organisierten Lebens zu polemisieren. Auch die menschliche Freiheit im Spiel schafft sich Regeln. Gefährlich wird es, wenn diese zu eisernen Regeln werden und das Spiel einem fremden Zwang unterwerfen. Der Fußball ist auf diesem Weg schon sehr weit gegangen. Es wäre schade um das Spiel. Es ist doch oft so lustig und befreiend.

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Brennpunkt

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Juli – August 2014

»Nationale Strategie zur Überwindung von Wohnungsnot und Armut in Deutschland«

Die BAG Wohnungslosenhilfe e.V. fordert Umkehr von Politik, Meinungs- machern und Mitbürgern

BERICHT :

Jan

Markowsky

Teil Schwerpunktaufgaben Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. hat im April 2014 die »Nationale Strategie zur Überwindung von Wohnungsnot und Armut in Deutschland« als Entwurf he- rausgegeben. Ein erster Entwurf des Vorstands der BAG W vom 29. Oktober 2013 ist auf der Website zu finden. In dieser Strategie fordert die BAG W die Erstellung von Wohnungs- notfall-Rahmenplänen auf allen politischen Ebenen.

Teil III Schwerpunktaufgaben in den wichtigsten fach- und sozialpolitischen Handlungsfeldern – eine Übersicht Mit der Erarbeitung des Wohnungslosenleitplans kommt die Senatssozialverwaltung dieser Forderung nach. Die Frage ist nur, inwieweit die vom Berliner Senat beschlossenen Leitlinien den Anforderungen der Nationalen Strategie ge- nügen. Der Teil III »Schwerpunktaufgaben in den wichtigs- ten fach- und sozialpolitischen Handlungsfeldern« ist mit zwölf von zwanzig Seiten sehr ausführlich dargestellt. Die Schwerpunktaufgaben sind: 1. Integrierte Notversorgung, 2. Wohnungsversorgung & Wohnungspolitik, 3. Gesundheitsver- sorgung & Gesundheitspolitik, 4. Arbeitsförderung & Arbeits- marktpolitik, 5. Junge Erwachsene unter 25 Jahren (U 25) & Jugendhilfepolitik, 6. Migration & Hilfen in Wohnungsnotfäl- len und 7. Schutz vor Gewalt & Vertreibung. In allen Arbeitsfeldern sind in kurzen Sätzen übersicht- lich und gut lesbar Situationsbeschreibung, politische Leit- ziele und die Forderungen dargestellt. Die Forderungen sind aufgeteilt nach Forderungen an den Bund, an das Land und an die Kommune / Landkreis. Wir werden hier nur eine Schwer- punktaufgabe als Bespiel behandeln können. Ich habe mich für die »Integrierte Notversorgung« entschieden.

Schwerpunktaufgabe Integrierte Notversorgung als Beispiel Hier sind die politischen Leitziele: »1. Für die BAG W hat der Erhalt von Wohnraum oberste Priorität vor einer ordnungs- rechtlichen Unterbringung. Vermeidung von Wohnungslo- sigkeit ist die beste Hilfe! 2. Kann trotz präventiver Maß- nahmen ein drohender Wohnraumverlust nicht verhindert werden, hat die Ersatzbeschaffung und/oder die Vermittlung an weiterführende Hilfeangebote, die dem Bedarf entspre- chen, im Mittelpunkt der Hilfe zu stehen, 3. Niemand soll mehr unfreiwillig auf der Straße leben müssen und 4. Der Kältetod ist zu verhindern.« Daraus leitet die BAG W die Forderung an den Bund ab, in der Innenministerkonferenz die ordnungsrechtliche Unter- bringung mit dem Ziel »Leitlinien für eine menschenwürdige Unterbringung wohnungsloser Menschen zu entwickeln«, auf die Tagesordnung zu setzen. Auf Landesebene wird von den Innenministerien der Länder als oberste Aufsichtsbehörden die Sicherstellung der »gesetzlichen Verpflichtung zur men- schenwürdigen Unterbringung bzw. zur Beseitigung von Ob- dachlosigkeit zu entwickeln« durch die örtlichen und Kreis- ordnungsbehörden gefordert.

durch die örtlichen und Kreis- ordnungsbehörden gefordert. »Geht’s uns gut?!« (Cartoon: Andreas Prüstel) Für

»Geht’s uns gut?!« (Cartoon: Andreas Prüstel)

Für jede Kommune und jeden Landkreis fordert die BAG W: »1. die Entwicklung eines Integrierten Notversor- gungskonzepts, denn Notversorgung erfordert nicht nur ord- nungsrechtliche Unterbringung, sondern ein Netz niedrig- schwelliger Angebote und Hilfen zur Daseinsvorsorge, 2. die Notversorgung muss regelhaft mit dem Ziel einer zeitnahen Vermittlung in eigenen Wohnraum bzw. in weiterführende bedarfsgerechte Hilfen erfolgen, 3. Sicherstellung spezieller Winternotprogramme, um den Kältetod von wohnungslosen Menschen zu verhindern und 4. Etablierung ordnungsrechtli- cher Unterbringung, die in Bezug auf räumliche Ausstattung, Lage, Zugänglichkeit, Sicherheit, Hygiene und personeller Ausstattung die Menschenwürde wahrt, Privatsphäre ermög- licht und vor allem eine möglichst große Durchlässigkeit zum allgemeinen System sozialer Hilfen schafft und somit dazu beiträgt, Wohnungslosigkeit nachhaltig zu beenden«. Die BAG W fordert nicht mehr und nicht weniger als eine nachhaltige Umkehr der Politik mit Wohnungslosen und bedürftigen Menschen hin zur Wahrung der Würde der jetzt an den Rand der Gesellschaft geschobenen Menschen.

Weisheit aus dem Schtetl Weil die Regierenden und ihre Sprecher immer dann mit der Schuldenbremse kommen, wenn es um Ausgaben der öffent- lichen Hand für Menschen geht, erinnere ich an öffentliche Ausgaben, die trotz offizieller Austeritätspolitik durchgezo- gen wurden: BER Berlin-Brandenburg, Elbphilharmonie, Schloss Unter den Linden. Olympia und Landesbibliothek sollen noch kommen. Deshalb eine Geschichte aus dem Schtetl. Die Juden in Ost- europa waren arm, deshalb war Geben Pflicht. Hier die Story:

»Ein Schnorrer wandte sich an einen reichen Kaufmann wegen Unterstützung und geriet dabei in eine Hochzeit. Der Kaufmann bedauerte, kein Geld zu haben, seine älteste Tochter heirate und das sei teurer geworden. Darauf wütend der Schnorrer: Was? Von meinem Geld verheiratest du deine Tochter?«

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Juli – August 2014

Ratgeber

AUS DER REDAKTION

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15 | Juli – August 2014 Ratgeber AUS DER REDAKTION | 29 Wichtige Urteile des BSG

Wichtige Urteile des BSG Teil 5

Keine Kündigung der Eingliederungsvereinbarung durch das Jobcenter

RATGEBER :

Jette

Stockfisch

INFO

INFO
INFO
INFO

Mehr zu ALG II und Sozialhilfe Der neue Leitfaden ALG II/Sozialhilfe von A–Z (Stand Juli 2013)

erhältlich für 11 EUR im Büro des mob e.V., Storkower Str. 139d,, oder zu bestellen bei: DVS, Schumanstr. 51, 60325 Frankfurt am Main,

Fax 069 - 740 169

www.tacheles-sozialhilfe.de

www.erwerbslosenforum.de

www.tacheles-sozialhilfe.de › www.erwerbslosenforum.de E in junger Alg II-Bezieher (U 25) absol- vierte eine in

E in junger Alg II-Bezieher (U 25) absol- vierte eine in seiner Eingliederungsver- einbarung (EV) verpflichtende Wei- terbildung. Durch Gesetzesänderung

wurde er wegen seines Alters und bedarfsde- ckenden Einkommens (der Eltern) während der Maßnahme vom Alg II-Bezug ausgeschlossen. Mit diesem Ausschluss begründete das Jobcenter die Kündigung seiner Weiterbildung. Da es sich augenscheinlich um eine sinnvolle Maßnahme handelte, wollte der Betroffene diese beenden. Sowohl das Jobcenter, wie auch die Agentur für Arbeit weigerten sich, die anfallenden Kosten weiter zu übernehmen.

Das Bundessozialgericht (BSG) verurteilte das Jobcenter am 6.12.2012 – Az. B 11 Al 15/11 R zur weiteren Finanzierung der Maßnahme als Zuschuss. Ganz kurz formuliert, hat das BSG geurteilt, dass Verträge einzuhalten sind. Eine EV ist ein öffentlich-rechtlicher Vertrag, an den sich beide Seiten verpflichtend zu halten haben. Das Gericht ist der Ansicht, dass sich daran auch nichts ändert, wenn keine Hilfebedürftigkeit mehr vorliegt. Dieser Vertrag kann nur gekündigt werden, wenn die Weiterführung für eine der Par- teien UNZUMUTBAR ist.

Diese Unzumutbarkeit sah das BSG in diesem Fall nicht. Begründung: Nach § 59 Abs. 1 Satz 1 SGB X berechtigt nicht jede wesentliche Än- derung der Verhältnisse, die für die Fortsetzung des Vertragsinhalts maßgebend gewesen sind, zur Kündigung des Vertrags. Voraussetzung ist vielmehr, dass es sich um eine derart wesentliche Änderung handelt, dass dem betreffenden Ver- tragspartner ein weiteres Festhalten am Vertrag nicht zuzumuten ist.

Hintergrund der gesetzlichen Regelung ist, dass der Grundsatz der Vertragstreue auch im öffent- lichen Recht nur ausnahmsweise und allein dann unterbrochen werden darf, wenn dies notwen-

dig ist, um wesentliche, das heißt untragbare, mit Recht und Gerechtigkeit schlechterdings unvereinbare Ergebnisse im öffentlichen Interesse zu vermeiden.

Eine Kündigung scheidet aus, wenn der Kündigende einer- seits das Risiko bestimmter Änderungen bewusst übernom- men hat, sein Vertragspartner andererseits aber wesentliche Nachteile für den Fall der Kündigung hinzunehmen hätte. Damit genießt die Partei, die am Vertrag festhalten will, einen höheren Schutz nach § 59 Abs. 1 Satz 1 SGB X (Anpassung und Kündigung in besonderen Fällen) als bei einer entspre- chenden Anwendung der Grundsätze des § 48 Abs. 1 Satz 1 SGB X (Aufhebung eines Verwaltungsaktes mit Dauerwir- kung bei Änderung der Verhältnisse).

Immerhin ein Erfolg für den Betroffenen. Es bleibt zu hoffen, dass das BSG bei dieser Rechtsprechung bleibt. Es ist einer der wenigen Fälle, in denen ein Betroffener beim Kampf um eine sinnvolle Maßnahme gesiegt hat. In der Regel verlieren Betroffene vor Gericht, wenn sie eine bestimmte Weiterbil- dung versuchen einzuklagen. U.a. LSG Bayern, Beschluss vom 11.2.2014 Az. L 7 AS 86/14 ER.

In der Regel ist es aber umgekehrt. Den Betroffenen wird häufig bei Androhung der Kürzung oder Einstellung des Alg II eine sinnentleerte Maßnahme (Ich weigere mich, in diesem Zusam- menhang das Wort »Weiterbildung« zu benutzen.) aufgezwun- gen. Versuchen sie, sich dagegen zu wehren, haben sie kaum Aussicht auf Erfolg. Selbst die dümmste Begründung, Einglie- derung in den ersten Arbeitsmarkt, reicht aus, der Maßnahme seitens des Jobcenters einen »Sinn« zu geben. Wie wäre es, wenn bei solchen Maßnahmen mehr geschehen würde, als das Betrof- fene morgens um acht Uhr »auf der Matte zu stehen« müssen und acht Stunden durchhalten, ohne durch Langeweile zu Tode zu kommen? Doch was will man von Trägern erwarten, wenn bei der Vergabe nur noch billig zählt? Schließlich wollen die auch an der Armut verdienen, zumindest die Chefetagen. Dann dürfen die prekär beschäftigten Dozenten schon mal zeitgleich drei Gruppen betreuen und sich ihr restliches Einkommen vom Jobcenter holen. Aber viele Bürger sind der Meinung, erste Bür- gerpflicht der Alg II-Bezieher sei die, zu gehorchen. Der gesetzli- che Anspruch des »Fördern und Fordern« ist im Laufe von zehn Jahren mehr und mehr zum Kadavergehorsam verkommen.

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AUS DER REDAKTION

Kolumne

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Juli – August 2014

Aus meiner Schnupftabakdose

KOLUMNE:

Kptn

Graubär

A ngeblich ist jetzt Sommerloch und Sauregur-

kenzeit: Nichts los in Berlin. Gut, da war diese

Fußball-Weltmeisterschaft mit einem guten Er-

gebnis für den DFB. Dann feierte Frau Merkel

60. Geburtstag. Eine feine Sache: Nur noch 5

Jahre bis zur Rente. Für die Fete hätte man doch die Fanmeile noch ein paar Tage stehen lassen können. Die hochmorali- sche Aufregung über den Gaucho-Tanz der Weltmeister habe ich nicht verstanden. Was erwarten die Leute eigentlich? Das

sind doch bloß Fußballer.

Als mir am Alex ein junger Mann einen Pappbecher entgegen hielt und dazu sagte: »Haste mal ‘nen Euro?«, wollte ich mich erst abwenden, weil ich schließlich nicht meine Barschaften so einfach weggeben kann. Am Alex würde man da schnell einen Hunderter los. Vielleicht braucht der Mann das Geld fürs Es- sen, aber wahrscheinlicher ist wohl, dass ihm noch was zum Erwerb einer Kugel fehlt. Doch plötzlich kam mir die Erleuch- tung. Das war vielleicht gar kein Schnorrer oder ein Junkie. Der junge Mann war ein Investor. Investor war früher was für Leute mit einem Haufen Geld. Heute genügt ein Euro. Also gab ich ihm den Euro und den Rat, nun schnell mit dem Herrn Berggruen Kontakt aufzunehmen, denn der will ja Karstadt verkaufen: für einen Euro!

Das zeigt mal wieder die noble Art des Herrn Berggruen. Als Karstadt pleite war, hat er vor vier Jahren für einen einzigen Euro den ganzen Ramsch gekauft und gleichzeitig ganz viele Euros zur Sanierung versprochen. Ganz Berlin war aus dem Häuschen. So ein toller Mann! Endlich mal ein Investor, der gut aussah, auf allen möglichen Parties ein gutes Bild machte und gar nichts von einer Heuschrecke hatte. Leider dachte er nicht ans Investieren. Immerhin hat er aber für fünf Milli- onen Euro die Rechte am Firmennamen Karstadt erworben.

Karikatur: Andreas Prüstel
Karikatur: Andreas Prüstel

Wenn jetzt Karstadt wieder für einen Euro den Besitzer wechseln soll, zeigt das das selbstlose Engagement von Berggruen; er macht nicht ei- nen einzigen Euro Gewinn.

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für einen Inves- tor mit einer neuen Geschäftsidee. Der ganze Konzern wird für einen Euro erworben. Aus den Restaurants der Warenhäuser werden Sup- penküchen. Die großen Etagen werden zu Not- unterkünften umgestaltet. Es gibt ja in jedem Haus eine Bettenabteilung. Kleidung für Som- mer und Winter findet dankbare Abnehmer. Um die Schulden von Karstadt muss man sich nicht kümmern; das hat bislang auch niemand getan. Die Angestellten haben zwar auf Lohn verzich- tet, es hat jedoch nichts geändert. Das war nur für die Galerie. Herr Berggruen wird das alles si- cher gern unterstützen, denn sein Lieblingswort ist Charity – Wohltätigkeit.

So ganz im Stillen wird unser Berlin immer moder- ner, vornweg die Polizei. Die twittert jetzt ihre Ein- sätze. Was früher strafbar war – das Abhören des Polizeifunks – geht jetzt ganz legal. Ob das aber so unterhaltsam ist wie seinerzeit der Kanal am mani- pulierten Radio, wage ich allerdings zu bezweifeln. »Hilflose Person am Adenauerplatz« oder »Roter Opel nach Unfallflucht auf dem Mehringdamm« und dann die Vollzugsmeldungen waren da noch nicht zu lesen.

Zeitgleich mit der Tour de France ist eine zwan- zigköpfige Fahrradstaffel der Polizei an den Start gegangen. Der Polizeipräsident Klaus Kandt persönlich hat am Brandenburger Tor den Start- schuss gegeben. Sie sehen wirklich schmuck aus, alle im gelben Trikot, eben echte Siegertypen. Die beamteten Radler sind auch sonst sehr sportlich ausgestattet: Helm statt Schirmmütze. Ich ver- misse allerdings ein Blaulicht und Martinshorn am Drahtesel. Wenn sie tätig werden wollen, sollen sie stattdessen laut rufen. Wird es auch ein grünes Trikot geben für den erfolgreichsten Radler, der die meisten Knöllchen verteilt hat? Hoffentlich wird es keinen Dopingfall geben. Beim Radfahren kommt das ja immer wieder vor.

Die Aufgabenstellung für die Fahrradstaffel gibt ein Rätsel auf. Sie sollen den Fahrradrambos im Regierungsviertel Manieren beibringen. Dabei sind Regierungsradler doch sehr selten. Wer im Parlament oder einem der Regierungsgebäude zu tun hat, pflegt die Limousine zu benutzen, mit einer Ausnahme: Hans-Christian Ströbele. Soll der ganze Aufwand ihm gelten? Das ist denk- bar, denn ich habe ihn schon öfter ertappt, wie er fröhlich auf den Gehwegen radelt. Kindern bis zu zehn Jahren ist das erlaubt. Hat Ströbele noch nie davon gehört oder will er mit seinem Gehweg- radeln sein jugendliches Temperament heraus- stellen? Denkbar ist auch, dass die Polizeiradler ihn eskortieren sollen, wenn er zu bedeutsamen politischen Terminen strampelt: gelbe Mäuse.

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Nr. 15

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Juli – August 2014

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strassenfeger Nr. 16
TITELBILD Cover des Comicbandes »WOHLSTAND«
von Claudius Gentinetta und Dett Robustelli, Verlag AR-
RACHE COER in der »EDITION MODERNE«, Zürich 1994
»Summertime«
(Quelle: Wir bedanken uns ganz herzlich bei Claudius Gentinetta
für die kostenlose Bereitstellung des Bildes!)
erscheint am 11. August 2014
KARIKATUREN Andreas Prüstel, OL
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»DIE BOTANISCHE NACHT«
»BADEMODE GESTERN & HEUTE«
SCHRIFTEN Karmina Sans (mit freundlicher
Genehmigung von typetogether), Life
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Botanische Nacht 2014 (Foto: Thomas Grabka)
TRAUERANZEIGE Wir nehmen Abschied von Manfred Klein, genannt »Spinne«. * 27.3. 1958 † 24.6. 2014
TRAUERANZEIGE
Wir nehmen Abschied von Manfred Klein,
genannt »Spinne«.
* 27.3. 1958
† 24.6. 2014
Nach einem unruhigen und umtriebigen Leben
war er acht Jahre lang Bewohner des »Haus Schöne-
weide« in Treptow Köpenick.
Er war immer bereit, sein letztes Hemd zu verschen-
ken und hat sich niemals in den Vordergrund gespielt
Wir sind sehr traurig.
Die Beisetzung fand am 17. Juli um 13 Uhr auf dem
Waldfriedhof in Henningsdorf statt.
Seine Weggefährten und die Bewohner und Mitarbei-
ter vom »Haus Schöneweide«
Manfred Klein (Quelle: GEBEWO)

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Klein (Quelle: GEBEWO) Mitglied im: Partner: Facebook: REDAKTIONSSCHLUSS 23. Juli 2014 REDAKTION Storkower Str.

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