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Das Zentralabitur

Als Zentralabitur wird eine Abiturprüfung bezeichnet, bei der die schriftlichen Prüfungsaufgaben von einer zentralen Behörde vorbereitet werden. In Deutschland ist dies in der Regel das Kultusministerium des Landes.

Geschichtliche Entwicklung bis heute in den deutschen Ländern

Das Zentralabitur hat die längste Tradition in Bayern. Hier werden die schriftlichen Abituraufgaben seit 1854 vom Ministerium gestellt. Nur in Ausnahmesituationen wie den Kriegs- und Nachkriegsjahren der beiden Weltkriege hat das Ministerium diese Aufgabe den Schulen

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überlassen. Auch Baden und Württemberg kannten im 19. Jahrhundert zeitweise zentrale Abiturprüfungen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg führte die französische Besatzungsmacht in ihrer Zone ein zentrales Prüfungsverfahren ein. Dabei nahm sie sich das seit 1808 als zentrale und anonyme Prüfung bestehende Baccalauréat zum Vorbild. Diese Maßnahme betraf die Länder Südbaden,

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Südwürttemberg-Hohenzollern, Saarland und Rheinland-Pfalz. Nach dem Ende der Besatzungszeit schaffte Rheinland-Pfalz das Zentralabitur wieder ab. Im 1952 gebildeten Baden- Württemberg gab es zunächst in den ehemals französisch verwalteten Gebieten das Zentralabitur, im ehemals amerikanischen Norden ein dezentrales Abitur. Seit den 1960er Jahren wurde schrittweise im ganzen Land die zentrale Aufgabenstellung durch das Ministerium eingeführt. Auch

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das Saarland hielt am Zentralabitur fest.

Nach der deutschen Einheit 1990 entschieden sich vier der fünf neuen Bundesländer (Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern) für das aus der DDR gewohnte Zentralabitur. Nur Brandenburg, das sich stark an Nordrhein-Westfalen orientierte, übernahm das im Westen vorherrschende dezentrale Abitur, bei dem sich die Schulaufsicht mit der Genehmigung

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und Auswahl der von den Lehrern eingereichten Aufgaben begnügte.

Derzeit führen 15 der 16 Länder ein Zentralabitur durch. Einzig in Rheinland-Pfalz findet noch ein dezentrales Abitur statt. Hier reichen die Kurslehrer mehrere Aufgabenvorschläge ein, die von Fachberatern geprüft und gegebenenfalls korrigiert werden. Diese stellen die Einhaltung der EPA (Einheitliche PrüfungsAnforderungen)und der formalen Vorschriften sicher.

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Ablauf am Beispiel Baden-Württemberg

Beim Zentralabitur werden landesweit ausgewählte Lehrer (die zum betreffenden Termin meist keinen eigenen Kurs auf das Abitur vorbereiten) aufgefordert, Abituraufgaben vorzuschlagen. Aus diesen Vorschlägen wählt eine Kommission aus. In einem mehrstufigen Verfahren werden die Aufgaben überprüft und wenn nötig umformuliert.

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In Baden-Württemberg wird manchmal die Auswahl der aufgabenstellenden Lehrer auch folgendermaßen durchgeführt: Die vier Regierungspräsidien beziehungsweise die jeweiligen Referate für Schule und Bildung werden angewiesen, Aufgaben zu stellen. Diese fordern bei den Schulen nach einem ihnen eigenen Verfahren Aufgabenvorschläge an. Die ausgewählte Schule bestimmt einen Lehrer, der die Aufgaben ausarbeitet. Dabei wird versucht, jedes Jahr andere

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Lehrer zu bestimmen. Es kann vorkommen, dass Lehrer Aufgaben stellen, die selbst einen Kurs auf das Abitur vorbereiten. Dies gilt besonders für Fächer, die wenig verbreitet sind. Beispiel:

Informationstechnik im Technischen Gymnasium.

Die Prüfungsaufgaben des Zentralabiturs kommen somit unter Mitwirkung einer beträchtlichen Anzahl erfahrener Pädagogen zustande, wobei das entscheidende Personal im Laufe der Jahre

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nur langsam erneuert wird. Diese personelle Kontinuität garantiert weitgehende Kontinuität in Art und Schwierigkeit der Aufgaben. Andererseits kann die Kultusbürokratie durch überraschende Teilaufgaben durchaus auch einmal Impulse für die Neuausrichtung des Unterrichts setzen, und dies wesentlich effizienter als durch Lehrplanänderungen.

Die Korrektur erfolgt in Baden-Württemberg in drei Durchgängen. Die Erstkorrektur findet durch die

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Fachlehrkraft anhand des vorgegebenen Lösungshinweises statt, wobei auch, wieder nach

Fächern verschieden, die Punkteverteilung vorgegeben ist. Die Arbeiten werden von der Schulleitung kodiert und damit anonymisiert. Die Oberschulämter verteilen dann die Arbeiten anonym zur Zweitkorrektur an jeweils andere Schulen. Erst- und Zweitkorrektor vermerken ihre Punkte nicht in den Arbeiten, sondern auf einem gesonderten Formular, wobei der Zweitkorrektor

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die Punkteverteilung und Gesamtpunktzahl des Erstkorrektors nicht erfährt. Die Klausuren gehen an die Oberschulämter zurück und von dort an anonyme Drittkorrektoren, in der Regel Fachberater beziehungsweise Fachabteilungsleiter. Diese erhalten auch die Ergebnisse der Erst- und Zweitkorrektur. Sie legen schließlich die Noten endgültig fest, wobei sie sich im Regelfall nur zwischen den Noten der Erst- und Zweitkorrektur bewegen dürfen. Zwischen den Korrektoren der

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drei Durchgänge gibt es keinerlei Kommunikation. Der Erstkorrektor erfährt vor der mündlichen Abiturprüfung das Endergebnis, jedoch keinerlei Hinweise, worauf eventuelle Abweichungen von seiner Note beruhen.

Besonderheiten in anderen deutschen Ländern

In Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen werden die Prüfungsaufgaben den Schulen in

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verschlüsselter Form über das Internet zugänglich gemacht. Das bedeutet, dass an jedem Werktag vor einem der landesweit festgelegten Klausurtermine Mitglieder der Schulleitung und weitere Lehrkräfte das Herunterladen und Entschlüsseln, die Vervielfältigung und ggf. auch Auswahl umfangreicher Unterlagen vornehmen müssen. Am jeweiligen Prüfungstag müssen die Schulen zudem ihr E-Mail-Postfach ständig überprüfen, da nicht selten Unklarheiten oder Fehler in

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den Abituraufgaben erst durch die Fachlehrer erkannt werden und somit unmittelbar vor oder gar während der laufenden Prüfungsarbeiten korrigiert werden müssen.

Tendenz zu besserer Benotung durch Einführung des Zentralabiturs

Als 2005 mehrere Länder mit der Umstellung vom dezentralen Abitur auf zentrale Prüfungen begannen, verzeichneten sechs Länder, die schon länger ein Zentralabitur praktizierten, die besten

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Abiturnoten. Sie lagen zwischen 2,3 und 2,5, während die Länder mit dezentralem Abitur Ergebnisse zwischen 2,5 und 2,7 aufwiesen. Mit Einführung des Zentralabiturs sind aber auch in diesen Ländern die Ergebnisse besser geworden, was einerseits auf die Absenkung der Anforderungen hindeutet, anderseits möglicherweise auf eine zunehmende Abstimmung der Unterrichtsinhalte auf die Prüfungsanforderungen zurückzuführen ist.

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Probleme

Bei der Durchführung der zentralen Prüfungen ist es wiederholt zu Problemen gekommen. 2008 erregten zwei nordrhein-westfälische Leistungskurs-Aufgaben im Fach Mathematik bundesweites Aufsehen. Viele Schüler scheiterten an ihnen, während ihre Lösung an anderen Schulen gelang. So mussten in einzelnen Leistungskursen 50 Prozent oder mehr der Schüler in die Nachprüfung

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gehen. Angesichts öffentlicher Proteste räumte das Ministerium den Betroffenen die Möglichkeit ein, eine neue Klausur zu schreiben. Davon machten 1801 Abiturienten Gebrauch, von denen sich drei Viertel um durchschnittlich zwei Notenpunkte verbesserten. Von ähnlichen Pannen waren 2009 in Hessen die Grund- und Leistungskurse im Fach Mathematik betroffen. Auch hier durfte die schriftliche Prüfung wiederholt werden.

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Situation in anderen Staaten

Das französische Baccalauréat und das litauische Abitur werden ebenfalls mit einheitlichen Aufgabenstellungen zentral geschrieben, die Matura in Österreich zum Beispiel dezentral, wobei auch hier mittelfristig die Aufgaben zentral vorgegeben werden sollen.

Im Jahr 2005 wurde in Polen das Zentralabitur für die humanistischen Fächer eingeführt, 2009

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folgten Mathematik und die Naturwissenschaften.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Zentralabitur

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Pannenfreies Zentralabitur

Nach Fehlern in den Vorjahren überprüft diesmal eine unabhängige Kommission das nordrhein-westfälische Zentralabitur. Die Steuerzahler kostet das 500.000 Euro.

Das dritte nordrhein-westfälische Zentralabitur soll nach den Pannen in den beiden Vorjahren ohne wesentliche Fehler ablaufen. Dafür hat eine unabhängige Kommission im

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Vorfeld die Aufgaben in 19 von insgesamt 80 Fächern überprüft.

"Dicke Hunde sollten eigentlich nicht mehr drin sein", sagte der Dortmunder Bildungsforscher und Leiter des Kommission, Prof. Wilfried Bos, am Freitag in Düsseldorf. "Das sind die best geprüften Abituraufgaben, die es in Deutschland je gegeben hat."

Schulministerin Barbara Sommer (CDU) sicherte allen Abiturienten zu, dass sie keine

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Nachteile erleiden, falls sich dennoch Fehler in die insgesamt 1150 Aufgaben eingeschlichen haben sollten. Im Zentralabitur 2008 hatten 1800 Schüler die Mathematik- Klausuren wegen fehlerhafter Aufgaben wiederholt. Die Kommission koste 500.000 Euro pro Jahr, berichtete Sommer.

Dies sei dem Steuerzahler nicht zu vermitteln, kritisierte die Vizevorsitzende der SPD-

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Landtagsfraktion, Ute Schäfer. Sommer versuche, sich aus ihrer politischen Verantwortung für Abitur-Pannen herauszukaufen. Auch die Grünen bewerteten die externe Begutachtung der Aufgaben als Ablenkungsmanöver, um von Fehlern des Ministeriums und schlechtem Krisenmanagement abzulenken. Sommer wies dies zurück.

Die Kosten für einwandfreie und qualitativ hochwertige Aufgaben lägen umgerechnet bei

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6,58 Euro pro Abiturient. "Diese Summe sollten uns unsere Abiturienten wert sein." An den Abituraufgaben für die Gymnasien, Gesamt- und Waldorfschulen sowie Weiterbildungskollegs haben in NRW 180 Fachleute des Schulministeriums gearbeitet. Weitere Experten waren mit den Aufgabenstellungen für die Berufskollegs beschäftigt.

In der unabhängigen Kommission haben insgesamt 105 Wissenschaftler und Lehrer die

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Aufgaben inhaltlich, didaktisch und auf korrekte Rechtschreibung überprüft. Dafür bildeten die Sachverständigen 21 Fachgruppen - für die Fächer Mathematik und Informatik sogar jeweils zwei. Die Fehlerquote sei sehr unterschiedlich gewesen, berichtete Bos. "Zwischen Nichts und ein Viertel der Aufgaben." Dabei habe es keinen Unterschied zwischen sprachlichen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern gegeben.

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Das Niveau des nordrhein-westfälischen Zentralabiturs liege keinesfalls unter dem Niveau anderer Bundesländer, sagte Bos. "Die nordrhein-westfälischen Aufgaben hatten immer einen hohen Standard", betonte der Leiter des Instituts für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund.

Bei der Überprüfung sei nicht nur auf Fehler geachtet worden, sagte Sommer. Eine

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wichtige Fragestellung sei gewesen, ob es für alle Schüler gleichermaßen möglich sei, den Aufgaben Sinn zu entnehmen. So sei etwa im Vorfeld eine Abituraufgabe in einer Sprache aussortiert worden, weil sie gleichzeitig viel historisches Wissen voraussetzte, das möglicherweise nicht an allen Schulen in dem Fach gleichermaßen vermittelt wurde.

Im vergangenen Jahr hatten sich viele Abiturienten mit einer Mathematik-Aufgabe

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überfordert gefühlt, die als "Oktaeder des Grauens" Schlagzeilen machte. Sommer appellierte an die Lehrer, nicht zu zögerlich mit der Erteilung der vollen Punktzahl umzugehen. In den vergangenen Jahren sei aufgefallen, dass die Lehrer ihren Abiturienten eher selten Bestleistungen attestieren. "Es ist wichtig, die ganze Bandbreite auszuschöpfen."

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/karriere/nordrhein-westfalen-pannenfreies-zentralabitur-1.408980

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Bundesweites Zentral-Abitur gekippt

Noch ist es Zukunftsmusik. Doch wenn es nach den Kultusministern geht, soll es für Schüler bald keinen allzu großen Unterschied mehr machen, ob sie ihre Abiturprüfung in NRW, Bremen oder Bayern absolvieren. Gestern haben sie sich in Berlin darauf verständigt, den Gymnasialabschluss bundesweit zu vereinheitlichen und vergleichbarer

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zu machen. Ein Zentral-Abitur wird es aber nicht geben.

Ab dem Schuljahr 2016/ 2017 sollten alle Länder einen zentralen Aufgabenpool zur Verfügung gestellt bekommen, sagte der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Ties Rabe (SPD), gestern. Dazu sollen bereits 2012 Bildungstandards für die Fächer Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch vorgelegt werden. 2013 werden Biologie,

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Physik und Chemie folgen.

In diesem Schritt steckt allerdings noch mächtig Zündstoff. Hier geht es um die Frage, ob sich das Niveau eher an erfolgreichen Ländern im Schulwesen wie Bayern oder an den Schlusslichtern wie den Stadtstaaten orientiert. Bildungsforscher befürchten hier, dass die Ansprüche niedrig formuliert werden.

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Später wird das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) Beispielaufgaben für die Abi-Prüfung entwickeln. Parallel dazu soll es für die Korrektoren der Arbeiten eine Art Leitfaden ausarbeiten. Daraus wird hervorgehen, was man in der Aufgabe vom einzelnen Abiturienten erwartet und wie die einzelnen Lösungsschritte zu benoten sind.

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Die Bundesländer dürfen sich in diesen Prozess einklinken und ebenfalls Aufgaben einreichen. Dies sei ein Angebot an die Länder, sagte Rabe. Sie müssten es aber nicht annehmen.

In einem letzten Schritt wird das IQB geeignete Abituraufgaben auswählen und sie in den gemeinsamen Pool stellen. Wie groß die Anzahl am Ende ist, aus der die Länder

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auswählen können, ist noch nicht geklärt. Nach den Worten Rabes werden es aber eher 100 als zehn Aufgaben pro Fach sein

Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) bezeichnete den Beschluss der Kultusministerkonferenz als vernünftig. „Wir sollten diesen Weg geordnet weitergehen“, sagte sie gestern nach Ende der Beratungen. Von einem „guten und

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richtigen Schritt“ sprach auch Schulentwicklungsforscher Nils Berkemeyer.

Konferenz-Chef Rabe stellte klar, dass mit dem Konsens kein Zentralabitur geschaffen werde. Dies wäre rein praktisch auch kaum umsetzbar, da die Abschlussprüfung überall am selben Tag geschrieben werden müsste. Dazu müsste man aber auch den Beginn der Schulferien vereinheitlichen.

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Die Pläne der Kultusminister werden absolut gleiche Voraussetzungen für den Schulabschluss freilich nicht ermöglichen. Schon deswegen nicht, weil die Abi-Prüfung nur ein Drittel der Gesamtnote ausmacht.

Bei der Bewertung der übrigen Klausuren und der Leistung im Unterricht, die mit zwei Dritteln zu Buche schlagen, gebe es „größte Unterschiede selbst in den Ländern“, sagte

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Rabe.

Bildungsforscher befürchten zudem, dass die Länder auch weiterhin auf die Aufgaben zugreifen können, die ihnen genehm sind. Frei nach dem Motto: Wenn sie genug Aufgaben einreichen, werden einige davon nach der IQB-Prüfung schon im Pool landen.

Quelle: http://www.derwesten.de/politik/bundesweites-zentralabitur-gekippt-id6444451.html

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Vorsicht vor dem Zentralabitur!

Was sollen junge Menschen lernen? Bildungsstandards von der Grundschule bis zum Gymnasium einzuführen ist richtig. Die Rufe nach einem Zentralabitur sind dagegen verfehlt. Denn diese Idee ist nur auf den ersten Blick verlockend. Landestypisches würde

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beim Zentralabitur nivelliert.

Deutschland rollt seinen Kindern auf dem Weg zum Abitur nicht gerade einen roten Teppich aus. Politisch ist gewollt, dass möglichst viele Jugendliche Abitur machen. Doch die Chancen sind bei Weitem nicht für alle gleich. Ein Grund dafür ist der Föderalismus mit seinen 16 Bildungssystemen. So ist ein Flickenteppich mit vielen Stolperfalten entstanden.

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Die Bildungsstandards, deren Einführung die Kultusminister jetzt beschlossen haben, sind auch noch kein roter Teppich. Doch sie sind zumindest ein roter Faden, an den sich Lehrer, Schüler und Eltern halten können, wenn es darum geht, was ein junger Mensch bis zum Abitur gelernt haben sollte.

Nach dem Pisaschock von 2001 für die Grundschule und alsbald auch für die Hauptschule

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sowie den mittleren Schulabschluss (MSA) einzuführen, war gut und wichtig. Nur wenn die Kompetenzen festgeschrieben werden, die Schulen vermitteln sollen, können Vergleichsarbeiten und Studien überprüfen, wo das gelingt und wo Schüler besser gefördert werden müssen. Die jetzt beschlossenen Bildungsstandards für das Abitur sind nur folgerichtig. Die Gymnasien brauchen ebenso gemeinsame Grundlagen wie Primar-

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und Sekundarschulen. Schon heute werden auch die Gymnasiasten bis zum MSA nach den dafür geltenden Standards unterrichtet. Wer wollte den Oberstufenschülern in Kernfächern, die sie – ungeliebt oder nicht – bis zum Abitur belegen müssen, ein modernisiertes Curriculum verwehren?

Die Bildungsstandards sollen die junge Generation auf unsere Wissenschafts- und

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Mediengesellschaft vorbereiten, sie zu kritisch reflektierenden und kommunikationsfähigen Weltbürgern machen. Dazu braucht es aber an vielen Stellen frische Vorgaben für den Unterricht. Es ist richtig, wenn in Mathematik die Wahrscheinlichkeitsrechnung mehr Gewicht erhält und die Integralrechnung weniger. Für die Planung einer Reise bis zur Berechnung der Rente zu wissen, wo man steht, das ist Orientierungswissen. Es wäre

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auch viel gewonnen, wenn die Abiturstandards im Deutschunterricht dazu führen, dass als Roman einer Jugend nicht mehr „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf, sondern „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf gelesen wird. Einen Kanon, in dem die Klassiker ihren Platz haben, muss es geben. Doch er muss auch jung und mitreißend sein.

Der rote Faden der Kompetenzen reicht vielen nicht. Sie rufen nach dem Zentralabitur. Es

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klingt verlockend: Mobile Familien müssten nicht mehr um den Abiturschnitt ihrer Kinder bangen, wenn sie von Berlin nach Bayern ziehen. Es hinge nicht mehr vom einzelnen Lehrer ab, wie eine Abiklausur bewertet wird. Doch im Föderalismus ist das Zentralabitur eine Utopie. Und das ist ein Segen.

Landestypisches würde sonst nivelliert. Dass Heimatdichter nicht mehr Abistoff sein

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könnten, wäre zu verschmerzen. Aber auch die soziale Zusammensetzung der Gymnasiasten ist höchst unterschiedlich. In Berlin streben sehr viel mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund das Abitur an als in Bayern. Berlin ist zu Recht stolz darauf, seine Gymnasiasten nicht so rigide vorzusortieren. Sie auf hohem Niveau auf ein Studium oder eine anspruchsvolle Ausbildung vorzubereiten, muss eine Selbstverständlichkeit sein.

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Auch dabei helfen künftig die Bildungsstandards. Ihre Regeln sind aber auch die rote Linie, die nicht unterschritten werden darf.

Quelle: http://www.tagesspiegel.de/meinung/bildungsstandards-vorsicht-vor-dem-zentralabitur/7279576.html

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Heiße Diskussionen

Grundsätzlich ist das Zentralabitur bis heute heiß diskutiert und in vielen Ländern auch nach wie vor umstritten, denn nicht wenige Pädagogen und Experten bezweifeln die Vorteile des Zentralabiturs gegenüber einer dezentralen Abiturprüfung.

Was sind also die Vor- und Nachteile durch das Zentralabitur? Ein Vorteil des

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Zentralabiturs ist sicherlich zunächst einmal, dass alle Abiturienten bzw. an der Abiturprüfung teilnehmende Schüler eines Bundeslandes die gleichen Aufgaben im Rahmen der zu absolvierenden Abiturprüfung gestellt bekommen. Es soll also Gleichheit und Transparenz gewährleistet werden, sodass man als Schüler keinen Nachteil dadurch hat, dass man vielleicht an einer Schule Abitur macht, wo besonders schwere Aufgaben

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gestellt werden, während an der Schule im Nachbarort vielleicht deutlich leichtere Prüfungen zu bewältigen sind. Durch das Zentralabitur kann ebenfalls vermieden werden, dass Lehrer im Rahmen ihres Ermessensspielraums die Schüler detailliert auf die Abituraufgaben vorbereiten können, was bei einem dezentralen Abitur deutlich leichter möglich ist, weil die Aufgaben dort von den Lehrern selber erarbeitet werden. Ferner ist

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natürlich auch die Vergleichbarkeit des Abiturs – zumindest innerhalb eines Bundeslandes – größer, als wenn jede Schule praktisch ihr eigenes Abitur mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden „veranstalten“ würde.

Trotz dieser positiven Merkmale gibt es einige Kritikpunkte am Zentralabitur, die als Nachteil ausgelegt werden können. Vor allem wird am Zentralabitur bemängelt, dass zwar

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die Aufgaben zentral erarbeitet werden und damit jeder Schüler im Bundesland die gleiche Prüfung erhält, allerdings erfolgt die Bewertung der Ergebnisse noch immer dezentral, also von den jeweiligen Kursleitern an der Schule. Das ist zwar in manchen Fächern wie Mathematik oder auch Chemie nicht besonders problematisch, in anderen Fächern wie Deutsch oder Geschichte gibt es jedoch einen deutlich größeren Bewertungsspielraum. Im

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Klartext heißt das, es wird die ungleiche Bewertung kritisiert, sodass ein Schüler zum Beispiel bei einer Deutsch-Abiturprüfung vom Lehrer X eine Note „gut“ bekommen könnte, während der Lehrer Y die Prüfung nur mit der Note „befriedigend“ bewerten würde. Aber nicht nur die fehlende zentrale Bewertung wird kritisiert, sondern auch die unterschiedliche Vorbereitung auf die Abiturprüfung.

Quelle: http://www.schule-ausland-studium.de/schule/vor-und-nachteile-durch-das-zentralabitur.html

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Quelle: http://www.dtoday.de/cms_media/module_img/554/277003_1_lightbox_508b9dec80203.jpg

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Erfahrungen

SPIESSER lässt zwei Abiturienten erzählen - einer hat Zentralabi gemacht, die andere nicht.

Laura Schumann, 19, schrieb 2006 ihr dezentrales Abi am Rosa-Luxemburg- Gymnasium Berlin-Pankow. Jetzt studiert sie Jura in Frankfurt/Oder

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"Ich hätte mein Abitur lieber mit Zentralabitur geschrieben, aber an unserer Schule wurde es erst in dem Jahrgang nach mir eingeführt. Da hatten dann plötzlich alle super Noten. Das spricht zwar einerseits für das hohe Niveau unserer Schule, was erfreulich ist, andererseits ist es den Schülern der vorigen Jahrgänge gegenüber natürlich unfair.

Mit der zentralen Prüfung hätte ich auch einen besseren Durchschnitt und somit bessere

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Chancen auf einen guten Studienplatz gehabt. Ich hatte damals in der Oberstufe sogar überlegt, die Schule zu wechseln, weil der Numerus Clausus für meinen Studiengang Jura so hoch ist. Mit dem Zentralabitur werden die Bewerbungen an den Universitäten einfach viel gleichwertiger."

Till Ostermann, 19, schrieb sein Zentralabitur 2006 in Dresden, inzwischen arbeitet er für das SV-Bildungswerk in Berlin "Ich fand es schwer, mich auf die Prüfungen vorzubereiten, da ich nicht wusste, welche

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Themen wirklich relevant sind. Die Prüfungsschwerpunkte sind sehr weit gefasst. Im Leistungskurs Geschichte hatten wir drei verschiedene Schwerpunkte, die große Zeitspannen umfassten. Wir mussten praktisch fast alles lernen, was je im Unterricht behandelt wurde. Da hat man nur zwei Möglichkeiten: Entweder man lernt alles oder wählt es für sich selbst aus und muss Lotto spielen. In Geschichte habe ich versucht, alles zu

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lernen, aber es wäre angenehmer, wenn die Lehrer Schwerpunkte setzen dürften. In der Prüfung war ich dann enttäuscht: Entweder Soziale Frage oder das Ende der Weimarer Republik. Zwei Klassiker. Ich ärgerte mich, dass die deutsche Geschichte nach 1945 gar nicht dran kam.

Aber bei diesem Lernstoff bleibt es ja nicht. Man schreibt innerhalb kürzester Zeit drei

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Prüfungen. Ich finde, das muss einfach nicht sein. Jede Schule sollte ihren eigenen Abschluss haben. Durch das Zentralabitur entsteht nur eine scheinbare Vergleichbarkeit. Klar, formal gibt es überall die gleichen Themenschwerpunkte, die behandelt werden müssen. Was aber, wenn der Unterricht ausfällt, weil der Lehrer krank ist? An meiner Schule waren, auch ohne langen Lehrerausfall, die Unterschiede zwischen zwei

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Deutschkursen aufgrund der Lehrer enorm. Außerdem wird uns die Möglichkeit genommen, Themen tiefer gehend zu behandeln, wenn der Lehrer oder der Kurs Interesse daran haben. Der Lehrplan sieht es nicht vor und somit fehlt auch die Zeit dazu. Dadurch haben auch alternative Lernformen wie Gruppenarbeit kaum eine Chance. Die Schüler brauchen mehr Zeit, um selbst ein Thema zu erschließen, statt alles vom Lehrer

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frontal serviert zu bekommen.

Ich finde es schwierig, überhaupt Positives am Zentralabitur zu finden. Meiner Meinung nach ist es ein Druckmittel gegen Lehrer und Schüler. Zentralabitur beweist noch lange keine Qualifikation für einen Beruf oder das Studium. Bei der Bewerbung sollte es ohnehin viel mehr nach fachbezogenen Tests oder Bewerbungsgesprächen gehen und nicht nur

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nach dem Notendurchschnitt. Nur weil man in Mathe oder Physik schlecht ist und in den Fächern trotzdem Abitur schreiben muss, erreicht man einen schlechteren Notenschnitt und kann bestimmte Studienfächer mit hohem Numerus Clausus wie zum Beispiel Psychologie nicht studieren. Das ist ungerecht."

Quelle: http://www.spiesser.de/node/152602

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Das Abitur für alle??

Jetzt muss Schluss sein mit der Ungerechtigkeit beim Abitur! Warum wir nicht weiter auf Kosten der Schüler Politik machen dürfen. FOCUS-Chefredakteur Uli Baur über das Thema der Woche.

Was den Menschen wirklich ärgert, sind offensichtliche Ungerechtigkeiten. Dazu gehört,

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wie unterschiedlich anspruchsvoll es im föderalen Deutschland ist, das Abitur zu bestehen. Der jahrzehntelang nur gefühlte Qualitätsunterschied in der schulischen Bildung steht spätestens seit den Pisa-Tests fest. Zwischen dem Wissen der Schüler von Bremen und derer in Baden-Württemberg klaffen Leistungsunterschiede von mehr als einem Jahr, in Fächern wie Mathematik erreicht in Hamburg nur etwa die Hälfte der Pennäler das Niveau,

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das von Abiturienten erwartet wird.

In den Noten spiegelt sich das aber nicht wider, im Gegenteil: In Bundesländern mit Simpel-Abi ist bei ähnlichem Noten-Durchschnitt die Zahl der Absolventen auch noch deutlich höher. Natürlich sind die jungen Menschen in allen Bundesländern gleich klug. Sie sind ganz sicher nicht schuld an dem Streitthema Abitur. Auch die Eltern wollen sich nicht

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länger anhören, ihre Kinder hätten nach dem Gymnasium nur einen Billig-Abschluss in der Tasche. 79 Prozent der Deutschen können die Ungerechtigkeit nach einer FOCUS-Umfrage nicht länger akzeptieren – für sie heißt die Lösung: bundesweites Zentralabitur. Republikweit müssten alle Schüler und Schülerinnen dieselben Aufgaben lösen. Erst dann werden ihre

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Leistungen vergleichbar sein, und das ist wichtig. Vom Abitur-Schnitt hängt oft der weitere Lebensweg ab: Wer schafft den Numerus clausus und darf sein Wunschstudium aufnehmen, wer kann später einmal seinen Traumberuf ergreifen – und wer muss zwangsweise nehmen, was an Studienplätzen übrig bleibt?

Bundesbildungsministerin Annette Schavan hat das Dilemma erkannt und kämpft für ein

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deutschlandweit einheitliches Abitur, der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle plant erst mal mit weiteren Bundesländern ein Südabitur – wer will, kann sich gerne anschließen. Ob diese Initiativen erfolgreich sein werden, ist allerdings fraglich. Viele Politiker bleiben wohl bei ihrer Kleinstaaterei, schließlich gibt es viele schöne Posten in den 16 Kultusministerien zu verteidigen, und manche Landesregierung verwirklicht ihre

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ideologischen Träume ausgerechnet mit unseren Kindern. Nach beinahe jedem Regierungswechsel wird als Erstes an der Bildungspolitik herumgebastelt, und sei sie vorher auch noch so erfolgreich gewesen (Baden Württemberg!).

In Nordrhein-Westfalen arbeitet die grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann an der Abschaffung des Gymnasiums. Schlimm könnte es auch Sachsen mit seinen

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leistungsstarken Schülern treffen, wenn dort die SPD an die Macht käme. Ganz Sozialisten, träumen die Funktionäre von einer neuen Oberschule, auf der jedes Kind die mittlere Reife, am besten aber gleich das Abitur schaffen soll. Das wäre die ultimative Lösung aller Gerechtigkeitsfragen: das Abitur für alle.

Quelle: http://www.focus.de/magazin/memo/das-abitur-fuer-alle_aid_618560.html