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Was ist Medizin?

Westliche und östliche Wege der Heilkunst

von

Paul U. Unschuld

Der Wahrschein ist der Bruder der Wahrheit

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Inhalt:

Vorbemerkung 1. Leben = Körper plus X 2. Medizin oder der Reiz des Neuen 3. Wieso Naturgesetze? 4. Die Sehnsucht nach Ordnung 5. Moral und Gesetzestreue 6. Warum an diesem Ort? Warum zu dieser Zeit? 7. Banales von Thales 8. Die Polis, das Gesetz und die Selbstbestimmung 9. Der Einzelne und das Ganze 10. Nichtmedizinische Heilkunde 11. Mawangdui. Frühe Heilkunde in China 12. Der biologische Mensch ist in jeder Kultur identisch. Warum nicht auch die Medizin? - 13. Das Körperbild des Gelben Kaisers 14. Die

Geburt der chinesischen Medizin 15. Die Spaltung der Elite 16. Die Ansicht des Sichtbaren und die Ansichten zu dem Unsichtbaren 17. Staatsidee und Körperbild 18. Abschied von Dämonen und Geistern 19. Die neuen Erreger und die Moral

20.

Medizin ohne Arzneikunde 21. Arzneikunde ohne Medizin

22.

Die rätselhaften Parallelen 23. Der Beginn der Medizin in

Griechenland 24. Das Ende der Monarchie 25. Störenfriede und Scherbengericht 26. Ich sehe was, was du nicht siehst 27. Selbstheilungskräfte: selbstverständlich? 28. Die Chaos-Angst der Konfuzianer 29. Medizin: Ausdruck allgemeiner Befindlichkeiten 30. Die Eigendynamik eines Bildes nach dem Verblassen des Vorbildes 31. Die Stunde der Zergliederer 32. Vielfältige Welterfahrungen 33. Griechische Medizin und römisches Unverständnis 34. Krankheit als Stillstand 35. Haupt und Glieder 36. Die Wiederentdeckung der Ganzheitlichkeit 37. Den Körper zu einer Aussage bewegen 38. Galenos von Pergamon: Sammler in allen Welten 39. Die antike Pharmakologie Europas 40. Das Rad des Fortschritts dreht sich nicht mehr 41. Konstanz und Diskontinuität der Strukturen 42. Arabisches Zwischenspiel 43. Die Tang -Zeit: kulturelle Vielfalt

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und konzeptuelle Leere 44. Die Veränderungen zur Song-Zeit

45. Die Autorität des fernen Altertums 46. Zhang Ji kommt zu

späten Ehren 47. Die chinesische Pharmakologie 48. Das Diagnose-Spiel 49. Der Arzt als Angestellter des Apothekers

50. Die Fackeln europäischer Antike wieder zum Leuchten bringen

51. Der Primat des Praktischen 52. Die Vielfalt der Heilkunde

53. Welches Vorbild für eine neue Medizin? 54. Das eigentliche

Erbe der Antike 55. Galenismus als Antiquitätenhandel 56. Integration und Reduktionismus im China der Song-Zeit 57. Die neue Freiheit, das Wissen zu erweitern 58. Heilung für den Staat als Heilung für den Organismus 59. Gefangen im Käfig der Tradition 60. Xu Dachun, Giovanni Morgagni und die

intraabdominalen Abszesse 61. Akupunkteure, Friseure, Masseure 62. Keine wissenschaftlichen Revolutionen in der Medizin 63. Die Entdeckung neuer Welten 64. Paracelsus:

Wirrgeist mit Überblick 65. Haltbare und unhaltbare Gitterstäbe

66. Die schönsten Antiquitäten und die modernsten Bilder in einem

Raum 67. Harvey und die Magna Charta 68. Ein cartesianisches Etui für den Blutkreislauf 69. Es lebe die Peripherie! 70. Aus dem Wartehäuschen in die Gefängniszelle 71. Gefühlen ziehen in

die unteren Theile des Körpers 72. Homöopathie ist keine Medizin – 73. „Gott mit uns“ auf dem Koppelschloß – 74. Medicine Independent of Theology 75. Virchow: der Mann des Todes als Interpret des Lebens 76. Robert Koch: reine Wissenschaft? 77. Händewaschen, Sauberkeit 78. AIDS: Die Krankheit, die passt 79. China im 19. Jahrhundert: ein neuer

Käfig tut sich auf 80. Die zwei Grundvorstellungen der Medizin

81. Wertfreie Biologie und kulturelle Deutung 82. Transitvisum

und Verheißung 83. Hohn, Spott, Schmähungen für die chinesische Medizin 84. Traditionelle Medizin in der VR China:

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Vertrauen auf die Naturwissenschaften 85. Die Araber des 20. Jahrhunderts, oder das Gedränge im Laufställchen 86. Wenn das Licht von rückwärts kommt 87. Am Anfang ist das Wort 88. Verlernt, mit der Natur zu leben 89. Theologie ohne theos 90. Alles wird wieder gut 91. Alleingelassen im Computertomographen 92. Heilkunde und Energiekrise 93. TCM: Westliche Ängste, chinesische Versatzstücke 94. Harmonie statt Krieg 95. Der Verlust der Mitte 96. Zufriedene Patienten im Supermarkt der Möglichkeiten 97. Es herrscht wieder Aufbruch 98. Das Lego-Spiel der einen Welt 99. Vision der Einheit über aller Vielfalt - Nachwort Index der Personennamen

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Vorbemerkung

Kranksein ist eine Erfahrung, die jeder einmal macht. Die Medizin nehmen wir in Anspruch, wenn wir uns als Laien nicht mehr zu helfen wissen. In einem solchen Fall vertrauen wir auf die medizinische Deutung unseres Krankseins. Diese Deutung ist in der Regel ein komplexes Theoriegebäude. Es dient der Erläuterung der gesunden und kranken Zustände des menschlichen Organismus. Wie aber entstehen solche Theoriegebäude? Genügt der Blick aufmerksamer Beobachter auf den Körper, um dessen innerste Funktionen zu erkennen? Besitzt der Körper ausreichend Aussagekraft, um uns die Deutungen nahezulegen, die das medizinische Denken und Handeln begründen?

Die Antwort auf diese Fragen bieten die vergangenen zwei Jahrtausende westlicher und chinesischer Medizin: Die grundlegenden Theorien über die Funktionen des Organismus konnten aus der Beobachtung dieses Organismus allein nicht erwachsen. Das Bild, das sich der Mensch von seinem Körper macht, bedurfte stets eines Vorbilds außerhalb dieses Körpers. Die Anregungen zur Deutung des menschlichen Organismus entstammen immer den Lebenserfahrungen und der tatsächlichen oder erwünschten Lebensumwelt der Menschen. Eine medizinische Theorie erhält ihren Wahrschein, wenn sie die Lebenserfahrungen und die tatsächliche oder erwünschte Lebensumwelt der Menschen widerspiegelt und gleichzeitig die Kenntnisse von den realen Strukturen des Körpers einbezieht.

Das vorliegende Buch schildert die faszinierende Entwicklung medizinischen Denkens in West und Ost. Es zeigt

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erstmals durchgehend für beide Kulturkreise die enge Bindung heilkundlichen Denkens an die gesellschaftlichen und ökonomischen Lebensbedingungen und an die Lebensentwürfe der Menschen. Überraschend ist eine zwei Jahrtausende währende weitreichende kulturübergreifende Parallelität der Traditionen. Wieso fand die in der europäischen Kultur begründete „westliche Medizin“ im 19. und 20. Jahrhundert eine so begeisterte Aufnahme in China? Wird die „chinesische Medizin“ in China und in der westlichen Welt langfristig eine Bedeutung als lebendige, eigenständige, alternative Therapieform erlangen können? Kann man die Entwicklung heilkundlichen Denkens steuern? Darf die Gesundheitspolitik der gesamten Bevölkerung ein einziges medizinisches Ideensystem vorschreiben? Welche Auswirkungen hat die Globalisierung auf das medizinische Denken? Die Aussagen dieses Buches bieten Anregungen, die die Beantwortung dieser Fragen erleichtern.

Paul U.Unschuld

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1. Leben = Körper plus X

Nehmen wir einmal folgendes an. Wir möchten die Funktionen des menschlichen Körpers verstehen. Wir möchten diese Funktionen sodann anderen Menschen erläutern. Wo fangen wir an? Was teilt uns der Körper mit? Einiges. Das sagen uns unsere Sinne: Farben im Gesicht und auf dem Körper, die wir mit den Augen erkennen. Gerüche, die wir mit der Nase riechen. Geräusche in der Brust, im Leib, die wir mit den Ohren hören. Das ist nicht statisch, sondern verändert sich. tags und nachts, in gesunden oder kranken Zeiten. Wir erkennen: Lebensmittel werden in den Körper aufgenommen und in veränderter Form wieder ausgeschieden. Mal ist die Körperoberfläche trocken. Nach Anstrengungen, bei Angstzuständen, bei Fieber tritt Schweiß aus den Poren. Fieber: das heißt, auch die Temperatur schwankt. Die Haut kann aufbrechen, sie kann sich nach einem Schnitt auch wieder schließen. Haare wachsen und fallen aus. Tränen fließen und können versiegen. Der Körper teilt uns einiges mit.

Wir müssen unsere Wahrnehmung nicht auf den lebenden Körper beschränken. Auch der Tote teilt uns einiges mit. Wir öffnen ihn, um zusätzlich zu den Organen, die wir am lebenden Menschen von außen erkennen können Nase, Augen, Ohren, Mund, Brust, etc. auch die inneren Organe zu sehen. Nun ja, da sind wieder Farben, Umrisse, Flüssigkeiten. Den Sinnen bietet sich einiges. Aber ist das alles? Wir sehen Farben, Umrisse, Flüssigkeiten innen und außen. Aber wozu ist das alles da? Wie funktioniert das Ganze? Es gibt Zustände, die den Menschen hindern, seinen täglichen Beschäftigungen nachzugehen. Manche dieser Zustände bezeichnen wir als „krank“. Wir möchten wissen,

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warum solche Zustände eintreten. Dazu müssen wir wissen, was „gesund“ ist. Es gibt verschiedene Kriterien, um das „Normale“ vom „Unnormalen“, das „Gesunde“ vom „Kranken“ zu trennen.

Dann ist da noch ein großes Problem. Der Mensch, wie jeder lebende Organismus, besitzt einen materiellen Körper. Aber zugleich ist da noch etwas Unfaßbares, das eigentliche Leben. Der Körper scheint vom Leben gesteuert. Das Leben kann ihm entweichen, dann funktioniert der Körper nicht mehr. Also finden wir uns bei unserem Bemühen, den Menschen in seinen Funktionen zu verstehen, bereits auf drei Ebenen: Wir nehmen den materiellen Körper wahr. Wir gehen davon aus, daß sich in diesem materiellen Körper bestimmteVorgänge abspielen, die wir als normal oder unnormal einstufen. Dann ist da noch eine Leitungsebene. Irgendetwas steuert den Körper in seinen Funktionen. Irgendetwas ist dafür verantwortlich, daß sich im Körper bestimmte Vorgänge abspielen. Dieses „irgendetwas“ kann der Körper verlieren. Dann ist er tot. Was aber ist dieses „irgendetwas“?

Wir sehen dieses „irgendetwas“ nicht. Aber es hat viele Namen. In jeder Kultur andere. Auch über die Zeiten hinweg haben sich die Bezeichnungen gewandelt. Konzentrieren wir uns auf den menschlichen Körper und nehmen wir einfach eine häufig gebrauchte Bezeichnung für das unsichtbare „irgendetwas“ aus der Menge der Bezeichnungen heraus: „Geist“. Wir könnten auch „Seele“ sagen. Wir gehen davon aus, daß der Körper ohne Seele nicht leben kann. Den unbeseelten Körper gibt es nur als toten Körper. So verhält es sich auch um die Verbindung von Körper und Geist. Gleichgültig, ob wir von Körper und Geist, von Körper und

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Seele, oder von corpus und spiritus sprechen. Das eine sehen wir, das andere sehen wir nicht.

Die Annahme eines „Geistes“, einer „Seele“, eines spiritus im Körper ist ein erster Hinweis: wenn wir Menschen von unserem Körper und seinen Funktionen sprechen, dann müssen wir auf Vorstellungen zurückgreifen, die nicht aus der Ansicht eines greifbaren Substrats, nicht aus der Faßbarkeit einer wie auch immer gearteten Materie entspringen. Das Bemühen, bestimmte Funktionen des Körpers, und damit bestimmte Verhaltensweisen des Menschen, zu erläutern, mündet unweigerlich in der Annahme unsichtbarer, nicht greifbarer und dennoch real existenter Anteile des lebenden Körpers. Worin ist diese Annahme begründet? Möglicherweise in der vergleichenden Ansicht des lebenden und des toten Körpers.

Der Betrachter eines friedlich Sterbenden, der Betrachter einer soeben friedlich verstorbenen Person wird kaum einen Unterschied zwischen Leben und Tod wahrnehmen. Der Tod erscheint zunächst wie der Schlaf; erst die Berührung des Verstorbenen und dann die weitere Entwicklung des Leichnams zeigen, daß der Tod ein anderer Zustand ist. Festzuhalten bleibt freilich: dem Leichnam scheint etwas zu fehlen; dem toten Körper scheint etwas entwichen zu sein. Dieses Fehlende gab dem Lebenden die Fähigkeit zu leben. Sichtbar ist es nicht. Greifbar ist es auch nicht.

Der beobachtete Tod muß nicht mit einem Verlust an Blut einhergegangen sein. Es ist sogar die Regel, daß kein materielles, greifbares Substrat den lebenden Körper verlassen hat, als er starb.

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Wir wissen auch heute noch nicht genau, welche Schwelle das Leben vom Tode trennt, welches Element des Lebens verloren gehen muß, damit der Tod eintreten kann. Bereits in vorgeschichtlichen Zeiten den genauen Ursprung kennen wir nicht erschien die Formel plausibel: Leben ist ein Körper vermehrt um X.

Die Bestimmung dieses X ist bis heute nicht über eine Annahme, also über ein Konstrukt hinausgekommen. Wenn wir von der „Seele“, vom „Geist“, von der „Psyche“ sprechen, benutzen wir Sprachbilder. Zum Beispiel: Die Seele kann „verschmutzen“, kann „schwarz“ sein und sollte doch „rein“ sein. Eine solche Aussage, viele Jahrhunderte mit ganz realen Gegebenheiten assoziiert, mag manchem heute lediglich noch als Metapher gültig erscheinen. Wer derart aufgeklärt denkt, wird jedoch in der Regel keine Scheu empfinden, die zeitgemäße Nachfolgedefinition von X anzuerkennen, derzufolge nun die „Psyche“ „verletzlich“ ist und vor „Schaden bewahrt“ werden muß. Es hilft nichts, die Seele, die Psyche, der Geist, oder wie auch immer wir das X bezeichnet haben oder bezeichnen möchten, erscheint uns als notwendiger Bestandteil des Lebens, als unverzichtbarer Begleiter des lebenden Körpers. Wollen wir die Funktionen des lebenden Körpers erläutern, so kommen wir ohne X, das Unsichtbare, nicht Greifbare, nicht aus. Jedenfalls noch nicht.

Die Namen für X sind dem Kontext der Deutung angepaßt, mal religiös, mal säkular. Gewisse Konventionen haben sich im

kulturellen Kontext eingeprägt. Allein von „X“ zu sprechen, ist

nicht differenziert genug. Wir sollten besser von X 1 , X 2 ,

X n

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sprechen. X 1 , nennen wir es „Seele“ ist für andere Funktionen zuständig als X 2 , das wir „Geist“ nennen. X 3 , nennen wir es „Psyche“, ist wiederum für andere Funktionen zuständig als X 1 und X 2 . Weitere Differenzierungen sind nicht ausgeschlossen. Die „ätherischen“ und „astral“-Anteile des Leibes, die den Schülern Rudolf Steiners so deutlich vor Augen stehen, sind

Differenzierungen von X. Ebenso das heute auch in Europa und den USA bereits weitverbreitet akzeptierte Konstrukt des Qi, das in seiner chinesischen Heimat vor etwa zwei Jahrtausenden als ein feinstmaterieller Hauch konzipiert wurde und nun im Westen als eine Art „Lebenskraft“ oder gar „Energie“ zu einer weiteren Ausdifferenzierung des unsichtbaren X beigetragen hat. Die Lebensformel ist daher zu korrigieren. Sie muß heutzutage exakt

lauten: Leben ist ein Körper vermehrt um X 1 , X 2 , X 3 ,

X n . Ob alle

X tatsächlich, wie es die vielen Namen anzudeuten scheinen, neben- oder miteinander existieren, oder ob von X 1 bis X n alles

doch nur ein einziges X ist, für das wir keinen allumfassenden Namen wissen oder zu vergeben wagen, das muß hier offen bleiben. X ist schließlich X.

Alles deutet darauf hin: der Verlust der notwendigen Fähigkeiten, unbeschwert am Alltagsleben teilzunehmen, der Verlust der Fähigkeiten, seinem jeweiligen Daseinspunkt in dem Bogen, der von der Geburt über das Erwachsenenalter zum Lebensende führt, entsprechend Aufgaben wahrzunehmen und Leistungen zu erbringen, war das früheste Kriterium zur Bestimmung eines Zustands, der als „krank“ eingestuft wurde. Heute ist die Sichtweise differenzierter. Wir unterscheiden zwischen den Krankheiten einerseits und den sichtbaren oder fühlbaren Leiden andererseits. Eine nicht sichtbare Krankheit kann

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einem sichtbaren oder fühlbahren Leide zu Grunde liegen. Das Fieber ist somit selbst keine Krankheit; es ist Ausdruck, Symptom einer tieferen Krankheit. Die tiefere Krankheit muß der Patient gar nicht einmal selbst wahrnehmen jedenfalls in den Anfangsstadien nicht. So zum Beispiel bei der Krankheit Bluthochdruck.

Schon sehr früh wurde auch unterschieden, ob der faßbare, sichtbare Körper krank sei, oder der nicht faßbare, nicht sichtbare Geist, das X. Das X, so hatten wir erkannt, ist zwar dem Auge und anderen direkten Organen der Wahrnehmung verborgen, aber es ist in einer solchen Weise real vorhanden, in einem solchen Maße tatsächlich existent, daß wir dem X auch zubilligen, daß es „gesund“ oder „krank“ sein kann – wie der Körper eben auch.

Wenn der Körper einen Zustand angenommen hat, etwa im hohen Fieber oder nach einem Beinbruch, der uns daran hindert, die Alltagsaufgaben wahrzunehmen, dann ist er krank. Wenn der Körper offensichtlich ohne Schaden ist, aber das Verhalten solcherart, daß eine Person unfähig ist, ihre Alltagsaufgaben wahrzunehmen, dann ist das X krank. Um dies zu verdeutlichen, geben wir dem X wieder einen Namen. Wir sagen, jemand sei „geisteskrank“, „psychisch krank“, „gemütskrank“. Was da tatsächlich krank sein soll, wenn es heißt „die Psyche ist krank“, das weiß niemand. Es ist eine Annahme, ein Konstrukt, das aus der Parallele zu der Schädigung des Körpers, der krank sein kann, gewachsen ist. Möglicherweise steckt hinter einer „Erkrankung des Geistes“ etwas ganz anderes als wir uns gegenwärtig vorstellen können. Weder kurz- noch langfristig ist ein Ausweg erkennbar aus der Dichotomie des Faßbaren und des Unfaßbaren, des physisch Greifbaren und des gedanklichen Konstrukts.

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Halten wir also fest. Sowohl der Körper als auch X können gesund oder krank sein. Dabei kann ein gesunder Körper ein krankes X beherbergen und umgekehrt. Seit der Antike sind die Beobachter des menschlichen Lebens davon überzeugt, daß der kranke Körper ein zunächst gesundes X erkranken lassen kann, und umgekehrt, daß ein zunächst erkranktes X nachfolgend auch den Körper erkranken lassen kann. Je nachdem welche Richtung dieser Vorgang nimmt, spricht man von Psychosomatik oder Somatopsychik. Diese Begriffe fassen zusammen, worum es geht. Realität (soma) und Spekulation (psyche) werden zu einem Wort verknüpft, so als handele es sich um zwei gleichrangige Partner. Partner sind sie tatsächlich. Körper und X trennt allein der Tod. Es ist eine weitverbreite Fehlannahme, erst Descartes habe „Leib“ und „Seele“ getrennt. Es ist wahr: seine physiologischen Vorstellungen ließen die Trennung von „Leib“ und „Seele“ in ganz anderem Licht erscheinen, als je bei einem Denker zuvor. Die Trennung aber fand schon Jahrtausende früher statt, dann nämlich, als dem Körper und dem X unterschiedliche Namen gegeben wurden. Und das ist ein Ereignis, das bis in die Antike zurückverfolgt werden kann.

Schon sehr früh kam die Vorstellung auf, daß ein Körper und sein X dem naiven Betrachter völlig „normal“ oder „gesund“ erscheinen können, aber von den Experten dennoch als „krank“ oder „unnormal“ eingestuft wurden. Der vielleicht älteste Beleg für diese Ausweitung der Begriffe findet sich in den „Historischen Aufzeichnungen“ des Sima Qian aus der Wende vom 2. zum 1. Jahrhundert v. Chr. in China. Sima Qian verfaßte eine Biographie des Bian Que. Bian Que war ein Wanderarzt. Als er erstmals zu dem Marquis Huan von Qi zur Audienz vorgelassen wurde, machte

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er den Marquis sogleich daraufhin aufmerksam, er sei krank und bedürfe einer Behandlung. Weder der Marquis noch sein Hofstaat ahnten etwas von einer Krankheit. Der Marquis antwortete knapp, er sei nicht krank. Die weitere Geschichte ist vielfach beschrieben worden. Sie endete mit dem Tod des Marquis und der Erklärung des verborgenen Krankheitsverlaufs durch den Wanderarzt.

Eine Krankheit zu erkennen, die dem Laien unsichtbar ist, die den Erkrankten zumindest vorläufig noch nicht an der Erledigung seiner Tagesgeschäfte hindert, aber dennoch präsent ist, das war offenbar damals noch etwas Besonderes. Heute ist dies nicht mehr erwähnenswert, findet jeden Tag statt. Der Körper kann an Bluthochdruck erkrankt sein, ohne daß der Patient oder sein Nächster dies in einer Minderung der Leistungsfähigkeit oder einer Änderung des Verhaltens erkannt hätte. Der Körper kann an einem Tumor erkrankt sein, der zunächst noch im Verborgenen in einer Lunge wächst, ohne daß der Betroffene bereits Beschwerden hätte.

Daß es soweit kommen konnte, bedurfte einer Vorbedingung. Bian Que erkannte die Krankheit des Marquis Huan von Qi und der heutige Arzt diagnostiziert den Bluthochdruck oder das frühe Lungenkarzinom, weil ihnen etwas zur Verfügung steht, das ihre Vorgänger nicht zur Verfügung hatten. Bian Que bewegte und der heutige Arzt bewegt sich auf dem Boden einer Theorie von den Abläufen im Körper. Diese Theorie ist die Medizin. Erst die Herausbildung einer Medizin ermöglicht es, frühzeitig Vorgänge im Körper als „krankhaft“ zu erkennen. Sie sind nicht deshalb bereits „krankhaft“, weil sie den Körper in irgendeiner Weise in seiner Alltagsleistung einschränkten. Diesem vielleicht ursprünglichen Kriterium des „Krankseins“ genügen diese

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Vorgänge nicht. Sie sind allein deshalb als „krankhaft“ eingestuft, weil der Experte etwa weiß, was der Laie nicht weiß. Weil der Mediziner auf Grund seiner theoretischen Bildung voraussehen kann, daß sich diese dem ungeschulten Auge noch unsichtbaren Vorgänge binnen kurz oder lang dahingehend entwickeln werden, daß auch das ursprüngliche Kriterium von „krank“ wieder seine Gültigkeit erlangt: sie nehmen dem Körper (und vielleicht auch dem X) ganz oder teilweise die Funktionsfähigkeit.

2. Medizin oder der Reiz des Neuen

Damit stellt sich nun die zentrale Frage, die uns bis zum Ende dieses Buches bewegen wird: Was ist Medizin und wie bildet sich die theoretische Grundlage, auf der Bian Que im antiken China seine Voraussage traf oder der heutige Arzt seine Wertungen vornimmt?

Die Medizin ist nichts anderes als das Bemühen, die normalen und unnormalen Zustände des Körpers und des X in ihrer Entstehung und Entwicklung zu verstehen, um auf diese Weise das Wissen zu erlangen, welches erforderlich ist, um möglichst die normalen, also gesunden, Zustände zu fördern, unnormale, also kranke, Zustände zu verhüten und für den Fall, daß ein kranker Zustand erwachsen ist, diesen in seinen Auswirkungen zu mildern oder gar vollends rückgängig zu machen. All dies geschieht, um das Leben in der Weise zu erhalten, daß eine Person sich wohlfühlt und in möglichst weitem Rahmen ihre Alltagsleistungen erbringen kann.

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Um zu diesem Wissen zu gelangen, bedient Medizin sich der Wissenschaften von der Natur. Dies ist die Natur des Menschen und seines Lebensraumes. Die Wissenschaften von der Natur wiederum gründen auf der Annahme von Naturgesetzen, die unabhängig von Zeit, Raum und Person gültig sind. Damit ist Medizin nur ein Teil von Heilkunde. Heilkunde ist der Überbegriff. Heilkunde ist jegliches Bemühen, Körper und X des Menschen Heilung zu bringen oder Heilsein zu bewahren. Das mag das Gebet zu einem Gott oder zu den Göttern sein, das mag der Exorzismus von Dämonen sein, das mag die Massage oder die Gabe solcher Substanzen sein, von denen man weiß, daß sie im Körper bestimmte Funktionen beeinflussen. Heilkunde dieser Art ist noch keine Medizin. Zur Medizin wird Heilkunde erst, wenn die Heilkundigen Naturgesetze erkennen und allein unter Zuhilfenahme dieser Naturgesetze zu erkunden suchen, welche Erklärungen es für die Funktionen des Körpers geben könnte.

Heilkunde ist ganz allgemein gesprochen das Bemühen, die unnormalen, die als krank angesehenen Zustände des menschlichen Organismus zu vermeiden oder, wenn sie eingetreten sind, zu therapieren. Heilkunde kann allein darin bestehen, eine heilsame Tätigkeit auszuüben, etwa eine heiße Körperstelle zu kühlen. Dazu bedarf es keiner Theorie. Das ist reine Empirie. Heilkunde kann aber auch einen theoretischen, interpretativen Anteil haben. Handelt es sich bei einer Heilkunde um eine Medizin, dann greift der interpretative Teil der Heilkunde allein auf Naturgesetze zurück, um seine Interpretationen zu erläutern. Bei nichtmedizinischer Heilkunde kann der interpretative Teil auf das Wissen um das Numinose, also um die Existenz von Geistern, Göttern, Ahnen oder dem einen Gott gründen.

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Medizin ist ein vergleichsweise junges kulturelles Konstrukt. Heilkunde hat es seit prähistorischer Zeit gegeben; die Anfänge verlieren sich im Dunkel einer Zeit, aus der keine Dokumente mehr existieren. Heilkunde gab es im antiken Ägypten, aber keine Medizin. Heilkunde wird auch heute noch in vielfältiger Weise betrieben. Nur ein Teil aller Heilbemühungen der Gegenwart sind als medizinisch anzusehen. Vieles wird unternommen, ohne die bekannten Naturgesetze als Richtschnur zu nehmen. Die Anfänge der Medizin liegen in Europa etwa im 5./4. Jahrhundert v. Chr. Am anderen, östlichen Ende des eurasischen Kontinents, in China, erwuchs zwei, drei Jahrhunderte später ebenfalls aus älterer Heilkunde eine Medizin. Ob zwischen beiden Ereignissen ein Zusammenhang bestand, muß vorläufig noch offen bleiben.

Die Entstehung einer Medizin aus der bisherigen Heilkunde ist nur scheinbar ein folgerichtiger Vorgang. Die Menschen der Antike, so lesen wir in den herkömmlichen Geschichtsbüchern, entdeckten Naturgesetze und wendeten diese alsbald auf die Funktionen des Körpers an. Damit war die Medizin geboren. Das klingt überzeugend. Es ist jedoch keineswegs überzeugend. Zum einen, warum sollte jemand die bisherige Heilkunde in Frage stellen. Bot sie nicht für alles eine Erklärung? Wenn jemand krank wurde, hatten entweder die Götter oder die Ahnen das Leid geschickt. Aus Vergeltung für menschliches Fehlverhalten vielleicht. Unzählige Gebete zu den Göttern oder Ahnen um Vergebung hatten die erwünschte Wendung zurück zum Guten, zur Wiedererlangung der Gesundheit gebracht. Krankheiten, die ungeachtet der Gebete zum Tode führten, waren unvermeidliches

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Schicksal. Zu groß war der Zorn der Götter oder der Ahnen, als daß menschliche Opfer, Bitten oder Rituale hätten mildernd wirken können. Es ist ja auch nicht so, daß diese Heilkunde mit dem Aufkommen der neuen Medizin hoffnungslos in den Hintergrund und alsbald in völlige Vergessenheit verdrängt worden wäre. Ganz im Gegenteil, der Heilkult des Asklepios etwa, der den heilsamen Schlaf auf dem Tempelgelände empfahl, einen Schlaf, in dessen Verlauf der Gott selbst die Kranken besuchte und von ihren Leiden befreite, diese und viele weitere Arten von nicht-medizinischer Heilkunde entstanden erst nach dem Aufkommen der Medizin.

Man könnte einwenden, die neue Medizin sei anfangs noch vielen Problemen hilflos gegenübergestanden, so daß sie sich den überkommenen Formen der Heilkunde gegenübe nicht als hundertprozentig wirksame Alternative erweisen konnte. Dieser Einwand, der und wir werden darauf zurückkommen müssen übrigens bis heute seine Gültigkeit haben könnte, sollte uns nachdenklich machen. Aus einer für Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende für wirksam erachteten (denn warum wäre sie sonst praktiziert worden?) Heilkunde wurde also ein alternatives Verfahren herausgebildet, das „zunächst“ noch kaum wirksamer war als die bereits bekannten Heilweisen.

Angesichts der Tatsache, daß jeder heutige naturwissenschaftlich ausgebildete Mediziner die Anwendung der meisten der in den damaligen Schriften der jungen Medizin als wirksam beschriebenen Arzneimittel und therapeutischen Verfahrensweisen als sinnlos zurückweisen würde, muß man sich wundern, worin denn der Reiz des Neuen bestand. In einer überzeugenden klinischen Wirksamkeit kann dieser Reiz des

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Neuen nicht bestanden haben. Wir stellen, wenn wir genau hinschauen, hier ein erstes Gesetz der Medizin fest: Der Reiz des Neuen in der Medizin folgt nicht aus dem Beweis der klinischen Wirksamkeit, sondern aus anderen Anregungen. Diese Anregungen gilt es aufzufinden, wenn wir die Geschichte der Medizin verstehen möchten damals wie heute.

Freilich, wenn wir vom Reiz des Neuen sprechen, dann ist damit nicht die durch intensives Forschen oder durch Zufallsfunde entdeckte neue Substanz oder operative Technik gemeint, die solche Wirkungen oder Veränderungen zu erzielen vermögen, die jedem einleuchten und daher sogleich überzeugend sind. Wenn wir vom Reiz des Neuen sprechen, so meinen wir damit das neue Denken, den großen neuen Erklärungsversuch, warum der Mensch gesund ist oder krank wird und wie aus diesem Erklärungsversuch abgeleitet die Maßnahmen aussehen sollten, die die Gesundheit schützen oder die Krankheit heilen. Solche großen Brüche hat es in der Geschichte der Medizin gar nicht so häufig gegeben, wie man angesichts einer mehr als zweitausendjährigen Geschichte vielleicht annehmen mag.

Wir können in den Reiz des Neuen auch noch eine zweite Ebene einbeziehen. Es kommt auch vor, daß innerhalb eines bereits akzeptierten überragenden Erklärungsmodells noch einmal grundlegende neue Gedanken aufkommen und Akzeptanz finden. Die Bakteriologie etwa im späten 19. Jahrhundert oder die Betonung der Rolle der Immunsysteme in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mögen uns als Beispiele für solches Neue auf der zweiten Ebene dienen. Stets müssen wir uns fragen, wo der Reiz des Neuen lag.

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Bleiben wir zunächst in der Antike. Die klinische Anwendung der neuen Medizin kann in ihren Anfängen nicht so überzeugend gewesen sein, daß sie den radikalen Umschwung und die Nachdrücklichkeit, mit der die Verfechter der neuen Medizin ihre Ansichten vertraten, hätte rechtfertigen können. Man würde Bescheidenheit erwarten. Man würde vermuten, daß die damaligen Autoren etwa folgendermaßen argumentierten: „Wir glauben an die Götter, und das Gebet an die Götter hilft uns in vielen Fällen, unsere Patienten zu heilen.“ Oder: „Wir wissen um die Bedeutung der Ahnen, und die Bitten an die Ahnen, das Leid von uns zu nehmen, haben in vielen Fällen Erfolg. Nun aber kommt zusätzlich eine neue Methode zu Hilfe, die wir dort, wo sie sich als sinnvoll und wirksam erweist und wo die bisherigen Mittel versagen, einsetzen wollen.“

So mögen einige Menschen gedacht und gehandelt haben. So handeln nicht wenige Menschen auch heute noch. Aber diese Menschen sind nicht die, die für das Neue verantwortlich sind; die Menschen, die so pragmatisch denken und handeln, sind die Mitläufer, die Nutznießer, nicht die Antreiber, die Schöpfer. Die Schöpfer des Neuen sprechen eine andere Sprache. Sie kennen nur das entweder oder. Die Schöpfer verachten das Alte; sie kennen nur noch das Neue. Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: und woher kommt diese tiefe Überzeugung? Da sie nicht aus der klinischen Wirksamkeit des neuen Denkens herrührt, muß sie einen anderen Ursprung haben. Wenn wir diesen Ursprung gefunden haben, dann kennen wir den Antrieb für das grundlegend Neue in der Medizin.

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Schauen wir uns doch einmal in den beiden antiken Kulturen um, in denen nachweislich und recht genau datierbar in der Antike aus der bereits seit langem bekannten Heilkunde eine Medizin erwuchs.

3. Wieso Naturgesetze?

In China fiel die Ausbildung der Medizin in eine Zeit, die nicht, wie in der Antike Griechenlands, nahezu am Beginn der historischen Epoche stand. Im Gegenteil, in China wurde die Medizin mit Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr. zu einer Zeit geschaffen, die sehr gut dokumentiert ist. Auch die vorangegangene Epoche ist durch reiches Quellenmaterial recht gut überschaubar. Wir kennen die Heilkunde in China, aus der und vor deren Hintergrund sich die chinesische Medizin herausbildete. Wir können bei dem jetzigen Stand der Forschung auch die Anfänge einer Naturwissenschaft nachzeichnen, die ja die Grundlage für die Entstehung der Medizin in dem oben genannten engeren Sinne ist.

Beginnen wir bei der Entstehung einer Naturwissenschaft in China. Der Kern der Naturwissenschaften liegt in der Annahme von Gesetzmäßigkeiten, die unabhängig von Ort, Zeit und Personen das gesamte Geschehen im Universum bestimmen. Wer solche Gesetzmäßigkeiten annimmt, muß zunächst einmal einen hohen Preis bezahlen. Er muß sich gegen diejenigen durchsetzen, die die Meinung vertreten, die Geschehnisse seien das mehr oder weniger willkürliche Werk von Göttern, Ahnen oder Dämonen.

Seit undenklichen Zeiten bestimmte das Wissen um die Macht der Götter, Ahnen und Dämonen einen Großteil

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menschlichen individuellen und gesellschaftlichen Handelns. Waren die Götter, Ahnen und Dämonen doch fähig, in den Lauf der Dinge einzugreifen, Regen zu senden oder mit Dürre zu strafen, eine Ernte zu ermöglichen oder zu vernichten, dem Einzelnen den Tod aufzuerlegen oder jemanden aus Krankheit wieder genesen zu lassen. Und gab es nicht genügend Beweise, daß dieses Wissen Wirklichkeiten umfaßte? Hatten nicht häufig genug Gebete, die nur lange genug währen mußten, den erwünschten Regen gebracht? War nicht auf Grund von Opfern die Serie von Mißernten beendet worden? War nicht der Vater nach schlimmer Krankheit und trotz hohen Fiebers wieder gesund geworden, nachdem die Dämonen mit den geeigneten Mitteln gebannt werden konnten? Evidence based science. Statistik der feineren Art gab es noch nicht, der Augenschein vieler Einzelfälle genügte.

Warum also sollte man den radikalen Wandel eingehen? Es ging ja hier nicht nur um Meinungen, es ging auch um Macht, um harte politische Macht. Diejenigen, die sich zwischen die Menschen und die Götter stellten, diejenigen, die vorgaben, den Willen der Götter oder Ahnen zu kennen, verkündeten detaillierte Vorschriften, wie die Menschen zu leben hätten Vorschriften, die nicht zuletzt diesen Mittlern selbst zum Vorteil gereichten. Die Deutung eines Unheils oder der Wunsch, mit Hilfe der numinosen Mächte ein zukünftiges Ereignis in der einen oder anderen Weise zu beeinflussen, brachten denen, die sich zu Mittlern erklärten, brachte denen, die um die richtigen Gebete wußten, Vorteile, die sich als Macht erwiesen. Auf Grund der von den Mittlern verkündeten Ansprüche der Götter, Geister und Dämonen ließ sich das Verhalten der Bittsteller lenken, festigten sich ganz bestimmte Sozialstrukturen.

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Die Überzeugung, das Geschehen in der Welt werde von Gesetzen, nicht von der Willkür der numinosen Mächte gelenkt, stellte all dies in Frage. Es mußten schon gewichtige Gründe vorliegen, ein solches im wahrsten Sinne umstürzlerisches Postulat vorzubringen. Aber die Grundfrage lautet doch: wie kommt man überhaupt darauf, daß es nicht zürnende, liebende, strafende oder mitleidige Götter, Ahnen oder Dämonen sind, die das Geschehen bestimmen, sondern absolute Gesetzmäßigkeiten, deren Urheber niemand kennt? Der Anschein spricht doch niemals für die Existenz von Gesetzen. Ob in der Familie, im Clan, oder im Staat immer kommt es auf persönliche Beziehungen an, stets sind die Emotionen des Zorns, der Liebe, der Rache oder des Mitleids für zwischenmenschliches Handeln verantwortlich. Warum sollte dies nicht für das gesamte Universum gelten?

Zudem, sind die Naturgesetze denn tatsächlich in solchem Maße evident, daß sie aus sich selbst sichtbar werden? Angenommen wir wüßten nichts von solchen Gesetzen und wären aufgefordert, einmal unseren Sinnen zu vertrauen, den Augen und den Ohren, dem Tastsinn und dem Geruchssinn etc. Wäre die Natur in dem Maße durchschaubar, daß die ihr zugrundeliegenden Gesetze sich zu erkennen gäben? Welche Gesetzmäßigkeiten wären denn ohne Vorwissen durch unsere Sinne bemerkbar?

Schauen wir uns doch einmal um. Das, was wir heute unter Naturgesetzen verstehen, die Gesetzmäßigkeiten von Physik und Chemie, muß uns wenn nicht das Elternhaus dann der Schul- und Universitätsunterricht lehren. Vor zwei Jahrtausenden, als die Naturwissenschaften in der Antike Chinas entstanden, ging es

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zunächst einmal darum, überhaupt Gesetzmäßigkeiten in der Natur zu erkennen. Gesetzmäßigkeiten, die so überzeugend deutlich waren, daß sie sich gegen die Vorstellung der Beeinflussung des Geschehens durch Götter, Ahnen und Dämonen durchsetzen konnten.

Wir könnten auf die einfachsten Regelmäßigkeiten hinweisen. Da ist zunächst die Folge von Tag und Nacht. Das ist die kleinste Gesetzmäßigkeit, die jedem aufmerksamen Beobachter auffallen könnte: auf jeden Tag folgt eine Nacht; auf jede Nacht folgt wieder ein Tag. In einer landwirtschaftlich geprägten Kultur ist der Ablauf der Jahreszeiten eine ebenso eindrucksvolle Regelmäßigkeit. In China gibt es Regionen, wo anders als in Europa die Folge der Jahreszeiten mit einer Genauigkeit von etwa 14 Tagen in schöner Deutlichkeit verfolgt werden kann. Aber was besagt das schon? Warum sollten solche Begebenheiten zu der Annahme führen, es gebe Gesetze, die alles, was in der Natur geschieht, lenken und erklärbar machen? Jahrtausendelang hat es diesen Wandel von Tag zu Nacht und von Nacht wieder zu Tag gegeben. Ebenso lange hat die stete Aufeinanderfolge der Jahreszeiten die Gewohnheiten von Aussaat, Abwarten der Reifung und Ernte der Feldfrüchte bestimmt. Ebenso lange haben Menschen bemerkt, daß Gegenstände zwar von oben nach unten fallen, nicht aber umgekehrt.

Warum also erschaffen ausgerechnet im 3. Jahrhundert v. Chr. in China Menschen eine Naturwissenschaft? Warum zweifeln ausgerechnet zu dieser Zeit in China Menschen den Einfluß des Numinosen auf die Geschehnisse an und behaupten, alles Werden und Vergehen werde von Gesetzmäßigkeiten gelenkt? Die

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Intelligenz der Menschen zu jener Zeit dürfte sich kaum schlagartig verändert haben. Die nun postulierten Gesetzmäßigkeiten waren immer schon so gut oder schlecht erkennbar, wie zu jener Zeit. Welches Ereignis mag also eingetreten sein, das den Menschen die Augen öffnete? Welcher Umstand mochte dazu geführt haben, hinter den allein sichtbaren und ewig schon gültigen Banalitäten des Wechsels von Tag und Nacht und der Abfolge von Jahreszeiten nun ausgerechnet um 300 v. Chr. eine Verknüpfung aller Phänomene und eine alles durchdringende Gesetzmäßigkeit zu vermuten?

Es ist sehr erstaunlich, mit welcher Nonchalance Lehrbücher der Wissenschaftsgeschichte die Brisanz dieser Fragestellung übergehen. Tatsächlich berührt diese Fragestellung das Selbstverständnis der Wissenschaft. Sie berührt auch das Selbstverständnis der Medizin, denn Medizin nutzt Wissenschaft für den Versuch, die „normalen“ und die „unnormalen“, die gesunden und die kranken Geschehnisse im Körper zu deuten und aus solchen Deutungen Handlungsanweisungen abzuleiten, die die Gesundheit schützen und das Kranke fernhalten, oder, wenn es denn eingetreten ist, heilen sollen.

Wir fragen uns also, welches Ereignis eingetreten sein mag, das um 300 v. Chr. in China zunächst wenigen und dann immer mehr Menschen die Augen öffneten für die Sicht einer alles umfassenden Gesetzmäßigkeit hinter den Geschehnissen im Universum. Die Natur selbst hat sich nicht verändert und die Intelligenz der Menschen hat sich ebenfalls nicht verändert. Weder der Schauende noch das Geschaute unterliefen irgendeinen

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Wandel, der Anlaß zur Erkenntnis von Naturgesetzen hätte bieten können.

4. Die Sehnsucht nach Ordnung

Das einzige, was sich im sichtbaren Umfeld des Menschen stetig verändert, ist die Gesellschaft. Gesellschaft im Sinne der Gesamtheit der Strukturen menschlichen Zusammenlebens. Wir sind es heute gewohnt, daß sich im Laufe eines Lebens die Gesellschaft grundlegend verändert. Ein heute 90-jähriger Mensch in Deutschland hat vielleicht noch den Kaiser gesehen. Mit Sicherheit hat er den schier unglaublichen Wandel etwa der Kommunikationstechniken, sei es von der Schiefertafel zum personal computer, sei es vom Pferdefuhrwerk zu der Internationalen Raumstation erlebt. Diese und viele andere, ähnlich atemberaubende technischen Neuerungen sind Teil der gesellschaftlichen Veränderungen in diesem vergangenen Jahrhundert. Wir nehmen sie hin und können uns kaum vorstellen, daß es einmal ruhige Zeiten geben könnte, in denen ein langes Leben in ein und derselben Epoche und in ein und derselben gesellschaftlichen Struktur beginnt und sein Ende findet.

Und doch hat es in der Geschichte bei aller steten Veränderung unterschiedliche Intensitäten dieser Veränderungen gegeben. Die Epoche im antiken China, in der die Gesetzmäßigkeiten der Natur erkannt und formuliert wurden, zog sich über ein, zwei Jahrhunderte hin. Es war eine turbulente Zeit, geprägt von ebenso langfristigen wie tiefgreifenden Veränderungen. Am Ende dieser Epoche stand dann ein ganz einschneidendes Ereignis, das zu einer völlig neuartigen

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Gesellschaftsordnung führte. Aus den langfristigen Veränderungen gingen die chinesischen Naturgesetze hervor, aus dem einschneidenden Ereignis erwuchs eine neue Medizin. Was war geschehen?

Im achten Jahrhundert vor Chr. zerbrach in China auf Grund von Thronfolgestreitigkeiten eine politische Struktur, die, wenn die Quellen uns nicht trügen, über lange Zeit hinweg ein stabiles Feudalsystem gestützt hatte. Seit etwa 500 v. Chr. stritten dann eine Vielzahl von Staatswesen unterschiedlichster Bevölkerungszahl und geographischer Ausmaße mit zunehmender Entschlossenheit um die Vorherrschaft. Eine immer kleinere Anzahl immer größerer Königreiche führte den Kampf mit wechselnden Allianzen so lange fort, bis schließlich im 3. Jahrhundert v. Chr. der Herrscher eines der noch verbliebenen Staaten, Qin, das Ringen für sich entschied und im Jahre 221 v. Chr. mit der erstmaligen Einigung Chinas zu einem Kaiserreich unter seiner Führung abschloß. Dieser jahrhundertelange Vorgang war sowohl traumatisch als auch schöpferisch. Insbesondere die letzten drei Jahrhunderte, die in den Geschichtsbüchern als die „Zeit der Kämpfenden Reiche“ gekennzeichnet werden. Traumatisch, weil die Veränderungen die überkommene Ordnung zerstörten. Schöpferisch, weil sie die Grundlagen der Kultur hervorbrachten, die wir heute die chinesische nennen.

Welchen Bezug diese Vorgänge zu der Entstehung der Naturwissenschaften hatten? Nun, die Entdeckung der Gesetzmäßigkeiten in der Natur fiel in das letzte Jahrhundert vor der Reichseinigung und wir müssen uns fragen, ob dies eine unbedeutende Gleichzeitigkeit ist. Lassen wir einen der Kenner der

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damaligen gesellschaftlichen Veränderungen denn nur diese Veränderungen fanden statt zu Wort kommen, den Leipziger Sinologen Ralf Moritz. Er hat sich mit den Grundintentionen der konfuzianischen Lehre befaßt, einer Sozialphilosophie, die Seite an Seite mit mehreren Alternativen als Reaktion auf die viele Generationen überdauernden Wirren, die wie ein Strudel alle herkömmlichen Strukturen zu verschlingen drohten, von nachdenklichen Zeitgenossen erschaffen wurde. Sie wollten den Weg weisen wieder hin zu gesellschaftlicher Harmonie. Die Ordnung, die sie schließlich schufen, war freilich eine ganz andere als die, nach der sich der eine oder andere Sozialphilosoph zurücksehnte.

sind eine

Reaktion auf kataklysmische Wirren im Gefolge eines Strukturwandels der altchinesischen Gesellschaft. Eine Lebenswelt,

in der intrafamiliäre Moral zugleich Staatsmoral war,

Meister antwortete mit seiner Therapie der Welt-Heilung, einem

Rekonstruktionsprogramm, das auf >die Restaurierung der Riten<

Die ursprüngliche Bedeutung der Riten ist religiös

bestimmt, als Kommunikation mit der spirituellen Welt mit dem Ziel, Heil zu gewinnen und Unheil abzuwenden. In den Riten

gewinnen somit Dank und Fürbitte zeremoniellen

den Riten die wichtige Funktion zukam, das Verhältnis zu den Ahnen zu regulieren, war das Übertragen ritueller Regelung auf die Beziehungen zwischen den lebenden Familienmitgliedern namentlich innerhalb der aristokratischen Elite inhärente (Die Riten) wurden zum Inbegriff korrekten

Da

orientiert

Der

„Die Ideen des Konfuzius (551-479 v.u.Z.)

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Verhaltens im Sinne der

und drückten zugleich sozial-politische Strukturen aus.“ 1

konventionell gewordenen Sittlichkeit

So war die Welt geordnet. Die Gesellschaft umfaßte die Lebenden und die Verstorbenen. Die Riten waren Ausdruck der Verständigung zwischen den Lebenden und ihren Ahnen, mehr noch bildeten sie die Grundlage für geordnetes zwischenmenschliches Verhalten. Mit dem jahrhundertelangen Krieg des Jeder gegen Jeden versagten, so erschien es den Philosophen, sowohl Verständigung als auch Ordnung. Die Philosophen bemühten das Bild des rechten Weges, von dem die Menschen abgekommen waren. „Weg“ heißt auf Chinesisch Dao. Der Weg, das Dao, wurde ihnen zum Inbegriff der Ordnung. Den Weg, das Dao, einzuhalten bedeutet Ordnung für die Konfuzianer Ordnung in der Gesellschaft, für die Daoisten Ordnung des Universums. Mit dem Verlust des Weges war nicht nur die Ordnung schlechthin verloren gegangen die andauernden Kriege belegten dies nur zu deutlich es waren auch die vertikalen Strukturen zusammengebrochen. Konfuzius sah, wie die anderen Philosophen seiner Epoche auch, daß der Menschheit erneut die Richtung gewiesen werden müsse, um zurück zum Weg, zu dem Dao und damit zu der Ordnung zu finden. Lassen wir wiederum Ralph Moritz sprechen.

„Dieses Leiden (des Konfuzius) an Unordnung und der daraus resultierende Versuch, die Welt wieder in Ordnung zu

bringen, zwangen zum Entwurf von

So

1 Ralf Moritz, Konfuzianismus und die „Hundert Zeitalter“. In Ralf Moritz und LEE Ming-huei, Hg., Der Konfuzianismus. Ursprünge Entwicklungen Perspektiven. Mitteldeutsche Studien zu Ostasien. 1. Leipzig, Leipziger Universitätsverlag. 1998, 76-77.

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formierte sich mit der Lehre des Konfuzius das erste argumentative Konzept menschlichen Zusammenlebens, welches die Geschichte

Im Lunyu erscheinen die Riten als

Verfahren, mit denen die Kinder den Eltern, die Lebenden den

Ahnen dienen, dazu als Richtschnur von Politik

den Menschen,

spiegelte sich ein neuartiger Bedarf an gesellschaftlicher Ordnung. Vor diesem Hintergrund wurde eine Ethik entwickelt, die auf einer Gesinnung beruht, bei welcher der einzelne sich in einer bewußten Entscheidung zur Ordnung des Gesamtgefüges hin funktionalisiert

Die von Konfuzius vollzogene

Verallgemeinheitlichung des Ordnungsprinzips setzte dabei nicht nur einen allgemeinen Rahmen, sondern sie setzte darüber hinaus die Realisierung dieses Prinzips stets in Beziehung zur passenden Reaktion des gesellschaftlichen Subjekts auf die konkreten Umstände.“ 2

und sich von dorther begreift

Chinas

Rücksicht auf

Verzicht auf despotische Macht von

Das ist vor dem Hintergrund unserer vorangegangenen Erörterungen eine überaus aufregende Aussage. Der Leser ist aufgerufen, die Ausführungen des Leipziger Sinologen in ihrem ursprünglichen Zusammenhang und in ihrer ganzen Ausführlichkeit zu lesen. Doch auch das Exzerpt verdeutlicht uns, worum es geht. Ein Philosoph erkennt die Notwendigkeit der Ordnung. Um die Not der Zeit zu wenden, bedarf es der Ordnung. Dieser Ordnung gibt er die Bezeichnung Dao. Mit dem Sprachbild des „Weges“, Dao, bildet er den Begriff, der zur Grundlage chinesischer Ordnungsvorstellungen im zwischenmenschlichen Umgang ebenso wie in Hinsicht auf die Abläufe des Universums werden sollte. Aber das ist nicht das Einzige, was uns so

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faszinieren sollte. Die, wie Moritz es nannte, „kataklysmischen Wirren“ ließen Konfuzius vermuten, daß die Heilung nicht zuletzt dadurch erreicht werden könne, daß sich der Mensch wieder als Teil des Ganzen erkenne. Der Einzelne, so die Folgerung aus der Lehre des Konfuzius, muß dahin gebracht werden zu erkennen, daß sein Handeln bedeutend ist für das Wohlergehen des großen Ganzen.

Das ist der erste entscheidende Punkt, den wir festhalten wollen. Es gibt eine Ordnung, so lautete die neue Einsicht bei Konfuzius und vielen nachdenklichen Zeitgenossen, und diese Ordnung besteht nicht aus einem beziehungslosen Nebeneinander unzähliger Einzelheiten. Diese Ordnung ist nur vorstellbar, wenn die Erkenntnis um sich greift, daß jeder Einzelne auf Grund seiner Verflechtung mit allen anderen eine Verantwortung trägt, durch sein Verhalten zu der Gesamtordnung beizutragen.

5. Moral und Gesetzestreue

Tatsächlich, so hat es den Anschein, weitete sich diese Erkenntnis aus. Sie machte nicht halt bei den Menschen, sie weitete sich aus auf die Gesamtheit der Dinge. War nicht das gesamte Universum ein Gebäude korrelierender und korrespondierender Phänomene? Dies war die Geburtsstunde der Vorstellung von den systematischen Entsprechungen, der Grundlage antiker chinesischer Naturwissenschaft. Es gibt keinerlei Anzeichen, daß die Ordnung der Natur, daß das System der Entsprechungen in der Natur primär einen Menschen wie Konfuzius beeindruckt und von daher in seine Gesellschaftsphilosophie Eingang gefunden hätte. Die Anschaulichkeit des Gegensatzes von Ordnung und

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Unordnung, von Harmonie und Chaos war nur in der gesellschaftlichen Realität und im Rückblick über Jahrhunderte menschlicher Verhaltensweisen erkennbar. Erst nachdem hier Erkenntnis gewachsen war, erfolgte die Projektion der Ordnungsvorstellungen und zugleich der Vorstellung von der systematischen Entsprechung aller Einzelteile von der Gesellschaft auf die Natur.

Dies war der Ursprung der Lehren von Yin und Yang und von den Fünf Wirkkräften. Letztere war explizit, und dies zeigen die Quellen sehr deutlich, zunächst allein zur Erläuterung gesellschaftlichen und politischen Wandels konzipiert worden. Erst in einem zweiten Schritt wurde sie zur Deutung allen Wandels schlechthin erweitert. Wandel ist die phasenweise Vorherrschaft bestimmter Wirkkräfte. Deshalb hat der große Sinologie und Arzt Franz Hübotter zu Beginn des 20. Jahrhunderts diese Lehre als die Lehre von den Fünf Wandlungsphasen bezeichnet. Heute spricht man in der Regel von der Fünf-Phasen-Lehre. Die Yinyang-Lehre einer dualistischen Korrelation aller Phänomene nahm, so hat es den Anschein, keinen Umweg über die Erläuterung gesellschaftlicher Beziehungen. Von ihrem frühesten Erscheinen in den Quellen an galt sie der Deutung und Voraussage der Gesamtheit der natürlichen Phänomene. Wir werden uns nochmals näher mit diesen beiden Lehren befassen, wenn wir auf die Ursprünge der chinesischen Medizin zu sprechen kommen.

Damit hätten wir eine Erklärung gefunden, warum ausgerechnet um 300 v. Chr. die Grundlagen für die chinesischen Naturwissenschaften gelegt wurden, aber wir haben noch keinen

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Hinweis darauf vor uns, wie es zu der Annahme von Gesetzmäßigkeiten kommen konnte.

Gesetz ist das Gegenteil von Willkür. Willkür ist hier gebraucht in der ursprünglichen, neutralen Bedeutung von Beliebigkeit des eigenen Handelns. Der Entschluß, in der einen oder anderen Weise zu handeln, folgt keiner schematischen Vorgabe; er kann aus der Emotion, den Beweggründen des Augenblicks erfolgen. Das Gesetz dagegen verpflichtet das Handeln, einem bestimmten Schema zu folgen. Wer gestohlen hat, wird vor dem Gesetz als Dieb abgeurteilt. Emotionen gegenüber der Person des Täters dürfen keine Rolle spielen. Läßt der Richter Emotionen Eingang finden in sein Urteil, so wendet er sich vom Gesetz ab und handelt willkürlich.

Solche Willkür ist ein Merkmal der üblichen Handlungsweise der Menschen und auch der nach ihrem Bilde geschaffenen Götter, der numinosen Mächte überhaupt. In der Gesellschaft der Menschen kann die Willkür der Herrscher zum Alptraum werden. Im Familienbund oder im Klan, in dem kleinen, überschaubaren Rahmen alltäglicher zwischenmenschlicher Beziehungen weiß man, wer wem zugeneigt oder abgeneigt ist. Vorteile oder Nachteile, die dem einen aus der Einstellung oder Tätigkeit eines anderen erwachsen, führen unvermeidlich zu Zuneigung oder Abneigung. Aus diesen Gefühlen wiederum ergeben sich bestimmte Handlungsmuster. Da in der Familie und im Klan Ursprung und Ausprägung der Zuneigungen und Abneigungen jedem bekannt sind, sind die aus solchen Emotionen resultierenden zwischenmenschlichen Handlungsmuster gleichsam vorhersehbar, und wenn sie eintreffen, ohne daß sie vorhersehbar

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waren, dann sind sie doch zumindest im Nachhinein erklärbar. Willkür auf dieser Ebene ist daher abschätzbar und besitzt keinen Schrecken.

Handelt der Herrscher eines größeren politischen Gebildes willkürlich, so ist das etwas anderes. Zu fern ist der Herrscher dem einzelnen Untertan, als daß dieser voraussehen oder im nachhinein erklären könnte, welche Beweggründe eine willkürliche Handlung bedingt haben. Das mag ja noch angehen, so lange diese Handlung als wohltuend empfunden wird. Der Alptraum beginnt dann, wenn die willkürlichen Handlungen des Herrschers und das ist erfahrungsgemäß die Regel in einer als unangenehm empfundenen Weise in das Leben der Beherrschten eingreifen. Kriegsdienst, Frondienst, Steuerlasten sind die Stichworte.

Wieso diese Abschweifung zu Gesetz und Willkür? Die chinesischen Quellen ermöglichen es uns, in eine Zeit zurückzublicken, in der das Verhältnis der Herrscher zu den Beherrschten noch, wie Moritz es ausdrückte, von einer „intrafamiliären Moral“ geprägt war, die zugleich Staatsmoral war. 3 Die Strukturen waren noch überschaubar, die Willkür der Handlungen des Herrschers wurde von den Beherrschten noch so verstanden, wie die Willkür im Familienverband oder Klan. Mit der Entstehung immer größerer politischer Einheiten in den Jahrhunderten der „Kämpfenden Reiche“ entfernten sich Herrscher und Beherrschte voneinander. Die Familie blieb das ideale Vorbild für den Staat. Doch die intrafamiliäre Moral bildete kaum mehr die geeignete Grundlage zur Führung zunehmend komplexer staatlicher Strukturen.

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Die wachsende Anzahl der zu Regierenden ließ es einfach nicht mehr zu, Einzelfälle nach Gutdünken wie ein Familienvater abzuurteilen. Obschon der Herrscher den Beherrschten bekannt war, war er den Untertanen doch in der Regel zu fern, als daß sich noch die moralischen Verpflichtungen einfordern ließen, die man etwa einem Familienoberhaupt oder Klanchef gegenüber empfand. Dies war die Geburtsstunde der Schematisierung der Interaktionen zwischen Herrschern und Beherrschten und auch zwischen den Beherrschten untereinander.

Nicht daß alle chinesischen Denker und Philosophen jener Zeit davon überzeugt gewesen wären, daß die Schematisierung des Handelns und damit die Schaffung von Strukturen, die gleichsam oberhalb der Emotionen angesiedelt sind, der richtige Weg in die Zukunft sei. Wir werden noch von den Daoisten hören, die sich vehement gegen diese Entwicklung aussprachen. Doch es setzten sich diejenigen durch, deren Anschauungen den neuen politischen Gegebenheiten entsprachen, und das waren nun einmal diejenigen Philosophien, die der notwendigen Schematisierung menschlicher Interaktionen in den neuen und zunehmend komplexen Strukturen des Staates den Weg ebneten.

Das Funktionieren großer staatlicher Einheiten erfordert eine Verläßlichkeit der Entscheidungen. Eine solche Verläßlichkeit ist nur durch die Bindung an Gesetze, an Regeln, also durch eine Regelmäßigkeit erreichbar. Möglicherweise öffnete diese Erfordernis einem Teil der chinesischen Denker die Augen für das grundsätzliche Vorhandensein einer Regelmäßigkeit in der Natur und für die Erfordernis, dieser Regelmäßigkeit zu folgen, um

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überleben zu können. Der Gehorsam, so schien es offenbar, muß nicht auf den Herrscher als willkürlich Herrschenden ausgerichtet sein. Der Gehorsam muß eine Anpassung sein an die Schemata, die jeglicher Regelmäßigkeit des Seins zu Grunde liegen. Der traditionelle Gehorsam, den der Beherrschte dem Herrscher schuldet, wird durch den Gehorsam ergänzt, den er vernünftigerweise der Regelmäßigkeit allen Seins entgegenbringt.

Bislang waren Glück und Überleben nicht zuletzt von dem Gehorsam gegenüber dem Herrscher abhängig gewesen. Nun kam das Versprechen hinzu, daß auch die Einbindung in die Regelmäßigkeit, also das Leben in Einklang mit den Regeln, eine Vorbedingung für das Wohlergehen sei.

Zahlreiche Aussagen in den Schriften des 3. bis in das 1. Jahrhundert v. Chr. belegen die Versuche der Sozialtheoretiker, mit den neuen Verhältnissen zurecht zu kommen. Shen Dao (350-275 v. Chr.) etwa, ein Philosoph der Macht, erkannte: „Jetzt ist es so:

der Weg (dao) der Staatsführung und die Gesetze (fa) der Regierenden sind nicht von Regelmäßigkeit (chang) geprägt.“ 4

Das chinesische Wort fa stammt wohl aus dem militärischen Kontext und bezeichnete dort ursprünglich die strategischen Regeln, denen eine Truppe folgen muß, um den Sieg zu erringen. In der Zeit der Kämpfenden Reiche wurde der Begriff auf die Regelhaftigkeit der Lenkung eines ganzen Staates ausgeweitet. 5 Er beinhaltet sowohl die deutschen Begriffe „Schema“ und „gesetzmäßiges Verhalten“, als auch die Vorstellung

4 Masayuki Sato, Confucian State and Society of Li: A Study on the Political Thought of Xun Zi. Diss. Universität Leiden. 2001, 95.

5 ebenda, 94

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von „Gesetz“ im Sinne von „Strafgesetz“, lateinisch lex. So wird verständlich, warum wir die Vertreter derjenigen philosophischen Schule des antiken China, die der gesellschaftsbildenden Macht schematisierten Verhaltens den größten Wert zumaß, in unserer Sprache als „Legisten“ oder „Legalisten“ bezeichnen.

Schematisch, unpersönlich, regelhaft das waren die Eigenschaften erfolgreichen Regierens. Ein tiefgreifender Bruch. Die neue Zeit benötigte keine „intrafamiliäre Moral“ mehr als Staatsmoral; sie benötigte eine Ordnung, die auf Gesetzen und Regeln beruhte. Unter dem Namen des Guanzi (angebl. 7. Jahrhundert v. Chr.) sind sozialpolitische Schriften vereint, die zumeist im 3. Jahrhundert v. Chr. und zum Teil noch später verfaßt wurden. Der Autor des folgenden Zitats, wie auch einige andere Philosophen jener Zeit, hatte den Glauben an den Appell an das Gute im Menschen verloren. Gesetze, vor allem Gesetze sind die Grundlage einigermaßen friedlichen Zusammenlebens: „Seit jeher hassen die Menschen einander. Das Herz der Menschen ist grausam. Daher erläßt [der Herrscher] Gesetze (fa). Aus der Anwendung der Gesetze ergeben sich Riten. Aus der Durchführung der Riten erwächst Ordnung.“ 6

Als sich diese Gewißheit mit den Ordnungsvorstellungen des Konfuzius vereinte, als die Schematisierung des Verhaltens auch die auf ein komplexes Staatswesen zugeschnittene neue Moral des Konfuzius, die er vor allem durch eine „Wiederherstellung der Riten“, gesichert sah, einbezog, da war die Sozialphilosophie in ihren Grundzügen erdacht, die sich als die geeignetste Grundlage

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erwies für das geeinte und höchst komplexe Kaisserreich, das im Jahre 221 v. Chr. aus der Zeit der Kämpfenden Reiche hervorging.

Halten wir hier für eine Weile inne in der Betrachtung der Ausgangslage für die Entstehung einer Medizin in der chinesischen Antike. Medizin ist die Verknüpfung von Heilkunde mit Wissenschaft. Heilkunde ohne naturwissenschaftliche Grundlage ist keine Medizin, in dem Sinne, in dem dieser Begriff hier zu Verwendung gelangt. Heilkunde hat es in China seit prähistorischen Zeiten gegeben; die Quellen zeigen Ahnenheilkunde, Dämonenheilkunde und Arzneikunde als vormedizinische Denk- und Handlungsweisen auf. Damit eine Medizin entstehen konnte, bedurfte es der Herausbildung einer Naturwissenschaft, d.h., einer Vorstellung, daß die Natur einer Regelhaftigkeit folgt, die bestimmten Gesetzen folgt. Diese Gesetze werden nicht von Menschen oder Göttern erlassen. Tatsächlich handelt es sich um nicht hinterfragbare Schemata, die bei gleicher Ursache immer dieselbe Wirkung bedingen. Die Existenz solcher Regeln und Gesetzmäßigkeiten zu postulieren, sodann die Eigenarten dieser Regeln und Gesetzmäßigkeiten in der Gesellschaft und in der Gesamtnatur zu ergründen und schließlich deren spezifischen Auswirkungen auf Gesundsein und Kranksein des menschlichen Körpers zu erfassen, das sind die Schritte in der Entstehung einer Medizin in der Antike Chinas.

Xunzi (ca. 300-230 v. Chr.), ein Philosoph, der ganz wesentlich zu der Umformung der Vorstellungen des Konfuzius zu einer praktikablen Staatslehre beitrug, glaubte nicht an irgendwelche Geister und er glaubte auch nicht daran, daß menschliche Einflußnahme den Lauf der Natur beeinflussen könne.

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Bei ihm lesen wir: „Der Lauf des Himmels/der Natur (tian) folgt einer Regelhaftigkeit. [Diese Regelhaftigkeit] existiert nicht wegen [des guten Herrschers] Yao. Und sie geht nicht wegen [des schlechten Herrschers] Qie verloren. Wer sich dieser [Regelhaftigkeit] anpaßt, um Ordnung herzustellen, dem wird das Glück zuteil. Wer auf diese [Regelmäßigkeit] antwortet, indem er die Unordnung zuläßt, dem widerfährt Unheil.“ 7

Die Wandlung des chinesischen Begriffs tian spiegelt den neuen Trend sehr schön wider. Ursprünglich verwies das Schriftzeichen tian auf so etwas wie einen Überahn, später auf den Ort, an dem sich die Ahnen aufhielten. Schließlich fiel der personale Aspekt fort und das Schriftzeichen nahm eine Bedeutung an, die zwar üblicherweise mit „Himmel“ übersetzt wird, aber unserem heutigen Begriff „Natur“ sehr nahe steht. Wie Masayuki Sato treffend formulierte: „Die Bewegung des Himmels wurde nun zu Metaphern für Unwandelbarkeit und Regelhaftigkeit.“ 8 Und dieser Regelhaftigkeit galt es jetzt, sich anzupassen, zunächst als Herrscher in der Sorge für das Wohlergehen des Staates und später als Individuum in der Sorge um persönliche Gesundheit.

Fassen wir das bisher Gesagte zusammen. Welchen Grund könnte es geben für die Annahme, daß der Erkenntnisvorgang den gegensätzlichen Weg genommen haben könnte? Welche Hinweise könnte es geben, daß die Natur oder der Körper aus sich heraus die Entdeckung übergeordneter Gesetzmäßigkeiten nahegelegt hätten? Die Herausbildung einer Naturwissenschaft in der Antike Chinas läßt sich auf zwei Gewißheiten zurückführen: Zum einen auf die Gewißheit von der Verknüpfung, von der Korrelation, aller Dinge.

7 Xunzi jijie 17. In Zhuzi jicheng, Peking, Zhonghua shuju. Vol.2. 1996, 204 f.

8 Masayuki Sato, 2001, 116.

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Zum anderen auf die Gewißheit der Notwendigkeit regelhafter, schematisierter Beziehungen aller Dinge untereinander. Beide Gewißheiten erwuchsen aus den starken Eindrücken, die die grundlegend gewandelten gesellschaftlichen Strukturen auf einen Teil der chinesischen Philosophen ausübten, und aus den Eindrücken, die deren Lehren wiederum auf weitere Denker ausübten. Nur so ist verständlich, warum gerade zu jener Zeit ein solches Denken entstehen konnte.

6. Warum an diesem Ort? Warum zu dieser Zeit?

Wir könnten noch ein wenig bei den Bedingungen verweilen, die diesem Denken seine Akzeptanz sicherten. Denn das ist das Entscheidende in der Geschichte der Ideen. Zu jeder Zeit wird eine Unzahl von Ideen geäußert, gleichsam wie Samen auf den Ackerboden der kognitiven Dynamik gesät. Doch das meiste vertrocknet sogleich. Manches erlebt ein kurzes Wachstum, erfährt begrenzte Aufmerksamkeit, ehe es wieder verfällt. Die Frage des Historikers muß lauten: welche Bedingungen machen den Boden aufnahmebereit? Wie kommt es, daß eine Idee auf fruchtbaren Boden fällt, rasch aufblüht und sich vielleicht über Jahrhunderte als lebensfähig erweist? Andere Ideen mögen in den Boden aufgenommen werden, sie scheinen keine Aufnahme zu finden und erst nach langen Jahrzehnten vielleicht oder gar Jahrhunderten wird ihre „Wahrheit“ erkannt, die den Zeitgenossen so verschlossen blieb. Hier ist die Ideengeschichte gefragt. Was bringt einer Idee den Wahrschein, denn von Wirklichkeit wollen wir hier gar nicht sprechen.

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Der Wahrschein der Korrespondenz aller Dinge, der Wahrschein der Erfordernis einer Ordnung aller Dinge, der Wahrschein der Regelhaftigkeit, der Gesetzmäßigkeit, des schematischen Ablaufs aller Dinge dieser Wahrschein entsprang der gesellschaftspolitischen Realität und warf von dort sein Licht auf die Natur und schließlich, wie wir noch sehen werden, auf die Problematik von Kranksein und Gesundheit. Doch es sind auch gesellschaftliche Interessen, die eine Idee plausibel erscheinen lassen, die ihr den Wahrschein verleihen. Diesen Interessen nachzugehen ist ein mühsames Geschäft, das wir hier nicht weiter verfolgen werden. Aber es seien zumindest noch einige Bemerkungen angefügt, die vielleicht zusätzlich zu den genannten Bedingungen Hinweise für die Beantwortung unserer immer wieder neu zu stellenden Frage bieten: warum zu dieser Zeit, warum an diesem Ort eine bestimmte Idee sich als lebensfähig erweist.

Der Glaube an die Regelhaftigkeit der Gesellschaft, die auch eine Gesetzmäßigkeit der Abläufe in der Natur nahelegt, hat Folgen. Wer die Naturgesetze erforscht, wer sie erkennt, der kann die Dinge in die eigenen Hände nehmen. Der ist nicht mehr auf die angeblichen Mittlerdienste derer angewiesen, die sich zwischen die Götter und die Menschen stellen. Ob die Götter den Gesetzen folgen müssen oder nicht, darüber kann man streiten. Aber daß die Kenntnis der Naturgesetze die Macht der angeblichen Mittler schwächt, daran kann es keinen Zweifel geben. Nicht zuletzt deshalb haben sich viele der Mittler Priester und Theologen schwer getan, die Entwicklungen der Naturwissenschaften gerade in der Medizin vorbehaltlos gutzuheißen. Wer eine Krankheit auf natürliche Ursachen zurückführen kann, wer die Gesetze von

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Ätiologie und Pathologie kennt und daraus entsprechende Vorbeugung oder hilfreiche Therapie ableitet, der verliert die Angst vor der Krankheit als Strafe der Götter für die Sünde und nimmt daher den Mittlern die Macht, den Schrecken der Krankheit als Lockmittel für eine bestimmte göttliche Moral einzusetzen.

Die Gesetze in der Gesellschaft schränken die Willkür des Herrschers ein wenn sich diejenige Sozialphilosophie durchsetzt, die auch den Herrscher als den Gesetzen untertan sieht. Die Gesetze in der Natur schränken die Willkür der Götter ein wenn sich diejenige Weltsicht durchsetzt, die auch die Götter als den Gesetzen untertan sieht. Wir sehen beide Tendenzen in der antiken chinesischen Gesellschaftstheorie und Religion. Es gab durchaus Stimmen, die im Gegensatz zu den Legalisten die Unterordnung des Herrschers unter die Gesetze forderten. Die chinesische Religion war zeitgleich mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften deutlich entpersonalisiert und in einer Weise ritualisiert, die der Sicherung der Harmonie unter den Menschen, nicht aber der Verehrung bestimmter Gottheiten diente.

An dieser Feststellung ändert auch der Erfolg des Buddhismus und das „Überleben“ vieler Gottheiten in lokaler Volksfrömmigkeit nichts. Im Gegenteil, gerade die Attraktion des seit dem 1. Jahrhundert n.Chr. aus Indien, also aus einer nichtchinesischen Kultur, nach China eingeführten Buddhismus zeigt deutlich auf, daß die vorherrschenden Weltsichten Chinas nichts oder kaum etwas zu bieten hatten, was dem Wunsch vieler Menschen nach Gottvater und Gottmutter entgegenkommt. Die Vorstellung von der Regelhaftigkeit der Natur mag daher in der Zeit der Kämpfenden Reiche und später auch politischen Interessen

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entgegengekommen sein. Wir werden jedoch auf diesen Punkt aus anderer Perspektive später noch einmal zurückkommen.

Die Grundbedingungen für die Entstehung einer Medizin waren somit in China erfüllt. Unser Augenmerk gilt freilich nicht China, sondern der Entstehung und weiteren Entwicklung von Medizin als solcher. Sehr viel näher als China liegt uns Griechenland, die zweite, oder wenn man es zeitlich exakt nimmt, wohl die erste Wiege einer Medizin. Hätten wir unsere Betrachtung der Abläufe nicht in der griechischen Antike beginnen sollen, um sodann chronologisch und geographisch fortschreitend den Blick nach China zu wenden? Den Grund, warum wir zunächst in die Ferne geblickt haben, habe ich bereits genannt. In der chinesischen Antike fiel die Herausbildung zunächst der Naturwissenschaft und dann einer Medizin aus der älteren Heilkunde in einen Zeitraum der nicht nur selbst vergleichsweise gut belegt ist; auch für die Vorzeit besitzen wir ausreichend Quellen, um uns ein recht gutes Bild von den gesellschaftlichen und weltanschaulichen Vorbedingungen machen zu können. Das ist in der griechischen Antike sehr viel schwieriger.

7. Banales von Thales

„Voraussetzungslose Beobachtung gibt es nicht“, diese Bemerkung des Medizinhistorikers Thomas Rütten 9 ist seit geraumer Zeit in der Wissenschaftsgeschichte unumstritten. In der Medizingeschichte selbst wird sie noch allzu selten den Forschungen in der Ideengeschichte zugrunde gelegt. Das ist

9 Thomas Rütten, Hippokratische Schriften begründen die griechische Medizin. »De morbo sacro« »Über die heilige Krankheit«. In Heinz Schott, Hg., Meilensteine der Medizin. Dortmund, Harenberg Verlag. 1996, 54.

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vielleicht deshalb nicht verwunderlich, weil es kein einfaches Unterfangen ist. Die Voraussetzungen, die in der griechischen Antike die Beobachtung der Natur des Universums im allgemeinen und des individuellen Körpers insbesondere lenkten und vielleicht sogar erst ermöglichten, verlieren sich im nahezu prähistorischen Dunkel. Zwar erlauben uns die Ärchäologie und auch spätere Schriftquellen viele Aussagen über die Frühzeit des ersten Jahrtausends vor Chr. im östlichen Mittelmeerraum, doch die für unsere Fragestellung wünschenswerten Detailkenntnisse fehlen uns fast völlig.

Auch im östlichen Mittelmeer entstand die Medizin vor dem Hintergrund einer historisch älteren Heilkunde. Von dieser Heilkunde wissen wir aus den Dichtungen des Homers und beispielsweise auch des Hesiod. Und auch im östlichen Mittelmeer bedurfte die Medizin als Vorbedingung der Entwicklung einer Naturwissenschaft, das heißt, einer Vorstellung, daß es von Ort, Zeit und Personen unabhängige Gesetzmäßigkeiten gibt. Daß die Entwicklung einer solchen Naturwissenschaft in der griechischen Antike der Entwicklung einer Medizin voranging, das steht völlig außer Zweifel. Ebenso steht außer Zweifel, daß ähnlich wie in China die Medizin sich die Erkenntnisse der Naturwissenschaften nutzbar machte. Doch warum es überhaupt zu einer Ausbildung von Naturwissenschaft kam, welche Anregungen die Augen für die Gesetze in der Natur öffneten, welche Anreize es gegeben haben mag, daß einzelne Denker sich daran machten, den Lauf und den Wandel der Dinge rational, also ohne Rückgriff auf den Mythos, zu erläutern, das ist schwer zu erklären.

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Betrachten wir einmal die Ausführungen des großen Medizinhistorikers Henry Sigerist zu diesem Problem. Der anerkannt erste Naturwissenschaftler, den die Wissenschaftsgeschichte seit Aristoteles (384-322 v. Chr.) nennt, war Thales von Milet. Er wirkte um 585 v. Chr. Sigerist schildert die vielen Einflüssen ausgesetzte Lage Milets in Kleinasien als Mittelpunkt eines blühenden Handels, dessen Verbindungen sowohl das Wasser im Westen als auch das Land im Osten umfaßte. Solcherart schon vielfältigsten Anregungen ausgesetzt, reist Thales unter anderem nach Ägypten, wo ihn so zitiert Sigerist den antiken Historiker Herodot der Anblick der periodischen Überflutungen und Befruchtungen des Landes durch den Nil dazu anregte, diese Naturphänomen zu erklären. 10 Das mag ja so gewesen sein. Aber können wir es bei einer solchen Erklärung bewenden lassen?

Sollte es tatsächlich so sein, daß die Anfänge der europäischen und mittlerweile der Weltwissenschaften in einer solchen, in nahezu jeder medizinhistorischen Übersicht erneut ausgesprochenen Banalität zu sehen sind, daß ein Mann von Milet nach Ägypten reist, dort die Überschwemmungen und Befruchtungen sieht (oder vielleicht auch nur davon hört) und dann nach einigem Nachdenken zu dem Schluß kommt: Alles Leben hat Wasser zur Grundlage. Wasser ist die Grundlage allen Lebens. Solcherart angeregt, folgten im zwei-Jahrzehnte-Abstand weitere Ideen: Anaximander, um 560 v. Chr., glaubte Thales nicht und brachte ein apeiron, eine unbestimmte Substanz, als Ursprung aller Elemente in die Debatte. Anaximenes um 546 v. Chr. wiederum glaubte Anaximander nicht und brachte statt Wasser und apeiron

10 Henry E.Sigerist, Anfänge der Medizin. Zürich, Europa Verlag. 1963, 567.

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nun die Luft ins Spiel. Vielleicht hatte er beobachtet, daß jemand, dem man Mund und Nase zuhält, schneller stirbt als jemand, dem man einen Schluck Wasser ausschlägt.

Die bemerkenswerte Banalität dieser Aussage wird auch durch den Hinweis auf den mysteriösen Kontakt in Ionien von Orient und Okzident nicht gelindert. Unzählige Männer mögen von Milet nach Ägypten gereist sein. Schließlich besaß Milet in Ägypten eine Niederlassung in der Nähe des heutigen Alexandria. Zumindest möchten wir die Frage stellen: warum gerade Thales? Vielleicht gab es jemanden zuvor, der bereits angesichts des Nils oder der Fischer in irgendeinem Mittelmeerhafen den Satz notiert hatte: Das Wasser ist die Grundlage des Lebens. Wir lesen Ähnliches in dem Sammelwerk, das dem chinesischen Philosophen Guanzi zugeschriebenen wird. Der unbekannte Autor des 39. Kapitels erörtete in einem Abschnitt, der möglicherweise im 3. Jahrhundert v. Chr. verfaßt wurde, warum Wasser das „Ausgangsmaterial aller Dinge“ sei. 11 Doch das war drei Jahrhunderte nach Thales Ausspruch und erklärt uns auch nicht, warum gerade Thales mit seinem Ausspruch die europäische Wissenschaftsgeschichte begründet haben soll.

Nun ist Thales sicher nicht irgendwer. Aristoteles bezeichnete ihn als den ersten griechischen Philosophen; es ist genügend von ihm überliefert, was auch uns nahelegt, daß er eine herausragende Persönlichkeit war. Die Philosophiehistoriker erkennen im Werk des Thales die Frage nach dem „Warum“, die auch eine Frage nach dem „Woher“ ist. Sie schreiben Thales und

11 Guanzi 39, Shuidi. In Zhuzi jicheng, Zhonghua shuju, Peking. Vol.5. 1996, 235 f. Joseph Needham, Science and Civilisation in China. Cambridge, Cambridge University Press. Vol.II. 1956, 41 f.

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den übrigen Vorsokratikern ein Interesse zu, die Ursprünge und Ursachen dessen, was ist, offenzulegen. Die Suche nach dem Urstoff. Astronomische, meteorologische und auch mathematische Kenntnisse werden den Bewohnern von Milet und dem ionischen Umfeld insgesamt zugesprochen. Das ist alles schön und gut. Es erklärt jedoch nur sehr wenig. So möchten wir wissen, warum die Banalität „das Wasser ist die Grundlage allen Lebens“ vor Thales entweder noch niemandem in den Sinn gekommen war, oder aber, falls jemand solches bereits einmal geäußert hatte, warum es dann nicht auf fruchtbaren Boden fiel und die Debatte auslöste, die mit Anaximander und Anaximenes ihren Lauf nahm. Irgendein äußerer Anlaß mußte den Boden fruchtbar gemacht haben. Worin bestand dieser Anlaß?

Der Kunsthistoriker Heribert Illig hat die ebenso faszinierende wie provozierende These aufgestellt, drei Jahrhunderte des frühen Mittelalters, von etwa 610 bis 910, seien eine reine Kalenderfälschung des Hohen Mittelalters. 12 Träfen seine Überlegungen zu, dann fiele die Niederschrift zumindest eines Großteils des Buches Guanzi in das 6. Jahrhundert vor Christus und die Lösung des Rätsels wäre ganz leicht: Die Lehre des Guanzi hatte ihren Weg von Ostasien bis nach Kleinasien gefunden. Thales nahm sie auf und setzte eine Debatte in Gang, die möglicherweise noch eine geraume Zeit lang durch uns heute unbekannte Kontakte zwischen China und Ionien in der Weise angefacht wurde, bis sie schließlich eine Eigendynamik entfaltete mit den bekannten Folgen. Schön wär es. Aber die drei Jahrhunderte des frühen Mittelalters lassen sich nun einmal nicht

12 Heribert Illig, Das erfundene Mittelalter. Die größte Zeitfälschung der Geschichte. Econ

Verlag.1996.

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aus

Dunkeln suchen.

den

Pergamenten

löschen

und

so

müssen

wir

weiter

im

Zu den Schwierigkeiten, die sich bei der Beantwortung dieser Frage stellen, zählt auch der Umstand, daß die drei genannten Weisen eben in Ionien, also in Kleinasien wirkten und nicht im griechischen Mutterland, etwa in Athen. Können wir daher überhaupt auf „Griechenland“ als die Wiege der Wissenschaft schauen? Müssen wir vielleicht in den Besonderheiten etwa der politischen und gesellschaftlichen Strukturen Ioniens nach den Anregungen suchen, um die Hintergründe zu sehen, für einen damals einzigartigen kulturellen Vorgang, der die Historikerin

Charlotte Schubert zu der Aussage veranlaßte: „Die spezielle Leistung der griechischen Philosophie des 6. und 5. Jahrhunderts v.

Chr. liegt in der

durchgehenden Rationalisierung des

Höchstes Ziel war das Studium der Naturgesetze und soweit möglich auch deren Nachahmung im Verhalten. Aus der Beobachtung der Natur ergab sich ein auf alle Bereiche übertragbares Modell der Gesetzmäßigkeiten.“ 13

Am Anfang war das Studium der Naturgesetze. Das ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit; irgend ein äußerer Anlaß muß die Sinne der Philosophen für dieses Interesse geweckt haben. Aber nachdem dieses Interesse einmal geweckt war führte die Beobachtung der Natur und die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten in der Natur dann zu dem Schluß, daß auch die Krankheiten des Menschen und somit auch sein Gesundsein denselben Gesetzmäßigkeiten unterworfen seien. Das mag uns heute

13 Charlotte Schubert, Griechenland und die europäische Medizin. 500 v. Chr. 400 n.Chr. In Schott, Hg., Die Chronik der Medizin. Dortmund, Chronik Verlag. 1993, 34

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vollkommen logisch und folgerichtig erscheinen. Doch Vorsicht:

„uns“ ist zuviel gesagt. „Einer Vielzahl von Menschen“ wäre besser. Wir dürfen nicht vergessen, daß es seit jener Zeit der griechischen Antike immer auch Menschen gegeben hat, durchaus hochintelligente und umfassend gebildete Menschen darunter, die sich nicht haben überzeugen lassen, daß das Modell der Naturgesetze auf alle Bereiche übertragbar sei.

Wieder einmal werden wir auf die Grundfrage gestoßen:

Welche Anregung läßt eine bestimmte Idee, eine bestimmte Weltanschauung bei einem Teil nachdenklicher, intelligenter, gebildeter Menschen auf fruchtbaren Boden fallen. Warum aber kann dieselbe Idee bei anderen ebenfalls nachdenklichen, ebenfalls intelligenten, ebenfalls gebildeten Menschen keinen Glauben finden? So geschah es auch mit der Idee, die Naturgesetze seien ausreichend zur Erläuterung aller Vorgänge in der Natur einschließlich von Gesundsein und Krankheit. Ein Teil der Menschen in der Antike folgte dieser Idee mit allem Nachdruck; die Entwicklung der Medizin etwa ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. war die Folge. Ein anderer Teil der Menschen in der Antike folgte dieser Idee nicht und hielt stattdessen an dem bisherigen Wissen um die Macht der numinosen Kräfte fest.

Auch heute, in einer Zeit, in der die Anwendung der von den Naturwissenschaften erkannten Gesetzmäßigkeiten der Natur die Möglichkeit bietet, Flugzeuge in die Luft steigen zu lassen und kilometerlange Brücken über ganze Meerengen zu bauen, ist dieser zweite Teil der Menschen noch immer nicht überzeugt, daß die Naturgesetze über aller Existenz stehen. Für sie steht ein Gott oder mehrere Gottheiten noch über diesen Naturgesetzen. Für sie ist es

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nach wie vor sinnvoll, diesen Gott oder die Heiligen anzurufen und um Hilfe zu erbitten, einen Flug gut zu überstehen oder einen Brückenbau vor dem Einsturz zu bewahren.

Das Wissen um die Macht der numinosen Kräfte wurde niemals wissenschaftlich widerlegt weder von den frühen Naturwissenschaftlern in China, noch von den Naturwissenschaftlern in der griechischen Antike. Ein Nachweis der Nichtexistenz der numinosen Kräfte ist methodisch unmöglich. Und zudem: unzählige Beispiele von schier unglaublichen Rettungen oder scheinbaren Zufällen, die nach menschlichem Ermessen keine Zufälle gewesen sein können, haben durch die Jahrtausende deutlich genug aufgezeigt, daß dieses Wissen durchaus berechtigt ist. Warum also bei einem Teil der Menschen der deutliche Widerwille, dieses Wissen weiter zu führen und im Alltag anzuwenden, während der andere Teil der Menschen festhält an den Traditionen?

Wir wissen nicht und vermögen darum nicht zu erläutern, warum ausgerechnet Thales von Milet, Anaximander und dann Anaximenes, später Heraklit und manche andere sich auf die Suche nach den naturgesetzlichen Grundlagen aller Existenz begaben. Anders als bei der nur wenige Jahrhunderte späteren aber dennoch so erstaunlich ähnlichen Entwicklung einer auf die Erkenntnis von Naturgesetzen gegründeten Naturwissenschaft in China fällt es uns für Griechenland schwer, das politische und kulturelle Umfeld in Ionien, also Kleinasien, in der Weise offenzulegen, daß die Beziehungen zwischen etwaigen Veränderungen in diesem Umfeld und der Öffnung des Blicks auf die Naturgesetze einigermaßen plausibel darstellbar wären. Einflüsse aus dem Orient auf die

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frühen Philosophen sind nicht auszuschließen. Das macht die Situation noch undurchsichtiger.

Aber vielleicht können wir anders vorgehen. Wenn wir schon die Anregungen, die Thales von Milet und seine Kollegen dazu führten, ihre Fragen zu stellen, nicht mehr erkennen können, dann dürfen wir uns jedoch fragen, welches Umfeld diese Fragen und die wechselnden Antworten zur Kenntnis nahm? Aus heiterem Himmel und ungefragt behauptet ein Thales aus Milet, das Wasser sei der Ursprung allen Lebens. Schön! Aber wer will das wissen? Und warum sollte man das wissen?

Nun, aus dem 21. Jahrhundert im Rückblick betrachtet sind wir Herrn Thales dankbar, denn er hat ja, so scheint es, eine Entwicklung in Gang gesetzt, die es uns heute erlaubt, Flugzeuge in die Luft zu schicken und Brücken über Meerengen zu bauen. Aber das wußten seine Zeitgenossen noch nicht! Wieso sollten sie ihm zuhören? Die hatten doch ganz andere Sorgen in ihrem täglichen Leben, als einen Nutzen in der Erkenntnis zu sehen, daß Wasser, ein „Apeiron“ oder Luft der Stoff ist, der die Welt zusammenhält. Immerhin, so hat es den Anschein, dauerte es zwanzig Jahre, bis der nächste Philosoph, Anaximander, auf die Aussage des Thales reagierte und dann noch einmal zwanzig Jahre, bis Anaximenes als dritter die Debatte bereicherte. Möglicherweise hatte Thales Schüler oder Zuhörer, die seine Aussage diskutierten, ohne selbst die aufkommende Debatte zu befruchten. Dies blieb dann Anaximander vorbehalten. Und so ging es weiter, bis schließlich eine immer größere Anzahl von Philosophen und Naturwissenschaftlern einen Wissenskanon erstellt hatten, der seine eigene Dynamik der Fortentwicklung entfaltete.

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Versuchen wir also einmal zu vergessen, daß wir im 21. Jahrhundert n.Chr. leben. Versuchen wir uns vorzustellen, was zu Lebzeiten der Philosophen im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. an deren Aussagen so faszinierend gewesen sein mag, daß sie gehört und fortentwickelt wurden. Die Aussicht auf Flugzeuge und kilometerlange Brücken kann es nicht gewesen sein.

8. Die Polis, das Gesetz und die Selbstbestimmung

Wie wenig später in China, scheint der Schlüssel zum Verständnis der Vorgänge in Griechenland, einschließlich Ioniens, in dem Begriff „Gesetz“ zu liegen. Den Gesetzen der Natur wurde in China Aufmerksamkeit und Bedeutung in dem Maße zuteil, wie die gesellschaftspolitischen Veränderungen die alte Moral der Einzelbeziehungen durch die Regelhaftigkeit eines an Gesetzen orientierten Verhaltens ersetzten. Nicht mehr die durch Emotionen oder nackte Interessen geführte Willkür von Despoten, seien es menschliche Herrscher oder numinose Mächte, war den neuen Staats- und Gesellschaftsformen angemessen, sondern eine Gesetzlichkeit des zwischenmenschlichen Handelns ebenso wie des Regierens.

Alle Weltanschauungen, die in der chinesischen Antike den Ausweg aus der jahrhundertelangen Epoche der Kämpfenden Reiche zu weisen sich bemühten, waren in gleichem Maße geeignet, die ersehnte Harmonie wieder einzurichten. Konfuzianismus, Daoismus, die Mohisten, die Legalisten, die Yinyang-Schule und andere mehr. Diejenigen geistigen Strömungen, die sich schließlich durchsetzten, waren nicht in

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irgendeiner messbaren Weise besser als die anderen. Sie waren in ihrer Gesamtheit schlichtweg die geeignetsten, um der neuen Staatsform eine Grundlage zu vermitteln. Der Begriff des „Gesetzes“, des „schematisierten“ Verhaltens, des Gehorsams gegenüber den Regeln, spielte in diese Weltanschauung eine große Rolle. Ebenso wichtig war die auf Harmonie gerichtete Moral, die so lange Jahrhunderte abhanden gekommen und dann völlig neu definiert worden war.

Können wir ähnliches in der griechischen Antike erkennen? Möglicherweise ist zumindest das gesellschaftspolitische Umfeld erkennbar, das den Begriff des Gesetzes in Griechenland derart in den Vordergrund schob, daß die Historikerin zu dem Schluß kommt, den wir bereits einmal zitiert haben: „Höchstes Ziel war das Studium der Naturgesetze und soweit möglich auch deren Nachahmung im Verhalten. Aus der Beobachtung der Natur ergab sich ein auf alle Bereiche übertragbares Modell der Gesetzmäßigkeiten.“ 14

Lesen wir bei einem der intimsten Kenner der griechischen Kultur, bei H.D.F.Kitto, vormals Professor für klassische Philologie an der Universität Bristol. In seinem auch ins Deutsche übersetzten Werk Die Griechen. Von der Wirklichkeit eines geschichtlichen Vorbilds finden sich zahlreiche Aussagen, die für uns sehr aufschlußreich sind: „Die Griechen zweifelten keinen Augenblick daran, daß die Welt nicht kapriziös und willkürlich ist:

Sie gehorcht Gesetzen und kann deshalb erklärt werden. Sogar der aller Philsophie voraufgehende Homer hat so gedacht, denn hinter den Göttern (manchmal auch mit ihnen gleichgesetzt) steht

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schattenhaft die Gewalt, die Homer Ananke, >>Notwendigkeit<<, nennt, eine Ordnung der Dinge, die nicht einmal die Götter

durchbrechen können.“ 15 „Der Herr des Griechen war das Gesetz, ein Gesetz, mit dem er vertraut und von dem Gerechtigkeit zu erwarten war. Wenn er in einer ausgeprägten Demokratie lebte, dann nahm er seinen eigenen, ihm gebührenden Anteil an der Jedes willkürliche Regiment beleidigte den Griechen

Reichen des Ostens hinübersah,

das Walten eines absoluten Königs, der nicht, wie der

zuinnerst. Wenn er aber zu den

dann sah er

einstige griechische Noarch nach themis regierte oder nach einem Gesetz, das von den Göttern stammt, sondern nach seinem Wissen allein, und der sich den Göttern nicht verantwortlich fühlte.“ 16

Schon in diesen ersten beiden Zitaten aus Kittos Die Griechen sind nahezu alle Stichworte gegeben, nach denen wir suchen. Wir erfahren hier, daß bereits in der Zeit der Monarchie das Gesetz der Götter auch für die irdischen Könige verpflichtend war. Sogar die Götter mußten sich einer gewissen Grundordnung fügen. Wir erfahren ferner, daß „den Griechen“ auch eine Alternative vor Augen stand: die Herrscher des Orients, die selbst schon zu Lebzeiten als Götter galten und in ihrem Regiment keinem Gesetz unterworfen waren. Die Ionier lebten an der Schnittstelle zwischen griechischer und orientalischer Weltanschauung. Möglicherweise war ihnen der Unterschied sehr viel bewußter als den Griechen im Mutterland? Möglicherweise ist aus dieser direkten Konfrontation mit dem Despotentum und der Willkür orientalischer Regime die unbewußt wahrgenommene Anregung erwachsen, der Gesetzmäßigkeit, dem Gesetz

15 H.D.F. Kitto, Die Griechen. Frankfurt (Main), Fischer Bücherei. 1960, 143.

16 ebenda, 9.

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schlechthin in allen Bereichen menschlicher Existenz zu herausragender Geltung zu verhelfen?

Die Ablösung der Könige durch den von Bürgern verwalteten Stadtstaat, die polis, in Athen und anderen Städten bis hin nach Ionien, war ein weiterer Schritt hin zu dem griechischen Ideal einer eleutheria, nach Kitto das „Bewußtsein von der Würde, Mensch zu sein“. Diese Würde war für den Griechen der Antike nur erreichbar, wenn er an der Regierung des Staates beteiligt und nicht der Willkür des Herrschers ausgesetzt war. Solcher Willkür entgegenzuwirken, dienten die Gesetze.

In China hatten im 5. bis 3. Jahrhundert v. Chr. eine große Anzahl kleiner und kleinster politischer Einheiten in ständiger Auseinandersetzung existiert. Diese Kämpfenden Reiche verleibten einander zunehmend ein, so daß schließlich nur noch sieben und dann zwei Konkurrenten übrig blieben, aus denen am Ende der Epoche ein einziger Staat als Sieger hervorging. Als Ergebnis entstand im Jahre 221 v. Chr. das nach so langer traumatischer Zersplitterung erstmals wieder geeinte chinesische Reich. In Griechenland verlief die Entwicklung fast in der entgegengesetzten Richtung. „In Kreta“, etwa, „wo Idomeneus als einziger König geherrscht hat, finden wir über fünfzig mehr oder weniger unabhängige Poleis, fünfzig kleine >>Staaten << anstelle des einen. Aber es ist nicht so wichtig, daß die Könige verschwunden sind; wichtig ist, daß es auch kein Königtum mehr gibt. Und was von Kreta gilt, gilt von Griechenland überhaupt oder doch von jenigen Teilen Griechenslands, die in der Geschichte eine bemerkenswerte

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Rolle gespielt haben

von unabhängigen und autonomen politischen Gebilden.“ 17

Sie alle zerfielen in eine ungeheure Anzahl

Es ist die gesellschaftspolitische Eigenart dieser „unabhängigen und autonomen politischen Gebilde“, der Polis, die uns den Schlüssel liefert für ein Verständnis des hohen Wertes, der der Gesetzmäßigkeit und der Selbstbestimmung in der griechischen Antike zugemessen wurde. Nur wo Gesetze die Grundlage bilden, kann der Bürger der Polis in rationaler Selbstbestimmung die Regierungsgeschäfte in seinem eigenen Interesse mitgestalten. Die Herrschaft der Gesetze im Stadtstaat ist zugleich die Freiheit von der Willkür der Despoten. Die Suche nach den Gesetzen in der Natur ist daher zugleich die Suche nach der Freiheit in der Existenz von der Willkür der Götter. Die Zahl derjenigen, die dem neuen Trend folgten und fortan die Macht der Götter vollständig verneinten, mag verschwindend gering gewesen sein. Die Macht der Götter von heute auf morgen vollständig zu verneinen, wäre vielleicht sogar selbstmörderisch gewesen. In solchen Situationen nehmen die neuen Gedanken nicht die direkte Konfrontation mit dem status quo auf, sondern suchen sich ein indirektes Betätigungsfeld, in dem die ersehnten Strukturen leichter zu verwirklichen sind als in der gesellschaftspolitischen Wirklichkeit.

Nur wer diese Sehnsucht nach der Neustrukturierung der gesellschaftspolitischen Wirklichkeit teilte bewußt oder unbewußt, nur der konnte ein Gefallen an der neuen „Ordnung“ finden, die die Naturphilosophen für das gesamte Universum einforderten. Auf die „Vorstellung, daß der Mikrokosmos des Menschenlebens in Beziehung zum Makrokosmos des Himmels,

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bzw. des Universums gesetzt werden kann“, 18 kam man nicht durch die Beobachtung von Mikrokosmos und Makrokosmos! Zu gering ist der Ausschnitt, der jedem Menschen vor Augen steht. Zu dürftig sind die Zeichen, als daß eine derart umfassende Aussage allein auf Grund der Aussagekraft des Sichtbaren getroffen werden dürfte. Die Philosophen mußten ihre Anregungen aus einer überschaubaren Lebenssphäre empfangen, und dies war nun einmal die gesellschaftspolitische Wirklichkeit eine andere stand ihnen gar nicht zur Verfügung.

Es war der politische Wille nach Veränderung ganz bestimmter politischer Strukturen oder aber nach der Verfestigung solcher Strukturen, wo sie schon eingeführt, aber möglicherweise gefährdet waren, der den Blick auf die neue Ordnung der Natur lenkte und dann gleichsam als Forderung die Einheit des natürlichen Makrokosmos mit dem gesellschaftlichen Mikrokosmos formulierte. Nur wer diesen politischen Willen teilte bewußt oder unbewußt, nur der konnte Gefallen an den neuen Naturwissenschaften finden. Halten wir uns immer vor Augen: das ungeheure Potential dieser neuen Wissenschaften ist nur uns heute bekannt. Dieses Potential war im 6., 5., 4. Jahrhundert nicht einmal am fernsten Horizont erkennbar. Der Wille zu Freiheit und Selbstbestimmung lenkte den Blick auf die Gesetze der Natur, nicht irgendwelche Verheißungen von Flugzeugen und Brücken über Meerengen!

Lesen wir noch einige weitere Zitate aus Kittos Die Griechen, um das Umfeld, das die Polis bot, umfassend einschätzen zu können:

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„Die Griechen sahen in der Gesamtheit ihrer Gesetze, in

den nomoi ihrer Polis, eine sittliche und schöpferische Macht. Sie waren nicht nur dazu da, im einzelnen Falle für Gerechtigkeit zu sorgen, sondern die Gerechtigkeit zu prägen und einzuschärfen. 19 „Und deshalb wurde Sparta wegen seiner eunomia bewundert, wegen seiner >>Wohlversehenheit mit guten Gesetzen<< - weil es seine Bürger durch seine Gesetze und Einrichtungen in

ungewöhnlicher Vollkommenheit zu einem Ideal

lobte Sparta, weil es seine Gesetze Jahrhunderte hindurch nicht

verändert hatte.“ 20

Man

„Das nächste Ereignis, von dem wir hören, ist die Aufzeichnung von Gesetzen, die im Jahre 621 v. Chr. unter einem gewissen Drakon veröffentlicht wurde. Bisher hatte es nur mündlich überliefertes Gewohnheitsrecht gegeben, das von der Adelsklasse, der Nachfolgerin der Monarchie, gehütet und verwaltet wurde. Schon Hesiod hatte heftige Anklage gegen

>>Fürsten, die

Auf jeden Fall wurde das überlieferte Recht kodifiziert und veröffentlicht in seiner ganzen Härte. So gewährte es wenigstens etwas Schutz gegen willkürliche Bedrückung.“ 21 Wir sehen den politischen Zusammenhang: den Übergang von der Monarchie über die Adelsherrschaft zu der attischen Demokratie, die als Versammlung aller Bürger von dem im Jahre 594 v. Chr. für einen begrenzten Zeitraum mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteten Wirtschaftsexperten und Dichter Solon (ca. 640 561 v. Chr.)

verbogene Entscheidungen fällen<<

19 Kitto, 1960, 64.

20 ebenda, 65.

21 ebenda, 69.

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begründet und von Kleisthenes als „einzigem und endgültigem Gesetzgeber“ 22 bestätigt wurde.

Wichtig ist, daß wir die allumfassende Breite der neuen Tendenz anerkennen. Die Auswirkungen der Gesellschaftspolitik auf das Naturverständnis sind allein dann mehr als nur eine schwache Vermutung, wenn wir uns der vielfältigen kulturellen Formen bewußt werden, in denen die Forderung nach neuen Strukturen, nach einer neuen Ordnung ihren Ausdruck fand. Hier ein Beispiel: „So wird für Aischylos die ausgereifte Polis zum Instrument, durch das das Gesetz erfüllt wird, ohne daß Chaos entsteht, indem öffentliche und allgemeine Gerechtigkeit die private Rache verdrängt.“ 23 Der Dichter Aischylos, 525-456 v. Chr., ist nicht von ungefähr durch seine Dramen berühmt geworden. Sie entsprachen auf überaus subtile und dennoch höchst eindrucksvolle Weise der Sehnsucht nach Befreiung des Menschen aus der Willkür der Götter. Aischylos verneinte die Existenz der Götter keineswegs. Indem er jedoch dem einzelnen Menschen auch dann noch die Verwantwortung für ein schuldhaftes Verhalten anlastete, wenn ihn die Götter zu diesem Verhalten bewegt hatten, stellte er die Eigenverantwortung des Menschen in den Vordergrund der Mensch, so die Forderung, muß sein Schicksal selbst gestalten. Den Rahmen für diese Gestaltung bildet das Recht.

Wir könnten noch weiter nach Hinweisen suchen, die uns erkennen lassen, welche Voraussetzungen erforderlich waren, damit sich eine Naturwissenschaft herausbilden konnte, die auf der

22 ebenda, 76.

23 ebenda, 49.

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Annahme der alles durchdringenden Existenz von Naturgesetzen gegründet war. Aber vielleicht genügt das, was hier bereits ausschnitthaft zusammengetragen wurde, um den wichtigsten Punkt unserer Argumentation zu belegen. Es bestand in Griechenland offenbar seit Urzeiten die Gewißheit, in einer Ordnung zu leben. Dieser Ordnung waren die Götter, die Herrscher und die Beherrschten unterworfen. Spätestens im 6. Jahrhundert v. Chr. setzte sich in einigen zentralen Regionen Griechenlands die politische Tendenz durch, sich von der Willkür der Herrschenden, seien es Götter oder irdische Monarchen, zu befreien und alles Handeln solchen Gesetzen zu unterwerfen, denen alle gleichermaßen verpflichtet sind. Die kleine politische Einheit der Polis ermöglichte in zähem Ringen und mit manchen Rückschlägen die zeitweilige Annäherung an diese Ideale. Gesetzmäßigkeit des Regierens und Selbstbestimmung in Selbstverantwortung waren die Ziele.

Möglicherweise schuf diese Tendenz die Voraussetzungen und die Anregungen für den neuen Blick auf die Natur. Nicht die Natur selbst besaß ausreichend Aussagekraft. Die Natur wurde erst durchschaubar, als die gesellschaftspolitischen Veränderungen von der Monarchie zur Demokratie und der weltanschauliche Wandel von der Willkür der Götter zu der Eigenverantwortlichkeit des einzelnen Menschen die Projektion der gesellschaftspolitischen Zielvorstellungen und der weltanschaulichen Neuorientierung auf die Natur bedingte. Viele Beispiele gibt es (einige werden wir noch im Einzelnen anhand der Geschichte der Medizin in China und in Europa erörtern), daß politische Zielvorstellungen zuerst in dem eher unverfänglichen Rahmen heilkundlichen Denkens ihren Ausdruck fanden, ehe sie sich in konkreten politischen

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Programmen niederschlugen. In Hinblick auf die griechische Antike mußte uns zunächst einmal daran gelegen sein, das Umfeld auszuleuchten, das der Entwicklung der Naturwissenschaften förderlich war und das den Äußerungen der Naturphilosophen einen fruchtbaren Nährboden lieferte. Die Frage, die wir uns eingangs gestellt hatten, lautete: warum gerade zu jener Zeit, warum gerade an jenem Ort?

9. Der Einzelne und das Ganze

Wir haben zwei verschiedene Zivilisationen des letzten Jahrtausends vor der Zeitenwende näher betrachtet, China und Griechenland, da in beiden eine Naturwissenschaft entstand, die wiederum als notwendige Vorbedingung anzusehen ist für die Herausbildung einer Medizin aus einer bereits seit langem angewandten Heilkunde. Vorbedingung für die Entstehung einer Naturwissenschaft ist, um dies zu wiederholen, die in zumindest einem Teilbereich der Bevölkerung vorhandene Gewißheit, daß alle Natur einer Ordnung folgt, daß natürliche Abläufe regelhaft sind und somit Gesetzen folgen. Diese Einsicht in die Natur, so die Hypothese, kann nicht aus der Natur selbst angestoßen werden; sie muß durch Anregungen aus einer überschaubaren Arena menschlicher Existenz hervorgehen, und das ist nun einmal allein die Arena der zwischenmenschlichen Aktivitäten, einschließlich der Erfahrung von Herrschen und Beherrschtwerden.

Es ist bemerkenswert, daß in der Antike Chinas das Bewußtsein um die Notwendigkeit der Gesetze vor einem gänzlich anderen Hintergrund erwuchs als in der griechischen Antike. In China verlangte die stetig größere politische Einheit den Abschied

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von der in Einzelbeziehungen und Emotionen begründeten Willkür der Herrschenden. Diejenige politische Philosophie, die in Kapitel 80 des Daodejing das Ideal der kleinstmöglichen politischen Gemeinschaft aufstellte, einer Gemeinschaft, die keinerlei Kontakte suchte mit den in Ruf- und Sichtweite benachbarten Gemeinschaften, diese politische Philosophie stand der Formulierung von Gesetzen durch die Menschen zutiefst mißtrauisch gegenüber und fand daher keinen Eingang in die Regierungsverantwortung des großen geeinten chinesischen Reiches auch wenn ihre Anhänger gleichsam als Opposition eine Vision aufrechthielten, die lange Jahrhunderte kulturprägend blieb. In der griechischen Antike, so schien es, ließ sich das Ideal einer an Gesetzen orientierten Regierung allein in eben solchen kleinsten politischen Einheiten, dem Stadtstaat der Polis, verwirklichen, da dieses Ideal auch die Selbstbestimmung jedes einzelnen Vollbürgers mit umfaßte ein Aspekt, der uns später noch einmal wichtig sein wird für ein Verständnis eines besonders bemerkenswerten Unterschieds zwischen chinesischer und griechischer Medizin.

Einen anderen Unterschied können wir hier bereits ansprechen. Wie wir gesehen hatten, kam die Vorstellung einer „Ordnung“ in der jungen chinesischen Naturwissenschaft ganz wesentlich auch in der Vorstellung einer systematischen Korrelation und Korrespondenz aller Phänomene zum Ausdruck. Diese Vorstellung ging einher mit der vor allem in der konfuzianischen politischen Philosophie betonten Gewißheit, daß die Überwindung der „kataklysmischen Wirren“ nicht zuletzt dadurch erreicht werden könne, daß sich der Mensch wieder als Teil des Ganzen erkenne. Der Einzelne, so die Folgerung aus der

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Lehre des Konfuzius, muß dahin gebracht werden zu erkennen, daß sein Handeln bedeutend ist für das Wohlergehen des großen Ganzen. Die angestrebte Ordnung besteht nicht aus einem beziehungslosen Nebeneinander unzähliger Einzelheiten. Diese Ordnung ist nur vorstellbar, wenn die Erkenntnis um sich greift, daß jeder Einzelne auf Grund seiner Verflechtung mit allen anderen eine Verantwortung trägt, durch sein Verhalten zu der Gesamtordnung beizutragen.

Zumindest für die Zeit des 6. und 5. Jahrhunderts ist etwas Ähnliches in Griechenland nicht zu erkennen. Ansätze einer Korrelation sind später auch in der griechischen Medizin zu erkennen; wer weiß, woher die Anregungen dazu stammten. Aber weder die griechische Naturwissenschaft, also das Verständnis der Ordnung in der Natur, noch auch die griechische Medizin insgesamt sind im Gegensatz zu der chinesischen Medizin durch ein Denken in Kategorien der systematischen Korrelation und Korrespondenz aller Phänomene geprägt. Hier gaben Thales, Anaximander, Anaximenes und Empedokles (um 495-435 v. Chr.) die Richtung vor: Die Betonung lag von Anfang an auf der Aufspaltung der Phänomene in ihre Grundstoffe und später dann in ihre Elemente. Die für die chinesischen Wissenschaften maßgebliche Zusammenschau der Phänomene blieb in Griechenland von nachrangiger Bedeutung. In Griechenland gab es die mehrere Jahrhunderte währenden „kataklysmischen Wirren“ nicht, die in China die Notwendigkeit der wieder herzustellenden Einheit des Landes in das allgemeine Bewußtsein gerückt und die Augen auf die systematische Korrelation und Korrespondenz aller Phänomene gerichtet hatte. Auch keine andere Anregung ist

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erkennbar, die zu können.

einer solchen

Weltanschauung hätte

führen

10. Nichtmedizinische Heilkunde

Medizin ist die Übertragung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf den Organismus. Wenn wir uns diese Definition zu eigen machen und das wollen wir zumindest in diesem Buch, dann kann es im wirklichen Leben keine rein medizinische Heilkunde geben. Die medizinische Heilkunde wird seit zwei Jahrtausenden von einer nicht-medizinischen Heilkunde begleitet. Daran wird sich wohl auch in Zukunft nichts ändern. Auch nach mehr als zwei Jahrtausenden ist das Bemühen um eine naturwissenschaftliche Deutung von Kranksein noch längst nicht von Erfolg gekrönt. Auch heute, im 21. Jahrhundert, kann Medizin nicht ohne die nicht-medizinischen Anteile der Heilkunde auskommen.

Nichtmedizinische Heilkunde ist unwissenschaftliche Heilkunde. Als solche bezeichnen wir eine Vielzahl von Konventionen, die sich aus irgendeinem Grunde in die Erklärung und Therapie von Kranksein eingeschlichen haben. Ihnen ist gemeinsam, daß sie allein deshalb fortgeführt werden, weil alle es so machen. Daher der deutsche Name „Übereinkunft“ für „Konvention“. Die Tatsache, daß man es immer schon so gemacht hat oder daß alle es so machen, ist die einzige Rechtfertigung solcher unwissenschaftlichen „Übereinkünfte“. Sie machen beispielsweise in der modernen Orthopädie nach seriösen Schätzungen einen Anteil von 95% aller ärztlichen und physiotherapeutischen Eingriffe aus. Dennoch empfinden viele

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Patienten auch nach der Anwendung solcher nicht-medizinischer, allein konventionell legitimierter Therapien eine Besserung ihres Empfindens.

Aber darum geht es hier nicht und um Polemik schon überhaupt nicht. Wir wollen uns auf die so enge Definition des Begriffs Medizin konzentrieren, um die Entstehung und spätere Fortentwicklung eines Teilbereichs der Heilkunde zu verstehen. Zugegeben, dieser Teilbereich ist für viele seit langem schon und heute ganz besonders der wichtigste Teilbereich der Heilkunde. Die Ideale der Universitätsausbildung sind allein auf das Ziel einer medizinischen Heilkunde ausgerichtet, auch wenn es bei genauerem Hinsehen nicht nur in der Lehre, sondern auch in der Anwendung in den Universitätskliniken gar manchen medizinisch weißen Fleck gibt, der durch nicht-medizinische Heilkunde ausgefüllt wird.

Nicht-medizinische Heilkunde überlebt einerseits gleichsam als Lückenfüller für die Regionen, in die die Wissenschaft noch nicht vordringen konnte. Nicht-medizinische Heilkunde überlebt andererseits jedoch auch selbständig gleichsam als gleichberechtigter Partner der Medizin. Vor allem dies wird uns hier noch interessieren. Es ist ja keineswegs so, daß nur die Intelligenten sich für die Medizin begeistern und die Nicht- Intelligenten der nicht-medizinischen, also naturwissenschaftlich unbegründeten Heilkunde anhängen. Der Blick in die Anhängerschaft aller heilkundlichen Richtungen zeigt, daß die Intelligenz überall die gleiche Verteilung hat. Also müssen wir uns fragen: warum entscheiden sich die einen für diesen und die

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anderen für jenen Weg? Was beeinflußt diese Entscheidungen? Dem wollen wir nachgehen.

Wenn wir die Entstehung und anschließende Weiterentwicklung der Medizin untersuchen, dann müssen wir einen Blick auf die ältere nicht-medizinische Heilkunde werfen. Wir müssen uns auch fragen, ob es allein das Unvermögen der medizinischen Heilkunde war, alle Episoden körperlichen und geistigen Leidens zu beherrschen, das der nicht-medizinischen Heilkunde einen andauernden Freiraum gewährte.

Nun werden vielleicht viele Leser denken: ohne Zweifel, nicht-medizinische Heilkunde hat viele gute Wirkungen. Es tut nichts zur Sache, daß die Naturwissenschaft die Wirkung des Wadenwickels oder des Quarkwickels nicht in jedem Detail in der langen Kette der biochemischen und biophysikalischen Ereignisse zwischen Anwendung und Heilergebnis erklären kann. Diese Verfahren haben ihre gute Wirkung und daher haben sie auch, eine unbegrenzte Zukunft - jedenfalls so lange die Menschheit noch nicht allzu vergeßlich geworden ist angesichts der eindringlichen Werbung für moderne, kommerzielle Medikamente. Das ist richtig. Aber wir wollen auf etwas anderes hinaus: wir befinden uns nicht auf der Wirkungsebene, sondern auf der Deutungsebene.

Immer sind neben der zeitgemäßen, wissenschaftlich begründeten medizinischen Heilkunde auch alternative Vorstellungen erdacht und vorgetragen worden, wie Kranksein entsteht, was die Natur der Krankheiten ist und wie man sich am besten dagegen schützt, bzw. aus einer Krankheit wieder zurück zur Gesundung findet. Das ist die Ebene, die wir im Auge behalten

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wollen. Es ist die Ebene der Theorien, die Ebene der Weltanschauung, die hier auf die Anschauung des Organismus und seiner Komponenten reduziert ist. Denn wir wollen, wie schon im Falle der Entstehung der Naturwissenschaften, wissen: warum zu dieser Zeit, warum an diesem Ort? Und wir fügen noch hinzu:

warum mit diesen Inhalten? Wenn wir diese Fragen beantworten können, dann wissen wir, was Medizin ist. Dann haben wir eine Erkenntnis gewonnen, die durchaus gesundheitspolitische Auswirkungen haben könnte.

Wenden wir uns den beiden Medizintraditionen zu, die wir lückenlos von der Gegenwart bis in ihre Anfänge zurückverfolgen können, dann stellt sich, wie schon bei unserer Erörterung der Voraussetzungen der Naturwissenschaften, die Frage, wo wir uns zuerst hinwenden sollen. Nach China, zu den Wurzeln der chinesischen Medizin? Oder in den östlichen Mittelmeerraum, wo an der Peripherie des antiken Griechenlands die griechische Medizin entstand?

Aus ebendenselben Erwägungen, die uns bei der Erörterung der Ursprünge des naturwissenschaftlichen Denkens zuerst nach China geführt haben, sollten wir auch unsere Erörterung der Ursprünge und der frühen Inhalte medizinischen Denkens wieder in der chinesischen Antike beginnen lassen. Die Datenlage macht es uns in China so viel einfacher als in der griechischen Antike. Wir haben exzellente Zeugnisse über die vormedizinische Heilkunde in China. Wir können auch die frühen medizinischen Texte Chinas unvergleichlich besser zeitlich einordnen als die frühen Schriftquellen der griechische Medizin. Tatsache ist zudem, daß es die Untersuchung der chinesischen Antike war, die die Anstöße zu

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diesem Buch gegeben hat. Die Situation nicht nur der griechischen Antike, sondern auch aller folgenden Jahrhunderte in Europa ist sehr viel verworrener als in China. Es waren die Einsichten, die wir aus der Kenntnis der Vorgänge in China gewonnen haben, die uns die Möglichkeit gaben, die entsprechenden Fragen auch an das europäische Material zu stellen.

11. Mawangdui. Frühe Heilkunde in China

Es ist noch gar nicht lange her, daß die Erde Chinas einen Schatz preisgab, der ihr vor fast genau 2000 Jahren anvertraut war. Dieser Schatz ist für unsere Erörterung von größtem Wert. Im Jahre 167 wurde auf dem Gebiet der heutigen Stadt Hunan unweit der Landeshauptstadt Changsha eine adelige Familie bestattet. Wie damals allgemein in den führenden Schichten der Gesellschaft üblich, versorgte man die Toten für ihr „Sein“ in der Nach- oder Unterwelt mit allen wichtigen Dingen des Alltagslebens. Dazu zählten nicht nur Landkarten oder Musikinstrumente. Neben vielen anderen Dingen, die man als nützlich erachtete, waren den Verstorbenen auch insgesamt 14 heilkundliche Texte mitgegeben worden.

Das war ein aufsehenerregender Fund! Die Grabung in dem mittlerweile weltbekannten Hügel von Mawangdui erwies sich als ein Durchstich direkt in das kulturelle Herz der frühen Han-Zeit nur wenige Jahrzehnte nach der erstmaligen Einigung des chinesischen Reiches im Jahre 221 v. Chr. Mittlerweile sind noch weitere Gräber jener Epoche gefunden und geöffnet worden. Sie bestätigen den Eindruck, den schon die Funde von Mawangdui hinterließen. Es gab offenbar über weite Entfernungen hinweg einen Austausch von

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Büchern. Ein Netz von Autoren und Büchersammlern und Lesern war weiträumig in der Lage, einen Markt für literarische Erzeugnisse aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Technische und philosophische Texte fanden so ihren Weg durch das große Reich. Wir interessieren uns hier freilich nur für die heilkundlichen Schriften.

Gehen wir davon aus, daß die Texte etwa des Grabes von Mawangdui nicht gerade vorgestern verfaßt worden waren, als die Sammlung des verstorbenen Grafen in das Grab gelegt wurde. Sie stammen also aller Wahrscheinlichkeit aus dem späten 3. bis frühen 2. Jahrhundert vor Christus. Sie erzählen uns, daß die Gebildeten jener Zeit die Ursachen des Krankseins in vor allem zwei schadenbringenden Einwirkungen sahen. Das waren einmal eine sehr vielfältige Schar von Geistern und Dämonen und zum anderen eine ebenso vielfältige Schar von Kleinstlebewesen. Die Kleinstlebewesen erscheinen uns sinnvoll. Wir würden heute sagen: Mikroben, oder gar Bakterien und Viren. Selbstverständlich denken wir auch an die Würmer, die sich gelegentlich in den Körperöffnungen oder im Stuhl zeigen. Das ist eine Realität.

Diese Realität existierte auch in China vor zwei Jahrtausenden. Die Verwurmung des menschlichen Körpers ist in manchen Regionen Chinas noch heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts so weit verbreitet, daß die dortigen Bewohner davon ausgehen, daß ein normaler, also gesunder Mensch von Würmern befallen sein muß. Es dürfen nicht zu viele sein. Es wäre auch schädlich, wenn gar keine im Magen oder Unterleib wären. Es müssen schon einige vorhanden sein, sonst funktioniert die Verdauung nicht. Was normal ist, was gesund ist, und was nicht,

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dafür gibt es keine objektiven Maßstäbe. Die Festlegung von Normen und somit die Abgrenzung von Gesundheit oder Krankheit ist immer eine kulturelle Leistung.

Bei den Geistern und Dämonen sind wir versucht zu sagen, solchen Aberglauben habe es überall einmal gegeben. Ist das wirklich so? Nein, der Glaube an Geister und Dämonen ist keine Vergangenheit. Er ist genauso wie das Wissen um die Mikroben, die Viren, die Würmer Teil unserer Gegenwart. Die Bezeichnungen mögen sich geändert haben. In unserem Teil der Welt gibt es weite Bevölkerungskreise, die an einen Gott oder an Engel glauben. Besser gesagt: die von der Existenz Gottes oder der Engel wissen. Wie können sie das wissen? Weil es für sehr, sehr viele Geschehnisse gar keine andere Erklärung gibt als das Wirken eines Gottes oder eben eines Schutzengels. Wer auf diese Erklärung verzichtet, muß damit leben, daß es gar keine Erklärung gibt. Aber die meisten Menschen möchten für alles und jedes eine Erklärung haben. Sie möchten auch jemanden wissen, der über den Nöten des Alltags steht und mit wahrhaft übermenschlichen Fähigkeiten vielleicht auf inständiges Bitten und Beten reagiert und Abhilfe schafft. Es gibt unzählige Beispiele, die solches Wissen in aller Deutlichkeit belegen.

So wird das auch vor zwei Jahrtausenden in China gewesen sein. Man lebte in einer Welt mit Geistern und Dämonen ebenso wie mit den Würmern und anderen Kleinstlebewesen. Die Kleinstlebewesen befielen das Getreide, so daß die Körner „krank“ wurden, abstarben, verfaulten und für den Menschen nicht mehr genießbar waren. Was lag da näher, als bei der vielleicht furchtbarsten Krankheit, der Lepra, anzunehmen, daß hier

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dieselben Kleinstlebewesen am Werke waren. Bei der Lepra sah man die Fäulnis aus dem Inneren heraus wachsen. Da verfielen die Nase, die Wangen, die Gaumen, die Finger, die Füße. Alles ohne sichtbare äußere Einwirkung. Offenbar war da der Wurm drin. Derselbe Wurm, der auch das Getreide faulen ließ. So lesen wir es in den heilkundlichen Schriften aus dem Grab von Mawangdui aus dem Jahre 167 v. Chr.

Würmer oder Kleinstlebewesen waren für viele Arten von Krankheiten verantwortlich. Welche Gedankengänge im einzelnen dazu führten, daß manche Leiden auf die Kleinstlebewesen, andere auf die Einwirkung von Geistern und Dämonen zurückgeführt wurden, läßt sich heute nicht mehr sagen. Wir sprechen auch vom „Schlaganfall“, weil man in früheren Zeiten zu der Einsicht gelangte, jemanden müsse „der Schlag getroffen haben“. So ganz aus dem Nichts. Das kann doch nur ein gewißlich existierender, aber dennoch unsichtbarer Geist gewesen sein. Ähnlich der Hexenschuß. Wie sich ein Schuß mit dem Pfeil in den Rücken anfühlt, das wußte in alten Zeiten jeder. Dasselbe Gefühl aber ohne sichtbaren Pfeil oder Schützen, das konnte nur von einem unsichtbaren Feind verursacht sein. So oder ähnlich mag auch der Gedankengang in der chinesischen Antike verlaufen sein.

Abhilfe gegen die Einwirkungen der Dämonen, Geister und Kleinstlebewesen gab es durchaus. Dämonen und Geister konnte man ansprechen. Mit Bannsprüchen zeigten ihnen die Menschen auf, mit welchen noch mächtigeren Geisterwesen sie im Bunde standen: Verschwinde, lautete der Befehl des Heilers oder des Betroffenen an die Verursacher, oder ich hole meinen Verbündeten und der wird Dir’s zeigen! Das half oft genug. Auch heute noch

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kann jeder das probieren und wird vielleicht überrascht sein, wieviele Erkrankungen sich auf diese Weise wirksam behandeln lassen. Nicht alle. Aber doch ausreichend viele, um die Gewißheit von der Einwirkung der Geister und Dämonen immer wieder neu zu verfestigen.

Auch die Kleinstlebewesen ließen sich auf mannigfache Weise von ihrem zerstörerischen Werk abbringen. Sprechen konnte man mit ihnen nicht. Aber abführen ließen sie sich aus den natürlichen Körperöffnungen. Töten konnte man sie, wenn sie im Körper blieben. Auch Erbrechen oder Schwitzen waren geeignet, um die bösen Eindringlinge zu entfernen. Nichts, was die Heilkundigen damals in China unternahmen, ist uns gedanklich oder technisch fremd.

Ein Wissen, wie es im Körper ausschaut, hatte man in den heilkundlichen Schriften ebenfalls festgehalten. Da gab es eine ganze Reihe von einzelnen, schlauchartigen Gefäßen, in denen sich etwas ruhig oder erregt hin und her bewegen konnte. Das war zum einen das Blut. Das Blut floß aus Wunden und die Frauen verloren es bei der Geburt und während der monatlichen Periode. Zuviel Blutverlust brachte den Tod. Wer wollte da die lebenswichtige Funktion dieser Flüssigkeit bestreiten? Zum anderen bewegte sich in diesen schlauchartigen Gefäßen das rätselhafte Qi. Gesehen hat es keiner. Aber daß es vorhanden ist und daß es lebenswichtig ist, das stand außer Zweifel. Das Qi ging durch Mund und Nase und andere Körperöffnungen ein und aus. Man brauchte nur Mund und Nase wenige Minuten zu verschließen und hatte den Tod vor Augen. Wer wollte da die lebenswichtige Funktion dieses Qi bestreiten? Was sich die antiken Beobachter genau unter diesem Qi

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vorstellten, ist nicht überliefert. Das Schriftzeichen, das möglicherweise bewußt zur Bezeichnung dieses neuen Konzepts entworfen wurde, verweist auf „Dämpfe, die aus Reis aufsteigen“. Schriften aus dem 1. Jahrhundert n.Ch. legen den Schluß nahe, daß das Qi als eine feinstverteilte, luftartige Materie angesehen wurde. Sie konnte sich verdichten und als feste Materie sichtbare Form annehmen. Sie konnte sich zerstreuen und unsichtbar in der Luft aufgehen.

Die insgesamt elf Schlauchgefäße, in denen Blut und Qi hin und her rauschten, waren an verschiedenen Körperstellen fühlbar. Da pochte es mal mehr, mal weniger. Manche der Gefäße waren mit einem Organ, etwa dem Herz, verbunden. Aber die Gefäße waren nicht miteinander verknüpft. So weit war man noch nicht.

Wir könnten noch viel mehr über die vormedizinische Heilkunde und Körperkenntnis im antiken China des ausgehenden 3. und frühen 2. Jahrhunderts v. Chr. aufzeigen. Doch das Gesagte soll ausreichen als Grundlage für die Erörterung der Anfänge der Medizin, die sich vor diesem Hintergrund alsbald entwickelte. Interessierte seien an die Übersetzung aller in Mawangdui gefundenen Schriften durch den amerikanischen Sinologen Donald Harper verwiesen. 24 Für uns gilt es festzuhalten: Die vormedizinische Heilkunde basierte auf dem Wissen um die Verursachung der Krankheiten durch Geister und Dämonen, sowie durch Würmer und andere Kleinstlebewesen. An Therapien gab es Bannsprüche und eine bemerkenswert reichhaltige Arzneikunde. Die antike chinesische Arzneikunde kannte mehr als zweihundert Natursubstanzen zumeist pflanzlicher Herkunft, die mit

24 Donald Harper, Early Chinese Medical Literature. The Mawangdui Medical Manuscripts. Kegan Paul International, London and New York. 1997.

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aufwändigen Verfahren aus dem Rohzustand in Arzneidrogen und aus Arzneidrogen zu Arzneiformen, also Pillen, Pulver, Bädern, Salben, etc. verarbeitet wurden. Nicht zuletzt ein differenziertes Vokabular für die vielen technischen Vorgänge zeigt uns den hohen Stand der damaligen Arzneikunde auf. Mit Sicherheit wurden mit diesen Arzneidrogen mindestens so gute Wirkungen erzielt, wie mit den Bannsprüchen.

Das also war die Ausgangslage zu Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr. in China. Intelligente Menschen und aufmerksame Naturbeobachter waren zu mannigfaltigen Einsichten in die Gesetzmäßigkeiten der Natur und die Ursachen des Krankseins gelangt. Diese Einsichten teilten sie einander über große Entfernungen in ungezählten Schriften mit. Diese Einsichten wandten sie auch an, um im Falle von Kranksein Heilung zu bewirken. Sie waren sich ihrer Sache genauso sicher, wie wir es heute sind, wenn wir unsere Studenten in das Wissen der Gegenwart einführen. Doch nur wenige Jahrzehnte später, im 1. Jahrhundert v. Chr., nahm die Heilkunde in China eine völlig andere Gestalt an es entstand erstmals eine Medizin. Wie konnte das geschehen? Dieser Frage wollen wir nachgehen.

12. Der biologische Mensch ist in jeder Kultur identisch. Warum nicht auch die Medizin?

Zur Medizin wird Heilkunde, wenn die Heilkundigen Naturgesetze erkennen und allein unter Zuhilfenahme dieser Naturgesetze zu erkunden suchen, welche Erklärungen es für die Funktionen des Körpers geben könnte. So hatten wir eingangs argumentiert. Merkwürdig ist, daß es in vielen Kulturen

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gleichzeitig und über die Jahrhunderte hinweg auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Arten von Medizin zu geben scheint. Wie oft haben wir vernommen, daß Westliche Medizin und Chinesische Medizin „Alternativen“ darstellen oder sich in ihrer Andersartigkeit zumindest „komplementär“ verhalten! Wie weit diese Aussagen zutreffen, wird noch zu erörtern sein. Zunächst einmal wollen wir grundsätzlich zu ergründen suchen: Welche Parallelen verbanden und welche Unterschiede trennten die beiden medizinischen Traditionen in Ost und West? Welche Kontinuitäten verbinden und welche Neuerungen trennen Vergangenheit und Gegenwart? Wenn wir dies beantwortet haben, dann müssen wir uns fragen: Woher rühren die Parallelen und die Unterschiede zwischen den beiden medizinischen Traditionen in Ost und West? Woher rühren die Kontinuitäten und Neuerungen im Vergleich von Vergangenheit und Gegenwart?

Für die historische Entwicklung und somit für die Neuerungen könnte eine erste plausible Antwort lauten: das ständige Bestreben der Forscher, der Naturkundler und der klinisch praktizierenden, also direkt in Kontakt mit den Kranken stehenden Ärzte hat zu fortlaufend besseren Einsichten geführt. Das ist die Grundlage der Fortschritte in der Medizin. Diese Fortschritte sind nicht zuletzt auch in Zusammenwirken mit den Fortschritten der Technik zustande gekommen. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Der Herzschrittmacher oder das neue Hüftgelenk sind ohne den Fortschritt der Technik und der Materialkunde nicht denkbar. Aber ob das auch für die Grundannahmen zutrifft, auf denen jede Heilkunde und somit auch der Teilbereich der Heilkunde, den wir Medizin nennen, basiert, das wollen wir zunächst einmal offen lassen.

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Eine Antwort auf die Frage nach den Ursachen für die Unterschiede zwischen den Medizintraditionen in Ost und West könnte lauten: verschiedene Religionen und andere kulturelle Eigenarten sind eben auch für die Unterschiede in der Entwicklung der medizinischen Traditionen verantwortlich. Das klingt ebenfalls plausibel. Aber es erklärt nicht viel. Tatsächlich gibt es, wie wir noch sehen werden, keine für „die chinesische Kultur“ repräsentative Medizin. Es gibt auch keine für die gesamte „europäische Kultur“ repräsentative Medizin. Es gibt zwar Medizintraditionen, die die Entwicklung zu beherrschen scheinen, aber das ist auch schon alles. Stets hat es innerhalb Chinas und auch innerhalb Europas verschiedene Gruppen gegeben, die unterschiedlichen Vorstellungen von den Ursachen des Krankseins anhingen und wie man am besten Vorbeugung oder Therapie betreibe.

Wir dürfen ohne jeden Zweifel davon ausgehen, daß die biologischen Grundlagen der Intelligenz in allen Zivilisationen in gleichem Maße vorhanden sind. Wir dürfen auch davon ausgehen, daß die biologischen Grundlagen von Kranksein und Gesundheit bei allen Menschen weitestgehend identisch sind. Freilich, es gibt begründete Annahmen, daß kleinere Abweichungen etwa in der Ausstattung mit einem bestimmten Enzym bei unterschiedlichen Völkern zu Unterschieden etwa in der Verträglichkeit von Milchprodukten oder Alkohol führen. Das ist für uns jedoch nur von nachrangiger Bedeutung. Wichtig ist, daß ein Zahnschmerz überall ein Zahnschmerz ist auch wenn die Fähigkeit, mit solchen Schmerzen umzugehen, sie zu ertragen, unterschiedlich ausgeprägt sein mag.

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Es gibt genügend Hinweise, daß die Angehörigen mancher Kulturen den Schmerz gleichsam in sich hineinbeißen. In solchen Kulturen ist der Schmerz ein Gegner, dem man keinen Punktsieg zugestehen möchte. Man steckt ihn weg, wie einen Boxhieb. Es gibt andere Kulturen, in denen ist es üblich, den Schmerz den Mitmenschen mitzuteilen und durch lautes Klagen Mitleid einzufordern. 25 Solche Unterschiede ändern freilich nichts daran, daß der Schmerz ein kulturübergreifender und historisch beständiger Aspekt menschlichen Lebens ist. Ähnliches könnte man über Geschwüre, Nasenbluten, Blindheit, Durchfall, Wurmbefall, Schwindel und Ohnmacht, Husten oder auch Malaria sagen, um nur einige Beispiele herauszugreifen.

Wir haben also auf der einen Seite den Menschen. Er ist Beobachter seiner selbst und der Natur, in der er lebt. Er ist in jeder Zivilisation mit dem gleichen Maß an Einsichtsfähigkeit ausgestattet. Auf der anderen Seite haben wir die Realität der mannigfachen Zustände, die über alle Zeiten und kulturellen Grenzen hinweg als unerwünscht, als Abweichungen von der Norm, als Krankheit angesehen werden. Warum nun ergibt sich ein unterschiedliches Bild ein und derselben Wirklichkeit bei Betrachtern gleicher Intelligenz? Offenbar schiebt sich zwischen den Beobachter und das zu Beobachtende etwas, das sowohl im interkulturellen Vergleich als auch in der historischen Abfolge für diese unterschiedlichen Bilder verantwortlich ist. Diesen Filter, der das Bild so oder so erscheinen läßt, gilt es zu erkennen. Dieser Filter bestimmt die Eigenart der Medizin jeder Kultur und jeder Epoche.

25 Mark Zborowski, People in Pain. San Francisco, Josey Bass. 1960, 20.

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13. Das Körperbild des Gelben Kaisers

Zurück zu der chinesischen Antike. Uns liegen Schriften vor, aus denen sich die Anfänge der Medizin seit dem 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. rekonstruieren lassen. Wir wollen sie im folgenden als die Schriften des Gelben Kaisers zitieren, denn unter diesem Namen wurden sie in China zwei Jahrtausende lang überliefert. Der Unterschied der Inhalte der Schriften des Gelben Kaisers zu den Inhalten der in Mawangdui ausgegrabenen Manuskripte ist verblüffend. In den Mawangdui-Manuskripten lesen wir von elf einzelnen Gefäßen, die teilweise in Verbindung mit einzelnen Organen stehen. Nun, in den Texten des Gelben Kaisers, sind höchst komplexe Systeme miteinander verknüpfter Gefäße dreier Größenordnungen beschrieben.

Da gibt es die zwölf großen Leitbahnen. Drei parallele Gefäßstränge mit jeweils vier Unterabschnitten ziehen aus dem Rumpf in die Finger, aus den Händen in den Kopf, vom Kopf in die Zehen und aus den Füßen wieder in den Rumpf. Die insgesamt zwölf Abschnitte bilden die zwölf großen Leitbahnen. Sie gehen in einander über und bilden ein durchgängiges Leitungssystem. Dessen Inhalte, das sind Blut und Qi, können im Normalfall unablässig im Kreise fließen. Dieses Leitungssystem ist im Körper zweifach vorhanden: eines in der linken Körperhälfte und das andere in der rechten Körperhälfte. Ein Übertritt aus der einen Körperhälfte in die andere ist nicht vorstellbar.

Zusätzlich zu den großen Leitbahnen werden „Netz“- Gefäße beschrieben. Sie stellen Querverbindungen zwischen den

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einzelnen Abschnitten des großen Leitbahnsystems dar und bilden somit gemeinsam mit den großen Leitbahnen ein umfassendes Netz. Eine dritte Ebene bilden die „Enkel“-Gefäße. Sie nehmen ihren Ausgang an vielen Stellen dieses Netzes und enden irgendwo im Gewebe. Die Schilderung weiterer Gefäße, die z.B. als Reservoir für etwaigen Überlauf bei Überfüllung der großen Leitbahnen dienten, wollen wir uns hier ersparen. Im Zentrum des neuen Wissens standen, darauf gilt es hinzuweisen, Gefäße verschiedener Bedeutung, durch die das Blut und das Qi zur Versorgung aller Körperteile und Organe fließen konnten.

Der Fluß durch diese Gefäße war kein simpler Kreislauf, immer in derselben Richtung. Der Fluß durch diese Gefäße war eine sehr komplexe Angelegenheit. Da konnten sich beispielsweise unterschiedliche Ströme in einer und derselben Leitbahn begegnen. Da gab es unterschiedliche Mischungsverhältnisse von Blut und Qi in einem und demselben Gefäßabschnitt, obwohl jeder Gefäßabschnitt mit dem folgenden Gefäßabschnitt nahtlos verknüpft war. Da konnten Stockungen auftreten, wenn sich ein Eindringling von außen in einem Gefäß niederließ. Solche Eindringlinge waren etwa die Feuchtigkeit, die Kälte, oder der Wind. Da konnten auch ganze Regionen vom Fluß des Blutes und der Dämpfe ausgespart bleiben.

Die Schriften des Gelben Kaisers ordneten jeder großen Leitbahn der linken und der rechten Körperhälfte ein wohldefiniertes Organ zu. Insgesamt standen also zwölf Organe in direkter Verbindung mit den beiden Leitungssystemen. Die Organe selbst wiederum wurden nun in ganz erstaunlicher Genauigkeit beschrieben. In den antiken Texten finden sich Angaben zu

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Gewicht, Lage, Umfang und Fassungsvermögen. Keineswegs wurden die Organe in ihrer Bedeutung undifferenziert in eine Reihe gestellt. Mehrere Autoren schlugen unterschiedliche Hierarchien vor. So überzeugte ein Autor seine Mitmenschen davon, daß Lunge, Herz, Herzhülle, Milz, Leber und Niere eine Gruppe von Organen darstellten. Er nannte sie „Innenspeicher“. Der chinesische Terminus bezeichnet den Ort, an dem die wichtigen Dinge, die man nicht wieder abgeben möchte, aufbewahrt werden. Er nannte den Dünndarm, den Dickdarm, den Magen, die Galle, die Harnblase und einen so genannten Dreifachen Wärmer „Außenspeicher“. Der chinesische Terminus wird für solche Orte verwendet, an denen man solche Dinge aufbewahrt, die bald wieder abgegeben werden.

Ein anderer Autor benutzte wenig später den Terminus für „Außenspeicher“ in einer mittlerweile neuen Bedeutung: „Amtssitz des Gouverneurs“, „Palast“. Dieser Autor erklärte, daß jedem Palast im Körper ein „Gouverneur“ zugeordnet sei, der über „die Beherrschten“ bestimmt. So residiert umhüllt von der Gallenblase die Leber und ist verantwortlich für Wohl und Wehe von Sehnen und Membranen. Umgeben vom dem „Palast“ Magen residiert die Milz und ist verantwortlich für die Muskeln. Dem „Palast“ des Dickdarm ist der „Gouverneur“ Lunge zugeordnet; sie regiert über die Haut und die Körperbehaarung.

Wieder etwas später propagierte ein weiterer Autor erneut eine andere Hierarchie. Er identifizierte das Herz als den Herrscher, die Lunge als Kanzler, die Milz und den Magen als Speicherbeamte, die Leber als General, etc. Jedes Organ erhielt

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seine

Organismus.

Position

zugewiesen

im

bürokratischen

Apparat

des

14. Die Geburt der chinesischen Medizin

Es ist nun an der Zeit, sich umzuschauen nach den medizinischen Labors und Forschungseinrichtungen, aus denen dieses Wissen hervorging. Was wir soeben in den wenigen vorangehenden Abschnitten gelesen haben, das ist ja nur ein minimaler Bruchteil des Wissens, das in die neue Medizin Eingang fand. Wir haben uns bisher nur andeutungsweise mit der Morphologie und der Physiologie der neuen Medizin befaßt. Auch eine gänzlich innovative Ätiologie, also eine neue Lehre von der Verursachung des Krankseins, wurde in den Schriften des Gelben Kaisers beschrieben. Die Dämonen und Geister werden überhaupt nicht mehr in Betracht gezogen. Die Kleinstlebewesen auch nicht. Im Mittelpunkt stehen Umweltfaktoren als Auslöser von Krankheit. Einige haben wir schon genannt. Wärme, Trockenheit, Feuerhitze sind zusätzlich zu Wind, Kälte und Nässe zu erwähnen. Sie waren Auslöser, aber nicht Ursache von Krankheit.

Die Kausalkette war nicht so primitiv, wie man vielleicht bei einem System vermuten möchte, das vor zwei Jahrtausenden weit vor allem modernen Wissen in den antiken Texten beschrieben wurde. Ursache der Krankheit waren die Emotionen. Nur wer durch zu heftige Gefühlsäußerungen den Organismus schwächte, der öffnete diesen Organismus zugleich für die Eindringlinge aus der Umwelt. Kälte, Hitze, Wind oder Nässe sind im Grunde selbstverständliche Begleiter des Menschen in seiner Umwelt. Sie können dem Organismus bei einigermaßen normalem

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Verhalten nichts anhaben. Selbstverständlich sollte man sich im Winter warm und im Sommer leicht kleiden. Als Krankheitsauslöser spielen sie jedoch im wesentlichen dann eine Rolle, wenn Trauer, Freude, Grübelei, Zorn oder Karrieresorgen in den jeweiligen Organen, die für diese Emotionen zuständig sind, eine „Leere“ erzeugen, gleichsam eine Bresche öffnen, in die die Umweltfaktoren dann eindringen können. Um ein Beispiel zu nennen, das Herz ist der Hort der Freude. Wer zuviel Freude äußert, entzieht dem Herz seinen Inhalt. In die entstehende Leere dringt das Feuer der Sommerhitze ein und verursacht Kranksein.

Nun ist allerdings der Körper diesen Eindringlingen gegenüber nicht schutzlos. Tag und Nacht patrouillieren an der Oberfläche und in den Gefäßen diverse Arten von Qi sie tragen die Bezeichnungen „Truppenlager“ und „Schutzwachen“. Kommt es zu einer Begegnung dieser Schutztruppen mit irgendwelchen Eindringlingen, dann ist ein Kampf die unausbleibliche Folge. Der Patient verspürt diesen Kampf als Fieberanfall. Die Schutztruppen mögen den Kampf gewinnen, dann ist der Eindringling vernichtet. Der Eindringling mag für die Schutztruppen zu stark sein, dann schafft er den Weg ins Innere und ist in der Lage, allerlei Funktionen zu beeinträchtigen.

15. Die Spaltung der Elite

Wir könnten die Schilderung hier abbrechen oder noch Seiten lang oder gar über mehrere Bände fortsetzen. Offensichtlich war die Zeitspanne vom 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. bis in das 3. Jahrhundert n.Chr. eine überaus schöpferische Phase, in der immer wieder neue Gedanken in die Medizin einflossen. Betrachten wir

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noch einen letzten Punkt, nämlich die Therapie des Krankseins. Zum einen betonten die Schöpfer der neuen Medizin mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Worten den Wert der Vorbeugung. Man gräbt ja, so formulierte es einer der Autoren, einen Brunnen nicht erst, wenn man schon durstig ist, und man schmiedet die Waffen nicht erst, wenn man schon mitten im Kampf ist. Warum also sollte man eine Behandlung einer Krankheit erst dann beginnen, wenn sie schon ausgebrochen ist? Folglich finden sich in der neuen Medizin viele Hinweise, wie man den Gefährdungen durch die schädlichen Klimafaktoren Wind, Kälte, usw. aus dem Wege geht. Man lernt, daß man seine Gefühle zügeln sollte. Und vieles mehr.

Aber erfahrungsgemäß ist Kranksein dennoch immer wieder eine Realität. Die neue Medizin zog die Umstellung der Ernährung zur Vorbeugung und Therapie in Betracht. Im Mittelpunkt standen allerdings zwei andere Verfahren. Das waren zum einen der Aderlaß und zum anderen der Nadelstich. Der Aderlaß war ein offenbar uraltes Heilverfahren, mit dem man so manchen Eindringling, der sich mit dem Blute in den Gefäßen tummelte, aus dem Organismus entfernen konnte. Mehr und mehr schob sich jedoch eine etwas mildere Therapieform in den Vordergrund, die Nadelbehandlung. Darunter dürfen wir uns freilich zumindest für die Anfangszeit im 1. Jahrhundert v. Chr. nichts vorstellen, was der heute unter der Bezeichnung „Akupunktur“ weltweit bekannten chinesischen Nadeltherapie ähnlich wäre. Es gab die feinen Nadeln nicht, die heute in die Haut gestochen werden.

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Tatsächlich wissen wir gar nicht, welche Instrumente seinerzeit mit der Bezeichnung „Nadel“ belegt wurden. Es gibt eine Liste mit der Beschreibung von neun verschiedenen „Nadeln“ aus dem 1. oder 2. Jahrhundert nach Christus. Das sind nichts anderes als Miniaturwaffen: Mini-Degen, Mini-Schwerter, Mini-Lanzen. Es gab den Kugelkopf und den spitzen Kopf. Aber mit den heutigen Nadeln hat das alles keine Ähnlichkeit. Wenn wir uns vor Augen stellen, welche Debatten heute über die Qualität der Nadeln und die Einstichtiefe von 1 mm, 2 mm oder gar 4 mm und noch viel tiefer geführt werden, um die richtige Wirkung zu erzielen, dann ist das sehr weit entfernt von den groben Instrumenten, die in den alten Texten häufig in einem Atemzug mit „angespitzten Steinen“ genannt werden. Wie immer die „Nadeln“ ausgesehen haben mögen, sie wurden jedenfalls verwendet, um Blut und Qi aus den Gefäßen zu lassen und um den Fluß des Blutes und des Qi im Körper zu beeinflussen. Sie sollten fähig sein, Stauungen zu beheben, gegenläufige Ströme zu korrigieren und manches mehr.

All das war so überzeugend, daß ein Teil der Intellektuellen solche Einsichten als sinnvoll erachtete, weiter entwickelte und auch in der Behandlung von Kranken verwendete. Die Medizin war geboren. Alle Anklänge an die numinösen Mächte der Geister, Dämonen oder Ahnen waren verschwunden. Der Organismus des Menschen wurde über die Naturwissenschaft der systematischen Entsprechungen in den großen naturgesetzlichen Zusammenhang gestellt. Die Lehren von Yin und Yang und von den Fünf Wirkkräften galten von nun an im Körper genauso wie im fernen Universum. Sie erlaubten die Einordnung des Menschen in ein übergeordnetes Geschehen und verhießen zugleich durch Anpassung an dieses Geschehen ein Überleben ohne Krankheit.

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Während der ein, zwei Jahrhunderte vor und nach Christus durchlief das medizinische Denken eine auch in der Rückschau nach zwei Jahrtausenden noch sehr beeindruckende Dynamik. Das neue Körperbild wurde auf die Erklärung aller bekannten Krankheiten angewendet. Ob dies ein Leiden war, das wir Malaria nennen und das auf Grund der Periodizität seiner Fieberschübe und Schüttelfrostanfälle sich so auffallend von anderen Krankheiten unterschied, ob dies der Husten, der Rückenschmerz oder der Haarausfall war alle diese und viele andere Leiden mehr verlangten nach einer naturwissenschaftlichen Deutung. Selbst die Frage, warum man im kalten Winter möglichst alle Körperteile verhüllen möchte, und allein das Gesicht Wind und Wetter aushalten kann, bewegte die Gemüter.

Die Wissenschaftler jener Zeit fanden in den Lehren der systematischen Korrespondenz, gepaart mit dem morphologischen Wissen, das ihnen die Anschauung des Körpers selbst vermittelte, die gewünschten Erklärungen. Sie hatten logische Vorstellungen, warum die Wechselfieber manchmal im Rhythmus von zwei, manchmal von drei, oder manchmal von vier Tagen auftreten. Sie wußten genau darüber zu informieren, wie ein Husten im Sommer, im Herbst, im Winter oder im Frühling entsteht und sie fühlten sich auch nicht überfordert, den Haarausfall zu begründen.

16. Die Ansicht des Sichtbaren und die Ansichten zu dem Unsichtbaren

Es muß eine aufregende Zeit gewesen sein ein nie dagewesener Aufbruch in ein neues Wissen. Ja, so mag man es aus

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der Sicht derer, die sich beteiligten, vielleicht schildern. Bei genauerem Hinsehen müssen wir allerdings feststellen, daß nur ein ganz kleiner Teil der Bevölkerung an diesem Aufbruch beteiligt war. Der ganz überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, vielleicht 70% oder 80% oder gar 90% ?, sagte die neue Medizin gar nichts. Das sollte sich auch in den kommenden zwei Jahrtausenden nicht ändern. Die Anerkennung und Anwendung dieser Medizin blieb bis in deren Auslaufzeit im 20. Jahrhundert stets einer kleinen Elite vorbehalten. Aber auch hier gilt es einzuschränken. Denn es war keineswegs die gesamte Elite des antiken Chinas, der Zeit der Han- Dynastie, die diese Entwicklung veranlaßte und trug. Ein mindestens ebenso großer Teil der damaligen Elite akzeptierte diese Medizin mitnichten.

Das läßt aufhorchen. Wieso erschien der Aufbruch in das neue Wissen den einen als der Ausbruch aus der Dunkelheit, während andere sich dagegen sträubten und nichts damit zu tun haben wollten? Beide Gruppen waren hochgebildet, schriftfähig. Beide Gruppen kannten die klassischen Philosophien der Vergangenheit und lebten innerhalb eines Kulturkreises, den wir in jenen Jahrhunderten bereits mit Fug und Recht den chinesischen nennen dürfen. Welche unterschiedlichen Filter stellten sich zwischen das Beobachtete und die Beobachter, so daß sie zwar dasselbe Objekt sahen die Natur und den gesunden oder kranken Menschen, aber eine völlig unterschiedliche Sicht entwickelten?

An der Ausdruckskraft des Körpers kann es nicht gelegen haben, daß die einen den Weg in die neue Medizin einschlugen, während die anderen keinen Anlaß dazu sahen. Ein Fieber wurde von jedem als Erhitzung des Körpers wahrgenommen. Ein

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Nasenbluten war für jeden der Fluß einer roten Flüssigkeit aus der Nase. Ein Geschwür war für jeden eine unangenehme Zerstörung der Hautoberfläche. Wir könnten sehr viele solche Ausdrucksweisen körperlicher Veränderungen aufzählen. Am Ende wäre jedoch nur der Eindruck bestätigt, der sich auch jetzt nach den wenigen Beispielen schon aufdrängt. Der Körper mag dem Beobachter unzählige Zeichen geben, daß sich ein als normal aufgefaßter Zustand in einen als unnormal, als krankhaft angesehenen Zustand gewandelt hat. Doch die Ursachen dieses Wandels und die Abläufe, die im Körperinneren für die Augen unsichtbar auflaufen, die kann der Körper dem Beobachter nicht mitteilen.

Das war so in der an technischen Mitteln noch recht beschränkten Zeit der Antike. Alle Körpervorgänge mußten von außen erkannt werden: Durch Anschauen der Veränderungen etwa der Hautfarbe oder der Zunge, durch Riechen etwa des Körper- oder Mundgeruchs, durch Abhören vor allem der Stimmlage, oder durch das Pulsfühlen. Nur der Patient hatte eine gewisse Möglichkeit, „in sich hineinzuschauen“. Er konnte seine Gefühle spontan oder auf Nachfragen dem Beobachter mitteilen. Das ist letztlich auch heute in der an technischen Möglichkeiten so reichen Zeit nicht viel anders. Wir können durch bildgebende Verfahren nicht nur eine Herzklappe life auf dem Bildschirm bei ihrer Funktionsausübung beobachten. Wir können die Zellteilung und viele andere Vorgänge detailgetreu abbilden. Aber die eigentlich entscheidende Ebene der Ursachen vielen Wandels bleibt unserem Auge auch heute noch verborgen.

17. Staatsidee und Körperbild

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Heute wie in der Antike ist die Ausdruckskraft des menschlichen Organismus auf Äußerlichkeiten begrenzt. Daß diese Äußerlichkeiten mit dem Fortschritt der Technik mittlerweile auf der Ebene der Molekularbiologie anzutreffen sind, das ändert daran nur wenig. Dennoch haben schon in der Antike die Beobachter ihre Schlüsse gezogen. Sie haben nicht nur das Sichtbare, das mit dem bloßen Auge Erkennbare beschrieben. Sie haben auch Ansichten zu dem vorgetragen, auf das es gar keine Ansicht geben konnte. Medizin lebt von solchen Ansichten zu dem Unsichtbaren.

Medizin ist die Verknüpfung des Wissens um das Sichtbare mit dem Wissen um das Unsichtbare. Zu dem Sichtbaren zählen die morphologischen Strukturen des Körpers. Das sind in erster Linie die Grobstrukturen, die mit dem bloßen Auge wahrnehmbar sind. Also, der Kopf, die Nase, der Bauch, die Beine, als Beispiele für Grobstrukturen, die von außen sichtbar sind. Weiter die Grobstrukturen, die nur nach Körperöffnung erkennbar sind. Etwa die Lunge, der Magen, das Herz. Sichtbar sind auch manche Feinstrukturen. Zum Beispiel der Aufbau der einzelnen Zellen. Doch um diese zu erkennen, bedarf es schon einer hoch entwickelten Technik, zum Beispiel des Elektronenmikroskops.

Zu dem Sichtbaren zählen auch die wechselnden Färbungen und im übertragenen Sinne auch der Wechsel von Körperkälte zu Körperhitze und umgekehrt, oder die unterschiedlichen Körpergerüche. Zu dem Unsichtbaren zählen dagegen die Gesetze, die den Äußerungen der Natur im Großen und des Körpers im Kleinen zu Grunde liegen. Zu dem Unsichtbaren zählen auch die Verknüpfungen, die im Körper zwischen den einzelnen

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Körperteilen und den erkennbaren Funktionen bestehen. Der Schöpfer einer Medizin ist der Beobachter, der die Ansichten des Sichtbaren mit seinen Ansichten zu dem Unsichtbaren zusammenfügt und daraus Schlüsse zieht, wie man Kranksein verstehen, vorbeugen oder heilen kann.

Damit sind wir dem zentralen Punkt unserer Fragestellung bereits wieder ein wenig näher gekommen. Wir möchten wissen, wie sich die Ansichten zu dem Unsichtbaren formieren. Wenn wir uns nun wieder der Anfangszeit einer Medizin in China zuwenden, so geht es um folgendes. Wie kam es, daß einige Angehörige der damaligen Elite bestimmte Ansichten zu dem Unsichtbaren entwickelten? Wenn wir das geklärt haben, werden wir verstehen, warum diese Ansichten zu dem Unsichtbaren anderen Angehörigen der Elite wenig überzeugend erschienen. Und weiter: Woraus entstanden die Ansichten zu dem Unsichtbaren? Wenn wir dazu die Anregungen finden, dann finden wir eine Gesetzmäßigkeit, die uns die Geschichte der Medizin insgesamt verständlich macht nicht nur in der Antike, sondern auch im Verlauf der folgenden zwei Jahrtausende. Nicht nur in dem fernen China, sondern auch ganz nahe in unserer eigenen europäischen Tradition.

Die reine Gestaltlehre der antiken chinesischen Medizin berührt uns hier nur am Rande. Wir haben bereits festgestellt, daß einige Autoren offenbar recht genaue Vorstellungen der Morphologie der wichtigsten Körperorgane besaßen. Die möglichen Quellen solchen Wissens liegen im Dunkeln; eine bewußte Untersuchung des Körperinneren sezierter Leichname ist aus dem 1. Jahrhundert n.Chr. überliefert. Uns interessiert etwas anderes. Im Mittelpunkt unserer Betrachtungen steht der Übergang

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von einem Wissen um das Vorhandensein von elf separaten Gefäßen im Körper, von denen nur ein Teil an ein Organ geknüpft ist, zu einem Wissen um das Vorhandensein von zwölf Leitbahnen, die jeweils mit einem bestimmten Organ verknüpft sind und ein integriertes Leitungssystem bilden. Das ist eine Ansicht, die aus der Sektion eines Leichnams oder den Erfahrungen in der Küche nicht zu gewinnen ist. Ebenso wenig ist auf diese Weise die Ansicht zu gewinnen, daß in den Leitungen im Organismus ein ununterbrochener Strom von Blut und Qi zieht.

Auch für das neue Wissen um die Patrouillen von „Schutztruppen“ durch Haut und Gefäße, immer auf der Suche nach Eindringlingen, reichte die Ausdruckskraft des Organismus mitnichten aus. Wie sollte man solche Erkenntnisse aus dem Blick auf den lebenden oder toten Körper ziehen? Und selbst wenn man fast hellseherische Fähigkeiten bei den damaligen chinesischen Beobachtern unterstellen wollte, dann bleibt immer noch das Rätsel, warum diese hellseherischen Fähigkeiten ausgerechnet im vielleicht 2. oder 1. Jahrhundert v. Chr., nicht aber ein, zwei Jahrhunderte früher Früchte trugen. Für einen Intelligenzsprung zu jener Zeit gibt es jedenfalls keinerlei Hinweise.

Die Beobachtungsfähigkeit der Beobachter veränderte sich nicht in dem Maße, daß ihnen nun urplötzlich etwas sichtbar wurde, was sie zuvor nicht sehen konnten. Das Beobachtete selbst, also der menschliche Organismus, veränderte sich ebenfalls nicht in dem Maße, daß es nun urplötzlich Einblicke erlaubt hätte in das integrierte Leitungssystem und den Strom von Blut und Qi und Schutzwachen.

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18. Abschied von Dämonen und Geistern

Das einzige, was sich tatsächlich tiefgreifend veränderte, war die gesamte gesellschaftspolitische und nationalökonomische Situation. Liegt hier der Schlüssel zum Verständnis der neuen Medizin?

Im Jahre 221 v. Christus endete eine jahrhundertelange Phase der Auseinandersetzungen zwischen einer ursprünglich sehr großen und schließlich auf sieben, dann fünf, dann drei Konkurrenten beschränkten Zahl von Königreichen. Der Herrscher von Qin besiegte alle seine Gegner und konnte erstmals seit langem wieder über ein geeintes China verfügen. Er nannte sich fortan „Erster Kaiser von Qin“. Nun blieb ihm die Aufgabe, die Einheit auch zu verwirklichen. Innnerhalb weniger Jahre er starb schon 204 v. Chr. vermochte er es, aus den zuvor kulturell und ökonomisch weitgehend eigenständigen Teilstaaten ein integriertes Ganzes zu schaffen. Er verordnete eine gemeinsame Schrift, eine gemeinsame Spurbreite, gemeinsame Gewichte und Maße. Damit legte er den Boden für einen dauernden Austausch von Gütern und Menschen in seinem Reich. Dieser Austausch war notwendig, um erstmals riesige Städte auch aus entfernten Landesteilen versorgen zu können und um mit einer zunehmend komplizierteren Bürokratie das Land zu verwalten.

Der neue staatliche Organismus bot eine in China noch nie zuvor gekannte Erfahrung. Es war die Erfahrung eines aus mehreren Einzelteilen zusammengesetzten Organismus, in dem jeder Einzelteil zum Wohl des Ganzen beiträgt. Alle Einzelteile sind verknüpft durch ein Netz von Straßen. Nur wenn der Verkehr

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auf diesen Straßen reibungslos läuft, wenn jeder Mensch und alle Waren von überall nach überall reisen oder transportiert werden können, dann ist dieser staatliche Organismus in Ordnung. Das war etwas ganz Neues. Die neue Verfassung des ökonomischen und gesellschaftlichen Organismus wirkte so tiefgreifend auf die Weltsicht einiger der damaligen Philosophen, daß sie gar nicht umhin konnten, diesen Organismus als Modell auch für das Verständnis des körperlichen Organismus zu verinnerlichen.

Der neue staatliche Organismus bot das Vorbild für die neue Sicht auf den körperlichen Organismus. Der körperliche Organismus in der neuen Medizin war nichts anderes als der in den Körper verlegte staatliche Organismus. Die verschiedenen Ansichten zu den Funktionen der Organen, die die Autoren jener Zeit zu Papier brachten, nahmen ihren Ursprung nicht in der Ausdruckskraft des Körpers. Sie nahmen ihren Ursprung in der Sicht auf den neuen Staat. Jetzt verstehen wir, warum urplötzlich ein Autor auf den Gedanken gekommen war, den Organismus als ein integriertes Zusammenwirken von fünf Gouverneuren zu deuten, die von ihren Palästen aus jeweils eigene Untertanen regieren, aber untereinander durch mannigfache Wege vernetzt sind und somit insgesamt durch Geben und Nehmen ein Ganzes bilden.

Der Organismus des Menschen, so erkannten die Beobachter und Schöpfer der neuen Medizin, beruhte auf denselben Strukturen wie der Organismus des geeinten Staates. Das Wort, das sie für „heilen“ nahmen, war daher folgerichtig dasselbe Wort, das ihnen für „regieren“, „ordnen“ zur Verfügung stand. Sie setzten „Krankheit“ des menschlichen Organismus (bing) gleich mit dem „Chaos“, der „sozialen Unruhe“ (luan) des staatlichen

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Organismus. Der weise Herrscher, so schrieben sie, ordnet keine Krankheit; er ordnet den menschlichen Organismus, damit erst gar keine Krankheit entsteht. Der weise Herrscher, so schrieben sie, ordnet nicht die sozialen Unruhen; er ordnet den staatlichen Organismus, damit erst gar keine sozialen Unruhen entstehen.

19. Die neuen Erreger und die Moral

Es würde zu weit führen, die neue Medizin in allen Einzelheiten auf ihre Parallelen zu den neuen Strukturen im gesellschaftspolitischen und ökonomischen Umfeld der damaligen Beobachter hin zu untersuchen. Drei Teilbereiche seien herausgegriffen. Erstens das Verschwinden von Dämonen und Parasiten/Kleinstlebewesen aus der Lehre von der Verursachung der Krankheiten. Zweitens der Umgang mit der pharmazeutischen Tradition. Drittens die Frage nach den Selbstheilungskräften des Körpers.

Warum mußten die Dämonen und die Kleinstlebewesen verschwinden? Nun gut, daß die Dämonen verschwanden, das könnten wir den damaligen Naturwissenschaftlern leicht nachsehen. Auch in unseren Zeiten sind die allermeisten Naturwissenschaftler nicht sehr gut auf Dämonen zu sprechen. Man leugnet deren Existenz einfach ab. Allerdings ist zu bedenken: Gott und die Engel sind auch für viele heutige Naturwissenschaftler eine greifbare Wirklichkeit. Also so ganz leicht verständlich ist es nicht, daß ein Teil der chinesischen Bildungselite plötzlich im 2., 1. Jahrhundert vor Chr. nicht mehr an die Dämonen und sonstigen Geister glaubte. Welche Gegenbeweise mögen vorgelegen haben, ein Jahrhunderte lang überliefertes und häufig doch sehr nützliches

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Wissen beispielsweise um die Heilung von Krankheit durch Dämonenaustreibung urplötzlich aufzugeben?

Die Dämonen und Geister sind für die allermeisten Beobachter unsichtbar. Das wäre ein Argument. Existent ist nur, was sichtbar ist. Doch wie steht es mit den Kleinstlebewesen? Die sind jedem sichtbar. Sie kriechen aus Körperöffnungen bei den Lebenden und aus Wunden bei den Toten. Sie finden sich im Stuhl, und manchmal spuckt man sogar Würmer, die irrtümlicherweise den Weg nach oben statt nach unten genommen haben. Warum mußten auch diese Geschöpfe ihre Existenzberechtigung in der neuen Medizin einbüßen? Warum wurden auch sie plötzlich von niemandem mehr gesehen?

Von niemandem? Da wäre zuviel gesagt. Nicht alle Naturwissenschaftler und Beobachter waren bereit, auf das Wissen um die Dämonen zu verzichten. Nur die Beobachter von Mensch und Natur, die für die neue Medizin verantwortlich waren, sahen jetzt nicht mehr, was ihre Vorfahren über lange Jahrhunderte gesehen hatten. Nur in der neuen Medizin fand dieses alte Wissen keinen Platz mehr. Aber in der Arzneikunde, die aus vormedizinischer Zeit stammte und die Medizin fortan als alternative Therapieform begleitete, überlebte das Wissen um die Macht der Dämonen. Hier überlebte auch das Wissen um die Kleinstlebewesen, die für so viele Leiden verantwortlich sind. Was war den Dämonen und Geistern einerseits und den Kleinstlebewesen andererseits gemein, daß die Schöpfer der neuen Medizin sie nicht berücksichtigten, während die Anhänger der Arzneikunde ganz selbstverständlich auch weiterhin den Kampf gegen diese Erreger führten?

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Das ist nun in der Tat faszinierend. Eine gesellschaftliche Schicht, die schriftfähige und formell in Geschichte, Philosophie und Naturkunde gebildete „Oberschicht“ des antiken China, teilt sich in zwei Gruppen: die eine Gruppe bildeten diejenigen, die einen Teil der bisherigen Wirklichkeit, nämlich Dämonen, Geister und Kleinstlebewesen nicht mehr wahrnahmen. Die andere Gruppe bildeten diejenigen, die diesen Teil der Wirklichkeit auch weiterhin sahen und entsprechend in ihre Heilkunde einbezogen. Was trennte die beiden Gruppen? Es kann nicht die biologisch bedingte Intelligenz gewesen sein und es kann auch nicht die Beschaffenheit des Beobachteten gewesen sein. Beides, darauf kann gar nicht oft genug hingewiesen werden, war für beide Gruppen identisch.

Begeben wir uns auf eine Ebene höherer Abstraktion um zu durchdenken, was sich damals in China abspielte. Nochmals: Was war den Dämonen, Geistern und Kleinstlebewesen gemein? Sie wurden von denen, die sie wahrnahmen, als Feinde des Menschen wahrgenommen. Sie bedrohten die Gesundheit und das Leben der Menschen. Wie geht man mit Feinden um? Nach einer Epoche Jahrhunderte währender Kriege wußten die damaligen Menschen:

Gutes Zureden nützt im Krieg gar nichts. Die einzig wirksame Strategie im Kriege lautet: Drohung mit Vergeltung, Drohung mit Vernichtung vor dem Angriff des Gegners. Töten oder Vertreiben, wenn der Gegner sich nicht hat abschrecken lassen. So ging man auch gegen die Dämonen und Kleinstlebewesen vor. Vorbeugung und Therapie waren kampfmäßig organisiert.

Man zeigte den ankommenden Dämonen und Geistern durch Amulette oder mündlich vorgetragene Beschwörungen, daß

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man im Bunde steht mit den ganz großen Supermächten der numinosen Welt. Das sind etwa Sonne, Mond und das Siebengestirn. Das können auch besonders grimmige Dämonen sein, deren Allianz man gegen die schwächeren Geister sucht. Hat ein Dämon sich im Körper niedergelassen, forderte man ihn auf zu verschwinden, anderenfalls es Wege gebe, ihn zu vernichten. Ähnliches galt für die Kleinstlebewesen. Sie reagierten allerdings nicht auf Worte, sondern wurden mit Hilfe von Arzneimitteln entweder durch Erbrechen, Abführen oder Schweißtreiben aus dem Körper vertrieben oder an Ort und Stelle getötet. Was war in dieser Einstellung gegenüber den Dämonen und Kleinstlebewesen enthalten, was der einen Gruppe in der chinesischen Oberschicht der Antike selbstverständlich erschien, der anderen aber nicht?

Bei genauerer Betrachtung der gedanklichen Grundlagen der neuen Medizin fällt auf, daß sie die Weltsicht mehrerer, aber nicht aller politischen Gruppierungen des frühen chinesischen Reiches bediente. Da waren zunächst diejenigen, die von der Notwendigkeit gesetzmäßigen Handelns in der zunehmend komplizierten Gesellschaft unbewußt geleitet wurden. Sie erkannten auch für alle übrigen Bereiche menschlicher Existenz und die gesamte Natur eine Gesetzmäßigkeit. Die Auswirkungen dieser Zusammenhänge auf die Einsicht in die Existenz von Naturgesetzen hatten wir bereits kennen gelernt. In der neuen Medizin wurden diese Naturgesetze nun auf die Deutung der Funktionen des menschlichen Organismus übertragen. Die Beziehungen der Organe der verschiedenen Ebenen untereinander und mit dem Lauf der Natur wurden nun auf die Grundlage derselben Regelhaftigkeit gestellt, die man zuvor schon in der

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Abfolge gesellschaftlicher und natürlicher Vorgänge zu erkennen geglaubt hatte.

Eine weitere politische Gruppierung nahm an der Entwicklung der neuen Medizin aus anderen Motiven teil. Sie waren nicht in erster Linie überzeugt, daß der neue komplexe Staat allein mit Strafgesetzen zu einer dauerhaften Harmonie finden könnten, die die Unruhe und das jahrhundertelange Töten ablösen sollte. Sie vermißten den Appell an die Moral. Die Sitten, die Riten, so lehrten sie, müssen den Menschen, müssen jedem Menschen gleichsam Teil von Fleisch und Blut werden. Nur wenn sich jeder seinem Rang und Stand nach so verhält, wie die Sitten es vorschreiben, dann herrscht Frieden und Harmonie. Moral muß wieder die Grundlage menschlichen Miteinanders sein. Jeder, der dieser Moral folgt, der sich an die Sitten hält, kann ein erfülltes, langes Leben erwarten.

Wie sehen wir diese Gedanken in der neuen Medizin berücksichtigt? Die Gesetzmäßigkeit ist leicht zu erkennen. Die Yinyang-Lehre und die Lehre von den Fünf Wirkkräften füllten die gesamte Erkenntnis der Verursachung und der Eigenarten der Krankheiten aus. Ob dies der Rückenschmerz, der Haarausfall, die Malaria oder der Husten waren, in einem überaus kreativen und dynamischen Prozeß setzten sich unzählige Naturwissenschaftler hin und schufen Erklärungen für alle möglichen Leiden. Das war so mitreißend wie im 19. und 20. Jahrhundert die erstmalige konsequente Anwendung der biologischen und physikalischen Wissenschaften auf Ätiologie und Physiologie in Europa. Ein Körpervorgang nach dem anderen, eine Krankheit nach der anderen wurden verständlich im Sinne der neuen Wissenschaften.

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Genau dasselbe geschah in den beiden Jahrhunderten vor und nach Christus in China. Eine ganz aufregende Zeit geprägt vom Aufbruch. Das Ergebnis dieses Aufbruchs bewies den Naturwissenschaftlern die umfassende Gültigkeit ihrer Naturgesetze. Wer staatlichen Gesetzen entsprechend lebte, der konnte frei von Strafen ein friedliches Leben führen. Das garantierte der Herrscher und seine Bürokratie. Wer den Naturgesetzen entsprechend lebt, der kann den ihm zugemessenen Lebensrahmen voll auskosten: von der Geburt über die Jugend, das Erwachsenenalter bis hin zur Schwächung und dem Tod. War nicht das gesamte Leben in Staat und Universum einer Gesetzmäßigkeit unterworfen?

Warum hatten die Dämonen und die Kleinstlebewesen keinen Platz in der neuen Medizin? Wer waren die Krankheitserreger in der neuen Medizin, wenn nicht die Dämonen und Kleinstlebewesen? Die neuen Erreger mögen so neu gar nicht gewesen sein, aber sie waren fortan die einzigen. Kälte, Feuchtigkeit, Wind, Hitze, Dürre, Unmäßigkeit in Essen und Trinken, das waren die neuen „Feinde“. Man bezeichnete Sie mit dem umfassenden Begriff des „Üblen“. Das „Üble“ ist das, was dort eindringt, wo es nicht hingehört. Traf das nicht auch für die Dämonen und Kleinstlebewesen zu? Sie waren ja, wenn wir einmal von dem „Magenwurm“, der für die Verdauung notwendig ist, absehen, auch nicht gerade gerne gesehene Gäste im Leib des Menschen.

Zwischen den Dämonen und Kleinstlebewesen auf der einen und Kälte, Feuchtigkeit, Wind, Hitze, Dürre, Unmäßigkeit in

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Essen und Trinken auf der anderen Seite besteht ein folgendschwerer Unterschied. Dämonen und Kleinstlebewesen paßten nicht in die neue Zeit der Moral. Sie hielten sich nicht an die Moral; sie standen außerhalb der Moral. Dämonen und Kleinstlebewesen hatten in die vormedizinische Heilkunde Eingang gefunden, als der Glaube an die Moral, an die Beeinflußbarkeit des Verhaltens durch den Appell an die guten Sitten, im Laufe Jahrhunderte währender Kriege nachhaltig beschädigt worden war. Dämonen und Kleinstlebewesen schlugen zu wie die Menschen egal, ob ihr Opfer sich gut oder schlecht benommen hatte. Jeder konnte ihr Opfer werden. Sie waren grundsätzlich böse.

Kälte, Feuchtigkeit, Wind, Hitze, Dürre, Unmäßigkeit in Essen und Trinken eröffneten hier ganz andere Aussichten. Diese Krankheitserreger fügten sich der Moral. Das heißt, jeder Mensch, der sein Verhalten sittlich ordnet, und dazu zählt auch die Anpassung an die Gesetze der Natur, kann davon ausgehen, daß er kein Opfer von Kälte, Feuchtigkeit, Wind, Hitze, Dürre, Unmäßigkeit in Essen und Trinken wird. Die Gewißheit um die Beeinflußbarkeit der Krankheitserreger Kälte, Feuchtigkeit, Wind, Hitze, Dürre, Unmäßigkeit in Essen und Trinken durch eigenes Verhalten ließ es wieder lohnend erscheinen, entsprechend Sitten und Moral zu leben.

Das ist nicht immer bequem. Wer wäre nicht versucht, die guten Sitten gelegentlich einmal zu mißachten? Nur das Versprechen, daß die strikte Beachtung der guten Sitten einen hohen Gewinn bringt, konnte den Umschwung bringen von der sittenlosen in die sittenstrenge Zeit. Der Gewinn war doppelter Natur: Achtung in der Gesellschaft, also soziales Überleben, und

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Wahrung der Gesundheit, also körperliches Überleben. Die Dämonen und die Kleinstlebewesen hatten hier einfach keinen Platz mehr. Sie gefährdeten das neue Ziel. Wenn jemand die Vorstellung hegt, es sei ja egal, ob man sich gut oder schlecht benimmt, krank wird der Fromme wie der Unfromme, weil das Böse eben grundsätzlich böse ist und sich weder durch moralisches Verhalten noch durch Vereinbarungen zähmen läßt, dann fällt einer der wichtigsten Anreize fort, sich an die strengen Sitten zu halten.

Wir dürfen uns nicht vorstellen, daß damals eine Kommission im Sinne eines „Sachverständigenrates für die Medizin“ zusammengesessen und beschlossen hätte: Die Dämonen und die Kleinstlebewesen darf es fortan in der Medizin nicht mehr geben. Sie gefährden die Durchsetzung des moralischen Programms! So war es sicher nicht. Es traten zwar Denker auf, die sich wortreich gegen die Abschaffung des Dämonenglaubens wandten. Sie gaben zu bedenken, daß gerade die Furcht vor den Geistern die Leute zu sittlichem Verhalten führe. Doch die neue Medizin folgte einer anderen Vorgabe. Die Existenz von Dämonen und Kleinstlebewesen fügte sich nicht in das neue Weltbild. Welches gute Zureden oder welches sittliche Verhalten hätte einen Dämon oder ein Gewürm vom Körper fernhalten können?

Dann kam noch ein zweiter Aspekt hinzu, der diesen altbewährten Erregern die Existenzgrundlage nahm. Die Lehre von der Verursachung des Krankseins und von den normalen Funktionen des Organismus in der neuen Medizin gründete auf der Vorstellung von den Gefäßen, die alle Körperbereiche und Organe miteinander verbinden. Diese Gefäße bildeten zwar ein sehr komplexes Wegesystem für den Transport von Blut und Qi, aber

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man konnte sich darin nicht beliebig hin und her bewegen. Was sich wo, zu welcher Zeit und in welcher Menge bewegte, das erfolgte im Rahmen einer ganz bestimmten Gesetzmäßigkeit eben im Rahmen der systematischen Entsprechungen. Die Dämonen und die Kleinstlebewesen fügten sich nicht in das System der Entsprechungen.

Gab es irgend einen Hinweis, daß im Sommer, im Herbst, im Winter oder im Frühjahr unterschiedliche Dämonen existierten, diesen Jahreszeiten angepaßt? Bei den Tieren war das schon anzunehmen. Tiere mit Federn, mit Schuppen, mit Fell etc. verhielten sich den Jahreszeiten entsprechend und fügten sich somit in das System der Entsprechungen. Aber die Dämonen und das für die Krankheiten verantwortliche Gewürm, das man zumeist gar nicht mit bloßem Auge erkennen konnte, stand außerhalb dieser Welt. Es gab keinen Hinweis, daß diese Erreger sich im Körper an die Gesetze der Transportwege hielten und zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort anzutreffen waren. Kälte, Feuchtigkeit, Wind und Hitze verhielten sich dagegen den Erwartungen des Systems entsprechend.

Noch ein letzter Punkt sprach für diese Erreger. Die Schäden, die Kälte, Feuchtigkeit, Wind, Hitze, Dürre, Unmäßigkeit in Essen und Trinken verursachten, waren umkehrbar, heilbar. Sie mußten nicht unbedingt zum dauerhaften Verlust der Gesundheit oder gar des Lebens führen. Die neue Medizin empfahl eine Fülle von Verhaltensänderungen, gleichsam die Rückkehr auf den rechten Weg, um die Erreger Kälte, Feuchtigkeit, Wind, Hitze und Dürre wieder aus dem Organismus zu entfernen oder die Folgen einer Unmäßigkeit in Essen und Trinken zu korrigieren. Die neue

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Medizin versprach die vollkommene Gesundung für den reuigen Sünder.

Es mag sein, daß man sich einmal falsch verhalten hat, so daß Kälte oder Hitze in den Körper eindringen konnten. Und es mag auch sein, daß man den Verlockungen köstlicher Speisen und Getränken einmal oder wiederholt nicht widerstehen konnte. Es gibt Möglichkeiten, so lautete die Verheißung der neuen Medizin, zurück auf den Pfad des Gesetzes zu gehen, und wer diese Möglichkeit ergreift, der wird vollkommen geheilt. Diese Möglichkeit der „Rückkehr in den Frühling“, wie die schöne Metapher der Gesundung in China lautet, bestand nicht bei Schäden, die die Kleinstlebewesen angerichtet hatten. Wer hätte je gesehen, daß die körperlichen Verunstaltungen eines Leprakranken durch Verhaltensänderungen wieder ungeschehen gemacht worden wären?

Verstehen wir jetzt, warum die alten Erreger in der neuen Medizin nicht mehr auftauchten? Der politische Wille, einen Weg zurück in eine von Sitte und Moral geleitete Gesellschaft zu finden, führte zu einer neuen Weltsicht, in der die Anteile der alten Weltsicht keinen Platz mehr fanden, die dem neuen Ziel entgegenstanden. Doch das neue Denken beinhaltete noch einen weiteren Aspekt, der uns verstehen läßt, warum die alten Feinde nun nicht mehr zeitgemäß erschienen.

Die neue Moral war die Moral des Maßhaltens. Maßhalten in allen Dingen ist den Europäern nicht unbekannt. Schon im alten Griechenland lautete eine Aufforderung: mäden agan! Nichts übertreiben! Genauso lautete auch die neue Moral in der

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chinesischen Antike. Das bezog sich nicht nur auf Essen und Trinken und den Umgang mit dem anderen Geschlecht. Das äußerte sich auch in der Zügelung der Emotionen. Für ein friedliches und harmonisches Zusammenleben unterschiedlichster Menschen auf engem Raum ist kaum etwas so schädlich wie die ungehemmte Äußerung von Emotionen. Den Gefühlen freien Lauf zu lassen, das war nicht das Ideal. Im Gegenteil, die Emotionen möglichst für sich zu behalten, galt als eine notwendige Voraussetzung für eine friedliche Gesellschaft und auch für eine gesundes Leben.

In der neuen Medizin zeigte sich dieses Denken in der Gewißheit, daß Freude, Trauer, Zorn, Grübeln und Ärger jeweils mit einem Organ verknüpft sind. Übermäßige Äußerungen dieser Gefühle führen zu einer Schädigung der betreffenden Organe. Jede Gefühlsäußerung kostet das zugehörige Organ Kräfte. Wenn aber ein Organ durch übermäßige Gefühlsäußerung zu sehr geschwächt ist, dann entsteht dort eine Leere. In diese Leere dring ein Erreger von außen ein. Das ist dann die Krankheit. Hier ein Beispiel:

Freude wird im Herzen erzeugt. Zu viel Freude entzieht dem Herzen seine Ressourcen und schwächt das Herz. Das Herz wird dadurch anfällig für den Erreger Hitze. Wer seine Freude zügelt, der braucht nicht zu befürchten, von Hitze befallen zu werden. Dämonen und Kleinstlebewesen fügten sich nicht in dieses System. Sie bildeten fortan keine Wirklichkeit mehr in den Vorstellungen der chinesischen Medizin von der Verursachung des Krankseins.

20. Medizin ohne Arzneikunde

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Nicht nur den Dämonen und Kleinstlebewesen blieb der Zutritt in die Gedankenwelt der neuen Medizin verwehrt. Auch ein weiterer bislang bestens vertrauter Aspekt der Heilkunde mußte draußen bleiben: die gesamte Arzneikunde. Das überrascht! Man stelle sich vor, ein Historiker einer fernen Zukunft müßte folgendes berichten: Im 19. Jahrhundert entstand die moderne westliche Medizin. Damals wurden alle normalen und krankhaften Vorgänge im Körper mit chemischen und physikalischen Methoden erforscht und detailliert erläutert. Die Arzneikunde blieb zunächst ausgespart! Man wartete bis in das 29 .Jahrhundert, um erst dann auch die Eigenarten und Wirkungen der Arzneimittel auf den Organismus mit Chemie und Physik, Biochemie und Biophysik zu erklären. Absurd? In der Tat. Wir wissen, daß es anders war. Aber in der chinesischen Antike hat sich die Übertragung der neuen Naturwissenschaften auf die Heilkunde genauso ereignet, wie wir es uns für Europa nur als Falschmeldung vorstellen können. Die Naturwissenschaften der systematischen Korrespondenzen, die Lehren von Yinyang und von den Fünf Wirkkräften wurden allein für die Erklärung der normalen und der krankhaften Vorgänge im Körper eingesetzt: Die Arzneien und ihre Wirkungen fanden keine Beachtung!

Wie konnte das sein? Die Schriften aus dem Grab von Mawangdui schildern uns eine sehr ausgefeilte Pharmazie: Die Zahl der verwendeten Substanzen, die Vielfalt der technischen Aufbereitungen zu unterschiedlichen Arzneiformen und auch die Bandbreite der Indikationen, die in den Manuskripten niedergeschrieben wurden, weisen auf einen hohen Stand der Arzneikunde hin. Zudem, bis in die Gegenwart ist die Pharmazie das Rückgrat der traditionellen chinesischen Heilkunde. Warum

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fand sie keine Aufnahme in die neue Medizin? Das ist ein noch aufregenderer Vorgang als das „Aus-den-Augenverlieren“ der Dämonen und Kleinstlebewesen!

Wir wissen mittlerweile, daß nur ein Teil der Bildungselite des antiken China die neue Medizin schuf und die Augen gegenüber Dämonen, Kleinstlebewesen und Pharmazie verschloß. Wir wissen auch, daß ein anderer Teil der Bildungselite sich der Entwicklung einer neuen Medizin nicht anschloß und die Pharmazie als eigenständige Heilkunde weiterführte auch im Kampf gegen Dämonen und Kleinstlebewesen. Wie konnte es geschehen, daß sich ein solcher Graben auftat ein Graben quer durch die Oberschicht des antiken Chinas? Welche Filter schoben sich zwischen die Augen der Beobachter von Natur und Mensch einerseits und dem Beobachteten anderseits, so daß solch unterschiedliche Weltsichten entstehen konnten?

Die Sicht auf die Welt enthält stets eine Vorstellung, was normal ist und welcher Zustand als unnormal, als Krise anzusehen ist. Unterschiedliche Weltsichten stimmen in dieser Vorstellung weitgehend überein. Die meisten Menschen wünschen Frieden und Harmonie als Grundlage eines erfüllten Lebens. Wenn wir von unterschiedlichen Weltsichten und Gesellschaftslehren sprechen, dann deshalb, weil die Rezepte, wie man diesen Frieden erreicht und mit welchen Mitteln man die Harmonie aufrecht erhalten kann, sehr stark von einander abweichen können. Wir erleben dies in unserer eigenen Gegenwart und das war in China vor zwei Jahrtausenden nicht anders.

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Im antiken China schieden sich die politischen Philosophen an der Frage, welcher Weg der richtige sei, um die Zukunft friedlich und harmonisch zu gestalten. Die gesellschaftlichen Fakten waren unübersehbar: Zunächst hatten immer größere Königreiche miteinander um die Vorherrschaft gekämpft. Dann war im Jahre 221 ein geeintes chinesisches Kaiserreich geschaffen worden. Der erste Kaiser hat in einer auch aus der heutigen Rückschau noch überaus eindrucksvollen Verwaltungsleistung aus den vormaligen, sehr unterschiedlichen Einzelstaaten binnen weniger Jahre ein höchst komplexes, integriertes Staatswesen geschaffen. In den auf die Reichseinigung folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten wurden die bürokratischen Strukturen gefestigt.

So schön, so gut. Die mit der Reichseinigung eingeläutete Geschichte des chinesischen Kaiserreichs ist eine überaus eindrucksvolle Kulturgeschichte von Macht, von wiederholtem Aufstieg und Niedergang, von Kunst, Dichtung und technischer Zivilisation. Und doch gab es stets die Zweifler. Sie sahen gerade in dieser Gesellschaftsform die Wurzel immer wiederkehrender Konflikte und zwischenmenschlicher Katastrophen. Sie wandten sich zum einen gegen den Glauben an die harmoniestiftende Macht der Gesetze. Das Gegenteil ist der Fall, so argumentierten sie. Der von den Gesetzen auf die Lebensführung ausgeübte Zwang sei die wahre Ursache für vielfaches Fehlverhalten. Sie wandten sich zum anderen gegen den komplexen Staat als geeignete Organisationsform menschlicher Gesellschaft. Ganz im Gegensatz dazu müßte die Gesellschaft organisiert sein: Kleine, überschaubare Gemeinschaften. Jede autark und ohne Wunsch oder Notwendigkeit, mit der Nachbargemeinde in einen Austausch zu treten. Kein Handel mit den Nachbargemeinden und natürlich auch

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kein Militär, um irgendwelche Expansionen zu betreiben. Auch die Schrift ist überflüssig. Einige Knoten in einen Strick geknüpft reichen aus, um sich an Vergangenes zu erinnern.

Es waren diese Zweifler an der Zweckmäßigkeit des komplexen, geeinten Reiches mit seinen vielfältigen Handelsverflechtungen weit auseinanderliegender Landesteile und mit der Erfordernis einer alles durchdringenden Bürokratie, die sich der neuen Medizin nicht anschließen konnten. Sie besaßen ein anderes Weltbild. In diesem Weltbild kamen keine menschgemachten oder vom Menschen angeblich in der Natur erkannten Gesetze vor. Die Vorgänge der Natur, die Regeln, die den Lauf der Natur bestimmen, dessen waren sich die Daoisten sicher, liegen außerhalb menschlicher Vorstellungskraft. Jeder Versuch, diese Regeln in Worte zu fassen, mit menschlichen Begriffen zu deuten, muß scheitern. Wir erinnern uns, daß die Lehre von den Fünf Wirkkräften ursprünglich geschaffen wurde, um die gewalttätigen Übergänge von einer Herrscherdynastie auf die nächste zu rechtfertigen. Erst später wurde diese Lehre dann auf die Erklärung der Naturvorgänge übertragen. Für die seinerzeitigen Philosophen war dieser gesellschaftstheoretische Ursprung noch sehr präsent. Ein Teil von ihnen lehnte sie daher als menschgemachtes Konstrukt ab.

So wird der Graben verständlich, der sich damals auftat. Die Befürworter und die Gegner der komplexen Staatsidee standen sich gegenüber. In der neuen Medizin spiegelte sich in nahezu jeder Einzelheit die Weltsicht der Befürworter wider. Sie sahen in dem Organismus, was sie auch im Staate sahen: ein komplexes Gebilde unterschiedlicher Regionen, die alle auf der Grundlage

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wohldefinierter Gesetzmäßigkeit ihre jeweils eigenen Aufgaben erfüllten und dennoch im gegenseitigen Austausch ein integriertes Gesamtgebilde darstellten, das nach außen hin wie eine Einheit wirkte. Die Nadelbehandlung war das Mittel der Wahl dieser Medizin. Wie das ideale politische Handeln war die ideale Nadelbehandlung allein für die Vorbeugung von Krisen bestimmt, nicht aber für die Therapie bereits ausgebrochener Krankheiten. So zumindest lesen wir es in den Quellen jener Zeit. Die Erfordernisse des politischen Alltags und der ärztlichen Praxis sahen freilich anders aus.

Und die Arzneien? Da gab es zwei Auffassungen. In den Texten der neuen Medizin finden sich durchaus Hinweise auf die Arzneien. Die Existenz dieser Substanzen und die Wirklichkeit ihrer Wirkungen waren offenbar doch nicht zu übersehen. Aber es sind nur wenige und sehr allgemein gehaltene Hinweise. Sie ändern nichts an der Tatsache, daß die Arzneikunde keinen Eingang in die neue Medizin fand. Es fehlte das zentrale Element der Integration:

die Einbindung in die neuen Naturwissenschaften, die Erläuterung der Arzneiwirkungen auf der Grundlage der Lehren des Systems der Entsprechungen aller Dinge. Zurück zu den allgemein gehaltenen Hinweisen, die es dennoch gibt. Auch sie sind aufschlußreich. Sie sprechen denjenigen Substanzen, die eine einmal ausgebrochene Krankheit heilen, die Macht des Herrschers zu. Arzneien töten ihre Gegner im Organismus. Diese Macht kam im Kaiserreich allein dem Herrscher zu. Er bestätigte alljährlich im Herbst die Todesurteile. In derselben Weise wie der Herrscher Minister und Gehilfen bis hin zu Sendboten benötigt, um sich beraten zu lassen und seine Politik auszuführen, so sah man auch in den Arzneien, die keine ausgesprochen toxische Wirkung zeigten,

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lediglich „Minister“, „Gehilfen“ und „Sendboten“, die den eigentlichen Wirkdrogen zur Unterstützung dienten.

21. Arzneikunde ohne Medizin

Ganz anders sahen dies die Gegner der Staatsidee. Für sie bildeten die Arzneidrogen eine zentrale Therapieform. Auch sie veröffentlichten ihre politischen Manifeste. Auch sie schrieben den Arzneidrogen unterschiedliche Bedeutungsebenen zu und auch sie benutzten die Bezeichnungen „Herrscher“, „Minister“, „Gehilfen“ und „Sendboten“, wenn sie die Rolle der einzelnen Substanzen verdeutlichen wollten. Doch im Gegensatz zu den Befürwortern der neuen Medizin priesen sie diejenigen Substanzen als „Herrscher“, die in der Lage sind, den Körper von seiner materiellen Schwere zu befreien und dem Organismus langes Leben zu ermöglichen. Das war ihr Ideal: Sich im gesellschaftlichen wie im persönlichen Dasein in einen Einklang mit der Natur zu begeben. Sich ohne Blick auf die menschgemachten Gesetze mit Substanzen aus der Natur zu versorgen und auf diese Weise friedlich und gesund zu leben.

Daß es immer wieder Verbrechen gibt, das ließ sich nicht leugnen. So ließ es sich auch nicht leugnen, daß der Organismus trotz guter Vorbeugung hin und wieder von Krankheiten heimgesucht wird. Die Gegner des Staatsgedankens und der neuen Medizin stuften die Arzneidrogen, die für die Therapie der Krankheiten Verwendung fanden, als die unterste „Rangstufe“ ein und verwendeten damit bewußt oder unbewußt den Terminus, der auch die Rangstufen der Bürokratie bezeichnete. Die unterste Rangstufe war den Bütteln des Staates vergleichbar, die die

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Todesstrafe ausführen müssen. Zu ihren Delinquenten zählten selbstverständlich wie seit eh und je Dämonen und Kleinstlebewesen. Beide hatten ihren Platz in der natürlichen Umgebung des Menschen. Beiden konnte man ebenso begegnen wie der Schlange, dem Bär, oder den Raubvögeln. In der Weltsicht der Heilkundigen, die das Wissen um die Arzneidrogen fortführten, gab es keinen Grund, die Dämonen und Kleinstlebewesen zu übersehen.

Es gab freilich auch keinen Grund, die Substanzen, deren Wirkungen man so gut kannte, nun in die Zwangsjacke der Gesetzmäßigkeiten der systematischen Korrespondenzen einzubringen. Es gab freilich auch keinen Grund, die Wirkungen der Nadelbehandlungen anzuerkennen. Die Nadeltherapie diente in erster Linie der Aufrechterhaltung des komplexen Austauschsystems im Körper. Der Fluß von Region zu Region, die Regulierung der Beiträge jeder Region zum Gesamtorganismus, das war das Ziel der Nadelstiche. Wer wollte überrascht sein, daß diejenigen, die einen auf solchen Strukturen gegründeten komplexen Staat ablehnten, keine Veranlassung sahen, die Akupunktur als geeignete Therapieform für den menschlichen Organismus zu übernehmen.

So geschah das Unfaßbare. Innerhalb ein und derselben chinesischen Kultur entstanden zwei heilkundliche Traditionen, die fast keine gegenseitigen Berührungspunkte besaßen. Fast keine Berührungspunkte. Es gab schon eine Ausnahme. Um 200 n.Chr. versuchte ein Autor namens Zhang Ji eine Brücke zu schlagen. Er wies den Arzneidrogen bestimmte Bahnen im Körper zu, über die sie zu ihren Wirkorten gelangten. Er war der erste, der das

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versuchte, was wir eigentlich für selbstverständlich hielten: er wandte die Erkenntnisse der neuen Naturwissenschaften auf die Wirkungen der Arzneisubstanzen im Körper an. Doch er blieb ein Einzelfall. Keiner folgte ihm. Fast eintausend Jahre fand sein Beispiel keine Nachahmer, die dazu beigetragen hätten, den Graben zu überbrücken. Das geschah erst im 11. Jahrhundert wir werden später darauf zu sprechen kommen.

Halten wir hier wieder einmal ein wenig inne. Worauf gründete sich die neue Medizin einerseits und die Fortführung einer pharmazeutischen Heilkunde andererseits? Das Objekt der Aufmerksamkeit der einen wie der anderen Tradition war der Mensch. Dessen Gesundheit galt es zu bewahren, und dessen Krankheit galt es gegebenenfalls zu therapieren. In der Natur des gesunden wie des kranken Menschen gab es keinerlei Veranlassung, die eine oder die andere Richtung einzuschlagen. Die Fähigkeit, die Natur der Dinge zu überdenken und daraus Schlüsse für das Handeln zu ziehen, war bei den Anhängern der einen wie der anderen Tradition in gleichem Maße vorhanden. Für die Aufteilung der chinesischen Heilkunde in die medizinische und die pharmazeutische Tradition waren allein die unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Anschauungen der Träger dieser beiden Traditionen verantwortlich. Diese gesellschaftspolitischen Anschauungen bedingten jeweils unterschiedliche Weltsichten, aus denen dann auch unterschiedliche Sichten hervorgingen, wie man die Gesundheit und das Kranksein des menschlichen Organismus deuten und behandeln sollte.

22. Die rätselhaften Parallelen

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Wir unterbrechen hier unsere Erörterung der Erschaffung einer neuen Medizin in der chinesischen Antike. Wir haben zwar nur einen Teil der möglichen Beweisführung vorgetragen, aber es sollte doch ausreichen um aufzuzeigen, wie die Medizin zustande gekommen ist. Die Anschauungskraft der Natur und des menschlichen Körpers ist völlig ungenügend, um die Menschen auch nur auf eine der Grundideen hinzuweisen, die in die Medizin Eingang fanden. Die Anschauungskraft der Natur und des menschlichen Organismus ist auch völlig unzureichend, um die Spaltung der Traditionen in Medizin und pharmazeutische Heilkunde zu rechtfertigen. Beide Traditionen freilich gründeten auf bestimmten Wirklichkeiten morphologischer, physiologischer und pathologischer Art. Doch wie diese gesehen wurden, daß sie zum Teil überhaupt gesehen wurden, und wie sie gedeutet und als Handlungsanweisungen für die Vorbeugung und Therapie von Kranksein eingesetzt wurden, das wurde den Wissenschaftlern und Ärzten aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit vorgegeben, nicht aus der natürlichen.

Wenden wir den Blick nun wieder in die griechische Antike, so wäre es erneut außerordentlich hilfreich, wenn wir die These von den erfundenen drei Jahrhunderten des frühen europäischen Mittelalters heranziehen dürften. Denn es ist schon merkwürdig, daß in China erst drei Jahrhunderte später als im östlichen Mittelmeerraum im Grunde etwas ganz Identisches geschah wie zuvor in Griechenland. Man könnte vermuten, beide Geschehnisse seien unabhängig voneinander zustande gekommen. Das mag sein. Oder aber: bei den damaligen Verkehrsverhältnissen dauerte es nun einmal so lange, bis die Neuerung im Westen, also im griechisch geprägten östlichen Mittelmeerraum, endlich den

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Weg in den Fernen Osten, also nach China gefunden hatte. Das ist kaum vorstellbar. Wie soll das geschehen sein?

Hat der Anstoß bei seiner Reise in den Osten alle paar hundert Kilometer eine Pause von mehreren Jahrzehnten eingelegt? Wurden zwischendurch erst einmal die Stämme, die am Wege hausten, Schritt für Schritt missioniert, bis dann schließlich China erreicht war? Nein, 300 Jahre waren damals eine genauso lange Zeit wie heute. Es gibt keinerlei Anzeichen, daß das Wissen irgendwo an einer Zwischenstation für Jahrzehnte oder Jahrhunderte Rast eingelegt hätte. Wenn tatsächlich eine Übermittlung bestimmter Grundgedanken von West nach Ost stattgefunden haben sollte, dann vielleicht im Laufe mehrerer Jahre oder Jahrzehnte.

Wenn wir das annehmen, dann haben wir allerdings ein großes Problem. Warum sollte drei Jahrhunderte nach Beginn der Entwicklung in Griechenland noch jemand nach China reisen und dort die Anfangsgründe oder die Grundzüge einer Medizin übermitteln, die sich in Europa bereits sehr viel weiter entwickelt hatte? Also begann die Entwicklung in China unabhängig von Griechenland? Oder dürfen wir die drei „erfundenen“ Jahrhunderte abrechnen und den umgekehrten Schluß ziehen, daß möglicherweise die Entwicklung in China begonnen hatte und von dort nach Ionien ausstrahlte? Eine unseriöse Annahme, denn die drei Jahrhunderte des frühen Mittelalters lassen sich nicht aus der Geschichte ausradieren. So bleibt als dritte Möglichkeit noch die Annahme, daß sowohl China als auch das östliche Mittelmeer Empfänger von äußeren Anregungen waren, die irgendwo

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zwischen diesen beiden Räumen ihren Ursprung nahmen und zuerst in Griechenland und später dann in China Früchte trugen.

Wir können bislang weder eine Lösung noch eine sinnvolle Annahme bieten, wie es zu der Duplizität der Entwicklungen in Ost und West kam. Für den gesamten Verlauf der weiteren Entwicklung der Medizin in China und im europäischen Abendland werden wir immer wieder auf ganz erstaunliche Parallelen von grundlegenden Veränderungen und Aufbruch zu neuen Ideen stoßen.

Der im Vergleich zum antiken China sehr viel weniger befriedigend datierbare und mit sehr viel weniger schriftlichen Quellen belegbare Zeitraum der Erschaffung einer Medizin im antiken Griechenland läßt dennoch eine Unterscheidung zu, die schon in China für unsere Betrachtung nützlich war. Auch in der griechischen Antike gab es zunächst eine durchaus vielfältige Heilkunde, welche dann durch eine Medizin im engeren Sinne ergänzt wurde. Wie in China kam es zu keiner Ablösung einer vormedizinischen durch eine medizinische Heilkunde. Wie in China existieren auch in Europa seit der Erschaffung einer Medizin in der Antike beide Traditionen der Heilkunde nebeneinander. Das mag für die meisten „Nutzer“ dieser beiden Traditionen sehr hilfreich sein. Schließlich kann keine der beiden Traditionen Vollkommenheit beanspruchen. Heute nicht und noch viel weniger vor fast zweieinhalb Jahrtausenden. Beide Traditionen, die medizinische und die nichtmedizinische Heilkunde, haben ihre Erfolge. Beide aber haben auch ihre weißen Flecken, auf denen jede Kunst versagt.

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Eine kurze Betrachtung der vormedizinischen Heilkunde in der griechischen Antike führt uns in das Werk des Homer und weniger anderer späterer Quellen. An Theorien erkennen wir lediglich eine religiöse Weltsicht, die den Göttern die Macht zusprach, den Menschen Krankheiten aufzuerlegen. Die Menschen hatten sich auch in der griechischen Antike die Götter nach ihrem eigenen Bilde aber ungleich effektiver geschaffen. Ein Mensch allein vermochte vielleicht einen anderen Menschen oder eine kleine Schar anderer Menschen zu schädigen und zu Tode zu bringen. Ein Apollon aber vermochte mit seinen Pfeilen Pestepidemien auszulösen und damit ganze Bevölkerungen auszulöschen. Eine Behandlung am Patienten kam den antiken Griechen in solchen Fällen gar nicht in den Sinn. Es galt, den Zorn des Verursachers der Pest zu lindern und damit kam auch die Heilung in diesem Falle nicht des einzelnen Kranken, sondern der leidenden Gesellschaft.

Daß die antiken Griechen über eine Vielzahl von arzneilichen und mechanischen Einwirkungen auf den Körper verfügten, soll uns hier nicht weiter interessieren. Auch nicht, daß im homerischen Werk das eine oder andere Detail über den äußeren und inneren Aufbau des menschlichen Körpers mitgeteilt wird. Uns geht es um die medizinischen Vorstellungen. Die aber begannen erst zu einem Zeitpunkt, als einige Menschen sich die Mühe machten, den Organismus in seinen gesunden wie in seinen kranken Phasen losgelöst von jedem Gedanken an die Götter allein auf der Grundlage von Naturgesetzen zu verstehen. Das war der Beginn der Medizin in der griechischen Antike. Dieser Aufbruch erfolgte im 5. Jahrhundert v. Chr. Zuvor gab es keine Heilkunde,

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die unserer Definition von Medizin nahe gekommen wäre. Weder in Griechenland, noch in Ägypten, noch in Mesopotamien.

Es taucht in diesem Zusammenhang immer der Name des Hippokrates (460 ca. 380) auf. Das muß ein sehr beeindruckender Mann gewesen sein, sonst hätte Platon ihn nicht als Prototyp des Arztes genannt. Aber daß er der Schöpfer der griechischen Medizin gewesen sei, dafür gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Hippokrates war ein Arzt einer vormedizinischen Heilkunde. Die Legende spricht ihm keine Leistung zu, die wir als Anregung zur Erschaffung einer Medizin im engeren Sinne deuten könnten. Angeblich hat er dazu beigetragen, daß die Heilkunde fortan als schriftlich dokumentiertes Wissen gelehrt und überliefert wurde. Das war gewiß ein wichtiger Schritt. Eine Medizin war das aber noch nicht.

Sicherlich war auch der Inhalt der frühesten Schriften wichtig. Das sind diejenigen, die die heutigen Textforscher auf das 5. Jahrhundert v. Chr. datieren. Es handelt sich um die Darlegung von Beobachtungen, die der aufmerksame Arzt damals in Griechenland wie in China in der Regel ein Wanderarzt auf seinen Reisen anstellen konnte. Hier findet sich die reine Ausdruckskraft des Körpers in gesunden und in kranken Tagen. Da ist keine Theorie, die sich zwischen Beobachter und Beobachtetes stellt. Hippokrates kann gar kein Mediziner in unserem Sinne gewesen sein, denn er wandte sich gegen die Vereinnahmung der Beobachtung durch die Philosophie.

Zwei Textbeispiele belegen den bewußten Versuch einiger Autoren der damaligen Zeit, sich der beginnenden Theoretisierung

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entgegenzustellen. Man möchte sich gerne vorstellen, wie sie ihren Schülern und Anhängern zuriefen: Haltet Euch allein an die Wirklichkeit, alle Spekulation führt nur zu Wahrschein, bringt nicht die Wahrheit! Nun, die uns überlieferten Texte drücken dies sehr viel differenzierter und gewählter aus. So heißt es in der Abhandlung „Über die alte Medizin“: „Ich bin nicht der Meinung, daß [die Medizin] einer neuen Hypothese bedarf, wie die

unsichtbaren Dinge, über die man nichts

Denn es gibt kein

Kriterium, an dem man die Wahrheit der Aussage messen könnte.“ 26

In der hippokratischen Abhandlung „Vorschriften“ vertritt der Verfasser dieselbe Einstellung: nur keine Theorie! Sich immer an der sichtbaren, greifbaren, hörbaren, fühlbaren Wirklichkeit orientieren: „In der Medizin darf man sich nicht nach theoretischen Überlegungen richten, sondern man muß Erfahrung und Einsicht Schlüsse, die aus der reinen Theorie stammen, können kaum von Nutzen sein, sondern nur die, die aus der empirischen Wahrnehmung bezogen werden.“ 27 Gefruchtet haben diese Warnungen nichts; sie konnten den Siegeszug des Wahrscheins in der neuen Medizin nicht aufhalten.

23. Der Beginn der Medizin in Griechenland

Der Beginn der Medizin ist aus anderen Texten der Antike ersichtlich. So aus einer Schrift mit dem anspruchsvollen Titel „Die Natur des Menschen“. Das läßt wieder einmal aufhorchen. Reicht

26 Hans Diller, Üb. u. Hg., Hippokrates Schriften. Die Anfänge derabendländischen Medizin. Rowohlts Klassiker der Literatur und Wissenschaften. Griechische Literatur Band 4. Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag. 1962, 204.

27 Kitto, 1960, 155.

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die reine Aussagekraft des Körpers dem Beobachter gegenüber aus, um etwas über die Natur des Menschen und vor allem über die Natur von Gesundheit und Kranksein aussagen zu können? Wieder wollen wir uns bei allen Grundgedanken, die in die neue Medizin Eingang fanden, fragen, wo diese wohl ihren Ursprung genommen haben können. Reichten die Daten, die der Körper dem Beobachter zur Verfügung stellte aus, um zu solchen Schlüssen zu gelangen?

Betrachten wir zunächst noch eine andere Schrift. Sie war der Fallsucht gewidmet und setzte sich unter dem Titel „Die Heilige Krankheit“ mit den bislang gültigen Vorstellungen auseinander, daß es sich bei dem manchmal äußerst spektakulären Verlauf dieser Krankheit um etwas Göttliches handeln müsse, bei dessen Entstehung die Götter ihre Hand im Spiele hatten. Weit gefehlt, verkündete der uns unbekannte Autor. Das ist eine Krankheit, deren Ursachen, wie die aller anderen Krankheiten auch, irgendwo in der Natur liegen. In diesem Falle verursacht eine Überfülle von Schleim im Hirn einen Hinabfluß in den Körper, wo die Leitbahnen für Blut und Pneuma verstopft werden. Das hat dann der Autor geht weit mehr in die Einzelheiten als dies uns hier nachvollziehbar ist die bekannten Auswirkungen.

Recht so, möchten wir zustimmend ausrufen. Nicht, daß wir die Schleimverstopfungstheorie noch in irgendeiner Weise nachvollziehen könnten. Sicher nicht. Aber die Abkehr von der Verursachung der Krankheit durch die numinosen Mächte und von der Notwendigkeit, sie mit Magie und Beschwörungen zu behandeln, das leuchtet uns nach wie vor als sinnvoll ein. Das ist, so lesen wir in der Literatur, erster Ausdruck „rationalen“ Denkens. Wenn es doch so wäre.

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Welche rationale Grundlage hätte der unbekannte Autor haben können, um solche Gedanken anzustellen? Die Betrachtung eines Epilepsie-Patienten vielleicht? Wieso führt rationales Denken angesichts der schlimmen Leiden eines Epileptikers zu der grundfalschen Annahme das dürfen wir doch heute so sagen -, im Hirn bilde sich auf Grund mangelnder Reinigung ein Übermaß an Schleim? Wenn „rationales Denken“ mit dem Abfall vom Glauben an einen Gott oder an mehrere Götter gleichgesetzt wird, dann ist das eine ungeheure Verunglimpfung aller, die an einen Gott oder an mehrere Götter glauben, die von deren Existenz wissen, und doch, das ist nicht zu leugnen, auch sehr rational denken können.

Also, der Autor von „Die Heilige Krankheit“ hat weder mehr noch weniger rational gedacht als diejenigen, die die Fallsucht als etwas Göttliches ansahen. Er hat lediglich eine Weltanschauung durch eine andere ersetzt. Er hatte für die neue Anschauung jedenfalls keine Beweise aus der Beobachtung des kranken Individuums. Das war unmöglich. Ihm war allein der Glaube abhanden gekommen, daß die Götter, deren Existenz an sich er ja gar nicht in Frage stellte, für die Entstehung einer Fallsucht verantwortlich seien. Dieser Glaube konnte ihm nicht abhanden gekommen sein, weil er einen Epileptiker oder mehrere Epileptiker oder auch eine sehr große Anzahl beobachtet hatte. Den Anlaß zu seiner Sinneswandlung mußte etwas anderes geboten haben.

Darum geht es uns. Die Anlässe zu finden, die in den zwei Jahrtausenden der griechischen und der chinesischen Medizingeschichte zu solch grundlegenden Sinnesänderungen

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geführt haben. Niemals war der Anlaß die Beobachtung des Körpers. Niemals reichte die Aussagekraft des Organismus, um zu solchen Sinnesänderungen zu gelangen. Stets war es die wirkliche oder die angestrebte Struktur menschlichen Zusammenlebens, die gemeinsam mit Hinweisen aus der Natur die Anregungen lieferte.

24. Das Ende der Monarchie

Wir wollen noch einmal auf den zuvor genannten Text über „Die Natur des Menschen“ zurück kommen. Diesem Text wird die Verbindung von Heilkunde und „Vier-Säfte-Lehre“ zugesprochen. Das wäre der Beginn der Medizin. Damit diese Medizin entstehen konnte, bedurfte es zweierlei. Zunächst der Vorstellung einer Gesetzmäßigkeit, die das gesamte Universum durchzieht. Diese Bedingung war erfüllt. Gesetze bildeten die Grundlage der Gesellschaft. Gesetze bildeten die Grundlage des Makrokosmos. Und die physis selbst, die individuelle Natur eines jeden einzelnen menschlichen Organismus, wurde zum Inbegriff der Ordnung, zum Inbegriff der Gesetzmäßigkeit. 28 Sodann mußte eine naturgesetzliche Lehre auf den menschlichen Organismus übertragen werden, die diesen Organismus mit den Gesetzmäßigkeiten seiner Umwelt in Verbindung setzt. Diese Bedingung erfüllte die Vier-Säfte-Lehre.

Wovon handelte die Vier-Säfte-Lehre? Werfen wir zunächst einen Blick auf die Vier-Elemente-Lehre. Im 5. Jahrhundert lebte ein Mann namens Empedokles. Auf ihn wird die Vorstellung zurückgeführt, nicht ein einzelnes Element das

28 Owsei Temkin, Der systematische Zusammenhang im Corpus Hippocraticum. Kyklos. Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität Leipzig. Band I. 1928, 16.

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Wasser, ein „apeiron“, oder die Luft – sei die Grundlage allen Lebens, sondern ein gleichberechtigtes Miteiander von vier Elementen oder Grundstoffen! Feuer, Wasser, Luft und Erde sind alle gleichermaßen wichtig für das Leben. Erst ihre Mischung bildet die Lebewesen, ja sogar das gesamte Universum.

Wir wissen nicht, ob Empedokles lange Jahre vor einem Schreibtisch saß, auf dem bestenfalls die Gedanken von Thales, Anaximander, Anaximenes und vielleicht des einen oder anderen Philosophen ausgebreitet lagen. Wir wissen auch nicht, ob er in täglichem Gespräch mit anderen Denkern seine Vorstellungen entwickelte. Was wir jedoch mit Sicherheit wissen ist, daß er kein Labor zur Verfügung hatte, in dem er mit mehreren technischen Assistenten physiologische Studien am menschlichen Organismus hätte anstellen können, um durch komplexe Messungen die vier Grundstoffe in jedem Organismus wiederzufinden und in ihrer Mischung als gleichberechtigte Anteile aufzeigen zu können. Pure Phantasie also war das, was so gerne als der Beginn der rationalen Wissenschaft in der Medizin bezeichnet wird. Der Beginn der Medizin war dies in der Tat. Aber diese Medizin kann allein aus der heutigen Rückschau beanspruchen, auf einer Wirklichkeit zu gründen. Was einige der damaligen Denker für wahr hielten, war Wahrschein. Mehr nicht.

Wie kam dieser Wahrschein zustande? Es wäre vermessen, aus einer zeitlichen Entfernung von zweieinhalb Jahrtausenden jeden Anstoß für jeden neuen Gedanken aufdecken zu wollen. Das wird uns auch für weitaus spätere Zeiten nicht gelingen. Aber wir können doch auf die merkwürdige Parallelität von grundlegenden Wandlungen im politischen Umfeld der Denker, die die neue

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Medizin

Medizin hinweisen.

schufen,

und

eben

den

Grundgedanken

dieser neuen

Der Körper lieferte keine primären Hinweise auf Feuer, Wasser, Luft und Erde als seine Grundstoffe. Er mochte mal heiß, mal kalt sein. Das mag als Hinweis auf ein Feuer im Organismus gelten. Der Körper scheidet in regelmäßigen Abständen bis zu zwei Liter Flüssigkeit aus. In unregelmäßigen Abständen oder bei besonderen Anlässen kommt es zu weiteren Ausscheidungen als Schweiß oder Tränen. Ist das Beweis genug für das Wasser als Grundstoff des Lebens? Schon möglich. Schließlich muß dieses Wasser auch in entsprechender Menge dem Organismus zugefügt werden, sonst verdurstet er. Außerdem, wenn dem Menschen zuviel Blut ausfließt, dann stirbt er. Über die Luft brauchen wir nicht viel zu sagen. Eher gilt unsere Frage der Erde als Grundstoff. Das ist schon schwieriger. Die Erde als Mutter allen Lebens, aus deren Schoß alle Geschöpfe kriechen das ist eine altbewährte Anschauung. Aber als Grundstoff? Wie hätte Empedokles wohl die Erde im Körper eines Menschen oder eines Hundes, oder bei der Sektion eines Olivenbaums gefunden?

Wir werden dieses Rätsel nicht lösen können. Bleiben wir bei der Aussage, daß alle diese vier Grundstoffe gleichermaßen vorhanden sein müssen, um Leben zu gewähren. Vier Elemente sind gleichberechtigt. In der Mischung tauchen sie alle einmal mehr und einmal weniger auf und bedingen dadurch die individuelle Natur. Aber vom Prinzip her sind sie stets allesamt vorhanden und steuern gemeinsam die Existenz. Als solche stehen sie im Gegensatz zu dem älteren Denken des Thales, des Anaximander

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und des Anaximenes, das jeweils nur ein Element, einen Grundstoff als lebensbeherrschend erkannt hatte.

Die Wortbilder sind hier nicht ganz unbeabsichtigt gewählt. Die einzige Parallele, die wir zu diesen geänderten Vorstellungen von den Grundlagen und Grundstoffen des Lebens erkennen können, ist die Wandlung der gesellschaftlichen Strukturen von der Monarchie zur Demokratie. Alkmaion von Kroton (ca. 570-500) ist Kronzeuge. Als Arzt und Philosoph wußte er wovon er sprach. Er war der Schöpfer der Isonomie-Lehre. Wörtlich sprach er von der isonomia ton dynameon, der Gleichberechtigung der Kräfte, man könnte auch sagen: er sprach von einem Kräftegleichgewicht. Er meinte den körperlichen Organismus und benutzte Begriffe aus dem gesellschaftlichen Organismus. Das kennen wir aus China. Gesundheit des körperlichen Organismus ist dann gegeben, wenn alle Anteile in ausgewogener Mischung vorhanden sind. Das Gegenteil ist die monarchia, „die Herrschaft des Einen“. Monarchia, so deutlich sprach er es aus, ist Krankheit schlechthin.

Die Ursprünge des monistischen Denkens lagen möglicherweise im Orient. Von dort hatte dieses Denken vielleicht nach Ionien und dann nach Griechenland Eingang gefunden. Angesichts der politischen Änderungen hin zu den Polisdemokratien konnte es sich offenbar nun nicht mehr halten. Warum im östlichen Mittelmeer die Vierzahl die Zahl der Wahl war, das ist schwer zu erklären. Mutmaßungen etwa über einen Anstoß aus Persien sind hilfreich aber nicht ausreichend. Wir können lediglich feststellen, daß im 5. Jahrhundert v. Chr. der Sieg über die Perser errungen wurde, daß die Griechen dem orientalischen Despotismus und ihrer eigenen monarchischen

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Vergangenheit die Kultur der Debatte und Überredung entgegensetzten, und daß somit die Strukturen der Polisdemokratie zu ihrer Reife fanden. Das war eine grundlegende Veränderung der Lebenswelt.

Zwar reiften nicht alle politischen Zielsetzungen zur andauernden Wirklichkeit, aber als Ideale prägten sie das Denken und Streben vieler Menschen. Wen sollte es da wundern, daß der allgemeine Aufbruch zu Polisdemokratie und Gesetzesherrschaft einige Denker veranlaßte, die Macht über die Gesundheit und Krankheit der Menschen nicht mehr bei den Göttern zu suchen, sondern der Regelhaftigkeit und Gesetzestreue der natürlichen Vorgänge zu unterstellen? Der Autor der Schrift „Die Heilige Krankheit“ dachte nicht aus eigenem Antrieb rationaler als seine Vorgänger. Er wurde gleichsam geleitet, die Dinge neu zu sehen und auch ein Detail wie die Epilepsie in ein neues Weltbild einzufügen.

Nicht alle dachten so wie er. Ja, es entstand sogar ein neuer Kult, der Asklepios-Kult, der einem Heilgott die Fähigkeit zutraute, den Menschen, die vertrauensvoll mit ihren Leiden zu ihm kamen, in seinem Tempel in den Schlaf fielen, wie ein liebenswürdiger Alleinherrscher die Krankheiten zu nehmen. Dieser Asklepios-Kult war kein kurzes, letztes Aufbäumen einer zum Aussterben verurteilten Geisteshaltung. Ganz im Gegenteil, er blieb durch die gesamte Antike hindurch ein wichtiger Teil der Heilkunde insgesamt und es waren keineswegs nur die weniger Intelligenten, die weniger Nachdenklichen, die formal weniger Gebildeten, die sich von solcher Therapie Hilfe erhofften.

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Griechenland bildete ebenso wie China zu keiner Zeit eine heilkundliche Monokultur. Stets lebten Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Weltsichten und Lebensentwürfen miteinander. Diesen Erfahrungen, Weltsichten und Lebensentwürfen entsprachen unterschiedliche Deutungen des kranken und gesunden Organismus. Doch sei bereits hier mit allem Nachdruck festgestellt: es wäre schlicht unmöglich, jede Deutung auf die persönlichen Erfahrungen und Lebensumstände desjenigen zurückzuführen, der sie ausspricht. Zuviele Überlappungen verwischen das Bild. Wir können nur eines versuchen: die Frage zu beantworten, ob die Grundgedanken der Medizin der Ausdruckskraft des Körpers entstammen oder solchen Anregungen, die von anderer Seite auf den nachdenklichen Beobachter einwirken.

25. Störenfriede und Scherbengericht

Die Lehre von den vier Elementen konnte nicht der Ausdruckskraft des Körpers selbst entstammen. Dasselbe trifft auch für die Vier-Säfte-Lehre zu. Angeblich hat ein Mann namens Polybos sie zum Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. erstmals konsequent in die Bewertung des menschlichen Organismus, genauer gesagt: in die Deutung von Gesundheit und Kranksein, eingeführt. Polybos, wenn er es denn tatsächlich war, hat, dies gilt es zu betonen, die Vier-Säfte-Lehre nicht in die Medizin eingeführt! Eine Medizin, in die er diese Lehre hätte einführen können, gab es ja noch gar nicht. Er oder wer auch immer diesen Schritt vollzogen hat - war der erste, der die Grundbedingung für die Schaffung einer Medizin erfüllte. Er hat als erster die Deutung der menschlichen Zustände des Krankseins und der Gesundheit auf

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eine rein naturgesetzliche und damit naturwissenschaftliche Grundlage gestellt. Wer immer die Vier-Säfte-Lehre in die Heilkunde eingeführt hat, er war der Schöpfer einer ersten Medizin in der Geschichte der Menschheit!

Auch dieser Schritt wurde sicher nicht durch die Aussagekraft des Körpers angeregt. Das sicher nicht. Aber er wurde durch die körpereigene Aussagekraft ergänzt! So verlief grundlegender Fortschritt in der antiken Medizin und in der Medizin auch der folgenden Jahrhunderte - bis in die Gegenwart. Die Anregung zu neuem Denken kam stets von außerhalb des Körpers. Zunächst veränderten sich die gesellschaftlichen Strukturen, in denen die Griechen lebten, oder auch nur leben wollten. Die Strukturen, die ein Umdenken nach sich ziehen, können real oder ideal sein gegenwärtig oder inständig für die Zukunft angestrebt. Die Strukturen, die im antiken Griechenland das Umdenken bewirkten, waren die polisdemokratischen Strukturen.

Der Medizinhistoriker Georg Harig hat dazu treffend angemerkt: „Die Polisdemokratie rückte zum erstenmal in der menschlichen Geschichte den Menschen als ein politisches Individuum aus der Anonymität in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Geschehens und setzte die Auffassung durch, daß die Gesellschaft als eine Gemeinschaft von gleichwertigen Individuen zu verstehen ist. Diese Entwicklung bildete den gesellschaftlichen Hintergrund für die Bemühungen der wissenschaftlichen griechischen Medizin, ihr Vorgehen streng individualisierend auszurichten.“ Nun mag es ein wenig überzogen sein zu behaupten, alle Individuen in der Polisgemeinschaft seien

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als gleichwertig angesehen gewesen. Sicherlich zielte Harigs Aussage nur auf die freien Bürger ab, und um die ging es schließlich. Aus den Reihen dieser Bürger, aus dem Selbstverständnis dieser Bürger, aus dem politischen Bewußtsein dieser Bürger, an den Geschicken der Polis, an den Geschicken ihres gesellschaftlichen Organismus gestaltend mitzuwirken aus diesem Hintergrund entstanden die Gedanken, die über die neue Welt- und Natursicht schließlich in die Heilkunde einmündeten und eine neue, erste Medizin schufen.

Die monistische, oder sollten wir doch gleich offen sagen:

die „monarchistische“ Sicht der „Herrschaft“ eines Grundelementes mußte selbstverständlich weichen vor der neuen Anschauung einer gleichberechtigten Vielzahl, in diesem Falle einer Vierzahl, der Grundanteile eines lebenden Organismus. Ob vier oder fünf oder sechs ist eigentlich gleichgültig. Wichtig ist, daß sich die Ansicht durchsetzte, eine Mehrzahl an Grundelementen trage durch ihre Mischung eine komplexe Struktur und ermögliche so die lebendige Existenz dieser Struktur. Die Einzelheiten stammen nun aus der Anschaulichkeit des Körpers. Nachdem die Grundstrukturen wie eine Matrix dem Organismus gleichsam von außen übergestülpt worden waren, durfte die Wirklichkeit des Körpers das Material liefern, um die Grundstrukturen zu füllen.

Wasser, Feuer, Luft und Erde waren zu allgemein, zu unbestimmt. Was sah der Heilkundige wirklich? Er sah Blut, er sah Schleim, er sah gelbe Galle und er sah schwarze Galle. Und er sah auch, daß in manchen Situationen mehr Blut floß oder die Adern geschwollener waren als sonst. Solche Situationen wurden als unangenehm empfunden. Sie galten als unnormal, weil sie die

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Ästhetik des schönen, wohlriechenden Menschen verletzten und weil sie vielleicht den normalen Tagesablauf hinderten. Der antike Heilkundige sah, daß aus allerlei Körperöffnungen übermäßig Schleim oder gelbe oder schwarze Säfte flossen. Das war es also. Hier wirkte doch ganz eindeutig dasselbe Prinzip wie im Staate:

Nur Ausgewogenheit aller Beteiligten garantiert Harmonie und Frieden in der Polis. Nur Ausgewogenheit aller Säfte und Elemente garantiert Gesundheit im menschlichen Organismus. Jedes Übermaß ist schädlich. Mηδέν αγάν lautete das griechische Äquivalent des chinesischen „Maß der Mitte“. Es stammte wie dieses aus dem gesellschaftlichen Bereich und fand selbstverständlich Eingang in die Sicht auf den Organismus.

Das Übermaß hat Folgen. Aus der falschen Mischung der Grundstoffe können Schadstoffe entstehen. Zum Beispiel der Eiter. Er muß aus dem Gemeinwesen der „guten“ Grundstoffe hinaus. So auch alle übrigen Schadstoffe, die der Organismus nicht benötigt, die nur Unheil anrichten. Der Körper stößt diese Schadstoffe aus. Das Scherbengericht, das irgendwo im Körperinneren stattfindet, sieht man zwar nicht. Aber das Ergebnis ist nur allzu deutlich. Das macht die Polis auch so. Wer sich nicht einfügt, der wird ausgestoßen. Er kann auch getötet werden. Kein geringerer als Sokrates hat dies erfahren müssen. Auf jeden Fall muß der tatsächliche oder vermeintliche Schädling weg. So hält es auch der Körper. Die Abstoßung, die Apostase, ist seine natürliche Methode, sich von Schadstoffen zu befreien. Wenn er es selbst nicht schafft, dann muß der Arzt eingreifen und helfen. Erbrechen hilft. Abführen hilft. Schwitzenlassen hilft. Der Aderlaß hilft. Und wenn es gar nicht anders geht, dann muß man auch einmal so mutig sein, das Messer anzusetzen.

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Hier sind wir nun auf der Ebene, auf der die Medizin an sich selbst glauben darf. Hier darf sie der Meinung sein, sie rechtfertige ihre Vorstellungen vom gesunden und vom krankhaften Zustand des Organismus und von der richtigen Heilweise aus sich selbst heraus. Hier darf sie der Meinung sein, sie legitimiere sich aus nichts anderem als der Sicht auf den Körper. Gewiß, es hat immer einige Spielverderber gegeben. Und zwar nicht erst später, sondern gleich zu Anbeginn. So wird von Heraklit und Empedokles berichtet, sie seien gar nicht damit einverstanden gewesen, die Urteile über den Zustand des Organismus auf immer neue Beobachtungen zu stellen.

Wozu brauchte Empedokles auch Beobachtungen? Offenbar gelangte er durch reines Nachdenken zu seinen Erkenntnissen, die zwar wenig mit der Wirklichkeit gemein hatten, ihm aber bis heute und sicherlich noch in ferner Zukunft Unsterblichkeit zusichern. Ganz ohne die Ausdruckskraft des Körpers kam freilich auch er nicht aus. Feuer, Wasser, Luft und Erde müssen im Gleichgewicht sein. Zuviel Feuer treibt das Wasser aus. Das mag er nicht selten an sich selbst erfahren haben, wenn er in der Hitze schwitzte. Abkühlung läßt viele Bewegungen erlahmen. Kälte bedeutet schließlich das Ende aller Bewegungen, das ist der Tod.

26. Ich sehe was, was du nicht siehst

Solche Erklärungsversuche waren für Empedokles noch leichtes Spiel. Aber er wagte sich auch an schwierigere Probleme. Wie ist denn wohl das Zusammenspiel von Blut und Atem? Irgendeine Bewegung muß da drinnen im Körper schon stattfinden,

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so viel war klar. Einige antike chinesische Beobachter hatten einen Kreislauf vorgeschlagen, sowohl des Qi, jener feinstverteilten, atemförmigen Materie, als auch des Blutes. Das war kein Kreislauf, wie ihn mehr als anderthalb Jahrtausende später der Engländer William Harvey (1578-1657) erkannte. Aber immerhin. Da flossen das Blut und das Qi durch ein komplexes Röhrensystem, mal hierhin, mal dorthin, mal hin, mal zurück, und schon recht früh auch beschrieben chinesische Autoren zwei geschlossene Kreisläufe im Körper: einer links und einer rechts, in denen der Fluß wie in einem Ring ohne Anfang und Ende vonstatten gehe.

Das klingt modern, ist es aber nicht. Es war zunächst schlicht die Übertragung des Kreislaufs der Nationalökonomie auf die Vorstellungen von der notwendigen Versorgung aller Körperregionen. Wie so häufig in der Geschichte der Medizin, lösen sich die Spekulationen dann alsbald vom konkreten Vorbild. Sie gewinnen eine Eigendynamik und schaffen sich eigene Modelle, deren Anregungen im Detail nur selten noch erkennbar sind. Festzuhalten für den Vergleich des griechischen und des chinesischen Umgangs mit Blut und Qi, bzw. Atem, ist jedoch, daß der große Wurf eines Kreislaufs, der den chinesischen Denkern schon im Altertum gelang, in der griechischen Antike nicht zustande kam.

Erinnern wir uns noch einmal an die Hypothese, die allen bisherigen Erörterungen zu Grunde lag. Die Menschen sind seit langem in ihrer Erscheinung weitgehend gleich. Augen- und Nasenform oder Hautfarbe sind hier nebensächlich. Auch die Beobachter sind im Grunde überall gleich ausgestattet. Der antike griechische Philosoph war genauso intelligent und welterfahren wie

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sein chinesischer Kollege. Warum also sollte der eine im menschlichen Organismus etwas sehen, was der andere nicht sah? Diese Frage stellt sich nicht nur im Vergleich der einander so fernen Kulturen des antiken Griechenlands und des antiken Chinas. Sie stellt sich auch in ein und derselben Kultur zeit- und raumnah auch in späteren Zeiten. Sie stellt sich angesichts der Tatsache, daß der verdiente Universitäts-Professor Rudolf Virchow (1821- 1902) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchaus nicht sehen konnte, was der ebenso verdiente Kreisarzt Robert Koch (1843-1910) sah, nämlich daß die Tuberkulose durch einen ganz bestimmten Erreger hervorgerufen werde. Die Frage erhält noch eine zusätzliche Brisanz, wenn wir sie angesichts des hier zur Debatte stehenden Kreislaufs von Blut und Qi neu formulieren:

Warum also sollte der eine im menschlichen Organismus etwas sehen, das es in Wirklichkeit gar nicht gab, und warum sah der andere das nicht? Erst mit dieser Frage liegen wir richtig.

Warum also sahen die antiken Griechen keinen Kreislauf? Sie sahen Gefäße und beschrieben sie ausführlich. Schließlich mußten die Flüssigkeiten im Körper alle Regionen erreichen, mußten insbesondere die vier Säfte fließen. Einige reale Gefäße mochte man wirklich gesehen haben. Wer weiß bei welchen Gelegenheiten. Aber das meiste, was die antiken Griechen dazu schrieben, war fein ausgedacht. Folgte nicht der beschränkten Aussagekraft des Körpers, sondern der Logik der Säftelehre. War Wahrschein, nicht Wirklichkeit. Auch in China standen die Gefäße im Zentrum. Lange bevor dort die antike Version eines Kreislaufs formuliert wurde. Aber die Gefäße mit einem solchen Kreislauf zu assoziieren, das ist nicht selbstverständlich. Darauf muß man erst einmal kommen. Dazu muß es eine Anregung geben.

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Gab es denn gar keine Anregung aus ihrer gesellschaftlichen oder natürlichen Umgebung, die die antiken Griechen auf diese Wirklichkeit hätte hinstoßen können? Nun gut, mehr als ein halbes Jahrtausend später, im 2. Jahrhundert n.Chr., dachte sich der berühmte Galen aus Pergamon (um 129-199), der allerdings die längste Zeit in Rom wirkte, den so genannten kleinen Kreislauf aus. Aber so weit sind wir noch nicht. Empedokles wagte sich wohl als erster an eine Erklärung. Das Bild, das ihm von der Bewegung des Blutes und der Luft im Körper vorschwebte, war ein rein mechanisches. Er konnte sich allein an der Mechanik des Stechhebers orientieren. Eine andere Eingebung kam ihm nicht. Das ist bemerkenswert.

Wir hatten in China den Kreislauf im Körper als Projektion des Kreislaufs im geeinten, multizentrischen Staat erkannt. Die von den frühen medizinischen Autoren in China bevorzugte politische Terminologie sagt deutlich genug, woher die Anregungen stammten. Empedokles hatte kein solches Bild vor Augen. Er sah nur das Naheliegendste. Das war der Stechheber. Sein nicht sehr anspruchsvolles Modell besagte in etwa folgendes: Es gibt im Körper Gefäße. Darin bewegt sich das Blut. Wenn es nach unten fließt, dann hinterläßt es eine Leere in den Gefäßen. In diese Leere strömt sofort die Luft, die der Mensch durch Mund und Nase einatmet. Wenn das Blut wieder aufsteigt und die mit Luft gefüllten Räume wieder selbst füllt, dann muß die Luft wieder entweichen. Man sieht das daran, daß der Mensch wieder ausatmet.

So wie uns die Chinesen durch die Wahl ihrer Terminologie die Nationalökonomie des geeinten Reiches als Anregung nannten,

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so nannte Empedokles selbst den Stechheber als sein Vorbild. Das ist der richtige Ausdruck. Vom Vorbild des Stechhebers schuf er sich ein Bild von den Vorgängen im Körper. Vielleicht war ihm nicht bewußt, daß er auch den ewigen Vorgang von Ebbe und Flut mit einbezog in seine Vorbilder. Vielleicht hatte er einmal, ohne sich zu erinnern, am Meeresrand das Schauspiel beobachtet, das auch heutige Touristen immer wieder fasziniert. Wie nämlich an der Felsküste allerlei enge Schlünde und Abgründe in raschem Wechsel vom Auf und Ab des Meerwassers gespeist die Gischt in die Höhe schießen lassen. Ein eindrucksvolles Bild des unablässigen Wechsels von Wasser und Luft in diesen Hohlräumen.

Dürfen wir also annehmen, daß die Chinesen etwas im Körper sahen, was die Griechen nicht sahen, weil die Chinesen ein Vorbild hatten, das die Griechen eben nicht hatten? Manchmal sind die Parallelen zwischen dem, was man in den philosophischen Schriften der beiden Kulturen findet, zu glatt und offenliegend, als daß man es wagen könnte, sie nebeneinander zu stellen. Aber hier sei es einmal mit aller Vorsicht gestattet. Es gibt in dem Klassiker des Daoismus, dem Daodejing, das einem Mann namens Laozi zugeschrieben wird, eine wunderschöne Zusammenfassung der Gedanken, wie denn das ideale gesellschaftliche Leben der Menschen strukturiert sein solle. Ganz gewiß war dies nicht der komplexe, multizentrische, von Austausch der Güter und Menschen geprägte Staat, den eine schriftkundige Bürokratie bis ins Einzelne mit ihren Vorschriften regelte und so sahen es die Daoisten gängelten. In Kapitel 80 des Daodejing findet sich der Gegenentwurf. Lesen wir ihn in der schönen Übersetzung von Wolfgang Bauer:

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Laßt da ein kleines Land sein mit wenig Bewohnern: man brächte es fertig, daß das Volk, selbst wenn es Erfindungen gäbe, die zehn-, ja hundertfach an Arbeit sparten, sie nicht benutzte; man brächte es fertig, daß das Volk eher zweimal stürbe als auszuwandern. Da wären vielleicht Boote und Wagen, aber niemand würde in ihnen fahren; da wären vielleicht Waffen, aber niemand würde sich in ihnen üben. Man brächte es fertig, daß das Volk außer Knoten in Schnüren keine Schrift kennt, zufrieden ist mit seinem Essen, froh mit seiner Kleidung, glücklich mit seiner Behausung und sich erfreute an seinen [schlichten] Gebräuchen. Der nächste Platz mag so nah sein, daß man die Hähne krähen und die Hunde bellen hört, aber die Leute würden alt und stürben, ohne jemals dorthin gegangen zu sein. 29

Mit solchen Vorstellungen ist im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat zu machen. So verwundert es nicht, daß andere Sozialphilosophien das Rennen um die Gunst der Herrscher des neu geeinten Reiches in China machten. Aber wo liegt die Verbindung zu Griechenland? Nun, in zweierlei. Zum ersten sahen auch die den daoistischen Vorstellungen einer idealen Gesellschaftsstruktur nahe stehenden chinesischen Beobachter des Menschen den Kreislauf nicht, den die Mediziner postulierten, deren Gedanken von konfuzianischen und/oder legalistischem Gedankengut geprägt waren. Diese Leute lebten zwar miteinander und nebeneinander in ein und derselben Gesellschaft, aber sie spielten das Spiel: ich sehe was, was Du nicht siehst!

29 Wolfgang Bauer, China und die Hoffnung auf Glück. München, Carl Hanser Verlag. 1971, 65.

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Dieses Spiel konnten in Griechenland keine zwei Parteien aufnehmen. Denn es gab das Vorbild nicht, das die einen sahen, die anderen nicht. Es hat in der griechischen Antike, zu einer Zeit, in der die Gedanken des Empedokles und anderer Kandidaten für die Äußerung tiefschürfender Lehren, geformt wurden, kein Vorbild eines großen gesellschaftlichen Kreislaufs in der Eindeutigkeit gegeben, wie in China nach der Reichseinigung. Eindeutigkeit ist die eine Vorbedingung, revolutionäre Neuheit die andere, damit sich das Vorbild im Denken zum Bilde vom Organismus wandeln kann. Real oder ideal, das spielt keine Rolle.

Zitieren wir noch ein letztes Mal H.D.F.Kitto, um die so glatte Parallele nun zu verdeutlichen: „Der moderne Leser, der sich jene ihm völlig fremden politischen Philosophen wie Platon oder Aristoteles vornimmt, ist davon betroffen, wie sehr sie darauf bestehen, daß die Polis wirtschaftlich autark sein muß. Für sie ist Autarkie geradezu die erste Voraussetzung für die Existenz der Polis. Wenn es nach ihnen ginge, könnte der Handel gänzlich abgeschafft werden.“ 30 Brüder im Geiste jedenfalls in dieser Hinsicht mit dem Autor des Daodejing.

Kitto stellt die Frage, die sich im Vergleich zu China nahezu aufdrängt: „Aber warum haben solche Städte keine größeren Einheiten gebildet?“ Und beantwortet sie sogleich: „Es gibt zunächst einen wirtschaftlichen Grund. Die geographischen Schranken, mit denen Griechenland so reichlich versehen ist, erschwerten den Transport von Waren außer auf dem Seeweg, und auf das Meer begab man sich noch nicht mit hinreichender Zuversicht. Außerdem ermöglichte die Vielgestaltigkeit des Landes

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ziemlich kleinen Gebieten, sich einigermaßen selbst zu versorgen, zumal bei einem Volke, das so geringe materielle Ansprüche an das Leben stellte, wie die Griechen. Beides begünstigte die gleiche Entwicklung. Die einzelnen Teile des Landes hingen wirtschaftlich nicht voneinander ab und zogen sich nicht gegenseitig an.“ 31 Ach hätten wir doch genauere Angaben darüber, welches das westliche Land war, in das Laozi der Legende nach gegen Ende seines Lebens aus China auf seinem Wasserbüffel geritten ist! In Griechenland, in der Polis mit ihren genügsamen Bewohnern, hätte er sich vielleicht recht wohl gefühlt.

Nun sehen wir also klarer. Diejenigen Chinesen, die in der Gedankenwelt der nationalökonomischen Strukturen des komplexen Reiches lebten, spielten das Spiel „ich sehe was, was Du nicht siehst“ nicht nur mit denen, die in ihrer eigenen, also chinesischen Kultur lebten und dennoch blind waren für den Kreislauf im Körper. Sie spielten das Spiel auch mit den Griechen, die 300 Jahre früher lebten und gar kein Vorbild besaßen, aus dem sie sich ein Bild des Kreislaufs im Körper hätten ableiten können. Die daoistischen Denker Chinas wollten und konnten das Vorbild nicht sehen immerhin war es recht eindrucksvoll vorhanden und hatten daher auch keine Anregung für ein Bild des Kreislaufs.

Die griechischen Beobachter hatten zu keiner Zeit ein Vorbild weder in der real existierenden gesellschaftlichen Struktur, noch in einer als Ideal angestrebten Vision. So hatten sie gar keine Chance, dem ach so einfachen Stechhebermodell des Empedokles zu entkommen. William Harvey erkannte und beschrieb im 16. Jahrhundert erstmals den Blutkreislauf in seinen

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wirklichen Dimensionen. Die Ironie der Geschichte ist, daß auch er ein Vorbild benötigte, um die Wirklichkeit zu suchen und zu finden. Sein Vorbild war die Lehre des Aristoteles von der Kreisbewegung in der Natur. Warum Aristoteles dann nicht selbst schon auf den Gedanken eines Kreislaufs von Blut und Luft oder Pneuma im Körper kam, wird eines der Rätsel sein, dessen Lösung uns die Geschichte vielleicht auf ewig vorenthält.

Man mag einwenden, daß Harvey seine Beschreibung des Blutkreislaufs erst nach der Entdeckung des Lungenkreislaufs und auf der Grundlage des Wissens um die Venenklappen und vieler anderer Vorleistungen erbringen konnte. Das ist zutreffend, wenn wir betonen, daß Harvey erstmals die physiologisch und morphologisch weitgehend zutreffende Deutung der Blutbewegung geliefert hat. Es ist jedoch nicht zutreffend, daß es aller dieser Vorkenntnisse bedurft hätte, um überhaupt eine These von einem großen, den gesamten Körper durchströmenden Blutkreislauf zu entwickeln. Den Beweis dafür liefert uns das antike China. Warum also nicht auch Aristoteles, wo er doch so nahe dran war?

Eine Erklärung mag wie folgt lauten. Die Chinesen, die den Kreislauf im Körper sahen, hatten den Kreislauf von Waren und Menschen in ihrem komplexen Staatswesen als Vorbild. Harvey, der den Kreislauf im Körper sah, hatte eine Menge faktischen Wissens vorliegen. Ihm blieb es vorbehalten, durch Anregungen aus der Lektüre des Aristoteles und anderer Philosophen alles zu verbinden und die richtige Lösung zunächst zu vermuten und dann wissenschaftlich zu beweisen. Aristoteles aber und seine Zeitgenossen frühere und spätere eingeschlossen hatten weder das eine noch das andere. Sie besaßen kein Vorbild in den

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gesellschaftlichen Strukturen, in denen sie lebten, oder die sie anstrebten, und sie besaßen kein zutreffendes faktisches Wissen, das es nur noch in genialer Weise zusammenzufassen galt. Was blieb Ihnen? Nur der Stechheber.

27. Selbstheilungskräft: selbstverständlich?

Nun wurde das Spiel „ich sehe was, was Du nicht siehst“ aber auch noch einmal in umgekehrter Richtung gespielt. Denn es gab auch Phänomene, die die Griechen sahen, nicht aber die Chinesen. Genauer gesagt, sowohl die Chinesen als auch die Griechen sahen etwas, aber nur die Griechen nahmen das Gesehene auch wahr und sahen hinter dem Gesehenen noch etwas, was die Chinesen nun wiederum nicht sahen. Das klingt komplizierter als es ist, denn es geht allein um die sowohl den Chinesen als auch den Griechen bekannte Tatsache, daß ein bestimmter Anteil menschlichen Krankseins auch ohne jede menschliche therapeutische Einwirkung irgendwann eine Wendung zum Besseren nimmt. Heute sprechen wir z.B. bei der Selbstheilung einer üblen Erkrankung von einer spontanen Remission. In der griechischen Antike sprach man der θύζις, also der Natur des Menschen, eine eigene Heilkraft zu.

Und damit sind wir schon mitten in der Thematik. Die Griechen nahmen wahr, daß Krankheiten gleichsam von selbst ausheilen. Das ist nicht nur die kleine Wunde, die sich anscheinend von selbst wieder schließt. Das sind selbst die schlimmsten Krebserkrankungen, die gelegentlich ohne erkennbaren äußeren Anlaß und unverhofft ein gutes Ende nehmen. Im Unterschied zu China hat diese Beobachtung nicht nur in Griechenland, sondern

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darüber hinaus eine bis heute nicht endende Kette von Theorien hervorgerufen, aus welchem Grunde wohl solche Selbstheilungen erfolgen. Der antike Ausspruch θσζιες ιηηρόι ηων νοσζων besagt, daß jeder Körper eine eigene Instanz, seine physis, besitzt, die der eigentliche Arzt der Krankheiten dieses Körpers ist. Der menschliche Arzt, so schlossen die Vertreter dieser allgemein akzeptierten These, ist im Grunde nur dann erforderlich, wenn der dem Körper innewohnende „natürliche“ Arzt überfordert ist.

Die sogenannten Selbstheilungskräfte des Körpers verdienen unsere Beachtung. Sie stellen nichts anderes dar als die Gewißheit, daß im Körper ein Eigeninteresse und und das ist besonders wichtig eine eigene Fähigkeit angelegt ist, sich selbst aus einer Krise wieder in einen Zustand der Harmonie zu führen. Jemand könnte nun sagen: was ist denn da Besonderes dran; eine andere Erklärung gibt es gar nicht. Mit einer solchen Bemerkung würde sich diese Person lediglich als eingebunden in abendländische Denktraditionen outen. Mehr nicht. Denn das ist das Faszinierende an der Datenfülle über die Geschichte der Medizin in Europa und in China, daß wir Vergleiche anstellen können. Manches auf der einen oder anderen Seite für selbstverständlich gehaltene, wird auf diese Weise in Frage gestellt. So auch die Vorstellung von den Selbstheilungskräften - die sind nämlich gar nicht so selbstverständlich, wie es uns, die wir in der abendländischen Denktradition aufgewachsen sind, scheinen mag. Bewiesen wurden sie ohnehin nicht.

Wir können lediglich vermuten und dies tun wir seit der Antike daß der Organismus eine eingebaute Teleologie der Harmonie besitzt also zielstrebig sein eigenes Heils erstrebt. So

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lange das Problem, die Krankheit, nicht zu schwerwiegend ist, wird er einen Weg finden, aus dieser Lage wieder zum Heil zurückzukehren. Merkwürdig ist nur, daß dies allein den Europäern aufgefallen ist. Nicht den Chinesen. Außerdem gibt es auch andere Lösungsmöglichkeiten für das Rätsel der Selbstheilung. Zum Beispiel die Vorstellung, daß jeder einen Schutzengel haben könnte, oder Ahnen, die über ihn wachen und womöglich am Leben erhalten. Weder das eine, die Vorstellung von den Selbstheilungskräften, noch das andere, die Vorstellung von den Schutzengeln oder Ahnen, läßt sich beweisen oder widerlegen. Der einzige Unterschied liegt darin, daß der Wahrschein seit Beginn der naturwissenschaftlichen Medizin vor zwei Jahrtausenden für die meisten Beobachter auf Seiten der Selbstheilungskräfte liegt. Ein anderer, allerdings für das Lehrgebäude der Medizin nicht sehr einflußreicher Teil der Europäer, ist von der Existenz der Schutzengel oder anderer numinoser Kräfte überzeugt, die dem einen oder anderen auch in aussichtsloser Lage Rettung bringen.

28. Die Chaos-Angst der Konfuzianer

So müssen wir also wieder zu der Frage zurückkehren, die uns auch weiterhin beschäftigen wird: Woher rührte die Anregung für die Wahrnehmung der Selbstheilungskräfte? Welches Vorbild regte das Bild an, der Organismus besitze ein Interesses und eine Fähigkeit, sich selbst aus der Krise zu führen? Nein, die Beobachtung des Körpers gab auch hier allzu wenig her. Die Beobachtung des Körpers sagte griechischen wie chinesischen Medizinern lediglich: Manche Krankheiten wenden sich anscheinend von selbst zur Besserung. Mehr sagt der Körper nicht. Alles andere ist ein Bild, das sich der Beobachter macht, und für

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dieses Bild benötigt er ein Vorbild. Gab es ein solches Vorbild in der griechischen Lebenswelt der Polisdemokratie? In der Tat. Und es ist nicht schwierig zu finden.

Das Bild des Körpers als eines Organismus, der ein Interesse daran hat und zumeist auch mit Erfolg darum bemüht, ist, seine Wunden selbst zu schließen und auch schwierige Krisen selbst zu meistern, dieses Bild beruhte auf dem Vorbild der sich selbst verwaltenden Polis. Die Polis hatte sich gewandelt von der Monarchie über die Herrschaft der adligen Familien in eine für damalige Verhältnisse optimale demokratische Struktur, in der die Bürger selbst über ihre Versammlung der Souverän ihrer Geschicke waren. Sie benötigten idealerweise keinen übergeordneten Lenker. Sie suchten idealerweise - durch vernünftige Diskussionen den Weg aus der Krise. Freilich, manche Krisen wuchsen sich derart aus, daß man einem Peisistratos dafür dankbar sein mußte, daß er als „Tyrann“ die Geschicke in die Hand nahm.

Die Polis war der gesellschaftliche Organismus. Da war es dann ganz unvermeidlich, daß ihre Strukturen den Wahrschein lieferten, dessen das Erklärungsmodell der Selbstheilungskräfte bedurfte, um allgemeine Akzeptanz zu finden. Europäische Mediziner haben in den folgenden zwei Jahrtausenden unterschiedliche Ansätze vorgetragen, um die oft geradezu wunderbare Wandlung einer auf den Tod hinweisenden Krankheit zur Besserung ohne erkennbaren Eingriff zu erklären. Gleich geblieben ist das Interesse der abendländischen Medizin, dieses Phänomen der gelegentlichen Selbstheilung des kranken Organismus zu deuten. Wir wissen, daß der Organismus sich gelegentlich selbst kuriert. Wir wissen nur nicht wie.

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Und in China? Welches Vorbild hätte es geben können, sich ein ähnliches Bild zu machen? Die Tatsache, daß Krankheiten und zwar gar nicht mal wenige von selbst ausheilen, ist auch in der antiken chinesischen Literatur immer wieder beschrieben worden. Meist steht da lakonisch: „nicht therapieren; heilt von selbst“. Daß eine Krankheit, die in der Regel zum Tode führt, unvorhergesehen und unverhofft von selbst einmal den Weg ändert, solche Beschreibungen finden sich in der antiken chinesischen Literatur im Gegensatz zu der antiken griechischen Literatur dagegen nicht. Warum manche Krankheiten von selbst ausheilen, das ist in der chinesischen Medizingeschichte ebenfalls im deutlichen Gegensatz zu Europa nie ein Thema gewesen.

Es konnte ja auch keinem eine ähnliche Erklärung in den Sinn kommen wie in der griechischen Antike. Das Vorbild fehlte ganz einfach. Nie in seiner Geschichte, von der Antike bis in das 20. Jahrhundert hat sich die chinesische Gesellschaft demokratische Strukturen gegeben. Sie wurden erst im 20. Jahrhundert aus dem Westen importiert und einer unvorbereiteten Kultur übergestülpt. Die Republik, die sich an demokratischen Spielregeln versuchte, wurde nach dem 2.Weltkrieg auf die Insel Taiwan verbannt. Das Festland führt seitdem die zweitausendjährige Tradition autoritärer Herrschaft fort. Wo wäre da jemals ein Vorbild für das Bild des Organismus als selbst verwaltende, selbst heilende Struktur gewesen? China ist nie demokratisch regiert worden. China hat nie das Vertrauen in die Selbstregulierungskräfte des gesamtgesellschaftlichen Organismus gekannt. Nie hat es eine Herrschaftsstruktur gegeben, in der die Bürger ihre

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Interessengegensätze ausdiskutieren und auch im Falle von Krisen zu einer gütlichen Lösung finden.

Die chinesische traditionelle Medizin spiegelt die autoritären Strukturen der Antike getreulich wider. Weder die konfuzianisch-legalistische Sozialphilosophie, noch die ihr antagonistische Soziallehre des Daoismus waren in irgendeiner Weise demokratisch. Beide betonten die Rolle des Herrschers, des Autokraten, als Verantwortlichem für das Geschick der Massen. Da gab es durchaus Unterschiede im Detail. Für die Legalisten stand der Herrscher über dem Gesetz. Für andere Philosophen war auch der Herrscher dem Gesetz untertan. Aber alle kannten nur die Gesellschaftsform, in der der Herrscher einsam an der Spitze steht. Die Konfuzianer zumal waren, wie der Leipziger Sinologe Ralf Moritz es so präzise ausgedrückt hat, geradezu von einer „Chaos- Angst“ besessen. Das heißt, dem Chaos (das Wort für politische Unruhen), galt es unter allen Umständen vorzubeugen.

Die Weisen des Altertums, so lesen wir bei dem Philosophen Xunzi, griffen nicht erst dann ordnend ein, wenn das Chaos, also die Unruhe, schon ausgebrochen war, sie griffen dann bereits ordnend ein, wenn noch gar kein Chaos, keine Unruhe, absehbar war. Und in dem ersten großen Text der neuen chinesischen Medizin lesen wir wenig später denselben Wortlaut erweitert lediglich um die Aussage, daß die Weisen des Altertums auch die Krankheiten nicht erst dann wieder zur Ordnung zurückbrachten, wenn sie bereits ausgebrochen waren, sondern bereits zu einem Zeitpunkt ordnend eingriffen, also: therapierten, als noch gar keine Krankheit vorhanden war. Mit anderen Worten, nie und nimmer kann man Vertrauen in die Gesellschaft haben, daß

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sie im Falle von Unruhe und Krise von selbst wieder den Weg zu Frieden und Harmonie findet. Nie und nimmer kann man Vertrauen in den menschlichen Organismus haben, daß er im Falle einer Krankheit von selbst wieder den Weg zur Gesundheit findet.

Diese Aussage, so mag jemand einwenden, widerspricht aber doch der Beobachtung, daß es hin und wieder Krankheiten gibt, die keiner Therapie bedürfen, weil sie von selbst heilen! Nun, hier standen die antiken Beobachter in China, die doch so stark von ihren autoritären Herrschaftsstrukturen geprägt waren, vor einer schwierigen Frage. Doch sie lösten sie leicht. Zunächst einmal sahen sie gar nicht, daß es unverhoffte Spontanremissionen gibt. Folglich beschrieben sie solche Verläufe einer Krankheit nicht. Der griechische Arzt dagegen kannte solche Situationen sehr gut. Er wartete förmlich darauf, daß der Organismus seines Patienten sich selbst helfe. Er beobachtete seinen Kranken, ob der nun von selbst die Wendung zum Besseren einschlage oder nicht. Man konnte vor allem bei ernsteren Krankheiten nie sicher sein. Nur im Notfall, im alleräußersten Notfall, war Hilfe von außen geboten.

In der antiken chinesischen Literatur sind nur die Krankheiten als selbstheilend beschrieben, bei denen man es von vornherein weiß. Es gibt keine unerwarteten Selbstheilungen. Die anerkannten Selbstheilungen wurden zwar gesehen, aber sie lösten keine langanhaltende Debatte über die Gründe der Selbstheilung aus. Es gibt überhaupt nur eine einzige Begründung aus der Antike und die ist typisch chinesisch. Das heißt, sie entspricht in jeder Hinsicht dem Vorbild, das ein damaliger Beobachter vor sich sah, wenn er sich ein Bild von dem machte, was da im Organismus geschah. Die Lösung war einfach. Hier ist sie:

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Krankheiten beruhen auf Konflikten der verschiedenen Parteien im Organismus. Diese Parteien waren in ihren Interessen hinlänglich bekannt. Da gab es, überzeugend erklärt im Rahmen der sogenannten Fünf-Phasen-Lehre, solche Parteien, die sich gegenseitig niedermachten, wenn sie denn die Gelegenheit dazu erhielten. Es gab freilich auch solche, die sich gegenseitig hervorbrachten, wie die Mutter den Sohn. Der Arzt nun, wenn er eine Krankheit diagnostiziert, muß wie ein weiser Herrscher die Art des Konflikts feststellen, der sich da tief im Organismus abspielt. Wenn er sich zwischen zwei Parteien abspielt, die sich wie Mutter und Sohn verhalten, dann kann er sich beruhigt zurücklehnen. Es wird schon nichts geschehen. In der Regel und davon gingen die konfuzianischen Moralisten aus, daß diese Regeln eingehalten wurden tun sich eine Mutter und ihr Sohn gegenseitig nichts an. Daß es gelegentlich einen Streit gibt, das ist wohl unvermeidlich. Sieht man doch andauernd und kommt in den besten Familien vor! Aber sich gegenseitig umbringen? Nein, das nicht. Warum also eingreifen? Das Problem findet von selbst ein gutes Ende.

Aber dann ist es auch möglich, daß zwei Parteien aneinander und in Konflikt geraten, von denen die eine die andere am liebsten umbringen würde. Da gilt es früh einzugreifen. Ein solcher Konflikt, wenn er denn einmal ausgebrochen ist, ist nicht mehr zu lösen. Die Katastrophe ist unausweichlich. Der kluge Arzt, dem weisen Herrscher gleich, muß da früh einschreiten und seine Ordnungsbefugnisse ausüben. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. China kennt kein Vertrauen in das selbst regulierende Potential eines Organismus weder des gesellschaftlichen noch des körperlichen. Wo kein Vorbild in den gesellschaftlichen

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Strukturen real oder ideal zu sehen war, da konnte auch kein Bild entsprechender Strukturen im menschlichen Organismus entstehen. Die Selbstheilungskräfte waren kein Thema. Ich sehe was, was Du nicht siehst den Kreislauf sahen die Griechen nicht; hier sahen die Chinesen nichts.

29. Medizin: Ausdruck allgemeiner Befindlichkeiten

Wir haben nun in groben Umrissen die Grundgedanken der neu geschaffenen Medizin in der chinesischen und der griechischen Antike kennen gelernt. Wir haben gesehen, daß der menschliche Körper selbst kein ausreichendes Bildnis seiner organischen Funktionen und Fehlfunktionen liefert, um zu den Aussagen anzuregen, die in beiden kulturellen Räumen die neue Medizin schufen. Wir haben auch gesehen, daß es offensichtlich Vorbilder gab, die nicht im Körper, sondern in der gesellschaftlichen Struktur der seinerzeitigen Beobachter real oder als Ideal anzutreffen waren. Aus diesen Vorbildern stammten die Anregungen, die den Wahrschein der Theorien von den normalen und den unnormalen, nämlich von den gesunden und den kranken Vorgängen im Körper garantierten. Die Aussagekraft des Körpers mit seinen morphologischen Einzelheiten, seinen Temperatur- und Farbschwankungen, seinen Gerüchen und konkreten Ausscheidungen ist äußerst begrenzt. Nicht diese Aussagekraft führt zur Bildung medizinischer Lehrgebäude. Im Gegenteil, die von Vorbildern außerhalb des Körpers angeregten Lehrgebäude dienen dann zur Erläuterung der Daten, die der Körper selbst zur Verfügung stellen kann.

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Werfen wir abschließend noch einmal einen Blick auf die chinesische und die griechische Medizin im Vergleich.

Die chinesische Medizin wurde in einem Umfeld geschaffen, das den Austausch zwischen verschiedenen regionalen Zentren als Grundlage eines neuen staatlichen Organismus, des geeinten Reichs, erkannte. Ganz wichtig für die konfuzianische Gesellschaft war zudem die regelhafte Ordnung der Beziehungen zwischen wohldefinierten gesellschaftlichen Polen: Herrscher und Untergebene, Vater und Sohn, älterer Bruder und jüngerer Bruder, Mann und Frau, Freund und Freund. Diese Vorstellungen von den regelhaften Beziehungen unterschiedlicher Einzelteile eines Ganzen blieb für zwei Jahrtausende die Grundlage der konfuzianisch geprägten Gesellschaft. Die Vorstellung von den Beziehungen unterschiedlicher Funktionszentren im menschlichen Organismus bildete für zwei Jahrtausende das wichtigste Merkmal der chinesischen Medizin. Nicht so sehr die morphologische Struktur der an dem Austausch beteiligten Einzelteile stand im Vordergrund des Interesses. Garant des Wohlseins waren die geordneten Beziehungen, war der Austausch unter den beteiligten Funktionszentren.

Wir nennen die Lehre von den Beziehungen in der antiken chinesischen Medizin die Lehre der systematischen Entsprechungen. Die Yinyang- und Fünf-Phasen-Theorien sind in kurzer Zeit von offenbar vielen Autoren so sehr ausgefeilt und weiter entwickelt worden, daß ihre Darstellung viele, viele Seiten beanspruchen würde. Es gibt bislang keine vollständige Darstellung dieser Theorien in einer westlichen Sprache weder in

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ihren

umfassenderen Anwendungen.

anfänglichen

Ausmaßen,

noch

in

ihren

späteren,

stetig

Auch die griechischen Medizintheoretiker haben ein wenig mit Entsprechungslehren hantiert. Aber eben nur ein wenig. Die Lehre von den vier Elementen, den vier Flüssigkeiten und einigen wenigen korrespondierenden Viererschemata mehr war sehr knapp gehalten. Die Medizinhistoriker können sie auf einer oder wenigen Seiten erschöpfend darstellen. In China, dieser Eindruck drängt sich auf, fanden die Yinyang- und Fünf-Phasen-Lehren von der systematischen Beziehung aller Phänomene so richtig die Zustimmung eines Teils der Elite. Sie trafen offenbar das Grundempfinden dieser Leute und fanden deshalb wahrscheinlich ungewollt und unbemerkt - ihren Niederschlag in der Medizin, die diese Elite für sich schuf. In Griechenland wirkt die Lehre von den Viererkorrespondenzen wie eine Pflichtübung. Vielleicht folgte sie einem äußeren Anstoß. Sie wurde keineswegs so konsequent ausgeführt, wie in China.

Die griechische Medizin wurde in einem Umfeld geschaffen, das die Autarkie kleiner politischer Einheiten als Grundlage eines neuen staatlichen Organismus, der Polis- Demokratie, erkannte. Der Austausch zwischen unterschiedlichen Zentren war unwesentlich. Bedeutsam war das einzelne Zentrum. Vielleicht war auch die Bedeutung der Beziehungen unter den einzelnen Menschen in der griechischen Antike nicht so ausgeprägt in das Bewußtsein der Naturbeobachter gelangt wie in China. Keine Frage, auch in der griechischen Antike gab es Überlegungen zu den Grundbeziehungen unter den Menschen. Aristoteles nannte als solche Grundbeziehungen die Sexualbeziehung von Mann und

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Frau, die Arbeitsbeziehung von Herrn und Sklaven und die Beziehung von Vater (Eltern) und hilfsbedürftigen Kindern. Das sind sehr viel spezifischere, enger definierte Sozialbeziehungen als diejenigen, die der Konfuzianismus als grundlegend in die Moral einführte.

Zu beachten gilt auch: der Konfuzianismus legte seine Lehre von den fünf grundlegenden Beziehungen einer Moralerziehung zu Grunde, die jeden gebildeten Menschen berührte. Die Lehre des Aristoteles von den drei Grundbeziehungen hatte diese umfassenden Auswirkungen nicht. Zudem, wenn wir die Grundzüge der antiken Medizin auf außermedizinische Anregungen hin zurückführen möchten, so werden wir diese nicht unbedingt in den Werken einzelner Philosophen finden. Einige Einzelaspekte mögen mit philosophischen Einzelwerken übereinstimmen. Im großen und ganzen jedoch spiegelt die Medizin umfassendere Befindlichkeiten wider, die entweder die gesamte Elite jener Zeit teilte oder die, wie wir es in China sahen, doch einen Teil der Elite prägten.

Wenn wir daher verstehen möchten, woher die Vorstellung von der Bedeutung des morphologischen Einzelteils in der griechischen Medizin rührte, dann werden wir die Antwort nicht bei Aristoteles oder Epikur oder einem anderen Vertreter einer der großen konkurrierenden Schulen finden. Wir müssen nach weltanschaulichen Aspekten suchen, die die Schöpfer der Medizin vereinte und von daher die besondere Ausrichtung der griechischen Medizin nach sich zogen. Welche weltanschaulichen Aspekte den Blickpunkt der griechischen Medizin im Vergleich mit der chinesischen Medizin so viel stärker auf das körperliche Substrat

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lenkten, mag durchaus damit zusammen hängen, daß das Einzelteil in der griechischen Antike wichtiger schien als die Beziehungen zwischen den Einzelteilen.

Festzuhalten ist jedenfalls: die Tatsache, daß die chinesische Medizin mehr auf das Zusammenspiel der Funktionen achtet, während die abendländische Medizin bis in das 20. Jahrhundert zuvörderst an der Aufklärung der morphologischer Details interessiert war, geht auf die anfängliche Prägung der beiden Ideensysteme zurück. Die Antike hat sowohl in China als auch in Griechenland die Grundlagen für die Art von Medizin gelegt, die für die folgenden zwei Jahrtausende wirksam war. Erst das 20. Jahrhundert hat für beide Traditionen grundlegende Änderungen gebracht wenn auch insgesamt gesehen kaum eine Neuerung.

Für die westliche Medizin neu war die Einsicht in die völlige Vernetzung aller Körperteile und funktionen mittels biochemischer/biophysikalischer Regelkreise. Erst im 20. Jahrhundert hat sich die westliche Medizin auf diese Weise eine Art systematische Korrespondenz geschaffen, die den gesamten Körper umfaßt. Es fehlt freilich noch die Einbeziehung des X. Für die chinesische Medizin bedeutete die chinesische Übernahme der westlichen Medizin die einschneidende Neuerung des 20. Jahrhunderts. Mit dieser Übernahme einher ging der Zwang, die chinesische Medizin neu zu definieren und in Theorie und Praxis westlichem wissenschaftlichem Denken anzugleichen. Somit begann für beide Medizintraditionen nach zweitausendjähriger weitgehend getrennter Geschichte eine neue Phase, die beide Heilsysteme grundlegend veränderte. Doch dazu später mehr.

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30. Die Eigendynamik eines Bildes nach dem Verblassen des Vorbildes

Die neue Medizin sowohl in Griechenland als auch in China nahm ihre Vorbilder aus der Lebensumwelt derer, die als die Schöpfer dieser neuartigen Form von Heilkunde auftraten. Die neue Medizin machte sich ein Bild vom Körper, aber das Vorbild dazu lag nicht im Körper. Jedenfalls nicht für die Grundannahmen darüber, was sich im Körperinneren abspielt, wenn jemand gesund ist und krank wird. Der Körper, besser: die Körperwirklichkeit spielte durchaus eine Rolle. Man sah das Blut, den Schleim, den Harn, den Stuhl. Man fühlte die von der Normalität abweichenden Temperaturen einzelner Kranker, den Wechsel zu Fieber und die Abkühlung im Tode. Farben und Gerüche konnten sich ändern. Schwellungen, Beulen, Geschwüre lagen den Beobachtern vor Augen. Schmerzen wüteten an allen Stellen des Körpers. Nein, es war keineswegs so, daß der Körper gar nichts zu sagen gehabt hätte. Im Gegenteil, er sagt sehr viel aus und gibt durch mancherlei auffällige Erscheinungen den ersten Anstoß, über ihn nachzudenken. Aber was er aussagt, das sind immer nur Zustandsbeschreibungen. Der Körper kann lediglich Hinweise geben: jetzt schmerzt es im Hals. Jetzt ist der Bauch geschwollen. Jetzt fallen die Haare aus. Jetzt bricht am Rücken ein Geschwür auf. Der Körper sagt nichts über den Organismus. Das ist die Aufgabe eines X, sich zu verdeutlichen, was der Körper letztlich ist und wie der Organismus in diesem Körper funktioniert.

Welche Ergebnisse dieses Nachdenken hervorbrachte, als erstmals eine Medizin erschaffen wurde, das haben wir in Umrissen

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gesehen. Aber: wie ging es weiter? Die Zeit blieb ja nicht stehen. Die Polisdemokratien gab es schon bald nicht mehr. Ihre Zeit war im 4. Jahrhundert abgelaufen. Sie aber hatten doch das Vorbild geliefert für das Bild vom Organismus in der neuen Medizin. Welche Auswirkungen hatte der Verlust des Vorbilds auf die weitere Existenz der neuen Medizin? Wie kann eine Medizin überleben, wenn das Vorbild ihres deutenden Anteils verloren gegangen ist?

Wir sind hier an einem entscheidenden Punkt angelangt. Es geschah in der Geschichte der Medizin immer wieder, daß ein Vorbild verloren ging. Das besagte aber noch nicht, daß auch das Bild vom Organismus, das aus diesem Vorbild hervorgegangen war, nun ebenfalls sofort verschwand. Das Bild verselbständigte sich. Es war nun einmal festgelegt, in Schriften niedergelegt, Schülern vorgetragen worden daraus entsteht eine Beharrlichkeit, die den Verlust des Vorbilds lange überdauert.

Wenn die Theorie erst einmal in Schriften niedergelegt ist, dann gewinnt das Bild losgelöst vom ursprünglichen Vorbild eine eigene Dynamik. Menschen argumentieren logisch mit den Argumenten, die das Lehrgebäude liefert. Der ursprüngliche Anreiz, dieses Lehrgebäude zu erschaffen, tritt in den Hintergrund, wird unwichtig. Das Lehrgebäude trägt sich selbst. Die Schriften werden von Generation zu Generation übermittelt. Schüler müssen die Lehre erlernen und geben sie weiter an wiederum ihre Schüler. Aber das Ideensystem ist dennoch offen. Immer wieder treten einige vereinzelte nachdenkliche Praktiker auf, die auch zugleich beobachten können. Sie stellen Widersprüche fest zwischen dem, was sie gelernt haben, und dem, was sie erfahren haben.

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Sie korrigieren die Theorie manchmal nur im Kleinen, manchmal auch mit dem großen neuen Wurf. Dann wird es schwierig. Beruht der große neue Wurf nur auf der eigenen Weltsicht? Dann wird das neue Bild des Organismus bald mit seinem Schöpfer verblassen und vergessen sein. Die Titel solcher Autoren sind auf dem Friedhof der Medizingeschichte wie Grabsteine aneinander gereiht. Unzählige solcher Grabsteine gibt es. Wir lesen auf ihnen die Namen der Autoren. Diese wieder auszugraben, das ist bestenfalls für die Archäologie des Wissens von Interesse. Beruht der neue Wurf jedoch auf einer Weltsicht, auf einer Lebenserfahrung, auf Strukturen realen Daseins oder sehnlich herbeigewünschter Daseinsformen, die viele oder gar alle in einer Gesellschaft teilen, dann ist der neuen Idee der Wahrschein sicher, dann wird sie ihren Schöpfer überleben.

Das heißt noch nicht, daß sie alle Mitmenschen überzeugen wird. Wer in seiner Kindheit oder Jugend in ein Ideensystem durch intensive Schulung hineinwächst, kann sich später kaum noch davon trennen. Der Übergang einer Gesellschaft von einem bisherigen zu einem neuen Weltbild ist eher gleitend. Der harte Bruch ist äußerst selten. Altes und neues leben einander kritisch beäugend nebeneinander. Die Vielfalt der heilkundlichen Ideensysteme hat ihren Ursprung nicht nur in der Tatsache, daß in ein und derselben Gesellschaft verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Weltsichten zusammenleben, die dann auch unterschiedliche Sichten des Körpers und des menschlichen Organismus bedingen. Die Vielfalt der heilkundlichen Ideensysteme kommt auch durch die Beharrlichkeit einmal

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eingeführter Ideensysteme zustande, die losgelöst vom Vorbild eigenständig fortdauern können.

31. Die Stunde der Zergliederer

Im Jahre 323 v. Chr. starb Alexander der Große. Sein großes Imperium zerbrach. Vier Königreiche traten das Erbe an. Für uns ist nur Alexandria von Belang. Dorthin verlagerte sich der Schwerpunkt griechischer Weisheit, griechischen Wissensdranges. Hier muß die Hypothese, die wir unserer Erörterung zu Grunde legen, ihren ersten Test bestehen. Die Polisdemokratie war längst Vergangenheit. Sie hatte sich schon überlebt, als der Vater Alexanders, König Philipp von Mazedonien, die Zwietracht in Athen für seine Eroberungen nutzen konnte. Nun, im neuen Zentrum einer völlig anderen politischen Struktur stimmte nichts mehr überein. Es kam, wie es kommen mußte. Es gab diejenigen, die das Alte weiterführten. Sie merkten gar nicht, daß sie nur noch totes Geäst in den Händen hielten. Die Wurzel war verdorrt. Kein neues Leben konnte in die Zweige strömen. Was soll’s. Die Bücher waren da. Manch einer dachte und schrieb auf der bewährten Grundlage. Ihre Patienten waren es wohl auch zufrieden.

Und doch machte der Wandel im Umfeld sich sogleich bemerkbar. Da lebte z.B. ein Mann namens Herophilos von Chalkedon (um 335 v. Chr.). Ihm schrieben spätere antike Autoren ein sehr aktives Interesse an anatomischen Studien zu. Er näherte sich der Wirklichkeit, drang weiter vor als je zuvor ein Mensch. Er führte Leichenöffnungen durch. Schaute das Gehirn, die Augen, die Verdauungsorgane, die Gefäße an. Betrachtete mit Interesse die weiblichen und die männlichen Geschlechtsorgane von innen und

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von außen. Was sah er? Er sah die alte Säftelehre bestätigt. Der Körper zeigte ihm nur sein Äußeres, auch wenn es innen lag. Die Deutung mußte von außen kommen. Neue Anregungen gab es nicht. Was hätte Herophilos also Neues entdecken können? Außer einigen erstaunlichen morphologischen Details.

Dann war da noch ein Zeitgenosse: Erasistratos von Julis auf Keos (ca. 300-240 v. Chr.). Ihm und anderen Leichenzergliederern in Alexandria wird nachgesagt, sie hätten sogar Menschen bei lebendigem Leibe geöffnet. Erasistratos fand besonderen Gefallen an den Nerven und Gefäßen. Er suchte nach den Transportwegen für das Pneuma durch den Organismus. Er konnte Lebende und Leichen vergleichen. Das brachte ihn der Wirklichkeit ein gutes Stück näher. Wie hätte er sonst behaupten können, das Herz sei Ausgangspunkt aller Bewegungen von Flüssigkeiten und Pneuma?

Ludwig Edelstein hat sich schon vor Jahrzehnten Gedanken gemacht, wie die stürmische Entwicklung in Alexandrien zu erklären sei. Seine Schlüsse sind auch heute lesenswert. Zwei Dinge kamen zusammen. Zum einen brach die enge Verbindung Mensch und Universum auseinander. Wir hatten das schon gesehen. Die griechischen Vorstellungen von der Verknüpfung aller Dinge, von der systematischen Korrelation aller Phänomene, waren geradezu rührend armselig. Vor allem im Vergleich zu dem, was wenig später die Chinesen schufen. Das war halbherzig. Das hielt nicht lange vor im östlichen Mittelmeerraum. Als Alexanders Reich zerbrach, zerstob auch bald die ohnehin so schwache Vorstellung einer Einheit von Mensch und Kosmos. Wer bis dahin den Menschen nicht von innen anschauen mochte, weil er ja im

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Tier dasselbe sehen konnte, der wurde nun eines Besseren belehrt. Der Mensch rückte in den Mittelpunkt.

Alexandria entwickelte sich rasch zu einem glitzernden Laufsteg der Eitelkeiten. Ein wahres Welt-Handelszentrum, in dem sich soviel Geld, Reichtum, Macht versammelte. Das hatten die Griechen bislang nicht gekannt: diese Selbstdarstellung des Herrschers und seines Umfelds. Selbst am Firmament änderte sich die Hierarchie: erstmals wenn auch nur vorübergehend trat die Sonne ins Zentrum des Weltbilds. Das konnte gar nicht anders sein. Doch das hätte nicht ausgereicht, um den Körper als Zielscheibe der Wissensdurstigen aufzuhängen. Dazu war auch die entsprechende Philosophie von Nöten. Aristoteles (384-322), der große griechische Denker Aristoteles, war auf der Höhe seiner Zeit. Er forderte: unmittelbar an das Objekt gehen! Selbst anschauen. Das war wichtig. Nicht immer nur wirklichkeitsfern grübeln, sondern objektnah studieren. Aber an den menschlichen Körper direkt herantreten? Ihn gar öffnen? Aristoteles lieferte das richtige Argument zur rechten Zeit: An der Leiche ist überhaupt nichts Menschliches! Das eigentlich Menschliche ist in der Seele. Man darf getrost Körper und Seele trennen! Nur zu.

Erinnern wir uns an die Lebensformel? Der Gedanke des großen Aristoteles war schon einigermaßen verwegen: Leben = Körper + X. Aristoteles verlegte das Menschliche in das X. Dem Körper, einmal vom X entleert, sprach er nichts Menschliches mehr zu. Warf ihn den Zergliederern vor. Herophilos, Erasistratos und andere ließen sich das nicht zweimal sagen. Öffneten auch gleich lebendige Schwerverbrecher. Vielleicht konnte man ja sehen, wie das X und mit ihm das Menschliche entweicht?

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Die Sucherei im Körper behagte nicht allen. Einigen nachdenklichen Naturbeobachtern war die Anatomie zu eng mit den alten Theorien verknüpft. Sie forderten den radikalen Schnitt. Vergeßt alle Deutung! Krankheit ist wirklich. Arzneimittel, die der Krankheit ein Ende bereiten, sind ebenfalls wirklich. Mehr braucht es nicht. Alles andere ist Spekulation. Des Wahrscheins der Theorie bedarf es nicht. Die Empiriker, wie man diese Skeptiker nannte, bauten allein auf diese beiden Säulen der Erfahrung:

Beobachtung der Arzneiwirkung, Beobachtung des Krankheitsverlaufs. Sie hielten es für illegitim, darüber hinaus zu denken. Ihnen verdankte das Altertum die Entwicklung der Pharmazie.

Erinnern wir uns? Erstaunlich ist das durchaus. In der Antike Chinas, etwa drei Jahrhunderte später, hatte sich ein Teil der Intellektuellen der Theorie der neuen Medizin entzogen. Es war derselbe Teil der Elite, der sich für die Anwendung und Weiterentwicklung der Pharmazie einsetzte: empirisch, pragmatisch. Auch in Alexandria verweigerte sich ein Teil der Intellektuellen der Theorie. Leider wissen wir nichts über die Gedankenwelt von Philinos und Serapion. Somit können wir ihre Motive nicht mit denen der Daoisten vergleichen. Tatsache ist, daß beide Gruppen die Empiriker und die Daoisten - unter sehr verschiedenen Bedingungen lebten. Und dennoch gab es eine Parallele.

32. Vielfältige Welterfahrungen

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Die Epoche des Hellenismus war der erste Schwenk in der jungen abendländischen Geschichte. Das Zentrum der Macht verlagerte sich. Die Struktur der Macht veränderte sich. Nie hielt ein Zentrum der Macht, nie hielt eine Struktur der Macht länger an als drei Jahrhunderte. Europäische Medizin war nun einmal entstanden und dauerte fort. Aber das war nicht einfach. Die andauernden Wechsel von Ort und strukturellem Rahmen machten es sehr schwer, ein eindeutiges Vorbild zu finden für das Bild, das man sich vom Organismus im menschlichen Körper schaffen wollte. Die antike griechische Medizin dauerte fort obschon das ursprüngliche Vorbild längst verschwunden war.

Einzelne Autoren machten sich immer von neuem Gedanken. Schlugen neue Hypothesen vor. Fühlten irgendwie, daß die alten Vorstellungen nicht mehr mit ihrer Lebenswirklichkeit übereinstimmten. Sie führten neue Lehren in die Medizin, die sich aus ihren ganz persönlichen Vorbildern ergaben. Jeder dieser Autoren lebte in einer ganz spezifischen Lebensumwelt. Jeder dieser Autoren hatte seine eigenen, ganz spezifischen, unbewußten Vorstellungen von Harmonie und Krise, von Ordnung und Chaos und wie der eine Zustand in den anderen übergeht. Jeder dieser Autoren schöpfte Anregungen, bezog Vorbilder aus der eigenen unbewußten Welterfahrung, als er neue Sichtweisen des Organismus formulierte.

Wenn es viele nachdenkliche Menschen gibt, die ihre Weltsicht auf ganz unterschiedliche Weise äußern, dann ist dies ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, daß es sehr viele Welterfahrungen gibt! In einer solchen Situation ist nicht zu erwarten, daß größere Gruppen oder Bevölkerungsteile ein und dieselbe Weltsicht teilen.

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Keiner fühlt so recht, wie es denn nun weiter gehen soll. Ein gemeinsames Gefühl stellt sich nicht ein. Die reale Umwelt wird von vielen jeweils unterschiedlich erfahren. Die ideale Struktur wird von vielen unterschiedlich gesehen falls es überhaupt solche Ideale gibt.

So in etwa müssen wir uns die Zeit nach dem Zerfall der Polisdemokratie vorstellen. Es gab fortan keine Welterfahrung mehr, die einen Großteil einer Gesellschaft so geeint hätte, wie dies zur Zeit der Polisdemokratie der Fall war. Deshalb gab es auch kein so überzeugendes Vorbild mehr, das zu einem viele überzeugenden neuen Bild vom Organismus geführt hätte. Die Medizin war da und sie behauptete von sich, viele Leiden richtig zu deuten und effektiv zu behandeln. Wer hätte dem widersprechen wollen! So viele Krankheiten heilten auch damals ebenso wie heute während einer Behandlung, nicht wegen einer Behandlung. Aber viele wollten den theoretischen Überbau verändern. Für lange Zeit vermochte keiner es so richtig, das eine, weithin anerkannte neue Bild zu schaffen.

33. Griechische Medizin und römisches Unverständnis

Und dann verlagerte sich das politische und damit auch das kulturelle Zentrum nach Rom. Der zweite Schwenk. Die griechischen Ärzte zog es nun nach Rom. Dort konzentrierte sich die Macht. Dort lebte eine zunehmend zahlungskräftige Klientel. Die griechischen Ärzte brachten ihre Medizin mit. Auf die konnten sie stolz sein. Und wurden doch zunächst bitter enttäuscht. Den Römern erschien die neue Medizin und vor allem deren deutender, interpretierender Anteil gar nicht überzeugend. Gewaltige Redner

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zogen gegen die griechische Medizin zu Felde, nannten sie sogar gefährlich! Das war den griechischen Ärzten gar nicht verständlich. Es ist aber für uns verständlich. Bei den Römern hatte es das Vorbild nie gegeben, das den Griechen den Wahrschein ihrer Theorien verlieh. Für die Römer war die griechische Medizin ein fremdes Gedankengebilde, mit dem sie nichts verband. Die Theorien an sich, so überzeugend sie in Griechenland gewesen waren, sagten den Römern zunächst einmal gar nichts. Im Gegenteil, sie weckten Widerwillen.

Wer praktizierte die griechische Medizin in Rom? Soweit wir wissen, fast ausschließlich Griechen! Der römische Censor Marcus Porcius Cato lebte von 234 bis 149 v. Chr. Er führte die antigriechische Meinung an. Er teilte seinem Sohn mit, was wahre Heilkunde sei: Empirie und Magie. Seine ganz persönliche Weltsicht, die er offenbar mit den meisten Römern teilte, lieferte das Vorbild zu dieser Heilkunde, einer nicht-medizinischen Heilkunde. Die Weltsicht der Griechen aus der Polisdemokratie zwei, drei Jahrhunderte zuvor, teilte er nicht.

Freilich, die Büchse der Pandora war nun einmal in Griechenland geöffnet worden, und auch in Rom entflohen ihr viele Phantasiegebilde. Ein Autor namens Asklepiades (1.Hälfte des 1. Jahrhundertv. Chr.) folgte den Anregungen Demokrits (ca. 460 v. Chr.) und Epikurs (341-270 v. Chr.). So liest man in den Geschichtsbüchern. Aber warum sollte ein Autor in Rom im 1. Jahrhundert v. Chr. sich gegen die Säftelehre wenden und auf die so genannte atomistische Anschauung zurückgreifen? Warum fand Asklepiades Gefallen an der Vorstellung, die Materie bestehe aus unteilbaren, nur in Gestalt und Anordnung ungleichen Atomen.

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Seine Meinung beruhte auf keinerlei physikalischen Versuchen. Es war eine reine Geistesleistung. Woher nahm er die Anregung? Wo war das Vorbild? Mit Wirklichkeit hatte dies nichts gemein. Asklepiades gab dem Wahrschein Ausdruck.

Es mag schon sein, daß er ein guter Beobachter war. Vielleicht taten ihm die armen Patienten Leid, die die Therapien der Säftelehre ertragen mußten: Aderlaß, Brechmittel, Abführmittel, schweißtreibende Mittel. Da ging es drastisch zu. Aber den allermeisten Ärzten erschien dies unumgänglich. Es galt den Säftehaushalt zu orden. Das Mischgleichgewicht wieder herzustellen. Asklepiades dachte anders. Der Mensch ist ein Gebilde aus Atomen. Die Atome lagern sich zu Porengängen zusammen, und sie bewegen sich in diesen Poren. Leben ist die normale Bewegung der Atome in den Porengängen. Krankheit ist die Stockung der Bewegung.

34. Krankheit als Stillstand

Das erinnert uns durchaus an das chinesische Qi. Damit waren in der Zeit des Asklepiades, aber viele tausende Kilometer weiter östlich, ebenfalls materielle Feinstpartikel gemeint. Sie bildeten die Materie und sie strömten durch diese Materie. Der freie Fluß ist Voraussetzung des Lebens. Stockung ist Krankheit. Nun, von den Chinesen war Asklepiades wohl nicht beeinflußt. Demokrit und Epikur, mehrere Jahrhunderte zuvor, hatten ihm den Ansatz vorgegeben. Und genau hier liegt das Rätsel. Schon drei Jahrhunderte vor Asklepiades waren alle Gedanken ausgesprochen, die er nun aufgriff und mit einigem Erfolg an eine große Anhängerschaft weitergab. Warum hatte sich eine solche Schule

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nicht bereits vor Jahrhunderten gebildet? Was vermittelte diesen Vorstellungen erst jetzt das Maß an Wahrschein, dessen es bedurfte, damit viele Leute dasselbe dachten?

Harig nannte die Schule des Asklepiades „rein alle ihre bedeutenden Vertreter lebten und lehrten in Rom.“ 32 Dann sollte man meinen, daß sie ein gemeinsames Vorbild hatten. Wollen wir dieses Vorbild suchen, dann müssen wir die Situation Roms als Weltmacht in Betracht ziehen. Verstehen wir dann, warum Asklepiades und seine Anhänger sich ein Bild vom Körper als „aus unverbundenen Masseteilchen aufgebaut“ schufen? Verstehen wir dann, warum Asklepiades und seine Anhänger eine „zufällige Bewegung der Atome“ postulierten, keine gesetzmäßige? Verstehen wir dann, warum sie die Gesundheit auf eine Normalität der Größe, Gestalt und Bewegung der Atome, sowie auf eine Normalität der Breite und Durchgängigkeit der Poren zurückführten? Verstehen wir dann, warum sie Krankheit als Stockung der normalen Bewegung interpretierten?

Man ist versucht, alle diese Fragen zu bejahen. Das Römische Reich hatte zeitgleich mit dem geeinten Chinesischen Reich eine für damalige Verhältnisse riesige geographische Fläche einverleibt. Vergessen war die Autarkie der liebenswerten kleinen Polis. Nun war, genauso wie zeitgleich in China, ein großes Reich unterschiedlicher und zunehmend entfernterer Einheiten entstanden, die alle zum Wohl des Machtzentrums beitragen mußten. Anders als in China blieben die unterschiedlichen Einheiten ethnisch und kulturell jedoch sehr viel distanzierter.

32 Georg Harig und Peter Schneck. Geschichte der Medizin. Berlin, Verlag Gesundheit GmbH. 1990, 53.

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Im antiken China fanden die zuletzt sieben und dann zwei Staaten, die noch vor der Reichseinigung um die Vorherrschaft konkurriert hatten, zusammen und bildeten seit 221 v. Chr. ein Ganzes, dessen Teile schon zuvor alle „chinesisch“ gewesen waren. Die Lehren des Konfuzius, des „Laozi“ und der übrigen Philosophen waren in all diesen Staaten bekannt sie fanden mit der Reichseinigung zusammen unter einem großen, neuen Dach. Auch wenn nun ein Herrscher in einer Hauptstadt über allen ehemals getrennten Territorien herrschte, die Reichseinigung war letztlich ein - wenn auch erzwungenes Zusammenführen nahe verwandter Teile eines bisher schon vorhandenen kulturellen Bundes.

35. Haupt und Glieder

Die Ausweitung des Römischen Reiches brachte ein völlig anderes Ergebnis. Rom verleibte sich Länder und Kulturen ein, die nie zuvor Teil des eigenen kulturellen Erbes gewesen waren. Ethnische und kulturelle Unterschiede blieben auch unter der Herrschaft Roms bestehen. Die Entsendung von Militär und politischen Statthaltern änderte daran wenig. Das Gefühl des Austauschs zwischen gleichberechtigten Einzelteilen, das sich in China in dem geeinten Reich einstellte, konnte in Rom gar nicht zustande kommen. Wenn schon, dann stand der Zwang, das Zentrum zu beliefern im Vordergrund der sich ausweitenden Strukturen.

Asklepiades und seine Anhänger konnten also gar nicht anders. Sie setzten das Vorbild, das sie unbewußt in den Grundstrukturen des Römischen Reiches sahen, ebenso unbewußt

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in ihr Bild vom gesunden und kranken Körper um. Die römische politische und ökonomische Wirklichkeit, nicht die Ausdruckskraft des menschlichen Organismus, regte sie zu ihren Gedanken an und verlieh diesen Gedanken den Wahrschein, dessen sie bedurfte, um von einer größeren Zahl von Menschen akzeptiert zu werden. Owsei Temkin (1902-2002) hat schon 1928 aufgezeigt, was sich hier abspielte. 33 Die Säftelehre ist eine ganzheitliche Lehre. Das heißt: eine Fehlmischung der Säfte durchströmt immer den gesamten Körper. Es gibt keine Teilerkrankung. Eine Erkrankung betrifft immer den gesamten Organismus.

Die Atomlehre sieht das ganz anders. Aus der Atomlehre ging die Lehre von der Erkrankung einzelner Körperteile hervor. Es muß nicht immer der gesamte Organismus krank sein. Und es muß natürlich auch nicht immer der gesamte Organismus therapiert werden. Eine lokale Massage genügt doch häufig, um den örtlich gestörten Fluß der Atome wieder anzuregen! Woher kam die Anregung, woher kam der Wahrschein? Die Polisdemokratie war entweder insgesamt gesund oder sie war insgesamt krank. Das Römische Reich konnte an Haupt und Gliedern getrennt erkranken. Mal war das römische Haupt krank, dann mußten nicht unbedingt die Glieder in den fernen Reichsgebieten auch krank sein. Zumeist war freilich irgendwo in einem der Glieder etwas faul. Dann mußte man dort ordnend, therapierend eingreifen. Das römische Haupt und alle anderen Glieder waren davon kaum oder gar nicht betroffen. Erst zum Schluß. Da waren Haupt und Glieder allesamt krank. Aber das lag in der Zukunft. Unvorstellbar noch für Asklepiades und seine Anhänger.

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Einmal in die Welt gesetzt, kamen weitere Denker und spannen die Gedanken des Asklepiades fort. Themison von Laodikeia (um 50 v. Chr.) und andere gründeten die Schule der Methodiker. 34 Sie dominierten nun die heilkundliche Theorie. Waren ihre Thesen wirksamer als die der konkurrierenden Ideensysteme? Ganz sicher nicht. Waren ihre Thesen aus klinischer Beobachtung entstanden? Ganz sicher nicht. Aber sie besaßen noch zwei weitere Vorteile: Die Lehre war einfach. Asklepiades interessierte sich nicht für irgendwelche versteckte Ursachen. Er wollte auch nichts mit der Anatomie zu tun haben. Die Deutung der Lebensvorgänge widerstrebte ihm vollends. Und dann die Therapie: die behagte den Römern. Bäder, Wein und Wasserkuren. Das mußte gut sein. Das war überzeugend.

36. Die Wiederentdeckung der Ganzheitlichkeit

Wer waren die wichtigsten Konkurrenten der Methodiker? Hatten wir nicht im zeitgleichen China die unglaublich faszinierende Beobachtung gemacht, daß die nachdenkliche Elite sich mehrere getrennte Traditionen nicht nur der politischen Philosophie, sondern auch der Heilkunde leistete? Auf der einen Seite die Medizin der systematischen Entsprechungen aller Phänomene, in der sich Weltentwürfe vor allem der Konfuzianer und der Legisten finden. Diese Medizin entsprach den Strukturen des geeinten Reiches. Auf der anderen Seite die empirische, pharmazeutische Tradition der Heilkunde, die den politischen Idealen der Daoisten nahe stand. Im antiken Rom, so könnte man meinen, hätte die Denkweise der Methodiker doch ausgereicht. Spiegelten sich in ihrer Theorie nicht wesentliche

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Strukturmerkmale des Römischen Reiches? Nein, offenbar traf diese Medizin nicht das Weltbild aller Intellektuellen jener Zeit, die sich für die Aufklärung des Rätsels Organismus interessierten. Auch in Rom konnte die Elite sich nicht auf nur eine Heilkunde einigen.

Die Römer leisteten sich als eine zweite einflußreiche Schule die Pneumatiker. Auch hier klingt ein fernes Echo an von dem Qi, das in der chinesischen Medizin der systematischen Entsprechungen eine so hervorragende Rolle spielte. Oder ist die zeitgleiche Betonung des Qi in China ein fernes Echo der römischen Pneumatiker? Merkwürdig ist es schon, daß der Begriff Qi nachweisbar nur wenig später nach der Gründung der stoischen Philosophie durch Zenon von Kition (ca. 336-264 v. Chr.) in Griechenland in China auftaucht. Aus dieser Philosophie entlehnte der Begründer der Pneumatiker, Athenaios von Attaleia (c. 50 v. Chr.), seine Lehre von dem Pneuma als lebensspendendem Prinzip schlechthin. 35 Wenn das Pneuma sich verändert, führt dies zu Krankheit. Bei einer sehr starken Veränderung kommt es zum Tod.

Existierte ein Vorbild, um diesem Bild Wahrschein zu verleihen? Wir wissen es nicht zu sagen. Aus der klinischen Praxis konnte diese Lehre nicht erwachsen. Aus der Anschaulichkeit des Organismus konnte die Lehre der Pneumatiker ihre Berechtigung auch nicht herleiten. Keine Wirklichkeit im Körper konnte das Vorbild liefern. Woher es rührte, wissen wir nicht. Schwieriger als bei Asklepiades und den Methodikern sind die Einflüsse auf das Denken des Athenaios nachzuvollziehen. Beide waren Griechen und brachten aus diesem Erbe Ideen mit. Beide waren Bürger des

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Römischen Reiches, lebten offenbar vornehmlich in Rom und konnten sich dem Eindruck dieser Lebenswelt auch nicht verschließen.

Worin bestand die zentrale Aussage der Pneumatiker? Aschoff und Diepgen haben eine nützliche Zusammenfassung hinterlassen: „Unter dem Einfluß der stoischen Philosophie bringen die Pneumatiker Kraft und Stoff in engsten Zusammenhang. Das Mittelding, in dem beide zugleich wirken, ist das Pneuma, das gleichzeitig Gott und der Welt, der Seele und dem Körper angehört. Dem Menschen angeboren und mit der Atmung stets erneuert, durchdringt es mit dem Blut alle Organe und Gewebe, gibt dem Körper das vegetative und animalische Leben und trägt auch die seelischen Funktionen. Es ist das eigentlich Wirkende in den Säften und Qualitäten. Die Krankheiten bestehen letzten Endes in Anomalien des Pneumas. Sein Versagen bewirkt den Tod.“ 36 Also wie gehabt. Reiner Wahrschein. Diese Lehre war sehr viel anspruchsvoller als die der Methodiker. Sie war auch umfassender. Asklepiades dachte rein materialistisch. Athenaios nahm das Göttliche auf. Ein Jahrhundert nach Asklepiades sehen wir bei Athenaios eine Rückkehr zu einer ganzheitlicheren Sichtweise. Da ist etwas, nennen wir es Pneuma, das außen und innen, Geist und Materie verknüpft. Schlug sich hier ein Gemeinschaftsgefühl nieder, zu dem es ein Jahrhundert zuvor noch keinen Anlaß gab? Mag sein.

37. Den Körper zu einer Aussage bewegen

36 Ludwig Aschoff und Paul Diepgen, Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. Berlin, Springer-Verlag. 1945, 13.

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Galen ist der berühmteste Arzt und Autor des Römischen Reiches. Asklepiades und Athenaios, wer außer einigen Medizinhistorikern kennt noch ihre Namen? Zu zeitgebunden, zu sehr dem temporären Wahrschein verhaftet waren offenbar ihre Lehren, als daß sie ihre eigene Lebenswelt überdauert und längerfristig überzeugend hätten wirken können. Galen ist nach wie vor ein Begriff. Vielleicht kann man ihn den erfolgreichsten Denker in der Medizin überhaupt nennen. Jedenfalls in der europäischen Medizingeschichte. Galen war Grieche, brachte wie wohl alle seine Kollegen griechisches Gedankenerbe mit nach Rom. Er machte sich als erfolgreicher Kliniker einen Namen; Marc Aurel berief ihn zu seinem Leibarzt.

Nun, gute praktische Ärzte hat es sicherlich im Laufe der Jahrtausende viele gegeben. Von den allermeisten wissen wir heute kaum noch etwas. Galen erschuf sich seinen Nachruhm durch den Inhalt seiner Schriften. Er muß ein unermüdlicher Autor gewesen sein. Mindestens 400 Schriften soll er verfaßt haben. Auf theoretischer Ebene war er ein so genannter Eklektiker. Er entnahm Anregungen aus allen bereits bekannten Sichtweisen. Wichtiger noch: er setzte die Reihe derer fort, die Löcher im Schleier des Wahrscheins sahen. Mit großer Entschlossenheit suchte er die Wirklichkeit zu erkennen. Er suchte konsequent die Wirklichkeit als Leitschnur seiner medizinischen Interpretationen.

Welche Wirklichkeit? Hatten wir nicht darin übereingestimmt, daß der Körper und mit ihm der Organismus nur wenig eigene Aussagekraft besitzen? Galen fügte sich nach einer langen Pause von vier, fünf Jahrhunderten in die lange Reihe derer, die versucht haben und immer noch versuchen, den Körper und mit

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ihm den Organismus zur Aussage zu bewegen. Dazu muß man an ihn herantreten. Dazu muß man Fragen stellen. Nur wenn man dem Körper Fragen stellt, kann er antworten. Wer Fragen stellt, der muß freilich schon etwas im Sinne haben. Wer in den Körper schaut, nur um sein vorgefaßtes Bild bestätigt zu sehen, der bleibt auch im Kontakt mit der Wirklichkeit weit von ihr entfernt. Galen, so hat es den Anschein, war auch nicht unbelastet von dem, was er im Sinn hatte, als er dem Körper und dem Organismus seine Fragen stellte. Aber er verstellte sich die Wirklichkeit nicht vollends. Er war vergleichsweise offen für das, was der Körper ihm an Wirklichem als Antwort auf seine Experimente, auf seine Fragen, bieten konnte.

Ingo Wilhelm Müller faßt die Begegnung Galens mit dem Wirklichen sehr schön zusammen: „In zahlreichen Einzelheiten bereicherte er die Erkenntnisse, insbesondere durch gute Beschreibungen der Muskeln, Knochen und Gelenkverbindungen.

Als erster unterschied er klar zwischen Nerv, Sehne und Band, und

er widerlegte die Auffassung, daß Nerven hohl

zahlreichen einfachen, aber gut durchdachten Tierversuchen bewies

die Automatie des Herzens und die Erzeugung der

Atembewegungen durch Muskelkraft, unterschied willkürliche und unwillkürliche Muskeln. Indem er eine Arterie an zwei Stellen unterband und dazwischen aufschnitt, zeigte er, daß Arterien nicht Luft, sondern Blut enthalten. Er unterband die Harnleiter und stellte

fest, daß kein Urin mehr in die Harnblase

verschiedenen Stellen durchschnitt er Nerven und Teile des Rückenmarks und demonstrierte anhand der auftretenden Lähmungserscheinungen den funktionellen Zusammenhang zwischen Gehirn, Rückenmark und peripheren Nerven. Druck auf das freigelegte Herz bleibt ohne Wirkung auf die seelischen Kräfte,

An

In

er

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Druck auf das Gehirn dagegen erzeugt Stupor. Damit wurde erstmals in der alten Frage nach dem Sitz der Seele ein experimentelles Argument für das Gehirn als Ursprung der seelischen und geistigen Kräfte geboten.“ 37

Das war in der Tat beeindruckend. Nie zuvor und mehr als ein Jahrtausend lang nicht in die Zukunft hat jemand sich so nahe an die Wirklichkeit herangetastet. Erst im 16. Jahrhundert gingen einige Wissenschaftler ähnlich ungestüm vor, suchten das Bild des Körpers, ohne sich von altbewährten Vorbildern dauerhaft in Fesseln legen zu lassen. Vieles, was Galen fand, können wir auch heute noch als wahr und wirklich ansehen. Die Kenntnis der anatomischen Details und die Kenntnis einfacher Funktionsabläufe im Körper, die er mit seinen Experimenten aufdeckte, führte Galen dennoch nicht zu einem Gesambild des Organismus, das wir heute noch übernehmen möchten. Müller spricht gar von einem „Theoriegebäude, das dem modernen Forscher als alptraumhafte, fortschrittshemmende Spekulation erscheinen muß.“ Und er, wie auch manch anderer Historiker, fragte sich zu Recht: „Wie konnte es die vielen Jahrhunderte überdauern?“

38. Galenos von Pergamon: Sammler in allen Welten

Wir brauchen uns hier nicht mit den Einzelheiten dieses Theoriegebäudes beschäftigen; sie sind in entsprechenden medizinhistorischen Werken nachlesbar. Galen verarbeitete die Erkenntnisse aus seinen Experimenten mit Versatzstücken aus den bekannten, z. T. in die griechische Zeit zurückreichenden Deutungsversuchen und fügte seine eigenen Schlüsse hinzu. Ein

37 Ingo Wilhelm Müller, Das Lehrgebäude der griechischen Medizin. Die Humoralmedizin des Galen. In Schott, Hg., 1993, 101-102.

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Beispiel sind seine Ansichten zum Ursprung, dem Fluß und der Funktion des Blutes. Auf den großen Blutkreislauf, den wenig zuvor in China einige Autoren postuliert hatten, kam Galen nicht. Im Körper konnte er keinen solchen Kreislauf sehen. Offenbar genügten auch die Anregungen aus seiner Lebenswelt nicht, um auf diese Idee zu kommen. Galen war auch aristotelischer Philosoph. Er kannte die Lehre des Aristoteles von den Kreisläufen in der Natur. Beides zusammenzubringen, den Kreislauf in der Natur und den Fluß des Blutes im Körper, vermochte er nicht. Es fehlte eine Anregung. Sie hätte zu seiner Zeit nur aus seiner eigenen Lebensumwelt kommen können und die war offenbar nicht so, daß sie eine solche Anregung hätte vermitteln können.

Galen hatte eine umfassende Ausbildung in griechischer Philosophie und griechischer Medizin erhalten, ehe er als etwa 30- Jähriger nach Rom ging. Das heißt, die Prägung seines Weltbilds stammte aus Griechenland, allerdings eines Griechenlands, das damals schon lange Zeit Teil des Römischen Reiches war. Vor seinem Weggang nach Rom war Galen als Gladiatorenarzt in Pergamon tätig. Darauf könnte man sein ausgeprägtes Interesse an den anatomischen Details des Körpers zurückführen. Aber der interpretative Anteil seiner Medizin, seine Physiologie, seine Pharmakologie? Hier die einzelnen Anregungen auseinander zu dividieren, erscheint kaum möglich. Allein die Tatsache, daß er stets als der Prototyp der Eklektiker galt, vermag uns einen Hinweis zu geben. In einem kulturellen Umfeld, in dem es für einen Wanderer zwischen der griechischen und der römischen Welt kaum eine feste Markierung geben konnte, ist die Eklektik der naheliegendste Weg. So wie das Römische Reich von allen den beherrschten Kulturen etwas übernahm, so sammelte Galen

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ebenfalls hier etwas und dort etwas und fügte es zu seinem eigenen System zusammen.

In diesem eigenen System fand auch erstmals die Pharmazie ihren theoretisch begründeten Platz. Galen schuf die erste Pharmakologie der Medizingeschichte. Das war gar nicht selbstverständlich. Die Pharmaka, die der Natur entnommenen Pflanzen, Wurzeln, Rinden, Blüten, Blätter, ganz zu schweigen von mancherlei tierischen Produkten, hatten schon eine lange Geschichte hinter sich. Aber bislang hatte sich noch niemand darum bemüht, das Wissen um die Wirkkräfte der natürlichen Arzneidrogen mit dem nun schon sechs, sieben Jahrhunderte überlieferten Schema der Vier-Säfte/Vier Elemente-Lehre in Einklang zu bringen.

Erinnern wir uns? Hatten wir nicht mit Erstaunen festgestellt, daß in der chinesischen Antike die naturwissenschaftlichen Lehren von der systematischen Korrespondenz aller Dinge und Erscheinungen zunächst nicht auf die Erklärung der Wirkkraft der Arzneien angewendet worden waren? Offenbar lief es in der europäischen Antike nicht anders aber unter gänzlich verschiedenen Vorzeichen!

39. Die antike Pharmakologie Europas

Welche Weltsicht, welche Interessen hatten in Griechenland und in der römischen Epoche bis Galen verhindert, daß die Arzneikunde konsequent in die Vier-Säfte/Vier-Elemente-Lehre eingebunden wurde? Für China ist das nicht schwer zu erkennen. Wir haben das bereits ausreichend angesprochen. Und für die

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europäische Antike? Die Frage hat noch niemand gestellt; eine Antwort müssen wir vorerst offen lassen. Tatsache ist, Galen, der Eklektiker, integrierte die bislang außermedizinische arzneiliche Heilkunde in die medizinische Heilkunde. Anders herum ausgedrückt: Galen erweiterte die Medizin um eine theoretisch begründete Arzneikunde. Er konnte auf das Ideengebäude der Vier- Säfte/Vier-Elemente-Lehre zurückgreifen, das er zu der umfassenden Pathologie der Säfte, der so genannten Humoralpathologie, ausarbeitete. Er konnte auf ein reiches Wissen um die Wirkungen der Arzneidrogen zurückgreifen und erschuf die Pharmakologie. Pharmakologie ist die naturwissenschaftlich begründete Ansicht von den Wirkungen der Arzneisubstanzen im menschlichen Organismus.

Das war gar nicht so einfach, auch wenn das Ergebnis aus heutiger Sicht mit den mittlerweile vorhandenen pharmakologischen Kenntnissen in keiner Weise mithalten kann. Galen stand vor der Aufgabe, das Vierer-Schema der Vier- Säfte/Vier-Elemente-Lehre mit den mittlerweile in der Arzneikunde bekannten insgesamt 17 Wirkarten von Substanzen im Körper zu vereinen. Das Ergebnis war ein kognitiv-ästhetisch überaus überzeugendes. Es vereinte den Wahrschein der Theorie mit der Wirklichkeit der Substanzeigenschaften. Daß eine Arzneidroge im Körper ein wärmendes oder kühlendes Gefühl hinterläßt, das ist eine Wirklichkeit, zu der mehrere Menschen unabhängig voneinander gelangen können. Auch die Fähigkeit einer Substanz, die Verdauung zu beeinflussen, ein Geschwür aufzubrechen oder den Harnfluß zu steigern, ist Wirklichkeit. Wahrschein kommt der pharmakologischen Interpretation zu:

warum vermag eine Substanz den Harnfluß anzuregen? Hier

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kommt die Deutung auf der Grundlage der Vier-Säfte/Vier- Elemente-Lehre: Ergebnis des Nachdenkens geleitet von der Sicht der Wirklichkeit und der Logik der vorhandenen Theorie.

Galens eigener Beitrag war ebenso genial wie einfach: Im Menschen das war ja schon lange bekannt sind die vier Säfte Schleim, Blut, gelbe Galle und schwarze Galle vermischt. Sie erreichen jedoch nie die ideale, vollkommene Ausgewogenheit, so daß jeder Mensch seine eigene, mehr oder weniger unausgewogene Mischung Idiosynkrasie und damit seinen eigenen Charakter hat. In den Natursubstanzen ist das ähnlich. In jeder können die vier Grundeigenschaften heiß, kalt, warm und kühl in einer unterschiedlichen Mischung vorhanden sein. Sie werden ergänzt durch zwei Zusatzeigenschaften: grobkörnig und feinkörnig. Damit läßt sich jede Wirkung widerspruchsfrei erklären, einschließlich, ob die Wirkung schnell oder langsam, oberflächlich oder in der Tiefe eintritt.

An dieser Stelle sollten wir noch einmal nach China schauen. Gleichzeitig mit Galen tatsächlich gleichzeitig lebte dort ein Mann namens Zhang Ji (um 200 n.Chr.). Das ist der Mann, den wir bereits angesprochen hatten, als den Autor, der versuchte, die Brücke zu schlagen zwischen der naturwissenschaftlichen Lehre der systematischen Entsprechungen (also den Theorien von Yin und Yang und von den Fünf Wandlungsphasen) einerseits und der Arzneikunde andererseits. Er war nicht nur Zeitgenosse des Galen, er hatte wohl auch Ähnliches im Sinn. Er war der erste bekannte Autor, der in China die Arzneikunde in die naturwissenschaftlich begründete Medizin einzubeziehen suchte also eine erste Pharmakologie erstellte. Das Ergebnis blieb freilich

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rudimentär. Die Zeit in China war gegen Ende der Han-Dynastie um 200 n.Chr. noch nicht reif für derlei Entwicklungen. Wir werden bald sehen, wann die Zeit reif war und warum sie es dann war. So viel sei aber hier schon gesagt: Die konsequente Pharmakologie, die Galen in Rom schuf, fand ihre Parallele in China erst im 12. bis 14. Jahrhundert.

40. Das Rad des Fortschritts dreht sich nicht mehr

Und die Wirkungsgeschichte des Galen? Der Ruhm des Galen wurde zuerst von Oribasius, einem der spätantiken Arzt- Autoren des 4. Jahrhunderts, herausgestellt. Oribasius und einige Arzt-Autoren der folgenden zwei Jahrhunderte verfügten über keine eigenen schöpferischen Impulse mehr; offenbar war das Römische Reich am Ende seiner kulturellen Kreativität angelangt und auch die griechischen Entwicklungshelfer hatten nun ihre Zeit überlebt. Es gab sie nicht mehr. Da blieb nichts übrig, als das Vorhandene zu sichten und für die Zeitgenossen, die sich für solches Wissen noch interessierten, in immer kleinere, in immer handlichere Kompendien einzuengen.

Die Medizin, die sich so eindrucksvoll aus den vorsokratischen Naturphilosophien entwickelt hatte, die mit Hippokrates als Wahrzeichen und vielen mehr oder weniger bekannten Autoren des antiken Griechenlands, der hellenistischen Periode und dann schließlich kulminierend im Werk des Galen im Römischen Reich eine so beeindruckende Entwicklung im Spannungsfeld von Wahrschein und Wirklichkeit durchlaufen hatte diese Medizin wurde nun unwichtig. Mit dem Wissen um die Wirklichkeit konnte kaum noch jemand etwas anfangen. Ein neues

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theoretisches Gebäude war nicht in Sicht. Mit dem Wahrschein der Theorien war es auch zunächst einmal vorbei.

Zeigten nicht die „kataklysmischen Unruhen“, die das Reich in seinen letzten Jahrhunderten erschütterten, daß es mit der Ordnung gar nicht so weit her war? Mußte man nicht wieder an Dämonen glauben? Wieviel Macht hatten denn die Menschen über ihr Geschick? Waren nicht die Christen im Recht, die ihrem Gott, dem einen Gott alles Sein und Nicht-Sein, alles Werden und Vergehen zuschrieben? Nichtmedizinische Heilkunde erschien auch vielen Hochgebildeten wieder überzeugender als die Medizin. Die Lage war verworren. Keiner vermochte eine endgültige oder umfassende Antwort zu geben. Es war kein Aufbruch in eine neue Zeit zu spüren, wie seinerzeit in China, als das Reich nach langen traumatischen Jahrhunderten erstmals wieder geeint war, wie seinerzeit in der griechischen Antike, als die nie dagewesenen Strukturen der Polis und die Ideale der Demokratie ein ganz neues Lebensgefühl vermittelten.

Nun zum Ende des Römischen Reiches überall Auflösungserscheinungen. Die römische Intelligenz zog sich in die neue Elite-Hochburg Constantinopel zurück. Das Proletariat blieb. Rom verödete. Endzeitstimmung. Da wurde nichts Neues geschaffen. Wo man noch vereinzelt an der nun nicht mehr neuen, sondern alten Medizin festhielt, da blieb das Bild des Körpers dort stehen, wo Galen es hingestellt hatte. In der Humoralpathologie, der Lehre von der Bedeutung und rechten Mischung der vier Säfte Schleim, Blut, schwarze Galle und gelbe Galle. Die wechselnden Ausscheidungen, Färbungen, Gerüche des Körpers in gesunden und kranken Tagen waren Beweis genug, daß diese Lehren die

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Wirklichkeit trafen. Klistier und Aderlaß, Brechmittel und Schwitzen mögen vielen Menschen geholfen haben und bestätigten die Wahrheit dieser Lehre immer wieder von neuem. Der Schwung des theoretischen Erkenntnisinteresses jedoch kam zum Erliegen; das Rad des Fortschritts in der Deutung drehte sich nicht mehr.

Es ist nicht so, daß Galen, wie man gelegentlich liest, 1500 Jahre lang die Medizin Europas dominierte. Richtig ist, daß Galen die wichtigste Figur in der Wiederentdeckung der antiken Medizin im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit wurde. Die Renaissance war ja wieder ein Neubeginn! In dieser Epoche spürte man allerorten wieder den Enthusiasmus des Aufbruchs zu neuen Ufern des Seins! Doch dieser Aufbruch war zunächst noch sehr viel unbestimmter als zu den Zeiten der Schöpfung der neuen Medizin in der chinesischen und in der griechischen Antike. So gab es auch nicht sogleich ein neues Bild weder von den neuen Strukturen gesellschaftlichen Zusammenlebens, noch vom Körper. Das ließ sehr lange auf sich warten. Zunächst bemühte sich das intellektuelle Europa darum, das Bild der Antike noch einmal nachzuzeichnen. Das war so beeindruckend, was die Menschen damals alles schon gewußt hatten! Die Philosophie des Aristoteles und anderer Größen mußte wieder in das Bewußtsein zurückgeführt werden.

Keiner der vielen Autoren gegen Ende des Mittelalters brachte den großen Wurf zustande; jeder werkelte irgendwo an Detailfragen. Mangels besserer Leitfiguren orientierte sich Europa daher zunächst an dem Mann, von dem die meisten Schriften verfügbar waren und der offenbar als einziger in der Antike die herkuleische und bis in das frühe 16. Jahrhundert kaum mehr

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denkbare Aufgabe gemeistert hatte, den Körper zu zergliedern, um den Organismus zu erkennen. Das therapeutische Lehrgebäude war nach wie vor simpel und beherrschbar: Entleerung überschüssiger Säfte mittels Aderlaß und Abführmitteln, Erbrechen und Schwitzenlassen und andere solche Verfahrensweisen mehr. Gelegentlich ein operativer Eingriff, etwa um Blasensteine zu entfernen. Aber das war bloßes Handwerk, hatte mit der deutenden Medizin nichts zu tun. Wir werden auf die Zeit des europäischen Mittelalters und der Renaissance noch ausführlicher zu sprechen kommen.

41. Konstanz und Diskontinuität der Strukturen

Und in China? Wie ging es dort weiter nach der Antike? Die Han-Dynastie existierte fast zeitgleich mit dem Römischen Reich. Sie ging jedoch im frühen dritten Jahrhundert unter; das Römische Reich wankte im dritten Jahrhundert ebenfalls bedenklich, zerfiel jedoch erst im vierten Jahrhundert in die zwei Hälften Westrom und Ostrom. Der letzte weströmische Kaiser wurde im Jahre 476 abgesetzt. Vergleicht man die Schicksale der beiden Reiche, so ergeben sich zwei völlig verschiedene Entwicklungen. In China teilte sich das Han-Reich, aber die resultierenden Einzelteile führten im Großen und Ganzen dieselbe Kultur fort, die der Han-Dynastie als Grundlage gedient hatte. Das sollte auch in der Folgezeit bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht anders sein.

Zwar kamen Fremdherrscher nach China. Nördliche Steppenvölker, Nomaden, vermochten es mehrfach, ein nicht mehr wehrfähiges China zu besiegen und eigene Dynastien einzurichten.

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Aber über kurz oder lang wurden die Fremdherrscher chinesischer als die Chinesen sie paßten sich der hohen chinesischen Kultur an. So war die chinesische Geschichte durchaus von vielfältiger politischer Dramatik durchzogen. Herrscherhäuser, Dynastien, kamen und gingen. Aber der kulturelle Boden blieb stets derselbe. Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus orientierten sich bei allen ihren mehr oder weniger tiefgreifenden Neuformulierungen und konzeptuellen Erweiterungen doch stets an ihren Wurzeln.

Der große Kanon der antiken Literatur wurde zwar zeitgemäß immer wieder neu gedeutet, blieb aber in seiner Substanz derselbe. Das müssen wir uns vor Augen führen, wenn wir die Medizin und vor allem das Zusammenspiel von Wahrschein und Wirklichkeit der beiden medizinischen Kulturen in China und Europa vergleichen und ein wenig verstehen wollen. Es blieb in China nicht nur der kulturelle Boden derselbe, aus dem jede Zeit ihre spezifische Sinngebung entnahm, es blieb auch im wesentlichen das Herrschaftssystem dasselbe: der Kaiserstaat mit seiner Bürokratie. Freilich, da gab es wiederum unterschiedliche Ausdeutungen. Die Mongolenherrschaft vom 13. bis in das 14. Jahrhundert und die folgenden Ming- (1368-1644) und Qing- Dynastien (1644-1912) waren deutlich autokratischer als frühere Epochen. Aber das Ideal und die Grundstruktur blieben stets dasselbe. Und ganz besonders wichtig ist auch hier: durch die enge Vertrautheit eines jeden Gebildeten mit der Geschichte und den Ursprüngen blieben die alten Ideale und Grundstrukturen auch stets in aller Köpfe haften. Ein beständiges Erziehungssystem sorgte dafür, daß es so blieb.

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Wir müssen uns diese Konstanz Chinas bei allem Wandel vor Augen halten, wenn wir seine Medizingeschichte verstehen wollen. Wir müssen diese Konstanz aber auch vor Augen haben, wenn wir den Vergleich mit Europa ziehen. Gab es in der europäischen Geschichte jemals eine Epoche, die mehr als drei, vier Jahrhunderte dieselbe kulturelle Grundlage bewahrte? Gab es jemals eine Epoche, die mehr als drei, vier Jahrhunderte identische Herrschaftsstrukturen bewahrte? Nein, das war nicht der Fall. Und war es nicht mehrfach auch so, daß die europäischen Intellektuellen gleichzeitig unterschiedliche Herrschaftstrukturen in nahe gelegenen, benachbarten Gesellschaften sahen? Die Konsequenzen für die Medizin sollten nicht überraschend sein.

Wenn sich das Bild, das sich die Menschen, nachdenkliche, intelligente Menschen, vom Körper und vom Organismus machen, in seinen deutenden Anteilen an den Strukturen orientiert, die real oder ideal das Zusammenleben der Menschen prägen, dann mußte sich die europäische Medizin ganz anders entwickeln als die chinesische Medizin. Wenn die Vorstellungen davon, wie die Harmonie des gesellschaftlichen Organismus gesichert oder gestört wird und wie man gesellschaftliche Krisen vermeidet oder behebt, sich auf die Vorstellungen von Gesundheit und die Erklärung von Kranksein auswirken, dann mußte die europäische Medizin in ihrer nachantiken Entwicklung sehr viel intensiverem, ja sogar einschneidenderem Wandel unterworfen sein als die chinesische Medizin.

Und doch sind da die nahezu unfaßbaren Parallelen. Wie hatten wir soeben gesagt? Der Schwung des theoretischen Erkenntnisinteresses kam zum Erliegen; das Rad des Fortschritts in

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der Deutung drehte sich nicht mehr. Damit war die schwierige Zeit zum Ende des Römischen Reiches und in der ersten Hälfte des Mittelalters bis hin zur Scholastik gemeint. Keine neue Idee bereicherte die europäische Medizin zu jener Zeit. In der Heilkunde allgemein gab es schon die eine oder andere Neuerung. Aber das war der nichtmedizinische Bereich der Medizin.

42. Arabisches Zwischenspiel

Arabische Autoren hatten ebenso staunend wie zielbewußt das Wissen der griechisch-römischen Antike aufgenommen, geordnet und vielleicht hier oder dort auch einige eigene Gedanken eingebracht. Das war auf der theoretischen Ebene nicht viel, denn diese Autoren kamen von außen. Das Bild vom Organismus, das sie in der Medizin vorfanden, hatte in ihrer Lebenswelt keine Entsprechung. Wie hätten sie ihm neue Impulse verleihen können? Es gab keine grundlegend neuen Impulse. Allein aus der internen Logik mochten sie den einen oder anderen unwesentlichen Beitrag leisten. So fremd war diese Medizin dem Denken und den Weltentwürfen der Muslime, daß die Glaubenswächter schon bald dazu mahnten, dieses Bild wieder fallenzulassen und zu einer an den Aussprüchen des Propheten ausgerichteten nichtmedizinischen Heilkunde zurückzukehren.

Das sollte uns nun nicht mehr überraschen. Nicht die klinische Wirksamkeit, nicht die innere Logik der Medizin besaßen eine umfassende Überzeugungskraft. Und auch nicht die so überaus beeindruckenden Schriften, die arabische Autoren über diese Medizin verfaßten. Schien es nicht so, daß Abulkasim, Rhazes und wie sie alle hießen, sich die Medizin der griechisch-römischen

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Antike zu eigen gemacht hatten? Es schien nur so. Es waren einzelne Gelehrte, die sich angezogen fühlten von der Vielfalt und der Tiefe der Gedanken in den unzähligen Schriften antiker Autoren. Aber es blieben eben einzelne Gelehrte, die ihre eigentliche, ihre heimische Kultur niemals zu überzeugen vermochten, und hier vor allem diejenigen, die als Gelehrte das ursprüngliche, religiöse, muslimische Weltbild dieser Kultur vertraten. Auch die klinische Praxis, die sie bei den Kreuzrittern beobachten konnten, vermochte nicht langfristig zu überzeugen. Sie war einfach zu primitiv im Vergleich zu den Verfahrensweisen, die sie selbst schon kannten. So gab es auch in dieser Hinsicht keinerlei Grund, zu der europäischen Heilkultur langfristig aufzuschauen. Die Araber verschwanden wieder von der Bühne der europäischen Medizin

Wo aber liegt in China die Parallele zu diesen Geschehnissen in Europa? Wurde nicht in China alsbald die Tang- Dynastie gegründet, eine der blühendsten Epochen chinesischer Geschichte überhaupt? Von 618 bis zu Beginn des 10. Jahrhunderts fast auf das Jahr genau drei Jahrhunderte führte die Tang-Zeit wieder zusammen, was nach dem Ende der Han-Dynastie auseinandergebrochen war. Aber nicht nur das. Möglicherweise keine andere der großen, langlebigen Dynastien der chinesischen Kaiserzeit strahlte so glänzend wie die Tang-Dynastie, und zwar nach innen wie nach außen. Keine andere Zivilisation konnte sich so intensiver Beziehungen mit fremden Ländern und Kulturen rühmen wie die Tang. Die großen Städte bildeten faszinierende Sammelbecken vieler Völker und Religionen. Der Handel brachte Waren aus weit entlegenen, nicht-chinesischen Regionen in das

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Reich. Juden, Nestorianer, Manichäer und viele andere Gruppen mehr, zog es nach China, um an dem Reichtum teilzuhaben.

43. Die Tang-Zeit: kulturelle Vielfalt und konzeptuelle Leere

Und in der Medizin? Da geschah nichts. Tatsächlich nichts. Keine neue Idee wurde den theoretischen Grundlagen hinzugefügt, die aus der Han-Zeit überliefert waren. Arzneidrogen kamen über lange Handelswege aus aller Welt nach China. Erstmals wurde ein Arzneibuch auf Anregung einer Regierung zusammengestellt und 659 veröffentlicht. Es verzeichnete 850 Einzeldrogen nicht wenige davon aus fernen Ländern. So etwa der Theriak, jenes Wundermittel, das Mithridates einst als Schutz vor Vergiftungen hatte entwickeln lassen und das in wechselnden Zusammensetzungen bis in das 19. Jahrhundert in der europäischen Pharmazie eine gewichtige Rolle spielte.

Dann kamen auch die Nestorianer und die Inder und führten bislang in China unbekannte Behandlungen von Augenleiden ein, darunter auch den Starstich. Aber so vielfältig solche Berührungen mit der Heilkunde fremder Länder auch waren, auf die chinesische Theorie hatten sie keinen Einfluß. Sun Simiao (581-682?), der Mann, dem wir für China gerne den Rang des einflußreichsten Arztes und Autors aller Zeiten zusprechen möchten, war ein überaus umfassend gebildeter Mann und gleichzeitig ein fähiger Kliniker. In seinen Schriften finden wir Spuren des indischen Ayurveda und der Vier-Säfte-Lehre des fernen Mittelmeers. Auch buddhistische Vorstellungen waren ihm nicht fremd. Wäre er nicht

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der geeignete Mann gewesen, die Medizin konzeptuell weiter zu entwickeln?

Eine gute Frage. Eine naive Frage. Warum hätte er sie denn konzeptuell weiter entwickeln sollen? Es funktionierte doch. Er hatte tausende von Rezepten gesammelt für alle möglichen Krankheiten. Die Rezepte waren offenbar wirksam; der Ruhm seiner therapeutischen Fähigkeiten drang bis zum Kaiserhof vor. Er wurde eingeladen. Manche Krankheiten endeten mit dem Tod. Ungeachtet aller ärztlichen Bemühungen. Nun ja, es gibt eben Grenzen ärztlicher Kunst. Man muß nach noch besseren Arzneien suchen; man muß noch wirksamere Rezepte zusammenstellen. Aber die Theorie? Die Theorie war stimmig. Nichts hatte sich verändert, was ihren Wahrschein gefährdet hätte. Im Gegenteil, die gesamte Tang-Zeit war doch Beweis genug, daß die alten Konzepte funktionierten. Es lief alles bestens. Wer wollte, wer sollte sich da abweichende Gedanken über Harmonie und Krise machen? Es gab keine Krise. So kam es zu der erstaunlichen Zeitgleichheit der Enwicklungen in Europa und China. In Hinsicht auf das Bild vom Körper können wir nun für beide Kulturkreise das glänzende China der Tang und das verdunkelte Europa der Nachantike - feststellen: Der Schwung des theoretischen Erkenntnisinteresses kam zum Erliegen; das Rad des Fortschritts in der Deutung drehte sich nicht mehr.

Doch wir wollen noch einmal ganz genau hinschauen. War da wirklich keine Krise in der Tang-Zeit zu bemerken? Offenbar nicht für die allermeisten, die das abwechslungsreiche Leben genossen. Aber da deutete sich doch etwas an. Für einige Konfuzianer erschien die Lage sogar bedrohlich. Sie verfolgten

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besorgt die politischen Tendenzen, waren wachsam und stellten fest: der Konfuzianismus, dem bislang die Hauptrolle für die Wahrung der moralischen Grundlagen und der bürokratischen Verwaltung des Reiches zugefallen war, schwächelte. Der Daoismus und selbst die gänzlich unchinesische Lehre des Buddhismus fanden zunehmend Anhänger, schafften sogar den Einstieg in offizielles Zeremoniell!

Han Yü (768-824), ein Dichter und Beamter, erhob warnend seine Stimme. Der buddhistische Reliquienkult war sein Aufhänger. Daran knüpfte er seine Kritik an der Rolle, die die indische Religion mittlerweile spielte. Das mußte er teuer bezahlen. Beinahe mit dem Leben. Der Einspruch namhafter Freunde brachte ihm dann lediglich die Verbannung. Li Ao (starb 844), ein Philosoph, war geschickter. Er verfaßte eine medizinische Schrift. In dieser Schrift verbarg er seine politischen Vorschläge für die Reform des Konfuzianismus. Dieser Lehre fehlte es nun offensichtlich an einigen attraktiven Inhalten, mit denen Daoismus und Buddhismus ihre Anhängerschaft erweiterten. Der Konfuzianismus hatte die Beschäftigung mit der Natur nie primär gesucht; ihm ging es vor allem um die Moral menschlicher Beziehungen. Der Konfuzianismus bot auch keine Metaphysik, keine Wärme des Verständnisses, der Gnade, der Verzeihung. Das bot der Buddhismus.

Li Ao wählte für seine Schrift ein Gewächs, von dem er sicher sein konnte, daß es bislang in den Arzneibüchern noch nicht beschrieben war: den Knöterich. Mit dieser Pflanze verknüpfte er eine Geschichte von einem alten, zeugungsunfähigen Mann, der in der Wildnis dem Trunk verfallen einschläft und am Morgen zwei

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Stengel einer ihm bislang unbekannten Pflanze sieht, die sich gegenseitig umwinden. Die mit vielen Anspielungen gespickte Geschichte läuft darauf hinaus, daß der impotente Trinker für den Konfuzianismus steht, die beiden Pflanzen sind Daoismus und Buddhismus. Der Trinker folgt dem Rat seiner Freunde, nimmt ein sorgfältig ausgesiebtes Extrakt der beiden Pflanzen ein und siehe da! bald hat er zahlreiche Söhne. Das Weiterleben ist gesichert.

Noch 974 durchschauten einige Mediziner den Inhalt der Geschichte nicht. Sie nahmen die Empfehlung für bare Münze, fügten sie in ein Arzneibuch ein. Seitdem hält die chinesische Pharmazie den Knöterich für ein wichtiges Arzneimittel, das Alt wieder jung, weißes Haar wieder schwarz macht. Li Ao war schließlich ein bekannter Philosoph. Wie hätte man seiner Empfehlung mißtrauen können. Der Wahrschein der Wirkungen des Knöterich hat in der chinesischen Pharmazie bis in die Gegenwart überlebt.

44. Die Veränderungen zur Song-Zeit

Doch auch ohne daß viele Menschen die politische Botschaft der Anekdote vom Knöterich verstanden, etwa drei Jahrhunderte später wurde politisches Programm, was Li Ao empfohlen hatte. Wir nennen das Ergebnis den Neo- Konfuzianismus. Die Chinesen selbst sprechen von der Song- Lehre. Philosophen der Song-Zeit hatten die Initiative zu der Therapie des Konfuzianismus ergriffen, die Li Ao noch nicht offen auszusprechen wagte. Und sie hatten auch die Rezepte für das Leiden des Konfuzianismus geschaffen. Sie öffneten die Tür für die intensive Beschäftigung mit der Natur, erdachten sich

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Kosmologien zur Verknüpfung von Menschenwelt und Universum der Natur, 38 und sie schufen eine Metaphysik, die als erfolgreiche Konkurrenz zu den buddhistischen Lehren gelten konnte: Alle Menschen sind Brüder.

Im Mittelpunkt der Denker, die an diesem Werke teilhatten, standen Zhang Zai (1020-1077), seine beiden Neffen Cheng Hao (1032-1085) und Cheng Yi (1033-1107), deren Lehrer Zhou Dunyi (1017-1073) und schließlich der große Philosoph Zhu Xi (1130- 1200), der die einzelnen Gedanken zusammenfügte zu einem eindrucksvollen Gesamtsystem. Zhang Zai bot dem Buddhismus Paroli, indem er überzeugend darlegte, daß die materielle Welt Wirklichkeit, nicht Einbildung sei. Feinst verteilte Materie, das Qi, fügt sich zu allen Dingen zusammen und kann wieder zerfließen diesen Geanken der Han-Zeit nahm Zhang Zai wieder auf. Da wir alle aus diesem Qi bestehen, so sein Schluß, sind wir alle miteinander verbunden und einander verpflichtet. Die Brüder Cheng kamen zu dem Schluß, allen Phänomenen der Wirklichkeit liege ein abstraktes Strukturmuster zu Grunde. Jedem Ding, jedem Mensch kommt eine bestimmte Struktur (Li) zu. Um das Wesen eines Dings order eines Menschen zu verstehen, muß man diese Grundstruktur studieren. Die Strukturen aller Menschen sind verknüpft. Und auch alle Menschen sind mit dem Universum verknüpft.

Zhu Xi berief sich auf diese Gedanken und das Welterklärungsmodell des Zhou Dunyi. Er zeigte auf, daß man zum Verständnis des Menschen und der Natur sowohl das Qi als auch das Li in Betracht ziehen muß. Das Li ist ewig gleich; das Qi kann

38 Herbert Franke und Rolf Trauzettel, Hg., Das Chinesische Kaiserreich. Fischer Weltgeschichte, Band 19. Frankfurt (Main), Fischer Bücherei. 1968, 203.

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sich wandeln, kann auch unrein sein. Das erklärt z.B. die Charakterunterschiede unter den Menschen. Das zeigt auch auf, wo Erziehung ansetzen muß. Im weiteren Detail muß uns das hier nicht interessieren. Wichtig ist: mit dieser Philosophie waren zwei Ziele erreicht: die Aufforderung, liebevoll zu einander zu sein, für einander Mitgefühl zu haben, besaß nun eine naturphilosophische Grundlage. Eine geniale Lösung für das Problem der bislang fehlenden Metaphysik. Die Beschäftigung mit den Dingen in der Natur war nun genauso gerechtfertigt wie die Beschäftigung mit dem Menschen. Die bislang getrennten Welten fanden gleichberechtigt zusammen. Ein neues Bild der Welt erwuchs.

Aber es kam noch mehr hinzu. Nordchina wurde von einem nichtchinesischen Volk erobert. Die Dschurdschen, Steppennomaden, besetzten 1126/27 den Norden Chinas. Die bereits Jahrhunderte währende Wanderbewegung in den Süden schwoll noch einmal an. Ein nie dagewesener Zug von Flüchtlingen verließ die nördlichen Landesteile. Die Bewohnerzahlen der Städte wuchsen in die Millionen. Die wirtschaftlichen Zentren lagen nun geballt im Süden. Vieles änderte sich. Nicht nur in der politischen Philosophie. Auch in der ganz konkreten Alltagspolitik und Ökonomie. „Die rasch wachsende Komplexität der ökonomischen Strukturen beeinflußte vor allem Handel und Verkehr. Zahlreiche neue Binnenwasserstraßen wurden angelegt, und in Shensi, Kiangsi und Chekiang entstand eine ganze Schiffsbau-Industrie. Während allein auf dem Kaiserkanal die Menge der Reistransporte sich im Vergleich zur T’ang-Zeit auf mehr als das Doppelte erhöhte, kam in steigendem Maße auch die Küstenschiffahrt zu wirtschaftlicher Bedeutung, und zum ersten Mal betrieben die Chinesen in

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nennenswertem Maße Überseehandel, den sie bisher im wesentlichen arabischen und persischen Händlern überlassen Der Aufschwung der Geldwirtschaft ist mit dem des Handels aufs engste verbunden.“ 39 Und so weiter.

In der Song-Zeit ging es wieder aufwärts. Trotz des Landverlustes im Norden. Der Handel blühte. Regionale Zentren bildeten sich um bestimmte Produktlinien. Dadurch waren sie derart spezialisiert, daß sie manches andere aus ferneren Regionen herbeischaffen mußten. Wieder wuchs das Gefühl der gegenseitigen Abhängigkeit der einzelnen Landesteile. Keiner konnte alles selbst. Aber zusammen konnten sie alles. War das nicht ein ähnliches Gefühl wie damals, kurz nach der ersten Reichseinigung im späten 3. und frühen 2. Jahrhundert? Vielleicht sogar noch intensiver?

45. Die Autorität des fernen Altertums

So erwuchs eine Situation voller Spannung. Einerseits schufen die Philosophen eine neue Weltsicht: den Neo- Konfuzianismus. Diese Sicht auf das menschliche Zusammenleben und auf die Natur bot sich an als neues Vorbild für die Medizin. Hatten wir nicht in der Antike schon den Dreisprung beobachtet? Erst die neue gesellschaftliche Ordnung, dann die neue Natursicht, schließlich die neue Körpersicht. Der Neo-Konfuzianismus mußte auch in der Medizin Auswirkungen nach sich ziehen. Das ist das Gesetz der Medizin. Aber die Auswirkungen blieben oberflächlich. Sie mündeten im Zusammenfluß der konfuzianisch-legalistisch inspirierten Medizin mit der bislang im Umkreis des Daoismus

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angesiedelten Pharmazie. Das werden wir uns noch etwas näher anschauen. Fragen wir uns zunächst noch einmal, warum es zu keinen tieferen Veränderungen im eigentlichen Kernbereich der Medizin kam, in der Deutung des Organismus und der Strukturen des Körpers?

Nun, die Grundstrukturen blieben schließlich dieselben. Kaisertum blieb Kaisertum. Bürokratie blieb Bürokratie. Warum hätte sich ein neues Körperbild, ein neues Verständnis des Organismus herausbilden sollen? In der Song-Zeit bestätigte sich noch einmal überdeutlich das Bild, das im Klassiker des Gelben Kaisers in der Han-Zeit gemalt worden war: Regionen sind verbunden, tauschen Waren aus auf vielen Wegen. Das stimmte immer noch. Es stimmte nun sogar wieder mehr als in den vorangegangenen Jahrhunderten. Die allgemeine Gültigkeit der alten Lehren war offenbar. Wir lesen sogar von einem neuerlichen kleinen Ausflug in die anatomische Wirklichkeit. Im 11. Jahrhundert ist eine Sektion von Verbrechern dokumentiert. Was hätte sie schon ausrichten können. Am Bild des Organismus rüttelte sie jedenfalls nicht.

Seit dem 14. Jahrhundert wurden in China Abbildungen des Körpers gedruckt. Sie zeigen eine grobe Morphologie mit den seit der Antike bekannten Organen. Möglicherweise sind diese Abbildungen des Körpers auf anatomische Abbildungen aus weit früheren Jahrhunderten zurückzuführen. Möglicherweise sind sie auf die Sektion im 11. Jahrhundert zurückzuführen. Wichtig ist: sie wurden nie wieder verändert. Bis in das 19. Jahrhundert nicht. Man hatte einmal, zweimal in den Körper geschaut. Man hatte so getreulich wie möglich aufgezeichnet, was da zu sehen war. Das

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reichte. Es stimmte offenbar mit den Beschreibungen in den antiken Texten überein. Was in diesen Organen abläuft, war ja auch bekannt. Nicht der körperliche Organismus ist aussagekräftig. Der gesellschaftliche Organismus liefert die Daten für die Deutung.

Die neuen Daten boten Hinweise, aber keine Revolution. Wir sind nicht in Europa, wir sind in China. Der Konfuzianismus wurde erweitert, neu interpretiert, und man berief sich bei allem Fortschritt doch immer auf angebliche oder wirkliche Autoritäten des fernen Altertums, die genau diese neuen Sichtweisen alt aussehen lassen sollten. Man wollte gar nichts Neues. Das Neue mußte stets im alten Gewand daher kommen. Nur dann war es akzeptabel. Glücklicherweise fanden die Mediziner eine reale Autorität in der Han-Zeit, auf die sie ihre Neuerungen zurückführen konnten. Daß es zu den Neuerungen kam, dafür war allerdings nicht nur die gewandelte Sozialphilosophie verantwortlich. Auch scheinbar nebensächliche Strukturveränderungen mögen ihren Anteil dazu beigetragen haben.

46. Zhang Ji kommt zu späten Ehren

Da eröffnete z.B. die chinesische Regierung im 11. Jahrhundert staatliche Apotheken und veröffentlichte kurz darauf Rezeptbücher. Die waren so gestaltet, daß der gebildete Kranke seine Beschwerden wie in einer Tabelle mit den Indikationen der Rezepte vergleichen konnte. Er mochte dann in eine Apotheke gehen und das Rezept kaufen. Die Einnahme brachte den gewünschten Erfolg. Das war wunderbar. Den um die Moral besorgten Konfuzianern war der Arztberuf lästig. Hilfe im Krankheitsfall war Menschenpflicht, insbesondere Kindespflicht.

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Berufstätige Ärzte machten daraus einen Gelderwerb. Wer wollte die Motive kennen? Damit sollte nun Schluß sein. Der berufsmäßige Arzt war überflüssig. Der Weg des Patienten führte direkt zum Apotheker.

So sahen es auch die Ärzte. Jedenfalls einer von ihnen. Zhu Zhenheng (1281-1358). Er schrieb seine Gedanken dazu nieder. Sie liegen uns heute noch vor. Er griff zum Sarkasmus und stellte einen Vergleich an. Wer heute ein Rezept nimmt, weil dieses in der Vergangenheit eine Krankheit geheilt hat, der hat ungefähr so viel Aussicht auf Erfolg, wie jemand, der mit einem Bilderbuch in der Hand loszieht, um ein Vollblut zu kaufen. Oder aber, wie jemand, dessen Schwert über den Rand des Bootes mitten auf dem See in das Wasser gefallen ist. Er hat heute keine Zeit und wird morgen wieder zu der Stelle des Verlusts zurückkehren. Damit er sie wiederfindet, schnitzt er eine Kerbe in den Rand des Bootes. Genau dort, wo das Schwert ins Wasser gefallen ist. Da wird er morgen suchen. Er wird, so meinte der Arzt Zhu Zhenheng, keinen Erfolg haben. Genauso wie jemand, der heute Rezepte einnimmt, die in der Vergangenheit einmal wirksam waren.

Zhang Ji, der Mann, der um 200 n.Chr. gegen Ende der Han-Dynastie erste Schritte unternommen hatte, eine naturwissenschaftliche Pharmakologie zu erschaffen, ein Mann, der eintausend Jahre lang weitestgehend unbeachtet geblieben war, kam nun zu unverhofften Ehren. Ein klein wenig wollen wir hier Parallelen zu Galen erkennen. Zhang Ji wurde in China wie Galen in Europa zum Leitbild der neuen Epoche erhoben gleichzeitig! Zhang Ji war die antike Autorität, an die man anknüpfen konnte. Hatte er nicht das eingeleitet, was nun vollendet werden mußte?

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Die Zusammenführung von konfuzianischer Theorie und daoistischer Naturkunde, sprich: Arzneikunde? Mehrere Autoren fühlten sich angeregt, das Werk zu vollenden. Sie schufen allerlei Modelle, wie man die Arzneikunde in die Naturwissenschaften von Yin und Yang und von den Fünf Phasen eingliedern könne. Warum erst jetzt? Warum mehr als ein tausend Jahre, nachdem alle erforderlichen Ingredienzien dieser Mixtur von den Denkern der Han-Zeit bereit gestellt waren?!

Unfaßbar, daß diese einfache Aufgabe nicht schon so viel früher angegangen worden war. Ein tausend Jahre nachdem Galen sich in Rom an eine ganz ähnliche Aufgabe gemacht hatte und ein tausend Jahre nachdem Zhang Ji zeitgleich mit Galen in China die Tür ein wenig geöffnet hatte, holten chinesische Intellektuelle das lang Versäumte nach. Warum? Weil es klinisch erforderlich war? Ganz sicher nicht. Weil neue Einsichten in die Abläufe im Organismus neue Möglichkeiten boten, die Wirkungen der Arzneistoffe in eben diesem Organismus zu erläutern? Ganz sicher nicht. Nein, es war schlicht die Übertragung der politischen Philosophie auf die medizinische Philosophie.

47. Die chinesische Pharmakologie

Die chinesischen Autoren, die vom 11., 12. Jahrhundert an die neue Pharmakologie schufen, waren keine engstirnigen Nur- Ärzte, die weder Geschichte noch Politik noch die Weltentwürfe ihrer Philosophen wahrnahmen und sich nur auf des Menschenkörpers Leid konzentrierten. Solche mag es gegeben haben. Sie bildeten vielleicht, wie auch heute noch, die Mehrzahl. Aber das sind nicht die Nachdenklichen, das sind nicht die, die

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Neuerungen anstoßen. Solche gab es auch. Sie setzten, unbewußt, das politische Programm des Neo-Konfuzianismus in der Medizin um. So wie die politische Philosophie der Neo-Konfuzianer die umfassende Gültigkeit des Konfuzianismus wieder herstellte und dazu bislang dem Daoismus vorbehaltene Themenkreise einbezog, so stellten sie erstmals die umfassende Gültigkeit der Lehren von Yin und Yang und von den Fünf Phasen her, indem sie diese auf die Erklärung der Wirkungen der Arzneien im Körper übertrugen. Daß sie damit auch den standespolitischen Interessen der berufsmäßig praktizierenden Ärzte dienten, ist eine schöne Arabeske. Politische Philosophie und ärztliche Standespolitik ließen die Pharmakologie entstehen.

Pharmakologie und Standespolitik? Pharmakologie und standespolitische Interessen? Welche standespolitischen Vorteile hatten die Ärzte von der Pharmakologie? Der Staat stärkte die Apotheker. Er führte die Patienten direkt in die Apotheken. Er führte sogar per Gesetz die Verpflichtung ein, den neuerdings massenhaft produzierten Fertigarzneien ein Warenzeichen zu geben. Das sollte das Fälschungsunwesen stoppen. Mit der Pharmakologie schufen sich die Ärzte eine, wie sie hofften, tragfähige Grundlage, die Patienten zurückzugewinnen. Ziel mußte es sein, die Patienten zuerst zum Arzt zu führen.

Es ist nicht unüblich in China, daß Ärzte die Diagnose kostenlos anbieten und ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf der Arzneimittel verdienen. Aber dazu mußten die Patienten zunächst einmal die Notwendigkeit sehen, zu einem Arzt und nicht direkt in eine Apotheke zu gehen. Dazu diente die Pharmakologie. Sie vermittelte den Ärzten das Wissen, wo und wie die Arzneien im

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Körper wirken. Das wußten die Apotheker nicht. Die kannten nur die Symptome und verkauften die Rezepte, die gegen diese Symptome wirksam schienen. Die Ärzte wollten den Apothekern einen Strich durch die Rechnung machen. Dazu verfielen sie auf eine geniale Neuformulierung des alten Spiels „Wir sehen was, was Ihr nicht seht!“. Leider ist derjenige, der das Spiel erfand, nicht mehr bekannt. Man müßte ihn noch heute ehren. Wie funktionierte dieses Spiel?

48. Das Diagnose-Spiel

Genialität ist immer mit einfachen Lösungen verbunden. Die einfache Lösung hier sah folgendermaßen aus. Ein identisches Symptom bei zwei Kranken muß nicht bedeuten, daß beide auch eine identische Krankheit haben. Oder: zwei Kranke mit unterschiedlichen Symptomen müssen deshalb nicht unbedingt unterschiedliche Krankheiten haben. Darum ist es wichtig, durch die äußerlichen Symptome hindurch in den Kranken hinein zu „schauen“ und dort die zugrundeliegende Krankheit zu diagnostizieren. Jede Krankheit ist anders. Jede Krankheit äußert sich nicht notwendigerweise in immer demselben Symptom. Nur der Arzt kann die Details der individuellen Krankheit im Körperinneren „sehen“. Die Ärzte „sehen“ etwas, was die Apotheker und die Patienten nicht sehen.

Die Vorbereitung des Spiels der Ärzte lief also folgendermaßen ab: Zunächst schufen sie eine Pharmakologie. Das heißt, sie bezogen nun endlich die Arzneieigenschaften in denselben theoretischen Rahmen ein, in dem schon seit mehr als tausend Jahren die Körperfunktionen einbezogen waren. Sodann

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verkündeten sie den Anspruch, nur der Arzt könne mittels Diagnose in den Körper des Patienten hineinschauen und den individuellen Zustand feststellen. Schließlich behaupteten sie, durch Verknüpfung ihres diagnostischen und pharmakologischens Wissens die für den individuellen Zustand jedes einzelnen Patienten erforderlichen Substanzen zu großen und wirksamen Rezepten zusammenstellen zu können

Damit hatten sich die Ärzte eine Argumentationsgrundlage geschaffen, die ihnen jegliche Handlungsfreiheit erlaubte. Überdenken wir einmal die Konsequenzen des neuen Spiels „Wir sehen was, was Ihr nicht seht!“. Nur die Ärzte vermochten die inneren Zustände der Menschen zu erkennen. Man stellt oder setzt sich neben den Patienten, schaut ihm ins Gesicht, hört seine Stimme, fragt nach dem Wohlbefinden und fühlt den Puls. Dann verkündet man mit ernstem Gesicht: ein yin-Leiden im Nierenbereich. Und keiner kann es überprüfen. Objektive Deutungsmuster gibt es kaum. Bis heute nicht. Jeder Arzt der chinesischen traditionellen Medizin kann sich seinen eigenen Reim machen. Kein anderer kann es widerlegen. Die Literatur der damaligen und der Folgezeit zeigt auf, daß jeder dieses Spiel nach eigenem Gutdünken spielte.

49. Der Arzt als Angestellter des Apothekers

Hatten sie Erfolg? Ja und nein. Die Patienten gingen auch weiterhin direkt in die Apotheke. Es bildete sich sogar ein Sprichwort heraus, das die Spielregeln für „Wir sehen was, was Ihr nicht seht!“ in ihr Gegenteil verkehrten: Das Sprichwort lautet:

„Der Apotheker hat zwei Augen: mit dem einen sieht er die

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Krankheiten und mit dem anderen die passenden Arzneien. Der Arzt hat nur ein Auge. Er sieht nur die Krankheiten, kennt aber keine Arzneien. Der Patient ist völlig blind. Er kennt weder seine Krankheiten noch die passenden Arzneien.“ Seit jener Zeit gibt es in China die Ärzte, die als Angestellte in der Offizin der Apotheken sitzen. Nahezu jede Apotheke in China auf dem Land, in der Stadt hat ihre angestellten Ärzte, wenn sich der Apotheker nicht selbst als Arzt betätigt. Da die Patienten sowieso direkt in die Apotheke gehen, ist es für den Arzt wohl unumgänglich, sich ebenfalls in die Apotheke zu begeben. Der Apotheker läßt ihn die Patienten diagnostizieren und die Rezepte ausschreiben.

Das war nicht das, was Zhu Zhenheng und die anderen sich vorgestellt hatten, als sie sich das Spiel mit der jeweils individuell verschiedenen Krankheit ausgedac