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Spielverlagerung im Abseits Blick über den Tellerrand Coaching Mann- und Raumdeckung Trainingstheorie
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Written on 7. August 2013 at 14:50 by RM

Ballbesitz – Ein taktiktheoretischer Diskurs | Spielverlagerung.de

Ballbesitz – Ein taktiktheoretischer Diskurs

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Der Ballbesitz ist als Philosophie überbewertet, als Mittel aber unterbewertet.“

In einer unserer täglichen Diskussionen über Fußball ließ Kollege MR, der mit TR kompetenteste Fußballexperte, den ich kenne, diesen Nebensatz fallen. Beiläufig, gelangweilt. Doch er ist mir lange Zeit im Gedächtnis geblieben, weil er perfekt umschreibt, was ich mir seit Jahren denke und was sich in den letzten 3-4 Jahren verfestigte: Im Fußball wird nicht „zu defensiv“ gedacht, sondern zu sehr im Rahmen der Defensive. Offensivstrategien sind oftmals nur grob existent, es werden einzelne Abläufe und Spielzüge einstudiert, aber nicht situationsorientierte und veränderbare Grundideen instrumentalisiert.

Der Ballbesitz wird aber von einigen Trainern propagiert, unter anderem Louis van Gaal oder eben Josep Guardiola. Seit insbesondere der Letztere und seine große Barcelona-Mannschaften in den Fokus geraten ist, gibt es ein neues In-Wort unter Fußballfans: „Ballbesitzfußball“, „possessionplay“. Damit bezeichnet man die Philosophie, den Ball in den eigenen Reihen zu halten und geordnet anzugreifen.

Selten wurde etwas Einfaches dermaßen überschätzt und selten wurde die Tragweite von etwas Simplem so übersehen. Jede Mannschaft spielt Ballbesitzfußball – dann, wenn sie nicht kontern konnte und konstruktiv den Angriff aufbauen muss. Das Problem ist, dass lange Zeit nur wenige Teams konstruktiv aufbaute, sondern einfach versuchte zu flanken oder einen bestimmten Spieler anzuspielen.

Schon vor 20-30 Jahren begann die Entwicklung zu einem geplanten Offensivspiel. Wirklichen Einzug in das Bewusstsein des Sesselanalysten hielt sie aber erst im modernen Zeitalter der Globalisierung, der einfachen Zugänglichkeit von Massenmedien, der schnellen Informationsverarbeitung und –vermittlung. Angetrieben durch den neuen Bayerntrainer, welcher mit dem extremen Ballbesitzfokus diese Spielkomponente sichtbarer werden ließ und den Fokus im Angriffsspiel auf solche grundlegenden Aspekte wie Raum, Dynamik und Zeit legte.

Die wahre Bedeutung des Ballbesitzfußballs

Ballbesitzfußball wird immer mit sich selbst gleichgesetzt: Jede Mannschaft mit Fokus auf Ballbesitz gilt als äquivalent zu einer anderen. „Man spielt auf Ballbesitz“. Eine simplifizierende Vereinfachung – und ein fataler Fehler.

Um die Unterschiede zu erklären, hole ich ein bisschen aus. Eine ballbesitzorientierte Mannschaft hat zumeist 55-80% Ballbesitz. Sie hält den Ball also viel länger in ihren Reihen und sie spielen auch anders nach vorne als die klassischen Fußballteams. Viele Teams versuchen nämlich nach dem Ballgewinn viel Raum zu überbrücken und schnelle Abschlüsse zu generieren.

Doch bei den auf Ballbesitz fokussierten Mannschaften werden offensive Umschaltmomente teilweise aufgegeben, der Gegner kann dann seine Ordnung herstellen und zuerst wird nach hinten gespielt. Dieser Aspekt ist oftmals das Ziel von Kritik. Der Gedanke, dass der Ball nach Ballgewinnen so schnell wie möglich vor das gegnerische Tor kommen soll, ist noch sehr dominant. Wenn der Gegner tief steht, kann man – so hört man es oft – ja gar nicht zum Erfolg kommen. Dabei hat die Aufopferung der direkten Nutzung der Umschaltmomente auch sein Positives.

Nicht nur der Gegner kann seine Ordnung herstellen, sondern auch man selbst. Eine Mannschaft, die ihre offensive Ordnung herstellen kann, verfügt über einige Vorteile. Sie kann planen, sie kann einstudierte Abläufe testen, sie kann den Moment, den Raum und gar die genaue Situation ihrer Angriffe bestimmen. Durch dieses gefächerte Arsenal an Offensivoptionen entsteht eine höhere Variabilität in den unterschiedlichen Schemen und grundlegenden Abläufen. Diese Variabilität gilt es zu definieren, um sie analytisch betrachten und vergleichen zu können.

Oftmals wird der Ballbesitz in einen „defensiven“ und „offensiven“ Ballbesitz unterteilt. Diese Verteilung ist ziemlich griffig und logisch. Es geht um die Motivation der Ballzirkulation – will ich den Ball haben, um dann angreifen zu können, oder will ich den Ball haben, damit der Gegner nicht angreifen kann? Diese Differenz sorgt dann für Unterschiede im Risikoverhalten und in der Höhe der Ballzirkulation.

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Aber diese Unterscheidung ist viel zu einfach. Sie bietet zwar einen systemphilosophischen und taktikpsychologischen Einblick, jedoch keine Erklärung über die genauen taktischen und strategischen Vorgänge in Ballbesitz. Alternativ könnte der Ballbesitz nicht nur in „offensivorientiert“ und „defensivorientiert“ klassifiziert werden; ein „penetrierender“ (beispielsweise bei Kontermannschaften), ein „zirkulierender“ (die aktive Suche nach Lücken wie bei Barcelona) und ein „abwartender“ Ballbesitz (passive Suche nach Lücken, auf Sicherheit bedacht, oftmals mit Einzel- statt Teamaktionen in den penetrierenden Aktionen) wären taktiktheoretisch ebenfalls passende Synonyme.

Doch selbst eine vergrößerte Kategorisierung in „offensiv/penetrierend“ , „neutral/zirkulierend“ und „defensiv/abwartend“ kaschiert die Mängel dieser Definition nur wenig.

Wie bespiele ich meinen Gegner?

Vielmehr sollte auf die unterschiedlichen Abläufe in der Angriffsbespielung geachtet werden. Hier folgt es eine Definition und versuchte Übersicht über die Varianten, wie ein Angriff ausgespielt werden kann.

die Varianten, wie ein Angriff ausgespielt werden kann. Überzahlerzeugend Grundprinzip: In bestimmten Räumen oder

Überzahlerzeugend

Grundprinzip: In bestimmten Räumen oder um bestimmte Spieler wird versucht eine Überzahl zu erzeugen, damit diese Zone kontrolliert werden kann. Aus diesen Räumen kann dann durch die Überzahl in andere Räume kombiniert oder Angriffe direkt eingeleitet werden.

Beispiel: Lionel Messis Zurückfallen aus dem Neunerraum. Manchmal geht er nur in den Zwischenlinienraum oder in den Zehnerraum, manchmal lässt er sich aber eher nach rechts oder in den Sechserraum fallen. Je nach Gegner, Situation und Gegenmaßnahmen gegenüber Messi gibt es hier unterschiedliche Räume, meistens ist aber das Ziel die Erzeugung von Überzahl im Zentrum, um den strategisch wichtigsten Punkt zu kontrollieren.

Raumorientiert/-attackierendum den strategisch wichtigsten Punkt zu kontrollieren. Grundprinzip: Bei dieser Spielweise versucht man Raum zu

Grundprinzip: Bei dieser Spielweise versucht man Raum zu öffnen und diesen bespielen zu können. Dort können dann entweder Pässe hindurch gespielt oder Dribblings gefahren werden.

Beispiel von Jermaine Defoe oder auch Andrés Iniesta . Schwachpunktfixiert Grundprinzip: Es wird ein Schwachpunkt,

Schwachpunktfixiert

Grundprinzip: Es wird ein Schwachpunkt, ein gewisser taktischer Mechanismus oder ein bestimmter Spieler ausgemacht, der dann bespielt werden muss. Dies kann wiederum auf unterschiedliche Art passieren, „rein schwachpunktfixiert“ wäre das Improvisieren von Angriffen, lediglich die Angriffsrichtung wird vorgegeben.

Beispiel: Ein langsamer Verteidiger soll andauernd mit Dribblings oder Lochpässen attackiert werden oder ein individuell enorm schwacher Spieler des Gegners soll. In gewisser Weise versuchte Sir Alex Ferguson dies mit Positionswechseln von Cristiano Ronaldo (bzw. einer positionellen Freirolle) von Spiel zu Spiel oder auch gegen die Bayern 2009/10 mit Nani vs. Badstuber und vielen Dribblings zu provozieren.

mit Nani vs. Badstuber und vielen Dribblings zu provozieren. Einzelspielerfokussiert Grundprinzip: Im Offensivspiel

Einzelspielerfokussiert

Grundprinzip: Im Offensivspiel werden einer oder mehrere bestimmte Spieler gesucht, die dann mit ihren Fähigkeiten den Unterschied ausmachen sollen. Dies dürfte wohl die bekannteste Form des Ballbesitzspiels sein. Im Zweifel wird dann einfach ein Pass auf Spieler X gespielt; dieser soll dann durch Dribblings, Weitschüsse oder Kreativität im Passspiel für einen erfolgreichen Angriffsverlauf sorgen.

Beispiel: Das treffendste Beispiel der Fußballgeschichte dürfte Diego Maradona sein. Der kleine Argentinier hatte zumeist eine Freirolle, rückte dann je nach Lust und Laune in die Spitze auf und war zeitweise Mittelstürmer, ließ sich auf die Seite fallen und wurde zum Außenstürmer, instruierte das Spiel aus der Zehner-Position als Nadelspieler und klassische Zehn oder ließ sich in den Sechserraum fallen und organisierte den Angriff bereits aus der Tiefe heraus. Ziel der Mannschaft war es, ihm den Ball zu geben und sich danach einfach freizulaufen.

ihm den Ball zu geben und sich danach einfach freizulaufen. Positionswechselorientiert Grundprinzip: Bei diesem

Positionswechselorientiert

Grundprinzip: Bei diesem Angriffsstil wird durch den Tausch von Positionen Chaos in der gegnerischen Abwehr erzeugt und oftmals werden im Zuge der Positionswechsel Pärchen oder Dreiecke gebildet, die kurz bespielt werden können. Die Mannschaft ist durchgehend in Bewegung, Manndeckungen können sich hier nur schwer halten, weil durch die kurzen Engen Verwirrung der Zuordnungen entstehen und bei den Positionswechseln auch der Manndecker seine ursprüngliche Zone verlassen müsste, was zumeist kontraproduktiv ist. Man stelle sich vor, beim Gegner gibt es einen Positionstausch von Zehner und Libero (früher oft Gang und Gäbe), wodurch der eigene (klassische) Mittelstürmer sich plötzlich im eigenen Sechserraum wieder findet, während der defensivstarke Sechser vorne herumscharwenzelt und bei Kontern die erste Anspielstation geben soll.

Beispiel: Insbesondere die niederländische Nationalmannschaft der 70er und Ajax Amsterdam prägten diesen Spielstil. Sie wechselten zumeist entlang der vertikalen Linien, einige Male aber auch entlang der Horizontalen. Der FC Barcelona macht dies in kleinerem Ausmaß entlang anderer Linien und teilweise nur bei bestimmten Spielern. Im modernen Fußball ist es aber ohnehin eher ein „positionssicherndes“ oder „staffelungerzeugendes“ statt „positionswechselndes“ Spiel geworden. Das moderne Positionsspiel handelt meistens vom Verlassen von Räumen und der Absicherung dieser verlassenen Räume im Sinne der Raumverknappung. Die hohe Effektivität der Positionswechsel, welche die großen „totaal-voetbal“-Mannschaften der 70er vor- und ausmachten, ist in Zeiten der Raumdeckung geringer geworden.

ausmachten, ist in Zeiten der Raumdeckung geringer geworden. Gegnerziehend Grundprinzip: Das Herstellen der Kompaktheit

Gegnerziehend

Grundprinzip: Das Herstellen der Kompaktheit in Ballnähe des Gegners wird genutzt, um dadurch auf einfache Art und Weise Räume zu erzeugen. Beim Pressing, insbesondere in der eigenen Hälfte, versucht eigentlich jede Mannschaft um den Ball herum eine Überzahl herzustellen. Zumeist schieben die

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umliegenden und ballfernen Akteure nach, es entstehen lokale Kompaktheiten. Innerhalb dieser können aber Lücken entstehen, die der Gegner nutzen kann – oder sie entstehen eben ballfern.

Beispiel: Das wohl beste Beispiel ist ein Nadelspieler wie Iniesta oder ein Superstar wie Lionel Messi. Iniesta hält einfach den Ball lange und verzögert sein Abspiel, bis sich gewisse Mini-Freiräume für seine Mitspieler in Ballannahme und -verarbeitung auftun. Messi wird oftmals ohnehin mit losen Manndeckungen oder veränderten Zuständigkeitsbereichen stärker eingeengt, wodurch die Mitspieler naturgemäß etwas freier sind.

wodurch die Mitspieler naturgemäß etwas freier sind. Pressingprovozierend Grundprinzip: Ist eine Mannschaft

Pressingprovozierend

Grundprinzip: Ist eine Mannschaft nicht im Stande oder will sie nicht den Ball wirklich für einen konstruktiven Angriff nutzen, so kann sie durch eine tiefe Ballzirkulation das gegnerische Pressing provozieren, um sich dadurch Räume zu schaffen, die sie anderweitig, aus welchen Gründen auch immer (mangelnde raumöffnende Strategien, extreme Kompaktheit beim Gegner, Unterzahl bei eigenen Angriffen) nicht erhalten. Hat der Gegner eine riskante Pressingstrategie, können auf diese Art und Weise auch formative Löcher bespielt werden.

Beispiel: Manuel Neuers raumgreifende lange Bälle machen im Prinzip genau das. Die Münchner bringen ihn bei hohem Pressing des Gegners ins Spiel, lassen den Ball kurz zirkulieren und Neuer kann dann mit einem langen Ball offene Räume bespielen. Auch die Dortmunder mit Mats Hummels’ langen Bällen sind dazu im Stande. Es dürfte eine der intuitivsten und einfachsten Strategien sein.

Balldynamischeine der intuitivsten und einfachsten Strategien sein. Grundprinzip: Hier wird die technische Stärke der Spieler

Grundprinzip: Hier wird die technische Stärke der Spieler für schnelle Kurzpässe mit nur einer Ballberührung genutzt. Indem die Spieler dynamisch ein Dreieck herstellen und dieses extrem schnell bespielen, können sie mehrere Pässe sofort aneinanderreihen und einen Raum problemlos umspielen, ohne dass der Gegner überhaupt Zugriff erhält. Im Endeffekt wird hierbei nur die einfache Tatsache genutzt, dass der Ball einen deutlich stärkeren Antritt und eine unbegrenzte Geschwindigkeit haben kann, der Mensch jedoch nicht; nur oft haben diese Menschen auch nicht die nötige Technik für ein solches Ballbesitzspiel.

Beispiel: Der FC Barcelona praktiziert dies in sehr engen Räumen oder bei hohem gegnerischen Pressing, in welchem die längeren Anspielstationen blockiert sind bzw. eine Gruppe von Spielern isoliert wurden. Sie versuchen mit nur einem Kontakt und sehr scharfen Pässen die Gegner zu umspielen, obwohl diese rein theoretische Zugriff auf die jeweiligen Akteure hätten. Doch bis sie die letzten 1-2 Schritte machen, ist der Ball schon beim nächsten Spieler und mit ein paar Pässen kann das Pressing ausgehebelt werden.

mit ein paar Pässen kann das Pressing ausgehebelt werden. Spielzugserzeugend Grundprinzip: In Ballbesitz wird

Spielzugserzeugend

Grundprinzip: In Ballbesitz wird versucht, dass man gewisse Abläufe abspult bzw. abspulen kann. Der Vorteil liegt darin, dass diese im Training konstant eintrainiert werden können, wodurch sie gelegentlich etwas effektiver sind. Nachteilig ist die extreme Fokussierung auf solche Sachen, da sie zu Starrheit und Berechenbarkeit führen kann.

Beispiel: Oftmals sind Flankenangriffe auf diese Weise organisiert. Bestimmte Bewegungen in den Halbräumen sollen die Pass- und Laufwege auf dem Flügel öffnen, die raumöffnenden Akteure ziehen dann gar selbst in die Mitte und sind dann zusätzliche Abnehmer dieser Flanken. Michael Ballacks Kopfbälle nach Willy Sagnols Halbfeldflanken sind unter Bayernfans heute noch berüchtigt.

sind unter Bayernfans heute noch berüchtigt. Gegenpressingvorbereitend Grundprinzip: Ballbesitz? Hmm.

Gegenpressingvorbereitend

Grundprinzip: Ballbesitz? Hmm. Nicht so prall. Lieber nochmal einen Umschaltmoment erzeugen. Hier wird mit langen Pässen oder absichtlichen Ballverlusten ein Kampf um zweite Bälle erzeugt bzw. Gegenpressing gespielt, um daraus dann anzugreifen. Der Gegner rückt oftmals nicht ordentlich zurück oder zu früh auf, wodurch sich einfache Räume auftun. Werden solche Ballverluste geplant, kann man sie natürlich auch einfacher und konstanter gewinnen, indem man sich vorzeitig strategisch richtig positioniert.

Beispiel: Unter Guardiola arbeitete gelegentlich der FC Barcelona mit solchen Mitteln, aber auch die Dortmunder oder viele schwächere Teams kommen extrem über ihre Fähigkeiten im Spiel gegen die zweiten Bälle. Auch bei Abstößen kann das Grundprinzip sehr gut gesehen werden: Die Teams ballen sich in einer Zone, wohin ein langer Ball kommt, während ballfern schon Spieler bereit stehen, um in mögliche Lücken stoßen zu können.

Sonst noch?

Weitere Sachen, die oft vernachlässigt werden, sind die psychologischen Varianten des Ballbesitzspiels, wo der Gegner durch den andauernden Ballbesitz in sicheren, aber pressingnahen Zonen frustriert wird. Dies gehört nicht zum Angriff und der Variante selbst, ist aber eine Art der Anwendung von Ballbesitz, die über den bloßen Angriff herausgeht. Besonders bei Rückständen ist dies taktikpsychologisch von großer Bedeutung, wenn gegen ein 0:1 gespielt werden muss, der Gegner sich aber partout kurz vor der Mittellinie den Ball zuschiebt und sofort jene Räume bespielt, die sich öffnen, wenn man zum Pressing übergehen möchte – womit wir wieder bei einer der obigen Strategien wären.

Doch auch innerhalb dieser verschiedenen Typen ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten; nicht nur in der Umsetzung, sondern auch philosophisch. Kollege MR kategorisierte beispielsweise Mannschaften in der Offensive nach „Schablonen, Muster und Improvisation“; manche Teams haben eine Angriffsschablone und verfolgen diese durchgehend. Teams, die quasi als Muster spielen, orientieren sich an der Schablone, verändern diese aber durchgehend, passen sie an und äffen nicht die Bewegungen aus dem Training nach, sondern wissen um das grundlegende Prinzip hinter diesen Bewegungen, was ihnen Variabilität ermöglicht. Bei der Improvisation fehlen einfach die Abläufe und die Spieler versuchen auf sich alleine gestellt solche instinktiv zu erzeugen.

Neben den grundlegenden Varianten hinter den einzelnen Kategorien spielt natürlich auch die Intelligenz der Umsetzung eine Rolle. Der Ballbesitz kann wie

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der „Kick and Rush“ als „percentage football“ aufgebaut werden. Soll heißen: In Zonen, wo der Gegner enorm kompakt steht, individuell oder gruppentaktisch überlegen ist, wird der Ballbesitz schnell weiterzirkuliert, in der Offensive werden diese Räume gemieden. Stattdessen konzentriert man sich auf gegnerische Schwachpunkte, in diesem Räumen werden immer wieder Pässe gespielt und Dribblings versucht; womit wir wiederum bei einer der obigen Varianten und einem primären Fokus wären.

Fazit

Wie man sieht, gibt es unterschiedliche strategische Vorgehensweisen in Ballbesitz. Der Ballbesitz als Philosophie ist eher eine Richtlinie, viel Ballbesitz zu haben und den Umschaltmoment aufzugeben; aber es bedeutet nicht, dass in Ballbesitz schön oder geplant gespielt wird. Zwar geht dies oft Hand in Hand, weil sich Trainer mit einem gewissen Hauch von „Ballbesitzphilosophie“ natürlich darüber Gedanken machen, was sie mit dem Ballbesitz anfangen wollen.

Aber es gibt auch Trainer, die weniger philosophisch und stattdessen eher pragmatisch angehaucht sind, die dennoch ihre Mannschaften hervorragend in Ballbesitz ausrichten und sie mit unterschiedlichen Ausrichtungen auf hohem Niveau angreifen lassen. Ein gutes Beispiel dafür ist Lucien Favre. Als Trainer von Borussia Mönchengladbach lässt er eher einen konservativen und defensiv angehauchten Fußball spielen: Tiefes Pressing, Passivität in der gegnerischen Hälfte, konservative Positionsauslegung in der Offensive auf Schlüsselpositionen (Sechser, Außenverteidiger) und einen hohen Fokus auf den Umschaltmoment.

Doch wenn der Umschaltmoment aufgegeben wird, dann verbindet Favre oft mehrere grundlegende Aspekte des Ballbesitzfußballs. Es gibt raumöffnende Bewegungen, um Spielzüge erzeugen zu können, man versucht mit einer tiefen Ballzirkulation Pressing zu provozieren und diese Lücken mit extremer Dynamik im Kombinationsspiel zu kombinieren. Auch bestimmte gegnerische Aspekte im Defensivspiel werden bespielt, wie es Favre gegen die Bayern mit ihrem mannorientierten Gegenpressing tat.

Aber oftmals werden solche Sachen schlicht und ergreifend nicht beachtet. Es gibt einzelne Spielzüge, einen Fokus auf Einzelspieler bei sich selbst und beim Gegner, jedoch nur wenige kollektive Aspekte. Ein Umstand, der sich in Zukunft ändern sollte.

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Article by RM

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